{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-th-2023.pdf","jurisdiction":"Th\u00fcringen","num_pages":123,"pages":["https://innen.thueringen.de/ Verfassungsschutzbericht 2023 Freistaat Th\u00fcringen Pressefassung","Verfassungsschutzbericht Freistaat Th\u00fcringen 2023 Pressefassung 1","Inhaltsverzeichnis I. Einige Informationen zum Verfassungsschutz ....................................................5 1. Verfassungsschutz - Instrument der wehrhaften Demokratie ............................5 2. Das Amt f\u00fcr Verfassungsschutz (AfV) beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres und Kommunales ......................................................................................7 II. Rechtsextremismus ..............................................................................................14 1. \u00dcberblick: Rechtsextremismus in Th\u00fcringen .....................................................14 2. Rechtsextremistische Parteien ............................................................................16 2.1 \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD), Landesverband Th\u00fcringen ..............................16 2.2 Verdachtsfall \"Junge Alternative Th\u00fcringen\" (JA Th\u00fcringen) ...................................21 2.3 \"Die Heimat\" ...........................................................................................................23 2.4 \"Der III. Weg\" in Th\u00fcringen .....................................................................................25 2.5 \"Neue St\u00e4rke Partei\" (NSP) in Th\u00fcringen ................................................................27 3. Parteiunabh\u00e4ngiges bzw. parteiungebundenes Spektrum ................................28 4. Staatliche Ma\u00dfnahmen .........................................................................................39 5. Weitgehend unstrukturierte Rechtsextremisten .................................................43 6. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts ...........................................................54 III. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" ...............................................................56 1. \u00dcberblick ...............................................................................................................56 2. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" in Th\u00fcringen........................................58 3. Entwicklung ..........................................................................................................61 IV. Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates (VDS).....................63 1. Personenpotenzial ................................................................................................64 2. Versammlungen ....................................................................................................65 3. Bewertung .............................................................................................................65 V. Islamismus ............................................................................................................67 1. Ideologischer Hintergrund ...................................................................................67 1.1 Salafismus ..............................................................................................................67 1.2 Legalistischer Islamismus .......................................................................................70 1.3 Schiitischer Islamismus ..........................................................................................70 2. Gef\u00e4hrdungsbewertung f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland ..........................70 2.1 Terrorangriff der HAMAS am 7. Oktober .................................................................72 2.2 Antisemitismus und Desinformation im Islamismus.................................................73 2","2.3 Bet\u00e4tigungsverbot HAMAS .....................................................................................73 2.4 Ermittlungsma\u00dfnahmen gegen das \"Islamische Zentrum Hamburg\" und dessen m\u00f6gliche Teilorganisationen ...................................................................................74 3. Islamismus in Th\u00fcringen ......................................................................................74 3.1 \u00dcberblick ................................................................................................................74 3.2 Islamisten in Th\u00fcringer Moscheevereinen ...............................................................75 3.2.1 Salafismus in Th\u00fcringen .........................................................................................76 3.3 Terrorangriff der HAMAS, Reaktionen in Th\u00fcringen ................................................77 3.4 Reisebewegungen aus Th\u00fcringen ..........................................................................77 VI. Auslandsbezogener Extremismus (ohne Islamismus).......................................78 1. Hintergrund ...........................................................................................................78 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) ......................................................................79 2.1 \u00dcberblick, allgemeine Lage.....................................................................................79 2.2 Strukturen der Organisation ....................................................................................80 2.3 Themenschwerpunkte der Organisation .................................................................81 2.4 Bewertung ..............................................................................................................82 VII. Linksextremismus ................................................................................................84 1. \u00dcberblick, Ideologie, Schwerpunktsetzung, Radikalisierung ............................84 2. Das linksextremistische Personenpotenzial .......................................................85 3. Autonome ..............................................................................................................86 3.1 Allgemeines ............................................................................................................86 3.2 Th\u00fcringer Autonome und ihr \"Antifaschismus\"-Verst\u00e4ndnis ....................................88 4. Sonstige linksextremistische Organisationen ..................................................101 5. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links ...........................................................105 VIII. Spionageabwehr .................................................................................................106 1. Aufgabe und \u00dcberblick .......................................................................................106 2. Methoden fremder Nachrichtendienste .............................................................110 3. Wirtschaftsschutz / Cyberabwehr .....................................................................113 4. Proliferation ........................................................................................................116 IX. Geheimschutz .....................................................................................................118 1. Allgemeines ........................................................................................................118 2. Personeller Geheimschutz .................................................................................118 3. Materieller Geheimschutz ..................................................................................120 3","X. Mitwirkungspflichten ..........................................................................................122 4","I. Einige Informationen zum Verfassungsschutz 1. Verfassungsschutz - Instrument der wehrhaften Demokratie Das Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung des Freistaats Th\u00fcringen garantieren allen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern ein hohes Ma\u00df an Freiheit. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Weimarer Republik ist es die Aufgabe der Gesellschaft, denjenigen Kr\u00e4ften entgegenzuwirken, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen. Das GG legt folglich nicht nur die Prinzipien des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats fest, es trifft auch Vorkehrungen zu seinem Schutz. Die wehrhafte Demokratie beschreitet - notwendigerweise - einen schwierigen Weg, indem sie auch gegen\u00fcber ihren Gegnern grunds\u00e4tzlich Toleranz \u00fcbt. Denn auch Personen, Vereinen und Parteien, die den demokratischen Rechtsstaat beseitigen wollen, stehen die Freiheitsrechte - wie zum Beispiel das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, Vereinigungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Demonstrationsrecht - zu. Jedoch liefert sich die wehrhafte Demokratie den Bestrebungen politischer Extremisten nicht schutzlos aus. So sind beispielsweise nach den Artikeln 9 und 21 GG das Verbot verfassungswidriger Vereine und Parteien oder nach Artikel 18 GG die Aberkennung von Grundrechten m\u00f6glich. Au\u00dferdem verf\u00fcgt unser Rechtsstaat \u00fcber effektive Institutionen, deren Aufgabe darin besteht, als \"Fr\u00fchwarnsystem\" politischen Extremisten entgegenzuwirken und die konstitutiven Elemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung abzusichern. Ein wesentliches Element der streitbaren Demokratie stellen die 17 Verfassungsschutzbeh\u00f6rden dar, die der Bund und die L\u00e4nder unterhalten (Artikel 73 Abs. 1 Nr. 10 Buchstabe b und Art. 87 Abs. 1 Satz 2 GG). Im Freistaat Th\u00fcringen wurde die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde 1991 errichtet. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gehen vor allem der Frage nach, aus welchen Parteien und Gruppierungen sich das extremistische Spektrum zusammensetzt und welche Ziele es verfolgt. Ebenso kl\u00e4ren sie Spionageaktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste auf. Die Erkenntnisse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden sollen es den zust\u00e4ndigen Stellen erm\u00f6glichen, rechtzeitig die erforderlichen Ma\u00dfnahmen zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung zu treffen. 5","Einen erheblichen Teil seiner Informationen gewinnt der Verfassungsschutz aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen. Extremistische Akteure, Terroristen und fremde Nachrichtendienste agieren jedoch im Verborgenen und legen ihre Ziele nicht offen dar. Der Verfassungsschutz ist befugt, im Rahmen gesetzlich festgelegter Grenzen und unter Wahrung des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit auch nachrichtendienstliche Mittel zur Informationsgewinnung einzusetzen, um insbesondere terroristische Gefahren f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung fr\u00fchzeitig erkennen und gemeinsam mit anderen Beh\u00f6rden abwenden zu k\u00f6nnen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterliegen der Kontrolle insbesondere durch die von den Parlamenten eingesetzten Kontrollgremien, durch die Innenministerien, durch die Gerichte sowie durch die Bundesbzw. Landesbeauftragten f\u00fcr Datenschutz. Sie besitzen keine Zwangsbefugnisse, die ausschlie\u00dflich in die Zust\u00e4ndigkeit der Polizeibeh\u00f6rden fallen (Artikel 97 Verfassung des Freistaats Th\u00fcringen). Sie unterscheiden sich damit grundlegend sowohl von der \"Geheimen Staatspolizei\" (Gestapo) der Nationalsozialisten als auch vom \"Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit\" (MfS) der ehemaligen DDR. Jene Institutionen waren darauf ausgerichtet, totalit\u00e4re Systeme abzusichern und abzuschirmen, wohingegen der Verfassungsschutz die freiheitliche demokratische Grundordnung in der Bundesrepublik sch\u00fctzt. F\u00fcr Verfassungsschutzbeh\u00f6rden besteht eine strikte Bindung an Recht und Gesetz. Sie dienen keiner Partei, sondern sind dem Mehrparteiensystem als essentiellem Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verpflichtet. Vor dem Hintergrund, dass bei dem Th\u00fcringer Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder im Zusammenhang mit den Vorkommnissen um die Terrorgruppe \"Nationalsozialistischer Untergrund\" (NSU) ein weitreichendes Beh\u00f6rdenversagen vorlag, wurden Verfassungsschutzgesetze ge\u00e4ndert, bzw. in Th\u00fcringen neu gefasst. Damit wurden aus den Ergebnissen der Parlamentarischen Untersuchung pr\u00e4zise neue rechtliche Vorgaben f\u00fcr eine erfolgreiche und transparente T\u00e4tigkeit des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes geschaffen. Die Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber verfassungsschutzrelevante Bestrebungen ist geboten, wenn auf Tatsachen gest\u00fctzte Anhaltspunkte vorliegen, die in ihrer Gesamtschau zu der Bewertung f\u00fchren, dass eine Bestrebung gegen die Freiheitliche Demokratische Grundordnung vorliegt, d. h. ein Personenzusammenschluss verfassungsfeindliche Ziele verfolgt und damit die Feststellung seines extremistischen Charakters verbunden ist. Die Darstellungen im Verfassungsschutzbericht sind nicht abschlie\u00dfend, sondern geben wesentliche Entwicklungen w\u00e4hrend eines konkreten Berichtszeitraums wieder. Eine Berichterstattung kann bereits dann in Betracht kommen, wenn hinreichend gewichtige Anhaltspunkte f\u00fcr den Ver- 6","dacht extremistischer Bestrebungen vorliegen, die aufgrund eines im konkreten Fall hinzutretenden besonderen Aufkl\u00e4rungsinteresses der \u00d6ffentlichkeit eine Erw\u00e4hnung erfordern. Diese Verdachtsf\u00e4lle sind als solche im Text kenntlich gemacht. 2. Das Amt f\u00fcr Verfassungsschutz (AfV) beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres und Kommunales Aufgaben und Befugnisse Mit dem Th\u00fcringer Verfassungsschutzgesetz (Th\u00fcrVerfSchG) bestehen pr\u00e4zise rechtliche Vorgaben f\u00fcr eine erfolgreiche und transparente T\u00e4tigkeit des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes im demokratischen Rechtsstaat. Kernaufgaben des AfV sind die Sammlung und Auswertung von Informationen zum politischen Extremismus, zu Terrorismus und Spionage im Vorfeld polizeilicher Ma\u00dfnahmen. Zu diesem Zweck beobachtet es gem\u00e4\u00df SS 4 Th\u00fcrVerfSchG: 1. Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum Ziel haben, 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht, 3. Bestrebungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, 4. Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Einen nicht unerheblichen Teil seiner Informationen - insbesondere solche, ob tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsschutzrelevante Bestrebungen bestehen - sch\u00f6pft das AfV aus \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Quellen. Dar\u00fcber hinaus ist das AfV in gesetzlich festgelegten Grenzen und unter Wahrung der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit befugt, im Rahmen seines Beobachtungsauftrags Informationen auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln (z. B. Observationen, Telefon\u00fcberwachungen) zu beschaffen. 7","Die in Berichten, Lagebildern und Analysen zusammengefassten Erkenntnisse erm\u00f6glichen es der Landesregierung, rechtzeitig Ma\u00dfnahmen zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung einzuleiten. Gem\u00e4\u00df den gesetzlichen Vorgaben \u00fcbermittelt das AfV relevante Erkenntnisse unverz\u00fcglich nach Bekanntwerden an die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden. Das AfV ist in den gemeinsamen Informationsund Kommunikationsplattformen der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden (Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum - GTAZ, Gemeinsames Extremismusund Terrorismusabwehrzentrum zur Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus/-terrorismus, des Linksextremismus/-terrorismus, des Ausl\u00e4nderextremismus/terrorismus und der Spionage einschlie\u00dflich proliferationsrelevanter Aspekte - GETZ) vertreten. Des Weiteren obliegen dem AfV Mitwirkungspflichten im Bereich des Geheimund Sabotageschutzes (z. B. Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen f\u00fcr in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tige Personen). Das Th\u00fcrVerfSchG sieht in SS 5 zudem eine geeignete Informationsund \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Amtes vor. Zudem bestehen ausf\u00fchrliche Regelungen \u00fcber Umfang und Grenzen des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel einschlie\u00dflich des Schutzes des Kernbereichs privater Lebensgestaltung1 sowie die beim Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel einzuhaltenden Verfahren. Die Zusammenarbeit von Verfassungsschutz und Polizei in der Th\u00fcringer Informationsund Auswertungszentrale (TIAZ) wurde in einer eigenst\u00e4ndigen gesetzlichen Regelung verankert.2 1 Der Kernbereich privater Lebensgestaltung stellt einen Raum h\u00f6chstpers\u00f6nlicher Privatheit dar, welcher verfassungsm\u00e4\u00dfig gesch\u00fctzt und einem Zugriff durch staatliche \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen vollumf\u00e4nglich entzogen ist. Hinweise auf begangene oder geplante Straftaten fallen aufgrund ihres Sozialbezugs nicht hierunter. Einfachgesetzliche Regelungen zum Schutz des Kernbereiches privater Lebensf\u00fchrung finden sich etwa in SS 10 Abs. 6 Th\u00fcrVerfSchG und SS 3a Artikel 10-Gesetz (G10). 2 Siehe dazu SS 4 Abs. 4 Th\u00fcrVerfSchG. 8","Aufbau und Organisation Der Th\u00fcringer Verfassungsschutz verf\u00fcgte im Haushaltsjahr 2023 \u00fcber 105 Stellen und Planstellen. F\u00fcr die Wahrnehmung seiner Aufgaben waren ihm durch das Haushaltsgesetz Mittel in H\u00f6he von 8.500.100 Euro zugewiesen.3 Der Verfassungsschutz Th\u00fcringen ist f\u00fcr die interessierte \u00d6ffentlichkeit \u00fcber folgende Kontakte erreichbar: Amt f\u00fcr Verfassungsschutz beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres und Kommunales Postfach 450 121 99051 Erfurt Telefon: 0361 573313-850 Telefax: 0361 573313-482 Internet: https://verfassungsschutz.thueringen.de E-Mail: afvkontakt@tmik.thueringen.de Struktur des AfV 3 Siehe dazu Landeshaushaltsplan 2023, Einzelplan 03, S. 66 ff. 9","Stabsstelle Controlling Die Stabsstelle Controlling unterst\u00fctzt den Pr\u00e4sidenten des AfV durch unabh\u00e4ngige und objektive Pr\u00fcfungsund Beratungsdienstleistungen in seiner Leitungsfunktion. Sie hat die Aufgabe, regelm\u00e4\u00dfig die Rechtund Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der nachrichtendienstlichen und sonstigen ihr zugewiesenen Ma\u00dfnahmen zu \u00fcberpr\u00fcfen und dem Pr\u00e4sidenten des AfV Bericht zu erstatten (SS 2 Absatz 4 Th\u00fcrVerfSchG). Die Stabsstelle ist dem Pr\u00e4sidenten des AfV unmittelbar zugeordnet, jedoch in der Beurteilung der Rechtund Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der eingesetzten nachrichtendienstlichen Mittel nicht an Weisungen des Pr\u00e4sidenten, seines Vertreters oder des zust\u00e4ndigen Ministeriums gebunden. Die Stabsstelle Controlling ist dar\u00fcber hinaus personell und organisatorisch von den \u00fcbrigen Referaten des AfV getrennt, nicht zuletzt, um auch insoweit eine unabh\u00e4ngige Pr\u00fcfung zu gew\u00e4hrleisten. Die Referate des AfV haben der Stabsstelle Controlling kontinuierlich schriftlich Bericht dar\u00fcber zu erstatten, in welchen Ph\u00e4nomenbereichen und beobachteten Personenzusammenschl\u00fcssen nachrichtendienstliche Mittel eingesetzt werden. Diese Berichtspflichten betreffen besondere grundrechtsund sicherheitsrelevante Vorkommnisse, die sich im Rahmen des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel ereignen k\u00f6nnen. Bei besonderen oder schwierigen Vorkommnissen kann die Parlamentarische Kontrollkommission verlangen, dass die Stabsstelle Controlling diese auch unmittelbar unterrichtet (SS 2 Abs. 4 Satz 6 Th\u00fcrVerfSchG). Referat 50 \"Grundsatzund Rechtsangelegenheiten, G10, Gremienarbeit, Pressestelle\" Das Referat 50 bearbeitet die Grundsatzund Rechtsangelegenheiten des Amtes. Weiterhin werden in diesem Arbeitsbereich Sitzungen verschiedener Gremien, z. B. der Parlamentarischen Kontrollkommission und der G10-Kommission des Th\u00fcringer Landtags sowie verschiedener Bund-L\u00e4nder-Gremien vorbereitet. Die Bearbeitung von parlamentarischen Anfragen, Petitionen und Auskunftsersuchen von B\u00fcrgern z\u00e4hlt ebenso zu den Aufgaben des Referates wie die Begleitung der Rechtsetzung auf dem Gebiet des Verfassungsschutzes, des Geheimschutzes oder relevanter Bundesratsverfahren. Das gro\u00dfe Interesse der Mitglieder des Th\u00fcringer Landtags an den Themenfeldern, die vom AfV zu bearbeiten sind, zeigt sich an der Anzahl diesbez\u00fcglicher parlamentarischen Anfragen. So war das AfV mit der 10","Bearbeitung von 178 Kleinen Anfragen, 12 M\u00fcndlichen Anfragen und drei Gro\u00dfen Anfragen befasst. Dar\u00fcber hinaus ist das Referat mit der Durchf\u00fchrung der Verfahren zur Postund Telekommunikations\u00fcberwachung (G10) betraut. Des Weiteren ist die Pressestelle des AfV organisatorisch dem Referat zugeordnet. Referat 51 \"Auswertung Islamismus/Auslandsbezogener Extremismus\" Das Referat 51 erh\u00e4lt vom Referat \"Beschaffung\" Informationen zu den Aufgabenfeldern Islamismus und auslandsbezogener Extremismus. Es lenkt diesen Informationsfluss, f\u00fchrt die Erkenntnisse mit anderen Informationen, etwa aus offen zug\u00e4nglichen Quellen, zusammen und wertet sie aus. Referat 52 \"Auswertung Rechtsextremismus/Linksextremismus, Th\u00fcringer Informations-Auswertungs-Zentrale von Polizei und Verfassungsschutz (TIAZ)\" Das Referat 52 erh\u00e4lt vom Referat \"Beschaffung\" Informationen zu den Bereichen Rechtsund Linksextremismus. Es lenkt diesen Informationsfluss, f\u00fchrt die Erkenntnisse mit anderen Informationen, etwa aus offen zug\u00e4nglichen Quellen, zusammen und wertet sie aus. Aufgabe der seit 2007 bestehenden TIAZ, einer Projektorganisation des Th\u00fcringer Landeskriminalamts (TLKA) und des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes, ist es, die in der jeweiligen Zust\u00e4ndigkeit erlangten Informationen zu politisch motivierter Kriminalit\u00e4t in den Ph\u00e4nomenbereichen \"Rechts\", \"Links\" und \"Ausl\u00e4nder\" sowie den Erscheinungsformen des internationalen Terrorismus zu b\u00fcndeln und einer gemeinsamen Analyse zuzuf\u00fchren. Die TIAZ \u00fcbernimmt dar\u00fcber hinaus die Aufgaben des Freistaats Th\u00fcringen im Wirkbetrieb der \"Antiterrordatei\" (ATD). Referat 53 \"Beschaffung\" Dieses Referat hat die Aufgabe, durch Ermittlungen und den Einsatz von nachrichtendienstlichen Mitteln die f\u00fcr die Erf\u00fcllung des gesetzlichen Auftrags erforderlichen Informationen zu beschaffen. 11","Referat 54 \"Querschnittsaufgaben\" Das Referat \"Querschnittsaufgaben\" ist f\u00fcr den inneren Dienstbetrieb und die Wahrnehmung von Mitwirkungspflichten dem Waffengesetz, dem Luftsicherheitsgesetz, dem Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz, dem Sprengstoffgesetz sowie dem Aufenthaltsgesetz und der Gewerbeordnung zust\u00e4ndig. Referat 55 \"Geheimschutz, Spionageabwehr, Scientology Organisation\" In dem Sachgebiet \"Geheimschutz\" werden Angelegenheiten des personellen und materiellen Geheimschutzes sowie Mitwirkungspflichten des Verfassungsschutzes gem\u00e4\u00df dem Th\u00fcringer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz wahrgenommen. Dem Sachgebiet \"Spionageabwehr\" obliegt es, die unerlaubte T\u00e4tigkeit fremder Nachrichtendienste im Freistaat aufzukl\u00e4ren. Zudem wird etwaigen Hinweisen auf fr\u00fchere, fortwirkende Strukturen der Aufkl\u00e4rungsund Abwehrdienste der ehemaligen DDR nachgegangen. In einem weiteren Sachgebiet werden Hinweise auf m\u00f6gliche Bet\u00e4tigungen der in Th\u00fcringen bislang nicht organisatorisch vertretenen \"Scientology Organisation\" bearbeitet. Kontrollinstanzen des Verfassungsschutzes Allgemeine parlamentarische Kontrolle Parlamentarische Kontrollkommission des Th\u00fc(parlamentarische Anfragen, Petitionen von ringer Landtags B\u00fcrgern) Amt f\u00fcr Verfassungsschutz Landesrechnungshof (Stabsstelle Controlling) Verwaltungsgerichte Landesbeauftragter f\u00fcr den Datenschutz und die Informationsfreiheit G10-Kommission des Th\u00fcringer Landtags Parlamentarische Kontrolle Gegen\u00fcber der Parlamentarischen Kontrollkommission besteht eine umfassende Unterrichtungspflicht \u00fcber die allgemeine T\u00e4tigkeit des AfV (SS 27 Abs. 1 Th\u00fcrVerfSchG). Dabei bilden die mit nachrichtendienstlichen Mitteln gewonnenen Erkenntnisse einen Schwerpunkt. 12","Zudem ist der Landesregierung eine strukturierte Berichterstattung \u00fcber die ma\u00dfgeblichen operativen Vorg\u00e4nge im Verfassungsschutz gegen\u00fcber der Parlamentarischen Kontrollkommission aufgegeben (SS 27 Abs. 2 Th\u00fcrVerfSchG). Dies betrifft im Einzelnen eine \u00dcbersicht \u00fcber den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel in den verschiedenen Ph\u00e4nomenbereichen, die Information \u00fcber die Festlegung der einzelnen Beobachtungsobjekte, die Information \u00fcber die Herstellung des Einvernehmens beziehungsweise des Benehmens f\u00fcr das T\u00e4tigwerden von Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer L\u00e4nder respektive des Bundes in Th\u00fcringen, die Vorlage von Regelungen \u00fcber die Verg\u00fctung von V- Leuten zur Kenntnis und die Unterrichtung \u00fcber die Feststellung eines Informations\u00fcbermittlungsverbotes durch den Verfassungsschutz. Dar\u00fcber hinaus ist die Unterrichtung der Parlamentarischen Kontrollkommission \u00fcber den Erlass und jede \u00c4nderung von Dienstanweisungen (SS 27 Abs. 5 Th\u00fcrVerfSchG) gesetzlich verankert. F\u00fcr den Erlass und die \u00c4nderung der Dienstanweisung zum Einsatz von V-Leuten ist eine Anh\u00f6rung der Parlamentarischen Kontrollkommission vorgeschrieben (SS 12 Abs. 6 S\u00e4tze 6 und 7 Th\u00fcrVerfSchG). Die umfangreichen Unterrichtungspflichten der Landesregierung und Kontrollbefugnisse der Parlamentarischen Kontrollkommission erm\u00f6glichen eine umfassende parlamentarische Kontrolle der T\u00e4tigkeit des AfV und eine zus\u00e4tzliche Sicherung der Grundrechte betroffener Personen. Nach SS 33 Th\u00fcrVerfSchG unterrichtet die Parlamentarische Kontrollkommission unter Beachtung der Geheimhaltungspflichten den Landtag mindestens alle zwei Jahre \u00fcber ihre T\u00e4tigkeit. 13","II. Rechtsextremismus 1. \u00dcberblick: Rechtsextremismus in Th\u00fcringen Mit dem Landesverband Th\u00fcringen der Partei \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" und ihrer Jugendorganisation \"Junge Alternative Th\u00fcringen\" (Verdachtsfall)4 traten rechtsextremistische Bestrebungen mit dem Anspruch auf, die Allgemeinheit vor allem in Fragen der Au\u00dfen-, der Wirtschaftsund der Einwanderungspolitik zu vertreten: Der Landesverband legt in seinen \u00c4u\u00dferungen nahe, demokratische Mittel zur Aush\u00f6hlung der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung erlangen zu wollen. Dabei orientiert sich die Partei in Th\u00fcringen an einem ethnischen Volksbegriff, der unvereinbar mit dem Grundgesetz ist und Menschen in ihrem Menschsein abwertet. Zudem spricht die Partei ein \"Vorfeld\" aus Vereinen und Gruppierungen mit \u00e4hnlichen Zielsetzungen an, die in der Gesellschaft Rechtsextremismus normalisieren sollen. Im Bereich rechtsmotivierter Strafund Gewalttaten im Freistaat Th\u00fcringen ist ein neuer H\u00f6chststand zu konstatieren, obschon die Deliktgruppe der Gewaltstraftaten auf hohem Niveau stabil blieb. Mit Ausnahme der AfD ist bei allen \u00fcbrigen rechtsextremistischen Parteien eine Phase relativer Stagnation festzustellen. Dies trifft auf die \"Die Heimat\" (vormals \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands - NPD) ebenso zu wie auf die \"Neue St\u00e4rke Partei\" und die Partei \"Der III. Weg\". Dies bedeutet jedoch nicht, dass Rechtsextremisten ihre Aktivit\u00e4ten eingestellt h\u00e4tten. Im Gegenteil verlagern sich ihre Aktionsformen zunehmend in den Bereich der informellen Vernetzung \u00fcber Musik, \u00fcber aktionsorientierte Kleingruppen (etwa Kampfsport) sowie virtuelle Gruppierungen. In diesen Bereichen versuchen auch rechtsextremistische Parteien mit unterschiedlichem Erfolg eigene Standbeine aufzubauen. Dabei kommt es immer h\u00e4ufiger auch zu \u00dcberschneidungen zwischen den genannten Vernetzungsformen. Im Berichtszeitraum unterblieben zwar erneut gr\u00f6\u00dfere rechtsextremistische Musikveranstaltungen, der Trend zu kleinen, konspirativ organisierten Konzertveranstaltungen setzte sich jedoch unvermindert fort. Ein neuer H\u00f6chststand wurde im Bereich der rechtsextremistischen Liederabende erreicht. Dazu trug ma\u00dfgeblich die bundesweit bekannte Szeneimmobilie \"Flieder Volkshaus\" in Eisenach bei. Das Objekt beherbergt eine Veranstaltungs\u00f6rtlichkeit, die f\u00fcr rechtsextremistische Musikveranstaltungen genutzt wird. Es steht zudem der rechtsextremistischen Partei \"Die Heimat\" (vormals NPD) zur unbeschr\u00e4nkten Nutzung, unter anderem als deren Landesgesch\u00e4ftsstelle, zur Verf\u00fcgung. Im \"Flieder Volkshaus\" fanden nach 4 Die \"Junge Alternative Th\u00fcringen\" wurde am 28. M\u00e4rz 2024 als erwiesen rechtsextremistische Bestrebung eingestuft, siehe dazu die Pressemitteilung des AfV 1/2024 vom 23. Mai 2024. Zuvor war sie seit dem Jahr 2021 als Verdachtsfall im Ph\u00e4nomenbereich Rechtsextremismus klassifiziert. 14","Einsch\u00e4tzung des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof (GBA) in der j\u00fcngeren Vergangenheit auch Trainings der rechtsextremistischen Kampfsportgruppierung \"Knockout 51\" statt, die das Objekt zudem auch als Waffenlager genutzt habe.5 Neben der rechtsextremistischen Musik hat sich, wie die Nutzung des \"Flieder Volkshaus\" bereits andeutet, in den vergangenen Jahren auch der rechtsextremistische Kampfsport als eine weitere bedeutende Subkultur verstetigt. Die rechtsextremistische Szene hat sich in vielen Teilbereichen dieser Subkultur deutlich professionalisiert. Dies trifft nicht nur auf entsprechende \u00fcberregionale Kampfsportveranstaltungen wie z. B. den \"Kampf der Nibelungen\" zu, sondern auch auf das Training und den Vertrieb von Merchandise. Mit gestiegenem Selbstbewusstsein vertreten Rechtsextremisten ihren K\u00f6rperkult und beteiligen sich auch an unpolitischen Kampfsportveranstaltungen, um sich im Sinne ihrer Ideologie mit Unbeteiligten zu messen. Rechtsextremisten vergesellschaften sich zuletzt zunehmend im virtuellen Raum. Doch die Formen dieser Agitation im Internet sind in der Praxis \u00e4u\u00dferst heterogen. Sie bedienen sich aller g\u00e4ngigen Plattformen und sozialen Medien und nutzen insbesondere L\u00fccken in der Durchsetzung von verbindlichen Standards der Plattformbetreiber f\u00fcr ihre Agitation aus. Weder sind die bereits aus der Fr\u00fchphase des Internets bekannten Foren als Orte des Austausches von Hass und Hetze verschwunden, noch haben sich einzelne Plattformen als das pr\u00e4gende Medium durchgesetzt. Vielmehr sind der Grad der Internetaffinit\u00e4t, wie auch der Plattformnutzung oder Konspirativit\u00e4t unter anderem von Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und der Art der Aktivit\u00e4t abh\u00e4ngig. Die Beobachtung des virtuellen Raumes ist deshalb in allen Bereichen inzwischen eine Kernaufgabe. Th\u00fcringen Bund 2021 2022 2023 2022 2023 AfD 1.200 1.300 1.650 10.200 11.300 \"Die Heimat\" 100 100 100 3.000 2.800 \"Der III. Weg\" 40 30 30 700 800 parteiunabh\u00e4ngiges 280 300 400 8.500 8.500 bzw. parteiungebundenes Spektrum weitgehend unstruktu650 670 700 16.000 17.000 rierte Rechtsextremisten 5 Pressemitteilung des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof vom 14. Dezember 2023. 15","davon gewaltorientierte 350 350 350 14.000 14.500 Rechtsextremisten Tabelle 1: Gesch\u00e4tztes Mitgliederund Personenpotenzial Das rechtsextremistische Personenpotenzial in Th\u00fcringen belief sich 2023 auf insgesamt etwa 2.880 Personen. 2. Rechtsextremistische Parteien 2.1 \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD), Landesverband Th\u00fcringen Der AfD Landesverband Th\u00fcringen (AfD Th\u00fcringen) wurde im Jahr 2013 gegr\u00fcndet; seine F\u00fchrung obliegt seit Juni 2014 den Rechtsextremisten Bj\u00f6rn H\u00f6cke und Stefan M\u00f6ller. Auf dem Landesparteitag im November 2022 wurden beide mit \u00fcber 90 Prozent wiedergew\u00e4hlt. Sie vertreten den Standpunkt der Partei zu gesellschaftlichen Themen nach au\u00dfen und sind organisationspr\u00e4gend f\u00fcr die AfD Th\u00fcringen.6 Der Landesverband umfasst zw\u00f6lf Kreisverb\u00e4nde, die sich wiederum in diverse Gebietsund Stadtverb\u00e4nde untergliedern. Die AfD Th\u00fcringen erreichte im Berichtszeitraum erhebliche Zuw\u00e4chse und hatte im Berichtszeitraum ein Personenpotenzial von ca. 1.650 Mitgliedern. Sie stellte mit 19 von vormals 22 Abgeordneten die drittgr\u00f6\u00dfte Fraktion im 7. Th\u00fcringer Landtag. F\u00fcnf Abgeordnete bilden die Th\u00fcringer Landesgruppe der AfD im Deutschen Bundestag. Der AfD Landesverband Th\u00fcringen ist eine erwiesen rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Der Landesverband vertritt seit Jahren Positionen, die sich gegen die Menschenw\u00fcrde, das Demokratieund das Rechtsstaatsprinzip richten. Im Berichtszeitraum ist keine politische M\u00e4\u00dfigung eingetreten. Im Gegenteil gelten die unter den genannten Begriffen zusammengefassten verfassungsfeindlichen Positionen, die sich in zielund zweckgerichteter Weise gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten, als die beherrschende und weitestgehend unumstrittene politische Ideologie innerhalb des Landesverbandes. 6 Vgl. Verwaltungsgericht K\u00f6ln, Urteil vom 8. M\u00e4rz 2022, 13 K 326/21 Rn. 104, 739; Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster, Urteil vom 13. Mai 2024, 5A 1217/22 Rn. 163. 16","Das v\u00f6lkisch-nationalistische Ziel eines ethnisch-homogenen Staatsvolkes, das auch der im Jahr 2020 aufgel\u00f6ste \"Fl\u00fcgel\" propagierte, stellt den ideologischen Unterbau der AfD Th\u00fcringen dar. Bis zu seiner Aufl\u00f6sung war der \"Fl\u00fcgel\" mit dem Landesverband organisatorisch eng verflochten und dominierte diesen in personeller und ideologischer Hinsicht. Die Aufl\u00f6sung des \"Fl\u00fcgel\" verlief in Th\u00fcringen ohne inhaltliche und personelle Konsequenzen und bewirkte letztlich nur dessen Aufgehen in der AfD Th\u00fcringen. Die propagierte ethnische Homogenit\u00e4t des Staatsvolkes soll insbesondere durch die Beendigung jeglichen Zuzuges von ethnisch \"Fremden\" erhalten und, so sich diese bereits in Deutschland aufhalten, durch deren \"millionenfache Remigration\" wiederhergestellt werden. Der daran zum Ausdruck kommende ethnisch-kulturelle Volksbegriff hat, wie auch gerichtlich festgestellt worden ist, keinen \"rein deskriptiv[en]\" Charakter hat, sondern ist mit \"Wertungen\" verbunden, die nicht zuletzt unter Verwendung von \"martialischen Begriffen\" zu einer \"Abwertung zugewanderter Menschen f\u00fchren\" und das Postulat des \"Erhalt[s] der ethnisch-kulturellen Identit\u00e4t\" zum Gegenstand haben.7 Solche rassistischen Positionen gehen, auch wenn sie statt des Volksden Kulturbegriff verwenden, von einer biologisch begr\u00fcndeten und damit irreversiblen Ungleichheitsannahme zwischen einzelnen Menschen und Bev\u00f6lkerungsgruppen aus. Sie sind damit verfassungsfeindlich, weil sie den einzelnen Menschen, der im Zentrum der freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht, auf dessen biologisch abgeleitete ethnische Zugeh\u00f6rigkeit reduzieren. Der exklusive Charakter eines solchen Volksbegriffes zeigt sich in einem Beitrag Stefan M\u00f6llers vom 17. Juli auf der Medienplattform \"X\". Darin schrieb er, \"ob man Deutscher ist, entscheidet sich zwischen den Ohren, nicht auf dem Papier.\" Erg\u00e4nzt wird dieser Standpunkt um die ethnopluralistische Idee einer ebenso feststehenden Inkompatibilit\u00e4t der als homogen verstandenen deutschen Kultur mit anderen Kulturen. Als Reaktion auf einen Terroranschlag in Br\u00fcssel schrieb Bj\u00f6rn H\u00f6cke am 17. Oktober auf \"X\": \"War es Rassismus, war es Glaubensfanatismus oder war es - wie immer - nur' ein psychischer Defekt, der den Nordafrikaner zur Tat trieb? Kann es sein, da\u00df es Kulturen gibt, die man besser nicht vermischen sollte, werte westliche Staatenlenker?\" Am 6. November f\u00fchrte Bj\u00f6rn H\u00f6cke in seiner Rede bei der rechtsextremistischen Organisation PEGIDA in Dresden zudem aus: \"Die jungen M\u00e4nner aus Afrika, die jungen M\u00e4nner aus dem arabischen Raum, sie k\u00f6nnen hier nicht integriert werden. Sie sind anders als wir. Sie haben andere Sitten und Rechtsvorstellungen. Sie behandeln ihre Frauen anders. Sie sehen den Staat anders. Sie kommen aus einer v\u00f6llig fremden Kultur.\" Beide Sprecher der AfD Th\u00fcringen setzten demnach hinsichtlich der Zugeh\u00f6rigkeit einer Person zur rechtlich verfassten Gemeinschaft kulturelle und damit letztlich biologi- 7 Verwaltungsgericht K\u00f6ln, Urteil vom 8. M\u00e4rz 2022, 13 K 326/21 Rn. 816; vgl. auch Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster, Urteil vom 13. Mai 2024, 5 A 1217/22 Rn. 199. 17","sche, nicht aber rechtliche Kriterien an, wobei diese kulturellen Unterschiede als unab\u00e4nderlich behauptet werden. Diese unterstellte kulturelle Inkompatibilit\u00e4t wurde von f\u00fchrenden Vertretern der AfD Th\u00fcringen mit der Forderung nach \"Remigration\" verkn\u00fcpft. Am 15. September verlangte etwa ein Vorstandsmitglied der AfD Th\u00fcringen in einem Beitrag auf \"X\", eine \"millionenfache Remigration\" ins Werk zu setzen. Derlei Ansinnen deuten auf ein mit dem Rechtsstaatprinzip in Konflikt stehendes Vorgehen hin.8 So verlangte H\u00f6cke anl\u00e4sslich seiner Rede am 6. November in Dresden bei PEGIDA einen Ausschluss von Personen mit einer erlangten deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft, die nicht seinem ethnisch-kulturellen Volksbegriff entsprechen: \"Die gesamte Entwicklung seit dem Jahr 2000, was das Staatsb\u00fcrgerschaftsrecht angeht, muss zur\u00fcckabgewickelt werden.\" Der Begriff \"R\u00fcckabwicklung\" bedeutet, dass ein urspr\u00fcnglicher Zustand wiederhergestellt werden soll, die entstandenen Folgen sollen mithin ungeschehen gemacht werden. In Bezug auf die \u00c4nderung des Staatsangeh\u00f6rigkeitsrechts inkludiert diese Forderung, dass alle erworbenen deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeiten zumindest seit dem Jahr 2000 zur\u00fcckgenommen werden m\u00fcssten - deutsche Staatsb\u00fcrgerschaften folglich aberkannt werden. Diese Forderung stellt eine menschenw\u00fcrdewidrige Exklusion Staatsangeh\u00f6riger aufgrund als irreversibel verstandener kultureller Kriterien dar. In dieser Rede geht H\u00f6cke mit seinen Forderungen noch weiter, wenn er ank\u00fcndigt, die gesamte Bev\u00f6lkerungspolitik seit Ende der 60er Jahre r\u00fcckabwickeln zu wollen: \"Sp\u00e4testens am Ende der 60er Jahre gab es in Deutschland keine sachliche, keine logische, keine interessengeleitete Migrationspolitik mehr. Das ist \u00fcber 50 Jahre her. Das ist 60 Jahre her. Es dauert, das wieder abzuwickeln. Aber das werden wir schaffen, wenn die Deutschen das mehrheitlich wollen. Und wenn sie der AfD das Vertrauen schenken, werden wir gemeinsam diesen Weg beschreiten.\" Damit zeigt H\u00f6cke, dass er mit den geforderten Ma\u00dfnahmen nicht auf den Status vor dem Jahr 2000, sondern vor den migrationspolitischen Entwicklungen Ende der 1960er Jahre zielt. Insofern ist es konsequent, dass er am 12. Dezember im Rahmen eines B\u00fcrgerdialogs in Gera auf die Frage eines Teilnehmers, was \"eigentlich mit den Millionen, ich nenne sie jetzt einfach Mal Ausl\u00e4nder, die ja schon l\u00e4ngst den deutschen Pass haben\", sei, antwortete: \"Wir werden auch ohne Probleme mit 20, 30 Prozent weniger Menschen in Deutschland leben k\u00f6nnen.\" Auch wenn sich H\u00f6cke gegen diese kontextbezogene 8 Vgl. VG K\u00f6ln, Urteil vom 8. M\u00e4rz 2022, 13 K 208/20, Rn. 347. Laut einer Meldung des BAMF vom 10. November 2023 lebten in Deutschland ca. 170.000 Ausreispflichtige, von denen ca. 149.000 eine Duldung besa\u00dfen. 18","Interpretation seiner Aussage sp\u00e4ter in Beitr\u00e4gen auf der Plattform \"X\" verwahrte, ist es angesichts vergleichbarer \u00c4u\u00dferungen nicht fernliegend anzunehmen, dass H\u00f6cke damit auf die 27,3 Prozent der Bev\u00f6lkerung anspielte, die laut dem Mikrozensus 2021 in Deutschland einen Migrationshintergrund haben. So schloss beispielsweise ein Vorstandsmitglied der AfD Th\u00fcringen einen Beitrag auf \"X\" am 30. Mai \u00fcber einen vom ihm besuchten \"Remigrationsgipfel\" mit den Worten: \"#Th\u00fcringen f\u00fcr #Urdeutsche erhalten. #AfD\". Der Begriff \"Urdeutsche\" meint dabei abstammungsm\u00e4\u00dfige Deutsche. Der angestrebte Zustand ethnischer Homogenit\u00e4t manifestiert sich somit deutlich in menschenw\u00fcrdewidrigen politischen Forderungen der AfD Th\u00fcringen. Die Forderung nach kultureller Homogenit\u00e4t wird mit der Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlung untermauert, Eliten in Deutschland betrieben gemeinsam mit internationalen Akteuren eine \"Umvolkung\" oder einen \"Bev\u00f6lkerungsaustausch\". Damit ist die schrittweise Ersetzung einer als \"autochthon\"9 definierten Mehrheitsbev\u00f6lkerung durch vornehmlich muslimische Zuwanderer aus Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten gemeint. Durch diese unterstellte \u00dcberw\u00e4ltigung durch Zuwanderung und die folgende vermeintliche ethnische Zersetzung werde die Gesellschaft gezielt destabilisiert. Mit der Darstellung dieser Verschw\u00f6rungstheorie gegen ein als homogen begriffenes deutsches Volk geht regelm\u00e4\u00dfig die Behauptung einher, die M\u00e4chtigen w\u00fcrden die Verschw\u00f6rung durch Denkund Sprechverbote zu decken versuchen. Am 16. Mai ver\u00f6ffentlichte die AfD Th\u00fcringen auf Telegram eine Grafik mit \"Ab- & Zuwanderung 2022\" in Deutschland und kommentierte dazu: \"...aber wehe, du sprichst von Umvolkung!\". Der Begriff der \"Umvolkung\" ist eine Anlehnung an einen gleichlautenden, nationalsozialistischen Terminus, der im Rahmen der Volkstumspolitik prominent und positiv konnotiert verwendet wurde. Somit wird zugleich nahegelegt, dass die von den Verschw\u00f6rern betriebene Politik, die der gewaltsamen Gewinnung von \"Lebensraum im Osten\" durch Krieg, Vertreibung und V\u00f6lkermord der Nationalsozialisten \u00e4hnele. Ziel dieser und \u00e4hnlich gearteter Kampagnen ist es, auch staatliches Handeln als illegitim erscheinen zu lassen. Migranten und Asylbewerber werden von Vertretern der Partei regelm\u00e4\u00dfig pauschal ver\u00e4chtlich gemacht. Am 27. Januar argumentierte H\u00f6cke in einem Facebook-Beitrag, der mit \"Das gro\u00dfe Schlachten\" \u00fcberschrieben war, mit der besonderen \"Brutalit\u00e4t\" und \"Menschenver- 9 Sinngem\u00e4\u00df: einheimisch oder alteingesessen, auch im biologischen Sinn. 19","achtung\" durch \"systematisch praktiziertes Kehledurchund Kopfabschneiden\" einer \"importierten Migrantengewalt\". Er behauptete, dass Massenmigration und insbesondere die Pr\u00e4gung und Mentalit\u00e4t von Migranten f\u00fcr diese besonders grausamen Morde verantwortlich seien. Damit st\u00fctzt H\u00f6cke das Narrativ, alle Ausl\u00e4nder seien per se gewaltbereit(er) und kriminell(er) als Inl\u00e4nder. Wo aber aus einem Gruppenmerkmal ein Tatmotiv abgeleitet wird, wird nicht mehr das Individuum bewertet, sondern der Einzelne auf diese Gruppenmerkmale reduziert. Dies stellt einen Versto\u00df gegen das Menschenw\u00fcrdeprinzip dar. Durch die auf dem zugeh\u00f6rigen Bild aufgenommene Formulierung der \"importierte[n] Gewalttradition\" - die auch durch die bildliche Verbindung mit einem abgetrennten Puppenkopf und Blutflecken evoziert wird - st\u00fctzt H\u00f6cke das Narrativ, menschenverachtende Brutalit\u00e4t wie \"Kopfabschneiden\" l\u00e4ge notwendig in den Traditionen der Personengruppe begr\u00fcndet. Damit sollen wiederum die vermeintlich un\u00fcberwindlichen kulturellen Unterschiede der jeweiligen Kulturen herausgestellt werden. Mit der Stichwahl im Landkreis Sonneberg am 25. Juli wurde erstmals ein Landrat der AfD in Deutschland gew\u00e4hlt. Nachdem ein weiterer AfD-Kandidat am 24. September die Stichwahl zum Oberb\u00fcrgermeister verloren hatte, spekulierte Bj\u00f6rn H\u00f6cke bei einer Rede am 29. September in Peissenberg (Bayern) \u00fcber einen Wahlbetrug. Damit macht H\u00f6cke die Zustimmung zu demokratischen Prozessen von deren Ergebnis abh\u00e4ngig. Gew\u00e4hlte Repr\u00e4sentanten werden auf diese Weise delegitimiert und ver\u00e4chtlich gemacht.10 Der Landesverband Th\u00fcringen steht nicht zuletzt organisatorisch im Zentrum eines Geflechtes rechtsextremistischer oder durch Rechtsextremisten mitgepr\u00e4gter Organisationen. Dabei zeigte sich insbesondere die mangelnde Abgrenzung der Th\u00fcringer AfD von anderen rechtsextremistischen Bestrebungen innerhalb der Neuen Rechten. Mit der Wahl von Bj\u00f6rn H\u00f6cke auf dem Landesparteitag am 18. November zum Spitzenkandidaten der AfD f\u00fcr die Landtagswahl in Th\u00fcringen im Jahr 2024 hat sich die dezidiert rechtsextremistische Grundausrichtung der Partei wiederum gezeigt. Auch im Berichtszeitraum konnte die Partei einerseits weitere W\u00e4hlerpotenziale erschlie\u00dfen, andererseits erschwert die Rolle als Fundamentalopposition ihr die Organisation politischer Mehrheiten. Durch zentrale Vertreter der Partei wird Hass und Ablehnung gegen Migranten und den politischen Gegner weiterhin gesch\u00fcrt. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass die wiederhol10 Vgl. Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 14. Juni 2023, 2 WD 11.22, Rn. 21. 20","te \u00f6ffentliche Verwendung von Terminologie des historischen Nationalsozialismus wie etwa durch das Verwenden der SA-Losung \"Alles f\u00fcr Deutschland\" beim B\u00fcrgerdialog der AfD Gera am 12. Dezember in Kombination mit weiterhin evidenten Verst\u00f6\u00dfen gegen die Menschenw\u00fcrde in der Gesamtw\u00fcrdigung suggerieren, dass neonationalsozialistische Positionen innerhalb der Partei keinen wahrnehmbaren Widerspruch mehr hervorrufen. 2.2 Verdachtsfall \"Junge Alternative Th\u00fcringen\" (JA Th\u00fcringen) Bei der JA Th\u00fcringen11 - eine von insgesamt 16 Untergliederungen der \"Junge Alternative Deutschland\" - handelt es sich um die Jugendorganisation der AfD Th\u00fcringen. Die JA Th\u00fcringen ist seit 2021 Verdachtsfall des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes. Seit der Neuwahl des Landesvorstandes auf dem Landeskongress der JA Th\u00fcringen am 26. November 2022 in Erfurt dominieren innerhalb des Landesverbands Th\u00fcringen der JA Personen, die dem \"solidarisch-patriotischen Lager\" zugerechnet werden k\u00f6nnen. Dieses \"solidarisch-patriotische Lager\" macht im Kern ein ethnischer Volksbegriff aus, der als extremistisch zu bewerten ist. In seinen politischen Positionen - etwa in der Sozialpolitik - orientiert sich das \"solidarisch-patriotische Lager\" an diesem Volksbegriff. Diese Dominanz best\u00e4tigte etwa der Landeskongress der JA Th\u00fcringen am 9. Dezember. Dort wurde ein weiteres Mitglied des Landesvorstandes in einer Nachwahl gew\u00e4hlt, das keine gem\u00e4\u00dfigten Positionen vertritt. Die Jugendorganisation zeigt auch weiterhin hinreichend gewichtige tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine Politik, die auf einem ethnisch definierten Volksbegriff basiert und gegen den Grundsatz der Menschenw\u00fcrde verst\u00f6\u00dft. Dies beinhaltet eine pauschale Ausgrenzung und Abwertung von als \"fremd\" wahrgenommenen Personen. Eine \"deutsche Zukunft\" sei nur in einer ethnisch-kulturell homogenen Gesellschaft m\u00f6glich. So schrieb ein Mitglied des Landesvorstands der JA Th\u00fcringen am 8. November auf der Plattform \"X\": \"Wir wollen keine Multikulti-Gesellschaft, sondern eine deutsche Zukunft. Die Zeit ist reif f\u00fcr #Remigration!\". Die daraus resultierende Forderung nach massenhaften Abschiebungen zum Erhalt Deutschlands und einer ethnisch-konturierten \"deutschen Identit\u00e4t\" entwickelte sich zum zentralen Narrativ der JA Th\u00fcringen. Dabei scheint es nicht von Bedeutung zu sein, ob die R\u00fcckkehr in das Heimatland f\u00fcr den Betroffenen m\u00f6glicherweise ein Sicherheitsrisiko darstellt. 11 Siehe Fn. 4 21","Zur Rechtfertigung von Abschiebungen f\u00fchrt ein Mitglied der JA Th\u00fcringen am 21. Februar in einem Beitrag auf der Plattform \"X\" folgende vermeintliche Gr\u00fcnde auf: \"[...] Abschieben schafft innere Sicherheit! Abschieben steigert die Lebensqualit\u00e4t! Abschieben zum Erhalt Deutschlands! Werde auch du #Abschiebehelfer!\". Mit den \u00c4u\u00dferungen wird zum einen behauptet, dass Migration urs\u00e4chlich f\u00fcr die Verschlechterung der Lebensqualit\u00e4t in Deutschland sei. Zum anderen wird der v\u00f6lkische Denkansatz verdeutlicht, nach dem es ein ethnisch-deutsches Volk gebe, welches durch Migration \"abgeschafft\" werde. Dar\u00fcber hinaus wird allen gefl\u00fcchteten Personen pauschal unterstellt, die innere Sicherheit in Deutschland zu gef\u00e4hrden. Die Forderung nach \"Remigration\" ist h\u00e4ufig mit migrationsund fremdenfeindlichen \u00c4u\u00dferungen verbunden. So ver\u00f6ffentlichte die JA Th\u00fcringen am 25. August ein Video auf der Plattform Instagram mit dem Titel \"Remigration jetzt\", in dem ausschlie\u00dflich die durch die JA wahrgenommenen \"Schattenseiten\" von Migration - wie \"Vergewaltigungen und Terroranschl\u00e4ge\" - \u00fcberzeichnend dargestellt werden und daraus folgend die R\u00fcckkehr von Migranten in ihr Herkunftsland gefordert wird. Dieses Beispiel ist repr\u00e4sentativ f\u00fcr eine Vielzahl an F\u00e4llen im Berichtszeitraum, bei denen Vertreter der JA Th\u00fcringen Fl\u00fcchtlingen und Migranten auf generalisierende Weise eine Affinit\u00e4t zu Gewaltund Terrordelikten allein aufgrund ihrer Herkunft unterstellten. Diese zahlreichen Behauptungen sollen dazu dienen, \u00c4ngste und Ressentiments gegen\u00fcber Zuwanderern in der Bev\u00f6lkerung aufzugreifen und diese gezielt zu sch\u00fcren. Im Berichtszeitraum gipfelte die Forderung nach \"Remigration\" in einer Veranstaltung der AfD Th\u00fcringen am 28. Oktober in Erfurt. Mitglieder der JA Th\u00fcringen nahmen eine pr\u00e4gende Rolle innerhalb der Versammlung ein, da sie sowohl als Tr\u00e4ger eines Banners mit der Aufschrift \"Deutsche Jugend fordert Remigration\" fungierten als auch die einschl\u00e4gige Parole \"Die ganze Nation f\u00fcr Remigration\" skandierten. Beide Aussagen suggerieren, die durch die Extremisten vertretene Position stelle eine Mehrheitsmeinung dar. Zugleich greift die Betonung, es handele sich um die \"deutsche\" Jugend die angesprochenen ethnischen Grenzziehungen auf, die die Ideologie der Bestrebung pr\u00e4gen. Die Anzahl der Aktivit\u00e4ten der JA Th\u00fcringen lag im Jahr 2023 im mittleren zweitstelligen Bereich. Dabei handelte es sich um interne Veranstaltungen, gemeinsame Freizeitaktivit\u00e4ten von Mitgliedern und Interessierten sowie um die Teilnahme an bundesweiten Veranstaltungen. 22","Zudem l\u00e4sst sich nach wie vor ein enges Zusammenwirken der AfD Th\u00fcringen und ihrer Jugendorganisation feststellen. Dies bildete sich im Berichtszeitraum durch h\u00e4ufige gemeinsame Auftritte von Vertretern beider Verb\u00e4nde bei Veranstaltungen ab. Dazu z\u00e4hlten gemeinsame Teilnahmen an Demonstrationen sowie Auftritte von Mitgliedern der AfD Th\u00fcringen bei Veranstaltungen der JA Th\u00fcringen. Zugleich bestehen AfD-Mitgliedschaften von JAMitgliedern sowie F\u00f6rdermitgliedschaften von AfD-Mitgliedern im Landesverband der JA Th\u00fcringen. Dar\u00fcber hinaus intensivierte sich die Vernetzung der JA Th\u00fcringen mit dem rechtsextremistischen \"Vorfeld\", insbesondere mit dem erwiesen rechtsextremistischen \"COMPACTMagazin\". Dies zeigte sich beispielsweise durch die Auftritte von Mitgliedern der JA Th\u00fcringen in Formaten des \"COMPACT-Magazins\" sowie der Teilnahme des \"COMPACTMagazins\" am Landeskongress der JA Th\u00fcringen am 9. Dezember. Im Nachgang der Veranstaltung ver\u00f6ffentlichte der Youtube-Kanal \"COMPACTTV\" einen Beitrag \u00fcber die JA Th\u00fcringen mit Interviews der Mitglieder unter dem aufgrund seiner Ankl\u00e4nge an eine Jugendorganisation des Nationalsozialismus hochproblematischen Titel \"Th\u00fcringen: Wir sind die H\u00f6ckeJugend\". Von dieser Bezeichnung distanzierte sich die Parteijugend nicht \u00f6ffentlich. Dar\u00fcber hinaus teilte die JA Th\u00fcringen den Youtube-Beitrag von \"COMPACTTV\" sowie das dazugeh\u00f6rige Titelbild mit der Abbildung eines Mitglieds der JA Th\u00fcringen und dem Schriftzug \"Wir sind die H\u00f6cke-Jugend\" in ihrem Telegram-Kanal. In der Zukunft ist weiterhin mit einer verst\u00e4rkten Einflussnahme der AfD Th\u00fcringen auf die JA Th\u00fcringen sowie mit einer Zusammenarbeit der beiden Organisationen zu rechnen. Dies d\u00fcrfte sich in der Unterst\u00fctzung bei den anstehenden Wahlen in Th\u00fcringen zeigen. Zudem ist anzunehmen, dass sich die JA weiter intensiv mit dem rechtsextremistischen \"Vorfeld\" im Rahmen von Veranstaltungsteilnahmen und m\u00f6glicherweise gemeinsamen Aktionen vernetzen wird. 2.3 \"Die Heimat\" Auf dem Bundesparteitag am 3./4. Juni beschloss die 1964 gegr\u00fcndete \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) ihre Umbenennung in \"Die Heimat\". Damit verbunden war eine strategische Neuausrichtung der \u00e4ltesten rechtsextremistischen Partei Deutschlands. Sie sieht sich nun als \"Anti-Parteien Bewegung und patriotischer Dienstleister\" der\"starke patriotische Netzwerke, wirksame B\u00fcndnisse auf der Stra\u00dfe, in den Parlamenten und im vorpolitischen Raum\" aufbauen will. 23","Die ideologische Ausrichtung ist von der Strategie\u00e4nderung nicht betroffen: Ziel der Partei ist die Beseitigung der freiheitlich demokratischen Grundordnung und die Schaffung eines autorit\u00e4r gepr\u00e4gten Nationalstaates auf Basis einer ethnisch definierten deutschen \"Volksgemeinschaft\". Deren Mitglieder sollen durch Abstammung definiert werden. Mithin sind die politischen Ziele von \"Die Heimat\" auf die Missachtung der Menschenw\u00fcrde ausgerichtet. Durch das Bundesverfassungsgericht wurde im Jahr 2017 die Verfassungsfeindlichkeit der NPD erstmals best\u00e4tigt. In einem weiteren Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht, das den Ausschluss der Partei von der staatlichen Parteienfinanzierung zum Ziel hatte, fand am 4./5. Juli die Hauptverhandlung in Karlsruhe statt. Auf Beschluss des Parteivorstands von \"Die Heimat\" nahm die Partei nicht an der m\u00fcndlichen Verhandlung teil.12 Der Umbenennung in \"Die Heimat\" stimmte auf dem Parteitag eine klare Mehrheit von 77% zu. Gegner der Umbenennung verlie\u00dfen allerdings in der Folge die Partei und gr\u00fcndeten eine \"neue\" NPD. Durch die Th\u00fcringer Untergliederungen wurde die Umbenennung hingegen unterst\u00fctzt. Der seit 1990 bestehende NPD Landesverband Th\u00fcringen sowie seine neun Kreisverb\u00e4nde benannten sich umgehend in \"Die Heimat\" um. Gleichwohl zeigte die Partei im Berichtszeitraum wie schon im Vorjahr kaum \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten. Sie ist nur in wenigen Regionen aktiv, wobei die Pr\u00e4senz von \"Die Heimat\" abh\u00e4ngig vom lokalen Wirken einzelner Funktion\u00e4re war. Vorsitzender des Th\u00fcringer Landesverbandes war seit dem Jahr 2022 bis zum Ende des Jahres 2023 Patrick Wieschke. Seit Dezember 2023 fungiert der vormalig stellvertretende Landesvorsitzende Thorsten Heise als amtierender Landesvorsitzender. Heise ist zudem stellvertretender Bundesvorsitzender von \"Die Heimat\". Mit Sebastian Schmidtke, ebenfalls stellvertretender Bundesvorsitzender, und Wieschke, verantwortlich f\u00fcr Organisation, geh\u00f6rten dem Bundesvorstand zwei weitere Vertreter des Th\u00fcringer Landesverbandes an. Hauptschwerpunkt und Region mit den meisten festgestellten Aktivit\u00e4ten war der Raum Eisenach. Hier ist es der Partei unter der F\u00fchrung von Wieschke gelungen, sich in der Gesellschaft zu verankern und sich ein dauerhaftes W\u00e4hlerpotenzial zu sichern. In der Stadt Eisenach ist \"Die Heimat\" mit vier Mandaten im Stadtrat vertreten. Das dortige \"Flieder Volkshaus\", in dem sich auch die Landesgesch\u00e4ftsstelle von \"Die Heimat\" befindet, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem rechtsextremistischen Zentrum mit einem vielf\u00e4ltigen Veranstaltungsangebot. Hier fanden in den vergangenen Jahren rechtsextremistische Musikund Vortragsveranstaltungen, Parteiaktivit\u00e4ten, subkulturelle Veranstaltungen und Kampf12 Mit Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 23. Januar 2024 wurde \"Die Heimat\" f\u00fcr die Dauer von sechs Jahren von der staatlichen Parteienfinanzierung ausgeschlossen. Das Gericht stellte erneut die Verfassungsfeindlichkeit der Partei fest. 24","sport statt. Daneben hatten Veranstaltungen wie z. B. Partyund Discoabende eine \"T\u00fcr\u00f6ffnerfunktion\" gegen\u00fcber dem b\u00fcrgerlichen Spektrum. Im August 2022 wurde das \"Flieder Volkshaus\" seitens der Th\u00fcringer Polizei als gef\u00e4hrlicher Ort13 klassifiziert. Ein weiterer Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten war die Stadt Sondershausen, wo \"Die Heimat\" mit zwei Mandaten im Stadtrat und einem Mandat im Kreistag des Kyffh\u00e4userkreises vertreten ist. Der Vorsitzende des Kreisverbandes Kyffh\u00e4user und Schatzmeister des Landesverbandes, Patrick Weber, nahm in Sondershausen regelm\u00e4\u00dfig an so genannten Montagsprotesten teil, trat als Redner auf und war auch organisatorisch eingebunden. Im Zusammenhang mit einem Verfahren des Generalbundesanwalts gegen die rechtsextremistische Kampfsportgruppe \"Knockout 51\" wurde Wieschke am 14. Dezember wegen dringenden Tatverdachts auf Unterst\u00fctzung einer kriminellen und einer terroristischen Vereinigung festgenommen. Die Aufgaben als Landesvorsitzender \u00fcbernahm daraufhin Heise. Die politische Bedeutung von \"Die Heimat\" nahm im Berichtszeitraum weiter ab. Die Umbenennung und strategische Neuausrichtung zeigte bisher keine Wirkung. Weiterhin ist die Partei auf wenige geographische Schwerpunkte beschr\u00e4nkt. Es bleibt abzuwarten, inwieweit sie ihre kommunale Verankerung nach den Kommunalwahlen 2024 aufrechterhalten kann. Dass \"Die Heimat\" mittelfristig an ihre fr\u00fcheren Erfolge ankn\u00fcpfen kann, erscheint jedoch wenig wahrscheinlich. 2.4 \"Der III. Weg\" in Th\u00fcringen Die Partei \"Der III. Weg\" wurde 2013 in Heidelberg gegr\u00fcndet. Die Mitglieder der Partei sind fest im rechtsextremistischen Spektrum verankert. Das F\u00fchrungspersonal setzt sich zum Teil aus ehemaligen NPD-Mitgliedern zusammen bzw. entstammt der neonazistischen Szene, insbesondere dem im Jahr 2014 verbotenen \"Freien Netz S\u00fcd\". Der ideologische Kampf der Partei richtet sich nach dem \"Drei-S\u00e4ulen-Konzept\": Die S\u00e4ulen stehen f\u00fcr den politischen Kampf, den kulturellen Kampf und den Kampf um die Gemeinschaft. Die Partei verfolgt eine nationalistische, v\u00f6lkische und fremdenfeindliche Ideologie. So werden in den Zielen der Partei neben der Schaffung eines \"Deutschen Sozialismus\", der sich am historischen Nationalsozialismus orientiert, auch eine \"gerechte soziale und v\u00f6lkische Ordnung\" und die \"Erhaltung und Entwicklung der biologischen Substanz des Volkes\" gefordert. 13 Die offizielle Ausweisung eines 'gef\u00e4hrlichen Ortes' erm\u00f6glicht polizeiliche Ma\u00dfnahmen gegen Personen ohne das Bestehen eines konkreten Verdachtes. 25","Im Berichtszeitraum trat lediglich der St\u00fctzpunkt Erfurt-Gotha der rechtsextremen Kleinpartei \"Der III. Weg\" in Th\u00fcringen wahrnehmbar in Erscheinung. Nach eigenen Angaben der Partei existiert ein weiterer St\u00fctzpunkt (\"Th\u00fcringer Wald/Ost\"), der jedoch keine wahrnehmbaren Aktivit\u00e4ten entfaltete. Mit dem B\u00fcrgerund Parteib\u00fcro in Ohrdruf steht der Partei und ihrem St\u00fctzpunkt Erfurt-Gotha seit Anfang 2022 eine Anlaufstelle f\u00fcr die Parteiarbeit zur Verf\u00fcgung, die zudem auch als Veranstaltungsort f\u00fcr bundesweite Aktivit\u00e4ten genutzt werden kann. Entsprechende Berichte wurden in den von der Partei genutzten sozialen Netzwerken ver\u00f6ffentlicht. Einen im Februar organisierten Liederabend mit \u00fcberregionaler Beteiligung, der vom St\u00fctzpunkt Erfurt-Gotha aus organisiert wurde, l\u00f6ste die Polizei auf. Dabei wurden gegen zwei Teilnehmer Anzeigen wegen Beleidigung gegen\u00fcber der Polizei aufgenommen. Die Th\u00fcringer Aktiven der Partei \"Der III. Weg\" versuchen beispielsweise mit Flugblattaktionen wie in Eisenberg unter dem Motto \"Kriminelle Ausl\u00e4nder raus\" gegen Asylbewerber und die \u00f6rtliche Unterbringung Gefl\u00fcchteter zu agitieren. Ein weiteres propagandistisches Aktionsfeld der Partei ist die Stimmungsmache gegen die Gleichstellung von Menschen der LBTQI+.14 So wurden in Th\u00fcringen bereits mehrfach Flugblattaktionen der Partei \"Der III. Weg\" gegen den Christopher Street Day (CSD) im September 2023 in Gotha beobachtet. Der St\u00fctzpunkt am Standort Ohrdruf entfaltete im Berichtsjahr lediglich in beschr\u00e4nktem Umfang Aktivit\u00e4ten. Als Ursache hierf\u00fcr werden personelle und organisatorische Engp\u00e4sse bei der Betreuung des B\u00fcrgerund Parteib\u00fcros und ein mangelndes Mobilisierungspotenzial der Partei in Th\u00fcringen gesehen. Die Defizite in der Mobilisierung d\u00fcrften in Teilen auf einen bereits hohen bestehenden Organisationsgrad der rechtsextremistischen Szene in Th\u00fcringen zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Auch ist festzustellen, dass etablierte Strukturen der Partei \"Der III. Weg\" in Westsachsen zunehmend Einfluss auf den Ostth\u00fcringer Raum aus\u00fcben. Beispielweise f\u00fchrte die \"Nationalrevolution\u00e4re Jugend\" (NRJ) - die Jugendorganisation der Partei - aus dem s\u00e4chsischen Vogtland vom 4. bis 6. August ein Gemeinschaftswochenende im Landkreis Greiz durch, an dem nach Angaben der Partei ca. 20 Personen teilnahmen. Am 1. November f\u00fchrten vermut14 LGBTQI+: Abk\u00fcrzung aus dem Englischen, steht f\u00fcr sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identit\u00e4ten (Lesbian-Gay-Bisexuell-Transgender-Queer-Intersexuell). Das Plus steht f\u00fcr weitere, nicht im Einzelnen ber\u00fccksichtigte sexuelle Orientierungen und Identit\u00e4ten. 26","lich ebenfalls Aktivisten der Partei aus dem Vogtland eine Gedenkaktion zum Todestag des sog. Bauerngenerals Georg Kresse im Landkreis Greiz durch. Auch wenn in sozialen Netzwerken ausschweifend \u00fcber Aktivit\u00e4ten wie z. B. Gemeinschaftswanderungen berichtet wird, scheint es sich hierbei eher um kleinere Privatveranstaltungen der wenigen \u00f6rtlichen Aktiven zu handeln. Die Partei bleibt damit hinter ihren eigenen Erwartungen hinsichtlich des Aufbaus \u00f6rtlicher Parteistrukturen zur\u00fcck, was sich auch in stagnierenden Mitgliederzahlen niederschl\u00e4gt. \u00dcber den Berichtszeitraum hinaus wird es daher erheblich von externen Faktoren - etwa dem Zerfall anderer Organisationsstrukturen im Bereich Rechtsextremismus - abh\u00e4ngen, ob die Partei zuk\u00fcnftig weiteren Zulauf erh\u00e4lt. Eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien oder Gruppierungen, \u00fcber die szene\u00fcblichen Kennverh\u00e4ltnisse hinaus, konnte auch weiterhin nicht festgestellt werden. 2.5 \"Neue St\u00e4rke Partei\" (NSP) in Th\u00fcringen Im Februar 2020 benannte sich der 2015 gegr\u00fcndete rechtsextremistische Verein \"Volksgemeinschaft Erfurt e.V.\" in \"Neue St\u00e4rke Erfurt\" e.V. (NSE) um. Die Vereinseintragung ist mit Datum vom 23. September 2021 erloschen. Am 14. Mai 2021 wurde die \"Neue St\u00e4rke Partei\" (NSP) in Erfurt gegr\u00fcndet. Im Jahr 2023 fand eine Umstrukturierung der nach eigenem Anspruch bundesweit agierenden Partei statt, die jedoch eher auf deren Strukturschw\u00e4che im Berichtszeitraum hinweist: So wurden die \"Abteilungen\" in Sachsen und Sachsen-Anhalt geschlossen. Am 17. Juni wurden \"Landesverb\u00e4nde\" in MecklenburgVorpommern und in Th\u00fcringen gegr\u00fcndet. Das Th\u00fcringer Personenpotenzial lag im unteren zweistelligen Bereich. Bereits am 27. November gab die NSP die Aufl\u00f6sung des Landesverbands Th\u00fcringen bekannt. Das Logo der Partei ist an jenes von \"Der III. Weg\" angelehnt, der ihre urspr\u00fcnglichen Mitglieder in Teilen zuzurechnen waren. Die Partei soll ein Werkzeug zur F\u00f6rderung und Umsetzung von nationalistisch-v\u00f6lkisch-sozialistischen Interessen sowie zur R\u00fcckeroberung deutscher St\u00e4dte von vermeintlichen politischen Gegnern sein. Die Parteiprogrammatik ist offen neonazistisch und bekennt sich zu einem biologistischen Menschenbild. Grundrechte gelten demnach nur f\u00fcr ethnische Deutsche. 27","Im Berichtszeitraum fanden in Th\u00fcringen kaum Aktivit\u00e4ten der NSP statt. Die Partei organisierte lediglich eine Demonstration in Erfurt und eine Gedenkveranstaltung in Rudolstadt, jeweils mit Teilnehmerzahlen im einstelligen Bereich. \u00dcber den Berichtszeitraum hinaus ist kein Trend zu einem Wiedererstarken der Parteistrukturen abzusehen. Gleichwohl traten vormalige Funktion\u00e4re der NSP weiterhin im Rahmen von regionalen und \u00fcberregionalen Szeneaktivit\u00e4ten in Erscheinung. 3. Parteiunabh\u00e4ngiges bzw. parteiungebundenes Spektrum Das Vorfeld der AfD Th\u00fcringen Der Landesverband Th\u00fcringen der AfD hat es sich zum Ziel gesetzt, den politischen Debattenraum in Richtung rechtsextremistischer Positionen zu \u00f6ffnen. Vertreter des sog. intellektualistischen Rechtsextremismus bedienen sich zur Beschreibung ihrer Absichten des Konzepts der \"kulturellen Hegemonie\". Das Konzept beschreibt die Erringung einer kulturellen Vormachtstellung und die damit verbundene Vorstellung, dass sich diese Vormachtstellung in der Folge auf die Politik auswirkt: Durch eine Vielzahl an Einzelakteuren in losen B\u00fcndnissen mit unterschiedlichen Vorgehensweisen, die von Einflussnahme an Universit\u00e4ten \u00fcber Stra\u00dfenproteste bis hin zu \u00f6ffentlichkeitswirksamen Einzelaktionen reichen, sollen dabei schleichend kulturelle Positionen, die sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten, normalisiert und sukzessive politisch mehrheitsf\u00e4hig gemacht werden. Gruppierungen, die diese Hegemonie anstreben, werden durch die Akteure selbst verschiedentlich besch\u00f6nigend als \"Vorfeld\" oder als \"Mosaikrechte\" bezeichnet. In den meisten F\u00e4llen handelt es sich jedoch um erwiesen rechtsextremistische Bestrebungen, die dezidierte verfassungsfeindliche Annahmen und Zielsetzungen teilen. Am 11. November sagte Landessprecher H\u00f6cke im Rahmen eines Interviews mit dem \u00f6sterreichischen Fernsehsender \"AUF1\": \"Ich habe immer daf\u00fcr gepredigt, der AfDLandesverband Th\u00fcringen steht daf\u00fcr, dass die Partei nur ein Teil eines Mosaikes ist und dieses Bewusstsein auch hat, dass wir die Bewegung brauchen. Ich bin nat\u00fcrlich regelm\u00e4\u00dfig bei PEGIDA, regelm\u00e4\u00dfig bin ich zu Gast im Vorfeld. Ich war mit meinen Mitstreitern bei den Corona-Spazierg\u00e4ngen und so weiter und so weiter. Um immer wieder deutlich zu machen, Partei ist das eine, aber es ist nur ein Standbein. Und wir brauchen noch andere Standbeine beziehungsweise andere Spielbeine. Wir brauchen vor allen Dingen, das halte ich f\u00fcr ganz, ganz wichtig, Neudeutsch 'Thinktanks'. Also intellektuelle Zirkel, Institutionen, die unsere Weltanschauung [...] ausformulieren, die Leitideen entwickeln, die dann auch zu einer Ver28","einheitlichung dieser Noch-Opposition beitragen, die dann in Regierung auch mit einer gr\u00f6\u00dferen Schlagkraft unterwegs sein kann. Alles das kann Partei nicht leisten. Dazu braucht Partei Vorfeld.\" Dies formulierte H\u00f6cke schon im Jahr 2022 auch f\u00fcr die Parteijugendorganisation JA. In einem Gru\u00dfwort an den JA-Bundeskongress in Apolda am 15. Oktober 2022 schlug er vor, dass sich die JA nicht an einer Organisation wie der \"Jungen Union\", welche die Grundprinzipien des Grundgesetzes anerkennt, orientieren solle, sondern sich die erwiesen rechtsextremistische \"Identit\u00e4re Bewegung\" zum Vorbild nehmen m\u00fcsse: \"Mehr I[denti\u00e4re] B[ewegung] wagen und niemals J[unge] U[nion] werden.\" H\u00f6cke warb \u00fcberdies im Berichtszeitraum f\u00fcr B\u00fccher rechtsextremistischer Autoren. AfD Th\u00fcringen kam eine zentrale Rolle als Relaisstation f\u00fcr das Protestgeschehen im Ph\u00e4nomenbereich verfassungsschutzrelevante Delegitimierung15 des Staates in Th\u00fcringen zu. Funktion\u00e4re der AfD Th\u00fcringen beteiligten sich auch an deren Protesten. Vereinzelt \u00fcbernahmen sie auch Organisationsverantwortung an Schwerpunkten des Protestgeschehens. Dabei traten die Funktion\u00e4re gemeinsam mit anderen Rechtsextremisten auf. Die dort formulierte Kritik \u00fcberschritt h\u00e4ufig die Grenze zum Extremismus, etwa dann, wenn aus politischen Entscheidungen eine grunds\u00e4tzlich ablehnende Aussage gegen\u00fcber staatlichen Institutionen und rechtsstaatlichen Verfahren abgeleitet wurde. Vermittels des \"Vorfeldes\" unterst\u00fctzt der Landesverband den Ausbau eines Debattenraumes auf der Stra\u00dfe und im intellektuellen Diskurs, in dem Positionen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung nicht nur toleriert, sondern als Mehrheitsmeinung etabliert werden sollen. Es ist damit zu rechnen, dass sich diese Unterst\u00fctzung f\u00fcr die \"Mosaikrechte\" und die Kooperation mit dem \"Vorfeld\" fortsetzen wird. Eine erhebliche Gef\u00e4hrdung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung ergibt sich somit nicht nur durch politische Erfolge der Partei, sondern auch durch ihre \"Aufbauarbeit\" in verschiedenen Bereichen au\u00dferhalb der eigenen Parteistrukturen. \"Compact-Magazin\" Dem bundesweit verbreiteten rechtsextremistischen \"COMPACT-Magazin\" kommt in Th\u00fcringen eine exklusive Rolle zu, da es sich im Berichtszeitraum als alternatives Medium inszenierte, dem der Landesverband besondere Rechte bei der Berichterstattung bei parteipolitischen Veranstaltungen einr\u00e4umte. Dies zeigt etwa der Landesparteitag am 18. November: 15 Siehe Abschnitt IV. 29","Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde der Versuch unternommen, ein \u00f6ffentlich-rechtliches Format vollst\u00e4ndig auszuschlie\u00dfen. Die Beteiligung aller Vertreter der als \"MainstreamMedien\" oder \"Staatsrundfunk\" abqualifizierten Journalisten wurde stark eingeschr\u00e4nkt, w\u00e4hrend ein Vertreter des \"COMPACT-Magazins\" uneingeschr\u00e4nkten Zugang erhielt. Dieses Vorgehen - eine Berichterstattung zu schaffen, die den extremistischen Inhalten unkritisch gegen\u00fcbersteht - unterstrich bereits der Bundeskongress der JA Deutschland im Vorjahr. Auf der Veranstaltung in Apolda traten u. a. \"COMPACT\", der rechtsextremistische Verein \"Ein Prozent e. V.\" und der \"Verlag Antaios\" (Verdachtsfall des BfV) mit eigenen St\u00e4nden auf. \"COMPACT\" wiederholte und intensivierte die Berichterstattung bei Veranstaltungen der JA im Jahr 2023. Zugleich stellte \"COMPACT\" organisatorische Unterst\u00fctzung f\u00fcr zwei rechtsextremistische Gro\u00dfveranstaltungen - die Saalveranstaltung zum \"Politischen Aschermittwoch\" am 22. Februar in Ronneburg und die Versammlung mit Aufzug zum \"Tag der Deutschen Freiheit\" am 3. Oktober in Gera - zur Verf\u00fcgung. Die Aschermittwochsveranstaltung wurde durch einen regional bekannten Rechtsextremisten organisiert. Allen politischen Aschermittwochsveranstaltungen ist das Ziel gemein, drastische Kritik an den bestehenden politischen Verh\u00e4ltnissen zu \u00fcben. Dabei bedienen sich Redner dem Mittel radikaler Polemik, um gesellschaftliche Missst\u00e4nde anzuprangern. Die Grenzen zwischen polemischen und extremistischen Aussagen haben dennoch Bestand, insbesondere da zahlreiche Akteure nicht als Kunstfiguren oder in Rollen auftraten, sondern als politische Funktion\u00e4re. Das Gepr\u00e4ge der Gesamtveranstaltung legt nahe, dass hier planvoll extremistisches Gedankengut unter dem Deckmantel der Satire zum Vortrag gebracht werden sollte. Darauf wies der Moderator zu Anfang hin indem er sich eines abgewandelten Zitats bediente und formulierte, er sehe in der Halle \"mutige B\u00fcrger, die diese roten Ratten [die Regierung] in den n\u00e4chsten Jahren in ihre L\u00f6cher jagen werden.\" Ein bundesweit aktiver Rechtsextremist leitete seine Rede mit bekannter Rhetorik ein. Er warnte davor, Deutschland werde \"vor die Hunde gehen\" und vertrat sodann Positionen, mit denen er den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine in der Sprache des Angreifers rechtfertigte. Er sprach etwa von \"Nazis in der Ukraine\" und zweifelte mit Blick auf die Rolle der Vereinigten Staaten die deutsche Souver\u00e4nit\u00e4t an: \"Diese Bagage muss weg! [...] Ich hab 2015 gesagt, als die Olle [die ehemalige Bundeskanzlerin] die Grenzen aufgemacht hat: 'Wenn die Regierung das Volk austauschen will, 30","dann muss das Volk die Regierung austauschen'. Und ich habe 2020 gesagt, als sie uns im Lockdown misshandelt haben: 'Wenn die Regierung das Volk einsperren will, dann muss das Volk die Regierung einsperren'. Und angesichts der aktuellen Lage sage ich: 'Wenn die Regierung Russland den Krieg erkl\u00e4rt, dann muss das Volk der Regierung den Krieg erkl\u00e4ren. Und die Schlimmsten und die ersten, die wir loswerden m\u00fcssen, das sind die Kriegshexen, die wir auf der neuen COMPACT-Ausgabe abgedruckt haben, Baerbock, StrackZimmermann und die Flinten-Uschi, heute Panzer-Uschi Ursula von der Leyen [...]\". Er \u00e4u\u00dferte sich auch zum \"geheuchelten Antifaschismus\" der Regierenden, die \"Waffen, schwere Panzer an die Nazis in der Ukraine, an das Asov-Batallion, das sich absichtlich in die Tradition der SS und der Holocaustunterst\u00fctzer stellt\", lieferten. \"Der Sozi-Olaf schickt seine Panzer auf den Spuren vom Nazi-Adolf Richtung Donbass und Richtung Stalingrad [...] Deswegen m\u00fcssen wir diese Bande, diesen antifaschistischen Faschismus auch von der Regierung entfernen.\" Deutschland sei \"Milit\u00e4rkolonie\" sowie \"Festlanddegen und Aufmarschgebiet gegen Russland\". Er betonte die Rolle des US-Milit\u00e4rst\u00fctzpunktes Ramstein als Logistikzentrum und Kommandozentrale der amerikanischen \"Killer-Drohnen\" und \u00e4u\u00dferte: \"Ramstein ist ein Pfahl im Fleisch der deutschen Souver\u00e4nit\u00e4t\". In einem anderen Redebeitrag hie\u00df es: \"Wir werden k\u00e4mpfen, wenn es darauf ankommt. Aber nicht gegen den Ivan, sondern gegen das rot-gr\u00fcne Geschmei\u00df dort oben an der Spitze unseres korrupten, verlotterten deutschen Landes und fremdbestimmten Staates. Ihr seid unsere wahren Feinde.\" Livestreamer interviewten vor Ort auch Teilnehmer der Veranstaltung, deren \u00c4u\u00dferungen darauf hindeuten, dass sie die rechtsextremistischen Positionen der Organisatoren teilten. So gab ein Interviewter an, aus Leverkusen nach Sachsen gezogen zu sein, um dem \"Kalifat NRW\" zu entgehen. Er \u00e4u\u00dferte sich zu Menschen mit mutma\u00dflichem Migrationshintergrund als \"Orientalen\", schrieb ihnen aufgrund ihrer vermeintlichen ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit bestimmte Attribute zu und wertete sie damit in ihrem Menschsein ab: \"Die Verh\u00e4ltnisse in diesem Kalifat [NRW] werden wirklich von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr unertr\u00e4glicher [...]. Die Integration l\u00e4uft da ja umgekehrt. Das ist in manchen Stadtvierteln des Ruhrgebietes so, dass eher die verbliebenen Deutschen gezwungen sind, sich der Masse der Orientalen anzupassen [...]. Da lohnt sich wirklich ein Besuch. Das kann man jedem hier aus Mitteldeutschland nur empfehlen, der vielleicht noch Illusionen \u00fcber die Natur dieses 31","Staates und dieses Systems hegt [...]. Das f\u00e4ngt an bei der widerlichen Architektur, die das BRD-Regime \u00fcberall verbreitet hat und geht bis zu den Bereicherungen durch einheimische und ausw\u00e4rtige Fachkr\u00e4fte, Graffiti, Dreck, M\u00fcll inklusive teilweise Gestalten mit und ohne Kopftuch, die zwischen irgendwelchen alten Bergmannsh\u00e4uschen sitzen und in [ei]nem alten \u00d6lfass Feuerchen machen und den Igel oder die Katze aus der Nachbarschaft grillen.\" Auch die Veranstaltung am 3. Oktober in Gera war nach ihrem Gesamtgepr\u00e4ge als rechtsextremistisch zu bewerten. Sie wurde durch dieselbe Person wie der Aschermittwoch und einen Funktion\u00e4r der \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" organisiert. Die genannten Organisatoren verwendeten die verbotene Losung der SA \"Alles f\u00fcr Deutschland!\". Das \"COMPACT-Magazin\" beteiligte sich mit einem Infostand und Redebeitr\u00e4gen an der Veranstaltung und bewarb diese in sozialen Medien. Die verfassungsfeindliche Ausrichtung trat auch in den Redebeitr\u00e4gen zutage. So stellte ein Redner beispielsweise in pauschalisierender Weise Gefl\u00fcchtete als Kriminelle und \"Invasoren\" dar: \"Somit k\u00f6nnen Faesers G\u00e4ste weiter wie gestern in M\u00fcnchen Frauen vergewaltigen oder wie in Magdeburg Kinder missbrauchen. [...] Und es sind die Massen von Invasoren, die unser Land \u00fcberschwemmen.\" Ein anderer Redner griff diese verfassungsfeindliche Position auf, indem er Gewaltkriminalit\u00e4t und Migration in einen Kausalzusammenhang stellte: \"Wir wollen keine Messermigration mehr. Wir wollen keinen Import von Mord und Totschlag mehr. Wir wollen einfach, dass Deutschland deutsch bleibt.\" Vertreter der lokalen Gliederungsebene der AfD Th\u00fcringen unterst\u00fctzten beide Veranstaltungen. Zudem trat jeweils ein Mandatstr\u00e4ger der AfD als Redner auf. \"Kontrakultur Erfurt\" Bei \"Kontrakultur Erfurt\" handelt es sich um die Nachfolgebestrebung der \"Identit\u00e4ren Bewegung Th\u00fcringen\", die als lokale, erlebnisorientierte Aktionsgruppe mit Schwerpunkt in der Landeshauptstadt Erfurt auftritt. Die Gruppierung trat erstmalig im Sommer 2021 in Erscheinung. Die Gruppierung \"Kontrakultur Erfurt\" orientiert sich in ihrer Ideologie an den Ansichten der \"Identit\u00e4ren Bewegung\" (IB). Die IB verfolgt eine antiliberale, antipluralistische sowie antiindividualistische Ideologie. Sie bekennt sich zum so genannten Ethnopluralismus. Der Ethnopluralismus strebt einen ethnisch und kulturell homogenen Staat an. Diese vermeintlich erhaltenswerte ethnokulturelle Identit\u00e4t w\u00fcrde nach Meinung der Gruppierung durch den sog. 32","Multikulturalismus, der durch eine unkontrollierte Masseneinwanderung zur Heterogenisierung der Gesellschaft f\u00fchrt, bedroht. Mit den Parolen \"Grenzen sch\u00fctzen - Festung Europa jetzt\", \"Unser Volk zuerst\" und \"Remigration\" stellt die Gruppierung \u00f6ffentlichkeitswirksam ihre ablehnende Haltung gegen\u00fcber einer multikulturellen Gesellschaft, speziell gegen\u00fcber Asylbewerbern, dar. Im Berichtszeitraum trat \"Kontrakultur Erfurt\" in Th\u00fcringen nach einer Phase l\u00e4ngerer Inaktivit\u00e4t mit \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktionen in Erscheinung. Dabei f\u00e4llt auf, dass die Gruppierung \u00f6ffentliche Wahrnehmung vor allem im virtuellen Raum anstrebt: Realweltliche Aktionen sollen Mut und einen authentischen Aktivismus suggerieren, sind jedoch oft in ihrer Au\u00dfenwirkung begrenzt und gewinnen erst durch mediale Inszenierung an Relevanz. Am 2. Februar f\u00fchrte die Gruppe eine Plakataktion in Erfurt durch, bei der Plakate mit der Aufschrift \"Unser Volk zuerst / Autarkie - Souver\u00e4nit\u00e4t - Remigration\" angebracht wurden. Am 15. April befestigten vermummte Personen ein Plakat mit der Aufschrift \"Remigration statt Angstr\u00e4ume - Erfurts Innenstadt wieder sicher machen\" an einer Laterne vor dem Einkaufszentrum Anger 1. Am 18. Juni folgte eine weitere Banneraktion auf dem Bastionspfad oberhalb der Erfurter Innenstadt. Dort wurde ein Banner in den Farben schwarz - rot - gold mit der Aufschrift \"Stolz statt Pride\" aufgeh\u00e4ngt, um eine Abgrenzung vom \"Pride Month\" sowie die Ablehnung LGBTQI+-Bewegung zu suggerieren. Th\u00fcringer Mitglieder der Gruppierung beteiligten sich auch an Aktionen der IB im Ausland. So nahmen sie an einer Kundgebung am 29. April in Wien teil. Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens im Zusammenhang mit der rechtsextremistischen Gruppierung \"Knockout 51\" wurde am 15. Dezember ein Vertreter von \"Kontrakultur Erfurt\" wegen des dringenden Tatverdachts auf Bildung einer kriminellen und einer terroristischen Vereinigung festgenommen. Dies d\u00fcrfte die Aktivit\u00e4ten der Bestrebung in n\u00e4herer Zukunft einschr\u00e4nken, unterstreicht jedoch, dass es sich bei den Beteiligten um oft langj\u00e4hrige Rechtsextremisten mit erheblicher Gewaltbereitschaft handelt. Die Aussage H\u00f6ckes an die JA, sie m\u00fcsse \"mehr IB wagen\" sollte somit auch in diesem Sachzusammenhang bewertet werden. \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" Bei den \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" handelt es sich um einen mindestens seit dem Fr\u00fchjahr 2020 bestehenden informellen Personenzusammenschluss mit erheblicher Vernetzungsfunktion in Ostth\u00fcringen. Es ist keine programmatische Schrift der Gruppierung bekannt. Repr\u00e4sentative Aussagen f\u00fchrender Mitglieder und gemeinsam organisierten 33","Veranstaltungen lassen jedoch eine gemeinsame Willensbildung erkennen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet ist. Die Bestrebung tritt geschichtsrevisionistisch auf, vertritt antisemitisch grundierte Verschw\u00f6rungstheorien und lehnt aufgrund einer ethnischen Ungleichheitsannahme Migration ab. Im Jahr 2023 wurde der Personenzusammenschluss \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" als eine erwiesen rechtsextremistische Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung zum Beobachtungsobjekt im Ph\u00e4nomenbereich Rechtsextremismus erhoben. Die genannte Gruppierung nimmt an bundesweiten geschichtsrevisionistischen Gedenkveranstaltungen und rechtsextremistischen Veranstaltungen teil. In Ostth\u00fcringen organisiert sie zudem geschichtsrevisionistische Gedenkveranstaltungen mit positiven Bez\u00fcgen zum historischen Nationalsozialismus. Der Personenzusammenschluss bem\u00fcht sich um Vernetzung von extremistischen Akteuren der Region sowie um ein koordiniertes Vorgehen gegen das bestehende \"System\" auch au\u00dferhalb demokratischer Prozesse. Im Berichtszeitraum organisierte der Personenzusammenschluss keine eigenen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen. Er beteiligte jedoch an mindestens sechs Veranstaltungen mit unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtung wie dem neonazistischen Dresden-Gedenken am 11. Februar, einem durch Extremisten gepr\u00e4gten Protest in Ramstein (Rheinland-Pfalz) am 26. Februar, sowie an mehreren Protesten in Ostth\u00fcringen. Am Dresden-Gedenken beteiligten sich Personen, die den \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" zuzurechnen sind. Sie legten einen Trauerkranz mit dem Logo der Gruppierung nieder und verwendeten den Begriff \"alliierter Bombenterror\", der im Rechtsextremismus typischerweise verwendet wird, um alliierte Bombenangriffe mit den Verbrechen des Nationalsozialismus gleichzusetzen und letztere somit zu relativieren. Es handelt sich dabei um eine Form von T\u00e4ter-Opfer-Umkehr, da die deutsche Verantwortung f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg systematisch au\u00dfer Acht gelassen wird. Einzelne Mitglieder sowie der R\u00e4delsf\u00fchrer der Gruppierung verwendeten mehrmals in ihren Reden auf Versammlungen die verbotene Sentenz \"Alles f\u00fcr Deutschland\", bei der es sich um die Losung der paramilit\u00e4rischen Kampforganisation \"Sturmabteilung\" (SA) der NSDAP handelt.16 W\u00e4hrend \u00f6ffentlichkeitswirksame eigene Veranstaltungen f\u00fcr das Jahr 2024 von den \"Patrioten Ostth\u00fcringen\" nicht zu erwarten sind, ist die Rolle zu betonen, die den \"Patrioten\" bei der 16 Zuletzt w\u00e4hrend der rechtsextremistischen Kundgebung zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2023 in Gera. 34","virtuellen Vernetzung und Professionalisierung der extremistischen Proteste im Bereich der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates17 zukommt. Es ist zudem davon auszugehen, dass Mitglieder der Bestrebung weiterhin geschichtsrevisionistische Gedenkveranstaltungen in Ostth\u00fcringen durchf\u00fchren werden. Verein \"Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.\" Der Verein \"Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.\" hat sich vorrangig das Weltkriegsgedenken zum Vereinsziel gesetzt. Hierbei wird dieses Gedenken jedoch insofern eingeschr\u00e4nkt, als dass lediglich der deutschen Opfer sowie vorrangig derer des Zweiten Weltkrieges gedacht wird. Im Ergebnis legt dies eine Glorifizierung deutscher Taten und eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr nahe. Die bei neonazistischem Heldengedenken \u00fcbliche Beschr\u00e4nkung auf deutsche \"Opfer\" des Zweiten Weltkrieges best\u00e4tigt sich in Ansehung der Veranstaltungen des Vereins, die durch Rechtsextremisten organisiert werden und eine Heroisierung deutscher Soldaten anstreben. Die Tatsache, dass es sich um einen durch das nationalsozialistische Deutschland initiierten Angriffskrieg handelte, der eng mit der Umsetzung der Shoah verbunden war und auch gegen die Zivilbev\u00f6lkerung gef\u00fchrt wurde, spielt in dieser extremistischen Form des Erinnerns keine Rolle. Zur Umsetzung des Gedenkens errichtete der Verein an einer genutzten Immobilie in Guthmannshausen ein eigenes Denkmal. Zu den vereinseigenen Veranstaltungen wird rechtsextremes Gedankengut gelebt und verbreitet. Am 23. April 2021 wurde das Geb\u00e4ude durch einen Brand zerst\u00f6rt. Im Berichtszeitraum wurde der Wiederaufbau weiter vorangetrieben. Die Immobilie bleibt eine feste Veranstaltungs\u00f6rtlichkeit, \u00fcber die Rechtsextremisten regelm\u00e4\u00dfig zu Vernetzungsveranstaltungen verf\u00fcgen k\u00f6nnen. So fanden in den Innenr\u00e4umen und im Umfeld regelm\u00e4\u00dfige organisierte Veranstaltungen statt. Ab Februar wurde monatlich eine \u00f6ffentliche Gedenkstunde zugunsten der deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges angeboten. Mitunter erstreckten sich die Veranstaltungen \u00fcber mehrere Tage. Zudem richteten die Veranstalter mindestens vier Liederabende mit rechtsextremen Einzelmusikern (\"Liedermacher\") aus. Durch die seit dem Jahr 2022 regelm\u00e4\u00dfig veranstalten Liederabende werden auch Personen angesprochen, welche bislang nicht im Kontakt mit dem 17 Siehe Abschnitt IV. 35","\"Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.\" standen. Mit Abschluss der Wiederert\u00fcchtigung des Geb\u00e4udes ist in Zukunft von einer Intensivierung des Veranstaltungsgeschehens auszugehen. Exkurs: Geschichtsrevisionismus Der Geschichtsrevisionismus, d. h. die planvolle Umdeutung etablierter geschichtlicher Tatsachen und Kausalzusammenh\u00e4nge, kann ein verbindendes Element zwischen Rechtsextremisten, Reichsb\u00fcrgern und Selbstverwaltern, sowie Extremisten im Bereich der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates bezeichnet werden. Vergleiche zwischen Pandemiepolitik und Nationalsozialismus, die Gegner der Ma\u00dfnahmen zu Eind\u00e4mmung der Pandemie bzw. Impfskeptiker mit Verfolgten des Nationalsozialismus, mit Widerstandsoder Freiheitsk\u00e4mpfern und/oder mit Verfolgten in Unrechtsregimen ganz grunds\u00e4tzlich gleichsetzen, stellten in den zur\u00fcckliegenden Jahren ein einigendes Band zwischen Extremisten einer ansonsten heterogenen Protestszene dar. Zugleich sind sie auch inhaltlich verfassungsschutzrelevant, denn sie deuten auf eine relativierende Haltung unter anderem gegen\u00fcber den historischen Verbrechen des Nationalsozialismus hin. Besonders Rechtsextremisten dr\u00fccken dabei geschichtsrevisionistische Positionen regelm\u00e4\u00dfig dadurch aus, dass geschichtliche Abl\u00e4ufe umgedeutet oder in ihrer Bedeutung relativiert werden. So erinnert etwa das allj\u00e4hrliche geschichtsrevisionistische Gedenken an die alliierten Bombenangriffe bspw. auf Dresden an die \"deutschen\" Opfer und spricht in diesem Zusammenhang von \"Bombenholocaust\". Ziel ist es dabei, die deutsche Rolle gerade durch Auslassung wichtiger Informationen (Angriffskrieg, Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen und V\u00f6lkermord, planvolle Ermordung von Nichtkombattanten u. v. m.) zu relativieren und mit einem wachsenden zeitlichen Abstand zu den Ereignissen schleichend diese Geschichtsbilder zu verschieben. Das AfV ist bei der Analyse derartiger geschichtsrevisionistischer \u00c4u\u00dferungen nicht verpflichtet, zweideutige \u00c4u\u00dferungen gegen jede Logik als verfassungskonform auszulegen. 18 Bei der Ber\u00fccksichtigung von \u00c4u\u00dferungen, die zwar auf den ersten Blick zweideutig sind, muss zun\u00e4chst versucht werden diese unter Einbeziehung des jeweiligen Kontexts und des nachrichtendienstlichen Hintergrundwissens zu vereindeutigen. Es m\u00fcssen dabei - anders als im Strafverfahren - nicht alle nach dem abstrakten Wortlaut einer \u00c4u\u00dferung theoretisch denkbaren Deutungsm\u00f6glichkeiten ber\u00fccksichtigt werden. Vielmehr darf darauf abgestellt werden, wie die konkreten Adressaten in dem jeweiligen Personenzusammenschluss eine \u00c4u\u00dferung vern\u00fcnftiger Weise verstehen d\u00fcrfen. Insbesondere sind spezifische Terminolo18 Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 23. November 2011, 1 B 111.10, Rn. 48. 36","gien, Signalw\u00f6rter und Vorverst\u00e4ndnisse des jeweiligen Ph\u00e4nomenbereichs zu ber\u00fccksichtigen. Des Weiteren sind auch weitere Positionierungen innerhalb eines Beobachtungsobjekts zu ber\u00fccksichtigen, die sich an eine \u00c4u\u00dferung anschlie\u00dfen. Personenkreis um Tommy Frenck Der Th\u00fcringer Rechtsextremist Tommy Frenck bet\u00e4tigt sich als Regionalpolitiker, Versandh\u00e4ndler und Betreiber des Gasthauses \"Goldener L\u00f6we\" in Kloster Ve\u00dfra. Er zielt mit seiner Agitation auf \u00f6ffentliche Wahrnehmung und die Erschlie\u00dfung von Resonanzr\u00e4umen f\u00fcr seine rechtsextremistischen Positionen ab. Mit Beschluss des Th\u00fcringer Oberverwaltungsgericht (OVG) Weimar vom 19. September hat Frenck im Rechtsstreit um das Vorkaufsrecht am Grundst\u00fcck des Gasthauses \"Goldener L\u00f6we\" in Kloster Ve\u00dfra eine juristische Niederlage erlitten. Das Gericht lehnte Frencks Antrag auf Zulassung der Berufung gegen ein Urteil des Verwaltungsgerichts Meiningen aus dem Jahr 2021 ab und sprach der Gemeinde Kloster Ve\u00dfra das Vorkaufsrecht am Grundst\u00fcck zu. Die Verfahrenskosten wurden Frenck auferlegt. Bei Facebook reagierte Frenck auf die Medienberichte \u00fcber seine juristische Niederlage vor dem OVG und zweifelte die Unabh\u00e4ngigkeit des Gerichtes an. Weiter teilte er mit, dass sein Anwalt eine Verfassungsbeschwerde pr\u00fcfe. Bereits durch die pandemiebedingten Einschr\u00e4nkungen und die zuletzt verst\u00e4rkten beh\u00f6rdlichen Auflagen bei der Durchf\u00fchrung von Musikveranstaltungen, war eine deutliche Abnahme von Veranstaltungsaktivit\u00e4ten Frencks mit gr\u00f6\u00dferen Teilnehmerzahlen zu verzeichnen. Aufgrund der absehbar endenden Nutzung des Gasthauses \"Goldener L\u00f6we\" in Kloster Ve\u00dfra, wird - auch aufgrund von Frencks eigener Ank\u00fcndigung in sozialen Medien - davon ausgegangen, dass sich er sich um ein Ausweichobjekt bem\u00fcht. Verzahnung von Gewinnerwirtschaftung und rechtsextremistischer Ideologie Frenck steht beispielhaft f\u00fcr Angeh\u00f6rige des organisierten Rechtsextremismus, die ihren Lebensunterhalt mit Angeboten an die Szene erwirtschaften. Dazu z\u00e4hlen beispielsweise Veranstaltungen, die sich an ein rechtsextremistisches Publikum richten, oder die darauf abzielen, Personen f\u00fcr die Szene zu rekrutieren, der Vertrieb rechtsextremistischer Devotionalien sowie die Selbstvermarktung als \u00fcberregional bekannter Szeneangeh\u00f6riger. 37","Am 20. April warb Frenck anl\u00e4sslich des Geburtstags von Adolf Hitler im Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" mit einem Schnitzel-Sonderangebot. Mit dem auch in sozialen Netzwerken beworbenen Verkaufspreis von 14,88 Euro griff er bei Rechtsextremisten beliebte Zahlencodes auf. Die j\u00e4hrlich wiederholte Aktion verdeutlicht, dass der Rechtsextremist unternehmerische Aktivit\u00e4t eng mit rechtsextremistischer Ideologie verbindet. Zahlencode 88 Die Acht steht f\u00fcr den achten Buchstaben des Alphabets. 88 steht somit f\u00fcr HH - als Abk\u00fcrzung f\u00fcr den verbotenen Gru\u00df \"Heil Hitler\". Frenck betreibt auch weiterhin einen OnlineVersandhandel. \u00dcber diesen werden unter anderem Textilien und andere Devotionalien mit Symbolen der US-amerikanischen, rechtsextremistischen und rassistischen Geheimorganisation Ku-Klux-Klan zum Erwerb angeboten. Mit der Herausgabe seines Buches \"Leben wir in einem freien Land?\" im Juni hat Frenck eine weitere Einnahmequelle f\u00fcr sich erschlossen. In dieser Publikation versucht sich der Rechtsextremist als Widerstandk\u00e4mpfer gegen staatliche Repression darzustellen, wobei ihn der bevorstehende Verlust des Gasthauses Frenck in seinem Weltbild noch best\u00e4rken d\u00fcrfte. Veranstaltungen Zugleich ist Frenck auch im aktionsorientierten Rechtsextremismus verwurzelt und tr\u00e4gt dazu bei, seine rechtsextremistische Ideologie in Taten umzusetzen. Gerade diese Aktivit\u00e4ten zeigen, dass Rechtsextremisten im l\u00e4ndlichen Raum darauf abzielen, ein Klima der Angst zu erzeugen, das diese Orte f\u00fcr ihre politischen Gegner unattraktiv machen soll. Im Fr\u00fchjahr etwa agierte Frenck kampagnenartig in den sozialen Medien gegen die Unterbringung Gefl\u00fcchteter in einem ehemaligen Krankenhaus in Schleusingen. Am 12. April meldete Frenck eine Demonstration \"Nein zum 38","Asylheim\" in Schleusingen an, der sich 615 Personen anschlossen. Gegen den ebenfalls teilnehmenden Rechtsextremisten Axel Schlimper wurde wegen seines Redebeitrages eine Anzeige wegen des Anfangsverdachts der Aufforderung zu Straftaten aufgenommen. Schlimper soll ge\u00e4u\u00dfert haben: \"Wenn die Demonstrationen nichts bringen, dann muss man halt die Taktik \u00e4ndern, dann muss man die Bude besetzen oder die ankommenden Busse blockieren\". Frenck bet\u00e4tigt sich zudem als Organisator geschichtsrevisionistischer Gedenkveranstaltungen in Th\u00fcringen. Allj\u00e4hrlich initiiert er in zeitlicher N\u00e4he zum Volkstrauertag in Schleusingen eine Demonstration zum sog. Heldengedenken, so auch im Berichtszeitraum als sich am 18. November bis zu 95 Personen - unter ihnen zahlreiche amtsbekannte Rechtsextremisten - aus diesem Anlass versammelten. 4. Staatliche Ma\u00dfnahmen Das Jahr 2023 war unter anderem von erfolgreichen Verbotsverfahren gegen zwei zentrale bundesweit agierende rechtsextremistische Bestrebungen - die \"Hammerskins\" und die \"Artgemeinschaft\" - gepr\u00e4gt. Das klandestine, systematische und andauernde Vorgehen der beiden Bestrebungen unterstreicht die Gefahren, die vom organisierten Rechtsextremismus f\u00fcr die freiheitliche Grundordnung in einer Phase ausgehen, in der auch eine gegenl\u00e4ufige Tendenz zu weniger formell strukturierten Aktivit\u00e4ten vorzuherrschen scheint. Beide Verbotsverfahren wurden unter Beteiligung Th\u00fcringer Sicherheitsbeh\u00f6rden umgesetzt. Ihre Erkenntnisse der vergangenen Jahre haben gemeinsam mit denen im beh\u00f6rdlichen Verbund zu einer Erkenntnislage beigetragen, die sich in den Verbotsverf\u00fcgungen des Bundesministeriums des Innern und f\u00fcr Heimat niedergeschlagen hat. Vereinsverbote erm\u00f6glichen es dem zust\u00e4ndigen Innenministerium des Bundes bzw. - sofern die Gruppierungen ihre Aktivit\u00e4ten ma\u00dfgeblich innerhalb eines Landes entfalten - auch Innenministerien der L\u00e4nder, den Nachweis \u00fcber verfassungsfeindliche Aktivit\u00e4ten eines Vereins zu f\u00fchren, seine Bet\u00e4tigung einzuschr\u00e4nken sowie etwaige Materialien mit Vereinsbezug im Rahmen der Umsetzung einer Verbotsverf\u00fcgung zu beschlagnahmen. In Reaktion 39","auf die erfolgreichen Vereinsverbote trat eine wahrnehmbare Verunsicherung des organisierten Rechtsextremismus in Th\u00fcringen ein. Gruppierungen, auch solche mit Th\u00fcringenbezug wie beispielsweise die \"Arische Bruderschaft\", gaben etwa pr\u00e4ventiv ihre Selbstaufl\u00f6sung bekannt. Das Signal, dass von diesen Verboten ausgeht und in der rechtsextremistischen Szene wahrgenommen wird, ist klar: Auf Dauer angelegte Bestrebungen gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung ziehen, neben strafrechtlichen Konsequenzen auch ein Verbot ebendieser verfassungsfeindlichen Aktivit\u00e4ten nach sich. \"Hammerskins Deutschland\" / \"Crew 38\" Am 19. September hat das Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat den Verein \"Hammerskins Deutschland\" einschlie\u00dflich seiner dreizehn regionalen Chapter sowie der Teilorganisation \"Crew 38\" verboten, da diese nach Zweck und T\u00e4tigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen und sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung sowie den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Von den Exekutivma\u00dfnahmen in zehn Bundesl\u00e4ndern waren auch zwei Mitglieder der \"Hammerskins\" aus Th\u00fcringen betroffen. Die \"Hammerskins\" schlossen sich in den USA im Jahr 1988 in der \"Hammerskin-Nation\" zusammen und breiteten sich von dort in zahlreiche weitere L\u00e4nder aus. Zu Beginn der 1990er Jahren fielen sie erstmals durch Aktivit\u00e4ten in Deutschland auf und etablierten hier regionale Ableger (\"Chapter\"). Diese werden von der \"Crew 38\" (C38) unterst\u00fctzt. In Th\u00fcringen geh\u00f6rten wenige Einzelpersonen der \"Hammerskin-Nation\" an. Diese bildeten kein eigenes Th\u00fcringer Chapter, sondern schlossen sich regionalen Untergliederungen in zwei angrenzenden Bundesl\u00e4ndern an. Die rassistischen und in Teilen nationalsozialistischen \"Hammerskins\" sahen sich in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis als Elite der rechtsextremistischen Skinhead-Szene. Ihre rassistische Ideologie fu\u00dfte auf der Annahme einer angeblichen \u00dcberlegenheit der wei\u00dfen Rasse, die im Englischen als \"white supremacy\"19 bezeichnet wird. Dem folgend lautete der Leitsatz der \"Hammerskins\": \"We must secure the existence of our race and a future for white children.\"20 Als dessen Urheber gilt der im Jahr 2007 verstorbene US-Rechtsterrorist David Lane. 19 Deutsch: \"wei\u00dfe Vorherrschaft\". 20 Deutsch: \"Wir m\u00fcssen die Existenz unserer Rasse und eine Zukunft f\u00fcr die wei\u00dfen Kinder sch\u00fctzen.\" 40","In Anspielung auf ihren Namen w\u00e4hlten die Hammerskins als Erkennungszeichen zwei gekreuzte Zimmermannsh\u00e4mmer vor einem Zahnrad. Die Zahlen drei und acht im Namen der ehemaligen Unterst\u00fctzerorganisation \"Crew 38\" stehen f\u00fcr die Buchstaben C und H. Diese bilden das K\u00fcrzel f\u00fcr \"crossed hammers\" und spielen damit auf das Logo mit den gekreuzten H\u00e4mmern an. In ihrer Organisation mit \"Chapters\" (Ortsgruppen) und \"Supporters\" (Unterst\u00fctzern) \u00e4hnelten die \"Hammerskins\" Motorradclubs. Dies galt auch f\u00fcr den internen Aufstieg vom \"Hangaround\" (unterste Stufe der Mitgliedschaft) \u00fcber den Anw\u00e4rterstatus \"Prospect of the Nation\" (PotN) zum \"Vollmitglied\". In Deutschland vermieden es die \"Hammerskins\", \u00f6ffentlich in Erscheinung zu treten. Auch in Th\u00fcringen fanden in der Vergangenheit klandestine Treffen und rechtsextremistische Musikveranstaltungen mit Bez\u00fcgen zu den \"Hammerskins\" statt. Nach dem Verbot der \"Hammerskins Deutschland\" besteht der Beobachtungsauftrag des Verfassungsschutzes fort, um m\u00f6gliche Nachfolgebestrebungen feststellen zu k\u00f6nnen. Die Artgemeinschaft - Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer Lebensgestaltung e. V. (Artgemeinschaft) Am 26. September hat das Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat den Verein \"Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer Lebensgestaltung e.V.\" (\"Artgemeinschaft\") einschlie\u00dflich seiner Teilorganisationen verboten, da diese sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Bei der 1951 gegr\u00fcndeten \"Artgemeinschaft\" handelte es sich um eine germanisch neuheidnische Glaubensgemeinschaft, die sich ideologisch auf einen rassebiologisch hergeleiteten Volksbegriff, den so genannten Artglauben bezieht. Die Gemeinschaft mit Vereinssitz in Berlin basierte somit auf einer klaren Unterscheidung zwischen \"arteigenen\" und \"artfremden\" Menschen, denen qua Geburt bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Als gesellschaftspolitisches Projekt strebte die \"Artgemeinschaft\" eine Gesellschaftsordnung - mit Anleihen an den nationalsozialistischen F\u00fchrerstaat - an, die Hierarchien aufgrund rassebiologischer Kriterien realisiert. Der Verein stand somit den Wertprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, insbesondere den im Grundgesetz konkretisierten 41","Menschenrechten entgegen. Bundesweit lie\u00dfen sich der \"Artgemeinschaft\" ca. 150 Mitglieder zurechnen. Das Th\u00fcringer Personenpotenzial lag etwa im unteren zweistelligen Bereich. Am 27. September wurde die durch das Bundesministerium des Inneren und f\u00fcr Heimat erlassene Verbotsverf\u00fcgung des Vereins \"Artgemeinschaft\" umgesetzt. Von den in diesem Zusammenhang durchgef\u00fchrten polizeilichen Durchsuchungen waren Wohnungen und weitere R\u00e4umlichkeiten von 39 Vereinsmitgliedern in 12 Bundesl\u00e4ndern erfasst, davon drei in Th\u00fcringen. Es wurden unter anderem Speere, Wurf\u00e4xte, Vortragsutensilien, B\u00fccher und Speichermedien beschlagnahmt sowie (weitere) Waffen und Munition sichergestellt. Die \"Artgemeinschaft\" mietete sich regelm\u00e4\u00dfig in eine Veranstaltungsst\u00e4tte in Th\u00fcringen ein. Auch im Jahr 2023 wurden dort verschiedenste Zusammenk\u00fcnfte und Feierlichkeiten mit Teilnehmerzahlen im unteren dreistelligen Bereich registriert. Diese Treffen wurden im Wesentlichen ohne eine Beteiligung der \u00d6ffentlichkeit abgehalten. Die \"Artgemeinschaft\" griff umfassend auf gesellschaftspolitische Vorstellungen zur\u00fcck, die in Deutschland im historischen Nationalsozialismus gepr\u00e4gt wurden. Dabei standen zwei zentrale Ideen im Vordergrund: Orientierung an rassebiologischer Abstammung Im historischen Nationalsozialismus wurde der Versuch unternommen, systematisch zentrale gesellschaftspolitische Fragen an rassebiologischen Grundlagen zu orientieren. Dieser Versuch einer Ableitung von Antworten auf gesellschaftliche Fragen aus der Biologie diente der \"Artgemeinschaft\" explizit als Blaupause f\u00fcr die Gegenwart: Deutlicher Beleg hierf\u00fcr ist das 2015 erschienene Kinderbuch \"Zwerg H\u00fcting zeigt Heiner den Weg\". Es stellt lediglich eine \u00fcberarbeitete Fassung einer bereits 1939 erschienenen rassenantisemitischen Schrift von Werner Graul dar. Dieses Buch wurde als 2. Auflage (erschienen 2021) \u00fcber die Internetseite der \"Artgemeinschaft\" zum Kauf angeboten. Leben als Kampf Der Ansatz versteht das Leben als Kampf von durch Abstammung und nicht prim\u00e4r durch individuelle F\u00e4higkeiten unterschiedlich begabten Menschen sowie einander \u00fcberund untergeordneten V\u00f6lkern. Das sog. \"Artbekenntnis\", dem Mitglieder zustimmen mussten, formu42","liert den \"Kampf\" als \"naturnotwendig f\u00fcr alles Werden, Sein und Vergehen\" sowohl des \"Einzelnen\" als auch der \"Art\". Dieses Verst\u00e4ndnis ist notwendige Konsequenz eines auf Abstammung gr\u00fcndenden Gesellschaftsbildes, in dem sich durch Wettstreit und Leistung lediglich nat\u00fcrliche Unterschiede zwischen den Rassen und deren Angeh\u00f6rigen abbilden. Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft definierte sich vor allem durch Ausgrenzung derjenigen, die - qua Abstammung - nicht zu ihr geh\u00f6ren sollten. Die \"Artgemeinschaft\" definierte sich im Gegensatz dazu - aufgrund ihres derzeitig geringen Einflusses - vor allem dadurch, wer zu ihr geh\u00f6ren darf. Die allt\u00e4gliche Gewalt (\"Leben als Kampf\") - eine \"Vergemeinschaftung von Gewalt\" - ist aber zentral f\u00fcr die verfassungsfeindlichen Ziele sowohl der \"Artgemeinschaft\" als auch der historischen Ziele des Nationalsozialismus. Entgegen eines staatlichen Gewaltmonopols kann gerade die Gewalt gegen Andere dabei als zentraler Aspekt der Vergesellschaftung dienen. In der \"Artgemeinschaft\" verband sich eine Ideologie auf rassistischer und antisemitischer Grundlage in Form des \"Sittengesetzes\" mit einem klaren Handlungsauftrag zur Errichtung einer vermeintlich 'artreinen' abgeschlossenen Gemeinschaft. Dieses \"Sittengesetz\", das f\u00fcr Mitglieder Bekenntnischarakter hatte, schloss \"Todesverachtung\" mit ein. Die eigentliche Gefahr der \"Artgemeinschaft\" ging somit von ihrem klandestinen Vernetzungscharakter aus. Der Verein versuchte, ein Mehrgenerationenprojekt zur \u00dcberwindung der bestehenden Ordnung zu realisieren, indem schon Kinder und Jugendliche im Sinne der Vereinsziele erzogen wurden. Bis zum Ende des Berichtszeitraumes hatte die Verbotsverf\u00fcgung noch keine Rechtskraft erlangt. 5. Weitgehend unstrukturierte Rechtsextremisten Rechtsextremistische Musik Rechtsextremistische Musikgruppen und Einzelmusiker (\"Liedermacher\") transportieren durch Ihre Texte rechtsextremes Gedankengut. Sie vermitteln diese Ideologie den Zuh\u00f6rern oft auf einfache und eing\u00e4ngige Art und Weise. Zudem stellt rechtsextremistische Musik ein ideologisches Fundament niedrigschwelliger Vernetzung innerhalb des Rechtsextremismus, aber auch dar\u00fcber hinaus, dar. 43","Die Palette der verwendeten Musikstile (u. a. Rock, Heavy Metal, Gothic, Dark Wave, Black Metal, Hardcore, Rap, Schlager, Volkslieder) ist umf\u00e4nglich. In rechtsextremistischen Liedtexten werden mit h\u00f6chst unterschiedlicher Deutlichkeit rassistische, antisemitische, menschenverachtende oder gewaltverherrlichende Ansichten propagiert, staatliche Institutionen verunglimpft oder die nationalsozialistische Gewaltherrschaft glorifiziert. Dadurch gesch\u00fcrte Feindbilder pr\u00e4gen die h\u00e4ufig noch ungefestigten ideologischen Einstellungen der oft jugendlichen Konsumenten. Musikveranstaltungen einschl\u00e4giger Bands erzeugen bei den Besuchern ein Gef\u00fchl der Gemeinschaft und der St\u00e4rke. Auf Jugendliche, die der Szene noch nicht fest angeh\u00f6ren, sondern sich vorerst in deren Umfeld bewegen, \u00fcben die Musikveranstaltungen eine besondere Anziehungskraft aus. Rechtsextremistische Musiker In Th\u00fcringen waren im Jahr 2023 Musikgruppen im unteren zweistelligen Bereich sowie Einzelmusiker im untersten zweistelligen Bereich \"aktiv\". Im Vergleich mit den Vorjahren ist im Berichtszeitraum somit ein leichter Anstieg zu verzeichnen, der in Teilen auf eine neue Erscheinung der letzten Jahre zur\u00fcckgeht. Gruppen und Einzelpersonen traten auch nach zum Teil l\u00e4ngerer Inaktivit\u00e4t mit neuen Tontr\u00e4gern auf, die im Berichtsjahr ver\u00f6ffentlicht wurden. So hat beispielsweise ein rechtsextremistischer Einzelmusiker der 90-er und fr\u00fchen 2000-er Jahre wieder Aktivit\u00e4ten entfaltet, der zuvor \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeitspanne hinweg inaktiv war. Gerade in der rechtsextremistischen Musik genie\u00dfen Titel einiger inaktiver Bands und Einzelmusiker wie auch die Fr\u00fchphase des \"Rechtsrock\" insgesamt Kultstatus. H\u00e4ufig werden solche popul\u00e4ren Titel durch Interpreten gecovert. Dies beg\u00fcnstigt auch das beschriebene Ph\u00e4nomen einer (dauerhaften oder tempor\u00e4ren) R\u00fcckkehr vormaliger Musiker aus der Inaktivit\u00e4t. Rechtsextremistische Musikveranstaltungen Innerhalb der rechtsextremistischen Musikszene findet eine internationale Kooperation statt, die auf der gemeinsam empfundenen Zugeh\u00f6rigkeit zur \"White-Power\"-Bewegung und weitgehend \u00fcbereinstimmenden Feindbildern basiert.21 Einschl\u00e4gige Bands aus dem Ausland sind auch bei deutschen Rechtsextremisten beliebt. Entsprechende Gruppen treten 21 Unter \"White Power\" wird ein Slogan der \u00e4u\u00dferst heterogenen US-amerikanischen rechtsextremistischen Bewegung verstanden, der auf rassistischer Grundlage die \u00dcberlegenheit der \"wei\u00dfen Rasse\" annimmt und diese - auch unter Anwendung von Gewalt - sichern will. 44","auch bei Konzerten in Deutschland auf. Im Gegenzug beteiligen sich deutsche Bands an Veranstaltungen im Ausland. Im Folgenden wird auf die im Berichtszeitraum in Th\u00fcringen durchgef\u00fchrten rechtsextremistischen Musikveranstaltungen n\u00e4her eingegangen, soweit sie ein gewisses Ma\u00df an \u00f6ffentlicher Wahrnehmung erlangten. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden bewerten eine Musikveranstaltung als rechtsextremistisch, sofern folgende Kriterien erf\u00fcllt sind: * Live-Auftritt mindestens einer als rechtsextremistisch bewerteten Band bzw. eines Liedermachers * Szene\u00f6ffentlichkeit * Vortrag rechtsextremistischer Liedtexte bzw. Feststellung rechtsextremistischer Aktivit\u00e4ten der Interpreten anl\u00e4sslich der Veranstaltungen * Organisation der Veranstaltung durch rechtsextremistische Gruppierungen oder Einzelpersonen. Hierbei ist nicht erforderlich, dass Informationen zu allen Kriterien vorliegen. Mindestvoraussetzung sind der szene\u00f6ffentliche Live-Auftritt sowie Indizien f\u00fcr rechtsextremistische Inhalte, die sich insbesondere aus dem Auftritt einschl\u00e4giger Bands oder aus dem Vortrag entsprechender Lieder ergeben k\u00f6nnen. Zu ber\u00fccksichtigen sind bei der W\u00fcrdigung die Gesamtumst\u00e4nde der Veranstaltung, wie etwa der Ablauf, die Liedtexte, der Teilnehmerkreis, das Verhalten der Organisatoren, Bands und Teilnehmer und der Vertrieb rechtsextremistischer Tontr\u00e4ger und Devotionalien. Inwieweit es sich bei der rechtsextremistischen Veranstaltung um ein Konzert oder einen Liederabend handelt, h\u00e4ngt von den Gesamtumst\u00e4nden der Veranstaltung ab und ist im Einzelfall zu pr\u00fcfen. Anhaltspunkte zur Differenzierung sind beispielsweise die Anzahl der Musiker und das f\u00fcr den Auftritt gew\u00e4hlte Format (Einzelinterpret, Band), das Musik-Genre, die eingesetzte Technik (Verst\u00e4rkung vers. akkustische Auftritte) und die Liedtexte. Rechtsextremistische Konzerte Die beiden im Berichtszeitraum in Th\u00fcringen geplanten rechtsextremistischen Konzertveranstaltungen, die \u00f6ffentlich bekannt geworden sind, wurden polizeilich aufgel\u00f6st. 45","Datum Ort Teilnehmerzahl Bands/Liedermacher 1. April Zeulenroda-Triebes 138 \"Sick Society\", \"True Aggression\", (aufgel\u00f6st) \"The Tenderizers\" 18. NoSonneberg (aufge70 \"Unbeliebte Jungs\" u.a. vember l\u00f6st) Tabelle 2: \u00dcbersicht rechtsextremistische Konzerte Die Intensivierung des Konzertgeschehens setzte sich verhalten fort, wobei die Anzahl der Veranstaltungen unter dem Niveau der Vor-Corona-Jahre blieb. Rechtsextremistische Liederabende Im Berichtszeitraum war gegen\u00fcber dem Vorjahr ein deutlicher Anstieg durchgef\u00fchrter rechtsextremistischer Liederabende in Th\u00fcringen auf 26 (2022: 4) zu verzeichnen. Zwei dieser Veranstaltungen wurden aufgel\u00f6st. Zwei weitere Liederabende, die im November in Suhl und im Dezember in Bleicherode-Wolkramshausen geplant waren, konnten bereits im Vorfeld verhindert werden. Durch die Art der Darbietung (zumeist Einzelinterpret mit Akustikgitarre) stehen die Texte und deren politische Inhalte bei diesem Veranstaltungsformat besonders im Vordergrund. Trotz der harmlos klingenden Bezeichnung \"Liederabend\" schaffen derartige Veranstaltungen im kleinen Kreis eine gemeinschaftliche Atmosph\u00e4re, die Rechtsextremisten zum Feiern, Singen, aber auch zum Planen und Vernetzen einl\u00e4dt. Die damit verbundenen Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung d\u00fcrfen nicht untersch\u00e4tzt werden. Zu den Veranstaltungen im Einzelnen: Datum Ort Teilnehmerzahl Bands/Liedermacher 28. Januar Eisenach 97 \"Heureka\", \"Regiment 25\" 3. Februar Unbekannt Unbekannt \"FreilichFrei\", \"RAC'n'Roll Teufel\" 18. FebruGuthmannshausen Unbekannt \"FreilichFrei\" ar 18. FebruOhrdruf (aufgel\u00f6st) 30 \"Hermunduren\" ar 18. M\u00e4rz Guthmannshausen Unbekannt \"Renitenz\" 18. M\u00e4rz Sonneberg Unbekannt \"Kavalier\" 22. April Guthmannshausen Unbekannt \"Der Bienenmann\" 46","Datum Ort Teilnehmerzahl Bands/Liedermacher 28. April Kloster Ve\u00dfra Unbekannt \"Hannes von Kategorie C\", \"Heureka\", \"Symphonie des Blutes\" 28. April Eisenach Unbekannt Unbekannt 5. Mai Kloster Ve\u00dfra Unbekannt \"Phil von Flak\" 6. Mai Eisenach Unbekannt Vermutlich \"FreilichFrei\" und \"Der Hoffnungstr\u00e4ger\" 20. Mai Eisenach 69 \"Sturmrebellen\", \"Heureka\" 20. Mai Guthmannshausen Unbekannt Liedermacher aus Sachsen 9. Juni Vermutl. Eisenach Unbekannt \"FreilichFrei\" 16. Juni Eisenach 68 \"Flak Solo\" 23. Juni Eisenach 86 \"Sleipnir\" 24. Juni Eisenach 68 \"Sleipnir\" 8. Juli Eisenach 45 \"Flatlander\" 22. Juli Unbekannt Unbekannt Liedermacher aus Th\u00fcringen 5. August Guthmannshausen 50 Liedermacher aus Sachsen 17. SepEisenach 88 \"Lunikoff\" tem-ber 22. SepSchleiz Unbekannt Frank Rennicke tem-ber 7. Oktober Eisenach 84 \"F.i.e.L.\" 21. OktoSuhl Unbekannt Liedermacher aus Th\u00fcringen ber 21. OktoZeulenroda-Triebes 44 \"Hannes von Kategorie C\", \"Heureka\" ber Ende OkErfurt Unbekannt \"Vision\u00e4r\" tober 18. NoUnbekannt Unbekannt \"FreilichFrei\" vember 15. DeKloster Ve\u00dfra (auf50 \"Kategorie C\", \"Heureka\" zember gel\u00f6st) Tabelle 3: \u00dcbersicht rechtsextremistische \"Liederabende\" Daneben traten rechtsextremistische Liedermacher auch im Rahmen zahlreicher anderer Veranstaltungen wie z. B. \"Heldengedenken\", Gedenkstunden und Vortragsveranstaltungen auf. Hier bewegt sich die Anzahl der Veranstaltungen im Berichtszeitraum auf konstant hohem Niveau. 47","Dar\u00fcber hinaus haben rechtsextremistische Liedermacher sp\u00e4testens im Jahr 2022 begonnen, ihren Radius zu erweitern und sog. Graubereiche f\u00fcr sich zu erschlie\u00dfen. Ebenso wie rechtsextremistische Parteien versuchten sie, die in Teilen der Bev\u00f6lkerung vorhandene Unzufriedenheit mit der politischen Situation f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren. So kam es zu Darbietungen rechtsextremistischer Liedermacher auf von Akteuren der Protestbewegung organisierten Veranstaltungen, oder solchen, die der \"Reichsb\u00fcrger\"-Bewegung zuzurechnen waren. Der Trend weg von gr\u00f6\u00dferen Konzerten hin zu kleineren, \u00fcberschaubaren Musikveranstaltungen hat sich im Berichtszeitrum weiter verstetigt. Vornehmlich strategische Aspekte bestimmen diese Vorgehensweise: Der logistische sowie der finanzielle Aufwand des jeweiligen Veranstalters wird minimiert, die Risikoabw\u00e4gung f\u00fcr den Veranstalter insgesamt erleichtert. Zugleich bleiben Organisation und Durchf\u00fchrung der Veranstaltung wieder verst\u00e4rkt im Verborgenen. Eine Ausnahme von dieser Praxis bildeten prim\u00e4r die Veranstaltungen im \"Flieder Volkshaus\" in Eisenach, die im Vorfeld angezeigt wurden. Da sich der Musikbereich seit Jahren dynamisch entwickelt und sich an gesellschaftliche und politische Entwicklungen anpasst, ist \u00fcber das Berichtsjahr hinaus etwa mit der Erschlie\u00dfung neuer Formate und/oder Veranstaltungsobjekte zu rechnen. Kampfsport als rechtsextremistisches Aktionsfeld Die Bedeutung des Kampfsports f\u00fcr die rechtsextremistische Szene ist im Laufe der letzten Jahre deutlich gestiegen. Mittlerweile existiert ein europaweites Netzwerk unterschiedlicher Kampfsportlabels, Bekleidungsvertriebe und Veranstaltungsorganisatoren. Auch ideologisch betten die unterschiedlichen Akteure den Kampfsport in ihr rechtsextremistisches Weltbild ein, um die sportliche Aktivit\u00e4t und mittelbar auch sich selbst als eine selbsternannte nationale Elite aufzuwerten. Entwicklung In der R\u00fcckschau auf die vergangenen Jahre hat sich der Kampfsport neben rechtsextremistischen Musikveranstaltungen zu einem Bereich entwickelt, der den aktionsorientierten Rechtsextremismus dominiert und zudem eine nicht unerhebliche Rekrutierungsfunktion besitzt. Ferner hat der Kampfsport einen ma\u00dfgeblichen Anteil an der Professionalisierung und Kommerzialisierung der rechtsextremistischen Szene. 48","Noch in den fr\u00fchen 2000er Jahren beschr\u00e4nkte sich die damals kleine rechtsextremistische Kampfsportszene darauf, durch die blo\u00dfe Teilnahme an unpolitischen Kampfsportereignissen ihre Zielgruppe zu erreichen. In den letzten Jahren war jedoch ein rapider Zuwachs an rechtsextremistischen Veranstaltungen im Bereich des Kampfsports zu beobachten, die in Eigenregie organisiert wurden. Dieser Umstand ist auch auf eine gestiegene Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckzuf\u00fchren. Unpolitische Veranstalter kommerzieller Kampfsportevents gerieten zunehmend unter Druck, wenn sie einen bekannten Rechtsextremisten in das K\u00e4mpferverzeichnis aufnahmen. Demzufolge belie\u00dfen es die rechtsextremistischen Akteure nicht dabei, lediglich an Wettk\u00e4mpfen anderer Organisatoren teilzunehmen. Stattdessen gingen sie dazu \u00fcber, diese selbst zu veranstalten. Vor dem Hintergrund einer gewissen Gewinnerzielungsabsicht, stellten sich auch eine Professionalisierung sowie ein hoher Vernetzungsgrad zwischen den Veranstaltern verschiedener Events ein. Solche Veranstaltungen ziehen regelm\u00e4\u00dfig internationale rechtsextremistische Protagonisten an. Zudem ist im R\u00fcckblick auf die fr\u00fchen 2000er Jahre mittlerweile erkennbar, dass die rechtsextremistische Kampfsportszene vor dem Hintergrund des Erfahrungsgewinns und der Erweiterung des Zielgruppen-Spektrums auch wieder vermehrt an unpolitischen Kampfsportereignissen teilnimmt, dabei jedoch ihre Gesinnung nicht offen zur Schau stellt. Ein Grund daf\u00fcr k\u00f6nnte sein, neben den eigenen F\u00e4higkeiten auch das rechtsextremistische Weltbild in K\u00e4mpfen mit Personen etwa mit Migrationshintergrund erproben zu wollen. Ideologie und Kommerzialisierung Die Vorteile f\u00fcr die Organisatoren und die Teilnehmer im Bereich des rechtsextremistischen Kampfsportes scheinen sich in einer Weise zu erg\u00e4nzen, die den Aufstieg von rechtsextremistischem Kampfsport beg\u00fcnstigt hat: Ebenso wie die rechtsextremistische Musik erm\u00f6glicht der Kampfsport eine erhebliche Kommerzialisierung politischer Bet\u00e4tigung, was ihn in den Augen der Organisatoren positiv von klassischen Bet\u00e4tigungsfeldern wie Demonstrationen oder politischer Agitation abgrenzt. Zugleich bestehen f\u00fcr die Kampfsportler relativ geringe Zugangsh\u00fcrden, da zun\u00e4chst nicht der ideologische und politische Austausch, sondern die k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t im Vordergrund steht. Zudem f\u00fchrt die Bet\u00e4tigung in einer Bestrebung, die h\u00e4ufig nicht augenf\u00e4llig rechtsextremistisch ist, nicht zu einer sozialen \u00c4chtung. Vor diesem Hintergrund wird der Kampfsport in der Szene als Bindeglied genutzt, dessen ideologische Komponente in den Kernbereich der gesamten rechtsextremistischen Szene einwirkt und gleichzeitig durch seinen Event-Charakter die Attraktivit\u00e4t und das Rekrutierungspotenzial st\u00e4rkt. 49","Neben den Kampfsportarten Boxen und Kickboxen wird klassisches Mixed Martial Arts (MMA) mit Vollkontakt betrieben, was dem kriegerischen Selbstbild und den allgemeinen Anforderungen an die \"Wehrkraft des Volksk\u00f6rpers\" gerecht wird. Diese Kampfsportvariante vereint Standund Bodenkampf sowie verschiedene Schlag-, Trittund Hebeltechniken zu einem schnellen und brutalen Konzept. Die dahinterstehende Ideologie ist eine Abgrenzung zu einer - in den Augen der Protagonisten - verweichlichten Gesellschaft. Das harte Training, das hohe Verletzungsrisiko beim MMA und das St\u00e4hlen des eigenen K\u00f6rpers sind weitaus mehr als die Vorbereitung auf einen Wettkampf oder die Pflege der pers\u00f6nlichen Fitness. Propagiert wird vielmehr eine vermeintlich mystische Pflicht, die \"Volksgesundheit\" und \"Wehrhaftigkeit\" aufrechtzuerhalten und einen \"neuen Menschenschlag\" zu schaffen, der stark an das im Nationalsozialismus propagierte Ideal des \"Herrenmenschen\" angelehnt ist. Eine wesentliche ideologische Komponente ist in dieser Hinsicht der \"Straight Edge\"22Gedanke. Er entstammt urspr\u00fcnglich der Hardcore-Punk-Szene der 1980er-Jahre und sollte eine Gegenbewegung zu den ausufernden Alkoholund Drogenexzessen der Jugendkultur darstellen, wobei es im Kern um den Verzicht auf Rauschmittel, um gesunde Ern\u00e4hrung bis hin zum Veganismus und sexueller Enthaltsamkeit geht. Symbol der Bewegung ist ein \"X\". Die rechtsextremistische Szene kn\u00fcpft hieran an. Unter ihr erlebt diese Str\u00f6mung eine gewaltbetonte und rassistische Renaissance als \"NS Straight Edge\". Die Reinheit des K\u00f6rpers, erlangt durch Abstinenz und hartes Training, ist dieser Ideologie zufolge eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Umwandlung einzelner Individuen hin zu einem wehrhaften und grundgesunden \"Volksk\u00f6rper\". Nur durch sie k\u00f6nne die \"n\u00e4chste Ebene\" erreicht werden. Auf Alkoholexzesse und den subkulturellen Lebensstil in den eigenen Reihen wird ver\u00e4chtlich herabgeschaut. Die Mitglieder der Kampfsportszene haben in der Regel ein elit\u00e4res Selbstbild, welches von Tugenden wie Flei\u00df, Disziplin und H\u00e4rte bestimmt wird. Ein wiederkehrendes Mantra der Szene, das sich aus ihrem Weltbild ergibt, ist der \"Kampf gegen die Moderne\", welche als Sinnbild von Dekadenz und Verweichlichung strikt abgelehnt wird. Der vermeintliche Verfall der Gesellschaft wird mit einer empfundenen Erosion der \"Volksgesundheit\" gleichgesetzt. In Th\u00fcringen wird diese Szene insbesondere durch nachfolgende Gruppierungen gepr\u00e4gt: 22 \"Straight Edge\" - sinngem\u00e4\u00df: \"klare Kante\" oder \"Geradlinigkeit\". 50","Kampfsportvereinigung \"WARDON\" Bei \"WARDON\" oder auch \"WARDON 21\" handelt es sich um eine \u00fcberregionale rechtsextremistische Kampfsportvereinigung, die im Jahr 2017 gegr\u00fcndet wurde. Die Vereinigung ist dabei in vielf\u00e4ltiger Weise in die Organisation von Kampfsportveranstaltungen eingebunden und stellt auch einen eigenen Kampfsportkader. Die ideologische Ausrichtung kommuniziert die Gruppe \u00f6ffentlich. So war auf ihrem mittlerweile gel\u00f6schten FacebookProfil folgendes Statement zu finden: \"Unser K\u00f6rper ist unsere Festung, die einen gesunden Geist birgt. Wir verst\u00e4rken den Schildwall unseres Glaubens durch das vorangetragene Kreuzen unserer Arme und als Bekenntnis zur Freiheit durch eine volksgesundheitliche Lebensweise in Verhalten und Konsum.\" Hier wird deutlich, dass diese Gruppierung den Kampfsport nicht nur als solchen wahrnimmt, sondern ihm eine v\u00f6lkisch-mystische Verteidigungsfunktion beimisst, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt und sich - sowohl argumentativ als auch durch die zu einem \"X\" gekreuzten Arme im Logo symbolisch - bei der \"Straight Edge\" - Bewegung bedient. Weiter hie\u00df es im Eingangsstatement in den sozialen Netzwerken: \"'WARDON' schenkt den niederen Ausw\u00fcchsen dieser morschen Zeit keinerlei Beachtung. Unbeirrbarkeit ist selbstbewusste Konsequenz. Wer uns jedoch herausfordert und als Feind gegen\u00fcbertritt, dem weisen wir den Weg mit unserer kampferprobten Faust. In Wort UND Tat!\" Auch hier wird eine klare Freund-Feind-Unterscheidung deutlich, die sich nicht nur auf den sportlichen Wettstreit, sondern ebenfalls auf den politischen Kampf bezieht. Zudem orientiert sich auch diese Gruppe an einem von der \"Straight Edge\"-Bewegung gepr\u00e4gten Lebensstil mit Enthaltsamkeit, Sport und allgemein an einer \"volksgesundheitlichen Lebensweise\". Was die Gruppe darunter versteht wurde unter anderem deutlich, als sie bei Kampfsportveranstaltungen im Rahmen des \"Kampf der Nibelungen\" das Catering \u00fcbernahm und dort ausschlie\u00dflich veganes Essen anbot. Ferner werden vor dem Hintergrund des \"Straight-Edge\"-Gedanken Kletterund Wandertouren durchgef\u00fchrt, die zus\u00e4tzlich den Gemeinschaftsgedanken st\u00e4rken sollen. \"WARDON\" beteiligte sich im Jahr 2023 sowohl organisatorisch als auch mit einem K\u00e4mpfer an der rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltung \"European Fight Night\", die am 6. Mai in Ungarn stattfand. Die Veranstaltung wurde seitens des rechtsextremistischen 51","Kampfsportformates \"Kampf der Nibelungen\" in Zusammenarbeit mit rechtsextremistischen Kampfsportlern aus Osteuropa organisiert und durchgef\u00fchrt. Kampfsportvereinigung \"Knockout 51\" Die rechtsextremistische Kampfsportvereinigung \"Knockout\" oder auch \"Knockout 51\" trat erstmals Anfang 2019 in den sozialen Medien \u00f6ffentlich in Erscheinung. Bei den Hauptprotagonisten handelt es sich um mitunter langj\u00e4hrige Rechtsextremisten aus dem Raum Eisenach. Die Zahl 51 steht hierbei vermutlich exemplarisch f\u00fcr die Buchstaben E und A und gibt somit einen Hinweis auf die Stadt Eisenach (Kfz-Kennzeichen EA). F\u00fcr die Kampfsporttrainings der Gruppierung wurden wiederholt die R\u00e4umlichkeiten des \"Flieder Volkshaus\" der Partei \"Die Heimat\" in Eisenach genutzt. Unter dem Deckmantel des gemeinsamen Kampfsport-Trainings werden junge und nationalistisch gesinnte Personen angelockt und bewusst mit rechtsextremistischem Gedankengut in Verbindung gebracht. Zudem dient das Training zur Vorbereitung auf den politischen Kampf sowie zur Etablierung als bestimmende Ordnungsmacht in Eisenach. Im Laufe der Zeit professionalisierte die Gruppierung weiterhin ihre T\u00e4tigkeiten mit Kraftund Kampfsporttrainings. Die Ende November 2021 verk\u00fcndete (Schein-) Aufl\u00f6sung der Vereinigung hatte keine Auswirkungen auf die Aktivit\u00e4ten und den Stellenwert der Gruppierung in der rechtsextremistischen Szene. Am 6. April 2022 fanden Durchsuchungsma\u00dfnahmen wegen des Verdachts rechtsextremistischer Straftaten in elf Bundesl\u00e4ndern bei insgesamt 50 Beschuldigten statt. Die Bundesanwaltschaft hatte auf Grundlage von Haftbefehlen des Ermittlungsrichters beim Bundesgerichtshof vier mutma\u00dfliche Mitglieder einer rechtsextremistischen kriminellen Vereinigung festnehmen lassen. Die vier festgenommenen Personen werden der rechtsextremistischen Kampfsportvereinigung \"Knockout 51\" zugeordnet. Es handelt sich hierbei um den Anf\u00fchrer sowie um drei weitere Personen, die F\u00fchrungspositionen innerhalb der Vereinigung innehaben. Die Hauptverhandlung wird seit dem 21. August am Th\u00fcringer Oberlandesgericht in Jena gef\u00fchrt. Rechtsextremisten aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern konnten dabei als Teilnehmer der Verhandlungen zur Unterst\u00fctzung der vier Beschuldigten festgestellt werden. 52","Im Zuge eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Gera wurden am 29. November mehrere Durchsuchungsbeschl\u00fcsse in zwei Bundesl\u00e4ndern sowie ein Haftbefehl gegen einen Beschuldigten vollstreckt. Allen zw\u00f6lf Beschuldigten wird u.a. die Mitgliedschaft, jedoch \u00fcberwiegend Unterst\u00fctzung der kriminellen Vereinigung, \"Knockout 51\", vorgeworfen. Am 14. Dezember hat die Bundesanwaltschaft auf Grundlage von Haftbefehlen des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs zwei mutma\u00dfliche Mitglieder und einen Unterst\u00fctzer einer rechtsextremistischen kriminellen und terroristischen Vereinigung, \"Knockout 51\", festnehmen lassen. Einem Beschuldigten wird zudem zur Last gelegt, die Vereinigung gegr\u00fcndet und als R\u00e4delsf\u00fchrer agiert zu haben. Vor diesem Hintergrund konnten auch im Berichtszeitraum keine weiteren Veranstaltungen der Kampfsportgruppierung festgestellt werden. Bewertung Die professionelle Ausrichtung der Kampfsport-Events, die geschickte Selbstinszenierung in den sozialen Medien sowie deren ideologische Unterf\u00fctterung haben daf\u00fcr gesorgt, dass sich der Kampfsport weiterhin neben der rechtsextremistischen Musikkultur zu einem wesentlichen Element des erlebnisorientierten rechtsextremistischen Lebensstils herausgebildet hat. Dabei erf\u00e4hrt insbesondere die Kriegerideologie der Nationalsozialisten durch die Verkn\u00fcpfung von Gewalt\u00e4sthetik und dem durch den \"Straight Edge\" befeuerten K\u00f6rperkult eine Renaissance. Diese \"reine Lebensweise\", gemischt mit dem Verzicht auf Alkohol und Drogen, macht diese Events auch f\u00fcr Personen der unpolitischen Kraftund Kampfsportszene interessant, die bisher keine rechtsextremistischen Bez\u00fcge aufweisen. Gerade das Angebot von Attraktionen f\u00fcr Kinder und Jugendliche, das offene Bewerben der Veranstaltungen sowie die Beteiligung an unpolitischen Kampfsportveranstaltungen zeigt das gestiegene Selbstbewusstsein der Szene. Dies \u00e4u\u00dfert sich ebenfalls durch die geschickte Eigendarstellung und Dokumentation der Szene im Internet. Die Websites und Auftritte der Gruppierungen in den sozialen Medien vermitteln teilweise den Eindruck, dass es sich hierbei eher um moderne, international ausgerichtete Unternehmen als um gewaltbereite, rassistische und neonazistische Vereinigungen mit demokratiefeindlichen Zielsetzungen handelt. 53","Das k\u00fcnftige Potenzial von rechtsextremistischen Kampfsportgruppierungen wie \"WARDON\" und \"Knockout 51\" liegt vor allem in dem Angebot an die Generation junger Neonazis, sich als Teil einer Gemeinschaft aus \"Kriegern gegen die moderne Welt\" verstehen zu k\u00f6nnen. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr durch die rechtsextremistische Kampfsportszene im Allgemeinen sowie durch die Kampfsportvereinigungen \"WARDON\" und \"Knockout 51\" im Speziellen, geht jedoch nicht nur von trainierten Stra\u00dfenk\u00e4mpfern aus, sondern von den so entstandenen transnationalen Netzwerken, die an weite Kreise der Szene die Akzeptanz von zielgerichteter physischer Gewalt gegen rechtsextremistische Feindbilder vermitteln. 6. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts Das System der \"politisch motivierten Kriminalit\u00e4t\" (PMK) ist eine polizeiliche Kategorisierung zur Einordnung von Straftaten. Die Zahlen werden als erg\u00e4nzende Information in diesen Bericht aufgenommen. F\u00fcr die PMK - Rechts weist die Statistik des Landeskriminalamts Th\u00fcringen23 folgende Zahlen aus: Straftaten 2021 2022 2023 Insgesamt 1.280 1.555 1.835 davon u. a. Propagandadelikte 785 902 1048 Gewaltdelikte 60 93 93 24 Sonstige 435 560 694 Tabelle 4: Statistik politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts Rund 59 Prozent aller politisch motivierten Straftaten, die im Berichtszeitraum im Freistaat Th\u00fcringen begangen wurden, sind dem Ph\u00e4nomenbereich \"Rechts\" zuzuordnen. Dies stellt einen erneuten numerischen Anstieg um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (2022: ca. 49 Prozent) dar. Die Fallzahlen (1.835) \u00fcbertreffen erneut die Fallzahlen des vergangenen Jahres 2022 (1.555), sodass von einem Trend gesprochen werden kann, der lediglich durch das Pandemiejahr (2021: 1.280) unterbrochen wurde. Die Propagandadelikte bilden weiterhin die mit Abstand gr\u00f6\u00dfte Fallgruppe. Bei der politisch rechts motivierten Gewaltkriminalit\u00e4t ist mit 93 F\u00e4llen (2022: 93) ein stabil hohes Niveau zu 23 Ver\u00f6ffentlicht am 8. April 2024. 24 Bei den sonstigen staatsschutzrelevanten Delikten handelt es \u00fcberwiegend um Sachbesch\u00e4digungen, Volksverhetzungen, Verst\u00f6\u00dfe gegen das Versammlungsgesetz, Beleidigungen, Diebst\u00e4hle und Bedrohungen. 54","konstatieren. Dies ist Ausdruck der insgesamt hohen Gewaltbereitschaft innerhalb der rechtextremistischen Szene. Im Berichtszeitraum wurden im Freistaat Th\u00fcringen insgesamt 82 politisch motivierte Straftaten im Zusammenhang mit Wahlkreisb\u00fcros registriert. Im Vergleich zum Vorjahr (58) ist hier ein Anstieg von 24 Straftaten (41,4 %) zu verzeichnen. Den Schwerpunkt stellen Sachbesch\u00e4digungen dar, die im Vergleich zum Vorjahr (49 Delikte) um 21 Delikte (42,9 %) auf 70 Delikte angestiegen sind. 55","III. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" 1. \u00dcberblick Ihrer Ideologie entsprechend, lehnen Angeh\u00f6rige dieses Ph\u00e4nomenbereichs grunds\u00e4tzlich staatliche Institutionen, beh\u00f6rdliche Repr\u00e4sentanten sowie deren Ma\u00dfnahmen ab. Dies geht bis zur vollst\u00e4ndigen Leugnung der Existenz der Bundesrepublik Deutschland und der Zur\u00fcckweisung der bestehenden Rechtsordnung. Die Bestrebungen der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" richten sich demnach gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung. Angeh\u00f6rige und Argumentation \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" bilden eine organisatorisch und ideologisch heterogene Szene, die \u00fcberwiegend auf sich selbst bezogen ist. Meist agieren diese Personen f\u00fcr sich oder als (loser) Personenzusammenschluss. Vereinzelt bilden sich lokal gr\u00f6\u00dfere Gruppen. Dar\u00fcber hinaus existieren aber auch bundesweit aktive Gruppierungen oder Vereine, die regelm\u00e4\u00dfig um neue Mitglieder werben. Die Intentionen der einzelnen Akteure sind vielf\u00e4ltig, die Szene insgesamt ist \u00e4u\u00dferst heterogen. Es finden sich selbsternannte \"Aussteiger\", Querulanten und politische Provokateure, Verschw\u00f6rungstheoretiker oder auch berechnende Gesch\u00e4ftemacher, die sich z. B. durch die Ausstellung von Fantasiedokumenten durch \"Gleichgesinnte\" finanzieren. Nur ein geringer Teil der \"Reichsb\u00fcrger\"-Szene\" kann ideologisch ebenfalls dem Rechtsextremismus zugeordnet werden. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" vertreten zumeist politische Ansichten, die nicht im Einklang mit dem Grundgesetz stehen. Sie begr\u00fcnden Ihre Motive h\u00e4ufig mit pseudojuristischen und pseudohistorischen Argumentationsmustern, mit verschw\u00f6rungstheoretischen Ans\u00e4tzen oder mit selbst definierten Naturrechten. Folgende Kernaussagen sind regelm\u00e4\u00dfig zu finden: * Das Deutsche Reich ist nicht untergegangen. * Die Bundesrepublik Deutschland ist kein souver\u00e4ner Staat. * Deutschland befindet sich weiterhin im Kriegszustand. Dabei gibt es verschiedene Vorstellungen, die auf einem Kriegszustand seit 1918 oder dem Fehlen eines Friedensvertrages mit den Alliierten nach 1945 beruhen. * Es gilt die Haager Landkriegsordnung. 56","* Das Grundgesetz ist keine Verfassung. * Die Bundesrepublik ist untergegangen. * Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Staat, sondern eine privatrechtliche \"BRD GmbH\". * Das Recht der Bundesrepublik widerspricht dem Gewohnheitsrecht nach Brauch und Sitte vor der gegenw\u00e4rtigen Zeitrechnung. * Der wirkliche Herrscher der Welt ist das \"finanzm\u00e4chtige internationale Judentum\". Dar\u00fcber hinaus nehmen \"Selbstverwalter\" f\u00fcr sich in Anspruch, aus der Bundesrepublik \"austreten\" zu k\u00f6nnen und reklamieren f\u00fcr sich ihre rechtliche Autonomie mit territorialem Hoheitsanspruch. Sie bezeichnen sich als \"nat\u00fcrliche Personen im Sinne des SS 1 BGB\", die in keinem \"Vertragsverh\u00e4ltnis\" mit der \"BRD-GmbH\" stehen. Die Abgabe dieser Erkl\u00e4rung erfolgt vielfach \u00fcber \"Proklamationen\", fiktive Urkunden oder \"Privatautonome Willenserkl\u00e4rungen\", die den Verwaltungsbeh\u00f6rden \u00fcbersandt werden. \"Gelber Schein\" und Fantasiepapiere Angeh\u00f6rige der \"Reichsb\u00fcrger\"-Szene h\u00e4ngen der absurden Theorie nach, ohne \"Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis\" staatenlos zu sein. Sie propagieren die Beantragung eines solchen Dokuments, da weder der Personalausweis noch der Reisepass als Nachweis der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit dienten. Zudem behaupten sie, die Bezeichnung \"Name\" im Personalausweis kennzeichne die betreffende Person als \"Firma, also eine inl\u00e4ndische juristische Person\" ohne Grundrechtsberechtigung. Ein \"Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis\" (\"Gelber Schein\") mit dem Parameter \"Identit\u00e4t Familienname = Nat\u00fcrliche Person\" sichere hingegen die volle Rechtsf\u00e4higkeit als Grundrechtstr\u00e4ger. Szeneangeh\u00f6rige \"legitimieren\" sich dar\u00fcber hinaus h\u00e4ufig mit weiteren, selbst produzierten Fantasiepapieren, wie \"Reichspersonenausweisen\" oder \"Reichsf\u00fchrerscheinen\". Die Nutzer solcher Papiere wollen damit ihre Lossagung von der Bundesrepublik Deutschland dokumentieren. H\u00e4ufig wurden im Vorfeld die amtlichen Ausweisdokumente bei der Meldebeh\u00f6rde abgegeben. Die Ausfertigung derartiger Fantasiepapiere erfolgt meist von Szeneanh\u00e4ngern, die damit in der Regel finanzielle Interessen verwirklichen. Einige Gruppierungen sowie einzelne Vertreter der Szene nehmen f\u00fcr sich sogar in Anspruch, eine eigene \"Staatsgewalt\" auszu\u00fcben. Sie bilden \"Gemeinden\", \"Bundesstaaten\" oder \"Reichsregierungen\", ernennen entsprechende Funktion\u00e4re, wie z. B. \"Verweser\" (altert\u00fcmlich f\u00fcr \"Verwalter\"), \"Reichskanzler\" oder \"Minister\", die sich wiederum mit selbst gestalteten Ausweisdokumenten \"legitimieren\". 57","Querulatorische Schreiben und Vernetzung \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" versuchen, sich durch ihre Argumentation verschiedenen staatlichen Ma\u00dfnahmen zu entziehen mit dem Ziel keine Steuern, Bu\u00dfgelder oder Geb\u00fchren entrichten zu m\u00fcssen oder drohende Zwangsvollstreckungen abzuwenden. Sie sprechen Beh\u00f6rden und Amtstr\u00e4gern ihre hoheitlichen Befugnisse ab und weisen beh\u00f6rdliche Schreiben oder Ma\u00dfnahmen als illegitim zur\u00fcck. H\u00e4ufig geschieht dies durch zahlreiche und umfangreiche Schrifts\u00e4tze mit denen die Arbeit der Beh\u00f6rden sabotiert werden soll. Nicht selten sind die Schreiben in anma\u00dfendem und aggressivem Ton verfasst, verbunden mit Beleidigungen, Beschimpfungen, Belehrungen, Erpressung, N\u00f6tigung und der Androhung von \"Bu\u00dfgeldern\" in Teils erheblicher H\u00f6he oder \"Unterlassungsverf\u00fcgungen mit Strafzahlungen\", auch pers\u00f6nlich gegen einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Beh\u00f6rden. Vordrucke, Vorlagen und Textbausteine f\u00fcr solche Schreiben mit vorgefertigten Argumentationsmustern finden sich hierbei zahlreich online. \u00dcberhaupt kommt dem Internet und den sozialen Medien auf Grund der beinahe unbegrenzten M\u00f6glichkeiten an Plattformen und Multiplikatoren eine besondere Bedeutung bei der Verbreitung der Ideologie der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" zu. Zudem bietet es bei Bedarf die notwendige Anonymit\u00e4t, um sich bei ersten Recherchen nach Denkans\u00e4tzen und der Suche nach Gleichgesinnten sicher zu f\u00fchlen. In einem Austausch \u00fcber Foren erfolgt h\u00e4ufig die weitergehende Vernetzung bis hin zu Verabredungen zu realweltlichen Treffen im konspirativen Kreis oder gr\u00f6\u00dferen \u00f6ffentlichen Veranstaltungen. Zur Verbreitung und Vertiefung der Ideologie halten die einschl\u00e4gigen Online-Shops und Pr\u00e4senzen ein breites Angebot buchbarer Seminare oder erg\u00e4nzender Literatur vor. Bei Realwelttreffen werden Beurkundungen vorgenommen, bei denen Zeugen die Identit\u00e4t von Personen oder ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gemeinde oder einem Stamm mit ihrer Unterschrift und Fingerabdr\u00fccken best\u00e4tigen. Diese Urkunden werden danach oft mit umfangreichen Anlagen an Beh\u00f6rden versandt. 2. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" in Th\u00fcringen Dem Ph\u00e4nomenbereich \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" wurden im Berichtszeitraum ca. 1.000 Personen (2022: ca. 1.000) zugerechnet. Das Personenpotenzial bewegt sich gegen\u00fcber dem Vorjahr auf einem konstanten Niveau. 58","\"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" agieren in Th\u00fcringen \u00fcberwiegend als Einzelakteure. Daneben gibt es bundesweit bzw. \u00fcberregional agierende Gruppierungen, in denen auch im \"Reichsb\u00fcrger\" aus Th\u00fcringen aktiv sind. Bundesweite bekanntestes Beispiel einer solchen Vernetzung ist die Gruppierung um Heinrich XIII. Prinz Reu\u00df gegen die am 7. Dezember 2022 bundesweit umfangreiche Exekutivma\u00dfnahmen im Zusammenhang mit einem Strafverfahren des Generalbundesanwalts wegen des Verdachts auf Bildung einer terroristischen Vereinigung durchgef\u00fchrt wurden. Anfang Dezember 2022 kam es in diesem Zusammenhang zu zahlreichen Durchsuchungsma\u00dfnahmen und Festnahmen, auch in Th\u00fcringen. Eine zentrale Rolle nimmt hierbei Heinrich XIII. Prinz Reu\u00df ein, welcher als legitimer Nachfahre eines zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs bestehenden F\u00fcrstentums in Th\u00fcringen als zuk\u00fcnftiges Staatsoberhaupt vorgesehen war. Neben einem \"Rat\" mit verwaltungs\u00e4hnlichen Strukturen soll der Vereinigung ein \"milit\u00e4rischer Arm\" angegliedert sein, der mit Hilfe milit\u00e4risch organisierter \"Heimatschutzkompanien\" die geplante Macht\u00fcbernahme auch mit Waffengewalt sichern und durchsetzen sollte. Am 11. Dezember klagte der Generalbundesanwalt urspr\u00fcnglich insgesamt 27 Mitglieder oder Unterst\u00fctzer der Vereinigung u. a. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines hochverr\u00e4terischen Unternehmens an.25 Wegen der Gr\u00f6\u00dfe des Verfahrens wurden die Anklagen an drei Oberlandesgerichten erhoben, namentlich in Frankfurt, M\u00fcnchen und Stuttgart. Ebenfalls in Anlehnung an die seinerzeit existierenden (Gro\u00df-) Herzogt\u00fcmer und Preu\u00dfischen Bundesstaaten waren auch 2023 sog. Wahlkommissionen (WK) in Th\u00fcringen aktiv. Dabei fiel insbesondere die \"Wahlkommission Preu\u00dfische Provinz Sachsen\" auf, die vor allem in Nordund Mittelth\u00fcringen als \"\u00d6ffentliche Bekanntmachung\" deklarierte Plakate mit der Aufforderung zum Eintrag in Wahllisten aufrief. Nach Auffassung der Anh\u00e4nger der WK bestehen das Wilhelminische Kaiserreich von 1871 und seine Verfassung fort. Die Bundesrepublik wird nicht als Staat, sondern als Firmenkonstrukt wahrgenommen. Derzeit herrsche ein \"Notstand\", den man durch die Organisation eigener Strukturen beheben will. Dazu f\u00fchren die Gruppierungen Wahlen durch, aus denen \"Verweser\" hervorgehen. Dem folgend behauptete die \"Wahlkommission der Gemeindeverwaltung Sachsen-Weimar-Eisenach\" im Internet, am 25. und 26. November eine Wahl im entsprechenden Herzogtum durchgef\u00fchrt zu haben. Im Berichtszeitraum fanden zudem zahlreiche Treffen und Veranstaltungen in Th\u00fcringen statt, welche durch die WK \u00fcber soziale Medien beworben und organisiert wurden. Bedeutendstes Treffen war dabei der \"2. Zukunftskongress Deutschland\" vom 2. bis 4. 25 Presseerkl\u00e4rungen des Generalbundesanwalts beim Bundesgerichtshof vom 12. Dezember 2023 59","Juli in Leinefelde-Worbis mit ca. 180 Teilnehmern. Er beinhaltete u. a. Workshops, Vortr\u00e4ge und eine Podiumsdiskussion. Im Berichtszeitraum fanden in Th\u00fcringen zudem mehrere Treffen der Organisation \"Vaterl\u00e4ndischer Hilfsdienst\" (VHD) statt. Dieser z\u00e4hlt zu der bundesweit agierenden Bestrebung \"Bismarcks Erben\", auch bekannt als \"Ewiger Bund\" oder \"Preu\u00dfisches Institut\". Die Ideologie dieser Vereinigung ist gepr\u00e4gt von den klassischen Narrativen der \"Reichsb\u00fcrger\"Bewegung: Das \"Deutsche Reich\" bestehe fort und gelte als anerkanntes V\u00f6lkerrechtssubjekt mit seiner Verfassung vom 16. April 1871 im Gebietszustand vom 27. Juli 1914. Es habe nie einen Friedensvertrag zur Beendigung des Ersten Weltkrieges gegeben und daher befinde sich Deutschland nach wie vor im Kriegszustand. Als Legitimation beruft sich der VHD auf das am 6. Dezember 1916 in Kraft getretene \"Gesetz \u00fcber den vaterl\u00e4ndischen Hilfsdienst\", das damals alle nicht zum Kriegsdienst einberufenen m\u00e4nnlichen Deutschen zwischen 17 und 60 Jahren zum Hilfsdienst in kriegswichtigen T\u00e4tigkeiten verpflichtete. Nach Auffassung der Gruppierung ist dieses Gesetz weiter in Kraft und legitimiert den VHD, eine eigene Verwaltungsstruktur aufzubauen. Diese ist in Anlehnung an die Gliederung der deutschen Armee ab 1914 in Armeekorpsbezirke (AKB) aufgeteilt. Th\u00fcringen betreffen dabei die AKB IV und XI. Ziel ist die Wiederherstellung der Handlungsf\u00e4higkeit und die Wiedererlangung v\u00f6lkerrechtlicher Souver\u00e4nit\u00e4t unter der F\u00fchrung des Oberhauptes des Hauses Hohenzollern. Im Berichtszeitraum nahmen die Aktivit\u00e4ten der in Wittenberg gegr\u00fcndeten Gruppierung \"Deutschland\" (KRD) deutlich zu. Das KRD verf\u00fcgt mit dem \"K\u00e4seturm\" in Gera nunmehr \u00fcber eine Immobilie in Th\u00fcringen. Zudem fanden erstmals Veranstaltungen der Untergruppierung \"Leucht-Turm\" statt. Das KRD behauptet, dass in seinem Einflussbereich kein \"BRD-Recht\" gelte. Es bezeichnet sich als Gemeinwohlstaat und versteht sich als eigenst\u00e4ndiges System, losgel\u00f6st von den bestehenden staatlichen Strukturen. Eigenangaben zufolge steht das KRD \"f\u00fcr einen Neuanfang des deutschen Staates nach den Grunds\u00e4tzen des V\u00f6lkerrechts und der V\u00f6lkerfreundschaft. Es bietet praktische L\u00f6sungen f\u00fcr alle aktuellen systemischen, menschlichen und gesellschaftlichen Probleme: Von einem zinsund schuldfreien Geldwesen und einem autarken Wirtschaftskreislauf bis hin zu einem erneuerten, ganzheitlichen Gesundheitsund Bildungswesen.\"26 Das KRD wirbt insbesondere offensiv um Gewerbetreibende und Geldgeber. Unternehmen wird ein Wechsel in den \"Rechtskreis des KRD\" angeboten, in dem vermeintlich keine Mehrwertsteuer anfalle. Die Gr\u00fcndung eines Betriebes im KRD sei \"steuerund erkl\u00e4rungsfrei\". Die Gewinnung von neuen Mitgliedern erfolgt seit 2023 insbesondere \u00fcber den \"Leucht-Turm\". Dieser bietet als 26 Homepage des \"K\u00f6nigreich Deutschland\". 60","Einstieg Infoseminare an. \u00dcber ein mehrstufiges - kostenpflichtiges - Seminarsystem werden Interessenten an die Gruppierung herangef\u00fchrt. Gemeinschaftliche Aktivit\u00e4ten und professionelles Marketing sollen augenscheinlich verschleiern, dass die sektenartige Gruppierung ihre Mitglieder umfassend finanziell in die Pflicht nimmt. Dem sozialen Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl etwa dienen Wanderungen des \"LeuchtTurm\". In Th\u00fcringen fand am 24. September ein Seminar \"Basis & Aufbau\" bei Ilmenau sowie im Oktober eine Wanderung zur Werraquelle statt. Weiterhin gibt es in Th\u00fcringen Gewerbetreibende, die sich dem KRD zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Erkennbar sind diese zumindest \u00fcber ihre Internetseiten. Dort geben sie als Sitz Wittenberg und als Aufsichtsbeh\u00f6rde das KRD an. Zudem weisen sie darauf hin, dass der Kunde \"f\u00fcr die Dauer der Gesch\u00e4ftsbeziehung ... eine tempor\u00e4re Zugeh\u00f6rigkeit zum Gemeinwohlstaat K\u00f6nigreich Deutschland\" besitze. Einzelne Unternehmen und Personen aus Th\u00fcringen bieten zudem \u00fcber das KRD-eigene Portal \"KaDaRi\" Waren und Dienstleistungen an. Die Bezahlung erfolgt dabei \u00fcber die Fantasiew\u00e4hrung \"Engelsmark\" (\"E-Mark\") des KRD. Der Ph\u00e4nomenbereich der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" ist strukturellen Schwankungen unterworfen, aufgrund derer Gruppierungen an Bedeutung verlieren oder gewinnen. Im Berichtszeitraum weitete die bundesweit agierende Gruppierung \"Indigenes Volk Germaniten\" (IVG) ihre Aktivit\u00e4ten aus. Eigenen Angaben nach erfolgte die Gr\u00fcndung des IVG bereits im Jahr 2010. Angeh\u00f6rige dieser Gruppierung bezeichnen sich als \"Nachfahren der germanischen V\u00f6lker / St\u00e4mme\". Die Existenz der Bundesrepublik Deutschland wird durch die Angeh\u00f6rigen der Gruppierung nicht in Frage gestellt. Einem Staat rechnen sie sich aber auch nicht zu. Im Umkehrschluss ist naheliegend, dass geltendes Recht f\u00fcr nicht bindend erachtet wird. So werden beispielsweise bundesdeutsche Ausweisdokumente als rechtswidrig abgelehnt. Auch in Th\u00fcringen konnten vereinzelt Aktivit\u00e4ten des IVG wahrgenommen werden, z. B. in Form von Schreiben an Beh\u00f6rden in Th\u00fcringen. Zu realweltlichen Treffen in Th\u00fcringen liegen bislang keine Erkenntnisse vor. 3. Entwicklung Die Relevanz des Ph\u00e4nomenbereichs \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" ist weiterhin hoch. Die Szene umfasst ideologisch stark gefestigte Personen, aber auch Trittbrettfahrer weitgehend ohne ideologischen Bezug. Bei Letzteren herrscht eine gro\u00dfe Fluktuation innerhalb des Spektrums. Im Berichtszeitraum konnten umfangreiche Erkenntnisse zu Akteuren gewonnen werden, die sich entweder erstmals mit der Ideologie befassen oder sich bereits 61","in der Vergangenheit mit der Ideologie identifiziert haben und diese nun offensiver als zuvor praktizieren. W\u00e4hrend ein Teil der im Ph\u00e4nomenbereich festgestellten Personen allein und nur f\u00fcr sich handelt, sind daneben feste Gruppierungen sowie eher lose Verbindungen aktiv. Die Vernetzung und Solidarisierung erfolgt sowohl online als auch auf zahlreichen realweltlichen Treffen. Hier werden Anleitungen und Handreichungen geboten, wie man sich gegen die \"BRDGmbH\" aufstellt. Die Akteure pr\u00e4gen eine tief verwurzelte Unzufriedenheit und ein fundamentales Misstrauen gegen\u00fcber dem politischen System und den Beh\u00f6rden. Ihre Ablehnung staatlicher Ma\u00dfnahmen verankern die Szeneangeh\u00f6rigen in einem geschlossenen, durch Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen gepr\u00e4gten Weltbild. Je nach Tiefe der Auspr\u00e4gung k\u00f6nnen sich hieraus erhebliche Aggressionen und somit Gefahrensituationen f\u00fcr die Allgemeinheit entwickeln. Immer wieder werden - oftmals gewaltorientierte - Widerstandshandlungen bei der Umsetzung beh\u00f6rdlicher Ma\u00dfnahmen registriert. Nicht zuletzt die bekannte Waffenaffinit\u00e4t der Szene sowie das Ausma\u00df des Strafverfahrens wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung gegen die Gruppierung um Heinrich XIII. Prinz Reu\u00df belegen das besondere Gef\u00e4hrdungspotenzial. Die k\u00fcnftige Entwicklung des Ph\u00e4nomenbereichs d\u00fcrfte ma\u00dfgeblich von dem in der Szene empfundenen Verfolgungsdruck bestimmt werden. Entschlossenes Beh\u00f6rdenhandeln und das Durchsetzen von Gesetzen d\u00fcrften zumindest den noch nicht fest ideologisierten Teil der Szene zum Umdenken bewegen. Dies betrifft insbesondere den Entzug von waffenrechtlichen Erlaubnissen bzw. die Ablehnung von Antr\u00e4gen auf Erteilung einer waffenrechtlichen Erlaubnis bei \"Reichsb\u00fcrgern\". An diesen Verfahren wirkt das AfV durch Meldungen an die \u00f6rtlichen Waffenbeh\u00f6rden nach den Regelungen im Waffengesetz (SSSS 4 und 5) sowie auf Grundlage von SS 21 Th\u00fcrVerfSchG mit. Ohne ein robustes Handeln des Staates gegen\u00fcber den Akteuren des Ph\u00e4nomenbereichs k\u00f6nnte sich das Anh\u00e4ngerpotential weiter stabilisieren oder sogar deutlich anwachsen. Die Intensit\u00e4t dieses Trends d\u00fcrfte unter anderem von der Entwicklung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse abh\u00e4ngig sein. 62","IV. Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates (VDS) Seit April 2021 bearbeitet das AfV in Abstimmung mit den anderen Sicherheitsbeh\u00f6rden im Verfassungsschutzverbund den Ph\u00e4nomenbereich der \"Verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates\" (VDS). Die Verfassungsschutzrelevanz von Delegitimierung ergibt sich aus einer Agitation, die sich grunds\u00e4tzlich gegen staatliche Verfahren, gegen demokratisch legitimierte Verantwortungstr\u00e4ger des Staates oder staatliche Institutionen richtet. Die thematische Ausrichtung hingegen ist oft flexibel und lehnt sich an aktuelle gesellschaftliche Debatten an, sofern sie eine Kontroverse versprechen. Dabei beabsichtigen Akteure des Ph\u00e4nomenbereiches durch systematische Ver\u00e4chtlichmachung kollektiv bindender Entscheidungen und Prozesse, das Vertrauen in die demokratisch legitimierten Vertreter und in das staatliche System insgesamt zu ersch\u00fcttern. Der Ph\u00e4nomenbereich macht sich dabei verschiedene Verschw\u00f6rungstheorien zu eigen, in deren Zentrum oftmals vermeintlich im Verborgenen agierende global vernetzte Eliten stehen, die vermittels oder unter Duldung demokratisch legitimierter Akteure eine Zerst\u00f6rung bestehender gesellschaftlicher Strukturen erreichen m\u00f6chten. Oft orientieren sich die Theorien an bestehenden antisemitischen Stereotypen und verschr\u00e4nken sich mit vergleichbaren Theorien in anderen Ph\u00e4nomenbereichen wie dem Rechtsextremismus, bestimmten Str\u00f6mungen des Linksextremismus sowie den \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\". Im Jahr 2023 war ein Abflachen der allgemeinen Protestbewegung zu beobachten, die an einigen Orten auf einen extremistischen Kern abschmolz. Dieser Kern versteht sich jedoch weiterhin als Stimme einer Massenbewegung und erhofft sich eine erneute Mobilisierungswelle durch \u00e4u\u00dfere Ereignisse. Von diesem Kern der verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung, einzelner Reichsb\u00fcrger, sowie Rechtsextremisten geht dennoch eine herauszuhebende Bedrohung f\u00fcr die freiheitlich demokratische Grundordnung aus. Sie ergibt sich aus dem Zusammentreffen eines abgeschlossenen verschw\u00f6rungstheoretischen Weltbildes mit einer Phase, in der die eigenen Ambitionen nicht erf\u00fcllt werden: Das bedeutet, dass die Kerngruppe die \u00dcberzeugung \u00e4u\u00dfert, staatliches Handeln sei fremdbestimmt und diene vor allem zur Bereicherung \"interessierter Kreise im Ausland\". Dies kann einen Handlungsdruck erzeugen und zum Widerstand auch dann ermutigen, wenn die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung ausbleibt. 63","1. Personenpotenzial Der Ph\u00e4nomenbereich VDS zeichnet sich durch eine organisatorisch und ideologisch heterogene Zusammensetzung aus. Meist agieren diese Personen als Einzelakteure oder in losen Personenzusammenschl\u00fcssen, die jedoch durch virtuelle Agitation oft weit \u00fcber ihr soziales Umfeld hinauswirken. Etwa 30 Personen wurden im Berichtszeitraum dem VDS-Spektrum zugeordnet, davon waren f\u00fcnf als gewaltorientiert einzustufen. Dabei ist zu ber\u00fccksichtigen, dass zahlreiche Akteure ideologisch und/oder organisatorisch prim\u00e4r anderen Ph\u00e4nomenbereichen zuzurechnen sind, zugleich aber auch tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr Bet\u00e4tigungen im Bereich VDS aufweisen. Sie gehen in dem ausgewiesenen VDS-Personenpotenzial nicht auf, um Mehrfacherfassungen zu vermeiden. Die zun\u00e4chst hohe Beteiligung an den sog. Montagsspazierg\u00e4ngen nahm bis zur Jahresmitte sukzessive ab und stagnierte von da an bei w\u00f6chentlich ca. 2.000 Teilnehmenden. Dabei war das Protestgeschehen insgesamt durch eine als b\u00fcrgerlich zu klassifizierende Klientel gepr\u00e4gt. Im Laufe des Jahres kristallisieren sich Erfurt, Weimar, Gera, Zeulenroda-Triebes und Leinefelde-Worbis als Schwerpunktorte des Protestgeschehens mit Extremismusbezug heraus. In diesen f\u00fcnf St\u00e4dten konnte ein erheblicher Einfluss von Rechtsextremisten und \"Reichsb\u00fcrgern\", vor allem durch Aufrufe in sozialen Medien sowie durch Organisation der Versammlung und Redebeitr\u00e4gen festgestellt werden. Das Protestgeschehen in Leinefelde wird letztlich durch Rechtsextremisten gepr\u00e4gt und daher dem Ph\u00e4nomenbereich Rechtsextremismus zugeordnet. Die Unterst\u00fctzung der VDS-gepr\u00e4gten Protestaktionen durch die AfD Th\u00fcringen intensivierte sich im Fr\u00fchjahr. Mitglieder der AfD Th\u00fcringen sind bei Versammlungen der Protestinitiativen aufgetreten und Protestinitiativen haben f\u00fcr Veranstaltungen der AfD Th\u00fcringen mobilisiert. In Ostth\u00fcringen kann zudem eine Vernetzung der Protestinitiativen mit dem rechtsextremistischen \"COMPACT-Magazin\" festgestellt werden.27 Dies zeigte sich beispielsweise durch die Teilnahme des \"COMPACT-Magazins\" an Veranstaltungen in Gera. 27 Siehe Verfassungsschutzbericht 2022 des Bundesministeriums des Innern und f\u00fcr Heimat. 64","2. Versammlungen W\u00e4hrend Anfang des Jahres der thematische Schwerpunkt bei den Montagsprotesten auf dem Angriffskrieg der Russischen F\u00f6deration auf die Ukraine und den damit verbundenen gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Verteuerung von Energieund Lebenshaltungskosten lag, geriet in der zweiten Jahresh\u00e4lfte die Migrationsund Fl\u00fcchtlingspolitik st\u00e4rker in den Fokus. Ab Juli wurden zun\u00e4chst bei den Protesten in Gera und dann th\u00fcringenweit die sog. Th\u00fcringen Nickis getragen, die indikativ f\u00fcr die delegitimierende Zielsetzung des extremistischen Personenanteils der Protestspektrums sind: Auf der Vorderseite ist ein Protestsymbol der jeweiligen Initiative abgebildet, auf der R\u00fcckseite ein Bild eines Politikers mit der \u00dcberschrift \"schuldig\". Obwohl nicht in jedem Fall strafbewehrt, zielt die ver\u00e4chtlichmachende Darstellung demokratisch gew\u00e4hlter Amtstr\u00e4ger als schuldige \"Verbrecher\" darauf ab, das Vertrauen in die Arbeit der Amtstr\u00e4ger zu ersch\u00fcttern. 3. Bewertung Im Berichtszeitraum konnte bereits eine erhebliche Vernetzung der Protestinitiativen mit anderen zum Teil \u00fcberregionalen extremistischen Akteuren wie dem \"COMPACT-Magazin\" festgestellt werden, sodass im Wahljahr 2024 mit einer Intensivierung dieser Aktivit\u00e4ten zu rechnen ist. Im Vergleich zu den zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dferen Protesten im Jahr 2022 hat sich nun bei den meisten Protestinitiativen eine extremistische Kerngruppe etabliert, die regelm\u00e4\u00dfig an den mont\u00e4glichen Versammlungen teilnimmt. Es bestehen intensive Kennverh\u00e4ltnisse zwischen den Protagonisten der extremistischen Protestinitiativen, die unter anderem dazu genutzt werden, durch wechselseitige Besuche die Teilnehmerzahlen lokal zu steigern. Damit soll der Eindruck gr\u00f6\u00dferer Breitenwirkung und Akzeptanz erzeugt werden. Ebenfalls der Suggestion erheblicher Mobilisierungswirkung dienen virtuelle Vernetzungsaktivit\u00e4ten, die sich auch \u00fcber 2023 hinaus fortsetzen d\u00fcrften: Einzelne Protestinitiativen betreiben eigene YouTube-Kan\u00e4le im Rahmen derer sie Videos der organisierten Versammlungen bereitstellen. Als zentrale Mobilisationsplattform f\u00fcr das Protestgeschehen in Th\u00fcringen fungiert auch weiterhin der Telegram-Kanal \"Freies Th\u00fcringen\". Dabei wird vermittels 65","Bildunterschriften, Videoschnitt und wechselseitiger Weiterleitungen ebenfalls darauf abgestellt, es g\u00e4be \"Massenproteste\". Die weitere Entwicklung des Protestgeschehens wird von politischen Schwerpunktthemen und der F\u00e4higkeit des extremistischen Protestspektrums abh\u00e4ngen, diese Themen f\u00fcr sich zur Mobilisierung zu nutzen. Insbesondere das Thema Migration und Asylpolitik ist dazu geeignet, Personen des genannten Ph\u00e4nomenbereichs in erheblichem Ma\u00dfe zu mobilisieren, \u00fcber den Ph\u00e4nomenbereich hinaus Rechtsextremisten anzusprechen und B\u00fcrgern vor Ort zu signalisieren, man trete - anders als die \"etablierte Politik\" - f\u00fcr 'ihre' Interessen ein. 66","V. Islamismus 1. Ideologischer Hintergrund Islamismus stellt eine Form des politischen Extremismus dar, der die Religion des Islam f\u00fcr politische Zwecke missbraucht und ideologisiert. Der Islam als Glaubenslehre ist klar von dieser extremistischen Ideologie abzugrenzen. Sowohl der Glaube als auch die religi\u00f6se Praxis sind durch das in Artikel 4 Grundgesetz verbriefte Recht auf Religionsfreiheit gesch\u00fctzt. In Abgrenzung zum Islam beginnt Islamismus dort, wo durch religi\u00f6se islamische Gebote und Normen als verbindliche politische Handlungsanweisungen ein Ausschlie\u00dflichkeitsanspruch gegen\u00fcber anderen gesellschaftlichen Modellen postuliert wird. So reklamieren Islamisten f\u00fcr sich, den einzig \"wahren Islam\" zu vertreten und streben in Deutschland nach einer teilweisen bzw. vollst\u00e4ndigen Abschaffung zentraler Kernelemente des Grundgesetzes zugunsten der Verwirklichung einer dogmatisch rigorosen islamischen Staatsund Gesellschaftsordnung als Gegenentwurf zur westlichen Demokratie. Richtschnur f\u00fcr das angestrebte Modell eines islamischen Staates ist die Anwendung des islamischen - gottgegebenen - Rechts, das von einem eng gefassten, konservativen Islamverst\u00e4ndnis gepr\u00e4gt wird. Diese Staatsund Gesellschaftsordnung ist in weiten Teilen nicht mit den Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland vereinbar. 1.1 Salafismus Der Salafismus war \u00fcber eineinhalb Jahrzehnte die islamistische Str\u00f6mung mit dem st\u00e4rksten Wachstum in Deutschland, wenngleich seit den letzten Jahren die Anh\u00e4ngerzahlen leicht r\u00fcckl\u00e4ufig sind. Die salafistische Bewegung in Deutschland weist 10.500 Anh\u00e4nger auf (2022: 11.000). Der Salafismus orientiert sich an einer idealisierten muslimischen Urgesellschaft, wie sie im siebten und achten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel vermeintlich existierte. Anh\u00e4nger dieser Str\u00f6mung zeigen sich \u00fcberzeugt, im Koran und in prophetischen \u00dcberlieferungen ein genaues Abbild dieser Fr\u00fchzeit des Islam gefunden zu haben und versuchen, die in diesem Sinne verstandenen Gebote Gottes wortgetreu umzusetzen. Salafisten lassen dabei theologische und soziopolitische Entwicklungen unber\u00fccksichtigt, die sich in den vergangenen 1.300 Jahren vollzogen haben. 67","Infolge diverser Vereinsverbote in den vergangenen f\u00fcnf Jahren und des Verfolgungsdrucks durch die Sicherheitsbeh\u00f6rden setzt sich bundesweit die Fragmentierung der salafistischen Szene fort.28 Dabei l\u00e4sst sich ein Verschwimmen von Grenzen infolge von \u00dcberschneidungen zwischen verschiedenen islamistischen Str\u00f6mungen beobachten. Die salafistische Ideologie widerspricht in wesentlichen Punkten der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, allen voran dem Gebot, dass alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht, das seinen Einfluss durch Wahlen und Abstimmungen aus\u00fcbt. Der Kern der salafistischen Ideologie l\u00e4uft dieser gesetzlich verankerten Volkssouver\u00e4nit\u00e4t zuwider, indem Gott als der einzig legitime Souver\u00e4n und Gesetzgeber postuliert wird. Demzufolge bildet f\u00fcr die Salafisten nicht die Selbstbestimmung des Volkes die Grundlage der staatlichen Herrschaftsordnung, sondern ausschlie\u00dflich der Wille Gottes. Verwirklicht wird dieser durch die uneingeschr\u00e4nkte Anwendung der Scharia auf der Basis eines w\u00f6rtlichen und strengen Verst\u00e4ndnisses von Koran und Sunna. Die Bildung und Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition ist in diesem politischen System der Salafisten folglich eben so wenig vorgesehen wie eine Gewaltenteilung oder die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte. Salafisten lehnen alle Normen ab, die auf menschlicher Rationalit\u00e4t und Logik basieren. Die Implementierung der Scharia geht mit der Einschr\u00e4nkung der Menschenrechte einher. Es wird zwischen dem politischen und jihadistischen Salafismus unterschieden. Die Anh\u00e4nger beider Str\u00f6mungen eint eine extremistische Ideologie und die damit verbundenen Ziele. Sie unterscheiden sich lediglich in der Option der Gewaltanwendung, um ihre Ziele umzusetzen. Gemein sind ihnen ein Alleinvertretungsanspruch bez\u00fcglich einer absoluten g\u00f6ttli28 Im November 2016 wurden das Missionierungsnetzwerk \"Die wahre Religion\" (DWR) und die damit assoziierte Koranverteilaktion \"LIES!\" verboten. Das Verbot des Berliner Moscheevereins \"Fussilet 33 e. V.\" folgte im Februar 2017. Weitere Verbote ergingen im M\u00e4rz 2017 bez\u00fcglich der Vereine \"Deutschsprachiger Islamkreis Hildesheim e. V.\" und \"Almadinah Islamischer Kulturverein e. V.\" in Kassel im M\u00e4rz 2017. Die Verbote gr\u00fcnden jeweils auf dem Agieren der Netzwerke und Moscheevereine gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung unter Verbreitung und Verfestigung der salafistischen Ideologie. Dies reicht von einer Bef\u00fcrwortung sowie dem Aufruf zu Gewalt bis hin zur Ausreise in die Jihadgebiete, um sich dort dem Kampf terroristischer Gruppierungen anzuschlie\u00dfen. Zudem hat das BMI im Mai 2021 den salafistischen Spendensammelverein \"Ansaar International e. V.\" und seine Nebenorganisationen verboten. Der Verein richtete sich mit seinen Aktivit\u00e4ten gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung sowie die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung. 68","chen Wahrheit und die darin wurzelnde Absicht, die deutsche Rechtsordnung und Gesellschaft langfristig entsprechend ihres enggefassten ideologisierten Islamverst\u00e4ndnisses umzugestalten. Sie streben nach der Errichtung eines politischen Systems auf der Grundlage ihrer strengen Interpretation der Scharia, mit einem Kalifen als religi\u00f6sem und politischem Oberhaupt. Der politische Salafismus bezeichnet eine breit gefasste heterogene Sammlungsbewegung. Anh\u00e4nger dieser Str\u00f6mung folgen einer streng puristischen Lebensweise nach dem von ihnen wahrgenommenen Vorbild der islamischen Fr\u00fchzeit z. T. unter Ablehnung theologischer und politischer Entwicklungen. Hauptkennzeichen des politischen Salafismus ist die systematische Missionierung (Da'wa), mit deren Hilfe die extremistische Ideologie weite Verbreitung findet. Diese Propagandaarbeit erfolgt virtuell in Form unz\u00e4hliger salafistischer Auftritte im Internet, auf denen mit Islaminteressierten \u00fcber Fragen zur Religion diskutiert und salafistische Literatur verbreitet wird, und in der Realwelt in Form von islamischen Informationsst\u00e4nden, Islamseminaren und Spendenaktionen. Der \u00dcbergang zum jihadistischen Salafismus ist angesichts des ambivalenten Verh\u00e4ltnisses politischer Salafisten zur Gewalt flie\u00dfend. W\u00e4hrend die Mehrheit der politischen Salafisten religi\u00f6s legitimierte Gewalt zur Verteidigung ihres Glaubens nicht prinzipiell ablehnt, vermeidet sie es jedoch, offen zur Anwendung von Gewalt aufzurufen. Jihadistische Salafisten erachten es im Gegensatz dazu f\u00fcr unerl\u00e4sslich, dass der Geltungsanspruch ihrer Ideologie sowie der Wandel bestehender sozialer und politischer Verh\u00e4ltnisse nach den Vorgaben eines g\u00f6ttlichen Heilsplans mit Gewalt verwirklicht werden m\u00fcsse. So deuten sie das klassisch islamische Jihad-Konzept, das prim\u00e4r die \u00dcberwindung innerer Widerst\u00e4nde im Streben nach einem gottgef\u00e4lligen Leben und dem untergeordnet urspr\u00fcnglich eine defensive Form der Kriegsf\u00fchrung verk\u00f6rpert, in ein revolution\u00e4res Jihad-Konzept um. Damit erkl\u00e4ren Jihadisten die Teilnahme am bewaffneten Kampf zur individuellen Pflicht eines jeden Muslims und rufen zum Kampf gegen vermeintliche Feinde des Islam auf, d. h. all jene, die sich au\u00dferhalb ihres eigenen strengen salafistischen Regelwerks bewegen wie Atheisten, Polytheisten, Christen, Juden und sogar kritische und weniger puristische Muslime. Anh\u00e4nger dieser militanten Gewaltideologie w\u00e4hnen sich in einem Jihad gegen \"den Westen\", in dem sie eine Avantgarde verk\u00f6rperten, die die Initiative zur Verteidigung des Islam ergreife und eine gewaltsame Ausbreitung des Islam bzw. ihres rigorosen Islamverst\u00e4ndnisses anstrebe. 69","1.2 Legalistischer Islamismus Anders als jihadistische Gruppierungen sind legalistische, nicht gewaltorientierte islamistische Gruppen bestrebt, durch Missionierung Anh\u00e4nger f\u00fcr ihre Lesart des Islam zu gewinnen und \u00fcber karitative und gesellschaftspolitische Lobbyarbeit die Umformung des demokratischen Rechtsstaats in einen islamischen Staat unter Anwendung der islamischen Rechtsprechung zu erlangen. Richtschnur ihres Handelns ist eine strenge Lesart des Korans und die Anwendung der Scharia, was einen Versto\u00df gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung des Grundgesetzes darstellt. Beispielhaft seien die \u00e4gyptische \"Muslimbruderschaft\" und ihre Ableger in Deutschland, die in Indien gegr\u00fcndete transnationale Missionierungsbewegung \"Tablighi Jama at\" als auch die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung und \"Garde 20-Gemeinschaft\" - beide t\u00fcrkisch gepr\u00e4gt - genannt. 1.3 Schiitischer Islamismus Schiitischer Islamismus kn\u00fcpft in Abgrenzung zum sunnitischen Islamismus an spezifische Vorstellungen der schiitischen Theologie und politischen Lehre an und wird vom theokratischen Herrschaftskonzept \"Velayat-e faqih\" des iranischen Revolutionsf\u00fchrers Ayatollah Ruhollah Khomeini29 gekennzeichnet. Dieses umfasst die Verwirklichung eines islamischen Staats auf der Grundlage der Scharia, angef\u00fchrt von schiitischen Rechtsgelehrten, die den seit 941 in die Verborgenheit entr\u00fcckten Mahdi, ein Nachfahre des Propheten Muhammad \u00fcber dessen Tochter Fatima und Schwiegersohn Ali Ibn Abi Talib, stellvertreten. Khomeini forderte einst ebenso wie sunnitische islamistische Gruppierungen eine R\u00fcckbesinnung auf die Urspr\u00fcnge des Islam und propagierte unter Ablehnung von Demokratie und S\u00e4kularismus die Vision einer weltweiten Islamisierung. 2. Gef\u00e4hrdungsbewertung f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland In den zur\u00fcckliegenden Jahren hatte sich die Bedrohungslage auf hohem Niveau in der Bundesrepublik Deutschland stabilisiert. Die im Berichtsjahr erfolgten Koransch\u00e4ndungen in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sowie die Entwicklungen im Nahen Osten als Folge der Terroranschl\u00e4ge gegen den Staat Israel bewirken eine weitere Anspannung der Sicherheitslage, die sich mit jedem weiter eingreifenden Akteur und der Verschlechterung der humanit\u00e4ren Situation im Gazastreifen versch\u00e4rft. 29 Der Religionsgelehrte Khomeini (1902-1989) f\u00fchrte die Islamische Revolution 1978/1979 im Iran an und lenkte nach dem Sturz des Schahs Mohammad Reza Pahlavi die Staatsgesch\u00e4fte der neu gegr\u00fcndeten Islamischen Republik Iran als religi\u00f6ses und politisches Oberhaupt bis zu seinem Tod. 70","Islamistische Terrororganisationen wie der \"Islamische Staat\" (IS) nutzen Deutschland l\u00e4ngst nicht mehr als R\u00fcckzugsraum oder zur Finanzierung von Aktivit\u00e4ten im Ausland, sondern betrachten Deutschland als legitimes Ziel f\u00fcr Anschlagspl\u00e4ne. Bereits die Koranverbrennungen in Schweden wurden zum Anlass genommen, die jihadistische Szene zu mobilisieren und zu Racheakten im Westen aufzurufen. Trotz gegens\u00e4tzlich ideologischer Ausrichtung solidarisieren sich Terrororganisationen wie der IS und das \"Al-Qaida\" Netzwerk (AQ) nach dem Angriff der \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya (HAMAS)30 auf Israel mit HAMAS und \"HIZB ALLAH\"31. Verbunden durch die Ziele Antisemitismus und Vernichtung des Staates Israel machen sich IS und AQ das Emotionalisierungsund Mobilisierungspotenzial jihadistischer Akteure im In-und Ausland zunutze und rufen im Kampf gegen Israel, das Judentum und den verb\u00fcndeten Westen zu Terroranschl\u00e4gen auf, wodurch das Gefahrenpotenzial in der Bundesrepublik Deutschland deutlich gestiegen ist. Diese Gefahr wird durch Desinformation und Propaganda zus\u00e4tzlich befeuert und kann dazu f\u00fchren, dass radikalisierte, auch irrational agierende, allein handelnde T\u00e4ter, die durch die Ereignisse und die Lage in Israel bzw. Gaza emotionalisiert und inspiriert werden, den gegenw\u00e4rtigen Konflikt zum Anlass f\u00fcr spontane Gewalttaten nehmen. Hier geht die akute Gefahr von dem zentralasiatischen IS-Ableger \"Provinz Khorasan\" (ISPK) aus. Der Ableger mit Ursprung in Afghanistan gr\u00fcndete sich 2014. \"Khorasan\" ist eine historische Region in Zentralasien, welche Gebiete des heutigen Iran, Afghanistan, Turkmenistan, Tadschikistan sowie Usbekistan umfasst. In Afghanistan steht der ISPK in Konkurrenz zu den Taliban und wird von diesen bek\u00e4mpft. Die Ideologie des ISPK zielt darauf ab, sein Territorium sowie die islamische Welt von \"Kreuzfahrern\" und deren Einfluss zu reinigen und ein weltweites Kalifat zu schaffen. Das Netzwerk hat seinen Fokus auf das Ausland erweitert und beschr\u00e4nkt seine terroristischen Aktivit\u00e4ten nicht nur auf Afghanistan, sondern hat bereits Anschl\u00e4ge in verschiedenen L\u00e4ndern ver\u00fcbt und auch f\u00fcr Deutschland Anschlagsvorhaben formuliert und geplant. Der ISPK ist derzeit die gr\u00f6\u00dfte islamistische Bedrohung und stellt die Beh\u00f6rden vor besondere Herausforderungen hinsichtlich Schutzund Sicherheitsma\u00dfnahmen. 30 Bei der HAMAS handelt es sich um eine sunnitisch-extremistische Organisation, die sich aus dem pal\u00e4stinensischen Teil der Muslimbruderschaft entwickelte und mit Beginn der ersten Intifada (Pal\u00e4stinenseraufstand) im Jahre 1987 gegr\u00fcndet wurde. Ziel der HAMAS ist die Vernichtung des Staates Israel und die damit einhergehende Errichtung eines eigenen Staates auf dem gesamten Gebiet \"Pal\u00e4stinas\". Im Gazastreifen stellt sie die f\u00fchrende politische Kraft dar. Ihre Mitgliederzahl wird auf etwa 80.000 Personen gesch\u00e4tzt. Seit dem Jahr 2003 befindet sich die HAMAS als Terrororganisation auf der EU-Sanktionsliste. 31 Die \"HIZB ALLAH\" - \"Partei Gottes\" ist eine islamistisch-schiitische Partei und Miliz im Libanon. Ihr Ziel ist der Widerstand gegen Israel, die Befreiung des Libanon von westlichen Einfl\u00fcssen sowie die Sicherung der eigenen politischen Machtbasis. Seit dem 26. M\u00e4rz 2020 besteht eine Verbotsverf\u00fcgung des BMI, aus der sich auch die Strafbarkeit der Symbole ergibt. 71","Im April 2023 kam es zu einer Messerattacke in einem Duisburger Fitnessstudio, welche islamistische motiviert war. Der T\u00e4ter bekannte sich zum IS. Zudem sind zahlreiche Gef\u00e4hrdungssachverhalte bekannt geworden, die Anschlagspl\u00e4ne sowie -vorbereitungen umfassten und durch die Zusammenarbeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden aufgekl\u00e4rt und verhindert werden konnten. So f\u00fchrten Gef\u00e4hrdungshinweise zu Anschlagsvorhaben auf den K\u00f6lner Dom in der Weihnachtszeit und zu Silvester in Einzelf\u00e4llen zu Ma\u00dfnahmen der Sicherheitsbeh\u00f6rden. Es wurden mehrere Personen vorl\u00e4ufig festgenommen, die im Verdacht stehen, als Anh\u00e4nger des ISPK-Netzwerkes den Anschlag geplant zu haben. Auch das AfV ist einem Hinweis auf Mitgliedschaft bzw. Unterst\u00fctzung des ISPK von zwei in Th\u00fcringen ans\u00e4ssigen Personen nachgegangen, der sp\u00e4ter in Ermittlungen des Generalbundesanwalts m\u00fcndete. Das verdeutlicht, dass das Gefahrenpotenzial f\u00fcr m\u00f6gliche Terroranschl\u00e4ge in Deutschland real und akut ist, so dass jederzeit mit unkoordinierten Spontantaten und Anschl\u00e4gen durch radikalisierte Einzelt\u00e4ter und Kleinstgruppen gerechnet werden muss. Neben gro\u00dfen, schwer zu sch\u00fctzenden Zielen sind j\u00fcdische/israelische Einrichtungen und j\u00fcdische/israelische Personen besonders gef\u00e4hrdet. 2.1 Terrorangriff der HAMAS am 7. Oktober Am fr\u00fchen Morgen des 7. Oktober startete die HAMAS einen Gro\u00dfangriff unter der Bezeichnung \"al-Aqsa-Flut\" auf das s\u00fcdliche und mittlere Staatsgebiet Israels. Hierbei wurden mehrere tausend Raketen aus dem Gazastreifen auf verschiedene israelische Ziele abgeschossen. Trotz des israelischen Raketenabwehrsystems kam es aufgrund der hohen Anzahl von Raketen zu Einschl\u00e4gen auf israelischer Seite. Parallel drangen K\u00e4mpfer der HAMAS auf israelisches Staatsgebiet vor und t\u00f6teten eine hohe Zahl an Zivilisten und nahmen zahlreiche Geiseln. Die israelische Regierung hat nach den Angriffen der HAMAS eine milit\u00e4rische Gegenoffensive gestartet und erkl\u00e4rte am 8. Oktober den Kriegszustand. Die Terroranschl\u00e4ge der HAMAS und die darauffolgende israelische Offensive haben auch Auswirkungen auf die Sicherheitslage in der Bundesrepublik Deutschland. Seit dem 7. Oktober finden sowohl pro-israelische als auch pro-pal\u00e4stinensische Veranstaltungen im Bundesgebiet, einhergehend mit einem erh\u00f6hten Emotionalisierungsund zugleich Mobilisierungspotenzial, statt. Dies hat sich unter anderem auch in einem deutlichen Anstieg der politisch 72","motivierten Straftaten mit antisemitischem Hintergrund niedergeschlagen. So registrierte das Bundeskriminalamt allein im Oktober im Bereich der religi\u00f6sen bzw. ausl\u00e4ndischen Ideologie dreimal so viele Vorf\u00e4lle wie in den gesamten neun Monaten davor. 2.2 Antisemitismus und Desinformation im Islamismus Die \u00e4lteste Erscheinungsform des Antisemitismus ist die religi\u00f6s begr\u00fcndete Feindschaft gegen\u00fcber Juden. Diese entstand aus einer Absolutsetzung der eigenen religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen, die einhergehen mit Ablehnung, Herabw\u00fcrdigung und Diskriminierung anderer Glaubensformen. Bei zahlreichen islamistischen Organisationen l\u00e4sst sich eine antisemitische Agitation feststellen, die so weit geht, dass das Existenzrecht Israels negiert und die Vernichtung Israels gefordert wird. Antisemitisches Gedankengut ist aber nicht nur unter Anh\u00e4ngern islamistischer Organisationen vertreten, sondern kommt ebenso in muslimischen Gesellschaftsteilen vor, die keine Islamismusbez\u00fcge aufweisen. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel verbreiten sich viele Falschmeldungen und antiisraelische Narrative. Sie kn\u00fcpfen an bestehende Feindbilder an und sind im Kern antisemitisch. Desinformationen stellen ein Propagandamittel mit dem Ziel der Manipulation von Einstellungen, Meinungen und Gef\u00fchlen dar. Sie werden gezielt f\u00fcr politische Zwecke, wie auch bei Konflikten und Kriegen, eingesetzt. Eine besondere Funktion als Multiplikatoren von Desinformationen haben soziale Medien. Auf Facebook, \"X\", Telegram und Co. k\u00f6nnen in Sekundenschnelle Nachrichten weitergeleitet und kommentiert werden. So f\u00fchren auch die im Netz verbreiteten unz\u00e4hligen falschen Behauptungen, verst\u00f6renden Bilder und Videos im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt in Deutschland zu einer T\u00e4ter-Opfer-Umkehr und heizen die Stimmung auf beiden Seiten der Konfliktparteien weiter auf. Sie tragen zur Emotionalisierung bei und k\u00f6nnen als Radikalisierungsfaktor fungieren. 2.3 Bet\u00e4tigungsverbot HAMAS Infolge der Geschehnisse am 7. Oktobers wurde die Bet\u00e4tigung der HAMAS in Deutschland am 2. November durch das Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat gem\u00e4\u00df SS 3 Vereinsgesetzes verboten. Demnach l\u00e4uft die T\u00e4tigkeit der Vereinigung HAMAS den Strafgesetzen zuwider und richtet sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Zudem beeintr\u00e4chtigt und gef\u00e4hrdet die T\u00e4tigkeit der HAMAS sonstige erhebliche Interessen der Bundesrepublik Deutschland. S\u00e4mtliche mit der HAMAS assoziierten Kennzeichen und Logos sind ebenfalls von dem Verbot umfasst. Darunter auch die vor allem durch den milit\u00e4rischen Arm der \"al-Qassam-Brigaden\". 73","Wappen der HAMAS Logo des milit\u00e4rischen Fl\u00fcgels der HAMAS, \"Izz-al-Din-al-Qassam-Brigaden\" 2.4 Ermittlungsma\u00dfnahmen gegen das \"Islamische Zentrum Hamburg\" und dessen m\u00f6gliche Teilorganisationen Am 16. November wurden bundesweit Exekutivma\u00dfnahmen gegen das \"Islamische Zentrum Hamburg e. V.\" (IZH) sowie weitere Teilorganisationen an insgesamt 54 Objekten (Vereine, R\u00e4umlichkeiten, Personen und Konten) in sieben Bundesl\u00e4ndern durchgef\u00fchrt. Die Ma\u00dfnahmen richten sich qualitativ gegen einige der wichtigsten schiitischen islamistischen Einrichtungen in Deutschland sowie gegen Personen, die hochrangig in das Revolutionsb\u00fcro im Iran eingebunden sind. Das Bundesministerium des Innern und f\u00fcr Heimat f\u00fchrt gegen das IZH und insgesamt f\u00fcnf weitere Vereinigungen ein vereinsrechtliches Ermittlungsverfahren. Das IZH steh im Verdacht, sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung zu richten und damit Verbotsgr\u00fcnde nach dem Vereinsgesetz zu erf\u00fcllen. Zudem gehen die Sicherheitsbeh\u00f6rden dem Verdacht nach, dass das IZH die in Deutschland verbotenen Aktivit\u00e4ten der libanesischen Terrororganisation \"Hizb Allah\" unterst\u00fctzt. Die oben beschriebenen Exekutivma\u00dfnahmen dienen zur weiteren Aufkl\u00e4rung dieses Verdachts und zur Sicherung von Beweismitteln. 3. Islamismus in Th\u00fcringen 3.1 \u00dcberblick Islamistische Gruppierungen haben sich in Th\u00fcringen bislang kaum strukturell etabliert. Feste, formale Organisationsstrukturen existieren in diesem Sinne im Freistaat weiterhin nicht. 74","Nach wie vor agieren lose Personennetzwerke oder Einzelpersonen, die islamistische Aktivit\u00e4ten entfalten. In Th\u00fcringen l\u00e4sst sich eine Koexistenz und vereinzelt ein Miteinander der mehrheitlich aus Einzelpersonen bestehenden salafistischen Szene mit anderen islamistischen Str\u00f6mungen wie der \"Islamistischen nordkaukasischen Szene\" (INS), Tablighi Jama'at (TJ) und Muslimbruderschaft (MB) ausmachen. Gr\u00fcnde hierf\u00fcr werden u. a. in der nicht vorgenommenen Selbst-Kategorisierung als Salafi und Tablighi, sondern stattdessen als praktizierender, gl\u00e4ubiger Muslim sowie dem Mangel eines umfangreicheren Moscheenangebots im Freistaat gesehen. Dar\u00fcber hinaus scheinen Kennverh\u00e4ltnisse aufgrund der gemeinsam bewohnten Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte zu bestehen. Das Potenzial der losen islamistischen Anh\u00e4ngerschaft bel\u00e4uft sich im Freistaat Th\u00fcringen auf ca. 200 Personen. Zwei Drittel davon sind der Str\u00f6mung des Salafismus zuzurechnen. Die \u00fcbrigen dem AfV bekannten Islamisten verteilen sich auf die Gruppierungen TJ, MB, \"Hizb Allah\" und HAMAS sowie die INS. Schriftzug \"Tablighi Jama'at\" Symbol \"Muslimbruderschaft\" Logo der \"Hizb Allah\" 3.2 Islamisten in Th\u00fcringer Moscheevereinen Im Freistaat existieren Moscheevereine im unteren zweistelligen Bereich, von denen einzelne als islamistisch beeinflusst sowie als teilweise von Islamisten frequentierte Einrichtungen bewertet werden. Mehrheitlich dienen sie Muslimen als Anlaufstelle zur Verrichtung des freit\u00e4glichen Pflichtgebets. Diese Moscheevereine, deren Mitglieder und Besucher sich \u00fcberwiegend im Einklang mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bet\u00e4tigen, treten bisher nicht selbst als Multiplikatoren der islamistischen Ideologie in Erscheinung. Einige sind unwissentlich \u00fcber einzelne Besucher islamistischen Einfl\u00fcssen ausgesetzt und k\u00f6nnen somit sowohl der Rekrutierung f\u00fcr islamistische Netzwerke als auch als Orte der Radikalisierung dienen. Infolgedessen werden sie auch als m\u00f6gliche Anlaufstellen und Trefforte zur 75","Kontaktaufnahme und f\u00fcr Zusammenk\u00fcnfte entsprechender Personen genutzt. Dabei bestehen auch Kennverh\u00e4ltnisse zu Personen aus dem jihadistischen Spektrum. Aufgrund dessen werden Moscheevereine und Gebetsr\u00e4ume im Freistaat nicht insgesamt als salafistische Bestrebung bzw. allgemein islamistisch nachrichtendienstlich beobachtet, sondern vielmehr einzelne relevante Personengruppen. 3.2.1 Salafismus in Th\u00fcringen Die einflussreichste Str\u00f6mung des islamistischen Spektrums in Th\u00fcringen bildet analog zum Bundestrend der Salafismus. Die hier vertretene Ideologie ist deutlich m\u00e4nnlich dominiert. In den vergangenen Jahren war die salafistische Szene aufgrund von Verbotsund Ermittlungsverfahren sowie durch die Pandemiebeschr\u00e4nkungen kaum sichtbar t\u00e4tig. Aktivit\u00e4ten und Missionierungst\u00e4tigkeiten verlagerten sich in den privaten Bereich oder den virtuellen Raum. Dort professionalisierte sich die Szene zunehmend. Neben den etablierten Kan\u00e4len You-Tube und Facebook wurde das Angebot auf die Plattformen Telegram, Instagram und TikTok ausgeweitet. Seit Mitte 2022 ist die Szene wieder verst\u00e4rkt in der \u00d6ffentlichkeit aktiv. Vortragsveranstaltungen, das Auftreten salafistischer Prediger und Aktionen wie Infost\u00e4nde in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen haben bundesweit zugenommen. So auch in Th\u00fcringen, wo erstmals seit dem Berichtszeitraum 2014/2015, wieder einschl\u00e4gige Unterrichtsangebote und Seminare \u00fcberregional agierender salafistischer Akteure festgestellt werden konnten. Aktivit\u00e4ten von Salafisten im Internet lassen sich seit Jahren beobachten. Es ist das wichtigste Kommunikationsund Propagandamedium, da es grenz\u00fcberschreitend schnelle Kommunikation und Interaktion erm\u00f6glicht. Neben der leichten Verf\u00fcgbarkeit von Informationen erleichtert es das Internet, Kontakt zu Gleichgesinnten aufzunehmen und sich miteinander auszutauschen. Durch das Internet erhalten Akteure Zugang zur digitalen \u00d6ffentlichkeit, um Propaganda im Netz zu konsumieren und auch zu verbreiten. So genie\u00dft das Internet gerade bei Jugendlichen einen hohen Stellenwert und verhilft oftmals zum ersten Einstieg in die Szene. Die Aussagen der salafistischen Influencer k\u00f6nnen erhebliche Auswirkungen im Lebensalltag f\u00fcr Jugendliche haben. Durch extremistische Medieninhalte werden Radikalisierungsprozesse verst\u00e4rkt und beschleunigt. Dabei gilt das Internet nicht als alleiniger Ausl\u00f6ser, da eine Radikalisierung von einer Vielzahl von Faktoren abh\u00e4ngt. 76","3.3 Terrorangriff der HAMAS, Reaktionen in Th\u00fcringen Auch in Th\u00fcringen kam es infolge des Terrorangriffs der Hamas auf Israel zu einem Anstieg des Veranstaltungsgeschehens, welches eng mit der Entwicklung im Nahen Osten verkn\u00fcpft und somit schwankend ist. Es \u00fcberwogen pro Israel-Demonstrationen gegen\u00fcber den Veranstaltungen mit pro pal\u00e4stinensischem Charakter. Bis auf sehr wenige Ausnahmen verliefen die Veranstaltungen st\u00f6rungsfrei. Ebenso kam es in sehr wenigen F\u00e4llen zu politisch motivierten Straftaten. Die Reaktionen der islamistischen Szene in den sozialen Medien zum terroristischen Angriff der HAMAS waren zur\u00fcckhaltend. Neben Aufforderungen zur Solidarit\u00e4t mit Pal\u00e4stina, der Forderungen nach Beendigung der Kampfhandlungen, antisemitischen \u00c4u\u00dferungen, wie die Aberkennung des Existenzrechts Israels, wurden offene Sympathiebekundungen f\u00fcr die HAMAS kaum kommuniziert. 3.4 Reisebewegungen aus Th\u00fcringen Die Bundesanwaltschaft hat am 30. Januar vor dem Staatsschutzsenat des Th\u00fcringer Oberlandesgerichts in Jena Anklage gegen eine nach Syrien ausgereiste Frau aus Th\u00fcringen erhoben. Die Angeklagte habe sich durch ihre Ausreise im M\u00e4rz 2015 und ihrem sich daran anschlie\u00dfenden Verhalten im Herrschaftsgebiet des IS einer terroristischen Vereinigung im Ausland angeschlossen, deren Weltbild und gewaltsame Vorgehensweise sie zun\u00e4chst geteilt und bef\u00fcrwortet habe. Durch ihre Heirat mit einem K\u00e4mpfer der IS-Truppen im April 2015, mit der Haushaltsf\u00fchrung und Kindererziehung, habe sie die Beteiligung ihres Ehemanns an den Kampfhandlungen des IS gef\u00f6rdert und sich in die Organisationsstrukturen des IS eingef\u00fcgt. W\u00e4hrend ihres Aufenthalts in Syrien war sie zeitweise im Besitz einer Waffe, wodurch sie gegen das Waffengesetz versto\u00dfen habe. Die Angeklagte wurde am 12. Juni wegen mitgliedschaftlicher Bet\u00e4tigung in einer terroristischen Vereinigung im Ausland (SS 129a Abs. 1 Nr. 1 StGB, SS 129b Abs. 1 S\u00e4tze 1 und 2 StGB) und Versto\u00dfes gegen das Waffenrecht (SS 51 Abs. 1, SS 1 Abs. 2 Nr. 1, SS 2 Abs. 3 WaffG) zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, deren Vollstreckung zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt wurde, verurteilt. 77","VI. Auslandsbezogener Extremismus (ohne Islamismus) 1. Hintergrund Auslandsbezogener Extremismus ist ein Sammelbegriff f\u00fcr Aktivit\u00e4ten von heterogenen extremistischen und sicherheitsgef\u00e4hrdenden Bestrebungen au\u00dferhalb des Islamismus, die \u00fcberwiegend aus politischen, sozialen oder ethnischen Konflikten in den jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern hervorgegangen sind. Ausl\u00e4nderextremistische Bestrebungen im Sinne des Verfassungsschutzes zielen auf mitunter gewaltsame Ver\u00e4nderungen der Verh\u00e4ltnisse in den Herkunftsl\u00e4ndern ab, wobei Deutschland \u00fcberwiegend als sicherer R\u00fcckzugsraum oder f\u00fcr propagandistische Zwecke genutzt wird. Diese Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen gleichwohl die innere Sicherheit bzw. das internationale Ansehen der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, mitunter versto\u00dfen sie auch gegen das Prinzip der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Akteure des auslandsbezogenen Extremismus, die auch ideologische Elemente des Rechtsund Linksextremismus aufweisen, sind u. a. die rechtsextremistische t\u00fcrkische \"\u00dclk\u00fcc\u00fc\"Bewegung, die marxistisch-leninistische \"Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas\" (PFLP), welche seit 2002 als Terrororganisation gelistet ist, separatistische Sikh-Organisationen und die \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK), welche in Th\u00fcringen unter den ausl\u00e4nderextremistischen Gruppierungen den Bearbeitungsschwerpunkt darstellt. Einige dieser extremistischen Akteure haben den am 7. Oktober von der HAMAS durchgef\u00fchrten Terrorangriff auf Israel32 zum Anlass genommen, \u00f6ffentlich ihre antisemitischen und anti-israelischen Positionen zu verbreiten, zu Hass und Gewalt gegen Juden und J\u00fcdinnen aufzurufen und Israel das Existenzrecht abzusprechen. In diesem Zusammenhang tat sich das internationale Netzwerk \"Samidoun - Palestinian Solidary Network\" (Samidoun) hervor. Mit Verf\u00fcgung vom 2. November hat die Bundesministerin des Inneren und f\u00fcr Heimat die Bet\u00e4tigung des internationalen Netzwerks in Deutschland verboten. Seine Teilorganisation 32 Siehe dazu Abschnitt V., Kapitel 2.1 und 3.3. 78","\"Samidoun Deutschland\" - auch agierend unter \"HIRAK - Palestinian Youth Mobilization Jugendbewegung Germany\" wurde verboten und aufgel\u00f6st. Zur Begr\u00fcndung hie\u00df es, dass die Vereinigung gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung sowie das friedliche Zusammenleben von Deutschen und Ausl\u00e4ndern verschiedenster Gruppen sowie die \u00f6ffentliche Ordnung in der Bundesrepublik Deutschland versto\u00dfen hat. Das Verbot umfasst neben Internetseiten und E-Mail-Adressen auch Kennzeichen des Netzwerkes sowie die \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dferte Parole \"From the river to the sea\". Samidoun wurde 2011 von im Ausland lebenden Mitgliedern der \"Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas\" (PFLP) vorgeblich zur Unterst\u00fctzung von pal\u00e4stinensischen Gefangenen gegr\u00fcndet. Der tats\u00e4chliche Zweck besteht jedoch in einem grunds\u00e4tzlichen und globalen \"Befreiungskampf\" gegen den Staat Israel. Samidoun fordert die Errichtung eines pal\u00e4stinensischen Staates vom Fluss Jordan bis zum Mittelmeer, welcher das ganze israelische Staatsgebiet umfasst. Die Formulierung \"From the river to the sea, Palestine will be free\", welche oft von unterschiedlichen Akteuren bei Veranstaltungen und Demonstrationen gegen Israel gerufen wird, ist ein antisemitischer Ausdruck in Verbindung mit Vernichtungs-Antizionismus. Das Territorium vom Fluss Jordan bis zum Mittelmeer umfasst auch das heutige Staatsgebiet Israels. Die Forderung extremistischer Akteure nach einer \"Befreiung Pal\u00e4stinas vom Fluss bis zum Meer\" beinhaltet unzweideutig den Anspruch auf das gesamte Gebiet des ehemaligen britischen Mandatsgebiets \"Pal\u00e4stina\" und h\u00e4tte zwangsl\u00e4ufig die Ausl\u00f6schung des Staates Israel zur Folge. Im \u00f6ffentlichen Raum entfaltet die Parole \u00fcber den Wirkkreis hinaus eine gegen den Staat Israel und \"die Juden\" generell gerichtete feindliche, von Hassgef\u00fchlen durchsetzte, aggressive Atmosph\u00e4re. 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) 2.1 \u00dcberblick, allgemeine Lage Die PKK wurde 1978 in der T\u00fcrkei von Abdullah \u00d6calan gegr\u00fcndet. In der Folgezeit sind im Zusammenhang mit ihr auch die Bezeichnungen \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK), \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA GEL), \"Gemeinschaft der Kommunen 79","in Kurdistan\" (KKK) und \"Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans\" (KCK) in Erscheinung getreten.33 Seit dem 22. November 1993 unterliegt die Partei in Deutschland einem bis heute g\u00fcltigen Bet\u00e4tigungsverbot, welches sich auch auf die o. g. Nachfolgeorganisationen erstreckt. Dar\u00fcber hinaus steht sie als terroristische Organisation seit 2002 auf der EU-Terrorliste.34 Der seit 1999 inhaftierte Parteigr\u00fcnder Abdullah \u00d6calan steht weiterhin formal an der Spitze der Organisation. Er wird von ihren Anh\u00e4ngern nach wie vor als Symbolfigur verehrt. Dementsprechend ist die Forderung nach seiner Freilassung eines der Hauptanliegen der Partei und ihrer Unterst\u00fctzer, auch in Deutschland. Eine \u00c4nderung der grunds\u00e4tzlich angestrebten Ziele ergab sich hingegen seit etwa 20 Jahren dahin, dass nicht mehr ein autonomer Kurdenstaat - auch unter Gewalteinsatz in Form eines Guerillakrieges - geschaffen werden soll, sondern die Anerkennung der sozialen und kulturellen Eigenst\u00e4ndigkeit der Kurden innerhalb der staatlichen Ordnung der T\u00fcrkei eingefordert wird. Dabei bedient sich die PKK weiterhin einer Doppelstrategie: Um ein friedliches Erscheinungsbild gegen\u00fcber der westeurop\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit bem\u00fcht, werben ihre Anh\u00e4nger bei Kundgebungen oder anlassbezogenen Gedenkund Kulturveranstaltungen vordergr\u00fcndig um politische Anerkennung ihrer Interessen. Zugleich unterh\u00e4lt die Partei in der T\u00fcrkei und der nordirakischen Grenzregion noch immer bewaffnete \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG), die ihre Ziele mit milit\u00e4rischer Gewalt erreichen sollen. 2.2 Strukturen der Organisation Auf Europaebene bestimmt der \"Kongress der kurdisch-demokratischen Gesellschaft Kurdistans in Europa\" (KCDK-E) die politischen Geschicke der Partei. Diesem sind die Strukturen 33 Die Strukturen blieben denen der Ursprungsorganisation gleich, weswegen von den Sicherheitsbeh\u00f6rden weiterhin die Bezeichnung PKK verwendet wird. 34 Nachdem der Europ\u00e4ische Rat im September 2001 die Bek\u00e4mpfung des Terrorismus zu einem vorrangigen Ziel der EU erkl\u00e4rte, ist die PKK seit 2002 auf der in diesem Zusammenhang eingerichteten sogenannten EUTerrorliste notiert. Dort k\u00f6nnen Personen, Vereinigungen und K\u00f6rperschaften erfasst werden, wenn eine zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde eines EU-Mitgliedstaats \u00fcber Beweise oder schl\u00fcssige Indizien f\u00fcr deren Involvierung in terroristische Handlungen verf\u00fcgt. Konsequenz der Listung ist insbesondere das Einfrieren von Geldern und Verm\u00f6genswerten terrorismusverd\u00e4chtiger Personen und Organisationen. Der Europ\u00e4ische Gerichtshof (EuGH) entschied 2018, dass die Listung der PKK im Zeitraum 2014 bis 2017 mangels einer ausreichenden Begr\u00fcndung rechtswidrig war. Konkrete Auswirkungen hat das Urteil allerdings nicht, da es f\u00fcr 2018 eine neue Durchf\u00fchrungsverordnung des Rates der Europ\u00e4ischen Union zur sogenannten EU-Terrorliste gibt, in der die PKK aufgef\u00fchrt ist und die durch das Urteil nicht infrage gestellt wird. 80","auf Nationalstaatsebene untergeordnet. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es dabei neun Regionen mit 31 Gebieten, die sich wiederum in \"Teilgebiete\" untergliedern. In Th\u00fcringen besteht mit dem \"Teilgebiet Erfurt\" bislang eine etablierte Struktur der PKK, welche organisatorisch dem \"Gebiet Kassel\" angeschlossen ist. Die PKK-Anh\u00e4ngerschaft im \"Teilgebiet Erfurt\" umfasst ca. 130 Personen (2022: 130). Die umzusetzenden Vorgaben und Anordnungen der KCDK-E-Leitung werden durch Gebietsund Teilgebietsleiter zur Basis transportiert. Der Teilgebietsleiter ist zudem auch f\u00fcr die Mobilisierung zu Veranstaltungen, die Verteilung und den Verkauf von Propagandamaterial sowie die Spendensammlungen verantwortlich. Die Basis wiederum findet ihren organisatorischen Zusammenhalt in PKK-nahen Vereinen. In Deutschland sind diese Vereine \u00fcberwiegend dem Dachverband \"Konf\u00f6deration der Gemeinschaften Mesopotamiens in Deutschland\" (KON-MED) angeschlossen. F\u00fcr Erfurt ist hier der Verein \"Demokratische Gesellschaft der KurdInnen Th\u00fcringen e. V.\" zu nennen.35 2.3 Themenschwerpunkte der Organisation Zur Finanzierung ihrer Guerillaeinheiten, aber auch sonstiger Aktivit\u00e4ten in Europa und Deutschland nutzt die PKK verschiedene Quellen, u. a. Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Veranstaltungseinnahmen und den Publikationsverkauf. Den weitaus gr\u00f6\u00dften Einnahmenanteil erzielt sie jedoch w\u00e4hrend der allj\u00e4hrlich unter den Anh\u00e4ngern in Europa durchgef\u00fchrten Spendenkampagne. Allein in Deutschland werden in diesen Kampagnen mehrere Millionen Euro gesammelt. Sonderspendenkampagnen zu aktuellen Themen sollen eine zus\u00e4tzliche Spendenbereitschaft generieren. Neben den fest im Jahresverlauf verankerten Veranstaltungen (Demonstration zum Jahrestag der Festnahme \u00d6calans am 15. Februar, Newroz-Fest36 im M\u00e4rz, Kurdistanfestival im September u. A.) setzten sich die Aktivit\u00e4ten von PKK-Anh\u00e4ngern, die einen Zusammenhang zur Heimatregion bzw. zum PKK-F\u00fchrer \u00d6calan aufweisen, im Berichtszeitraum fort. 35 Im Jahr 2012 als \"Kulturverein Mesopotamien e. V.\" in Erfurt gegr\u00fcndet, 2018 zun\u00e4chst in \"Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Th\u00fcringen e. V.\" und 2019 schlie\u00dflich in \"Demokratische Gesellschaft der KurdInnen Th\u00fcringen e. V.\" umbenannt. Den \u00c4nderungen waren Beschl\u00fcsse des PKK-nahen Dachverbandes KON-MED \u00fcber Neustrukturierungen der kurdischen Vereine in Europa vorausgegangen. 36 Mit dem kurdischen Neujahrsfest \"Newroz\" wird neben dem Beginn eines neuen Jahres der Fr\u00fchlingsanfang gefeiert. \"Newroz\" wird aber auch als Fest des Widerstands gegen Tyrannei und als Symbol f\u00fcr den kurdischen Freiheitskampf verstanden. Die PKK nutzt dieses Fest, um kurdische Volkszugeh\u00f6rige auf die politischen Anliegen der Organisation aufmerksam zu machen, die Bindung der Anh\u00e4ngerschaft an die Organisation zu st\u00e4rken, neue Anh\u00e4nger zu werben sowie als Treffpunkt f\u00fcr hochrangige Kaderfunktion\u00e4re. 81","Als Reaktion auf den Sprengstoffanschlag der HPG im Oktober im Regierungsviertel von Ankara ver\u00fcbte die T\u00fcrkei Luftangriffe auf kurdisch besiedelte Gebiete in Nordsyrien, um die Infrastruktur der PKK zu zerst\u00f6ren. In der Folge rief der KCDK-E zu europaweiten Protestaktionen gegen die \"neue Angriffswelle der T\u00fcrkei\" auf. Bereits in der Vergangenheit wurden in Th\u00fcringen anl\u00e4sslich \u00e4hnlicher Milit\u00e4roffensiven Solidarit\u00e4tsaktionen von regionalen PKK-Strukturen durchgef\u00fchrt. Dabei wurden sie zur Darstellung ihrer Anliegen im demonstrativen Geschehen mehrfach auch von linken oder linksextremistischen Organisationen bzw. deren Anh\u00e4nger unterst\u00fctzt. Aktivit\u00e4ten, in denen kurdische Anh\u00e4nger der Partei selbst als Anmelder auftraten, wurden weitestgehend vermieden. 37 Auch in Erfurt fand im Jahr 2023 eine anlassbezogene Demonstration statt. Dar\u00fcber hinaus wurde im \"Teilgebiet Erfurt\" am 24. Dezember der 45. Jahrestag der PKK gefeiert. 2.4 Bewertung Die PKK wird auch weiterhin auf verschiedenen politischen Ebenen und unter Einbindung politischer Akteure versuchen, ihre Bewertung als terroristische Organisation zu revidieren und das \u00f6ffentliche Meinungsbild in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auch hierbei findet sie - ebenso wie bei der Umsetzung diverser Aktionen und Durchf\u00fchrung von Veranstaltungen und Versammlungen - Unterst\u00fctzung in linken bzw. linksextremistischen Strukturen. Das Mobilisierungspotenzial ist noch immer recht hoch und kurzfristig aktivierbar. Gerade emotional besetzte Themen, insbesondere der Gesundheitszustand des Organisationsgr\u00fcnders und die Forderung nach seiner Freilassung, aber auch die fortw\u00e4hrenden Milit\u00e4rangriffe auf kurdische Siedlungsgebiete (\u00fcberwiegend in der Region Rojava38), finden Ausdruck u. a. in (bundesweiten) Massenkundgebungen. Nachdem - neben (den bereits in der Vergangenheit erteilten) beh\u00f6rdlichen Auflagen hinsichtlich der Austragungsorte von Veranstaltungen und Kundgebungen und der nachdr\u00fccklichen Durchsetzung des Kennzeichenverbots - in den Jahren 2020 und 2021 der Hand37 M\u00f6glicherweise ist dies noch immer auf die Exekutivma\u00dfnahmen u. a. gegen den o. g. Verein im M\u00e4rz 2018 zur\u00fcckzuf\u00fchren. Bei den Beschuldigten des Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Gera soll es sich um Mitglieder des Vereins handeln. Gegen sie bestand der Verdacht des Versto\u00dfes gegen das Vereinsgesetz gem\u00e4\u00df SS 20 Abs. 1 VereinsG (hier: Zuwiderhandlungen gegen das PKK-Verbot). Insoweit k\u00f6nnte hier ein Versuch der Anh\u00e4ngerschaft, sich aus dem Blick der Sicherheitsbeh\u00f6rden zu begeben, als Erkl\u00e4rung dienen. 38 Die de-facto-Autonomieregion Rojava im nordsyrischen Kurdengebiet stellt das symboltr\u00e4chtige Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr die Realisierung der von der PKK betriebenen kurdischen Autonomie dar. 82","lungsspielraum der PKK im Hinblick auf die Planung und Durchf\u00fchrung von bundesweiten Veranstaltungen und Aktionen durch die Corona-Pandemie weiter eingeschr\u00e4nkt war, fanden seit dem Jahr 2022 wieder vermehrt Veranstaltungen statt, um die Hauptanliegen der Organisation \u00f6ffentlichkeitswirksam pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen. Insbesondere im Hinblick auf die Bestrebungen zur Anerkennung als \"legale\" Organisation und zur Aufhebung des bestehenden PKK-Verbotes in Deutschland haben sich die Verantwortlichen stets bem\u00fcht, die Einhaltung staatlicher Vorgaben zu ber\u00fccksichtigen, um der Kategorisierung als Terrororganisation entgegenzuwirken. 83","VII. Linksextremismus 1. \u00dcberblick, Ideologie, Schwerpunktsetzung, Radikalisierung Gemeinsam ist allen Formen des Linksextremismus das Ziel, die bestehende Staatsund Gesellschaftsordnung zu beseitigen. Ihre durchaus unterschiedlichen Bestrebungen richten sich gegen grundlegende Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Letztlich wollen sie einen marxistisch-leninistischen Staat oder eine \"herrschaftsfreie Gesellschaft\" errichten. Viele linksextremistische Bestrebungen eint ein Bekenntnis zur revolution\u00e4ren Gewalt. Dass sich die von ihnen angestrebten Ver\u00e4nderungen einzig durch Gewalt vollziehen lassen, wird aus taktischen Gr\u00fcnden oft verschwiegen. Das linksextremistische Spektrum ist ideologisch breit gef\u00e4chert. Es schlie\u00dft Anh\u00e4nger der \"wissenschaftlichen Sozialismusund Kommunismustheorien\" ebenso ein wie Sozialrevolution\u00e4re, Anarchisten und Autonome. Die in Th\u00fcringen vertretenen linksextremistischen Parteien, Organisationen und sonstigen Personenzusammenschl\u00fcsse sind Teil bundesweit bestehender Strukturen. Der Schwerpunkt bei der Beobachtung des linksextremistischen Spektrums liegt auf dem gewaltorientierten Linksextremismus. Die Gewaltorientierung geh\u00f6rt zu den identit\u00e4tsstiftenden Merkmalen dieser Linksextremisten. Autonome, die dieses Spektrum zu einem wesentlichen Teil bilden, ver\u00fcben auch das Gros der einschl\u00e4gigen Strafund Gewalttaten. Auf die im bundesweiten Vergleich geringe Anzahl Th\u00fcringer Linksextremisten entf\u00e4llt ein entsprechend geringer (bundesweiter) Anteil an Strafund Gewalttaten. Im Berichtsjahr war in Th\u00fcringen ein Anstieg in der Gesamtzahl der registrierten linksextremistisch motivierten Straftaten als auch der Anzahl der linksextremistisch motivierten Gewaltdelikte - hier in einem Fall - zu verzeichnen. Straftaten mit Bez\u00fcgen zum Terrorismus wurden nicht festgestellt. Dennoch ist aufgrund der in den vergangenen Jahren fortgesetzten schweren Einzelstrafund Gewalttaten gegen Objekte und Personen der rechtsextremistischen Szene in Th\u00fcringen von einem hohen Radikalisierungspotential eines Teils der gewaltorientierten linksextremistischen Szene im Freistaat auszugehen. Dabei agiert die gewaltbereite linksextremistische Szene konspirativ und abgeschottet. Selbst Taten mit einer hohen Gewaltintensit\u00e4t scheinen szeneintern als legitim zu gelten. Sie finden keinen expliziten Widerspruch. Eine Gef\u00e4hrdung von Menschenleben wird billigend in Kauf genommen. 84","Es scheint jedoch fraglich, ob es sich tats\u00e4chlich um eine weitere bzw. verstetigte Radikalisierung speziell der regionalen Th\u00fcringer Szene handelt. Art und Umfang der Beteiligung von Th\u00fcringer Linksextremisten lassen sich aktuell nur teilweise fundiert bewerten. Es gibt Anhaltspunkte, die auf eine nicht unerhebliche Beteiligung von ausw\u00e4rtigen Szeneangeh\u00f6rigen an Aktionen in Th\u00fcringen deuten.39 Th\u00fcringen ist im Vergleich zu anderen Bundesl\u00e4ndern zentral gelegen mit guten Verkehrsanbindungen nach Berlin und Leipzig. Regelm\u00e4\u00dfige Kontakte der Th\u00fcringer linksextremistischen Szene zu den aktiven linksextremistischen Szenen in beiden St\u00e4dten sind bekannt. Die Th\u00fcringer Szene ist \u00fcberregional sehr gut vernetzt und in bundesweite Zusammenh\u00e4nge eingebunden. Nicht gewaltorientierte linksextremistische Gruppierungen verfolgen ihre extremistischen Ziele mit politischen Mitteln zun\u00e4chst innerhalb der bestehenden Rechtsordnung. Gegen\u00fcber den gewaltorientierten Linksextremisten verlieren sie zunehmend an Bedeutung. Den in Th\u00fcringen vertretenen marxistisch-leninistischen Parteien und Organisationen gelingt es teilweise durch \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten wahrgenommen zu werden. 2. Das linksextremistische Personenpotenzial Das linksextremistische Personenpotenzial in Th\u00fcringen belief sich im Berichtszeitraum auf etwa 420 Personen, die folgenden Teilspektren zugeordnet werden: 2021 2022 2023 Gewaltorientierte 140 145 150 Linksextremisten davon: Autonome 130 135 140 Anarchisten 40 10 10 10 Linksextremistische 85 85 90 Parteien 41 Rote Hilfe e. V. (RH) 160 170 180 Tabelle 5: Gesch\u00e4tzte linksextremistische Mitgliederbzw. Anh\u00e4ngerpotenziale 39 Ermittlungen der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden dauerten zum Redaktionsschluss an. 40 Die Zahlenangabe zu den Anarchisten bezieht sich auf das personell st\u00e4rkste anarchistische Teilspektrum, die \"Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union\" (FAU). Die FAU ist in geringem Umfang in Th\u00fcringen vertreten. Ihr Aktionsschwerpunkt beschr\u00e4nkt sich wie in den Vorjahren auf Jena. 41 Die Zahlenangabe zu den linksextremistischen Parteien setzt sich aus dem Personenpotenzial der organisatorisch in Th\u00fcringen vertretenen Parteien \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) - ca. 30 Mitglieder - und \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) - ca. 60 Mitglieder - zusammen. 85","Die Anzahl der gewaltorientierten Linksextremisten im Freistaat, die der autonomen Szene zugerechnet werden, ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Regionale Schwerpunkte bestehen in Jena und Umgebung. Die Fokussierung auf das Bet\u00e4tigungsfeld \"Antifaschismus\" h\u00e4lt an. In Verbindung damit kommt auch dem Aktionsfeld \"Antirepression\" aktuell eine gewachsene Bedeutung zu. Die in Th\u00fcringen vertretenen marxistisch-leninistischen Parteien und Organisationen r\u00fcckten im Berichtszeitraum mitunter in die \u00f6ffentliche Wahrnehmung. Der in diesem Spektrum isolierten MLPD gelang es, ihre politischen Anliegen in der \u00d6ffentlichkeit darzustellen.42 Auch Aktivit\u00e4ten der DKP wurden festgestellt.43 Die RH ist die mitgliederst\u00e4rkste Organisation im Bereich des Th\u00fcringer Linksextremismus und weist bundeswie auch th\u00fcringenweit in den letzten Jahren einen Zuwachs an Mitgliedern auf, eine ad\u00e4quate Steigerung ihrer \u00f6ffentlich wahrnehmbaren Aktivit\u00e4ten in Th\u00fcringen war bisher nicht feststellbar. 3. Autonome 3.1 Allgemeines Autonome, die den \u00fcberwiegenden Teil der gewaltorientierten deutschen Linksextremisten ausmachen, sind seit Ende der 1970er Jahre aktiv. Sie agieren vor allem in Gro\u00dfst\u00e4dten wie Berlin, Hamburg, Leipzig, in Universit\u00e4tsst\u00e4dten oder Ballungsr\u00e4umen wie dem Rhein-MainGebiet. Der gewaltorientierten autonomen Szene werden bundesweit etwa 8.300 Anh\u00e4nger (2022: 8.300) zugerechnet. Das bundesweite Personenpotenzial hat sich im Vergleich zum Vorjahr auf hohem Niveau konsolidiert. Autonome erheben den Anspruch, nach eigenen Gesetzen zu leben. Vorgaben, staatliche und gesellschaftliche Normen lehnen sie ab. Sie sind entschlossen, die ihnen hemmend oder einengend erscheinenden staatlichen Strukturen zu zerschlagen. In ihren oft diffusen ideologischen Vorstellungen mischen sich anarchistische Elemente mit nihilistischen, sozialrevolution\u00e4ren und auch marxistischen Versatzst\u00fccken. Ihr ausgepr\u00e4gter Individualismus verlangt zur Ver\u00e4nderung der Gesellschaft nicht nach in sich geschlossenen Theorien oder Konzeptionen. Autonome nehmen Handlungen anderer, z. B. des Staats, von Unternehmen oder des 42 Der 2018 gegr\u00fcndete Landesverband Th\u00fcringen verf\u00fcgt seit 2020 \u00fcber eine eigene Gesch\u00e4ftsstelle in Erfurt. Parteivorsitzender ist Tassilo Timm. Die Partei ist in den St\u00e4dten Eisenach, Erfurt, Gera, Jena, Sonneberg und Suhl mit Ortsgruppen vertreten. Sie verf\u00fcgt \u00fcber einen eigenen Jugendverband \"REBELL\" mit Ortsgruppen in Eisenach, Gera, P\u00f6\u00dfneck sowie Nordhausen. Die meisten Aktivit\u00e4ten - wie Kundgebungen und Informationsst\u00e4nde - entfaltet sie in Erfurt, Eisenach und Sonneberg. 43 Die Partei verf\u00fcgt in Th\u00fcringen \u00fcber vier Regionalorganisationen (Erfurt, Hildburghausen, Weimar-Jena, Sonneberg). Erneut nahmen Mitglieder der DKP Th\u00fcringen an traditionellen Gedenkfeiern wie z. B. f\u00fcr Ernst Th\u00e4lmann, von 1925 bis 1933 Vorsitzender der KPD, teil. Nennenswerte Aktivit\u00e4ten wurden nicht festgestellt. Im Zeitraum 17. - 19. M\u00e4rz veranstaltete die DPK ihren 25. Bundesparteitag in Gotha mit ca. 200 Delegierten. Zum Programm geh\u00f6rte auch ein Gru\u00dfwort der DKP-Landesorganisation Th\u00fcringen. 86","politischen Gegners, als Gewalt gegen sich wahr und versuchen damit ihre gewaltt\u00e4tigen Aktionsformen als Selbstschutz zu legitimieren. Dabei spielen \u00dcberlegungen zur Haltung m\u00f6glicher B\u00fcndnispartner ebenso eine Rolle wie St\u00e4rke und Vorgehensweise eingesetzter Polizeikr\u00e4fte oder des politischen Gegners. Auseinandersetzungen zwischen Angeh\u00f6rigen des linksund rechtsextremistischen Spektrums k\u00f6nnen jeweils \"Vergeltungsaktionen\" nach sich ziehen. Die szeneinterne Kommunikation erfolgt vorrangig unter Nutzung elektronischer Medien. Dazu wird eine Vielzahl von Homepages und Portalen betrieben oder genutzt. Unter diesen hat sich das linksextremistische Internetportal \"Demokratische Gesellschaft der KurdInnen in Th\u00fcringen e. V.\" zum wichtigsten Informationsund Propagandamedium in Deutschland entwickelt. Dar\u00fcber hinaus dienen diverse, zum Teil konspirativ verbreitete Szenebl\u00e4tter als Informationsquellen. Bei der internen, oft auch konspirativ abgeschotteten Kommunikation werden spezielle M\u00f6glichkeiten zur Nachrichtenverschl\u00fcsselung genutzt, die \u00fcber die g\u00e4ngige End-to-End-Verschl\u00fcsselung hinausreichen. Zur Werbung von Nachwuchs f\u00fcr die meist jugendliche, vielf\u00e4ltige Szene bieten sich bestimmte Konzerte, Veranstaltungen zu relevanten Themen wie \"Antifaschismus\", Angebote in Szeneobjekten und die M\u00f6glichkeiten universit\u00e4rer Einrichtungen, wie etwa Infotage, an. Wie auch andere Linksextremisten engagieren sich Autonome in verschiedensten gesellschaftlichen Konfliktfeldern und sind bem\u00fcht, ihre grunds\u00e4tzliche Systemkritik dort \u00fcber den sachbezogenen Protest hinaus in den \u00f6ffentlichen Diskurs einflie\u00dfen zulassen. So versuchen sie B\u00fcndnispartner zu gewinnen und ihre extremistischen Ziele zu verfolgen. Themenfelder wie \"Antifaschismus\", \"Antirepression\", \"Antigentrifizierung\", \"Antirassismus\", \"Antikapitalismus\", \"Antiglobalisierung\", \"Klimaund Umweltschutz\" bestimmen neben tagespolitischen Ereignissen die Diskussionen und Aktionen der autonomen Szene grundlegend. Fest strukturierte, auf Dauer angelegte und \u00fcbergreifende Organisationsformen widersprechen dem Grundverst\u00e4ndnis der traditionellen Autonomen. Die heterogene Szene lehnt Hierarchien und F\u00fchrungsstrukturen ab, agiert meist in kleinen, unverbindlichen, lokal begrenzten, dezentralen Zusammenschl\u00fcssen. Um die wegen des niedrigen Organisationsniveaus begrenzten Wirkungsm\u00f6glichkeiten zu erweitern, gibt es immer wieder Versuche, \u00fcbergreifende Organisationsformen oder Vernetzungsangebote zu schaffen. Das Aktionsspektrum und die Artikulationsformen Autonomer sind vielf\u00e4ltig. Sie reichen von Diskussionen, Vortragsveranstaltungen, Protesten und Demonstrationen \u00fcber Stra\u00dfenkra87","walle, Sachbesch\u00e4digungen bis hin zu Brandanschl\u00e4gen und schwerer K\u00f6rperverletzung. Gewalt ist ein selbstverst\u00e4ndliches Aktionsmittel der Autonomen. Strafund Gewalttaten richten sich insbesondere gegen Angeh\u00f6rige oder vermeintliche Personen und Objekte des rechtsextremistischen Spektrums sowie Einsatzkr\u00e4fte der Polizei. In Th\u00fcringen umfasste das Anh\u00e4ngerpotenzial der gewaltorientierten autonomen Szene im Berichtszeitraum ca. 140 Personen. Ein regionaler Schwerpunkt mit einer personell relativ starken und aktiven autonomen Szene befindet sich in Jena und Umgebung. Szenetypische Anlaufstellen sind \"Infol\u00e4den\" in Arnstadt, Erfurt, Jena und Gotha. Sie stellen f\u00fcr die \u00f6rtliche linksextremistische, insbesondere autonome Szene Informationsund Kommunikationszentren dar. In Th\u00fcringen dominiert inhaltlich weiterhin das Themengebiet \"Antifaschismus\". Bundesweiten und \u00fcberregionalen Zusammenschl\u00fcssen und B\u00fcndnisprojekten, die Dynamik und Widerspr\u00fcchlichkeit im linksextremistischen Spektrum widerspiegeln, fehlen weiterhin Organisationsstrukturen in Th\u00fcringen. Pers\u00f6nliche Kontakte von Th\u00fcringer Autonomen insbesondere auch in bundesweite Szenehochburgen wie Leipzig, Berlin und Hamburg, das Aufgreifen aktueller Themen, die Mobilisierung f\u00fcr \u00fcberregionale Veranstaltungen und Proteste, Verlinkungen, Vernetzungsbem\u00fchungen und die Beteiligung an Aktivit\u00e4ten im Bundesgebiet belegen eine enge Einbindung und bundesweite Verflechtung. 3.2 Th\u00fcringer Autonome und ihr \"Antifaschismus\"-Verst\u00e4ndnis Sachbesch\u00e4digung, Recherche und \"Outing\" Ein Grundkonsens der autonomen Szene besteht darin, \u00fcber Ideen, Aktivit\u00e4ten sowie die Anh\u00e4ngerschaft ihres politischen Gegners aufzukl\u00e4ren. Methodische Mittel reichen dabei von Recherchebis zu sog. Outing-Aktionen. Bei \"Outings\" handelt es sich in der Regel um Dossiers zu mutma\u00dflichen oder tats\u00e4chlichen politischen Gegnern (\"Nazi\", \"Fascho\"). Zu Personen, ggf. auch Gruppierungen oder Organisation werden dabei Informationen \u00fcber einen l\u00e4ngeren - zum Teil Jahre zur\u00fcckliegenden - Zeitraum hinweg recherchiert, gesammelt, ausgetauscht und schlie\u00dflich \u00fcber das Internet oder als Flyer ver\u00f6ffentlicht. Mit diesen \"Outing\"-Aktionen setzen Linksextremisten darauf, mutma\u00dfliche oder tats\u00e4chliche politische Gegner als \"Nazis\" im Wohnoder Arbeitsumfeld \u00f6ffentlich zu machen, \u00fcber ihre politische Ausrichtung \"aufzukl\u00e4ren\" und sie m\u00f6glichst sozial zu isolieren. \"Outing\"-Aktionen f\u00fchren mitunter zu weiteren Straftaten. Insoweit sind verbale Attacken, Sachbesch\u00e4digungen (an Haus oder Auto des Betroffenen) oder aber auch (k\u00f6rperliche) \u00dcbergriffe nicht auszu88","schlie\u00dfen. Ziel ist es, ein Bedrohungsszenario gegen\u00fcber der \"geouteten\" Person aufzubauen. F\u00fcr Betroffene stellen \"Outings\" einen wesentlichen Eingriff in die Privatsph\u00e4re dar. Im Rahmen dieser \"Outings\" wird alles ver\u00f6ffentlicht, was der linksextremistischen Szene bekannt geworden ist oder wesentlich erscheint. So k\u00f6nnen in einem \"Outing\" ganze Lebensl\u00e4ufe, alte und neue Kontakte, Wohnund Arbeitsorte, Einschreibungen an Universit\u00e4ten, Familienmitglieder/Lebenspartner, Teilnahmen an Veranstaltungen und Fotos enthalten sein. Die weitere Verwendung der so \u00f6ffentlich zur Verf\u00fcgung gestellten Informationen obliegt in der Folge allein der uneingeschr\u00e4nkten pers\u00f6nlichen Verantwortung und \"Kreativit\u00e4t\" des interessierten Nutzers. F\u00fcr Betroffene von \"Outings\" besteht folglich eine (abstrakte) Gefahr, Opfer von Gegenma\u00dfnahmen und \u00dcbergriffen der linksextremistischen Szene zu werden. \"Outing\"-Beitrag zu \"\u00fcberzeugtem Faschisten\" in Erfurt vom 23. Mai Anl\u00e4sslich seines Umzuges nach Erfurt sei ein seit vielen Jahren bekannter \"\u00fcberzeugter Faschist\" und \"gef\u00e4hrlicher RECHTSEXTREMER!\" auf dem linksextremistischen Portal \"de.indymedia\" am 23. Mai mit Adressangabe geoutet worden. Zudem seien Flyer im Wohnviertel verteilt worden, \"um Nachbar*innen vor ihm zu warnen\". \"Faschos wie er f\u00fchlen sich viel zu wohl in Erfurt - zeigen wir ihm: es gibt kein ruhiges Hinterland!\" Der Flyer wurde ebenfalls auf \"de.indymedia\" ver\u00f6ffentlicht und zur Weiterverbreitung der Informationen aufgefordert. \"Outing\"-Beitrag zu \"rechtem Autokorso\" in Nordhausen vom 23. Mai Im Nachgang zu einem \"rechten Autokorso\" vom 22. April in Nordhausen ver\u00f6ffentlichten Unbekannte auf dem linksextremistischen Portal \"de.indymedia\" am 23. Mai mehr als einhundert Kennzeichen zu beteiligten Fahrzeugen aus verschiedenen Bundesl\u00e4ndern, u. a. Th\u00fcringen, zur Inspiration von Nachtschw\u00e4rmern, \"um die 1 Million Euro Sachschaden f\u00fcr jedes Jahr Haft im Antifa-Ost Verfahren zu erreichen\".44 44 Unbekannte hatten Sch\u00e4den in H\u00f6he von einer Million Euro pro Haftjahr in der Vergangenheit bereits im Internet vor dem Hintergrund der laufenden Strafverfolgung der Tatverd\u00e4chtigen im Komplex Antifa-Ost avisiert. 89","Mutma\u00dflich linksextremistisch motivierter Brandanschlag auf \"rechtes Szenelokal in spe\" am 17. Juni in Triptis (Saale-Orla-Kreis) In den fr\u00fchen Morgenstunden des 17. Juni kam es offenbar durch Brandstiftung zu Br\u00e4nden im Innenund Au\u00dfenbereich einer damals geschlossenen gastronomischen Einrichtung, deren geplante Wiederer\u00f6ffnung bereits u.a. in einem der AfD nahestehenden regionalen Blatt \u00f6ffentlich kommuniziert worden war. Zudem bestanden Verbindungen in Personenkreise, die von \"Outings\" als \"Nazi\" betroffen waren. Der von den unbekannten T\u00e4tern verursachte Sachschaden am letztlich ausgebrannten Imbiss war enorm. Ein Selbstbezichtigungsschreiben wurde nicht ver\u00f6ffentlicht.45 Mutma\u00dflich linksextremistisch motivierte \u00dcbergriffe auf Tattoo-Studio eines bekannten Rechtsextremisten am 14. bzw. 16. August in Zeulenroda (Landkreis Greiz) In den fr\u00fchen Morgenstunden des 14. August schlugen Unbekannte die doppelverglaste Scheibe eines Tattoo-Studios in Zeulenroda ein und warfen eine mit gez\u00fcndeten B\u00f6llern versehene und mit Butters\u00e4ure bef\u00fcllte Flasche in das Objekt. Ein Brand entstand nicht. Zwei Tage sp\u00e4ter kam es zu einem erneuten \u00dcbergriff, in den fr\u00fchen Morgenstunden wurde der Zaun des Anwesens besch\u00e4digt. Die Sch\u00e4den von Butters\u00e4ure-Anschlag und folgender Sachbesch\u00e4digung sind nicht unerheblich. Ein Selbstbezichtigungsschreiben wurde nicht ver\u00f6ffentlicht.46 Das angegriffene Studio wird von einem bekannten Rechtsextremisten betrieben. Das Studio und sein Betreiber hatten im Vorfeld durch ihre Aktivit\u00e4ten mehrfach \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit generiert. Der Betroffene, seine Studios und sein privates Umfeld waren auch in der Vergangenheit schon Ziel mutma\u00dflich linksextremistischer \u00dcbergriffe. Das der autonomen Szene zuzurechnende \"Rechercheportal Jena-SHK\" berichtete von dem Vorfall und der Reaktion des Gesch\u00e4digten. Weitere Szeneresonanzen waren nicht feststellbar. Publik machen, Einsch\u00fcchterung und Bedrohung eines - politisch unerw\u00fcnschten - TattooStudio-Betreibers sind \u00fcbliche Vorgehensweisen von Linksextremisten, die zeitliche Abfolge zwischen \"Outing\" und Aktion sind Hinweise auf eine detaillierte Planung bei der Vorbereitung und Begehung der Straftaten. Die Sachbesch\u00e4digungen der Gesch\u00e4fte verfolgen das Ziel ihrer Schlie\u00dfung, das bei fehlender Sofortreaktion durchaus wiederholt und auch mit mehr Nachdruck verfolgt werden kann. 45 Die polizeilichen Ermittlungen zur Straftat dauerten zum Redaktionsschluss an. 46 Die polizeilichen Ermittlungen zur Straftat dauerten zum Redaktionsschluss an. 90","\"Outing\"-Beitrag zu \"extrem rechte Burschenschafter an der Uni Jena\" vom 22. September Das Rechercheportal Jena-SHK47 outete am 22. September - vermutlich im Vorfeld eines im Oktober anstehenden Burschentages - \"extrem rechte Burschenschafter aus Jena\" durch Ver\u00f6ffentlichung auf seiner Internetseite und Plattform \"X\". Die Betroffenen w\u00fcrden derzeit an der Universit\u00e4t Jena studieren, sich regelm\u00e4\u00dfig auf dem Campus, der Bibliothek und Mensa aufhalten, um dort ihre rechten Ideologien zu verbreiten. Details zu Vita und Kontakten in das \"rechte\" Spektrum wurden angegeben. Eine Flyerdruckvorlage erg\u00e4nzte den Textbeitrag und verwies auch auf weitere, ausf\u00fchrliche Informationen zu den Personen sowie der Burschenschaft selbst.48 \"Outing\"-Beitrag \"AfD-Schweine! Stoppen\" vom 29. Dezember Unbekannte ver\u00f6ffentlichten auf dem linksextremistischen Portal \"de.indymedia\" am 29. Dezember eine Liste mit zahlreichen Adressen von AfD-Politikern aus dem Bundesgebiet, u. a. auch Th\u00fcringen, mit Bezug zum Bundestag. Betroffen waren neben Adressen von Parteib\u00fcros auch berufsbedingte und private Anschriften. \"Nazi-Schweine gewinnen an Macht und Einfluss. Sie sind \u00fcberall in deiner Nachbarschaft, deine[m] Arbeitsplatz, deiner Schule, deiner Uni, in deinem Dorf.\" Ein expliziter Bezug zur Landtagswahl 2024 in Th\u00fcringen und \u00f6ffentlichen Wahlprognosen wird hergestellt. \"Wie immer gilt. Kein Bock auf Nazis. Nazi sein hei\u00dft Stress kriegen.\" Parteib\u00fcros der Geouteten in Gera, Gotha, Nordhausen, Eisenach und Saalfeld waren bereits Gegenstand von mutma\u00dflich linksextremistischen \u00dcbergriffen und Aktivit\u00e4ten. In Anbetracht der im Artikel explizit genannten Landtagswahlen in Th\u00fcringen 2024 kann mit einem erh\u00f6hten Aufkommen an (auch schadensintensiven) \u00dcbergriffen auf Verm\u00f6genswerte der Partei oder ihrer Repr\u00e4sentanten gerechnet werden.49 Regelm\u00e4\u00dfig kommt es zu \u00e4hnlich gelagerten Sachbesch\u00e4digungen und weiteren Straftaten an vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Treffobjekten der rechtsextremistischen Szene oder an Immobilien, die mit ihr in Verbindung gebracht werden bzw. deren N\u00e4he zu dieser - mitunter auch f\u00e4lschlicherweise - angenommen wird. Auch private Anwesen und Kraftfahrzeuge von \"politischen Gegnern\" stehen stellvertretend f\u00fcr diese im besonderen Fokus gewaltorientierter Linksextremisten. Typisch sind regelm\u00e4\u00dfig festzustellende Graffiti wie \"Nazis auf's Maul\", 47 Das der autonomen Szene zuzurechnende \"Antifa Rechercheportal Jena-Saale-Holzland-Kreis\" ver\u00f6ffentlichte im Berichtszeitraum erneut zahlreiche Beitr\u00e4ge zu tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen \"Nazis\", Mitgliedern und Funktion\u00e4ren \"rechter\" oder rechtsextremistischer Parteien und Gruppierungen sowie von Burschenschaften aus Jena und Umgebung. 48 Die Burschenschaft unterliegt nicht dem gesetzlichen Beobachtungsauftrag des Amtes f\u00fcr Verfassungsschutz in Th\u00fcringen. 49 \u00dcbergriffe gelten auch weiteren Parteien und ihren Einrichtungen, nicht in jedem Fall gibt es Anhaltspunkte f\u00fcr eine (links)extremistische Tatmotivation. 91","\"Nazis raus\", \"ANTIFA FCK NZS\", Farbanschl\u00e4ge, Butters\u00e4ure-Angriffe, mitunter erg\u00e4nzt durch wohlwollende Kommentare auf Szeneseiten oder auch Selbstbezichtigungsschreiben. Ziel dieser \u00dcbergriffe ist es mitunter auch, einen m\u00f6glichst hohen Schaden f\u00fcr den Betroffenen zu bewirken. Entsprechende Sachbesch\u00e4digungen durch Graffiti wurden auch im Berichtszeitraum festgestellt. Gewalt als selbstverst\u00e4ndliches Aktionsmittel Autonomer Gewaltsame Angriffe auf Personen werden regelm\u00e4\u00dfig damit gerechtfertigt, dass es sich bei den Opfern um \"Nazis\" gehandelt habe. Diese zum Teil willk\u00fcrlich verwendete Bezeichnung dient als Begr\u00fcndung, um das eigene Handeln m\u00f6glichst positiv darzustellen. Die Verfolgung der eigenen Straftaten wird wiederum als angebliche Kriminalisierung und Ausdruck eines repressiven Staats wahrgenommen. Erneut konnte dabei auch ein planvolles, zielgerichtetes Vorgehen gegen zuvor ausgesp\u00e4hte Opfer festgestellt werden. Die Gewaltintensit\u00e4t verschiedener \u00dcbergriffe im Berichtszeitraum war extrem hoch. Offenbar wurden lebensbedrohliche Verletzungen zumindest in Kauf genommen. \u00dcberfall auf zwei Rechtsextremisten am 12. Januar in Erfurt Am Morgen des Tattages kam es durch sechs bis acht maskierte T\u00e4ter zu einem \u00dcberfall auf zwei Rechtsextremisten. Offenbar wurden diese auf dem Weg zur Arbeit abgepasst. Die T\u00e4ter schlugen mit Axt und Hammer auf sie ein und traten zu. Sie sollen die Opfer als \"Nazis\" bezeichnet haben. Eines von ihnen erlitt durch massive Gewalt gegen den Kopf sehr schwere Verletzungen, das andere leichte. Ein Selbstbezichtigungsschreiben wurde nicht ver\u00f6ffentlich. Eines der Opfer war zuvor nach Auseinandersetzungen und Provokationen gegen\u00fcber linken Objekten in Erfurt und ihren Nutzern Gegenstand mehrerer Outings, auch unter Nennung seiner Wohnanschrift.50 \u00dcberf\u00e4lle auf (vermeintliche) Rechtsextremisten in der Zeit vom 9. bis 11. Februar in Budapest (Ungarn) Anl\u00e4sslich des j\u00e4hrlichen stattfindenden rechtsextremistischen Vernetzungstreffens \"Tag der Ehre\" in Budapest wurden (vermeintliche) Angeh\u00f6rige der rechtsextremistischen Szene durch mehrere vermummte Personen mit linksextremistischer Tatmotivation angegriffen und teilweise schwer verletzt. Die szenetypisch in Gruppen agierenden T\u00e4ter verletzten ihre Opfer durch gef\u00e4hrliche Schlagwerkzeuge und den Einsatz von Reizstoffen. Mindestens eine 50 Siehe dazu Verfassungsschutzbericht 2022 des Freistaats Th\u00fcringen. Die polizeilichen Ermittlungen zur aktuellen Straftat dauerten zum Redaktionsschluss an. 92","Tat konnte durch \u00dcberwachungskameras festgehalten werden. Eine Vielzahl der T\u00e4ter(innen) konnte bisher identifiziert werden. So wurde unmittelbar im Zusammenhang mit den \u00dcbergriffen eine weibliche Person aus Th\u00fcringen in Budapest verhaftet, aber kurz danach wieder auf freien Fu\u00df gesetzt. Die ungarischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden fahnden seit den \u00dcbergriffen nach mehreren Tatverd\u00e4chtigen mit europ\u00e4ischen Haftbefehlen. Unter den Verd\u00e4chtigen befinden sich auch deutsche Staatsangeh\u00f6rige aus Bayern, Sachsen, Berlin und Th\u00fcringen. In Th\u00fcringen wurde durch die Generalstaatsanwaltschaft Dresden gegen vier Frauen und einen Mann wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung im Rahmen von \"Spiegelverfahren\" gem\u00e4\u00df SS 7 StGB ermittelt. Auf deren Grundlage wurden auch nationale Haftbefehle ausgestellt.51 Im Rahmen von Durchsuchungsma\u00dfnahmen in Th\u00fcringen und Sachsen am 15. M\u00e4rz konnten bestehende Haftbefehle nicht umgesetzt werden, da sich der tats\u00e4chliche Aufenthaltsort der betroffenen Tatverd\u00e4chtigen nicht aufkl\u00e4ren lie\u00df. Im Nachgang konnten auch die Aufenthaltsorte weiterer Tatverd\u00e4chtiger nicht ermittelt werden, sodass davon ausgegangen werden muss, dass sich diese Personen absichtlich dem Beh\u00f6rdenzugriff entziehen wollen, folglich untergetaucht sind. Am 11. Dezember wurde die m\u00e4nnliche Person aus Th\u00fcringen in Berlin aufgefunden und durch die Polizei festgenommen. Der Verbleib der weiteren vier Th\u00fcringer Tatverd\u00e4chtigen ist weiterhin unklar.52 N\u00e4chtlicher \"Hausbesuch\" und \u00dcbergriff am 10. November in Gera Zwei Unbekannte drangen vermummt in den fr\u00fchen Morgenstunden auf das Privatgrundst\u00fcck eines bekannten Rechtsextremisten ein und schlugen im weiteren Verlauf des Zusammentreffens auf diesen ein. Noch am Boden liegend wurde er mit Tritten und Schl\u00e4gen traktiert und verletzt. Ausrufe wie \"Fascho\" weisen auf einen linksextremistischen Hintergrund der Tat. Der Betroffene war bereits Gegenstand von \"Outings\" und \u00f6ffentlicher Berichterstattung.53 51 Die Verfahren wurden 2024 wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und weiterer Straftaten vom Generalbundesanwalt \u00fcbernommen. 52 Die staatlichen Ma\u00dfnahmen gegen die potenziellen T\u00e4ter der Gewaltstraftaten f\u00fchrten weit \u00fcber die linksextremistische Szene hinaus bundesweit zu zahlreichen Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen im Internet, durch Graffiti wie \"Soli mit Budapest!\" im Juni in Jena oder Veranstaltungen wie \"Solitresen - Ein buntes Fest f\u00fcr Budapest\" mit mehreren Hundert Teilnehmern. Die Einnahmen sollten \"in die Arbeit gegen Repression, konkret f\u00fcr die betroffenen Antifas im Budapest-Kontext\" einflie\u00dfen. Die Solidarisierung h\u00e4lt auch weiterhin an. Siehe dazu Exkurs: Autonome und das Aktionsfeld \"Antirepression\". 53 Die polizeilichen Ermittlungen zur Straftat dauerten zum Redaktionsschluss an. 93","H\u00e4ufung von Aufforderungen zur Gewalt und zum T\u00f6ten von politischen Gegnern Th\u00fcringenweit - auch in Regionen ohne erkennbar aktive Szenestrukturen - belegen die Inhalte von Graffiti oder Aufklebern im \u00f6ffentlichen Raum eine gesunkene Hemmschwelle zur Gewaltanwendung, explizit wird auch zur T\u00f6tung von politischen Gegnern aufgerufen. Insbesondere in Weimar, Jena, Eisenach und Nordhausen kam es durch unbekannte T\u00e4ter zu zahlreichen, teilweise auch serienm\u00e4\u00dfig erfolgten Sachbesch\u00e4digungen durch Graffiti mit teilweise f\u00fcnfstelligen Schadenssummen. Unter den \u00fcblichen szenetypischen Inhalten ragen inhaltlich Aufforderungen zum T\u00f6ten von politischen Gegnern, wie \"Nazis t\u00f6ten\" und \"Kill Cops\" heraus. Am Briefkasten eines Weimarer Wohnhauses fand sich im Juni das Graffito \"Queris t\u00f6ten\". Anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung eines Verfahrens gegen die rechtsextremistische Kampfsportgruppierung \"Knockout 51\" vor dem Oberlandesgericht Jena am 21. August reagiert die Szene insbesondere im August und September mit Sachbesch\u00e4digungen durch Graffiti wie \"ANTIFA AREA Knockout 51 in den Knast 161\" \"Knockout 51 ausnocken\", Anarchiezeichen und der Aufforderung \"NAZIS T\u00d6TEN\". Als mutma\u00dfliche Morddrohung hinterlie\u00dfen Unbekannte im September in Nordhausen im Zusammenhang mit den dort seinerzeit stattfindenden OB-Wahlen die Aussage \"[Name] KILL\", die offenbar einem Lokalpolitiker der AfD galt. Zudem hie\u00df es \"9MM GO FCK AfD\". Im Nachgang zu dem \u00dcberfall auf das Thor-Steinar-Ladengesch\u00e4ft \"Trondheim\" am 23. April 2022 in Erfurt durch mehrere vermummte T\u00e4ter wurden auf der Glasscheibe der Eingangst\u00fcr am 12./13. M\u00e4rz Aufkleber angebracht, mit denen die unbekannten T\u00e4ter die \u00d6ffentlichkeitsfahndung der Polizei zum \u00dcberfall \u00fcberklebten. Neben szene\u00fcblichen Aussagen wie \"ANTIFA. Gegen Nazis, Staat und Kapital\" fand sich mit \"Kommando Ali H\u00f6hler\" der Hinweis auf den Ali genannten Albrecht H\u00f6hler, der 1930 durch den Totschlag am Berliner SA-F\u00fchrer Horst Wessel bekannt wurde. Der Aufkleber kann daher als direkte Warnung der linksextremistischen Szene an das Trondheim gewertet werden. Stellung zum Staat und zur Zivilgesellschaft Autonome sehen in der Politik der Regierung und in vermeintlichen gesellschaftlichen Missst\u00e4nden Ausl\u00f6ser f\u00fcr \"faschistische\" Tendenzen. Ihrer Meinung nach f\u00f6rderten \"staatlicher Rassismus\" und die \"Kriminalisierung des antifaschistischen Kampfes\" auch in der Bev\u00f6lkerung die Entwicklung \"rechter\" Tendenzen. Die Kritik und die Aktionen des autonomen Spektrums richten sich deshalb auch gegen die Zivilgesellschaft. In diesem Zusammenhang dis94","tanzieren sich Autonome von den Aktivit\u00e4ten demokratischer B\u00fcndnisse, schlie\u00dfen sich deren Veranstaltungen, insbesondere solchen gegen Rechtsextremismus, aber auch immer wieder an. Dies geschieht einerseits in der Annahme, \u00fcber szenetypische Slogans und Darstellungen autonome Anschauungen transportieren und die Veranstaltungen breiter B\u00fcndnisse gegebenenfalls dominieren zu k\u00f6nnen, andererseits, um die etwaige beh\u00f6rdliche Untersagung des selbst organisierten Protests zu umgehen. Als Ausdruck ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit sind Abgrenzungsversuche \u00fcblich. So rufen Autonome zur Beteiligung an \"antifaschistischen\" oder \"antikapitalistischen\" Bl\u00f6cken innerhalb von Demonstrationen auf. Ma\u00dfgebliche Beteiligung von Linksextremisten an Antifa-Protesten am 1. Mai in Gera Im Zusammenhang mit weiteren anl\u00e4sslich des Mai-Feiertages initiierten Veranstaltungen in Gera nahmen an der von einer Privatperson zum \"Arbeiter*innenkampftag\" angemeldeten Demonstration unter dem Motto \"Revolution\u00e4rer 1. Mai; 1. Mai Stra\u00dfe frei\" ca. 550 Personen teil. Unter ihnen befand sich eine nicht unerhebliche Anzahl von Linksextremisten. Die Anreisen erfolgten th\u00fcringenweit, insbesondere aus Erfurt, Weimar und Jena, sowie bundesweit, insbesondere aus Sachsen. Teilnehmer vermummten sich, z\u00fcndeten Pyrotechnik und skandierten polizeifeindliche Parolen wie \"policia assassini\"54. Ein \"schwarzer Block\"55 formierte sich an der Spitze des Zugs. Im weiteren Verlauf kam es zu massiven, gewaltsamen Durchbruchsversuchen in Richtung eines zeitgleich stattfinden Aufzugs, dem auch Rechtsextremisten und Anh\u00e4nger des VDS-Spektrums angeh\u00f6rten. Bei den polizeilichen Gegenma\u00dfnahmen wurden einige Teilnehmer und ein Polizist leicht verletzt sowie ein Einsatzfahrzeug besch\u00e4digt. Eine Gruppe von ca. 250 Teilnehmern aus dem \"schwarzen Block\" wurde wegen des Verdachts des Landfriedensbruches und der K\u00f6rperverletzung schlie\u00dflich separiert und Identit\u00e4tsfeststellungen zugef\u00fchrt. Massive Widerstandshandlungen Betroffener erforderten erneut konsequentes polizeiliches Handeln. \u00dcbrige Versammlungsteilnehmer zeigten nicht unerhebliche Solidarisierungseffekte. Eine deutliche Abgrenzung gegen\u00fcber den gewaltsam agierenden Teilnehmern der Versammlungslage blieb zum gro\u00dfen Teil aus. Strafanzeigen wurden wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch, K\u00f6rperverletzung, Versto\u00df gegen Versammlungsgesetz und Sachbesch\u00e4digung gefertigt. F\u00fcr die Demonstration war im Vorfeld in der linksextremistischen Szene regional und \u00fcberregional mobilisiert worden. In Th\u00fcringen rief insbesondere die linksextremistische 54 Deutsch: \"Polizisten [sind] M\u00f6rder\". 55 Der \"Schwarze Block\" ist eine besonders von Autonomen genutzte Demonstrationstaktik. Vermummte, schwarz gekleidete Aktivisten formieren sich in uniformer \"Kampfausr\u00fcstung\", um das Gemeinschaftsgef\u00fchl zu festigen, St\u00e4rke zu vermitteln und die Identifizierung von Straft\u00e4tern sowie deren Strafverfolgung zu erschweren. 95","Gruppierung \"Antifaschistische Aktion Gera (AAG)\"56 unter dem Motto \" K\u00e4mpfe verbinden - Kapitalismus \u00fcberwinden\" und mit der Frage \"Willst Du mit mir Randale machen?\" zur Beteiligung auf. Man stelle Machtfragen, k\u00e4mpfe gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung durch die herrschende Klasse. Zudem stelle man sich den \"Rechten\" entgegen. In einem der Aufrufe im Internet hie\u00df es: \"Gleichzeitig werden wir auch noch den Faschos ... den Tag versauen!\". Auch Aufforderungen wie \"NZSBXN\" [steht f\u00fcr: \"Nazis boxen\"] oder \"NAZIS AN DEM TAG RENNEN SEHEN!!!\" waren zu finden.57 Beteiligung von Linksextremisten an Antifa-Protesten am 8. Mai in Weimar Gegen eine \"Montagsdemo\" in Weimar unter Teilnahme eines prominenten Vertreters der AfD wurden aus dem demokratischen Protestspektrum mehrere Gegenveranstaltungen angemeldet, u. a. unter dem Motto \"Stoppt die AfD - auf die Stra\u00dfe\". Die Gesamtteilnehmerzahl lag im niedrigen vierstelligen Bereich. Es kam zu einigen szeneund versammlungstypischen Straftaten und Ordnungswidrigkeiten wie z. B. Vermummungsversuchen und dem Mitf\u00fchren von Waffen sowie einer t\u00e4tlichen Auseinandersetzung zwischen einem Demonstranten und einem Gegendemonstranten. Mehrfach wurde versucht, sich dem gegnerischen Versammlungsraum zu n\u00e4hern. Insgesamt wurden zw\u00f6lf Verst\u00f6\u00dfe festgestellt. Daneben begleiteten Teilnehmer des Gegenprotests die Demonstration in Kleingruppentaktik in verschiedenen Nebenstra\u00dfen. In den sozialen Medien wurde zuvor eine Aktionskarte geteilt, die neben der Darstellung entsprechender Bereiche der Demonstration auch die Erreichbarkeit eines Ermittlungsausschusses58 enthalten hatte. In der Nacht zum Protesttag spr\u00fchten Unbekannte in 45 F\u00e4llen zum Teil gro\u00dffl\u00e4chig in der Innenstadt Zeichen und Spr\u00fcche, die sich gegen \"Nazis\" und die Partei AfD richteten, sowie Texte, in denen zu Straftaten aufgerufen wird. 56 Die AAG ist im Zuge von Protesten gegen sog. Corona-Leugner seit April 2022 aktiv und kn\u00fcpft offenbar durch die Namenswahl an eine vormalige Gruppierung gleicher Bezeichnung an. Sie verwendet szenetypische Symbolik, betreibt Recherchearbeit und nimmt Bezug auf relevante Veranstaltungen; auch sind Hinweise auf Gewaltbereitschaft (Aufrufe zur Gewalt, mangelnde Distanzierung von Gewalt) festzustellen. Sie wird daher der autonomen linksextremistischen Szene zugerechnet. 57 Die polizeilichen Ermittlungen zu den Straftaten in Verbindung mit der Demonstration dauerten zum Redaktionsschluss an. Im Nachgang kam es am 8. November zu Durchsuchungsma\u00dfnahmen in Th\u00fcringen und in weiteren Bundesl\u00e4ndern. Resonanzaktionen der linksextremistischen Szene umfassten auch Straftaten. Siehe dazu auch Exkurs: Th\u00fcringer Autonome und das Aktionsfeld \"Antirepression\" sowie Kapitel 4. 58 Ein \"Ermittlungsausschuss\" ist ein unentgeltliches Rechtshilfeangebot, oft anl\u00e4sslich von Demonstrationen und Aktionen, das von der Telefonbetreuung, der Organisation von Anw\u00e4lten bis hin zur Betreuung bei Festnahmen oder in U-Haft reicht. Zum Teil handelt es sich um tempor\u00e4re Einrichtungen, deren telefonische Erreichbarkeit kurzfristig bekanntgegeben wird, zum Teil sind es dauerhafte, fest etablierte Einrichtungen, mitunter begleitet von Sprechstundenangeboten. 96","Insofern ergeben sich \u00c4hnlichkeiten zu Protesten gegen eine Demonstration der AfD unter dem Motto \"Zukunft f\u00fcr Deutschland\" am 29. April in Erfurt, bei denen zuvor ebenso Graffiti - hier mit der Aussage \"Kein Platz den Faschist*innen\" - gespr\u00fcht worden waren. Auch hier war im Vorfeld die Erreichbarkeit eines Ermittlungsausschusses angegeben worden. Die ebenfalls aus dem demokratischen Spektrum initiierten Proteste mit 800 Teilnehmern in der Spitze verliefen weitgehend st\u00f6rungsfrei, nur vereinzelt kam es zu Vermummungsversuchen. Eine umfangreiche Mobilisierung durch Akteure der linksextremistischen Szene in Erfurt, Weimar und Jena war zuvor feststellbar. An der AfD-Versammlung beteiligten sich mehr als 1.000 Personen. Beteiligung von Linksextremisten an Antifa-Protesten am 3. Oktober in Gera Auch anl\u00e4sslich der demokratisch gepr\u00e4gten Proteste gegen eine rechtsextremistische Veranstaltung am \"Tag der Deutschen Einheit\" am 3. Oktober in Gera best\u00e4tigte sich erneut, dass es beteiligten Linksextremisten mitunter nicht mehr gelingt, mit ihrem politischen Anliegen deutlich wahrnehmbar im Protestverlauf und in der \u00d6ffentlichkeit in Erscheinung zu treten. Einzelne Verst\u00f6\u00dfe gegen das Versammlungsgesetz, insbesondere durch Vermummung, wurden festgestellt. Szenetypische Straftaten, Ordnungswidrigkeiten, inhaltlich einschl\u00e4gige Transparente, Banner und Symboliken treten im weitgehend st\u00f6rungsfreien Verlauf des demokratischen Protestengagements von etwa 600 Teilnehmern in den Hintergrund und k\u00f6nnen kaum eine eigene Wirkung entfalten. Stattdessen weisen Graffiti, die im Vorfeld der Versammlungen an Stromk\u00e4sten, Schaufenstern, W\u00e4nden und Unterf\u00fchrungen hinterlassen werden, auf die politischen Ansichten und Forderungen von Linksextremisten. Relevant sind diese auch wegen der damit verbundenen, nicht unerheblichen Sachsch\u00e4den. Dem eigenen Anspruch, \"dem Staat unsere Z\u00e4hne zu zeigen\", wie in Verbindung mit einer aus Hamburg geplanten Anreise ge\u00e4u\u00dfert, d\u00fcrfte so r\u00fcckblickend aus Sicht der Szene nicht gen\u00fcgt werden k\u00f6nnen. Eine nachdr\u00fcckliche Pr\u00e4sentation linksextremistischen Antifaschismuskampfes in Kooperation und zugleich Abgrenzung vom demokratischen Spektrum ist im Berichtszeitraum in Th\u00fcringen nur eingeschr\u00e4nkt wahrnehmbar. M\u00f6glicherweise bestehende strukturelle Defizite, taktische Erw\u00e4gungen vor dem Hintergrund der bundesweit und international laufenden Strafverfahren u. a. gegen Tatverd\u00e4chtige aus Th\u00fcringen sowie inhaltliche Differenzen k\u00f6nnen dabei im Einzelfall eine Rolle spielen. Ungeachtet dessen f\u00e4llt auf beiden Seiten mitunter das Fehlen deutlicher Abgrenzungsbem\u00fchungen zwischen (Gewalt akzeptierenden und aus\u00fcbenden) Extremisten und Nichtextremisten auf, es scheint zu einer Erosion der Grenzen zu 97","kommen, die hier insbesondere beim Begehen von Strafund Gewalttaten im Rahmen und am Rande von Demonstrationsgeschehen in Erscheinung tritt. Exkurs: Th\u00fcringer Autonome und das Aktionsfeld \"Antirepression\" Das Aktionsfeld \"Antirepression\" ist insbesondere f\u00fcr gewaltorientierte Linksextremisten von zentraler Bedeutung. Es richtet sich gegen die nach ihrem Verst\u00e4ndnis dem Staat immanente Repression, die mit \u00dcberwachung, Strafverfolgung und Sanktionierung der Verhinderung gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen und revolution\u00e4rer Prozesse diene. Sie sei ein entscheidendes Mittel zur Herrschaftssicherung und Konditionierung unerw\u00fcnschter politischer Bet\u00e4tigung. Widerstand und gesellschaftskritischer Protest w\u00fcrden diffamiert und Aktivisten eingesch\u00fcchtert. Traditionell gilt die dagegen gerichtete \"Antirepressions\"-Arbeit so der Unterst\u00fctzung der von Strafverfolgung betroffenen Aktivisten, im Zusammenhang mit Exekutivma\u00dfnahmen und im Rahmen der Gefangenenhilfe, z. B. durch Solidarit\u00e4tskampagnen. Polizisten stehen w\u00e4hrend ihres Einsatzes als direkte Repr\u00e4sentanten des Repressionsapparates im Fokus, ebenso polizeiliche Dienststellen und Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde, die \"politisch instrumentalisierte\" Justiz und der Strafvollzug. Im Nachgang zu mehreren schweren, mutma\u00dflich linksextremistisch motivierten Straftaten in Th\u00fcringen oder unter Beteiligung von Personen aus Th\u00fcringen dauern polizeiliche Ermittlungen und staatliche Exekutivma\u00dfnahmen, Hausdurchsuchungen und Festnahmen, an. Damit einhergehend zeichnet sich eine thematische und aktionistische Schwerpunktverlagerung in der Th\u00fcringer linksextremistischen Szene, insbesondere in Jena, ab. Das Aktionsfeld \"Antirepression\" hat sich zudem zu einem starken Mobilisierungsfaktor entwickelt. Themenschwerpunkte sind: 1. die Folgen der \u00dcbergriffe auf (vermeintliche) Rechtsextremisten im Februar in Ungarn Unter dem Motto \"Solidarisch gegen Polizeiund Staatsgewalt\" protestierten am 29. M\u00e4rz in Jena bis zu 180 Personen gegen Durchsuchungsma\u00dfnahmen am 15. M\u00e4rz in Jena und Leipzig. Zu Beginn des insgesamt st\u00f6rungsfreien Aufzugs kam es zu vereinzelten Vermummungen. Transparente zeigten die Aufschriften \"Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangen\", \"H\u00e4user denen, die drin leben, Bullen aus der K\u00fcche fegen!\", \"No cops, no nazis\", \"Ihr k\u00f6nnt unsere T\u00fcren brechen, aber niemals unseren Willen! Solidarisch gegen Polizei und Staatsgewalt\". Szenenahen Medienberichten zufolge soll die Polizei auch durch grundloses Abfilmen der Demonstration unn\u00f6tig hart gegen die Veranstaltung vorgegangen sein. Mobilisiert 98","hatte eine \"Undogmatische radikale Linke Jena\" (URL Jena)59. Der \"Infoladen Sabotnik\" Erfurt und die \"Antifaschistische Aktion Gera\" (AAG) teilten den Aufruf. Auch \u00fcberregionale Mobilisierungsaufrufe wurden festgestellt, zudem wurde der Aufruf auf \"de.indymedia\" geteilt. Am 11. Dezember wurde in Berlin ein untergetauchter, gewaltt\u00e4tiger Linksextremist aus Jena verhaftet. Er leistete erheblichen Widerstand, verletzte Polizisten und sich selbst. In der Folge kam es zu zahlreichen Solidarit\u00e4tsbekundungen und Protestaktionen bundesweit und in Th\u00fcringen, z. T. auch zu Straftaten. Durch Unbekannte wurden im Jenaer Stadtzentrum gro\u00dffl\u00e4chig Graffiti \"161\"60 und \"FREE ALL ANTIFAS\" gespr\u00fcht. Im Rahmen einer linksextremistischen Soliveranstaltung \"Freispruch statt Knast\" am 13. Dezember in Jena nahmen bis zu 150 Personen teil. Die Tatvorw\u00fcrfe wurden angezweifelt. Transparente zeigen Aufschriften wie \"Ihr k\u00f6nnt unsere F\u00fchrung brechen, aber niemals unseren Willen!\", \"Solidarisch gegen Polizei und Staatsgewalt\", \"Alle zusammen gegen den Faschismus\". Spr\u00fcche wie \"Nazis gibt's in jeder Stadt, bildet Banden, macht sie platt!\" wurden skandiert.61 2. die Urteilsverk\u00fcndung gegen vier Angeklagte im sog. Antifa-Ost-Verfahren vor dem Oberlandesgericht Dresden am 31. Mai und \"Tag X\"-Demonstration am 3. Juni in Leipzig (Sachsen) Am 31. Mai wurden vor dem OLG Dresden gegen vier Angeklagte Urteile im \"Antifa-Ost\"Verfahren, das bundesweit ein gro\u00dfes \u00f6ffentliches und mediales Interesse erregt hatte, verk\u00fcndet.62 Die Urteilsverk\u00fcndung selbst sowie Aufrufe zur sog. \"Tag X\"-Demo in Leipzig wurden entsprechend beworben. Der Prozess gegen das Netzwerk wird als \"Justizfarce\" mit dem Ziel der \"Kriminalisierung\" von Antifaschisten betrachtet, die Opfer einer \"Hetzund Diffamierungskampagne\" seien. Lina E.63 und drei weitere Angeklagte wurden zu mehrj\u00e4hrigen 59 In der bislang nicht in Erscheinung getretenen, \"neu gegr\u00fcndeten\" URL Jena organisieren sich laut Selbstdarstellung \"ehemalige Pekaris\". Die Gruppierung wird dem autonomen linksextremistischen Spektrum zugerechnet. 60 Gebr\u00e4uchlicher Zahlencode f\u00fcr \"Antifaschistische Aktion\". 61 Bereits zum Beginn des ersten Gerichtsverfahrens am 31. Oktober in Budapest gegen drei mutma\u00dflich tatbeteiligte Linksextremisten, darunter zwei deutsche Staatsangeh\u00f6rige, die wegen des Vorwurfs der Unterst\u00fctzung bzw. Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und schweren K\u00f6rperverletzung angeklagt sind, war eine deutliche bundesweite Solidarisierung mit allen potenziell Betroffenen zu erkennen. 62 Das Verfahren gilt dem gleichnamigen Netzwerk von Personen, insbesondere dessen Exponenten. Mit dem Begriff \"Netzwerk Antifa-Ost\" werden von verschiedenen Strafund Ermittlungsverfahren betroffene Personen und Strukturen im militanten Antifaschismus bezeichnet, u. a. die kriminelle Vereinigung um die vier vor dem Oberlandesgericht Dresden Verurteilten um Lina E. Nach einem mutma\u00dflichen R\u00e4delsf\u00fchrer wird \u00f6ffentlich gefahndet. Die Bezeichnung \"Netzwerk Antifa-Ost\" verdeutlicht, dass aktuelle Aktivit\u00e4ten und deren Akteure weit \u00fcber den Tatkomplex der Straftaten in Eisenach und die in diesem Zusammenhang verurteilten Protagonisten und deren Umfeld hinausreichen. 63 Der linksextremistischen Gewaltt\u00e4terin wird eine Beteiligung an verschiedenen schweren Straftaten vorgeworfen, u. a. an \u00dcbergriffen auf eine \"rechte\" Szenekneipe und deren P\u00e4chter im Jahr 2019 in Eisenach. Sie wurde am 5. November 2020 in Leipzig (Sachsen) verhaftet. Bundesweit kam es zu Resonanzen und Solidarit\u00e4tsbekundungen, auch durch erhebliche Straftaten. Lina E. und \"ihre Hammerbande\" gelten der linksextremistischen Szene als Symbol f\u00fcr \"konsequenten Antifaschismus\". 99","Haftstrafen verurteilt. Der Haftbefehl wurde zun\u00e4chst gegen Auflagen au\u00dfer Vollzug gesetzt, gegen das Urteil wurde Revision eingelegt. Anl\u00e4sslich der im Nachgang zu diesem Termin initiierten \"Tag X\" - Demonstration am 3. Juni in Leipzig versammelten sich - trotz des Verbots der angemeldeten Gro\u00dfdemonstration nach Genehmigung einer \"Ersatz\"-Demo - bis zu 2.000 Personen, darunter viele vermummte und gewaltbereite Personen. Es kam zu Angriffen auf die Polizei mit Steinen, Feuerwerksk\u00f6rpern und einem Molotow-Cocktail. Etwa 1.000 Personen wurden in der Folge durch die Polizei eingekesselt und deren Personalien aufgenommen. Unter ihnen befanden sich auch etliche Teilnehmer aus Th\u00fcringen, insbesondere aus Erfurt, Weimar, Jena. Im Nachgang kam es bundesweit zu einer Vielzahl von Solidarit\u00e4tsbekundungen und auch in Th\u00fcringen zu zahlreichen Resonanzaktionen. Bei einer Banneraktion am 1. Juni in Weimar halten ca. 20 bis 30 schwarz gekleidete und vermummte Personen am Goethe-SchillerDenkmal zwei Transparente mit den Aufschriften \"Lina E., willkommen zur\u00fcck!\" und \"Den Kampf um Befreiung gewinn' wir - St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck!\". In Erfurt wurde am 3. Juni ein Transparent \"Free Lina\" festgestellt. Ein Beitrag vom 7. Juni auf \"de.indymedia\" zeigt eine Soli-Aktion mehrerer Personen mit H\u00e4mmern in der Hand und Transparenten, die sich mit Lina E. und anderen \"Antifaschisten\" wie den \"Eingeknasteten in Budapest\", den \"Untergetauchten\" und den \"unverzagt Demonstrierenden in Leipzig\" solidarisieren. Ausgehend von einem \"Repressionsfr\u00fchling\" in Th\u00fcringen wird zu einer Militanzdebatte aufgerufen. Man wolle nicht aufh\u00f6ren, \"die Faschos zu schlagen, wo wir sie treffen. Zu diskutieren haben wir, wen wann wo wie dolle und was dann. #Militanzdebatte.\" Das martialische Auftreten der Protagonisten mit H\u00e4mmern und der Aufruf zu einer Militanzdebatte in Th\u00fcringen k\u00f6nnten auf eine gesteigerte Gewaltbef\u00fcrwortung der linksextremistischen Szene in Erfurt deuten. Zudem kam es in Erfurt am 1. Juni zu zwei n\u00e4chtlichen \u00dcbergriffen auf zuvor bereits geoutete Tattoo-Studios (vermeintlicher) Rechtsextremisten mit f\u00fcnfstelligem Sachschaden und Selbstbezichtigungsschreiben auf \"de.indymedia\". Weitere Resonanzaktionen wurden th\u00fcringenweit insbesondere durch Graffitti und Aufkleber wie \"weg mit 129.Free Lina\", \"Antifa\", \"AFA\", \"161\" 64 durchgef\u00fchrt. 3. Folgen der Proteste am 1. Mai in Gera und Resonanzen auf \u00fcberregionale Durchsuchungsma\u00dfnahmen vom 8. November 64 Hinweis auf Paragraph 129 Strafgesetzbuch (StGB) - Bildung krimineller Vereinigungen; h\u00e4ufig genutzte K\u00fcrzel - Akronym und Zahlencode - f\u00fcr \"Antifaschistische Aktion\". 100","Im Nachgang zu \u00fcberregionalen Durchsuchungsma\u00dfnahmen im Zuge der Ermittlungen zu den o.g. Strafund Gewalttaten am 1. Mai in Gera65 kam es th\u00fcringenund bundesweit, insbesondere auch mit Bezug zu den jeweils eigenen polizeilichen Ma\u00dfnahmen vor Ort, zu umf\u00e4nglichen Resonanzen und Solidarit\u00e4tsbekundungen im linksextremistischen und im nichtextremistischen linken Spektrum, mitunter ohne jegliche Distanzierung. Erneut zeigte sich eine deutliche Erosion der Grenzen zwischen extremistischem und nichtextremistischem Spektrum. Auf die linksextremistische \"Rote Hilfe\" als Unterst\u00fctzungsorganisation wird verwiesen. Ein Mitglied des Bundesvorstandes \u00e4u\u00dferte: \"Das staatliche Kalk\u00fcl, durch diese Razzien die antifaschistische Bewegung einzusch\u00fcchtern und zu l\u00e4hmen, wird nicht aufgehen. Den Repressionsangriffen stellen wir unsere Solidarit\u00e4t entgegen.\" Im Nachgang kam es in Gera am selben Tag an der dortigen Polizeidienststelle durch Unbekannte zu einer Besch\u00e4digung der doppelverglasten Eingangst\u00fcr. In Jena nehmen am 10. November unter dem Motto \"Jetzt reicht's! - Alle auf die Stra\u00dfe gegen die Repression\" ca. 260 Personen an einer Demonstration teil. Ein Nebeltopf wurde gez\u00fcndet, einschl\u00e4gige Sprechch\u00f6re lauteten \"Alerta, Alerta Antifaschista\"66, Transparente trugen die Aufschriften \"Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen\", \"Bullen raus aus den H\u00e4usern\", \"Ihr k\u00f6nnt unsere T\u00fcren brechen, aber niemals unseren Willen\", \"Solidarisch gegen Staatsgewalt\". 4. Sonstige linksextremistische Organisationen \"Rote Hilfe e. V.\" (RH) Bund Th\u00fcringen Gr\u00fcndung 1975 Sitz G\u00f6ttingen Jena, Erfurt, Arnstadt Mitglieder 2023 13.700 180 2022 13.100 170 2021 12.100 160 Publikationen \"Die Rote Hilfe\" (viertelj\u00e4hrlich) Internet eigener Internetauftritt eigene Internetauftritte der \u00f6rtlichen Gliederungen Tabelle 6: Zahlen und Fakten zur RH Die von Linksextremisten unterschiedlicher Ausrichtung getragene RH definiert sich als \"parteiunabh\u00e4ngige, str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation\", die vermeintlich politisch Verfolgte aus dem gesamten \"linken\" und linksextremistischen Spekt65 Siehe dazu Kapitel 3.2. 66 Deutsch: \"Achtung, Achtung \"Antifaschisten!\"; eine Parole aus dem antifaschistischen Kampf der 1920er Jahre gegen den italienischen Diktator Mussolini. 101","rum politisch und materiell unterst\u00fctzt. Sofern die in der Satzung genannten Zwecke der RH erf\u00fcllt sind, erhalten von juristischen Verfahren Betroffene und rechtskr\u00e4ftig Verurteilte auf Antrag eine den vereinseigenen Regelungen entsprechende Kostenerstattung. Als Voraussetzung daf\u00fcr muss jegliche Kooperation mit Justizoder Sicherheitsbeh\u00f6rden unterbleiben. Die RH selbst betont, \"keine karitative Einrichtung\" zu sein. Die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Einzelnen sei ein \"Beitrag zur St\u00e4rkung der Bewegung\". Der durch exemplarische Strafverfolgung bezweckten Abschreckung stelle die RH explizit \"das Prinzip der Solidarit\u00e4t\" entgegen und ermutige damit zum Weiterk\u00e4mpfen. Sowohl durch ihr Wirken als \"Gefangenenhilfsorganisation\" als auch durch die gezielte Meinungsbildung und -beeinflussung in der \u00d6ffentlichkeit - durch Publikationen, Veranstaltungen, Kampagnen - diskreditiert die Organisation den demokratischen Rechtsstaat als \"Willk\u00fcrregime\", behindert staatliches Handeln und versucht letztlich szenestabilisierend und -st\u00e4rkend zu wirken. Ohne selbst gewaltt\u00e4tig zu agieren, bef\u00fcrwortet und unterst\u00fctzt sie so die Gewaltanwendung durch Szeneangeh\u00f6rige.67 Die RH versteht das Handeln von Polizei, Justiz und Strafvollzug als politisch motiviert, es diene zur \"Herrschaftssicherung der Machthabenden\". Sie lehnt das staatliche Gewaltmonopol ab. Der Bek\u00e4mpfung des Terrorismus dienende Gesetze deutet die RH als \"Feindstrafrecht\", das die Regeln einer 'normalen' Prozessf\u00fchrung und Ermittlung missachte. Ihr Ziel sei es, \"politische Aktivit\u00e4t gegen die herrschenden Zust\u00e4nde unm\u00f6glich\" und Menschen durch \"ausge\u00fcbte oder angedrohte Gewalt\" gef\u00fcgig zu machen. Die RH ist die mitgliederst\u00e4rkste Organisation im Bereich des Linksextremismus und weist bundesweit seit Jahren einen best\u00e4ndigen Zuwachs an Mitgliedern auf. Die Organisation gliederte sich bundesweit in ca. 50 Ortsbzw. Regionalgruppen. In Th\u00fcringen existieren \"Ortsgruppen\" in Jena und Erfurt sowie eine \"Regionalgruppe\" in S\u00fcdth\u00fcringen. Die laut Satzung alle zwei Jahre durchzuf\u00fchrende Bundesdelegiertenversammlung der RH fand im Zeitraum 15. bis 17. September in Bielefeld (Nordrhein-Westfalen) statt. Zum allj\u00e4hrlichen \"Tag der politischen Gefangenen\" am 18. M\u00e4rz68 rief die RH wieder zu zahlreichen Veranstaltungen und Kundgebungen auf. Sie gibt dar\u00fcber hinaus j\u00e4hrlich eine 67 Ihre Ziele und Bet\u00e4tigung richten sich damit gegen das Rechtstaatsprinzip, das zum essentiellen Kern der freiheitlichen demokratischen Grundordnung z\u00e4hlt. Neben der Bek\u00e4mpfung der staatlichen Ordnung unterst\u00fctzt sie durch die Solidarisierung mit Linksextremisten ebenfalls die Zielsetzungen von Autonomen oder Anarchisten, die eine System\u00fcberwindung durch Aushebelung von Elementen des Demokratieprinzips, wie des Prinzips der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t oder des Rechts der Bildung und Aus\u00fcbung einer Opposition, anstreben. Au\u00dferdem spricht die RH im Rahmen ihres Engagements \"gegen Rechts\" und insbesondere gegen mutma\u00dfliche Rechtsextremisten den betroffenen politischen Gegnern bestimmte Grundund Menschenrechte ab, was einen Versto\u00df gegen das Prinzip der Menschenw\u00fcrde darstellt. 68 Der von der RH am 18. M\u00e4rz 1923 ausgerufene \"Internationale Tag der Hilfe f\u00fcr politische Gefangene\" geht auf einen Arbeiteraufstand der Pariser Kommune vom 18. M\u00e4rz 1871 zur\u00fcck; allj\u00e4hrlich wird zu diesem Anlass 102","Sonderzeitung heraus, die auch der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\" beiliegt. Den thematischen Schwerpunkt unter der Losung \"Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen!\" setzt sie im Jahr 2023 auf \"Schikanen im Knast und Widerstand dagegen\". Weltweit w\u00fcrden linke Aktivisten eingesperrt, weil sie sich den herrschenden Zust\u00e4nden widersetzen, eine Vielzahl an Willk\u00fcrma\u00dfnahmen gegen diese Gefangenen solle sie dazu bringen, vom politischen Kampf abzulassen. Aufgabe sei es, diese \"von au\u00dfen zu unterst\u00fctzen und mit allen politischen Mitteln f\u00fcr ihre Freiheit zu k\u00e4mpfen\". Auch wer gegen Neonazis k\u00e4mpfe, werde unerbittlich verfolgt und m\u00f6glicherweise f\u00fcr Jahre eingekerkert, wie auch Lina in Leipzig. Man w\u00fcrde nicht aufh\u00f6ren, \"die sofortige Freilassung aller Antifaschist*innen zu fordern.\" Die RH in Th\u00fcringen beteiligt sich im Rahmen ihrer \"Antirepressionsarbeit\" an Demonstrationen und Protesten oder unterst\u00fctzt diese. Im Berichtszeitraum boten die Ortsgruppen (OG) Erfurt und Jena regelm\u00e4\u00dfige Sprechzeiten an.69 Dabei betont die OG Erfurt: \"...trotz der Repression auf den Stra\u00dfen, in den H\u00e4usern, im Gerichtssaal und in Kn\u00e4sten: weiter fighten!\" Kampagnen, Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rungen und -aktionen der RH in Th\u00fcringen zeigen ebenso wie ihre Beteiligung an ad\u00e4quaten bundesweiten Aktivit\u00e4ten gute Verbindungen in die linksextremistische Szene. Sie unterst\u00fctzt so auch die gew\u00fcnschte Vernetzung antifaschistischer Akteure und lokaler Gruppen, das \"Bekenntnis zu konsequentem Antifaschismus\" und die Forderung nach Freiheit f\u00fcr \"alle inhaftierten Antifaschist:innen\". Die OG Erfurt thematisierte \"Hausdurchsuchungen & Anquatschversuche\", insbesondere in Verbindung mit dem \"Antifa-Ost\"-Verfahren, und verwies mehrfach auf entsprechende Ver\u00f6ffentlichungen der RH Jena. Sie beteiligte sich an einem \"Antirepressionsworkshops\" am 31. M\u00e4rz in Erfurt und bot auch vereinzelt Vortr\u00e4ge zu Repressionsfragen an. Anl\u00e4sslich der am 31. Mai erfolgten Urteilsverk\u00fcndung im \"Antifa-Ost\"-Verfahren dokumentierte sie am 15. Juni Solidarit\u00e4tsgr\u00fc\u00dfe aus Erfurt unter dem Motto \"Kriminell und hammer solidarisch - wir sind alle SS 129! Antifa bleibt Handarbeit. Feminismus auch.\"70 Der Text war zuvor am 7. Juni anonym auf dem linksextremistischen Internetportal \"de.indymedia\" erschienen. Die OG Jena befasste sich im Nachgang zu den \"k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen mit Nazis in Budapest\" wiederholt mit den \"Repressionsangriffen\" und \"Hausdurchsuchungen gegen Antifaschist*innen\" auch in Jena. Mit Post vom 31. M\u00e4rz rief sie zur Solidarit\u00e4t auf und forderte \"Freiheit f\u00fcr die Inhaftierten in Budapest! Zusammenstehen gegen die neue Represzu Veranstaltungen und Demonstrationen gegen \"staatliche Repression\" und f\u00fcr \"die Freiheit aller politischen Gefangenen\" aufgerufen. 69 Der Regionalgruppe in S\u00fcdth\u00fcringen gelang dies offenbar nicht. Der Internetauftritt der Gruppe endet mit einem Eintrag aus dem Vorjahr. Sie trat im Berichtszeitraum nicht mit Aktivit\u00e4ten in Erscheinung. 70 Siehe Fn. 64. 103","sionswelle gegen Antifaschist:innen\". Der von ihr dokumentierte Aufruf eines \"Solikreises der beschuldigten Antifaschist:innen\" gilt tatverd\u00e4chtigen Gewaltt\u00e4tern, die im Februar in Ungarn vermeintliche Rechtsextremisten brutal und mit massiver Gewaltaus\u00fcbung \u00fcberfallen und z. T. erheblich verletzt hatten.71 Zudem ergibt sich durch zwischenzeitlich bekannte Tatverd\u00e4chtige und Untergetauchte eine unmittelbare Verbindung zum \"Antifa-Ost\"-Verfahren. Der Aufruf schloss mit der Forderung: \"Spendet Geld, verbreitet diesen Aufruf und Informiert Euch und andere \u00fcber das Verfahren! Antifa in die Offensive!\" Ein Spendenkonto der \"Roten Hilfe\" zum Stichwort \"Budapest\" wurde angegeben. Im Mai forderte sie anl\u00e4sslich der Verhaftung eines Genossen aus Jena, der Beschuldigter eines 129-Verfahrens w\u00e4re, und mehrerer damit in Verbindung stehender Hausdurchsuchungen zur Solidarit\u00e4t mit diesem auf und dokumentierte einen Aufruf von \"Antifaschist:innen aus Jena\" auf dem linksextremistischen Portal \"de.indymedia\". Am 22. November ver\u00f6ffentlichte die RH Jena unter der \u00dcberschrift \"Repression geht weiter: Vorbereitet sein ist wichtig!\" einen Post zu bundesweiten Exekutivma\u00dfnahmen der Polizei am 8. November im Zusammenhang mit einem Landfriedensbruch am 1. Mai in Gera. Von den Hausdurchsuchungen betroffen waren auch Tatverd\u00e4chtige aus Jena und Th\u00fcringen sowie aus weiteren Bundesl\u00e4ndern, u. a. Sachsen, Berlin und Hamburg. Neben zahlreichen elektronischen Speichermedien wurden auch Waffen und Schlagst\u00f6cke sowie Bet\u00e4ubungsmittel sichergestellt. Es w\u00e4re wichtig, \"sich vorzubereiten: R\u00e4umt analog wie digital auf, kl\u00e4rt mit eurem Umfeld was bei einer HD72 zu tun ist und wer sich um was k\u00fcmmern kann.\" Weitere Informationen und Unterst\u00fctzung wurden angeboten. Ein entsprechender Spendenaufruf wurde bereits am 15. November ver\u00f6ffentlicht, ein Konto unter dem Stichwort \"1. Mai Gera\" angegeben. Eine im Mai verlinkte \"Dokumentation \u00fcber aktuelle Anquatschversuche in Th\u00fcringen\" vom 11. M\u00e4rz richtete das Augenmerk auf das seit Jahren intensiv verfolgte Thema der \"leisen Repression\": staatliche Versuche, Informationsquellen zu gewinnen, w\u00fcrden momentan deutlich zunehmen. Durch zielgerichtete Unterst\u00fctzung von Szeneangeh\u00f6rigen oder mit dem Staat in Konflikt stehenden Personen wird versucht, zumindest perspektivisch st\u00e4rkeren Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von (linksextremistisch motivierten) Straftaten, T\u00e4tern und damit auf gesellschaftliche Normen insgesamt zu gewinnen. Mit anlassbezogenen Kampag71 Siehe Kapitel 3.2. 72 Steht f\u00fcr \"Hausdurchsuchung\". 104","nen gelingt es der RH mitunter, ihre politischen Anliegen erfolgreich in der \u00d6ffentlichkeit zu platzieren. 5. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links Das System der \"Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t\" (PMK) ist eine polizeiliche Kategorisierung zur Einordnung von Straftaten. Die Zahlen werden als erg\u00e4nzende Information in diesen Bericht aufgenommen. F\u00fcr die PMK - Links weist die Statistik des Landeskriminalamts Th\u00fcringen73 folgende Zahlen aus: Straftaten 2021 2022 2023 Insgesamt 443 353 444 davon u. a.: Gewaltkriminalit\u00e4t 29 23 24 Sachbesch\u00e4digungen 306 240 303 Verst\u00f6\u00dfe gegen das 15 12 24 Versammlungsgesetz Tabelle 7: Statistik politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links Im Jahr 2023 entfielen mit 444 von 3.097 in Th\u00fcringen insgesamt erfassten politisch motivierten Straftaten etwa 14,3 Prozent auf den Ph\u00e4nomenbereich \"Links\". Im Vergleich zum Vorjahr ist bei Betrachtung der absoluten Deliktszahlen der PMK - Links ein Anstieg um 91 F\u00e4lle zu verzeichnen, womit das Niveau des Jahres 2021 erneut erreicht und geringf\u00fcgig \u00fcberschritten wurde. Im Jahr 2023 wurde bei der Zahl der Gewaltdelikte das Vorjahresniveau um eine Straftat \u00fcberschritten und entspricht damit im Wesentlichen dem Vorjahresniveau, wobei der insgesamt in Th\u00fcringen 2023 festzustellende Trend deutlich r\u00fcckl\u00e4ufiger PMK-Gewalttaten hier offenbar nicht zum Tragen kommt. Straftaten mit Bez\u00fcgen zum Terrorismus wurden im Bereich der PMK-L nicht festgestellt. Hinsichtlich der insgesamt 303 festgestellten F\u00e4lle von Sachbesch\u00e4digungen ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum Vorjahr ersichtlich, wobei das Niveau von 2021 nicht g\u00e4nzlich erreicht wurde. Ebenso nahm die Zahl der im Berichtszeitraum registrierten F\u00e4lle von Verst\u00f6\u00dfen gegen das Versammlungsgesetz zu. Hier wurde die Zahl der Straftaten im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. 73 Ver\u00f6ffentlicht am 8. April 2024. 105","VIII. Spionageabwehr 1. Aufgabe und \u00dcberblick Innerhalb der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat die Spionageabwehr gem\u00e4\u00df SS 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 Th\u00fcrVerfSchG die gesetzliche Aufgabe, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht zu beobachten, Informationen dar\u00fcber zu sammeln und diese auszuwerten. Hierbei wird eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sowie den Beh\u00f6rden im Verfassungsschutzverbund gepflegt. Die Bundesrepublik Deutschland ist nach wie vor durch ihre geopolitische Lage, der bedeutenden Position innerhalb der Europ\u00e4ischen Union und der NATO, ihrer Eigenschaft als eine der f\u00fchrenden Industrienationen mit Standorten zahlreicher Unternehmen der Spitzentechnologie sowie als bedeutsamer Forschungsstandort ein priorit\u00e4res Aufkl\u00e4rungsziel f\u00fcr Nachrichtendienste fremder Staaten. Es gilt, Th\u00fcringen als Teil der f\u00f6deralen Struktur und erfolgreichen Forschungsund Wirtschaftsstandort vor derartigen T\u00e4tigkeiten fremder Staaten und ihrer Nachrichtendienste zu bewahren und den Schutz f\u00fcr die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu gew\u00e4hrleisten. Zugleich ist f\u00fcr die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auf Seiten der Gespr\u00e4chspartner (z. B. im Rahmen des Schutzes vor Wirtschaftund Wissenschaftsspionage, Proliferation) eine gesteigerte Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Aufkl\u00e4rungst\u00e4tigkeit fremder Nachrichtendienste und den Bedarf zum Schutz eigener Interessenlagen feststellbar. So erreichen die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde weiterhin kontinuierlich Hinweise von \u00f6ffentlichen und nicht-\u00f6ffentlichen Stellen in Th\u00fcringen, die f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung relevant und Ausdruck der gesteigerten Aufmerksamkeit der Hinweisgeber sind. Akteure und Ziele Die Hauptakteure der gegen die Bundesrepublik Deutschland gerichteten Spionage sind weiterhin die Russische F\u00f6deration, die Volksrepublik China, die Islamische Republik Iran und die Republik T\u00fcrkei, sowie einige Staaten aus dem nah-, mittelund fern\u00f6stlichen aber auch dem nordafrikanischen Raum. Daneben werden im Rahmen der Spionageabwehr des Verfassungsschutzverbundes auch nachrichtendienstliche Aktivit\u00e4ten solcher Staaten in Deutschland bearbeitet, mit denen die Bundesrepublik in anderen Zusammenh\u00e4ngen ggf. partnerschaftlich zusammenarbeitet. 106","Die innen-, au\u00dfensowie wirtschaftspolitischen Ziele dieser L\u00e4nder bestimmen die Schwerpunkte der Aktivit\u00e4ten ihrer jeweiligen Nachrichtendienste. Die Beschaffungsaktivit\u00e4ten der Nachrichtendienste richten sich daher nicht allein nach der jeweiligen gesetzlichen Aufgabenzuweisung, sondern sie orientieren sich zudem an aktuellen politischen Vorgaben oder wirtschaftlichen Priorit\u00e4ten der Staaten. Die Informationsbeschaffung ist schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die Bereiche Politik, Wirtschaft, Milit\u00e4r, Wissenschaft und Technik gerichtet. Ziel ist die Erlangung eines Informations-/Wissensvorsprungs in politischen Vorg\u00e4ngen, ein illegaler Technologietransfer aus Wirtschaft und Forschung und die M\u00f6glichkeit der Einflussnahme auf Willensbildungund Entscheidungsprozesse (z. B. durch Kenntniserlangung \u00fcber politische/gesellschaftliche Konflikte im Zielland), mit denen letztlich eine Schw\u00e4chung der Position Deutschlands in den Beziehungen zu anderen Staaten oder eine Beeintr\u00e4chtigung deutscher Unternehmen und Forschungseinrichtungen im internationalen Wettbewerb verbunden sind. Aussp\u00e4hung von Oppositionellen Eine gro\u00dfe Zahl von Menschen suchte in den vergangenen Jahren Zuflucht und Schutz in Europa u. a. aufgrund der Sicherheitslage oder politischer Verfolgung in ihren Heimatl\u00e4ndern. Damit einhergehend betreiben fremde Nachrichtendienste in Deutschland intensiv die Aussp\u00e4hung oppositioneller Aktivit\u00e4ten und die Unterwanderung der Exilgemeinden, etwa indem sie personenbezogene Daten von oppositionellen Personen und sonstige Informationen zu Aktivit\u00e4ten von entsprechenden Vereinigungen in Deutschland sammeln. Entsprechende Bem\u00fchungen fremder Staaten unter Beteiligung ihrer Nachrichtendienste reichen indes auch bis zur Aus\u00fcbung staatsterroristischer Aktivit\u00e4ten im Ausland. Ziel hierbei ist die Sicherung des eigenen Herrschaftsanspruches im Heimatland. Im Berichtszeitraum erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen einen marokkanischen Staatsangeh\u00f6rigen wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit. Der Angeklagte soll f\u00fcr den marokkanischen Auslandsnachrichtendienst DGED Angeh\u00f6rige einer oppositionellen marokkanischen Bewegung in Deutschland ausgesp\u00e4ht und die zu mehreren Personen erlangten Informationen an seinen marokkanischen F\u00fchrungsoffizier \u00fcbermittelt haben.74 74 Pressemitteilung des Generalbundesanwaltes vom 23. Juni 2023. 107","Wirtschafts-, und Wissenschaftsspionage, Proliferation Dar\u00fcber hinaus bem\u00fchen sich einige L\u00e4nder weiterhin darum, in den Besitz atomarer, biologischer oder chemischer Massenvernichtungswaffen und der hierf\u00fcr erforderlichen Tr\u00e4gersysteme zu gelangen. Sie bedienen sich u. a. ihrer Nachrichtendienste bei der Beschaffung notwendiger G\u00fcter zu deren Herstellung sowie des erforderlichen Know-hows. Die Spionageabwehr des Verfassungsschutzverbundes tritt solchen Beschaffungsbem\u00fchungen in Zusammenarbeit mit anderen Beh\u00f6rden entgegen (Proliferationsabwehr). Die damit angesprochenen Bereiche Wirtschaft, Wissenschaft und Technik nehmen als Aufkl\u00e4rungsziele f\u00fcr Nachrichtendienste auch im \u00dcbrigen ein immer breiteres Spektrum ein. Insbesondere Staaten mit Forschungsund Technologier\u00fcckst\u00e4nden haben gro\u00dfes Interesse an Informationen \u00fcber Fertigungstechniken und technisches Know-how. In Russland und China sind Nachrichtendienste gesetzlich befugt, aktiv Spionage zur F\u00f6rderung der heimischen Wirtschaft und damit zur Verfolgung ihrer wirtschaftsund sicherheitspolitischen Ambitionen zu betreiben. Auch unterliegen dortige Unternehmen einer weitgehenden Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit den eigenen Nachrichtendiensten. Daher sind Information und Aufkl\u00e4rung von potenziell gef\u00e4hrdeten Unternehmen sowie wissenschaftlichen Einrichtungen und die Durchf\u00fchrung von Sensibilisierungsgespr\u00e4chen \u00fcber die Gefahren der Wirtschaftsund Wissenschaftsspionage als wichtige Aufgabe der Spionageabwehr unverzichtbar. Gef\u00e4hrdung durch (cybergest\u00fctzte) Einflussnahmeversuche und Desinformation Angesichts der immer komplexeren weltpolitischen Entwicklungen, sich abzeichnender Verschiebungen im globalen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis sowie einer rasanten Digitalisierung des Informationsraumes, spielt das Bestreben nach Deutungshoheit \u00fcber aktuelle Vorg\u00e4nge und Entwicklungen mittels gezielter Einflussnahmeversuche, Desinformation und Propaganda eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Einflussnahmeaktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer staatlicher Stellen, von ihnen herangezogener oder unterst\u00fctzter nicht-staatlicher Akteure und unter Beteiligung von Nachrichtendiensten fremder Staaten zielen dabei auf unterschiedliche Adressatengruppen, wie Entscheidungstr\u00e4ger aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft ab und sprechen DiasporaGruppen an. Im Berichtszeitraum f\u00fchrte insbesondere der seit dem Februar 2022 andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine zu einer signifikanten Ver\u00e4nderung der Sicherheitslage, auf die sich auch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden in Angelegenheiten der Spionageabwehr einstellen m\u00fcssen. Sowohl der Krieg in der Ukraine als solcher, von Deutschland unterst\u00fctzte Sanktio108","nen gegen Russland als auch Waffenlieferungen westlicher Staaten an die ukrainischen Streitkr\u00e4fte l\u00f6sen einen steigenden Informationsbedarf seitens staatlicher russischer Stellen aus, die - nachdem der Zugang russischer Vertreter zu sonstigen Gespr\u00e4chsformaten und offenen Veranstaltungen eingeschr\u00e4nkt ist - ma\u00dfgeblich auch unter Einsatz der russischen Nachrichtendienste erf\u00fcllt werden wird. Nachdem die Bundesregierung bereits im Vorjahr mit der Ausweisung von 40 Mitarbeitern der Russischen Botschaft in Berlin und der russischen Generalkonsulate in Deutschland erste Ma\u00dfnahmen ergriffen hatte, um die Pr\u00e4senz russischer Nachrichtendienste an diesen Stellen zu reduzieren, wurden schlie\u00dflich zum 31. Dezember auch vier der bisher f\u00fcnf Generalkonsulate Russlands in Deutschland geschlossen. Es ist davon auszugehen, dass sich nicht allein die nachrichtendienstlichen Aufkl\u00e4rungsbem\u00fchungen Russlands in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik sowie Milit\u00e4r sondern ebenfalls Versuche, die durch die Sanktionen hervorgerufenen Beschr\u00e4nkungen aufgrund der nicht ausreichenden Substituierbarkeit durch einheimische Kapazit\u00e4ten zu umgehen, k\u00fcnftig weiter verst\u00e4rken werden, auch um durch die Sanktionen bedingten Nachteile zu kompensieren. Die bisher stark botschaftsund konsulatsgest\u00fctzte Aufkl\u00e4rungst\u00e4tigkeit russischer Nachrichtendienste wurde durch die Ausweisungen zun\u00e4chst geschw\u00e4cht und wird angesichts der auch in vielen anderen Staaten der Europ\u00e4ischen Union und G7 vollzogenen Ausweisungen der in russischen Botschaften und Generalkonsulaten eingesetzten Mitarbeiter russischer Nachrichtendienste nunmehr mittels ver\u00e4nderter Methodik, z. B. durch einer Steuerung von Operationen aus den Zentralen der russischen Nachrichtendienste, erfolgen. Des Weiteren waren seit Kriegsbeginn in steigendem Umfang russische Desinformationsaktivit\u00e4ten gegen politische und mediale Strukturen auch in Deutschland zu verzeichnen, die sich auch im Berichtszeitraum fortgesetzt haben. Ihnen lag das Bestreben zugrunde, in Aussicht gestellte russische Sanktionen und das milit\u00e4rische Vorgehen Russlands gegen die Ukraine in der \u00d6ffentlichkeit als reaktiv gegen\u00fcber den Sanktionen westlicher Staaten bzw. deren Unterst\u00fctzungshandlungen f\u00fcr die Ukraine (insbesondere milit\u00e4rische Unterst\u00fctzungsleistungen) darzustellen und so zu legitimieren. Dabei wurde der Versuch unternommen, das Bild eines verbreiteten Nachlassens der Akzeptanz der Unterst\u00fctzung der Ukraine und der Sanktionen gegen Russland in europ\u00e4ischen Staaten einschlie\u00dflich einer Entfremdung von Teilen der Bev\u00f6lkerung von politischen Entscheidungstr\u00e4gern zu zeichnen und so gesellschaftliche Konflikte auch in Deutschland zu initiieren oder zu verst\u00e4rken. \u00c4u\u00dferungen von deutschen \u00f6ffentlichen Stellen bzw. von Vertretern anderer Staaten der Europ\u00e4ischen Union einerseits, ebenso wie entgegenstehende \u00c4u\u00dferungen wurden durch russische staatliche bzw. staatsnahe Stellen unmittelbar aufgegriffen, f\u00fcr eigene Zwecke instrumentalisiert und 109","die Rolle Russlands als Opfer eines vermeintlichen Stellvertreterkrieges westlicher Staaten bzw. der NATO entwickelt. Auf eine breite \u00f6ffentliche Wahrnehmung ausgerichtet waren zudem Cyberangriffe von parteiergreifenden pro-russischen, nicht-staatlichen Gruppierungen (sog. Hacktivisten) auf zivile Infrastrukturen (u. a. Flugh\u00e4fen, Banken) und die Websites u. a. von Sicherheitsbeh\u00f6rden und politischen Entscheidungstr\u00e4gern in Deutschland. Die Angriffe erfolgten regelm\u00e4\u00dfig als \u00dcberlastungsangriffe (DDos-Angriff) und in unmittelbarem Nachgang zu politischen Entscheidungen z. B. in Bezug auf weitere Unterst\u00fctzungsleistungen Deutschlands und anderer Staaten f\u00fcr die Ukraine. Sie wurden durch die Urheber in sozialen Medien angek\u00fcndigt, zielten auf eine Verunsicherung bzw. Einsch\u00fcchterung in den Ziell\u00e4ndern, verursachten indes bisher lediglich kurzfristige St\u00f6rungen bei den betroffenen Stellen. 2. Methoden fremder Nachrichtendienste Bei der Informationsbeschaffung bedienen sich die Nachrichtendienste neben allgemein zug\u00e4nglicher Quellen (z. B. Fachliteratur, Onlinebibliotheken, Fachkongresse und Vortragsveranstaltungen) einer Vielzahl von Methodiken. Informationsgewinnung mit Personen Menschlichen Quellen kommt bei der Informationsbeschaffung eine unver\u00e4ndert gro\u00dfe Bedeutung zu. Oft werden entsprechende Kontakte aus sogenannten Legalresidenturen75 heraus von dort vorgeblich als Diplomaten t\u00e4tigen Mitarbeitern des Nachrichtendienstes initiiert. Solche Verbindungen k\u00f6nnen im Rahmen der offenen Gespr\u00e4chsf\u00fchrung unverf\u00e4nglich aufrechterhalten werden, aber auch - \u00fcber die gezielte \"Pflege\" eines solchen Kontakts - zum Aufbau einer geheimdienstlichen Agentenverbindung f\u00fchren. Dabei sind die Nachrichtendienste fremder Staaten in Deutschland personell sehr unterschiedlich an ihren amtlichen und halbamtlichen Vertretungen (Botschaften, Konsulate) pr\u00e4sent. Deutsche B\u00fcrger, die sich f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit beruflich oder privat auf dem Gebiet des fremden Staates aufhalten oder regelm\u00e4\u00dfig dorthin reisen und Kontakte pflegen, sind f\u00fcr die Nachrichtendienste fremder Staaten von Interesse. Dazu z\u00e4hlen neben Angeh\u00f6rigen diplomatischer Vertretungen und weiteren Vertretern aus Politik und Verwaltung insbesondere Firmenrepr\u00e4sentanten, Wissenschaftler oder Studierende/Gastwissenschaftler. Der Aufenthalt dieser Personen auf dem Gebiet des fremden Staates und die damit verbundenen rechtlichen und tats\u00e4chlichen Ein75 St\u00fctzpunkt eines fremden Nachrichtendienstes, abgetarnt in einer offiziellen oder halboffiziellen Vertretung (beispielsweise in Botschaften, Generalkonsulaten, Presseagenturen, Fluggesellschaften, etc.) seines Landes im Gastland. 110","wirkungsm\u00f6glichkeiten z. B. bereits im Rahmen der Einreise bieten den Nachrichtendiensten eine Vielzahl von Zugangsm\u00f6glichkeiten zu den aus ihrer Sicht interessanten Zielpersonen. Entsprechende, teils auch zun\u00e4chst unverf\u00e4nglich im Rahmen von pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen oder \u00fcber Karrierenetzwerke aufgebaute Kontakte werden bei einer erneuten Einreise oder auch nach der R\u00fcckkehr nach Deutschland gepflegt. Cyberspionage Die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung zahlreicher Prozesse - nicht zuletzt vorangetrieben durch die Pandemielage der letzten Jahre - bietet f\u00fcr Nachrichtendienste einerseits eine Informationsquelle f\u00fcr im Internet ver\u00f6ffentlichte, teils auch sensible Informationen von \u00f6ffentlichen und privaten Einrichtungen sowie andererseits neue potenzielle Einfallstore in IT-Systeme von Verwaltungen und Unternehmen und damit einen erweiterten Aktionsradius. Die weiter voranschreitende Digitalisierung hat der nachrichtendienstlichen Informationsbeschaffung somit neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. Informationen, die fr\u00fcher nur durch menschliche Quellen zu erlangen waren, sind heutzutage verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht und ohne gr\u00f6\u00dfere Risiken auf technischem Weg zu beschaffen. Cyberangriffe er\u00f6ffnen dadurch in steigendem Umfang die Chance zur Erlangung sensibler Informationen bei \u00fcberschaubarem eigenen Ressourceneinsatz. Zugleich werden die bei erfolgreichen Cyberangriffen erlangten Zug\u00e4nge aber auch f\u00fcr anschlie\u00dfende Desinformationsund Einflussnahmeversuche (\"Hack and Leak\"-Operationen, bei denen erbeutete Daten teils in manipulierter Form \u00f6ffentlich gemacht und/oder \"Hack and Publish\"-Operationen, in denen Falschinformationen \u00fcber gekaperte reichweitenstarke Kommunikationskan\u00e4le ver\u00f6ffentlicht werden) genutzt. Nachrichtendienstlich gesteuerte Cyberangriffe stellen im Kern ein Mittel der Informationsgewinnung und Sabotage dar und bieten fremden Nachrichtendiensten in allen Feldern der Spionage (politisch-wirtschaftliche Spionage, Proliferation, Cyberangriffe, Desinformation / Einflussnahmeversuche) ein flexibel einsetzbares Aufkl\u00e4rungsmittel. Daten sind weltweit verf\u00fcgbar und werden zu begehrten Informationsquellen auch f\u00fcr fremde Nachrichtendienste. Dementsprechend stellt der stetig wachsende Einfluss moderner Informationstechnologien (IT) eine besondere Herausforderung f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden dar. Das Risiko, von Cyberangriffen mit nachrichtendienstlichem Hintergrund betroffen zu sein, betrifft generell neben dem wirtschaftlichen und wissenschaftlichen auch den politischen Bereich als klassischem Bet\u00e4tigungsfeld von Nachrichtendiensten. Eine Identifizierung der Urheber ist m\u00f6glich, h\u00e4ufig jedoch mit verbleibenden Unsicherheiten verbunden. Der Schutz vor bzw. das Erkennen von elektronischen Angriffen auf Wirtschaftsunternehmen, Regierungsstellen, For111","schungseinrichtungen und Einzelpersonen in exponierter Stellung erfordert immer intensivere Anstrengungen und Aufwendungen. So werden zunehmend elektronische Angriffe mit mutma\u00dflich nachrichtendienstlichem Hintergrund auf Wirtschaftsunternehmen und Regierungsstellen festgestellt. Derartige Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnen mit geringem Risiko von den Heimatstaaten der Akteure aus oder \u00fcber Drittstaaten initiiert werden. Sie sind hochkomplex, erfolgen teils mit erheblichem zeitlichen Vorlauf und mit hoher Professionalit\u00e4t, bieten hohe Erfolgsaussichten und sind geeignet, auch kurzfristige Informationsbedarfe der dortigen Regierungsstellen zu erf\u00fcllen. Anhaltspunkte f\u00fcr eine staatliche Steuerung bzw. Anbindung an Nachrichtendienste fremder Staaten ergeben sich etwa aus der Auswahl der angegriffenen Ziele, den dadurch erkennbar werdenden konkreten Aufkl\u00e4rungsinteressen und der Langfristigkeit ihres Auftretens. H\u00e4ufig bleiben Datenverluste bei den Adressaten dieser Angriffe unerkannt oder werden nur mit erheblichem Zeitverzug festgestellt. Ein Problem stellt dabei z. B. speziell entwickelte Schadsoftware dar, die erst im konkreten Bedarfsfall - mitunter Monate oder Jahre nach ihrer Installation - aktiviert wird. Diese Arten der Informationsbeschaffung sind als Spionagemethode inzwischen fest etabliert und gewinnen f\u00fcr fremde Nachrichtendienste an Bedeutung. Die Angreifer bedienen sich ausgereifter Tarnstrategien und vielf\u00e4ltiger Verschleierungsmechanismen. Sie erschweren damit nachhaltig die Aufkl\u00e4rung und Abwehr der elektronischen Angriffe. Hybride Bedrohungen Daneben sind verst\u00e4rkte Aktivit\u00e4ten \u00fcber sogenannte soziale Medien zur Beeinflussung von gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland erkennbar. Mit der gesteuerten Verbreitung von \"Fake News\" versuchen fremde Nachrichtendienste Einfluss auf gesellschaftliche und politische Meinungsbildungsprozesse zu nehmen und zumindest indirekt auf politische Entscheidungen einzuwirken. Sie greifen absehbare gesellschaftliche Konflikte auf oder verst\u00e4rken diese mit dem Ziel der Destabilisierung und Delegitimierung der gesellschaftlichen Institutionen in den Ziell\u00e4ndern. Das Portfolio hierbei eingesetzter Mittel ist vielf\u00e4ltig und kann von dem bereits aus der Vergangenheit bekannten Einsatz von Einflussagenten mit Anbindung an russische staatliche oder staatsnahe Stellen \u00fcber den zielgerichteten Aufbau und die Pflege von Kontakten zu Multiplikatoren in Politik und Wirtschaft, \u00fcber regelrechte Propagandaoffensiven und dem damit verbundenen Versuch der Instrumentalisierung ganzer Bev\u00f6lkerungsgruppen bis hin zu Einflussnahme-Aktivit\u00e4ten in der Wirtschaft reichen. So erregten chinesische Versuche der Einflussnahme auf die deutsche Wirtschaft durch Direktinvestitionen besondere Aufmerksamkeit. Gezielte chinesische Firmenbeteiligungen in ausgew\u00e4hl112","ten Schl\u00fcsselbranchen im Ausland sind erkl\u00e4rter Bestandteil der Industriestrategie \"Made in China 2025\". In die Prozesse der staatlichen Direktion von Investitionen staatlicher, halbstaatlicher und privater chinesischer Unternehmen sind auch Nachrichtendienste eingebunden. Dar\u00fcber hinaus unternimmt insbesondere Russland mit zunehmender Intensit\u00e4t den Versuch, die politische und \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland u. a. durch die mediale Verbreitung von Propaganda und Desinformationen in seinem Sinne zu beeinflussen. Als Mittel zum Zweck dienen dabei neben den sozialen Medien die staatlich gef\u00f6rderten sowie privaten Institute (\"Think Tanks\") und die russischen Staatsmedien. So verbreiten weltweit sendende TV-, Radiound Internetkan\u00e4le auch in Deutschland gezielt Narrative im Sinne der russischen F\u00fchrung. Staatliche Unternehmen kaschieren ihre Aktivit\u00e4ten, indem sie als unabh\u00e4ngige Medien auftreten, um sich als Alternative zu anderen etablierten Medienangeboten zu positionieren. Die seitens Russlands verfolgten Ziele sind die Diskreditierung der Bundesregierung und der Landesregierungen, die polarisierende Zuspitzung des politischen Diskurses und das Untergraben des Vertrauens in staatliche Stellen. 3. Wirtschaftsschutz / Cyberabwehr Die deutsche Wirtschaft investiert gro\u00dfe Summen in Forschung und Entwicklung. So schafft sie die Grundlagen f\u00fcr Innovationen und Know-how. Hierdurch besitzt sie einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Diese internationale Spitzenrolle weckt bei Konkurrenzunternehmen einerseits, aber auch fremden Staaten andererseits nach wie vor Begehrlichkeiten. An Grenzen st\u00f6\u00dft diese Differenzierung dort, wo es wegen der engen Verflechtung von Staat, Wirtschaft und Wissenschaft im Einzelfall kaum m\u00f6glich ist, zwischen staatlich betriebener Wirtschaftsspionage durch Nachrichtendienste fremder Staaten und der Aussp\u00e4hung durch konkurrierende Unternehmen ohne staatliche Steuerung zu unterscheiden. Auch die Erschlie\u00dfung neuer M\u00e4rkte im Ausland er\u00f6ffnet f\u00fcr deutsche Unternehmen viele wirtschaftliche Chancen, birgt zugleich aber auch eine Vielzahl an Sicherheitsrisiken. Fremde Nachrichtendienste besitzen auf ihrem Hoheitsgebiet \"Heimvorteil\". Sie handeln h\u00e4ufig mit umfassenden Exekutivbefugnissen. Schaden durch Wirtschaftsspionage Wirtschaftsspionage verursacht in Deutschland j\u00e4hrlich erheblichen Schaden und kostet wertvollen Know-how-Vorsprung. Ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste versuchen in einem ersten Schritt, innovationsund leistungsf\u00e4hige Unternehmen und Institutionen zu detektieren. Wesentlich dabei sind Bem\u00fchungen, Kontakte zu Entscheidungsund Kompetenztr\u00e4gern in Wirtschaft und Wissenschaft aufoder bestehende Kontakte auszubauen. Diese Versuche 113","sind nicht begrenzt auf die aus den Medien bekannten Kampagnen mittels \"Fake-Profilen\" auf Plattformen wie LinkedIn, sondern k\u00f6nnen \u00fcber die virtuelle Welt hinausgehen. Das langfristige Ziel dabei ist es, einen Wissensvorsprung durch illegales Abgreifen von (auch milit\u00e4risch nutzbarem) Know-how zu erlangen. Die besondere Gefahr der Wirtschaftsspionage besteht darin, dass den Mitarbeitern der meisten Unternehmen nachrichtendienstliche Mittel und Vorgehensweisen nicht bekannt sind. Seitens des Angreifenden stehen jedoch professionelles nachrichtendienstliches Know-how bzw. eine entsprechende Anleitung und die erforderlichen Mittel zur Verf\u00fcgung. Anders als im Bereich der Sicherung der Informationstechnologie und sonstiger Anlagen des Unternehmens entzieht sich die neben technischen Mitteln auch weiterhin relevante Informationsgewinnung fremder Nachrichtendienste durch menschliche Quellen - unabh\u00e4ngig davon, ob diese durch Anwerbung bereits im Unternehmen besch\u00e4ftigter geeigneter Personen oder durch Einschleusung erfolgt - h\u00e4ufig der Kontrolle seitens der Verantwortlichen des Unternehmens. Geeignetes Mittel gegen - auch zun\u00e4chst unverf\u00e4nglich wirkende - Ausforschungsversuche sind hinreichend sensibilisierte Mitarbeiter in den Unternehmen und deren Bereitschaft, sich im Falle eines entsprechenden Verdachts einer verantwortlichen Stelle (z. B. Unternehmenssicherheit) und letztlich auch den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden als Ansprechpartner in Angelegenheiten des Wirtschaftsschutzes anzuvertrauen. Wachsende Gef\u00e4hrdung durch Cyberangriffe Neben dem Einsatz klassischer Mittel und Methoden der Wirtschaftsspionage hat die zunehmende elektronische Vernetzung auch f\u00fcr Unternehmen zu neuartigen und erh\u00f6hten Risiken im Cyberraum gef\u00fchrt. Interne und externe Sicherheitsrisiken in der realen und der Cyberwelt erfordern einen ganzheitlichen Wirtschaftsschutz. Denn die Durchdringung des beruflichen Alltags mit internetf\u00e4higen Ger\u00e4ten und die Digitalisierung von Informationen und Verfahrensabl\u00e4ufen f\u00fchren dazu, dass nahezu alle Wirtschaftsbereiche von Gefahren aus dem Cyberraum bedroht sind. Die Informationsbeschaffung fremder Nachrichtendienste durch den Einsatz technischer Mittel geh\u00f6rt zum Alltag. Dies gilt umso mehr, als neben ohnehin \u00f6ffentlichen auch nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Informationen oft leicht und ohne gr\u00f6\u00dfere Risiken f\u00fcr fremde Nachrichtendienste erreichbar sind und z. B. Grundlage f\u00fcr eine anschlie\u00dfende Kontaktaufnahme zu menschlichen Quellen sein k\u00f6nnen. Zu den bekanntesten Gruppierungen, die fremden Nachrichtendiensten zugeordnet werden, z\u00e4hlen etwa APT28 (auch als Sofacy, Fancy Bear, Pawn Storm oder Sednit), Snake (auch Uroburos oder Turla) und GHOSTWRITER, die jeweils unterschiedliche Zielrichtungen aufweisen. Vor allem elektronische Angriffe, also gezielte Ma\u00dfnahmen mit und gegen IT114","Infrastrukturen, sind ein wirksames und wichtiges Mittel der Informationsgewinnung. Die M\u00f6glichkeiten reichen vom Aussp\u00e4hen, Kopieren oder Ver\u00e4ndern von Daten (z. B. von Kundenlisten oder Strategiepapieren) \u00fcber den Missbrauch von Identit\u00e4ten bis hin zur \u00dcbernahme und Sabotage von Produktionsund Steuerungseinrichtungen. Im Rahmen solcher Cyberangriffe auf Unternehmen und Forschungseinrichtungen aber auch auf Regierungsstellen werden u. a. klassische E-Mails mit beigef\u00fcgter Schadsoftware oder Watering-Hole-Attacks mit Drive-By-Infektionen eingesetzt, die von hierf\u00fcr angelegten MailAccounts versandt werden. H\u00e4ufig kommt Spear-Phishing76 als Angriffsmethode zur Anwendung, wobei jede Attacke mit hohem Aufwand speziell auf ein Ziel zugeschnitten wird. Ausgangspunkt ist auch hier oft ein ausgefeiltes \"Social Engineering\". Bei Watering-Hole-Attacks wiederum manipuliert der Angreifer bestimmte Websites derart, dass bei dem erwarteten Aufruf der Seiten durch das Opfer eine Schadwirkung ausgel\u00f6st wird. Die Kritische Infrastruktur (KRITIS)77 insbesondere in den Bereichen Energiebzw. Wasserversorgung, Verkehr und Telekommunikation ist aufgrund der mit einer St\u00f6rung oder einem Ausfall verbundenen einschneidenden Auswirkungen f\u00fcr B\u00fcrger und Unternehmen ein herausgehobenes Ziel der Cyberspionage und -sabotage von staatlichen oder in deren Interesse handelnden nicht-staatlichen Akteuren und vorgeschalteten Ausforschungsbem\u00fchungen solcher Akteure im Vorfeld eines tats\u00e4chlichen Angriffes bzw. einer Sabotagehandlung. Dies gilt nicht nur f\u00fcr Angreifer mit allgemeinkriminellem Hintergrund und wirtschaftlicher Motivation, sondern auch f\u00fcr Nachrichtendienste fremder Staaten. Wegen eines bef\u00fcrchteten Imageverlustes zeigen Unternehmen die Vorf\u00e4lle nur selten bei den zust\u00e4ndigen Stellen an. Dabei ist die Zusammenarbeit von Unternehmen und Sicherheitsbeh\u00f6rden wichtig, um Schutzma\u00dfnahmen fest zu etablieren. Gro\u00dfe Konzerne verf\u00fcgen in der Regel \u00fcber ausreichend Potenzial, geeignete Schutzma\u00dfnahmen zu ergreifen. Bei der Mehrzahl der kleinen und mittleren Unternehmen fehlt mitunter das Bewusstsein, dass auch sie durchaus ein lohnendes Ziel f\u00fcr Spionageund Aussp\u00e4hungsaktivit\u00e4ten sein k\u00f6nnen. Das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz erf\u00fcllt - in Kooperation mit den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der L\u00e4nder - seinen gesetzlichen Auftrag, deutsche Unternehmen \u00fcber die Gefahren von Cyberattacken durch fremde Nachrichtendienste aufzukl\u00e4ren. Es muss davon ausgegangen werden, dass auch k\u00fcnftig u. a. Unternehmen und Forschungseinrichtungen ins76 Spear-Phishing bezeichnet Angriffe mittels elektronischer Kommunikation, die auf bestimmte Personen, Organisationen oder Unternehmen abzielen. 77 Kritische Infrastruktur umfasst Organisationen oder Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung f\u00fcr das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeintr\u00e4chtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengp\u00e4sse, erhebliche St\u00f6rungen der \u00f6ffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten w\u00fcrden. 115","besondere in den Bereichen der Luftund Raumfahrttechnik, neuer Werkstoffe, erneuerbarer Energien, der maritimen Wirtschaft, der Biotechnologie und Quantentechnologie (sog. Emerging Technologies) und kritische Infrastrukturen im Fokus von Aufkl\u00e4rungsbem\u00fchungen fremder Nachrichtendienste stehen. Bei der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde eingehende Hinweise wurden auch im Berichtszeitraum an betroffene Unternehmen bzw. Privatpersonen und die fachlich zust\u00e4ndigen Ministerien mit einem Weitersteuerungsvermerk z. B. an Verb\u00e4nde, Unternehmen, \u00f6ffentliche Einrichtungen \u00fcbermittelt. Allen Th\u00fcringer Unternehmen, Unternehmensverb\u00e4nden, Forschungseinrichtungen und Hochschulen steht der Wirtschaftsschutz des Verfassungsschutzes mit Publikationen, Sensibilisierungen und Vortr\u00e4gen kostenfrei zur Verf\u00fcgung und nimmt Hinweise auf Sachverhalte mit Verdacht auf einen nachrichtendienstlichen Hintergrund entgegen. 4. Proliferation Unter Proliferation versteht man die unerlaubte Weitergabe von atomaren, biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen (ABC-Waffen) bzw. der zu ihrer Herstellung verwendeten Produkte sowie entsprechender Tr\u00e4gersysteme (z. B. Raketen und Drohnen) einschlie\u00dflich des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows. Proliferationsrelevante Staaten78 geben durch ihr Verhalten auf der internationalen politischen B\u00fchne nach wie vor Anlass zu der Bef\u00fcrchtung, solche Waffen in einem bewaffneten Konflikt einzusetzen oder deren Einsatz zur Durchsetzung politischer Ziele anzudrohen. Sie sind wesentlicher Teil der r\u00fcstungsund milit\u00e4rpolitischen Ambitionen fremder Staaten und wirken sich damit mittelfristig auf Konflikte aus, an denen diese Staaten beteiligt sind. Die Herstellung von Massenvernichtungswaffen stellt eine ernsthafte Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit dar. Da jene Staaten ihren Bedarf an den zur Herstellung und Weiterentwicklung von ABCWaffen notwendigen Komponenten und des hierf\u00fcr erforderlichen Know-hows nur zum Teil selbst decken k\u00f6nnen, sind sie bestrebt, bestehende technologische wie produktbezogene Defizite durch Beschaffungen aus dem Ausland zu beheben. Im Mittelpunkt stehen dabei solche Ausfuhrprodukte, die als sogenannte Dual-use-G\u00fcter sowohl im zivilen als auch im milit\u00e4rischen Bereich Anwendung finden k\u00f6nnen. 78 Als solche k\u00f6nnen insbesondere Nordkorea, Pakistan, Syrien und der Iran angesehen werden. 116","Die strenge Gesetzgebung und restriktive Exportkontrollen stellen f\u00fcr entsprechende Beschaffungsvorhaben hohe H\u00fcrden dar. Um diese zu umgehen, werden auf verdeckte Weise - teilweise durch sog. Umweglieferungen \u00fcber Drittl\u00e4nder, Verwendung gef\u00e4lschter Endnutzerzertifikate, zuweilen aber auch unter direkter Einbindung von Mitarbeitern der jeweiligen Nachrichtendienste - mitunter konspirativ agierende Beschaffungsnetzwerke genutzt. Ziel ist es, die tats\u00e4chliche Endverwendung der G\u00fcter gegen\u00fcber den \u00fcberwachenden Beh\u00f6rden und den potenziellen Lieferanten zu verschleiern. Im Berichtszeitraum erlie\u00df der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof auf Antrag der Bundesanwaltschaft einen Haftbefehl gegen einen deutsch-russischen Staatsangeh\u00f6rigen. Dieser ist dringend verd\u00e4chtig, in mehreren F\u00e4llen entgegen den Regelungen des Au\u00dfenwirtschaftsgesetzes Elektronikbauteile, die ihrer Art nach auch in von den russischen Streitkr\u00e4ften eingesetzten Drohnen verwendet werden, an ein russisches Unternehmen geliefert zu haben, welche milit\u00e4risches Material, darunter auch Aufkl\u00e4rungsdrohnen, herstellt. Die Lieferungen erfolgte zun\u00e4chst unter Zwischenschaltung ziviler russischer Scheinfirmen und sp\u00e4ter \u00fcber Empf\u00e4nger in Drittstaaten, von wo aus die Bauteile anschlie\u00dfend nach Russland weitertransportiert wurden.79 Ebenfalls im Berichtzeitraum hat die Bundesanwaltschaft Anklage gegen einen deutschen Staatsangeh\u00f6rigen wegen des Verdachts von Verst\u00f6\u00dfen gegen das Au\u00dfenwirtschaftsgesetz (AWG) erhoben. Dem Angeklagten wird u. a. vorgeworfen, als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Unternehmens mehrfach gewerbsm\u00e4\u00dfig Werkzeugmaschinen nebst Zubeh\u00f6r, welche f\u00fcr die Herstellung von Scharfsch\u00fctzengewehren Verwendung finden und den durch die Europ\u00e4ische Union erlassenen Handelsbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr R\u00fcstungsg\u00fcter und G\u00fcter mit doppeltem Verwendungszweck unterliegen, an einen russischen Waffenproduzenten geliefert zu haben. Die Abwicklung erfolgte \u00fcber weitere, teils ebenfalls von ihm gegr\u00fcndete Unternehmen und \u00fcber Drittstaaten.80 Betroffen von entsprechenden Beschaffungsversuchen k\u00f6nnen auch kleinere und mittlere Unternehmen oder z. B. solche Forschungseinrichtungen sein, in denen (Gast-)Wissenschaftler oder Studierende aus dem Heimatland des betreffenden Nachrichtendienstes t\u00e4tig sind. Zur Verhinderung derartiger Beschaffungsaktivit\u00e4ten sensibilisiert der Verfassungsschutz Th\u00fcringen regional ans\u00e4ssige Unternehmen und Forschungseinrichtungen \u00fcber die Proliferationsthematik und ihre Risiken. Dabei ist oftmals ersichtlich, dass die Problematik bei den Firmen pr\u00e4sent ist und diese auch sorgsam mit entsprechenden Anfragen umgehen. 79 Pressemitteilung des Generalbundesanwaltes vom 29. August 2023; zwischenzeitlich wurde Anklage vor dem Oberlandesgericht Stuttgart erhoben. 80 Pressemitteilung des Generalbundesanwaltes vom 13. November 2023. 117","IX. Geheimschutz 1. Allgemeines Der Geheimschutz ist f\u00fcr den demokratischen Rechtsstaat unverzichtbar. Er hat daf\u00fcr Sorge zu tragen, dass Informationen und Vorg\u00e4nge, deren Bekanntwerden den Bestand, lebenswichtige Interessen oder die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland oder eines Bundeslandes gef\u00e4hrden kann, vor unbefugter Kenntnisnahme gesch\u00fctzt werden. Im Rahmen ihrer Organisationsgewalt haben Beh\u00f6rden und auch geheimschutzbetreute Unternehmen personelle und materielle Vorkehrungen zur Gew\u00e4hrleistung des Geheimschutzes zu treffen. Zu den Aufgaben des AfV z\u00e4hlt gem\u00e4\u00df SS 4 Abs. 2 Satz 1 Th\u00fcrVerfSchG die Mitwirkung im Bereich des personellen und materiellen Geheimschutzes. Unter dem Begriff \"Geheimschutz\" werden s\u00e4mtliche Vorkehrungen im weiteren Sinne verstanden, die dem Schutz von Geheimnissen dienen. 2. Personeller Geheimschutz Nicht jede Person, nicht jeder Amtstr\u00e4ger erf\u00fcllt die f\u00fcr den Umgang mit Geheimnissen erforderlichen Voraussetzungen. Folglich gilt es, Personen, die aufgrund bestimmter Verhaltensweisen f\u00fcr Verrat, Erpressung oder Spionage anf\u00e4llig scheinen, von vornherein den Zugriff auf Geheimnisse zu versagen. Diesem Ziel dient die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung. Dabei wird festgestellt, ob der \u00dcberpr\u00fcfte seiner Vergangenheit, seinem Charakter, seinen Gewohnheiten und seinem Umgang nach Anlass bietet, an seiner pers\u00f6nlichen Vertrauensw\u00fcrdigkeit zu zweifeln, ob er somit ein Sicherheitsrisiko darstellt. Dabei kommt es nicht auf ein Verschulden im Sinne pers\u00f6nlicher Vorwerfbarkeit an. Rechtsgrundlage f\u00fcr das Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsverfahren ist das Th\u00fcringer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz (Th\u00fcrS\u00dcG)81 vom 17. M\u00e4rz 2003 in der Fassung vom 6. Juni 2018. Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen werden f\u00fcr Personen, die eine sicherheitsempfindliche T\u00e4tigkeit gem\u00e4\u00df SS 1 Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG aus\u00fcben sollen, durchgef\u00fchrt. Betroffen sind in erster Linie Personen, die Zugang zu Verschlusssachen haben bzw. sich diesen verschaffen k\u00f6nnen oder die in einer Beh\u00f6rde oder einzelnen Teilbereichen innerhalb dieser t\u00e4tig werden sollen, die 81 Th\u00fcringer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz (Th\u00fcrS\u00dcG) vom 17. M\u00e4rz 2003 (GVBI. S. 185), zuletzt ge\u00e4ndert durch Artikel 16 des Th\u00fcringer Gesetzes zur Anpassung des Allgemeinen Datenschutzrechts an die Verordnung (EU) 2016/679 und zur Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/680 vom 6. Juni 2018 (GVBl. S. 229, 263). 118","aufgrund des Umfangs bzw. der Bedeutung dort anfallender Verschlusssachen durch die zust\u00e4ndigen Stellen zum Sicherheitsbereich erkl\u00e4rt worden sind. Zweckm\u00e4\u00dfig wird der o.g. Kreis der Personen, die Verschlusssachen bearbeiten oder sich Zugang zu Verschlusssachen verschaffen k\u00f6nnen, durch beh\u00f6rdeninterne Aufgabenzuweisungen klein gehalten. Es gilt der Grundsatz: Kenntnis nur wenn n\u00f6tig. Als Verschlusssache werden alle im \u00f6ffentlichen Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegenst\u00e4nde oder Erkenntnisse - unabh\u00e4ngig von ihrer Darstellungsform - bezeichnet. Schriftst\u00fccke, Zeichnungen, Karten, Fotokopien, Lichtbildmaterial, elektronische Datentr\u00e4ger, elektrische Signale, Ger\u00e4te und technische Einrichtungen k\u00f6nnen ebenso wie das gesprochene Wort oder Zwischenmaterial (z. B. Entw\u00fcrfe), das im Zusammenhang mit Verschlusssachen anf\u00e4llt, eine solche Klassifizierung erfordern. Bei Beh\u00f6rden ist zust\u00e4ndige Stelle in Angelegenheiten Geheimschutzes gem\u00e4\u00df SS 3 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG sowie SS 5 der Verschlusssachenanweisung f\u00fcr den Freistaat Th\u00fcringen (VSA)82 grunds\u00e4tzlich die Beh\u00f6rdenleitung. Diese nimmt - soweit ein Geheimschutzbeauftragter nicht bestellt ist - Aufsichtsfunktionen im Geheimschutz war und ist zust\u00e4ndige Stelle gem\u00e4\u00df SS 3 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG bei der Durchf\u00fchrung von Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen. Arbeiten oberste oder obere Landesbeh\u00f6rden mit Verschlusssachen des Geheimhaltungsgrades VS-VERTRAULICH oder h\u00f6her, so ist gem\u00e4\u00df SS 5 Abs. 3 VSA ein Geheimschutzbeauftragter und eine zur Vertretung berechtigte Person zu bestellen. F\u00fcr die Einleitung und Durchf\u00fchrung der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung ist dann der Geheimschutzbeauftragte der jeweiligen Dienststelle bzw. der zust\u00e4ndigen obersten Landesbeh\u00f6rde verantwortlich. Das AfV wirkt an der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung gem\u00e4\u00df SS 4 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Th\u00fcrVerfSchG i. V. m. SS 3 Abs. 3 Th\u00fcrS\u00dcG mit und erstellt auf der Grundlage der eingeholten Informationen ein Votum gegen\u00fcber der zust\u00e4ndigen Stelle. Die Art der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung und der in diesem Rahmen durchzuf\u00fchren Ma\u00dfnahmen wird je nach Art und Umfang des Zugangs zu Verschlusssachen bzw. der T\u00e4tigkeit in Sicherheitsbereichen abgestuft. Gem\u00e4\u00df SSSS 8 ff. Th\u00fcrS\u00dcG wird die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung als einfache (\u00dc 1), erweiterte (\u00dc 2) oder als erweiterte Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung mit Sicherheitsermittlungen (\u00dc 3) durchgef\u00fchrt. Die Zustimmung der betroffenen Person und ggf. einzubeziehender Personen (Ehepartner, Lebensgef\u00e4hrten usw.) ist gem\u00e4\u00df SS 6 Abs. 2, 5 Th\u00fcrS\u00dcG ausnahmslos Voraussetzung f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung. 82 Ver\u00f6ffentlicht im Th\u00fcringer Staatsanzeiger Nr. 50/2021 S. 2023 ff.; in Kraft getreten am 1. Januar 2022. 119","Das AfV als mitwirkende Beh\u00f6rde konnte im Berichtszeitraum in 347 F\u00e4llen das Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsverfahren mit einem Votum gegen\u00fcber dem Geheimschutzbeauftragten der einleitenden Dienststelle abschlie\u00dfen. Im Berichtszeitraum war eine weiterhin hohe Zahl von Antr\u00e4gen auf Durchf\u00fchrung einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung und an Fallbearbeitungen feststellbar, in denen vor Abgabe eines Votums teils umfangreiche Auswertungen von beigezogenen Akten anderer Sicherheitsbeh\u00f6rden oder Befragungen erforderlich wurden. Im Einzelnen wurden folgende \u00dcberpr\u00fcfungen abgeschlossen: Erledigungen Jahr \u00dc1 \u00dc2 \u00dc3 gesamt 2023 126 187 34 347 2022 156 140 26 322 2021 163 161 25 349 Tabelle 8: Statistik Mitwirkung Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen 3. Materieller Geheimschutz Der materielle Geheimschutz betrifft die Entwicklung, Planung und Durchf\u00fchrung technischer Ma\u00dfnahmen, die dem Schutz geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Materials vor Entwendung oder Kenntnisnahme durch Unbefugte dienen. Zu technischen Sicherheitsma\u00dfnahmen sind auch organisatorische Vorkehrungen zu rechnen, die den Geheimschutz verbessern. Als Rechtsgrundlage dient die auf Grundlage von SS 34 Abs. 1 Th\u00fcrS\u00dcG erlassene VSA. Die VSA richtet sich an Landesbeh\u00f6rden, landesunmittelbare \u00f6ffentlich-rechtliche Einrichtungen und die sonstigen der Aufsicht des Freistaats Th\u00fcringen unterstehenden juristischen Personen des \u00f6ffentlichen Rechts, die mit Verschlusssachen befasst sind und somit Vorkehrungen zu deren Schutz zu treffen haben. Dar\u00fcber hinaus betrifft sie Personen, die Zugang zu Verschlusssachen erhalten oder eine T\u00e4tigkeit aus\u00fcben, die einen solchen er\u00f6ffnet und die Einhaltung bestimmter Schutzvorkehrungen erfordert. F\u00fcr Kommunen gilt die VSA nur im Bereich der Aufgabenerf\u00fcllung im \u00fcbertragenen Wirkungskreis. Den Kommunen wird empfohlen, die VSA auch im eigenen Wirkungskreis anzuwenden. Entsprechend der Schutzbed\u00fcrftigkeit der Verschlusssache nehmen die herausgebenden Stellen die erforderliche Einstufung in einen der in SS 4 Abs. 2 Th\u00fcrS\u00dcG bestimmten Geheimhaltungsgrade83 vor. Aus der jeweiligen Einstufung ergeben sich die notwendigen personel83 \"VS-NUR F\u00dcR DEN DIENSTGEBRAUCH\", \"VS-VERTRAULICH\", \"GEHEIM\" oder \"STRENG GEHEIM\". 120","len und materiellen Sicherheitsvorkehrungen. Hinsichtlich des materiellen Geheimschutzes enth\u00e4lt die VSA eine Reihe von Vorschriften, welche die Herstellung, Kennzeichnung und Vervielf\u00e4ltigung von Verschlusssachen, den Zugang zu Verschlusssachen, die Dienstpflichten zum Schutz von Verschlusssachen, die Aufbewahrung, \u00dcbertragung, Verwaltung und Mitnahme au\u00dferhalb des Dienstgeb\u00e4udes sowie Ma\u00dfnahmen bei Verletzung von Geheimschutzvorschriften betreffen. Die VSA h\u00e4lt in ihren Anlagen zudem eine Vielzahl von Vorlagen zur Dokumentation von Ma\u00dfnahmen des personellen und materiellen Geheimschutzes f\u00fcr die zust\u00e4ndigen Stellen bereit. Die Aufsicht \u00fcber die Einhaltung der Vorgaben der Verschlusssachenanweisung obliegt der zust\u00e4ndigen Stelle, i. d. R. dem Geheimschutzbeauftragten derjenigen Stelle, bei der Verschlusssachen bearbeitet werden, im \u00dcbrigen der Beh\u00f6rdenleitung. Das AfV ber\u00e4t diese \u00fcber die Vorgaben der VSA zum Umgang mit Verschlusssachen und sichere Organisationsabl\u00e4ufe, u. a. auch \u00fcber technische Sicherheitsma\u00dfnahmen wie Alarmsysteme oder Stahlschr\u00e4nke (sog. Verwahrgelasse). In zunehmendem Ma\u00dfe ergeben sich Bedarfe nach einer Beratung von \u00f6ffentlichen Stellen zu Vorgaben der VSA hinsichtlich der Ert\u00fcchtigung informationstechnischer Systeme zur Verarbeitung von Verschlusssachen (IT-Geheimschutz). Ausk\u00fcnfte zur Geheimschutzbetreuung von Wirtschaftsunternehmen erteilt das: Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft Der Geheimschutzbeauftragte f\u00fcr die Wirtschaft Postfach 90 02 25 Max-Reger-Stra\u00dfe 4-8 99105 Erfurt 99096 Erfurt Telefon: 0361 3797-140. 121","X. Mitwirkungspflichten Neben der Mitwirkung des Verfassungsschutzes an Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen bestehen gesetzliche Pflichten zur seiner Beteiligung an Zuverl\u00e4ssigkeitspr\u00fcfungen anderer Beh\u00f6rden. Demgem\u00e4\u00df wirkt das AfV bei Zuverl\u00e4ssigkeitsanfragen nach dem Waffengesetz (15.822), dem Luftsicherheitsgesetz (1.011), dem Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz (2.003), dem Sprengstoffgesetz (1.343), der Gewerbeordnung (872) sowie dem Aufenthaltsgesetz mit. Bereits seit vier Jahren ist die Regelanfrage beim Verfassungsschutz im Rahmen der Waffenerlaubniserteilung normiert. Sofern dem AfV Erkenntnisse zu verfassungsfeindlichen Bet\u00e4tigungen der Antragsteller vorliegen, werden diese den gesetzlichen Regelungen gem\u00e4\u00df der zust\u00e4ndigen Waffenerlaubnisbeh\u00f6rde f\u00fcr das dortige Verfahren \u00fcbermittelt. Verfassungsfeinden und Extremisten soll so die Erlangung einer Waffenerlaubnis verwehrt bzw. die waffenrechtliche Erlaubnis entzogen werden k\u00f6nnen. Das AfV versteht sich hierbei als Fachbeh\u00f6rde, die mit ihrer sicherheitsrelevanten Expertise in den einzelnen Ph\u00e4nomenbereichen die jeweils zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden bei ihren Entscheidungsfindungen unterst\u00fctzt. Durch das erhebliche Gefahrenpotenzial gerade im Bereich der Regelanfrage Waffe, ist eine z\u00fcgige und fundierte Mitteilung, die als Grundlage f\u00fcr die Entscheidung der Waffenbeh\u00f6rde dient, unerl\u00e4sslich. Die Einbindung des Verfassungsschutzes in diese sensiblen staatlichen Aufgabenbereiche ist Teil der \"wehrhaften Demokratie\" und tr\u00e4gt zu einem gro\u00dfen Teil dazu bei, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu sch\u00fctzen und so unsere Gesellschaft sicherer zu machen. 122"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2023","year":2023}
