{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-th-2018.pdf","jurisdiction":"Th\u00fcringen","num_pages":122,"pages":["www.thueringen.de/th3/verfassungsschutz Verfassungsschutzbericht Freistaat Th\u00fcringen 2018 Pressefassung","Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis ............................................................................................................ 2 I. Einige Informationen zum Verfassungsschutz ......................................... 5 1. Verfassungsschutz - Instrument der wehrhaften Demokratie ........................... 5 2. Das Amt f\u00fcr Verfassungsschutz (AfV) beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres und Kommunales ..................................................................................... 6 II. Rechtsextremismus ................................................................................... 15 1. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts im \u00dcberblick ....................................15 2. \u00dcberblick: Rechtsextremismus in Th\u00fcringen .....................................................16 3. Rechtsextremistische Parteien ............................................................................18 3.1. NPD Landesverband Th\u00fcringen..............................................................................18 3.1.1 Aktivit\u00e4ten des Thorsten Heise und \"V\u00f6lkischer Fl\u00fcgel\" ..........................................21 3.2. Aktivit\u00e4ten von \"Der III. Weg\" in Th\u00fcringen..............................................................22 3.2.1 Ideologie von \"Der III. Weg\" ....................................................................................25 4. Immobilien in der Hand von Rechtsextremisten ................................................26 4.1 \"Flieder Volkshaus\" in Eisenach..............................................................................27 4.2 Immobilie in der Stielerstra\u00dfe in Erfurt ....................................................................29 4.3 Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" .....................................................................................30 4.4 Freifl\u00e4che in Themar - Veranstaltungsort f\u00fcr die \"Tage der Nationalen Bewegung\"35 4.5 Sonstige Szeneobjekte in Kirchheim und Sonneberg ..............................................38 5. Gewaltbereiter Rechtsextremismus ....................................................................41 5.1 Kampfsport als rechtsextremistisches Aktionsfeld...................................................42 5.2 \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" ........................................................................................46 5.3 \"Blood & Honour\" ....................................................................................................50 5.4 \"Combat 18\" (C18) ..................................................................................................51 6. Weitere rechtsextremistische Gruppen...............................................................53 6.1 Ehemaliges Rittergut in Guthmannshausen - \"Verein Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e.V.\" ........53 6.2 \"Thing-Kreis\" in Themar ..........................................................................................57 6.3 \"Die Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer Lebensgestaltung e. V.\" (AG - GGG) .....................................................................59 III. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\".................................................... 62 2","1. \u00dcberblick ...............................................................................................................62 2. Ideologie ................................................................................................................63 3. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" in Th\u00fcringen.........................................64 4. Gef\u00e4hrdungspotenzial ..........................................................................................67 IV. Islamismus ................................................................................................. 69 1. Ideologischer Hintergrund ...................................................................................69 1.1 Islamismus..............................................................................................................69 1.2 Salafismus ..............................................................................................................69 1.3 Politischer und jihaistischer Salafismus ..................................................................70 2. Gef\u00e4hrdungsbewertung f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland ..........................72 3. Lagebild Th\u00fcringen ..............................................................................................75 3.1 Islamismus in Th\u00fcringen .........................................................................................75 3.2 Islamisten in Th\u00fcringer Moscheevereinen ...............................................................75 3.3 Salafismus in Th\u00fcringen .........................................................................................76 3.3.1 Salafistisches Personenpotenzial ...........................................................................76 3.3.2 Staatliche Ma\u00dfnahmen ...........................................................................................79 V. Sicherheitsgef\u00e4hrdende und extremistische Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern (ohne Islamismus) ................................................................. 81 1. Hintergrund ...........................................................................................................81 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) ......................................................................81 2.1 \u00dcberblick, allgemeine Lage.....................................................................................82 2.2 Organisatorische Situation/Strukturen.....................................................................83 2.3 Finanzierung ...........................................................................................................84 2.4 Propaganda und Themenschwerpunkte .................................................................84 3. Bewertung .............................................................................................................85 VI. Linksextremismus ..................................................................................... 86 1. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links im \u00dcberblick .......................................86 2. \u00dcberblick und Schwerpunktsetzung ...................................................................87 3. Ideologischer Hintergrund ...................................................................................88 4. Das linksextremistische Personenpotenzial .......................................................88 5. Autonome - gewaltorientierte Linksextremisten................................................89 5.1 Allgemeines ............................................................................................................89 5.2 Die autonome Szene in Th\u00fcringen ..........................................................................93 5.3 Th\u00fcringer Autonome und ihr \"Antifaschismus\"-Verst\u00e4ndnis ....................................96 3","5.4 Das Aktionsfeld \"Antigentrifizierung\" .....................................................................102 6. Sonstige linksextremistische Organisationen ..................................................104 6.1 \"Rote Hilfe e. V.\" (RH) ...........................................................................................104 Anhang .................................................................................................................. 109 4","I. Einige Informationen zum Verfassungsschutz 1. Verfassungsschutz - Instrument der wehrhaften Demokratie Das Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung des Freistaats Th\u00fcringen garantieren allen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern ein hohes Ma\u00df an Freiheit. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen mit der Weimarer Republik ist es die Aufgabe der Gesellschaft, denjenigen Kr\u00e4ften entgegenzuwirken, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen. Das GG legt folglich nicht nur die Prinzipien des freiheitlichen demokratischen Rechtsstaats fest, es trifft auch Vorkehrungen zu seinem Schutz. Die wehrhafte Demokratie beschreitet - notwendigerweise - einen schwierigen Weg, indem sie auch gegen\u00fcber ihren Gegnern grunds\u00e4tzlich Toleranz \u00fcbt. Denn auch Personen, Vereinen und Parteien, die den demokratischen Rechtsstaat beseitigen wollen, stehen die Freiheitsrechte - wie zum Beispiel das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung, Vereinigungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Demonstrationsrecht - zu. Jedoch liefert sich die wehrhafte Demokratie den Bestrebungen politischer Extremisten nicht schutzlos aus. So sind beispielsweise nach den Artikeln 9 und 21 GG das Verbot verfassungswidriger Parteien und Vereine oder nach Artikel 18 GG die Aberkennung von Grundrechten m\u00f6glich. Au\u00dferdem verf\u00fcgt unser Rechtsstaat \u00fcber effektive Institutionen, deren Aufgabe darin besteht, als \"Fr\u00fchwarnsystem\" politischen Extremisten entgegenzuwirken und die konstitutiven Elemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung abzusichern. Ein wesentliches Element der streitbaren Demokratie stellen die 17 Verfassungsschutzbeh\u00f6rden dar, die der Bund und die L\u00e4nder unterhalten (Artikel 73 Abs. 1 Nr. 10 Buchstabe b und Art. 87 Abs. 1 Satz 2 GG). Im Freistaat Th\u00fcringen wurde die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde 1991 errichtet. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gehen vor allem der Frage nach, aus welchen Parteien und Gruppierungen sich das extremistische Spektrum zusammensetzt und welche Ziele es verfolgt. Ebenso kl\u00e4ren sie Spionageaktivit\u00e4ten ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste auf. Die Erkenntnisse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden sollen es den zust\u00e4ndigen Stellen erm\u00f6glichen, rechtzeitig die erforderlichen Ma\u00dfnahmen zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung zu treffen. 5","Die Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber verfassungsschutzrelevante Bestrebungen ist dann geboten, wenn auf Tatsachen gest\u00fctzte Anhaltspunkte vorliegen, die in ihrer Gesamtschau zu der Bewertung f\u00fchren, dass ein Personenzusammenschluss verfassungsfeindliche Ziele verfolgt und damit die Feststellung seines extremistischen Charakters verbunden ist. Die Darstellungen im Verfassungsschutzbericht sind nicht abschlie\u00dfend, sondern geben wesentliche Entwicklungen w\u00e4hrend eines konkreten Berichtszeitraums wieder. Eine Berichterstattung kann bereits dann in Betracht kommen, wenn hinreichend gewichtige Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht extremistischer Bestrebungen vorliegen, die aufgrund eines im konkreten Fall hinzutretenden besonderen Aufkl\u00e4rungsinteresses der \u00d6ffentlichkeit eine Erw\u00e4hnung erfordern. Diese Verdachtsf\u00e4lle sind als solche im Text kenntlich gemacht. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterliegen der Kontrolle insbesondere durch die von den Parlamenten eingesetzten Kontrollgremien, durch die Innenministerien, durch die Gerichte sowie durch die Bundesbzw. Landesbeauftragten f\u00fcr Datenschutz. Sie besitzen keine Zwangsbefugnisse, die ausschlie\u00dflich in die Zust\u00e4ndigkeit der Polizeibeh\u00f6rden fallen (Artikel 97 Verfassung des Freistaats Th\u00fcringen). Sie unterscheiden sich damit grundlegend sowohl von der \"Geheimen Staatspolizei\" (Gestapo) der Nationalsozialisten als auch vom \"Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit\" (MfS) der ehemaligen DDR. Jene Institutionen waren darauf ausgerichtet, totalit\u00e4re Systeme abzusichern und abzuschirmen, wohingegen der Verfassungsschutz die freiheitliche demokratische Grundordnung in der Bundesrepublik sch\u00fctzt. F\u00fcr Verfassungsschutzbeh\u00f6rden besteht eine strikte Bindung an Recht und Gesetz. Sie dienen keiner Partei, sondern sind dem Mehrparteiensystem als essentiellem Bestandteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verpflichtet. 2. Das Amt f\u00fcr Verfassungsschutz (AfV) beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres und Kommunales Aufgaben und Befugnisse Mit dem Th\u00fcringer Verfassungsschutzgesetz (Th\u00fcrVerfSchG) bestehen pr\u00e4zise rechtliche Vorgaben f\u00fcr eine erfolgreiche und transparente T\u00e4tigkeit des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes im demokratischen Rechtsstaat. Kernaufgaben des AfV sind die Sammlung und Auswertung von Informationen zum politischen Extremismus, zu Terrorismus und Spionage im Vorfeld polizeilicher Ma\u00dfnahmen. Zu diesem Zweck beobachtet es gem\u00e4\u00df SS 4 Th\u00fcrVerfSchG: 6","1. Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum Ziel haben, 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht, 3. Bestrebungen im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, 4. Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten im Geltungsbereich des Grundgesetzes, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Einen nicht unerheblichen Teil seiner Informationen - insbesondere solche, ob tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsschutzrelevante Bestrebungen bestehen - sch\u00f6pft das AfV aus \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Quellen. Dar\u00fcber hinaus ist das AfV in gesetzlich festgelegten Grenzen und unter Wahrung der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit befugt, im Rahmen seines Beobachtungsauftrags Informationen auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln (z. B. Observationen, Telefon\u00fcberwachungen) zu beschaffen. Die in Berichten, Lagebildern und Analysen zusammengefassten Erkenntnisse erm\u00f6glichen es der Landesregierung, rechtzeitig Ma\u00dfnahmen zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung einzuleiten. Gem\u00e4\u00df den gesetzlichen Vorgaben \u00fcbermittelt das AfV relevante Erkenntnisse unverz\u00fcglich nach Bekanntwerden an die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden. Das AfV ist in den gemeinsamen Informationsund Kommunikationsplattformen der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden (Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum - GTAZ, Gemeinsames Extremismusund Terrorismusabwehrzentrum zur Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus/-terrorismus, des Linksextremismus/-terrorismus, des Ausl\u00e4nderextremismus/terrorismus und der Spionage einschlie\u00dflich proliferationsrelevanter Aspekte - GETZ) vertreten. Des Weiteren obliegen dem AfV Mitwirkungspflichten im Bereich des Geheimund Sabotageschutzes (z. B. Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen f\u00fcr in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tige Personen). 7","Das Th\u00fcrVerfSchG sieht in SS 5 zudem eine geeignete Informationsund \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Amtes vor. Zudem bestehen ausf\u00fchrliche Regelungen \u00fcber Umfang und Grenzen des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel einschlie\u00dflich des Schutzes des Kernbereichs privater Lebensgestaltung 1 sowie die beim Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel einzuhaltenden Verfahren. Die Zusammenarbeit von Verfassungsschutz und Polizei in der Th\u00fcringer Informationsund Auswertungszentrale (TIAZ) wurde in einer eigenst\u00e4ndigen gesetzlichen Regelung verankert. 2 Aufbau und Organisation Der Th\u00fcringer Verfassungsschutz verf\u00fcgte im Haushaltsjahr 2018 \u00fcber 95 Stellen und Planstellen. 3 F\u00fcr die Wahrnehmung seiner Aufgaben waren ihm durch das Haushaltsgesetz Mittel in H\u00f6he von 7.061.600 Euro zugewiesen. Struktur des AfV 1 Der Kernbereich privater Lebensgestaltung stellt einen Raum h\u00f6chstpers\u00f6nlicher Privatheit dar, welcher verfassungsm\u00e4\u00dfig gesch\u00fctzt und einem Zugriff durch staatliche \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen vollumf\u00e4nglich entzogen ist. Hinweise auf begangene oder geplante Straftaten fallen aufgrund ihres Sozialbezugs nicht hierunter. Einfachgesetzliche Regelungen zum Schutz des Kernbereiches privater Lebensf\u00fchrung finden sich etwa in SS 10 Abs. 6 Th\u00fcrVerfSchG und SS 3a Artikel 10-Gesetz (G10). 2 Siehe dazu SS 4 Abs. 4 Th\u00fcrVerfSchG. 3 Siehe dazu Landeshaushaltsplan 2018 / 2019, Einzelplan 03, S. 70 f. 8","Stabsstelle Controlling Die Stabsstelle Controlling unterst\u00fctzt den Pr\u00e4sidenten des AfV durch unabh\u00e4ngige und objektive Pr\u00fcfungsund Beratungsdienstleistungen in seiner Leitungsfunktion. Sie hat die Aufgabe, regelm\u00e4\u00dfig die Rechtund Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der nachrichtendienstlichen und sonstigen ihr zugewiesenen Ma\u00dfnahmen zu \u00fcberpr\u00fcfen und dem Pr\u00e4sidenten des AfV Bericht zu erstatten (SS 2 Absatz 4 Th\u00fcrVerfSchG). Die Stabsstelle ist dem Pr\u00e4sidenten des AfV unmittelbar zugeordnet, jedoch in der Beurteilung der Rechtund Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der eingesetzten nachrichtendienstlichen Mittel nicht an Weisungen des Pr\u00e4sidenten, seines Vertreters oder des zust\u00e4ndigen Ministeriums gebunden. Die Stabsstelle Controlling ist dar\u00fcber hinaus personell und organisatorisch von den \u00fcbrigen Referaten des AfV getrennt, nicht zuletzt, um auch insoweit eine unabh\u00e4ngige Pr\u00fcfung zu gew\u00e4hrleisten. Die Referate des AfV haben der Stabsstelle Controlling kontinuierlich schriftlich Bericht dar\u00fcber zu erstatten, in welchen Ph\u00e4nomenbereichen und beobachteten Personenzusammenschl\u00fcssen nachrichtendienstliche Mittel eingesetzt werden. Diese Berichtspflichten betreffen besondere grundrechtsund sicherheitsrelevante Vorkommnisse, die sich im Rahmen des Einsatzes nachrichtendienstlicher Mittel ereignen k\u00f6nnen. Bei besonderen oder schwierigen Vorkommnissen kann die Parlamentarische Kontrollkommission verlangen, dass die Stabsstelle Controlling diese auch unmittelbar unterrichtet (SS 2 Abs. 4 Satz 6 Th\u00fcrVerfSchG). Stabsstelle Presse und \u00d6ffentlichkeitsarbeit Der Stabsstelle obliegen die Beantwortung von Presseund B\u00fcrgeranfragen, die Herausgabe von Publikationen, die Organisation und Durchf\u00fchrung diverser Informationsveranstaltungen sowie die Pflege der Internetpr\u00e4senz des AfV. Mitarbeiter des AfV nahmen im Jahr 2018 etwa 100 Vortragstermine wahr. Auf Einladung diverser Institutionen und Organisationen informierten sie \u00fcber alle gesetzlichen Aufgabenbereiche des Verfassungsschutzes. Die Themenfelder Rechtsextremismus und \"Reichsb\u00fcrger\" dominierten die Anfragen. Vor dem Hintergrund des angestiegenen \"Reichsb\u00fcrger\"Potenzials zeigten insbesondere kommunale Beh\u00f6rden und die Arbeitsverwaltung ein wei- 9","terhin hohes Informationsinteresse. Des Weiteren wurden zahlreiche Vortr\u00e4ge bei Th\u00fcringer Polizeidienststellen, bei der Bundeswehr, der Justiz und anderen Beh\u00f6rden gehalten. Dieses Angebot wurde durch zahlreiche Diskussionsveranstaltungen verschiedener Institutionen und Organisationen erg\u00e4nzt, an denen der AfV-Pr\u00e4sident als Diskutant oder Referent mitwirkte. Auch durch regelm\u00e4\u00dfige Interviews, Hintergrundgespr\u00e4che und Kontakte zu den Medien konnte der Devise des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes \"Mehr Transparenz durch Information\" Rechnung getragen werden. Die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Gruppen, z. B. aus dem Bereich der Gewerkschaften, der Kirchen und der Wohlfahrtsverb\u00e4nde, erfuhr im Berichtszeitraum weitere Intensivierung. Die Wanderausstellung des AfV \"Feinde der Demokratie\" machte in den Monaten Juli und August Station in der Karl-G\u00fcnther-Kaserne in Sondershausen. Dort ist das Feldwebel/Unteroffiziersanw\u00e4rterbataillon 1 des Heeres aufgestellt. In Kooperation mit dem Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Migration, Justiz und Verbraucherschutz (TMMJV) und mehreren Justizbeh\u00f6rden wurde im Berichtszeitraum die Pr\u00e4ventionsund Informationsarbeit im Rahmen einer bestehenden Sicherheitspartnerschaft mit dem Justizvollzug fortgesetzt. Der Th\u00fcringer Verfassungsschutz richtete am 5. November gemeinsam mit dem Kriminologischen Dienst des TMMJV ein Symposium zu dem Thema \"Radikalisierung im Strafvollzug\" aus. Etwa 100 G\u00e4ste, darunter Vertreter der Politik, der Kirchen, der Tarifpartner, der Sicherheitsbeh\u00f6rden und der Zivilgesellschaft waren bei der Veranstaltung zugegen. Dar\u00fcber hinaus wirkte der Th\u00fcringer Verfassungsschutz an einem gemeinsamen Symposium der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden Berlins und der ostdeutschen L\u00e4nder im Rahmen der von den Innenministern beschlossenen \"Sicherheitskooperation\" (SIKOOP) mit. Bei der Veranstaltung am 31. Mai in Magdeburg unter dem Titel \"Provokation und Propaganda - Neue Dynamiken antisemitischer Agitation\", warfen die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden einen aktuellen Blick auf Antisemitismus in Deutschland. 10","Der Verfassungsschutz Th\u00fcringen ist f\u00fcr die interessierte \u00d6ffentlichkeit \u00fcber folgende Kontakte erreichbar: Amt f\u00fcr Verfassungsschutz beim Th\u00fcringer Ministerium f\u00fcr Inneres und Kommunales Postfach 450 121 99051 Erfurt Telefon: 0361 573313-850 Telefax: 0361 573313-482 Internet: www.thueringen.de/th3/verfassungsschutz E-Mail: afvkontakt@tmik.thueringen.de Die Beh\u00f6rde h\u00e4lt eine \"Aussteigerhotline f\u00fcr Rechtsextremisten\" (0361 573313-817) und ein \"Hinweistelefon Islamismus\" (0361 573313-480) vor. Die Wanderausstellung des AfV kann - bei zeitlicher Verf\u00fcgbarkeit - von allen interessierten Institutionen kostenfrei angefordert werden. Referat 50 \"Grundsatzund Rechtsangelegenheiten, G10, Gremienarbeit\" Das Referat 50 bearbeitet die Grundsatzund Rechtsangelegenheiten des Amtes. Weiterhin werden in diesem Arbeitsbereich Sitzungen verschiedener Gremien, z. B. der Parlamentarischen Kontrollkommission und der G10-Kommission des Th\u00fcringer Landtags sowie verschiedener Bund-L\u00e4nder-Gremien vorbereitet. Die Bearbeitung von parlamentarischen Anfragen und Auskunftsersuchen von B\u00fcrgern z\u00e4hlt ebenso zu den Aufgaben des Referates wie die Begleitung der Rechtsetzung auf dem Gebiet des Verfassungsschutzes, des Geheimschutzes oder relevanter Bundesratsverfahren. Das gro\u00dfe Interesse der Mitglieder des Th\u00fcringer Landtags an den Themenfeldern, die vom AfV zu bearbeiten sind, zeigt sich an der Anzahl diesbez\u00fcglicher parlamentarischen Anfragen. So war das AfV im Berichtszeitraum mit der Beantwortung von zwei Gro\u00dfen Anfragen, 139 Kleinen Anfragen und 17 M\u00fcndlichen Anfragen befasst. Dar\u00fcber hinaus ist das Referat mit der Durchf\u00fchrung der Verfahren zur Postund Telekommunikations\u00fcberwachung (G10) betraut. Referat 51 \"Auswertung Ausl\u00e4nderextremismus/Islamismus\" Das Referat 51 erh\u00e4lt vom Referat \"Beschaffung\" Informationen zu den Aufgabenfeldern Islamismus, sonstiger Ausl\u00e4nderextremismus. Es lenkt diesen Informationsfluss, f\u00fchrt die Er11","kenntnisse mit anderen Informationen, etwa aus offen zug\u00e4nglichen Quellen, zusammen und wertet sie aus. Referat 52 \"Auswertung Rechtsextremismus/Linksextremismus, Th\u00fcringer Informations-Auswertungs-Zentrale von Polizei und Verfassungsschutz (TIAZ)\" Das Referat 52 erh\u00e4lt vom Referat \"Beschaffung\" Informationen zu den Bereichen Rechtsund Linksextremismus. Es lenkt diesen Informationsfluss, f\u00fchrt die Erkenntnisse mit anderen Informationen, etwa aus offen zug\u00e4nglichen Quellen, zusammen und wertet sie aus. Aufgabe der seit 2007 bestehenden TIAZ, einer Projektorganisation des Th\u00fcringer Landeskriminalamts (TLKA) und des Th\u00fcringer Verfassungsschutzes, ist es, Informationen zu politisch motivierter Kriminalit\u00e4t in den Ph\u00e4nomenbereichen \"Rechts\", \"Links\" und \"Ausl\u00e4nder\" sowie den Erscheinungsformen des internationalen Terrorismus zu b\u00fcndeln und einer gemeinsamen Analyse zuzuf\u00fchren. Die TIAZ \u00fcbernimmt dar\u00fcber hinaus die Aufgaben des Freistaats Th\u00fcringen im Wirkbetrieb der \"Antiterrordatei\" (ATD). Referat 53 \"Beschaffung\" Dieses Referat hat die Aufgabe, durch Ermittlungen und den Einsatz von nachrichtendienstlichen Mitteln die f\u00fcr die Erf\u00fcllung des gesetzlichen Auftrags erforderlichen Informationen zu beschaffen. Referat 54 \"Querschnittsaufgaben, Geheimschutz, Spionageabwehr, Scientology Organisation\" Das dem Referat zugeh\u00f6rige Sachgebiet \"Querschnittsaufgaben\" ist f\u00fcr den inneren Dienstbetrieb zust\u00e4ndig. Angelegenheiten des personellen und materiellen Geheimschutzes sowie Mitwirkungspflichten des Verfassungsschutzes gem\u00e4\u00df dem Th\u00fcringer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz werden im Sachgebiet \"Geheimschutz\" wahrgenommen. Dem Sachgebiet \"Spionageabwehr\" obliegt es, die unerlaubte T\u00e4tigkeit fremder Nachrichtendienste im Freistaat aufzukl\u00e4ren. Zudem wird etwaigen Hinweisen auf fr\u00fchere, fortwirkende Strukturen der Aufkl\u00e4rungsund Abwehrdienste der ehemaligen DDR nachgegangen. In einem weiteren Sachgebiet werden Hinweise auf m\u00f6gliche Bet\u00e4tigungen der in Th\u00fcringen bislang nicht organisatorisch vertretenen \"Scientology Organisation\" bearbeitet. 12","Kontrollinstanzen des Verfassungsschutzes Allgemeine parlamentarische Kontrolle Parlamentarische Kontrollkommission des Th\u00fc(parlamentarische Anfragen, Petitionen von ringer Landtags B\u00fcrgern) Landesrechnungshof Amt f\u00fcr Verfassungsschutz Verwaltungsgerichte (Stabsstelle Controlling) Landesbeauftragter f\u00fcr den Datenschutz und die Informationsfreiheit G10-Kommission des Th\u00fcringer Landtags Parlamentarische Kontrolle Gegen\u00fcber der Parlamentarischen Kontrollkommission besteht eine umfassende Unterrichtungspflicht \u00fcber die allgemeine T\u00e4tigkeit des AfV (SS 27 Abs. 1 Th\u00fcrVerfSchG). Dabei bilden die mit nachrichtendienstlichen Mitteln gewonnenen Erkenntnisse einen Schwerpunkt. Zudem ist der Landesregierung eine strukturierte Berichterstattung \u00fcber die ma\u00dfgeblichen operativen Vorg\u00e4nge im Verfassungsschutz gegen\u00fcber der Parlamentarischen Kontrollkommission aufgegeben (SS 27 Abs. 2 Th\u00fcrVerfSchG). Dies betrifft im Einzelnen eine \u00dcbersicht \u00fcber den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel in den verschiedenen Ph\u00e4nomenbereichen, die Information \u00fcber die Festlegung der einzelnen Beobachtungsobjekte, die Information \u00fcber die Herstellung des Einvernehmens beziehungsweise des Benehmens f\u00fcr das T\u00e4tigwerden von Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer L\u00e4nder respektive des Bundes in Th\u00fcringen, die Vorlage von Regelungen \u00fcber die Verg\u00fctung von V- Leuten zur Kenntnis und die Unterrichtung \u00fcber die Feststellung eines Informations\u00fcbermittlungsverbotes durch den Verfassungsschutz. Dar\u00fcber hinaus ist die Unterrichtung der Parlamentarischen Kontrollkommission \u00fcber den Erlass und jede \u00c4nderung von Dienstanweisungen (SS 27 Abs. 5 Th\u00fcrVerfSchG) gesetzlich verankert. F\u00fcr den Erlass und die \u00c4nderung der Dienstanweisung zum Einsatz von V-Leuten ist eine Anh\u00f6rung der Parlamentarischen Kontrollkommission vorgeschrieben (SS 12 Abs. 6 S\u00e4tze 6 und 7 Th\u00fcrVerfSchG). Die umfangreichen Unterrichtungspflichten der Landesregierung und Kontrollbefugnisse der Parlamentarischen Kontrollkommission erm\u00f6glichen eine umfassende parlamentarische 13","Kontrolle der T\u00e4tigkeit des AfV und eine zus\u00e4tzliche Sicherung der Grundrechte betroffener Personen. Nach SS 33 Th\u00fcrVerfSchG unterrichtet die Parlamentarische Kontrollkommission unter Beachtung der Geheimhaltungspflichten den Landtag mindestens alle zwei Jahre \u00fcber ihre T\u00e4tigkeit. 14","II. Rechtsextremismus 1. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Rechts im \u00dcberblick Zur politisch motivierten Kriminalit\u00e4t - Rechts weist die Statistik des Landeskriminalamts Th\u00fcringen (TLKA) 4 folgende Zahlen aus: Straftaten 2016 2017 2018 Insgesamt 1.570 1.353 1.228 davon u.a. Propagandadelikte 908 850 821 Gewaltdelikte 128 78 67 Sonstige 5 534 425 340 Rund 68 % aller politisch motivierten Straftaten, die im Berichtszeitraum im Freistaat Th\u00fcringen begangen wurden, sind dem Ph\u00e4nomenbereich \"Rechts\" zuzuordnen. Insgesamt ist diese Zahl von 1.570 F\u00e4llen im Jahr 2016 und 1.353 F\u00e4llen im Jahr 2017 erneut leicht auf 1.228 F\u00e4lle im Jahr 2018 gesunken. Ebenfalls gesunken ist die Zahl der mit 821 F\u00e4llen weitaus gr\u00f6\u00dften Fallgruppe der Propagandadelikte. Hier waren im Vorjahr noch 850 F\u00e4lle und im Jahr 2016 noch 908 F\u00e4lle zu verzeichnen. Wenngleich auch im Bereich der politisch rechts motivierten Gewaltkriminalit\u00e4t ein R\u00fcckgang um 11 F\u00e4lle von vormals 78 auf nunmehr 67 Straftaten festgestellt wurde, bewegt sich diese Fallgruppe noch deutlich \u00fcber den Werten der Vorjahre. So waren 2011 mit 34 und 2012 mit 22 F\u00e4llen noch weitaus weniger Gewaltstraftaten in diesem Ph\u00e4nomenbereich zu beklagen. 4 Ver\u00f6ffentlicht am 27. M\u00e4rz 2019. 5 Bei den sonstigen staatsschutzrelevanten Delikten an der PMK im Freistaat Th\u00fcringen handelt es sich bei den meisten Straftaten um Sachbesch\u00e4digungen, Volksverhetzungen, Verst\u00f6\u00dfe gegen das Versammlungsgesetz, Beleidigungen, Diebst\u00e4hle und Bedrohungen. 15","2. \u00dcberblick: Rechtsextremismus in Th\u00fcringen Gesch\u00e4tztes Mitgliederund Personenpotenzial Th\u00fcringen Bund 2016 2017 2018 2017 2018 NPD 170 170 170 4.500 4.000 DIE RECHTE 30 30 - 650 600 Der III. Weg 25 25 30 500 530 parteiunabh\u00e4ngiges - 180 200 6.300 6.600 bzw. parteiungebundenes Spektrum 6 weitgehend unstruktu- - 500 550 12.900 13.240 rierte Rechtsextremisten 7 davon gewaltorientier- - 250 250 12.700 12.700 8 te Rechtsextremisten Das rechtsextremistische Personenpotenzial in Th\u00fcringen lag im Berichtsjahr bei etwa 900 9 Personen. Dies entspricht einem Zuwachs von 65 Personen im Vergleich zum Vorjahr (2017: 835). Das Kategoriensystem zur Erfassung des rechtsextremistischen Personenpotenzials wurde im Jahr 2017 \u00fcberarbeitet. Unterschieden werden die drei Kategorien - Parteien - parteiunabh\u00e4ngige bzw. parteiungebundene Strukturen - weitgehend unstrukturiertes Personenpotenzial. Der Rechtsextremismus stellt nach wie vor den Bearbeitungsschwerpunkt des AfV dar. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die signifikante Gewaltneigung bzw. Gewaltorientierung eines erheblichen Personenpotenzials (250), die sich im Freistaat durch eine hohe Anzahl rechtsmotivierter Strafund Gewalttaten offenbart. 6 Die Kategorie wird seit 2017 ausgewiesen. 7 Siehe Fn. 6. 8 Siehe Fn. 6. 9 Summe aller Einzelpotenziale (Zeilen 1 bis 5 der obigen Tabelle) nach Abzug der Mehrfachmitgliedschaften. 16","Im Berichtszeitraum wurden in Th\u00fcringen insgesamt 200 Mitglieder rechtsextremistischer Parteien erfasst. Dem Th\u00fcringer Landesverband der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD) gelang es auch im Jahr 2018 nicht, ihre Mitgliederzahl zu steigern. Sie verharrt wie schon in den Jahren 2016 und 2017 auf einem Niveau von ca. 170 Personen. Der NPD ist es damit nicht gelungen, ihre fr\u00fchere dominierende Stellung im rechtsextremistischen Spektrum wieder zu erlangen. Hinsichtlich der Partei \"DIE RECHTE\" konnten im Jahr 2018 in Th\u00fcringen keine Aktivit\u00e4ten festgestellt werden. F\u00fchrende Akteure der Partei wechselten zu \"Der III. Weg\". Mit diesem Wechsel ging eine deutliche Steigerung von Aktionen von der Partei \"Der III. Weg\" in Th\u00fcringen einher. Der Partei gelang es, ihre Strukturen zu festigen und im Zuge einer der Partei in Erfurt fest zur Verf\u00fcgung stehenden Immobilie auch auszubauen. Die Partei konnte zwar einen geringen Mitgliederzuwachs im Berichtszeitraum verzeichnen, dennoch verharrt sie im Status einer rechtsextremistischen Kleinstpartei. Der Anteil von Parteimitgliedern am gesamten rechtsextremistischen Personenpotenzial betr\u00e4gt noch ca. 22 %. Dies verdeutlicht, dass es f\u00fcr rechtsextremistische Parteien zunehmend schwieriger wird Anh\u00e4nger oder Sympathisanten zu gewinnen und an sich zu binden. Dies ist einhergehend mit einem Verlust von Einfluss auf die rechtsextremistische Szene. Hinzukommt, dass sich ein Gro\u00dfteil dieser moderneren und dezentral organisierten Aktionsformen (z.B. via Sozialer Medien) zuwendet. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den gestiegenen Zahlen im Bereich der parteiunabh\u00e4ngigen bzw. parteiungebundenen Strukturen sowie dem weitgehend unstrukturierten Personenpotenzial wieder. Die Kategorie der parteiunabh\u00e4ngigen bzw. parteiungebundenen Strukturen umfasst Personen in rechtsextremistischen Zusammenschl\u00fcssen und Vereinen, die beispielsweise in subkulturell gepr\u00e4gten Gruppen oder in neonazistischen Kameradschaften. Im Berichtszeitraum konnten diesen Strukturen ca. 200 Personen zugeordnet werden. Dies ist ein leichter Anstieg um 20 Personen im Vergleich zum Jahr 2017. Dem weitgehend unstrukturierten rechtsextremistischen Personenpotenzial werden Rechtsextremisten zugeordnet, die keiner Partei oder Organisation zugerechnet werden k\u00f6nnen, wie beispielsweise rechtsextremistische Straft\u00e4ter, Internetaktivisten oder einzelne subkulturelle Rechtsextremisten. Auch in diesem Bereich ergab sich eine Steigerung des Personenpotenzials um 50 Personen auf ca. 550 im Jahr 2018. 17","3. Rechtsextremistische Parteien 3.1. NPD Landesverband Th\u00fcringen Der seit 1990 bestehende Landesverband der NPD in Th\u00fcringen gliedert sich nach Parteiangaben in 17 Kreisverb\u00e4nde. Nur einige der Kreisverb\u00e4nde, darunter die Kreisverb\u00e4nde Eichsfeld und Kyffh\u00e4userkreis, zeigten wahrnehmbare Aktivit\u00e4ten. Im Bereich Eisenach verfestigte sich der Trend, dass dortige Aktivit\u00e4ten als partei\u00fcbergreifend dargestellt und durch Funktion\u00e4re als Privatpersonen durchgef\u00fchrt werden. Einige seit mehreren Jahren inaktive Kreisverb\u00e4nde d\u00fcrften lediglich auf dem Papier existieren. Zu diesen geh\u00f6ren die Kreisverb\u00e4nde Hildburghausen, Schmalkalden-Meiningen und Altenburg. Patrick Weber war ab November Vorsitzender des Landesverbandes. Zuvor hatte Thorsten Heise dieses Amt inne. Er verblieb als Beisitzer im Landesvorstand. Stellvertretende Landesvorsitzende wurden Antje Vogt und Ralf Friedrich. Weber betreibt mit dem \"Germaniaversand\" einen rechtsextremen Versandhandel. 10 Dieser bietet nicht nur Szeneartikel, wie Tontr\u00e4ger, Bekleidung und Devotionalien an, sondern produziert auch eigene Tontr\u00e4ger mit verschiedenen Liedermachern und Bands. \u00dcber den \"Germaniaversand\" werden zudem Musikveranstaltungen organisiert, u. a. im \"Flieder Volkshaus\". 10 Daneben betreibt Weber die Label \"Aggressive Zone Records\" und \"Schwarzburg Produktionen\". 18","Das Aktivit\u00e4tsniveau der NPD blieb auch 2018 auf niedrigem Niveau. Zwar f\u00fchrte der Landesvorstand 2018 mehrere Klausurtagungen zur Vorbereitung von Wahlen und Aktionen durch, diese f\u00fchrten allerdings nicht zu einem Anstieg der Aktivit\u00e4ten in Th\u00fcringen. Der Partei gelang es kaum noch, \u00f6ffentlich Pr\u00e4senz zu zeigen. Heise und anschlie\u00dfend Weber war es offensichtlich nicht gelungen, die Partei in Th\u00fcringen in Richtung der fr\u00fcheren Dominanz im rechtsextremistischen Spektrum zu f\u00fchren. Im Berichtszeitraum ging die Mitgliederzahl des Landesverbandes weiterhin nicht \u00fcber ca. 170 Personen (2017: ca. 170) hinaus. Seit November 2018 ist das \"Flieder Volkshaus\" Teil der NPD-Kampagne \"Schutzzonen\". Die Kampagne wurde bei den \"Tagen der nationalen Bewegung\" am 8. Juni in Themar erstmalig vorgestellt. Sie war 2018 ein bedeutendes Projekt des Bundesverbandes der NPD, dem die Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" (DS) eine Sonderausgabe widmete. Mit der Kampagne wolle man R\u00e4ume schaffen, die \"Schutz vor Gewalt, Bedrohung und Verfolgung\" bieten. Die NPD versucht hiermit, bestehende \u00c4ngste in der Bev\u00f6lkerung vor gestiegener Kriminalit\u00e4t durch Zuwanderer aufzugreifen. Angeblich seien \"\u00dcbergriffe von Menschen aus aller Herren L\u00e4nder auf deutsche B\u00fcrger\" ein Massenph\u00e4nomen geworden. Die NPD f\u00fchrte 2018 lediglich zwei gr\u00f6\u00dfere Versammlungen in Th\u00fcringen durch. Kundgebung am 1. Mai in Erfurt Am 1. Mai organisierte die Partei in Erfurt eine Demonstration unter dem Motto \"Soziale Gerechtigkeit f\u00fcr alle Deutschen - Die etablierte Politik macht Deutschland arm\". Es nahmen ca. 700 auch \u00fcberregional angereiste Personen teil, darunter zahlreiche Anh\u00e4nger der Partei \"DIE RECHTE; sie hatte im Vorfeld ebenfalls entsprechend mobilisiert. Auch parteiungebundene Rechtsextremisten schlossen sich dem Demonstrationszug an. Es bildete sich ein schwarzer antikapitalistischer Block. 19","F\u00fcr NPD und \"DIE RECHTE\" war die Versammlung in Erfurt die bedeutendste Veranstaltung zum 1. Mai im Bundesgebiet. Die gemeinsame Demonstration von NPD und \"DIE RECHTE\" verdeutlichte die inzwischen bestehende Bereitschaft der NPD, mit anderen rechtsextremistischen Akteuren - auch konkurrierenden Parteien - offen zu kooperieren. Heise ist seit Langem ein Verfechter dieses Ansatzes, fand daf\u00fcr bisher aber keine Zustimmung bei der Parteif\u00fchrung. In fr\u00fcheren Jahren hatte die Parteif\u00fchrung solche Bestrebungen noch verhindert. So wollte Heise 2013 in Dortmund als Redner bei einer Demonstration zum 1. Mai von \"DIE RECHTE\" auftreten, was die Parteif\u00fchrung der NPD untersagte. Insgesamt steht diese Entwicklung f\u00fcr einen erheblichen Bedeutungsverlust der NPD innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums. In Th\u00fcringen war sie noch 2013 die dominierende Kraft innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums. Diese Bedeutung hatte sie 2018 l\u00e4ngst verloren. \"Eichsfeldtag\" am 1. September in Leinefelde Unter dem Motto \"Das Eichsfeld im Herzen, Deutschland im Sinn\" fand am 1. September in Leinefelde erneut ein \"Eichsfeldtag\" des NPD-Kreisverbands Eichsfeld statt. An der politischen Versammlung nahmen ca. 170 Personen (2017: 480, 2016: 290). Gegen\u00fcber den Vorjahren verlor das Format erneut an Zuspruch. Der \"Eichsfeldtag\" war als regionale Veranstaltung konzipiert und sollte mit einem Mix aus einschl\u00e4gigen Balladen und Re20","debeitr\u00e4gen vor allem ein famili\u00e4res Publikum ansprechen. Offensichtlich reagierten die Organisatoren damit auf die starke Konkurrenz anderer rechtsextremistischer Veranstaltungen im Berichtsjahr, wie etwa die von Thorsten Heise im April und November organisierten \"Schild & Schwert\"-Festivals in Ostritz (Sachsen). Die Durchf\u00fchrung des \"Eichsfeldtages\" vermittelte den Eindruck, eine aus Sicht des NPD-Kreisverbandes traditionelle Veranstaltungsreihe ohne gr\u00f6\u00dfere Ambitionen fortsetzen zu wollen. Die gesunkene Bedeutung zeigte sich auch darin, dass Heise, anders als in den Vorjahren, nicht als Redner auftrat. 3.1.1 Aktivit\u00e4ten des Thorsten Heise und \"V\u00f6lkischer Fl\u00fcgel\" Thorsten Heise steht f\u00fcr eine v\u00f6lkische Ausrichtung der Partei und f\u00fcr eine partei\u00fcbergreifende Zusammenarbeit. Zu diesem Zweck gr\u00fcndete er im Januar das B\u00fcndnis \"V\u00f6lkischer Fl\u00fcgel\", einen Zusammenschluss von Mitgliedern der NPD, \"Freunden derselben und parteilosen Kr\u00e4ften\". Er verstehe sich als \"ein nationalistisch und v\u00f6lkisch orientiertes B\u00fcndnis innerhalb der NPD\" und strebe \"eine partei\u00fcbergreifende Zusammenarbeit mit anderen, gleichgesinnten Organisationen und Personen\" an. Zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern geh\u00f6rten u. a. mehrere Vorsitzende von NPD-Landesverb\u00e4nden, weitere NPD-Funktion\u00e4re und Personen aus dem Umfeld von Heise. Der \"V\u00f6lkische Fl\u00fcgel\" ist in Fretterode ans\u00e4ssig. In dem privaten Objekt des Heise sind zudem der \"Nordland-Verlag\" und \"W&B Medien\" untergebracht. Der Immobilie kommt \u00e4hnlich wie dem \"Flieder Volkshaus\" in Eisenach eine \"B\u00fcndelungsfunktion\" zu. Im Berichtszeitraum wurden dort mehrere \"Kameradschaftsabende\" veranstaltet. Am 8. November fand z. B. ein \"Zeitzeugenvortrag\" statt, bei dem ein wegen Beteiligung am Massaker von Ascq 11 verurteilter ehemaliger Angeh\u00f6riger der Waffen-SS referierte. \"Nordland-Verlag\" und \"W&B Medien\" sind sowohl Szeneversand als auch Verlag f\u00fcr rechtsextremistische Publikationen sind. Neben der als \"Theorieorgan der v\u00f6lkisch nationalen Bewegung der BRD\" bezeichneten Zeitschrift \"Volk in Bewegung / Der Reichsbote\" mit j\u00e4hrlich sechs Ausgaben erschien im M\u00e4rz die erste Ausgabe des Journals \"Werk Kodex\" im \"Nordland-Verlag\". 11 Bei dem Kriegsverbrechen der WaffenSSDivision \"Hitlerjugend\" am 1./2. April 1944 im franz\u00f6sischen Ascq wurden 86 Zivilisten ermordet. 21","\u00dcbergriff auf Journalisten Am 29. April kam es im Umfeld der Immobile zu einem \u00dcbergriff auf zwei Journalisten, die Fotos von dem Grundst\u00fcck machten. Als sie sich mit ihrem Fahrzeug entfernten, wurden sie von mehreren Personen verfolgt und angegriffen. Die T\u00e4ter ver\u00fcbten K\u00f6rperverletzungsdelikte an den Gesch\u00e4digten, zerschlugen u. a. Scheiben des Pkw und raubten die Fotoausr\u00fcstung der Gesch\u00e4digten. 3.2. Aktivit\u00e4ten von \"Der III. Weg\" in Th\u00fcringen Die Partei \"Der III. Weg\" ist in Th\u00fcringen durch die \"St\u00fctzpunkte Ostth\u00fcringen\" und \"Th\u00fcringer Wald/Ost\" vertreten. Beide St\u00fctzpunkte geh\u00f6ren dem \"Gebietsverband Mitte\" der Partei an. Obgleich die Partei im Berichtszeitraum Aktivit\u00e4ten im Bereich Erfurt entfaltete, bestand hier keine weitere Untergliederung. Die \"St\u00fctzpunkte Ostth\u00fcringen\" und \"Th\u00fcringer Wald/Ost\" traten 2018 nur vereinzelt \u00f6ffentlich in Erscheinung. Sie f\u00fchrten u. a. Aktionen gegen den \"Christopher Street Day\" am 25. August in Erfurt und am 29. September in Gera durch, richteten ein sog. Ostarafest sowie eine \"Kulturfahrt\" zum Kyffh\u00e4userdenkmal aus und unterst\u00fctzten den rechtsextremistischen Trauermarsch anl\u00e4sslich des \"Heldengedenkens\" am 18. November in Friedrichroda. Bei beiden St\u00fctzpunkten setzte sich der Trend des Vorjahres fort, lediglich durch Berichte \u00fcber Aktivit\u00e4ten, weniger durch die Aktivit\u00e4ten selbst, die \u00d6ffentlichkeit erreichen zu wollen. Das Mitgliederpotenzial der St\u00fctzpunkte erscheint gering. Innerhalb der Gesamtpartei \"Der III. Weg\" kommt ihren Protagonisten kaum Bedeutung zu. Auch die durchgef\u00fchrten Aktivit\u00e4ten sind bislang nicht geeignet, die Partei und ihre Ideologie \u00fcber die eigenen Reihen hinaus bekannt zu machen oder gar zu verankern. Die Aktivit\u00e4ten der Partei in Erfurt wurden durch die ma\u00dfgeblichen Akteure Biczysko und Fischer gepr\u00e4gt, die jeweils \u00fcber einen Vorlauf in unterschiedlichen rechtsextremistischen Gruppierungen verf\u00fcgen. Sie und ihr Unterst\u00fctzerkreis beteiligten sich an Demonstrationen der Partei am 17. Februar in Nordhausen und am 1. Mai in Chemnitz teil. Ab Juli f\u00fchrte \"Der 22","III. Weg\" mehrere Veranstaltungen in Erfurt durch, wie etwa den Parteitag des \"Gebietsverbandes Mitte\" am 21. Oktober. F\u00fcr die Partei war nicht nur der Aktivismus von Biczysko und Fischer von Interesse, sondern auch die Zugriffsm\u00f6glichkeit auf eine Immobilie in der Mitte Deutschlands. Schon zuvor hatte \"Der III. Weg\" die Region um Erfurt f\u00fcr Veranstaltungen, wie Gesamtparteitage in Kirchheim, genutzt. Die Zusammenarbeit der Partei und der Protagonisten in Erfurt war folglich wenig \u00fcberraschend, war sie doch eine sog. Win-Win-Situation f\u00fcr beide Seiten. Mittelfristig ist zu erwarten, dass in Erfurt das st\u00e4rkste Potenzial f\u00fcr die Partei \"Der III. Weg\" in Th\u00fcringen besteht und sich hier Strukturen der Partei etablieren. Dies kann durch die Gr\u00fcndung eines eigenen St\u00fctzpunktes oder durch den Anschluss an einen bestehenden Th\u00fcringer St\u00fctzpunkt geschehen. \"Der III. Weg\" f\u00fchrte 2018 zwei f\u00fcr die Gesamtpartei bedeutende Versammlungen in Th\u00fcringen durch. \"Ein Licht f\u00fcr Dresden\" am 17. Februar in Nordhausen Am 17. Februar fand unter dem Motto \"Ein Licht f\u00fcr Dresden\" in Nordhausen eine Demonstration mit ca. 200 Teilnehmern statt. Als Redner traten der Parteivorsitzende Klaus Armstroff und ein Funktion\u00e4r des Gebietsverbandes Mitte auf. Die Versammlung war die Folgeveranstaltung einer Demonstration im Februar 2017 unter gleichem Motto in W\u00fcrzburg. Im Dezember 2017 f\u00fchrten Angeh\u00f6rige von \"Der III. Weg\" unter dem Motto \"Wir tragen das Licht f\u00fcr Dresden weiter\" eine Art Fackelmarsch von W\u00fcrzburg nach Nordhausen durch, bei dem symbolisch ein \"Feuer\" von einem Veranstaltungsort zum n\u00e4chsten getragen wurde. Im Dezember 2018 wurde diese Aktion wiederholt und das symbolische Feuer von Nordhausen nach Fulda getragen. Die Veranstaltungen thematisieren jeweils die Luftangriffe auf die Stadt Dresden im Zweiten Weltkrieg, insbesondere die Angriffswellen im Februar 1945. Seit Jahren instrumentalisieren Rechtsextremisten diese Ereignisse und sprechen im Sinne einer geschichtsverf\u00e4lschenden T\u00e4ter-Opfer-Umkehr u. a. vom \"Bombenholocaust\" der Alliierten. 23","\"Jugend im Sturm\" am 7. Juli in Kirchheim Die Veranstaltung \"Jugend im Sturm\" am 7. Juli in Kirchheim beinhaltete Infound Verkaufsst\u00e4nde von rechtsextremistischen Vertrieben und Unternehmen sowie Auftritte rechtsextremistischer Musiker, darunter \"Die Lunikoff Verschw\u00f6rung\". Als Redner traten insbesondere Kader von \"Der III. Weg\" sowie eine Gastrednerin des mit dem \"Regiment Asow\" verbundenen \"Nationalen Korps\" aus der Ukraine auf. Weiterhin fand eine Kampfsportvorf\u00fchrung der parteiinternen Arbeitsgruppe \"K\u00f6rper und Geist\" statt. Die Arbeitsgruppe sieht Kampfsport vor allem als Vorbereitung auf den politischen Kampf und versucht hiermit, die Attraktivit\u00e4t der Partei f\u00fcr Neonazis und Angeh\u00f6rige des subkulturellen rechtsextremistischen Spektrums zu erh\u00f6hen. In Kirchheim betrieb sie einen Informationsstand und f\u00fchrte einen Wettbewerb im Armdr\u00fccken sowie f\u00fcnf Boxund Kickboxk\u00e4mpfe durch. Das Konzept, sich mit \"Jugend im Sturm\" von konkurrierenden rechtsextremistischen Formaten abzugrenzen, indem \"eine Gegenkultur zum vorherrschenden individualisierten, egoistischen und maroden Zeitgeist\" geboten und ein Bekenntnis f\u00fcr \"eine revolution\u00e4re und k\u00e4mpferische Gemeinschaft\" gef\u00f6rdert werde, griff nicht. Mit etwa 200 Teilnehmern blieb die Veranstaltung \"unter den Erwartungen\" der Organisatoren. Zur Begr\u00fcndung hie\u00df es die Ausrichtung \"auf Politik und Gemeinschaft habe nicht dem auf Konsum fokussierten Zeitgeist entsprochen. Tats\u00e4chlich verf\u00fcgt die Kleinstpartei au\u00dferhalb ihrer Parteistrukturen kaum \u00fcber Sympathisanten, was sich in entsprechend begrenzten Teilnehmerzahlen niederschl\u00e4gt. \"Jugend im Sturm\" wurde nahezu ausschlie\u00dflich durch die Partei gepr\u00e4gt, ohne andere rechtsextremistische Str\u00f6mungen und Anbieter zu integrieren. Es war kaum \u00fcberraschend, dass \"Jugend im Sturm\" innerhalb der Szene nicht als attraktives Zusatzoder gar Konkurrenzangebot zu professionelleren Veranstaltungen, wie z. B. in Themar (\"Tage der nationalen Bewegung\") oder Ostritz (\"Schild & Schwert\"), wahrgenommen wurde. 24","3.2.1 Ideologie von \"Der III. Weg\" Die Partei \"Der III. Weg\" vertritt einen stark an den Nationalsozialismus angelegten Rechtsextremismus. In ihrem \"Zehn-Punkte-Programm\" werden Elemente des \"25-PunkteProgramms\" der NSDAP aufgegriffen. Zentrales Element ist ein an ethnischen Grunds\u00e4tzen ausgerichteter Volksbegriff. \"Der III. Weg\" spricht in diesem Zusammenhang von der \"Erhaltung und Entwicklung der biologischen Substanz des Volkes\" und dem \"Volk als naturgesetzliche Gemeinschaft\". Auch der NSDAP-Begriff \"Volksgenosse\" wird von der Partei verwandt. So war in einer Ver\u00f6ffentlichung des \"St\u00fctzpunktes Th\u00fcringer Wald/Ost\" zu einer Gedenkaktion in Unterwei\u00dfbach die Formulierung \"Unvergessen das Leid unserer Volksgenossen\" enthalten. In einer Ver\u00f6ffentlichung des St\u00fctzpunktes Ostth\u00fcringen vom Februar werden Nichtdeutsche als \"Artfremde\" bezeichnet. Ein solches politisches Konzept missachtet nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts \"die Menschenw\u00fcrde aller, die der ethnischen Volksgemeinschaft nicht angeh\u00f6ren, und ist mit dem grundgesetzlichen Demokratieprinzip unvereinbar\". Mit der Menschenw\u00fcrde unvereinbar ist auch die durch die Partei vertretene Abwehrpolitik gegen Minderheiten. Beispielhaft wird dies am \"Aktionstag gegen Homo-Propaganda\" deutlich. Homosexualit\u00e4t und abweichende Geschlechterverst\u00e4ndnisse gelten in der Partei als krankhaft, ungesund und gegen angebliche Naturgesetze. Sie haben in der Bev\u00f6lkerungspolitik von \"Der III. Weg\" keinen Platz, die in der \"F\u00f6rderung kinderreicher Familien zur Abwendung des drohenden Volkstodes\" besteht. Die Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus als bedeutendes Indiz f\u00fcr die Verfolgung verfassungsfeindlicher Ziele ist bei \"Der III. Weg\" deutlicher wahrnehmbar, als bei anderen rechtsextremistischen Parteien. Die Partei verwendet Symbole aus der Zeit des Nationalsozialismus. Dazu geh\u00f6ren das Zahnrad als Symbol der Deutschen Arbeitsfront sowie ein Hammer und ein Schwert, die sich kreuzen. Hammer und Schwert waren seit 1929 Feldgauzeichen der Hitlerjugend als Symbol f\u00fcr die Vereinigung von Soldaten und Arbeitern. \"Der III. Weg\" versteht sich als elit\u00e4re Kaderpartei. Mit Arbeitsgruppen wie \"K\u00f6rper & Geist\" stellt die Partei Freizeitaktivit\u00e4ten ihrer Mitglieder in den Kontext einer ganzheitlichen Weltanschauung. So wird ihre sportliche Bet\u00e4tigung gezielt zur Vorbereitung f\u00fcr den politischen Kampf beworben. Durch die Einbindung privater Aktivit\u00e4ten in den organisatorischen Rahmen der Partei versucht \"Der III. Weg\" zudem, seine Mitglieder st\u00e4rker an sich zu binden. Die Betonung des Kampfsportes als Aktivit\u00e4tsfeld folgt j\u00fcngsten Trends in der rechtsextremistischen Szene. Durch Pr\u00e4senz bei von anderen rechtsextremistischen 25","Akteuren durchgef\u00fchrten Kampfsportveranstaltungen k\u00f6nnte \"Der III. Weg\" seine Anziehungskraft auf das Neonaziund subkulturelle rechtsextremistische Spektrum ausbauen. Allerdings steht dem auch sein Elitegebahren und die teils unverhohlene Ablehnung von Teilen des subkulturellen Spektrums entgegen. 4. Immobilien in der Hand von Rechtsextremisten Rechtsextremistisch genutzte Immobilien sind solche, die politisch zielund zweckgerichtet sowie wiederkehrend als Treffund Veranstaltungsst\u00e4tte f\u00fcr Mitglieder und Angeh\u00f6rige der verschiedenen Teilspektren dienen. Rechtsextremisten verf\u00fcgen in diesen F\u00e4llen \u00fcber eine uneingeschr\u00e4nkte grunds\u00e4tzliche Zugriffsm\u00f6glichkeit, etwa in Form von Eigentum, Miete, Pacht oder durch ein Kennund Vertrauensverh\u00e4ltnis zum Objektverantwortlichen. Davon abzugrenzen sind Objekte, die Rechtsextremisten nahezu ausschlie\u00dflich zu Wohnzwecken dienen. Rechtsextremisten nutzen Immobilien, um regionale Strukturen und Anlaufstellen zu schaffen. Sie sind in Ballungsr\u00e4umen ebenso wie im l\u00e4ndlichen Raum st\u00e4ndig auf der Suche nach R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr Feiern, Konzerte, Schulungen, Parteiveranstaltungen oder interne Treffen. F\u00fcr kleinere Treffen nutzen Rechtsextremisten h\u00e4ufig ihre privaten Wohnobjekte. Sie finden in der breiten \u00d6ffentlichkeit keine Akzeptanz und m\u00f6gliche Vermieter lehnen eine Vermietung an rechtsextremistische Gruppierungen zumeist ab. Eine nachhaltige \"Wertsch\u00f6pfung\" f\u00fcr die rechtsextremistische Szene ist erst dann m\u00f6glich, wenn eine rechtlich und r\u00e4umlich abgesicherte Immobilie vorhanden ist. In Th\u00fcringen verf\u00fcgt die rechtsextremistische Szene \u00fcber zahlreiche etablierte Immobilien. Zum Teil befinden sie sich im Besitz oder Eigentum rechtsextremistischer Gruppierungen oder Einzelpersonen. Nicht zuletzt dieser Umstand gepaart mit der Tatsache, dass entsprechende Szeneveranstaltungen zuverl\u00e4ssig durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, da eine K\u00fcndigung eines Mietoder Pachtvertrages nicht zu bef\u00fcrchten ist, f\u00fchrt zu einer Vielzahl von Veranstaltungen und Aktivit\u00e4ten in Th\u00fcringen. Anhand der im Folgenden exemplarisch dargestellten Immobilien, welche sich in der Hand von Rechtsextremisten befinden, soll die Bedeutung von derartigen Immobilien f\u00fcr die rechtsextremistische Szene verdeutlicht werden. Dar\u00fcber hinaus gibt es noch eine Vielzahl weiterer Immobilien, die nicht im Eigentum von Rechtsextremisten sind oder von ihnen betrieben werden, aber wiederkehrend genutzt werden k\u00f6nnen. 26","4.1 \"Flieder Volkshaus\" in Eisenach Bei dem \"Flieder Volkshaus\" in Eisenach handelt es sich um ein im Jahr 2014 von der NPD Th\u00fcringen etabliertes Objekt. Namensgebend ist die Fassadenfarbe des Geb\u00e4udes. Das Objekt wird seit 2015 durch den Verein \"Flieder Volkshaus e. V.\" betrieben. Ma\u00dfgeblicher Verantwortlicher ist der langj\u00e4hrige Rechtsextremist und NPD-Stadtrat Patrick Wieschke. Im \"Flieder Volkshaus\" befindet sich die Landesgesch\u00e4ftsstelle der Th\u00fcringer NPD, auch die NPD-Fraktion im Stadtrat Eisenach nutzt das Objekt. Das \"Flieder Volkshaus\" ist ein typisches Beispiel f\u00fcr die Schaffung eines rechtsextremistischen Hotspots, in dem Parteiaktivit\u00e4ten, subkulturelle Veranstaltungen, Kampfsport und Wirtschaftsinteressen verschmelzen und sich verschiedene Str\u00f6mungen des Rechtsextremismus vernetzen. Wie in den Vorjahren tagte der NPD Landesvorstand mehrfach in der Immobilie. Der Th\u00fcringer Landesverband f\u00fchrte den Landesparteitag am 27. November dort durch. Die Immobilie hatte \u00fcber Parteiaktivit\u00e4ten hinaus eine Schl\u00fcsselstellung f\u00fcr die NPD. Es wurden diverse Musikund Vortragsveranstaltungen durchgef\u00fchrt, die sich vor allem, aber nicht ausschlie\u00dflich, an subkulturell orientierte Rechtsextremisten richteten. Auftritte von popul\u00e4ren Szenemusikern (z. B. \"Lunikoff\") oder Rednern (z. B. Ursula Haverbeck-Wetzel) sorgten f\u00fcr Prestige innerhalb der rechtsextremistischen Szene. Daneben sollten Veranstaltungen wie Tage der offenen T\u00fcr, Discoabende, Familienund Stra\u00dfenfeste als Scharnier zum b\u00fcrgerlichen Spektrum dienen. Obgleich die Aktivit\u00e4ten im \"Flieder Volkshaus\" von NPD-Mitgliedern oder Funktion\u00e4ren ausgehen, sind sie nicht ausschlie\u00dflich der NPD als Partei zuzurechnen. Vielmehr erscheinen sie als Veranstaltungen des Vereins \"Flieder Volkshaus e. V.\", Privat27","veranstaltungen oder Veranstaltungen des von dem NPD-Landesvorsitzenden Patrick Weber betriebenen \"Germaniaversandes\". Auch Kampfsporttrainings fanden 2018 im \"Flieder Volkshaus\" statt. Am 1. Dezember f\u00fchrten zudem die Kampfsportgruppierung \"WARDON\" und Personen aus dem Umfeld der Veranstaltungsreihe \"Kampf der Nibelungen\" eine gemeinsame \"Jahresabschlussfeier\" mit anschlie\u00dfendem Liederabend durch. Die Adresse des \"Flieder Volkshauses\" wurde au\u00dferdem durch das von Wieschke betriebene Antiquariat \"Zeitgenoss\" und den Versand \"Hemdster\" von Tobias Kammler genutzt. Bei \"Zeitgenoss\" wurden insbesondere B\u00fccher mit Bezug zum Nationalsozialismus, \u00fcberwiegend aus der Zeit zwischen 1933 und 1945, vertrieben. Eine besondere Rubrik bestand in historischen Ausgaben von \"Mein Kampf\". Im Jahr 2018 fanden u. a. folgende rechtsextremistische Veranstaltungen im \"Flieder Volkshaus\" statt (Auflistung nicht abschlie\u00dfend): 21. Januar Liederabend mit \"Lunikoff\", ca. 100 Teilnehmer 10. Februar Liederabend mit \"Oidoxie\" unplugged, 50-60 Teilnehmer 3. M\u00e4rz Vortragsund Liederabend mit dem Liedermacher \"Torstein\" und Ursula Haverbeck-Wetzel, ca. 80 Teilnehmer 9./10. M\u00e4rz Tag der offenen T\u00fcr 17. M\u00e4rz Regionalkonferenz der NPD Th\u00fcringen 2. Juni Familienfest 13. Juli Treffen der Generationen 18. August Treffen der Generationen mit dem Liedermacher Frank Rennicke, ca. 70 Teilnehmer 1. September Vier Jahre \"Flieder Volkshaus\" 15. September Liederabend mit \"Aria S.\", \"Fylgien\", \"Barny\", \"Bienenmann\", ca. 100 Teilnehmer 29. September Liederabend mit \"Blutlinie\" Akustik-Duo, \"Hermunduren\" Akustik, ca. 60 Teilnehmer 20. Oktober Flohmarkt 11. November Liederabend mit \"Lunikoff\", ca. 100 Teilnehmer 24. November Landesparteitag der NPD 1. Dezember Jahresabschluss mit Kampfsportbezug 28","8. Dezember Jahresabschluss des Wartburgkreisboten mit \"Sturmwehr\", ca. 80 Teilnehmer Das sog. Flieder Volkshaus ist eine der bedeutendsten rechtsextremistischen Szeneimmobilien in Th\u00fcringen. Sie stellt nicht nur einen zentralen Anlaufpunkt der NPD in Th\u00fcringen dar und bildet insoweit auch die Basis der Parteiarbeit in Th\u00fcringen, sie dient auch als \"Vernetzungspunkt\" der NPD in andere Teilbereiche des Rechtsextremismus. Daneben versucht sich die Partei mittels Flohm\u00e4rkten, Familienfesten und sog. Treffen der Generationen ein \"K\u00fcmmererimage\" zu verleihen und nutzt hierf\u00fcr ma\u00dfgeblich die Immobilie. Hervorzuheben sind die Bez\u00fcge zur rechtsextremistischen Musikszene, welche durch die zahlreichen Liederabende und Auftritte von zum Teil bundesweit herausgehobenen Bands wie \"Oidoxie\" und Liedermachern wie \"Lunikoff\" belegt wird. Mit Vortragsabenden wie am 3. M\u00e4rz unter Beteiligung der mehrfach wegen Volksverhetzung vorbestraften antisemitischen Rednerin Ursula Haverbeck-Wetzel ist man bem\u00fcht, Anschluss an revisionistische Kreise zu gewinnen. Entsprechende Veranstaltungen und Aktionen sowie die Vernetzung der NPD in andere Teilbereiche der rechtsextremistischen Szene sind in Th\u00fcringen nur mittels einer \"sicheren\" Parteiimmobilie m\u00f6glich, was deren Bedeutung f\u00fcr die NPD unterstreicht. Nicht zuletzt kann die Partei mit diversen zun\u00e4chst unpolitisch anmutenden Veranstaltungen eine Art \"T\u00fcr\u00f6ffnerfunktion\" gegen\u00fcber dem b\u00fcrgerlichen Spektrum umsetzen. 4.2 Immobilie in der Stielerstra\u00dfe in Erfurt Im Jahr 2015 gr\u00fcndete sich in Erfurt der Verein \"Volksgemeinschaft Erfurt e. V.\". Dieser mietete sich R\u00e4umlichkeiten in einer ehemaligen Kaufhalle in der Stielerstra\u00dfe in Erfurt und nutzte diese als Clubhaus. In den Folgejahren diente das Objekt zur Durchf\u00fchrung verschiedener Veranstaltungen des rechtsextremistischen Spektrums. Hierf\u00fcr wurden umfangreiche Umbauarbeiten vorgenommen und die R\u00e4umlichkeiten u. a. mit einer Bar und einer B\u00fchne sowie einem Sportraum ausgestattet. Neben Liederabenden fanden in dem Objekt Parteiveranstaltungen von \"DIE RECHTE\" und Kampfsporttrainings statt. Seit 2016 besteht eine Nutzungsuntersagung f\u00fcr \u00f6ffentliche Veranstaltungen. Nachdem der Personenkreis um die Rechtsextremisten Enrico Biczysko und Michel Fischer Ende 2017 aus der Partei \"Die Rechte\" ausgetreten war, gingen die \u00f6ffentlich wahrnehmba29","ren Aktivit\u00e4ten des \"Volksgemeinschaft Erfurt e. V.\" vor\u00fcbergehend zur\u00fcck. Mitte 2018 trat man der Partei \"Der III. Weg\" bei. Anschlie\u00dfend fanden in den R\u00e4umlichkeiten vermehrt Veranstaltungen von \"Der III. Weg\" statt, am 21. Oktober ein Parteitag des \u00fcberregionalen \"Gebietsverbandes Mitte\". Zudem wurde die Fassade des Clubhauses umgestaltet und als Lokalit\u00e4t der Partei kenntlich gemacht. Im Jahr 2018 fanden unter anderem folgende Veranstaltungen in der Immobilie statt: 24. Februar Liederabend mit \"Sturmwehr\" 2. Juni Familienfest/Veranstaltung mit Live-Musik von \"Sleipnir\" Akustik 4. August Treffen 22. August Versammlung 25. August Versammlung Die Immobilie in Erfurt ist ein zentraler Anlaufpunkt f\u00fcr die Partei in Th\u00fcringen und Mitteldeutschland. Nahezu alle Th\u00fcringer Parteiveranstaltungen fanden in diesem Objekt statt. Dar\u00fcber hinaus dient das Objekt der Festigung der internen Parteistrukturen, was mehrere Parteiveranstaltungen und insbesondere der Parteitag des \"Gebietsverbandes Mitte\" verdeutlichen. Ebenso dient die Immobilie in erheblichem Umfang der Au\u00dfendarstellung der Partei. Dies unterstreicht bereits die Fassadengestaltung des Geb\u00e4udes. Die Partei ist bestrebt, mithilfe des Objekts Beziehungen zu anderen Teilspektren (z. B. rechtsextremistische Musikszene) aufzubauen, indem sie einen festen Veranstaltungsort f\u00fcr Aktivit\u00e4ten anbietet. Angesichts der geschilderten Aktivit\u00e4ten sowie der M\u00f6glichkeiten, welche die Immobilie der Partei bietet, ist davon auszugehen, dass sich \"Der III. Weg\" in Erfurt etablieren und seine Aktivit\u00e4ten durchaus steigern wird. 4.3 Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" Seit dem Jahr 2015 betreibt der S\u00fcdth\u00fcringer Rechtsextremist Tommy Frenck das Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" in Kloster Ve\u00dfra. Dieses hat sich in den letzten Jahren als bedeutende rechtsextremistische Szeneimmobilie in S\u00fcdth\u00fcringen und als Anlaufpunkt von Rechtsextremisten aller Couleur etabliert. Frenck verfolgt mit der Durchf\u00fchrung verschiedenster 30","Veranstaltungen wie Konzerte, Liederund Balladenabende, Vortragsund Spendenveranstaltungen, politischer Kundgebungen usw. eine intensive Vernetzungsstrategie der rechtsextremistischen Szene innerhalb und au\u00dferhalb Th\u00fcringens. Das Gasthaus ist auch Sitz des von Frenck gef\u00fchrten Szenelabels \"Druck18\". Das Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" ist regelm\u00e4\u00dfig Treffpunkt der von Frenck geleiteten W\u00e4hlervereinigung \"B\u00fcndnis-Zukunft-Hildburghausen\" (BZH). Zur Landratswahl im Kreis Hildburghausen am 15. April trat er als Kandidat an und erhielt 16,6 Prozent der Stimmen. Im Jahr 2018 waren neben f\u00fchrenden Parteiund Szenevertretern auch einschl\u00e4gige Liedermacher und Bands aus dem Inuns Ausland im \"Goldenen L\u00f6we\" zu Gast. Nachstehend eine Auswahl der Veranstaltungen: Datum Veranstaltung/ TeilnehmerRedner/Liedermacher/Bands 12 Teilnehmer zahl 18. Januar Liederabend des BZH Axel Schlimper keine Angaben 10. M\u00e4rz Buchvorstellung \"Einer f\u00fcr Udo Voigt/Frank Rennicke ca. 35 Deutschland\"/Auftritt Liedermacher 04. April Kundgebung des BZH mit \"Lunikoff\" (Solist) keine AnLive-Musik gaben 7. April Vortragsveranstaltung \"Der u. a. Dr. Olaf Rose (NPD) ca. 60 Wahrheit verpflichtet\" 15. April Versammlung des BZH mit Axel Schlimper keine AnLiedermacher gaben 20. April \"Wir feiern Geburtstag - Alle - Schnitzel 8,88 Euro - Nur g\u00fcltig am 20. April 2018\" 28. April Vortragveranstaltung mit Mu\"Sleipnir\" ca. 200 sik \"Sk\u00f6ll Dagaz\" 7. Juni Ausklangveranstaltung f\u00fcr die Axel Schlimper ca. 40 Helfer bei \"Tage der nationalen Bewegung\" 12 Th\u00fcringer Bands/Liedermacher wurden durch Fettdruck hervorgehoben. 31","Datum Veranstaltung/ TeilnehmerRedner/Liedermacher/Bands 12 Teilnehmer zahl 13. Juli Konzertveranstaltung \"Gigi und den braunen Stadtbis zu 300 musikanten\" \"TreueOrden\" 25. August Ersatzveranstaltung f\u00fcr die Liedermacher \"Axel\" bis zu 450 beh\u00f6rdlich untersagte Kund\"Kategorie C\" gebung \"Rock gegen \u00dcber\"Nahkampf\" (Solo) fremdung III\" in Mattstedt \"F.I.E.L. \" \"Der Bienenmann\" \"Lunikoff\" \"Sleipnir\" (Solo) 27. OktoKundgebung \"Europ\u00e4ischer \"Sleipnir\" ca. 250 ber Traum - Gemeinsam f\u00fcr ein \"Barny\" Europa der Vaterl\u00e4nder\" \"Acciaio Vincente\" 22. DeKinderweihnachtsfeier Axel Schlimper keine Anzember gaben Einzelne Veranstaltungen im Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" waren f\u00fcr die rechtsextremistische Szene von herausgehobener Bedeutung. Hierzu z\u00e4hlen die folgenden: Der ehemalige NPD-Europaabgeordnete Udo Voigt stellte am 10. M\u00e4rz sein Buch \"Einer f\u00fcr Deutschland\" vor. F\u00fcr die musikalische Umrahmung sorgte der rechtsextremistische Liedermacher Frank Rennicke. 32","Am 7. April hielt Dr. Olaf Rose (NPD) einen Vortrag unter dem Motto \"Der Wahrheit verpflichtet\" im Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\". Als besonderer Gast war der letzte Krankenpfleger von Rudolf He\u00df anwesend. Die Umst\u00e4nde des Todes von Rudolf He\u00df (Stellvertreter Adolf Hitlers und verurteilter Kriegsverbrecher) werden in der rechtsextremistischen Szene regelm\u00e4\u00dfig thematisiert, vorrangig an dessen Todestag, und sind Gegenstand verschiedener Verschw\u00f6rungstheorien. Am 28. April traten im \"Goldenen L\u00f6wen\" die rechtsextremistischen Bands \"Sleipnir\" und \"Sk\u00f6ll Dagaz\" auf. \"Sleipnir\" ist seit den 1990er Jahren aktiv und geh\u00f6rt bundesweit zu den angesehensten Bands in der rechtsextremistischen Szene. \"Sk\u00f6ll Dagaz\" ist eine Th\u00fcringer Band, die nach langer Pause seit dem Jahr 2017 wieder in Erscheinung tritt. Beide Bandnamen nehmen Bezug auf die nordische Mythologie. Am 13. Juli fand im \"Goldenen L\u00f6wen\" in Kloster Ve\u00dfra eine Veranstaltung mit Auftritten der Bands \"Gigi und die braunen Stadtmusikanten\" und \"TreueOrden\" statt. \"Gigi und die braunen Stadtmusikanten\" ist ein Projekt der rechtsextremistischen Band \"Stahlgewitter\". Die Band \"TreueOrden\" geh\u00f6rt zum Umfeld der \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" und ist ebenfalls eine bedeutsame Band der rechtsextremistischen Szene. Die Auftritte verdeutlichen, dass Frenck auch in der rechtsextremistischen Musikszene gut vernetzt ist. Durch Tommy Frenck wurde am 25. August aufgrund der verhinderten Veranstaltung \"Rock gegen \u00dcberfremdung III\" in Mattstedt eine Eilversammlung in der Gastst\u00e4tte \"Goldener L\u00f6we\" angemeldet. \u00dcber Facebook teilte Frenck mit, dass er seinen Gasthof f\u00fcr \"alle Gestrandeten\" \u00f6ffnen werde. Im Rahmen der Versammlung traten szenetypische Bands und Redner auf: Liedermacher \"Axel\", \"Nahkampf\" Solo, \"F.I.E.L.\", \"Der Bienenmann\", \"Lunikoff\", \"Sleipnir\" Solo. Anreisen erfolgten sowohl \u00fcberregional aus dem Bundesgebiet als auch aus dem Ausland (Schweiz, Tschechien und \u00d6sterreich). Frenck best\u00e4tigte mit dieser Eilversammlung, dass er innerhalb k\u00fcrzester Zeit logistisch in der Lage ist, Veranstaltungen f\u00fcr eine dreistellige Personenzahl zu organisieren. Hierin zeigt sich exemplarisch der Vorteil einer f\u00fcr die Szene \"sicheren\" Immobilie. Dass Frenck auch bei dieser Veranstaltung vorrangig eigene wirtschaftliche Interessen verfolgte, wird von einem gro\u00dfen Teil der Szene ignoriert oder nicht wahrgenommen. 33","Am 27. Oktober fand wiederum im Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" eine als Kundgebung angemeldete Veranstaltung unter dem Motto \"Europ\u00e4ischer Traum - Gemeinsam f\u00fcr ein Europa der Vaterl\u00e4nder\" statt. Dort traten die rechtsextremistische Bands und Liedermacher \"Sleipnir\", \"Barny\" und \"Acciaio Vincente\" auf. Bei \"Acciaio Vincente\" handelt es sich um eine Rechtsrockband aus Italien. Der Name bedeutet \u00fcbersetzt \"Stahl gewinnt\". Die Band stammt aus Mantua (Norditalien) und beschreibt ihre Musik als \"Heavy R.A.C.\" (\"Rock against Communism\", klassische Rechtsrock-Musik). Laut Internetangaben wurde sie 2011 gegr\u00fcndet; der erste bekannt gewordene Auftritt in Deutschland war im Jahr 2014. Dar\u00fcber hinaus waren im Berichtszeitraum der NPD-Bundesvorsitzende Frank Franz und der NPD-Funktion\u00e4r Sebastian Schmidtke im \"Goldenen L\u00f6wen\" zu Gast. Letzterer besitzt intensive Kontakte zu Frenck und war Anmelder der Gro\u00dfveranstaltung \"Tage der nationalen Bewegung - Musik und Redebeitr\u00e4ge f\u00fcr Deutschland\" am 8./9. Juni in Themar. Frenck war in die Organisation dieser Veranstaltung eingebunden. Offensichtlich ist Frenck eine zentrale Figur innerhalb der rechtsextremistischen Szene. \u00dcber seinen Gastronomiebetrieb, den Handel mit Bekleidung und Szenedevotionalien als auch \u00fcber diverse Vortragsund Musikveranstaltungen mit Auftritten bedeutender rechtsextremistischer Bands erreicht er ein breit gef\u00e4chertes Publikum und betreibt eine intensive Vernetzung von parteigebundenen und ungebundenen Rechtsextremisten sowie subkulturell orientierten Szeneanh\u00e4ngern. Sein Agieren ist jedoch stark von den eigenen wirtschaftlichen Interessen gepr\u00e4gt. Er hat es nachhaltig geschafft, seine wirtschaftlichen Interessen mit seinen rechtsextremistischen Aktivit\u00e4ten zu verbinden. Er nutzt hierf\u00fcr auch das Narrativ des \"staatlich verfolgten nationalen Aktivisten\". Gegen\u00fcber seinem Umfeld und letztlich seinen (zahlenden) Kunden pr\u00e4sentiert sich Frenck als eine Art Widerstandsk\u00e4mpfer gegen staatliche Repressionen. Folglich etablierte Frenck erfolgreich zwei s\u00e4mtliche Geschehensabl\u00e4ufe abdeckende Narrative: Der erfolgreiche rechtsextremistische Politiker, Organisator, Unternehmer und Gastwirt sowie der gegen staatliche Repression k\u00e4mpfende Aktivist. In jedem Fall wird sein eigentliches wirtschaftliches Interesse \u00fcberdeckt. 34","4.4 Freifl\u00e4che in Themar - Veranstaltungsort f\u00fcr die \"Tage der Nationalen Bewegung\" Am 8./9. Juni fanden in Themar die \"Tage der nationalen Bewegung - Musikund Redebeitr\u00e4ge f\u00fcr Deutschland\" statt. Diese bestanden im Wesentlichen aus rechtsextremistischen Redeund Musikbeitr\u00e4gen und wurde erneut auf der bereits im Jahr 2017 f\u00fcr gleichgelagerte Veranstaltungen genutzten Freifl\u00e4che in Themar ausgerichtet. Der Veranstaltung ging ein Rechtsstreit voraus. Sie war aus Gr\u00fcnden des Naturschutzes zun\u00e4chst verboten worden. Dieses Verbot hielt der \u00dcberpr\u00fcfung durch das Verwaltungsgericht Meiningen und das Th\u00fcringer Oberverwaltungsgericht jedoch nicht stand. Sebastian Schmidtke, ein NPD-Funktion\u00e4r aus Berlin, trat als Anmelder und Versammlungsleiter auf. \u00dcber eine eigens f\u00fcr die Veranstaltung eingerichtete Homepage wurden Tagesund Wochenendtickets zum Preis von 15, 35 oder 45 Euro sowie spezielle T-Shirts angeboten. Anreisen erfolgten aus dem Bundesgebiet und dar\u00fcber hinaus auch aus Tschechien, Italien, Russland, Kroatien, Schweiz, Frankreich und Slowakei. 35","Insgesamt waren an dem Wochenende ca. 3.250 Teilnehmer vor Ort. Es handelte sich um die publikumsst\u00e4rkste Rechtsrockveranstaltung 2018 in Deutschland. Im Veranstaltungsverlauf traten rechtsextremistische Musikgruppen aus dem Inund Ausland, mitunter Bandmitglieder als Solisten sowie Liedermacher auf; im Einzelnen: \"Die Lunikoff Verschw\u00f6rung\", \"Nahkampf\", \"Acciaio Vincente\", \"Flak\", \"Brutal Attack\", \"Kategorie C\", \"Kraftschlag\", \"Blutlinie\", \"Painful Awakening\", \"Hausmannskost\", \"Mic Revolt\", \"Zeitnah\", \"Sleipnir\", \"Mortuary\", \"Sturmwehr\", und Frank Rennicke. Mit \"Brutal Attack\" aus Gro\u00dfbritannien war eine seit mehreren Jahrzehnten aktive Band vor Ort, die dem internationalen Netzwerk \"Blood & Honour\" (B&H) entstammt. Ihr S\u00e4nger genie\u00dft als letztes verbliebenes Gr\u00fcndungsmitglied der Band und als fr\u00fchere Kontaktperson des B&H-Gr\u00fcnders Ian Stuart Donaldson Kultstatus in der rechtsextremistischen Szene. Der Auftritt der Band wurde wegen eines Versto\u00dfes gegen SS 130 Strafgesetzbuch abgebrochen, ein Bandmitglied wurde des Platzes verwiesen. Neben Musikund Redebeitr\u00e4gen umfasste das Programm auch zwei Podiumsdiskussionen \"Von der Szene zur Bewegung\" und \"Kampf gegen Terror\". An der Erstgenannten nahmen die Bundesvorsitzenden der NPD, ihrer Jugendorganisation \"Junge Nationalisten\" (JN) und der Partei \"DIE RECHTE\" sowie ein freier Aktivist teil. Thematischer Schwerpunkt war die trotz der bestehenden Unterschiede in den Strukturen und Ausrichtungen anzustrebende Einigkeit der nationalen Bewegung. Es gelte, politische Strukturen der nationalen Opposition schlagkr\u00e4ftiger aufzustellen, um sich insgesamt zu einer nationalistischen Bewegung weiterentwickeln zu k\u00f6nnen. \"Wir sind die letzte Generation, die Deutschland vor dem gro\u00dfen Austausch retten kann\", hie\u00df es. Ein Redner postulierte unter Applaus, dass es Menschen brauche, die die Grenzen, die dieser Staat setzt, \u00fcberschreiten. Es m\u00fcsse Leute geben, die genau \u00fcber diese Grenzen hin\u00fcber gehen und diese Republik \"nach rechts\" r\u00fccken. Die Teilnehmer der zweiten Diskussionsrunde verlautbarten, der \"Terror von rechts\" w\u00e4re nicht selten staatlich inszeniert; vielmehr m\u00fcssten Nationalisten unbedingt auf Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung verzichten. Auf dem Gel\u00e4nde waren Informationsst\u00e4nde verschiedener Organisationen und Gruppierungen (u. a. NPD, JN, \"Ring Nationaler Frauen\" - RNF, \"DIE RECHTE\", Gefangenenhilfe, \"Wir lieben Meiningen\") und Verkaufsst\u00e4nde f\u00fcr Szeneartikel (\"Ansgar Aryan\", \"Deutsches Warenhaus\", \"Rebel Records\" und \"Germania Versand\") vertreten. 36","Im Verlauf der Veranstaltung wurden 72 Straftaten und 27 Ordnungswidrigkeiten festgestellt. Es ergingen Anzeigen z. B. wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (45), Volksverhetzung (2), Verst\u00f6\u00dfen gegen das Bet\u00e4ubungsmittelgesetz (4) und gegen das Versammlungsgesetz (12). Zudem kam es zu einem \u00dcbergriff eines Versammlungsteilnehmers auf einen Journalisten. \"Das schreit nach Wiederholung!\", so der Kommentar von Patrick Weber im Nachgang zur Veranstaltung. Auch die Resonanz aus dem NPD-Bundesvorstand war positiv. Als einzigen Kritikpunkt f\u00fchrten weitere Facebook-Kommentatoren an, dass man den polizeilichen Ma\u00dfnahmen gegen einen britischen Musiker nichts entgegengesetzt habe. Auch dieses Format diente neben der Aus\u00fcbung politischer Bet\u00e4tigung zugleich der Verwirklichung kommerzieller Interessen. Angesicht des \u00fcber zwei Tage reichenden breit aufgestellten Programms und der hohen Besucherresonanz d\u00fcrfte der Umsatz nicht unerheblich gewesen sein. In der Gesamtschau zeigt sich, dass das bereits im Vorjahr angewandte Veranstaltungskonzept einer als politische Kundgebung angemeldeten Musikund Rednerveranstaltung aus Szenesicht erneut erfolgreich verlief. Das Konzept der Kombination von Musikund Redebeitr\u00e4gen hat sich in der Szene erneut bew\u00e4hrt. 37","Neben der Verwirklichung kommerzieller Interessen diente dieses Format auch der Vernetzung der rechtsextremistischen Szene, was sich darin zeigt, dass eine Vielzahl bedeutender Akteure auf der Veranstaltung vertreten war. Es ist daher davon auszugehen, dass auch weiterhin an dem Konzept festgehalten und so mit den \"Tagen der nationalen Bewegung\" eine neue Veranstaltungsreihe in Th\u00fcringen etabliert wird. 4.5 Sonstige Szeneobjekte in Kirchheim und Sonneberg Die rechtsextremistische Musikszene wurde in den vergangenen Jahren durch Szeneobjekte in Kirchheim und Sonneberg gepr\u00e4gt. Obschon die organisatorischen Hintergr\u00fcnde unterschiedlich sind, konnten sich beide Objekte nachhaltig etablieren. \"Veranstaltungszentrum Erfurter Kreuz\" in Kirchheim Seit dem Jahr 2009 wird das in Besitz Dritter befindliche Objekt in Kirchheim f\u00fcr rechtsextremistische Versammlungen genutzt. Zu dem als \"Veranstaltungszentrum Erfurter Kreuz\" bezeichneten Gel\u00e4nde z\u00e4hlen der \"Romantische Fachwerkhof\" und eine \"Erlebnisscheune\". Die R\u00e4umlichkeiten des \"Fachwerkhofes\" werden bevorzugt f\u00fcr Vortragsveranstaltungen, interne Treffen und Schulungen genutzt. Die \"Erlebnisscheune\" ist f\u00fcr bis zu 200 Personen zugelassen und wird \u00fcberwiegend f\u00fcr Rechtsrockkonzerte, aber auch f\u00fcr Gro\u00dfveranstaltungen von Parteien gemietet. Im Gegensatz zu von Rechtsextremisten betriebenen Szeneobjekten handelt es sich bei dem Objekt in Kirchheim um eine Dritten geh\u00f6rende Immobilie, welche speziell f\u00fcr rechtsextremistische Veranstaltungen angemietet wird. Vernetzungsbestrebungen gehen aufgrund der fehlenden permanenten Zugriffsm\u00f6glichkeit nur in geringem Umfang von solchen Immobilien aus. Da es sich um ein Privatobjekt Dritter handelt und die Veranstaltungen keine Au\u00dfenwirkung erzeugen, k\u00f6nnen diese in der Regel ohne beh\u00f6rdlichen Eingriff stattfinden. F\u00fcr die rechtsextremistische Szene war der Veranstaltungsort l\u00e4ngere Zeit von gro\u00dfer Bedeutung. Die Zahl der Veranstaltungen war zuletzt jedoch r\u00fcckl\u00e4ufig. Im Jahr 2018 hielt dieser Abw\u00e4rtstrend mit insgesamt sechs Veranstaltungen (2017: 9, 2016: 12) an. 38","Folgende Veranstaltungen fanden unter anderem in dem Objekt in Kirchheim statt: 13 Datum Bands/ Redner Teilnehmerzahl Veranstalter 7. April \"Overdressed\", \"True ca. 200 Hammerskins Aggression\", \"Kraft durch Froide\", \"Mistreat\" 7. Juli \"Uwocaust\", \"Die ca. 220 \"Jugend im Sturm\" Lunikoff-Verschw\u00f6der Partei \"Der III. rung\", \"Varghona\", Weg\" \"Killuminati\" 11. August \"TreueOrden\", ca. 120 \"TreueOrden\" \"NAPOLA\", \"Unbeliebte Jungs\", \"Exzess\", \"Kahlkopf/Der Metzger\" 20. Oktober \"Blackout\", \"Komca. 190 Hammerskins mando Skin\", \"Sleipnir\", \"Smart Violence\", \"Kodex Frei\" 10. November \"Uwocaust\", \"Flak\", ca. 230 Hammerskins \"Exzess\", \"Confident of Victory\" \"Waldhaus\" in Sonneberg Die fr\u00fchere Gastst\u00e4tte \"Waldhaus\" in Sonneberg wird seit dem Jahr 2015 von einem langj\u00e4hrigen Th\u00fcringer Rechtsextremisten betrieben. In Anlehnung an die ehemalige Residenz Adolf Hitlers im Berchtesgadener Land ist szeneintern f\u00fcr das Objekt die Bezeichnung \"Obersalzberg\" gebr\u00e4uchlich. 13 Th\u00fcringer Bands/Liedermacher wurden durch Fettdruck hervorgehoben. 39","Das \"Waldhaus\" hat sich als Treffund Veranstaltungsort der regionalen rechtsextremistischen Szene etabliert. Es werden vorrangig Geburtstagsfeiern mit Live-Musik und Konzerte durchgef\u00fchrt. Zudem wird das Objekt rechtsextremistischen Bands als Proberaum zur Verf\u00fcgung gestellt. Im Jahr 2018 wurden unter anderen folgende Aktivit\u00e4ten festgestellt: Datum Veranstaltung Teilnehmerzahl Sonstiges 27. Januar rechtsextremistisches - polizeilich untersagt Konzert 7. April Geburtstagsfeier mit ca. 50 Auftritt der Band Livemusik \"Sturmwehr\" 26. Mai rechtsextremistisches - im Vorfeld verhindert Konzert 18. August Rechtsextremistische ca. 85 Auftritt der Band Musikveranstaltung \"Nordwind\" \"Viking Party\" 7./8. Dezember Geburtstagsfeier ca. 50 Auftritt von \"Griffin\" (Solist) und der Band \"Unbeliebte Jungs\" Im Vergleich zu den Vorjahren hat die Bedeutung des \"Waldhauses\" merklich abgenommen. Auch die bauliche Substanz des Geb\u00e4udes ist marode. Die Nutzung beschr\u00e4nkt sich auf Veranstaltungen im kleineren Rahmen, an denen gr\u00f6\u00dftenteils derselbe Personenkreis teilnimmt. Die Szeneobjekte in Kirchheim und Sonneberg haben merklich an Attraktivit\u00e4t verloren. Beide Veranstaltungsorte wurden durch die rechtsextremistische Szene weniger genutzt als in den Vorjahren. Es bleibt abzuwarten, ob die jeweiligen Betreiber dieser Entwicklung entgegentreten werden. 40","5. Gewaltbereiter Rechtsextremismus Zahlreiche Rechtsextremisten, nicht selten die F\u00fchrungspersonen, sind wegen der Begehung von K\u00f6rperverletzungsdelikten vorbestraft. In der \u00d6ffentlichkeit, in Zeitungen oder Flugbl\u00e4ttern vermeiden es Rechtsextremisten allerdings in der Regel, Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele zu propagieren. Dies sollte nicht \u00fcber das in gro\u00dfen Teilen der Szene immanente Gewaltpotenzial hinwegt\u00e4uschen. Ihr ideologischer Hintergrund impliziert ein ausgepr\u00e4gtes Freund-Feind-Schema mit stark ausgrenzenden und herabw\u00fcrdigenden Elementen dem vermeintlichen Feind gegen\u00fcber. Zuf\u00e4lliges Aufeinandertreffen mit aus ihrer Sicht als Feinde zu betrachtenden Dritten kann mitunter zu aggressivem Verhalten bis hin zu K\u00f6rperverletzungen f\u00fchren. Dabei sind durch Rechtsextremisten begangene Gewalttaten in den meisten F\u00e4llen spontane \u00c4u\u00dferungen ihrer Gewaltbereitschaft, aber es ist feststellbar, dass die mentale und k\u00f6rperliche Vorbereitung - insbesondere durch die Praktizierung von Kampfsport - zunimmt. Im selben Ma\u00dfe ist zu bef\u00fcrchten, dass auch die Hemmschwelle zum Einsatz der hierf\u00fcr erworbenen Kampftechniken absinkt. Durch die Kombination von aggressiver Freund-Feind-Rhetorik, wie sie in weiten Teilen des rechtsextremistischen Spektrums anzutreffen ist, mit einem anschlussf\u00e4higen Bedrohungsszenario (z. B. Anti-Asyl-Kampagnen) besteht die Gefahr, dass Rechtsextremisten bei der Aus\u00fcbung von Gewalt von der Zustimmung breiter Teile der Bev\u00f6lkerung ausgehen. Bezeichnenderweise tragen zu diesem Zusammenhang gerade auch Anh\u00e4nger der \"Neuen Rechten\" - bei, die sich ansonsten betont gewaltfrei geben, aber \u00c4ngste, Ressentiments und Hass gegen\u00fcber Fremden sch\u00fcren. Neben der in weiten Teilen der rechtsextremistischen Szene zu beobachtenden Gewaltaffinit\u00e4t tritt regelm\u00e4\u00dfig eine hohe Affinit\u00e4t zu Waffen und Sprengstoff zu Tage. Im Zuge von Durchsuchungen bei Angeh\u00f6rigen der rechtsextremistischen Szene kommt es regelm\u00e4\u00dfig zum Auffinden von Waffen bzw. Waffenteilen und Substanzen, welche unter das Sprengstoffgesetz fallen. Der Besitz von Waffen und Sprengstoffen dient auch der sp\u00e4teren Verwendung zur Durchsetzung von politischen Zielen. So beschaffte sich die rechtsextremistische Gruppierung \"Oldschool Society\" (OSS) im Jahr 2015 einschl\u00e4gige Sprengmittel und Waffen mit dem Ziel, Anschl\u00e4ge auf Fl\u00fcchtlinge beziehungsweise deren Unterk\u00fcnfte zu begehen. Durch das OLG M\u00fcnchen erfolgte am 15. M\u00e4rz 2017 die Verurteilung von 4 Mitgliedern der OSS zu Haftstrafen zwischen drei und f\u00fcnf Jahren. Das Gericht sah es hierbei als erwiesen an, dass die Angeklagten eine terroristische Vereinigung bildeten. 41","5.1 Kampfsport als rechtsextremistisches Aktionsfeld Die Bedeutung des Kampfsports f\u00fcr die rechtsextremistische Szene ist im Laufe der letzten Jahre deutlich gestiegen. Mittlerweile existiert ein europaweites Netzwerk unterschiedlicher Kampfsportlabels, Bekleidungsvertriebe und Veranstaltungsorganisatoren. Auch ideologisch betten die unterschiedlichen Akteure - einhergehend mit einer schon zwanghaften Selbsterh\u00f6hung - den Kampfsport in ihr rechtsextremistisches Weltbild ein, dem sie damit einen elit\u00e4ren Anstrich geben. W\u00e4hrend in der Vergangenheit insbesondere einschl\u00e4gige Musikveranstaltungen die rechtsextremistische Erlebniswelt dominierten, besitzt mittlerweile der Kampfsport eine nicht unerhebliche Rekrutierungsfunktion. Zudem hat der Kampfsport einen ma\u00dfgeblichen Anteil an der Professionalisierung und Kommerzialisierung der rechtsextremistischen Szene. Noch in den 2000er Jahren beschr\u00e4nkte sich die damals kleine rechtsextremistische Kampfsportszene darauf, durch die blo\u00dfe Teilnahme an unpolitischen Kampfsportereignissen ihre Zielgruppe zu erreichen. Zuletzt war ein rapider Zuwachs an rechtsextremistischen Veranstaltungen im Bereich des Kampfsports zu beobachten, die in Eigenregie organisiert werden. Dies ist auf eine gestiegene Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckzuf\u00fchren: Unpolitische Veranstalter kommerzieller Events gerieten zunehmend unter Druck, wenn sie einen bekannten Neonazi in das K\u00e4mpferverzeichnis aufnahmen. So gaben sich die rechtsextremistischen Akteure schlie\u00dflich nicht mehr damit zufrieden, an Wettk\u00e4mpfen anderer Organisatoren teilzunehmen. Stattdessen gingen sie dazu \u00fcber, diese selbst zu veranstalten. Zu beobachten ist eine rapide zunehmende Professionalisierung sowie ein hoher Vernetzungsgrad zwischen den Veranstaltern verschiedener Events, welche regelm\u00e4\u00dfig internationale rechtsextremistische Protagonisten anziehen. Der Kampfsport dient als Bindeglied, dessen ideologische Komponente in den Kernbereich der gesamten rechtsextremistischen Szene einwirkt und gleichzeitig durch seinen EventCharakter die Attraktivit\u00e4t und das Rekrutierungspotenzial massiv st\u00e4rkt. Die \"Massenkompatibilit\u00e4t\" der rechtsextremistischen Kampfsportveranstaltungen ist auch auf die strikte Einhaltung beh\u00f6rdlicher Auflagen und die Eind\u00e4mmung von Alkoholexzessen bei den Besuchern zur\u00fcckzuf\u00fchren. Negative Ausw\u00fcchse, die in der Vergangenheit oftmals charakteristisch f\u00fcr Veranstaltungen der Szene waren und eine abschreckende Wirkung hatten, sucht man bei diesen Events vergeblich. 42","Neben den Kampfsportarten Boxen und Kickboxen wird klassisches Mixed Martial Arts (MMA) mit Vollkontakt betrieben, was dem kriegerischen Selbstbild und den allgemeinen Anforderungen an die \"Wehrkraft des Volksk\u00f6rpers\" gerecht wird. Diese Kampfsportvariante vereint Standund Bodenkampf sowie verschiedene Schlag-, Trittund Hebeltechniken zu einem schnellen und brutalen Konzept, welches den Anforderungen des waffenlosen Stra\u00dfenkampfes am ehesten entspricht. Trainiert wird in Sportschulen, die nicht zwingend dem rechtsextremistischen Spektrum zuzuordnen sind. Allerdings ist angesichts der oft vorhandenen markanten und einschl\u00e4gigen T\u00e4towierungen anzunehmen, dass die Gesinnung der Rechtsextremisten dort zumindest bekannt ist und geduldet wird. Die dahinterstehende Ideologie ist eine Abgrenzung zu einer - in den Augen der Protagonisten - verweichlichten Gesellschaft. Das harte Training, das hohe Verletzungsrisiko beim MMA und die St\u00e4hlung des eigenen K\u00f6rpers sind weitaus mehr als die Vorbereitung auf einen Wettkampf oder die Pflege der pers\u00f6nlichen Fitness. Propagiert wird vielmehr eine vermeintlich mystische Pflicht, die \"Volksgesundheit\" und \"Wehrhaftigkeit\" hochzuhalten und einen \"neuen Menschenschlag\" zu schaffen, der stark an das im Nationalsozialismus propagierte Ideal des Herrenmenschen angelehnt ist. Eine wesentliche ideologische Komponente ist in dieser Hinsicht der \"Straight Edge\"Gedanke. Er entstammt urspr\u00fcnglich der Punk-Szene der 1980er-Jahre und sollte eine Gegenbewegung zu den ausufernden Alkoholund Drogenexzessen der Jugendkultur darstellen, wobei es im Kern um den Verzicht auf Rauschmittel, um gesunde Ern\u00e4hrung bis hin zu Veganismus und sexueller Enthaltsamkeit geht. Symbol der Bewegung ist ein \"X\". Die rechtsextremistische Szene kn\u00fcpft hieran an. Unter ihr erlebt diese Str\u00f6mung eine gewaltbetonte und rassistische Renaissance als \"NS Straight Edge\". Die Reinheit des K\u00f6rpers, erlangt durch Abstinenz und hartes Training, ist dieser Philosophie zufolge eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Umwandlung einzelner Individuen hin zu einem wehrhaften und grundgesunden \"Volksk\u00f6rper\". Nur durch sie k\u00f6nne die \"n\u00e4chste Ebene\" erreicht werden. Auf Alkoholexzesse und den subkulturellen Lebensstil in den eigenen Reihen wird ver\u00e4chtlich herabgeschaut. Die Mitglieder der Kampfsportszene haben in der Regel ein elit\u00e4res Selbstbild, welches von Tugenden wie Flei\u00df, Disziplin und H\u00e4rte bestimmt wird. Ein ewig wiederkehrendes Mantra der Szene, das sich aus ihrem Weltbild ergibt, ist der \"Kampf gegen die Moderne\", welche als Sinnbild von Dekadenz und Verweichlichung strikt abgelehnt wird. Der vermeintliche Verfall der Gesellschaft wird mit einer empfundenen Erosion der \"Volksgesundheit\" gleichgesetzt. 43","Kampfsportvereinigung \"WARDON\" Bei \"WARDON\" oder auch \"WARDON 21\" handelt es sich um eine rechtsextremistische Kampfsportvereinigung, die 2017 von zwei langj\u00e4hrigen Rechtsextremisten aus dem Raum S\u00fcdth\u00fcringen gegr\u00fcndet wurde. Die Vereinigung ist dabei in vielf\u00e4ltiger Weise in die Organisation von Kampfsportveranstaltungen eingebunden und stellt auch einen eigenen Kampfsportkader. Die ideologische Ausrichtung dieser Gruppe ist offenkundig. Auf ihrem Facebook-Profil ist folgendes Statement zu finden: \"Unser K\u00f6rper ist unsere Festung, die einen gesunden Geist birgt. Wir verst\u00e4rken den Schildwall unseres Glaubens durch das vorangetragene Kreuzen unserer Arme und als Bekenntnis zur Freiheit durch eine volksgesundheitliche Lebensweise in Verhalten und Konsum.\" Hier wird deutlich, dass diese Gruppierung den Kampfsport nicht nur als solchen wahrnimmt, sondern ihm eine v\u00f6lkisch-mystische Verteidigungsfunktion beimisst, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt und sich - sowohl argumentativ als auch durch die zu einem \"X\" gekreuzten Arme im Logo symbolisch - bei der \"Straight Edge\"-Bewegung bedient. Weiter hei\u00dft es im Eingangsstatement in den sozialen Netzwerken: \"WARDON schenkt den niederen Ausw\u00fcchsen dieser morschen Zeit keinerlei Beachtung. Unbeirrbarkeit ist selbstbewusste Konsequenz. Wer uns jedoch herausfordert und als Feind gegen\u00fcbertritt, dem weisen wir den Weg mit unserer kampferprobten Faust. In Wort UND Tat!\" 14 Auch hier wird eine klare Freund-Feind-Unterscheidung deutlich, die sich nicht nur auf den sportlichen Wettstreit, sondern ebenfalls auf den politischen Kampf bezieht. Zudem orientiert sich auch diese Gruppe an einem von der \"Straight Edge\"-Bewegung gepr\u00e4gten Lebensstil mit Enthaltsamkeit, Sport und allgemein an einer \"volksgesundheitlichen Lebensweise\". Es ist bekannt, dass die Gruppierung bei Kampfsportveranstaltungen im Rahmen des \"Kampf der Nibelungen\" das Catering \u00fcbernahm und dort ausschlie\u00dflich veganes Essen, Smoothies und Proteinkuchen anbot. Nach eigener Aussage wurden hierbei ausschlie\u00dflich biologisch abbaubares beziehungsweise wiederverwendbares Besteck und Geschirr verwendet. 15 14 www.facebook.com, Eintrag vom 7. Oktober 2018. 15 Ebenda. 44","Im Mai f\u00fchrte die Gruppierung zum ersten Mal mit dem \"Heureka\"-Kongress eine eigene Veranstaltung durch. Hierbei handelte es sich nicht um ein Kampfsport-Event, sondern um ein Austauschforum mit Redebeitr\u00e4gen von F\u00fchrungskadern der rechtsextremistischen Kampfsportszene. Im Rahmen des von der Partei \"Der III. Weg\" organisierten \"Tags der Gemeinschaft\" unter dem Motto \"Jugend im Sturm\" am 7. Juli in Kirchheim beteiligte sich \"WARDON\" mit einem Redebeitrag. Au\u00dferdem unterhalten die F\u00fchrungspersonen von \"WARDON\" enge Kontakte zu der russischen \"NS Straight Edge\"-Szene um die Gruppe PPDM 16. Diese Verbindung steht exemplarisch f\u00fcr die internationale Vernetzung der rechtsextremistischen Kampfsportszene. Unter anderem traten die Protagonisten von \"WARDON\" in einem Ende 2018 auf dem YouTubeKanal von PPDM ver\u00f6ffentlichten Motivationsvideo auf. Die professionelle Ausrichtung der Kampfsport-Events, die Selbstinszenierung in den sozialen Medien sowie deren ideologische Unterf\u00fctterung haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich der Kampfsport neben der rechtsextremistischen Musikkultur zu einem wesentlichen Element des erlebnisorientierten rechtsextremistischen Lebensstils herausgebildet hat. Dabei erf\u00e4hrt insbesondere die Kriegerideologie der Nationalsozialisten durch die Verkn\u00fcpfung von Gewalt\u00e4sthetik und dem durch den \"Straight Edge\" befeuerten K\u00f6rperkult eine Renaissance. Diese \"reine Lebensweise\", gemischt mit dem Verzicht auf Alkohol und Drogen, macht diese Events auch f\u00fcr Personen der unpolitischen Kraftund Kampfsportszene interessant, die bisher keine rechtsextremistischen Bez\u00fcge aufweisen. Gerade das Angebot von Attraktionen f\u00fcr Kinder sowie das offene Bewerben der Veranstaltungen zeigt das gestiegene Selbstbewusstsein der Szene. Dies \u00e4u\u00dfert sich ebenfalls durch die geschickte Eigendarstellung und Dokumentation der Szene im Internet. Die Websites und Auftritte der Gruppierungen in den sozialen Medien vermitteln teilweise den Eindruck, dass es sich hierbei eher um moderne, international ausgerichtete Unternehmen als um gewaltbereite, rassistische und neonazistische Vereinigungen mit demokratiefeindlichen Zielsetzungen handelt. 16 \"Po Programme Dedushki Moroza\" (PPDM, deutsch \"Nach dem Programm von V\u00e4terchen Frost\"); Trainingsprogramm russischer Rechtsextremisten mit eigenem Modelabel. 45","Das Aktionsfeld \"Kampfsport\" hat im Jahr 2018 zunehmend an Bedeutung in der rechtsextremistischen Szene gewonnen, was sich generell an der Anzahl der Kampfsportveranstaltungen und den vermehrten Aktivit\u00e4ten von \"WARDON\" im Speziellen widerspiegelt. Die enge Kooperation von \"WARDON\" mit dem bekanntesten Veranstalter rechtsextremistischer Kampfsportevents, dem \"Kampf der Nibelungen\", die bestehenden Kontakte zu PPDM nach Moskau sowie die Kooperation mit f\u00fchrenden rechtsextremistischen Bekleidungsmarken, zeigen, dass die Vereinigung mit den wichtigsten Akteuren der rechtsextremistischen Kampfsportszene vernetzt ist und sich aktiv an prominenten Kampfsportveranstaltungen national und international beteiligt. Das zuk\u00fcnftige Potenzial von \"WARDON\" liegt vor allem in dem Angebot an die Generation junger Neonazis, sich als Teil einer Gemeinschaft aus \"Kriegern gegen die moderne Welt\" verstehen zu k\u00f6nnen. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr durch die rechtsextremistische Kampfsportszene im Allgemeinen sowie durch die Kampfsportvereinigung \"WARDON\" im Speziellen geht jedoch nicht von trainierten Stra\u00dfenk\u00e4mpfern aus, sondern von den so entstandenen transnationalen Netzwerken, die an weite Kreise der Szene die Akzeptanz von zielgerichteter physischer Gewalt gegen rechtsextremistische Feindbilder vermitteln. 5.2 \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" Die \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" besteht aus den Untergruppen \"Turonen\" und \"Garde 20\", wobei das hierarchische Verh\u00e4ltnis beider Gruppen bereits aus den Bezeichnungen hervorgeht. Der Gruppenname \"Garde 20\" bezieht sich auf das \"T\" als 20. Buchstaben des Alphabets, und kennzeichnet deren Mitglieder als sog. Supporter (Unterst\u00fctzer) der \"Turonen\". Insgesamt werden der \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" etwa 20 bis 30 Personen zugerechnet. Es handelt sich zu einem gro\u00dfen Teil um langj\u00e4hrige Szeneaktivisten aus verschiedenen Teilen Th\u00fcringens, insbesondere aus den Regionen Gotha und Saalfeld. Einige Mitglieder der \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" sind auch in rechtsextremistischen Bandprojekten engagiert. Als Anlaufstelle dient das sog. Gelbe Haus in Ballst\u00e4dt. 46","Das \u00f6ffentliche Auftreten ist durch das Tragen einer Lederkutte gepr\u00e4gt, wodurch ein gewisser der Rocker-Szene \u00e4hnlicher Habitus erzeugt werden soll, ohne jedoch dort angebunden zu sein. Die Kutten sind mit Abzeichen (Patches) versehen, die verschiedene Symbole aufweisen. Unter anderem sind ein Pfeilkreuz sowie eine Raute mit der Zahl 20 abgebildet. Die 20 repr\u00e4sentiert wiederum das Wort \"Turonen\". Bei dem Pfeilkreuz handelt es sich um das Symbol der ungarischen Faschisten (1935-1945). Das \u00f6ffentliche Verwenden des Pfeilkreuzes ist nicht strafbar nach SS 86a StGB. Ausgepr\u00e4gte Gewaltbereitschaft Mitglieder der \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" fielen bereits durch Gewaltt\u00e4tigkeiten auf. In Zusammenhang mit einem 2014 ver\u00fcbten \u00dcberfall auf eine Kirmesgesellschaft in Ballst\u00e4dt wurden im Mai 2017 11 Personen wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung von der Jugendstrafkammer des Landgerichts Erfurt zu Freiheitsstrafen verurteilt. Die Revisionsverfahren vor dem Bundesgerichtshof dauerten im Berichtszeitraum an. Aktivit\u00e4tsschwerpunkte Die \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" ist sowohl bundesweit als auch im europ\u00e4ischen Raum in der rechtsextremistischen Szene vernetzt. Besonders deutlich zeigt sich dies im Rahmen der Organisation und Durchf\u00fchrung von rechtsextremistischen Gro\u00dfveranstaltungen. Seit dem Jahr 2016 liegt hierin ein Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten. Im August 2016 startete die Veranstaltungsreihe \"Rock gegen \u00dcberfremdung\" im th\u00fcringischen Kirchheim. Im Oktober desselben Jahres wurde das \"Rocktoberfest\" (ca. 5.000 Teilnehmer) gemeinsam mit Rechtsextremisten aus der Schweiz als bis dato gr\u00f6\u00dftes rechtsextremistisches Konzert im deutschsprachigen Raum in Unterwasser (Schweiz) ausgerichtet. Im Juli 2017 fand die Veranstaltungsreihe \"Rock gegen \u00dcberfremdung\" in Themar mit der Unterst\u00fctzung von Tommy Frenck ihre Fortsetzung und eine Vergleich zum \"Rocktoberfest\" nochmals gestiegene Resonanz (ca. 6.000 Teilnehmer). 47","Die f\u00fcr den 25. August in Mattstedt geplante Kundgebung \"Rock gegen \u00dcberfremdung III\" wurde beh\u00f6rdlich verhindert. Steffen Richter, einer der f\u00fchrenden Akteure der \"Bruderschaft Th\u00fcringen\", meldete daraufhin f\u00fcr den 5./6. Oktober die Ersatzveranstaltungen \"Rocktoberfest gegen \u00dcberfremdung\" und \"Rock gegen \u00dcberfremdung III\" an. Als Veranstaltungsort war urspr\u00fcnglich eine landwirtschaftliche Fl\u00e4che nahe Magdala vorgesehen. Beide Veranstaltungen sollten Auftritte verschiedener Bands und Redner umfassen. F\u00fcr die Veranstaltungsreihe wurde eigens eine Homepage eingerichtet, die auch dem Kartenverkauf diente. Aufgrund einer kurzfristigen beh\u00f6rdlichen Nutzungsuntersagung f\u00fcr den Zuweg zum Veranstaltungsgel\u00e4nde fand das \"Rocktoberfest gegen \u00dcberfremdung\" auf einem Areal des Marktplatzes in Apolda statt. Nachdem die vom Veranstalter f\u00fcr den Folgetag angemeldete Eilversammlung im Szeneobjekt \"Erfurter Kreuz\" in Kirchheim durch die dortige Versammlungsbeh\u00f6rde untersagt worden war, wich man abermals auf den Apoldaer Marktplatz aus. Bereits gegen 18 Uhr kam es durch wartende Teilnehmer an einer Polizeieinlasskontrolle zu Durchbruchsversuchen, die unterbunden wurden. Aufgrund massiver \u00dcbergriffe auf Polizeibeamte w\u00e4hrend des weiteren Verlaufs l\u00f6ste der Versammlungsleiter gegen 20 Uhr, nach nur einem Bandauftritt, die Veranstaltung schlie\u00dflich auf. An beiden Veranstaltungstagen gab es keine der geplanten Informationsund Versorgungsst\u00e4nde. Die Veranstaltungsreihe \"Rock gegen \u00dcberfremdung\" sowie das damit verbundene Konzept, mit einer politischen Veranstaltung zugleich erhebliche kommerzielle Einnahmen zu erzielen, kamen 2018 insbesondere wegen beh\u00f6rdlicher Eingriffe nicht zur Umsetzung. Bereits die kurzfristige Untersagung der Nutzung des Gel\u00e4ndes f\u00fcr die Veranstaltung am 25. August in Mattstedt traf den Organisator nachhaltig. Obgleich die zu einem Preis von 35 Euro \u00fcber 48","eine eigens f\u00fcr die Veranstaltung eingerichtete Homepage verkauften Tickets ihre G\u00fcltigkeit f\u00fcr die Ersatzkundgebungen im Oktober behielten, blieben die Teilnehmerzahlen mit 750 und 800 Besuchern aufgrund der kurzfristigen Verlegung der Veranstaltungsort nach Apolda weit unter den Erwartungen des Anmelders (1.000 bis 3.000 Personen). Das im Vorfeld beworbene Programm von Redeund Musikbeitr\u00e4gen kam nur ansatzweise zur Umsetzung. Die szeneinterne Resonanz reichte von deutlicher Kritik am Veranstalter bis zu Solidarit\u00e4tsbekundungen und Spendenaufrufen f\u00fcr ihn. Die \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" war auch im Jahr 2018 eine der herausragenden rechtsextremistischen Gruppierungen in Th\u00fcringen. Seit dem Jahr 2016 ist sie bundesweit eine der ma\u00dfgeblichen Organisationen im Bereich rechtsextremistischer Gro\u00dfveranstaltungen. Hierbei helfen ihr die pers\u00f6nlichen Kontakte ihrer Akteure. Wegen der langj\u00e4hrigen Zugeh\u00f6rigkeit zur rechtsextremistischen Szene gibt es Kennverh\u00e4ltnisse zu Protagonisten bundesund europaweit. Nach dem regionalen \"Testlauf\" im August 2016 in Kirchheim (\"Rock gegen \u00dcberfremdung I\"), einer Veranstaltung mit einer dreistelligen Teilnehmerzahl, agierte die \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" beim \"Rocktoberfest\" im Oktober 2016 gemeinsam mit befreundeten Rechtsextremisten aus der Schweiz. Diese internationale Kooperation f\u00fchrte zu einer deutlich gestiegenen Teilnehmerzahl im vierstelligen Bereich. Daran kn\u00fcpfte man im Juli 2017 an, indem man mit Tommy Frenck bei der Organisation von \"Rock gegen \u00dcberfremdung II\" zusammenarbeitete. Die Teilnehmerzahl vom vorhergehenden \"Rocktoberfest\" konnte nun auf etwa 6.000 Teilnehmer erh\u00f6ht werden. Hierbei ist auch zu konstatieren, dass das zuvor im Mai 2017 ergangene Urteil des Landgerichts Erfurt offenbar keinen Einfluss auf die Aktivit\u00e4ten der Gruppierung hatte. Die \"Bruderschaft Th\u00fcringen\" scheiterte 2018 an ihrem Anspruch, die Federf\u00fchrung bei der Organisation einer Gro\u00dfveranstaltung auszu\u00fcben. Vielmehr erfuhr sie durch die Ereignisse in Mattstedt, Magdala und Apolda einen erheblichen R\u00fcckschlag. Inspiriert von fr\u00fcheren Veranstaltungsverl\u00e4ufen und den damit verbundenen wirtschaftlichen Ertr\u00e4gen d\u00fcrfte die Gruppierung jedoch auch k\u00fcnftig bestrebt sein, Gro\u00dfveranstaltungen dieser Art durchzuf\u00fchren. Zudem bleibt der Handlungsdruck hoch, die besch\u00e4digte Reputation innerhalb der rechtsextremistischen Szene wieder herzustellen. 49","5.3 \"Blood & Honour\" \"Blood & Honour\" (B&H, deutsch: Blut & Ehre; im Nationalsozialismus Leitspruch der Hitlerjugend) entstand in den 1980er Jahren in Gro\u00dfbritannien. Gegr\u00fcndet wurde dieses internationale Netzwerk von Ian Stuart Donaldson, zu jener Zeit Bandleader der rechtsextremistischen Band \"Skrewdriver\". In Deutschland gr\u00fcndete sich Anfang der 1990er Jahre ebenfalls ein Ableger (sog. Division Deutschland), welche jedoch im Jahr 2000 verboten wurde. Das Logo von B&H ist in den Farben schwarz-wei\u00df-rot gehalten. Neben dem Schriftzug bildet es eine Triskele ab. In rechtsextremistischen Kreisen wird die Triskele oft als \"dreiarmiges Hakenkreuz\" gedeutet. In den Jahren nach dem Verbot gab es stets kleine Gruppen, die unter dem Label B&H in der Szene aktiv waren. Die Vorgehensweise war bzw. ist sehr konspirativ, da man wegen des Verbots mit Ma\u00dfnahmen der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden rechnen muss. Das Label B&H nimmt bis heute im Bereich der subkulturellen rechtsextremistischen Musik eine besondere Stellung ein. Vor allem Textilien jeglicher Art mit dem Schriftzug \"Blood & Honour\" und Konzerte, die mit der Zahlenkombination \"28\" werben, sind h\u00e4ufig zu finden. Die \"28\" (zweiter Buchstabe des Alphabets B und achter Buchstabe H) ist in der rechtsextremistischen Szene der Code f\u00fcr die Organisation B&H. B&H ist trotz Verbotes weiterhin ein bedeutender Ankn\u00fcpfungsund Identifikationspunkt, vor allem f\u00fcr Rechtsextremisten der subkulturellen Musikszene. In den Nachbarl\u00e4ndern Deutschlands ist B&H nicht verboten. Das internationale Netzwerk besteht nach wie vor. Bekannt geworden sind in den vergangenen Jahren u.a. die Teilnahme von Th\u00fcringer Sympathisanten am \"Tag der Ehre\" in Budapest/Ungarn (Gedenkveranstaltung anl\u00e4sslich des Ausbruchs50","versuchs deutscher und verb\u00fcndeter ungarischer Soldaten im Februar 1945) sowie an rechtsextremistischen Konzerten im Ausland. Am 12. Dezember fanden bei zw\u00f6lf Beschuldigten in f\u00fcnf Bundesl\u00e4ndern, unter anderem in Th\u00fcringen, Durchsuchungsma\u00dfnahmen der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden statt. Hintergrund war ein Ermittlungsverfahren der Generalstaatsanwaltschaft M\u00fcnchen und des Polizeipr\u00e4sidiums Niederbayern wegen des Verdachts der Fortf\u00fchrung einer verbotenen Vereinigung gem\u00e4\u00df SS 85 StGB. Gegen vier Personen wurden Haftbefehle vollstreckt. Allen Beschuldigten wird vorgeworfen, sich als Mitglied oder Unterst\u00fctzer der im Jahr 2000 verbotenen Vereinigung B&H zu bet\u00e4tigen oder dazu beizutragen, deren organisatorischen Zusammenhalt aufrecht zu erhalten. Bei den Durchsuchungen konnte rechtsextremistisches Propagandamaterial sichergestellt werden. Den Beschuldigten wird zur Last gelegt, vor allem Tontr\u00e4ger mit verbotenem rechtsextremistischen Liedgut sowie Merchandise-Artikel mit verbotenen Symbolen nach Deutschland eingef\u00fchrt und vertrieben zu haben. In Th\u00fcringen gab es bereits im Jahr 2016 Ermittlungen gegen vier Rechtsextremisten, denen vorgeworfen wurde, unter dem Namen \"Blood & Honour S\u00fcdth\u00fcringen\" eine Ersatzorganisation f\u00fcr die verbotene Organisation B&H gegr\u00fcndet zu haben. 5.4 \"Combat 18\" (C18) Im Fokus deutscher Sicherheitsbeh\u00f6rden steht auch die Gruppierung \"Combat 18\" (C18). Die Kombination aus dem englischen Wort \"Combat\" (deutsch \"Kampf\") und den Zahlen 1 und 8, welche f\u00fcr den ersten und achten Buchstaben im Alphabet stehen, den Initialen Adolf Hitlers, steht f\u00fcr \"Kampf\" bzw. \"Kampfgruppe Adolf Hitler\". \"Combat 18\" entstand 1992 als Sicherheitsdienst f\u00fcr die rechtsextremistische \"British National Party\" (BNP). In der Folgezeit kooperierte die Gruppierung auch mit anderen rechtsextremistischen Organisationen und Hooligangruppierungen in Gro\u00dfbritannien. 51","\"Combat 18\" bezeichnete sich zudem als \"Der offizielle bewaffnete Arm von Blood & Honour\". Die Entwicklung in Gro\u00dfbritannien in der 1990er Jahren strahlte auch in andere L\u00e4nder aus. Hierdurch bildeten sich auch in diesen Personenzusammenschl\u00fcsse mit Bezug zu \"Combat 18\" heraus. Auch in Deutschland werden seitens der Sicherheitsbeh\u00f6rden in den letzten Jahren vermehrt Aktivit\u00e4ten von \"Combat 18\" festgestellt. So existiert mittlerweile eine Gruppierung \"Combat 18 Deutschland\" (C18 - Deutschland), dessen ma\u00dfgebliche F\u00fchrungsfiguren in Th\u00fcringen ans\u00e4ssig sind. Der besondere Bezug der Gruppierung zu Gewalt und Waffen manifestierte sich unter anderem im Zuge einer Grenzkontrolle am Grenz\u00fcbergang Schirnding (Bayern) im Jahr 2017. Dort kontrollierte die Bundespolizei 12 Angeh\u00f6rige von \"Combat 18 - Deutschland\" bei der Wiedereinreise aus der Tschechischen Republik, wo sie zuvor einen Schie\u00dfstand besucht haben sollen. Bei der Durchf\u00fchrung der Grenzkontrolle wurden Patronen, Gewehrmunition und Flintenlaufgeschosse aufgefunden und beschlagnahmt. 52","6. Weitere rechtsextremistische Gruppen 6.1 Ehemaliges Rittergut in Guthmannshausen - \"Verein Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e.V.\" Der Verein \"Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.\" wurde 1992 in Vlotho (Nordrhein-Westfalen) gegr\u00fcndet. Unter dem Deckmantel des Gedenkens an die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs agitiert der Verein gegen den demokratischen Verfassungsstaat und versucht, mit geschichtsrevisionistischem Gedankengut Anschluss an weitere Kreise der Gesellschaft zu erlangen. Er bietet Rechtsextremisten verschiedener Str\u00f6mungen eine etablierte Plattform zum Diskurs und erf\u00fcllt damit eine organisations\u00fcbergreifende Vernetzungsfunktion innerhalb der rechtsextremistischen Szene. Seit 2011 verf\u00fcgt der Verein \u00fcber eine Immobilie in Guthmannshausen. 17 Im Berichtszeitraum fanden unter anderem folgende Veranstaltungen statt: 17./18. Februar Vortragwochenende 24./25. M\u00e4rz Vortragswochenende 7. April Seminar 21./22. April Vortragswochenende 12./13. Mai Vortragswochenende 16./17. Juni Vortragswochenende 7. Juli Sommerfest des Udo Voigt mit ca. 200 Teilnehmern 4./5. August 4. Sommerfest des Vereins 17. August Vortragsund Liederabend 22./23. September Vortragswochenende 20./21. Oktober Vortragswochenende 27.Oktober Zeitzeugenvortrag 17 Im Jahr 2011 erwarb eine als Privatperson auftretende K\u00e4uferin die zuvor in Landesbesitz befindliche Immobilie in Guthmannshausen. Sp\u00e4ter wurde bekannt, dass die neue Eigent\u00fcmerin seit dem Jahr 2010 dem Verein \"Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.\" angeh\u00f6ren soll. Die vom Freistaat Th\u00fcringen daraufhin wegen arglistiger T\u00e4uschung angestrengte Anfechtungsklage wies das Landgericht Erfurt mit Urteil vom 26. April 2013 als unbegr\u00fcndet zur\u00fcck. 53","3. November Seminar 15./16. November Arbeitseinsatz in Guthmannshausen 17./18. November Vortragswochenende 15./16. Dezember Vortragswochenende Auf dem weitl\u00e4ufigen Grundst\u00fcck in Guthmannshausen befindet sich eine sog. Kulturund Tagungsst\u00e4tte, die bis zu 180 Zuh\u00f6rern und ca. 30 \u00dcbernachtungsg\u00e4sten Platz bietet. Die R\u00e4umlichkeiten werden nicht nur f\u00fcr eigene Vortragsveranstaltungen genutzt, sondern verschiedenen rechtsextremistischen Gruppierungen zur Verf\u00fcgung gestellt. Der Verein errichtete auf dem Gel\u00e4nde zudem mit Spendengeldern finanzierte Gedenksteine f\u00fcr verschiedene deutsche Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges. Der Verein bem\u00fchte sich stets, in der \u00f6ffentlichen Darstellung den Vereinszweck (Errichtung einer Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges) ohne rechtsextremistische Bez\u00fcge zu vermitteln. Damit einher ging das Bestreben, Bev\u00f6lkerungskreise au\u00dferhalb des rechtsextremistischen Spektrums f\u00fcr sich zu gewinnen und ideologischen Einfluss auf b\u00fcrgerliche, national-konservative Kreise zu erlangen. Zudem sah man von Vertreibung Betroffene als weitere m\u00f6gliche Spender f\u00fcr die umfangreichen Renovierungsma\u00dfnahmen des Rittergutes. Der Verein unterhielt seit seiner Gr\u00fcndung vielf\u00e4ltige Verbindungen zu rechtsextremistischen Organisationen (z. B. \"Europ\u00e4ische Aktion\") und Parteien (z. B. NPD) sowie in die neonazistische Szene (Kameradschaften). Intention des Vereins ist eine verdeckte Einflussnahme auf das politische Klima. So wurden in der Vergangenheit u. a. \"Seminare f\u00fcr rechte Metapolitik\" durchf\u00fchrt. Die Referenten dieser Seminare verf\u00fcgen zumeist \u00fcber einen akademischen Hintergrund und streben ein \"wissenschaftliches\" Niveau bei der Wissensvermittlung an. Anders als der Titel dieser Veranstaltungen verhei\u00dfen mag, handelt es sich nicht um ein Angebot zur politischen Bildung als vielmehr um eine Austausch individueller Denkans\u00e4tze zu verschiedensten Themen (Kultur, Sprache, Emotion u. \u00c4.), wodurch eine \"geistige Ver\u00e4nderung\" im vorpolitischen Raum erreicht werden soll. Zentrales Anliegen ist auch hier, die Anschlussf\u00e4higkeit \u00fcber die eigenen Kreise hinaus zu erh\u00f6hen. 54","In der zum 25-j\u00e4hrigen Bestehen des Vereins \"Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.\" herausgegebenen Brosch\u00fcre hei\u00dft es: \"Das Jahrhundert des Kapitalismus, das Jahrhundert der L\u00fcge und der Ausbeutung neigt sich unweigerlich seinem Ende zu [...] Es ist ja kein Zufall, da\u00df Menschenmassen unser Land wie bei einer Invasion besetzen. Man hat aus den letzten Kriegen gelernt: Ein zerst\u00f6rtes Land kann man wieder aufbauen, ein zerst\u00f6rtes Volk nicht! Multikultur ist ein Vernichtungsprogramm der 'Neuen Weltordnung' (NWO).\" Der Verein deutet das Geschichtsbild - insbesondere \u00fcber das Dritte Reich und den Nationalsozialismus - zugunsten einer wohlwollenden bis rechtfertigenden Betrachtung mit dem Ziel um, die bisherige gesamtgesellschaftliche Delegitimierung rechtsextremistischer Ideologie sukzessive aufzuweichen. So hei\u00dft es in der Jubil\u00e4umsbrosch\u00fcre: \"Wir fragen schon lange und zu Recht: Wieso st\u00f6\u00dft man bei der Geschichtsforschung \u00fcber die Zeit der ersten H\u00e4lfte des vorigen Jahrhunderts auf so viel Widerstand? Warum werden von der verordneten Sichtweise abweichende Forschungsergebnisse teilweise sogar juristisch verfolgt? Wieso finden viele von den Siegerm\u00e4chten des Zweiten Weltkrieges ge\u00e4u\u00dferte Kriegsspr\u00fcche keinen Eingang in unsere Geschichtsb\u00fccher? Warum ist man bem\u00fcht, die Opferzahlen der Unterlegenen des Zweiten Weltkrieges herunterzustufen, w\u00e4hrend man andererseits die Opferzahlen der Sieger des Zweiten Weltkrieges nicht hoch genug ansetzen kann?\" \"Zur \u00dcberwindung der gro\u00dfen geschichtlichen L\u00fcgen, die uns durch unsere ehemaligen Gegner und die von ihnen beherrschten Massenmedien auch heute noch - fast t\u00e4glich - aufgetischt werden, braucht es Mut, Wissen und einen aufrechten Charakter.\" Fremdenfeindliche Positionen werden inzwischen offen vertreten und in Zusammenhang mit einer (j\u00fcdischen) Verschw\u00f6rung gegen Deutschland gestellt: \"Es gibt inzwischen Str\u00f6mungen im Ausland und in gro\u00dfen Ans\u00e4tzen auch bei uns, die die derzeitige \u00dcberfremdung unseres Kontinents nicht widerspruchslos hinnehmen wollen. Der Hooton-Plan 18 von 1943 in seinem finalen Erscheinungsbild mu\u00df 18 Der US-amerikanische Pal\u00e4oanthropologe Ernest Albert Hooton ver\u00f6ffentlichte 1943 einen Aufsatz, in dem er u. a. f\u00fcr die Ansiedlung ausl\u00e4ndischer Bev\u00f6lkerung in Deutschland pl\u00e4dierte, um dem deutschen Nationalismus entgegenzuwirken. 55","gestoppt werden. Dann werden auch die kriegerischen Auseinandersetzungen des letzten Jahrhunderts, die genau hier ihre Ursachen haben, v\u00f6llig neu bewertet werden.\" Die Immobilie in Guthmannshausen diente auch 2018 als regelm\u00e4\u00dfig genutzter Veranstaltungsort. Die auf der eigenen Internetseite beworbenen Vortr\u00e4ge wie \"Der Aufund Abstieg einer nationalen Partei in Deutschland\", \"Deutschland und die soziale Ordnung der Zukunft\" oder \"Englisch, Englisch \u00fcber alles in der Welt\" zeigen zun\u00e4chst keine klare rechtsextremistische Ausrichtung. Jedoch handelt es sich bei den Vortragenden \u00fcberwiegend um exponierte Protagonisten des rechtsextremistischen Spektrums. Beispielhaft f\u00fcr das Vernetzungsbestreben des Vereins steht das j\u00e4hrliche Sommerfest des \"Freundeskreises Udo Voigt\", das am 7. Juli erneut auf dem Grundst\u00fcck der Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte stattfand. Es nahmen Rechtsextremisten unterschiedlicher Str\u00f6mungen aus dem Bundesgebiet und dem europ\u00e4ischen Ausland teil. Angeh\u00f6rige der NPD waren ebenso vertreten wie parteiungebundene Rechtsextremisten, so z. B. Tommy Frenck, und einschl\u00e4gige Liedermacher. Der \"Verein Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.\" bietet Rechtsextremisten verschiedener Str\u00f6mungen eine etablierte Plattform zum intellektuellen Diskurs. Er besitzt eine organisations\u00fcbergreifende Vernetzungsfunktion innerhalb der rechtsextremistischen Szene. Es ist naheliegend, dass der Verein in Zukunft wiederum Kontakt zu verschiedenen rechtsextremistischen Gruppierungen sucht und diese Beziehungen vertiefen will. Der nunmehr feststellbare offenere Umgang mit rechtsextremistischen Positionen und Protagonisten geht mutma\u00dflich darauf zur\u00fcck, dass insbesondere der Vereinsvorsitzende einen Umschwung des gesamtgesellschaftlichen Meinungsklimas wahrgenommen zu haben glaubt, der eine 56","radikalere Diktion und Ausrichtung zu erlauben scheint, ohne Unterst\u00fctzer au\u00dferhalb des rechtsextremistischen Spektrums zu verlieren. 6.2 \"Thing-Kreis\" in Themar Der Th\u00fcringer Rechtsextremist Axel Schlimper etablierte mit dem \"Thing-Kreis\" 19 in Themar monatliche Treffen, um die regionale rechtsextremistische Szene zu einem Gedankenaustausch zusammenzuf\u00fchren. Seit Anfang 2018 versammelte sich der \"Thing-Kreis\" regelm\u00e4\u00dfig zu Vollmond auf einer auch Freifl\u00e4che in Themar, die auch als Veranstaltungsgel\u00e4nde f\u00fcr Rechtsrockkonzerte genutzt wird. Die Treffen werden jeweils in einem vor Ort errichteten Steinkreis abgehalten, der eine Jurte und ein Lagerfeuer umschlie\u00dft. Der auch als einschl\u00e4giger Liedermacher aktive Schlimper umrahmt die Versammlungen zumeist musikalisch. Die Veranstaltungen werden regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber soziale Medien, z. B. \"Telegram\", beworben. Schlimper engagierte sich vormals als \"Gebietsleiter Th\u00fcringen\" in der Gruppe \"Europ\u00e4ische Aktion\" (EA). Die antisemitisch und verschw\u00f6rungstheoretisch gepr\u00e4gte EA verstand sich als \u00fcberparteiliche europ\u00e4ische Sammlungsbewegung. Das Anh\u00e4ngerpotenzial war gemischt, blieb aber mit ca. 100 Personen weit hinter dem eigenen Anspruch zur\u00fcck. Im Juni 2017 gab die Gruppe schlie\u00dflich ihre Selbstaufl\u00f6sung bekannt, wobei abzuwarten bleibt, ob die EA auch zuk\u00fcnftig keinerlei Aktivit\u00e4ten entfaltet In der Vorstellungswelt der EA war die Annahme einer j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung ebenso fest verankert wie die Ablehnung \"fremdkontinentaler\" Einwanderung. Die \"Thing-Kreise\" befassten sich jeweils mit dem Thema \"Sicherheitsrisiko durch Einwanderung\". Der Teilnehmerkreis repr\u00e4sentierte ein breites Spektrum der regionalen und \u00fcberregionalen rechtsextremistischen Szene; mitunter versammelten sich bis zu 40 Personen. Ma\u00dfgebliche organisatorische Unterst\u00fctzung leistete eine der NPD angeh\u00f6rende Th\u00fcringerin. Sie pflegt Kontakte zu Protagonisten der Partei, wie Udo Voigt und Thorsten Heise, aber auch dar\u00fcber hinaus in das \u00fcbrige rechtsextremistische Spektrum, etwa zu Tommy Frenck oder der Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel. Gemeinsam mit Schlimper vertrat sie den \"Thing-Kreis\" beim Sommerfest von Udo Voigt am 7. Juli in Guthmannhausen. 19 Urspr\u00fcngliche Bezeichnung f\u00fcr eine germanische Ratsversammlung. 57","Sonnenwendfeier am 23. Juni Die am 23. Juni durchgef\u00fchrte Sommersonnenwendfeier des \"Thing-Kreises\" stand unter dem Motto \"Unsere Heimat unser Recht - Aufrechterhaltung der deutschen Leitkultur durch Brauchtumspflege - Abgrenzung zur Einwanderung\". Es nahmen 38 Personen teil, darunter auch der damalige Th\u00fcringer NPD-Vorsitzende Thorsten Heise. W\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus wurden Sonnenwendfeiern als Teil der \"BlutBoden\"-Ideologie praktiziert. \"Abenteuer-Zeltlager\" f\u00fcr Kinder Der \"Thing-Kreis\" warb im August \u00fcber Facebook f\u00fcr ein \"Abenteuer-Zeltlager\" im Th\u00fcringer Wald f\u00fcr Kinder ab f\u00fcnf Jahren. Sp\u00e4teren Verlautbarungen zufolge nahmen acht Kinder dieses Angebot wahr. Man habe Wanderungen und Spiele durchgef\u00fchrt, \u00dcberlebensund Erste-Hilfe-Techniken vermittelt sowie Kr\u00e4uterkunde betrieben. Zum Abschluss sei das Deutschlandlied vollst\u00e4ndig gesungen worden. 20 Dem unverf\u00e4nglich erscheinenden Angebot nach sollte der Bezug zur Natur gef\u00f6rdert werden. Tats\u00e4chlich dienen auch derartige als Kinderbetreuung verbr\u00e4mte Offerten der Heranf\u00fchrung an extremistische Kreise und deren Ideologie. Fackelmarsch am 22. Dezember Als Jahresabschlussveranstaltung des \"Thing-Kreises\" wurde am 22. Dezember ein Fackelmarsch unter dem Motto: \"Fackeln f\u00fcr die Freiheit, gegen DDR-Methoden und Unterdr\u00fcckung\" zusammen mit Tommy Frenck von dessen Gasthaus \"Goldener L\u00f6we\" in Kloster Ve\u00dfra nach Themar zur Veranstaltungswiese durchgef\u00fchrt. Es nahmen ca. 40 Personen, darunter Kinder, teil. 20 Die deutsche Nationalhymne in der aktuellen Fassung ist die dritte Strophe des Deutschlandliedes, s. dazu Bulletin des Presseund Informationsamtes der Bundesregierung Nr. 89/1991 vom 27. August 1991. 58","Bei dem \"Thing-Kreis\" handelt es sich um eine Splittergruppe innerhalb der rechtsextremistischen Szene Th\u00fcringens. Der Wirkungskreis resultiert aus der Umtriebigkeit der ma\u00dfgeblichen S\u00fcdth\u00fcringer Akteurin, welche eine weitreichende Vernetzung innerhalb des gesamten rechtsextremistischen Spektrums besitzt. Dies verdeutlicht sich unter anderem in der 2018 erfolgten Zusammenarbeit mit Axel Schlimper, einem der f\u00fchrenden Aktivisten der ehemaligen EA. Des Weiteren verf\u00fcgt sie durch ihre NPD-Zugeh\u00f6rigkeit \u00fcber zahlreiche Kontakte in der Partei, unter anderem zu f\u00fchrenden Mitgliedern wie Udo Voigt und Thorsten Heise. Ebenfalls kann sie auf Kontakte zu bundesweit agierenden Rechtsextremisten wie die bekannte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel zur\u00fcckgreifen. Neben der oben dargestellten rechtsextremistischen Ausrichtung und Vernetzung des \"Thing-Kreises\" ist von gesellschaftlich besonderer Relevanz, dass die Gruppierung versucht bereits Kinder an sich binden und ideologisch zu schulen. Die im Nachgang des KinderAbenteuer-Zeltlagers get\u00e4tigte Aussage zu den diversen Freizeitangeboten und der zum Abschluss gesungenen fr\u00fcheren Version der Deutschlandhymne soll bewusst das zumindest ebenfalls verfolgte Ziel der ideologischen Einflussnahme auf Kinder \u00fcberdecken. 6.3 \"Die Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer Lebensgestaltung e. V.\" (AG - GGG) Die 1951 gegr\u00fcndete germanisch-heidnische \"Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgem\u00e4\u00dfer Lebensgestaltung e. V.\" (AG - GGG) hat ihren Sitz in Berlin. Die AG - GGG versteht sich als Glaubensbund, der \"die Kultur der nordeurop\u00e4ischen Menschenart bewahren, erneuern und weiterentwickeln\" will und verbindet germanisch-heidnische Glaubensans\u00e4tze mit rassistischen Vorstellungen und Zielen. Von ihren bundesweit ca. 100 Mitgliedern sind nur einzelne in Th\u00fcringen ans\u00e4ssig. 59","Die AG - GGG gibt eine Schriftenreihe heraus und verf\u00fcgt \u00fcber einen Buchdienst und eine Website. Der Buchdienst ver\u00f6ffentlicht als Standardwerke angesehene B\u00fccher und Schriften zu heidnischen Themen und religi\u00f6sem Brauchtum auf einer rassistischen Grundlage. Viertelj\u00e4hrlich erscheint die \"Nordische Zeitung\" (NZ). Zu den im Jahr 2018 durch die AG - GGG durchgef\u00fchrten Veranstaltungen in Ilfeld z\u00e4hlten unter anderem: 23.-25. M\u00e4rz Fr\u00fchlingsfest 22.-24. Juni Gemeinschaftstage zur Sonnenwendfeier 21.-23. September Herbstfest 16.-18. November Treffen, ca. 90 Personen 7.-9. Dezember Julfest, ca. 110 Personen Ihre regelm\u00e4\u00dfigen \u00fcberregionalen \"Gemeinschaftstagungen\" zu den Tagund Nachtgleichen sowie den Sommerbzw. Wintersonnenwenden f\u00fchrte die AG - GGG im Berichtszeitraum im Bereich Nordth\u00fcringen durch. Die in geschlossenen Veranstaltungen abgehaltenen Zusammenk\u00fcnfte kommen dem \u00e4u\u00dferen Anschein nach Volksfesten oder geselligen Familienveranstaltungen gleich. Unter Vorgabe germanischer Brauchtumspflege wird eine \"Lagerfeuerromantik\" inszeniert, die das Interesse insbesondere junger Teilnehmer an dem offen rechtsextremistischen Regelwerk der AG - GGG wecken soll. Die AG - GGG bezeichnet sich als \"gr\u00f6\u00dfte heidnische Gemeinschaft Deutschlands\". Sie stellt sich als \"Glaubensbund\" dar, welcher \"der Bewahrung, Erneuerung und Weiterentwicklung der Kultur der nordeurop\u00e4ischen Menschenart\" dienen und an die Wertvorstellungen der heidnischen Vorfahren ankn\u00fcpfen will. Die ethischen Vorstellungen der AG - GGG werden im \"Sittengesetz unserer Art\" beschrieben. Glaubensbekenntnisse wie das \"Sittengesetz\" sind auf \"Menschen unserer Art\" ausgerichtet, wobei \"Menschenarten\" als in \"Gestalt und Wesen\" verschieden angesehen werden. Mitglieder m\u00fcssen \"ersichtlich unserer (germanischen) Menschenart\" angeh\u00f6ren. In einer \"gleichartigen Gattenwahl\" wird die \"Gew\u00e4hr f\u00fcr gleichartige Kinder\" gesehen. Tats\u00e4chlich 60","will sie vor allem die \"nordische Rasse\" erhalten, wendet sich vehement gegen jede Rassenmischung und vertritt v\u00f6lkisch-rassistisches, revisionistisches und antisemitisches Gedankengut. 21 Die Anerkennung des F\u00fchrertums, die Forderung nach Unterordnung des Einzelnen unter die Gemeinschaft, wie auch die Verpflichtung zur Reinheit der Rasse bzw. Art stehen den Wertprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, insbesondere den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten entgegen. Die AG-GGG bietet Rechtsextremisten mit Veranstaltungen wie Sonnenwendfeiern, einem eigenen Glaubensbekenntnis und traditionellem Brauchtum einen theoretischen und kulturellen Rahmen. Dieser soll Familien und Kinder an rassistische \u00dcberzeugungen heranf\u00fchren und sie dauerhaft an die Organisation binden. Die AG - GGG schottet sich nach au\u00dfen ab, um ihre rechtsextremistische Ausrichtung zu verschleiern. Den Mitgliedern - zum Teil ehemalige Anh\u00e4nger verbotener Organisationen - wird auf diese Weise ein gesicherter R\u00fcckzugsraum geboten. Dieser R\u00fcckzugsraum wird durch Ideale wie die \"eigene Art\" und \"Rasse\" gepr\u00e4gt. Die Jugend ist angehalten, den eigenen K\u00f6rper zu ert\u00fcchtigen, etwa durch den \"Germanischem Sechskampf\". Die AG - GGG versucht stetig, ihre Bedeutung zu festigen und auszubauen. Es bestehen gleichwohl ausgew\u00e4hlte, d. h. strategische Verbindungen zu anderen rechtsextremistischen Gruppierungen. Ein wesentliches Ziel der AG - GGG ist es weiterhin, im intellektuellen und kulturellen Bereich des Rechtsextremismus eine herausgehobene Stellung innezuhaben. 21 \"Das Verh\u00e4ltnis des Juden zu seinem Gott wird trotz aller ,Erziehung' stets ein anderes bleiben als das des echten Deutschen. Mit anderen Worten: das Blut, die Rasse ist der Urgrund aller Weltanschauung. [...] Dies ist die Wurzel der germanischen Rassezuchtund Auslesegesetze, die \u00fcberdies nur eine v\u00f6llig kurzsichtige Weichlichkeit als hart oder gar ,unmenschlich' empfinden kann.\" (\"Das deutsche Erbhofrecht\" in \"Nordische Zeitung\" (NZ), Heft 3/Juli-Sept. 2012, S. 49 ff) Autor war Erwin Metzner (1890 - 1969), deutscher NSAgrarfunktion\u00e4r und SS-F\u00fchrer. 61","III. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" 1. \u00dcberblick \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" bilden eine organisatorisch und ideologisch heterogene Szene, welche die Existenz der Bundesrepublik Deutschland, seiner Repr\u00e4sentanten sowie die gesamte Rechtsordnung ablehnt. Die Szene ist \u00fcberwiegend auf sich selbst bezogen. Es agieren gr\u00f6\u00dftenteils Einzelpersonen, mit teils wahnhaft kranker Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung bis hin zum politischen Provokateur, und (lose) Personenzusammenschl\u00fcsse. Nur vereinzelt bilden sich stabilere Gruppen, die allerdings starke Tendenz aufweisen, sich nach einiger Zeit erneut aufzuspalten. Aus der grunds\u00e4tzlichen Ablehnung der Bundesrepublik Deutschland, ihrer Gesetze und Institutionen ergeben sich tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr die Bewertung des Ph\u00e4nomenbereichs als verfassungsfeindliche Bestrebung und einer damit verbundenen Beobachtung durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Das Ph\u00e4nomen ist den Beh\u00f6rden in Deutschland bereits seit Jahren bekannt, erfuhr jedoch im Jahr 2016 aufgrund von Vorf\u00e4llen eine neue Bedeutung 22, als Reichsb\u00fcrger u. a. Schusswaffen gegen Polizisten einsetzten. Daraus resultierten eine ganzheitliche Betrachtungsweise und eine Intensivierung der Beobachtung dieser Szene ein. Im Jahr 2018 waren ihr Deutschlandweit ca. 19.000 Personen - darunter ca. 950 Rechtsextremisten - zuzurechnen. Auch wenn nur ein zahlenm\u00e4\u00dfig geringer Teil der Szene ideologisch ebenfalls dem Rechtsextremismus zugeordnet werden kann, ist die Argumentation der \"Reichsb\u00fcrger\" von rechtsextremistischen Ideologiefragmenten, geschichtsrevisionistischen Mythen sowie Verschw\u00f6rungsfantasien durchsetzt. 22 Im Zuge eines Polizeieinsatzes am 19. Oktober 2016 in Georgensgm\u00fcnd (Bayern) wurde ein Polizeibeamter von einem bekennenden Reichsb\u00fcrger erschossen. 62","2. Ideologie Die Ideologie der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" umfasst ein Gewirr von grotesken politischen Ansichten. Mit meist pseudojuristischen, -historischen und verschw\u00f6rungstheoretischen Argumentationsmustern oder mit selbst definierten Naturrechten begr\u00fcnden \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" ihre Motive zur Leugnung der Existenz der Bundesrepublik Deutschland und deren Rechtssystem. Zudem erkennen sie die Legitimation von demokratisch gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten nicht an und definieren schlie\u00dflich ihre eigene Rechtsordnung. Einige Gruppierungen sowie einzelne Vertreter der Szene nehmen f\u00fcr sich in Anspruch, eine eigene \"Staatsgewalt\" auszu\u00fcben. Sie bilden \"Reichsregierungen\", \"Bundesstaaten\" oder \"Gemeinden\", ernennen entsprechende Funktion\u00e4re wie z. B. \"Reichskanzler\" oder \"Minister\" und \"legitimieren\" sich mit selbst gestalteten Ausweisdokumenten. Ihre Argumentation bezieht sich auf unterschiedliche historische und v\u00f6lkerrechtliche Situationen Deutschlands und ist zumeist von folgenden Kernaussagen gepr\u00e4gt: * Das Deutsche Reich ist nicht untergegangen. * Die Bundesrepublik Deutschland ist kein souver\u00e4ner Staat. * Deutschland befindet sich weiterhin im Kriegszustand. Es gibt keinen Friedensvertrag mit den Alliierten. * Es gilt die Haager Landkriegsordnung. * Das Grundgesetz ist keine Verfassung. * Die Bundesrepublik ist untergegangen. * Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Staat, sondern eine privatrechtliche \"BRD GmbH\". * Der wirkliche Herrscher der Welt ist das finanzm\u00e4chtige internationale Judentum. Ziel ihrer Agitation ist zumeist, keine Steuern, Bu\u00dfgelder und Geb\u00fchren zu zahlen oder drohende Zwangsvollstreckungen abzuwenden. Die Mitarbeiter von Beh\u00f6rden werden in diesem Zusammenhang durch zum Teil seitenlange Schreiben mit v\u00f6llig abwegigen Zahlungsaufforderungen bedroht, beschimpft und/oder beleidigt. 63","\"Selbstverwalter\" nehmen f\u00fcr sich in Anspruch aus der Bundesrepublik \"austreten\" zu k\u00f6nnen und reklamieren f\u00fcr sich ihre rechtliche Autonomie mit territorialem Hoheitsanspruch. In der Regel erfolgt das Ausrufen einer Selbstverwaltung unter Berufung auf \"die Menschenrechte\" oder auf Artikel 9 der UN-Resolution A/RES/56/83 vom 28. Januar 2002 und wird durch das Versenden von entsprechenden \"Proklamationen\" an Verwaltungsbeh\u00f6rden nach au\u00dfen verdeutlicht. Meist bezeichnen sich Selbstverwalter in ihren Schreiben auch als \"nat\u00fcrliche Person im Sinne von SS 1 BGB\". Die Vorstellung, ein Deutsches Reich best\u00fcnde fort, spielt hierbei nur bedingt eine Rolle. Die Grenzen zwischen \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\" sind flie\u00dfend. Die Ziele und Verhaltensweisen von Vertretern des \"Reichsb\u00fcrger\"-Spektrums k\u00f6nnen nicht als \"legitime Systemkritik\" angesehen werden, denn sie zeigen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr die Bestrebungen auf, die gegen: * die freiheitliche demokratische Grundordnung * den Bestand und die Sicherheit des Bundes oder eines Landes * den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und insbesondere das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. Aufgrund dessen unterliegt der Ph\u00e4nomenbereich der \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" seit 2016 der nachrichtendienstlichen Beobachtung. 3. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" in Th\u00fcringen Dem Ph\u00e4nomenbereich \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" wurden in Th\u00fcringen im Berichtszeitraum ca. 1.000 Personen (2017: ca. 650) zugerechnet. Davon wiesen ca. 50 Personen (2017: ca. 50) \u00dcberschneidungen zum Rechtsextremismus auf. Etwa drei Prozent der Th\u00fcringer Reichsb\u00fcrger agieren im Namen von Gruppierungen und Vereinen, die \u00fcberregional t\u00e4tig und in anderen Bundesl\u00e4ndern ans\u00e4ssig sind. Die Aktivit\u00e4ten richteten sich 2018 vorwiegend gegen Th\u00fcringer Kommunalbeh\u00f6rden aber auch Landessowie die Polizeiund Justizbeh\u00f6rden. Mit querulatorischen Schreiben reagierten \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" auf Ma\u00dfnahmen der staatlichen Eingriffsverwaltung (Bu\u00dfgeldbescheide, Geb\u00fchrenund Beitragsbescheide, Vollstreckungsverfahren). Weiterhin erfolgten zahlreiche Antr\u00e4ge auf Feststellung der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit (Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis), Mitteilungen \u00fcber die Reaktivierung von Gemeinden und Vorlagen von Fantasiepapieren. 64","* Querulatorische Schreiben Mit dem Ziel sich der staatlichen Ma\u00dfnahme zu entziehen legen \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" im Zuge von Verwaltungsund Gerichtsverfahren zahlreiche sowie umfangsreiche Schrifts\u00e4tze vor, in denen sie der Beh\u00f6rde bzw. dem Amtstr\u00e4ger die Existenz oder Autorit\u00e4t absprechen. H\u00e4ufig wird auch auf v\u00f6llig aus dem Kontext gerissene Gerichtsentscheidungen oder eigene - meist abstruse - Gutachten verwiesen. Nicht selten sind die Entscheidungstr\u00e4ger einer anma\u00dfenden und aggressiven Diktion in Form von Beleidigungen, Beschimpfungen, Belehrungen, Erpressung, N\u00f6tigung und Bedrohung mit \"Bu\u00dfgeldern\" und \"Unterlassungsverf\u00fcgungen mit Strafzahlungen\" ausgesetzt. Diese Schreiben stellen aufgrund der Unerf\u00fcllbarkeit der aufgestellten Forderungen f\u00fcr die betroffenen Beh\u00f6rden eine Zeitund Ressourcenverschwendung dar. Es ist anzunehmen, dass die Arbeit der Beh\u00f6rden damit bewusst sabotierten werden soll. * Antr\u00e4ge auf Feststellung der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit (Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis, sog. Gelber Schein) Angeh\u00f6rige der Reichsb\u00fcrgerszene propagieren die Beantragung eines solchen Dokuments, da sie weder einen Personalausweis noch einen Reisepass als Nachweis f\u00fcr den Besitz der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit ansehen. Zudem f\u00fchren sie aus, die Bezeichnung \"Name\" auf dem Personalausweis kennzeichne die betreffende Person als \"Firma, also eine inl\u00e4ndische juristische Person\" ohne Grundrechtsberechtigung. Ein offizieller Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis (\"Gelber Schein\") mit dem Parameter der \"Identit\u00e4t Familienname = Nat\u00fcrliche Person\" sichere wiederum die volle Rechtsf\u00e4higkeit als Grundrechtstr\u00e4ger. Der Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis ist ein amtliches Dokument der Bundesrepublik Deutschland, mit dem der Besitz der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit dokumentiert wird. 23 Ein entsprechender Antrag nach SS 30 Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz (StAG) kann gestellt werden, wenn die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit zweifelhaft oder kl\u00e4rungsbed\u00fcrftig ist bzw. von anderen Beh\u00f6rden in Frage gestellt wird (Sachbescheidungsinteresse). Hinter den von \"Reichsb\u00fcrgern\" und \"Selbstverwaltern\" gestellten Antr\u00e4gen zum sog. Gelben Schein steht demnach kein nachvollziehbarer rechtlicher Hintergrund. Die Beantragung des \"Gelben Scheins\" weist insbesondere dann auf Szeneangeh\u00f6rige hin, wenn als Rechtsgrundlage das Reichsund Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz von 1913 (RuStAG) angef\u00fchrt wird 23 Rechtsgrundlage ist das im Jahr 2000 in Kraft getretene Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz (StAG), das auf dem Reichsund Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz (RuStAG) vom 22. Juli 1913 basiert. 65","und in der Kategorie Geburtsort Eintr\u00e4ge wie \"K\u00f6nigreich Preu\u00dfen\", \"F\u00fcrstentum Reu\u00df j\u00fcngere Linie\", \"Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha\" oder \u00c4hnliches erfolgen. Der Antragssteller dokumentiert damit, die Bundesrepublik Deutschland nicht als souver\u00e4nen Staat anzuerkennen. * Mitteilungen \u00fcber die \"Reaktivierung\" von Gemeinden Die \"Reaktivierung\" bzw. \"Reorganisation\" von Gemeinden ist ein th\u00fcringenund bundesweites Ph\u00e4nomen. Ziel ist es, die jeweilige Gemeinde unter \"Selbstverwaltung\" zu stellen. So erkl\u00e4ren die Vertreter der reaktivierten Gemeinden in \"Selbsterm\u00e4chtigungsschreiben\", dass das Gebiet nunmehr als unabh\u00e4ngig von der Bundesrepublik Deutschland gelte und zum Teil auch weiterf\u00fchrend der EU und dem vereinten Wirtschaftsgebiet exterritorial gegen\u00fcberstehe. Die Bundesrepublik besitze demnach keine g\u00fcltige Verfassung, das Deutsche (Kaiser)Reich sei bis heute nicht untergegangen. Die Mitglieder der reaktivierten Gemeinden, die ihre \"Abstammung gem\u00e4\u00df RuStAG von 1913 nachgewiesen\" haben, sollen als tats\u00e4chliche Wahlberechtigte identifiziert werden; diese w\u00e4hlen wiederum die Wahlkommission und schlie\u00dflich die \"echten\" Gemeinderepr\u00e4sentanten. In Th\u00fcringen wurden seit 2016 ca. 20 Gemeinden \"reaktiviert\". Die \"Reaktivierungen\" wurden Landes-, Bundesbeh\u00f6rden sowie ausl\u00e4ndischen Botschaften \u00fcbersandt, mit dem Ziel der \"v\u00f6lkerrechtlichen\" Anerkennungen und Einflussnahme auf die staatliche Eingriffsverwaltung. 66","Die Mehrzahl der im Berichtszeitraum in Th\u00fcringen bekannt gewordenen \"Reaktivierungen\" wurde durch die in Berlin ans\u00e4ssige Gruppierung \"Geeinte deutsche V\u00f6lker und St\u00e4mme\" initiiert. Als angebliche Hoheitstr\u00e4ger, wie z. B. \"Gemeindevorsteher im Notstand des Hoheitsgebietes ...\", treten insbesondere Szeneangeh\u00f6rige der jeweiligen \"reaktivierten\" Gemeinde in Erscheinung. * Fantasiepapiere Au\u00dferdem \"legitimieren\" sich Szeneangeh\u00f6rige gern mit selbst produzierten Fantasiepapieren, wie \"Reichspersonenausweise\", \"Reichsf\u00fchrerscheine\" oder Papiere, die sie als \"Nat\u00fcrliche Person nach SS 1 staatl. BGB\" ausweisen. Diese Papiere besitzen keinen rechtsverbindlichen Charakter; meist werden sie von Szeneanh\u00e4ngern erstellt, die vordringlich kommerzielle Interessen verfolgen. Oftmals wurden im Vorfeld die amtlichen Ausweisdokumente bei der Meldebeh\u00f6rde abgegeben. 4. Gef\u00e4hrdungspotenzial Das Spektrum der \"Reichsb\u00fcrger-Bewegung\" reicht vom gefestigten Rechtsextremisten \u00fcber Querulanten, Trittbrettfahrer mit einer reinen Zahlungsverweigerungsabsicht bis hin zu geistig Verwirrten bzw. psychisch erkrankten Personen. Personen mit dieser Ideologie sind einem geschlossenen verschw\u00f6rungstheoretischen Weltbild verhaftet. Die Verdrossenheit gegen\u00fcber dem \"politischem System\" und staatlichen Ma\u00dfnahmen verbunden mit der Annahme, sich in einer ausweglosen Situation zu befinden, k\u00f6nnen erhebliche Aggressionen und Gefahrenkonstellationen ausl\u00f6sen. \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\" gelten zudem als besonders waffenaffin. Hinsichtlich des im Berichtszeitraum bekannten Personenpotenzials in Th\u00fcringen verf\u00fcgten ca. zehn Prozent \u00fcber eine waffenrechtliche Erlaubnis. Stellt der Verfassungsschutz neben der \"Reichsb\u00fcrger\"-Eigenschaft auch den Besitz einer waffenrechtlichen Erlaubnis fest, wird die zust\u00e4ndige Waffenbeh\u00f6rde informiert. Ziel ist es, eine erneute \u00dcberpr\u00fcfung der waffenrechtlichen Zuverl\u00e4ssigkeit anzustrengen, um den Widerruf der Erlaubnis zu erwirken. Die schwerwiegenden Gewalttaten aus dem Jahr 2016, die immer wieder feststellbaren - oftmals gewaltorientierten - Widerstandshandlungen bei der Vollstreckung von beh\u00f6rdlichen Ma\u00dfnahmen sowie die szenetypische Affinit\u00e4t zu Waffen belegen ein latentes Gef\u00e4hrdungspotenzial bei \"Reichsb\u00fcrgern\" und Selbstverwaltern\". 67","Die szenetypische Affinit\u00e4t f\u00fcr Waffen ist ein wesentlicher Parameter f\u00fcr die Bewertung des Gef\u00e4hrdungspotenzials von Personen des Ph\u00e4nomenbereichs \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\". Vor diesem Hintergrund steht das AfV in einem intensiven Informationsaustausch mit Beh\u00f6rden der allgemeinen Verwaltung, insbesondere mit den f\u00fcr waffenund sprengstoffrechtliche Erlaubnisse zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden, und unterst\u00fctzt diese bei der Einleitung verwaltungsrechtlicher Ma\u00dfnahmen. Diese umfassende Zusammenarbeit aller beteiligten Beh\u00f6rden, mit dem Ziel der Versagung oder des Widerrufs waffenbzw. sprengstoffrechtlicher Erlaubnisse, verdeutlicht nochmals das besondere Gefahrenpotenzial durch Personen des Ph\u00e4nomenbereichs \"Reichsb\u00fcrger\" und \"Selbstverwalter\". Im Berichtszeitraum traten Th\u00fcringer \"Reichsb\u00fcrger\" hoheitlichem Handeln, d. h. dem Vollzug von Zwangsund Vollstreckungsma\u00dfnahmen, verbal und k\u00f6rperlich aggressiv entgegen. In diesem Zusammenhang wurden in der Regel die Straftatbest\u00e4nde Beleidigung, N\u00f6tigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte festgestellt. 68","IV. Islamismus 1. Ideologischer Hintergrund 1.1 Islamismus Islamismus stellt eine Form des politischen Extremismus dar, der die Religion des Islam f\u00fcr politische Zwecke missbraucht und ideologisiert. Der Islam als Glaubenslehre ist klar von dieser extremistischen Ideologie abzugrenzen. Sowohl der Glaube als auch die religi\u00f6se Praxis sind durch das in Artikel 4 GG verbriefte Recht auf Religionsfreiheit gesch\u00fctzt. In Abgrenzung zum Islam beginnt Islamismus dort, wo religi\u00f6se islamische Gebote und Normen als verbindliche politische Handlungsanweisungen einen Ausschlie\u00dflichkeitsanspruch gegen\u00fcber anderen gesellschaftlichen Modellen verlangen. So reklamieren Islamisten f\u00fcr sich, den einzig \"wahren Islam\" zu vertreten und streben in Deutschland nach einer teilweisen bzw. vollst\u00e4ndigen Abschaffung zentraler Kernelemente des Grundgesetzes zugunsten der Verwirklichung einer dogmatisch rigorosen islamischen Staatsund Gesellschaftsordnung als Gegenentwurf zur westlichen Demokratie. Diese Staatsund Gesellschaftsordnung ist in weiten Teilen nicht mit den Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland vereinbar. 1.2 Salafismus Der Salafismus verk\u00f6rpert die einflussreichste Str\u00f6mung innerhalb des sunnitischen Islamismus. Sie gilt sowohl in Deutschland als auch auf internationaler Ebene noch immer als die dynamischste islamistische Bewegung. Zum Jahresende 2018 wurden ihr in Deutschland ca. 11.500 Anh\u00e4nger zugerechnet. Der Salafismus orientiert sich an einer idealisierten muslimischen Urgesellschaft, wie sie im siebten und achten Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel existiert haben soll. Anh\u00e4nger dieser Str\u00f6mung zeigen sich \u00fcberzeugt, im Koran und in prophetischen \u00dcberlieferungen ein genaues Abbild dieser Fr\u00fchzeit des Islam gefunden zu haben und versuchen, die in diesem Sinne verstandenen Gebote Gottes wortgetreu umzusetzen. Sie lassen dabei theologische und sozio-politische Entwicklungen unber\u00fccksichtigt, die sich in den vergangenen 1.300 Jahren vollzogen haben. 69","Die Ideologie des Salafismus bildet ein in sich abgeschlossenes Weltbild mit einem exklusiven Erkenntnisanspruch, der einhergeht mit einer Umdeutung klassisch-islamischer Begriffe und Konzepte, teils durch Religionsgelehrte, teils durch Laienprediger. Oftmals ahistorisch und reduktionistisch, d. h. ohne Ber\u00fccksichtigung des historischen, rechtswissenschaftlichen und geistesgeschichtlichen Kontexts interpretierten sie Begriffe und Konzepte um und reicherten sie mit neuen Bedeutungen entsprechend ihrer salafistischen Lehre an. Salafistische Auffassungen widersprechen in wesentlichen Punkten der freiheitlich demokratischen Grundordnung, allen voran dem Gebot, dass alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht, das seinen Einfluss durch Wahlen und Abstimmungen aus\u00fcbt. Der Kern der salafistischen Ideologie l\u00e4uft dieser gesetzlich Scharia verankerten Volkssouver\u00e4nit\u00e4t zuwider, indem Gott als der * nach muslimischem Verst\u00e4ndnis gottgegeeinzig legitime Souver\u00e4n und Gesetzgeber postuliert wird. benes Recht Demzufolge bildet f\u00fcr die Salafisten nicht die Selbstbestim- * keine fixierte Gesetzessammlung, sondern mung des Volkes die Grundlage der staatlichen HerrschaftsMethode der Rechtsfindung ordnung, sondern ausschlie\u00dflich der Wille Gottes. Verwirklicht * umfassendes System wird dieser durch die uneingeschr\u00e4nkte Anwendung der Schavon Werten und Vorschriften im Koran und ria auf der Basis eines w\u00f6rtlichen und strengen Verst\u00e4ndnisprophetischen \u00dcberlieferungen, das von ses von Koran und Sunna. Die Bildung und Aus\u00fcbung einer Rechtsgelehrten interparlamentarischen Opposition ist in pretiert und angewendet wird diesem politischen System der SaSunna lafisten folglich ebensowenig vorge- * Ausspr\u00fcche und norsehen wie eine Gewaltenteilung oder mative Handlungsweisen des Propheten die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte. Muhammad * neben dem Koran die Salafisten lehnen alle Normen ab, zweitwichtigste Quelle die auf menschlicher Rationalit\u00e4t und des islamischen Rechts Logik basieren. Die Implementierung der Scharia geht mit der Einschr\u00e4nkung der Menschenrechte einher. 1.3 Politischer und jihaistischer Salafismus Es wird zwischen dem politischen und dem jihadistischen Salafismus unterschieden. Die Anh\u00e4nger beider Richtungen eint die Ideologie. Sie unterscheiden sich lediglich in der Option der Gewaltanwendung, um ihre identischen Ziele umzusetzen. 70","Gemein sind ihnen ein Alleinvertretungsanspruch bez\u00fcglich einer absoluten g\u00f6ttlichen Wahrheit und die darin wurzelnde Absicht, die deutsche Rechtsordnung und Gesellschaft langfristig entsprechend ihres enggefassten ideologisierten Islamverst\u00e4ndnisses komplett umzugestalten. Sie streben nach der Errichtung eines politischen Systems auf der Grundlage ihrer strengen Interpretation der Scharia, mit einem Kalifen als religi\u00f6sem und politischem Oberhaupt. Der politische Salafismus ist eine breite heterogene Sammlungsbewegung. Anh\u00e4nger dieser Str\u00f6mung folgen einer streng puristischen Lebensweise nach dem von ihnen wahrgenommenen Vorbild der islamischen Fr\u00fchzeit z. T. unter Ablehnung theologischer und realpolitischer Entwicklungen. Hauptkennzeichen des politischen Salafismus ist die systematische Missionierung (Da'wa), mit deren Hilfe die extremistische Ideologie weite Verbreitung findet. Diese Propagandaarbeit erfolgt sowohl virtuell in Form unz\u00e4hliger salafistischer Auftritte im Internet, auf denen mit Islam-Interessierten \u00fcber Fragen zur Religion diskutiert und salafistische Literatur verbreitet wird, als auch mittels islamischer Informationsst\u00e4nden, Islamseminaren und Spendenaktionen. Der \u00dcbergang zum jihadistischen Salafismus ist angesichts des ambivalenten Verh\u00e4ltnisses politischer Salafisten zur Gewalt als Mittel der Politik flie\u00dfend. W\u00e4hrend die Mehrheit der politischen Salafisten religi\u00f6s legitimierte Gewalt zur Verteidigung ihres Islamverst\u00e4ndnisses nicht prinzipiell ablehnt, vermeidet sie es jedoch, offen zur Anwendung von Gewalt aufzurufen. Jihadistische Salafisten erachten es im Gegensatz dazu f\u00fcr unerl\u00e4sslich, dass der Geltungsanspruch ihrer Ideologie sowie der Wandel bestehender sozialer und politischer Verh\u00e4ltnisse nach den Vorgaben eines g\u00f6ttlichen Heilsplans mit Gewalt verwirklicht werden m\u00fcsse. So deuten sie das klassisch islamische Jihad-Konzept, das prim\u00e4r die \u00dcberwindung innerer Widerst\u00e4nde im Streben nach einem gottgef\u00e4lligen Leben und dem untergeordnet urspr\u00fcnglich eine defensive Form der Kriegsf\u00fchrung verk\u00f6rpert, in ein revolution\u00e4res Jihad-Konzept um. Damit erkl\u00e4ren Jihadisten die Teilnahme am bewaffneten Kampf zur individuellen Pflicht eines jeden Muslims und rufen zum Kampf gegen vermeintliche Feinde des Islam auf. Als solche verstehen sie all jene, die sich au\u00dferhalb ihres eigenen strengen salafistischen Regelwerks bewegen: Atheisten, Polytheisten, Christen, Juden und selbst kritische und weniger puristische Muslime. Anh\u00e4nger dieser militanten Gewaltideologie w\u00e4hnen sich in einem Jihad gegen die westliche Zivilisation, in dem sie eine Avantgarde verk\u00f6rperten, die die Initiative zur Verteidigung des 71","Islam ergreife und eine gewaltsame Ausbreitung des Islam bzw. ihres rigorosen Islamverst\u00e4ndnisses anstrebe. 2. Gef\u00e4hrdungsbewertung f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland Die Gef\u00e4hrdungslage in der Bundesrepublik hat sich auf hohem Niveau stabilisiert. Es besteht eine anhaltend hohe abstrakte Gefahr jihadistisch motivierter Gewalttaten durch radikalisierte Einzelt\u00e4ter und Kleinstgruppen. Jihadistisch motivierte Attentate sind in ihrer Planung und Vorbereitung inzwischen weniger komplex und werden mit leicht zu beschaffenden und einzusetzenden Tatmitteln ausgef\u00fchrt. Neben Schusswaffen und Unkonventionellen Sprengund Brandvorrichtungen (USBV) kommen erg\u00e4nzend verst\u00e4rkt Hiebund Stichwaffen sowie Fahrzeuge als prim\u00e4re Tatmittel vorzugsweisen an sogenannten weichen und symboltr\u00e4chtigen Zielen - z. B. \u00f6ffentliche Gro\u00dfveranstaltungen, stark frequentierte Sehensw\u00fcrdigkeiten oder Stra\u00dfen mit hohem Publikumsverkehr - zur Anwendung. Ein besonders hohes Gefahrenpotenzial geht hierbei von jenen Personen aus, die nach den milit\u00e4rischen Niederlagen und massiven Gebietsverlusten des IS von ihrem Aufenthalt in den Jihadgebieten in Syrien und Irak nach Deutschland zur\u00fcckkehren. Seit 2013 waren mehr als 1.050 Islamisten aus Deutschland in Richtung Syrien/Irak ausgereist. Etwa ein Drittel dieser Personen h\u00e4lt sich inzwischen wieder in Deutschland auf. Eine vergleichbare Zahl an ISSympathisanten, -Unterst\u00fctzern und -K\u00e4mpfern einschlie\u00dflich deren Angeh\u00f6rige (Ehefrauen, Kinder) befindet sich in Fl\u00fcchtlingsbzw. Gefangenenlagern vor Ort. Gef\u00e4hrdungspotenzial durch R\u00fcckkehrer IS-R\u00fcckkehrer verf\u00fcgen vielfach \u00fcber Kenntnisse im Umgang mit Waffen, Sprengund Kampfstoffen. Es ist davon auszugehen, dass ihre Hemmschwelle bei der Anwendung von Gewalt angesichts ihrer Erlebnisse in der Krisenregion bzw. eigener Kampferfahrungen niedrig ist. Als potenziell gef\u00e4hrlich gelten zudem indoktrinierte sowie traumatisierte Frauen, Jugendliche und Kinder. Schwer kalkulierbar bleibt, ob R\u00fcckkehrer, die sich gel\u00e4utert zeigen, in jedem Falle dauerhaft von ihrer islamistischen Grundhaltung und einem entsprechend gepr\u00e4gten Umfeld abr\u00fccken. 72","In der islamistischen Szene genie\u00dfen R\u00fcckkehrer hohes Ansehen. Ihnen kommt h\u00e4ufig eine Vorbildfunktion zu. Auch deshalb steht zu bef\u00fcrchten, dass sie einer Radikalisierung bislang nicht gewaltorientierter Islamisten Vorschub leisten k\u00f6nnten. R\u00fcckkehrer, die sich nachweislich im Jihadgebiet Syrien/Irak aufgehalten haben bzw. mit dieser Zielrichtung ausgereist waren, bed\u00fcrfen einer intensiven Beobachtung durch die Sicherheitsbeh\u00f6rden, was mit erheblichen personellen wie materiellen Aufwendungen verbunden ist. Dar\u00fcber hinaus werden im Rahmen der Strafverfolgung Ermittlungsverfahren - auch in l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Kooperationen - gef\u00fchrt. Oftmals ist der gerichtsfeste Nachweis einer Zugeh\u00f6rigkeit zum IS, des Besuchs eines seiner Ausbildungslager oder einer Beteiligung an vom IS ver\u00fcbten Kriegsverbrechen jedoch schwierig. Lediglich bei einem Bruchteil der Beschuldigten liegen belastbare Erkenntnisse dieser Art vor. Wie bereits in den Vorjahren gingen im Verfassungsschutzverbund zahlreiche unspezifische Gef\u00e4hrdungshinweise zu Anschlagsvorhaben auf Weihnachtsm\u00e4rkte - wegen ihrer christlichen Symbolik ein besonders prestigetr\u00e4chtiges Anschlagsziel - und Silvester Gro\u00dfveranstaltungen in Deutschland ein. Zu einem aus Th\u00fcringen stammenden Hinweis bez\u00fcglich eines potenziellen Anschlags auf einen Weihnachtsmarkt im \u00fcbrigen Bundesgebiet f\u00fchrte das AfV umfassende Ermittlungen durch. Der Verdacht auf Vorbereitung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat gem\u00e4\u00df SS 89 a StGB erh\u00e4rtete sich dabei nicht. Exkurs: Radikalisierung in Haftanstalten Der Anteil Inhaftierter ohne Deutschkenntnisse in deutschen Justizvollzugsanstalten (JVA) ist in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen. Angesichts laufender Terrorismusverfahren gegen Personen, die seit Jahren in der jihadistischen Szene verwurzelt sind, Asylsuchende, die im Verdacht stehen, in vereitelte Anschlagsplanungen involviert zu sein sowie aus den Jihadgebieten zur\u00fcckgekehrte Islamisten stellt dies eine wachsende Herausforderung dar. Sch\u00e4tzungen zufolge soll bereits heute jeder vierte oder f\u00fcnfte Inhaftierte muslimischen Glaubens sein, im Jugendvollzug geht man sogar von 50 % aus. 24 Angesichts dieser Entwicklungen erscheint es dringend geboten, die muslimische Gef\u00e4ngnisseelsorge als einen 24 Vgl. Deutschlandfunk Kultur - Interview vom 14. Dezember 2018 mit dem Gef\u00e4ngnisseelsorger Husamuddin Meyer zum Thema Ideologisierung in Gef\u00e4ngnissen \"Imame und Seelsorge als Gegenwehr\". 73","Pfeiler der Pr\u00e4ventionsund Deradikalisierungsma\u00dfnahmen gegen Islamismus in Deutschland auszubauen, um einer potenziellen Radikalisierung in Haftanstalten entgegenzuwirken. Radikalisierung beschreibt im Allgemeinen einen Prozess, der eine Losl\u00f6sung von bestehenden gesellschaftlichen und ethischen Vorstellungen sowie das Bestreben nach Etablierung neuer politischer Ideen umfasst. Dies bedeutet, dass ein Individuum bzw. eine Gruppe schrittweise extreme politische, soziale oder religi\u00f6se \u00dcberzeugungen entwickelt und schlie\u00dflich ein totalit\u00e4res Glaubenssystem bef\u00fcrwortet unter Ablehnung pluralistischer Wertvorstellungen. Kennzeichnend ist die Bereitschaft, zur Verwirklichung der eigenen Zielvorstellungen illegitime Mittel, darunter auch Gewalt, anzuwenden. Vor allem Jugendliche, deren Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung oft noch nicht abgeschlossen ist, als auch Menschen in Krisensituationen zeigen sich empf\u00e4nglich f\u00fcr Radikalisierungstendenzen. Radikalisierung unterliegt mehrheitlich einem Zusammenspiel innerer und \u00e4u\u00dferer Einflussfaktoren und verl\u00e4uft selten linear nach einem einheitlichen Muster. Vielmehr tr\u00e4gt der Prozess sehr individuelle Z\u00fcge, die oft durch pers\u00f6nliche Lebensumst\u00e4nde beeinflusst werden. Die Brandmarkung einer Ideologie als Grundursache einer Radikalisierung greift zu kurz, vielmehr zeichnen sich soziopolitische Gr\u00fcnde wie u. a. Diskriminierung und Exklusion von Teilhabe verantwortlich. Daraus wird deutlich, dass einer Radikalisierung nicht selten Perspektivlosigkeit, Stigmatisierung sowie soziale und gesellschaftliche Marginalisierung und daraus erwachsende Wut vorausgehen. Menschen mit diesen Erfahrungen wiederum erscheinen empf\u00e4nglich f\u00fcr eine Ideologie jedweder Art. F\u00fcr einen zun\u00e4chst orientierungslosen Neuzugang in einer Justizvollzugsanstalt sind die ersten Tage entscheidend. Oft schlie\u00dfen sich Neuzug\u00e4nge in einer JVA Personen aus demselben Kulturkreis an, beeinflusst von der Suche nach Schutz und Gruppenzugeh\u00f6rigkeit. Gibt es in den Haftanstalten keinen Imam, der muslimischen Inhaftierten als Seelsorger und Ansprechpartner in religi\u00f6sen Angelegenheiten zur Seite steht, \u00fcbernehmen i.d.R. Inhaftierte diese Rolle. Mitunter treten zweifelhafte Mitgefangene als selbsternannte Imame auf, die sich die psychische Instabilit\u00e4t, fehlendes Selbstwertgef\u00fchl und die Suche von Mitgefangenen nach einem Sinn ihres Daseins und Vergebung ihrer S\u00fcnden zu Nutze machen. Charismatische Radikalisierer setzen auf das fehlende religi\u00f6se Vorwissen ihrer Anh\u00e4nger und entfachen bei ihnen \u00fcber manipulative Agitation eine unb\u00e4ndige Angst vor der drohenden H\u00f6lle. Dieser, so machen sie glauben, k\u00f6nnen die Anh\u00e4nger nicht \u00fcber Reue und Fr\u00f6mmigkeit entkommen, sondern einzig der M\u00e4rtyrertod s\u00fchne ihre S\u00fcnden. Hier gilt es, mit geeigneten staatlichen Ma\u00dfnahmen fr\u00fchzeitig gegenzusteuern. 74","3. Lagebild Th\u00fcringen 3.1 Islamismus in Th\u00fcringen Islamistische Gruppierungen mit formalen Organisationstrukturen haben sich in Th\u00fcringen bislang kaum etabliert. Vielmehr agieren lose Netzwerke oder Einzelpersonen, die salafistische Aktivit\u00e4ten entfalten. Das Potenzial dieser losen Anh\u00e4ngerschaft bewegt sich im Freistaat zwischen ca. 170 und 180 Islamisten (2017: 200). Davon sind ca. 130 Personen (2017: 160) der Str\u00f6mung des Salafismus zuzurechnen. Die \u00fcbrigen 40 bis 50 Personen stehen islamistischen Gruppierungen wie der \"Islamistischen Nordkaukasischen Szene\" (INS), den legalistischen Gruppierungen \"Tablighi Jama'at\" (TJ) und der \"Muslimbruderschaft\" (MB) sowie der schiitischen \"Hizb Allah\" nahe. 3.2 Islamisten in Th\u00fcringer Moscheevereinen Die Zahl der Th\u00fcringer Moscheevereine bewegte sich auch 2018 im unteren zweistelligen Bereich. Die Vereine bet\u00e4tigen sich \u00fcberwiegend im Einklang mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Einige werden auch von islamistisch gepr\u00e4gten Besuchern zur Verrichtung des freit\u00e4glichen Pflichtgebets angelaufen, ohne dass sie die Geschicke des Vereins ma\u00dfgeblich bestimmen. Einzelne Einrichtungen sind hingegen als islamistisch beeinflusst zu bewerten . Sie k\u00f6nnen als einschl\u00e4gige Kontaktstellen, m\u00f6gliche Orte der Radikalisierung als auch zum Zwecke der Rekrutierung f\u00fcr islamistische Netzwerke in Betracht kommen. Mitunter bestehen auch (internationale) Kennverh\u00e4ltnisse zu Personen aus dem jihadistischen Spektrum. Im Fokus des AfV stehen nicht Moscheevereine und Gebetsr\u00e4ume, sondern einzelne relevante Personen/Personengruppen, die islamistischen Gruppen zugerechnet werden. Vereinsaktivit\u00e4ten mit Bez\u00fcgen zur \"Muslimbruderschaft\" (MB) Ende 2017 kam es im S\u00fcdwestth\u00fcringer Raum zu einer Vereinsgr\u00fcndung, die aufgrund pers\u00f6nlicher Beziehungen beteiligter Personen Bez\u00fcge zur MB aufwies. Im Laufe des Berichtzeitraums veranstaltete der Verein \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten, welche m\u00e4\u00dfigen Zuspruch erhielten. Eine offene Verbreitung der Ideologie der MB konnte hierbei nicht festgestellt werden. Im dritten Quartal des Berichtszeitraumes kam es zur Vereinsaufl\u00f6sung. Eine Nachfolgeorganisation ist seither nicht bekannt geworden. 75","3.3 Salafismus in Th\u00fcringen 3.3.1 Salafistisches Personenpotenzial Der Salafismus bildet analog dem Bundestrend die einflussreichste Str\u00f6mung des islamistischen Spektrums in Th\u00fcringen. Von dem ca. 130 Personen umfassenden Anh\u00e4ngerpotenzial weisen 98 % einen Migrationshintergrund auf. Bez\u00fcglich der Altersstruktur \u00fcberwiegt die Gruppe der \u00dcber-36-J\u00e4hrigen mit 53 %, gefolgt von der Gruppe der 26bis 36-J\u00e4hrigen mit 30 %. Das Schlusslicht bildet die Gruppe der 16bis 25-J\u00e4hrigen mit 16 %. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sich beim Salafismus in Th\u00fcringen inzwischen nicht mehr um ein Jugendph\u00e4nomen und Ausdruck einer Jugendkultur handelt. Offenbar findet diese Ideologie bei Teilen der seit Jahren in Th\u00fcringen lebenden Migranten nachhaltig Anklang. Die strikte Bewahrung der teils identit\u00e4tstiftenden Traditionen ihrer Herkunfstl\u00e4nder bzw. ihrer Vorfahren scheint als alleinige Orientierungshilfe in einem von ihnen dauerhaft als fremd wahrgenommen gesellschaftlichen Umfeld zu dienen. Der Anteil von Salafisten mit Gewaltbezug hat sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich auf 18,4 % erh\u00f6ht. Der Anstieg um knapp 9 % geht sowohl auf Erkenntnisse \u00fcber K\u00f6rperverletzungsdelikte als auch auf Sympathiebekundungen syrischer B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge f\u00fcr den Kampf islamistischer Gruppierungen gegen das Assad-Regime sowie Kampferfahrungen einzelner Asylsuchender bei den \"Taliban\" und der \"al-Shabaab-Miliz\" zur\u00fcck. Hinweise mit Bez\u00fcgen zum islamistischen Terrorismus Zum Jahresende bewegte sich das Aufkommen an zu pr\u00fcfenden Hinweisen mit Terrorismusbezug im unteren dreistelligen Bereich. Es handelte sich dabei in der Regel um personenbezogene Hinweise zu mutma\u00dflichen aktiven und ehemaligen K\u00e4mpfern, Unterst\u00fctzern und Sympathisanten terroristischer Organisationen im Sinne der SSSS 129a und 129b StGB wie IS, \"Jabhat Fatah al-Sham\" (ehemals \"al-Nusra-Front\"), \"Lashkar-e Taiba\", den \"Taliban\" und der \"al-Shabaab-Miliz\" unter Gefl\u00fcchteten. Der Eingang an Neumeldungen sank im Vergleich 76","zum Vorjahr um ein Drittel, ma\u00dfgeblich bedingt durch den bundesweiten R\u00fcckgang bei Asylantr\u00e4gen. Der Bearbeitungsschwerpunkt lag bei der Aufkl\u00e4rung von Bez\u00fcgen zum IS, zu den \"Taliban\" und der \"al-Shabaab-Miliz\". Bez\u00fcglich der beiden letztgenannten Gruppierungen gaben mehrheitlich unter-26j\u00e4hrige Asylsuchende in ihren Erstanh\u00f6rungen gegen\u00fcber dem Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (BAMF) auffallend h\u00e4ufig an, vor ihrer Flucht von den jeweiligen Organisationen zwangsrekrutiert worden zu sein. Hintergrund f\u00fcr diese Einlassungen k\u00f6nnte u. a. sein, dass sich Personen aus Staaten mit einer tendenziell schlechten Bleibeperspektive wie Afghanistan oder Somalia bisweilen nie begangene Straftaten selbst anlasten, in der Hoffnung, in Deutschland ein Bleiberecht zu erwirken. So kommt im Einzelfall eine vor\u00fcbergehende Schutzgew\u00e4hrung nach dem Auftenthaltsgesetz in Betracht, wenn Asylsuchenden im Herkunftsland politische Verfolgung oder v\u00f6lkerrechtswidrige Strafen wie Folter und die Todesstrafe f\u00fcr die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung drohen. Diese Selbstbezichtigungen ziehen mitunter langwierige Ermittlungen nach sich, die nicht selten eingestellt werden, weil der in ausl\u00e4ndischen Krisenregionen gegebenenfalls erfolgte Straftatbestand nicht hinreichend gekl\u00e4rt werden kann. Im Berichtszeitraum war ein R\u00fcckgang von Hinweisen mit m\u00f6glichem \"Taliban\"Bezug feststellbar. Das Aufkommen verschob sich insgesamt st\u00e4rker auf etwaige Verbindungen zur \"alShabaab-Miliz\". Es bleibt zu vermuten, dass beh\u00f6rdliche Ermittlungen und bereits erfolgte Abschiebungen von islamistischen Gef\u00e4hrdern nach Afghanistan abschreckende Wirkung entfaltet haben k\u00f6nnten und deshalb die in der Vergangenheit insbesondere von minderj\u00e4hrigen unbegleiteten Fl\u00fcchtlingen vorgebrachten Selbstbezichtigungen mit \"Taliban\"-Bezug zur\u00fcckgingen. 77","Hinweisaufkommen islamistischer Terrorismus im Jahresvergleich 2017 2018 In Konsequenz auf die territoriale Zerschlagung und die erlittenen milit\u00e4rischen Niederlagen des IS in Syrien und zuvor bereits im Irak ebbte die Migrationsbewegungen nach Europa, Deutschland und Th\u00fcringen ab. Davon unbenommen darf eine zumindest potenzielle Radikalisierungsgefahr bei all jenen Asylsuchenden mit unsicherer bzw. abgelehnter Bleibeperspektive nicht aus dem Blick geraten. Analysen der Sicherheitsbeh\u00f6rden und Erfahrungen von in der Pr\u00e4vention t\u00e4tigen zivilgesellschaftlichen Tr\u00e4gern legen den Schluss nahe, dass eine Radikalisierung Gefl\u00fcchteter nicht selten erst nach der Ankunft in Deutschland erfolgte und mitunter auf eine gef\u00fchlte Entwurzelung oder auch entt\u00e4uschte Hoffnungen zur\u00fcckgeht. Daher ist eine angemessene Pr\u00e4ventionsarbeit erforderlich, um etwaigen Radikalisierungstendenzen fr\u00fchestm\u00f6glich entgegenzuwirken. 78","3.3.2 Staatliche Ma\u00dfnahmen Durchsuchung im Verein \"Haus des Orients e. V.\" in Weimar Am 5. September durchsuchten Beamte des Th\u00fcringer Landeskriminalamtes (TLKA) die R\u00e4umlichkeiten des Vereins \"Haus des Orients e. V.\" in Weimar. Die Ma\u00dfnahmen erfolgten wegen des Verdachts der Zuwiderhandlungen gegen Verbote nach dem Vereinsgesetz, da der Verein auf seiner Internetseite ein Video mit dem Logo der verbotenen salafistischen Organisation \"Die Wahre Religion\" (DWR) verbreitete. Am 15. November 2016 verk\u00fcndete der Bundesinnenminister das Verbot gegen DWR alias \"LIES! Stiftung\"/ \"Stiftung LIES!\" einschlie\u00dflich aller untergeordneten Teilorganisationen und Aktivit\u00e4ten. Das Verbot erstreckt sich ebenso auf die Kennzeichen der Vereinigung DWR und deren Teilorganisationen f\u00fcr die Dauer der Vollziehbarkeit \u00f6ffentlich, in einer Versammlung oder in Schriften, Tonoder Bildtr\u00e4gern, Abbildungen oder Darstellungen, die verbreitet werden oder zur Verbreitung bestimmt sind. DWR richtete sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Sie vertrat eine Ideologie, die die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung ersatzlos verdr\u00e4ngte, bef\u00fcrwortete den bewaffneten Jihad und stellte ein bundesweit einzigartiges Rekrutierungsund Sammelbecken f\u00fcr jihadistische Islamisten und jene Personen dar, die aus jihadistisch-islamistischer Motivation nach Syrien und in den Irak ausreisen wollten. In einer Erkl\u00e4rung, welche auf der Internetseite des Verein \"Haus des Orients e.V.\" ver\u00f6ffentlicht wurde, nahm der Vereinsvorsitzende Stellung zu den Durchsuchungsma\u00dfnahmen des TLKA sowie zum Grund der polizeilichen Ermittlungen. Er gab an, das Video mit dem Symbol der verbotenen Organisation DWR versehentlich auf der Webseite verlinkt zu haben. Er distanziere sich von salafistischem Gedankengut und entsprechenden Organisationen. Gleiches gelte f\u00fcr den von ihm geleiteten Moscheeverein. 79","Verurteilung wegen Verbreitung islamistischen Gedankenguts Im Januar 2019 fand der Strafprozess vor dem Landgericht Gera gegen einen aus Afghanistan stammenden Asylsuchenden seinen vorl\u00e4ufigen Abschluss 25, in dem dieser zu neun Monaten Haft, ausgesetzt zur Bew\u00e4hrung von zwei Jahren, verurteilt wurde. Ihm wurden die Verbreitung einer antisemitischen Hassbotschaft (2018) sowie Werbung f\u00fcr die Terrormiliz IS (2017) zur Last gelegt. Mit diesen Vergehen machte sich der Verurteilte nach der Entscheidung des Gerichts der Volksverhetzung und des Versto\u00dfes gegen das Vereinsgesetz 26 schuldig. Der Betroffene bestritt die Tatvorw\u00fcrfe, r\u00e4umte die Internet-Posts jedoch ein, wobei er sie als religi\u00f6se Botschaften verteidigte. Der Betroffene war den Sicherheitsbeh\u00f6rden bereits im Jahr 2016 durch mehrere Hinweise zu seinem islamistisch-missionarischen Verhalten bekannt geworden. 25 Das Urteil hatte bis zum Redaktionsschluss keine Rechtskraft erlangt. 26 Der IS unterliegt in Deutschland seit dem 12. September 2014 einem Bet\u00e4tigungsverbot gem. SS 3 Abs. 1 i. V. m. SS 15 Abs. 1 und SS 18 Satz 2 VereinsG. 80","V. Sicherheitsgef\u00e4hrdende und extremistische Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern (ohne Islamismus) 1. Hintergrund Ausl\u00e4nderextremismus ist ein Sammelbegriff f\u00fcr Aktivit\u00e4ten von heterogenen extremistischen und sicherheitsgef\u00e4hrdenden Bestrebungen au\u00dferhalb des Islamismus, die \u00fcberwiegend aus politischen, sozialen oder ethnischen Konflikten in den jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern hervorgegangen sind. Ausl\u00e4nderextremistische Bestrebungen zielen auf mitunter gewaltsame Ver\u00e4nderungen der Verh\u00e4ltnisse in den Herkunftsl\u00e4ndern ab, wobei Deutschland \u00fcberwiegend als sicherer R\u00fcckzugsraum genutzt wird. Diese Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen die innere Sicherheit bzw. das internationale Ansehen der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, z.T. versto\u00dfen sie auch gegen das Prinzip der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Vor diesem Hintergrund steht auch die \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK), die in Deutschland seit 1993 mit einem Bet\u00e4tigungsverbot belegt ist, im Fokus der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Sie bildet in Th\u00fcringen unter den ausl\u00e4nderextremistischen Gruppierungen den Bearbeitungsschwerpunkt. 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) Gr\u00fcndung 1978 in der T\u00fcrkei als \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK), weitere Bezeichnungen im Zuge von Umbenennungen: \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK) \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA GEL) \"Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan\" (KKK) \"Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans\" (KCK) Bet\u00e4tigungsverbot Verbotsverf\u00fcgung vom 22. November 1993 Diese gilt auch f\u00fcr s\u00e4mtliche o. g. Nachfolgeorganisationen. Aufgrund der strukturellen Gleichheit zur Ursprungsorganisation wird von den Sicherheitsbeh\u00f6rden weiterhin die Bezeichnung PKK verwandt. Leitung Abdullah \u00d6CALAN 81","Publikationen u. a. \"SERXWEBUN\" (\"Unabh\u00e4ngigkeit\"), monatlich; \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" (\"Neue Freie Politik\"), t\u00e4glich Mitglieder/Anh\u00e4nger (Bund) 2018 ca. 14.500 2017 ca. 14.500 2016 ca. 14.000 Teilgebiet Erfurt 2018 ca. 150 2017 ca. 150 2016 ca. 100 bis 150 2.1 \u00dcberblick, allgemeine Lage Der seit 1999 inhaftierte Parteigr\u00fcnder Abdullah \u00d6CALAN steht weiterhin formal an der Spitze der Organisation. Er wird von ihren Anh\u00e4ngern nach wie vor als Symbolfigur verehrt. Einzig das Anliegen der Partei erfuhr in der Vergangenheit eine Neujustierung. Statt des fr\u00fcher gef\u00fchrten Guerillakriegs zur Verwirklichung eines autonomen Kurdenstaates setzt sich die Organisation f\u00fcr die Anerkennung der sozialen und kulturellen Eigenst\u00e4ndigkeit der Kurden innerhalb der staatlichen Ordnung der T\u00fcrkei ein. Dabei bedient sich die PKK weiterhin einer Doppelstrategie. Um ein friedliches Erscheinungsbild gegen\u00fcber der westeurop\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit bem\u00fcht, werben ihre Anh\u00e4nger bei Kundgebungen oder anlassbezogenen Gedenkund Kulturveranstaltungen vordergr\u00fcndig um politische Anerkennung ihrer Interessen. Zugleich unterh\u00e4lt sie in der T\u00fcrkei und der nordirakischen Grenzregion bewaffnete \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG), um ihre Ziele auch mit milit\u00e4rischer Gewalt zu erreichen. 27 Neben den fest im Jahresverlauf verankerten Veranstaltungen (z. B. Demonstration zum Jahrestag der Festnahme \u00d6CALANs am 15. Februar, Newroz-Fest im M\u00e4rz, Kurdistanfestival im September) setzten sich die Aktivit\u00e4ten von PKK-Anh\u00e4ngern, die einen Zusammenhang zur Heimatregion bzw. zum PKK-F\u00fchrer \u00d6CALAN aufweisen, im Berichtszeitraum fort. Am 20. Januar begann unter dem Namen \"Operation Olivenzweig\" eine t\u00fcrkische Milit\u00e4roffensive auf die Region Afrin. Afrin ist neben Kobane und Cizire einer von drei Kantonen im nordsyrischen Kurdengebiet, die von der PKK-Schwesterorganisation \"Partei der Demokrati27 Nachdem der Europ\u00e4ische Rat im September 2001 die Bek\u00e4mpfung des Terrorismus zu einem vorrangigen Ziel der EU erkl\u00e4rte, ist die PKK seit 2002 auf der in diesem Zusammenhang eingerichteten sog. EUTerrorliste notiert. Dort k\u00f6nnen Personen, Vereinigungen und K\u00f6rperschaften erfasst werden, wenn eine zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde eines EU-Mitgliedstaats \u00fcber Beweise oder schl\u00fcssige Indizien f\u00fcr deren Involvierung in terroristische Handlungen verf\u00fcgt. Konsequenz der Listung ist insbesondere das Einfrieren von Geldern und Verm\u00f6genswerten terrorismusverd\u00e4chtiger Personen und Organisationen. Der Europ\u00e4ische Gerichtshof (EuGH) entschied 2018, dass die Listung der PKK im Zeitraum 2014 bis 2017 mangels einer ausreichenden Begr\u00fcndung rechtswidrig war. Konkrete Auswirkungen hat das Urteil allerdings nicht, da es f\u00fcr 2018 eine neue Durchf\u00fchrungsverordnung des Rates der Europ\u00e4ischen Union zur sog. EU-Terrorliste gibt, in der die PKK aufgef\u00fchrt ist und die durch das Urteil nicht infrage gestellt wird. 82","schen Union\" (PYD) und deren milit\u00e4rischen Arm, den \"Volksverteidigungseinheiten\" (YPG) dominiert werden. Als Teil von \"Rojava\" 28 kommt Afrin bei der Realisierung der von der PKK betriebenen kurdischen Autonomie in Nordsyrien besondere Symbolkraft zu. Die sich aufgrund der Milit\u00e4roffensive versch\u00e4rfende Entwicklung in der Heimatregion bzw. in \"Rojava\" f\u00fchrte auch in Deutschland zu zahlreichen Solidarit\u00e4tsveranstaltungen seitens der PKK. Bundesweit fanden in diesem Zusammenhang zahlreiche Demonstrationen mit bis zu 2.000 Teilnehmern statt, bei denen auch verbotene Symbole der PKK gezeigt wurden. Dar\u00fcber hinaus kam es au\u00dferhalb Th\u00fcringens zu mehreren Sachbesch\u00e4digungen an t\u00fcrkischen Einrichtungen. Der am 27. Januar vom Dachverband PKK-naher Vereine \"Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland\" (NAV-DEM) aus Protest gegen die Offensive veranstalteten Gro\u00dfdemonstration in K\u00f6ln schlossen sich etwa 13.000 Personen an. Die Versammlung wurde von der Polizei aufgel\u00f6st, da Demonstrationsteilnehmer wiederholt zahlreiche Fahnen mit verbotenen Symbolen der PKK gezeigt hatten. \"Newroz hei\u00dft Widerstand - der Widerstand hei\u00dft Afrin\" lautete das Motto der zentralen Gro\u00dfkundgebung zum traditionellen kurdischen Neujahrsfest \"Newroz\" am 17. M\u00e4rz in Hannover. Etwa 11.000 Teilnehmer waren vor Ort. Zudem wurde am 24. M\u00e4rz ein \"Welt-AfrinTag\" ausgerufen. Im August intensivierten Anh\u00e4nger der PKK ihre Aktivit\u00e4ten in Bezug auf das Schicksal des in der T\u00fcrkei inhaftierten Parteigr\u00fcnders Abdullah \u00d6calan, welche bis zum Jahresende anhielten. Die Forderung nach \"Freiheit f\u00fcr \u00d6calan\" bzw. Aufhebung seiner \"Isolationshaft\" - blieb zentrales Element der PKK-Aktivit\u00e4ten in Deutschland. Im Dezember wurde die Forderung nach Aufhebung der \"Isolationshaft\" durch Hungerstreikaktionen von PKK-Anh\u00e4ngern deutschlandund europaweit untermauert. 2.2 Organisatorische Situation/Strukturen Die \"Koordination der kurdisch-demokratischen Gesellschaft in Europa\" (kurdisch \"Civata Demokratik a Kurdistan\" - CDK) 29 bestimmt die politischen Aktivit\u00e4ten der PKK in Europa. 28 Kurdische Bezeichnung f\u00fcr \"Demokratische F\u00f6deration Nordsyrien\", auch \"Westkurdistan\" genannt. 29 Der vormals als \"Nationale Befreiungsfront Kurdistans\" (ERNK) bezeichnete politische Arm der PKK war 1993 ebenfalls mit einem Bet\u00e4tigungsverbot belegt worden. 83","In der Bundesrepublik Deutschland besteht die hierarchische Struktur der PKK aus neun Regionen mit 31 Gebieten, die sich wiederum in \"Teilgebiete\" untergliedern. Das \"Teilgebiet Erfurt\" stellt die einzige in Th\u00fcringen etablierte Struktur der PKK dar. Es ist dem \"Gebiet Kassel\" organisatorisch angeschlossen und umfasst neben dem Gro\u00dfraum Erfurt auch Weimar und Teile Nord-, Westsowie S\u00fcdwestth\u00fcringens. Ein von der Partei bestimmter Teilgebietsleiter ist u. a. f\u00fcr die Mobilisierung zu Veranstaltungen, die Verteilung und den Verkauf von Propagandamaterial sowie die Spendensammlungen verantwortlich. Die PKK-Anh\u00e4ngerschaft im \"Teilgebiet Erfurt\" umfasste 2018 ca. 150 Personen (2017: 150). Die umzusetzenden Vorgaben und Anordnungen der CDK-Leitung werden durch die Gebietsund Teilgebietsleiter zur Basis transportiert. Diese ist vornehmlich in kurdischen Kulturvereinen organisiert. In Deutschland existieren ca. 46 solcher Vereine, die dem Dachverband \"Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurdinnen in Deutschland e.V.\" (NAVDEM) angeschlossen sind. 2.3 Finanzierung Die PKK nutzt verschiedene Finanzierungsquellen, u. a. Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Veranstaltungseinnahmen und den Publikationsverkauf. Den weitaus gr\u00f6\u00dften Einnahmenanteil erzielt sie w\u00e4hrend der allj\u00e4hrlich unter den Anh\u00e4ngern in Europa durchgef\u00fchrten Spendenkampagne. Allein in Deutschland wurden anl\u00e4sslich der jeweiligen Jahresspendenkampagne mehrere Millionen Euro gesammelt. Sonderspendenkampagnen zu aktuellen Themen sollen zus\u00e4tzliche Spendenbereitschaft generieren. Die eingenommenen Gelder dienen vorrangig der Finanzierung der Guerillaeinheiten und dem Unterhalt der umfangreichen PKK-Strukturen. Dar\u00fcber hinaus werden PKK-Gro\u00dfveranstaltungen damit finanziert. 2.4 Propaganda und Themenschwerpunkte Die PKK-Gliederungen in Deutschland sind weiterhin bestrebt, mit diversen Veranstaltungen und Aktionen sowie unter Einbindung anderer politischer Akteure das \u00f6ffentliche Meinungsbild in ihrem Sinne zu beeinflussen. Im Berichtszeitraum dominierten bundesweit die Themenschwerpunkte \"Freiheit f\u00fcr \u00d6calan\" und die Situation der Kurden im Irak und in Syrien. In den vergangenen Jahren spiegelten sich die bundesweiten Themenschwerpunkte auch bei Veranstaltungen in Th\u00fcringen wider, den Aktivit\u00e4tsschwerpunkt bildete dabei Erfurt. 84","Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens der Staatsanwaltschaft Gera kam es am 6. M\u00e4rz zu polizeilichen Durchsuchungen an vier Wohnund zwei Vereinsobjekten in Erfurt sowie einer Wohn-/Gesch\u00e4ftsadresse in Schalkau (Landkreis Sonneberg). In Erfurt waren u. a. die R\u00e4ume des Vereins \"Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Th\u00fcringen e. V.\" betroffen. Bei den Beschuldigten soll es sich um Mitglieder des Vereins handeln. Gegen sie besteht der Verdacht des Versto\u00dfes gegen das Vereinsgesetz. 30 Seit den Exekutivma\u00dfnahmen im M\u00e4rz 2018 sind keine \u00f6ffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen des Vereins mehr bekannt geworden. 3. Bewertung Die Aktionsbeispiele verdeutlichen, dass die PKK noch immer kurzfristig auf Ereignisse im Ausland zu reagieren vermag und bundesweit ihre Anh\u00e4nger f\u00fcr Proteste mobilisieren kann. Auch die regelm\u00e4\u00dfig von der PKK besetzten Themen anl\u00e4sslich organisationsbezogener Jahresoder Gedenktage sowie Kulturveranstaltungen haben grunds\u00e4tzlich nicht an Zugkraft verloren. Im Jahr 2018 waren bei einigen Gro\u00dfveranstaltungen allerdings stark r\u00fcckl\u00e4ufige Teilnehmerzahlen festzustellen. Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnten beh\u00f6rdliche Auflagen hinsichtlich der Austragungsorte und die nachdr\u00fcckliche Durchsetzung des Kennzeichenverbots gewesen sein, aufgrund dessen es in der Vergangenheit zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstrationsteilnehmern gekommen ist. Der Gesundheitszustand des Organisationsgr\u00fcnders und die Forderung nach seiner Freilassung sind nach wie vor zentrale, vor allem auch emotionalisierende Elemente der Kundgebungen. Organisations\u00fcbergreifende Kooperationen u. a. mit der linksextremistischen Szene finden mitunter Ausdruck in Massenkundgebungen. Im Berichtszeitraum waren bundesweit vermehrt Sachbesch\u00e4digungen auf t\u00fcrkische Einrichtungen und Ausschreitungen im Nachgang von Demonstrationen oder Veranstaltungen zwischen PKK-Anh\u00e4ngern und Polizeibeamten aufgrund der t\u00fcrkischen Milit\u00e4roffensive in Syrien und der verst\u00e4rkten Durchsetzung des PKK-Kennzeichenverbotes durch deutsche Beh\u00f6rden festzustellen. Vergleichbares bei Demonstrationen der PKK-Anh\u00e4nger und Unterst\u00fctzer in Th\u00fcringen blieb bei den wenigen Veranstaltungen im Berichtszeitraum aus. 30 Zuwiderhandlungen gegen das PKK-Bet\u00e4tigungsverbot. 85","VI. Linksextremismus 1. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - Links im \u00dcberblick Zur politisch motivierten Kriminalit\u00e4t - Links weist die Statistik des Th\u00fcringer Landeskriminalamts (TLKA) 31 folgende Zahlen aus: Straftaten 2016 2017 2018 Insgesamt 442 434 310 davon u. a.: Gewaltkriminalit\u00e4t 52 25 30 Sachbesch\u00e4digungen 181 326 189 Verst\u00f6\u00dfe gegen das 92 24 19 Versammlungsgesetz Im Jahr 2018 entfielen mit 310 von 1.798 in Th\u00fcringen insgesamt erfassten politisch motivierten Straftaten 17,2 % auf den Ph\u00e4nomenbereich \"Links\". Im Vergleich zum Vorjahr ist bei Betrachtung der absoluten Deliktszahlen eine Minderung um 124 F\u00e4lle zu konstatieren. Dies entspricht einem R\u00fcckgang von 28,6 % Bei Betrachtung der einzelnen Deliktqualit\u00e4ten ist bei den Gewaltstraftaten mit 30 Delikten ein Anstieg um 5 Delikte im Vergleich zum Vorjahr festzustellen. Die Zahl der Sachbesch\u00e4digungen weist mit 189 Delikten im Berichtszeitraum einen deutlichen R\u00fcckgang auf und erreicht damit fast das Niveau von 2016. Bei Verst\u00f6\u00dfen gegen das Versammlungsgesetz ist mit 19 Straftaten im Jahr 2018 ein erneuter R\u00fcckgang zu verzeichnen. Zusammenfassend war im Berichtszeitraum im Ph\u00e4nomenbereich der PMK-Links eine sinkende Anzahl von Straftaten festzustellen. Regionale Schwerpunkte waren den polizeilichen Statistiken zufolge der Raum Jena, Suhl und Nordhausen. Dies d\u00fcrfte im Ph\u00e4nomenbereich der PMK-Links insbesondere auf Aktivit\u00e4ten, die ein Aufeinandertreffen der politischen Gegner und deren Konfrontation mit den Sicherheitskr\u00e4ften beg\u00fcnstigten, zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Eine zunehmende Zahl von Gewaltdelikten im Ph\u00e4nomenbereich \"Links\" richte sich gegen Einsatzbeamte der Polizei. Dies h\u00e4nge nicht nur mit dem Kontrolldruck der Polizei zusammen, sondern zeige, \"dass es an vielen Stellen der Gesellschaft an Respekt gegen\u00fcber Einsatzkr\u00e4ften mangelt.\" 31 Siehe Fn. 4 Abschnitt II. 86","2. \u00dcberblick und Schwerpunktsetzung Aufgrund der unmittelbaren und deutlich h\u00f6heren Gefahren f\u00fcr die innere Sicherheit und der daraus resultierenden Gef\u00e4hrdung f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland liegt der Schwerpunkt bei der Beobachtung der linksextremistischen Szene bundesweit auf dem gewaltorientierten Linksextremismus. Dies trifft ebenso auf Th\u00fcringen und das hier aktive linksextremistische Spektrum zu. Dieses ist sowohl in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt und als auch in Th\u00fcringen breit gef\u00e4chert und folgt verschiedenen ideologischen Positionen. Gemeinsam ist allen Spielarten des Linksextremismus das Ziel, die bestehende Staatsund Gesellschaftsordnung zu beseitigen. Ihre - wie unterschiedlich auch immer gearteten - Bestrebungen richten sich letzten Endes gegen grundlegende Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Gewaltorientierte Aktivit\u00e4ten verlangen dabei jedoch eine sofortige und unmittelbare Intervention. Die in Th\u00fcringen vertretenen linksextremistischen Parteien, Organisationen und sonstigen Personenzusammenschl\u00fcsse sind Teil der bundesweit bestehenden linksextremistischen Strukturen bzw. Szene, ohne dass alle bundesweit existierenden Gruppierungen ein entsprechendes Pendant in Th\u00fcringen h\u00e4tten. Das gewaltorientierte linksextremistische Spektrum wird zu einem wesentlichen Teil von den Autonomen gebildet. Sie ver\u00fcben auch das Gros der einschl\u00e4gigen Gewalttaten. Gewaltorientierung geh\u00f6rt zu den identit\u00e4tsstiftenden Merkmalen dieser Linksextremisten. Sie \u00e4u\u00dfert sich in Varianten und Stufen verschiedener Intensit\u00e4t als Bef\u00fcrwortung von Gewalt oder Werbung f\u00fcr Gewalt, in Form von konkreten Unterst\u00fctzungshandlungen oder auch als unmittelbare Gewaltaus\u00fcbung und -t\u00e4tigkeit. Auf die - im Bundesvergleich wenigen - Th\u00fcringer Linksextremisten entf\u00e4llt ein entsprechend geringer Anteil der Strafund Gewalttaten. Die Th\u00fcringer Szene ist jedoch \u00fcberregional sehr gut vernetzt und in bundesweite Zusammenh\u00e4nge eingebunden. Nicht (unmittelbar) gewaltorientierte Gruppierungen verfolgen ihre extremistischen Ziele mit politischen Mitteln zun\u00e4chst innerhalb der bestehenden Rechtsordnung und werden daher auch als legalistisches Spektrum bezeichnet. Gegen\u00fcber den gewaltorientierten Linksextremisten scheint dieses weiter an Bedeutung zu verlieren. Gleichwohl ist es durchaus in der Lage, neue wie langj\u00e4hrige Anh\u00e4nger politisch und ideologisch so auszubilden und zu festigen, dass damit perspektivisch auch eine tragf\u00e4hige Basis f\u00fcr potenzielle Gewalt87","taten geschaffen werden kann. Dem legalistischen Spektrum geh\u00f6ren zum Beispiel die \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) und die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) an. 3. Ideologischer Hintergrund Das in sich breit gef\u00e4cherte linksextremistische Spektrum vertritt im Einzelnen ideologisch voneinander abweichende Positionen. Es schlie\u00dft Anh\u00e4nger der \"wissenschaftlichen Sozialismusund Kommunismustheorien\" ebenso ein wie Sozialrevolution\u00e4re, Anarchisten und Autonome. Insbesondere die Werke von Marx, Engels, Lenin, Trotzki, Stalin und Mao Tse-tung stellen die Grundlagen der unterschiedlichen Anschauungen und theoretischen Geb\u00e4ude dar. Anarchistische Vorstellungen folgen ebenfalls verschiedenen Theoretikern wie Bakunin, Kropotkin. Linksextremisten wollen im Ergebnis entweder einen marxistischleninistischen Staat oder eine \"herrschaftsfreie Gesellschaft\" errichten. Sie verbindet das Bekenntnis zur revolution\u00e4ren Gewalt, zum Klassenkampf und zur Klassenherrschaft. Ihr Grundsatz, dass sich die von ihnen angestrebten gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen einzig durch den Einsatz revolution\u00e4rer Gewalt vollziehen lassen, wird aus taktischen Gr\u00fcnden oft verschwiegen. 4. Das linksextremistische Personenpotenzial Bundesweit \u00fcberwiegt bei summarischer Betrachtung das Potenzial der nicht gewaltorientierten legalistischen Linksextremisten. Es umfasste im Berichtszeitraum etwa 24.000 Mitglieder. Hinzu kamen jeweils ca. 9.000 Personen, die der gewaltorientierten linksextremistischen Szene zugerechnet wurden. Hierzu z\u00e4hlten auch etwa 7.400 Autonome. Gesch\u00e4tzte Mitgliederbzw. Anh\u00e4ngerpotenziale Th\u00fcringen Bund 2016 2017 2018 2016 2017 2018 Gewaltorientierte Linksextremisten, 8.500 9.000 9.000 davon: Autonome 130 130 130 6.800 7.000 7.400 Anarchisten 32 10 10 10 800 800 800 32 Hierunter f\u00e4llt auch die in geringem Umfang in Th\u00fcringen vertretene \"Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union\" (FAU). Ihr Aktionsschwerpunkt beschr\u00e4nkte sich seit 2015 \u00fcberwiegend auf Jena, was 2017 die Umbenen88","Th\u00fcringen Bund 2016 2017 2018 2016 2017 2018 Linksextremistische 65 60 70 4.800 4.800 5.650 33 Parteien Rote Hilfe e. V. 140 140 140 8.000 8.300 9.200 Ma\u00dfgebliche Gruppen des autonomen Spektrums in Th\u00fcringen blieben bestehen. Regionale Schwerpunkte existieren weiterhin in Jena und Weimar, ebenso h\u00e4lt die Fokussierung auf das Bet\u00e4tigungsfeld \"Antifaschismus\" an. Die in diesem Zusammenhang durchgef\u00fchrten Aktionen richteten sich \u00fcberwiegend gegen Veranstaltungen der \"rechten\" bzw. rechtsextremistischen Szene bzw. deren Strukturen. Dabei suchten Autonome durchaus die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner und der Polizei. \"Antifaschismus\" als Begriff wird auch von Demokraten verwendet, um ihre Ablehnung des Rechtsextremismus zum Ausdruck zu bringen. Linksextremisten versuchen den breiten gesellschaftlichen Konsens gegen den Rechtsextremismus zu nutzen, um von Demokraten als Partner akzeptiert zu werden. Im linksextremistischen Sinn ist \"Antifaschismus\" mehr als das Engagement gegen Rechtsextremismus. Er steht hier f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner, bei dem jedes Mittel recht ist. Den in Th\u00fcringen vertretenen marxistisch-leninistischen Parteien und Organisationen gelang es im Berichtszeitraum teilweise durch \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten wahrgenommen zu werden. 5. Autonome - gewaltorientierte Linksextremisten 5.1 Allgemeines Die Entstehungsgeschichte der autonomen Bewegung reicht in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts zur\u00fcck, in denen die radikalen und militanten Teile der Studentenbewegung zerfielen. Autonome sind in der Bundesrepublik seit Ende der 1970er Jahre aktiv. Heute agieren sie vor allem in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten. Schwerpunkte bilden Ballungsr\u00e4ume wie Berlin, nung in \"FAU Jena\" nach sich zog. Ein seither existierendes Ladenlokal wird auch vom \"Anarchistisches Schwarzes Kreuz Jena\" (ASKJ) genutzt. Das ASKJ war im Berichtszeitraum auch mit Vortragsveranstaltungen u. a. zur Repression \"um und nach G20\" und zum Verbot von \"linksunten.indymedia\" pr\u00e4sent. 33 Die Zahlenangaben beziehen sich auf die organisatorisch in Th\u00fcringen vertretenen Parteien \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) und \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD). Ma\u00dfgebliche Aktivit\u00e4ten der DKP wurden im Berichtszeitraum nicht festgestellt. Jedoch gelang es der in diesem Spektrum isolierten MLPD ihre politischen Anliegen in der \u00d6ffentlichkeit darzustellen. 89","Hamburg, das Rhein-Main-Gebiet und Leipzig oder auch Universit\u00e4tsst\u00e4dte. Der gewaltorientierten autonomen Szene waren 2018 bundesweit etwa 7.400 Anh\u00e4nger zuzurechnen. Damit verzeichnete die weitaus gr\u00f6\u00dfte Personengruppe des gewaltorientierten deutschen Linksextremismus erneut einen Zuwachs. Bestrebungen, verschiedene Str\u00f6mungen des Linksextremismus zusammenzuf\u00fchren, hielten ebenso an wie das Bem\u00fchen durch eine Entgrenzung zwischen Extremisten und Nichtextremisten eine Anschlussf\u00e4higkeit an die demokratische Mehrheitsgesellschaft herzustellen. Als ein ma\u00dfgeblicher Akteur trat dabei erneut die \"Interventionistische Linke\" (IL) in Erscheinung. Autonome erheben den Anspruch, nach eigenen Gesetzen leben zu wollen. Fremde Vorgaben, staatliche und gesellschaftliche Zw\u00e4nge lehnen sie ab. \"Keine Macht f\u00fcr niemand!\" lautet ihre paradoxe Devise. Ihre ideologischen Vorstellungen bleiben oft diffus, anarchistische Elemente mischen sich darin mit nihilistischen, sozialrevolution\u00e4ren, mitunter auch marxistischen Versatzst\u00fccken. Autonome sind entschlossen, die ihnen hemmend oder einengend erscheinenden staatlichen Strukturen zu zerschlagen. Von einem ausgepr\u00e4gten Individualismus getrieben verlangen sie dabei nicht nach in sich geschlossenen, theorielastigen Konzeptionen zur Ver\u00e4nderung der Gesellschaft. Gewalt ist ein selbstverst\u00e4ndliches Aktionsmittel der Autonomen. Aus ihrer Selbstsicht heraus nehmen sie Handlungen anderer, z. B. des Staats, von Unternehmen oder des politischen Gegners, als Gewalt gegen sich wahr und versuchen damit ihre Aktionsformen als Selbstschutz zu legitimieren. Angriffe auf Personen meint man regelm\u00e4\u00dfig damit rechtfertigen zu k\u00f6nnen, dass es sich bei den Opfern um \"Nazis\" gehandelt habe. Diese Bezeichnung wird dabei zum Teil willk\u00fcrlich verwendet, ohne dass es tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine Zugeh\u00f6rigkeit zum rechtsextremistischen Spektrum gegeben haben muss. Letztlich dient sie nur als Staffage, um das eigene Handeln m\u00f6glichst positiv darzustellen. Die Verfolgung der eigenen Straftaten wird wiederum als angebliche Kriminalisierung und Ausdruck eines repressiven Staats wahrgenommen. Gewaltt\u00e4tige Aktionsformen werden taktisch eingesetzt. Dabei spielen \u00dcberlegungen zur Haltung m\u00f6glicher B\u00fcndnispartner ebenso eine Rolle wie St\u00e4rke und Vorgehensweise eingesetzter Polizeikr\u00e4fte oder des politischen Gegners. Gelegentlich kommt es jedoch auch zu Gewaltausbr\u00fcchen zwischen Angeh\u00f6rigen des linksund rechtsextremistischen Spektrums, die jeweils \"Vergeltungsaktionen\" nach sich ziehen k\u00f6nnen. Die von Autonomen angestrebte Ver\u00e4nderung zielt auf die Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und der bestehenden Staatsund Gesellschaftsordnung. Daher sind Autonome als Linksextremisten im Sinne der Definition zu bewerten. 90","Die szeneinterne - oft auch konspirativ abgeschottete - Kommunikation erfolgt vorrangig unter Nutzung elektronischer Medien. Die Szene betreibt oder nutzt eine Vielzahl von Homepages und Portalen. In den letzten Jahren hatte das linksextremistische Internetportal \"linksunten.indymedia\" zunehmend an Bedeutung gewonnen und sich zu einem zentralen Angebot f\u00fcr die Szene insgesamt entwickelt. Sein Verbot im Jahr 2017 und die noch nicht abgeschlossene juristische Aufarbeitung besch\u00e4ftigen die Szene daher weiterhin, zumal ein gleichrangiges zentrales Ersatzangebot nach wie vor fehlt. Zumindest teilweise wurde auf \"indymedia.org\" ausgewichen. Dar\u00fcber hinaus dienen diverse Szenebl\u00e4tter, die z. T. konspirativ verbreitet werden, als Informationsquellen. Zur Werbung von Nachwuchs f\u00fcr die meist jugendliche, vielf\u00e4ltige und starker Fluktuation unterworfene Szene bieten sich Konzerte, verschiedene Angebote in Szeneobjekten, Veranstaltungen zu relevanten Themen wie insbesondere \"Antifaschismus\" und die M\u00f6glichkeiten universit\u00e4rer Einrichtungen an. Kampagnenf\u00e4hige Themen Wie auch andere Linksextremisten engagieren sich Autonome in verschiedensten gesellschaftlichen Konfliktfeldern und sind bem\u00fcht, ihre grunds\u00e4tzliche Systemkritik dort \u00fcber den sachbezogenen Protest hinaus in den \u00f6ffentlichen Diskurs einflie\u00dfen zulassen. So versuchen sie B\u00fcndnispartner zu gewinnen und ihre extremistischen Ziele zu verfolgen. Im Berichtszeitraum bestimmten folgende Themen die Diskussionen und Aktionen der autonomen Szene: \"Antifaschismus\", \"Antirassismus\", \"Antikapitalismus\", \"Antiglobalisierung\", \"Antirepression\", \"Antigentrifizierung\", \"Klimaund Umweltschutz\". Gewaltpotenzial Die Artikulationsformen Autonomer sind vielf\u00e4ltig. Sie reichen von Diskussionen, Vortragsveranstaltungen und Demonstrationen \u00fcber Stra\u00dfenkrawalle, teils erhebliche Sachbesch\u00e4digungen bis hin zu Brandanschl\u00e4gen. Gewalt ist ein selbstverst\u00e4ndliches Aktionsmittel der Autonomen. Bereitwillig setzen sie diese auch gegen Personen ein, vor allem im Rahmen von Protesten gegen Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene. Hier suchen Autonome die direkte Konfrontation mit dem politischen Gegner und Einsatzkr\u00e4ften der Polizei. Ein Ausdruck der anhaltenden Gewaltorientierung von Linksextremisten und der grunds\u00e4tzlichen Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt auch durch Autonome ist das Fehlen einer 91","eindeutigen und unmissverst\u00e4ndlichen Distanzierung von linksterroristischen Gruppierungen, sei es die \"Rote Armee Fraktion\" (RAF), die bereits 1999 ihre Aufl\u00f6sung erkl\u00e4rte und deren Straftaten auch wegen der anhaltenden Solidarisierung mit ihr noch immer nicht restlos aufgekl\u00e4rt werden konnten, oder seien es ausl\u00e4ndische \"Befreiungsbewegungen\" und \"Widerstandsk\u00e4mpfe\". Anhaltspunkte, die auf eine Existenz linksterroristischer Strukturen schlie\u00dfen lassen konnten, bestanden im Jahr 2018 nicht. Derartige Entwicklung bereits im Ansatz zu erkennen, bleibt jedoch eine best\u00e4ndige Aufgabe und Herausforderung f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden. (De)-Zentralisierung und ideologische Spaltung innerhalb der autonomen Szene. Fest strukturierte, auf Dauer angelegte und \u00fcbergreifende Organisationsformen widersprechen dem Grundverst\u00e4ndnis der traditionellen Autonomen. Die Szene ist heterogen zusammengesetzt, sie lehnt Hierarchien und F\u00fchrungsstrukturen ab. Autonome agieren meist in kleinen, unverbindlichen, lokal begrenzten, dezentralen Personenzusammenschl\u00fcssen. Um die wegen des niedrigen Organisationsniveaus begrenzten Wirkungsm\u00f6glichkeiten zu erweitern, gibt es immer wieder Versuche, \u00fcbergreifende Organisationsformen und Strukturen zu schaffen. Mehrere bundesweite Zusammenschl\u00fcsse und B\u00fcndnisprojekte spiegeln die Dynamik und Widerspr\u00fcchlichkeit im bundesweiten linksextremistischen Spektrum wider. Eines dieser Projekte ist die 2005 als bundesweites Netzwerk mit dem Ziel einer verbindlichen \"Organisierung\" autonomer Gruppierungen und Aktivisten gegr\u00fcndete IL. Als eine Art \"Scharnier\" zu nicht gewaltorientierten Linksextremisten und auch nicht extremistischen Gruppierungen lehnt sie Gewalt nicht grunds\u00e4tzlich ab. Ihr Ziel ist die Zusammenf\u00fchrung von (links)extremistischen Akteuren unterschiedlicher ideologischer Pr\u00e4gung und auch Nichtextremisten, um eine erh\u00f6hte Handlungsf\u00e4higkeit - Interventionsm\u00f6glichkeit - zu erlangen. Die IL zielt dabei letztlich auf eine \u00dcberwindung des \"Kapitalismus\" durch einen revolution\u00e4ren Umsturz ab. Organisationsstrukturen der IL in Th\u00fcringen bestehen nicht. Aber auch Th\u00fcringer Gruppierungen weisen kontinuierlich Verbindungen zur IL auf. So werden wesentliche Themen der IL auch in Th\u00fcringen aufgegriffen. In Jena z. B. erfolgte die thematische und organisatorische Verbindung zu den \"Klimak\u00e4mpfen\" durch die Gruppierung PEKARI 34, die die Gr\u00fcndung einer dortigen Ortsgruppe von \"Ende Gel\u00e4nde\" bekannt gab. In der gleichna34 PEKARI rekrutiert \"Nachwuchs f\u00fcr die radikale Linke in Jena\". Die Gruppe ist im linksextremistischen Spektrum auch \u00fcber Th\u00fcringen hinaus gut vernetzt. Sie wird der linksextremistischen (post)autonomen Szene zugerechnet. 92","migen bundesweiten, linksextremistisch beeinflussten Kampagne zum \"Kampf f\u00fcr Klimaschutz\" spielt die IL eine f\u00fchrende Rolle. 5.2 Die autonome Szene in Th\u00fcringen Das Anh\u00e4ngerpotenzial der gewaltorientierten autonomen Szene Th\u00fcringens umfasste im Berichtszeitraum ca. 130 Personen. Zu einzelnen Aktionen, denen die Szene besondere Bedeutung beima\u00df, gelang es ihr, einen auch \u00fcberregionalen Teilnehmerkreis zu mobilisieren. Regionale Schwerpunkte befinden sich in Jena und Weimar. Szenetypische Anlaufstellen sind \"Infol\u00e4den\" in Arnstadt, Erfurt, Jena und Gotha. \u00dcber verschiedene Veranstaltungen versuchte die linksextremistische autonome Szene offenbar im jugendlichen Spektrum Sympathisanten und neue Mitstreiter zu gewinnen. Autonome Gruppen aus Th\u00fcringen nutzen das Internet und E-Mail-Verbindungen, um untereinander Kontakt zu halten, zu agitieren und f\u00fcr Veranstaltungen zu mobilisieren. \u00dcber ihre Internetseiten ver\u00f6ffentlichen sie zum Teil umfangreiche Rechercheberichte \u00fcber den politischen Gegner. Auch Szenezeitschriften oder Audiostreams mit Informationen zum \"rechten\" Spektrum werden auf diesem Wege verbreitet. Zudem wird die M\u00f6glichkeit, Nachrichten zu verschl\u00fcsseln genutzt bzw. regelm\u00e4\u00dfig angeboten. Der Schwerpunkt \u00f6ffentlichkeitswirksamer Aktivit\u00e4ten lag im Berichtszeitraum vor allem in Jena, einer Region mit einer personell relativ starken und aktiven autonomen Szene. Inhaltlich dominierte das Themengebiet \"Antifaschismus\". Im Aktionsfeld \"Antigentrifizierung\" kam der \"Freiraumthematik\" weiterhin Bedeutung zu, auch hier insbesondere in Jena als einer \u00fcberdurchschnittlich teuren Wohngegend. Zudem nahm das Thema \"Antirepression\" im Berichtszeitraum Raum ein. Einen Nachklang in Th\u00fcringen fanden hier im Berichtszeitraum die vor allem bundesweit bedeutenden Komplexe zur Strafverfolgung und Aufarbeitung der G20Proteste im Juli 2017 in Hamburg und jene zu juristischen Folgen des Verbotes der linksextremistischen Internetplattform \"linksunten.indymedia\". Das auch f\u00fcr Linksextremisten relevante Themenfeld \"Umweltund Klimaschutz\" hat erheblich an Bedeutung gewonnen. So haben sich z. B. an den Protesten im Hambacher Forst (Nordrhein-Westfalen) auch Linksextremisten aus Th\u00fcringen beteiligt. Die Aktionen der autonomen Szene reichten von der Mobilisierung f\u00fcr die von breiten, nichtextremistischen B\u00fcndnissen organisierten Proteste gegen rechtsextremistische Veranstaltungen und die gewaltfreie Beteiligung daran bis hin zu gezielten Blockadeaktionen sowie Gewalttaten gegen Personen des rechtsextremistischen Spektrums, aber auch gegen Ein93","satzkr\u00e4fte der Polizei. Aus Szenesicht gelungene Gegenaktionen, die z. B. die Umleitung eines rechtsextremistischen Aufzugs, die Verz\u00f6gerung oder die vorzeitige Beendigung der Veranstaltung erforderlich machten, wertet sie als \u00e4u\u00dferst positiv. Entsprechend kritisch berichtet sie im Nachgang \u00fcber Ereignisse und - insbesondere polizeiliche - Ma\u00dfnahmen, die sie am Erreichen ihrer Ziele gehindert haben. Gleichwohl gelang es ihren Anh\u00e4ngern bislang nicht, innerhalb des breitgef\u00e4cherten Spektrums von Gegendemonstranten gr\u00f6\u00dferen Einfluss zu gewinnen. Standen Autonome diesen taktisch motivierten Kooperationen stets skeptisch gegen\u00fcber, distanzieren sie sich mitunter deutlich von den ihren Idealen widerstrebenden Zweckb\u00fcndnissen. Bei Demonstrationen gegen Rechtsextremisten konnten Ausschreitungen zwischen den beiden verfeindeten Lagern in der Regel durch Einsatzkr\u00e4fte der Polizei verhindert werden. Autonome hatten meist im Vorfeld zu Blockadeund St\u00f6raktionen aufgerufen. Oft suchten sie den unmittelbaren Kontakt zum politischen Gegner, um den \"Naziaufmarsch mit allen Mitteln\" zu verhindern. Mitunter missachteten sie dabei bewusst Vorgaben und Auflagen der Beh\u00f6rden. Im Rahmen ihrer Aktionen kam es auch im Jahr 2018 zu Straftaten wie K\u00f6rperverletzung, Sachbesch\u00e4digung und Landfriedensbruch. Pers\u00f6nliche Kontakte von Th\u00fcringer Autonomen insbesondere auch in bundesweite Szenehochburgen wie Leipzig, Berlin und Hamburg, Mobilisierungen f\u00fcr \u00fcberregionale Veranstaltungen und Proteste, Verlinkungen, Vernetzungsbem\u00fchungen und Beteiligung an Aktivit\u00e4ten im Bundesgebiet belegen eine enge Einbindung und bundesweite Verflechtung der Th\u00fcringer autonomen Szene. Im Berichtszeitraum beteiligten sich Th\u00fcringer Autonome an Aktionen in anderen, insbesondere angrenzenden Bundesl\u00e4ndern wie Sachsen und Sachsen-Anhalt, aber auch in Hamburg. Auftritte linksextremistischer Bands aus anderen Bundesl\u00e4ndern in Th\u00fcringen, z. T. in Szeneobjekten, aber auch in nichtextremistischen Lokalit\u00e4ten wie z. B. Jugendclubs oder gar im Rahmen kommerzieller Konzerttouren vor zahlreichen Zuh\u00f6rern belegen zum einen \u00fcberregionale Kontakte und Verflechtungen innerhalb der linksextremistischen Szene, die auch auf diese Weise gepflegt und gest\u00e4rkt werden, zum anderen jedoch die mitunter fehlende Abgrenzung der demokratischen Mehrheitsgesellschaft zu extremistischen Akteuren. 94","Th\u00fcringer Linkextremisten begehen den 1. Jahrestag der Proteste gegen den G20-Gipfel am 7./8. Juli 2017 in Hamburg Der erste Jahrestag der von schweren Krawallen begleiteten Proteste war insbesondere in Hamburg Anlass f\u00fcr Veranstaltungen von linksextremistischen Gruppen, wie ein \"Massencornern - ein Jahr nach G20 in Hamburg\", oder eine Fotoausstellung \"Repression und Widerstand nach G20 Protesten\". Aufrufe zu dezentralen Aktionen ergingen bundesweit. Es fanden Resonanzaktionen, Sachbesch\u00e4digungen, Brandanschl\u00e4ge und Soli-Bekundungen anl\u00e4sslich von Exekutivma\u00dfnahmen gegen gewaltt\u00e4tige Protestteilnehmer statt. In Jena fand am 5. Juli die Vorf\u00fchrung eines Films \"HAMBURGER GITTER - Der G20-Gipfel als Schaufenster moderner Polizeiarbeit\" statt. F\u00fcr die Veranstaltung wurde durch PEKARI und durch das regionale Medienprojekt \"Wumm\" 35 mobilisiert: \"P\u00fcnktlich zum Einj\u00e4hrigen der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg freuen wir uns in Jena den Dokumentarfilm \"Hamburger Gitter\" [...] zeigen zu k\u00f6nnen. Ein Film \u00fcber Protest, Justiz, Sicherheit und Ordnung - und die Methoden eines Staates, der im Juli letzten Jahres sein ganzes Arsenal zu Schau trug.\" Auch eine zweite Veranstaltung zum Jubil\u00e4um wurde beworben. Auf dem auch von Linksextremisten genutzten, regionalen \"was tun?\"-Kalender und auf der Website \"Wumm\" war f\u00fcr ein \"Cornern 1 Jahr nach #No G20\" am 6. Juli mobilisiert worden: \"Ein Jahr nach #NoG20 wollen wir uns diesem gesellschaftlichen Rechtsund Repressionsdruck entgegenstellen. Wir wollen mit euch gemeinsam im Paradiespark ein Massencornern veranstalten. Es wird Musik geben, Redebeitr\u00e4ge, Filmvorf\u00fchrungen ...\" Die Veranstaltung sah sich dabei als Alternative f\u00fcr alle, die nicht nach Hamburg reisen k\u00f6nnen. Sie verlief mit etwa 40 Teilnehmern st\u00f6rungsfrei. Cornern, das Zusammenkommen und gemeinsame Biertrinken an der Stra\u00dfenecke, das Treffen jugendlicher Musiker in der New Yorker Bronx in den 70-er Jahren, war schon im Vorfeld der G20-Proteste wiederentdeckt worden. Mit lauter Musik und Pr\u00e4senz auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen wurde \"Cornern\" hier jedoch als \"Massencornern\" im Rahmen der G20-Proteste als Form des politischen Protestes genutzt. Es erlaubt ein auch kurzfristiges Zusammenkommen gr\u00f6\u00dferer Menschenansammlungen in der \u00d6ffentlichkeit. Eine Regulierung des Ver35 \"Wumm, emanzipatorische Meldungen aus Jena und Region\", ist eigenem Bekunden nach eine \"kleines Medienprojekt f\u00fcr Jena und Region\", das weiterentwickelt werden solle. Es sammele \u00fcber die entsprechenden Blogs Artikel diverser Gruppen und verf\u00fcge \u00fcber ein Openposting-Angebot. Erste Beitr\u00e4ge erschienen im Juli 2018. Die Idee h\u00e4tte es \"schon vor dem Verbot von \"Linksunten.indymedia\" gegeben. Die Ereignisse h\u00e4tten gezeigt, \"dass es vielf\u00e4ltige dezentrale Medienarbeit f\u00fcr eine funktionierende Gegen\u00f6ffentlichkeit\" brauche. Das Medienprojekt ist den Autorenangaben zufolge umfassend in der regionalen linksextremistischen Szene vernetzt. 95","anstaltungsablaufs im Rahmen des Versammlungsrechtes - wie sonst f\u00fcr Veranstaltungen in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcblich - entf\u00e4llt hier bzw. wird so umgangen. 5.3 Th\u00fcringer Autonome und ihr \"Antifaschismus\"-Verst\u00e4ndnis Sachbesch\u00e4digungen und Recherche Ein Grundkonsens der autonomen Szene besteht darin, \u00fcber Ideen, Aktivit\u00e4ten sowie die Anh\u00e4ngerschaft ihres politischen Gegners aufzukl\u00e4ren. Methodische Mittel reichen dabei von Recherchebis zu sog. Outing-Aktionen. Linksextremisten setzen mit \"Outing\"-Aktionen darauf, mutma\u00dfliche oder tats\u00e4chliche politische Gegner als Rechtsextremisten z. B. durch Internetdarstellungen, Flugblattaktionen im Wohnoder Arbeitsumfeld \u00f6ffentlich zu machen und so \u00fcber deren politische Ausrichtung \"aufzukl\u00e4ren\" sowie diese nach M\u00f6glichkeiten in ihrem privaten Umfeld und sozial zu isolieren. \"Outing\"-Aktionen f\u00fchren mitunter zu weiteren Straftaten. Insoweit sind verbale Attacken, Sachbesch\u00e4digungen (an Haus oder Auto des Betroffenen) oder aber auch (k\u00f6rperliche) \u00dcbergriffe nicht auszuschlie\u00dfen und werden seitens der T\u00e4ter begr\u00fc\u00dft und gef\u00f6rdert. Ziel ist es, ein Bedrohungsszenario gegen\u00fcber der geouteten Person aufzubauen. So wurden bei einer \"Outing\"-Aktion vom 28./29. M\u00e4rz zwei Personen als \"Neonazis aus dem Weimarer Land geoutet\". Am 27. April bekannte sich eine \"Antifa\" auf dem bundesweit von Linksextremisten genutzten Internetportal \"indymedia\" zur \"Outing\"-Aktion an einem mutma\u00dflichen Neonazi aus Weimar. Es wurden Namen, Anschrift, Arbeitsstelle, Fotos und Aktivit\u00e4ten aus den vergangenen Jahre aufgelistet. Auf ein neues \"Rechercheportal\" f\u00fcr Jena und den Saale-Holzland-Kreis wies die Jenaer linksextremistische Gruppe \"PEKARI\" hin. Erste \"Outing\"-Aktionen erfolgten am 2. November und 1. Dezember. So hie\u00df es dort unter der \u00dcberschrift \"NAZI-SCHL\u00c4GER BEIM NAMEN NENNEN!\": \"Lange ist nichts passiert in Sachen Antifa-Recherche in Jena. In den kommenden Wochen werden wir an dieser Stelle anfangen, Jenaer Nazis zu outen, die in den letzten Jahren durch \u00dcbergriffe aufgefallen sind. Mit der Ver\u00f6ffentlichung ihrer Namen, Fotos, Netzwerke und \u00fcblicher Aufenthaltsorte in Jena sollen ihnen die R\u00e4ume streitig gemacht werden, aus denen heraus sie sich w\u00e4hrend ihrer brutalen \u00dcbergriffe scheinbar sicher f\u00fchlten.\" Um \u00dcbermittlung von relevanten Infos wurde gebeten. Die anonym agierenden Mitglieder der \"Recherchegruppe\", erreichbar allein per verschl\u00fcsselter Mail, stellen sich selbst unter das Label der \"Antifaschistischen Aktion\". Ihrem Selbstverst\u00e4ndnis zufolge sei es ihr Ziel, Wissen 96","\u00fcber Einzelpersonen und organisierte Strukturen der Naziszene allgemein zug\u00e4nglich zu machen. Auch \"andere Menschenfeinde [...], die trotz ihrer patriarchalen Gewaltt\u00e4tigkeit, als rassistische Schreibtischt\u00e4ter_ innen oder als Uniformierte bislang Anonymit\u00e4t genossen, sollen \u00f6ffentlich werden. \"Was dann mit den Rechercheergebnissen passiert, liegt nicht mehr in unserer Hand.\" Regelm\u00e4\u00dfig kommt es zu Sachbesch\u00e4digungen an vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Treffobjekten der rechtsextremistischen Szene oder an Immobilien, die mit ihr in Verbindung gebracht werden bzw. deren N\u00e4he zu dieser - mitunter auch f\u00e4lschlicherweise - angenommen wird. Auch private Anwesen und Kraftfahrzeuge von \"politischen Gegnern\" stehen stellvertretend f\u00fcr diese im besonderen Fokus der gewaltorientierter Linksextremisten. Graffiti wie \"Nazis auf's Maul\", \"Nazis raus\", \"ANTIFA FCK NZS\", Farbanschl\u00e4ge, Butters\u00e4ure-Angriffe u. \u00c4., mitunter erg\u00e4nzt durch wohlwollende und lobende Kommentare auf Szeneseiten oder auch Selbstbekennungen, sind keine Seltenheit. Auch im Berichtszeitraum gab es zahlreiche Vorf\u00e4lle dieser Art an Polizeib\u00fcros in Jena, einer NPD-Gesch\u00e4ftsstelle, Parteib\u00fcros der AfD. Am 25./26. Oktober wurden in Weimar gro\u00dffl\u00e4chig auf mehrere Objekte die Slogans \"A.C.A.B.\", \"Antifa-Area\" und \"Antifa hei\u00dft Angriff\" gespr\u00fcht. Der Sachschaden betr\u00e4gt allein in diesem Fall ca. 10.000 Euro. Das von der Ehefrau eines bekannten Rechtsextremisten genutzte Fahrzeug wurde am 2. Dezember in Langenwetzendorf (Lkr. Greiz) von einem oder mehreren unbekannten T\u00e4tern besch\u00e4digt, w\u00e4hrend sie mit ihren Kindern einen Weihnachtsmarkt besuchte. Es wurden die Scheibenwischer abgerissen und Sch\u00e4den an einem Seitenspiegel und der Frontscheibe verursacht. Durch den offensichtlich gezielten Angriff auf dieses Fahrzeug entstand ein Sachschaden in H\u00f6he von ca. 1.500 Euro. In Zusammenhang mit der Kommunalwahl am 26. Mai waren zudem szenetypische Sachbesch\u00e4digungen an Wahlplakaten \"politischer Gegner\" th\u00fcringenweit festzustellen. In Jena wurde an Fahrzeugen von Kandidaten der Parteien AfD und CDU am 16./17. April durch Unbekannte der Auspuff mit Bauschaum verklebt. Stellung zum Staat und zur Zivilgesellschaft Autonome sehen in der Politik der Regierung und in vermeintlichen gesellschaftlichen Missst\u00e4nden Ausl\u00f6ser f\u00fcr \"faschistische\" Tendenzen. Ihrer Meinung nach f\u00f6rderten \"staatlicher Rassismus\" und die \"Kriminalisierung des antifaschistischen Kampfes\" auch in der Bev\u00f6lke97","rung die Entwicklung \"rechter\" Tendenzen. Die Kritik und die Aktionen des autonomen Spektrums richten sich deshalb auch gegen die Zivilgesellschaft. In diesem Zusammenhang distanzieren sich Autonome von den Aktivit\u00e4ten demokratischer B\u00fcndnisse, schlie\u00dfen sich deren Veranstaltungen, insbesondere solchen gegen Rechtsextremismus, aber auch immer wieder an. Dies geschieht einerseits in der Annahme, \u00fcber szenetypische Slogans und Darstellungen autonome Anschauungen transportieren und die Veranstaltungen breiter B\u00fcndnisse gegebenenfalls dominieren zu k\u00f6nnen, andererseits, um die etwaige beh\u00f6rdliche Untersagung des selbst organisierten Protests zu umgehen. Als Ausdruck ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit sind Abgrenzungsversuche \u00fcblich. So rufen Autonome zur Beteiligung an \"antifaschistischen\" oder \"antikapitalistischen\" Bl\u00f6cken innerhalb von Demonstrationen auf. Linksextremisten an Protesten gegen Demonstration der rechtsextremistische Partei \"Der III. Weg\" am 17. Februar in Nordhausen beteiligt An den demokratisch initiierten Protestversammlungen u. a. unter dem Motto \"T\u00f6ne der Toleranz\" beteiligten sich insgesamt etwa 300 Personen, darunter auch Linksextremisten. Teilnehmer der Versammlung st\u00f6rten mehrfach die Kundgebung von \"Der III. Weg\" durch Sitzblockaden. Zur polizeilichen Absicherung der Veranstaltungen mussten weitere Einsatzkr\u00e4fte angefordert werden. Eine gr\u00f6\u00dfere, koordiniert agierende Personengruppe verhielt sich aggressiv. Es kam zu Stra\u00dfenblockaden und Provokationen gegen Polizeibeamte. Ein Polizeibeamter erlitt leichte Verletzungen. Von 14 versammlungstypischen Strafanzeigen betrafen 11 Gegendemonstranten, u. a. wegen Versto\u00dfes gegen das Versammlungsgesetz, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte, gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung und Sachbesch\u00e4digung. Sieben Personen wurden vorl\u00e4ufig festgenommen. In einem vorbereiteten Depot waren zudem Latten und Kn\u00fcppel aufgefunden worden. Bereits in den fr\u00fchen Morgenstunden war es zu Sachbesch\u00e4digungen in der Stadt gekommen. Es wurden thematisch einschl\u00e4gige Plakate, Aufkleber und Graffiti auf Hausfassaden und der Stra\u00dfe angebracht. Flyer und Sticker verk\u00fcndeten: \"Nazis raus\" \"Antifa Aktion\", \"Nazi sein hei\u00dft Probleme kriegen\", \"I hate Nazis\", \"Bei\u00dft Nazis\", \"Antifaschismus ist Handarbeit\", \"Hauptsache es knallt\". F\u00fcr die Proteste war im linksextremistischen Spektrum nur verhalten mobilisiert worden, z. B. vom \"Infoladen Sabotnik\" in Erfurt. Auch eine sog. Mobi-Veranstaltung fand in Erfurt statt. Zudem wurde unter der \u00dcberschrift \"Die haben Lichter, wir haben Bengalos\" zum Protest aufgerufen. Das \"Autonome Antifaschistische Komitee Nordhausen\" (AAKNH) rief via Internet dazu auf, \"den faschistischen und geschichtsrevisionistischen Mob nicht unwiderspro98","chen durch die Stra\u00dfen marschieren zu lassen!\" Ein \"Ermittlungsausschuss\" 36 wurde angek\u00fcndigt. Abschlie\u00dfend hie\u00df es: \"Lasst uns alle zusammen den Nazis den Tag versauen! Kein Fu\u00dfbreit den Faschisten! Antifa bleibt Landarbeit! Deutsche T\u00e4ter sind keine Opfer !!!\" In einer Nachbetrachtung der Proteste durch den \"Infoladen Sabotnik\" wird von \"Kleingruppen\" und erfolgreichen Blockadeversuchen berichtet: \"[...] und so gelang es, mehrfach die Route zu blockieren. Die Versammlungsbeh\u00f6rde und die Polizei waren jedoch gewillt, die Nazis um jeden Preis laufen zu lassen. So leiteten sie den Marsch sogar \u00fcber eine Bundesstra\u00dfe oder trugen und pfefferten Antifas von der Stra\u00dfe.\" Linksextremisten an Protesten gegen Demonstration der rechtsextremistische NPD am 1. Mai in Erfurt beteiligt In Erfurt protestierten am 1. Mai ca. 1.500 Personen, darunter auch Linksextremisten, gegen einen Aufzug der NPD. Gegendemonstranten versuchten mehrfach, in die Aufzugsstrecke des politischen Gegners vorzudringen und diese zu blockieren. Dabei wurde auch ein Transparent \"Antikapitalismus bleibt antifaschistisch. Keinen Meter den Nazis. F\u00fcr eine solidarische Gesellschaft\" mit dem Symbol der \"Antifaschistischen Aktion\" mitgef\u00fchrt. Vier Polizeibeamte sowie ein Gegendemonstrant wurden leicht verletzt. Insgesamt ergingen 17 Strafanzeigen, u. a. wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verst\u00f6\u00dfen gegen das Versammlungsgesetz. Gegen 18 Personen wurden Platzverweise ausgesprochen. Im Vorfeld der Proteste kam es zu szenetypischen Straftaten, zwei versuchten Brandstiftungen an Polizeifahrzeugen und einer gro\u00dffl\u00e4chigen Sachbesch\u00e4digung mit teerhaltiger Farbe am Geb\u00e4ude der \"Deutschen Bank\", bei der ein Schaden in H\u00f6he von ca. 4.000 Euro entstand. 37 Die T\u00e4ter blieben mit einer Ausnahme unbekannt. Ein Zusammenhang zu den Protesten ist trotz fehlender Selbstbezichtigungen anzunehmen. Linksextremisten, u. a. PEKARI aus Jena, hatten zu gewaltt\u00e4tigen Protesten gegen den rechtsextremistischen Aufmarsch aufgerufen. Unter dem Motto \"Work together! Naziaufmarsch sabotieren!\" fanden Informationsveranstaltungen in Erfurt und Jena statt. Unter Ver36 Ein \"Ermittlungsausschuss\" ist ein unentgeltliches Rechtshilfeangebot, oft anl\u00e4sslich von Demonstrationen und Aktionen, das von der Telefonbetreuung, der Organisation von Anw\u00e4lten bis hin zur Betreuung bei Festnahmen oder in U-Haft reicht. Zum Teil handelt es sich um tempor\u00e4re Einrichtungen, deren telefonische Erreichbarkeit kurzfristig bekanntgegeben wird, zum Teil sind es dauerhafte, fest etablierte Einrichtungen, mitunter begleitet von Sprechstundenangeboten. 37 Bereits im Jahr 2016 war es durch Unbekannte in Erfurt am 1. September zu einem Anschlag auf die PaxBank mit einem Schaden zwischen 30.000 und 35.000 Euro gekommen. Auch damals fand eine teerartige Substanz Verwendung. 99","weis auf \"erfolgreiche Proteste am 1. Mai 2010\" 38 wurde daf\u00fcr geworben, \"sich den rechten Versammlungen entgegenzustellen.\" Beteiligungen von Linksextremisten an Protestvorbereitung gegen \"Rock gegen \u00dcberfremdung III\" am 25. August in Mattstedt Gegen die rechtsextremistische Musikveranstaltung, die am 25. August in Mattstedt (Lkr. Weimarer Land) stattfinden sollte, formierte sich ein breiter aus dem demokratischen Spektrum getragener Protest, an dessen Vorbereitung sich auch Linksextremisten beteiligten. Die rechtsextremistische Veranstaltung fand letztlich nicht statt. Bei den planm\u00e4\u00dfig und unter Beteiligung von Linksextremisten durchgef\u00fchrten Protesten wurden Fahnen mit dem Symbol der \"Antifaschistischen Aktion\" gezeigt. Mitglieder der MLPD und ihrer Jugendorganisation \"REBELL\" waren vor Ort. Der Th\u00fcringer Parteivorsitzende hielt einen Redebeitrag. Die Partei unterhielt einen Informationsstand. Im Zuge der Protestvorbereitung f\u00fchrte die der Weimarer autonomen Szene zuzuordnende Gruppierung reACT23 aus: \"Wir m\u00fcssen damit beginnen und weitermachen, Nazis klaren Widerstand zu geben. [...] Wenn wir das verhindern wollen, m\u00fcssen wir sie bek\u00e4mpfen und die gesellschaftlichen Bedingungen angehen, die es erm\u00f6glichen, dass autorit\u00e4re und neonazistische Ideen wieder aufkeimen.\" Kurzfristig hatte auch \"Black Kitchen\" 39 zur Teilnahme an den \"vielf\u00e4ltigen Protesten\" aufgerufen und eine SoK\u00fc 40 mit \"All Crepes Are Beautiful 41 Stand\" angek\u00fcndigt. Die \"Antifa Gruppen S\u00fcdth\u00fcringen (AGST)\" distanzierten sich explizit vom demokratischen Protest in Mattstedt, nachdem sich ein Organisator der Proteste in einem Zeitungsinterview hinsichtlich einer linksextremistischen Beteiligung deutlich abgegrenzt hatte: \"man werde dort Linksextremisten nicht dulden\" Die so \"Ausgeladenen\" wurden durch die AGST stattdessen zum Protest am 1. September in Leinefelde gegen den sog. Eichsfeldtag willkommen gehei\u00dfen: \"Wir freuen uns \u00fcber jeden Antifaschisten auf unserer Demonstration und laden hiermit alle, die sich in Mattstedt ausgeladen f\u00fchlen, zu uns ein.\" Es wird betont: \"Wir lassen uns nicht spalten.\" 38 Aufgrund massiver Gegenproteste h\u00e4tte die damalige NPD-Kundgebung kurzfristig eine Ausweichroute nutzen sollen, was die Versammlungsleitung ablehnte und den Aufzug in der Folge f\u00fcr beendet erkl\u00e4rte. 39 \"Black Kitchen\" beschreibt sich selbst als \"Aktionskochkollektiv\" mit dem Ziel, \"eine vegane Essensversorgung f\u00fcr radikale und emanzipatorische K\u00e4mpfe zu stellen.\" Das Kollektiv setze sich u. a. aus \"radikalen Linken\" und \"AnarchistInnen\" zusammen. Man koche nicht f\u00fcr \"reformistische Kackschei\u00dfe oder reaktion\u00e4re Arschl\u00f6cher\". In der Eigendarstellung hei\u00dft es weiter: \"Wir wollen kein St\u00fcck von eurem Kuchen - wir haben selbst eine B\u00e4ckerei! See us on the streets!\" Bei den Protesten gegen den G7-Gipfel 2015 in Elmau (Bayern) trat \"Black Kitchen\" erstmals in Erscheinung. 40 \u00dcbliche Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Solidarische K\u00fcche\". 41 Steht f\u00fcr die Abk\u00fcrzung A.C.A.B (All Cops Are Bastards). 100","Im Nachgang brachten Unbekannte in der Nacht vom 1. auf den 2. September Graffiti mit Autonomiesymbolen auf einem zuvor aufgebrochenen Wohnwagen auf dem Veranstaltungsgel\u00e4nde an. Gewalt als Aktionsmittel Autonomer Gewalt ist ein selbstverst\u00e4ndliches Aktionsmittel der Autonomen. Aus ihrer kruden Selbstsicht heraus nehmen sie Handlungen anderer, z. B. des Staats, von Unternehmen oder des politischen Gegners, als Gewalt gegen sich wahr und versuchen damit ihre Aktionsformen als Selbstschutz zu legitimieren. Angriffe auf Personen meint man regelm\u00e4\u00dfig damit rechtfertigen zu k\u00f6nnen, dass es sich bei den Opfern um \"Nazis\" gehandelt habe. Diese Bezeichnung wird dabei zum Teil willk\u00fcrlich verwendet, ohne dass es tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine Zugeh\u00f6rigkeit zum rechtsextremistischen Spektrum gegeben haben muss. Letztlich dient sie nur als Staffage, um das eigene Handeln m\u00f6glichst positiv darzustellen. Die Verfolgung der eigenen Straftaten wird wiederum als angebliche Kriminalisierung und Ausdruck eines repressiven Staats wahrgenommen. So wurde eine Person mittleren Alters, die ein Shirt der Marke \"Thor-Steinar\" trug, in den fr\u00fchen Abendstunden des 19. September in Bad Blankenburg (Lkr. Saalfeld-Rudolstadt) Opfer einer gef\u00e4hrlichen K\u00f6rperverletzung. Bei der Pr\u00fcgelattacke durch zwei Unbekannte erlitt der vermeintliche \"Nazi\" schwere Verletzungen, u. a. einen Jochbeinbruch. W\u00e4hrend des brutalen \u00dcbergriffs riefen die T\u00e4ter \"Thor Steinar!\", schlugen und traten gegen Kopf und K\u00f6rper des Gesch\u00e4digten, auch als dieser bereits am Boden lag. Sie rissen ihm das Shirt vom K\u00f6rper und warfen es zusammen mit seinen Schuhen in einen nahe gelegenen Fluss. Das auch von Rechtsextremisten getragene Modelabel \"Thor Steinar\" hat f\u00fcr Linksextremisten \"symbolischen Reiz\". Eine mutma\u00dflich linksextremistische Handschrift tr\u00e4gt ein \u00dcberfall auf G\u00e4ste des \"FliederVolkshauses\" 42 am 18./19. August in Eisenach. Im Anschluss an einen im Internet beworbenen Vortragsund Liederabend, der in der bekannten NPD-Immobilie einen \"Erlebnisbericht aus erster Hand\" von der NS-Front versprach, wurden in den Nachtstunden drei Teilnehmer der Veranstaltung auf ihrem Nachhauseweg von einer zahlenm\u00e4\u00dfig deutlich \u00fcberlegenen Gruppe Maskierter mit Pfefferspray und Schlagst\u00f6cken auf offener Stra\u00dfe angegriffen und zusammengeschlagen. Zwei der vermeintlichen \"Nazis\" erlitten hierbei schwere, einer leichte Verletzungen. Es kam zu Fingerund Rippenbr\u00fcchen. Die T\u00e4ter flohen unerkannt. 43 42 Siehe Abschnitt II, Kapitel 5.1. 43 Die Ermittlungen wegen des Verdachts auf Landfriedensbruch und gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung dauerten zum Redaktionsschluss an. 101","5.4 Das Aktionsfeld \"Antigentrifizierung\" Autonome nutzen das Thema \"Gentrifizierung\", um eigene Interessen - die Schaffung und den Erhalt von \"Freir\u00e4umen\" (z. B. besetzte H\u00e4user, kollektive Wohnprojekte) - in einen breiteren gesellschaftlichen Rahmen und dort bestehende soziale Fragen einzubringen. Das Streben nach derartigen von \"kapitalistischer Verwertungslogik\" und staatlichem Zugriff freien Objekten reicht bis in die Anfangstage der Autonomen zur\u00fcck. Entsprechend hoch ist der Stellenwert einzelner, noch verbliebener Szeneobjekte. Auf den drohenden Verlust reagiert die Szene daher meist \u00e4u\u00dferst aggressiv. Der Kampf um \"Freir\u00e4ume\" ist Vorstufe und Teil des Kampfes um eine herrschaftsfreie klassenlose Gesellschaft, ein Leben ohne fremde Zw\u00e4nge und Vorgaben, nach eigenen Regeln. Im Zusammenhang damit unterst\u00fctzten auch Th\u00fcringer Linksextremisten regelm\u00e4\u00dfig Hausbesetzungen und von R\u00e4umung bedrohte \"Freir\u00e4ume\". So kam es am 17. Dezember im Raum Nordhausen zu mehreren Plakataktionen, die sich mit dem von R\u00e4umung bedrohten Szeneobjekt \"Hasi\" 44 in Halle (Sachsen-Anhalt) solidarisierten. An Br\u00fccken fanden sich Transparente mit einschl\u00e4gigen Aufschriften wie \"GENTRIFIZIERUNG STOPPEN HASI BLEIBT\". Es wurden Forderungen, alternative Freir\u00e4ume zu erk\u00e4mpfen bzw. zu verteidigen erhoben und nebul\u00f6s formuliert: \"Jede R\u00e4umung hat ihren Preis\". F\u00fcr das seinerzeit \"umk\u00e4mpfte\" Szeneobjekt war zeitnah ein weiterer R\u00e4umungstermin angek\u00fcndigt worden. Insbesondere in der th\u00fcringischen Universit\u00e4tsstadt Jena ist das Themenfeld \"Antigentrifizierung\" bzw. \"Freiraum\" regelm\u00e4\u00dfig pr\u00e4sent. So wurde hier bereits in der Vergangenheit im Zusammenhang mit diversen Hausbesetzungen die Forderung nach einem \"Autonomen Zentrum\" nicht \"zur Selbstbespa\u00dfung, nicht als staatlich genehmigte ,Soziokultur', sondern als Ausgangspunkt, als St\u00fctzpunkt f\u00fcr die Organisierung der Auseinandersetzungen um die befreite Gesellschaft\" gestellt. In Jena fand am 23. Oktober ein Prozess wegen Hausfriedensbruch und N\u00f6tigung gegen zwei Personen statt, die am 17. Oktober 2016 an einer Hausbesetzung in Jena, Carl-ZeissStr. 10, beteiligt waren. 45 An einer Solidarit\u00e4tskundgebung unter dem Motto \"Hausbesitz, nicht Hausbesetzung ist das Verbrechen!\" beteiligten sich ca. 20 Personen. F\u00fcr die Kundgebung vor dem Geb\u00e4ude und zu einer \"solidarischen Begleitung des Prozesses im Amtsgericht\" war in geringem Umfang mobilisiert worden. Nach einem Bericht von \"wolja\" h\u00e4tte man seinerzeit das Haus besetzt, \"um gegen die ungerechte Eigentumsordnung in un44 Das ab Januar 2016 besetzte Haus war mit einem \"nichtkommerziellen, selbstorganisierten, soziokulturellen Zentrum\" zun\u00e4chst legalisiert; nach Auslaufen des Nutzungsvertrages und einsetzenden R\u00e4umungsma\u00dfnahmen zogen die Bewohner noch im Dezember freiwillig in ein Ersatzobjekt. 45 Am 17. Oktober 2016 hatten mehrere Personen in Jena ein leerstehendes, im Eigentum der Ernst-AbbeStiftung befindliches Haus besetzt und trotz Aufforderung nicht verlassen. 102","serer Gesellschaft zu protestieren und um ein soziales Zentrum f\u00fcr verschiedene Bewegungen in unsrer Stadt zu erk\u00e4mpfen.\" Auch wenn die Strategie der \"Repressionsorgane\" nicht aufgegangen sei46, sei offen, ob es nun hei\u00dfe \"Nach der Besetzung ist vor Besetzung\". Der der autonomen Szene Jenas nahestehenden Blog \"wolja\" hatte sich bereits im Vorjahr zu \"bedrohten Freir\u00e4umen\" in Jena ge\u00e4u\u00dfert, u. a. zu dem \"seit neun Jahren bestehenden alternativen Hausprojekt am Inselplatz\", das der \"Aufwertung des Universit\u00e4tsstandortes Jena\" weiche. Die im Berichtszeitraum begonnene Ber\u00e4umung wurde von Protesten unter Beteiligung von Linksextremisten begleitet. Der angesichts steigender Mieten notwendige \"Kampf gegen Verdr\u00e4ngung und Entmietung\", und f\u00fcr unkommerzielle Kulturprojekte und selbstverwaltete R\u00e4ume erfordere aus Szenesicht \"eine grundlegend andere Stadtund Wohnraumpolitik\". So gab z. B. eine Immobilienmesse am 10. M\u00e4rz in Jena Anlass f\u00fcr Proteste von etwa 100 Personen unter dem Motto \"Jena f\u00fcr Alle. Stoppt den Ausverkauf der Stadt!\". Sie fanden unter Beteiligung linksextremistischer Akteure statt. Zu den Protesten vor dem Veranstaltungsort hatte die linksextremistische autonome Szene aufgerufen. Es gab zudem offene Infound Vorbereitungstreffen. Da Demonstrationen \"f\u00fcr eine neue, nicht profit-orientierte Stadtund Wohnungspolitik\" jedoch nicht ausreichen w\u00fcrden und es notwendig sei, \"den Protest im Alltag zu verankern\", wurde zu diesem Zweck seit Juni ein monatlicher \"Miettreff\" in einem Jenaer Szeneobjekt angeboten. In Rahmen einer Festwoche vom 6. bis 12. August zur Er\u00f6ffnung eines \"Sozio-kulturelle[n] Zentrum[s]\" in Jena beteiligte sich die Gruppe PEKARI mit drei Veranstaltungen, u. a. einem Workshop \"Recht auf Stadt\". Sie begr\u00fc\u00dfte das Projekt: \"Wir freuen uns mit Allen, die f\u00fcr ein selbstbestimmtes Leben k\u00e4mpfen, \u00fcber diesen neuen vielf\u00e4ltig daf\u00fcr nutzbaren Raum!\" F\u00fcr die Festwoche war in der regionalen Szene mobilisiert worden: \"Freir\u00e4ume. Soziale Zentren. Stadt f\u00fcr Alle? Unter dem Slogan ,Recht auf Stadt' k\u00e4mpfen wir f\u00fcr Bleiberecht, Selbstbestimmung und die Vergesellschaftung von Wohnraum.\" Zudem beteiligte sich PEKARI an einer universit\u00e4ren Veranstaltungsreihe mit einem Vortrag \"Mietest du noch, oder k\u00e4mpfst du schon?\" zur Frage von \"Handlungsm\u00f6glichkeiten und Protestformen gegen den aktuellen Mietenwahnsinn\". 46 Der Prozess endete mit Freispruch hinsichtlich des N\u00f6tigungsvorwurfs sowie Verfahrenseinstellung wegen fehlender Vollmachten. 103","6. Sonstige linksextremistische Organisationen 6.1 \"Rote Hilfe e. V.\" (RH) Bund Th\u00fcringen Gr\u00fcndung 1975 Sitz G\u00f6ttingen Jena, Erfurt, Arnstadt Mitglieder 2018 ca. 9.200 140 2017 ca. 8.300 140 2016 ca. 8.000 140 Publikationen \"Die Rote Hilfe\" (viertelj\u00e4hrlich) - Internet eigener Internetauftritt eigene Internetauftritte der \u00f6rtlichen Gliederungen Die von Linksextremisten unterschiedlicher Ausrichtung getragene RH definiert sich als \"parteiunabh\u00e4ngige, str\u00f6mungs\u00fcbergreifende linke Schutzund Solidarit\u00e4tsorganisation\", die vermeintlich politisch Verfolgte aus dem gesamten \"linken\" und linksextremistischen Spektrum politisch und materiell unterst\u00fctzt. Sofern die in der Satzung genannten Zwecke der RH erf\u00fcllt sind, erhalten von juristischen Verfahren Betroffene und rechtskr\u00e4ftig Verurteilte auf Antrag eine den vereinseigenen Regelungen entsprechende Kostenerstattung. Als Voraussetzung daf\u00fcr m\u00fcssen ein Tatgest\u00e4ndnis und jegliche Kooperation mit Sicherheitsbeh\u00f6rden unterbleiben, z. B. im Rahmen einer Aussage oder einer Distanzierung von den vorgeworfenen Taten. Andernfalls wird die Erstattung gek\u00fcrzt oder in G\u00e4nze abgelehnt. Die Zuwendungen richten sich auch an militante Linksextremisten. Die RH selbst betont, \"keine karitative Einrichtung\" zu sein. Die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Einzelnen sei zugleich ein \"Beitrag zur St\u00e4rkung der Bewegung\". Der durch exemplarische Strafverfolgung Einzelner bezweckten Abschreckung stellt die RH explizit \"das Prinzip der Solidarit\u00e4t entgegen und ermutigt damit zum [W]eiterk\u00e4mpfen.\" Zudem soll grunds\u00e4tzlich eine Zusammenarbeit mit Sicherheitsund Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und eine daraus resultierende Aufkl\u00e4rung von Straftaten unterbunden werden. Sowohl durch ihr Wirken als \"Gefangenhilfsorganisation\" als auch durch die gezielte Meinungsbildung und -beeinflussung in der \u00d6ffentlichkeit - durch Publikationen, Veranstaltungen, Kampagnen - diskreditiert die Organisation den demokratischen Rechtsstaat als \"Willk\u00fcrregime\", behindert staatliches Handeln und versucht letztlich szenestabilisierend und -st\u00e4rkend zu wirken. Ohne selbst gewaltt\u00e4tig zu agieren, bef\u00fcrwortet und unterst\u00fctzt sie so die Gewaltanwendung durch Szeneangeh\u00f6rige. 104","Die RH organisiert Informationsund Diskussionsveranstaltungen zu den Themenfeldern \"Rechtshilfe\" und \"staatliche Repression\". Sie versteht das Handeln von Polizei, Justiz und Strafvollzug als politisch motiviert, es diene zur Herrschaftssicherung der Machthabenden. Sie lehnt das staatliche Gewaltmonopol ab. Die der Bek\u00e4mpfung des Terrorismus dienenden Anti-Terror-Gesetze deutet die RH als \"Feindstrafrecht, [...] das f\u00fcr Gegner*innen der b\u00fcrgerlichen Ordnung geschaffen wurde, f\u00fcr die die Regeln einer 'normalen' Prozessf\u00fchrung und Ermittlung nicht mehr gelten\" w\u00fcrden. Vielmehr dienten sie dazu, jegliche \"Politische Aktivit\u00e4t gegen die herrschenden Zust\u00e4nde unm\u00f6glich\" und durch \"ausge\u00fcbte oder angedrohte Gewalt [...] Menschen gef\u00fcgig zu machen\". Diesem Verst\u00e4ndnis entsprechend solidarisiert sie sich wiederholt auch mit gesuchten und \"von staatlicher Repression betroffenen\" ehemaligen RAF-Terroristen. Sie w\u00fcrdigte unkritisch und distanzlos den 40. Jahrestag des \"Deutschen Herbst\" 47 auch mit Texten der RAF zur \"Wiederaneignung der Geschichte des Kampfes gegen Repressionsapparat, Zwangsanstalten und Knast\". Ungebrochene Sympathie und Unterst\u00fctzung gelten auch terroristischen Organisationen oder unter Terrorverdacht stehenden Organisationen im Ausland bzw. deren Repr\u00e4sentanten. Im Berichtszeitraum berichtete sie unter dem Titel \"No Justice - No Peace: erinnern, gedenken, k\u00e4mpfen\" zum 20. Todestag von \"Andrea Wolf, eine(r) Internationalistin in Kurdistan\", die 1998 bei ihrem Kampfeinsatz f\u00fcr die PKK in den kurdischen Bergen get\u00f6tet wurde. 48 Die Hilfsangebote der RH sind nicht an ein zuvor gewaltfreies Handeln der von Strafverfolgung betroffenen oder bereits verurteilten Personen gekn\u00fcpft. Auch in Th\u00fcringen wurden in der Vergangenheit F\u00e4lle der institutionellen \u00dcbernahme von Geldstrafen durch die RH bekannt. Die RH ist die mitgliederst\u00e4rkste Organisation im Bereich des Linksextremismus und weist seit Jahren einen best\u00e4ndigen Zuwachs an Mitgliedern auf. Die Organisation gliederte sich im Jahr 2018 bundesweit in ca. 50 Ortsbzw. Regionalgruppen. In Th\u00fcringen existieren Ortsgruppen in Jena und Erfurt sowie eine Regionalgruppe in S\u00fcdth\u00fcringen. Zum wiederholten Male fand die laut Satzung alle zwei Jahre durchzuf\u00fchrende Bundesdelegiertenversammlung der RH in Th\u00fcringen statt, vom 14. bis 16. September in Strau\u00dfberg (Kyffh\u00e4userkreis). 47 Als \"Deutscher Herbst\" wird die von den Anschl\u00e4gen der RAF gepr\u00e4gte Zeit September und Oktober 1977 mit der Entf\u00fchrung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer, der Entf\u00fchrung des Lufthansa-Flugzeugs Landshut und den Selbstmorden der inhaftierten F\u00fchrungsriege der ersten RAF-Generation bezeichnet. Er gilt als eine der schwersten Krisen der Bundesrepublik Deutschland. 48 Die wegen verschiedener Straftaten verurteilte Linksextremistin wurde auch mit der RAF in Verbindung gebracht. Nach ihrem Untertauchen schloss sie sich der PKK an und beteiligte sich aktiv am milit\u00e4rischen Kampf. 105","Die RH in Th\u00fcringen beteiligt sich im Rahmen ihrer \"Antirepressionsarbeit\" an Demonstrationen und Protesten oder unterst\u00fctzt diese. Dazu wird auch auf Ermittlungsaussch\u00fcsse (EA) verwiesen. Anl\u00e4sslich der f\u00fcr den 1. Mai in Erfurt geplanten Veranstaltungen und Proteste gegen einen NPD-Aufmarsch hie\u00df es bei der RH Ortsgruppe Erfurt: \"Passt auf euch auf! Macht keine Aussagen! Unterschreibt nichts! Wendet euch an den EA! Wenn was passiert, schreibt Ged\u00e4chtnisprotokolle und kontaktiert uns.\" Anl\u00e4sslich des von Linksextremisten traditionell begangenen \"Tages des politischen Gefangenen\" am 18. M\u00e4rz 49 veranstaltete die RH Ortsgruppe Erfurt in Erfurt am 14. M\u00e4rz eine Veranstaltung \"Die Gefangenen-Gewerkschaft/Bundesweite Organisation (GG/BO) in Th\u00fcringen\" 50 in Kooperation mit einer Soligruppe aus Jena. Diese unterst\u00fctze seit November 2015 Gefangene in Th\u00fcringen und wolle zum \"Gef\u00e4ngnissystem als einem Ort von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung, aber auch von Widerstand und sozialen K\u00e4mpfen\" berichten und auch davon, wie sie \"vom Staat behindert und sogar bek\u00e4mpft\" werde. In der Veranstaltung sei deutlich geworden, \"wie staatliche Repression Menschen in Kn\u00e4sten kaputt macht und wie wichtig es ist, den sozialen Kampf innerhalb von Gef\u00e4ngnismauern zu unterst\u00fctzen.\". Die RH gibt dar\u00fcber hinaus zum \"Tag des politischen Gefangenen\" am 18. M\u00e4rz j\u00e4hrlich eine Sonderzeitung heraus, die auch der linksextremistischen Tageszeitung \"junge Welt\" beiliegt. Den aktuellen thematischen Schwerpunkt \"Die politischen Gefangenen brauchen die Solidarit\u00e4t der gesamten Linken!\" widmet sie explizit \"den politischen Gefangenen und den unz\u00e4hligen von Repression Betroffenen und Verletzten im Zuge der Proteste gegen den G20Gipfel\" 2017 in Hamburg 51. Der Staat sei bem\u00fcht \"politische Gefangene\" zu machen, rufe die Bev\u00f6lkerung im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen zur \"Denunziation\" auf. Politischer Protest solle weitestgehend unterbunden werden, durch die Androhung schwerer Strafen solle schon die Beteiligung an Demonstrationen als schwere Straftat stigmatisiert werden. In dem t\u00e4glichen \"Kampf zwischen Unterdr\u00fccker*innen und Unterdr\u00fcckten\" \u00fcberall auf der Welt, \"dort, wo Bewegungen gegen Ausbeutung, Krieg Umweltzerst\u00f6rung [...] aufbegehren\" bed\u00fcrfe es der Solidarit\u00e4t. 49 Der von der RH am 18. M\u00e4rz 1923 ausgerufene \"Internationale Tag der Hilfe f\u00fcr politische Gefangene\" geht auf einen Arbeiteraufstand der Pariser Kommune vom 18. M\u00e4rz 1871 zur\u00fcck; allj\u00e4hrlich wird zu diesem Anlass zu Veranstaltungen und Demonstrationen gegen \"staatliche Repression\" und f\u00fcr \"die Freiheit aller politischen Gefangenen\" aufgerufen. 50 Die fragliche \"Gefangenengewerkschaft\" unterliegt nicht der Beobachtung durch das AfV, erf\u00e4hrt jedoch regelm\u00e4\u00dfig Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t durch Linksextremisten. 51 Am 7./8. Juli 2018 fand in Hamburg das j\u00e4hrliche Treffen der Staatsund Regierungschefs der \"Gruppe der 20 wichtigsten Industrieund Schwellenl\u00e4nder der Welt\" (G20) statt. Neben diversen friedlichen Protestveranstaltungen kam es auch zu gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen und schweren Straftaten. Unter den Akteuren befanden sich zahlreiche Linksextremisten, u. a. auch aus Th\u00fcringen. 106","Nicht allen Th\u00fcringer Gliederungen der RH gelang es im Berichtszeitraum regul\u00e4r und kontinuierlich Sprechstunden anzubieten oder abzuhalten. Die RH Ortsgruppe Jena verweist auf zwei monatliche Termine im Infoladen, die RH Ortsgruppe Erfurt gibt eine monatliche \"Anlaufstelle\" an. Zudem waren die Ortsgruppen \u00fcber Post, E-Mail und z. T. auch Telefon im Bedarfsfall erreichbar. F\u00fcr die Kontaktaufnahme per E-Mail ist in allen F\u00e4llen eine Verschl\u00fcsselung der Kommunikation vorgesehen. Aktivit\u00e4ten der Th\u00fcringer Gliederungen der RH wurden durch Berichte im Internet erg\u00e4nzt - \u00fcber \"rechtswidrige\" polizeiliche Ma\u00dfnahmen, \"Polizeigewalt\", Verlauf und Ergebnis relevanter Gerichtsverhandlungen, Veranstaltungen, Solidarit\u00e4tsaufrufe und Spendenkampagnen. Dazu werden auch entsprechende Konten angegeben. Die gegen \"staatliche Repression\" gerichteten Beitr\u00e4ge folgen dabei szenerelevanten Themen - Hausbesetzung / Freiraumthematik, G20-Proteste, Proteste gegen Burschenschaften. Von der RH im Berichtszeitraum fortgef\u00fchrte Kampagnen zeigen ihre gute Vernetzung und aktive Einbindung in die Th\u00fcringer linksextremistische Szene. So berichtete die Regionalgruppe S\u00fcdth\u00fcringen erneut \u00fcber die von ihr initiierte und von anderen Th\u00fcringer RHGliederungen unterst\u00fctzte Solidarit\u00e4tsund Spendenkampagne \"Free the three\". Verhandlungstage beim zust\u00e4ndigen Amtsgericht in Gotha wurden angek\u00fcndigt, zur solidarischen Prozessbegleitung und Solidarit\u00e4tskundgebungen aufgerufen. Die Solidarit\u00e4tsund Spendenkampagne \"Free the three\" dient der Unterst\u00fctzung von drei im September 2016 wegen versuchten Raubes und K\u00f6rperverletzung festgenommenen - \"von Nazis bezichtigten\" - Personen. Auf Prozessberichte (\"Ermittlungspannen und gespr\u00e4chige Nazis mit Erinnerungsl\u00fccken\") auf dem von Linksextremisten genutzten Portal \"indymedia\" wurde verwiesen. Auch die Solidarit\u00e4tsund Spendenkampagne \"United we stand\", die wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung und Landfriedensbruchs Angeklagte unterst\u00fctzt, wurde fortgef\u00fchrt. Im Januar 2017 war es bei Protesten gegen einen rechtsextremistischen TH\u00dcGIDA-Aufmarsch in Saalfeld bei Protesten unter den Motto \"Make racists afraid again!\" zu gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen von \"Antifaschisten\" auf \"Nazis\" gekommen. Dabei waren Gesch\u00e4digten auch massive Verletzungen zugef\u00fcgt worden. Geplante Verhandlungstage beim zust\u00e4ndigen Amtsgericht in Rudolstadt wurden angek\u00fcndigt, zur solidarischen Prozessbegleitung und Solidarit\u00e4tskundgebungen aufgerufen und weiterhin um Spenden geworben. Konkret dieses Engagement wurde als einer der Gr\u00fcnde aufgef\u00fchrt, weswegen ihr einer der anl\u00e4sslich der Verleihung des \"Th\u00fcringer Demokratiepreises\" am 22. November Pr\u00e4mierten eine Spende aus seinem Preisgeld zukommen lie\u00df: Die Preisverleihung sei \"Anerkennung 107","aller Formen des Antifaschismus\". Es gehe um einen \"Antifaschismus, der sehr breit aufgestellt ist, und deswegen auf allen Ebenen mit allen Mitteln vorgeht.\" 52 Die RH Ortsgruppe Jena \u00fcbernahm im September den Solidarit\u00e4tsund Spendenaufruf der bundesweiten Kampagne \"United We Stand! Unterst\u00fctzt die aufgrund des G 20 von Strafverfahren und Haftstrafen Betroffenen!\" des RH Vereins anl\u00e4sslich einer erneuten Festnahme. In der Kritik stehen \"bundesweite Razzien\" und Wohnungsdurchsuchungen der Hamburger Ermittlungsbeh\u00f6rden im Nachgang der schweren Ausschreitungen im Juli 2017. Der Schwerpunkt der RH-Aktivit\u00e4ten in Th\u00fcringer lag im Berichtszeitraum in Jena. \u00dcber das eigene Territorium hinausgehende Unterst\u00fctzungsleistungen fielen auf. Sie lassen personelle Schwachstellen in den einzelnen Untergliederungen ebenso annehmen wie - durchaus damit vereinbare - intensive Verbindungen zwischen den regionalen Gliederungen und deren Aktivisten. Durch zielgerichtete Unterst\u00fctzung von Szeneangeh\u00f6rigen oder mit dem Staat in Konflikt stehenden Personen wird versucht, zumindest perspektivisch st\u00e4rkeren Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von (linksextremistisch motivierten) Straftaten, T\u00e4tern und damit auf gesellschaftliche Normen insgesamt zu gewinnen. Trotz ihres oftmals unspektakul\u00e4ren Agierens, kaum beachtet und oft ohne sp\u00fcrbare Resonanz in Presse und \u00d6ffentlichkeit, d\u00fcrfte sie im \"linken\" Spektrum \u00fcber \"Anerkennung\" und \"Popularit\u00e4t\" verf\u00fcgen. Mit anlassbezogenen Kampagnen gelingt es der RH mitunter ihre politischen Anliegen erfolgreich in der \u00d6ffentlichkeit zu platzieren. Kommt es nicht zu einer Verurteilung Beschuldigter, gelten \"Siege\" vor Gericht als Beleg f\u00fcr eine \"gute Antirepressionsarbeit\". Beteiligte Staatsanw\u00e4lte, Richter, als Zeugen geladene Polizeibeamte werden in publizierten Prozessberichten l\u00e4cherlich gemacht. 52 Die fehlende Distanz zu linksextremistischen Gruppierungen wie der RH war hingegen ausschlaggebend daf\u00fcr, dass der Preistr\u00e4ger wegen eines Vetos des Bundesinnministeriums (BMI) am 23. Mai in Berlin nicht zum \"Botschafter f\u00fcr Demokratie und Toleranz\" ernannt wurde. Er war von der insgesamt 189 Vorschl\u00e4ge umfassenden Liste auf Veranlassung des BMI als einziger wegen \"verfassungsrechtlicher Aspekte\" entfernt worden. Eine darauf ver\u00f6ffentlichte Erkl\u00e4rung einer Vorbereitungsgruppe wurde u. a. auch vom \"Infoladen Sabotnik\" in Erfurt unterzeichnet. 108","Anhang Glossar Anti-Antifa Unter dem Begriff \"Anti-Antifa\" verfolgen Neonazis in Anlehnung an Terminologie und Vorgehensweise von Linksextremisten ein Konzept zur Erfassung und Ver\u00f6ffentlichung von Daten \u00fcber politische Gegner. Mit der Begriffswahl wollen sie verdeutlichen, dass ihr Handeln eine Reaktion auf linksextremistische Aktivit\u00e4ten darstellt und als solche auch militante Aktionsformen umfassen kann. Ihre Aktivit\u00e4ten weisen bisher in der Regel einen propagandistischen Charakter auf und zielen vornehmlich auf die Verunsicherung des Gegners ab. Als Gegner werden dabei auch Angeh\u00f6rige der Sicherheitsbeh\u00f6rden angesehen. Antideutsche Anh\u00e4nger einer antideutschen Ideologie bilden eine Besonderheit innerhalb der gewaltbereiten linksextremistischen Szene und tragen zu einer deutlichen Polarisierung im linksextremistischen Gef\u00fcge bei. Hauptbestandteil antideutscher Ideologie ist die bedingungslose Solidarit\u00e4t mit der Politik des Staates Israels und dem j\u00fcdischen Volk. Antideutsche sprechen sich - in Bef\u00fcrchtung eines neuerlichen, von Deutschland ausgehenden Holocaust - f\u00fcr eine massive Unterst\u00fctzung des Staates Israels und des Judentums aus und stehen oft positiv zu den USA als deren Schutzmacht. Antideutsche bef\u00fcrchten ein Erstarken des deutschen Nationalismus und ein gro\u00dfdeutsches \"Viertes Reich\", sie lehnen daher einen deutschen Nationalstaat insgesamt ab. Im linksextremistischen Umfeld treten Antideutsche verst\u00e4rkt durch Antisemitismusvorw\u00fcrfe gegen rivalisierende linksextremistische Gruppierungen hervor. Antifa, autonome Der \"antifaschistische Kampf\" ist ein Hauptagitationsfeld von Autonomen. Aus ihrer Sicht ist es geboten, den Kampf gegen Faschisten und Rassisten in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen. In autonomen Publikationen und Stellungnahmen wird f\u00fcr Gegenveranstaltungen zu rechtsextremistischen Kundgebungen geworben. Die Agitation richtet sich auch gegen bestimmte staatliche Einrichtungen oder ihre Repr\u00e4sentanten. Dar\u00fcber hinaus werden Adressen und \"Steckbriefe\" von politischen Gegnern ver\u00f6ffentlicht, die nicht selten mit der Aufforderung verbunden sind, diese Personen auch anzugreifen. Im Rahmen der \"antifaschistischen Selbsthilfe\" werden auch militante Aktionen bef\u00fcrwortet, die sich in erster Linie gegen den politischen Gegner, insbesondere tats\u00e4chliche oder vermeintliche \"Nazis\" richten. Dadurch kommt es regelm\u00e4\u00dfig zu hohen Sachsch\u00e4den, teilweise aber auch zu Personensch\u00e4den. Antifaschismus \"Antifaschismus\" als Begriff wird auch von Demokraten verwendet, um ihre Ablehnung des Rechtsextremismus zum Ausdruck zu bringen. Mehrheitlich nehmen jedoch Linksextremisten diesen Begriff f\u00fcr sich in Anspruch. Sie behaupten, dass der kapitalistische Staat den Faschismus hervorbringe, zumindest aber toleriere. Daher richtet sich der Antifaschismus nicht nur gegen tats\u00e4chliche oder vermeintliche Rechtsextremisten, sondern immer auch gegen den Staat und seine Vertreter, insbesondere Angeh\u00f6rige der Sicherheitsbeh\u00f6rden. 109","Antisemitismus Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegen\u00fcber Juden ausdr\u00fccken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen J\u00fcdische oder nichtj\u00fcdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen J\u00fcdische Gemeindeinstitutionen oder religi\u00f6se Einrichtungen. Dar\u00fcber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als J\u00fcdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein. Antisemitismus im Rechtsextremismus Antisemitismus ist ein zentrales Ideologieelement des Rechtsextremismus und in allen seinen \u00c4u\u00dferungsformen virulent, seien sie publizistisch, parlamentarisch oder auch aktionistisch orientiert. Antisemitismus zielt auf die Diffamierung und Diskriminierung einer behaupteten Gesamtheit \"der Juden\" ab. Der rechtsextremistische Antisemitismus baut insbesondere auf dem rassistischen Weltbild des Nationalsozialismus auf, der das Judentum als \"nichtdeutsche, fremde Rasse\" definierte und diesen \"Feind der eigenen Rasse\" \"ausmerzen\" wollte. Nicht zuletzt aufgrund der strafrechtlichen Konsequenzen meiden Rechtsextremisten mittlerweile in ihrer Propaganda offenen, rassistisch motivierten Antisemitismus. Vielmehr weichen sie auf einen angedeuteten Antisemitismus aus, insbesondere durch die Behauptung eines \u00fcberm\u00e4\u00dfigen politischen Einflusses von Juden (politischer Antisemitismus). Auch religi\u00f6s begr\u00fcndeter Antisemitismus ist gelegentlich zu beobachten. Oftmals findet antisemitische Propaganda nur unterschwellig statt, u. a. durch subtil judenfeindlich gef\u00e4rbte Zeitungsartikel oder Anspielungen. Rechtsextremisten nutzen die im politischen und gesellschaftlichen Alltag ge\u00e4u\u00dferte Kritik an der Politik Israels, um die Existenzberechtigung des Staates Israel in Frage zu stellen. Die grunds\u00e4tzliche Ablehnung Israels basiert auf der prinzipiellen Ablehnung des Judentums. Gleichsetzungen der israelischen Politik mit den Verbrechen an Juden im Nationalsozialismus sind ebenfalls ein g\u00e4ngiges Muster des antizionistischen Antisemitismus. Im Rahmen des sekund\u00e4ren Antisemitismus wird den Juden vorgeworfen, sie benutzten die Verantwortung Deutschlands f\u00fcr den Holocaust als Mittel der Erpressung, um finanzielle und politische Forderungen durchzusetzen. Antisemitischen Verschw\u00f6rungstheorien zufolge wird Deutschland im Rahmen einer planvollen Konspiration instrumentalisiert, um den \"j\u00fcdischen Einfluss\" zu vergr\u00f6\u00dfern oder das Ziel der j\u00fcdischen Weltherrschaft zu erreichen. H\u00e4ufig wird ein \"j\u00fcdischer Einfluss\" auf politische Entscheidungen der Regierungsverantwortlichen behauptet. Antisemitismus im Islamismus Zu den Feindbildern islamistischer Organisationen geh\u00f6ren prinzipiell der Staat Israel bzw. \"die Zionisten\", denen - je nach Standort im islamistischen Spektrum mehr oder weniger offen - die verschw\u00f6rerische Manipulation westlicher Staaten, vor allem der USA, unterstellt wird. Die j\u00fcdische Einwanderung in Pal\u00e4stina, die Entstehung des Staates Israel und der seither ungel\u00f6ste Nahost-Konflikt waren Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Entstehung eines islamistischen Antizionismus. Dieser war und ist stark antij\u00fcdisch gef\u00e4rbt, insofern auch auf die prinzipielle, nach Auffassung von Islamisten im Koran belegte und durch die islamistische Geschichtsauffassung gest\u00fctzte ewige Feindschaft \"der Juden\" gegen die Muslime/den Islam Bezug genommen wird. Im Unterschied zum Antisemitismus deutscher Rechtsextremisten ist der islamistische Antisemitismus nicht rassistisch begr\u00fcndet. 110","Antisemitismus im Linksextremismus Der Antisemitismus im Linksextremismus beginnt nicht mit der Kritik an Politik und Existenz des Staates Israel. Die Traditionslinie ist weit \u00e4lter - sie reicht bis in das 19. Jahrhundert zur\u00fcck - und vielschichtiger. Gleichwohl ist der Antisemitismus kein Wesensmerkmal des Linksextremismus. Entsprechend seiner ideologischen Basis gibt es im Linksextremismus keinen rassistischen Antisemitismus. Die hier auftretenden codierten Formen sind schwieriger zu entschl\u00fcsseln. Antisemitische Ressentiments werden meist mit dem Begriff des Antizionismus verh\u00fcllt. Sie finden sich in der Gegenwart insbesondere in der \"Pal\u00e4stinaSolidarit\u00e4t\". So ist die Formulierung vom \"V\u00f6lkermord in Gaza\" eine h\u00e4ufig gebrauchte rhetorische Figur. Auch Bezeichnungen wie \"zionistische Apartheidpolitik\" finden Gebrauch. Arbeitsweise der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden Den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Informationen gewinnen die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden aus offenen, allgemein zug\u00e4nglichen Quellen - also aus Druckerzeugnissen wie Zeitungen, Flugbl\u00e4ttern, Programmen, Aufrufen und dem Internet. Mitarbeiter der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden besuchen \u00f6ffentliche Veranstaltungen und sie befragen auch Personen, die sachdienliche Hinweise geben k\u00f6nnen. Bei diesen Gespr\u00e4chen auf freiwilliger Basis treten die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes offen auf. Mit der Sammlung offenen Materials entsteht allerdings nicht immer ein vollst\u00e4ndiges Bild. Gegen\u00fcber konspirativen Methoden versagen diese Mittel der Nachrichtengewinnung: Nicht alle Terroristen verfassen nach der Tat Selbstbezichtigungsschreiben oder nennen gar ihren wahren Namen. Spione ver\u00f6ffentlichen keine Programme und verteilen keine Flugbl\u00e4tter. Um auch getarnte oder geheim gehaltene Aktivit\u00e4ten beobachten zu k\u00f6nnen, ist dem Verfassungsschutz im Rahmen gesetzlich festgelegter Befugnisse und unter Wahrung des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Gebrauch nachrichtendienstlicher Mittel zur Informationsgewinnung gestattet. Dies sind Methoden der geheimen, verdeckten Nachrichtenbeschaffung. Dazu geh\u00f6ren insbesondere * die Observation, * der Einsatz von Vertrauensleuten (V-Leuten), Counter-Men und Gew\u00e4hrspersonen, * Bildund Tonaufzeichnungen, * die \u00dcberwachung des Brief-, Postund Fernmeldeverkehrs nach Ma\u00dfgabe des Gesetzes zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses Artikel 10Gesetz - (G10). Durch das am 1. Januar 2002 in Kraft getretene Gesetz zur Bek\u00e4mpfung des internationalen Terrorismus wurden die Befugnisse des Verfassungsschutzes durch Einr\u00e4umung besonderer Auskunftsrechte gegen\u00fcber Finanz-, Luftfahrt-, Postdienstleistungsunternehmen sowie Telekommunikationsund Teledienstleistern erweitert. Diese Regelungen wurden sp\u00e4ter durch das am 5. Januar 2007 in Kraft getretene \"Terrorismusbek\u00e4mpfungserg\u00e4nzungsgesetz\" praxisgerecht angepasst. Allerdings kommt die Anwendung nachrichtendienstlicher Mittel immer erst dann in Betracht, wenn alle anderen Mittel der Nachrichtenbeschaffung ersch\u00f6pft sind. In keinem Fall darf der Verfassungsschutz den Kernbereich eines Pers\u00f6nlichkeitsrechts, zu dem insbesondere die Intimsph\u00e4re geh\u00f6rt, verletzen. Ausl\u00e4nderextremismus Extremistische Ausl\u00e4nderorganisationen verfolgen in Deutschland Ziele, die h\u00e4ufig durch aktuelle Ereignisse und politische Entwicklungen in ihren Heimatl\u00e4ndern bestimmt sind. 111","Entsprechend ihrer politischen Ausrichtung handelt es sich dabei zum Beispiel um linksextremistische Organisationen, soweit sie in ihren Heimatl\u00e4ndern ein sozialistisches bzw. kommunistisches Herrschaftssystem anstreben oder um nationalistische Organisationen, die ein \u00fcberh\u00f6htes Selbstverst\u00e4ndnis von der eigenen Nation haben und die Rechte anderer V\u00f6lker missachten. Daneben gibt es separatistische Organisationen, die eine Losl\u00f6sung ihres Herkunftsgebietes aus einem bereits bestehenden Staatsgebilde und die Schaffung eines eigenen Staates verfolgen. Die gr\u00f6\u00dfte von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden beobachtete ausl\u00e4nderextremistische Organisation in Deutschland ist nach wie vor die unter der Bezeichnung PKK bekannte \"Arbeiterpartei Kurdistans\". Derartige Organisationen unterliegen der Beobachtung durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden, wenn: * sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland richten, indem sie hier z. B. versuchen, eine ihren Grunds\u00e4tzen entsprechende Parallelgesellschaft zu errichten, * sie ihre politischen Auseinandersetzungen mit Gewalt auf deutschem Boden austragen und dadurch die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrden, * sie vom Bundesgebiet aus Gewaltaktionen in anderen Staaten durchf\u00fchren oder unterst\u00fctzen und dadurch ausw\u00e4rtige Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu diesen Staaten gef\u00e4hrden, * sich ihre Aktivit\u00e4ten gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker, richten. Autonome Kennzeichnend f\u00fcr die Bewegung der Autonomen, die \u00fcber kein einheitliches ideologisches Konzept verf\u00fcgt, ist die Ablehnung staatlicher und gesellschaftlicher Normen und Zw\u00e4nge, die Suche nach einem freien, selbstbestimmten Leben in herrschaftsfreien R\u00e4umen und der Widerstand gegen den demokratischen Staat und seine Institutionen, wobei Gewalt von Autonomen grunds\u00e4tzlich als Aktionsmittel (\"militante Politik\") akzeptiert ist. Autonome bilden den weitaus gr\u00f6\u00dften Anteil des gewaltbereiten linksextremistischen Personenpotenzials. Das Selbstverst\u00e4ndnis der heterogenen autonomen Bewegung ist gepr\u00e4gt von AntiEinstellungen (\"antikapitalistisch\", \"antifaschistisch\", \"antipatriarchal\"). Diffuse anarchistische und kommunistische Ideologiefragmente (\"Klassenkampf\", \"Revolution\" oder \"Imperialismus\") bilden den Rahmen ihrer oftmals spontanen Aktivit\u00e4ten. Eine klassische Form autonomer Gewalt ist die so genannte Massenmilitanz. Das sind Stra\u00dfenkrawalle, die sich im Rahmen von Demonstrationen oder im Anschluss daran entwickeln. Hierbei kommt es regelm\u00e4\u00dfig auch zu Gewaltexzessen. Autonome Nationalisten Mit den \"Autonomen Nationalisten\" tritt eine Str\u00f6mung innerhalb des deutschen Neonationalsozialismus \u00f6ffentlichkeitswirksam in Erscheinung, die sich in lokalen Gruppierungen organisiert. Angeh\u00f6rige der \"Autonomen Nationalisten\" treten oft mit einem hohen Ma\u00df an Gewaltbereitschaft gegen Polizeibeamte und politische Gegner auf, dies insbesondere bei \u00f6ffentlichen Veranstaltungen, wo sich \"Autonome Nationalisten\" bisweilen vermummt zu sog. Schwarzen Bl\u00f6cken zusammenschlie\u00dfen. Zudem \u00fcbernehmen sie in Teilen Stilelemente anderer Jugendsubkulturen und treten \u00e4hnlich gekleidet auf wie militante Linksextremisten (Autonome). Innerhalb der Neonazi-Szene sind \"Autonome Nationalisten\" vor allem wegen ihres \u00f6ffentlichen Erscheinungsbildes und ihrer Gewaltbereitschaft umstritten. Dessen ungeachtet beteiligen sich zunehmend auch \"Freie Nationalisten\" anlassbezogen an der Aktionsform des \"Schwarzen Blockes\" der \"Autonomen Nationalisten\". 112","Bestrebungen, extremistische Nach allgemeinem Sprachgebrauch sind Bestrebungen alle auf ein Ziel gerichteten Aktivit\u00e4ten. Extremistische Bestrebungen im Sinne des Verfassungsschutzgesetzes sind Aktivit\u00e4ten mit der Zielrichtung, die Grundwerte der freiheitlichen Demokratie zu beseitigen. Dazu geh\u00f6ren Vorbereitungshandlungen, Agitation und Gewaltakte. Es ist zu unterscheiden zwischen * Bestrebungen gegen den Bestand des Bundes oder eines Landes, * Bestrebungen gegen die Sicherheit des Bundes oder eines Landes, * Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Bestrebungen gegen den Bestand des Bundes oder eines Landes sind solche politisch bestimmten, zielund zweckgerichteten Verhaltensweisen in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der darauf gerichtet ist, die Freiheit des Bundes oder eines Landes von fremder Herrschaft aufzuheben, ihre staatliche Einheit zu beseitigen oder ein zu ihm geh\u00f6rendes Gebiet abzutrennen. Bestrebungen gegen die Sicherheit des Bundes oder eines Landes sind solche politisch bestimmten, zielund zweckgerichteten Verhaltensweisen in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der darauf gerichtet ist, den Bund, L\u00e4nder oder deren Einrichtungen in ihrer Funktionsf\u00e4higkeit erheblich zu beeintr\u00e4chtigen. Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung sind solche politisch bestimmten, zielund zweckgerichteten Verhaltensweisen in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der darauf gerichtet ist, einen der zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu z\u00e4hlenden Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beseitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen. Verhaltensweisen von Einzelpersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss handeln, sind Bestrebungen, wenn sie auf Anwendung von Gewalt gerichtet sind oder auf Grund ihrer Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzgut des Bundesverfassungsschutzgesetzes oder eines Landesverfassungsschutzgesetzes erheblich zu besch\u00e4digen. Extremismus/Radikalismus Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterscheiden zwischen \"Extremismus\" und \"Radikalismus\", obwohl beide Begriffe oft synonym gebraucht werden. Bei \"Radikalismus\" handelt es sich zwar auch um eine \u00fcberspitzte, zum Extremen neigende Denkund Handlungsweise, die gesellschaftliche Probleme und Konflikte bereits \"von der Wurzel (lat. radix) her\" anpacken will. Im Unterschied zum \"Extremismus\" sollen jedoch weder der demokratische Verfassungsstaat noch die damit verbundenen Grundprinzipien unserer Verfassungsordnung beseitigt werden. So sind z. B. Kapitalismuskritiker, die grunds\u00e4tzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschaftsund Gesellschaftsordnung \u00e4u\u00dfern und sie von Grund auf ver\u00e4ndern wollen, noch keine Extremisten. Radikale politische Auffassungen haben in unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung ihren legitimen Platz. Auch wer seine radikalen Zielvorstellungen realisieren will, muss nicht bef\u00fcrchten, dass er vom Verfassungsschutz beobachtet wird, jedenfalls nicht, solange er die Grundprinzipien unserer Verfassungsordnung anerkennt. Als extremistisch werden dagegen die Aktivit\u00e4ten bezeichnet, die darauf abzielen, die Grundwerte der freiheitlichen Demokratie zu beseitigen. 113","Freie Nationalisten / Freie Kr\u00e4fte Das Konzept der \"Freien Nationalisten\" (auch \"Freie Kr\u00e4fte\" genannt) wurde Mitte der 1990er Jahre von Neonazis als Reaktion auf die zahlreichen Vereinsverbote entwickelt. Ziel war es, die zersplitterte neonazistische Szene unter Verzicht auf vereinsm\u00e4\u00dfige Strukturen (\"Organisierung ohne Organisation\") zu b\u00fcndeln, ihre Aktionsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen und gleichzeitig Verbotsma\u00dfnahmen zu verhindern. Ein Gro\u00dfteil der \"Freien Nationalisten\" sammelte sich in rechtsextremistischen Kameradschaften. Ab Mitte der 2000er Jahre setzte ein erneuter Strukturwandel in der Kameradschaftsszene ein, der von einer weiteren Lockerung der Organisationsstrukturen gekennzeichnet war. Damit wurde das Ziel verfolgt, dem Staat noch weniger Angriffsfl\u00e4che zu bieten. Zudem ist seit der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre ein engeres Zusammenwirken von \"Freien Nationalisten\" mit der NPD zu beobachten, das 2004 in ein als \"Volksfront von rechts\" bezeichnetes informelles B\u00fcndnis m\u00fcndete. Freiheitliche demokratische Grundordnung Damit ist nicht die Verfassung bzw. das Grundgesetz in seiner Gesamtheit gemeint, sondern die unab\u00e4nderlichen obersten Wertprinzipien als Kernbestand der Demokratie. Diese fundamentalen Wertprinzipien bestimmen die Gesetzgebung des Bundes und der L\u00e4nder, so auch die Verfassungsschutzgesetze. Zu diesen Grunds\u00e4tzen geh\u00f6ren folgende Verfassungsprinzipien: * das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen und Abstimmungen und durch Organe der Gesetzgebung und der Rechtsprechung auszu\u00fcben und die Volksvertretung in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu w\u00e4hlen, * die Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Gesetz und Recht, * das Recht auf Bildung und Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition, * die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und ihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der Volksvertretung, * die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, * der Ausschluss jeder Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft, * die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte. Fremdenfeindlichkeit Fremdenfeindlichkeit richtet sich gegen Menschen, die sich durch Herkunft, Nationalit\u00e4t, Religion oder Hautfarbe von der als \"normal\" erachteten Umwelt unterscheiden. Die mit dieser Zuweisung typischerweise verbundenen vermeintlich minderwertigen Eigenschaften werden als Rechtfertigung f\u00fcr einschl\u00e4gige Straftaten missbraucht. Insbesondere das rechtsextremistische Weltbild ist gepr\u00e4gt von einer \u00dcberbewertung ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit, aus der u.a. Fremdenfeindlichkeit resultiert. G10-Ma\u00dfnahme Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden d\u00fcrfen zur Abwehr von drohenden Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung oder den Bestand oder die Sicherheit des Bundes die Telekommunikation \u00fcberwachen und aufzeichnen und die dem Briefoder Postgeheimnis unterliegenden Sendungen \u00f6ffnen und einsehen. Voraussetzung ist das Vorliegen von Anhaltspunkten f\u00fcr bestimmte, schwerwiegende Straftaten, z. B. Hochverrat, geheimdienstliche Agentent\u00e4tigkeit oder Bildung einer terroristischen Vereinigung. Au\u00dferdem muss die Erforschung des Sachverhalts auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert sein. Die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit eines solchen Eingriffs in das Brief-, Postund Fernmeldegeheimnis (G10Ma\u00dfnahme) richtet sich nach dem Gesetz zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmel114","degeheimnisses (Artikel 10-Gesetz, G10). \u00dcber die Zul\u00e4ssigkeit und Notwendigkeit von G10Ma\u00dfnahmen entscheidet ein unabh\u00e4ngiges parlamentarisches Gremium (G10-Kommission). Geheimschutz Der Geheimschutz umfasst alle personellen und materiellen (organisatorischen, baulichen und technischen) Ma\u00dfnahmen zum Schutz von im staatlichen Interesse geheimzuhaltenden Unterlagen, Ma\u00dfnahmen und Objekten. Der Geheimschutz sorgt daf\u00fcr, dass Informationen und Vorg\u00e4nge, deren Bekanntwerden den Bestand, lebenswichtige Interessen oder die Sicherheit des Bundes oder eines seiner L\u00e4nder gef\u00e4hrden kann, vor unbefugter Kenntnisnahme gesch\u00fctzt werden. * Personeller Geheimschutz Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden wirken mit bei Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen von Personen, die sicherheitsempfindliche T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben, weil sie Zugang zu Verschlusssachen (VS) haben. Die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung soll solche Personen aus sensiblen Bereichen fernhalten, die Anlass zu Zweifeln an ihrer Zuverl\u00e4ssigkeit oder an ihrem Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung geben oder f\u00fcr Ansprachen anderer Nachrichtendienste gef\u00e4hrdet erscheinen. * Materieller Geheimschutz Der materielle Geheimschutz beinhaltet organisatorische, bauliche, mechanische, elektrotechnische und informationstechnische Ma\u00dfnahmen zum Schutz von Verschlusssachen (unabh\u00e4ngig von ihrer Darstellungsform) und von r\u00e4umlichen Sicherheitsbereichen. Einer der Schwerpunkte ist die Sicherheit beim Umgang mit Informationen, die im staatlichen Interesse Unbefugten nicht zur Kenntnis gelangen d\u00fcrfen. Dazu geh\u00f6ren insbesondere die richtige Einstufung von Dokumenten als Verschlusssachen (VS-Nur f\u00fcr den Dienstgebrauch, VS-Vertraulich, GEHEIM und Streng GEHEIM) sowie deren Herstellung, Aufbewahrung/Speicherung, Vervielf\u00e4ltigung, Weitergabe/\u00dcbermittlung und Aussonderung/Archivierung bzw. Vernichtung/L\u00f6schung. Gemeinsames Internetzentrum (GIZ) Das GIZ f\u00fchrt seit 2007 die offene Beobachtung des Internets nach islamistischen Inhalten durch. Dort sind sprachkundige Experten der Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder t\u00e4tig. Gemeinsames Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) Das 2004 eingerichtete \"Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum\" (GTAZ) in Berlin-Treptow mit einer \"Nachrichtendienstlichen Informationsund Analysestelle\" (NIAS) sowie einer \"Polizeilichen Informationsund Analysestelle\" (PIAS) konzentriert die Experten f\u00fcr Terrorismusabwehr der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden an einem Ort. Im GTAZ sind die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder, das Bundeskriminalamt (BKA), die Landeskriminal\u00e4mter und der Bundesnachrichtendienst (BND) eingebunden. Weitere Teilnehmer sind Bundespolizei, Zollkriminalamt, Milit\u00e4rischer Abschirmdienst (MAD), Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (BAMF) und Vertreter der Generalbundesanwaltschaft. Die Abstimmung von Bewertungen und von Ma\u00dfnahmen bei sicherheitsrelevanten Sachverhalten mit Terrorismusbezug wird erleichtert und beschleunigt. 115","Islamismus Der Begriff des Islamismus bezeichnet eine religi\u00f6s motivierte Form des politischen Extremismus. Islamisten sehen in den Schriften und Geboten des Islam nicht nur Regeln f\u00fcr die Aus\u00fcbung der Religion, sondern auch Handlungsanweisungen f\u00fcr eine islamistische Staatsund Gesellschaftsordnung. Ein Grundgedanke dieser islamistischen Ideologie ist die Behauptung, alle Staatsgewalt k\u00f6nne ausschlie\u00dflich von Gott (Allah) ausgehen. Damit richten sich islamistische Bestrebungen gegen die Wertvorstellungen des GG, insbesondere gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Islamisten halten die Etablierung einer islamischen Gesellschaftsordnung f\u00fcr unabdingbar. Dieser Ordnung sollen letztlich sowohl Muslime als auch Nicht-Muslime unterworfen werden. Islamistische Organisationen - mit Ausnahme islamistisch-terroristischer Organisationen - lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: * Organisationen, die in ihren Herkunftsl\u00e4ndern die konsequente Umgestaltung der bestehenden Staatsund Gesellschaftsordnungen nach ihrem Verst\u00e4ndnis der islamischen Rechtsordnung (Scharia) anstreben. In Deutschland liegt ihr Schwerpunkt auf propagandistischen Aktivit\u00e4ten sowie der Sammlung von Spendengeldern, um die Mutterorganisationen in den Herkunftsl\u00e4ndern zu unterst\u00fctzen. * Andere islamistische Gruppierungen in Deutschland verfolgen eine umfassendere, auch politisch motivierte Strategie. Auch sie streben eine \u00c4nderung der Staatsund Gesellschaftsordnung in ihren Herkunftsl\u00e4ndern zugunsten eines islamischen Staatswesens an. Sie bem\u00fchen sich jedoch im Rahmen einer legalistischen Strategie, ihren Anh\u00e4ngern in Deutschland gr\u00f6\u00dfere Freir\u00e4ume f\u00fcr ein schariakonformes Leben zu schaffen. Islamistischer Terrorismus Islamistischer Terrorismus ist der nachhaltig gef\u00fchrte Kampf f\u00fcr islamistische Ziele, die mit Hilfe von Anschl\u00e4gen auf Leib, Leben und Eigentum anderer Menschen durchgesetzt werden sollen, insbesondere durch schwere Straftaten, wie sie in SS 129 a Abs. 1 StGB genannt sind, oder durch andere Straftaten, die zur Vorbereitung solcher Straftaten dienen. Unter \"Homegrown\"-Terrorismus sind islamistische Strukturen oder Strukturans\u00e4tze zu verstehen, die sich aus radikalisierten Personen ab der zweiten Einwanderergeneration sowie radikalisierten Konvertiten zusammensetzen. Die Personen sind zumeist in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern geboren und/oder aufgewachsen, stehen jedoch aufgrund religi\u00f6ser, gesellschaftlicher, kultureller oder psychologischer Faktoren dem hiesigen Wertesystem ablehnend gegen\u00fcber und erachten die Errichtung einer islamistischen Gesellschaftsordnung f\u00fcr erstrebenswert. Gemeinsames Kennzeichen dieses Personenkreises ist, dass er von der panislamischen \"al-Qaida\"-Ideologie beeinflusst wird. Lediglich ein sehr kleiner Teil zum Islam konvertierter Personen macht sich islamistisches Gedankengut zu eigen und engagiert sich f\u00fcr islamistische Ziele. Die Rolle von Konvertiten in islamistischen/islamistisch-terroristischen Strukturen erkl\u00e4rt sich u.a. aus der Motivation, sich gegen\u00fcber Glaubensbr\u00fcdern als besonders gute Muslime (hier: Islamisten) beweisen zu wollen. Sie weisen zudem aufgrund ihrer Kenntnis der westlichen Gegebenheiten strategische Vorteile auf. Jihad Die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung dieses Begriffs ist \"Anstrengung\" oder \"Bem\u00fchung\". Es gibt zwei Formen des Jihad: die geistig-spirituelle Bem\u00fchung des Gl\u00e4ubigen um das richtige religi\u00f6se und moralische Verhalten gegen\u00fcber Gott und den Mitmenschen (sog. gro\u00dfer Jihad) oder 116","der k\u00e4mpferische Einsatz zur Verteidigung oder Ausdehnung des islamischen Herrschaftsgebiets (sog. kleiner Jihad). Von militanten Gruppen wird der Jihad h\u00e4ufig als religi\u00f6se Legitimation f\u00fcr Terroranschl\u00e4ge verwendet. Islamistische Terroristen f\u00fchren unter dem Leitprinzip dieses Jihad ihren gewaltt\u00e4tigen Kampf/\"heiligen Krieg\" gegen die angeblichen Feinde des Islam. Kameradschaften, rechtsextremistische Unter dem Begriff \"Kameradschaften\" werden i. d. R. neonazistische lokale Gruppierungen verstanden. Sie umfassen meist etwa 10 bis 20 Mitglieder und sind - im Gegensatz zu den Cliquen der subkulturell gepr\u00e4gten gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene deutlich durch den Willen zu politischer Aktivit\u00e4t gepr\u00e4gt. Obwohl sie meist keine oder nur geringe vereins\u00e4hnliche Strukturen aufweisen, sind sie durch eine verbindliche Funktionsverteilung dennoch deutlich strukturiert. Mitglieder von Kameradschaften rechnen sich in der Regel den neonazistisch gepr\u00e4gten \"Freien Nationalisten\" zu. Kontrolle der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden F\u00fcr die Arbeit des Verfassungsschutzes gelten strenge rechtsstaatliche Ma\u00dfst\u00e4be. Eingriffe in die Privatund Freiheitsrechte des B\u00fcrgers sind den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nur auf gesetzlicher Grundlage gestattet. Damit der B\u00fcrger darauf vertrauen kann, dass die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden sich an ihren gesetzlichen Auftrag und an die f\u00fcr die T\u00e4tigkeit geltenden Rechtsbestimmungen halten, unterliegen sie der Kontrolle auf mehreren Ebenen. * Parlamentarische Kontrollgremien Die T\u00e4tigkeit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterliegt u.a. der Kontrolle durch parlamentarische Kontrollgremien. Die Bundesund Landesregierungen unterrichten die Kontrollgremien regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Erkenntnisse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. \u00dcber Vorg\u00e4nge von besonderer Bedeutung wird unverz\u00fcglich berichtet. Auf Verlangen der Kontrollgremien haben die Regierungen in Einzelf\u00e4llen jederzeit zu berichten. Die Regierungen haben den Gremien au\u00dferdem grunds\u00e4tzlich auf Verlangen Einsicht in Akten und Dateien der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden zu gew\u00e4hren, die Anh\u00f6rung von Mitarbeitern zu gestatten und Zutritt zu den R\u00e4umlichkeiten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden zu erm\u00f6glichen. * Datenschutz Zweck des Datenschutzes ist, den Einzelnen davor zu sch\u00fctzen, dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Pers\u00f6nlichkeitsrecht beeintr\u00e4chtigt wird. Der Verfassungsschutz hat daher bei seiner Aufgabenerf\u00fcllung grunds\u00e4tzlich die Bestimmungen der Datenschutzgesetze des Bundes und der L\u00e4nder sowie anderer Vorschriften \u00fcber den Datenschutz zu beachten. Die Einhaltung dieser Bestimmungen wird fortlaufend vom Bundesbzw. den Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz unabh\u00e4ngig gepr\u00fcft. Hierzu erhalten die Beauftragten u. a. weitgehende Akteneinsicht. Mit regelm\u00e4\u00dfig erscheinenden T\u00e4tigkeitsberichten werden die parlamentarischen Vertreter und die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber das Ergebnis ihrer \u00dcberpr\u00fcfungen informiert. 117","Linksextremismus Mit diesem Begriff werden Bestrebungen von Personenzusammenschl\u00fcssen bezeichnet, f\u00fcr die alle oder einige der folgenden Merkmale charakteristisch sind: * Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus als \"wissenschaftliche\" Anleitung zum Handeln; daneben, je nach Auspr\u00e4gung der Partei oder Gruppierung, R\u00fcckgriff auch auf Theorien weiterer Ideologen wie Stalin, Trotzki, Mao Zedong und andere, * Bekenntnis zur sozialistischen oder kommunistischen Transformation der Gesellschaft mittels eines revolution\u00e4ren Umsturzes oder langfristiger revolution\u00e4rer Ver\u00e4nderungen, * Bekenntnis zur Diktatur des Proletariats oder zu einer herrschaftsfreien (anarchistischen) Gesellschaft, * Bekenntnis zur revolution\u00e4ren Gewalt als bevorzugte oder - je nach den konkreten Bedingungen - taktisch einzusetzende Kampfform. Linksextremistische Parteien und Gruppierungen lassen sich grob in zwei Hauptstr\u00f6mungen einteilen: * Dogmatische Marxisten-Leninisten und sonstige revolution\u00e4re Marxisten: In Parteien oder anderen festgef\u00fcgten Vereinigungen organisiert, verfolgen sie die erkl\u00e4rte Absicht, eine sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten, * Autonome, Anarchisten und sonstige Sozialrevolution\u00e4re: In losen Zusammenh\u00e4ngen, seltener in Parteien oder formalen Vereinigungen agierend, streben sie ein herrschaftsfreies, selbstbestimmtes Leben frei von jeglicher staatlicher Autorit\u00e4t an. Mujahid Als Mujahidin (w\u00f6rtlich: Plural f\u00fcr \"K\u00e4mpfer im Jihad\") werden Islamisten bezeichnet, bei denen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie sich * am \"gewaltsamen Jihad\" selbst beteiligen oder beteiligt haben * oder f\u00fcr die Teilnahme am \"gewaltsamen Jihad\" ausbilden lassen oder bereits haben ausbilden lassen * oder am \"gewaltsamen Jihad\" beteiligen werden, z. B. auf Grund entsprechender \u00c4u\u00dferungen. Arabische Muslime verschiedener Nationalit\u00e4t stellen einen \u00fcberproportional gro\u00dfen Teil der Mujahidin. Nachrichtendienstliche Mittel Mit nachrichtendienstlichen Mitteln als Oberbegriff werden technische Mittel und Arbeitsmethoden der geheimen Nachrichtenbeschaffung bezeichnet. So darf das AfV nach SS 10 Abs. 1 Th\u00fcrVerfSchG Methoden, Gegenst\u00e4nde und Instrumente zur heimlichen Informationsbeschaffung, wie den Einsatz von Vertrauensleuten und Gew\u00e4hrspersonen, Observationen, Bildund Tonaufzeichnungen, Tarnpapiere und Tarnkennzeichen anwenden. Dem AfV ist unter Wahrung des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit (nach SS 11 Abs. 1 Th\u00fcrVerfSchG) die Erhebung von Informationen, insbesondere personenbezogener Daten, gestattet, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass 118","* auf diese Weise Erkenntnisse \u00fcber Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 4 Abs. 1 oder die zur Erforschung solcher Erkenntnisse erforderlichen Quellen gewonnen werden k\u00f6nnen oder * dies zum Schutz der Mitarbeiter, Einrichtungen, Gegenst\u00e4nde und Quellen des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz gegen sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten erforderlich ist. Neonazismus / Neonationalsozialismus Der Neonationalsozialismus bezieht sich auf die Weltanschauung des \"Dritten Reiches\" und macht diese zur Grundlage seiner politischen Zielvorstellungen. Elementare Bestandteile der neonationalsozialistischen Weltanschauung sind Nationalismus und Rassismus sowie die Forderung nach einem autorit\u00e4ren \"F\u00fchrerstaat\" unter Ausschaltung wesentlicher Elemente demokratischer Gewaltenteilung. Abgrenzungskriterien zum subkulturell gepr\u00e4gten Rechtsextremismus sind der bei Neonazi-Aktivisten st\u00e4rker ausgepr\u00e4gte Wille zur politischen Arbeit sowie eine intensivere Auseinandersetzung mit inhaltlichen Aspekten des Weltbildes. Neue Rechte Bei der \"Neuen Rechten\" handelt es sich um eine in den 1970er Jahren in Frankreich aufgekommene geistige Str\u00f6mung, die sich um eine Intellektualisierung des Rechtsextremismus bem\u00fcht. Sie beruft sich unter anderem auf antidemokratische Denker, die bereits zur Zeit der Weimarer Republik unter der Bezeichnung \"Konservative Revolution\" aktiv waren. Die Aktivisten der \"Neuen Rechten\" beabsichtigen die Beseitigung oder zumindest die Beeintr\u00e4chtigung des demokratischen Verfassungsstaates und versuchen, zun\u00e4chst einen bestimmenden kulturellen Einfluss zu erlangen, um letztlich den demokratischen Verfassungsstaat zu delegitimieren und das politische System grundlegend zu ver\u00e4ndern. Opportunit\u00e4tsprinzip/Legalit\u00e4tsprinzip W\u00e4hrend die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden (Staatsanwaltschaft, Polizei) nach der Strafprozessordnung grunds\u00e4tzlich verpflichtet sind, bei Verdacht einer Straftat von Amts wegen einzuschreiten (Legalit\u00e4tsprinzip), gilt f\u00fcr die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden das Opportunit\u00e4tsprinzip. Hiernach steht die Entscheidung, ob wegen einer Straftat eingeschritten werden soll, im Ermessen. So kann der Verfassungsschutz wegen einer zu erwartenden relevanten Erkenntnissteigerung auf ein unmittelbares Einschreiten verzichten. Das Opportunit\u00e4tsprinzip ist Grundlage f\u00fcr (oftmals jahrelang) wachsende Vertrauensverh\u00e4ltnisse. Diese erm\u00f6glichen dem Verfassungsschutz einen exklusiven Zugang zu Informationsquellen, seien es V-Leute oder auch Erkenntnisse ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste. Damit dies so bleibt, m\u00fcssen Nachrichtendienste einen besonderen Wert auf Quellenschutz legen. Hinweisgeber sind nicht selten Straft\u00e4ter oder Opfer, die Sanktionen der T\u00e4ter bef\u00fcrchten. Im Zweifel kann ein m\u00f6gliches Strafverfolgungsinteresse dem Schutz der Quelle untergeordnet werden. Dadurch, dass der Verfassungsschutz vom Strafverfolgungszwang losgel\u00f6st ist, kann er weitergehend operieren, etwa, um eine extremistische bzw. terroristische Szene n\u00e4her aufzukl\u00e4ren oder zur Entsch\u00e4rfung einer Gefahrensituation, indem er versucht, einzelne T\u00e4ter aus der Szene herauszul\u00f6sen und als Informanten zu gewinnen, um so ferner die Strukturen der Bestrebung zu schw\u00e4chen. Ohne Strafverfolgungszwang hat der Verfassungsschutz Raum f\u00fcr umfassende Analysen und Methodik. Im Gegensatz zur Polizei kann er \"fl\u00e4chendeckende\" Strukturerkenntnisse sammeln. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) Das Definitionssystem \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t\" wurde zum 1. Januar 2001 eingef\u00fchrt. Erfasst werden alle Straftaten, die einen oder mehrere Straftatbest\u00e4nde der sog. klassischen Staatsschutzdelikte erf\u00fcllen sowie Straftaten, bei denen Anhaltspunkte f\u00fcr eine poli119","tische Motivation gegeben sind. Die Daten werden im Polizeibereich erhoben und zentral durch das Bundeskriminalamt unter verschiedenen Gesichtspunkten differenziert dargestellt. Die Straftaten werden folgenden Ph\u00e4nomenbereichen zugeordnet: - Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - rechts, - Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - links, - Politisch motivierte Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t, - Sonstige politisch motivierte Straftaten mit extremistischem Hintergrund. Rechtsextremismus Unter Rechtsextremismus werden Bestrebungen verstanden, die sich gegen die im Grundgesetz konkretisierte fundamentale Gleichheit der Menschen richten und die universelle Geltung der Menschenrechte ablehnen. Rechtsextremisten sind Feinde des demokratischen Verfassungsstaates, sie haben ein autorit\u00e4res Staatsverst\u00e4ndnis, das bis hin zur Forderung nach einem nach dem F\u00fchrerprinzip aufgebauten Staatswesen ausgepr\u00e4gt ist. Das rechtsextremistische Weltbild ist gepr\u00e4gt von einer \u00dcberbewertung ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit, aus der u.a. Fremdenfeindlichkeit resultiert. Dabei herrscht die Auffassung vor, die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Ethnie, Nation oder \"Rasse\" bestimme den Wert eines Menschen. Offener oder immanenter Bestandteil aller rechtsextremistischen Bestrebungen ist zudem der Antisemitismus. Individuelle Rechte und gesellschaftliche Interessenvertretungen treten zugunsten kollektivistischer \"volksgemeinschaftlicher\" Konstrukte zur\u00fcck (Antipluralismus). Revisionismus, rechtsextremistischer Der das Bestreben nach einer kritischen \u00dcberpr\u00fcfung von Erkenntnissen beschreibende Begriff \"Revisionismus\" wird von Rechtsextremisten zur Umdeutung der Vergangenheit verwendet. Ihnen geht es dabei nicht um eine wissenschaftlich objektive Erforschung der Geschichte, sondern um die Manipulation des Geschichtsbildes, um insbesondere den Nationalsozialismus in einem g\u00fcnstigen Licht erscheinen zu lassen. Man kann unterscheiden zwischen einem Revisionismus im engeren Sinn, der den Holocaust leugnet, und einem Revisionismus im weiteren Sinn, der etwa die deutsche Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bestreitet. Der zeitgeschichtliche Revisionismus bedient sich unterschiedlicher Aussagen und Methoden. So beinhaltet die Leugnung des \"Holocaust\", das Ausma\u00df der Ermordung von Millionen europ\u00e4ischer Juden durch das NS-Regime zu verharmlosen oder sogar abzustreiten. Dabei werden vorhandene Dokumente auf unseri\u00f6se Weise fehlinterpretiert oder fadenscheinige Vorw\u00e4nde zur Leugnung der Ereignisse gesucht. Forschungsergebnisse seri\u00f6ser Historiker, die eindeutig belegen, dass die \"Endl\u00f6sung der Judenfrage\" unzweifelhaft stattgefunden hat, werden durch rechtsextremistische Revisionisten bewusst ignoriert. Schwarzer Block Der sog. \"Schwarze Block\", vermummte Aktivisten in einheitlicher \"Kampfausr\u00fcstung\", ist eine Aktionsform, die urspr\u00fcnglich im linksextremistischen autonomen Spektrum entwickelt wurde und vor allem bei Demonstrationen angewandt wird. Der \"Schwarze Block\" ist keine zentral organisierte und koordinierte Organisationsform, sondern ein punktueller Zusammenschluss gewaltorientierter Linksextremisten. Ziel dieses Auftretens ist die erschwerte Zuordnung von Strafund Gewalttaten zu Einzelpersonen durch die Polizei. Jeder \"Schwarze Block\" beinhaltet jedoch ein einzelfallbezogenes, spezifisch bestimmendes Gewaltpotenzial, das sich je nach Lageentwicklung dynamisch und auch kurzfristig noch ver\u00e4ndern kann. Wenngleich der \"Schwarze Block\" \u00fcberwiegend ein Ausdruck linksextremistischer Massenmilitanz (Stra\u00dfenkrawalle im Rahmen von Demonstrationen) ist, schlie\u00dft die Teilnahme ei120","nes \"Schwarzen Blocks\" an einer Demonstration keinesfalls einen friedlichen Demonstrationsverlauf aus. Seit einigen Jahren ist die Aktionsform des \"Schwarzen Blocks\" auch bei den rechtsextremistischen \"Autonomen Nationalisten\" zu beobachten. Subkulturelle Rechtsextremisten Ihr Lebensstil ist subkulturell gepr\u00e4gt und h\u00e4ufig mehr auf Freizeitgestaltung als auf politische Arbeit ausgerichtet. Auch verf\u00fcgen die meisten subkulturell gepr\u00e4gten Rechtsextremisten nicht \u00fcber ein gefestigtes rechtsextremistisches Weltbild. Sie vertreten jedoch rechtsextremistische Anschauungen, die sich in Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und der Verherrlichung des Nationalsozialismus zeigen. Sie stellen ihre Zugeh\u00f6rigkeit zur \"wei\u00dfen Rasse\" und deren angebliche \u00dcberlegenheit in den Mittelpunkt und definieren ihre Feindbilder auf diese Weise. Die rassistische Einstellung wird mit dem Schlagwort \"white power\" zusammengefasst. Jugendliche finden auch \u00fcber die Zugeh\u00f6rigkeit zur rechtsextremistischen SkinheadSubkultur und insbesondere \u00fcber die f\u00fcr die Szene wichtige rechtsextremistische Musik Zugang zu einer nationalistischen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Gedankenwelt. Musik spielt nicht nur f\u00fcr die Skinhead-Bewegung eine wichtige identit\u00e4tsstiftende Rolle. Texte von rechtsextremistischen Musikgruppen pr\u00e4gen weltanschauliche Vorstellungen, Konzerte haben eine bedeutende Rolle f\u00fcr den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgef\u00fchl der Szene. Oft sind Musik und Konzerte Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Parteien oder Neonazis, die hier\u00fcber versuchen, Jugendliche an ihre politischen Vorstellungen heranzuf\u00fchren. Weltweite Str\u00f6mungen innerhalb der subkulturell gepr\u00e4gten rechtsextremistischen Szene mit einer gewissen szeneinternen Bedeutung sind \"Blood & Honour\" und die \"Hammerskins\", beides rassistische Bewegungen, die ein elit\u00e4res Selbstverst\u00e4ndnis pflegen. Vor allem \"Blood & Honour\", dessen deutscher Zweig, die \"Blood & Honour-Division Deutschland\", im Jahr 2000 durch den Bundesinnenminister verboten wurde, trat in der Vergangenheit immer wieder durch die Organisation von rechtsextremistischen Konzerten in Erscheinung. Spionage Als Spionage wird die T\u00e4tigkeit f\u00fcr den Nachrichtendienst einer fremden Macht bezeichnet, die auf die Mitteilung oder Lieferung von Tatsachen, Gegenst\u00e4nden oder Erkenntnissen gerichtet ist. Die Beschaffung von Informationen, vor allem aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Milit\u00e4r, erfolgt zumeist unter Anwendung geheimer Mittel und Methoden. Soweit Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland gerichtet ist, kommt eine Strafbarkeit gem\u00e4\u00df SSSS 93 ff. StGB in Betracht. Spionageabwehr Die Spionageabwehr besch\u00e4ftigt sich mit der Aufkl\u00e4rung und Abwehr bzw. Verhinderung von Spionageaktivit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste. Dazu sammelt sie Informationen \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten fremder Nachrichtendienste in der Bundesrepublik Deutschland und wertet sie aus, mit dem Ziel, Erkenntnisse \u00fcber Struktur, Aktivit\u00e4ten, Arbeitsmethoden, nachrichtendienstliche Mittel und Zielobjekte dieser Nachrichtendienste zu gewinnen. Die Spionageabwehr geh\u00f6rt gem\u00e4\u00df SS 3 Abs. 1, Nr. 2 BVerfSchG zu den Aufgaben der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder. 121","Terrorismus Terrorismus ist nach der Definition der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der nachhaltig gef\u00fchrte Kampf f\u00fcr politische Ziele, die mit Hilfe von Anschl\u00e4gen auf Leib, Leben und Eigentum anderer Menschen durchgesetzt werden sollen, insbesondere durch schwere Straftaten, wie sie in SS 129a Abs. 1 StGB genannt sind, oder durch andere Straftaten, die zur Vorbereitung solcher Straftaten dienen. Trennungsgebot Durch das Trennungsgebot wird eine organisatorische und funktionelle Trennung von Verfassungsschutz und Polizei/Staatsschutz vorgegeben. Dies ist f\u00fcr das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz in SS 2 Abs. 1 und SS 8 Abs. 3 BVerfSchG geregelt. Die Landesverfassungsschutzgesetze enthalten entsprechende Vorschriften. Eine solche Trennung verbietet jedoch nicht den Informationsaustausch zwischen Verfassungsschutz und Polizei. Dieser ist vielmehr notwendig, um trotz der Trennung effektiv arbeiten zu k\u00f6nnen. Nur durch eine Vernetzung von Nachrichtendiensten und Polizeien ist es m\u00f6glich, die in der jeweiligen Rechtssph\u00e4re gewonnenen Erkenntnisse auszutauschen und zu analysieren. Verfassungsfeindlich Verfassungsfeindlich (= extremistisch) sind politische Aktivit\u00e4ten, die gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung gerichtet sind und darauf abzielen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beseitigen. Verfassungswidrig Umgangssprachlich h\u00e4ufig synonym mit \"verfassungsfeindlich\" zu finden. \u00dcber die Frage der Verfassungswidrigkeit einer Partei entscheidet das Bundesverfassungsgericht (Art. 21 Abs. 2 GG; SSSS 13 Nr. 2, 43 ff. BVerfGG). Parteien sind verfassungswidrig, wenn sie nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anh\u00e4nger darauf ausgerichtet sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeintr\u00e4chtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gef\u00e4hrden. Es gen\u00fcgt nicht, wenn die Partei die freiheitliche demokratische Ordnung nicht anerkennt, sie ablehnt oder ihr andere Prinzipien entgegenh\u00e4lt. Es muss vielmehr eine aktivk\u00e4mpferische, aggressive Haltung gegen\u00fcber der bestehenden verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung hinzukommen. Die Organisation muss also planvoll das Funktionieren dieser Ordnung beeintr\u00e4chtigen und im weiteren Verlauf diese Ordnung selbst beseitigen wollen. V-Leute Vertrauensleute, sogenannte V-Leute, sind Personen, die planvoll und systematisch zur Gewinnung von Informationen \u00fcber extremistische Bestrebungen eingesetzt werden. Sie sind keine Mitarbeiter des Verfassungsschutzes. F\u00fcr ihre Informationen werden sie in der Regel entlohnt. Die Identit\u00e4t von Vertrauensleuten wird besonders gesch\u00fctzt (s. a. Quellenschutz). Bei dem Einsatz von V-Leuten handelt sich um ein nachrichtendienstliches Mittel/Instrument. 122"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2018","year":2018}
