{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-nw-2016.pdf","jurisdiction":"Nordrhein-Westfalen","num_pages":299,"pages":["Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen \u00fcber das Jahr 2016 Verfassungsschutzbericht NRW 2016 www.im.nrw.de","Impressum Herausgeber Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen Friedrichstra\u00dfe 62-80 40217 D\u00fcsseldorf Telefon: 0211/871-01 Telefax: 0211/871-3355 poststelle@im.nrw.de www.im.nrw.de Redaktion Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen Telefon: 0211/871-2821 Telefax: 0211/871-2980 kontakt.verfassungsschutz@im1.nrw.de www.im.nrw.de/verfassungsschutz Bestellservice bestellung.verfassungsschutz@im1.nrw.de www.im.nrw.de/publikationen Stand: September 2017 Druck: Silber Druck oHG, Niestetal Fotos: picture alliance / dpa / abaca / Michael Kappeler/dpa / Caroline Seidel/dpa / Federico Gambarini/dpa, Polizei NRW, Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen","Vorwort Europa befindet sich im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus. Das haben uns die Anschl\u00e4ge allein im Jahr 2016 auf schreckliche Weise vor Augen gef\u00fchrt: Frankreich, Belgien, Gro\u00dfbritannien und in Deutschland W\u00fcrzburg, Ansbach, Hannover, Essen und Berlin. Um Angriffe auf unsere freie und offene Gesellschaft verhindern zu k\u00f6nnen, wird die neue Landesregierung unsere Sicherheitsbeh\u00f6rden mit dem Personal, der Technik und den Befugnissen ausstatten, die sie daf\u00fcr brauchen. Die Terroristen sind international vernetzt. Deshalb m\u00fcssen die Sicherheitsbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder mit ihren internationalen Partnern noch besser Informationen austauschen. Das ist eine der Lehren, die aus dem Fall Amri gezogen werden m\u00fcssen. Unser wehrhafter Rechtsstaat darf sich nicht von seinen Feinden \u00fcberlisten lassen. Denn diese Feinde und ihre perfiden Taten sind f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung sehr viel gef\u00e4hrlicher, als mehr Eingriffsbefugnisse f\u00fcr die Besch\u00fctzer dieser Ordnung es sind. Der Rechtsstaat sorgt f\u00fcr Freiheit in Sicherheit. Er bedroht sie nicht. 2 Vorwort Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Das Gef\u00fchl der Bedrohung setzt eine Gesellschaft hohem Stress aus. Diese Verunsicherung ist das Kapital von Extremisten - ganz egal welcher Ideologie. Wir k\u00f6nnen Wechselwirkungen beobachten: Islamistischer Terror l\u00f6st Reaktionen und Aktionen von Rechtsextremisten aus. Darauf wiederum reagieren Linksextremisten. Zudem \u00e4ndert sich die Form politischer Kommunikation in extremistischen Organisationen. Beispiele daf\u00fcr liefert die rechtsextremistische Identit\u00e4re Bewegung. Ihre \u00c4sthetik ist auf die sozialen Netzwerke zugeschnitten - ihre \u00f6ffentlichen Banneraktionen adaptieren mediengerecht Formen der \u00f6kologischen Protestkultur. Ihre zeitgem\u00e4\u00dfe corporate identity \u00e4ndert nichts daran, dass in neuer und moderner Gestalt rechtsextremistisches Gedankengut verbreitet wird. Von der anderen Seite des politischen Spektrums aus wird der Rechtsstaat ebenfalls angegriffen. Linksextremisten legitimieren Gewalt in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner nicht nur, sondern eskalieren die Gewaltanwendung gegen Personen und Sachen. Ein besonders markantes Beispiel daf\u00fcr waren die gewaltt\u00e4tigen Proteste im Rahmen des G20-Gipfels in Hamburg. Wer das Recht auf Versammlungsfreiheit und auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung f\u00fcr Gewalt missbraucht, wer Polizisten als Vertreter der rechtsstaatlichen Ordnung zum Angriffsziel erkl\u00e4rt und macht, wer das staatliche Gewaltmonopol nicht akzeptiert und aktiv bek\u00e4mpft, der wendet sich aggressiv gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Mit Sorge erf\u00fcllt uns zudem, dass die innenpolitischen Konflikte in der T\u00fcrkei auf Deutschland und damit auch auf NRW ausstrahlen. Hier ist seitens der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden insbesondere jeder Form von Oppositionellenaussp\u00e4hung entgegenzuwirken. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim NRW-Verfassungsschutz leisten jeden Tag ihren Beitrag, um unsere Demokratie und unsere freie Gesellschaft vor diesen Gefahren zu sch\u00fctzen. Daf\u00fcr geb\u00fchrt ihnen Dank. Herbert Reul Minister des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen Vorwort 3 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Inhaltsvereichnis Vorbemerkung 8 Kompakt 12 Extremismus in Zahlen 15 Mitgliederzahlen und -potenziale in Nordrhein-Westfalen .................................................... 22 Entwicklung der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t (PMK) ..................................................... 24 Rechtsextremismus 37 Im Fokus: Entgrenzung des Rechtsextremismus ................................................................. 40 NPD ...................................................................................................................................... 48 Pro NRW .............................................................................................................................. 56 Pro K\u00f6ln ................................................................................................................................ 62 Pro Deutschland ................................................................................................................... 66 Die Rechte............................................................................................................................ 70 Der III. Weg .......................................................................................................................... 82 Identit\u00e4re Bewegung Deutschland e.V. ................................................................................ 86 ARMINIUS-Bund des deutschen Volkes .............................................................................. 92 4 InhaltsverzeIchnIs Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Neonazis............................................................................................................................... 96 Rechtsterrorismus .............................................................................................................. 102 Subkulturell gepr\u00e4gter Rechtsextremismus ........................................................................ 106 Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter (Reichsb\u00fcrgerbewegung) ............................................ 112 Rechtsextremismus im Internet .......................................................................................... 120 Linksextremismus 123 Im Fokus: Die Gewaltfrage im Linksextremismus .............................................................. 126 Zusammenschl\u00fcsse innerhalb der Partei DIE LINKE ......................................................... 130 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ............................................................................ 134 Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) ..................................................... 138 Autonome Linksextremisten ............................................................................................... 142 Auslandsbezogener Extremismus 147 Im Fokus: Putschversuch in der T\u00fcrkei .............................................................................. 150 \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung (Graue W\u00f6lfe) ....................................................................................... 156 Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei/-Front (DHKP-C) .........................................................164 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ......................................................................................... 168 Tamilische Befreiungstiger (LTTE)...................................................................................... 172 Islamismus 175 Im Fokus: Jihadismus als Internet-Ph\u00e4nomen ................................................................... 178 Im Fokus: Islamistisch motivierter Terror - Personenpotenziale und Anschlagsszenarien werden vielf\u00e4ltiger ............................................................................. 182 Extremistischer Salafismus ................................................................................................ 186 Hamas ................................................................................................................................ 200 Hizb Allah (Partei Gottes) ................................................................................................... 202 InhaltsverzeIchnIs 5 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Hizb ut-Tahrir (Islamische Befreiungspartei - HuT) ..............................................................206 Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) .................................................................................................208 Muslimbruderschaft (unter anderem IGD) .......................................................................... 210 Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung ......................................................................................................... 212 Islamistische nordkaukasische Szene (INS) ....................................................................... 216 T\u00fcrkische Hizbullah (TH).......................................................................................................218 Furkan-Gemeinschaft ......................................................................................................... 222 Scientology Organisation (SO) 225 Scientology Organisation (SO) ........................................................................................... 226 Spionageabwehr und Wirtschaftsschutz 229 Spionage - Auftraggeber, Ziele und Methoden .................................................................. 232 Aufkl\u00e4rung und Abwehr von Proliferation ........................................................................... 240 Wirtschaftsspionage ........................................................................................................... 244 Pr\u00e4ventionsarbeit und Aussteigerprogramme 249 \u00dcbergreifende Konzepte und Vernetzung .......................................................................... 252 Pr\u00e4ventionsprogramm Wegweiser ..................................................................................... 256 Aussteigerprogramme des Verfassungsschutzes .............................................................. 258 Fachtagungen..................................................................................................................... 262 VIR...................................................................................................................................... 266 Vortr\u00e4ge und Fortbildungen ................................................................................................ 270 Ver\u00f6ffentlichungen .............................................................................................................. 274 6 InhaltsverzeIchnIs Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","\u00dcber den Verfassungsschutz 277 Liste der Bestrebungen und Organisationen 284 Stichwortverzeichnis 290 7 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Vorbemerkung Der vorliegende Verfassungsschutzbericht bezieht sich auf Ereignisse und Beobachtungen im Jahr 2016; zeitlich danach liegende Vorf\u00e4lle und Entwicklungen werden punktuell angesprochen, wenn sie von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung sind. Hinweise auf Geschehnisse au\u00dferhalb Nordrhein-Westfalens sind aufgenommen, soweit sie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Berichts erforderlich sind. Erg\u00e4nzende Informationen finden Sie im Internet unter www.im.nrw.de/verfassungsschutz. Grundlagen und Zielsetzung des Verfassungsschutzes Nach SS 3 Abs. 1 des Gesetzes \u00fcber den Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen (VSG NRW) hat der Verfassungsschutz die Aufgabe, bereits im Vorfeld von konkreten Gef\u00e4hrdungslagen Informationen zu beschaffen, zu sammeln und auszuwerten, die Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten betreffen, > die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder > darauf abzielen, die Amtsf\u00fchrung von Verfassungsorganen des Bundes oder eines Landes ungesetzlich zu beeinflussen, oder > die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden oder > die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung oder das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind oder > die sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht darstellen. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sammelt hierzu die f\u00fcr sie relevanten Informationen und wertet sie aus, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine Bestrebung gegeben sind oder zumindest gewichtige Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht solcher Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten vorliegen. Weder eine konkrete Gefahr noch eine begangene Straftat sind notwendig, um ihr T\u00e4tigwerden zu legitimieren. Es ist nicht Voraussetzung f\u00fcr die Berichterstattung in den Jahresberichten, dass sich die Verdachtsmomente bis zur Einsch\u00e4tzung einer Bestrebung als \"verfassungsfeindlich\" 8 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","verdichtet haben. Der Verfassungsschutz arbeitet zum Schutz der Verfassung und des Gemeinwesens im Vorfeld konkreter Gefahren oder Straftaten. Er hat bei der Wahrnehmung seines gesetzlichen Auftrags im Wesentlichen Organisationen und Strukturen im Blick. \\ Kennzeichnung Die Namen und Bezeichnungen von Organisationen, Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten, bei denen zumindest gewichtige Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht f\u00fcr die in SS 3 Abs. 1 VSG NRW beschriebenen Merkmale vorliegen, sind zwischen den Zeichen \" und \" eingefasst (sogenannte Chevrons). Beispiel: \"Partei XY\" Bei einer \"Bestrebung\" handelt es sich nach SS 3 Abs. 3 VSG NRW um politisch bestimmte, zielund zweckgerichtete Verhaltensweisen in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der gegen die in SS 3 Abs. 1 genannten Schutzg\u00fcter gerichtet ist. Ein \"Personenzusammenschluss\" setzt mehrere Personen voraus, die gemeinsam handeln. Einzelpersonen stehen nicht unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes, es sei denn, ihr Verhalten ist auf die Anwendung von Gewalt gerichtet oder von ihnen geht eine erhebliche Gefahr f\u00fcr eines der Schutzg\u00fcter des Verfassungsschutzgesetzes aus. Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung Im Zentrum steht der Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung - also des nicht zur Disposition stehenden Kerns des Grundgesetzes (SS 3 Abs. 4 VSG NRW). Hierzu z\u00e4hlen: > Das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung auszu\u00fcben und die Volksvertretung in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu w\u00e4hlen; > die Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Gesetz und Recht; > das Recht auf Bildung und Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition; 9 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","> die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und deren Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der Volksvertretung; > die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte; > der Ausschluss jeder Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft und > die Achtung der im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte. Ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung Daneben beobachtet der Verfassungsschutz Bestrebungen, \"die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden\". Hier geht es beispielsweise um gewaltbereite extremistische Gruppen mit Auslandsbezug, die vom Gebiet der Bundesrepublik Deutschland aus Gewaltaktionen vorbereiten, um eine gewaltsame \u00c4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse im Ausland, insbesondere in ihren Heimatl\u00e4ndern herbeizuf\u00fchren und die dadurch die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu anderen Staaten beeintr\u00e4chtigen (SS 3 Abs. 1 Nr. 3 VSG NRW). Auch Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind, geh\u00f6ren zu den Beobachtungsobjekten des Verfassungsschutzes (SS 3 Abs. 1 Nr. 4 VSG NRW). Der Verfassungsschutz beobachtet international operierende Gruppierungen, die beispielsweise darauf abzielen, konfessionelle oder ethnische Gruppen im Ausland zu bek\u00e4mpfen. In diesem Fall sind die Angriffe nicht auf die staatliche Ordnung oder die Grenzen eines einzelnen anderen Landes gerichtet, sondern gegen bestimmte (Volks-)Gruppen in den betreffenden Staaten. Gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung gerichtet sind damit auch Gruppierungen, die die - notfalls gewaltsame - R\u00fcckgewinnung der ehemaligen deutschen Ostgebiete propagieren. Arbeitsweise des Verfassungsschutzes Bei seiner T\u00e4tigkeit st\u00fctzt sich der Verfassungsschutz in gro\u00dfem Umfang auf offenes Material wie Zeitungen, wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichungen, Radiound Fernsehberichte, Interviews und Parteiprogramme. Sensible Informationen aus geschlossenen Zirkeln werden hingegen h\u00e4ufig mit nachrichtendienstlichen Mitteln gewonnen. Es werden nach Ma\u00dfgabe konkreter gesetzlicher Vorgaben Vertrauenspersonen (V-Personen) eingesetzt und Zielpersonen observiert. In besonders gravierenden Einzelf\u00e4llen erfolgt eine \u00dcberwachung des Postund Fernmeldeverkehrs. Der Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel ist zur Aufkl\u00e4rung konspirativ arbeitender verfassungsfeindlicher Organisationen notwendig. Die Beschaffung von Informationen durch den Verfassungsschutz unterliegt der Kontrolle des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Landtags NRW und bei bestimmten, die Kommunikation oder die Finanzierung von Bestrebungen be10 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","treffenden Ma\u00dfnahmen der Kontrolle durch eine unabh\u00e4ngige Kommission (G 10-Kommission). Typischerweise geben sich extremistische Organisationen in ihren Programmen und \u00f6ffentlichen Auftritten gem\u00e4\u00dfigt, um ihre Akzeptanz und ihre Wahlchancen nicht zu beeintr\u00e4chtigen. Klartext wird h\u00e4ufig nur in den inneren Zirkeln und unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit geredet. Dar\u00fcber muss der Verfassungsschutz verl\u00e4ssliche Informationen erlangen, wenn er sich ein realistisches Bild von den Zielen und den Methoden derartiger Organisationen verschaffen und seinen Auftrag zur Beratung der Politik und Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit erf\u00fcllen will. Mit \"Web-Links\" zu weiteren Informationen Nutzen Sie die \"Web-Links\" in dieser Brosch\u00fcre, um direkt zu erg\u00e4nzenden Webseiten und Dokumenten im Internet zu gelangen. Sie finden die Codes im Text jeweils am Ende einiger Kapitel in folgender Darstellung: Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_xxxx So geht es: Rufen Sie die Adresse www.im.nrw.de/verfassungsschutz in Ihrem Browser auf und geben Sie die jeweilige Buchstabenkombination des \"Web-Links\" in das Suchfeld ein. 11 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Kompakt Politisch motivierte Gewalt > Minimaler R\u00fcckgang der allgemeinen PMK-Zahlen in der Gesamtbetrachtung auf einem unvermindert hohen allgemeinen Niveau und weitere Zunahme der PMK-Gewalt insbesondere in den Ph\u00e4nomenbereichen PMK-Rechts und PMK-Ausl\u00e4nder. > Die Zahl der \u00dcbergriffe auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte blieb auf dem hohen Niveau von 2015. Rund zwei Drittel der Tatverd\u00e4chtigen waren bislang nicht rechtsextremistisch aktiv, was auf Radikalisierungsverl\u00e4ufe au\u00dferhalb des organisierten Spektrums hinweist. Rechtsextremismus > Im Rechtsextremismus sind Fl\u00fcchtlinge und der Islam weiterhin die wesentlichen Propagandathemen und gelten als \"T\u00fcr\u00f6ffner\", um Anh\u00e4nger aus der Mitte der Gesellschaft zu gewinnen. Die Verbreitung solcher \"Feindbilder\" schafft einen N\u00e4hrboden f\u00fcr fremdenfeindliche Straftaten. > Gruppierungen wie die Identit\u00e4re Bewegung Deutschland (IBD) versuchen durch neue Aktionsformen eine Funktion als Mittler zwischen Rechtsextremismus und gesellschaftlicher Mitte einzunehmen. > Reichsb\u00fcrger bestreiten die Existenz der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Rechtsordnung und versuchen die Arbeit der Beh\u00f6rden zu behindern. Staatliche Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung dieses Ph\u00e4nomens zeigen erste Wirkung: Dazu z\u00e4hlen der Entzug von Waffenerlaubnissen, die konsequente strafrechtliche Verfolgung sowie Sensibilisierungsund Informationsma\u00dfnahmen f\u00fcr betroffene Beh\u00f6rden. 4. Januar 26. Februar 1. - 3. M\u00e4rz Bundesweites Verbot Messerattacke m\u00fcndliche Verhanddes wichtigsten der 15j\u00e4hrigen lung des Bundesrechtsextremistischen Safia S. auf verfassungsgerichts Internetportals \"AlterPolizeibeamten im NPD-Verbotsvermedia Deutschland\" in Hannover fahren 20168 01 02 03 04 9. Januar 16. April 27. April PegidaSprengstoffProzessbeginn Versammlung anschlag gegen die OSS in K\u00f6ln mit \u00fcber auf einen wegen Bildung ei200 Straftaten Sikh-Tempel ner terroristischen in Essen Vereinigung 12 Themen im Fokus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Linksextremismus > Die Gewaltbereitschaft im Linksextremismus nahm in NRW erheblich zu. Wenngleich die Anzahl der linksextremistisch motivierten Straftaten in 2016 r\u00fcckl\u00e4ufig war, erh\u00f6hte sich vor allem die Schwere der Gewalttaten sowie das gewaltbereite Personenpotenzial. > Die Versch\u00e4rfung der Gewalt bis hin zu Sabotageakten und der Inkaufnahme schwerster Verletzungen von Personen belegen eine gesunkene Hemmschwelle. Neben den RechtsLinks-Auseinandersetzungen und \u00dcbergriffen auf die Polizei zeigt sich diese Entwicklung vor allem in den Protesten gegen den Braunkohlenabbau am Hambacher Forst und auch bereits im Vorfeld des G20-Gipfels im Juli 2017 in Hamburg. Auslandsbezogener Extremismus > Die politische Lage nach dem Putschversuch am 15. Juni 2016 in der T\u00fcrkei hat erheblichen Einfluss auf die Situation in Deutschland und in NRW. Die auf Deutschland gerichtete t\u00fcrkische Regierungspropaganda spaltet die t\u00fcrkischst\u00e4mmige \"Community\" und zielt darauf ab, t\u00fcrkisch-nationalistische Kr\u00e4fte und Organisationen gegen den deutschen Staat aufzubringen und Oppositionelle einzusch\u00fcchtern. > Die Konfrontationen zwischen regierungstreuen nationalistischen T\u00fcrken und kurdischst\u00e4mmigen Personen nehmen stark zu. Es kommt regelm\u00e4\u00dfig zu Auseinandersetzungen am Rande von Veranstaltungen. \u00d6ffentlichkeitswirksame Kundgebungen finden unter der emotionalisierten politischen Lage gro\u00dfen Zuspruch bei den jeweiligen Anh\u00e4ngern. > Der Verfolgungsdruck deutscher Strafverfolgungsbeh\u00f6rden gegen\u00fcber verbotenen Organisationen (insbesondere PKK und DHKP-C) ist unvermindert hoch. Funktion\u00e4re werden angeklagt und zu Haftstrafen verurteilt. Veranstaltungen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie der Generierung von Geldern f\u00fcr verbotene Organisationen dienen, werden rechtswirksam untersagt bzw. durch Auflagen erschwert. 4. Juni 24. Juli 31. Juli Neonazi-VerSelbstmordattentat T\u00fcrkischsammlung \"Tag eines syrischen nationalistische der deutschen Fl\u00fcchtlings vor Demo in K\u00f6ln Zukunft\" in einem Restaurant Dortmund in Ansbach 05 06 07 08 4 4. Juni 18. Juli 20. August Linksautonome Anschlag in einer Aktionstage Demonstranten Regionalbahn bei \"Ende Gel\u00e4nde\" am \"Tag der DeutW\u00fcrzburg mit f\u00fcnf am Braunkohschen Zukunft\" in Verletzten, vier lentagebau Dortmund davon schwer Garzweiler II Themen im Fokus 13 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Islamismus > Der sogenannte Islamische Staat (IS) ger\u00e4t in Syrien und im Irak milit\u00e4risch zunehmend unter Druck und hat gro\u00dfe Teile seiner besetzten Gebiete verloren. In seiner Propaganda fordert er verst\u00e4rkt, im \"Westen\" - explizit auch in Deutschland - Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben. > Die Propaganda trifft in Deutschland auf eine Szene, die durch strafrechtliche Ma\u00dfnahmen und Vereinsverbote zwar in ihrer Organisationsstruktur stark beeintr\u00e4chtigt, aber weiterhin handlungsf\u00e4hig ist. Insbesondere die gewaltbef\u00fcrwortende Propaganda des IS im Internet findet weiterhin Anklang. > Das Gefahrenpotenzial ist dadurch in Deutschland weiterhin dauerhaft erh\u00f6ht. 2016 war das Jahr mit der bislang h\u00f6chsten Rate islamistisch motivierter Anschl\u00e4ge: f\u00fcnf durchgef\u00fchrte Anschl\u00e4ge, ein unmittelbar vereitelter und mehrere schon in der Planungsphase verhinderte Anschl\u00e4ge. > R\u00fcckkehrer aus Krisengebieten, \"Terror-Kommandos\" aus dem Ausland, Jihad-affine salafistische Szenen vor Ort und radikalisierte Einzelt\u00e4ter werden langfristig eine Herausforderung f\u00fcr Sicherheitsbeh\u00f6rden und f\u00fcr die deutsche Gesellschaft bleiben. Spionageabwehr und Wirtschaftsschutz > Die Zahl der gezielten und qualitativ hochwertigen Cyberangriffe auch auf deutsche Unternehmen war im Jahr 2016 auf einem unvermindert hohen Niveau. > In 2016 war eine Zunahme an Spionageversuchen und Aktivit\u00e4ten von russischen und t\u00fcrkischen Nachrichtendiensten in NRW zu verzeichnen. Pr\u00e4vention und Aussteigerprogramme > Bis Ende 2016 wurden fast 390 junge Menschen im Wegweiser-Programm betreut. 5.500 weitere Beratungen und Anfragen wurden durchgef\u00fchrt. > In der Extremismuspr\u00e4vention lagen die Schwerpunkte der Arbeit in den Bereichen Islamismus und Rechtsextremismus. 10. September 15. Oktober 19. Dezember Sicherstellung von Rechtsrock-Konzert mit Anschlag auf Sprengs\u00e4tzen in rund 5.000 \u00fcberwieeinen WeihLeipziger Wohnung gend deutschen Bands nachtsmarkt in eines syrischen und Teilnehmern in Berlin mit einem Fl\u00fcchtlings Unterwasser (Schweiz) LKW 09 10 11 12 4 20. September 8. November 15. November Hackerangriffe auf Festnahme des Bundesweites den Bundestag \"Predigers\" Abu Verbot der und die Parteien, Walaa Vereinigung \"Die wie auch schon Wahre Religion im M\u00e4rz / Lies!\" 14 Themen im Fokus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Extremismus in Zahlen ExtrEmismus in ZahlEn 15 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Sicherheitslage und Wechselwirkungen zwischen den Extremismusbereichen Rechtsextremismus > Gewalt / Gefahr des Terrorismus > \u00dcbergriffe auf Fl\u00fcchtlinge und Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte > Spaltung der Gesellschaft Sicherheitslage Deutschland / NRW Linksextremismus Salafisten / Jihadisten > Gewalt gegen Polizei > Anschl\u00e4ge > Reaktionen auf > Parallelgesellschaft rechtsextremistische > Weitere Zunahme Aktionen Auslandsbezogener Extremismus > Reaktion auf Lage in der T\u00fcrkei > Emotionalisierung > Mobilisierung > Spaltung der \"Community\" in NRW Wechselwirkungen > Rechtsextremisten Salafisten > RechtsLinksextremisten > Auslandsbezogene Extremisten untereinander > Resonanzund Impulsstraftaten 16 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t nach PMK-Ph\u00e4nomenbereichen im Vorjahresvergleich Gewaltkriminalit\u00e4t nach PMK-Ph\u00e4nomenbereichen im Vorjahresvergleich ExtrEmismus in ZahlEn 17 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","PMK und PMK-Gewalt im 10-Jahresvergleich Gesamtzahlen davon Gewalttaten Anzahl der Tatverd\u00e4chtigen 1.970 1.770 1.149 873 788 646 276 200 142 PMK-Rechts PMK-Links PMK-Ausl\u00e4nder 18 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Zahl der Salafisten 2011 2012 2013 2014 2015 2016 Ausreisen von Salafisten Ausgereiste insgesamt davon weiblich 2012 2013 2014 2015 2016 ExtrEmismus in ZahlEn 19 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ganzheitliches Handlungskonzept in der Salafismus-Pr\u00e4vention Diskriminierung Radikalisierung Propaganda Islamfeindlichkeit Gewalt Information, Qualifizierung, St\u00e4rkung, Vernetzung, Beratung (AUS-)BILDUNG, BERUF SOZIALES UMFELD FAMIILIE Die Salafismus-Pr\u00e4vention in NRW orientiert sich am Lebensumfeld und den Lebensabschnitten von Heranwachsenden, die in den Extremismus abzurutschen drohen. Ber\u00fccksichtigt werden dabei alle ma\u00dfgeblichen Stationen auf dem Weg zum Erwachsenwerden von der Familie und dem Freundeskreis \u00fcber Schule und bis zur Ausbildung und Beruf. Dabei sollen Widerstandskr\u00e4fte gegen Manipulation von au\u00dfen gest\u00e4rkt werden. Mit den Ma\u00dfnahmen des Handlungskonzepts sollen sowohl die einzelne gef\u00e4hrdete Person in ihrer Lebenswelt, als auch das soziale Umfeld gesch\u00fctzt werden. Hier hilft Information, Qualifizierung, Kooperation und Beratung. 20 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pr\u00e4ventionsprogramm Wegweiser Wegweiser-Anlaufstellen in Nordrhein-Westfalen ExtrEmismus in ZahlEn 21 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Mitgliederzahlen und -potenziale in Nordrhein-Westfalen Die Angaben zu den Parteien und Organisationen umfassen grunds\u00e4tzlich alle Mitglieder. Die Angaben sind gerundet und zum Teil gesch\u00e4tzt. Rechtsextremismus 2015 2016 NPD 600 600 Pro NRW 450 Pro K\u00f6ln e.V 250 Pro Deutschland 100 Im Vorjahr wurden die Zahlen der Pro-Bewegungen gemeinsam erhoben 900 Die Rechte 300 300 Der III. Weg 30 30 IBD (im Vorjahr wurde keine Zahl erhoben) - 50 ARMINIUS-Bund des deutschen Volkes - 15 Neonazistische Kameradschaften einschl. regionale Szenen 650 650 Skinheads 1.350 1.350 Sonstige 150 150 abz\u00fcglich Doppelmitgliedschaften* -510 -475 Gesamt 3.470 3.470 davon gewaltorientierte Rechtsextremisten 2.000 2.000 Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter** 2.000 * Einzelne Personen k\u00f6nnen gleichzeitig zwei Organisationen oder Gruppierungen zugerechnet werden. Die Mitglieder der Partei Die Rechte werden weiterhin als Neonazis gez\u00e4hlt. ** F\u00fcr 2015 erfolgte keine Angabe, da \u00fcber \"Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter\" erst seit 2016 berichtet wird. 22 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Linksextremismus 2015 2016 Gewaltorientierte Linksextremisten einschl. Autonome 850 970 DKP 800 800 MLPD 650 650 Gesamt 2.300 2.420 Ausl\u00e4nderextremismus 2015 2016 \"AD\u00dcTDF\" 2.000 2.000 DHKP-C 200 200 KONGRA-GEL bzw. PKK 2.200 2.200 LTTE 300 300 Gesamt 4.700 4.700 Islamismus 2015 2016 Extremistischer Salafismus 2.500 2.900 davon politisch 2.000 2.200 davon gewaltbereit 500 700 HAMAS 65 75 Hizb Allah 100 105 Hizb ut-Tahrir 35 35 Kalifatsstaat 220 220 Muslimbruderschaft 65 65 Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung (extremistischer Teil) 250 250 Nordkaukasische Separatisten-Bewegung 70 70 T\u00fcrkische Hizbullah 100 100 Furkan-Gemeinschaft - 15 Gesamt 3.405 3.835 ExtrEmismus in ZahlEn 23 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Entwicklung der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t (PMK) Betrachtung der Gesamtentwicklung In Nordrhein-Westfalen wurden im Jahr 2016 insgesamt 7.445 Politisch motivierte Straftaten bekannt (2015: 7.532). Damit ist im Vergleich zum Vorjahr ein leichter R\u00fcckgang um 87 (1,2%) Delikte zu verzeichnen. Betrachtet nach Deliktsgruppen sind unterschiedliche Entwicklungen festzustellen. So wurden beispielsweise mit 966 Sachbesch\u00e4digungen 123 Straftaten mehr gez\u00e4hlt als im Vorjahr. Dagegen waren bei den 861 Verst\u00f6\u00dfen gegen das Versammlungsgesetz starke R\u00fcckg\u00e4nge zu verzeichnen (2015: 1.304). PMK und PMK-Gewalt im 10-Jahresvergleich 24 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Die Aufkl\u00e4rungsquote im Bereich der PMK f\u00fcr das Jahr 2016 betr\u00e4gt 39,9% (2015: 37%). Es konnten mit 2.972 Straftaten im Vergleich zum Vorjahr 182 Delikte mehr aufgekl\u00e4rt werden (2015: 2.790). Gewaltdelikte der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t (PMK-Gewalt) Die Zahl der bekannt gewordenen Gewaltdelikte mit politischer Motivation ist in Nordrhein-Westfalen im Vergleich zum Jahr 2015 gestiegen. Es wurden insgesamt 883 Gewaltdelikte bekannt, das bedeutet einen Anstieg um 14,4% (2015: 772). 456 Gewaltdelikte konnten polizeilich gekl\u00e4rt werden (2015: 432). Die Aufkl\u00e4rungsquote liegt mit 51,6% niedriger als im Vorjahr (2015: 56%). Propagandadelikte Einen hohen Anteil der PMK macht j\u00e4hrlich wiederkehrend die Gruppe der Propagandadelikte, also Straftaten der SSSS 86 und 86a StGB, aus. Der Anteil der Propagandadelikte am Straftatenaufkommen der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t ist seit Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig, blieb aber 2016 im Vergleich zum Vorjahr mit 2.385 (32%) Straftaten nahezu konstant (2015: 2.463 Straftaten bzw. 32,7%). Bei den meisten Propagandadelikten handelt es sich um Hakenkreuzschmierereien, die nur wenige Ermittlungsans\u00e4tze bieten und daher schwer aufzukl\u00e4ren sind. Mit 32,5% liegt die Aufkl\u00e4rungsquote der Propagandadelikte auf dem Niveau des Vorjahres (2015: 32,4%). Extremistische Straftaten Von den 7.445 im Jahr 2016 bekannt gewordenen Delikten der PMK sind 7.192 (96,6%) als extremistische Straftaten im Sinne des SS 3 des Gesetzes \u00fcber den Verfassungsschutz in NordrheinWestfalen eingestuft, weil sie sich beispielsweise gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richteten. Sowohl die Anzahl der als extremistisch einzustufenden Straftaten als auch der Anteil am Gesamtaufkommen der PMK ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf einem hohen Niveau in etwa gleich geblieben (2015: 7.229 Straftaten bzw. 96%). Entwicklung der Ph\u00e4nomenbereiche der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t Betrachtet man die Entwicklung der PMK differenziert nach Ph\u00e4nomenbereichen, so zeigen sich unterschiedliche Entwicklungen. Einerseits Anstiege in den Ph\u00e4nomenbereichen der PMKRechts und PMK-Ausl\u00e4nder, andererseits R\u00fcckg\u00e4nge bei der PMK-Links und der PMK-Sonstige / Nicht zuzuordnen. ExtrEmismus in ZahlEn 25 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","2015 2016 Entwicklung der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t in den Ph\u00e4nomenbereichen Die einzelnen Deliktgruppen, bezogen auf die Ph\u00e4nomenbereiche, werden im Jahresvergleich (2015 in Klammern) in der Tabelle auf Seite 27 abgebildet. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t-Rechts Die Anzahl der Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich der PMK-Rechts ist mit 4.700 Straftaten (2015: 4.437) im Vergleich zum Vorjahr um 263 (5,9%) Straftaten gestiegen. Der Anstieg ist im Wesentlichen auf eine am 9.01.2016 in K\u00f6ln stattgefundene \"Pegida\"-Demonstration mit 1.700 Teilnehmern zur\u00fcckzuf\u00fchren, bei der es zu 209 Straftaten durch \"Rechte\" kam. Propagandadelikte und Volksverhetzungen machen mit 66,4% (3.120 von 4.700 Straftaten), wie in den Vorjahren, den \u00fcberwiegenden Anteil der Straftaten der PMK-Rechts aus (2015: 69,2%). Es konnten 1.758 (37,4%) Straftaten polizeilich gekl\u00e4rt werden. Damit liegt die Aufkl\u00e4rungsquote 4,2 Prozentpunkte unter dem Wert des Vorjahres. Insgesamt wurden 1.970 Tatverd\u00e4chtige ermittelt (2015: 2.130). Davon waren 1.770 (89,9%) Personen m\u00e4nnlich und 200 (10,1%) weiblich. Die am h\u00f6chsten belastete Altersgruppe war mit 394 Personen, wie im Vorjahr, die der 30 - 39-j\u00e4hrigen. Es folgte die Gruppe der 40 - 49-j\u00e4hrigen mit 323 Personen. 1155 (58,6%) der Tatverd\u00e4chtigen waren bereits zuvor kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten (2015: 1.274 bzw. 59,8%). 26 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","PMKPMKPMKPMKRechts Links Ausl\u00e4nder Sonstige T\u00f6tungsdelikte 1 (2) 1 (0) 2 (0) 0 (0) Brandund Sprengstoffdelikte 32 (21) 22 (17) 5 (4) 4 (6) Landfriedensbruchdelikte 6 (7) 43 (70) 22 (7) 1 (1) Gef\u00e4hrliche Eingriffe in den Bahn-, 2 (1) 21 (13) 2 (0) 2 (0) Schiffs-, Luftund Stra\u00dfenverkehr K\u00f6rperverletzungsdelikte 312 (231) 150 (229) 151 (42) 13 (14) Widerstandshandlungen 19 (24) 34 (70) 19 (4) 0 (2) Raub, Erpressung, 9 (2) 5 (2) 4 (2) 1 (0) Freiheitsberaubung Sexualdelikte 0 (1) 0 (0) 0 (0) 0 (0) Zwischensumme 381 (289) 276 (401) 205 (59) 21 (23) Bedrohungen, N\u00f6tigungen 81 (84) 30 (19) 62 (34) 7 (5) Sachbesch\u00e4digungen 345 (230) 459 (448) 109 (74) 53 (91) Propagandadelikte 2.226 (2.271) 17 (30) 25 (13) 117 (149) Volksverhetzungen 894 (799) 2 (4) 31 (36) 7 (18) St\u00f6rungen des \u00f6ffentlichen Frie29 (34) 3 (2) 24 (24) 8 (7) dens Beleidigungen 438 (346) 116 (156) 100 (66) 56 (43) Verst\u00f6\u00dfe gegen das 1 (0) 1 (0) 116 (185) 0 (0) Vereinsgesetz Verst\u00f6\u00dfe gegen das 172 (280) 589 (989) 90 (20) 10 (15) Versammlungsgesetz Sonstige Straftaten 133 (104) 83 (99) 99 (63) 29 (22) 4.700 1.576 861 308 Gesamt (4.437) (2.148) (574) (373) Deliktgruppen der Ph\u00e4nomenbereiche im Jahresvergleich 2016 und 2015 (2015 in Klammern) ExtrEmismus in ZahlEn 27 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Vorherrschende Themenfelder der PMK-Rechts waren \"Nationalsozialismus \\ Hinweis zu Themenfeldern / Sozialdarwinismus\" (2.569 Straftaten, Die Melderichtlinien des \"Kriminalpolizeili2015: 2.610 Straftaten), \"Hasskrimichen Meldedienstes in F\u00e4llen Politisch motinalit\u00e4t\" (2.376 Straftaten, 2015: 1.802 vierter Kriminalit\u00e4t\" sehen MehrfachnennunStraftaten), \"Ausl\u00e4nder- / Asylthematik\" gen bei den Oberthemen vor, so dass eine (1.105 Straftaten, 2015: 671) sowie Straftat mehreren Oberthemen zugeordnet \"Konfrontation / politische Einstellung\" werden kann. (744 Straftaten, 2015: 656 Straftaten). 2015 2016 PMK-Rechts nach Themenfeldern Gewaltkriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich PMK-Rechts Die Anzahl der Gewaltdelikte durch rechtsmotivierte T\u00e4ter ist mit 381 Straftaten gegen\u00fcber dem Vorjahr um 31,8% gestiegen (2015: 289 Straftaten). Dabei handelte es sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig (bei 81.9%) um K\u00f6rperverletzungen (312 Straftaten). Gewaltdelikte durch \"Rechte\" wurden mehrheitlich im \u00f6ffentlichen Raum und zumeist unabh\u00e4ngig von Demonstrationen ver\u00fcbt. Die Aufkl\u00e4rungsquote der Gewaltdelikte im Bereich der PMK-Rechts liegt mit 181 gekl\u00e4rten Taten bei 47,5% (2015: 198 Straftaten bzw. 68,5%). Urs\u00e4chlich f\u00fcr die Diskrepanz zum Vorjahr ist die bereits erw\u00e4hnte \"Pegida\"-Demonstration in K\u00f6ln, wo von den ver\u00fcbten 96 Gewaltdelikten lediglich zw\u00f6lf aufgekl\u00e4rt werden konnten. 28 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","PMK-Rechts und PMK-Rechts-Gewalt im 10-Jahresvergleich Hasskriminalit\u00e4t durch \"Rechte\" Der Hasskriminalit\u00e4t werden Straftaten zugeordnet, wenn in W\u00fcrdigung der Umst\u00e4nde der Tat und / oder der Einstellung des T\u00e4ters Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie gegen eine Person wegen ihrer Nationalit\u00e4t, Volkszugeh\u00f6rigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Herkunft oder aufgrund ihres \u00e4u\u00dferlichen Erscheinungsbildes, ihrer Behinderung, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres gesellschaftlichen Status gerichtet sind. Diese \"Hasskriminalit\u00e4t\" im Ph\u00e4nomenbereich der PMKRechts ist im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Es wurden 2.376 Straftaten registriert (2015: 1.802 Straftaten). Auch dem Unterthema \"Fremdenfeindlichkeit\" wurden mehr Delikte als im Vorjahreszeitraum zugeordnet (2.143 Straftaten, 2015: 1.605 Straftaten). Die Steigerungen der Fallzahlen zum Thema \"Hasskriminalit\u00e4t\" sind durch die von der Polizei intensivierten Ma\u00dfnahmen gegen \"rechte Hasspostings im Internet\" zur\u00fcckzuf\u00fchren. Auch die Anzahl der Gewaltdelikte im Themenfeld Hasskriminalit\u00e4t ist gestiegen (313 Straftaten, 2015: 182 Straftaten), ebenso wie die Anzahl der fremdenfeindlich motivierten Gewaltdelikte (311 Straftaten, 2015: 177 Straftaten). ExtrEmismus in ZahlEn 29 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Antisemitische Straftaten Die Anzahl der antisemitischen Straftaten ist um 10% von 270 auf 297 Straftaten gestiegen. 283 (95,3%) der antisemitischen Straftaten wurden im Jahr 2016 der PMK-Rechts zugeordnet. Bei den Deliktsgruppen machten, wie in den Vorjahren, Volksverhetzungen (202 Straftaten), Propagandadelikte (51 Straftaten) und Sachbesch\u00e4digungen (18 Straftaten) mit 91,2% den \u00fcberwiegenden Anteil der Fallzahlen aus (2015: 86,7%). Die Anzahl der antisemitischen Gewaltdelikte ist, wie bereits im Vorjahr, gesunken (2 Straftaten, 2015: 8 Straftaten). Reichsb\u00fcrger / Selbstverwalter Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter sind Gruppierungen und Einzelpersonen, die aus unterschiedlichen Motiven und mit unterschiedlichen Begr\u00fcndungen, unter anderem unter Berufung auf das historische Deutsche Reich, verschw\u00f6rungstheoretische Argumentationsmuster oder ein selbst definiertes Naturrecht, die Existenz der Bundesrepublik Deutschland und deren Rechtssystem ablehnen. Sie sprechen demokratisch gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten die Legitimation ab oder definieren sich gar in G\u00e4nze als au\u00dferhalb der Rechtsordnung stehend. Deshalb besteht in aller Regel die Besorgnis, dass sie Verst\u00f6\u00dfe gegen die Rechtsordnung begehen. Die ph\u00e4nomenbezogenen Ereignisse des Jahres 2016 lassen den Schluss zu, dass der Anteil derer, die nicht nachvollziehbare Ideologien beziehungsweise Denkmuster ausleben und teils \u00f6ffentlichkeitswirksam darstellen oder in diesem Zusammenhang das deutsche Rechtssystem behindern, zunimmt. Bereits vor dem versuchten T\u00f6tungsdelikt am 25. August 2016 in Reuden (Sachsen-Anhalt) sowie dem T\u00f6tungsdelikt am 19. Oktober 2016 in Georgensgm\u00fcnd (Bayern) ist ein Anstieg der Gewaltdelikte in der Szene zu verzeichnen. Somit kann konstatiert werden, dass ein nicht unerheblicher Personenkreis mittlerweile den Standpunkt vertritt, die ideologischen Gedankenmuster im Sinne des Selbstschutzes unter Gewaltanwendung zu verteidigen beziehungsweise zu untermauern. Derzeit gipfelt die Gewalt in einigen F\u00e4llen zumeist im Zusammenhang mit Exekutivma\u00dfnahmen staatlicher Stellen in der billigenden Inkaufnahme t\u00f6dlicher Verletzungen durch die gesteigerte Bereitschaft zum Einsatz von (Schuss-)Waffen. Aufgrund der vorgenannten Ausf\u00fchrungen ist auch weiterhin mit gewaltt\u00e4tigen Aktionen im Rahmen von Vollstreckungsma\u00dfnahmen zu rechnen. Dar\u00fcber hinaus besteht die M\u00f6glichkeit, dass es im Nachgang hoheitlicher Ma\u00dfnahmen zuk\u00fcnftig zu Aktivit\u00e4ten kommen kann, die \u00fcber das bisher praktizierte Ma\u00df wie etwa juristischem Schriftverkehr oder \u00e4hnlichem hinausgehen. 30 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t-Links Die Anzahl der Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich der PMK-Links ist mit 1.576 Straftaten im Vergleich zum Vorjahr um 26,6% gesunken (2015: 2.148 Straftaten). 2016 konnten mit 545 Straftaten rein rechnerisch nur wenig mehr Straftaten gekl\u00e4rt werden als im Jahr zuvor (2015: 539 Straftaten). Aufgrund der doch deutlich gesunkenen Anzahl der Straftaten im Bereich PMK-Links stieg jedoch die Aufkl\u00e4rungsquote deutlich auf 34,6% (2015: 25,1%). Insgesamt wurden 1.149 (2015: 772) Tatverd\u00e4chtige ermittelt. Davon waren 873 (76%) m\u00e4nnlich und 276 (24%) weiblich. 696 (60,6%) Personen waren zur Tatzeit zwischen 14 und 24 Jahre alt (2015: 59,2%). 388 (33,8%) Tatverd\u00e4chtige waren bereits zuvor polizeilich in Erscheinung getreten (2015: 343 bzw. 44,4%). Haupts\u00e4chliche Themenfelder der PMK-Links waren im Jahr 2016 \"Konfrontation / politische Einstellung\" (1.114 Straftaten, 2015: 1.000 Straftaten), \"Antifaschismus\" (1.063 Straftaten, 2015: 938 Straftaten) und \"Innenund Sicherheitspolitik\" (784 Straftaten, 2015: 1.229 Straften). Das Themenfeld \"\u00d6kologie / Industrie / Wirtschaft\" ist mit 175 Straftaten in den Hintergrund geraten (2015: 689 Straftaten). Dies ist zur\u00fcckzuf\u00fchren auf den deutlichen R\u00fcckgang der Straftatenanzahl im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Rodungen im \"Hambacher Forst\" zum Braunkohletagebau. In diesem Kontext wurden im Berichtszeitraum 138 Straftaten ver\u00fcbt, die der PMK-Links zugerechnet werden (2015: 626 Straftaten). 2015 2016 PMK-Links nach Themenfeldern ExtrEmismus in ZahlEn 31 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Der Anteil der Straftaten bei versammlungsrechtlichen Ereignissen am Gesamtaufkommen der PMK-Links lag mit 878 von 1.576 Straftaten bzw. 55,7% unter dem Niveau des Vorjahres (2015: 1.489 von 2.148 Straftaten beziehungsweise 69,3%). Allerdings war der hohe Anteil im Jahr 2015 ein Spitzenwert, der in den Vorkommnissen im Zusammenhang mit dem sog. Klimacamp der Aktivisten gegen die geplante Rodung im \"Hambacher Forst\" begr\u00fcndet war. Allein w\u00e4hrend dieser Veranstaltung vom 7. bis 17. August 2015 wurden 552 Delikte im Kontext mit Versammlungen ver\u00fcbt. Die Jahre zuvor war ein R\u00fcckgang der Straftaten von PMK-Links im Zusammenhang mit Demonstrationen auf bis zu 40,7% festzustellen. 66,5% der von \"Linken\" ver\u00fcbten Straftaten (1.048 von 1.576) waren Verst\u00f6\u00dfe gegen das Versammlungsgesetz (589 Straftaten) und Sachbesch\u00e4digungen (459 Straftaten). Gewaltkriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich PMK-Links Die Anzahl der Gewaltdelikte durch \"Linke\" ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 31,2% gesunken (276 Straftaten, 2015: 401 Straftaten). 61,6% der Gewaltdelikte PMK-Links (170 von 276 Straftaten) wurden bei demonstrativen Ereignissen ver\u00fcbt (2015: 327 Straftaten beziehungsPMK-Links und PMK-Links Gewalt im 10-Jahresvergleich 32 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","weise 81,5%); 152 standen im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den \"rechten\" Gegner. Dieses Thema begr\u00fcndete somit 55,1% aller Gewaltdelikte PMK-Links (2015: 242 beziehungsweise 60,3%). 142 Gewaltdelikte (2015: 229 Straftaten) richteten sich gegen Polizeikr\u00e4fte. 115 davon standen im Zusammenhang mit demonstrativen Ereignissen (2015: 216 Straftaten). Im Jahr 2016 wurden 127 Gewaltdelikte, 56 weniger als im Vorjahr, aufgekl\u00e4rt (2015: 183 Straftaten). Aufgrund der gesunkenen Fallzahlen blieb jedoch die Aufkl\u00e4rungsquote mit 46% ann\u00e4hernd gleich (2015: 45,6%). Politisch motivierte Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t Die Anzahl der Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich PMK-Ausl\u00e4nder ist im Vergleich zum Vorjahr (2015: 574 Straftaten) um 50% auf 861 Straftaten gestiegen. Die Entwicklung der Fallzahlen in diesem Bereich wird grunds\u00e4tzlich von Ereignissen im Ausland gepr\u00e4gt. So ist f\u00fcr den Anstieg der Fallzahlen der Putschversuch in der T\u00fcrkei ma\u00dfgeblich urs\u00e4chlich. Dar\u00fcber hinaus waren die Ereignisse in Syrien und die Haltung der T\u00fcrkei in diesen Zusammenh\u00e4ngen Grundlage f\u00fcr Straftaten der PMK-Ausl\u00e4nder. 501 Straftaten der PMK-Ausl\u00e4nder konnten polizeilich gekl\u00e4rt werden (2015: 237 Straftaten). Damit wurden trotz des Anstiegs der Fallzahlen 264 Straftaten mehr als im Vorjahr gekl\u00e4rt, was zu einer Steigerung der Aufkl\u00e4rungsquote auf 58,2% f\u00fchrte (2015: 41,3%). Insgesamt wurden 788 (2015: 379) Tatverd\u00e4chtige ermittelt. Davon waren 646 (82%) Personen m\u00e4nnlich und 142 (18%) weiblich. 433 (54,9%) waren zur Tatzeit zwischen 14 und 24 Jahre alt. 332 (42,1%) waren bereits zuvor kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten (2015: 177 beziehungsweise 46,7%). Haupts\u00e4chliche Themenfelder waren \"Konfrontation / politische Einstellung\" (404 Straftaten, 2015: 144 Straftaten), \"Befreiungsbewegungen / Internationale Solidarit\u00e4t\" (392 Straftaten, 2015: 308 Straftaten) sowie \"Innenund Sicherheitspolitik\" (339 Straftaten, 2015: 257 Straftaten). Bei dem Themenfeld \"Konfrontation / politische Einstellung\" handelte es sich in den meisten F\u00e4llen (338 von 404 Straftaten) um Straftaten rivalisierender Ausl\u00e4nder. Ph\u00e4nomenologisch liegt der Schwerpunkt der Delikte im Bereich der PMK-Ausl\u00e4nder bei K\u00f6rperverletzungsdelikten (151 Straftaten), Verst\u00f6\u00dfen gegen das Vereinsgesetz (116 Straftaten), Sachbesch\u00e4digungen (109 Straftaten) und Beleidigungen (100 Straftaten). Bei den Verst\u00f6\u00dfen gegen das Vereinsgesetz handelte es sich zumeist (101 Straftaten) um das Zeigen verbotener Symbole der mit einem Bet\u00e4tigungsverbot belegten PKK. 382 (44,5%) Straftaten im Bereich der PMK-Ausl\u00e4nder wurden im Zusammenhang mit demonstrativen Ereignissen begangen (2015: 226 Straftaten beziehungsweise 39,4%). 370 (43%) Straftaten wurden mit dem Befreiungskampf der mit einem Bet\u00e4tigungsverbot belegten PKK begr\u00fcndet (2015: 290 Straftaten beziehungsweise 50,5%) und 219 Delikte erfolgten als Reaktion auf den Putschversuch in der T\u00fcrkei. ExtrEmismus in ZahlEn 33 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","2015 2016 PMK-Ausl\u00e4nder nach Themenfeldern Gewaltkriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich PMK-Ausl\u00e4nder Die Anzahl der Gewaltdelikte der PMK-Ausl\u00e4nder ist mit 205 Straftaten im Vergleich zum Vorjahr um 247,5% enorm gestiegen (2015: 59 Straftaten). Mehrheitlich handelt es sich dabei um K\u00f6rperverletzungen (151 von 205 Straftaten). 129 Gewaltstraftaten wurden dem Unterthema \"PKK / Kurden\" zugeordnet (2015: 27). Darunter sind 97 K\u00f6rperverletzungsdelikte und f\u00fcnf Branddelikte. Die K\u00f6rperverletzungsdelikte stehen zum Gro\u00dfteil im Zusammenhang mit demonstrativen Ereignissen. Allein 34 der 129 Gewaltstraftaten wurden am 10. April 2016 w\u00e4hrend zwei Demonstrationen unterschiedlicher Gruppierungen (t\u00fcrkisch und kurdisch) in K\u00f6ln begangen. Ebenso auff\u00e4llig verlief am 2. September 2016 ein kurdischer marsch zum Thema \"Aktuelle Lage in Kurdistan\", bei dem weitere 29 Gewaltstraftaten festgestellt wurden. Die Aufkl\u00e4rungsquote bei den Gewaltdelikten der PMK-Ausl\u00e4nder liegt mit 139 gekl\u00e4rten Straftaten bei 67,8% (2015: 41 Straftaten beziehungsweise 69,5%). 34 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","PMK-Ausl\u00e4nder und PMK-Ausl\u00e4nder Gewalt im 10-Jahresvergleich Gef\u00e4hrdung durch den islamistischen Terrorismus Die Zahl der 2016 registrierten Straftaten im Themenfeld \"Islamismus / Fundamentalismus\" ist mit 160 Straftaten 13,5% h\u00f6her als im Vorjahr (2015: 141 Straftaten). Wie im vergangenen Jahr liegt ein wesentlicher Erkl\u00e4rungsansatz f\u00fcr die Steigerung der Straftaten in diesem Ph\u00e4nomenbereich in der weiter gestiegenen Anzahl der \"sonstigen Straftaten\", begr\u00fcndet in Ermittlungsverfahren gem\u00e4\u00df der Bestimmungen > SS 89 a StGB (Vorbereitung einer schweren staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat) > SS 89 b StGB (Aufnahme von Beziehungen zur Begehung einer staatsgef\u00e4hrdenden Gewalttat) > SS 129 a StGB (Bildung terroristischer Vereinigungen) > SS 129 b StGB (Kriminelle und terroristische Vereinigung im Ausland) im Zusammenhang mit Ausreiseund R\u00fcckkehrersachverhalten in / aus Krisenregionen, \u00fcberwiegend Irak und Syrien. 108 (67,5%) Straftaten wurden aufgekl\u00e4rt (2015: 72 Straftaten bzw. 51,1%). ExtrEmismus in ZahlEn 35 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","2014 126 2015 141 2016 160 Straftaten im Themenfeld \"Islamismus / Fundamentalismus\" Die Anzahl der registrierten Gewaltdelikte im Ph\u00e4nomenbereich \"Islamismus / Fundamentalismus\" ist mit elf Delikten (2015: sieben) leicht gestiegen. Es handelt sich bei den Gewalttaten um zwei versuchte T\u00f6tungsdelikte, acht K\u00f6rperverletzungen und eine Erpressung. Neun Gewaltdelikte konnten gekl\u00e4rt werden. Bedingt durch die mittlerweile erschwerte Ausreise in die jihadistischen Kampfgebiete, forderten im Jahr 2016 zahlreiche Vertreter der selbst ernannten Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ihre Anh\u00e4nger zum Verbleib in den westlichen Staaten auf. IS-nahe Medienstellen riefen in ihrer Propaganda dazu auf, \"den westlichen Feind nunmehr im eigenen Land mit m\u00f6glichst einfachen Mitteln in Form von Messeroder LKW-Attacken zu bek\u00e4mpfen\". Daneben erweiterte der IS die angesprochenen Adressaten um die Gruppe der Frauen, Jugendlichen und Kinder. Mit Hilfe der Simplifizierung der Anschlagsbegehung und durch die Rekrutierung eines gr\u00f6\u00dferen Personenpotenzials gelang es dem IS auch im Jahr 2016 deutschlandweit sein Bedrohungspotenzial aufrecht zu erhalten. Die Messerattacke einer 15-j\u00e4hrigen am Hauptbahnhof in Hannover auf einen Bundespolizisten oder der Bombenanschlag einer Gruppe von 16-j\u00e4hrigen auf einen Sikh-Tempel in Essen zeigen, dass die Propaganda bei der Zielgruppe der \"Jugendlichen\" ihren Niederschlag fand. In diesem Zusammenhang ist anzuf\u00fchren, dass das Selbstlaborat eines 12-j\u00e4hrigen Kindes auf dem Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen aus technischen Gr\u00fcnden nicht zur Umsetzung kam. Schlie\u00dflich endete das Jahr 2016 im bis dahin folgenschwersten islamistischen Anschlag in Deutschland durch die vors\u00e4tzliche Fahrt mit einem LKW in eine Menschenmenge auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016 mit zw\u00f6lf Toten und \u00fcber 60 Verletzten. Sowohl f\u00fcr Nordrhein-Westfalen als auch die gesamte Bundesrepublik Deutschland besteht vor diesem Hintergrund eine insbesondere von Einzelt\u00e4tern oder Kleingruppen ausgehende, anhaltend hohe abstrakte Gefahr terroristischer Anschl\u00e4ge. 36 ExtrEmismus in ZahlEn Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Rechtsextremismus RechtsextRemismus 37 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Rechtsextremismus 37 Im Fokus: Entgrenzung des Rechtsextremismus ................................................................. 40 NPD ...................................................................................................................................... 48 Pro NRW .............................................................................................................................. 56 Pro K\u00f6ln ................................................................................................................................ 62 Pro Deutschland ................................................................................................................... 66 Die Rechte............................................................................................................................ 70 Der III. Weg .......................................................................................................................... 82 Identit\u00e4re Bewegung Deutschland e.V. ................................................................................ 86 ARMINIUS-Bund des deutschen Volkes .............................................................................. 92 Neonazis............................................................................................................................... 96 Rechtsterrorismus .............................................................................................................. 102 Subkulturell gepr\u00e4gter Rechtsextremismus........................................................................ 106 Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter (Reichsb\u00fcrgerbewegung) ............................................ 112 Rechtsextremismus im Internet .......................................................................................... 120 In 2016 setzten Rechtsextremisten ihre massive fremdenfeindliche Agitation gegen Fl\u00fcchtlinge fort. Zudem nahmen Rechtsextremisten islamistische Terroranschl\u00e4ge in Europa zum Anlass, Muslime pauschal als Terroristen und damit als eine Bedrohung darzustellen. Propagiert wurde eine radikale B\u00fcrgerkriegsund Widerstandsrhetorik. Mit dem Feindbild \"Fl\u00fcchtlinge und Muslime\" entstand ein N\u00e4hrboden f\u00fcr fremdenfeindliche Straftaten. Rechtsextremisten griffen den \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber den Umgang mit Fl\u00fcchtlingen und die \u00dcbergriffe in der Silvesternacht 2015 / 2016 am K\u00f6lner Hauptbahnhof auf, um gegen Fl\u00fcchtlinge, Helfer von zivilgesellschaftlichen Organisationen, Politiker und staatliche Mitarbeiter zu hetzen. Die Anzahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten hat 2016 erneut zugenommen. Auch die Zahl der \u00dcbergriffe auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte blieb auf dem hohen Niveau von 2015. Dass rund zwei Drittel der Tatverd\u00e4chtigen bislang nicht rechtsextremistisch aktiv waren, weist auf Radikalisierungsverl\u00e4ufe au\u00dferhalb des organisierten Spektrums hin. Weiterhin bleibt die m\u00f6gliche Bildung rechtsterroristischer Zellen eine ernstzunehmende Gefahr. Im M\u00e4rz 2017 verurteilte das Oberlandesgericht M\u00fcnchen die vier R\u00e4delsf\u00fchrer der Oldschool Society, darunter einen Bochumer, wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung. Im Jahr 2016 nahm die deutliche Stigmatisierung des Rechtsextremismus in Teilen der Gesellschaft ab. Bei Versammlungen von Pegida NRW und Gida-\u00e4hnlichen Gruppierungen nahm eine 38 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Mischszene aus Rechtsextremisten, rechtsaffinen Hooligans und \"Wutb\u00fcrgern\" teil. Insbesondere die \"Neue Rechte\" versucht bewusst eine Funktion als Mittler zwischen Rechtsextremismus und gesellschaftlicher Mitte einzunehmen. Jugendliche und junge Erwachsene sind die wichtigste Zielgruppe rechtsextremistischer Cliquen, Organisationen oder Parteien. Vor allem die \"Erlebniswelt Rechtsextremismus\" entwickelt f\u00fcr manche Jugendliche Reiz und Anziehungskraft. Diese Erlebniswelt zeichnet sich durch einen Mix aus Freizeitaktivit\u00e4ten, politischer Agitation und unterhaltenden Mitteln aus. Dazu z\u00e4hlen Rechtsrock-Konzerte, Partys, Demonstrationen sowie ein breites Spektrum an Websites und Social-Media-Profilen mit Musik, Videos und anderen multimedialen Elementen. Die Vielfalt an rechtsextremistischen Organisationen nimmt weiter zu. Insbesondere die Organisationsform der Partei erscheint zunehmend attraktiv f\u00fcr Rechtsextremisten. Denn nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Verbotsverfahren gegen die NPD von Januar 2017 ist ein Parteiverbot erst dann verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig, wenn eine Partei eine hinreichende gesellschaftliche Relevanz besitzt. Nach den Ma\u00dfst\u00e4ben des Bundesverfassungsgerichts trifft dies gegenw\u00e4rtig auf keine rechtsextremistische Partei in Nordrhein-Westfalen zu. Gleichwohl gelingt es dem hochaktiven Dortmunder Kreisverband der Partei Die Rechte mit einer Doppelstrategie von Provokation und Einsch\u00fcchterung immer wieder gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit zu erregen. Insbesondere mit der Organisation der Demonstration \"Tag der deutschen Zukunft\" am 4. Juni 2016 inszenierte sich der Kreisverband als Gravitationszentrum des westdeutschen Neonazismus. Im lokalen Raum versuchen die Aktivisten eine \"national befreite Zone\" im Dortmunder Westen zu schaffen. An der Umsetzung hindert sie vor allem die polizeiliche Pr\u00e4senz. Reichsb\u00fcrger erkennen die Existenz der Bundesrepublik Deutschland nicht an und versuchen, die Handlungsf\u00e4higkeit des Staates zu l\u00e4hmen. Bislang konnte der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen rund 2.000 Anh\u00e4nger identifizieren. Die Reichsb\u00fcrger besitzen erhebliches Gef\u00e4hrdungspotenzial, weil sie das Gewaltmonopol des Staates nicht anerkennen, eine hohe Waffenaffinit\u00e4t aufweisen und einige Anh\u00e4nger irrational handeln. Die Namen und Bezeichnungen von Organisationen, Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten, bei denen zumindest gewichtige Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht f\u00fcr die in SS 3 Abs. 1 VSG NRW beschriebenen Merkmale vorliegen, sind zwischen den Zeichen \" und \" eingefasst. RechtsextRemismus 39 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Fokus: Entgrenzung des Rechtsextremismus Der Rechtsextremismus ist in Deutschland weitgehend stigmatisiert. Demokratische Parteien und Organisationen distanzieren sich von Mitgliedern, die rechtsextremistisches Gedankengut vertreten. Demokraten arbeiten mit rechtsextremistischen Organisationen nicht zusammen. Und Medien bieten Rechtsextremisten nicht unreflektiert eine B\u00fchne, sondern ordnen deren Propaganda kritisch ein. Bei dieser bewussten Grenzziehung zum Rechtsextremismus hat es schon immer Ausnahmen gegeben. In den vergangenen Jahren zeichnet sich allerdings eine Entwicklung der Entgrenzung des Rechtsextremismus ab, die sich im Zuge der Fl\u00fcchtlingsdiskussion versch\u00e4rft hat. Neue Rechte Insbesondere die \"Neue Rechte\" arbeitet bewusst auf eine Entgrenzung des Rechtsextremismus hin. Die \"Neue Rechte\" ist dabei ein Teilbereich des Rechtsextremismus. Die Anh\u00e4nger beziehen sich vor allem auf antidemokratische Theoretiker der Weimarer Republik, die unter die Bezeichnung \"Konservative Revolution\" fallen. Als Rechtsextremisten, die sich vom historischen Nationalsozialismus distanzieren, versuchen Vertreter der \"Neuen Rechten\" eine Br\u00fccken-Funktion zwischen Rechtsextremismus und gesellschaftlicher Mitte einzunehmen. Vertreter der \"Neuen Rechten\" verfolgen dazu eine Strategie der Mimikry: Sie passen sich sprachlich an und modernisieren die Beschreibung und Darstellung rechtsextremistischer Positionen. Dabei gilt es, gesellschaftliche Ausgrenzung zu vermeiden und anschlussf\u00e4hig f\u00fcr die Teile der Gesellschaft zu sein, die sich selbst zwar nicht als rechtsextremistisch wahrnehmen, gleichwohl jedoch fremdenfeindliche Ressentiments teilen. Beispielsweise verwendet die Identit\u00e4re Bewegung (IBD), die sich als Jugendbewegung der \"Neuen Rechten\" versteht, nicht die klassische rechtsextremistische Parole \"Ausl\u00e4nder raus\", sondern spricht in vermeintlich intellektueller Manier von \"Remigration\". Der fremdenfeindliche Sinn bleibt dabei freilich bestehen. Im Sinne dieser Mimikry verbreitet die \"Neue Rechte\" auch den plakativen Slogan \"Deutschland den Deutschen, T\u00fcrkei den T\u00fcrken, China den Chinesen\". Dahinter steckt das neurechte Nationalismuskonzept des Ethnopluralismus. Es hat die im historischen Nationalsozialismus vertretene Vorstellung, dass die \"arische Rasse\" weltweit zur F\u00fchrung berufen sei, im Rechtsextremismus in eine Minderheitenposition gedr\u00e4ngt. Ethnopluralimus vertritt die Grunds\u00e4tze, dass 40 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","das Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Gruppen abzulehnen, der Zuzug ethnisch Nicht-Deutscher daher zu verhindern oder auf ein unvermeidliches Minimalma\u00df zu beschr\u00e4nken sei. Menschen, die keine deutsche Abstammung aufweisen, werden unabh\u00e4ngig von ihrer Staatsb\u00fcrgerschaft als St\u00f6rfaktoren wahrgenommen, die die \"nationale Identit\u00e4t\" der Deutschen bedrohten. Das bedeutet unter anderem, dass Menschenrechte gegen\u00fcber den Anspr\u00fcchen des v\u00f6lkischen Kollektivs in den Hintergrund treten. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu politischen Einstellungen weisen darauf hin, dass das ethnopluralistische Konzept eine h\u00f6here Anschlussf\u00e4higkeit in Teilen der Bev\u00f6lkerung besitzt als klassische nationalsozialistisch gepr\u00e4gte Auffassungen. Die Strategie der Mimikry und der ethnopluralistische Diskurs haben eine \"T\u00fcr\u00f6ffner\"-Funktion zur Mitte der Gesellschaft, indem sie den m\u00f6glichen Resonanzraum \u00fcber rechtsextremistische Kreise hinaus erweitern. Sie sollen dazu beitragen, eine Abgrenzung der Mehrheitsgesellschaft zum Rechtsextremismus erodieren und rechtsextremistische Argumente als vermeintlich legitime Positionen in der pluralistischen Demokratie erscheinen zu lassen. Kurz gesagt: Der Diskurs wird entgrenzt und f\u00fcr rechtsextremistische Positionen ge\u00f6ffnet. Neurechte Einflussnahme Einige Medien setzen heute offenbar bewusst darauf, auch Rechtsextremisten zu Wort kommen zu lassen und damit auch Beitr\u00e4ge, die nicht mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung in Einklang stehen, als legitime Positionierungen darzustellen. So r\u00e4umt die Zeitschrift Compact dem Co-Sprecher der Identit\u00e4ren Bewegung \u00d6sterreich, Martin Sellner, eine eigene Kolumne ein. Sellner unterst\u00fctzt ansonsten intensiv die rechtsextremistische Identit\u00e4re Bewegung Deutschland. Die Patriotische Plattform (PP), ein Verein von Mitgliedern der \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD), der jedoch organisatorisch nicht zur AfD geh\u00f6rt, stellt sich selbst in die neurechte Szene, wenn sie sich in \u00dcbereinstimmung mit der Identit\u00e4ren Bewegung sieht. So w\u00fcnscht sich die PP in einer Erkl\u00e4rung, die unter dem Titel \"Wir sind Identit\u00e4r!\" auf der Webseite der PP am 14. Juni 2016 ver\u00f6ffentlicht wurde, \"eine engere Zusammenarbeit zwischen Identit\u00e4rer Bewegung und AfD, denn auch die AfD ist eine identit\u00e4re Bewegung und auch die Identit\u00e4re Bewegung ist eine Alternative f\u00fcr Deutschland\". Ebenso eignet sich die PP inhaltlich die Positionen der \"Neuen Rechten\" an. Im Juni 2016 ver\u00f6ffentlichte ein damaliges Vorstandsmitglied der PP einen Beitrag, in dem er sich positiv auf den Staatsrechtler Carl Schmitt bezog, der der zentrale ideengeschichtliche Bezugspunkt der \"Neuen Rechten\" ist: \"Schon Carl Schmitt erkannte im Pluralismus die eigentliche Gefahr f\u00fcr die deutsche Staatlichkeit. Schmitt witterte hinter der Propaganda f\u00fcr den Pluralismus den Versuch, die Reste von Staatlichkeit im Namen von Selbstbestimmung und Freiheit zu zerst\u00f6ren.\" Damit RechtsextRemismus 41 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","rgumentiert der Autor f\u00fcr einen autorit\u00e4ren Staat, f\u00fcr den Selbstbestimmung und Freiheit des Individuums keine Bedeutung besitzen. Der von Schmitt und dem Autor kritisierte Pluralismus hat sich in der Bundesrepublik Deutschland in der freiheitlichen demokratischen Grundordnung niedergeschlagen. Diese dr\u00fcckt sich unter anderem durch die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte aus, insbesondere durch \"das Recht auf die freie Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit\" (Artikel 2 des Grundgesetzes), die dem Individuum ein m\u00f6glichst hohes Ma\u00df an Selbstbestimmung garantiert. Weiterhin zielt die Teilung der staatlichen Gewalten (Gesetzgebung, Rechtsprechung und vollziehende Gewalt) darauf ab, staatliche Gewalt im Sinne der Freiheit der B\u00fcrger zu kontrollieren und zu begrenzen. Auch im Internet verbreiten verschiedene Blogs Gedankengut der \"Neuen Rechten\". Das Arcadimagazin, ein Blog aus Leverkusen, ver\u00f6ffentlicht Beitr\u00e4ge zu Politik, Kultur und Lifestyle. Im Kulturteil finden sich wiederkehrend Rezensionen von Autoren der \"Neuen Rechten\", die den Lesern empfohlen werden. So hei\u00dft es in einem Beitrag zu einem Buch eines in der \"Neuen Rechten\" derzeit popul\u00e4ren Autors: \"Dominque Venners Handbuch f\u00fcr eine Neue Rechte liegt erstmals in Deutscher Sprache vor und das ist gut so! Egal ob Parlamentarier oder Aktivist, jeder kann aus diesem Buch seine Schl\u00fcsse ziehen. [...] Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr alle Patrioten!\" Entgrenzung der Online-Diskurse Das Internet hat zu einem Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit beigetragen. Im Vergleich zur Asyldiskussion in den 1990er Jahren kann nun jedermann durch Profile oder Kommentare in sozialen Netzwerken potenziell eine gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffentlichkeit erreichen, als dies durch Printprodukte m\u00f6glich w\u00e4re. Zudem kann man sich im Internet anonym \u00e4u\u00dfern und damit der Verantwortung f\u00fcr seine \u00c4u\u00dferungen entziehen. Insofern haben sich die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr menschenverachtende Hetze ge\u00e4ndert: jeder kann \u00fcberall im Internet \"Hatespeech\" verbreiten, bei gleichzeitig sehr niedrigen Zugangsh\u00fcrden und einer nur geringen Gefahr, strafrechtlich verfolgt zu werden. Auch rechtsextremistische Organisationen k\u00f6nnen somit leichter die \u00d6ffentlichkeit ansprechen und \u00fcber ihre eigenen Mitglieder hinaus interessierte Personen erreichen. So haben beispielsweise Ende 2016 \u00fcber 188.000 Personen das Facebook-Profil der NPD \"geliket\", wodurch die verfassungsfeindliche Partei ein Vielfaches ihrer Mitgliederzahl erreicht. Eine neue Entwicklung ist, dass Personen unter ihren Klarnamen menschenverachtende Hetze verbreiten. Aus mehreren Strafurteilen wegen Volksverhetzung wurde deutlich, dass die betreffenden Personen oftmals bislang nicht zum organisierten Rechtsextremismus geh\u00f6rten. Dies kann man dahingehend deuten, dass in Teilen der Bev\u00f6lkerung ein solches Sprechen \u00fcber Fl\u00fcchtlinge als normal angesehen wird - der Diskurs verroht und die Grenze des Sagbaren verschiebt sich. Dies zeigt sich auch im zustimmenden Feedback zu menschenverachtenden \u00c4u\u00dferungen. Ein solcher \"virtueller Applaus\" best\u00e4rkt die Betreffenden darin, sich mit extremisti42 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Beispiele f\u00fcr Anti-AsylAgitationen RechtsextRemismus 43 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","schen Ideologien zu identifizieren. Das kann eine weitere Radikalisierung des Einzelnen f\u00f6rdern. Letztlich steigt damit die Gefahr, dass aus menschenverachtenden Worten menschenverachtende Taten entstehen. \"Mischszenen\" bei Versammlungen In Nordrhein-Westfalen fanden seit 2015 in mehreren St\u00e4dten einige Demonstrationsreihen statt. Dazu z\u00e4hlten unter anderem D\u00fcgida in D\u00fcsseldorf, Pegida NRW in Duisburg, Daskut in Bochum, \"B\u00fcrger gegen Politikwahnsinn\" zun\u00e4chst in Essen, dann in Oberhausen sowie \"M\u00f6nchengladbach steht auf\". Hierbei traten Akteure aus dem organisierten Rechtsextremismus auf, Personen aus dem Hooligan-Spektrum und auch Menschen, die man als sogenannte \"Wutb\u00fcrger\" charakterisieren kann. Diese Veranstaltungen erzielten \u00fcberwiegend lediglich eine zweistellige oder niedrige dreistellige Teilnehmerzahl. Eine bedeutsame Ausnahme stellt die Veranstaltung von Pegida NRW am 9. Januar 2016 dar, die unter dem Motto \"Pegida sch\u00fctzt\" als Reaktion auf \u00dcbergriffe zu Silvester hinter dem K\u00f6lner Hauptbahnhof stattfand. Daran nahmen rund 1.700 Personen teil. An der Spitze des Demonstrationszugs vermummten sich Teilnehmer, die vor allem dem Hooligan-Spektrum angeh\u00f6rten, und warfen mit Pyrotechnik und Flaschen auf Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Da der Aufforderung der Polizei, Straftaten zu unterlassen, nicht Folge geleistet wurde, l\u00f6ste die Polizei die Versammlung auf. Pro K\u00f6ln f\u00fchrte am 24. Januar 2016 eine Kundgebung unter dem Titel \"K\u00f6ln passt auf; Rapefugees not welcome!\" durch. Zu der eigentlichen Versammlung kamen rund 75 Personen. Dabei trafen die Rechtsextremisten auf eine Gruppe von knapp 250 russischst\u00e4mmigen Personen, die einen \"Altstadtspaziergang\" beabsichtigten, um vorgeblich die Sicherheit in K\u00f6ln zu erh\u00f6hen. Der Hintergrund war, dass eine angebliche Vergewaltigung einer russischst\u00e4mmigen Jugendlichen durch einen Fl\u00fcchtling deutschlandweit zu Protesten von russischst\u00e4mmigen B\u00fcrgern f\u00fchrte. Kurzfristig schloss sich die Gruppe Pro K\u00f6ln an, so dass der Verein mit \u00fcber 300 Teilnehmern seine gr\u00f6\u00dfte Veranstaltung seit Jahren zustande brachte. Mischszenen in dieser Auspr\u00e4gung gab es bislang nicht in Nordrhein-Westfalen. Es ist eine neue Entwicklung, dass Menschen, die sich nicht zum organisierten Rechtsextremismus z\u00e4hlen, gemeinsam mit NPD, Neonazis, Pro NRW und Co. bei Versammlungen auftreten. Das Abflauen der Fl\u00fcchtlingsdiskussion scheint indessen zu einem Niedergang dieser Veranstaltungsreihen gef\u00fchrt zu haben. Deshalb bleibt offen, ob diese zwischenzeitliche Entgrenzung und Ann\u00e4herung von Dauer sein wird. 44 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","B\u00fcrgerwehren Seit den \u00dcbergriffen in der Silvesternacht 2015 / 2016 vor dem K\u00f6lner Hauptbahnhof bildeten sich mehrheitlich in Facebook Gruppen, die sich zu Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum verabreden wollten und als \"B\u00fcrgerwehr\" verstanden. Diese Gruppen hatten sich anl\u00e4sslich der \u00dcbergriffe auf Frauen in der Silvesternacht vorgeblich zum Ziel gesetzt, eigeninitiativ die \u00f6ffentliche Sicherheit - insbesondere den Schutz von Frauen - durch gemeinsame Patrouillen zu verbessern. Nur wenige Gruppen schafften allerdings den Sprung aus der Virtualit\u00e4t in die Realit\u00e4t. Typische Namen der Gruppen sind \"D\u00fcsseldorf passt auf\", \"B\u00fcrgerwehr K\u00f6ln\", oder \"Eitorf bleibt sicher\". Einige Gruppen haben sogenannte \"Streifen\" beziehungsweise \"Abendspazierg\u00e4nge\" durchgef\u00fchrt. Hierbei lag die Anzahl der Teilnehmer meist im unteren zweistelligen Bereich. Nach den ersten Monaten im Jahr 2016 lie\u00df das Interesse an den \"B\u00fcrgerwehren\" nach. Es wurden keine neuen Gruppen mehr gegr\u00fcndet und die meisten Gruppen stellten auch ihre virtuellen Aktivit\u00e4ten ein. Nur ein geringer Anteil der \"B\u00fcrgerwehren\" war rechtsextremistisch gesteuert. Die Mehrzahl der \"B\u00fcrgerwehren\" versuchte demonstrativ, sich von Gewalt und politischen Inhalten, insbesondere Fremdenfeindlichkeit, zu distanzieren. Trotzdem fanden sich fremdenund islamfeindliche Postings in den meisten Gruppen. Dies weist darauf hin, dass zumindest ein Teil der \"B\u00fcrgerwehren\"-Anh\u00e4nger entsprechende Einstellungen besitzt. Auch wenn sich dies nicht zwangsl\u00e4ufig in rechtsextremistischen Aktivit\u00e4ten niederschlagen muss, bedeutet dies, dass diese \"B\u00fcrgerwehr\"-Mitglieder aufgeschlossen gegen\u00fcber rechtsextremistischer Propaganda sind. Dar\u00fcber hinaus gab es in fast der H\u00e4lfte der Gruppen Hinweise auf eine rechtsextremistische Einflussnahme. Um die \"B\u00fcrgerwehren\" nicht zu diskreditieren, verzichteten einige Rechtsextremisten aber bewusst darauf, sich prominent in diesen Gruppen darzustellen. So nahm der NPD-Landesvorsitzende am ersten Treffen der \"B\u00fcrgerwehr Bochum-Wattenscheid\" teil, betonte aber dabei, dass er die \"B\u00fcrgerwehr\" nur unterst\u00fctze, aber nicht initiiere. Die Rechte Hamm bot \"B\u00fcrgerwehren\" ihre Unterst\u00fctzung an. Die Parteimitglieder sollten die selbst ernannten \"Ordnungsh\u00fcter\" aber nicht aktiv \u00f6ffentlich unterst\u00fctzen, um die B\u00fcrgerwehren nicht in Verruf zu bringen. Pro NRW hingegen hat \u00f6ffentlich hervorgehoben, dass ihr Wittener Ratsmitglied die Wittener \"B\u00fcrgerwehr\" unterst\u00fctzt. Dieser administrierte auch die betreffende Facebook-Gruppe. Der damalige stellvertretende Pro NRW-Landesvorsitzende Dominik Roeseler trat bei einem \"Abendspaziergang\" einer b\u00fcrgerwehr\u00e4hnlichen Gruppe in M\u00f6nchengladbach als ihr Sprecher auf. Rechtsextremisten sehen bei diesem Ph\u00e4nomen die Chance, gesellschaftliche Gruppen au\u00dferhalb ihrer unmittelbaren eigenen Anh\u00e4ngerschaft zu beeinflussen, fremdenfeindliche Propaganda zu verbreiten und neue Anh\u00e4nger zu rekrutieren. \"B\u00fcrgerwehren\" k\u00f6nnen also dazu beitragen, die Anschlussf\u00e4higkeit von Rechtsextremisten zu rechtsorientierten Milieus zu erh\u00f6hen. RechtsextRemismus 45 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Beispiele f\u00fcr \"Hatespeech\" auf der Facebook-Seite von Pro NRW 46 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Straftaten Ebenfalls zeigte sich bei den Straftaten in den vergangenen Jahren eine Entgrenzung des T\u00e4terprofils. Zwei Drittel der identifizierten Tatverd\u00e4chtigen von \u00dcbergriffen auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte waren bislang nicht mit rechtsextremistisch motivierten Straftaten oder in rechtsextremistischen Organisationen aufgefallen. Zugleich zeigte sich aber in einigen F\u00e4llen sehr deutlich eine menschenverachtende Motivation. Dies deutet darauf hin, dass rechtsextremistische Angstkampagnen und die Propagierung von Freund-Feind-Bildern auch au\u00dferhalb der Szene wirken und anl\u00e4sslich der Fl\u00fcchtlingsdiskussion Radikalisierungsverl\u00e4ufe ebenso jenseits des organisierten Spektrums stattfinden. Ausblick Die Entgrenzung des Rechtsextremismus hat im Zuge der Diskussion \u00fcber Fl\u00fcchtlinge in den letzten beiden Jahren zugenommen. Das schl\u00e4gt sich auf verschiedenen Feldern der politischen \u00d6ffentlichkeit nieder: in Organisationen, auf Demonstrationen und in den Medien, vor allen dem Internet. Auch wenn die Intensit\u00e4t der Fl\u00fcchtlingsdebatte deutlich nachgelassen hat, wird sich die Entwicklung nicht automatisch umkehren und die Mehrheitsgesellschaft den Rechtsextremismus umgehend wieder auf dem vorhergehenden Niveau eingrenzen. Erstens arbeiten rechtsextremistische Akteure wie die \"Neue Rechte\" aktiv daran, ihren Resonanzraum \u00fcber die eigene Szene zu erweitern und gehen dabei durchaus geschickt vor. Zweitens zeichnen sich f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre weitere Themen ab, die Rechtsextremisten als T\u00fcr\u00f6ffner-Themen zur Mitte der Gesellschaft nutzen werden. So berufen sich beispielsweise salafistische T\u00e4ter auf den Islam und erzeugen damit bei Teilen der \u00d6ffentlichkeit den Eindruck, der Islam sei eine Rechtfertigung f\u00fcr Hass, Gewalt und Tod. Dies spielt wiederum den Rechtsextremisten in die H\u00e4nde, die damit Propaganda gegen alle Muslime betreiben. Drittens zeigen sozialwissenschaftliche Einstellungsuntersuchungen, dass ein Teil der Bev\u00f6lkerung rechtsextremistisches Gedankengut teilt und damit ein gewisses Potenzial vorhanden ist. Dabei handelt es sich zwar um eine Minderheit der B\u00fcrger, aber dieses Potenzial konnten rechtsextremistische Akteure im Zuge der Fl\u00fcchtlingsdiskussion erfolgreich ansprechen. Viertens hat es bei einem bislang kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung eine Verschiebung der Wahrnehmung und Bewertung gegeben, wonach diese nun rechtsextremistische Akteure und Argumente als \"normal\" und zum legitimen Meinungsspektrum dazugeh\u00f6rend betrachten. Vor diesem Hintergrund bleibt das Eintreten f\u00fcr Pluralismus und Demokratie heute mehr denn je eine wichtige gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe. RechtsextRemismus 47 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","NPD Sitz / Verbreitung Bundesverband: Berlin; Landesverband: Essen Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1964 (Bundesund Landesverband NRW) Struktur / Repr\u00e4sentanz Bundesvorsitzender: Frank Franz (seit 2014); Landesvorsitzender: Claus Cremer (seit Juni 2008); einstellige Zahl handlungsf\u00e4higer Kreisverb\u00e4nde; insgesamt 17 Ratsund Bezirksvertretungsmandate in Nordrhein-Westfalen Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: ca. 5.200 Land: ca. 600 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: Zeitung des Bundesverbandes Deutsche Stimme (monatlich) als Printversion; Blickpunkt, Online-Zeitschrift des Landesverbandes (quartalsweise); diverse lokale Publikationen einzelner Kreisverb\u00e4nde (meist unregelm\u00e4\u00dfig) Web-Angebote: mit den Seiten NPD.de oder NPD-nrw.de; fast alle Kreisverb\u00e4nde haben eigene Webseiten oder sind in den sozialen Netzwerken vertreten Kurzportrait / Ziele Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ist die \u00e4lteste aktive rechtsextremistische Partei. Die Partei will die Demokratie in Deutschland beseitigen und tritt f\u00fcr eine rassistische, antisemitische, revisionistische und fremdenfeindliche Ideologie ein. Vielfach bezieht sich die Partei dabei auf die Ideologie der NSDAP. Die Partei verfolgt ihre verfassungsfeindlichen Ziele auch in einer aggressiv-k\u00e4mpferischen Weise. Dies zeigt nicht zuletzt ihre enge Zusammenarbeit mit der gewaltbereiten Neonazi-Szene. Finanzierung staatliche Parteienfinanzierung, Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spenden 48 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die NPD lehnt die freiheitliche Demokratie in Deutschland ab und will diese beseitigen. Dies betrifft auch einzelne wesentliche Prinzipien und Grundwerte unserer Verfassung. So negiert die Partei die im Grundgesetz vertretene Idee, dass jeder Mensch als Individuum und ohne Vorbedingungen eine W\u00fcrde besitzt. Vielmehr spricht die NPD Menschen lediglich eine W\u00fcrde als Teil eines nationalen Kollektivs zu. Die von der NPD verfolgten politischen Ziele laufen auf einen autorit\u00e4ren Staat hinaus, in dem die Prinzipien der durch das Grundgesetz garantierten freiheitlichen demokratischen Grundordnung au\u00dfer Kraft gesetzt werden sollen. Stattdessen verfolgt die NPD eine rechtsextremistische Ideologie, die auf das Prinzip der \"Volksgemeinschaft\" baut und sich vor allem durch Fremdenfeindlichkeit und Rassismus auszeichnet. Eine solche \"Volksgemeinschaft\" definiert die Partei ausschlie\u00dflich nach ethnischen Kriterien. Alle B\u00fcrger, die diesen ethnischen Kriterien nicht gen\u00fcgen, will die Partei aus den demokratischen Prozessen ausschlie\u00dfen und damit entrechten. Das hei\u00dft, dass sie die Gleichheit aller Menschen als allgemeines Menschenrecht nach Art. 3 des Grundgesetzes ablehnt. Die Ablehnung von Ausl\u00e4ndern und Deutschen mit Migrationshintergrund begr\u00fcndet die NPD \"biologisch\". Was darunter zu verstehen ist, wird in einem \"Fragen und Antworten\"-Bereich auf ihrer Webseite erl\u00e4utert, wo es unter anderem zu den Fragen \"Wer ist denn Deutscher? Was versteht die NPD unter 'Volk'?\" hei\u00dft: \"L\u00e4ngst ist erwiesen, dass das Erbliche bei Einzelnen wie bei V\u00f6lkern und Rassen (als evolutionsbiologischen Lebensordnungen verwandter Menschen) gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Ausbildung k\u00f6rperlicher wie nicht-k\u00f6rperlicher Merkmale verantwortlich ist. Angeh\u00f6rige anderer Rassen bleiben deshalb k\u00f6rperlich, geistig und seelisch immer Fremdk\u00f6rper, gleich wie lange sie in Deutschland leben [...].\" Neben der allgemeinen Hetze gegen Migranten sind im Berichtsjahr 2016 insbesondere Muslime und Fl\u00fcchtlinge Opfer der NPDPropaganda. Indem die NPD \u00dcberfremdungs\u00e4ngste sch\u00fcrt und den Islam mit Islamismus und Terrorismus gleichsetzt, zeichnet die Partei ein verzerrtes, negatives Bild der hier lebenden Muslime. So nutzte die NPD den NPD-Propaganda gegen Fl\u00fcchtlinge RechtsextRemismus 49 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Anschlag am 19. Dezember 2016 in Berlin f\u00fcr ihre propagandistischen Zwecke, zivilgesellschaftliche Akteure, die sich f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge engagieren, zu verunglimpfen. Auf der Facebook-Pr\u00e4senz eines nordrhein-westf\u00e4lischen Kreisverbandes hie\u00df es: \"Wir verachten die Nutznie\u00dfer der Asylpolitik und ihrer Helfershelfer in Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, den Medien, Verb\u00e4nden und Organisationen.\" Der Anschlag wird auch in den Kontext einer vermeintlichen \"Umvolkung\", gegen die es sich zu wehren gilt, gestellt. Dabei greift die NPD auf das v\u00f6lkisch-nationalistische Argumentationsmuster des sogenannten \"Volkstodes\" zur\u00fcck. Auch findet die NPD mit dem Begriff \"Terrorgees\" nach \"Rapefugees\" - einem nach den \u00dcbergriffen zu Silvester 2015 / 2016 in K\u00f6ln verwendeten Begriff - eine abwertende Wortneusch\u00f6pfung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Beispiel f\u00fcr die Hetze gegen Migranten und f\u00fcr die Fremdenfreindlichkeit auf der Homepage der NPD Obwohl die NPD soziale Themen und die \"Bedrohung durch den Islam\" in den Vordergrund r\u00fcckt, weicht sie auch nicht von ihren \"traditionellen\" antisemitischen und revisionistischen Positionen ab. Dabei werden nicht nur antisemitische \u00c4u\u00dferungen wiedergegeben, sondern auch der Holocaust oder die Zahl der Opfer an sich bezweifelt und die Schuld Deutschlands am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geleugnet. Die NPD glorifiziert in Beitr\u00e4gen der Deutschen Stimme den historischen Nationalsozialismus und stellt sich selbst in die N\u00e4he zu rechtskr\u00e4ftig verur50 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","teilten Verbrechern des NS-Regimes. Angesichts der vielfachen Bez\u00fcge auf die Ideologie der NSDAP gibt es eine inhaltliche Wesensverwandtschaft der NPD mit dem Nationalsozialismus, die auch das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 17. Januar 2017 feststellte. Die Partei verfolgt ihre verfassungsfeindlichen Ziele auch in einer aggressiv-k\u00e4mpferischen Weise. Dies zeigt nicht zuletzt ihre Zusammenarbeit mit der gewaltbereiten Neonazi-Szene sowie gewaltbereiten Hooligans. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Beherrschendes Thema war f\u00fcr die NPD in Nordrhein-Westfalen das in 2016 laufende Parteiverbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht. Der Bundesund der Landesvorstand der Partei empfahlen den Mitgliedern, in die \"Alliance for Peace and Freedom (APF)\" einzutreten, um so einem eventuellen Parteiverbot mit einer Ersatzorganisation ausweichen zu k\u00f6nnen. Die \"APF\" ist eine auf europ\u00e4ischer Ebene agierende rechtsextreme Partei, in deren Vorstand sich Vertreter verschiedener rechtsextremer Parteien unter anderem aus Griechenland (\"Goldene Morgenr\u00f6te\"), Italien (\"Forza Nuova\") und Spanien (\"Democracia Nacional\") und von der NPD befinden. So trat der NPD-Landesvorsitzende im Oktober bei einer Veranstaltung in Oberhausen als Vertreter der \"APF\" auf. Am 2. Mai 2016 nahm eine Abordnung des Landesverbandes an einem internationalen Kongress von Rechtsextremisten zum Thema \"Syrien zwischen Toleranz und Terrorismus\" im Europ\u00e4ischen Parlament in Br\u00fcssel teil, den die \"APF\" organisierte. Der Landesvorsitzende aus Nordrhein-Westfalen nahm ferner an einer \"APF\"-Konferenz zum Thema \"United against immigration and terrorism!\" am 12. November 2016 in Rom teil. Ereignisse dieser Art stellt der Landesvorsitzende in den sozialen Netzwerken ausf\u00fchrlich und als erfolgreiche Parteiarbeit dar, um vom geringen Aktionsniveau des nordrhein-westf\u00e4lischen Landesverbandes abzulenken. Der Einfluss der NPD in Nordrhein-Westfalen innerhalb des rechtsextremistischen Spektrums ist begrenzt. Allenfalls besitzen einzelne Vertreter der Partei die n\u00f6tige Reputation in der Szene, um partei\u00fcbergreifend zu agieren. Der Landesvorsitzende und Multifunktion\u00e4r Claus Cremer ist sowohl parteiintern als auch in der rechtsextremistischen Szene umstritten. Neben seiner Funktion als Landesvorsitzender arbeitete er bis zu ihrer Aufl\u00f6sung im M\u00e4rz 2017 als bezahlter Mitarbeiter der Ratsgruppe \"NPD / B\u00fcrger f\u00fcr Duisburg\" und ist Mitglied des Bochumer Rates. Als im Sommer 2016 eine Unterschlagung der damaligen Landesschatzmeisterin publik wurde, wollte Cremer dies nicht \u00f6ffentlich bekannt werden lassen, um keine negative Presse vor den anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zu provozieren. Diese Argumentation \u00fcberzeugte jedoch nur einen Teil der Parteimitglieder und die Informationen gelangten an einen lokalen Blog, der dar\u00fcber berichtete. RechtsextRemismus 51 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Kommunale Verankerung der NPD Die NPD verf\u00fcgt \u00fcber 17 kommunale Mandate. Die Aktivit\u00e4ten dieser Mandatstr\u00e4ger beschr\u00e4nken sich auf das nur begrenzt \u00f6ffentlichkeitswirksame Stellen von Antr\u00e4gen und Anfragen, die eher \"Signalantr\u00e4ge\" sind. Die Anfragen erf\u00fcllen dabei den Zweck der Selbstdarstellung gegen\u00fcber der eigenen Partei und werden entsprechend in sozialen Netzwerken verbreitet. Letztlich machen jedoch Sitzungsgelder und Aufwandspauschalen die Teilnahme an der Kommunalpolitik f\u00fcr die NPD attraktiv. \u00d6ffentlich wahrnehmbar waren in 2016 die Kreisverb\u00e4nde in Duisburg, Bochum und Unna. Letzterer kooperierte eng mit den Kreisverb\u00e4nden der Partei Die Rechte in Hamm und Dortmund. Diese Zusammenarbeit bestand bereits mit den 2012 verbotenen neonazistischen Kameradschaften \"Nationaler Widerstand Dortmund\" und \"Kameradschaft Hamm\", die in den Kreisverb\u00e4nden von Die Rechte aufgegangenen sind. Aktivit\u00e4ten anderer Kreisverb\u00e4nde werden durch den Landesverband gesteuert und in den sozialen Netzwerken verbreitet. Manchmal sind derartige Aktivit\u00e4ten auch dem Engagement einzelner \u00fcberzeugter Rechtsextremisten geschuldet. 2016 konnten die NPD und die Partei Die Rechte in Dortmund eine gemeinsame Gruppe im Rat der Stadt gr\u00fcnden. In Anbetracht der gegenseitigen Anfeindungen der Parteimitglieder bis zur Kommunalwahl 2014 d\u00fcrften f\u00fcr diesen Schulterschluss vor allem finanzielle Motive ausschlaggebend gewesen sein. Landesparteitage Auf dem ordentlichen NPD-Landesparteitag am 26. November 2016 in Essen wurde Claus Cremer als Landesvorsitzender best\u00e4tigt. Gleichzeitig schieden langgediente Mitglieder aus dem Landesvorstand aus. Vor dem Hintergrund des Finanzskandals im Landesverband und seiner rudiment\u00e4ren parteiinternen Aufkl\u00e4rung werden hier parteiinterne Konflikte der nordrhein-westf\u00e4lischen NPD deutlich. Zur Aufstellung der Wahllisten f\u00fcr die Landund Bundestagswahl hielt die Partei am 27. November 2016 einen Wahlparteitag ab. Hierbei wurde Claus Cremer lediglich auf den zweiten Platz der Landesund Bundestagswahlliste gew\u00e4hlt. Obwohl die Platzierung angesichts fehlender Erfolgsaussichten der NPD bei den Wahlen lediglich symbolischen Charakter hat, ist dies als Niederlage f\u00fcr den Landesvorsitzenden zu werten. Feste und Liederabende der NPD Die NPD NRW mobilisiert mit ihren Veranstaltungen im Wesentlichen nur Teile der eigenen Mitgliederschaft. Im Gegensatz zu anderen Landesverb\u00e4nden organisiert die NPD in Nordrhein52 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Westfalen keine Skinhead-Konzerte, sondern allenfalls rechtsextremistische Liederoder Balladenabende. So veranstaltete die NPD beispielsweise am 3. Juli 2016 ein Sommerfest, bei dem der ehemalige S\u00e4nger der rechtsextremistischen Musikgruppe Landser Michael Regener alias Lunikoff auftrat. Demonstrationen und Kundgebungen Die NPD in Nordrhein-Westfalen f\u00fchrte im Jahr 2016 eine eigene gr\u00f6\u00dfere Demonstration durch. An der 1. Mai-Demonstration in Bochum, die unter dem Motto \"Asylbetrug macht uns arm!\" stand, nahmen etwa 180 Rechtsextremisten teil. Au\u00dferdem organisierte die NPD am 2. April 2016 eine fl\u00fcchtlingsfeindliche Versammlung in Essen mit rund 90 Anh\u00e4ngern. Im Aufruf dazu forderte sie eine \"Abschaffung des einklagbaren Grundrechts auf Asyl!\" Links: Aufruf zur 1. Mai-Demonstration in Bochum Unten: Gemeinsame Teilnahme an der von Die Rechte durchgef\u00fchrten Veranstaltung \"Tag der deutschen Zukunft\" RechtsextRemismus 53 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","2016 beteiligten sich die Parteimitglieder an verschiedenen rechtsextremistischen Veranstaltungen anderer Organisationen, wie dem von Die Rechte am 4. Juni durchgef\u00fchrten \"Tag der deutschen Zukunft\" in Dortmund oder der revisionistischen Kundgebung \"Rheinwiesenlager\" am 12. November in Remagen (Rheinland-Pfalz). Mitglieder der NPD, insbesondere Vertreter der Ratsgruppe \"NPD / B\u00fcrger f\u00fcr Duisburg\", nahmen regelm\u00e4\u00dfig an Pegida-Veranstaltungen in Duisburg teil und trugen auch Redebeitr\u00e4ge vor. Ebenso beteiligte sich 2016 die NPD - teilweise auch mit Rednern - an \u00e4hnlichen Veranstaltungen: im Juni in Bochum bei der Gruppierung \"Deutschland asylfreie Schulen, Kinderg\u00e4rten und Turnhallen\", im August in Duisburg bei \"B\u00fcrger f\u00fcr Duisburg\", im Oktober in Dortmund bei \"Gemeinsam stark Deutschland\", im Oktober in Oberhausen bei \"B\u00fcrger gegen Politikwahnsinn\" und im November bei \"M\u00f6nchengladbach steht auf!\". Ferner rief die NPD mit anderen rechtsextremistischen Organisationen, wie zum Beispiel Pro NRW, zu einer Gegendemonstration anl\u00e4sslich des Besuches des t\u00fcrkischen Staatspr\u00e4sidenten in K\u00f6ln am 31. Juli 2016 auf. An der Kundgebung nahmen auch Personen des HoGeSa-Spektrums teil. Eher selten f\u00fchrte die NPD dagegen Infost\u00e4nde und Mahnwachen durch. Dies war \u00fcberwiegend in jenen St\u00e4dten festzustellen, in denen die NPD mit kommunalen Mandatstr\u00e4gern vertreten ist, wie beispielsweise in Duisburg. Verbotsverfahren Anfang M\u00e4rz 2016 fand die m\u00fcndliche Verhandlung im Verbotsverfahren gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht statt. Das Verfahren endete mit der Urteilsverk\u00fcndung am 17. Januar 2017, bei der das Gericht den Antrag auf ein Verbot der NPD zur\u00fcckwies. Das Bundesverfassungsgericht stellte in der m\u00fcndlichen Verhandlung die formelle Zul\u00e4ssigkeit des Verbotsantrags fest. Das Urteil best\u00e4tigt wesentliche Punkte des Bundesratsantrages, insbesondere die Verfassungsfeindlichkeit der NPD. Allerdings wertete das Gericht es als unwahrscheinlich, dass es der Partei gel\u00e4nge, ihre Ziele durchzusetzen. Weil die NPD wegen dieser Bedeutungsund Erfolglosigkeit keine Gefahr f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung darstelle, verbot das Bundesverfassungsgericht die Partei nicht. Die zentralen S\u00e4tze des Urteils lauteten: a) \"Die Antragsgegnerin [NPD] strebt nach ihren Zielen und dem Verhalten ihrer Anh\u00e4nger die Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung an. Sie zielt auf eine Ersetzung der bestehenden Verfassungsordnung durch einen an der ethnischen \"Volksgemeinschaft\" ausgerichteten autorit\u00e4ren \"Nationalstaat\". Dieses politische Konzept missachtet die Menschenw\u00fcrde aller, die der ethnischen Volksgemeinschaft nicht angeh\u00f6ren, und ist mit dem grundgesetzlichen Demokratieprinzip unvereinbar.\" 54 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","b) \"Die Antragsgegnerin arbeitet planvoll und qualifiziert auf die Erreichung ihrer gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichteten Ziele hin.\" c) \"Es fehlt jedoch an konkreten Anhaltspunkten von Gewicht, die es zumindest m\u00f6glich erscheinen lassen, dass dieses Handeln zum Erfolg f\u00fchrt.\" Die NPD stellte das Urteil als Erfolg dar und verbreitete dies permanent in ihren sozialen Netzwerken. Allerdings unterschlug sie in ihrer eigenen Darstellung, dass das Bundesverfassungsgericht ihr die gesellschaftliche Relevanz und Reichweite absprach. Zur m\u00fcndlichen Verhandlung in Karlsruhe lud das Gericht auch den nordrhein-westf\u00e4lischen Landesvorsitzenden als Auskunftsperson. Dieser fehlte jedoch am dritten Verhandlungstag \u00fcberraschend, als er mutma\u00dflich Auskunft geben sollte, weil er - nach eigenen Angaben - erkrankt war. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die Lage der NPD in Nordrhein-Westfalen ist durch mehrere Probleme gekennzeichnet. Erstens h\u00e4lt mit dem derzeitigen Landesvorstand, insbesondere dem Landesvorsitzenden, die F\u00fchrungskrise der Partei weiter an. Zweitens verunsicherte das Verbotsverfahren etliche Parteimitglieder. Drittens schwankt der Landesverband zwischen zwei Positionen, die auch die beiden wichtigsten Str\u00f6mungen innerhalb der Partei darstellen: die \"Modernisierer\" um den amtierenden Parteivorsitzenden Frank Franz, die sich st\u00e4rker b\u00fcrgerlich pr\u00e4sentieren wollen, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite stehen die \"Traditionalisten\", die \u00fcber gute und enge Kontakte zur NeonaziSzene verf\u00fcgen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts interpretieren Teile der Partei als \"Freifahrtschein\", so dass davon auszugehen ist, dass radikalere Kr\u00e4fte offensiver auftreten und Machtanspr\u00fcche anmelden werden. Dies zeigte sich bereits beim Bundesparteitag im M\u00e4rz 2017. Ambivalent bleibt das Verh\u00e4ltnis zur Neonazi-Szene, welches zwischen Kooperation und Konflikt schwankt. Dabei ist die NPD auf die Unterst\u00fctzung der Neonazis gerade bei Wahlk\u00e4mpfen zwingend angewiesen. Auch die Zersplitterung des rechtsextremistischen Parteienspektrums und das migrationskritische Wahlangebot der AfD d\u00fcrften dazu beitragen, dass sich die betreffenden Parteien das W\u00e4hlerpotenzial gegenseitig streitig machen und die Wahlaussichten der NPD beeintr\u00e4chtigen. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_npd RechtsextRemismus 55 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pro NRW Sitz / Verbreitung D\u00fcsseldorf (faktisch Leverkusen) Gr\u00fcndung / Bestehen seit 2007 Struktur / Repr\u00e4sentanz Vorsitzender der Partei Pro NRW ist seit Gr\u00fcndung Markus Beisicht; Gliederung in acht Bezirksverb\u00e4nde mit vorgeblich 53 angeschlossenen Kreisverb\u00e4nden; nur in drei Kommunen nennenswerte Aktivit\u00e4ten; 26 Mandate in kommunalen R\u00e4ten und Bezirksvertretungen Mitglieder / Anh\u00e4nger / circa 450 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: Als Informationsund Werbemedium dient die im Flugblattformat vertriebene Publikation NRW UNZENSIERTZeitung der B\u00fcrgerbewegung Pro NRW. Anlassbezogen erscheinen dar\u00fcber hinaus Flugund Faltbl\u00e4tter. Web-Angebote: eigene Webseiten sowie Profile in den sozialen Netzwerken Kurzportrait / Ziele Pro NRW ist der Versuch einer landesweiten Ausdehnung der zun\u00e4chst lokalen Organisation von Pro K\u00f6ln mit identischen inhaltlichen Ans\u00e4tzen, gleichgelagerter Strategie und - bis zum Zeitpunkt des internen Zerw\u00fcrfnisses im Jahr 2016 - auch teilweise gleichem F\u00fchrungspersonal. Der Vorsitzende und ein Teil des Vorstandes von Pro NRW stammen aus rechtsextremistischen Parteien oder Organisationen. Die Partei versucht sich \u00fcberwiegend b\u00fcrgerlich zu inszenieren. Inhaltlich vertritt sie jedoch dezidiert fremdenfeindliche und islamfeindliche Positionen, diffamiert Migranten und sch\u00fcrt \u00c4ngste vor ihnen, insbesondere vor Muslimen und Fl\u00fcchtlingen. Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden und staatliche Zuwendungen an Gruppen und Fraktionen in Kommunalvertretungen 56 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Pro NRW missachtet mit seinen Aussagen und Forderungen die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte, insbesondere die Menschenw\u00fcrde und das Diskriminierungsverbot. Die Partei vermittelt ein negatives Menschenbild \u00fcber bestimmte Minderheiten, welches ausschlie\u00dflich an deren Nationalit\u00e4t, Religions-, Staatsoder ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit ankn\u00fcpft. Insbesondere Muslime, Sinti und Roma sowie Fl\u00fcchtlinge werden als unerw\u00fcnschte, nicht integrierbare Menschen zweiter Klasse dargestellt. Dabei greifen sowohl Wortwahl als auch die Argumentationsmuster die Menschenw\u00fcrde an und sind deshalb nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Facebook-Post, der Fl\u00fcchtlinge diffamiert. Im Jahr 2016 legte die Partei Pro NRW ihren Schwerpunkt vor allem auf eine fl\u00fcchtlingsfeindliche Agitation. Fortw\u00e4hrend diskreditierte sie Fl\u00fcchtlinge mittels gezielter Kampagnen und entsprechender Slogans, indem sie sie pauschal negativ als Kriminelle, Gewaltt\u00e4ter und \"Sozialschmarotzer\" darstellte und damit Hass gegen diese Bev\u00f6lkerungsgruppe sch\u00fcrte. Beispielsweise ver\u00f6ffentlichte sie am 11. Oktober 2016 auf ihrem Facebook-Profil ein Bild mit dem Spruch \"VORSICHT! Auch einer DEINER 'neuen Nachbarn' k\u00f6nnte ein Terrorist sein!\". Fl\u00fcchtlinge bezeichnete die Partei mitunter als \"Invasoren\". Eine derartige Kriegsrhetorik zielt darauf RechtsextRemismus 57 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","ab, Fl\u00fcchtlinge zu diffamieren und Menschenrechte zu delegitimieren. Gleiches gilt f\u00fcr den Facebook-Post vom 19. August 2016, auf dem zu lesen ist: \"Angela Merkel meint, ein Land mit 80 Mio. Einwohnern werde doch wohl 2 Mio. Fl\u00fcchtlinge verkraften k\u00f6nnen. Aber wie lange kann eine Herde von 80 Schafen zwei W\u00f6lfe verkraften?\" Letztlich tragen derartige Freund-FeindBilder dazu bei, \u00dcbergriffe auf Fl\u00fcchtlinge als vermeintliche Notwehr erscheinen zu lassen. Eine besondere Form der Fremdenfeindlichkeit stellt die Islamfeindlichkeit dar. Pro NRW verbreitet seit Jahren \u00f6ffentlichkeitswirksam Vorurteile \u00fcber Muslime, um \u00c4ngste zu wecken oder zu verst\u00e4rken. Auf ihrem Facebook-Profil hei\u00dft es am 22. November 2016: \"Jeder gekaufte D\u00f6ner ist nur ein weiterer Schritt hin zu Burka und Islamisierung!\" Die Partei-Funktion\u00e4re unterscheiden bewusst nicht zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als extremistischer Str\u00f6mung, sondern stellen Musliminnen und Muslime pauschal als potenzielle Gefahr f\u00fcr die Gesellschaft dar, um ihnen das Grundrecht auf Religionsfreiheit einzuschr\u00e4nken. Zugleich versucht Pro NRW mit anderen rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Akteuren und Organisationen im Inund Ausland zu kooperieren. Dazu z\u00e4hlen unter anderem die \u00f6sterreichische FP\u00d6 und der belgische Vlaams Belang. Gerichte best\u00e4tigten mehrfach, dass Pro NRW zu Recht in den Verfassungsschutzberichten als rechtsextremistische Partei aufgef\u00fchrt wird. Zuletzt stellte das Verwaltungsgericht Berlin am 21. Januar 2016 fest, dass der Verfassungsschutzbericht des Bundes rechtm\u00e4\u00dfig auf Pro NRW eingeht. Schlie\u00dflich habe die Partei \"im Berichtszeitraum Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung betrieben\" (VG 1 K 255.13). Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die seit dem Spaltungsprozess innerhalb der Pro-Bewegung 2015 zu beobachtende offene Zusammenarbeit von Pro NRW mit Personen aus der neonazistischen Szene sowie Aktivisten der NPD setzte sich auch im Jahr 2016 fort. Der Versuch von Pro NRW, auch Anh\u00e4nger des Hooligan-Spektrums im Rahmen von \u00f6ffentlichen Versammlungen einzubinden, scheiterte - wie auch der Versuch einer Vereinnahmung der sogenannten Gida-Kundgebungen Ende 2014 / Anfang 2015 - insbesondere an parteiinternen Konflikten sowie an einer fehlenden Bereitschaft zur Zusammenarbeit auf Augenh\u00f6he seitens des Parteivorsitzenden. Der ma\u00dfgeblich f\u00fcr eine Zusammenarbeit mit der Hooligan-Gruppierung \"Hooligans gegen Salafisten\" (HoGeSa) eintretende stellvertretende Vorsitzende von Pro NRW erkl\u00e4rte daraufhin im Mai 2016 seinen Austritt. Als herausragendes Ereignis mit Beteiligung von Pro NRW war gleichwohl die Demonstration im Juli 2016 unter dem Motto \"Keine Huldigungen f\u00fcr Erdogan in Deutschland. Stoppt den islamistischen Autokraten vom Bosporus\" in K\u00f6ln anzusehen. Unter den 330 Teilnehmern befanden sich zahlreiche Angeh\u00f6rige rechtsextremistischer Gruppierungen 58 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","und der gewaltbereiten Hooligan-Szene. Die Demonstration wurde wegen mehrerer versammlungsrechtlicher Verst\u00f6\u00dfe aufgel\u00f6st. Plakat mit einem Aufruf zur Demonstration gegen den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdogan am 31. Juli 2016 Eine gemeinsam von Pro NRW und Neonazis geplante Demonstration im Juni 2016 in Bonn war bereits im Vorfeld mangels Zuspruch aus der Szene abgesagt worden. Bei der von Pro NRW organisierten Veranstaltung am 4. September 2016 in K\u00f6ln zeigte sich, dass die Partei mittlerweile zu allen Spektren des Rechtsextremismus Kontakt sucht. Neben dem Parteivorsitzenden redeten dort ein fr\u00fcherer NRW-Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD, ein Politiker der belgischen rechtsextremistischen Partei \"Vlaams Belang\", eine rechtsextremistische Aktivistin, die bundesweit bei diversen Organisationen wie etwa der Partei Die Rechte auftritt sowie ein Essener Lokalpolitiker von Pro NRW. Dieser organisierte 2016 auch die Veranstaltungsserie \"Essen gegen Politikwahnsinn\", an der Neonazis, Hooligans und sogenannte \"Wutb\u00fcrger\" teilnahmen. Die Strategie des Zugehens auf die neonazistische und subkulturelle rechtsextremistische Szene ist f\u00fcr Pro NRW jedoch nicht aufgegangen, da die Partei nun kaum mehr in der Lage ist, das RechtsextRemismus 59 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","urspr\u00fcnglich anvisierte b\u00fcrgerliche Spektrum anzusprechen. Andererseits gelingt es Pro NRW trotz Einbindung von Szenegr\u00f6\u00dfen - wie des rechtsextremistischen Liedermachers Frank Rennicke anl\u00e4sslich des Neujahrsempfangs im Januar 2017 - auch nicht, Einfluss und Bedeutung in der rechtsextremistischen Szene zu erlangen. In der Eigendarstellung versucht Pro NRW mitunter den Eindruck zu vermitteln, \u00fcber regional fl\u00e4chendeckende Strukturen zu verf\u00fcgen. Der fortschreitende Bedeutungsverlust der Organisation schl\u00e4gt sich jedoch in der geringen kommunalen Pr\u00e4senz vor Ort nieder, die urspr\u00fcnglich das wesentliche Agitationsfeld von Pro NRW war. Nennenswerte Aktivit\u00e4ten entfalteten 2016 lediglich noch die Kreisverb\u00e4nde Bonn, Essen und Leverkusen. Im Januar 2017 legte auch der Bonner Kreisvorsitzende sein Ratsmandat nieder. Nach vielen Austritten verblieben der Partei Ausz\u00fcge der Homepage von Pro NRW 60 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","noch 29 Mandate in kommunalen R\u00e4ten und 24 Mitglieder in Bezirksvertretungen. Allerdings sind nur wenige Vertreter in den R\u00e4ten tats\u00e4chlich aktiv und nutzen sie gelegentlich als Plattform f\u00fcr \u00f6ffentlichkeitswirksame Agitationen. Tats\u00e4chliche Sacharbeit vor Ort findet kaum statt. Obgleich Pro NRW regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberregionale Kampagnen ank\u00fcndigt, ist der tats\u00e4chliche Wirkungskreis sehr begrenzt. Der Partei fehlen zum einen Funktion\u00e4re, zum anderen leidet sie an einem anhaltenden Mitgliederschwund. Pro NRW agiert daher im Wesentlichen mit kurzfristig organisierten Protestveranstaltungen mit lokalem Schwerpunkt im Rheinland. So rief Pro NRW im Juni 2016 anl\u00e4sslich einer Informationsveranstaltung in Monheim \u00fcber die m\u00f6glichen \u00dcberlassung von zwei Grundst\u00fccken an islamische Verb\u00e4nde zu Protesten vor Ort auf: \"Kommen Sie deshalb zahlreich am kommenden Donnerstag nach Monheim. Zeigen wir gemeinsam Flagge gegen die geplante Islamisierung der Stadt!\". An der entsprechenden Mahnwache nahmen jedoch nur wenige Aktivisten von Pro NRW teil. Mit Blick auf die Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen sprach Pro NRW noch im M\u00e4rz 2016 davon, eine Kooperation unter anderem mit der AfD zu suchen. Sollte diese nicht zustande kommen, werde \"es selbstverst\u00e4ndlich eine eigenst\u00e4ndige Pro NRW-Kandidatur zur Landtagswahl 2017 geben.\" Die AfD hingegen lehnte eine Zusammenarbeit ab. Im September 2016 erkl\u00e4rte der Pro NRW-Vorsitzende Beisicht, \"sich nun strategisch auf die Kommunalpolitik zu konzentrieren\", da die AfD das anvisierte W\u00e4hlerspektrum bei Bundesund Landtagswahlen bereits erfolgreich anspreche. Pro NRW trat somit nicht zur Landtagswahl 2017 an. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die Partei Pro NRW setzt weiterhin ihren Schwerpunkt auf fremdenfeindliche, insbesondere fl\u00fcchtlingsund islamfeindliche Kampagnen. Der strategische Schlingerkurs zwischen neonazistischer sowie subkultureller Szene einerseits und fremdenfeindlichen \"Wutb\u00fcrgern\" andererseits verprellte letztlich beide Zielgruppen. Gepr\u00e4gt durch interne Auseinandersetzungen, pers\u00f6nliche Anfeindungen, Mitgliederschwund und strukturelle Erfolglosigkeit verf\u00fcgt Pro NRW heute nur noch \u00fcber eine geringe Aktionsf\u00e4higkeit. Lediglich in drei Kommunen war diese \u00f6ffentlich wahrzunehmen. Die offen zutage tretende Konkurrenz zwischen Pro NRW, Pro K\u00f6ln und Pro Deutschland und das Agieren von drei Pro-Gruppierungen bei inhaltlich nahezu identischer Ausrichtung f\u00fchren sowohl zu einer Segmentierung der rechtsextremistischen Parteienlandschaft in Nordrhein-Westfalen als auch zur Irritation in der identischen Zielgruppe. Die Absage, an den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen 2017 teilzunehmen, ist somit Ausdruck der existenziellen Krise von Pro NRW. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_pronrw RechtsextRemismus 61 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pro K\u00f6ln Sitz / Verbreitung K\u00f6ln Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1996 Struktur / Repr\u00e4sentanz Vorsitzender von Pro K\u00f6ln ist seit 2014 Michael Gabel; der Verein ist nur in K\u00f6ln aktiv; als Gruppe im Stadtrat mit zwei Mandaten und f\u00fcnf Mandaten in Bezirksvertretungen Mitglieder / Anh\u00e4nger / circa 250 Mitglieder Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: K\u00d6LN UNZENSIERT - vormals \"Fraktionszeitung K\u00d6LN UNZENSIERT\" Web-Angebote: eigene Webseiten sowie Profile in den sozialen Netzwerken Kurzportrait / Ziele Pro K\u00f6ln entstand im Wesentlichen auf Betreiben ehemaliger Funktion\u00e4re und Mitglieder der rechtsextremistischen \"Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH)\" sowie der Partei \"Die Republikaner\" (REP). Bereits 1996 gegr\u00fcndet, erzielte Pro K\u00f6ln erstmals bei der Kommunalwahl 2004 Mandate im Rat der Stadt K\u00f6ln und ist dort bis heute - seit 2014 nur noch als Ratsgruppe mit zwei Mandatstr\u00e4gern - vertreten. Pro K\u00f6ln versucht sich \u00fcberwiegend b\u00fcrgerlich zu inszenieren. Inhaltlich vertritt die Organisation dezidiert fremdenfeindliche und islamfeindliche Positionen, diffamiert Migranten und sch\u00fcrt \u00c4ngste vor ihnen. Dies betrifft in den letzten beiden Jahren insbesondere Fl\u00fcchtlinge und Muslime. Der \"Kampf\" gegen \"den Islam\" dient dabei als T\u00fcr\u00f6ffner. Pro K\u00f6ln versucht in der Gesellschaft diskutierte Themen zu nutzen, um eigene fremdenfeindliche und nationalistische Sichtweisen und Forderungen \u00fcber den rechtsextremistischen Rand hinaus bis in die Mitte der Gesellschaft zu verbreiten. 62 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden und staatliche Zuwendungen an die Gruppe im K\u00f6lner Stadtrat Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Pro K\u00f6ln missachtet mit seinen Aussagen und Forderungen die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte, insbesondere die Menschenw\u00fcrde und das Diskriminierungsverbot. Der Verein vermittelt ein negatives Menschenbild \u00fcber bestimmte Minderheiten, welches ausschlie\u00dflich an deren Nationalit\u00e4t, Religions-, Staatsoder ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit ankn\u00fcpft. Eine differenzierte Betrachtung, die andere Aspekte einbezieht, blenden die Rechtsextremisten dabei aus. Mit dieser Art der Darstellung sch\u00fcrt Pro K\u00f6ln Ablehnung und versucht, \u00c4ngste in Teilen der Bev\u00f6lkerung aufzugreifen und zu instrumentalisieren. Eine besondere Form der Fremdenfeindlichkeit stellt die Islamfeindlichkeit dar. So verbreiten alle Pro-Organisationen seit Bestehen \u00f6ffentlichkeitswirksam Vorurteile \u00fcber Muslime, um \u00c4ngste zu wecken oder zu verst\u00e4rken. Die Pro-Aktivisten unterscheiden dabei bewusst nicht zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als extremistischer Str\u00f6mung. Die diskreditierende Gleichsetzung zielt darauf ab, eine Glaubensgemeinschaft pauschal f\u00fcr eine Vielzahl gesellschaftlicher Missst\u00e4nde und Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen und sie als Bedrohung darzustellen. Neben dieser Politik der Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten versucht Pro K\u00f6ln mit anderen rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Organisationen zu kooperieren. So lud Beispiele f\u00fcr fremdenfeindliche Inhalte der Publikation K\u00d6LN UNZENSIERT, Ausgabe 1/2016 RechtsextRemismus 63 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","der Verein zu seinem Neujahrsempfang Ende Januar 2016 Vertreter der \u00f6sterreichischen FP\u00d6, des belgischen Vlaams Belang sowie einen franz\u00f6sischen islamfeindlichen Publizisten ein. Die Nennung von Pro K\u00f6ln im Verfassungsschutzbericht wurde gerichtlich als rechtm\u00e4\u00dfig best\u00e4tigt. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen best\u00e4tigte mit einem Beschluss vom 21. Februar 2014 eine vorhergehende Entscheidung des Verwaltungsgerichtes D\u00fcsseldorf. \"Es hat aus den im Urteil wiedergegebenen Verlautbarungen und Aktivit\u00e4ten des Kl\u00e4gers bzw. seiner Funktion\u00e4re rechtsfehlerfrei auf den Verdacht einer gegen die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte versto\u00dfenden ausl\u00e4nderfeindlichen Ausrichtung und auch im \u00dcbrigen verfassungswidriger Bestrebungen des Kl\u00e4gers geschlossen.\" Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Auch im Jahr 2016 legte Pro K\u00f6ln seinen Schwerpunkt auf eine fl\u00fcchtlingsund islamfeindliche Politik. Die Rechtsextremisten instrumentalisierten vor allem die Ereignisse der Silvesternacht 2015 / 2016 am K\u00f6lner Hauptbahnhof, um Fl\u00fcchtlinge pauschal zu diskreditieren. So f\u00fchrten sie am 24. Januar 2016 eine Kundgebung unter dem Titel \"K\u00f6ln passt auf; Rapefugees not welcome!\" durch. Mit der Wortneusch\u00f6pfung verbindet der Verein die beiden englische Begriffe \"Rape\" (=Vergewaltigung) und \"Refugees\" (=Fl\u00fcchtlinge) und versucht damit, Asylbewerber zu diffamieren. Zu der Veranstaltung konnten 75 Teilnehmer mobilisiert werden. Unter anderem sprach eine Funktion\u00e4rin der rechtsextremistischen Gruppierung Vlaams Belang. Die Aktion \u00fcberschnitt sich mit einem beabsichtigten Aufzug von circa 250 russischst\u00e4mmigen Personen, so dass \u00fcber 300 Personen an der Veranstaltung von Pro K\u00f6ln teilnahmen. In verschiedenen Stellungnahmen versuchten Pro K\u00f6ln-Funktion\u00e4re wiederkehrend die \u00dcbergriffe in der K\u00f6lner Silvesternacht zu nutzen, um Fl\u00fcchtlinge und Muslime als Feindbild darzustellen. So ver\u00f6ffentlichte Pro K\u00f6ln Mitte Januar 2016 auf Facebook folgendes Statement des stellvertretenden Vorsitzenden: \"Nach der Silvester-Schande: Keine Asylanten mehr in unseren Schulturnhallen!\" Damit wird Fl\u00fcchtlingen pauschal unterstellt, eine Bedrohung darzustellen. In einem l\u00e4ngeren Beitrag f\u00fcr das islamfeindliche Blog \"PI-News\" am 23. Januar 2016 gibt der stellvertretende Vorsitzende seiner v\u00f6lkisch-nationalistischen Sichtweise Ausdruck: \"Der schleichende Prozess des Bev\u00f6lkerungsaustausches, der \u00dcberfremdung und Islamisierung ist an einem Punkt angelangt, wo er nicht mehr totzuschweigen oder zu verniedlichen ist.\" Den Zuzug von Fl\u00fcchtlingen seit Ende 2016 nennt er in diesem Beitrag abwertend einen \"Asyl-Tsunami\", also als menschliche Welle mit hoher Vernichtungskraft. Auch die Sprecherin Flyer von Pro K\u00f6ln 64 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","der Pro K\u00f6ln-Ratsgruppe verwendet in einem Beitrag f\u00fcr \"PI-News\" am 10. Januar 2016 diesen Begriff und sprach von einer \"existenziellen Bedrohungslage\". Fl\u00fcchtlinge bezeichnet Pro K\u00f6ln mitunter als \"Invasoren\" wie in einem Beitrag vom 8. M\u00e4rz 2016 auf der Webseite des Vereins. Dies zielt darauf ab, Fl\u00fcchtlinge als vermeintliche \"Angreifer\" zu diffamieren und Menschenrechte zu delegitimieren. In letzter Konsequenz tragen derartige Freund-Feind-Bilder dazu bei, auch \u00dcbergriffe auf Fl\u00fcchtlinge als vermeintliche Notwehr darzustellen. Die Kampagne gegen Fl\u00fcchtlinge pr\u00e4gte 2016 auch die inhaltliche Arbeit der Ratsgruppe von Pro K\u00f6ln im Stadtrat sowie in einzelnen Beitr\u00e4gen in den f\u00fcnf Bezirksvertretungen. Die Propaganda schlug sich ebenso in der Zeitung der Ratsgruppe K\u00d6LN UNZENSIERT nieder, die 2016 lediglich einmal erschien. Bei der Wahl zur Seniorenvertretung am 22. Oktober 2016 in den K\u00f6lner Stadtbezirken gelang es einer Pro K\u00f6ln-Kandidatin im Bezirk Chorweiler einen Sitz zu gewinnen. Das schlechte Abschneiden bei der Kommunalwahl 2014 und das organisatorische Auseinanderdriften innerhalb der Pro-Bewegung hat sich jedoch nachhaltig auf die Aktivit\u00e4ten von Pro K\u00f6ln ausgewirkt. Der Verein ist personell ausgezehrt und zur regelm\u00e4\u00dfigen Durchf\u00fchrung gr\u00f6\u00dferer Aktionen nicht mehr in der Lage. Lediglich einige Infost\u00e4nde im August und September 2016 f\u00fchrte Pro K\u00f6ln durch. Der Versuch der Vereinsf\u00fchrung, durch steuernde Einflussnahme auf den NRW-Landesverband von Pro Deutschland \u00fcberregionale Bedeutung zu erlangen, ist gescheitert. So legte Markus Wiener sein Amt als Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen von Pro Deutschland im November 2016 nieder. Im August 2016 schloss der Verein - nach mehr als einem Jahr der Spaltung zwischen den Pro-Organisationen - Markus Beisicht, den langj\u00e4hrigen ehemaligen Vorsitzenden von Pro K\u00f6ln und gleichzeitig Vorsitzenden von Pro NRW, aus dem Verein aus. Beisicht klagte dagegen vor Gericht. Der nach au\u00dfen vermeintlich stringente Abgrenzungskurs wird innerhalb der Pro-Bewegung w\u00e4hrenddessen weiterhin nur z\u00f6gerlich umgesetzt. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Pro K\u00f6ln setzt weiterhin seinen Schwerpunkt auf fremdenfeindliche Kampagnen, die sich vor allem gegen Fl\u00fcchtlinge und Muslime richten. Der Verlust des Fraktionsstatus von Pro K\u00f6ln bei der Kommunalwahl 2014 hat die Bedeutung des Vereins eingeschr\u00e4nkt. Die offen zutage tretende Konkurrenz und die pers\u00f6nlichen Anfeindungen zwischen Pro K\u00f6ln und Pro NRW sowie das Agieren von drei Pro-Gruppierungen bei inhaltlich nahezu identischer Ausrichtung f\u00fchrt sowohl zur Zersplitterung der rechtsextremistischen Parteienlandschaft in Nordrhein-Westfalen als auch zur Irritation in der angesprochenen; identischen Zielgruppe. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_prokoeln RechtsextRemismus 65 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pro Deutschland Sitz / Verbreitung Landesverband NRW: D\u00fcsseldorf Gr\u00fcndung / Bestehen seit B\u00fcrgerbewegung Pro Deutschland: 2005; Pro Deutschland Landesverband NRW: 2016 Struktur / Repr\u00e4sentanz Bundesvorsitzender der Partei Pro Deutschland ist Manfred Rouhs; Vorsitzender des im Oktober 2016 gegr\u00fcndeten Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen ist Dr. Christoph Heger; 21 Mandate in kommunalen R\u00e4ten und Bezirksvertretungen Mitglieder / Anh\u00e4nger / Circa 100 Mitglieder Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote: eigene Webseiten sowie Profile im sozialen Netzwerk Facebook Kurzportrait / Ziele Die unter der Bezeichnung Pro Deutschland auftretenden Gruppierungen entstanden im Wesentlichen auf Betreiben ehemaliger Funktion\u00e4re und Mitglieder der rechtsextremistischen \"Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH)\" sowie der Partei \"Die Republikaner\" (REP). Die Partei Pro Deutschland vertritt rechtsextremistische Positionen. Insbesondere diffamiert sie Migranten und sch\u00fcrt \u00c4ngste vor Muslimen und Fl\u00fcchtlingen. Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden und staatliche Zuwendungen an Gruppen und Fraktionen in Kommunalparlamenten Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Partei Pro Deutschland - Landesverband NRW missachtet mit ihren Aussagen und Forderungen die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte, insbesondere die Menschenw\u00fcrde und das Diskriminierungsverbot. Migranten werden wegen ihrer Nationalit\u00e4t, ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit oder Religionszugeh\u00f6rigkeit pauschal herabgesetzt und diffamiert. Insbesondere stellt Pro Deutschland Migranten als Bedrohung f\u00fcr Wohlstand und Sicherheit dar. So sagte der 66 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ausz\u00fcge der Homepage und des Facebook-Auftritts von Pro Deutschland RechtsextRemismus 67 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Fraktionsvorsitzende von Pro Deutschland im Gelsenkirchener Stadtrat in seiner Haushaltsrede im Dezember 2016: \"Neben Kosten hat uns vor allem die Zuwanderung auch Probleme gebracht. Vor allem haben wir eine Zunahme von Gewalt.\" Der Vertreter von Pro Deutschland im Remscheider Stadtrat schrieb im Februar 2016 von einer \"Asyl-Invasion\". Damit versucht er den verst\u00e4rkten Zuzug von Fl\u00fcchtlingen als milit\u00e4rischen Angriff darzustellen. Damit sch\u00fcrt er Angst vor und Aggressionen gegen diese Bev\u00f6lkerungsgruppe. Wie auch die anderen Pro-Organisationen verbreitet Pro Deutschland \u00f6ffentlichkeitswirksam Vorurteile \u00fcber Muslime, um \u00c4ngste zu wecken oder zu verst\u00e4rken. Die Pro-Aktivisten unterscheiden bewusst nicht zwischen dem Islam als Religion und dem Islamismus als extremistischer Str\u00f6mung. So hei\u00dft es beispielsweise auf Aufklebern von Pro Deutschland: \"Aktiv werden gegen Moscheebau und Islamismus!\" Die diskreditierende Gleichsetzung zielt darauf ab, eine Glaubensgemeinschaft f\u00fcr eine Vielzahl gesellschaftlicher Missst\u00e4nde und Fehlentwicklungen verantwortlich zu machen und sie als Bedrohung darzustellen. Einige Vertreter des nordrhein-westf\u00e4lischen Landesverbandes nahmen an der rechtsextremistischen Versammlung \"Merkel muss weg\" am 7. Mai 2016 in Berlin teil. Die Vorsitzende des Wuppertaler Kreisverbandes, die zugleich im Rat der Stadt Wuppertal sitzt, trat als Rednerin auf. Nachdem sie die gew\u00e4hlte Regierung in v\u00f6lkischer Diktion als \"Deutschlandabschaffer\" bezeichnete, rief sie das rechtsextremistische Publikum mit revolution\u00e4rer Attit\u00fcde auf: \"Wir holen uns unser Land zur\u00fcck.\" Der Berliner Landesverband der Partei, der bis 2016 der einzige Landesverband war, klagte gegen seine Aufnahme in den Berliner Verfassungsschutzbericht 2013. Das Verwaltungsgericht Berlin verk\u00fcndete am 7. September 2016, dass Pro Deutschland zu Recht im Verfassungsschutzbericht als rechtsextremistisch aufgef\u00fchrt wird. Denn die Aktivit\u00e4ten der Partei waren \"darauf gerichtet, die Gew\u00e4hrleistung der Menschenw\u00fcrde im Sinne des Art. 1 Abs. 1 GG f\u00fcr bestimmte Personengruppen, namentlich Muslime und Migranten au\u00dfer Geltung zu setzen.\" Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Der Landesverband von Pro Deutschland in Nordrhein-Westfalen wurde im Zuge des internen Spaltungsprozesses der Pro-Bewegung im Jahr 2016 gegr\u00fcndet. Pro Deutschland ist fast ausschlie\u00dflich im Bergischen St\u00e4dtedreieck sowie in Gelsenkirchen aktiv. Die Mandate in den jeweiligen Kommunalvertretungen verdankt Pro Deutschland dem \u00dcbertritt ehemaliger Aktivisten von Pro NRW. Im Gegensatz zu Pro NRW bem\u00fcht sich Pro Deutschland mitunter ansatzweise um das Erscheinungsbild einer sachorientierten Ratsarbeit vor Ort. Trotz der Abgrenzungsbekundungen zu Pro NRW bestehen weiterhin inhaltliche und organisatorische Verbindungen, erkennbar beispielsweise an der Gr\u00fcndung einer gemeinsamen Ratsfraktion in Witten im August 2016. 68 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pro Deutschland verf\u00fcgt in Nordrhein-Westfalen insgesamt \u00fcber ein geringes Aktionspotenzial und zeigt daher nur wenig \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktivit\u00e4ten. Einzig nennenswert ist eine Doppelkundgebung \"gegen Asylchaos und islamistischen Terror\" im Februar 2016 in Remscheid und Wuppertal mit bis zu 70 Teilnehmern aus dem rechtsextremistischen Spektrum. Trotz einer umfangreichen Kampagne anl\u00e4sslich der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin im September 2016 erhielt der Berliner Landesverband von Pro Deutschland lediglich 0,4% der Stimmen. In einer Stellungnahme teilte der Bundesvorsitzende daraufhin mit, dass Pro Deutschland im Jahr 2017 weder bei der Bundestagswahl noch bei anstehenden Landtagswahlen (darunter Nordrhein-Westfalen) kandidieren werde. Im November 2016 gab der bisherige Vorsitzende des nordrhein-westf\u00e4lischen Landesverbandes von Pro Deutschland, Markus Wiener, der f\u00fcr Pro K\u00f6ln auch Mitglied im K\u00f6lner Stadtrat ist, im Rahmen einer Vorstandsneuwahl den Vorsitz ab. Die Mitglieder des neuen Landesvorstands sind vor ihrer Wahl in der Pro-Bewegung kaum in Erscheinung getreten. Neue Impulse sind deshalb nicht zu erwarten. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Pro Deutschland setzt weiterhin seinen Schwerpunkt auf fremdenund islamfeindliche Kampagnen. Dem Landesverband Nordrhein-Westfalen gelang es nur in Teilen, ehemalige Mitglieder von Pro NRW zum \u00dcbertritt zu bewegen. Angesichts der d\u00fcnnen Personaldecke und einer durch die Parteispaltung demotivierten Anh\u00e4ngerschaft ist die Partei in Nordrhein-Westfalen kaum handlungsf\u00e4hig. Es existieren nur in wenigen Kommunen Kreisverb\u00e4nde. Insgesamt wird die Partei kaum \u00f6ffentlich wahrgenommen. Der Abspaltungsprozess hat insofern in die weitgehende Bedeutungslosigkeit gef\u00fchrt. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_prodeutschland RechtsextRemismus 69 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Die Rechte Sitz / Verbreitung Bund: Parchim Land: Dortmund Gr\u00fcndung / Bestehen seit Bundesverband: 27. Mai 2012 Landesverband: 15. September 2012 Struktur / Repr\u00e4sentanz Bundesvorsitzender: Christian Worch; Landesvorsitzender: Sascha Krolzig; insgesamt zwei Ratsmandate und vier Mandate in Bezirksvertretungen in Dortmund und Hamm Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: circa 700 NRW: circa 300 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Webangebote: Ver\u00f6ffentlichungen der Partei auf Bundesund Landesebene \u00fcberwiegend \u00fcber soziale Medien wie Facebook oder Twitter; Internetseite www.dortmundecho.org als Hauptsprachrohr des Landesverbandes beziehungsweise des Kreisverbandes Dortmund. Kurzportrait / Ziele Der Landesverband Nordrhein-Westfalen der Partei Die Rechte ist vor allem ein Sammelbecken von Neonazis, die aus den 2012 verbotenen Kameradschaften kommen. Die F\u00fchrung des Landesverbandes sowie der aktivsten Kreisverb\u00e4nde wurde von langj\u00e4hrigen Aktivisten \u00fcbernommen, die bereits F\u00fchrungsaufgaben in den damaligen Kameradschaften innehatten. Ziel des Landesverbandes ist es, die bisherigen neonazistischen Aktivit\u00e4ten nunmehr im Schutz des sogenannten Parteienprivilegs zu betreiben und neonazistische Propaganda zu verbreiten. Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge der Parteimitglieder und Einnahmen aus Spenden sowie von der Partei durchgef\u00fchrten Veranstaltungen wie Konzerten 70 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Partei Die Rechte ist in struktureller Hinsicht ein Sammelbecken f\u00fcr Neonazis, ideologisch wesensverwandt mit dem Nationalsozialismus und tritt in aggressiv-k\u00e4mpferischer Weise auf. Dies trifft insbesondere auf den Landesverband Nordrhein-Westfalen zu, der erheblichen Einfluss auf den Bundesverband besitzt. Die Gr\u00fcndung des Landesverbandes erfolgte im September 2012 als Reaktion auf das Verbot von neonazistischen Kameradschaften in Dortmund, Hamm und Aachen im August 2012. Die F\u00fchrung des Landesverbandes setzt sich aus Hauptprotagonisten der verbotenen Kameradschaften Dortmund und Hamm zusammen; die Kreisverb\u00e4nde in Dortmund, Hamm und Aachen sind in der F\u00fchrungsund Mitgliederstruktur weitgehend mit den verbotenen Kameradschaften identisch. Anl\u00e4sslich der Verbote f\u00fchrte Die Rechte am 23. August 2016 in Dortmund eine Versammlung durch, in der sie die staatlichen Ma\u00dfnahmen gegen Rechtsextremismus kritisierte und ihre demokratiefeindlichen Positionen offenbarte. Ein Redner sagte: \"Wenn wir in ein Parlament einziehen, dann kommen wir als Feinde. \" In einem Interview mit dem WDR am 22. Dezember 2016 sprach ein Rechtsextremist, der 2016 auf vielen Veranstaltungen der Partei redete, von einer m\u00f6glichen Revolution gegen das demokratische System: \"Wir werden, glaube ich, einen doch sehr hei\u00dfen Sommer erleben, weil nationale Kr\u00e4fte formieren sich gerade und wir werden diese nationale au\u00dferparlamentarische Opposition formen und verbinden und da brauchen wir auch keine Wahlen.\" Frage WDR: Moment, keine Wahlen? Das hei\u00dft, sie predigen da gerade eine Revolution? \"Wissen sie, das was 1989 in der DDR passiert ist, gilt ja nun als friedlicher Umsturz und ich kann das in den n\u00e4chsten Jahren f\u00fcr die Bundesrepublik nicht ausschlie\u00dfen.\" Die Partei verachtet den Grundpfeiler der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, die Achtung und den Schutz der Menschenw\u00fcrde. So schreibt der Kreisverband OWL am 30. Dezember 2016: \"K\u00f6nnen wir die Volksverr\u00e4ter nicht blo\u00dfstellen, ihre heuchlerischen Masken herunterrei\u00dfen, ihre L\u00fcgen und dummen Worth\u00fclsen von \"Vielfalt\", \"Menschenrechten\", \"Menschenw\u00fcrde\", \"Weltoffenheit\", \"Toleranz\" [...]\" Ein politischer Schwerpunkt der Partei Die Rechte ist Fremdenfeindlichkeit. So zeichnet die Partei in ihrem Programm ein einseitiges, negatives Bild von Migranten. In ihren Verlautbarungen stellt sie das Verh\u00e4ltnis zwischen einheimischer Bev\u00f6lkerung und Migranten als FreundRechtsextRemismus 71 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Feind-Konstellation dar, in der die einheimische Bev\u00f6lkerung bedr\u00e4ngt werde. Dabei ist vor allem eine pauschale Kriminalisierung von Migranten f\u00fcr die Partei Die Rechte ein Vehikel, um fremdenfeindliche Vorurteile zu sch\u00fcren. Im Jahr 2016 bezog die Partei ihre fremdenfeindliche Kampagne vor allem auf Fl\u00fcchtlinge. Die Rechte propagiert wiederkehrend Antisemitismus. Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen betreibt den Onlineversandhandel \"Antisem Versand\", der mittels der Webadresse \"antisem.it\" die antisemitische Einstellung provokativ zum Ausdruck bringt. Ferner f\u00fchrten Kreisverb\u00e4nde in Nordrhein-Westfalen auch 2016 Veranstaltungen mit einer szenebekannten Leugnerin des Holocaust durch. In Dortmund st\u00f6rten Anh\u00e4nger der Partei am 9. November 2016 eine Gedenkveranstaltung zur \"Reichsprogromnacht\". Des Weiteren propagiert Die Rechte offen Rassismus. Auf Demonstrationen der Partei im Jahr 2016 skandierten Teilnehmer die Parole: \"Alles f\u00fcr Volk, Rasse und Nation\". Der Landesverband Nordrhein-Westfalen stellt sich selbst in eine nationalsozialistische Tradition. Bei Demonstrationen f\u00fchren Aktivisten des Kreisverbandes Dortmund oftmals ein Transparent mit dem Spruch \"25 Punkte gegen eure Verbote\" mit. Mit der Zahl beziehen sie sich dabei symbolisch auf das 25-Punkte-Programm der NSDAP. Auf Kundgebungen von Die Rechte riefen die Teilnehmer regelm\u00e4\u00dfig \"Nationaler Sozialismus jetzt\". Der Landesverband Nordrhein-Westfalen wird von militanten Neonazis dominiert, die in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Straftaten auffielen, darunter auch Gewalttaten. Einer der Dortmunder Bezirksvertreter der Partei wurde 2016 unter anderem wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 22 Monaten ohne Bew\u00e4hrung verurteilt. Um weitere strafrechtliche Verfolgungen zu vermeiden, beschr\u00e4nken sich inzwischen in der Partei organisierte Neonazis \u00fcberwiegend auf legale Aktionen. Trotz dieser taktischen Anpassung zeigt die Partei in zahlreichen Stellungnahmen und Aktionen ihre aggressiv-k\u00e4mpferische Haltung. Der stellvertretende Landesvorsitzende \u00e4u\u00dferte sich bei einer Versammlung am 22. Dezember 2016 in Dortmund folgenderma\u00dfen: \"Erst, wenn der Letzte von seinem Schreibtisch verjagt wurde, wenn der Letzte abgezogen wurde, weil die Herrschenden ersetzt wurden, dann haben wir unser Ziel erreicht.\" Bei den Demonstrationen setzt Die Rechte den aggressiven, aktionsorientierten Stil der Kundgebungen der verbotenen Kameradschaften, der auf die Beherrschung des \u00f6ffentlichen Raumes abzielt, fort. Zudem versucht die Partei immer wieder das staatliche Gewaltmonopol zu diskreditieren und der Selbstjustiz das Wort zu reden. Dies geht einher mit einer dramatisierten und fremdenfeindlichen Darstellung der Sicherheitslage und dem Herbeireden von B\u00fcrgerkriegsszenarien. So hei\u00dft es in einem Beitrag von Die Rechte OWL vom 29. November 2016 auf ihrer Webseite: \"Doch wenn das Regime nicht mehr f\u00fcr unsere Sicherheit sorgen kann oder will, m\u00fcssen wir Deutschen un72 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","seren Schutz selbst in die Hand nehmen. [...] Doch wir m\u00fcssen nat\u00fcrlich auch darauf hinweisen, dass es mit dem Kleinen Waffenschein und dem Kauf einer Gasoder Schreckschusspistole nicht getan ist. Vor allem m\u00fcssen wir auch mental darauf vorbereitet sein, die Waffe im Notfall tats\u00e4chlich einzusetzen und den Angreifer mit einem sauber platzierten Schuss au\u00dfer Gefecht zu setzen. Au\u00dferdem empfehlen wir dringend den Besuch von Selbstverteidigungskursen in professionellen Kampfsportschulen und die Bildung von Nachbarschaftshilfen und B\u00fcrgerwehren.\" Die Partei Die Rechte versucht die von ihnen ausgemachten Feinde der Partei einzusch\u00fcchtern. Zu diesen politischen Gegnern z\u00e4hlen Politiker, Journalisten und B\u00fcrger, die sich kritisch mit der Partei Die Rechte besch\u00e4ftigen, sowie Beamte, die im Sinne der wehrhaften Demokratie repressive Ma\u00dfnahmen gegen Neonazis veranlassen. Meistens formulieren die Parteiaktivisten Bedrohungen jedoch unterhalb der Grenze der Strafbarkeit. Zugleich sind die Einsch\u00fcchterungsversuche eindeutig genug, so dass die Adressierten wissen, wie es gemeint ist. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Bundesverband Der Bundesverband stagniert seit 2014. Die Partei weist zehn Landesverb\u00e4nde und 21 Kreisverb\u00e4nde auf, wobei einige Verb\u00e4nde nur nominell bestehen und keine Aktivit\u00e4ten entfalten. Zwischen den Landesverb\u00e4nden gibt es weiterhin gravierende strukturelle Unterschiede. So sind im Landesverband Nordrhein-Westfalen rund 300 Mitglieder organisiert, dagegen z\u00e4hlen mehrere andere Landesverb\u00e4nde kaum mehr als 30 Mitglieder. Nur in einigen wenigen Regionen spielt die Die Rechte eine nennenswerte Rolle. Der Zustand der Partei ist weiterhin fragil. Dauerhaft handlungsf\u00e4hige Parteiverb\u00e4nde sind die Ausnahme. Der Bundesverband setzt bisher kaum Impulse. So verf\u00fcgt die Partei immer noch nicht \u00fcber eine eigene Gesch\u00e4ftsstelle und residiert unter der Privatanschrift des Bundesvorsitzenden. Der Parteigr\u00fcnder achtet darauf, dass die Organisation formell die Anforderungen an eine Partei erf\u00fcllt, insbesondere dass sie zu Wahlen antritt. Aus diesen Beweggr\u00fcnden sind der Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg bei der Landtagswahl in einigen Wahlkreisen und der Landesverband Sachsen-Anhalt landesweit zu den dortigen Landtagswahlen am 13. M\u00e4rz 2016 angetreten. Der Bundesverband l\u00e4sst keine Zweifel daran, dass sich Die Rechte auch im Wahlkampf im Rechtsextremismus verortet. So hei\u00dft es in einem Beitrag am 24. Januar 2016 auf ihrer Webseite: \"Die Partei tritt in ihrem schwierigen Wahlkampf nicht mit populistischen, sondern mit extrem rechten und stringenten Positionen und sozialpolitischen Zielen an!\" Der Landesverband Nordrhein-Westfalen und insbesondere der Dortmunder Kreisverband haben weiterhin gro\u00dfen Einfluss auf den Bundesverband. So fand der sechste Bundesparteitag am 15. Mai 2016 in Dortmund statt. Die Mitglieder w\u00e4hlten ein F\u00fchrungsmitglied des Dortmunder RechtsextRemismus 73 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Demonstration der Partei Die Rechte im Juni 2016 in Dortmund Kreisverbandes zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden sowie die Kreisvorsitzenden aus Ostwestfalen-Lippe und Rhein-Erft in den Bundesvorstand. Des Weiteren stammt der Schatzmeister aus Nordrhein-Westfalen. Landesverband Nordrhein-Westfalen Der Landesverband Nordrhein-Westfalen bildet eine Auffangstruktur f\u00fcr die 2012 verbotenen Kameradschaften. Auch wenn nicht alle Neonazis in die Partei eingetreten sind, organisiert die Partei in Nordrhein-Westfalen inzwischen nahezu alle neonazistischen Aktivit\u00e4ten. Seit 2016 stagniert die Entwicklung der Parteistrukturen des Landesverbandes. In Nordrhein-Westfalen waren lediglich sechs Kreisverb\u00e4nde \u00f6ffentlich wahrnehmbar t\u00e4tig. Allerdings unterscheiden sie sich stark in Hinblick auf ihre Struktur und ihr Aktivit\u00e4tsniveau. Am 6. August 2016 veranstaltete die Partei einen Landesparteitag in Dortmund. Dort w\u00e4hlten die Mitglieder Sascha Krolzig zum neuen Landesvorsitzenden. Der bis zur Wahl kommissarische Vorsitzende Michael Br\u00fcck wurde zweiter Landesvorsitzender. Anschlie\u00dfend f\u00fchrte Die Rechte einen Parteitag zur Aufstellung einer Landesliste f\u00fcr die Landtagswahl 2017 durch. Sie stellte 74 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","zehn Personen auf. Die Kandidaten auf den Listenpl\u00e4tzen zwei bis vier sind in der Vergangenheit alle wegen K\u00f6rperverletzung verurteilt worden. Der Landesverband besitzt f\u00fcr die Partei lediglich eine organisatorische Funktion, von ihm gehen aber keine politischen Initiativen aus. Gelegentlich wird im Namen des Landesverbandes eine Demonstration angemeldet. In der Regel handelt es sich aber tats\u00e4chlich um Demonstrationen des Dortmunder Kreisverbandes, die auch in Dortmund stattfinden. Die Kreisverb\u00e4nde stellen die eigentlichen politischen Akteure dar, die autonom \u00fcber inhaltliche Belange und Aktivit\u00e4ten entscheiden. Diese Organisationsstruktur stellt den Versuch dar, dezentrale Strukturen der Neonazi-Szene in vormals lokalen Kameradschaften in eine Parteiorganisation zu \u00fcberf\u00fchren. Die meisten Mitglieder d\u00fcrften ihre Organisation ebenfalls weiterhin nicht als Partei begreifen. Haupts\u00e4chlich geht es den Aktivisten darum ihre \"Erlebniswelt Rechtsextremismus\" vor staatlichen Repressionsma\u00dfnahmen zu sch\u00fctzen. So werden Demonstrationen, Mahnwachen, Geburtstagspartys, Rechtsrockkonzerte und Sonnenwendfeiern nunmehr als Parteiveranstaltungen ausgewiesen. Kreisverband Dortmund Der Kreisverband Dortmund ist der ma\u00dfgebliche Kreisverband der Partei in Nordrhein-Westfalen mit einer aktiven und mobilisierbaren Anh\u00e4ngerschaft von circa 80 bis 100 Personen im regionalen Bereich. Diese Klientel setzt sich nach wie vor \u00fcberwiegend aus Angeh\u00f6rigen und Sympathisanten der 2012 verbotenen Kameradschaft \"Nationaler Widerstand Dortmund\" zusammen und ist national wie international gut in der rechtsextremistischen Szene vernetzt. Sowohl der stellvertretende Landesvorsitzende als auch der stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei kommen aus Dortmund. Die Rechte in Dortmund hat seit der Kommunalwahl 2014 einen Sitz im Dortmunder Stadtrat sowie jeweils einen Sitz in drei Bezirksvertretungen der Stadt. Nachdem das Oberverwaltungsgericht M\u00fcnster 2016 einer entsprechenden Klage stattgegeben hatte, bilden Die Rechte und die NPD seit dem 28. April 2016 eine gemeinsame Ratsgruppe im Dortmunder Stadtrat, was zur Folge hat, dass ihnen j\u00e4hrlich \u00fcber 40.000 Euro aus kommunalen Mitteln zuflie\u00dfen. Um an der Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen teilzunehmen, musste die Partei Die Rechte, neben weiteren Zulassungsvoraussetzungen, mindestens 1000 Unterschriften von Wahlberechtigten vorlegen. Dazu f\u00fchrte Die Rechte in Dortmund im Januar 2017 zehn Infost\u00e4nde durch, um die entsprechenden Unterschriften zu sammeln. Trotz der nach au\u00dfen dargestellten klassischen Parteiarbeit tritt im Kreisverband Dortmund die aktionsorientierte Handlungsform der Neonazi-Szene zunehmend wieder in den Vordergrund. Der Kreisverband zeigt sich - nicht nur im Zusammenhang mit der Fl\u00fcchtlingsthematik - offen RechtsextRemismus 75 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Graffiti an einem Haus in Dortmund-Dorstfeld rassistisch und fremdenfeindlich, wie an zahlreichen Beitr\u00e4gen in dessen Internetportal und auf \u00f6ffentlichen Versammlungen erkennbar ist. Gegen\u00fcber Migranten und politischen Gegnern verfolgt der Kreisverband eine Strategie der Provokation und Bedrohung. 2016 f\u00fchrte der Kreisverband eine intensive Kampagne gegen die Er\u00f6ffnung eines anarchistischen Buchund Kulturzentrums in Dortmund durch. Die Aktivisten versuchten auch durch \u00f6ffentlichen Druck auf den Vermieter der R\u00e4umlichkeiten, die Er\u00f6ffnung zu verhindern. Dieser Versuch greift ineinander mit einer Raumergreifungsstrategie, die die Partei in Dortmund durchzusetzen versucht. Insbesondere im von den Rechtsextremisten so genannten \"Nazi Kiez\" rund um den Wilhelmplatz in Dortmund-Dorstfeld soll ein Klima der Angst geschaffen werden f\u00fcr alle, die sich nicht mit der Partei identifizieren. Die dort inzwischen dauerhaft pr\u00e4sente Polizei wird dabei offenbar als so st\u00f6rend empfunden, dass sie einer st\u00e4ndigen diskreditierenden Berichterstattung seitens der Parteimedien ausgesetzt ist. Journalisten werden auf offener Stra\u00dfe provokativ angesprochen, um sie einzusch\u00fcchtern und letztlich an einer freien Berichterstattung zu hindern. Meistens bleiben die Aktivisten dabei unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit. Im Internet ver\u00f6ffentlicht der Kreisverband Dortmund seine Beitr\u00e4ge nach der L\u00f6schung mehrerer Facebook-Accounts auf der Seite www.dortmundecho.org. Ferner betreibt der Kreisverband ein Twitterprofil, das haupts\u00e4chlich auf neue Artikel von Dortmundecho verlinkt. Auf angezeigte Straftaten von Aktivisten, wie der wiederholte Einsatz illegaler Pyrotechnik, folgen auf Dortmundecho im Internet verharmlosende oder negierende Beitr\u00e4ge, in denen man sich in der Opferrolle des zu Unrecht Verfolgten darstellt. 76 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Jahr 2016 f\u00fchrte die Partei 38 Versammlungen in Dortmund durch. Die gr\u00f6\u00dfte Veranstaltung mit ungef\u00e4hr 900 bis 1000 Teilnehmern fand am 4. Juni 2016 unter dem Motto \"Tag der deutschen Zukunft\" statt. Dabei handelt es sich um eine j\u00e4hrlich in einer anderen deutschen Stadt veranstaltete Demonstration der rechtsextremistischen Szene unter \u00fcberregionaler und internationaler Beteiligung von Neonazis. Ein Redner glorifizierte unter dem Applaus der Teilnehmer das NS-Regime, indem er auf das sogenannte 1000-j\u00e4hrige Reich anspielte, was Adolf Hitler errichten wollte. \"Was hatten wir fr\u00fcher f\u00fcr Politiker. Da war die Politik angelegt auf 50 Jahre, auf 70 Jahre, auf 100 Jahre und von ganz besonderen Politikern auf 1000 Jahre.\" Kreisverband Hamm Die Rechte Hamm zeigte sich 2016 im Vergleich zu den Vorjahren deutlich weniger aktiv. Eine in den letzten Jahren regelm\u00e4\u00dfig am 3. Oktober durchgef\u00fchrte Demonstration fand 2016 nicht statt. Lediglich im Vorfeld der Veranstaltung \"Tag der deutschen Zukunft\" organisierte der Kreisverband am 28. Mai 2016 eine Demonstration mit ungef\u00e4hr 60 Teilnehmern. Im M\u00e4rz beteiligten sich die Aktivisten an einer Veranstaltung unter dem Motto \"Hamm gegen Politikwahn\" und stellten ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der Teilnehmer. Der Kreisverband Dortmund unterst\u00fctzte die Kundgebung mit einem Lautsprecherfahrzeug. Der Kreisverband Hamm konzentrierte sich 2016 \u00fcberwiegend auf szeneinterne Veranstaltungen. In geschichtsrevisionistischer Manier gedachte man am Volkstrauertag mit Fackeln und Reichsflagge den Opfern des 2. Weltkrieges, wobei die Rechtsextremisten damit nicht die Opfer des NS-Regimes oder die Opfer des deutschen Angriffskrieges meinten. Ferner organisierten sie mehrfach Liederabende, an denen zwischen 50 und 60 Personen teilnahmen. Eine Ausnahme stellt eine als Geburtstagsfeier deklarierte Veranstaltung im Oktober 2016 dar, bei der drei Bands auftraten und rund 150 Besucher kamen. Weiterhin f\u00fchrte der Kreisverband gemeinsam mit der NPD Unna / Hamm einen Vortragsabend mit einem ehemaligen Angeh\u00f6rigen der Waffen-SS durch, der sich in nostalgischen Erinnerungen an den 2. Weltkrieg erging. Nachdem Facebook das Profil des Kreisverbandes zu Beginn des Jahres 2016 l\u00f6schte, legten die Rechtsextremisten unter dem neuen Namen \"Rechtes Forum Hamm\" ein neues Profil an. \u00dcber die Internetdomain www.rechte-hamm.com ist der Kreisverband mittlerweile nicht mehr zu erreichen. Kreisverband Ostwestfalen-Lippe Seit dem 16. Januar 2016 verf\u00fcgt die Partei Die Rechte \u00fcber einen Kreisverband OstwestfalenLippe (OWL). Vorsitzender ist Sascha Krolzig, ehemals f\u00fchrendes Mitglied der im Jahr 2012 verbotenen Kameradschaft Hamm. Seit Mitte des Jahres 2016 ist er zudem Landesvorsitzender. F\u00fcr die Landtagswahl 2017 stellte der Kreisverband in Bielefeld auch einen Direktkandidaten RechtsextRemismus 77 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","auf. Der Kreisverband ist bem\u00fcht, der organisatorischen Zersplitterung des Rechtsextremismus in der Region entgegenzuwirken, indem er mit der NPD und den dortigen Neonazis zusammenarbeitet. Beispielsweise veranstaltete Die Rechte am 7. Oktober mit der NPD einen Vortragsabend mit einem Neonazi aus Niedersachsen als Referenten, der von seinen Erfahrungen in der Haft erz\u00e4hlte. Der Kreisverband bem\u00fchte sich, durch provokante Aktionen \u00f6ffentliches Interesse zu erregen. So verteilte er im Februar 2016 CDs mit rechtsextremistischer Musik vor einigen Bielefelder Gymnasien. Die Musiktitel von rechtsextremistischen Bands und Solomusikern wurden fast alle bereits vor \u00fcber zehn Jahren auf den ersten sogenannten Schulhof-CDs ver\u00f6ffentlicht. Dar\u00fcber hinaus enthielt die CD Propagandamaterial wie Flugbl\u00e4tter, Postkarten, Plakate, einige Rechtsrock-Videos und das Programm der Partei. Eine weitere \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktion unternahm der Kreisverband anl\u00e4sslich des Besuches der Bundeskanzlerin an einer Veranstaltung der Jungen Union in Paderborn. Als den Anh\u00e4ngern von Die Rechte der Zutritt zur Versammlung verwehrt wurde, heischte die Partei mit einer Kundgebung vor der Halle um die Aufmerksamkeit der Medien. Der inhaltliche Schwerpunkt von Die Rechte OWL im Jahr 2016 lag auf der fl\u00fcchtlingsfeindlichen Agitation. Mit der NPD OWL sowie mit Neonazis organisierte der Kreisverband am 23. April 2016 eine \"Mottofahrt gegen Masseneinwanderung\", bei der nacheinander vier Kundgebungen in Harsewinkel, Bielefeld, Herford und Halle / Westfalen durchgef\u00fchrt wurden, an denen jeweils dieselbe Gruppe von Rechtsextremisten teilnahm. Bei anderen Informationsveranstaltungen zu Fl\u00fcchtlingseinrichtungen versuchten Parteimitglieder, w\u00e4hrend der Veranstaltung auf sich aufmerksam zu machen und verteilten fl\u00fcchtlingsfeindliche Flugbl\u00e4tter. Vor allem im August und September warfen Aktivisten im Rahmen ihrer selbst bezeichneten \"Anti-Asyl-Kampagne\" in Bielefeld und im Kreis G\u00fctersloh Flugbl\u00e4tter mit dem Titel \"Asyl-Wahnsinn stoppen! Deutsche Identit\u00e4t erhalten!\" in Briefk\u00e4sten. Ferner beteiligte sich eine kleine Gruppe von Mitgliedern von Die Rechte OWL an den gr\u00f6\u00dferen rechtsextremistischen Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen. Auf seiner Webseite ver\u00f6ffentlichte der Kreisverband regelm\u00e4\u00dfig rechtsextremistische Beitr\u00e4ge zu aktuellen Ereignissen. Dazu z\u00e4hlen auch ideologische Grundsatzartikel. So wird in dem Artikel \"Auf in das Kampfjahr 2017!\" vom 30. Dezember 2016 die rassistische und nationalistische Weltanschauung unumwunden beschrieben: \"Wir insistieren auf das Sicherstellen des Lebensrechtes der wei\u00dfen V\u00f6lker in der einzigen Ordnung, die die Zukunft der Nationen als freie, friedliche, gerechte, und souver\u00e4ne Staaten gew\u00e4hrleistet, dem Nationalismus. Das Menschentum gliedert sich in Rassen und V\u00f6lker. Diese haben sich \u00fcber Jahrtausende gebildet und stellen eine ideale Vollendung der Aufteilung der Menschen dar.\" 78 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Kreisverband Rhein-Erft Der Kreisverband Erft war auch 2016 erneut trotz weniger Mitglieder relativ aktiv und versuchte in den Kommunen des Rhein-Erft-Kreises \u00f6ffentlich in Erscheinung zu treten. Viermal f\u00fchrte er kleinere Kundgebungen durch: im Januar in Bergheim, im M\u00e4rz und im April in Frechen und im Juli in Bergheim. Mehrfach nahmen Aktivisten an Informationsveranstaltungen zur Unterbringung von Fl\u00fcchtlingen teil und verteilten im Umfeld der Veranstaltungen Flugbl\u00e4tter. Die Rechte Rhein-Erft beteiligt sich mit ihren Aktivisten auch \u00fcber\u00f6rtlich an allen wichtigen einschl\u00e4gigen Versammlungen. So nahmen sie am 9. Januar 2016 an einer \"Pegida-Demo\" in K\u00f6ln, am 4. Juni 2016 am \"Tag der deutschen Zukunft\" in Dortmund und am 12. November 2016 am \"Gedenkmarsch Rheinwiesenlager\" in Remagen teil. Dar\u00fcber hinaus fanden im internen Kreis einige szenetypische Veranstaltungen statt, wie Kranzniederlegungen an Soldatengr\u00e4bern zum Volkstrauertag. Teilnahme des Kreisverbandes Rhein-Erft am \"Tag der deutschen Zukunft\" im Juni 2016 in Dortmund Weiterhin legte der Kreisverband besonderen Wert auf eine ideologische Schulung der Anh\u00e4ngerschaft und f\u00fchrte eine Reihe von Vortr\u00e4gen durch. Im Herbst 2016 veranstaltete Die Rechte eine Vortragsreihe unter dem Motto \"Aufstand des Geistes\". Dazu berief man sich auf einen Ausspruch eines ehemaligen Freikorpsmitglieds, das 1922 an der Ermordung des damaligen RechtsextRemismus 79 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Au\u00dfenministers Walter Rathenau beteiligt war: \"Alle Revolutionen der Weltgeschichte begannen mit dem Aufstand des Geistes und endeten mit dem Barrikadensturm.\" Als Referenten lud man bekannte Revisionisten, insbesondere eine deutschlandweit auftretende Leugnerin des Holocaust ein. Inhaltlich ging es vor allem darum, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu negieren. Mit den Veranstaltungen erreichte der Kreisverband \u00fcberregional Teilnehmer aus verschiedenen rechtsextremistischen Organisationen. Ebenso zeigte sich Die Rechte Rhein-Erft im Internet sehr aktiv und publizierte zahlreiche rechtsextremistisch argumentierende Artikel auf ihrer Internetseite und verbreitete sie \u00fcber Twitter und Facebook. Veranstaltungshinweise der Partei Die Rechte im Internet Aktivit\u00e4ten in weiteren Kreisverb\u00e4nden Die Kreisverb\u00e4nde Aachen und Heinsberg sind 2016 \u00f6ffentlich kaum in Erscheinung getreten. Statt Parteiarbeit zu betreiben, lag der Schwerpunkt eher darauf, Feiern und Sportveranstaltungen f\u00fcr Szeneangeh\u00f6rige aus der Region zu veranstalten. Bei den relevanten \u00fcberregionalen rechtsextremistischen Veranstaltungen in Dortmund und Remagen nahm lediglich eine Handvoll 80 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","von Aktivisten teil. Allerdings verzichteten sie auf eigene Transparente oder gleiche T-Shirts, um sich als Gruppe darzustellen. Die von den Kreisverb\u00e4nden gemeinsam betriebenen Profile bei Facebook und Twitter sind seit Januar 2016 nicht mehr aktiv. Nur die 2014 als Projekt der regionalen Parteienstrukturen gegr\u00fcndete Gruppierung Syndikat 52 postet weiterhin regelm\u00e4\u00dfig auf ihrem Facebook-Profil Links zu fremdenund demokratiefeindlichen Beitr\u00e4gen. Beispielsweise verbreiteten sie anl\u00e4sslich des Geburtstages von Adolf Hitler am 20. April ein Foto mit der Aufschrift \"... und auch in hundert Jahren wird kein Mensch wissen, welcher Tag Angela Merkels Geburtstag ist.\" Der Kreisverband Wuppertal hat 2016 weiter an Bedeutung verloren. Es gelang ihm lediglich eine relevante Veranstaltung durchzuf\u00fchren, als er im Oktober mit rund 50 bis 60 Teilnehmern gegen eine Fl\u00fcchtlingsunterkunft in Wuppertal-Ronsdorf demonstrierten. Auf ihrem Facebook-Profil agitieren die Wuppertaler Aktivisten fortlaufend gegen Migranten, insbesondere gegen Fl\u00fcchtlinge. Ansonsten reisten einzelne Mitglieder regelm\u00e4\u00dfig nach Dortmund, um sich an den Aktivit\u00e4ten des dortigen Kreisverbandes zu beteiligen. Ebenso nahm man an f\u00fcr die Szene wichtigen Versammlungen teil, wie der unter anderem von Pro NRW organisierten rechtsextremistischen Anti-Erdogan-Demonstration am 31. Juli in K\u00f6ln und dem sogenannten \"Trauermarsch\" in Remagen. Ein Wuppertaler F\u00fchrungsmitglied trat mehrfach als Redner auf rechtsextremistischen Versammlungen auf. So hielt er am 12. August in Dortmund eine Rede, in der er zur Gegnerschaft zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung aufrief: \"Werdet aktiv und leistet Widerstand gegen dieses asoziale System und diesen schei\u00df Staat.\" Dieser Aktivist stand zudem auf dem ersten Platz der Landesliste der Partei Die Rechte zur Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der nordrhein-westf\u00e4lische Landesverband und die aktiven Kreisverb\u00e4nde stellten sowohl in ideologischer und personeller Hinsicht als auch bez\u00fcglich ihrer Aktivit\u00e4ten eine Weiterf\u00fchrung der verbotenen Kameradschaften dar. Der Landesverband Nordrhein-Westfalen dominiert innerhalb der Bundespartei inhaltlich, personell und durch seine Vielzahl an Aktivit\u00e4ten. Um das Parteienprivileg zu sichern, nimmt Die Rechte einige parteitypische Aktivit\u00e4ten auf. Den Anh\u00e4ngern geht es aber vor allem darum, den neonazistisch gepr\u00e4gten Aktionismus fortzusetzen. Die Rechte ist das organisatorische Zentrum der Neonazi-Szene. Zudem kooperiert sie bei Demonstrationen und im Dortmunder Stadtrat mit der NPD, bei Vortr\u00e4gen mit Revisionisten und bei Musikveranstaltungen mit der subkulturellen Szene. Insofern stellt die Partei gegenw\u00e4rtig das Gravitationszentrum des Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen dar. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_dierechte RechtsextRemismus 81 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Der III. Weg Sitz / Verbreitung Bundesverband: Weidenthal (Rheinland-Pfalz); Verbreitung haupts\u00e4chlich in S\u00fcdund in Ostdeutschland; zwei Gruppierungen in NRW (Ostwestfalen und Sauerland). Gr\u00fcndung / Bestehen seit 28. September 2013 in Heidelberg Struktur / Repr\u00e4sentanz Vorsitzender Bundesverband: Klaus Armstroff; Vorsitzender \"Gebietsverband West\": Julian Bender keine Landesverb\u00e4nde, bisher wurden drei der vier geplanten Gebietsverb\u00e4nde gegr\u00fcndet (S\u00fcd, West und Mitte; die Gr\u00fcndung eines Gebietsverbandes Nord steht noch aus). Die Gr\u00fcndung des Gebietsverbandes West, dem auch die nordrhein-westf\u00e4lischen St\u00fctzpunkte Hermannsland und Sauerland-S\u00fcd angeh\u00f6ren, erfolgte am 19. November 2016. Strukturierung der Partei durch bisher 21 teilweise l\u00e4nder\u00fcbergreifende sogenannte \"St\u00fctzpunkte\", sofern keine weitere Untergliederung erfolgt. Hiervon zwei in Nordrhein-Westfalen: St\u00fctzpunkt Hermannsland, am 19. Oktober 2014 gegr\u00fcndet, umfasst den Raum Bielefeld, Paderborn und Teutoburger Wald; St\u00fctzpunkt Sauerland-S\u00fcd, am 29. Dezember 2016 gegr\u00fcndet, umfasst insbesondere den Landkreis Olpe. Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: rund 300 NRW: rund 30 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebot: der-dritte-weg.info, Homepage der Partei Der III. Weg, Facebookund Twitterprofil; Youtube-Kanal; vk.com Kurzportrait / Ziele Die Parteigr\u00fcndung erfolgte zun\u00e4chst unter Beteiligung einzelner ehemaliger NPD-Mitglieder und Neonazis aus Rheinland-Pfalz und Hessen. Als sich 2014 in Bayern ein Verbot des Neonazi-Netzwerks Freies Netz S\u00fcd abzeichnete, trat ein Teil der betroffenen Neonazis in die Partei Der III. Weg ein und nutzte die Partei als Auffangstruktur, um staatlichen Exekutivund Verbotsma\u00dfnahmen 82 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","zu entgehen. Die Aktivisten nutzen somit den Schutzmantel des Parteienprivilegs, um ihre neonazistischen Aktivit\u00e4ten fortzusetzen. Finanzierung \u00dcberwiegend durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Partei Der III. Weg propagiert ein rechtsextremistisches Staatsund Gesellschaftsbild, insbesondere greift sie v\u00f6lkisch-nationalistische Elemente des historischen Nationalsozialismus auf. So lehnt sie sich mit ihrem 10-Punkte-Programm ideologisch an das Gedankengut der NSDAP an und fordert einen \"deutschen Sozialismus\" ein. Zudem beteiligt sich die Partei an revisionistischen Kampagnen, die darauf abzielen, nationalsozialistische Verbrechen zu relativieren. Auch weitere Ausf\u00fchrungen im Parteiprogramm, wie die erkl\u00e4rte Notwendigkeit der \"Beibehaltung der nationalen Identit\u00e4t des deutschen Volkes\", die vermeintliche \"\u00dcberfremdung Deutschlands sowie des anhaltenden Asylmissbrauchs\" oder die Forderung nach der \"friedlichen Wiederherstellung Gesamtdeutschlands in seinen v\u00f6lkerrechtlichen Grenzen\", zeugen von dem von Rechtsextremisten angestrebten typischen ethnisch homogenen Gesellschaftsmodell, das durch \"Volkstumspolitik\" und rigide Ausgrenzung aller vermeintlich Fremden verwirklicht werden soll. In diesem Sinne ist auch der parteipolitische Schwerpunkt des Themas Asylpolitik zu deuten, mit dem die Partei ihre betont fremdenfeindliche Ausrichtung unterstreicht. Zahlreiche Mitglieder waren zuvor in anderen rechtsextremistischen Organisationen aktiv. Zudem pflegt die Partei Kontakte zur griechischen rechtsextremistischen Partei \"Die Goldene Morgenr\u00f6te\". Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Der dritte \u00fcberregionale \"Gebietsverband West\" der Partei im Bundesgebiet wurde am 19. November 2016 gegr\u00fcndet. Diesem sind die L\u00e4nder Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland zugeordnet. Julian Bender, Leiter des St\u00fctzpunktes Sauerland-S\u00fcd, wurde bei der Gr\u00fcndung des besagten \"Gebietsverbandes West\" zum Vorsitzenden gew\u00e4hlt. Bender machte in seiner Antrittsrede deutlich, dass er ideologisch bruchlos in der Kontinuit\u00e4t des historischen Nationalsozialismus steht. So sprach er vom \"Ziel einer v\u00f6lkischen Gemeinschaft\", dem gesellschaftlichen Idealbild der NSDAP. Wie bereits im Jahr zuvor dominierte auch 2016 eine fl\u00fcchtlingsfeindliche Kampagne die Ver\u00f6ffentlichungen und Aktivit\u00e4ten der Partei Der III. Weg. Im Rahmen der Kampagne \"Asylflut stoppen!\" verteilten Aktivisten bundesweit in verschiedenen St\u00e4dten mehrfach fl\u00fcchtlingsfeindliche Flugbl\u00e4tter. Auf ihrer Webseite verbreitete die Partei einen Leitfaden \"Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft! Wie bebzw. verhindere ich die Errichtung eines Asylantenheims in meiner Nachbarschaft\". RechtsextRemismus 83 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im M\u00e4rz 2016 provozierte die Partei \u00f6ffentlich, indem sie Postkarten an Personen - insbesondere kommunalpolitisch engagierte B\u00fcrger - verschickte, die sich f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge einsetzen. Auf der Vorderseite der Karte prangt die \u00dcberschrift \"Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!\". Unter der Abbildung eines \u00fcberf\u00fcllten Bootes auf der Silhouette Europas steht der Aufdruck \"Gutschein f\u00fcr die Ausreise aller \u00dcberfremdungsbef\u00fcrworter Richtung Afrika\". Auf der R\u00fcckseite der Karte befindet sich ein \"Angebot\", die angeblich ungeliebte Heimat auf verschiedenen Wegen zu verlassen. Derartige Aktionen dienen der Einsch\u00fcchterung, in dem die Partei den Betroffenen signalisiert: Wir Rechtsextremisten wissen, wo du wohnst. In NordrheinWestfalen erhielten vor allem Personen in den Regionen um Olpe sowie in Ostwestfalen-Lippe die Karten zugesandt. In diesen Regionen befinden sich auch die einzigen sogenannten NRW\"St\u00fctzpunkte\" von Der III. Weg. Allerdings ging diese Strategie nicht bei allen Adressaten auf. So kam ein Stadtrat aus Olpe der Aufforderung, die Karte ausgef\u00fcllt an das Postfach der Partei der Der III. Weg zur\u00fcckzuschicken, nach. Nachdem Der III. Weg nicht reagierte, klagt er nun auf Einl\u00f6sung des Gutscheines f\u00fcr eine Schiffsreise nach Afrika im Wert von 2.200 Euro. Der Rechtsstreit ist bei Redaktionsschluss noch nicht rechtskr\u00e4ftig entschieden. Am 29. Dezember 2016 erfolgte die Gr\u00fcndung des St\u00fctzpunktes Sauerland-S\u00fcd. Vorausgegangen war ein Kennenlern-Treffen am 27. November 2016 im Raum Olpe, bei dem Aktivisten von Der III. Weg Interessierten aus der Region die Partei vorstellten. Beworben wurde diese Veranstaltung \u00fcber den Facebook-Kanal \"Olpe wehrt sich\", der vor allem fl\u00fcchtlingsfeindliche Beitr\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht und auf zahlreiche Beitr\u00e4ge von rechtsextremistischen Webseiten, Videos und Profilen verlinkt. 84 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Die Sauerl\u00e4nder Gruppe verteilte mehrfach das fl\u00fcchtlingsfeindliche Flugblatt \"Asylmissbrauch in Deutschland endlich stoppen!\", mit dem Der III. Weg eine drastische Versch\u00e4rfung bestehender Asylund Ausl\u00e4ndergesetze einfordert und Angst vor Fl\u00fcchtlingen sch\u00fcrt. Dies geschah unter anderem Ende Januar 2016 im Raum Attendorn, im M\u00e4rz in Kirchhundem, im April in Rothem\u00fchle und im Oktober in Kirchen (Rheinland-Pfalz). Am 4. Juni 2016 f\u00fchrte die Partei einen Informationsstand in Lennestadt-Altenhundem durch und beteiligte sich als einzige neonazistische Gruppierung in Nordrhein-Westfalen nicht an der zeitgleich stattfindenden rechtsextremistischen Versammlung \"Tag der deutschen Zukunft\" in Dortmund. Ein neues Bet\u00e4tigungsfeld fand Der III. Weg in einer Demonstrationsreihe in Rheinland-Pfalz unter dem Motto: \"\u00dcberfremdung stoppen! - Keine Moschee in Hachenburg\". Bei diesen und bei weiteren Aktivit\u00e4ten wurde der St\u00fctzpunkt Westerwald von den Mitgliedern des St\u00fctzpunktes Sauerland-S\u00fcd ma\u00dfgeblich unterst\u00fctzt. So trat zum Beispiel Julian Bender bei Veranstaltungen als Redner auf. Die positive Bezugnahme auf den historischen Nationalsozialismus zeigte sich auch im September 2016 beim Besuch der Sauerl\u00e4nder Rechtsextremisten auf der fr\u00fcheren \"NS-Ordensburg\" Vogelsang, wo der F\u00fchrungsnachwuchs des NS-Regimes herangebildet wurde. Der III. Weg glorifizierte die ehemalige nationalsozialistische Drilleinrichtung f\u00fcr sogenannte \"Ordensjunker\" und sprach dem nationalsozialistischen Projekt einen \"Geist der Gr\u00f6\u00dfe und Ethos der Erhabenheit\" zu. Das geplante Besucherzentrum, in dem Ausstellungen \u00fcber den Nationalsozialismus aufkl\u00e4ren, st\u00f6rte die Parteiaktivisten freilich. Der St\u00fctzpunkt Hermannsland zeigte deutlich weniger \u00f6ffentlich wahrnehmbare Aktivit\u00e4ten in Ostwestfalen im Berichtsjahr. Bis auf das Verteilen von fl\u00fcchtlingsfeindlichen Flugbl\u00e4ttern im Fr\u00fchjahr 2016 im Kreis Herford besch\u00e4ftigten sich die Aktivisten vor allem mit vermeintlicher rechtsextremistischer \"Brauchtumspflege\" wie der Organisation von \"Julfesten\" oder sogenannten \"Heldengedenken am 8. Mai\", dem Tag der Niederlage des nationalsozialistischen Regimes. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der III. Weg stellt auch weiterhin in erster Linie eine Auffangstruktur f\u00fcr Neonazis dar. Mit der Ausnutzung des Parteienstatus beabsichtigen sie, staatliche Sanktionsma\u00dfnahmen zu erschweren. Durch die Gr\u00fcndung des St\u00fctzpunktes Sauerland-S\u00fcd haben sich die Aktivit\u00e4ten der Neonazis in der dortigen Region intensiviert. Wie sich die Zusammenarbeit beziehungsweise die Vernetzung der verschiedenen \"St\u00fctzpunkte\" im neuen Gebietsverband West entwickelt, bleibt weiter zu beobachten. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_IIIweg RechtsextRemismus 85 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Identit\u00e4re Bewegung Deutschland e.V. Sitz / Verbreitung Ursprung in Frankreich; seit 2012 in Deutschland; Vereinssitz ist Paderborn Gr\u00fcndung / Bestehen seit Seit Mai 2014 ist die urspr\u00fcnglich virtuelle Aktionsform als Identit\u00e4re Bewegung Deutschland e.V. (IBD) vereinsrechtlich registriert. Struktur / Repr\u00e4sentanz Die IBD verf\u00fcgt \u00fcber Strukturen auf lokaler Ebene. Im Zuge der organisatorischen Neuausrichtung 2014 wurden daraus formal bundesweit regionale Gruppen gebildet. In NRW sind dies die Identit\u00e4re Bewegung Rheinland und die Identit\u00e4re Bewegung Westfalen. Dar\u00fcber hinaus existieren Identit\u00e4re Bewegungen in anderen europ\u00e4ischen Staaten wie in Italien, Frankreich und in \u00d6sterreich. Zwischen den Gruppen in Deutschland und \u00d6sterreich besteht eine engmaschige Vernetzung. Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bei der IBD handelt es sich im Wesentlichen um einen losen Unterst\u00fctzer 2016 Verbund lokaler Aktivisten, die in Kleingruppen vor Ort agieren. Die organisatorische Struktur hat sich zwischenzeitlich verdichtet. Dar\u00fcber hinaus hat sich ein mobiler Aktivistenstamm gebildet, der bundesweit in Erscheinung tritt. Obwohl Nordrhein-Westfalen weiterhin kein aktionsbezogener Schwerpunkt ist, verf\u00fcgt die Gruppierung insbesondere im Raum Ostwestfalen \u00fcber eine Scharnierfunktion in das rechtsextremistische Spektrum. In einigen F\u00e4llen bestehen personelle \u00dcberschneidungen mit rechtsextremistischen Parteien und Gruppen. Die IBD verf\u00fcgt in Nordrhein-Westfalen nur \u00fcber einen kleinen Aktivistenkreis von bis zu 20 Personen. Hinzu tritt ein etwa 20 bis 30 Anh\u00e4nger umfassender Personenkreis von aktionsorientierten Sympathisanten. Ver\u00f6ffentlichungen Die IBD verf\u00fcgt \u00fcber einen zentralen Internetauftritt und einen Onlineshop. Dar\u00fcber hinaus sind die einzelnen Gliederungen 86 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","auf Facebook vertreten. Zur direkten, zielgruppenorientierten Ansprache nutzt die IBD die Videoplattform YouTube. Kurzportrait / Ziele Ideologisch greift die IBD die von der \"Neuen Rechten\" entwickelte Idee des Ethnopluralismus auf. Dabei handelt es sich um eine modernisierte Variante v\u00f6lkischer Ideologie, die mit kulturellen Argumenten verbr\u00e4mt wird. Diese Idee behauptet, dass der Einzelne nur in einer ethnisch homogenen Umgebung seine kulturelle Identit\u00e4t finden und erhalten k\u00f6nne. Eine Vermischung von Ethnien wird abgelehnt, stattdessen werden ethnisch homogene Nationen gefordert. Eine Zuwanderung von nicht der eigenen Volksgruppe angeh\u00f6renden \"Fremden\" - also von Menschen, die nicht als Teil dieser \"Identit\u00e4t\" angesehen werden - wird grunds\u00e4tzlich abgelehnt. Diesem Verst\u00e4ndnis folgend sind die Inhalte und Aktivit\u00e4ten der IBD gepr\u00e4gt von fremdenfeindlichen und Minderheiten ausgrenzenden Positionen. Die IBD hat eine pr\u00e4gnante visuelle Symbolik entwickelt, die sich um einen avantgardistischen Habitus bem\u00fcht und sich von traditionellen rechtsextremistischen Mustern abheben soll. Insbesondere setzt sie darauf, mit mediengerecht inszenierten Aktionen an symbolischen Orten \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen. Dabei adaptiert sie \u00f6ffentliche Aktionsformen, wie sie aus dem Bereich des Umweltprotestes bekannt sind. Es geht um ein \"modernes\" Erscheinungsbild, das junge Menschen mit gutem Bildungsniveau ansprechen soll. Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Ideologie der IBD als Teil der \"Neuen Rechten\" fundiert auf einem Politikverst\u00e4ndnis, das sich grunds\u00e4tzlich gegen die Menschenrechte und eine pluralistische Demokratie richtet. Sowohl die letztlich rassistische Doktrin des Ethnopluralismus als auch der kollektivistische Grundsatz, das Individuum mit seinen Menschenrechten der Nation unterzuordnen, sind unvereinbar mit den Werten der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Mit ihren \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktivit\u00e4ten versucht die IBD Einfluss auf die politische \u00d6ffentlichkeit zu nehmen und ihre rechtsextremistischen Positionen zu verbreiten. RechtsextRemismus 87 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum In Nordrhein-Westfalen ist die IBD vorwiegend in den sozialen Netzwerken aktiv. Sie profitiert dabei von einer sich viral verbreitenden Gruppendynamik, die mehrheitlich von regionalen Gruppierungen au\u00dferhalb Nordrhein-Westfalens gesteuert wird. Vor allem verbreitet die IBD auf ihren Internetpr\u00e4senzen Bilder, Videos und Berichte \u00fcber spektakul\u00e4re Aktionen mit bundesweiter Resonanz. Beispielsweise h\u00e4ngte sie am 27. August 2016 ein Banner am Brandenburger Tor in Berlin auf, um damit Stimmung gegen Fl\u00fcchtlinge zu sch\u00fcren. In Nordrhein-Westfalen fand bislang eine derartige Aktion statt. So brachten am 28. Dezember 2016 IBD-Aktivisten kurzzeitig ein Transparent an der Fassade des K\u00f6lner Hauptbahnhofes an. Damit spielten sie auf die sexuellen \u00dcbergriffe in der Silvesternacht 2015 / 2016 an und versuchten, Fl\u00fcchtlinge generell als Vergewaltiger zu stigmatisieren. Von den 14 bei der Aktion festgestellten Personen stammten neun aus Nordrhein-Westfalen. Ein Teil davon war zuvor in der neonazistischen Szene aktiv. Daneben organisierte die IBD mehrfach Stammtische vor allem in Bonn und Bielefeld. Mehrmals f\u00fchrten kleinere Gruppen Aktionen wie Flugblattverteilungen und Plakatierungen - vor allem in Ostwestfalen und im Ruhrgebiet - durch. Im Juli und Oktober 2016 verteilten Angeh\u00f6rige der IBD in Paderborn Pfefferspray an Passantinnen und versuchten, mit einer Stellungnahme vom 22. Oktober 2016 Angst vor Fl\u00fcchtlingen zu verbreiten: \"[...] Bedenken, da\u00df der rapide Wandel durch Masseneinwanderung [...] zu Konflikten zwischen Einheimischen und Neuzugewanderten f\u00fchren k\u00f6nnte.\" Sowohl auf ihren virtuellen Pr\u00e4senzen als auch bei ihren realen Aktionen beziehen sich die Gruppen der IBD aus Nordrhein-Westfalen immer wieder auf die 2016 von der Identit\u00e4ren Bewegung \u00d6sterreich initiierte Kampagne \"Der Gro\u00dfe Austausch\". Die IBD versteht darunter die Entwicklung \"einer schrittweisen Verdr\u00e4ngung der einheimischen Bev\u00f6lkerung zugunsten Fremder und zumeist muslimischer Einwanderer.\" Dies w\u00fcrde zum Verschwinden der \"Deutschen\" f\u00fchren, wogegen sich die IBD als \"Jugend ohne Migrationshintergrund\" wehren w\u00fcrde. Verschw\u00f6rungstheoretisch behauptet sie, dass die politischen Eliten diesen Austausch gezielt vorantreiben w\u00fcrden. In der Kampagne zeigt sich die Ideologie des v\u00f6lkischen Nationalismus, nach der sich Einheimische und Migranten, insbesondere Muslime, gegen\u00fcberst\u00fcnden. Deutschsein h\u00e4ngt in dieser Logik von der Blutlinie ab, womit eine Integration nicht m\u00f6glich sei und Migranten niemals Deutsche werden k\u00f6nnten. Mit der Kampagne will die IBD Einwanderung als etwas generell Negatives, vor allem als Bedrohung, diskreditieren und Fremdenfeindlichkeit legitimieren. Damit handelt es sich um eine sprachlich und symbolisch modernisierte Variante der von der neonazistischen Szene in den letzten Jahren betriebenen sogenannten \"VolkstodKampagne\". 88 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","SOIDENTIT\u00c4REBEWEGUNG | rwam Fiksber ka wuiide: Freii Verlassungssch\u00fctzer Sichere Grenzen = ee Sichere Zukunft ben u... Ne Mission: Defend Wir sch\u00fctzen die a a dl rer Europe Verlassung za Danzer ang han Ti en ie EI Br re ung er en Amen rg he mm u Kine, Leni uni Bu en eich ieh. N ie Bar r m sur E emailen ee en ern = En n BEE A a er E et sa Kl\u00e4r Kurwsbhre WE m de a er eriee r dt ee Pe Fre a dl a on te er el erw arg Era foran i E L N m \" ER de errang a rn Ei ern rd er Er wa a z\u00e4h \u00fc r kertna | ar er Fon aA bei a sh MELDE DICH FOR SHSEREH RIWELETTEN AH Grafiken SEHLAGHORTEOR Ka daher ET Dr a gen re er ei Tr","Werbematerial der Identit\u00e4ren Aktion und der Identit\u00e4ren Bewegung Deutschland 90 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Zur Festigung des Gruppenzusammenhalts und F\u00f6rderung der Aktionsf\u00e4higkeit veranstaltete die IBD-Westfalen im April 2016 ein Schulungswochenende f\u00fcr Aktivisten, an dem nach eigenen Angaben rund 30 Personen teilnahmen. Themen der Veranstaltung waren politische Inhalte und Aktionsformen wie etwa auch eine \u00dcbung zur Selbstverteidigung. Mit drohendem Unterton zieht die Gruppierung auf ihrem Facebookprofil das Fazit: \"Von nun an m\u00fcssen sich Westfalens Multikultis warm anziehen!\" Die IBD sucht insbesondere die N\u00e4he zum Milieu der Burschenschaften. So trat der Leiter der Identit\u00e4ren Bewegung \u00d6sterreich am 6. November 2016 bei der Bielefelder Burschenschaft Normannia-Nibelungen auf. Bereits 2014 war die IBD im Rahmen eines Vernetzungstreffens der Neuen Rechten, dem sogenannten \"Zwischentag\", bei der alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn vertreten. Die IBD distanzierte sich im Juni 2016 und nochmals in der ersten Januarwoche 2017 von der Identit\u00e4ren Aktion (IA), die im Kapitel \"Neonazis\" n\u00e4her l\u00e4utert wird. Die IBD begr\u00fcndet dies unter anderem damit, dass die IA \"immer wieder die N\u00e4he zu altrechten und rechtsextremen Projekten und Personen\" suche. Stattdessen gelte es, \"Br\u00fccken zwischen patriotischen Str\u00f6mungen zu schlagen\". Mit dieser feinsinnigen Unterscheidung m\u00f6chte die IBD verschleiern, dass zumindest ein Teil ihrer Aktivisten aus anderen rechtsextremistischen Spektren stammt und es mit dem v\u00f6lkischen Nationalismus sowie der Fremdenfeindlichkeit eine bedeutsame ideologische Schnittmenge mit dem klassischen Rechtsextremismus gibt. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die IBD erzeugt mit modernen Ausdrucksformen und dem Bem\u00fchen um einen intellektuellen Anspruch bei den Bev\u00f6lkerungsschichten eine Resonanz, die traditionelle Rechtsextremisten bislang nicht erreichen. Die Gruppierung kn\u00fcpft dabei bewusst an die Lebenswelten von internetaffinen jungen Menschen an. Da die IBD sich nicht mit den \u00fcblichen rechtsextremistischen Slogans und Symbolen inszeniert, ist ihre ideologische Ausrichtung nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Aufgrund der personellen \u00dcberschneidungen mit anderen rechtsextremistischen Gruppierungen ist auch ein gemeinsames Auftreten bei Kundgebungen oder \u00f6ffentlichen Ereignissen zu beobachten. Einer dauerhaften strukturellen Kooperation mit rechtsextremistischen Gruppen und Parteien oder einer gegenseitigen Akzeptanz auf breiter Ebene steht jedoch der elit\u00e4r-avantgardistische Anspruch der IBD weiterhin entgegen. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_ibd RechtsextRemismus 91 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","ARMINIUS-Bund des deutschen Volkes Sitz / Verbreitung Bundesund Landesverband: Wiehl (Oberbergischer Kreis) Gr\u00fcndung / Bestehen seit 23. M\u00e4rz 2013 (Bundesund Landesverband NRW) Struktur / Repr\u00e4sentanz Bundesund Landesvorsitzender: Johann Thie\u00dfen (seit M\u00e4rz 2013); neben dem Landesverband NRW verf\u00fcgt die Partei \u00fcber zwei weitere Landesverb\u00e4nde in Baden-W\u00fcrttemberg (seit dem 15. Juni 2013) und in Rheinland-Pfalz (seit dem 8. November 2014); auf Bundesund Landesebene kommt es zu personellen \u00dcberschneidungen, sodass keine klare organisatorische Trennung zu erkennen ist. Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: circa 40 NRW: circa 15 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote: Ver\u00f6ffentlichungen der Partei auf Bundesund Landesebene \u00fcberwiegend \u00fcber soziale Medien wie Facebook, Odnoklassniki.ru oder YouTube; Webseite arminius-bund.de als zus\u00e4tzliches Sprachrohr Kurzportrait / Ziele Der Landesverband NRW ist personell weitgehend aus der Gruppierung \"Arbeitskreis Russlanddeutscher in der NPD\" hervorgegangen. Deswegen l\u00e4sst sich der Landesverband als landsmannschaftliche Vereinigung von rechtsextremistischen Russlanddeutschen charakterisieren. Inhaltlich vertritt die Partei die \u00fcblichen rechtsextremistischen Positionen wie etwa v\u00f6lkischen Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und ein revisionistisches Geschichtsverst\u00e4ndnis. Der ARMINIUSBund \u00fcbernimmt in seinem Parteiprogramm das \"25-PunkteProgramm\" der NSDAP nicht nur inhaltlich, sondern zum Teil sogar wortw\u00f6rtlich, was auf die ideologische Radikalit\u00e4t der Organisation schlie\u00dfen l\u00e4sst. Die Partei greift zudem die Idee 92 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","des Ethnopluralismus auf, wonach es keine Vermischung der Ethnien geben d\u00fcrfe, und spricht sich mit dieser rassistischen Argumentation gegen die aktuelle Fl\u00fcchtlingspolitik aus. Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Der ARMINIUS-Bund steht in der ideologischen Tradition des Nationalsozialismus und bekennt sich auch \u00f6ffentlich dazu, wie die teilweise w\u00f6rtliche \u00dcbernahme des \"25-Punkte-Programms\" der NSDAP verdeutlicht. Die Partei kn\u00fcpft unmittelbar an das nationalsozialistische Leitbild der Volksgemeinschaft an. Sowohl die adaptierte Ideologie des Nationalsozialismus als auch die rassistische Doktrin des Ethnopluralismus sind unvereinbar mit den Werten der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Zudem pflegt die Partei Beziehungen zu anderen rechtsextremistischen Organisationen, wie zum Beispiel der NPD oder der Europ\u00e4ischen Aktion. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die Partei ARMINIUS-Bund nahm die \u00dcbergriffe in K\u00f6ln in der Silvesternacht 2015 / 2016 sowie eine vermeintliche Vergewaltigung eines russlanddeutschen Teenagers zum Anlass, am 13. Februar 2016 in D\u00fcren eine Kundgebung \"f\u00fcr mehr Schutz unserer Frauen und Stabilit\u00e4t in unserem Land\" unter dem Motto \"Protest gegen die Vergewaltigung deutscher Frauen. Einwanderung stoppen, Grenzen schlie\u00dfen!\" zu veranstalten. An der Veranstaltung nahmen circa 45 Personen teil. Die Redner diffamierten Migranten als \"MultikultiGeschmei\u00df\", zeichneten ein abwertendes Zerrbild von Fl\u00fcchtlingen und propagierten v\u00f6lkisches Gedankengut. Auf ihren Internetpr\u00e4senzen verbreitet die Partei zum gro\u00dfen Teil negative Berichte \u00fcber Fl\u00fcchtlinge. Zudem teilt sie Beitr\u00e4ge von anderen rechtsextremistischen Organisationen und Veranstaltungen. So warb sie beispielsweise f\u00fcr den von RechtsextRemismus 93 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Faltblatt und Video-Clip des ARMINIUS-Bundes 94 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Neonazis durchgef\u00fchrten sogenannten \"Trauermarsch\" in Remagen, auf dem in revisionistischer Art und Weise die Kriegsschuld und Verbrechen des Nationalismus geleugnet beziehungsweise relativiert wurden. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der ARMINIUS-Bund des deutschen Volkes vertritt fremdenfeindliche, v\u00f6lkisch-rassistische, nationalistische sowie revisionistische Positionen, die zum einen im Parteiprogramm und zum anderen bei Kundgebungen \u00f6ffentlich propagiert werden. In Nordrhein-Westfalen ist der ARMINIUS-Bund bisher lediglich bei den Kommunalwahlen 2014 im Kreis D\u00fcren und im Oberbergischen Kreis angetreten, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Laut Webseite sind weitere Landesverb\u00e4nde geplant, bisher konnte jedoch keine Neugr\u00fcndung verzeichnet werden. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_arminius RechtsextRemismus 95 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Neonazis Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1970er Jahre Struktur / Repr\u00e4sentanz Gruppierungen auf lokaler Ebene, die teilweise in vereins\u00e4hnlichen \"Kameradschaften\" oder in Kreisverb\u00e4nden der Partei Die Rechte organisiert sind; \u00fcberregionale Vernetzung der Szene zur Koordinierung und Durchf\u00fchrung gemeinsamer Aktivit\u00e4ten; mit den Verboten der wichtigsten Kameradschaften hat in der NeonaziSzene in Nordrhein-Westfalen ein Strukturwandel stattgefunden. Die Partei Die Rechte stellt in Nordrhein-Westfalen nunmehr das Gravitationszentrum des Neonazismus dar. Mitglieder / Anh\u00e4nger / Circa 650 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Internetpr\u00e4senzen und Facebook-Profile der Partei Die Rechte sowie einzelner Gruppen Kurzportrait / Ziele Der Neonazismus stellt sich in die ideologische Tradition des historischen Nationalsozialismus. Die Anh\u00e4nger organisieren sich regional in Kleingruppen, sogenannte \"Kameradschaften\". Diese werden oftmals von einer Person nach dem \"F\u00fchrerprinzip\" geleitet. Die Szene ist \u00fcberregional vernetzt und findet sich bei Veranstaltungen wie Demonstrationen oder RechtsrockKonzerten zusammen. Seit Mitte der 2000er Jahre ist innerhalb der neonazistischen Szene das Ph\u00e4nomen der Autonomen Nationalisten zu beobachten. Diese orientieren sich bez\u00fcglich Habitus und Kleidung an der Autonomen Antifa. Zudem versuchen die Autonomen Nationalisten Themenfelder des politischen Gegners wie Antikapitalismus oder Antiglobalisierung f\u00fcr die eigene Propaganda zu vereinnahmen. Diese Modernisierung fand jedoch unter Beibehaltung der neonazistischen Ideologie statt. Finanzierung Beitr\u00e4ge der Anh\u00e4nger 96 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Neonazi-Szene ist durch ein offenes Bekenntnis zum Nationalsozialismus sowie durch ihre Gewaltbereitschaft gekennzeichnet. Neonazis verfolgen die Errichtung eines \"Vierten Reiches\", basierend auf den programmatischen Forderungen der NSDAP von 1920. Ideologische Grundlage ist ein rassenbiologisch gepr\u00e4gtes, v\u00f6lkisches Menschenbild und die Vorstellung einer antipluralistischen Gesellschaft sowie eines autorit\u00e4ren Staates. Vermeintlich Fremde und auch politische Gegner gelten als Feinde, denen ein geringeres beziehungsweise gar kein Existenzrecht zuerkannt wird. Damit wird Gewalt gegen \"Fremde\" beziehungsweise \"Feinde\" legitimiert. Schwerpunktm\u00e4\u00dfig agitierte die neonazistische Szene 2016 gegen Migranten, insbesondere gegen Fl\u00fcchtlinge. So endet beispielsweise auf der neonazistischen Webseite \"Harsewinkel Echo\" ein hetzerischer Beitrag \u00fcber Asylbewerber am 16. Mai 2016 mit der Aufforderung: \"Wo Widerstand zur Pflicht wird, ist Revolution die letzte Hoffnung! Deutschland den Deutschen Asylbetr\u00fcger raus!\" Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Nachdem im Jahr 2012 das Ministerium f\u00fcr Inneres und Kommunales in Nordrhein-Westfalen die vier aktivsten Kameradschaften verboten hat, folgte f\u00fcr den Gro\u00dfteil der organisierten NeonaziSzene die 'Flucht in die Parteien'. Die Mehrzahl der vorherigen Kameradschaftler wurde von der Partei Die Rechte aufgenommen, eine Minderheit ging in die Partei Der III. Weg. Eine der wenigen fester strukturierten und aktiven Gruppierungen ist die Identit\u00e4re Aktion (IA). Die rund zehn Personen umfassende Gruppe bildete zun\u00e4chst die \"Identit\u00e4re Bewegung Rheinland\". Nachdem man sich 2014 mit der Bundesf\u00fchrung der Identit\u00e4ren Bewegung \u00fcberwarf, gr\u00fcndeten die Aktivisten die Identit\u00e4re Aktion. Deren F\u00fchrungsperson ist seit Jahren im Rechtsextremismus aktiv und sucht die Vernetzung mit der NPD, Die Rechte sowie Pro NRW. So beteiligten sich Mitglieder der Gruppe auch an Veranstaltungen der rechtsextremistischen Parteien. Die Identit\u00e4re Aktion agiert vor allem im Rhein-Sieg-Kreis sowie in der St\u00e4dteregion Aachen. Neben eher klassischen Aktivit\u00e4ten, wie Plakate zu kleben und kleinere Kundgebungen durchzuf\u00fchren, versucht sie durch fremden-, muslimund fl\u00fcchtlingsfeindliche Provokationen eine maximale Medien\u00f6ffentlichkeit zu erreichen. Unter anderem forderte die Anf\u00fchrerin Anfang 2016 dazu auf, Schweinefleisch in K\u00fchltheken muslimischer M\u00e4rkte abzulegen, dies zu filmen und im Internet zu ver\u00f6ffentlichen. Die damit beabsichtigte Ver\u00e4chtlichmachung muslimischer Glaubensvorschriften versuchte sie als politischen Aktivismus darzustellen. Der seit M\u00e4rz 2016 vor allem virtuell in Erscheinung getretene Freundeskreis Rhein-Sieg ist im Wesentlichen ein Ableger der Identit\u00e4ren Aktion. Eine weitere kameradschafts\u00e4hnliche Gruppierung ist die Division Braune W\u00f6lfe, die auf Demonstrationen durch eigene Banner und Kleidungsst\u00fccke auff\u00e4llt. Im Jahr 2016 nahm die GrupRechtsextRemismus 97 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Beispiel eines Flugblatts der Division Braune W\u00f6lfe Division Braune W\u00f6lfe am \"Tag der Deutschen Zukunft\" in Dortmund pe an mehreren Demonstrationen teil, so zum Beispiel an der NPD-Demonstration am 1. Mai 2016 in Bochum, dem \"Tag der deutschen Zukunft\" am 4. Juni 2016 sowie an der Versammlung des der Hooligan-Szene nahestehenden Vereins \"Gemeinsam-Stark Deutschland\" am 8. Oktober 2016 in Dortmund. Die Division Braune W\u00f6lfe f\u00e4llt abseits \u00f6ffentlicher Veranstaltungen vor allem durch die Verteilung fl\u00fcchtlingsfeindlicher Flugbl\u00e4tter sowie dem Kleben von sogenannten \"Spuckies\" auf. Im September 2016 verurteilte das Amtsgericht Steinfurt zwei Mitglieder der Gruppierung im Zusammenhang mit der Verteilung von Flugbl\u00e4ttern wegen Volksverhetzung zu elf Monaten Haftstrafe auf Bew\u00e4hrung und 2.000 Euro Geldstrafe sowie neun Monaten auf Bew\u00e4hrung und 1.000 Euro Geldstrafe. Eine weitere neonazistische Kleinstgruppe firmiert seit 2016 unter dem Namen K\u00f6ln f\u00fcr deutschen Sozialismus in der Rheinmetropole. Zur Gruppe geh\u00f6rt eine einstellige Anzahl von langj\u00e4hrig aktiven und vorbestraften Neonazis. Auf ihrem Facebook-Profil dokumentiert sie eigene Flugblattverteilungen und Plakatierungen. Au\u00dferdem rief sie zur Teilnahme an verschiedenen \u00fcber\u00f6rtlichen rechtsextremistischen Versammlungen auf. Im November 2016 meldeten die beiden f\u00fchrenden Aktivisten eine Versammlung f\u00fcr den 14. Januar 2017 zum Thema \"Keine Gewalt gegen Deutsche\" an. Das Versammlungsthema spielte auf die \u00dcbergriffe in der Silvesternacht 2016 am K\u00f6lner Hauptbahnhof an. In ihrem Aufruf vom November 2016 bezeichnen die Veranstalter die freiheitliche demokratische Grundordnung als \"moralisch bankrottes Minussystem\". Als Symbole seien deshalb \"BRD - sowie NRW-Fahnen\" auf der Veranstaltung nicht erw\u00fcnscht. Stattdessen solle man \"schwarz / wei\u00df / rote Fahnen\" mitbringen. Diese Fahne des Deutschen Reiches verwenden Neonazis, um ihre Ablehnung des demokratischen Systems der Bundesrepublik Deutschland zum Ausdruck zu bringen und ihre Verbundenheit mit dem Deutschen Reich, insbesondere dem Nationalsozialismus, zu dokumentieren. 98 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Online-Auftritt der Gruppe Freundeskreis Rechts 2016 bildete sich in Dortmund im Umfeld des Kreisverbandes Die Rechte die Gruppe Freundeskreis Rechts, deren Online-Auftritt von der Selbstdarstellung als aggressive \"Gro\u00dfstadtfaschos\" gepr\u00e4gt ist. Am Todestag von Hitlers Stellvertreter Rudolf He\u00df postete der Freundeskreis Rechts ein Graffiti-Bild auf seinem Facebook-Profil mit dem Slogan \"Rache f\u00fcr Hess (sic!)\". Dies bezieht sich auf die in der rechtsextremistischen Szene kursierende Legende, dass der 93-J\u00e4hrige He\u00df nach 46 Jahren Haftzeit von den Briten ermordet wurde. Mitglieder des Freundeskreis Rechts begangen mehrfach Straftaten sowohl im Bereich der allgemeinen als auch der politisch motivierten Kriminalit\u00e4t. Zum Teil standen die T\u00e4ter dabei unter Alkoholeinfluss. Dar\u00fcber hinaus existieren noch einige kleinere, meist schwach organisierte Gruppen wie zum Beispiel Nationaler Widerstand Duisburg oder Freie Nationalisten Kreis G\u00fctersloh, die ebenfalls mit Kreisverb\u00e4nden von Die Rechte zusammenarbeiten. Fast alle gr\u00f6\u00dferen Ereignisse, an denen sich die Neonazi-Szene in Nordrhein-Westfalen beteiligte, veranstaltete die Partei Die Rechte. So stellte der von Die Rechte organisierte \"Tag der deutschen Zukunft\" am 4. Juni RechtsextRemismus 99 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Veranstaltung der Partei Die Rechte \"Tag der deutschen Zukunft\" am 4. Juni 2016 in Dortmund 100 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","2016 in Dortmund die wichtigste Veranstaltung der Szene dar. An der Kundgebung nahmen rund 900 Rechtsextremisten teil. Darunter waren auch die oben genannten Gruppen. Eine weitere relevante Veranstaltung f\u00fcr die Neonazi-Szene stellte der j\u00e4hrlich stattfindende sogenannte \"Trauermarsch\" in Remagen (Rheinland-Pfalz) dar. Am 12. November 2016 beteiligten sich \u00fcber 200 Rechtsextremisten daran. Der Anmelder war ein langj\u00e4hriger Neonazi aus Grevenbroich, die meisten Redner stammten ebenfalls aus Nordrhein-Westfalen. Mit der Veranstaltung instrumentalisiert die Neonazi-Szene vermeintliche Kriegsverbrechen der Alliierten im 2. Weltkrieg, um Deutschland als ein Opfer des Krieges darzustellen und die Verbrechen des NS-Regimes zu relativieren. Ferner nahmen Neonazis an verschiedenen Gida-Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen teil. Hierbei hielten sie sich allerdings mit typischen Bannern und Symbolen zur\u00fcck und verzichteten oftmals auf neonazistische Parolen. Zudem gibt es virtuelle Aktivit\u00e4ten, wie die Twitter-Accounts Freies Netz Stolberg oder des Freien Widerstand Oberhausen, bei denen keine Strukturen in der realen Welt erkennbar sind. Diese verbreiten fortw\u00e4hrend ausschlie\u00dflich negative Nachrichten \u00fcber Migranten, um diese pauschal als Bedrohung darzustellen und abzuwerten. Eine neue Aktivit\u00e4tsform bestand in der Gr\u00fcndung eines Vereins Volkshilfe e.V. mit vordergr\u00fcndig karitativem Zweck durch Neonazis in Osnabr\u00fcck Ende 2014. Die Vereinsaktivit\u00e4ten finden in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen statt. Die Selbstdarstellung auf der Webseite des Vereins folgt der v\u00f6lkisch-nationalistischen Diktion, nach der die Mitglieder eine ethnisch homogene Gemeinschaft - anstelle einer freiheitlichen pluralistischen Gesellschaft - anstreben. So instrumentalisierte der Verein Mitte Januar 2016 auch die Diskussion zu den \u00dcbergriffen in K\u00f6ln in der Silvesternacht und verteilte unter anderem in Bielefeld Pfefferspray an jene Frauen, die sie f\u00fcr Deutsche hielten. Bewegung, Tendenzen, Ausblick Der wichtigste Teil der Neonazi-Szene hat sich in der Partei Die Rechte reorganisiert und die vormals klare Trennung zwischen parlamentsorientierten und aktionsorientierten Rechtsextremisten verwischt. Gleichwohl ist eine Kontinuit\u00e4t der Ideologie und Gewaltbereitschaft zu konstatieren. Im Zuge der Fl\u00fcchtlingsdiskussion ist eine Versch\u00e4rfung ihrer Freund-Feind-Rhetorik festzustellen, die sich auch in den sozialen Netzwerken niederschl\u00e4gt. Die Neonazi-Szene schafft es nicht, eigene gr\u00f6\u00dfere Aktivit\u00e4ten zu initiieren. Stattdessen stellt sie inzwischen das Mobilisierungspotenzial der Partei Die Rechte. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_neonazis RechtsextRemismus 101 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Rechtsterrorismus Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Im Zuge der Diskussion um die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen h\u00e4lt im Rechtsextremismus die 2016 begonnene Radikalisierung an, die sich in Widerstandsund B\u00fcrgerkriegsrhetorik ausdr\u00fcckt. Die Hemmschwellen in der Szene sinken und die Gewaltbereitschaft steigt. Damit steigt auch die Gefahr von rechtsterroristischen Aktivit\u00e4ten. Im Jahr 2016 stieg im Vergleich zu den beiden Vorjahren die Anzahl rechtsmotivierter Straftaten mit Waffenbezug bundesweit enorm an. W\u00e4hrend die Polizei 2013 359 solcher Straftaten registrierte, waren es 2014 547 und 2016 sogar 1.253. Dies schl\u00e4gt sich auch in schweren Straftaten nieder, mit denen die T\u00e4ter ein Fanal setzen wollen. So griff im Oktober 2015 ein Rechtsextremist die damalige K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeisterkandidatin Henriette Reker mit einem Messer an und verletzte sie und vier Wahlkampfhelfer zum Teil schwer. Mit dem Attentat auf Frau Reker wollte der T\u00e4ter ein Zeichen gegen die seiner Auffassung nach verfehlte Fl\u00fcchtlingspolitik setzen. Das Oberlandesgericht D\u00fcsseldorf verurteilte den Angeklagten am 1. Juli 2016 zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Eine weitere schwere Gewalttat war der Brandanschlag in der Nacht zum 3. Oktober 2016 auf eine bewohnte Fl\u00fcchtlingsunterkunft in Altena (Sauerland). Die beiden T\u00e4ter drangen nachts in das Haus ein und legten auf dem Dachboden mittels Benzin Feuer. Zudem rissen sie das Telefonkabel an der Au\u00dfenwand ab. Das Landgericht Hagen stellte im Urteil die fremdenfeindliche Motivation der beiden Angeklagten fest und verurteilte sie im September 2016 wegen schwerer Brandstiftung zu einer sechsbzw. f\u00fcnfj\u00e4hrigen Haftstrafe. Das Urteil ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig, weil die Verteidiger der Angeklagten Revision vor dem Bundesgerichtshof beantragt haben. Die mutma\u00dflichen T\u00e4ter von \u00dcbergriffen auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte stammen \u00fcberwiegend aus dem lokalen Umfeld und sind bislang meistens nicht durch rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten aufgefallen. Es handelt sich somit um einen neuen T\u00e4tertyp, der den Sicherheitsbeh\u00f6rden im Vorfeld gefahrenabwehrende Ma\u00dfnahmen erschwert. In einigen F\u00e4llen gibt es lokale rechtsextremistische Gruppen, die mehrfach Anschl\u00e4ge gegen Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte und politische Gegner durchf\u00fchrten (Freitaler Gruppe aus Sachsen, Nauener Gruppe aus Brandenburg) beziehungsweise diese planten (Bamberger Gruppe aus Bayern). Eine systematische, zentrale 102 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Steuerung fremdenfeindlicher \u00dcbergriffe durch rechtsextremistische Organisationen ist bislang nicht erkennbar. Die Sicherheitsbeh\u00f6rden orientieren sich bei der Verwendung des Begriffs Terrorismus am Straftatbestand der Bildung einer terroristischen Vereinigung (Art. 129a Strafgesetzbuch). Demnach handelt es sich bei Rechtsterrorismus um schwerwiegende rechtsextremistisch motivierte Gewaltdelikte, die im Rahmen eines nachhaltig gef\u00fchrten Kampfes durch arbeitsteilig organisierte und verdeckt operierende Gruppen planm\u00e4\u00dfig begangen werden. Am 6. Mai 2016 f\u00fchrte der Generalbundesanwalt (GBA) im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens gegen die Oldschool Society (OSS) wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung Durchsuchungsma\u00dfnahmen auch in Nordrhein-Westfalen durch. Dabei nahm die Polizei unter anderem den f\u00fcr Pressearbeit zust\u00e4ndigen F\u00fchrungsaktivisten der Gruppe in Bochum fest. Die Gruppe setzte sich zum Ziel, Anschl\u00e4ge gegen Moscheen und Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte zu ver\u00fcben. Sie diskutierte dabei Anschl\u00e4ge in Form von Brandoder Nagelbomben. Bei den Durchsuchungen stellten die Sicherheitsbeh\u00f6rden unter anderem pyrotechnische Gegenst\u00e4nde mit gro\u00dfer Sprengkraft sicher. Online-Bild der OSS RechtsextRemismus 103 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Teilnehmer beim \"Tag der Deutschen Zukunft\" in Dortmund 104 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Der Generalbundesanwalt hat am 23. Dezember 2015 vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts M\u00fcnchen gegen die vier Hauptbeschuldigten Anklage wegen der Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung erhoben. Dazu z\u00e4hlt auch der Bochumer Rechtsextremist. Nachdem die Anklage vom Gericht zugelassen wurde, begannen am 27. April 2016 die Verhandlungen, bei denen auch eine Mitarbeiterin des Verfassungsschutzes NRW als Zeugin aussagte, die sich 2015 mit der OSS befasste. Am 15. M\u00e4rz 2017 sprach der Strafsenat die vier Rechtsextremisten im Sinne der Anklage f\u00fcr schuldig. Gegen den Angeklagten aus Nordrhein-Westfalen verh\u00e4ngte das Gericht eine dreij\u00e4hrige Haftstrafe. Durchsuchungsund Festnahmema\u00dfnahmen hat die Bundesanwaltschaft am 19. April 2016 bei den Mitgliedern der mutma\u00dflich rechtsterroristischen Gruppe Freital durchf\u00fchren lassen. Die acht Beschuldigten sollen sp\u00e4testens ab Juli 2015 die rechtsterroristische Gruppe gegr\u00fcndet und unter anderem im September und Oktober 2015 drei Sprengstoffanschl\u00e4ge ver\u00fcbt haben. Die Anschl\u00e4ge richteten sich gegen zwei bewohnte Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte sowie ein alternatives Wohnprojekt. Das Oberlandesgericht Dresden hat die Anklage des Generalbundesanwalts am 16. Januar 2017 zugelassen. Die Verhandlung begann am 7. M\u00e4rz 2017. Ein weiteres Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwalts wegen der Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung f\u00fchrte am 25. Januar 2017 zur Durchsuchung von zw\u00f6lf Wohnungen in sechs Bundesl\u00e4ndern. Dem Kern der Gruppe werden sechs Personen zugerechnet. Die Gruppierung soll seit Fr\u00fchjahr 2016 Planungen begonnen haben, bewaffnete Angriffe auf Fl\u00fcchtlinge, Juden und Polizisten zu begehen. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der von rechtsextremistischen Organisationen gesch\u00fcrte Hass gegen Migranten, Muslime, Juden und Vertreter des politischen Systems veranlasst und best\u00e4rkt Personen, schwere Gewalttaten zu begehen. Auch wenn aktuell in Nordrhein-Westfalen keine konkreten Erkenntnisse zu bestehenden rechtsterroristischen Strukturen im Sinne des Strafrechts vorliegen, ist nicht ausschlie\u00dfen, dass sich rechtsterroristische Gruppen bilden. Diesbez\u00fcglich bleiben die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden besonders wachsam. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_rechtsterrorismus RechtsextRemismus 105 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Subkulturell gepr\u00e4gter Rechtsextremismus Gr\u00fcndung / Bestehen seit Ende der 1960er Jahre in Gro\u00dfbritannien; seit circa Ende der 1970er Jahre in anderen europ\u00e4ischen Staaten Struktur / Repr\u00e4sentanz In der Regel keine festen Strukturen; eine Ausnahme bilden die Hammerskins mit einem festen hierarchischen Aufbau Mitglieder / Anh\u00e4nger / 1.350 Anh\u00e4nger Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: sogenannte Fanzines mit Artikeln zur \u00fcberwiegend subkulturell gepr\u00e4gten Skinhead-Musik-Szene, Interviews und Konzertberichte; CD-Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote: Bekanntmachungen von Konzerten \u00fcber bestimmte Foren; Ver\u00f6ffentlichungen von Videos \u00fcber Soziale Medien Kurzportrait / Ziele Der subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremismus definiert sich haupts\u00e4chlich \u00fcber eine spezifische Musik und den damit zusammenh\u00e4ngenden Lebensstil. Es geht darum, eine Erlebniswelt mit gemeinsamen Freizeitaktivit\u00e4ten wie Musikveranstaltungen zu schaffen, in der die Ideologie nur eine nachrangige Rolle spielt. Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremisten vertreten oftmals rassistische, fremdenfeindliche, nationalistische und antisemitische Positionen. Zudem bef\u00fcrworten sie Gewalt gegen als minderwertig angesehene Menschen. Rechtsextremistische Skinheads bilden immer noch die wichtigste Subkultur im Rechtsextremismus. \u00c4u\u00dferlichkeiten wie Dresscode oder Haarschnitt lassen heutzutage kaum noch eine eindeutige Zuordnung zur rechtsextremistischen Skinhead-Szene zu. Einerseits gibt es weitgehend unpolitische Jugendliche, die ein vermeintlich Skinhead-typisches Aussehen zeigen, ohne dem rechtsextremistischen Teil der Szene anzugeh\u00f6ren. Andererseits verlieren die altbekannten Erscheinungsbilder seit einigen Jahren immer mehr an Bedeutung. Insbesondere f\u00fcr den rechtsextremistischen Teil der Skinhead106 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Szene ist es im Alltag einfacher, nicht durch offensichtliches Tragen von einschl\u00e4gig bekannten Zeichen oder Haarschnitten eine politische Zuordnung zu erm\u00f6glichen. Finanzierung Rechtsextremistische Bands versuchen sich \u00fcber Verk\u00e4ufe von CDund Merchandise-Artikeln sowie \u00fcber die Organisation und Durchf\u00fchrung von Musikveranstaltungen zu finanzieren. Oftmals erzielen sie jedoch maximal eine kostendeckende Durchf\u00fchrung von Konzerten. Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremisten vertreten rassistische, fremdenfeindliche, nationalistische und antisemitische Positionen gepaart mit einem hohen Gewaltpotential. Musik spielt hier eine herausragende Rolle zur Selbstvergewisserung, Politisierung und Rekrutierung der Szene. Deswegen gilt ein besonderes Interesse Bands, CDs und Konzerten. Gerade rechtsextremistische Musikveranstaltungen gehen oftmals mit menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Liedtexten sowie offenen Bekenntnissen zum Nationalsozialismus, wie dem Zeigen des \"Hitler-Gru\u00dfes\", einher. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die wichtigsten international t\u00e4tigen Skinhead-Organisationen, die Konzerte veranstalten, sind Blood and Honour und die Hammerskins. W\u00e4hrend sie fr\u00fcher miteinander konkurrierten, haben sie sich in den letzten Jahren zunehmend angen\u00e4hert und kooperieren punktuell bei Veranstaltungen miteinander. In Deutschland ist zudem seit 2013 eine Combat 18-Gruppierung aktiv, der auch Mitglieder aus Nordrhein-Westfalen angeh\u00f6ren. International ist Combat 18 eng mit dem Blood and Honour Netzwerk verbunden. Mehrere Personen, die Combat 18 in Deutschland, Gro\u00dfbritannien und den Niederlanden zugerechnet werden, traten am 4. Juni 2016 in Dortmund beim sogenannten \"Tag der deutschen Zukunft\" sowie am 8. Oktober 2016 in Dortmund bei der Veranstaltung \"Gemeinsam stark Deutschland\" gemeinsam \u00f6ffentlich auf. Rechtsextremistische Musik hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten in verschiedene Musikstile ausdifferenziert. Zu den g\u00e4ngigsten Stilrichtungen z\u00e4hlen \"Rechtsrock\", der seinen Ursprung in der Skinhead-Szene hat, Balladen, \"National Socialist Black Metal\" und der in letzter Zeit aufgekommene \"Nationale Rap\". Weiterhin bleibt dabei \"Skinheadoder Rechtsrock\" die bedeutendste Stilrichtung. Diese zeichnet sich durch hart gespielte Gitarrenakkorde, lauten - nahezu geschrienen - Gesang und eine aggressive Grundstimmung aus. RechtsextRemismus 107 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","T-Shirt-Aufdrucke rechtsextremistischer Bands 108 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Aus Nordrhein-Westfalen sind unter anderem die Bands Oidoxie, Sleipnir, Division Germania, Sturmwehr und Smart Violence seit mehreren Jahren aktiv und verf\u00fcgen \u00fcber eine \u00fcberregionale Szeneprominenz im Bereich Rechtsrock. Mit Makss Damage stammt einer der bekanntesten \"Nationalistischen Rapper\" aus Nordrhein-Westfalen. Auch rechtsextremistische Bands hetzten mit ihrer Musik offen gegen Fl\u00fcchtlinge. So ver\u00f6ffentlichte die in der Szene popul\u00e4re Band Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten 2016 eine CD mit dem Titel \"Willkommen liebe M\u00f6rder\" und bezog sich damit auf Fl\u00fcchtlinge. Auch in den Texten stellt sie Fl\u00fcchtlinge pauschal als Kriminelle dar, die den Einheimischen allesamt nach dem Leben trachten w\u00fcrden. So hei\u00dft es in einem Lied auf der genannten CD, die im Januar 2017 von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien indiziert wurde: \"Wie viele Terroristen ham wir schon im Land Wie viele sind hier einmarschiert Wie viele von den M\u00f6rdern leben mitten unter uns Einfach so und unregistriert Wie viele Attent\u00e4ter lassen sie noch immer rein\" Um Sicherheitsund Ordnungsbeh\u00f6rden keine Gelegenheit zu geben, Konzerte zu verbieten oder einzuschr\u00e4nken, organisieren die Veranstalter die Konzerte konspirativ. Diese Vorgehensweise dient der Szene auch als Erkennungsmerkmal und weckt die Neugier und Abenteuerlust. Den Reiz der Veranstaltungen machen - neben der Musik - das Treffen Gleichgesinnter, der Konsum von Alkohol und das Zeigen rechtsextremistischer Symbolik sowie Slogans aus. Der besondere Reiz, gerade f\u00fcr jugendliche Teilnehmer, die \u00fcber Konzerte in die Szene eingef\u00fchrt werden, liegt \u00fcblicherweise darin, etwas Verbotenes oder sozial Unerw\u00fcnschtes zu erleben. Dar\u00fcber hinaus besteht auf den Konzerten die Gelegenheit, CDs und sonstige MerchandiseArtikel k\u00e4uflich zu erwerben, gelegentlich sogar indizierte Artikel. Im Unterschied zu den vorwiegend rocklastigen, gr\u00f6\u00dferen Konzerten dienen Balladenoder Liederabende dazu, einen eher kleineren Teilnehmerkreis anzusprechen. Dabei spielt meistens ein S\u00e4nger mit Gitarre \u00fcberwiegend ruhige St\u00fccke. Derartige Veranstaltungen werden oftmals von Parteiverb\u00e4nden oder Freien Kameradschaften mit dem Ziel organisiert, das Gemeinschaftsgef\u00fchl zu st\u00e4rken. Hinsichtlich des konspirativen Vorgehens bei der Organisation von Konzerten sind f\u00fcr das Jahr 2016 drei Veranstaltungen bemerkenswert: So war f\u00fcr den 15. Oktober 2016 ein Konzert im s\u00fcddeutschen Raum mit den rechtsextremistischen Bands Stahlgewitter, Confident of Victory, Frontalkraft und Amok angek\u00fcndigt. Tats\u00e4chlich f\u00fchrten die Organisatoren allerdings die Veranstaltung in einem kleinen Ort in der Schweiz durch. Auch Makss Damage aus Nordrhein-Westfalen trat bei dem Konzert auf. In der angemieteten Halle fanden sich dabei rund 5.000 Besucher ein und verfolgten eines der gr\u00f6\u00dften Konzerte der rechtsextremistischen Szene in Europa der letzten Jahre. RechtsextRemismus 109 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ein weiteres Beispiel f\u00fcr das konspirative Verhalten der Organisatoren stellt das Konzert am 5. November 2016 unter dem Motto \"Lichtbringer - Modern Voices of European Resistance\" dar. Das Konzert, bei dem die Szenebands Flak, Frontalkraft und Brainwash auftraten, sollte laut Werbeflyer \"Tief im Westen des Reichs\" stattfinden. Im Vorfeld des Konzertes wurde den Besuchern via Facebook geraten, ein Mobiltelefon dabei zu haben, welches auch im Ausland funktioniert. Dar\u00fcber hinaus wurden ebenfalls via Facebook Fotos verbreitet, die auf einen Veranstaltungsort in Belgien schlie\u00dfen lassen sollten. Den Vorabtreffpunkt f\u00fcr das Konzert legten die Organisatoren dann auch tats\u00e4chlich nach Belgien. Von dort aus ging es dann jedoch zur\u00fcck nach Deutschland. Das Konzert fand in einer B\u00fcrgerhalle in Heinsberg mit circa 200 bis 300 Besuchern statt. In den letzten Jahren hatte sich im Bereich der nordrhein-westf\u00e4lischen rechtsextremistischen Musikszene die Praxis eingeb\u00fcrgert, den Vorabtreffpunkt f\u00fcr Konzerte in Deutschland abzuhalten und anschlie\u00dfend die Konzerte im angrenzenden europ\u00e4ischen Ausland durchzuf\u00fchren, da rechtsextremistische Musikveranstaltungen in den meisten Nachbarstaaten nicht untersagt oder verboten werden. Auch bei der f\u00fcr den 12. November 2016 angek\u00fcndigten Veranstaltung \"Skins in town\" mit den Bands Kraft durch Froide, Endstufe, I.C.1 und Last Riot, agierten die Veranstalter im Geheimen. Sie bewarben die Veranstaltung mit dem Slogan \"Live in Ostwestfalen\". Tats\u00e4chlich versuchten sie die Veranstaltung aber in Diemelstadt (Hessen) durchzuf\u00fchren. Durch die l\u00e4nder\u00fcbergreifende Zusammenarbeit nordrhein-westf\u00e4lischer und hessischer Sicherheitsbeh\u00f6rden konnte man die \u00d6rtlichkeit identifizieren und das Konzert verhindern. Im Jahr 2016 wurden in Nordrhein-Westfalen insgesamt f\u00fcnf Konzerte, neun Liederbeziehungsweise Balladenabende und dreizehn sonstige rechtsextremistische Veranstaltungen mit Livemusik festgestellt. Zu den sonstigen Veranstaltungen z\u00e4hlen zum Beispiel parteiinterne Feste oder Geburtstagsfeiern, bei denen Musik Teil der Veranstaltung ist. Die Anzahl der festgestellten Musikveranstaltungen hat sich im Vergleich zum Vorjahr von 14 auf 27 deutlich erh\u00f6ht. Als Veranstalter fungierten dabei Parteiverb\u00e4nde und in vielen F\u00e4llen Privatpersonen. In der Regel nahmen nicht mehr als 100 Personen teil. Rechtsextremistische Tontr\u00e4ger und Devotionalien werden auf vielf\u00e4ltige Weise vertrieben. Neben Verkaufsst\u00e4nden bei Veranstaltungen und Szenel\u00e4den erfolgt der Handel \u00fcberwiegend \u00fcber das Internet. Wirtschaftliche Interessen sind nach wie vor eine wichtige Motivation bei der Vermarktung von rechtsextremistischer Musik und Szene-Artikeln. Viele Inhaber rechtsextremistischer Musik-Vertriebe bestreiten ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Szene-Produkten oder betrachten den Handel als einen lukrativen Nebenverdienst. Einige Vertriebe geben an, die Szene mit einem Teil ihrer Verkaufserl\u00f6se zu unterst\u00fctzen. Sie stellen sich so als integraler Bestandteil der Szene dar und vermitteln K\u00e4ufern das Gef\u00fchl, mit ihrem Kauf gleichzeitig die Bewegung zu unterst\u00fctzen. Die Selbstdarstellung als F\u00f6rderer der Szene wird dabei getragen von der Hoffnung auf erh\u00f6hte Absatzzahlen und einem kommerziellen Erfolg. 110 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Bewertung, Tendenzen, Ausblick Subkulturen unterliegen einem st\u00e4ndigen Wandel. Die rechtsextremistische Skinhead-Szene befindet sich seit Jahren im Abschwung. Sie gilt bei immer mehr Jugendlichen als \u00fcberholte und unattraktive Jugendkultur, so dass der Nachwuchs ausbleibt. Zudem verlassen immer wieder \u00e4ltere Protagonisten die Skinhead-Szene. Sie legen dann zwar nicht umgehend ihre rechtsextremistischen Einstellungen ab, dennoch verliert die Skinhead-Szene dadurch an Gr\u00f6\u00dfe und innerem Zusammenhalt. Daf\u00fcr spricht auch die seit mehreren Jahren festzustellende Organisationsschw\u00e4che. Allein gelegentliche Konzerte in Nordrhein-Westfalen und angrenzenden L\u00e4ndern beziehungsweise im angrenzenden Ausland schaffen vereinzelt Events, bei denen sich die Szene ihrer selbst vergewissert. Rechtsextremistische Musik ist zum einen ein Ausdrucksmittel einer Subkultur, die sich f\u00fcr Menschenverachtung und Demokratiefeindschaft ausspricht. Zum anderen ist sie ein effektives Mittel rechtsextremistischer Strategen, ihre Propaganda Jugendlichen und jungen Erwachsenen nahe zu bringen. Daneben handelt es sich bei rechtsextremistischer Musik um ein kommerzielles Gesch\u00e4ft, an dem Bands, Konzertveranstalter und Vertriebe verdienen. Mit der Modernisierung der Erscheinungsformen des Rechtsextremismus hat sich auch deren Musik gewandelt. Die Vielfalt an Musikstilen hat zugenommen. Dies beinhaltete sogar ideologisch widerspr\u00fcchlich erscheinende Entwicklungen wie \"Nationaler Rap\". Auch eine vielf\u00e4ltige Cover-\u00c4sthetik und die Selbstinszenierung der Musiker spielen heute eine Rolle. Durch die digitale Revolution der letzten 20 Jahre haben sich die Vertriebsbedingungen f\u00fcr rechtsextremistische Musikst\u00fccke enorm verbessert, so dass es nun m\u00f6glich ist, nahezu immer und \u00fcberall solche Musik downzuloaden. Eine in Nordrhein-Westfalen neuere Strategie praktiziert die Partei Die Rechte. Diese versucht den Parteistatus zu nutzen, um erlebnisorientierte Veranstaltungen inklusive Konzerten oder Balladenabende zu veranstalten. Hierbei verbindet sie gemeinschaftliches Freizeitangebot und politische Indoktrination miteinander, um m\u00f6glichst viele Interessenten anzusprechen und zur Teilnahme zu animieren. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_subkrex RechtsextRemismus 111 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter (Reichsb\u00fcrgerbewegung) Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1985 (Gr\u00fcndung der ersten Reichsb\u00fcrgergruppierung Kommissarischen Reichsregierung KRR in Berlin) Struktur / Repr\u00e4sentanz Die heterogene Szene der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter besteht aus einer Vielzahl von Kleingruppierungen, die zum Teil miteinander kooperieren, zum Teil aber sich auch scharf voneinander abgrenzen. Neben kleinen, sektenartigen Gruppen mit hohem Organisationsgrad gibt es ebenso lose strukturierte Gruppierungen sowie Einzelpersonen, die nur im Internet aktiv sind oder sich an Beh\u00f6rden wenden. Die Szene unterliegt einem steten Wandel. Mitglieder / Anh\u00e4nger / rund 2.000 Anh\u00e4nger (bis Ende 2016 waren 300 Anh\u00e4nger Unterst\u00fctzer 2016 identifiziert) Bei der Mehrzahl der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter in Nordrhein-Westfalen ist keine feste Organisationsbindung erkennbar. Es handelt sich \u00fcberwiegend um Einzelpersonen sowie Angeh\u00f6rige loser \u00f6rtlicher Szenen. Mit der weiteren Aufkl\u00e4rung der Szene durch die Beh\u00f6rden, die Identifikation von Anh\u00e4ngern und weil die Szene nach wie vor Zulauf erh\u00e4lt, wird die Anzahl noch weiter steigen. Ver\u00f6ffentlichungen Die einzelnen Gruppierungen verf\u00fcgen meist \u00fcber einen eigenen Internetauftritt, wo umfangreiche Schrifts\u00e4tze zum Download angeboten werden. Angeschlossen sind h\u00e4ufig entsprechende Diskussionsplattformen. Kurzportrait / Ziele Inhaltlicher Konsens in der organisatorisch zersplitterten Reichsb\u00fcrgerbewegung sind die Behauptungen, dass erstens das Deutsche Reich in den Grenzen der 1930er Jahre weiterhin existiere und dass zweitens der Bundesrepublik die rechtliche Legitimation fehle. Die Bundesrepublik sei deshalb nur eine GmbH und die Beh\u00f6rden seien nur \"Scheinbeh\u00f6rden\". Teilweise stellen sie auch die Behauptung auf, dass eine kommissarische 112 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Reichsregierung die Staatsgewalt aus\u00fcben w\u00fcrde, und leiten daraus hoheitliche Befugnisse ab. Die Selbstverwalter sind ein Sonderfall. Sie berufen sich auf ein selbst definiertes Naturrecht, wonach sie als Individuen staatliche Hoheitsrechte bes\u00e4\u00dfen und sich in G\u00e4nze als au\u00dferhalb der Rechtsordnung stehend betrachten. Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter sind Gruppierungen und Einzelpersonen, die aus unterschiedlichen Motiven und mit unterschiedlichen Begr\u00fcndungen die Existenz der Bundesrepublik Deutschland bestreiten beziehungsweise deren Rechtsordnung ablehnen. Diese Auffassung hat zur Folge, dass Reichsb\u00fcrger den demokratisch gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten die Legitimation absprechen und Verst\u00f6\u00dfe gegen die Rechtsordnung begehen. \u00dcberdies Publikation von Reichsb\u00fcrgern sind die Anh\u00e4nger der \u00dcberzeugung, nach einem erkl\u00e4rten Austritt aus der angeblichen GmbH auch nicht weiter an bestehende Gesetze gebunden zu sein. Teile der Reichsb\u00fcrger-Szene \u00fcberschneiden sich mit der rechtsextremistischen Szene und vertreten rechtsextremistische Argumentationsmuster. So bezeichnet sich die Germaniten Partei aus Vlotho beispielsweise als \"Arische Partei\" und verbreitet antisemitische Verschw\u00f6rungstheorien. Einige bekannte Rechtsextremisten, wie etwa Horst Mahler, versuchten in der Vergangenheit, die Reichsb\u00fcrgerbewegung zu beeinflussen und gr\u00fcndeten eigene Gruppen. Die Szene der Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter l\u00e4sst sich idealtypisch in drei Motivgruppen unterteilen: erstens Rechtsextremisten, zweitens Verschw\u00f6rungstheoretiker und drittens Personen, die sich finanziellen Verpflichtungen gegen\u00fcber dem Staat entziehen m\u00f6chten. Im jeweiligen Einzelfall k\u00f6nnen sich die Motive unterschiedlich mischen. Etliche Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter haben sich der Szene innerhalb einer Lebenskrise zugewandt. Zudem handelt es sich bei der Reichsb\u00fcrger-Szene um ein Agitationsfeld von Personen mit psychisch auff\u00e4lligen Verhaltensmustern. Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter werden als Bestrebung mit erheblichem Gewaltpotenzial eingesch\u00e4tzt. Besorgniserregend sind Gewaltdelikte und ein teilweise gro\u00dfer Waffenbesitz in der RechtsextRemismus 113 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Szene. Gerichte, Polizei und Beh\u00f6rden werden zunehmend in ihrer Arbeitsweise behindert und deren Mitarbeiter eingesch\u00fcchtert und bedroht. Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter sind verfassungsfeindlich, da ihre Aktivit\u00e4ten sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Zu diesen Aktivit\u00e4ten geh\u00f6ren unter anderem das Nichtanerkennen von Steuern und beh\u00f6rdlichen Bescheiden sowie das vermeintliche Errichten eigener \"Staaten\". Gerichten und Beh\u00f6rden gegen\u00fcber treten sie durch eine latent - mitunter auch offen - aggressive Verhaltensweise in Erscheinung. Dar\u00fcber hinaus bestehen Schnittmengen mit der rechtsextremistischen Szene. Als gemeinsames ideologisches Fundament erweist sich ein gebietsund geschichtsrevisionistisches Weltbild. Die fundamentale Ablehnung der Bundesrepublik Deutschland, ihrer Gesetze und Institutionen bietet hinreichend tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine verfassungsfeindliche Ausrichtung, auch wenn diese Bestrebungen nur zum Teil einen eindeutig rechtsextremistischen Hintergrund haben. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die fortw\u00e4hrende organisatorische Neuorientierung der Szene schlug sich in Nordrhein-Westfalen vor allem im Freistaat Preu\u00dfen mit Sitz in Bonn nieder. Im August 2016 zerfiel dieser nach einem Streit in zwei Gruppen, die sich gegenseitig die Berechtigung absprachen, den Freistaat Preu\u00dfen zu vertreten. Nunmehr gibt es die neue Organisation Deutsches Reich - Freistaat Preu\u00dfen und weiterhin die alte Organisation Freistaat Preu\u00dfen. In einem Schreiben an den Pr\u00e4sidenten der Russischen F\u00f6deration und den Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika informierte die neue Regierung von Deutsches Reich - Freistaat Preu\u00dfen, dass die bisherigen Vertreter wegen Hochverrats \"entstallt in allen Funktionen\" wurden. \"Hoheitliche Befugnisse\" Einige Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter stellen die Behauptung auf, dass eine kommissarische Reichsregierung die Staatsgewalt aus\u00fcben w\u00fcrde und leiten daraus hoheitliche Befugnisse f\u00fcr sich ab. Mitunter suggerieren sie, eigene Staaten zu bilden, f\u00fcr die sie eigene \"Hoheitsgebiete\" durch Fahnen oder \u00e4hnliche Symbole ausweisen, eine eigene W\u00e4hrung einf\u00fchren oder eigene P\u00e4sse verwenden. Im Internet bietet eine Deutsche Reichsdruckerei aus Kaarst unter Berufung auf pseudojuristische Argumentationsmuster sogenannte \"echte staatliche Reichsdokumente\" wie einen \"Reichspersonenausweis\" oder eine \"Reichs-Fahrerlaubnis\" an. In dem Selbstverst\u00e4ndnis, einen eigenen Staat zu bilden, schreiben Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter auch ausl\u00e4ndische Botschaften an und ersuchen diplomatische Beziehungen aufzunehmen. 114 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Der Freistaat Preu\u00dfen stellt sogenannte \"BestallungsUrkunden\" und eigene \"Steuerbescheide\" aus Die Deutsche Reichsdruckerei aus Kaarst bietet unter anderem eine \"ReichsFahrerlaubnis\" an RechtsextRemismus 115 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Gelegentlich werden eigene KFZ-Kennzeichen genutzt, deren Verwendung auf \u00f6ffentlichen Stra\u00dfen eine Straftat, Urkundenf\u00e4lschung, darstellt. So hielt die Polizei im September 2016 in Neunkirchen-Seelscheid ein Fahrzeug an, das mit einem Kennzeichen des Freistaats Preu\u00dfen fuhr, und stellte den nicht zugelassenen Wagen sicher. Beh\u00f6rden besch\u00e4ftigen Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter besch\u00e4ftigen die Beh\u00f6rden mit obskuren Anliegen. Insbesondere fordern sie von Passund Melde\u00e4mtern nicht amtliche Dokumente oder verlangen eine Ausb\u00fcrgerung. Zuweilen begehren sie beh\u00f6rdliche Beglaubigungen selbst verfasster \"Erkl\u00e4rungen unter Eid\", in denen sie zum Beispiel die Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919 (\"Weimarer Reichsverfassung\") oder - als preu\u00dfischer Staatsb\u00fcrger - die Verfassung des Freistaats Preu\u00dfen vom 30. November 1920 annehmen. Reichsb\u00fcrger beantragen den Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis, auch \"gelber Schein\" genannt, weil sie glauben, damit w\u00fcrde ihre \"richtige\" Staatsangeh\u00f6rigkeit festgestellt 116 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Oftmals verlangen sie von Kommunen auch den sogenannten \"gelben Schein\": der Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis, ein amtliches Dokument der Bundesrepublik Deutschland, mit dem der Besitz der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit dokumentiert wird und das nur in seltenen F\u00e4llen als ein \u00fcber den Personalausweis hinausgehender Beleg der deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft ben\u00f6tigt wird. In der Reichsb\u00fcrger-Szene kursiert hingegen die Behauptung, das Reichsund Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz in seiner Fassung vom 22. Juli 1913 sei unver\u00e4ndert g\u00fcltig. Daher m\u00fcsse man, um der Staatenlosigkeit und dem damit einhergehenden \"Sklavenstatus\" zu entkommen, nach den damaligen Gesetzen einen Staatsangeh\u00f6rigkeitsausweis beantragen. Auch Vollziehungsbeamte sind vielfach von Reichsb\u00fcrger-Aktivit\u00e4ten betroffen. Oftmals geht es den Reichsb\u00fcrgern und Selbstverwaltern mit dem Verweis auf die Nicht-Existenz der Bundesrepublik Deutschland darum, Zahlungen zu verweigern oder Zwangsvollstreckungen zu verhindern. Letztlich verfolgen Reichsb\u00fcrger mit diesen Aktivit\u00e4ten das Ziel, Verwirrung zu stiften und Beh\u00f6rdenmitarbeiter einzusch\u00fcchtern, um staatliche Stellen vom rechtlich gebotenen Handeln abzulenken. Etliche Reichsb\u00fcrger-Organisationen best\u00e4rken und mobilisieren ihre Anh\u00e4nger und Sympathisanten zu renitentem Verhalten gegen\u00fcber den Beh\u00f6rden. Insbesondere finden sich auf zahlreichen Webseiten Musterschreiben an Beh\u00f6rden, in denen die Nutzer nur noch den Absender und den Empf\u00e4nger eintragen m\u00fcssen. Einige Organisationen bieten dar\u00fcber hinaus Interessenten \"Weiterbildungsma\u00dfnahmen\" an, mit denen sie ihre Anh\u00e4nger f\u00fcr die Auseinandersetzung mit den Beh\u00f6rden bef\u00e4higen wollen. In Einzelf\u00e4llen findet auch eine diesbez\u00fcgliche Beratung statt. Dabei spielt die Justizopferhilfe L\u00f6hne in der Szene eine wichtige Rolle. Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter versuchen ebenso die Arbeit der Justizbeh\u00f6rden zu behindern, indem sie St\u00f6raktionen im Rahmen von Verhandlungsterminen initiieren. Dabei stellen sie die Identit\u00e4t der Justizmitarbeiter und die Legalit\u00e4t des Gerichts in Frage und versuchen die Durchf\u00fchrung der Verhandlung zu torpedieren. Bei einer Zwangsversteigerung im Oktober 2015 im Amtsgericht Oeynhausen versuchten rund 30 Personen aus dem Umfeld \"Justizopferhilfe L\u00f6hne\" zu st\u00f6ren, so dass die Polizei eingreifen musste und einige Reichsb\u00fcrger in Gewahrsam nahm. Die Justizopferhilfe L\u00f6hne vertreibt auf ihrer Webseite sogenannte Lehrhefte, in denen Scheinargumente geliefert werden, mit denen man die vermeintlich fehlende Legitimation der Richter entlarven k\u00f6nne. Politische \u00d6ffentlichkeit Klassische politische Beteiligungsformen nutzt die Reichsb\u00fcrger-Szene eher selten. Die Organisation \"staatenlos.info, die weitgehend identisch ist mit der nordrhein-westf\u00e4lischen Gruppierung Neue Ordnung Deutschland, hielt 2016 mehrfach vor dem K\u00f6lner Hauptbahnhof sogenannte Mahnwachen ab, an denen jedoch weniger als ein Dutzend Personen teilnahmen. RechtsextRemismus 117 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Gr\u00f6\u00dfere Bedeutung f\u00fcr die Szene hat indes das Internet, wo sie in zahllosen Facebook-Gruppen und auf YouTube-Kan\u00e4len ihre Thesen verbreitet. Gewalt und Einsch\u00fcchterung Im Umgang mit Beh\u00f6rden haben Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter eine perfide Form der Einsch\u00fcchterung von Beh\u00f6rdenangeh\u00f6rigen mit Hilfe frei erfundener Schadensersatzforderungen entwickelt, die als \"Malta-Masche\" bezeichnet wird. Dabei werden gegen Beh\u00f6rdenangeh\u00f6rige als Privatperson horrende finanzielle Forderungen geltend gemacht. Reichsb\u00fcrger melden diese Forderung in der Folge in einem US-amerikanischen Schuldnerregister an, ohne die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Forderung nachweisen zu m\u00fcssen. Die Forderungen werden ferner an Inkassounternehmen auf Malta abgetreten, die damit real vollstreckbare Schuldtitel vor maltesischen Gerichten erwirken, sollte der Betroffene sich nicht \u00fcber einen maltesischen Anwalt dagegen vor Ort wehren. Auch Vollziehungsbeamte und Polizisten aus Nordrhein-Westfalen sind von dieser Form der Einsch\u00fcchterung betroffen. Allerdings ist bislang kein Fall bekannt, in dem es zu einer Vollstreckung kam. Das Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen hat unter anderem den Kommunen Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der \"Malta-Masche\" gegeben. Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter versuchen staatliche Mitarbeiter von Kommunen, Justiz und Polizei bei Amtshandlungen zu filmen, zu fotografieren oder heimliche Tonaufnahmen zu fertigen. Etliche auf diese Weise entstandene Videos und Audios werden unerlaubt im Internet verbreitet. Dabei schneiden die Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter das Material oft so zurecht, dass die Beh\u00f6rdenmitarbeiter inkompetent oder \u00fcberfordert dargestellt werden. Diese Strategie zielt darauf ab, die Bediensteten einzusch\u00fcchtern und von ihrem Handeln abzuhalten. Dar\u00fcber hinaus fielen sogenannte Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter strafrechtlich durch passive Widerstandshandlungen bis hin zu K\u00f6rperverletzungsdelikten auf. Als im M\u00e4rz 2016 Haftbefehle gegen eine f\u00fchrende Aktivistin der Gruppierung der Germaniten in Bochum vollstreckt werden sollten, leistete diese gegen die Beamten Widerstand. Ein Reichsb\u00fcrger in Neuss bedrohte im Oktober 2016 Mitarbeiter des kommunalen Servicedienstes unter anderem damit, eine Waffe zu besitzen. Insbesondere bedrohen Reichsb\u00fcrger immer wieder Vollziehungsbeamte bei der Aus\u00fcbung ihrer hoheitlichen Aufgaben. Die Nicht-Anerkennung der Bundesrepublik ist bei manchen Reichsb\u00fcrgern und Selbstverwaltern mit der Nicht-Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols verbunden. So legen solche Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter Wert auf eigene Bewaffnung, um nach eigenem Gutd\u00fcnken f\u00fcr \"Sicherheit\" zu sorgen. Ende des Jahres 2014 versuchte eine Person in ihrer angeblichen Eigenschaft als \"Au\u00dfenminister der Provinz Westfalen des Freistaates Preu\u00dfen\" \u00fcber eine Firma in Luxemburg ein Sturmgewehr vom Typ AK 47 anzukaufen. Im Rahmen anschlie\u00dfender 118 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Durchsuchungen bei zwei Beschuldigten wurden zahlreiche Waffen beschlagnahmt. 2016 kam es in zwei F\u00e4llen zum Schusswaffengebrauch von Angeh\u00f6rigen der Reichsb\u00fcrger-Szene gegen Polizeibeamte in Sachsen-Anhalt und in Bayern. In Bayern starb ein Beamter durch die Sch\u00fcsse, drei weitere Beamte wurden verletzt. Diese schwersten Straftaten werden in Teilen der Reichsb\u00fcrger-Szene \u00f6ffentlich gebilligt. So verbreitete eine F\u00fchrungsperson aus D\u00fcsseldorf von Neue Ordnung Deutschland auf ihrem Facebook-Profil einen Spendenaufruf zugunsten des Reichsb\u00fcrgers aus Sachsen-Anhalt, der auf Polizisten schoss. In dem Aufruf hei\u00dft es: \"Adrian ist ein echter Patriot. Er hat es uns vorgemacht und uns aufgekl\u00e4rt, dass alles was hier abl\u00e4uft nicht auf rechtlichen F\u00fc\u00dfen steht. Adrian hat sich gegen das UNRECHT gewehrt und wurde niedergeschossen hat aber \u00fcberlebt.\" Bewertung, Tendenzen, Ausblick Seit 2014 werden auch in Nordrhein-Westfalen zunehmend Vorf\u00e4lle mit Reichsb\u00fcrgern und Selbstverwaltern bekannt. Die Szene besch\u00e4ftigt durch ihre Aktivit\u00e4ten intensiv die Beh\u00f6rden. Insbesondere sind die Kommunen betroffen. Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter verwirren mit ihren absurden Antr\u00e4gen Beh\u00f6rdenmitarbeiter und behindern durch renitentes Verhalten eine z\u00fcgige Abwicklung von Vorg\u00e4ngen. Oftmals versuchen sie zum Beispiel Vollzugsbeamte oder Mitarbeiter von B\u00fcrgerb\u00fcros einzusch\u00fcchtern oder zu bedrohen. Besonders problematisch ist die in der Szene verbreitete Waffenaffinit\u00e4t sowie die Bereitschaft, Gewaltdelikte zu begehen. Die zust\u00e4ndigen Waffenbeh\u00f6rden pr\u00fcfen deshalb bei jedem bekannt gewordenen Anh\u00e4nger der Reichsb\u00fcrgerszene in Nordrhein-Westfalen den Entzug von etwaigen Waffenerlaubnissen. Es muss davon ausgegangen werden, dass sich Aktionismus und Aggression in der Reichsb\u00fcrger-Szene weiter verst\u00e4rken und es zu Radikalisierungseffekten kommt. Vor diesem Hintergrund bewertet der Verfassungsschutz die Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter als Bestrebung mit erheblichem Gefahrenpotenzial. Die virale Verbreitung der Reichsb\u00fcrger-Ideen im Internet wird sich fortsetzen und weitere Sympathisanten zu entsprechenden Aktivit\u00e4ten mobilisieren. Andererseits d\u00fcrften die repressiven Ma\u00dfnahmen der Sicherheitsbeh\u00f6rden bei Straftaten, die Aufkl\u00e4rung \u00fcber Personen und Aktionen der Szene durch den Verfassungsschutz sowie konsequentes Vorgehen der kommunalen Beh\u00f6rden im Umgang mit Reichsb\u00fcrgern und Selbstverwaltern zugleich zur Eind\u00e4mmung des Ph\u00e4nomens beitragen. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz Web-Link: vs_rb RechtsextRemismus 119 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Rechtsextremismus im Internet Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Bedeutung Das Internet geh\u00f6rt heute zur Lebenswelt der meisten Menschen in Deutschland. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat sich das Medium zum wichtigsten rechtsextremistischen Propagandainstrument entwickelt. Rechtsextremisten greifen umgehend neue M\u00f6glichkeiten im Internet auf und verbreiten ihre Botschaften multimedial ansprechend. Insbesondere rechtsextremistische Organisationen erreichen auf diese Weise Sympathisanten, zu denen sie sonst nur schwer Zugang bekommen, und erh\u00f6hen die Reichweite ihrer Propaganda stark. Beispielsweise \"liken\" die Facebookseite der NPD Ende 2016 \u00fcber 188.000 Personenprofile - ein Vielfaches ihrer Mitgliederzahl, die bei lediglich rund 5.000 liegt. Auf vielen rechtsextremistischen Webseiten, Blogs und Facebookprofilen dominierte 2016 das Thema Kriminalit\u00e4t durch Migranten, insbesondere durch Fl\u00fcchtlinge und Muslime. Mit einer selektiven Auswahl von Berichten \u00fcber angebliche Straftaten von Angeh\u00f6rigen dieser Gruppen vermitteln die Betreiber der Medienkan\u00e4le den Eindruck, dass diese Gruppen besonders kriminell und brutal seien. Oftmals verlinkt man ausgew\u00e4hlte Artikel seri\u00f6ser Nachrichtenportale, um eine eigene Seriosit\u00e4t vorzut\u00e4uschen. Ziel ist es dabei mit einer verzerrten Darstellung Angst vor Migranten zu sch\u00fcren, sie pauschal negativ darzustellen und sie letztlich abzuwerten. In den vergangenen beiden Jahren hat die BePublikationen der Seite \"Sicherheit f\u00fcr Natiodeutung von Messenger-Diensten wie Whatsnalisten\" mit Sicherheitshinweisen 120 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","App oder Telegram f\u00fcr die interne Vernetzung der rechtsextremistischen Szene enorm zugenommen. Hier\u00fcber mobilisiert die Szene f\u00fcr Demonstrationen, k\u00fcndigt Konzerte an und kann sich kurzfristig zu Aktionen verabreden. Dabei bem\u00fchen sich die Aktivisten, bei ihrer Kommunikation auf verschl\u00fcsselte Messenger-Dienste zur\u00fcckzugreifen. So gibt auch die rechtsextremistische Webseite \"Sicherheit f\u00fcr Nationalisten\" zahlreiche Hinweise, wie man mit dem Smartphone im Geheimen kommuniziert. Fake News Falschmeldungen, auch Fake News oder Hoaxes genannt, setzen Rechtsextremisten gezielt ein, um die \u00f6ffentliche Meinung zu manipulieren. Dabei werden die verbreiteten Nachrichten komplett oder teilweise erfunden. Seit Ende 2015 nehmen vor allem Fake News zum Thema Fl\u00fcchtlinge zu. Dabei kn\u00fcpfen die Autoren an verbreitete Vorurteile und \u00c4ngste an. So kursierte im August 2016 zum Beispiel auf einschl\u00e4gigen Internetseiten die Falschmeldung, dass die Bundesregierung nachts Fl\u00fcchtlinge \u00fcber den Flughafen K\u00f6ln / Bonn ins Land lassen w\u00fcrde. Dies w\u00fcrde heimlich geschehen, um die Bev\u00f6lkerung zu t\u00e4uschen. Mit derartigen gef\u00e4lschten Informationen zielte der Urheber darauf ab, die - zum damaligen Zeitpunkt abgeflaute - Fl\u00fcchtlingsdiskussion erneut fremdenfeindlich anzufachen und der Regierung zu unterstellen, seine B\u00fcrger zu hintergehen und somit das demokratische System zu delegitimieren. Auch im Nachgang zu den \u00dcbergriffen in der Silvesternacht 2015 / 2016 am K\u00f6lner Hauptbahnhof wurden im Internet zahlreiche rechtsextremistisch motivierte Fake News lanciert. So fand ein gef\u00e4lschtes Schreiben der Kliniken der Stadt K\u00f6ln gro\u00dfe Verbreitung, in dem Patienten mit der Klinik angeblich vereinbarten, Stillschweigen \u00fcber die Behandlung aufgrund der an ihnen begangenen Straftaten zu bewahren. Auf diese Weise versuchten Rechtsextremisten verschw\u00f6rungstheoretisch zu suggerieren, dass \"die da oben\" Straftaten vertuschen wollten. Letztlich dienen solche Meldungen dazu, Ablehnung gegen\u00fcber dem demokratischen System und Angst vor Migranten hervorzurufen und zu best\u00e4rken. Hatespeech Im Zuge der Fl\u00fcchtlingsdiskussion verrohte im Internet zunehmend der Diskurs. Dies betraf insbesondere herabsetzende \u00c4u\u00dferungen \u00fcber Fl\u00fcchtlinge und Muslime. Ungeniert wurden dabei zutiefst menschenverachtende Positionen - oftmals unter dem echten Namen des Verfassers - verbreitet. Vor allem in Facebook-Gruppen werden derartige Posts verbreitet. Zugleich finden sich auf Youtube unter journalistischen Beitr\u00e4gen \u00fcber Straftaten von Migranten zahlreiche fremdenfeindliche und rassistische Kommentare. Neben den \u00f6ffentlichen Diskussionen wurden in 2016 vermehrt auch Personen, die sich in der Fl\u00fcchtlingsarbeit engagieren, per E-Mail oder auf ihren pers\u00f6nlichen Facebook-Profilen beRechtsextRemismus 121 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","schimpft und eingesch\u00fcchtert. Dazu z\u00e4hlten sowohl Mitarbeiter zivilgesellschaftlicher Organisationen als auch Politiker. So erhielt der Vorsitzende der Bocholter SPD mehrfach Hassmails, die Morddrohungen gegen ihn und seine Familie enthielten. Eine der Absenderadressen lautete Adolf.Hitler@Deutscher-Reichstag.de. Ende 2016 trat der Kommunalpolitiker wegen dieser Anfeindungen von seinem Parteiamt zur\u00fcck. Repressive Ma\u00dfnahmen Obgleich die Strafverfolgung von Volksverhetzungsdelikten im Internet oftmals schwierig ist, weil der T\u00e4ter leicht seine Spuren verwischen kann, gab es zuletzt einige Verurteilungen mit Signalwirkung. Beispielsweise verbreitete im Oktober 2015 ein rechtsmotivierter Internetnutzer in einer lokalen Facebook-Gruppe die erfundene Nachricht, dass Fl\u00fcchtlinge in Kleve f\u00fcnf M\u00e4dchen auf dem Nachhauseweg von der Schule vergewaltigt h\u00e4tten. Das Amtsgericht Duisburg verurteilte den Angeklagten im Juni 2016 wegen Volksverhetzung zu neun Monaten Haft. Die Strafe ist zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt. In den vergangenen Jahren war Altermedia Deutschland das wichtigste Internetportal der rechtsextremistischen Szene. Es diente als Vernetzungsplattform, Mobilisierungsseite und als Ort f\u00fcr Strategiedebatten. Dort wurden zahlreiche antisemitische, fremdenfeindliche, nationalistische Beitr\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht bis hin zu Gewaltaufrufen gegen in Deutschland lebende Migranten. Am 4. Januar 2016 verbot das Bundesinnenministerium Altermedia Deutschland nach dem Vereinsgesetz. Zudem erhob der Generalbundesanwalt im Dezember 2016 gegen die f\u00fcnf Betreiber Anklage wegen der Bildung einer rechtsextremistischen kriminellen Vereinigung. Eine der beiden Hauptbeschuldigten, die aus Bielefeld stammt und seit 2012 als Administratorin fungierte, wurde am 27. Januar 2016 zun\u00e4chst in Untersuchungshaft genommen. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Rechtsextremisten werden weiterhin neue Kommunikationsm\u00f6glichkeiten umgehend aufgreifen und f\u00fcr ihre Zwecke einsetzen. Repression ist diesbez\u00fcglich nur eine sehr begrenzt wirksame Strategie. Deswegen gilt es weiterhin, vor allem pr\u00e4ventiv die Medienkompetenz der B\u00fcrger zu f\u00f6rdern und demokratische \u00dcberzeugungen zu st\u00e4rken. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_rechtewww 122 RechtsextRemismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Linksextremismus Linksextremismus 123 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Linksextremismus 123 Im Fokus: Die Gewaltfrage im Linksextremismus ............................................................. 126 Zusammenschl\u00fcsse innerhalb der Partei DIE LINKE ......................................................... 130 Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ........................................................................... 134 Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) ........................................................................................................ 138 Autonome Linksextremisten ............................................................................................... 142 Linksextremistische Parteien, Organisationen und Gruppen stellen eine Gefahr f\u00fcr die demokratische Gesellschaft dar, weil sie sich zum Ziel gesetzt haben, die freiheitliche demokratische Grundordnung revolution\u00e4r zu \u00fcberwinden. Durch eine sozialistische, kommunistische oder anarchistische Gesellschaftsform soll eine vermeintlich herrschaftsfreie Ordnung herbeigef\u00fchrt werden. Linksextremistische Ideologien gehen von einem Prinzip menschlicher Gleichheit aus, das weit \u00fcber individuelle Freiheiten gestellt wird. Die meisten Linksextremisten verstehen sich zudem als Internationalisten und sehen in der Arbeiterklasse das \"historische revolution\u00e4re Subjekt\". Die linksautonome Szene in Nordrhein-Westfalen basierte auch im Jahr 2016 auf einer heterogenen, alternativen Mischszene. Die Szene ist insgesamt eher weniger ideologiefixiert als aktionsorientiert, wobei sich eine gemeinsame Ideologie aus fundamental-anarchistischen und kommunistischen Theoriefragmenten zusammensetzt. Der Mangel an verbindlicher Zielsetzung wird dabei \u00fcber das Erlebnis identit\u00e4tsstiftender, gemeinsamer politischer Protestaktivit\u00e4ten zu Themen wie Antifaschismus, Antirassismus, Antikapitalismus, Antigentrifizierung ausgeglichen. Gewalt stellt dabei ein grunds\u00e4tzlich akzeptiertes Mittel im Kampf gegen den Staat und andere politische Gegner dar. 124 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Diese Gewalt wird von vielen Linksextremisten in erster Linie als eine Form von ausgelebter Protestkultur verstanden. Die linksextremistische Szene akzeptiert den Einsatz von Gewalt insbesondere dann, wenn durch sie das eigene politische Anliegen mit gro\u00dfer medialer Wirkung in die \u00d6ffentlichkeit getragen wird. Gewaltanwendung ist zudem ein identit\u00e4tsstiftendes Merkmal der aktionsorientierten autonomen Szene. So finden im Umfeld der Tatbegehung - beispielsweise bei Auseinandersetzungen bei Demonstrationen - oftmals Solidarit\u00e4tseffekte statt, die entscheidend f\u00fcr einen ersten Einstieg in die Szene sind. Gewalt zeigt sich dann besonders h\u00e4ufig als Massenmilitanz sowie in Form von durch Kleingruppen ver\u00fcbten objektbezogenen Straftaten wie Sachbesch\u00e4digungen und Sabotageakten an Einrichtungen der \u00f6ffentlichen Infrastruktur. Gewaltanwendung erfolgt dabei h\u00e4ufig aus dem Schutz gro\u00dfer Gruppen heraus. Die Gewaltbereitschaft im Linksextremismus nahm in Nordrhein-Westfalen im Berichtszeitraum weiter erheblich zu. Ist die Anzahl linksextremistisch motivierter Straftaten gegen\u00fcber 2015 zwar r\u00fcckl\u00e4ufig, haben sich vor allem die Schwere der Gewalt und das gewaltbereite Personenpotenzial jedoch erh\u00f6ht. Die Versch\u00e4rfung der Gewalttaten bis hin zu Sabotageakten, die Inkaufnahme schwerster Verletzungen von Personen und die gesunkene Hemmschwelle belegen eine gravierende Entwicklung. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die gewaltbereite linksautonome Waldbesetzer-Szene im und am Hambacher Forst. Zu den Beobachtungsobjekten des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen z\u00e4hlen im Bereich Linksextremismus weiterhin die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD). Bislang blieben DKP und MLPD zwar wahlpolitisch bedeutungslos, k\u00fcndigten jedoch an, 2017 sowohl f\u00fcr die Landtagsals auch f\u00fcr die Bundestagswahlen antreten zu wollen. Des Weiteren stehen einzelne Zusammenschl\u00fcsse innerhalb der Partei DIE LINKE unter Beobachtung, w\u00e4hrend die Partei selbst vom Verfassungsschutz nicht beobachtet wird. Sie lie\u00df allerdings innerparteilich auch im Jahr 2016 Zusammenschl\u00fcsse zu und f\u00f6rdert teilweise solche, bei denen entweder Anhaltspunkte f\u00fcr eine linksextremistische Bestrebung vorliegen oder zumindest den Verdacht begr\u00fcnden. Linksextremismus 125 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Fokus: Die Gewaltfrage im Linksextremismus Gewalt wird von vielen Linksextremisten in erster Linie als eine Form von ausgelebter Protestkultur verstanden. Gewalt wird insbesondere dann akzeptiert, wenn sie geeignet ist, das eigene politische Anliegen mit gro\u00dfer medialer Breitenwirkung in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen. Zugleich sind Gewaltanwendungen ein identit\u00e4tsstiftendes Merkmal einer aktionsorientierten autonomen Szene. So finden gerade im Umfeld der Tatbegehung - wie etwa bei Auseinandersetzungen bei Demonstrationen - jene Solidarit\u00e4tseffekte statt, die entscheidend f\u00fcr den ersten Einstieg in die Szene sind. Gewalt wird dabei h\u00e4ufig durch oder aus dem Schutz gro\u00dfer Gruppen heraus ausge\u00fcbt. Doch auch durch Kleingruppen ver\u00fcbte objektbezogene Straftaten wie Sachbesch\u00e4digungen und Sabotageakte von \u00f6ffentlicher Infrastruktur sind \"Markenzeichen\" linksextremistischer Gewalt. Zur Begr\u00fcndung der Gewaltanwendung wird stets mit dem Konstrukt einer \"strukturellen Gewalt\", die nach Ansicht vieler Linksextremisten von Staat und Gesellschaft ausgeht, eine Umkehr des Gewaltbegriffs entwickelt. Gewalt gegen den politischen Gegner und die Polizei wird demnach als legitimes Mittel der Gegenwehr umdefiniert. Gewalt gegen Polizeibeamte gilt somit als legitimer Widerstand gegen \"Repressionsbeh\u00f6rden\". Eindeutige Statements zur Gewaltfrage werden bewusst vermieden, um die Gefahr einer Spaltung und damit einhergehender Schw\u00e4chung der Szene vorzubeugen. Mobilisierung gegen den G20-Gipfel Exemplarisch lie\u00df sich diese Entwicklung bei der ab Herbst 2016 laufenden Mobilisierungskampagnen der Szene gegen den G20-Gipfel im Juli dieses Jahres in Hamburg beobachten. Die Interventionistische Linke (IL) fungierte hierbei als bundesweiter linksextremistischer Zusammenschluss, der die ideologische Basisarbeit zur Vorbereitung von Protestaktionen koordinierte. Im Rahmen dieser \"Scharnierfunktion\" wurde der Anschluss an das nicht-gewaltaffine linke Lager gesucht. Die Vernetzung mit vorwiegend linksalternativen Organisationen scheiterte aber an der bewussten Vermeidung einer konkreten Stellungnahme der IL-Gruppen zur Frage der Gewaltanwendung. Die Vorstellung, mit gewaltbereiten Autonomen zusammen zu arbeiten und bei Ausschreitungen m\u00f6glicherweise instrumentalisiert zu werden, wirkte auf viele zivildemokratische Gruppen abschreckend. Dass diese Sorge nicht unbegr\u00fcndet war, zeigen die heftigen 126 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","gewaltsamen Ausschreitungen von Autonomen am Rande der Proteste gegen den G20-Gipfel. Aktuell wird im Nachgang zu den Hamburger Krawallen die Diskussion \u00fcber die Anwendung von Gewalt in der linksextremistischen Szene kontrovers gef\u00fchrt. Mobilisierung f\u00fcr Protestaktionen unter anderem zum G20Gipfel in Hamburg Linksxtremismus 127 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Sichergestellte Waffen der linksautonomen Szene im Hambacher Forst und ein zerst\u00f6rter Strommast 128 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Gewaltanwendung im Hambacher Forst In Nordrhein-Westfalen stellt sich im Hambacher Forst eine besondere Situation dar: In der Vergangenheit kam es mehrfach zu schweren gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen gewaltbereiter vermeintlicher Umweltsch\u00fctzer aus dem linksextremistischen Milieu auf das Personal der Firma Rheinbraun und anderen dort besch\u00e4ftigten Firmen. Bei den Angriffen wurden Steinw\u00fcrfe, aber auch mit Pr\u00e4zisionsschleudern verschossene Stahlschrauben und im Forst aufgestellte Fallen eingesetzt. Schwerste Verletzungen der attackierten Personen wurden dabei billigend in Kauf genommen. Die Hemmschwelle, Gewalt auch in Form von schweren K\u00f6rperverletzungsdelikten anzuwenden, ist bei linksautonomen Aktivisten in den letzten Jahren erkennbar gesunken. Gewalt gegen den politischen Gegner Bei Auseinandersetzungen von Linksextremisten mit tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen Protagonisten der rechten Szene kommt es ebenfalls wiederholt zu gewaltt\u00e4tigen Attacken. Insbesondere die Anti-Asyl-Agitation rechter Gruppierungen wie Pegida fordert gewaltbereite Linksextremisten heraus. So kam es im Juni 2016 bei dem von Rechtsextremisten veranstalteten \"Tag der deutschen Zukunft\" in Dortmund zu gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen, die sich letztlich, mangels direkter Konfrontation mit anwesenden Rechtsextremisten, gegen Einsatzkr\u00e4fte der Polizei richteten. Auch \u00dcbergriffe und gewaltt\u00e4tige Aktionen gegen Vertreter der Partei \"Alternative f\u00fcr Deutschland\" (AfD) verzeichnen eine starke Zunahme. Das Tatspektrum reicht hierbei von Sachbesch\u00e4digungen an Fahrzeugen und Geb\u00e4uden bis hin zu Drohungen und K\u00f6rperverletzungsdelikten gegen Parteimitglieder. Ausblick Ein hohes Aggressionspotential und die Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt sind - vor allem bei politischen Gro\u00dfereignissen - nach wie vor Merkmale der aktionsorientierten linksextremistischen Szene. Seit der Aufl\u00f6sung der linksterroristischen \"Roten Armee Fraktion (RAF)\" im Jahr 1998 ist jedoch keine Entwicklung erkennbar, die auf eine R\u00fcckkehr zum bewaffneten Kampf in Form von Terrorismus gegen den Staat schlie\u00dfen l\u00e4sst. Linksxtremismus 129 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Zusammenschl\u00fcsse innerhalb der Partei DIE LINKE Sitz / Verbreitung \"Antikapitalistische Linke (AKL)\" Sitz: Berlin marx21 Sitz: Berlin Unterst\u00fctzergruppe in Nordrhein-Westfalen: Duisburg Kommunistische Plattform (KPF) Sitz: Berlin Linksjugend ['solid] Bundesverband: Berlin Landesverband: D\u00fcsseldorf und Essen Gr\u00fcndung / Bestehen seit \"Antikapitalistische Linke (AKL)\": 2006 marx21: 2007 Kommunistische Plattform (KPF): 1995 Linksjugend ['solid]: 1999 Struktur / Repr\u00e4sentanz \"AKL\", marx21 und KPF sind Zusammenschl\u00fcsse beziehungsweise Teile der Partei DIE LINKE, die im Bundestag, in Landtagen und bundesweit in kommunalen Gremien vertreten ist. \"Antikapitalistische Linke (AKL)\": zun\u00e4chst Str\u00f6mung, seit 2013 anerkannter Zusammenschluss innerhalb der Partei DIE LINKE; sechs Bundessprecherinnen und ein L\u00e4nderrat, in dem Delegierte aus jedem Bundesland sowie die sympathisierenden Parteivorstandsmitglieder vertreten sind. marx21: trotzkistisches Netzwerk innerhalb des Zusammenschlusses \"Sozialistische Linke (SL)\" in der Partei DIE LINKE; lokale \"Unterst\u00fctzergruppen\" in den Bundesl\u00e4ndern. Kommunistische Plattform (KPF): offen t\u00e4tiger Zusammenschluss von Kommunistinnen und Kommunisten in der Partei DIE LINKE. Linksjugend ['solid]: Jugendorganisation der Partei DIE LINKE mit Bundesgesch\u00e4ftsstelle, sechs Bundessprechern und 16 Landesverb\u00e4nden. 130 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Mitglieder / Anh\u00e4nger / \"Antikapitalistische Linke (AKL)\": Bund: circa 840 Unterst\u00fctzer 2016 marx21: nicht bekannt Kommunistische Plattform (KPF): circa 1.200 Linksjugend ['solid]: Bund: 3.150 aktiv / \u00fcber 10.000 passiv Ver\u00f6ffentlichungen marx21: f\u00fcnfmal j\u00e4hrlich erscheinendes Magazin \"marx21\" Kommunistische Plattform (KPF): \"Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Partei DIE LINKE\" (monatlich) Linksjugend ['solid]:regelm\u00e4\u00dfige Berichterstattung der Tageszeitung \"junge Welt (jW)\" \u00fcber die politischen Str\u00f6mungen innerhalb der Partei DIE LINKE. Web-Angebote zum Teil mit L\u00e4nderbezug: \"Antikapitalistische Linke (AKL)\": antikapitalistische-linke.de marx21: marx21.de, facebook.com/marx21NRW sowie das Magazin \"marx21\" (f\u00fcnfmal j\u00e4hrlich) Kommunistische Plattform (KPF): facebook. com/1490465864598377, die-linke.de/partei/zusammenschluesse/ kommunistische-plattform-der-partei-die-linke Linksjugend ['solid]: Bund: linksjugend-solid.de; NRW: linksjugend-solid-nrw.de, facebook.com/ljs.nrw , twitter.com/ Linksjugendnrw und flickr.com/people/103039194@N07/ Kurzportrait / Ziele Gemeinsam ist - in unterschiedlicher dogmatischer Sch\u00e4rfe - den genannten Zusammenschl\u00fcssen, dass nicht nur das Ziel, das \"kapitalistische System\" in der Bundesrepublik Deutschland zu \u00fcberwinden, sondern das Streben nach einer sozialistischen Staats-, Gesellschaftsund Wirtschaftsordnung in Deutschland, die mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht zu vereinbaren ist. Finanzierung Kommunistische Plattform (KPF): Mittel der Partei DIE LINKE und Spenden. Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Der \u00fcberwiegende Teil der Mitglieder der Partei DIE LINKE und wesentliche Teile der politischen Forderungen sind nicht als extremistisch anzusehen. Die Partei DIE LINKE l\u00e4sst allerdings innerparteilich Zusammenschl\u00fcsse zu und f\u00f6rdert diese teilweise sogar, bei denen entweder Anhaltspunkte f\u00fcr eine linksextremistische Bestrebung vorliegen oder zumindest den Verdacht Linksextremismus 131 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Deckbl\u00e4tter der Publikation marx21 aus dem Jahr 2016 Auszug aus dem Facebook-Auftritt der Linksjugend ['solid] anl\u00e4\u00dflich des Weltfrauentages am 8. M\u00e4rz 2016 132 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","begr\u00fcnden. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet daher nicht die Partei DIE LINKE als Ganzes, sondern nur die linksextremistischen beziehungsweise die im Verdacht einer linksextremistischen Bestrebung stehenden Zusammenschl\u00fcsse in der Partei DIE LINKE. Dies sind die \"Antikapitalistische Linke (AKL)\", das trotzkistische Netzwerk marx 21, die Kommunistische Plattform (KPF) und die Linksjugend ['solid]. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_dielinke Linksextremismus 133 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Deutsche Kommunistische Partei (DKP) Sitz / Verbreitung Essen Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1968 Struktur / Repr\u00e4sentanz Vorsitz: Patrick K\u00f6bele Bezirke: Rheinland-Westfalen und Ruhr-Westfalen (Leitungsgremium von vier Personen) Jugendorganisation: Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: rund 3.000 NRW: rund 800 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: UZ - Unsere Zeit (w\u00f6chentlich), Marxistische Bl\u00e4tter (theoretische Schriftenreihe) Web-Angebote: eigene Homepage Kurzportrait / Ziele Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ist neben der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) eine Kernorganisation des orthodox-kommunistischen Linksextremismus. Die Partei versteht sich als politische Nachfolgerin der 1956 vom Bundesverfassungsgericht verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), bekennt sich als \"revolution\u00e4re Partei der Arbeiterklasse\" zum MarxismusLeninismus und strebt die revolution\u00e4re Umgestaltung der Gesellschaft an. Finanzierung \u00dcberwiegend durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Nach Vorstellung der DKP soll die Arbeiterklasse als ma\u00dfgebende gesellschaftsver\u00e4ndernde Kraft durch einen klassenk\u00e4mpferisch-revolution\u00e4ren Akt die kapitalistischen Eigentumsund Machtverh\u00e4ltnisse, den Parlamentarismus und den politisch-gesellschaftlichen Pluralismus 134 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","\u00fcberwinden. \u00dcber die Zwischenstufe des Sozialismus wird eine klassenlose kommunistische Gesellschaft angestrebt, in der alle wesentlichen gesellschaftlichen Gegens\u00e4tze, insbesondere der zwischen Kapital und Arbeit, aufgehoben sein sollen. Individualgrundrechte haben in diesem Konzept nur noch eine stark eingeschr\u00e4nkte Bedeutung. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum 3. Tag des 21. Parteitags Am 27. Februar 2016 beendete die DKP in Kassel mit dem 3. Tag den 21. Parteitag, der bereits am 4. und 5. November 2015 in Frankfurt am Main begonnen hatte. Im Vordergrund stand die Beschlussfassung der DKP \u00fcber die Beendigung ihres Beobachterstatus, der ihr durch die Europ\u00e4ische Linke (EL) erteilt worden war. Zur Begr\u00fcndung wurde angef\u00fchrt, dass die Europ\u00e4ische Union als imperialistisches Staatenb\u00fcndnis gegen die Interessen der V\u00f6lker und der arbeitenden Menschen steht, w\u00e4hrend die EL in ihrer Programmatik mit der DKP unvereinbare reformerische Zugest\u00e4ndnisse innerhalb der imperialistischen Machtverh\u00e4ltnisse eingeht. Dem Antrag des Parteivorstandes folgend wurde der Beobachterstatus mit einen Mehrheitsbeschluss von 99 Delegiertenstimmen zu 52 Gegenstimmen und 6 Enthaltungen beendet. Der Parteivorsitzende k\u00fcndigte zudem die Erarbeitung eines DKP-Sofortprogramms \"Gemeinsam k\u00e4mpfen\" an und forderte dazu auf, die Parteieinheit zu wahren vor dem Hintergrund, dass sich ein Teil der Parteimitglieder weiterhin im Verein Marxistische Linke organisiert und sich an dem Aufbau eines kommunistischen Netzwerks beteiligt. Diese Strukturen stehen au\u00dferhalb der parteilichen Organisation und wurden nicht durch Parteitage beschlossen, was angeblich zu parteiinternen Konsequenzen bis hin zu Parteiausschl\u00fcssen f\u00fcr die bekannten Mitglieder f\u00fchren soll. 19. Pressefest der Wochenzeitschrift Unsere Zeit (UZ) vom 1. bis 3. Juli 2016 in Dortmund Das als \"Volksfest\" und \"Fest der Solidarit\u00e4t\" titulierte UZ-Pressefest wurde 2016 im Dortmunder Revierpark Wischlingen ausgerichtet. Der DKP-Vorsitz bewertet die Veranstaltung als ein \"Fest der Solidarit\u00e4t, des Austausches und ein Fest des Kampfes gegen Faschismus und Krieg\". Es sei das gr\u00f6\u00dfte Fest der Linken im Land und konstatierte \u00fcber mehrere 10.000 Teilnehmer. Mit 100 Podiumsdiskussionen und 115 Konzerten und der Beteiligung von 29 internationalen Partnerparteien sieht die Parteif\u00fchrung sich in ihrer B\u00fcndnispolitik vor allem in Hinblick auf die internationalen Verbindungen best\u00e4tigt. Trotz der innerparteilichen Auseinandersetzungen und schwachen Mitgliederzahlen sei es m\u00f6glich gewesen, die Gesamtkosten des Pressefestes von 300.000 Euro mit u.a. Spendengeldern von ca. 100.000 Euro gegenzufinanzieren. Linksextremismus 135 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Youtube-Video vom UZPressefest in Dortmund Die mehrt\u00e4gige Veranstaltung zog in der Tat mehrere Tausend - teilweise auch b\u00fcrgerliche Besucher aus umliegenden Vierteln - an. Zwar nutzte eine Vielzahl von linken und linksextremistischen Vereinigungen die M\u00f6glichkeit, sich mit ihren Angeboten bei der Veranstaltung zu pr\u00e4sentieren. Die vom DKP-Vorsitzenden dem UZ-Pressefest zugeschriebene integrierende B\u00fcndnis-Rolle mit einer entsprechenden Wirkung im Bereich der linken Szene kann so nicht best\u00e4tigt werden. Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Bundestagswahlen in 2017 Im September 2016 teilte die DKP mit, dass sie dem Parteibeschluss folgend an den Bundestagswahlen teilnehmen wird. Im Oktober 2016 stellten die beiden Bezirksverb\u00e4nde Ruhr Westfalen und Rheinland zum ersten Mal nach 1994 eine gemeinsame Landesliste f\u00fcr die Landtagswahl am 14. Mai 2017 auf. Direktkandidaturen wurden in Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, Gladbeck und im Kreis Recklinghausen angestrebt. 136 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Bei der Gewinnung der erforderlichen Unterst\u00fctzerunterschriften f\u00fcr die Wahlzulassungen berief man sich auf das im April 2016 vom Parteivorstand ver\u00f6ffentlichte Sofortprogramm, in dem es hei\u00dft: \"Gemeinsam k\u00e4mpfen f\u00fcr unser Recht auf Frieden, Arbeit, Bildung und bezahlbaren Wohnraum! Gleiche Rechte f\u00fcr alle - unabh\u00e4ngig von der Herkunft! Stoppt den sozialen Kahlschlag und den Abbau demokratischer Rechte!\" - als Kernforderungen f\u00fcr die anstehenden Wahlen. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die aktuelle F\u00fchrung der DKP untermauert den Anspruch einer orthodox kommunistischen Kaderpartei mit offenen Forderungen nach dem revolution\u00e4ren Umbruch. Dies wird auch gegen interne Widerst\u00e4nde verteidigt. Die eigene Parteihistorie wird durch ein \"Sofortprogramm\" aufgefrischt - ein Mittel, das zuletzt 1982 beim Themenfeld Antimilitarismus Anwendung fand und als eine Diskussionsoffensive verstanden werden soll. Am 10. September in Karlsruhe erinnerte die DKP an das KPD-Verbot vom 17. August 1956 und forderte die Aufhebung des Urteils. Die Verfassungswidrigkeit zur damaligen Zeit wird offen bestritten, zumal sich die DKP in der Tradition der KPD sieht. Weiterhin erkennt sie die DDR nicht als Unrechtsstaat an und verteidigt und rechtfertigt kompromisslos ihre Existenz, als \"ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden\". Die DKP sieht ihr Zukunftspotential in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) und forciert eine enge Zusammenarbeit. Auch der im M\u00e4rz 2016 neu gew\u00e4hlte Vorsitzende der SDAJ f\u00fchrt diese Tradition fort. Gemeinsame Auftritte und gegenseitige Unterst\u00fctzungen -beim Pressefest, Demonstrationen oder bei dem f\u00fcr 2017 geplante \"Festival der Jugend der SDAJ\" und Veranstaltungen anl\u00e4sslich des 100. Jubil\u00e4ums der Oktoberrevolution - sichern diese Zusammenarbeit ab. Zugleich werden zentrale friedenspolitische Termine wie der Ostermarsch, Demonstrationen zum 3. Oktober 2016 in Kalkar oder Protestaktionen gegen den G20-Gipfel in Hamburg gemeinsam mit Vorfeldund Nebenorganisationen und in breiten B\u00fcndnissen vorbereitet. Der DKP-Vorsitzende beschreibt die Partei im Wahljahr 2017 als \"nicht stark, aber aktionsf\u00e4hig\". Mit ihren klassischen Themenfeldern Antiimperialismus, Antikapitalismus und Antifaschismus, aber auch und vor allem in der Friedensund Fl\u00fcchtlingspolitik sucht die Partei weiterhin nach Sympathisanten und Mitstreitern f\u00fcr den Klassenkampf nach einem marxistisch-leninistischen Vorbild. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_dkp Linksextremismus 137 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) Sitz / Verbreitung Gelsenkirchen; bundesweite Verbreitung mit Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1982 Struktur / Repr\u00e4sentanz Neben Nordrhein-Westfalen verf\u00fcgt die Partei in sechs weiteren Bundesl\u00e4ndern \u00fcber einen \"Landesverband\". Zahlreiche Gruppierungen mit nomineller Eigenst\u00e4ndigkeit dienen der Partei als struktureller Unterbau, darunter der Jugendverband Rebell mit der Kinderorganisation Rotf\u00fcchse, der \"Frauenverband Courage e. V.\" oder kommunale Wahlb\u00fcndnisse wie \"alternativ, unabh\u00e4ngig, fortschrittlich (AUF)\". Nebenorganisationen der MLPD sind Rebell und Rotf\u00fcchse (Jugend - beziehungsweise Kinderorganisation der Partei). Vorsitz: Stefan Engel, ab April 2017 Gabi G\u00e4rtner Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: 1.800 NRW rund 650 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: Rote Fahne Magazin; \"Revolution\u00e4rer Weg (RW)\" Web-Angebote: Die Partei verf\u00fcgt \u00fcber eine umfangreiche Internetpr\u00e4senz; Rote Fahne News als Online-Nachrichtenmagazin Kurzportr\u00e4t / Ziele Die 1982 aus dem \"Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands (KABD)\" hervorgegangene MLPD bekennt sich nach wie vor zu den Lehren von Marx, Engels, Stalin und Mao Tse-tung und verbindet nach eigener Aussage \"den Kampf um die Forderungen der Arbeiterund Volksbewegungen mit dem Ziel der internationalen sozialistischen Revolution\". Die Zielsetzungen der MLPD sind durch verfassungsfeindliche Aussagen gepr\u00e4gt und lassen sich in den drei Kernpunkten Revolution, Diktatur des Proletariats und Kommunismus zusammenfassen 138 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Finanzierung \u00dcberwiegend durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden und Einnahmen aus Verm\u00f6gen Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit \"Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) versteht sich als politische Vorhutorganisation der Arbeiterklasse in Deutschland. Ihr grundlegendes Ziel ist der revolution\u00e4re Sturz der Diktatur des Monopolkapitals und die Errichtung der Diktatur des Proletariats f\u00fcr den Aufbau des Sozialismus als \u00dcbergangsstadium zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft.\" Die angestrebte Gesellschaftsordnung soll durch eine Revolution erreicht werden, in deren Verlauf sich die \"Arbeiterklasse unter F\u00fchrung ihrer Partei [Anm.: gemeint ist die MLPD] zum bewaffneten Aufstand erheben, [...] den b\u00fcrgerlichen Staatsapparat zerschlagen, [...] die Diktatur des Proletariats errichten und [...] gegen die Konterrevolution verteidigen\" m\u00fcsse. In einem \"17 Punkte Kampfprogramm\" f\u00fchrt die Partei aus, dass die \"Herrschaft der internationalen Monopole gest\u00fcrzt und der Sozialismus aufgebaut\" werden m\u00fcsse. Dies beschr\u00e4nke sich nicht nur auf Deutschland, erkl\u00e4rt die MLPD und konkretisiert im eigenen Parteiprogramm: Der Sozialismus stelle eine \"\u00dcbergangsgesellschaft vom Kapitalismus zum Kommunismus\" dar und mit der \"Diktatur des Proletariats organisiere die Arbeiterklasse den Klassenkampf im Sozialismus\". Das gesamte Aktionspotenzial der MLPD fu\u00dft auf dem geschlossenen marxistisch-leninistischen Weltbild einer klassischen kommunistischen Kaderpartei. Das Hauptaugenmerk ihrer politischen Arbeit legt die Partei neben der Frauenund Jugendpolitik, die sie mit vermeintlich eigenst\u00e4ndigen organisatorischen Gruppen bearbeitet, vorwiegend auf die Betriebsund Gewerkschaftsarbeit. Sie verbindet dies verst\u00e4rkt mit einer \"sozialistischen\" Umweltpolitik und der Beteiligung an sozialen Protesten in einem internationalen sozialistischen Kontext. Dem Anspruch an Internationalit\u00e4t wird die MLPD durch die 2010 gegr\u00fcndete \"\"Internationale Koordinierung revolution\u00e4rer Organisationen und Parteien (ICOR)\", der sich seit Gr\u00fcndung weltweit 48 Gruppierungen angeschlossen haben, gerecht. Da sich die MLPD in einer fortdauernden Verfolgungssituation durch den Staat und seine Organe w\u00e4hnt, agiert sie auf kommunaler Ebene verdeckt. Hier unterst\u00fctzt die Partei angeblich unabh\u00e4ngige Personenwahlb\u00fcndnisse wie die Organisation \"alternativ, unabh\u00e4ngig, fortschrittlich (AUF)\", die zum Teil personell mit der MLPD verflochten sind. Linksextremismus 139 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen in Nepal vom 13. bis 18. M\u00e4rz 2016 Die MLPD und der \"Frauenverband Courage\" beteiligten sich als Mitglieder der \"Internationalen Koordinierung revolution\u00e4rer Parteien und Organisationen (ICOR)\", die die \"Befreiung der Frau\" zu ihrem programmatischen Ziel erkl\u00e4rt hat, an der 2. Weltfrauenkonferenz in Katmandu. Ma\u00dfgeblich war die zweite Vorsitzende der MLPD Monika G\u00e4rtner-Engel an der Organisation und Durchf\u00fchrung der Weltfrauenkonferenz beteiligt. Mit der \u00dcbernahme der Funktion der Hauptkoordinatorin der \"ICOR\" ab Juli 2016, die sie vom Hauptinitiator und Vorsitzenden der MLPD Stefan Engel \u00fcbernimmt, wird sie in Zukunft nicht mehr als Europakoordinatorin f\u00fcr die Weltfrauenkonferenz aktiv sein. Bei der Veranstaltung \"Frauenpolitisches Ensemble\" vom 5. bis 9. November 2016 in Gelsenkirchen in der MLPD-Zentrale wurde die Weltfrauenkonferenz mit rund 1.300 Teilnehmerinnen aus 48 L\u00e4ndern als Erfolg der internationalen Zusammenarbeit bewertet. Im Anschluss wurde der 25. Gr\u00fcndungstag des \"Frauenverbandes Courage e. V.\" mit \u00fcber 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gefeiert. Ebenfalls im November trafen sich die Europaund Weltkoordinatorinnen der MLPD, unter anderem um ein \"Theorieseminar\" \u00fcber die Befreiung der Frau und die 3. Weltfrauenkonferenz in Afrika oder Europa in Jahr 2021 zu planen. Mit dem Beschluss, auch den internationalen Klimatag als Kampftag festzulegen, folgt die k\u00e4mpferische Frauenbewegung der ideologischen Programmerweiterung der MLPD im Bereich des Umweltschutzes. X. Parteitag in Sonneberg / Th\u00fcringen im November 2016 Im Vordergrund des Parteitages standen der Generationenwechsel innerhalb der Parteispitze und die \u00dcberarbeitung des Parteiprogramms der MLPD. Der seit Gr\u00fcndung der MLPD amtierende Vorsitzende Stefan Engel wurde zwar zun\u00e4chst als Vorsitzender best\u00e4tigt, zugleich aber festgelegt, dass Gabi G\u00e4rtner, die zur Erf\u00fcllung ihrer neuen Aufgabe ihr Ratsmandat f\u00fcr das W\u00e4hlerb\u00fcndnis \"\" aufgegeben hat, ihm ab April 2017 im Vorsitz nachfolgt. Das Parteiprogramm wurde vor allem um den internationalistischen Aspekt und den umweltpolitischen Charakter der MLPD erweitert. 140 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Wahlplakate der MLPD zur Landtagswahl 2017 Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Bundestagswahlen in 2017 Die MLPD tritt mit einer \"Internationalistischen Liste / MLPD\", auch \"internationalistisches B\u00fcndnis\" genannt, sowohl zur nordrhein-westf\u00e4lischen Landtagswahl als auch zur Bundestagswahl im Jahr 2017 an. Unter Einbeziehung der Fl\u00fcchtlingsund Umweltpolitik und durch den Einsatz von aktiven W\u00e4hlerinitiativen unter anderen bei der Gewinnung der n\u00f6tigen Unterst\u00fctzerunterschriften erhofft sich die MLPD einen Zuwachs von rund zehn Prozent ihrer Mitgliedschaft. In Bezug auf ihren Jugendverband Rebell verweist die MLPD auf einen positiven Zuwachs, den sie dem Generationenwechsel an der Parteispitze zuschreibt. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die MLPD stellt sich mit dem Generationswechsel an der Spitze als eine \"Partei eines neuen Typs\" dar. Auch die \"ICOR\" hat im Rahmen der Fl\u00fcchtlingspolitik als eine Vorreiterorganisation f\u00fcr die internationale sozialistische Revolution laut MLPD stark an Bedeutung gewonnen. Dabei wird die F\u00fchrung des B\u00fcndnisses mit Monika G\u00e4rtner-Engel als Hauptkoordinatorin beibehalten. Stefan Engel beh\u00e4lt seinen Posten im Zentralkomitee der MLPD und tr\u00e4gt somit auch nach der Amts\u00fcbergabe die Verantwortung f\u00fcr das theoretische Fundament der Partei, so dass die Reihe \"Revolution\u00e4rer Weg (RW)\" bereits neue Publikationen ank\u00fcndigt. Stalin und Mao Tse-Tung, an die 2016 f\u00fcnfzig Jahre nach der Kulturrevolution gedacht wurde, bleiben f\u00fcr die MLPD weiterhin die ideologischen Grunds\u00e4ulen f\u00fcr einen bedingungslosen Sozialismus. Ihr jugendpolitisches Engagement wird die MLPD bei der Ausrichtung des 19. internationalen Pfingstjugendtreffens des Jugendverbandes Rebell in 2017 weiterhin bekr\u00e4ftigen. Eine Erinnerungsfeier zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution ist f\u00fcr Oktober 2017 in Gelsenkirchen in Planung. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_mlpd Linksextremismus 141 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Autonome Linksextremisten Sitz / Verbreitung Landesweite Verteilung mit lokalen Schwerpunkten in Ballungszentren Gr\u00fcndung / Bestehen seit Ende der 1970er - bzw. Anfang der 1980er-Jahre aus Ausl\u00e4ufern der Studentenbewegung der 1968er-Jahre, der \"Sponti-Szene\" der 1970er-Jahre und der Punk-Subkultur entstanden Struktur / Repr\u00e4sentanz Szenestrukturen sind von weitgehend hierarchiefreien Netzwerken mit themenoder aktionsbezogener Ausrichtung gepr\u00e4gt; Internet fungiert als offenes Kontaktmedium; \u00fcberregionale Treffen oder Telekonferenzen mit Delegierten \u00f6rtlicher oder thematisch gebundener Zusammenh\u00e4nge Mitglieder / Anh\u00e4nger / Rund 970 Mitglieder in Nordrhein-Westfalen Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Haupts\u00e4chlich Ver\u00f6ffentlichungen in szenebezogenen Internetportalen, Internetblogs und sozialen Netzwerken Kurzportrait / Ziele Die linksautonome Szene ist eine heterogene, alternative MischSzene, deren gemeinsame ideologische Basis anarchistische und kommunistische Theoriefragmente bilden. Ihr Ideal sieht sie in einem selbstbestimmten Leben frei von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen. Die Szene ist insgesamt eher aktions - als ideologiefixiert. Staatliche und gesellschaftliche Normen, Hierarchien und Verbindlichkeiten werden als Unterdr\u00fcckungsmechanismen (\"Repression\") abgelehnt. Eine verbindliche Festschreibung auf konkrete politische Ziele widerspricht autonomen Denkmustern, jedoch wird der von weitgehender Handlungsfreiheit gepr\u00e4gte Lebensstil in \"Freir\u00e4umen\" wie Wohngemeinschaften, besetzten H\u00e4usern oder soziokulturellen Zentren ausgelebt. Der Mangel an verbindlicher Zielsetzung wird \u00fcber das Erlebnis identit\u00e4tsstiftender, gemeinsamer politischer Protestaktivit\u00e4ten (beispielsweise zu den Themen Antifaschismus, Antirassismus, Antikapitalismus, 142 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Antigentrifizierung) ausgeglichen. Gewalt ist dabei ein grunds\u00e4tzlich akzeptiertes Mittel im Kampf gegen den Staat und andere politische Gegner. Finanzierung Keine Mitgliedsbeitr\u00e4ge; ereignisoder anlassbezogene Finanzierung von Aktionen und Kampagnen durch Solidarit\u00e4tskonzerte und -partys oder Spenden Grund der Beobachtung Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ohne Staat und gesellschaftliche Zw\u00e4nge bedingt, dass Autonome staatliche und gesellschaftliche Normen ablehnen. Der demokratische Rechtsstaat wird von ihnen als Zwangssystem bek\u00e4mpft. Insbesondere Rechtsextremisten und Rechtspopulisten, aber zum Teil auch anderen Parteien und Organisationen und deren Vertretern werden von Linksautonomen durch die Verfassung garantierte Grundrechte, insbesondere die Versammlungsfreiheit, abgesprochen. Gewalt wird dabei als legitimes Mittel der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner und der Polizei angesehen. Die Polizei wird dabei als \"Besch\u00fctzer der Rechten\" und als Teil des \"staatlichen Repressionsapparats\" betrachtet. Insbesondere die Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols durch die linksautonome Szene bei gleichzeitiger Bef\u00fcrwortung des Gewalteinsatzes zur Erreichung der eigenen politischen Ziele ist nicht vereinbar mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Wie alle linksextremistischen Str\u00f6mungen betrachtet auch die linksautonome Szene in Nordrhein-Westfalen die Fl\u00fcchtlingslage als eine Folgewirkung des kapitalistischen Wirtschaftssystems und rassistischer \u00dcberzeugungen, welche marktund staatskonforme Egoismen im Sinne ungerechter Nationalismen f\u00f6rdern. \u00dcbergriffe auf Ausl\u00e4nder, Migranten und Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte hatten zur Folge, dass sich linksautonome Kampagnen zu den Themenfeldern Antifaschismus, Antirassismus und Antikapitalismus bei ihren Aktionen kaum noch trennen lassen. Zudem hat die Bereitschaft zur gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzung mit der Polizei, mit tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen Rechtsextremisten sowie ganz allgemein mit Vertretern fremdenfeindlicher Positionen wiederholt zugenommen. Dies gilt vor allem bei Demonstrationen. 2016 bildete insbesondere der von der Partei Die Rechte organisierte \"Tag der deutschen Zukunft\" in Dortmund einen Schwerpunkt von Gegenaktionen der linksextremistischen Antifa, zu denen bundesweit mobilisiert wurde. Neben der von zivildemokratischen Initiativen veranstalteten Protestkundgebung war erneut ein regelrechter \"Krawalltourismus\" unter Linksextremisten festzustellen. Regionale Antifa-Aktivisten und auch Antifa-Gruppierungen aus anderen Regionen und Bundesl\u00e4ndern versuchten mit massiver Gewalt, Polizeisperren zu \u00fcberwinden und Linksextremismus 143 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Gegendemonstranten zur von der Partei Die Rechte organisierten Veranstaltung \"Tag der deutschen Zukunft\" in Dortmund 144 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","die Demonstration der rechten Szene zu st\u00f6ren. Mit Blick auf die hohe Polizeipr\u00e4senz und die Festsetzung von Gegendemonstranten unmittelbar nach deren Ankunft wurden szeneseitig im Nachgang Stadt und Polizei f\u00fcr ihr \"repressives\" Vorgehen mit der Begr\u00fcndung kritisiert, dass dies den \"Naziaufmarsch\" erm\u00f6glicht und gesch\u00fctzt habe, w\u00e4hrend Aktionen \"zivilen Ungehorsams\" jedoch unterbunden worden seien. Auch in 2016 wurden in mehreren St\u00e4dten Nordrhein-Westfalens H\u00e4user besetzt. Die Hausbesetzungen dauerten in manchen F\u00e4llen nur wenige Stunden und Tage bis hin zu einen l\u00e4ngeren Zeitraum. Die Aktionen wurden von Forderungen nach g\u00fcnstigem Wohnraum und subkulturellen Treffpunkten abseits staatlicher oder kommunaler Kontrolle begleitet. Insbesondere in M\u00fcnster wurden Hausbesetzungen mit dem Fehlen eines selbstverwalteten \"Sozialen Zentrums\" begr\u00fcndet. Im Zusammenhang mit den Besetzungen standen gewaltsame Resonanzaktionen, die sich gegen die Polizei richteten und in Steinw\u00fcrfen auf eine Polizeiwache und Brandstiftungen an Streifenwagen gipfelten. In K\u00f6ln konnte dagegen eine mehrere Monate andauernde Hausbesetzung mit st\u00e4dtischer Hilfe friedlich beendet werden. Nordrhein-westf\u00e4lische autonome Gruppen waren zudem an Aktivit\u00e4ten au\u00dferhalb NRWs ma\u00dfgeblich beteiligt. An der Mobilisierung gegen die R\u00e4umung besetzter H\u00e4user in Berlin sowie gegen den AfD-Bundesparteitag in Stuttgart nahmen autonome Gruppen aus Nordrhein-Westfalen teil. Insbesondere zu den Aktionen gegen den AfD-Parteitag waren autonome Aktivisten aus Nordrhein-Westfalen im unteren dreistelligen Bereich angereist. Zudem liegen Hinweise daf\u00fcr vor, dass eine im Nachgang erfolgte Ver\u00f6ffentlichung der Namen von \u00fcber 2.000 AfD-Parteitagsteilnehmern auf der von der linksautonomen Szene genutzten Internetplattform Linksunten. indymedia im Wesentlichen aus Nordrhein-Westfalen gesteuert wurde. W\u00e4hrend bei den mittlerweile etablierten Gro\u00dfveranstaltungen gegen den Braunkohleabbau keine Gewaltaktionen stattfanden, versch\u00e4rfte sich der gewaltsame Protest der Waldbesetzer gegen den Tagebau Hambach nochmals erheblich. Die Besetzung des nahe des Abbaugebietes liegenden Waldes wurde durch fest installierte, teilweise dauerhaft bewohnte Baumh\u00e4user perpetuiert. Zus\u00e4tzlich machten die Waldbesetzer sowie die im benachbarten Wiesencamp lebenden Linksextremisten ihren Besitzund Kontrollanspruch durch immer wieder erneuerte Barrikaden und zum Teil lebensgef\u00e4hrdende Installationen im Waldgebiet und insbesondere auf den Waldwegen deutlich. Neben der bereits 2015 beobachteten Steigerung t\u00e4tlicher Angriffe auf Polizeikr\u00e4fte und auf das Werkspersonal der RWE als Betreiberin des Tagebaus sowie erheblichen Sachbesch\u00e4digungen, zum Teil mit Anschlagscharakter, stellten diese fallenartigen Vorrichtungen gef\u00e4hrliche Hindernisse f\u00fcr die Besucher des Waldes dar und mussten regelm\u00e4\u00dfig unter Polizeischutz ger\u00e4umt werden. Bereits im Vorjahr beschriebene Beispiele f\u00fcr Sachbesch\u00e4digungen, St\u00f6rungen des Bahnverkehrs und Angriffe mittels waffen\u00e4hnlichen Werkzeugen haben sich im Berichtszeitraum wiederholt und in ihrer Intensit\u00e4t nochmals erh\u00f6ht. Dabei traten die T\u00e4ter stets vermummt auf, um einer Strafverfolgung zu entgehen. Linksextremismus 145 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Durch Steinw\u00fcrfe linksautonomer Aktivisten kam ein Fahrzeug, in dem vier RWE-Mitarbeiter sa\u00dfen, von der Stra\u00dfe ab und \u00fcberschlug sich. Die Insassen wurden dabei leicht verletzt. Im Zusammenhang mit dem B\u00fcrgerkrieg in Syrien beteiligten sich kurdistansolidarische Gruppierungen der autonomen Szene an Aktionen zur Unterst\u00fctzung des kurdischen Widerstandes gegen den sogenannten Islamischen Staat in Nordsyrien und gegen die t\u00fcrkische Staatspolitik. Neben Demonstrationen, bei denen die Abschaffung des Bet\u00e4tigungsverbots der PKK gefordert wurde, beteiligten sich Einzelpersonen aus dem Umfeld der linksautonomen Szene auch an den Kampfhandlungen kurdischer Milizen in Nordsyrien. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der Einsatz von Gewalt als politisches Mittel wird innerhalb der autonomen linksextremistischen Szene kaum noch hinterfragt. Der Anstieg gerade k\u00f6rperlicher Auseinandersetzungen im Umfeld demonstrativer Ereignisse belegt eine \u00fcber mehrere Jahre andauernde Herabsetzung der Hemmschwelle der Gewaltbereitschaft linksautonomer Aktivisten in Nordrhein-Westfalen. Erfolge werden im linksautonomen Spektrum vor allem in einer medialen, m\u00f6glichst auch internationalen Berichterstattung \u00fcber Auseinandersetzungen bei Gro\u00dfereignissen gesehen. Zu diesem Zweck besteht weiterhin eine starke Tendenz zur \u00fcberregionalen und internationalen Vernetzung auch \u00fcber ideologische Differenzen hinweg. Nordrhein-westf\u00e4lische Mitgliedsgruppen der linksautonomen B\u00fcndnisse Ums Ganze. Kommunistisches B\u00fcndnis und Interventionistische Linke wirken ma\u00dfgeblich bei der Mobilisierung f\u00fcr \u00fcber\u00f6rtliche Ereignisse auch au\u00dferhalb von Nordrhein-Westfalen mit. Dies zeigt sich insbesondere bei der Mobilisierung gegen den im Juli 2017 in Hamburg stattfindenden G20-Gipfel der Staatsund Regierungschefs, der in unmittelbarer N\u00e4he zur vor Ort ans\u00e4ssigen linksextremistischen Szene geplant ist. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_autonome 146 Linksextremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Auslandsbezogener Extremismus AuslAndsbezogener extremismus 147 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Auslandsbezogener Extremismus 147 Im Fokus: Putschversuch in der T\u00fcrkei .............................................................................. 150 \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung (Graue W\u00f6lfe) ....................................................................................... 156 Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei/-Front (DHKP-C) .........................................................164 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ......................................................................................... 168 Tamilische Befreiungstiger - (LTTE)................................................................................... 172 Im nichtislamistischen auslandsbezogenen Extremismus beobachtet der Verfassungsschutz Bestrebungen, die sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten oder durch Anwendung von Gewalt ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik gef\u00e4hrden. Von herausgehobener Bedeutung sind dabei Organisationen mit Bez\u00fcgen zur T\u00fcrkei. Dies sind das Umfeld der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) und die \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" (sogenannte \"Graue W\u00f6lfe\") Politische Ereignisse in der T\u00fcrkei wie der gescheiterte Milit\u00e4rputsch vom 15. Juli 2016 oder das Verfassungsreferendum aus dem Fr\u00fchjahr 2017, aber auch die anhaltenden Kampfhandlungen im t\u00fcrkisch-irakischen Grenzgebiet beeinflussen ma\u00dfgeblich das Verhalten dieser Gruppierungen innerhalb von Nordrhein-Westfalen. Diese Entwicklungen f\u00fchren zu einer starken Emotionalisierung und wachsender gegenseitiger Gewaltbereitschaft zwischen t\u00fcrkisch linken Gruppen (insbesondere der PKK) und t\u00fcrkisch nationalistischen Gruppen - namentlich den Anh\u00e4ngern der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" - aber auch sympathisierenden Rockergruppen. Der gescheiterte Putschversuch in der T\u00fcrkei vom 15. Juli 2016 und die darauf folgenden repressiven Ma\u00dfnahmen der t\u00fcrkischen Regierung waren und sind pr\u00e4gende Ereignisse, die seitdem in 148 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Deutschland zu einer gesteigerten Zahl von gegenseitigen Angriffen sowie zu Demonstrationen und Kundgebungen der verschiedenen Lager gef\u00fchrt haben. Das hohe Mobilisierungspotential, das die Szenen aufweisen, zeigte sich beispielsweise an der friedlich verlaufenen Gro\u00dfkundgebung am 31. Juli 2016 in K\u00f6ln, an der unter dem Motto \"gegen den Milit\u00e4rputsch in der T\u00fcrkei\" bis zu 40.000 der t\u00fcrkischen Regierung nahestehende, t\u00fcrkischst\u00e4mmige Personen teilnahmen. Neben den Aktivit\u00e4ten der PKK und der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" waren auch Mitglieder der DHKP- C im Jahr 2016 in Nordrhein-Westfalen aktiv. Die DHKP-C hat auch im Jahr 2016 terroristische Anschl\u00e4ge gegen staatliche Einrichtungen und Polizeibeamte in der T\u00fcrkei durchgef\u00fchrt. Nach dem Putschversuch unterliegt sie in der T\u00fcrkei einem noch weiter erh\u00f6hten Strafverfolgungsdruck. Auch wenn die DHKP-C in Deutschland \u00fcberwiegend propagandistisch t\u00e4tig ist, tragen ihre Umfeld-Organisationen wie die \"Anatolische F\u00f6rderation\" die gewaltorientierte Ausrichtung der DHKP-C mit. AuslAndsbezogener extremismus 149 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Fokus: Putschversuch in der T\u00fcrkei In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 kam es in der T\u00fcrkei zu einem gescheiterten Putschversuch durch Teile des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs, f\u00fcr den die t\u00fcrkische Staatsf\u00fchrung den in den USA lebenden Prediger Fethullah G\u00fclen und seine Anh\u00e4nger verantwortlich machte. Dieser stritt jedoch jegliche Verantwortung ab. G\u00fclen stellte den Putsch nach Medienberichten insgesamt in Frage und behauptete in einem Interview, der t\u00fcrkische Staatspr\u00e4sident Erdogan habe den Aufstand selbst inszeniert, um im Nachhinein die Opposition und die G\u00fclen-Bewegung zu bek\u00e4mpfen. Nach dem gescheiterten Putsch schr\u00e4nkte die Regierung unter Pr\u00e4sident Erdogan die demokratischen Rechte ein und ergriff weitreichende Repressivma\u00dfnahmen. Der am Abend des 20. Juli 2016 zun\u00e4chst f\u00fcr drei Monate verh\u00e4ngte Ausnahmezustand wurde seitdem mehrfach verl\u00e4ngert und dauert nach wie vor an. Zehntausende Beamte, Richter, Lehrer etc. wurden im Zusammenhang mit dem Putschversuch entlassen, es kam zu umfangreichen Verhaftungswellen zum Nachteil sowohl von tats\u00e4chlichen als auch von angeblichen Fetullah G\u00fclen-Anh\u00e4ngern und regierungskritische Zeitungen und Fernsehsender wurden geschlossen. Bereits am 16. Juli 2016 - unmittelbar am Tag nach der Nacht des Putschversuches - legte die t\u00fcrkische Staatsanwaltschaft eine Anklageschrift gegen Fethullah G\u00fclen vor, in der sie neben zweimal lebensl\u00e4nglich zus\u00e4tzlich 1900 Jahre Haft forderte. Die in der T\u00fcrkei bereits breit geforderte Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe wurde zu diesem Zeitpunkt f\u00fcr G\u00fclen nicht verlangt. Zugleich zeichnete sich eine Zuspitzung des Konfliktes in der Kurdenproblematik ab. Erdogan verk\u00fcndete \u00fcber die Medien, \"dass die T\u00fcrkei nicht nur den IS in Syrien besiegen wolle, sondern dass er auch entschlossen sei, die \"PKK-Pest\" in der S\u00fcdostt\u00fcrkei zu beenden. Das gleiche Schicksal werde die PKK / PYD beziehungsweise deren milit\u00e4rischer Arm YPG in Syrien erleiden.\" Nach Angaben des t\u00fcrkischen Journalistenverbandes wurden im Jahr 2016 in der T\u00fcrkei bereits 170 Medien geschlossen und mehr als hundert Journalisten verhaftet. Die Ausstrahlung prokurdischer Sender wurde unterbunden, hierzu geh\u00f6rte die Ausstrahlung von \"Mednuce TV\" aber auch Assadi TV (ein Kindersender). Als Reaktion hierauf gab es einen Aufruf der KCDK-E (PKKEuropa-Ebene) zu verst\u00e4rkten Protesten in Europa. 150 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Einer der H\u00f6hepunkte der Repressionsma\u00dfnahmen innerhalb der T\u00fcrkei waren die Haftbefehle gegen Redakteure der oppositionellen Zeitung \"Cumh\u00fcriyet\" und die Verhaftung von zw\u00f6lf Abgeordneten der prokurdischen \"Demokratischen Partei der V\u00f6lker\" (HDP), darunter die beiden Parteivorsitzenden Selahattin Demirtas und Figen Y\u00fcksedag. Als Reaktion auf die Festnahmen der HDP-Abgeordneten kam es am Morgen des 4. November 2016 zu einem Autobomben-Anschlag auf eine Polizeistation in Diyarbakir. Der Anschlag forderte mindestens elf Tote und \u00fcber einhundert Verletzte. Einer PKK-nahen Nachrichtenagentur zufolge bekannten sich die \"Freiheitsfalken Kurdistans (TAK)\" zu dem Anschlag, die als Teil der Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) der in Deutschland mit einem Bet\u00e4tigungsverbot belegten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gelten. In der Erkl\u00e4rung hie\u00df es, der Anschlag sei die Antwort auf die \"m\u00f6rderische Politik\" und den \"erbarmungslosen Druck\" der Regierung. T\u00fcrkischen Pressemeldungen vom 8. November 2016 zufolge hat die kemalistische Mitte-Links-Partei \"Republikanische Volkspartei\" (CHP) ein vier Punkte umfassendes \"Manifest\" bekannt gegeben, in dem die sofortige Freilassung der inhaftierten \"Cumh\u00fcriyet\"-Mitarbeiter und HDP-Abgeordneten gefordert werde sowie das Vorgehen der t\u00fcrkischen Justizbeh\u00f6rden als \"verfassungswidrig\" bezeichnet werde. Zudem wird die t\u00fcrkische Regierung aufgefordert, den Putschversuch vollst\u00e4ndig aufzukl\u00e4ren sowie Repressioen und \u00dcbergriffe gegen Oppositionelle zu beenden. Ferner wurden \"demokratisch gepr\u00e4gte Kr\u00e4fte\" im Lande zu einem Schulterschluss aufgerufen. Im Dezember 2016 kam es zu einem Anschlag auf Einsatzkr\u00e4fte der Polizei in Istanbul, bei dem mindestens 44 Menschen, darunter 36 Polizisten und acht Zivilisten, starben und weit \u00fcber hundert Menschen verletzt wurden. Zu der Tat bekannten sich erneut die \"Freiheitsfalken Kurdistans (TAK)\". Als Reaktion auf den Anschlag flog die t\u00fcrkische Luftwaffe Angriffe gegen zw\u00f6lf Stellungen der PKK im Nordirak, wie die t\u00fcrkische Nachrichtenagentur \"Anadolu\" unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete. Bei landesweiten Razzien gegen die prokurdische Opposition wurden in den Tagen nach dem Doppelanschlag mindestens 237 ranghohe Politiker der prokurdischen \"Demokratische Partei der V\u00f6lker (HDP)\" festgenommen. Im Zusammenhang mit dem gescheiterten Putschversuch warfen t\u00fcrkische Zeitungen dem NATO-B\u00fcndnis vor, vermeintliche G\u00fclen-Anh\u00e4nger zu sch\u00fctzen, obwohl t\u00fcrkische Beh\u00f6rden beweisen k\u00f6nnten, dass fast jeder zweite t\u00fcrkische Offizier bei der NATO ein G\u00fclen-Anh\u00e4nger sei. Lage in Deutschland und NRW Die Lage in der T\u00fcrkei hatte in der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2016 erheblichen Einfluss auf das Aktionsverhalten von t\u00fcrkisch-nationalistischen Gruppierungen, \"Grauen W\u00f6lfen\" und PKKAnh\u00e4ngern; dies gilt insbesondere f\u00fcr Jugendliche in den Gruppierungen. Unmittelbar nach dem Putschversuch wurde in Deutschland und NRW eine Vielzahl von Protesten f\u00fcr und gegen die AuslAndsbezogener extremismus 151 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Gro\u00dfdemonstration am 31. Juli 2016 am Rheinufer in K\u00f6ln 152 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","t\u00fcrkische Regierung organisiert. Auf beiden Seiten war dabei ein hoher Emotionalisierungsgrad feststellbar, der zu einem Absinken der Gewaltschwelle f\u00fchrte. Die extrem hohen Teilnehmerzahlen an den Veranstaltungen zeigen, dass die angespannte Situation in der T\u00fcrkei auch in NRW ein hohes Mobilisierungspotenzial hat. So hat die \"Union-Europ\u00e4isch-T\u00fcrkischer Demokraten e.V. (UETD)\" am 31. Juli 2016 eine - friedlich verlaufene - Gro\u00dfdemonstration in K\u00f6ln durchgef\u00fchrt, zu der sich circa 40.000 Teilnehmer am Rheinufer versammelten, um ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die t\u00fcrkische Regierung um den Pr\u00e4sidenten Erdogan zu bekunden. Die in NRW aufgrund der Festnahmen in der T\u00fcrkei durchgef\u00fchrten Spontandemonstrationen von verschiedenen, meist kurdischen Anmeldern unter anderem in Bielefeld, Emmerich, Essen, Dortmund, M\u00fcnster und K\u00f6ln verliefen ebenfalls \u00fcberwiegend friedlich. Durch den Verein \"Demokratisch-kurdisches Gesellschaftzentrum Deutschland (NAV-DEM)\" wurde am 5. November 2016 in K\u00f6ln eine Versammlung zum Thema \"Entwicklungen in der T\u00fcrkei sowie Verhaftungen von B\u00fcrgermeisterInnen, AkademikerInnen, JournalistInnen, Politiker\" mit 6.500 Teilnehmern durchgef\u00fchrt. Am darauffolgenden Wochenende folgte eine Gro\u00dfkundgebung gegen die Politik der t\u00fcrkischen \"Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Aufschwung\" (AKP), an der 25.000 \u00fcberwiegend alevitische und kurdische Menschen teilnahmen. Obwohl die Kundgebung selbst st\u00f6rungsfrei verlief, kam es abgesetzt von der Veranstaltung zu erheblichen gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen von etwa 500 jugendlichen PKK-Anh\u00e4ngern gegen Polizeibeamte. Dar\u00fcber hinaus erfolgten auch in NRW wiederholt Angriffe auf Personen und Geb\u00e4ude, die von t\u00fcrkischen Nationalisten der G\u00fclen-Bewegung zugeordnet wurden oder von denen angenommen wurde, dass sie der G\u00fclen-Bewegung nahestehen. Zentrale Plattform f\u00fcr die Meinungsbildung sind auch hier die sozialen Medien. Dabei wird von den beteiligten Institutionen und Gruppen - sowohl t\u00fcrkisch-nationalistische als auch PKK-nahe - die jeweilige Sichtweise vertreten und der politische Gegner diffamiert und beleidigt. Insbesondere werden Institutionen und vermeintliche Anh\u00e4nger der G\u00fclen-Bewegung in NRW identifiziert und mit Drohungen und Boykottaufrufen konfrontiert. An der Meinungsbildung in Deutschland beteiligten sich bereits sehr fr\u00fch staatliche t\u00fcrkische Stellen \u00fcber ihre Generalkonsulate. Die Generalkonsulate richteten sich dabei an die Landesregierung oder anlassbezogen auch direkt an zust\u00e4ndige Polizeipr\u00e4sidien oder kommunale Spitzen, um ihren Forderungen und Argumenten Geh\u00f6r zu verschaffen. Im weiteren Jahresverlauf zeigte sich eine verst\u00e4rkte Einbindung von DITIB-Mitarbeitern in die Denunziation und Bedr\u00e4ngung von Fethullah G\u00fclen-Anh\u00e4ngern. Wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit (SS 99 StGB) wurde von der Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere islamische Geistliche eingeleitet. Gegen die Beschuldigten besteht der Verdacht, dass sie Informationen \u00fcber Anh\u00e4nger der sogenannten G\u00fclen-Bewegung AuslAndsbezogener extremismus 153 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","gesammelt und dem t\u00fcrkischen Generalkonsulat in K\u00f6ln berichtet haben. Anlass hierf\u00fcr war eine Aufforderung des t\u00fcrkischen \"Pr\u00e4sidiums f\u00fcr Religionsangelegenheiten\" (Diyanet) vom 20. September 2016 zur Berichterstattung \u00fcber jede Art von Strukturen der G\u00fclen-Bewegung inklusive ihrer Aktivit\u00e4ten, Bildungs-, Kulturund Erziehungseinrichtungen sowie Zivilbzw. Hilfsorganisationen. Bei den Beschuldigten wurden Durchsuchungen durchgef\u00fchrt. Festzustellen ist, dass die nach Deutschland hineinwirkenden staatlichen t\u00fcrkischen Aktivit\u00e4ten den t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Teil der Bev\u00f6lkerung polarisieren, oppositionelle Kreise einsch\u00fcchtern und damit das friedliche Zusammenleben gef\u00e4hrden. Zu beobachten ist ein weiteres Ph\u00e4nomen: Im weiteren Verlauf des zweiten Halbjahres 2016 gerieten wiederholt rocker\u00e4hnliche Gruppierungen mit T\u00fcrkei-Bezug in den Blick der Sicherheitsbeh\u00f6rden, die sich den jeweiligen Konfliktparteien zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Dabei kam es mehrfach zu gewaltt\u00e4tigen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen nationalistischen t\u00fcrkischen Rockern und sich als \"antirassistisch und antifaschistisch\" bezeichnenden kurdisch dominierten Gruppen wie zum Beispiel der Gruppierung Bahoz (kurdische Bezeichnung f\u00fcr Sturm). Bei \"Bahoz\" handelt es sich um eine kurdische Jugendbewegung, die jedoch als rocker\u00e4hnliche Gruppierung auftritt. Als erkl\u00e4rter Feind von \"Bahoz\" gilt nach eigenen Angaben die Gruppierung \"Osmanen Germania BC\", die aufgrund ihrer N\u00e4he zum t\u00fcrkischen Nationalismus von \"Bahoz\" als \"Faschisten\" oder \"Rassisten\" wahrgenommen werden. Die \"Osmanen Germania BC\" verf\u00fcgen bundesweit \u00fcber etwa 1.500 \u00fcberwiegend t\u00fcrkischst\u00e4mmige Mitglieder. Nach eigenen Angaben widmen sie sich dem Boxsport und der Jugendarbeit. Es gibt jedoch Anzeichen, dass die \"Osmanen Germania\" ganz bewusst mit Lederkutten in den Revieren anderer Rockergruppen auftreten und so f\u00fcr Konfrontation sorgen. In der j\u00fcngsten Vergangenheit kam es wiederholt zu Konfrontationen zwischen Mitgliedern der \"Osmanen Germania\" und der \"Bahoz\", jedoch bislang nicht in Nordrhein-Westfalen. 154 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Beispiele f\u00fcr Facebook-Auftritte nordrhein-westf\u00e4lischer Ableger der Gruppierung \"Osmanen Germania BC\" in Duisburg, Recklinghausen, Bielefeld und Siegen AuslAndsbezogener extremismus 155 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung (Graue W\u00f6lfe) Sitz / Verbreitung Mit Sitz in Frankfurt am Main ist die \"F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-en Idealistenvereine e.V. (AD\u00dcTDF)\" der gr\u00f6\u00dfte Dachverband der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" in Deutschland Unter der \"AD\u00dcTDF\" sind in Nordrhein-Westfalen circa 70 Vereine mit etwa 2000 Mitgliedern organisiert. Gr\u00fcndung / Bestehen seit Die \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" geht aus der Turkistenbeziehungsweise Turanisten-Bewegung hervor und hat ihre Urspr\u00fcnge in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die heutige \"AD\u00dcTDF\" wurde 1978 in Frankfurt am Main zun\u00e4chst als \"F\u00f6deration der T\u00fcrkischDemokratischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" gegr\u00fcndet, bevor 2007 die Umbenennung in \"F\u00f6deration der T\u00fcrkischDemokratischen Idealistenvereine in Deutschland e.V.\" erfolgte. Struktur / Repr\u00e4sentanz Die \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" ist uneinheitlich aufgebaut: Zum einem setzt sie sich aus mehreren Dachverb\u00e4nden, unter anderem der \"AD\u00dcTDF\" und einigen Abspaltungsvereinen zusammen, zum anderen existiert ein organisationsungebundener Teil, die sogenannte \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Jugend\". Je nach Ausrichtung der jeweiligen Organisationen stehen islamische, ultranationalistische oder rassistische Inhalte im Vordergrund. Mitglieder / Anh\u00e4nger / \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\": nicht bezifferbar Unterst\u00fctzer 2016 Vereinsgebundene \"AD\u00dcTDF\"-Mitglieder: Bund: circa 7.000 NRW: circa 2.000 Ver\u00f6ffentlichungen Publikation: \"B\u00fclten (Bulletin der T\u00fcrkischen F\u00f6deration)\" Web-Angebot: F\u00fcr die Verbreitung der Ideologie der \"Grauen W\u00f6lfe\" wird im Internet auf verschiedenen Plattformen wie sozialen Netzwerken und Videoportalen geworben; die \"AD\u00dcTDF\" verf\u00fcgt zudem \u00fcber eine t\u00fcrkischsprachige Homepage. Die meisten Webseiten sind so miteinander verkn\u00fcpft, dass es gen\u00fcgt, eine Einstiegsadresse aufzurufen, von der man weitergeleitet wird. Bei g\u00e4ngigen Suchmaschinen gen\u00fcgt auch 156 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","die Eingabe relevanter Begriffe der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" wie etwa \"Alperen\" (mittelasiatischer K\u00e4mpfer), \"\u00dclk\u00fc\" (Ideal) oder \"Ergenekon\" (Ursprungsmythologie), um entsprechende Treffer zu erzielen. Kurzportrait / Ziele Die Ideologie der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" ist gepr\u00e4gt von der Forderung nach einer \"Wiedervereinigung\" aller Turkv\u00f6lker in einem Staat. Dieser Anspruch basiert auf einem \u00fcbersteigerten Nationalbewusstsein, das die t\u00fcrkische Nation sowohl politischterritorial als auch ethnischkulturell als \u00fcberlegen ansieht. Die der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" zuzuordnenden Organisationen unterscheiden sich vor allem in drei ideologischen Ausrichtungen: Erstens existiert eine stark rassistisch gepr\u00e4gte Str\u00f6mung, deren Denkweise \u00fcberwiegend auf dem Alt-T\u00fcrkentum fu\u00dft. Daneben besteht eine zweite Str\u00f6mung, die das T\u00fcrkentum verherrlicht und im Wesentlichen die Ziele der Partei Milliyetci Hareket Partisi (MHP) verfolgt. Im Ausland verf\u00fcgt diese Str\u00f6mung \u00fcber Massenorganisationen wie die \"AD\u00dcTDF\". Eine dritte Str\u00f6mung richtet sich st\u00e4rker am konservativen Islam und der in der T\u00fcrkei aktiven \"B\u00fcy\u00fck Bilik Partisi (BBP)\" aus. Aktuell ist zudem eine Zunahme von Aktivit\u00e4ten t\u00fcrkisch rechtsextremistischer Rockergruppierungen zu verzeichnen. Auch wenn diese Gruppierungen sich nach au\u00dfen hin als t\u00fcrkische Bruderschaft darstellen, sind insbesondere bei dem Verein \"Turan e.V\"., der schwerpunktm\u00e4\u00dfig in NordrheinWestfalen vertreten ist, rechtsextremistische Inhalte erkennbar. Das wichtigste Erkennungszeichen der Bewegung ist der graue Wolf (Bozkurt). Eine bedeutende Rolle in der Ideologie der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Anh\u00e4nger\" spielt dabei die Mythologie. Der \"graue Wolf\" hat seinen Ursprung in der t\u00fcrkischen Mythologie. Dort wird eine Wolfsfigur als Retter der Turkv\u00f6lker und Garant des Sieges in zahlreichen Auspr\u00e4gungen beschrieben. AuslAndsbezogener extremismus 157 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Die zum Wolfsgru\u00df geformte Hand wird von den Anh\u00e4ngern der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" als Gru\u00df und als gegenseitiges Erkennungszeichen, aber auch als Provokation politischer Gegner benutzt. Einer \u00dcberlieferung zufolge retteten sich wenige \u00dcberlebende des t\u00fcrkischen Volkes nach einer verheerenden Niederlage in ein Tal, das sie Ergenekon nennen. Dieses wird bald zu eng f\u00fcr die wachsende Bev\u00f6lkerung und die Suche nach einem Ausgang ist zun\u00e4chst vergeblich. In dieser Not erscheint pl\u00f6tzlich ein Wolf mit \"himmlischer, blauer M\u00e4hne\" und f\u00fchrt das Volk aus dem Tal zur\u00fcck in die Welt. Eine andere \u00dcberlieferung erz\u00e4hlt von einem kleinen Jungen, der der einzige \u00dcberlebende seines t\u00fcrkischen Stammes ist. Er wird von einer W\u00f6lfin gefunden und aufgezogen. Der Junge w\u00e4chst heran und vereinigt sich mit der W\u00f6lfin. Aus dieser Vereinigung gehen zehn Kinder hervor. Dem Mythos folgend, haben somit die Turkv\u00f6lker in ihrem Erbgut das Blut ihres Retters - Wolfsblut. Somit ist das Wolfssymbol ein Erkennungszeichen, aber auch immer eine Hommage an einen imagin\u00e4ren F\u00fchrer. Ferner spielen in der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" die drei wei\u00dfen Halbmonde auf rotem Grund, die an die osmanische Kriegsflagge erinnern sollen, eine symbolische Bedeutung. So sind die drei 158 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Halbmonde auch auf dem Logo der t\u00fcrkischen Partei MHP zu finden, die sich f\u00fcr eine nationalistische Ausrichtung der t\u00fcrkischen Gesellschaft und Politik einsetzt. Insbesondere bei Demonstrationen schm\u00fccken sich t\u00fcrkische Jugendliche mit diesen Symbolen, die sie auf Fahnen, Kopft\u00fcchern oder Stirnb\u00e4ndern zur Schau stellen. Aber auch privat werden diese Symbole als Ausdruck der N\u00e4he zur \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" getragen. Pr\u00e4gend f\u00fcr die Bewegung ist ein \u00fcbersteigerter t\u00fcrkischer Nationalismus, der mit einer \u00dcberh\u00f6hung der eigenen Ethnie und einer Abwertung anderer Ethnien gepaart ist. Angestrebt wird die Errichtung einer Gro\u00dft\u00fcrkei in den Grenzen des Osmanischen Reiches. Gefordert wird die Vereinigung aller Turkv\u00f6lker vom Balkan bis nach Zentralasien (Turanismus). Damit einher geht eine rassistische Feindbildorientierung insbesondere gegen Kurden, Armenier, Griechen und Juden. Prinzipiell werden Menschen zu Feinden erkl\u00e4rt, wenn diese eine divergierende Meinung zu t\u00fcrkischen Interessen haben. Eine gro\u00dfe Rolle spielen dabei auch Verschw\u00f6rungstheorien im Zusammenhang mit dem V\u00f6lkermord an den Armeniern im Jahre 1915. Aus diesem Grund stie\u00df insbesondere die vom Deutschen Bundestag am 2. Juni 2016 verabschiedete ArmenienResolution unter \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Anh\u00e4ngern\" auf vehemente Ablehnung. Der extreme Nationalismus und F\u00fchrerkult sowie ein antipluralistisches und autorit\u00e4r gepr\u00e4gtes Gesellschaftsverst\u00e4ndnis f\u00fchren zu der Annahme einer generellen \u00dcberlegenheit der \"t\u00fcrkischen Rasse\". Dieser F\u00fchrerkult spiegelt sich sowohl in einer streng hierarchischen Struktur als auch in der Verehrung des Alparslan T\u00fcrkes, dem Gr\u00fcnder der MHP als ewigem F\u00fchrer (Basbug) wieder. Nach Au\u00dfen bem\u00fchen sich die Dachverb\u00e4nde der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\", insbesondere die \"AD\u00dcTDF\", um ein gesetzeskonformes Verhalten. Dennoch werden sich zum Kurdentum bekennende Kurden undifferenziert als Verr\u00e4ter, PKK-Anh\u00e4nger und Terroristen betitelt. Dem ideologischen Verst\u00e4ndnis folgend, sind Kurden ein seinem Ursprung entfremdetes t\u00fcrkst\u00e4mmiges Volk, dessen Bek\u00e4mpfung gerechtfertigt ist. Bei \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Anh\u00e4ngern\" gibt sich diese \"Bek\u00e4mpfung\" in Form von verbaler Hetze im Internet als auch in k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen oder bei gewaltt\u00e4tigen Konfrontationen bei Demonstrationen zu erkennen. Auch wenn von den Dachverb\u00e4nden selbst keine Bekenntnisse oder Aufrufe zur Gewalt ausgehen, tragen sie als Ideologietr\u00e4ger dazu bei, das Konfliktpotential zwischen Kurden und T\u00fcrken zu sch\u00fcren. Ein elementarer Bestandteil der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Kultur\" ist die Musik. \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Anh\u00e4nger\" bedienen sich verschiedener Musikrichtungen, um ihre Ideen und Ideale auszudr\u00fccken. Die Melodien werden unabh\u00e4ngig vom jeweiligen Musikstil mit Texten, Gedichten oder Sprechges\u00e4ngen versehen, die h\u00e4ufig einen pathetischen Charakter haben. Bei der Umsetzung werden alle Musikrichtungen - von t\u00fcrkisch traditioneller, \u00fcber mystische Musik bis zu Hip-Hop und Rap - verwendet. Haupts\u00e4chlich f\u00fcr jugendliche \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Anh\u00e4nger\" entstand in Deutschland Ende der 90er Jahre eine Musikszene rund um den Deutsch-T\u00fcrkischen Rap. In den einschl\u00e4gigen Videoportalen wird Sprechgesang h\u00e4ufig mit Bildern t\u00fcrkischer Soldaten und Fahnen, symboltr\u00e4chtiger Geb\u00e4ude und den Kennzeichen der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" unterlegt. In den Songs bedienen sich die zuAuslAndsbezogener extremismus 159 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","meist m\u00e4nnlichen Jugendlichen diverser M\u00e4nnlichkeitsklischees und stellen sich als besonders \"abgeh\u00e4rtete M\u00e4nner\" dar, die ihre Feinde und Gegner niedermachen: Die Stimme aus dem Untergrund, man nennt mich auch den grauen Wolf [...] wir sind stark wie 1000 Volt. Du willst mich batteln, Du hast einen Fehler gemacht! Und f\u00fcr die sechs in Mathe hab' ich meinen Lehrer geklatscht. [...] Bozkurt und ich halten die t\u00fcrkische Fahne hoch. Du willst mein Land beleidigen und ich geb' Dir den Gnadensto\u00df. Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge aus zugeh\u00f6rigen Vereinen, Spendengelder und Sponsoring Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Durch ihr extrem nationalistisches Gedankengut bestehen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht, dass die \"Grauen W\u00f6lfe\" Ziele verfolgen, die sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung beziehungsweise gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker richten und zugleich gegen den im Grundgesetz garantierten Gleichheitsgrundsatz versto\u00dfen. Sie erf\u00fcllen damit die Voraussetzungen zur Beobachtung durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden (SS 3 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 4 VSG NRW). Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Vereinsgebundene Aktivit\u00e4ten Die \"AD\u00dcTDF\" verfolgt als Massenorganisation die Ziele der extrem nationalistischen MHP. Dies zeigte sich im Jahr 2015 besonders deutlich, da die \"AD\u00dcTDF\" die MHP im Wahlkampf zu den t\u00fcrkischen Parlamentswahlen unterst\u00fctzte. So hielt der MHP-Vorsitzende Devlet Bahceli im April 2015 in Oberhausen vor 9.200 \"AD\u00dcTDF\"-Anh\u00e4ngern eine Wahlkampfrede, die auf reges Interesse insbesondere t\u00fcrkischer Print-, Funkund TV-Medien stie\u00df. Dar\u00fcber hinaus organisierte die \"AD\u00dcTDF\" Fahrten zu t\u00fcrkischen Konsulaten, um wahlberechtigten in Deutschland lebenden T\u00fcrken eine Stimmabgabe zugunsten der MHP zu erm\u00f6glichen. Auch auf von \"AD\u00dcTDF\" organisierten Demonstrationen wie der D\u00fcsseldorfer Demonstration am 3. Mai 2016 zum Gedenken an die Rassismus-Turanismus-Prozesse des Jahres 1944 in der T\u00fcrkei zeigten Demonstrationsteilnehmer MHP-Symbole und den f\u00fcr \"\u00dclk\u00fcc\u00fcs\" typischen Wolfsgru\u00df. 160 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Auch wenn die \"AD\u00dcTDF\" sich in \u00f6ffentlichen Verlautbarungen darum bem\u00fcht, das Image eines eher kulturell engagierten als politisch agierenden Dachverbands zu pflegen, zeigt die Wahlkampfunterst\u00fctzung der MHP und auch das Auftreten des MHP-Vorsitzenden die N\u00e4he zum extrem nationalistischen Gedankengut der Partei. Gleichzeitig setzt die \"AD\u00dcTDF\" weiter auf den Ausbau ihrer Strukturen und versucht Jugendliche an sich zu binden. Gemeinsame Gruppenerlebnisse f\u00fchren zu Identit\u00e4tsfindung und Stabilisierung mit \"Gleichgesinnten\" und dienen zugleich der \u00dcbernahme vermittelter Feindbilder. Vereinsungebundene Aktivit\u00e4ten Bei einem Teil der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc\"-Anh\u00e4nger findet derzeit ein Wechsel zu autonomen Aktionsplattformen, insbesondere zur Agitation im virtuellen Raum, statt. Ohne eine klare Programmatik werden hier vor allem gemeinsame Feindbilder generiert und gepflegt. In diesen heterogenen Strukturen wird in teilweise hetzerischer und hasserf\u00fcllter Art in entsprechenden Web-Angeboten, Foren und Chats gegen Feindbilder agitiert. Die Verbreitung von gewaltorientierter rassistischer Ideologie auf der Basis eines aggressiven Nationalismus kann in einer Selbstradikalisierung von Jugendlichen m\u00fcnden. Auch hier spielt das \"Feindbild Kurde\" eine wesentliche Rolle. So hei\u00dft es beispielsweise in einem Hetz-Post auf Facebook: \"Ich rufe hiermit auf, an dem kurdischen Volk ein Genozid auszu\u00fcben. Eine systematische Ausrottung dieser minderwertigen ethnischen Gruppe. Ich fordere ebenfalls eine T\u00f6tung der Mitglieder der HDP! Des Weiteren fordere ich, mit sofortiger Wirkung einer Verh\u00e4ngung von Ma\u00dfnahmen, die auf Geburtenverhinderung die innerhalb dieser minderwertigen Rasse gerichtet sind!\" Reaktionen auf die aktuelle Situation in der T\u00fcrkei und in Deutschland: Die Armenienresolution des Deutschen Bundestages am 2. Juni 2016 wie auch der Putschversuch in der T\u00fcrkei am 15. Juli 2016 wurden in der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" - wie auch allgemein bei vielen in Deutschland lebenden T\u00fcrken - aufgegriffen. Auch die anhaltenden milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen zwischen dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4r und der PKK wurden in der Szene thematisiert. > \"V\u00f6lkermord an den Armeniern ist eine internationale L\u00fcge\" - unter dieser \u00dcberschrift organisierte am 4. Juni 2016 der \"AD\u00dcTDF\"-Verein in Recklinghausen eine Informationsveranstaltung. Beworben wurde diese Veranstaltung \u00fcber die Facebook-Seite des Vereins. \u00dcber Facebook und andere soziale Netzwerke wurden nach der Armenien-Resolution jedoch auch vor allem t\u00fcrkisch-st\u00e4mmige Politiker aus den Reihen der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Anh\u00e4nger\" beleidigt, bedroht und als Verr\u00e4ter bezeichnet. AuslAndsbezogener extremismus 161 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Nach dem gescheiterten Milit\u00e4rputsch beteiligten sich Anh\u00e4nger der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" an von anderen Gruppierungen angemeldeten pro-t\u00fcrkischen Kundgebungen, wie z. B. an der Versammlung vom 31. Juli 2016 an der Werft in K\u00f6ln-Deutz, an der \u00fcber 40.000 Personen teilnahmen. Grunds\u00e4tzlich verst\u00e4rkte der gescheiterte Putsch die nationalistische Grundeinstellung in der \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung. Fahne der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" bei der von der \"Union-Europ\u00e4isch-T\u00fcrkischer Demokraten e.V.\" (UETD) durchgef\u00fchrten friedlichen Gro\u00dfdemonstration am 31. Juli 2016 in K\u00f6ln 162 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Weitere Aktivit\u00e4ten: > Am 10. April 2016 kam es in K\u00f6ln zu einem Angriff t\u00fcrkischer Nationalisten auf ein kurdisches Vereinshaus. An diesem Tag versammelten sich zwischen 40 und 50 Personen, teilweise vermummt und mit Baseballschl\u00e4gern bewaffnet, vor dem Vereinsheim. Eine massive k\u00f6rperliche Auseinandersetzung konnte nur durch starke Polizeikr\u00e4fte unterbunden werden. Der Vorfall hatte Ausstrahlungswirkung auf eine zeitgleich verlaufende kurdische Versammlung in der K\u00f6lner Innenstadt, bei der es ebenfalls zu einem Aufeinandertreffen von kurdischen und t\u00fcrkisch nationalistischen Anh\u00e4ngern kam. > Der 3. Mai wurde auch in 2016 in D\u00fcsseldorf mit einer Demonstration von der \"AD\u00dcTDF\" als \"Tag des T\u00fcrkentums\" gefeiert. 1944 wurden in der T\u00fcrkei im \"Rassismus-TuranismusProzess\" f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeiten der panturkistischen Bewegung zu mehreren Haftstrafen verurteilt, derer man jeweils am 3. Mai gedenkt. Seither gilt dieser Tag als Geburtsstunde der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\". Bewertung, Tendenzen, Ausblick Nach wie vor ist eine verbale Radikalit\u00e4t im Internet auch hinsichtlich des Aufrufs zur Gewaltaus\u00fcbung insbesondere bei vereinsungebundenen Anh\u00e4ngern der \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" feststellbar. Gewaltt\u00e4tiges Verhalten war in der Vergangenheit reaktiv, beispielsweise nach Provokationen aus dem kurdischen Umfeld, feststellbar. Die derzeitige Lage in der T\u00fcrkei f\u00fchrt dabei zu einem deutlich verst\u00e4rkten Aktionsverhalten der \"Grauen W\u00f6lfe\", zudem hat die Bereitschaft zur Teilnahme an Aktionen insbesondere bei jugendlichen \"\u00dclk\u00fcc\u00fc\"-Anh\u00e4ngern zugenommen. Gerade die Turan-Vereine \u00fcben aufgrund ihres rocker\u00e4hnlichen Images eine gro\u00dfe Faszination und Anziehungskraft auf m\u00e4nnliche Jugendliche aus. Die weiterhin anhaltenden bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der PKK und dem t\u00fcrkischen Staat sind geeignet, den ohnehin hohen Grad der Emotionalisierung zwischen \"\u00dclk\u00fcc\u00fc\"Anh\u00e4ngern und Kurden zu verst\u00e4rken. Es bedarf deshalb einer dezidierten Beobachtung, ob die feststellbare Aggressivit\u00e4t und Hetze ein \u00fcber die schon bestehende Gewaltneigung hinausgehendes Eskalationspotential entwickelt. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_uelkuecue AuslAndsbezogener extremismus 163 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei/-Front (Devrimci Halk Kurtulus PartisiCephesi - DHKP-C) Sitz / Verbreitung T\u00fcrkei, weltweite Verbreitung mit Schwerpunkt Europa Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1994, hervorgegangen aus der 1978 gegr\u00fcndeten revolution\u00e4ren Linken (Devrimci Sol - Dev-Sol) Struktur / Repr\u00e4sentanz Generalsekret\u00e4r, Zentralkomitee sowie l\u00e4nderund gebietsverantwortliche Funktion\u00e4re Nach dem Tod von Dursun Karatas im Jahr 2008 wurde offiziell noch kein Nachfolger f\u00fcr das Amt des Generalsekret\u00e4rs bestimmt. Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: 650 NRW: 200 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen Devrimci Sol (Revolution\u00e4re Linke, unregelm\u00e4\u00dfiges Erscheinen) und Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs (Der Marsch) Web-Angebot: mehrsprachiger Internetauftritt Kurzportrait / Ziele Die in der T\u00fcrkei und in Deutschland verbotene Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei/-Front (Devrimci Halk Kurtulus PartisiCephesi - DHKP-C) verfolgt das Ziel, das bestehende t\u00fcrkische Staatssystem durch eine bewaffnete Revolution zu zerschlagen, um ein sozialistisches System zu errichten. Auf der ideologischen Grundlage des Marxismus-Leninismus propagiert die DHKP-C einen bewaffneten Volkskampf unter ihrer F\u00fchrung. Die Organisation tritt damit f\u00fcr eine revolution\u00e4re Zerschlagung der t\u00fcrkischen Staatsund Gesellschaftsordnung ein. Hierzu f\u00fchrt sie in der T\u00fcrkei auch terroristische Aktionen durch. In Deutschland kann die DHKP-C aufgrund des Verbotes nicht offen agieren. Sie handelt daher \u00fcber Vereine, deren Satzungen keinen R\u00fcckschluss auf die Zugeh\u00f6rigkeit zur Organisation zulassen oder deren Verbindungen zur DHKP-C nur schwer nachweisbar sind. Finanzierung Spenden und Erl\u00f6se aus dem Verkauf von Publikationen 164 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Mit ihrem Bestreben gef\u00e4hrdet die DHKP-C sowohl die innere Sicherheit als auch die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland (SS 3 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 3 VSG NRW). Die DHKP-C ist eine Nachfolgeorganisation der in der Bundesrepublik Deutschland seit 1983 verbotenen Devrimci Sol. Seit dem Verbot 1983 werden politische Aktivit\u00e4ten konspirativ fortgesetzt. Die DHKP-C selbst ist in Deutschland seit dem 1. Februar 2000 rechtskr\u00e4ftig verboten. Im Mai 2002 hat der Rat der Europ\u00e4ischen Union die DHKP-C auf die europ\u00e4ische Liste der Terrororganisationen gesetzt. Der politische Fl\u00fcgel der DHKP-C gibt sich selbst den Namen Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei (Devrimci Halk Kurtulus Partisi - DHKP), w\u00e4hrend der milit\u00e4rische Arm der DHKP-C sich als Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront (Devrimci Halk Kurtulus Cephesi - DHKC) bezeichnet. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die DHKP-C hat sich auch im Berichtszeitraum an den im Jahr 1999 vom damaligen Generalsekret\u00e4r Dursun Karatas erkl\u00e4rten Gewaltverzicht f\u00fcr Westeuropa gehalten. In der T\u00fcrkei hingegen ist die Gefahr von terroristischen Anschl\u00e4gen durch die Organisation nach wie vor aktuell. So wurde am 3. M\u00e4rz 2016 ein Dezernat der Bereitschaftspolizei in Istanbul angegriffen, in dessen Nachgang es wiederholt zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden und bewaffneten DHKP-C-Milizen kam. Bei einem Schusswechsel wurden zwei DHKP-C-K\u00e4mpferinnen in dem Geb\u00e4ude, in das sie geflohen waren, durch die Polizei get\u00f6tet. Am 6. Mai 2015 wurde die w\u00f6chentliche Zeitung Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs in Deutschland durch den Bundesminister des Innern verboten. Das Verbot wurde im Februar 2016 nach erneuter rechtlicher W\u00fcrdigung wieder aufgehoben. Am 2. Dezember 2016 wurde der seit mehreren Jahren gesuchte Europaleiter der DHKP-C, Musa A., im Hamburg festgenommen. Diese Exekutivma\u00dfnahme sorgte in der Anh\u00e4ngerschaft f\u00fcr eine verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe Mobilisierung und Protestbereitschaft. Der DHKP-C nahestehende Vereine haben im Jahr 2016 zahlreiche \u00f6ffentliche Veranstaltungen organisiert. Bei der Mehrzahl dieser Ereignisse war die Teilnehmerresonanz gering. Es waren aber auch einige Gro\u00dfveranstaltungen in Nordrhein-Westfalen zu verzeichnen. AuslAndsbezogener extremismus 165 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Verschiedene Titelund Inhaltsseiten der Publikation Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs aus 2016 166 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Beispiele f\u00fcr Veranstaltungen: Am 18. Juni 2016 fand in Gladbeck ein viel beachteter Auftritt der DHKP-C nahen Musikgruppe \"Grup Yorum\" statt. Die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) hatte eine Versammlung angemeldet, in deren Verlauf die Musikgruppe ihren Auftritt inszenieren konnte. Es besuchten etwa 1.500 Besucher das Konzert, was im Vergleich zu Konzerten in den Vorjahren eher gering ist. Die Sicherheitsbeh\u00f6rden hatten gemeinsam mit Vertretern der Stadt fr\u00fchzeitig Vermieter m\u00f6glicher Veranstaltungsr\u00e4ume sensibilisiert, so dass ein organisiertes \u00f6ffentliches Konzert verhindert werden konnte. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Polizeiliche Exekutivma\u00dfnahmen im Jahr 2016 - insbesondere die Verhinderung von organisierten Konzerten der Musikgruppe \"Grup Yorum\" und die Festnahme des Europaleiters - haben zur Verunsicherung der DHKP-C-Anh\u00e4nger in Deutschland gef\u00fchrt. Durch verschiedene Arten von Kundgebungen und Protestm\u00e4rschen versuchte die Organisation die eigenen Anh\u00e4nger zu motivieren, neue Sympathisanten zu finden und Gelder zu generieren. Sie setzte dabei weiterhin auf Themen wie die Strafverfolgung von DHKP-C-Aktivisten in Europa und aktuelle politische Fragestellungen. Bei verschiedensten Anl\u00e4ssen wird versucht, der deutschen Politik und Gesellschaft einen allt\u00e4glichen Rassismus und Faschismus zu unterstellen, sowie die deutsche Regierung als Erf\u00fcllungsgehilfen der t\u00fcrkischen Regierung zu diskreditieren. Deutschland dient der Organisation weiterhin als wichtiger R\u00fcckzugsraum und m\u00f6gliche Rekrutierungsbasis. Daher ist eine weitere Beobachtung der Aktivit\u00e4ten durch den Verfassungsschutz notwendig. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_dhkpc AuslAndsbezogener extremismus 167 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Volkskongress Kurdistans (KONGRAGEL) und unterst\u00fctzende Organisationen Sitz / Verbreitung Nord-Irak; In Europa durch wenige weisungsberechtigte Funktion\u00e4re mit wechselnden Aufenthaltsorten vertreten durch CDK Koordinasyon Civata Ekolojik - Demokratik a Kurd Li Ewropa Gr\u00fcndung / Bestehen seit November 1978 Struktur / Repr\u00e4sentanz H\u00f6chste Entscheidungsgremien: Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans (KCK) mit dem Pr\u00e4sidenten Abdullah \u00d6calan und den Vorsitzenden Cemil Bayik und Bese Hozat; Generalversammlung der Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) mit den Vorsitzenden Hacer Zagros und Remzi Kartal Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: 14.000 NRW: 2.200 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: unter anderem \"Serxwebun (Unabh\u00e4ngigkeit)\" (monatlich); \"Sterka Ciwan (Stern der Jugend)\" (monatlich); \"Newaya Jin (Erlebnisse der Frauen)\" (monatlich); \"KurdistanReport\" (Auflage bis 15.000); \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" (t\u00e4glich) Fernsehen: aktuell \"NUCE TV\" und \"Mednuce\" Internet: Zahlreiche Internetauftritte verschiedener Organisationen, meist auf regionaler Ebene Kurzportrait / Ziele Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die heute unter der Bezeichnung Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) agiert, strebte urspr\u00fcnglich einen eigenen kurdischen Nationalstaat an, der die Gebiete S\u00fcdostanatoliens (T\u00fcrkei), den Nord-Irak, Teile des westlichen Iran und Gebiete im Norden Syriens umfassen sollte. Obwohl seitens der PKK immer wieder betont wird, man habe die fr\u00fcheren separatistischen Ziele aufgegeben, bem\u00fcht sie sich weiterhin um einen l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Verbund aller Kurden im Nahen Osten. Im Jahre 1993 erlie\u00df das Bundesministerium des Innern ein 168 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Bet\u00e4tigungsverbot f\u00fcr die PKK und ihrer Nebenorganisationen. Die PKK ist zudem auf der EU-Terrorliste verzeichnet. Bis Ende 2013 vertrat die \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland (YEK-KOM)\" nach ihrem Selbstverst\u00e4ndnis unter anderem die politischen Interessen der PKK in Deutschland. Sitz der \"YEK-KOM\" war D\u00fcsseldorf. Aufgrund einer bereits im Juli 2013 durch den Dachverband des \"Kongresses der kurdischdemokratischen Gesellschaft in Europa (KCD-E)\" beschlossenen Neustrukturierung bildeten sich in vielen deutschen St\u00e4dten kurdische Gesellschaftszentren, welche die bisher agierenden \u00f6rtlichen \"YEK-KOM\"-Vereine ersetzten. Der Vereinsname lautet seitdem \"Demokratisch-kurdisches Gesellschaftszentrum (DKTM)\". Auf dem 20. Jahreskongress der \"YEK-KOM\" im Juni 2014 wurde die Umbenennung der \"YEK-KOM\" in das \"Demokratischkurdische Gesellschaftszentrum Deutschland (NAV-DEM)\" beschlossen. Finanzierung J\u00e4hrliche Spendensammlung bei den Anh\u00e4ngern der PKK, Erl\u00f6se aus Zeitschriftenund Devotionalienverk\u00e4ufen sowie Eintrittsgelder bei Gro\u00dfveranstaltungen. Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit In Westeuropa ist seit Ende M\u00e4rz 1996 ein Kurswechsel zu weitgehend gewaltfreiem Verhalten erkennbar. Die PKK stellt jedoch wegen ihrer fortw\u00e4hrenden Bereitschaft, zu aktionsorientiertem und gewaltbereitem Verhalten zur\u00fcckzukehren, nach wie vor eine Bedrohung der inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland dar. Dies begr\u00fcndet ihre Beobachtung gem\u00e4\u00df SS 3 Abs. 1 Nr. 1 VSG NRW. Ihre Ziele verfolgt die PKK in den Kampfgebieten, aktuell insbesondere in Syrien sowie auch in der T\u00fcrkei, nach wie vor mit Waffengewalt. Damit gef\u00e4hrdet die Organisation die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland, so dass auch aus diesem Grunde eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz nach SS 3 Abs. 1 Nr. 3 VSG NRW erforderlich ist. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die Organisation versucht, sich in Nordrhein-Westfalen durch Aktionen darzustellen, die auf m\u00f6glichst gro\u00dfe mediale Aufmerksamkeit angelegt sind, um eine Anerkennung ihrer politischen Forderungen zu erreichen. Gewaltt\u00e4tig agieren die PKK und ihre bewaffneten Guerillaverb\u00e4nde vor allem in den kurdischen Siedlungsgebieten. Neben der T\u00fcrkei geh\u00f6ren dazu die nordirakiAuslAndsbezogener extremismus 169 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","sche Grenzregion und kurdische Gebiete in Syrien (auch \"Rojava\" = Westkurdistan genannt). Die gewaltsamen Auseinandersetzungen nahmen bereits im Februar 2016 deutlich an Sch\u00e4rfe zu, als die Splittergruppe \"Freiheitsfalken Kurdistans (TAK)\" Anschl\u00e4ge gegen Milit\u00e4rkonvois ver\u00fcbte und mit weiteren Anschl\u00e4gen, auch gegen touristische Zentren in der T\u00fcrkei, drohte. Im unmittelbaren Nachgang des gewaltsamen Umsturzversuches in der T\u00fcrkei am Abend des 15. Juli 2016 durch Teile des Milit\u00e4rs verh\u00e4ngte Pr\u00e4sident Erdogan den Ausnahmezustand, der seitdem mehrfach verl\u00e4ngert wurde. Der Putschversuch brachte die Unterst\u00fctzer und Gegner Erdogans in und au\u00dferhalb der T\u00fcrkei weiter gegeneinander auf. Innenpolitisch wurde der Ausnahmezustand genutzt, politische Gegner, wie zum Beispiel Unterst\u00fctzer der kurdischen Bewegung, zu bek\u00e4mpfen. So kam es unter anderem am 3. November 2016 zur Verhaftung der beiden Parteivorsitzenden der pro-kurdischen HDP und vieler Anh\u00e4nger. Auch in Deutschland erfolgten nach dem Putschversuch vermehrt wechselhafte Auseinandersetzungen zwischen t\u00fcrkisch-nationalistischen und kurdischen Anh\u00e4ngern mit einem ansteigenden Gewaltpotenzial. Die Auseinandersetzungen dauerten auch \u00fcber das Jahresende 2016 hinaus an. Dachverb\u00e4nde und \u00f6rtlichen Vereine riefen nahezu w\u00f6chentlich zu regionalen oder \u00fcberregionalen Kundgebungen. Neben den in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl friedlichen Protesten kam es auch vereinzelt zu gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen, wie etwa bei einem Brandanschlag auf einen t\u00fcrkischen Verein in Essen oder einem \u00dcberfall von Vermummten auf ein B\u00fcro der \"Union der Europ\u00e4isch-T\u00fcrkischen Demokraten e.V. (UETD)\" in Grevenbroich. Zu dem \u00dcberfall, bei dem die T\u00e4ter PKK-Parolen riefen, bekannte sich im Nachgang die sogenannte \"Apoistische Jugend NRW\" in einer Interneterkl\u00e4rung. Folgende weitere Gro\u00dfveranstaltungen fanden 2016 in Nordrhein-Westfalen statt: > 18. Juni 2016, Dortmund, \"12. Zilan-Frauenfestival\" unter dem Motto \"Lasst uns den Freiheitskampf in den demokratischen autonomen Gebieten verst\u00e4rken\", Teilnehmerzahl circa 3.000. > 9. Juli 2016, D\u00fcsseldorf, Gro\u00dfkundgebung der kurdischen Jugend zu dem Thema \"Schluss mit der Kriminalisierung der kurdischen Bewegung in der BRD; Freiheit f\u00fcr Abdullah \u00d6calan; f\u00fcr Freiheit der kurdischen politischen Gefangenen in Deutschland\", Teilnehmerzahl circa 3.500. Die Kundgebung wurde als Ersatz f\u00fcr das ansonsten regelm\u00e4\u00dfig stattfindende Mazlum-Dogan-Fest ausgerichtet, f\u00fcr das es in diesem Jahr keine Genehmigung gab. > 3. September 2016, K\u00f6ln, 24. Internationales Kurdisches Kulturfestival unter dem Motto \"Weder Putsch noch Diktatur unterst\u00fctzen wir! F\u00fcr Demokratie, Gleichheit und Solidarit\u00e4t hier und in der T\u00fcrkei. gegen Nationalismus und Rassismus in der BRD und in der T\u00fcrkei\", Teilnehmerzahl circa 28.000. Der im Vorfeld des Festivals stattfindende Marsch der Jugendlichen von Duisburg nach Leverkusen verlief weitgehend ohne besondere Vorkommnisse. Lediglich w\u00e4hrend einer Etappe in Duisburg kam es zu Auseinandersetzungen mit t\u00fcrkischen Anwoh170 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","nern, die demonstrativ t\u00fcrkischen Fahnen aus ihren Fenstern geh\u00e4ngt hatten. > 12. November 2016, K\u00f6ln, Gro\u00dfdemonstration gegen das Erdogan-Regime unter dem Motto \"Aktuelle politische Situation in der T\u00fcrkei\" unter gro\u00dfer Beteiligung kurdischer PKK-Aktivisten, veranstaltet von der \"Alevitischen Union Europa e.V.\" (AABK), Teilnehmerzahl circa 25.000. Mitorganisator war neben anderen der kurdische Dachverband \"Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland (NAVDEM)\". Im Umfeld der Veranstaltung kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Jugendlichen und der Polizei. Die alevitische AABK versuchte sich bereits w\u00e4hrend der Veranstaltung von der kurdischen Einflussnahme zu distanzieren. Plakat f\u00fcr das 24. Internationale Kurdische Kulturfestival in K\u00f6ln > 26. Dezember 2015, D\u00fcsseldorf, Gro\u00dfdemonstration unter dem Motto \"Gegen die Massaker des t\u00fcrkischen Staates an den Kurden\", Teilnehmerzahl circa 15.000. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der verhinderte Putsch, die innenpolitischen Repressionen gegen Regierungsgegner in der T\u00fcrkei und die damit verbundene Auseinandersetzung zwischen den Konfliktparteien entfaltet seine Auswirkungen bis in die St\u00e4dte Nordrhein-Westfalens. Weiterhin muss genau beobachtet werden, welchen Resonanzboden die Wechselwirkungen zwischen t\u00fcrkischen Nationalisten und kurdischen Aktivisten innerhalb Deutschlands erzeugen und welche Randerscheinungen, wie etwa rocker\u00e4hnliche Strukturen, sich weiter etablieren. Das k\u00fcnftige Demonstrationsgeschehen sowie Aktionsverhalten der PKK-Anh\u00e4nger in Nordrhein-Westfalen wird ganz wesentlich von der weiteren Entwicklung in den Krisengebieten in Syrien und dem Nordirak und von der innenpolitischen Lage in der T\u00fcrkei abh\u00e4ngen. Es bleibt abzuwarten, ob die PKK-Anh\u00e4ngerschaft wieder zu medienwirksamen Aktionsformen, wie zum Beispiel in der Vergangenheit durchgef\u00fchrte Besetzungsaktionen von Fernsehanstalten, Flugh\u00e4fen, Parteienb\u00fcros oder Schiffen zur\u00fcckkehren, oder ob sich die direkte gewaltsame Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner weiter fortsetzt. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_pkk AuslAndsbezogener extremismus 171 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Tamilische Befreiungstiger - (Liberation Tigers of Tamil Eelam - LTTE) Sitz / Verbreitung Norden und Osten Sri Lankas; Verbreitung weltweit mit Schwerpunkt Westeuropa Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1972 Struktur / Repr\u00e4sentanz \"Tamil Coordination Committee (TCC)\" (Sitz in Oberhausen) \"Tamil Youth Organization (TYO)\" (Sitz in Hamm) \"Tamil Rehabilitation Organization e. V. (TRO)\" (Sitz in Wuppertal) \"Tamil Student Organization e.V. (TSV)\" (Sitz in Neuss) Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: 1.000 NRW: 300 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Web-Angebote: \"pathivu.com\", \"eedhesam.com\", \"tamil.de\", \"tyo-germany.com\" Magazin: \"AKARAM\" Kurzportrait / Ziele Die separatistische Organisation LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam - Tamilische Befreiungstiger) hat das Ziel, einen unabh\u00e4ngigen Tamilenstaat \"Tamil Ealam\" im \u00fcberwiegend von Tamilen bev\u00f6lkerten Norden und Osten der Insel Sri Lanka zu errichten. Zur Durchsetzung ihrer Forderung nach einem separaten Staat f\u00fchrte die LTTE von 1983 bis 2009 Terroranschl\u00e4ge gegen sri-lankische und indische Ziele im Rahmen eines Guerillakrieges gegen die singhalesische Zentralregierung. Die Zentralregierung der Singhalesen besiegte im Mai 2009 die LTTE milit\u00e4risch und zerschlug deren Infrastruktur. Bei dieser Schlussoffensive wurde der F\u00fchrer der LTTE, Velupillai Prabhakaran, get\u00f6tet. Die im Ausland geschaffenen Netzwerke der LTTE setzten ihre Arbeit zur Errichtung eines unabh\u00e4ngigen Staates im Sinne des gefallenen Velupillai Prabhakaran fort. Das Hauptziel der LTTE im Ausland besteht darin, Gelder f\u00fcr einen k\u00fcnftigen \"Befreiungskampf\" zu beschaffen und die Versorgung von Fl\u00fcchtlingen in der Heimat zu sichern. Zudem 172 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","strebt die Organisation eine politische Anerkennung als legitime Interessenvertretung der tamilischen Volksgruppe an. Finanzierung Spenden von im Ausland lebenden Tamilen Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit In dem 1983 begonnenen Guerillakrieg gegen die singhalesische Zentralregierung versuchte die LTTE unter anderem mit Terroranschl\u00e4gen gegen sri-lankische und indische Ziele ihre Forderung nach einem eigenen Staat durchzusetzen. Durch Unterst\u00fctzung dieser Aktivit\u00e4ten verfolgen die in Deutschland lebenden Anh\u00e4nger der LTTE Bestrebungen, die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, sei es durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen. Aus diesem Grund ist eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz nach SS 3 Absatz 1 Nr. 3 des Verfassungsschutzgesetzes NRW erforderlich. Wegen der anhaltenden Gewaltaktionen der Organisation in Sri Lanka setzte die Europ\u00e4ische Union die LTTE am 29. Mai 2006 auf die Liste terroristischer Organisationen. Das Gericht der Europ\u00e4ischen Union (EuG) in Luxemburg hat dies mit Urteil vom 16. Oktober 2014 aus formellen Gr\u00fcnden f\u00fcr nichtig erkl\u00e4rt. Auf die Frage, ob es sich bei den LTTE um eine terroristische Vereinigung handelt, geht das Urteil nicht ein. Das Gericht stellt vielmehr ausdr\u00fccklich fest, dass das auf grundlegenden Verfahrensfehlern beruhende Urteil die materiell rechtliche Beurteilung der Frage, ob die LTTE eine terroristische Vereinigung sei, unber\u00fchrt l\u00e4sst. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Nach der vollst\u00e4ndigen milit\u00e4rischen Niederlage im Mai 2009 und der Zerschlagung der LTTEStrukturen sowie der Schw\u00e4chung ihrer Auslandsorganisationen ist seit Mitte 2010 eine Restrukturierung zu beobachten. Eine Konsolidierung der LTTE-nahen tamilischen Community scheiterte bis jetzt an inhaltlichen Auseinandersetzungen und pers\u00f6nlichen Zerw\u00fcrfnissen der beiden Hauptstr\u00f6mungen innerhalb der Organisation. Das \"LTTE Headoffice\", auch \"Hauptstelle\" genannt, verfolgt ein gewaltfreies, politisches Vorgehen und lehnt die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes auf Sri Lanka ab. Die \"LTTE International Organisation\", auch \"LTTE Internationale Verbindungsstelle\", bildet den sogenannten \"Hardliner\"-Fl\u00fcgel, der sich zur Aufrechterhaltung der alten Machtstrukturen im Ausland bekennt. Die beiden Fraktionen konkurrieren innerhalb der LTTE. In Deutschland ist jedoch eine Ann\u00e4herung der beiden Fl\u00fcgel seit Ende 2013 zu verzeichnen. Laut dem UN-Menschenrechtsbericht vom 16. September 2015 sind Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowohl von den tamilischen Rebellen als auch von den sri-lankischen Streitkr\u00e4ften begangen worden. Daraufhin forderten die Vereinten Nationen die AuslAndsbezogener extremismus 173 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Errichtung eines Internationalen Sondergerichts mit ausl\u00e4ndischen Spezialisten, die Kriegsverbrechen auf beiden Seiten aufkl\u00e4ren sollen. Am 14. M\u00e4rz 2016 demonstrierten 1.000 LTTE-Anh\u00e4nger des europ\u00e4ischen \"Tamil Coordination Committees (TCC)\" vor dem Sitz der Vereinten Nationen in Genf, um auf die willk\u00fcrliche Verhaftungen, Folter und sexuelle Gewalt sowie allgemeine milit\u00e4rische \u00dcberwachung in Sri Lanka aufmerksam zu machen. Sie forderten die Errichtung einer unabh\u00e4ngigen Kommission zur Untersuchung angeblicher Menschenrechtsverletzungen w\u00e4hrend des 30-j\u00e4hrigen B\u00fcrgerkrieges in Sri Lanka, insbesondere hinsichtlich der Kampfhandlungen des Jahres 2009. Zudem wurde der R\u00fcckzug des sri-lankischen Milit\u00e4rs aus dem tamilischen Siedlungsgebiet, die Freilassung der politischen H\u00e4ftlinge und die Schaffung eines unabh\u00e4ngigen tamilischen Staates verlangt. Anl\u00e4sslich des siebten Jahrestages des Kriegsendes in Sri Lanka demonstrierten circa 650 der LTTE nahstehenden Tamilen am 18. Mai 2016 in D\u00fcsseldorf. In einer Gedenkfeier der tamilischen Diaspora wurde an diesem Tag an den vorgeworfenen Genozid an Tamilen durch die sri-lankische Regierung w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges erinnert. Veranstalter waren der \"Volksrat der Eelam Tamilen - Deutschland (VETD)\" und die \"Tamil Youth Organisation - Germany (TYO)\". Am 27. November 2016, dem Geburtstag des ehemaligen LTTE-F\u00fchrers Velupillai Prabhakaran, gedachten bei dem j\u00e4hrlichen, weltweiten \"Heldengedenktag\" (tamilisch: \"Maaveerar Naal\") in Dortmund Anh\u00e4nger der Organisation der im Kampf f\u00fcr ein unabh\u00e4ngiges Tamil Eelam GefalleEinladung zum nen. An den Feierlichkeiten in Dortmund nahmen zahlreiche LTTE-AnHeldengedenktag h\u00e4nger teil. Deren Teilnahme legt die Vermutung nahe, dass der Gedanke des bewaffneten Widerstandskampfes f\u00fcr die LTTE-Anh\u00e4nger nach wie vor eine Rolle spielt. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die beiden LTTE-Fl\u00fcgel organisieren gemeinsame Veranstaltungen und streben eine bessere Koordination an. Verbessern sich die Lebensbedingungen der Tamilen in Sri Lanka auch unter dem seit August 2015 amtierenden Staatspr\u00e4sidenten nicht, wird es wahrscheinlicher, dass sich die Anh\u00e4ngerschaft des \"Hardliner\"-Fl\u00fcgels erh\u00f6ht und mehr Spendeneinnahmen generiert werden k\u00f6nnen, die f\u00fcr den bewaffneten Widerstandskampf verwendet werden. Solange sich die moderate Ausrichtung innerhalb der Organisation nicht durchgesetzt hat, bedarf es daher weiterhin der Beobachtung der LTTE durch den Verfassungsschutz. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_ltte 174 AuslAndsbezogener extremismus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Islamismus IslamIsmus 175 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Islamismus 175 Im Fokus: Jihadismus als Internet-Ph\u00e4nomen ................................................................... 178 Im Fokus: Islamistisch motivierter Terror ........................................................................... 182 Extremistischer Salafismus ................................................................................................ 186 Hamas ................................................................................................................................ 200 Hizb Allah (Partei Gottes) ................................................................................................... 202 Hizb ut-Tahrir (Islamische Befreiungspartei - HuT) ..............................................................206 Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) .................................................................................................208 Muslimbruderschaft (unter anderem IGD) .......................................................................... 210 Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung ......................................................................................................... 212 Islamistische nordkaukasische Szene (INS) ....................................................................... 216 T\u00fcrkische Hizbullah (TH).......................................................................................................218 Furkan-Gemeinschaft ......................................................................................................... 222 Das Jahr 2016 war aus deutscher Sicht gepr\u00e4gt vom islamistischen Terrorismus. F\u00fcnf Anschl\u00e4ge in Hannover, Essen, W\u00fcrzburg, Ansbach und Berlin mit zahlreichen Toten und Verletzten, ein unmittelbar vereitelter Anschlag durch eine Festnahme in Leipzig sowie mehrere bereits in der Planungsphase verhinderte Anschl\u00e4ge sind Beweis f\u00fcr das stark angestiegene Bedrohungspotenzial. Der Beginn des milit\u00e4rischen Niedergangs des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Irak und Syrien hat zu einer Versch\u00e4rfung der Bedrohungslage in Europa gef\u00fchrt. Wurde fr\u00fcher die Ausreise zum IS in den Nahen Osten propagiert, wird nun vor allem im Internet zum \"Jihad vor Ort\" aufgerufen. Hinter dieser Schwerpunktverlagerung der Propagandabotschaften stecken klare strategische \u00dcberlegungen. Die Ausreise nach Syrien - vormals vor allem \u00fcber die T\u00fcrkei - ist schwierig bis unm\u00f6glich geworden. Die T\u00fcrkei befindet sich mittlerweile selbst im Krieg mit dem IS. Durch terroristische Aktionen im \"Westen\" will sich der IS neue Erfolgsnarrative schaffen, Chaos und Schrecken verbreiten und den \"Westen\" und seine Bev\u00f6lkerung f\u00fcr das milit\u00e4rische Engagement \"bestrafen\". Gleichzeitig verfolgen IS-Strategen das Ziel, die Konfrontation zwischen der nichtmuslimischen und muslimischen Bev\u00f6lkerung in westlichen L\u00e4ndern zu sch\u00fcren. Durch Anschl\u00e4176 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","ge wird bewusst einkalkuliert, anti-muslimische Str\u00f6mungen zu st\u00e4rken, innergesellschaftliche Konflikte zu provozieren und westliche Gesellschaften zu destabilisieren. Deutsche Sicherheitsbeh\u00f6rden haben auf diese Situation reagiert. 2016 sind zahlreiche staatliche Ma\u00dfnahmen gegen islamistische Szenen ergriffen worden. Das gezielte Vorgehen gegen IS-Sympathisanten hat im November 2016 zur Festnahme eines - mutma\u00dflich - ma\u00dfgeblichen Chefideologen und R\u00e4delsf\u00fchrer der Unterst\u00fctzer-Szene in Deutschland gef\u00fchrt. Seit Beginn des Jahres 2016 sind 26 Verfahren beim Generalbundesanwalt anh\u00e4ngig. Dar\u00fcber hinaus sind 82 Verfahren registriert, die sich gegen Personen richten, die aus jihadistischen Kampfgebieten zur\u00fcckgekehrt sind (Stand: Juli 2017). Ebenfalls im November 2016 hat das Bundesministerium des Innern nach monatelangen Vorbereitungen durch Landesund Bundesbeh\u00f6rden ein deutschlandweites Verbot gegen die Vereinigung Die Wahre Religion und Lies! ausgesprochen. Grundlage des Verbots war nicht die \u00f6ffentliche Verteilung von Koranen durch Lies!. Vielmehr gr\u00fcndet das Verbot auf der aggressiven Stimmungsmache gegen die deutsche Verfassung und den deutschen Rechtsstaat \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum durch ma\u00dfgebliche Akteure dieses Netzwerks. \u00dcber 40 Anh\u00e4nger der Lies!Aktion hatten sich allein in Nordrhein-Westfalen im Laufe der letzten Jahre radikalisiert und sind nach Syrien und in den Irak ausgereist. Dies darf nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die extremistisch-salafistische Szene in Deutschland und Nordrhein-Westfalen nach wie vor besteht und handlungsf\u00e4hig ist. Die Attraktivit\u00e4t des extremistischen Salafismus und der Idee des Jihad gerade f\u00fcr junge Muslime als Ausdruck einer radikalen Abkehr von der westlichen Gesellschaft und ihrer Werte-Ordnung ist ungebrochen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt auch 2016 im Wachstum des extremistisch-salafistischen Personenpotenzials von 8.350 auf 9.700 bundesweit und von 2.500 auf 2.900 in Nordrhein-Westfalen wider (Stand: 31. Dezember 2016). Auch in den kommenden Jahren ist daher von einer akuten Gefahr durch radikalisierte, salafistisch-motivierte Extremisten auszugehen. R\u00fcckkehrer aus Krisengebieten, \"Terror-Kommandos\" aus dem Ausland, Jihad-affine salafistische Szenen vor Ort sowie radikalisierte Einzelt\u00e4ter werden auf lange Sicht eine Herausforderung f\u00fcr Sicherheitsbeh\u00f6rden und die deutsche Gesellschaft bleiben. IslamIsmus 177 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Fokus: Jihadismus als Internet-Ph\u00e4nomen Extremistische Propaganda und Radikalisierung verlagern sich - nicht zuletzt aufgrund staatlicher Ma\u00dfnahmen gegen Missionierungsnetzwerke und ihre Protagonisten - mehr und mehr ins Internet. Die Basis sind dabei in der Regel keine statischen Webseiten. Vielmehr werden soziale Netzwerke und Kommunikationsdienste genutzt, die kostenfrei zu Verf\u00fcgung stehen und selber keine extremistische Agenda verfolgen. F\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden bedeutet dies, genau hinzuschauen und die Pr\u00e4ventionsbem\u00fchungen auch verst\u00e4rkt im Netz voranzutreiben. Extremistischer Salafismus und seine gewaltgeneigte Auspr\u00e4gung - der Jihadismus - stellen eine Gefahr f\u00fcr unsere Gesellschaft dar. Dies haben f\u00fcnf im Jahr 2016 in Deutschland durchgef\u00fchrte Anschl\u00e4ge deutlich gezeigt. Angesichts dieser Gefahrenlage stellt sich die Frage, wie es zur Radikalisierung der meist jungen, zum Teil noch minderj\u00e4hrigen Attent\u00e4ter kommen kann. Bei Radikalisierungsprozessen sind die Suche nach Anerkennung durch und Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe wichtige Faktoren. Diese spielen sich im realen Leben von radikalisierten Personen ab. Salafistisch gepr\u00e4gte Vereinigungen und Netzwerke k\u00f6nnen besucht werden und bieten Anlaufpunkte. Durch Info-St\u00e4nde und Verteilaktionen werden insbesondere junge Menschen angesprochen und zu Aktivit\u00e4ten auf der Stra\u00dfe verf\u00fchrt. Hassprediger und Radikalisierer treten in Moscheen oder Privatr\u00e4umen auf und beschulen ihre Anh\u00e4nger vor Ort. Diese Gefahren sind bekannt, sie werden regelm\u00e4\u00dfig beschrieben und lassen sich durch staatliches Handeln wie beispielsweise Vereinsverbote sowie Ermittlungsund Strafverfahren bis zu einem gewissen Grad eingrenzen. Die ohnehin zunehmende Verlagerung von Propaganda und Anwerbung in das Internet und insbesondere auf Social-Media-Plattformen ist eine der Folgen. Gerade f\u00fcr junge Menschen - ungeachtet ihrer Herkunft - ist die Nutzung dieser Medien heute eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit und tritt gleichberechtigt neben die Kommunikation in der realen Welt. Die Ausbreitung extremistischer Propaganda - insbesondere die gewaltverherrlichenden bildreichen \"Werbebotschaften\" des IS - wird dadurch \"viral\"; das hei\u00dft, sie verbreitet sich unkontrollierbar im Netz und findet potenziell ein gro\u00dfes Publikum, das von den \"Nachrichten\" und Bildern angesprochen wird. Problematisch ist dabei nicht nur die gro\u00dfe Verbreitung, sondern auch die f\u00fcr das junge Zielpublikum sehr ansprechende und leicht zu konsumierende Machart dieser Propaganda. Deutsch ist mittlerweile eine von vielen Umgangssprachen der IS-Propaganda. Zahlreiche Medienprodukte, 178 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Jihadistische Propaganda-Inhalte im Internet und in den sozialen Medien IslamIsmus 179 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","wie beispielsweise Videos und Audiodateien, Zeitschriften wie \"Rumiyah\" oder \"Dabiq\" sowie Bekennerschreiben werden gezielt f\u00fcr den deutschsprachigen Markt produziert. Offenbar stellen diese Produkte Extremisten her, die von Deutschland ins Ausland ausgewandert sind und vom IS und anderen Organisationen nun als Propaganda-Produzenten gezielt eingesetzt werden. Daneben sind die Inhalte dieser Propaganda plakativer geworden. Eine ideologische Verflachung f\u00e4llt insbesondere bei den Verlautbarungen des IS auf; das hei\u00dft, dass immer weniger Inhalte mit einem wenigstens islamisch-religi\u00f6sen Anstrich belegt sind. Die islamische Religion dient nur noch als \"Stichwortgeber\". Themen wie die strengen Grundregeln der salafistischextremistischen Ideologie beispielsweise in Kleidungfragen und bezogen auf das regelm\u00e4\u00dfige Beten werden wenig angesprochen und zum Teil gar nicht mehr bedient. Aktionismus durch den Jihad r\u00fcckt in den Fokus. Jeder ist als Jihadist willkommen und es wird suggeriert, dass jeder durch eine \"erfolgreiche\" Aktion sein Seelenheil erlangen kann. Eine Ausnahme bildet das verbreitete Frauenbild, das konsequent auf Geschlechtertrennung und Vollverschleierung von Frauen abstellt. In diesem Punkt ist aber auch eine \u00d6ffnung erkennbar. So werden Frauen in der IS-Propaganda teilweise bewaffnet und als \"K\u00e4mpferinnen\" dargestellt. In fr\u00fcheren Jahren w\u00e4re dies in der jihadistischen Propaganda undenkbar gewesen. Es besteht ein offensichtlicher Widerspruch zwischen einerseits der Nutzung aktuellster Technik und modern anmutender Werbung in sozialen Medien und andererseits der eigentlichen Kernbotschaft, in das siebte Jahrhundert zur\u00fcckzukehren und ein Leben wie der Prophet Muhammad zu f\u00fchren. Diesen blendet die jihadistische Propaganda konsequent aus. Die weite Verbreitung und ideologische Verflachung der Propaganda stellen sowohl die Arbeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden, als auch die Pr\u00e4vention vor gro\u00dfe Herausforderungen. Der potenzielle Empf\u00e4ngerkreis dieser Botschaften ist kaum einzugrenzen: Junge Menschen werden im Internet erreicht, wo sie mittlerweile einen gro\u00dfen Teil ihrer Lebenszeit verbringen. Jihadistische Propaganda spricht mit ihrer starken Bildsprache gezielt den \"Bauch\", weniger den \"Kopf\" an. Emotionen bieten gerade Jugendlichen einen starken Ankn\u00fcpfungspunkt. Durch die teilweise flie\u00dfende Verbindung tats\u00e4chlich extremistischer Propaganda mit popkulturellen Elementen ist die Abgrenzung zwischen klar erkennbarem Extremismus und Elementen einer Jugendkultur schwierig. Eine eigene Sprache, Bildelemente und Botschaften sind sowohl Erkennungsmerkmale von jugendlichem Protest und Rebellion als auch von ideologisch motiviertem Terrorismus. Soziale Netzwerke werden zudem gezielt zur Rekrutierung von jihadistischen Organisationen im Ausland eingesetzt. Ermittlungen zu den im Jahr 2016 in Deutschland ver\u00fcbten Anschl\u00e4gen haben gezeigt, dass tats\u00e4chliche oder potenzielle Attent\u00e4ter gezielt in sozialen Netzwerken angesprochen, motiviert und sogar gesteuert worden sind. Der IS ist im Netz h\u00e4ufig nur ein paar \"Klicks\" entfernt. 180 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","\u00dcber soziale Netzwerke werden extremistische Inhalte transportiert. Sicherheitsbeh\u00f6rden setzen sich mit der zunehmenden Bedeutung des Internets im Bereich der Radikalisierung auseinander und verst\u00e4rken ihre Beobachtungen auch im virtuellen Raum. Das wird jedoch als Gegenma\u00dfnahme alleine nicht ausreichen. Gerade junge Menschen m\u00fcssen in ihrer Medienkompetenz gest\u00e4rkt werden. Die L\u00f6sung realer Probleme von Jugendlichen darf nicht den virtuellen jihadistischen \"Sozialarbeitern\" und Verf\u00fchrern des IS oder anderen extremistischen Akteuren \u00fcberlassen werden. Aus pr\u00e4ventiver Sicht ist das Ansprechen der Zielgruppe im Internet ebenso bedeutsam und kann durch themenspezifische \"Alternative Narratives\" und \"Counter Narratives\" geschehen. Die Verlagerung klassischer Sozialarbeit in die sozialen Medien kann in Form von \"online streetwork\" Zug\u00e4nge erschlie\u00dfen und Vertrauen aufbauen. Dies ist ein vielversprechender Ansatz, der immer in Kombination mit der Sozialarbeit in der Realwelt zu denken ist. IslamIsmus 181 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Fokus: Islamistisch motivierter Terror - Personenpotenziale und Anschlagsszenarien werden vielf\u00e4ltiger Das Jahr 2016 war gepr\u00e4gt durch eine weitere deutliche Zunahme von Anschl\u00e4gen islamistisch motivierter Terroristen in Deutschland und Europa. Dabei hat sich die Frequenz der Taten merklich erh\u00f6ht und durch die fortlaufende Ausweitung des T\u00e4terprofils stehen die Sicherheitsbeh\u00f6rden vor einer zunehmend komplexeren Aufgabe. In den letzten zehn Jahren hat sich die salafistische Szene in Deutschland massiv vergr\u00f6\u00dfert und ausgebreitet. Ihre Anh\u00e4nger werden gewaltbereiter, die Gefahr von terroristischen Anschl\u00e4gen steigt. Der deutsche Staat und seine B\u00fcrger werden als prim\u00e4res Feindbild bei den Salafisten angesehen. Noch nie war die Anschlagsfrequenz islamistisch motivierter Terroristen in Europa so hoch wie seit Beginn des Jahres 2015. Der Strategie von Terrormilizen wie dem sogenannten Islamischen Staat und al-Qaida folgend, sind weitere Anschl\u00e4ge in Europa und Deutschland angek\u00fcndigt. Dabei wird auch von einer noch h\u00f6heren Frequenz und einem noch gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df gesprochen. Trotz der territorialen Verluste des IS in Syrien und im Irak bestehen im Jemen, in Libyen, in Nigeria und Somalia unkontrollierte R\u00fcckzugsund Aktionsr\u00e4ume f\u00fcr jihadistische Gruppierungen. Nachdem beinahe jeder zehnte Salafist aus Deutschland in eines der jihadistischen Kampfgebiete ausgereist ist, kam diese Bewegung durch den milit\u00e4rischen Druck auf den IS nunmehr fast zum Erliegen. Der Umgang mit R\u00fcckkehrern r\u00fcckt absehbar mit Priorit\u00e4t auf die sicherheitsbeh\u00f6rdliche Agenda. Eine komplette milit\u00e4rische Zerschlagung des IS oder anderer jihadistischer Gruppierungen mit einer globalen Agenda in der islamischen Welt ist derzeit nicht zu erwarten. Aufgrund der andauernden Krisensituation in den genannten Regionen werden die negativen Auswirkungen auf Deutschland und Europa \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum fortbestehen. Auch bei einer milit\u00e4rischen Niederlage des IS in Syrien und Irak ist zu erwarten, dass dieser als Terrororganisation im Untergrund und als \"virtuelles Kalifat\" fortbestehen wird. 182 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Die Radikalisierung im gewaltbereiten Salafismus vollzieht sich immer schneller. Das Erlernen religi\u00f6sen Wissens und einer religi\u00f6sen Lebensf\u00fchrung werden nicht mehr zwingend abverlangt, um als gottgef\u00e4llig zu erscheinen und schlie\u00dflich den Eintritt in das Paradies zu erlangen. Propagiert wird insbesondere vom IS die jihadistische Tat, die den sofortigen Einzug ins Paradies \"garantiere\". Dabei erreicht die Propaganda zunehmend j\u00fcngere Menschen. Der jihadistisch ausgerichtete Salafismus bietet gerade f\u00fcr pubertierende, orientierungssuchende und rebellische Jugendliche - meist mit muslimischem Familienhintergrund - die M\u00f6glichkeit zur gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Abgrenzung von der Erwachsenengesellschaft und dem Elternhaus. Der gewaltverherrlichende Salafismus ist daher vor allem als ein Jugendszeneph\u00e4nomen anzusehen. Die Sicherheitsbeh\u00f6rden beobachten in den letzten zwei Jahren neben einer Ausweitung des \"modus operandi\" bei den Anschl\u00e4gen eine Zunahme unterschiedlicher T\u00e4terprofile. Neben erwachsenen Salafisten sind bereits radikalisierte Jugendliche sowie Fl\u00fcchtlinge als Attent\u00e4ter beziehungsweise potenzielle Attent\u00e4ter in Erscheinung getreten. Ein zielf\u00fchrendes \"Profiling\" anf\u00e4lliger Personengruppen stellt eine immer komplexer werdende Herausforderung dar. Ausweitung der T\u00e4terprofile Soziale Netzwerke im Internet werden durch Jihadisten gezielt zur Rekrutierung von Personen in Europa eingesetzt. Wie die Ermittlungen zu den im Jahr 2016 in Deutschland ver\u00fcbten Anschl\u00e4gen gezeigt haben, sind tats\u00e4chliche oder potenzielle Attent\u00e4ter gezielt in sozialen Netzwerken angesprochen, motiviert und sogar gesteuert worden. Ein besonderes Problem stellt dabei der Typus des \"Einzelt\u00e4ters\" dar. Diese Personen agieren nicht in Gruppen. Sie entschlie\u00dfen sich vielmehr zu h\u00e4ufig nur dem Anschein nach sponInternet-Propaganda zur Anwerbung von Einzelt\u00e4tern tanen, meist amok-\u00e4hnlichen Taten. Anschl\u00e4ge mit einfachen Tatmitteln wie Messern oder Fahrzeugen erfordern dabei wenig Kenntnisse und Planung. Sie erzeugen jedoch neben dem Leid der Opfer einen maximalen medialen Effekt. Diese Vorgehensweise wird in der Propaganda des IS mittlerweile gezielt beworben und als Form des effektiven Jihad angepriesen. Die bisherigen Attent\u00e4ter zeigen, dass es dem IS dabei IslamIsmus 183 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","nicht um besonders religi\u00f6se Personen geht. Es ist jeder als T\u00e4ter willkommen, der sich in einer Art salafistischem \"Ablasshandel\" durch das Begehen eines Anschlags von seinen vorherigen S\u00fcnden reinw\u00e4scht. M\u00f6gliche Einzelt\u00e4ter werden dabei sowohl in der salafistischen \"home-grown\"-Szene - Personen, die in Deutschland aufgewachsen sind - als auch in der gro\u00dfen Gruppe von Menschen gesucht, die seit dem Jahr 2015 nach Deutschland geflohen sind. Obwohl schwer zu erkennen, gibt es auch bei Einzelt\u00e4tern einen Radikalisierungsverlauf und entsprechende Signale einer pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderung, die durch ein aufmerksames Umfeld festgestellt werden k\u00f6nnten. Glorifizierung des \"Terror-Kommandos von Paris\" in einem Online-Video Komplexere Anschlagsvorhaben werden durch gut ausger\u00fcstete und in mehreren mobilen Zellen agierende Attent\u00e4ter (Terror-Kommandos) durchgef\u00fchrt. In diesen agieren verschiedene T\u00e4tergruppen wie Schl\u00e4ferzellen, R\u00fcckkehrer und als Fl\u00fcchtlinge eingeschleuste Jihadisten zusammen. Die Umsetzung solch komplexer Anschlagsvorhaben zeigte sich bisher in Belgien und Frankreich, wo gro\u00dfe und ortsans\u00e4ssige Szenen des jihadistischen Spektrums f\u00fcr R\u00fcckkehrende aus jihadistischen Kampfgebieten ein optimales Umfeld bieten. Terror-Kommandos sind im Gegensatz zu Einzelakteuren in der Lage, durch das gemeinsame Agieren gr\u00f6\u00dferen Schaden und eine h\u00f6here Zahl von Opfern \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum zu verursachen. Die Notwendigkeit der vorherigen Kommunikation zur Tatplanung zwischen den einzelnen Akteuren bietet allerdings auch die M\u00f6glichkeit, diese mit entsprechenden Mitteln und rechtlichen Befugnissen vor Ausf\u00fchrung der Tat zu entdecken und rechtzeitig zu intervenieren. 184 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","; GREIF SIE AN a IT] Der Gesandte Allahs a sagte: \"WER STIRBT OHNE ZU K\u00c4MPFEN, OCH BEABSICHTIGTE ZU K\u00c4MPFEN, DER STIRBT AUF EINEM ZWEIG DER HEUCHELEI.\" UBERLIEFERT BEI BERSLIEN]","Extremistischer Salafismus Sitz / Verbreitung Alle Regionen Nordrhein-Westfalens, Schwerpunkte in den Ballungszentren des Rheinlands und des Ruhrgebiets Gr\u00fcndung / Bestehen seit Ursprung salafistischer Bestrebungen: Historische islamische Str\u00f6mungen vor allem Saudi-Arabiens und \u00c4gyptens Ursprung jihadistischer Bestrebungen: Mujahidin-Bewegung der 1980er Jahre in Afghanistan. Nordrhein-Westfalen: ab etwa 2003 erste gezielte deutschsprachige Aktivit\u00e4ten Struktur / Repr\u00e4sentanz Die extremistisch-salafistische Szene in Nordrhein-Westfalen setzt sich aus unterschiedlichen Vereinen, Netzwerken und lokalen Szenen zusammen. Es existiert in Deutschland bisher weder ein Dachverband salafistischer Strukturen, noch eine politische Repr\u00e4sentanz, wie beispielsweise eine Partei. Entsprechende Versuche sind bislang regelm\u00e4\u00dfig gescheitert und sto\u00dfen auf ideologische Vorbehalte innerhalb der Szene. Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bekannte extremistische Salafisten: mindestens 2.900 Unterst\u00fctzer 2016 davon eher politisch: rund 2.200 eher gewaltorientiert: 700 Ver\u00f6ffentlichungen Verbreitung der Ideologie \u00fcber eigene Web-Angebote, Blogs und soziale Netzwerke, Informationsst\u00e4nde, Vereinsaktivit\u00e4ten und Vortragsveranstaltungen beziehungsweise Seminare Kurzportrait / Ziele Der extremistische Salafismus teilt sich ideologisch in zwei Grundstr\u00f6mungen auf: eine politische und eine gewaltorientierte / jihadistische. Politische Salafisten vertreten eine anti-demokratische und damit verfassungsfeindliche Ideologie: Diese basiert auf religi\u00f6sen Versatzst\u00fccken, die der islamischen Religion entlehnt sind. Sie streben die Errichtung eines vermeintlich \"authentisch186 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","islamischen Staatssystems\" an. Ihre Hauptaktivit\u00e4t besteht in der Missionierungsarbeit und dem langfristigen Aufbau von Strukturen. Gewaltorientierte Salafisten, die auch als Jihadisten bezeichnet werden k\u00f6nnen, stellen den Jihad im Sinne eines bewaffneten milit\u00e4rischen Kampfes in den Mittelpunkt ihrer Ideologie. Sie sind gewillt, ihre Vision von einem \"islamischen Staat\" auch mit Waffengewalt umzusetzen. Der \u00dcbergang zwischen den beiden ideologischen Str\u00f6mungen ist flie\u00dfend. Finanzierung Kriminalit\u00e4t, Spenden (teilweise aus dem Ausland), wirtschaftliche Bet\u00e4tigung Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Anh\u00e4nger der extremistisch-salafistischen Szene verstehen die islamische Religion als Ideologie und die Scharia als gottgegebenes Ordnungsund Herrschaftssystem. Dieser Ideologie folgend wird Demokratie in ihren Augen als eine falsche \"Religion\" und die Teilnahme an Wahlen somit als ein \"G\u00f6tzendienst\" angesehen. Es gilt das Prinzip der \"g\u00f6ttlichen Souver\u00e4nit\u00e4t\": Gesetze k\u00f6nnen der salafistischen Ideologie folgend nur von Gott ausgehen, aber niemals vom einem gew\u00e4hlten Gesetzgeber gemacht werden. Die Volkssouver\u00e4nit\u00e4t als wesentliches Element der Demokratie westlicher Pr\u00e4gung sei demnach unvereinbar mit dem extremistischen Salafismus. Die Ideologie propagiert eine L\u00f6sung aller gesellschaftlichen Probleme durch die uneingeschr\u00e4nkte Anwendung von Koran und Sunna (prophetische Tradition). Hierzu z\u00e4hlt die konsequente und buchstabengetreue Anwendung der \"Scharia\" nach salafistischer Auslegung (in diesem Sinn ein ganzheitliches Regelwerk, dass alle Aspekte des Lebens eines Muslims umfasst). Die Umsetzung der beschriebenen Vorschriften umfasst auch das Privatleben: So wird eine rigide Trennung von Mann und Frau nicht nur in der Moschee, sondern insgesamt im \u00f6ffentlichen Raum gefordert. Eine gemeinsame schulische Erziehung von Jungen und M\u00e4dchen ebenso wie die Berufst\u00e4tigkeit von Frauen wird grunds\u00e4tzlich abgelehnt. Frauen sind diesem Wertebild zufolge nominell gleichwertig, aber nicht gleichberechtigt. Dar\u00fcber hinaus propagieren gewaltorientierte Salafisten offen den \"Jihad\" im Sinne eines bewaffneten Kampfes und \"M\u00e4rtyrertums\". Mit der Ablehnung der Demokratie und der pluralen und offenen Gesellschaft widerspricht die salafistische Ideologie somit in wesentlichen Aspekten der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. IslamIsmus 187 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Aus der ablehnenden und offen feindseligen Haltung gegen\u00fcber der \u00fcbrigen Gesellschaft und der teilweise hohen Gewaltaffinit\u00e4t resultiert ein gro\u00dfes Konfliktpotenzial, welches das friedliche gesellschaftliche Zusammenleben gef\u00e4hrdet. Extremistische und jihadistische Propaganda hat in der Vergangenheit vielfach Radikalisierungsprozesse gef\u00f6rdert. Es geht insbesondere von Extremistische Salafisten lehnen Gesetze als Ausdruck gewaltorientierten Salafisten eine tateiner demokratischen Werteordnung ab s\u00e4chliche Gef\u00e4hrdung f\u00fcr die innere Sicherheit in Deutschland aus. Sie sind bereit, zur Umsetzung ihrer Ziele auch in Deutschland schwerste Gewalttaten und Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben und schrecken auch vor vielfachem Mord nicht zur\u00fcck. Ihre Utopie eines \"islamischen Staates\" steht in diametralem Widerspruch zur politischen und gesellschaftlichen Ordnung in Deutschland und Europa. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die Aktivit\u00e4ten in Deutschland haben sich im Jahr 2016 im Wesentlichen auf vier Bereiche fokussiert: Missionierung Missionierung wird vor allem \u00fcber Webseiten und soziale Netzwerke, durch Verteilung religi\u00f6ser Schriften im \u00f6ffentlichen Raum und Wohnungs-Dawa betrieben. Zielsetzung der Missionierung ist die Heranf\u00fchrung und Anbindung von Personen an bereits bestehende Netzwerke und Szenen, wobei die extremistische Agenda h\u00e4ufig nicht im Vorhinein \u00f6ffentlich deutlich gemacht wird. Hilfsorganisationen Unter einem humanit\u00e4ren Label werden Gelder und Sachspenden gesammelt und zum Teil gezielt salafistischen Netzwerken in Syrien und anderen islamisch-gepr\u00e4gten L\u00e4ndern zugef\u00fchrt. 188 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Gefangenenhilfe Netzwerke zur Gefangenenhilfe betreuen Personen der salafistischen Szene, die meist aufgrund von Staatsschutzdelikten vor Gericht stehen oder verurteilt worden sind. Die Betreuung reicht von Besuchen der Prozesstermine bis zu \"Erbauungsbriefen\" in der Haft. Diese \"Hilfe\" verfolgt das Ziel, Reue zu verhindern und Resozialisierungsprozesse zu unterbinden. Jihadismus Gewaltorientierte Salafisten (Jihadisten) sind gewillt, ihre Vision eines \"Islamischen Staates\" mit terroristischer Gewalt umzusetzen. Im Jahr 2016 war Deutschland Ziel terroristischer Gewalt. Es hat f\u00fcnf Anschl\u00e4ge gegeben. Die bereits im Vorjahresbericht beschriebene ideologische Spaltung der jihadistischen Bewegung in Kern-al-Qaida und ihr nahe stehende Gruppen sowie den sogenannten Islamischen Staat (IS), der aus al-Qaida im Irak hervorgegangen ist, hat sich im Berichtszeitraum 2016 fortgesetzt. Entsprechende Sympathisanten teilen sich auch in Deutschland in zwei Lager. Hinzu kommt ein offen auftretender Konflikt zwischen Sympathisanten des IS und Personengruppen, die zwar als Extremisten agieren, den durch den IS propagierten und praktizierten Jihad aber in aller \u00d6ffentlichkeit kritisieren und ablehnen. Zu den vier Themenbereichen konnten im Berichtsjahr im Einzelnen folgende Entwicklungen beobachtet werden: Entwicklungen im Bereich \"Missionierung / Rekrutierung\" Der Begriff \"Dawa\" (Aufruf oder Einladung zum Islam) wird von extremistischen Salafisten zur Bezeichnung ihrer Missionierungst\u00e4tigkeiten genutzt und stellt das grundlegende Bet\u00e4tigungsfeld der Szene dar. Bereits im Jahr 2015 verlagerte die salafistische Szene ihre Aktivit\u00e4ten zunehmend in den nicht-\u00f6ffentlichen Raum wie Privatr\u00e4ume und angemietete Hallen oder nutzte kleinere Veranstaltungsformen. Die Missionierungst\u00e4tigkeit im Internet und in sozialen Netzwerken verzeichnete im Berichtsjahr 2016 einen deutlichen Anstieg. Die von der Organisation Die wahre Religion (DWR) durchgef\u00fchrte Kampagne Lies!, bei der Korane im \u00f6ffentlichen Raum verteilt wurden, lief kontinuierlich bis November 2016. Sie stellte die gr\u00f6\u00dfte Propaganda-Aktion der salafistischen Szene dar. Vordergr\u00fcndig nur missionierend leitete sie bei zahlreichen teilnehmenden Aktivisten eine zunehmende Radikalisierung bis zur Beteiligung am bewaffneten \"Jihad\" ein. Am 15. November 2016 wurde deshalb ein deutschlandweites Verbot der Dachvereinigung DWR durch das Bundesministerium des Innern durchgesetzt. IslamIsmus 189 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Das Verbot zielt auf Botschaften und Bekenntnisse der Vereinigung DWR, gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, die bei Seminaren, \u00f6ffentlichen Veranstaltungen und der Verteilung von Koran\u00fcbersetzungen in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen verbreitet wurden. Diese reichen von der Bef\u00fcrwortung bis zum Aufruf zur Gewalt. Zudem sind bisher mindestens 140 Aktivisten und Unterst\u00fctzern der Lies!-Kampagne aus Deutschland nach Syrien beziehungsweise in den Irak mit der Zielsetzung ausgereist, sich dort dem Kampf terroristischer Gruppierungen anzuschlie\u00dfen. Das Verbot umfasst nicht eine Werbung f\u00fcr und eine Verbreitung des islamischen Glaubens oder eine Verteilung von Koranen oder Koran\u00fcbersetzungen an sich. Vielmehr ist die Propagierung extremistischer Ideologien sowie die Unterst\u00fctzung terroristischer Organisationen unter dem Vorwand, sich auf den Islam zu berufen, Gegenstand des Verbotes. > Pierre Vogel Der salafistische Prediger Pierre Vogel (Abu Hamza) nahm im Berichtsjahr nur vereinzelt an \u00f6ffentlichen Veranstaltungen teil. Erw\u00e4hnenswert ist eine im September 2016 in Bremen durchgef\u00fchrte Kundgebung, die unter dem Motto \"ISIS ist nicht Islam\" stand. Bei dieser Veranstaltung trat Vogel gemeinsam mit einem Prediger aus \u00c4gypten vor etwa 150 Personen auf. Dar\u00fcber hinaus besuchte er im Rahmen von Pilgerfahrten und sonstigen Anl\u00e4ssen verschiedene arabische L\u00e4nder und begab sich im September f\u00fcr den IHED (Islamischer Humanit\u00e4rer Entwicklungsdienst) nach Somalia, um die Arbeit dieses Hilfsvereins vorzustellen und die Spendenbereitschaft zu erh\u00f6hen. Gemeinsam mit Bilal G\u00fcm\u00fcs initiierte er das Projekt We love Muhammad. Zudem pr\u00e4sentierte er sich wieder ungebrochen stark im Internet. Er adressierte seine Zuh\u00f6rerschaft mit verschiedenen Statements auch zu aktuellen Geschehnissen. In diesem Zusammenhang verbreitete er seine Botschaften, distanzierte sich offen vom IS und den terroristischen Anschl\u00e4gen in der westlichen Welt. Im Nachgang kam es zu mehreren Drohungen gegen Vogel: Die 14. Ausgabe des IS-Magazins DABIQ ruft unter anderem dazu auf, neben den Ungl\u00e4ubigen auch die \"Imame des Unglaubens\" zu t\u00f6ten. In diesem Kontext war ein Bild von Pierre Vogel neben dem salafistischen Prediger Bilal Philips zu sehen. In der Folge erschien zudem ein Video mit dem Titel \"Die Wahrheit \u00fcber Pierre Vogel\", in dem explizit dazu aufgerufen wurde, ihn zu t\u00f6ten. Das Thema ist innerhalb der salafistischen Szene in Deutschland pr\u00e4sent. Im Sommer Extremistische Salafisten wenden 2016 kam es beispielsweise zu einem \u00f6ffentlichen Disput sich massiv gegen Personen, die mit dem jihadistischen Prediger Ahmed Abdulaziz Abdulsich vom Terror des IS distanzieren. 190 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","lah (Abu Walaa). Diese Auseinandersetzung nahmen die Anh\u00e4nger von Abu Walaa zum Anlass, in diversen Foren vor Pierre Vogel zu warnen und ihm jegliche religi\u00f6se Kompetenz abzusprechen. Es kam zu einem Bruch zwischen der Anh\u00e4ngerschaft von Vogel und Abdulaziz Abdullah in Deutschland, der nach wie vor anh\u00e4lt. > Sven Lau Der Prozess gegen den am 15. Dezember 2015 in M\u00f6nchengladbach festgenommenen salafistischen Prediger Sven Lau (Abu Adam) hat vor dem Oberlandesgericht in D\u00fcsseldorf stattgefunden. Prozessbeginn war der 6. September 2016. Lau war wegen des Verdachts der Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung im Ausland angeklagt. Die Reaktion der salafistischen Szene auf seine Festnahme hielt sich seinerzeit in Grenzen. In einschl\u00e4gigen Kan\u00e4len der sozialen Netzwerke wird nur noch gelegentlich \u00fcber Sven Lau berichtet. Solidarit\u00e4tskundgebungen fanden nicht mehr statt. Am 26. Juli 2017 wurde vor dem 5. Strafsenat des OLG D\u00fcsseldorf das Urteil gegen Sven Lau gesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Lau durch vier selbst\u00e4ndige Handlungen eine ausl\u00e4ndische terroristische Vereinigung in Syrien unterst\u00fctzt hat und verurteilte ihn zu einer Haftstrafe von 5 Jahren und 6 Monaten. Gegen dieses Urteil wurde seitens des Angeklagten Revision eingelegt. Die Reaktionen auf dieses Urteil in der salafistischen Szene waren ebenfalls eher verhalten. > Verteilung von Koranen und Prophetenbiographien Lies! Das bis zu seinem Verbot bundesweit aktive Netzwerk Die Wahre Religion um den salafistischen Prediger Ibrahim Abou Nagie bildete einen Schwerpunkt innerhalb des extremistischen Salafismus. 2016 fanden wie in den Vorjahren Koranverteilaktionen in NordrheinWestfalen statt. Sie wurden in gewohnter Weise in den sozialen Netzwerken intensiv medial verwertet und beworben. Rund 400 Personen der Szene konnten dem Netzwerk in verschiedenen Funktionen zugerechnet werden. Damit galt es als mitgliederst\u00e4rkstes Sicherstellung von Paletten verschiedenNetzwerk im Bereich des extremistischen Salafismus. sprachiger Koran-Ausgaben in Pulheim IslamIsmus 191 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Siegel der Propheten Unter dem Namen Das Siegel der Propheten existierte als Abspaltung von Lies! ein Netzwerk, das schwerpunktm\u00e4\u00dfig im Raum D\u00fcsseldorf agierte. Als \"Siegel der Propheten\" wird der von den Muslimen als Prophet Mohammed verehrte Religionsstifter des Islam bezeichnet. Im Oktober 2016 teilte der Verein \u00fcber sein Web-Angebot mit, dass der Vorstand beschlossen habe, die Koranverteilung \u00fcber Informationsst\u00e4nde mit sofortiger Wirkung einzustellen. Der hinter dem Netzwerk stehende Verein ist mittlerweile abgemeldet und inaktiv. We love Muhammad Gemeinsam mit Bilal G\u00fcm\u00fcs startete Pierre Vogel im November 2016 das Projekt We love Muhammad. Bei diesem Projekt wird neben einer Mohammed-Biografie weiteres Informationsmaterial zur Verbreitung der salafistischen Ideologie kostenfrei verteilt. Im Gegensatz zur mittlerweile verbotenen Lies!-Kampagne erfolgt die Verteilung mobil in stark frequentierten innerst\u00e4dtischen Bereichen und nicht an Verteilst\u00e4nden. Wie bei der Lies!-Kampagne \u00fcbernehmen lokale Akteure der extremistisch-salafistischen Szene die Arbeit vor Ort. Verteilaktionen wurden bisher in verschiedenen deutschen St\u00e4dten sowie im benachbarten Ausland festgestellt. Vereinzelt werden sie werbewirksam auf einschl\u00e4gigen Webseiten dargestellt. Das Informationsmaterial ist dar\u00fcber hinaus online und als eigenst\u00e4ndige App f\u00fcr Mobiltelefone erh\u00e4ltlich. Das Projekt We love Muhammad verbreitet Informationen unter anderem auch \u00fcber Mobiltelefon-Apps 192 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Der aus Hessen stammende Bilal G\u00fcm\u00fcs wird als Initiator dieses Projektes bezeichnet. Pierre Vogel sieht seine Rolle nach eigenem Bekunden eher als Unterst\u00fctzer. Ihm kommt als bundesweit bekanntem Protagonisten der salafistischen Szene jedoch zweifelsfrei eine bedeutende Funktion in Bezug auf die Werbung und die Rekrutierung weiterer Teilnehmer zu. Er kann daher ebenfalls in den Kreis der Verantwortlichen f\u00fcr dieses Projekt einbezogen werden. Schon aufgrund der bislang festgestellten Teilnehmer und Organisatoren ist das Projekt in der Szene des extremistischen Salafismus zu verorten. Nachdem die Koranverteilungen von Lies! verboten und von Das Siegel der Propheten eingestellt wurden, bietet das Projekt We love Muhammad dem salafistischen Personenpotenzial eine neue Plattform, sich an der Dawa aktiv zu beteiligen und somit einen Beitrag zur Verbreitung der salafistischen Ideologie zu leisten. Entwicklungen im Bereich \"Hilfsorganisationen\" Nach dem Scheitern des \"Arabischen Fr\u00fchlings\" in Syrien herrscht dort ein blutiger B\u00fcrgerkrieg, der vor allem die Zivilbev\u00f6lkerung trifft. Der Konflikt erstreckt sich durch die Involvierung des sogenannten Islamischen Staates auch auf den Irak und erm\u00f6glichte den Aufstieg diverser jihadistischer und al-Qaida-naher terroristischer Gruppierungen. Die Bereitstellung humanit\u00e4rer Hilfe f\u00fcr die syrische Zivilbev\u00f6lkerung gibt grunds\u00e4tzlich keinen Anlass zur Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Sammelund Hilfsaktionen extremistisch-salafistischer Netzwerke, die bei der Spendensammlung eine Neigung zu jihadistischen Gruppierungen in Syrien erkennen lassen, werden jedoch in Nordrhein-Westfalen durch den Verfassungsschutz beobachtet. Es bestehen immer wieder Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass Gelder, die im Rahmen von Benefizveranstaltungen und Sammelaktionen dieser Netzwerke zusammengetragen werden, teilweise gezielt salafistischen oder sogar terroristischen Netzwerken in Syrien zugehen. Die Gelder verbleiben zum Teil auch in Deutschland und werden hier zur Netzwerkpflege zweckentfremdet. Da solche Organisationen in einem salafistischen Umfeld agieren, bieten Sie zudem eine Basis f\u00fcr die Anwerbung neuer Mitglieder. > Ansaar International Bei dem im Jahr 2012 in D\u00fcsseldorf gegr\u00fcndeten Verein Ansaar D\u00fcsseldorf e.V. handelt es sich dem eigenen Verst\u00e4ndnis nach um einen Hilfsbund zur Unterst\u00fctzung notleidender Glaubensgeschwister im Inund Ausland. Der Verein f\u00fchrt auch die Bezeichnung Ansaar International e.V.. Er verf\u00fcgt \u00fcber Anbindungen an die Salafisten-Szene in Nordrhein-Westfalen und dar\u00fcber hinaus. IslamIsmus 193 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ansaar D\u00fcsseldorf e.V. unterst\u00fctzt Hilfsprojekte f\u00fcr bed\u00fcrftige Muslime weltweit. Innerhalb Deutschlands verf\u00fcgt die Organisation \u00fcber mehrere sogenannte \"Ansaar International Teams\", die im Namen des Vereins Spenden sammeln und Werbeaktionen durchf\u00fchren. Gegenw\u00e4rtig werden Spenden gr\u00f6\u00dftenteils online \u00fcber Messenger-Dienste und \u00fcber die eigene FacebookSeite gesammelt. Die Aufrufe werden mit Bildund Videomaterial aus den jeweiligen Krisengebieten untermauert. Nach eigener Darstellung ist der Verein derzeit unter anderem in Syrien, Somalia, Marokko, Burma, Indonesien, Tschetschenien, Libanon, Ghana, Afghanistan, Pal\u00e4stina, Bosnien und Deutschland aktiv. Der Bau von Moscheen, Schulen und Brunnen sowie Hilfe f\u00fcr Witwen und Waisen sollen laut eigener Aussage zu den grundlegenden Aktivit\u00e4ten des Vereins geh\u00f6ren. Aktive Nothilfe werde f\u00fcr \"Geschwister\" durch Lieferung von Lebensmitteln, Medizin und auch Krankenwagen in Kriegsgebiete Krankenwagen mit Symbolen geleistet. In Deutschland liege der Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten von Ansaar International auf der Dawa-Arbeit und der Hilfe f\u00fcr in einer akuten Notlage befindliche Menschen. Nach derzeitigem Erkenntnisstand ist einer der Schwerpunkte der Arbeit von Ansaar International e.V. die humanit\u00e4re Hilfe f\u00fcr die syrische Zivilbev\u00f6lkerung. Eigenen Angaben zufolge betreibt der Verein ein Krankenhaus in Aleppo und ein Facharztzentrum (Ansaar Medical Clinic) in Idlib. Zudem werden Projekte unter anderem in Afrika im Internet stark beworben. Auch wenn im Zuge kritischer Berichterstattung in den Medien Verbindungen zum extremistischsalafistischen Spektrum \u00f6ffentlich reduziert wurden, wurden in der Vergangenheit bei Spendensammlungen international bekannte salafistische Prediger eingebunden. Das Streben nach Anerkennung als gemeinn\u00fctzige Organisation ist ebenfalls als Teil eines vordergr\u00fcndigen Legalisierungskurses zu verstehen. Ansaar D\u00fcsseldorf e.V. ist unver\u00e4ndert als Organisation innerhalb der extremistisch-salafistischen Szene zu bewerten und wird weiterhin vom nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutz beobachtet. Spendenaufruf von Ansaar International 194 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","> Helfen in Not Der im Jahr 2013 gegr\u00fcndete Verein Helfen in Not (HiN) - vormals mit Sitz in Neuss - bezeichnet sich als Hilfsverein zur Unterst\u00fctzung notleidender Muslime. Im Vordergrund seiner Aktivit\u00e4ten steht die Hilfe f\u00fcr vom B\u00fcrgerkrieg betroffene Menschen in Syrien. Bei allen Aktivit\u00e4ten des Vereins in Nordrhein-Westfalen und im \u00fcbrigen Bundesgebiet zeigt sich jedoch die feste Einbindung in die salafistische Szene, in der auch der \"Kampf gegen die Feinde des Islams\", also der militante Jihad, gutgehei\u00dfen wird. Im Berichtsjahr 2016 lieferte HiN medizinische G\u00fcter, Kleidung sowie in Teilen milit\u00e4risch nutzbare Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde nach Syrien. Nach K\u00fcndigung der bisherigen R\u00e4ume in Neuss ist der Verein weiterhin ohne festen Sitz in Nordrhein-Westfalen. Ein offenes Vereinsleben gestaltet sich nach dem Wegfall dieser Anlaufadresse schwierig. Trotzdem sind umfangreiche Aktivit\u00e4ten und Reisebewegungen - insbesondere des Vereinsvorsitzenden - ebenso wie Aktivit\u00e4ten in der T\u00fcrkei zu verzeichnen und in den sozialen Netzwerken zu verfolgen. Social-Media-Seite und Spendenaufruf aus dem Internet und Spendenaufruf von HiN > Medizin mit Herz Der Verein Medizin mit Herz (vormals aktiv unter dem Namen Medizin ohne Grenzen) ist im Sommer 2013 gegr\u00fcndet worden und hat seinen Sitz aktuell in Hennef. Der Verein sammelt Hilfsg\u00fcter und Krankenwagen f\u00fcr vordergr\u00fcndig humanit\u00e4re Zwecke in Syrien. Durch seine Aktivit\u00e4ten hat er Bez\u00fcge \u00fcber die Region Bonn hinaus auch in andere Bundesl\u00e4nder. Akteure, die f\u00fcr den Verein t\u00e4tig sind und f\u00fcr ihn werben, k\u00f6nnen der salafistischen Szene im Raum Bonn zugerechnet werden. Auf dieser Grundlage werden der Verein und seine Aktivit\u00e4ten durch den Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet. Eine wesentliche \u00c4nderung hinsichtlich handelnder Personen und der grunds\u00e4tzlichen Ausrichtung war im Jahr 2016 nicht erkennbar. Berichte auf den Webseiten des Vereins und in den sozialen Netzwerken belegen, dass Medizin mit Herz seine Aktivit\u00e4ten - wenn auch in vermindertem Umfang - im Berichtsjahr weiter fortf\u00fchrte. IslamIsmus 195 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft gegen zwei Beschuldigte wegen des Verdachts der Unterst\u00fctzung der ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung Jabhat al-Nusra (JaN) wurden am 8. Februar 2017 mehrere Wohnungen und weitere R\u00e4umlichkeiten in Nordrhein-Westfalen und Gro\u00dfbritannien durchsucht. Die beiden Beschuldigten sollen die JaN bereits seit mehreren Jahren unterst\u00fctzt und Spenden gesammelt haben sowie an der Organisation und Durchf\u00fchrung von Hilfskonvois beteiligt gewesen sein. Den Ermittlungen zufolge erfolgten die Lieferungen unter anderem \u00fcber die Vereine Medizin mit Herz e.V. und Medizin ohne Grenzen e.V.. Facebook-Seite von Medizin mit Herz > Afrikabrunnen Der Verein \"Afrikabrunnen e. V.\", der sich mittlerweile in \"Blue Springs LTD.\" umbenannt hat, ist dem politisch-salafistischen Spektrum zuzurechnen und hat seine deutsche Niederlassung in Dortmund. Der Verein stellte sich anfangs als rein humanit\u00e4re Organisation im salafistischen Spektrum dar. Sein Zweck war lange Zeit vorrangig humanit\u00e4re Aufbauhilfe in Afrika. Er hatte sich das Ziel gesetzt, die Grundversorgung mit Wasser auf dem gesamten afrikanischen Kontinent sicher zu stellen. Bei Veranstaltungen traten regelm\u00e4\u00dfig salafistische Prediger aus dem Umfeld der beobachteten Missionierungsnetzwerke auf. Sie wurden von den Verantwortlichen \u00fcber soziale Online-Medien beworben. Auch wenn der Schwerpunkt der Vereinsaktivit\u00e4ten auf der Akquise von Spenden f\u00fcr verschiedene Hilfsprojekte in vorrangig islamischen L\u00e4ndern in Afrika lag, wurde seit dem Jahr 2015 wiederholt zu Spenden f\u00fcr Syrien aufgerufen. Seit Anfang 2017 laufen Projekte in Syrien, wie beispielsweise das Verteilen von RamadanPaketen \"an der Frontlinie\" oder die Finanzierung eines achtj\u00e4hrigen \"Islam-Studiums\" f\u00fcr Kinder. 196 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Spenden-Video von \"Blue Springs LTD.\" Sie sollen dieses im Alter von 14-15 Jahren abschlie\u00dfen, um das \"gro\u00dfe Potential\" der n\u00e4chsten Generation zu bilden. Den Online-Auftritten des Vereins ist zu entnehmen, dass Mitglieder direkt in Syrien agieren. Die dortige Situation wird in den sozialen Netzwerken als eine islamische Umgebung beschrieben, in der es keine Ungerechtigkeit gebe; die Generation der dortigen Kinder werde die islamische Religion wieder zum Leben erwecken. Entwicklungen im Bereich \"Gefangenenhilfe\" > Bernhard Falk Der ehemalige linksextremistische Terrorist Bernhard Falk widmet sich wie in den vergangenen Jahren auch unvermindert der Gefangenenhilfe. Seit seiner Konversion zum Islam ist er in der salafistischen Szene aktiv und agiert dort unter dem Alias-Namen Muntasir billah (deutsch: \"siegreich durch Gott\"). Er vertritt die Ansicht, dass die Bundesrepublik Deutschland einen Kampf gegen \"den Islam\" betreibe. \u00dcber soziale Netzwerke ruft er regelm\u00e4\u00dfig zur Unterst\u00fctzung der vermeintlich \"muslimischen politischen Gefangenen der BRD\" auf. Er teilt dabei mit, in welchen Justizvollzugsanstalten diese inhaftiert sind und macht Gerichtstermine und Verhandlungsorte \u00f6ffentFacebook-Post lich bekannt. Es wird sowohl um Kontaktaufnahme mit den \"Geschwistern\" - beispielsweise durch Besuche oder Briefsendungen - als auch um Spenden gebeten. Dar\u00fcber hinaus besucht Falk regelm\u00e4\u00dfig die Gerichtsverhandlungen, berichtet ausIslamIsmus 197 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","f\u00fchrlich \u00fcber den Prozessverlauf und teilt seine Einsch\u00e4tzungen zum Verfahrensstand mit. \u00dcber die Unterst\u00fctzungsaufrufe im Internet hinaus verteilt Falk auf einschl\u00e4gigen Veranstaltungen der salafistischen Szene Flyer, um auf die Situation der \"muslimischen Gefangenen in der BRD\" aufmerksam zu machen. Der Gefangenenbetreuung kommt weiterhin - nicht zuletzt aufgrund der gestiegenen Zahl von Strafverfahren gegen jihadistische Salafisten - in der extremistisch-salafistischen Szene eine besondere Stellung zu. Neben der blo\u00dfen Darstellung der Geschehnisse soll auch die Verbundenheit mit der Szene gest\u00e4rkt und somit eine Abkehr von der salafistischen Ideologie verhindert werden. Bernhard Falk bezieht deutlich Position gegen den sogenannten Islamischen Staat, gibt aber immer wieder positive Statements zu al-Qaida-Gruppierungen ab, die noch zum urspr\u00fcnglichen Netzwerk des Aiman al-Zawahiri, dem Nachfolger Usama Bin Ladens, gez\u00e4hlt werden k\u00f6nnen. Insofern ist Bernhard Falk zumindest ideologisch als Jihadist einzuordnen, der durch seine Gefangenenbetreuung einer m\u00f6glichen Resozialisierung Gleichgesinnter vor, w\u00e4hrend und nach der Strafhaft aktiv entgegenwirkt. Entwicklungen im Bereich \"Jihadismus\" Den Fortgang des brutalen B\u00fcrgerkrieges im Irak und in Syrien sowie die kriegerischen Konflikte in weiteren Teilen der islamischen Welt nutzen Terrorgruppierungen mit jihadistischer Ideologie weiterhin, um ihre im Internet verbreitete Utopie eines \"musterg\u00fcltigen islamischen Staates\" sowie die Androhung und erfolgreiche Umsetzung von Terroranschl\u00e4gen und Attentaten zu vermarkten. Der sich abzeichnende milit\u00e4rische Niedergang des IS wird kurzfristig nicht zu einer Verbesserung der Sicherheitslage f\u00fchren, da der IS als Terrororganisation auch ohne Staatsterritorium fortbestehen d\u00fcrfte. Dar\u00fcber hinaus verst\u00e4rkt zunehmender Druck auf den IS im Irak und Syrien den Bedarf nach \"Erfolgen\", die mit dem Aufruf zu Anschl\u00e4gen vorbereitet und durch deren tats\u00e4chliche Ausf\u00fchrung verwirklicht werden sollen. Die Anzahl bereits radikalisierter Personen in und aus Nordrhein-Westfalen ist bereits jetzt sehr hoch und bildet ein langfristiges Gefahrenpotenzial. Die jihadistische Propaganda fokussiert sich zunehmend auf den \"Jihad vor Ort\". Es wird dezidiert zu Anschl\u00e4gen und Attentaten weltweit aufgerufen. Dass die Strategie der Jihadisten in der Szene greift, haben die ausgef\u00fchrten Anschl\u00e4ge und Attentate im Berichtsjahr verdeutlicht. R\u00fcckkehrer stellen mit ihrer Terrorausbildung und Kampferfahrung grunds\u00e4tzlich eine Gefahr dar. Soweit eine strafrechtliche Verfolgung nicht m\u00f6glich ist, m\u00fcssen sie unter sicherheitsbeh\u00f6rdlicher Beobachtung bleiben. Ist die Bereitschaft vorhanden, sich von der Szene abzuwenden, bietet sich auch die Aufnahme in ein Aussteigerprogramm an. Eine vergleichbar ernste Bedrohung geht mittlerweile von Einzelt\u00e4tern aus, die sich teilweise in sehr kurzen Zeitr\u00e4umen radikalisieren 198 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","und amok\u00e4hnliche Attentate begehen. Sie bieten den Sicherheitsbeh\u00f6rden nur \u00e4u\u00dferst begrenzte pr\u00e4ventive Eingriffsm\u00f6glichkeiten. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Der extremistische Salafismus findet in unterschiedlichen ideologischen Auspr\u00e4gungen auch in Nordrhein-Westfalen weiterhin starken Zulauf von meist jungen Menschen. Eine neue Entwicklung stellt die Ausbreitung des \"Halal\"-Sektors in der extremistischen Szene dar. In Nordrhein-Westfalen lie\u00dfen sich im Berichtszeitraum zahlreiche Aktivit\u00e4ten der salafistischen Szene in mit \"Halal\" umschriebenen Lebensbereichen wahrnehmen. Diese Aktivit\u00e4ten umfassen neben dem klassischen Fleischhandel auch Bereiche und Themen wie Veranstaltungen, allgemeine Ern\u00e4hrung, Kosmetik, Bekleidung, Wellness, Finanzen und allgemeine Lebensf\u00fchrung. Beim Thema Gesundheit spielen unter anderem Schr\u00f6pfen (Hijama) und Geistheilung (Ruqya) eine Rolle. Halal bezeichnet alle Handlungen, die nach dem islamischen Recht erlaubt sind. Der Markt f\u00fcr halalkonforme Produkte und Dienstleister ist weltweit sehr gro\u00df und umsatzstark. Eine Vielzahl an Anbietern bedient auch in Deutschland die Nachfrage nach entsprechenden Produkten und Dienstleistungen. Sie nutzen Messen, Veranstaltungen und Infotage, um Interessierte \u00fcber die Angebote zu informieren. Seitens der Anbieter werden Dienstleistungen und Produkte bekannt gemacht, neue Kunden gewonnen und Kontakte gekn\u00fcpft. Bez\u00fcge zum Salafismus oder Islamismus bestehen in der Regel nicht. Allerdings wird es f\u00fcr bedenklich angesehen, wenn Veranstalter und Betreiber von Veranstaltungen, Messen und Informationsplattformen im salafistischem Spektrum verwurzelt sind. In den Bereichen wie Mode, Ern\u00e4hrung, Kosmetik, Wellness und Gesundheit werden entsprechende halal-konforme Dienstleistungen \u00fcberwiegend von Frauen erbracht beziehungweise Produkte durch Frauen vertrieben. Entsprechende Veranstaltungen und Kontaktb\u00f6rsen k\u00f6nnen dazu geeignet sein, religi\u00f6se Frauen ohne extremistische Einstellungen mit Islamistinnen zusammenzubringen. Denkbar ist, dass - \u00e4hnlich wie beim Dawa-Konzept \"Koranverteilung\" - durch so entstehende Kontakte diese Personen an das islamistisch-salafistisch gepr\u00e4gte Gedankengut herangef\u00fchrt werden k\u00f6nnten. Diese und \u00e4hnliche Ausweichstrategien verdeutlichen die Notwendigkeit, alle Bereiche der salafistische Szene auch weiterhin intensiv zu beobachten. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_extsalaf IslamIsmus 199 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Hamas Sitz / Verbreitung Hauptsitz der Vereinsstrukturen in Berlin, Aktivit\u00e4ten auch in Nordrhein-Westfalen und anderen Bundesl\u00e4ndern Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1987 Struktur / Repr\u00e4sentanz In Deutschland repr\u00e4sentiert durch die Pal\u00e4stinensische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (PGD). Mitglieder / Anh\u00e4nger / NRW: 75 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Englischund arabischsprachiges Web-Angebot der HamasKernorganisation; zeitweise deutschsprachige Seite der PGD auf Facebook Kurzportrait / Ziele Die sunnitische Hamas (Arabische Abk\u00fcrzung f\u00fcr: \"Bewegung des islamischen Widerstandes\") hat sich aus dem pal\u00e4stinensischen Teil der Muslimbruderschaft entwickelt und wurde mit Beginn der ersten Intifada im Jahr 1987 aktiv. Das vorrangige politische Ziel der Hamas ist die \"Befreiung\" Gesamtpal\u00e4stinas und damit implizit die Aufl\u00f6sung Israels als eigenst\u00e4ndiger Staat. Das Existenzrecht Israels wird nicht anerkannt, auch wenn moderate Hamas-Politiker dies in der Vergangenheit unter bestimmten Bedingungen bei Verhandlungen in Aussicht stellten. Finanzierung In Deutschland: Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Hamas ist eine terroristische Organisation, verf\u00fcgt aber neben ihrem paramilit\u00e4rischen Arm, den Izzedin Al-Qassam-Brigaden, \u00fcber eine Partei und ein soziales Hilfswerk. Sie ist f\u00fcr zahlreiche Selbstmordattentate und Raketenangriffe auf israelisches Gebiet verantwortlich. Die Feindschaft gegen\u00fcber Israel wird begleitet von einem virulenten Antisemitismus, der auch in der Charta der Hamas deutlich zum Ausdruck kommt. Als weiteres Ziel verfolgt die Hamas die Errichtung eines \"islamischen Staates\", gest\u00fctzt auf die Ideologie der Muslimbruderschaft. Da sich 200 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","diese Bestrebungen gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten, unterliegen sie nach SS 3 Abs. 1 Nr. 4 VSG NRW der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Am 7. Mai 2016 fand in Malm\u00f6 / Schweden die 14. Europakonferenz des Hamas-nahen Palestinian Return Center (PRC) statt. An ihr nahmen bis zu 17.000 Personen teil. Hauptorganisator der Konferenz war PCR London mit Unterst\u00fctzung und in Zusammenarbeit mit der Pal\u00e4stinensischen Gemeinschaft in Deutschland Symbol des Palestinian Return Center e.V. (PGD). Themenschwerpunkt der Konferenz war die Vorstellung neu gegr\u00fcndeter beruflicher Interessenvertretungen der Hamas, zum Beispiel Organisationen f\u00fcr Lehrer und Arbeiter in Europa. Der fortw\u00e4hrende Konflikt zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen pr\u00e4gte im Berichtszeitraum weiterhin die Aktivit\u00e4ten der Hamas. In Deutschland lebende Hamas-Anh\u00e4nger initiierten mit Unterst\u00fctzung der PGD zahlreiche Demonstrationen. In Nordrhein-Westfalen fanden Veranstaltungen unter anderem in Dortmund, Essen, D\u00fcsseldorf, Bonn und Wuppertal statt. Obgleich die Teilnehmenden teilweise hoch emotionalisiert waren, verliefen die Demonstrationen weitgehend ohne gr\u00f6\u00dfere Zwischenf\u00e4lle. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die in NRW lebenden Hamas-Anh\u00e4nger betrachten Deutschland als R\u00fcckzugsraum, in dem sich die Organisation darauf konzentriert, Spendengelder zu sammeln, neue Anh\u00e4nger zu gewinnen und ihre Propaganda zu verbreiten. Zu einem gewaltsamen Auftreten liegen derzeit keine Erkenntnisse vor. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Nahost-Konflikt mit seinen st\u00e4ndig wiederkehrenden Spannungen entwickelt. Es kann grunds\u00e4tzlich nicht ausgeschlossen werden, dass es im Falle einer milit\u00e4rischen Zuspitzung des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konfliktes zuk\u00fcnftig zu Demonstrationen mit Gewaltpotential von stark emotionalisierten jungen Pal\u00e4stinensern gegen israelische, j\u00fcdische oder amerikanische Einrichtungen kommen k\u00f6nnte. Zu gezielt gesteuerten Gewaltaufrufen von der Hamas nahestehenden Organisationen und Vereinen in Deutschland liegen keine Erkenntnisse vor. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_hamas IslamIsmus 201 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Hizb Allah (Partei Gottes) Sitz / Verbreitung Zentren in M\u00fcnster und Hamburg Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1982 Struktur / Repr\u00e4sentanz Seit \u00fcber 20 Jahren ist das Islamische Zentrum (Imam-MahdiZentrum) in M\u00fcnster eine Plattform und Begegnungsst\u00e4tte f\u00fcr Hizb Allah-Anh\u00e4nger in Nordrhein-Westfalen und im Westen Deutschlands. Weitere Schwerpunkte: Raum Essen / Bottrop, Dortmund und Bad Oeynhausen. Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: 950 Unterst\u00fctzer 2016 NRW: 105 (nur leichter Anstieg gegen\u00fcber Vorjahr) Ver\u00f6ffentlichungen Mehrsprachiges Web-Angebot Kurzportrait / Ziele Die paramilit\u00e4rische schiitische Hizb Allah formierte sich 1982 als Reaktion auf den Einmarsch israelischer Truppen im Libanon. Organisatorisch kn\u00fcpft sie unmittelbar an die iranische Intervention w\u00e4hrend des libanesischen B\u00fcrgerkriegs an. Finanzierung Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Unter iranischem Einfluss in Form von finanzieller und logistischer Unterst\u00fctzung strebte die Hizb Allah in den ersten Jahren die Errichtung eines islamischen Gottesstaates nach iranischem Muster auf libanesischem Boden an. Sie wurde zu einer militanten Sammlungsbewegung libanesischer Schiiten, die \u00fcber ein umfangreiches Waffenarsenal - einschlie\u00dflich schweren Kriegsmaterials - verf\u00fcgt. Die Organisation hat sich im weiteren Verlauf auf eine pragmatische, auf die Festigung ihres Einflusses bedachte Linie hin ausgerichtet und verfolgt das Ziel einer Anerkennung als gesellschaftlicher und politischer Partner im Libanon. Diesem Ziel ist die Hizb Allah durch ihre mittlerweile gesamtgesellschaftliche und politische Verankerung als Widerstandsbewegung im Libanon deutlich n\u00e4her gekommen. Im Gegenzug musste sie jedoch Teile ihres extremistischen Forderungskataloges aufgeben. Mit ihrer erfolgreichen Teilnahme an der 202 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","libanesischen Parlamentswahl gelang es der Hizb Allah, die angestrebte Etablierung als von der libanesischen \u00d6ffentlichkeit wahrgenommene legalistische Organisation zu verstetigen. Ihre Maximen einer Vernichtung des Staates Israel sowie die Errichtung einer \"islamischen Herrschaft\" \u00fcber Jerusalem sind allerdings bis heute unver\u00e4ndert. Um diese Ziele zu erreichen, bedient sich die Hizb Allah auch terroristischer Mittel. Seit Jahren ist sie f\u00fcr Anschl\u00e4ge im n\u00f6rdlichen Israel verantwortlich und stellt damit eine unmittelbare Bedrohung f\u00fcr den Staat Israel dar. Bei der Hizb Allah handelt es sich weiterhin um eine international gut vernetzte terroristische Organisation, die aufgrund ihrer gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung gerichteten Aktivit\u00e4ten vom nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutz auf der Grundlage des SS 3 Abs. 1 Nr. 4 VSG NRW beobachtet wird. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Der Bundesminister des Innern hat mit Verf\u00fcgung vom 2. April 2014 den Verein Waisenkinderprojekt Libanon e.V. (WKP) wegen des Versto\u00dfes gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung verboten und aufgel\u00f6st. Der Verein hatte \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum im Bundesgebiet Spenden eingeworben und damit weiterhin die in Beirut (Libanon) ans\u00e4ssige Shahid Stiftung unterst\u00fctzt; diese Stiftung war ihrerseits als karitative Einrichtung integraler Teil der israel-feindlichen Hizb Allah. Die Vollstreckung des Verbots und in diesem Zusammenhang angeordnete Durchsuchungen erfolgten am 8. April 2014 unter anderem in Nordrhein-Westfalen, weil der Verein seinen Sitz in Essen hatte. Als Nachfolgeorganisation wurde der Verein Farben f\u00fcr Waisenkinder gegr\u00fcndet, der die gleichen Ziele verfolgt, wie der Verein WKP. Seit dem 16. November 2015 ist auch Farben f\u00fcr Waisenkinder rechtskr\u00e4ftig verboten. Besondere Reaktionen hier ans\u00e4ssiger Hizb Allah-Anh\u00e4nger auf die Verbotsma\u00dfnahme waren auch im Jahr 2016 nicht wahrnehmbar. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Einheiten der Hizb Allah k\u00e4mpfen seit Anfang 2013 in Syrien auf der Seite der Truppen des Regimes von Bashar al-Assad gegen die oppositionellen Verb\u00e4nde. Im April 2013 best\u00e4tigte Hizb Allah-Generalsekret\u00e4r Nasrallah in einer Ansprache im Hizb Allah-Fernsehsender \"Al Manar TV\" zum ersten Mal den Einsatz von K\u00e4mpfern der Organisation im syrischen B\u00fcrgerkrieg auf Seiten der Regierungstruppen. Wesentliches Hauptziel des Syrieneinsatzes aus Sicht der Hizb Allah war und ist der Erhalt Syriens als Verb\u00fcndeter der Hizb Allah und des Iran in der Region des Nahen Osten. Dar\u00fcber hinaus sollen durch die Unterst\u00fctzung Syriens auch die Transportwege (beispielsweise f\u00fcr Milit\u00e4rg\u00fcter) aus dem Iran nach Syrien und dem Libanon erhalten und gesch\u00fctzt werden. Im Verlauf der nunmehr jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien sieht sich der Libanon und damit auch die Hizb Allah mit einem massiven Fl\u00fcchtlingsstrom konfrontiert. Damit einhergehend kann mit dem Schutz der libanesisch-syrischen Grenze IslamIsmus 203 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","ein weiteres Ziel der Hizb Allah festgestellt werden, das Eindringen von gegen die Hizb Allah gerichteten Kr\u00e4ften zu verhindern. Die schiitische Hizb Allah, die mit Iran und dem Assad-Regime in Syrien verb\u00fcndet ist, hat neben dem Gegner Israel nunmehr auch in der Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staats sowie anderen salafistisch gepr\u00e4gten Milizen in Syrien und dem Libanon ideologisch noch unerbittlichere Widersacher. Deshalb sorgt der Syrienkonflikt, der inzwischen unter Teilnahme der Hizb Allah-Miliz an der Seite des Assad-Regimes stattfindet, f\u00fcr eine zunehmende Verunsicherung hier ans\u00e4ssiger Hizb Allah-Anh\u00e4nger. Hizb Allah-naher Twitter-Kanal Unter den in Deutschland lebenden schiitischen Libanesen herrscht ein diffuses Gef\u00fchl einer pers\u00f6nlichen Gef\u00e4hrdung. Insbesondere die Sorge vor der Austragung des Konfliktes zwischen Schiiten und Sunniten innerhalb Deutschlands nimmt zu, auch wenn es hierf\u00fcr bislang keinerlei Anzeichen gibt. \u00d6ffentliche Gespr\u00e4che \u00fcber die Situation in Syrien und im Libanon werden vermieden - ebenso der pers\u00f6nliche Kontakt zu Sunniten, insbesondere, wenn sie aus dem Libanon oder Syrien stammen. Dementsprechend wurden in Deutschland bisher auch kaum \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktionen, wie zum Beispiel Demonstrationen, Kundgebungen oder sonstige Solidarit\u00e4tsveranstaltungen durch Hizb Allah-Anh\u00e4nger organisiert. Trotz der angespannten Situation sind bisher weder \"Ausreisewellen\" von Hizb Allah-Anh\u00e4ngern aus Deutschland in die Kampfgebiete noch durch die Hizb Allah organisierte Aktionen zur Rekrutierung von K\u00e4mpfern aus Deutschland erkennbar. Seit Mitte 2015 gehen allerdings vermehrt 204 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Hinweise auf K\u00e4mpfer von schiitischen Milizen unter den in Deutschland aufh\u00e4ltigen Fl\u00fcchtlingen ein, wobei nur etwa 50 Prozent der Hinweise einen direkten Bezug zur Hizb Allah aufweisen. Bei den F\u00e4llen ohne Organisationsbezug handelt es sich prim\u00e4r um in Deutschland beziehungsweise Europa aufh\u00e4ltige Fl\u00fcchtlinge, die in Syrien oder im Irak an der Seite schiitischer Milizen gegen den IS gek\u00e4mpft haben sollen. Das Gef\u00e4hrdungspotenzial dieser Fallgruppe l\u00e4sst sich - mangels n\u00e4herer Erkenntnisse zu den Personen - nur schwer einsch\u00e4tzen. Dennoch erscheint es unwahrscheinlich, dass von dieser Personengruppe f\u00fcr Deutschland eine unmittelbare Gefahr ausgeht. Bei den F\u00e4llen mit Bezug zur Hizb Allah handelt es sich in der Regel ebenfalls um in Deutschland aufh\u00e4ltige Fl\u00fcchtlinge beziehungsweise Asylbewerber, die Mitglieder der Hizb Allah sein oder f\u00fcr die Hizb Allah gek\u00e4mpft haben sollen. Zumeist bestehen Schwierigkeiten, die tats\u00e4chlichen Hizb Allah-Zugeh\u00f6rigkeiten zu best\u00e4tigen, da es sich teilweise um Aussagen von Dritten handelt. Die mutma\u00dfliche Kampferfahrung l\u00e4sst sich nur in Einzelf\u00e4llen nachweisen. Bislang liegen keine Erkenntnisse zu geplanten Anschlagsoder Attentatsplanungen dieser Personen in Nordrhein-Westfalen oder Deutschland vor. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_hizballah IslamIsmus 205 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Hizb ut-Tahrir (Islamische Befreiungspartei - HuT) Symbol der HuT; \u00d6ffentliches Zeigen ist in Deutschland verboten Sitz / Verbreitung Regionale Schwerpunkte in Nordrhein-Westfalen derzeit nicht erkennbar Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1952 Struktur / Repr\u00e4sentanz In der Bundesrepublik Deutschland ist die HuT in verschiedene Regionen aufgeteilt; in diesen Regionen existieren streng voneinander abgeschottete Kleinstgruppen (Zellen), die sich durch ein \u00e4u\u00dferst konspiratives Verhalten auszeichnen. Mitglieder / Anh\u00e4nger / 35 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Mehrsprachiges Web-Angebot Kurzportrait / Ziele Die Hizb ut-Tahrir (HuT) wurde 1952 von dem Rechtsgelehrten Scheikh Taqi al-Din al-Nabhani, einem ehemaligen Mitglied der \u00e4gyptischen und pal\u00e4stinensischen Muslimbruderschaft, gegr\u00fcndet. Es handelt sich um eine pan-islamistische Bewegung, die sich an alle Muslime richtet. Vorrangige Ziele der Organisation sind die Wiedereinf\u00fchrung des 1924 durch die Republik T\u00fcrkei abgeschaften Kalifats und die Errichtung eines islamischen Staats unter F\u00fchrung eines Kalifen. Dieser soll die Scharia als Grundlage und Ma\u00dfstab staatlichen Handelns im Kalifat durchsetzen. S\u00e4kulare Staatsformen stehen hierzu im Widerspruch und werden bek\u00e4mpft. Islam und Demokratie sind f\u00fcr die HuT nicht miteinander vereinbar. Finanzierung Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die HuT unterliegt in Deutschland einem Bet\u00e4tigungsverbot. Am 19. Juni 2012 hat der Europ\u00e4ische Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) die Klage der HuT gegen das vom Bundesminister des Innern im Januar 2003 ausgesprochene Bet\u00e4tigungsverbot f\u00fcr unzul\u00e4ssig erkl\u00e4rt. Das 206 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Gericht sah es als erwiesen an, dass die HuT dem Staat Israel das Existenzrecht abgesprochen habe. Sie habe den Sturz von Regierungen in islamisch ausgerichteten Staaten gefordert. Diese sollen durch ein auf den Regeln der Scharia basierendes Kalifat ersetzt werden. Diese Ziele der HuT laufen den Grunds\u00e4tzen der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention zuwider. Die Organisation konnte sich bei ihrer Klage nicht auf das in Art. 11 EMRK bestimmte Recht auf Versammlungsund Vereinigungsfreiheit berufen. Die HuT kennzeichnet ein besonders stark ausgepr\u00e4gter Antisemitismus. Juden, aber auch Christen, gelten entgegen der mehrheitlich von islamischen Gelehrten vertretenen Meinung als Ungl\u00e4ubige. Ihre Lebensform sei abzulehnen. Mit ihnen sollte m\u00f6glichst kein Kontakt gehalten werden, da sie ein B\u00fcndnis mit dem Ziel eingegangen seien, den Islam zu zerst\u00f6ren. Grundlage f\u00fcr die Beobachtung durch den Verfassungsschutz ist nach SS 3 Abs. 1 Nr. 4 VSG NRW die Agitation gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum \u00d6ffentliche Veranstaltungen, die der HuT zugerechnet werden k\u00f6nnen, waren im Berichtszeitraum nicht feststellbar. Die Aktivit\u00e4ten beschr\u00e4nkten sich vielmehr auf konspirative Versammlungen und verdeckte Propaganda f\u00fcr die Ideologie der Bewegung. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die HuT setzt nicht auf eine islamische Erziehung der Massen, sondern auf die Gewinnung von Eliten f\u00fcr ihre Ideologie. Vor allem Hochschulen geh\u00f6ren zu den Bereichen, an denen die HuT ihre konspirative Propagandat\u00e4tigkeit zur Gewinnung von vorrangig muslimischen Studenten und Akademikern betreibt. Neuerdings scheint die Fokussierung auf Eliten jedoch nicht mehr in dem Ma\u00dfe wie fr\u00fcher aufrechterhalten zu werden. Ob dieser Anschein sich in Zukunft best\u00e4tigt oder die Zielgruppe doch wieder akademisch gebildete Personen sein werden, bleibt abzuwarten. Propaganda-Video der HuT Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_hut IslamIsmus 207 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) Sitz / Verbreitung Vereinsstrukturen sind verboten, fr\u00fcherer Hauptsitz in K\u00f6ln Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1984 Struktur / Repr\u00e4sentanz Keine offen erkennbaren Strukturen, aber mehrere Gemeinden, die sich weiterhin der Ideologie des Kalifatsstaats verpflichtet f\u00fchlen Mitglieder / Anh\u00e4nger / 220 in NRW Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Muhacirun (Auswanderer) Mehrere Web-Angebote Kurzportrait / Ziele Im Jahre 1984 gr\u00fcndete Cemaleddin Kaplan (1926 - 1995) nach Losl\u00f6sung von der Milli-G\u00f6r\u00fcs-Bewegung den Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e.V. (ICCB) in K\u00f6ln. Der Kalifatsstaat war eine am F\u00fchrerprinzip orientierte und streng hierarchisch gegliederte Organisation. Ziel der Organisation war die Weltherrschaft des Islam unter dem Kalifat seines letzten Anf\u00fchrers Metin Kaplan. Finanzierung Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Der Kalifatsstaat wurde im Jahr 2001 wegen Versto\u00dfes gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung sowie Gef\u00e4hrdung der inneren Sicherheit in Deutschland durch den Bundesminister des Innern verboten. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Seit dem Vereinsverbot agieren die verbliebenen Anh\u00e4nger in Deutschland konspirativ und streben eine Reorganisation an. Allerdings wird diese durch interne Auseinandersetzungen verhindert. 208 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Anl\u00e4sslich der Feier des muslimischen Neujahrsfestes trafen sich am 2. Oktober 2016 zahlreiche Anh\u00e4nger des Kalifatsstaates in Dortmund. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Es ist auch zuk\u00fcnftig von unterschwellig fortbestehenden Strukturen des Kalifatsstaats in Deutschland auszugehen, die sich nach au\u00dfen nicht zu diesem bekennen. Interne Spaltungen bleiben bestehen. Metin Kaplan wurde im November 2016 aufgrund seiner schweren Erkrankung aus t\u00fcrkischer Haft entlassen Es bleibt abzuwarten, wie sich seine Freilassung auf die Strukturen des Kalifatsstaates in NRW auswirken wird. Sympathisanten von Metin Kaplan begr\u00fc\u00dfen im Internet seine Entlassung aus der Haft. Abwanderungsbewegungen j\u00fcngerer Anh\u00e4nger in den Bereich des extremistischen Salafismus lassen sich weiterhin beobachten. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_kalifatsstaat IslamIsmus 209 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Muslimbruderschaft (unter anderem IGD) Sitz / Verbreitung Hauptsitz in K\u00f6ln Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1928, in Deutschland seit den 1960er Jahren Struktur / Repr\u00e4sentanz Die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD) geh\u00f6rt zu den Gr\u00fcndungsmitgliedern der F\u00f6deration islamischer Organisationen in Europa (FIOE), die als Sammelbecken f\u00fcr Organisationen der Muslimbruderschaft in Europa gilt. Seit Ende 2010 hat die IGD ihren Sitz in K\u00f6ln. Mitglieder / Anh\u00e4nger / 65 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Verschiedene Internetseiten und Auftritte in sozialen Netzwerken (auch deutschsprachig). Kurzportrait / Ziele Die 1928 von Hassan al-Banna in \u00c4gypten gegr\u00fcndete Muslimbruderschaft (MB) ist die einflussreichste und \u00e4lteste islamistische Bewegung des modernen politischen Islam. Als pan-islamisch ausgerichtete Organisation ist sie nicht nur in allen arabischen Staaten, sondern nach eigenen Angaben in 70 L\u00e4ndern weltweit vertreten. Sie verfolgt das Ziel, einen islamischen Staat zu gr\u00fcnden beziehungsweise bestehende Staatssysteme durch Unterwanderung zu \u00fcbernehmen und in ihrem Sinne umzugestalten. Finanzierung Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Ziel der MB ist die Umgestaltung der L\u00e4nder mit islamischer Mehrheitsbev\u00f6lkerung in Staaten mit islamistischem Regierungssystem auf der Grundlage der Scharia sowie der islamischen Rechtsund Lebensordnung. Gewalt wird zur Durchsetzung dieses Ziels nicht ausgeschlossen. Sie ist aber kein vorrangiges Mittel. Die MB lehnt demokratische Staatssysteme ab, beziehungsweise akzeptiert sie nur als \u00dcbergangsl\u00f6sung. 210 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz erfolgt aufgrund der Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung auf SS 3 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 4 VSG NRW. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum In Nordrhein-Westfalen sind neben der IGD in verschiedenen St\u00e4dten Vereine mit angeschlossenen Moscheen ans\u00e4ssig, die eine N\u00e4he zur Ideologie der Muslimbruderschaft aufweisen. Die Einrichtungen finanzieren sich aus Spenden, Mitgliedsbeitr\u00e4gen sowie dem Verkauf von Publikationen. \u00d6ffentliche Aktivit\u00e4ten der IGD sind allerdings nur bei gr\u00f6\u00dferen Veranstaltungen feststellbar, wobei verfassungsfeindliche \u00c4u\u00dferungen und Bekenntnisse zur MB vermieden werden. Vertreter der Organisationen weisen immer wieder \u00f6ffentlich darauf hin, dass sich hier lebende Muslime vom islamistischen Terrorismus zu distanzieren und die Gesetze des Gastlandes zu beachten haben. Ein zentrales Ereignis war die 35. Jahreskonferenz der IGD, die am 1. Oktober 2016 in Dortmund stattfand. Sie stand unter dem Motto \"Gesichter Deutschlands - Das neue Wir!\". Dort wurde thematisiert, dass man durch die Aufnahme von fast einer Million Fl\u00fcchtlingen, die gr\u00f6\u00dftenteils Muslime seien, vor neuen Aufgaben st\u00fcnde, die man als Chance und Bereicherung f\u00fcr die Organisation nutzen m\u00fcsse. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Das am 23. September 2013 durch Gerichtsbeschluss verk\u00fcndete Verbot der Muslimbruderschaft in \u00c4gypten besteht fort. Die \u00e4gyptische Regierung h\u00e4lt ihre Einstufung der Organisation als Terrororganisation weiterhin aufrecht und reagiert mit massiver Repression auf deren Aktivit\u00e4ten. In anderen islamischen L\u00e4ndern besteht ebenfalls ein hoher Verfolgungsdruck gegen\u00fcber Anh\u00e4ngern der jeweiligen nationalen Ableger der MB. Die IGD ist bem\u00fcht, sich als gem\u00e4\u00dfigte islamische Organisation darzustellen und versucht zu diesem Zweck als vertrauensw\u00fcrdiger zivilgesellschaftlicher Akteur aufzutreten. Auf lange Sicht werden die Ereignisse in \u00c4gypten auch Auswirkungen auf die Strukturen der MB in NRW zeigen, weshalb die Entwicklung der IGD nicht unabh\u00e4ngig von der politischen Situation im Ursprungsland der MB betrachtet werden kann. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_mb IslamIsmus 211 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung Sitz / Verbreitung T\u00fcrkei / Deutschland Gr\u00fcndung / Bestehen seit ca. 1969 Struktur / Repr\u00e4sentanz Parteistrukturen der Saadet Partisi mit Zentrale in K\u00f6ln. Dar\u00fcber hinaus weiteres Anh\u00e4ngerpotenzial, das sich im Organisationsgrad unterscheidet Mitglieder / Anh\u00e4nger / 250 in NRW Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Mehrere Web-Angebote Kurzportrait / Ziele Die ideologischen Wurzeln der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung gehen auf die ideologischen Ausarbeitungen und Ideen des am 27. Februar 2011 verstorbenen t\u00fcrkischen Politikers und ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten der T\u00fcrkei Prof. Dr. Necmettin Erbakan zur\u00fcck. Die Kern-Gedanken dieser Ideologie sind die Schl\u00fcsselbegriffe \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" (Nationale Sicht) und \"Adil D\u00fczen\" (Gerechte Ordnung). Nach der von Erbakan entwickelten Ideologie ist die Welt zweigeteilt: Einerseits in die auf dem Wort Gottes fu\u00dfende religi\u00f6sislamische gerechte Ordnung (Adil D\u00fczen), andererseits in die von Menschen entworfene westliche Ordnung mit angeblicher Gewalt, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung (Batil D\u00fczen - Nichtige Ordnung). Zum \"Wohl der Menschheit\" soll diese Zweiteilung \u00fcberwunden und die westliche Ordnung durch die \"gerechte Ordnung\" ersetzt werden. Dabei ist das erste Ziel der \"Mission\" von Milli G\u00f6r\u00fcs, diese \"gerechte Ordnung\" in der T\u00fcrkei durchzusetzen. Das Land soll dadurch in jeder Hinsicht erstarken und danach die \"Mission\" in die Welt hinausgetragen werden. Trotz eines zum Teil martialischen Vokabulars hat die Milli G\u00f6r\u00fcsBewegung innerhalb und au\u00dferhalb der T\u00fcrkei ihre Ziele stets ausschlie\u00dflich mit politischen Mitteln verfolgt. Finanzierung Spenden und Mitgliedsbeitr\u00e4ge 212 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Umsetzung des \"Adil D\u00fczen\"-Konzepts als Ziel der politischen Bewegung Milli G\u00f6r\u00fcs ist mit den Grundprinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht vereinbar. Dar\u00fcber hinaus treten antisemitische Einstellungen sowohl in \"Adil D\u00fczen\" als auch bei \u00c4u\u00dferungen Necmettin Erbakans und einiger Milli G\u00f6r\u00fcs-Funktion\u00e4re deutlich zu Tage. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Die oben genannten Ziele werden von Teilen der auch in Deutschland aktiven Ableger der Bewegung vertreten. In Nordrhein-Westfalen sind folgende Strukturen festzustellen: Saadet Partisi (SP) Unzufrieden mit der abnehmenden Repr\u00e4sentanz der politischen Dimension der Mill G\u00f6r\u00fcsIdeologie in der Bundesrepublik entschloss sich die t\u00fcrkische Saadet Partisi (SP - Gl\u00fcckseligkeitspartei) zum Aufbau eigener Strukturen in Deutschland und er\u00f6ffnete am 1. Januar 2015 in K\u00f6ln die Generalzentrale ihrer Europavertretung. Einladung zu einer Veranstaltung der Saadet-Partisi IslamIsmus 213 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Jahr 2016 wurden in NRW weitere Veranstaltungen mit SP-Politikern ausgerichtet, um f\u00fcr das politische Programm zu werben und Spenden zur Unterst\u00fctzung der t\u00fcrkischen Mutterorganisation einzuwerben. Erbakan Vakfi (Erbakan Stiftung) Die Erbakan Vakfi wurde von Fatih Erbakan, dem Sohn Necmettin Erbakans, in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet. Ihr Ziel ist die Bewahrung von Necmettin Erbakans geistigem Erbe und die Propagierung der von ihm formulierten Ideologie. Dabei tritt die Erbakan Vakfi in Konkurrenz zur SP, die sich unmittelbar nach der Stiftungsgr\u00fcndung von der Erbakan Vakfi distanzierte und ihr den Anspruch streitig macht, als einzig legitimer Vertreter der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung aufzutreten. Die Erbakan Vakfi verf\u00fcgt ebenfalls \u00fcber eine Europavertretung in Deutschland und regionale Strukturen in NRW. Logo einer Lokalvertretung der Erbakan Vakfi im Ruhrgebiet Logo der Bielefeld Sultan Fatih Genclik Bielefeld Sultan Fatih Genclik (BSFG) Die Organisation Bielefeld Sultan Fatih Genclik besteht aus Personen, die der Ideologie der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung nahestehen und deren Gedankengut \u00f6ffentlich propagieren. 214 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ismail Aga Cemaati (IAC) Die IAC ging aus dem islamischen Orden der Naqshbandiya hervor, dem auch der verstorbene F\u00fchrer der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung Necmettin Erbakan angeh\u00f6rte. Der europ\u00e4ische Zweig der IAC zeigt sich ebenfalls verbunden mit der Ideologie der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung und der Saadet Partisi. Europavertreter der IAC ist nach eigenem Bekunden der Prediger Nusret Cayir. Nusret Cayir (Nusretullah Hoca Effendi) Cayir agitiert gegen die demokratische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland und propagiert die Allgemeing\u00fcltigkeit der Scharia als konkurrierendes Modell. Im Oktober 2015 wurde er in die T\u00fcrkei abgeschoben. Seitdem ist er bem\u00fcht, mit seinen Anh\u00e4ngern in Deutschland \u00fcber VideoBotschaften zu kommunizieren. Bewertung, Tendenzen, Ausblick SP und Erbakan Vakfi werden sich weiterhin um den Ausbau ihrer Strukturen in Deutschland und Nordrhein-Westfalen bem\u00fchen. Sie konkurrieren dabei m\u00f6glicherweise in Teilen um das gleiche Personenpotenzial. Die Zukunft der IAC ist hingegen davon abh\u00e4ngig, ob und wie es gelingt, die durch Nusret Cayirs Ausweisung entstandene L\u00fccke zu f\u00fcllen. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_mgb IslamIsmus 215 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Islamistische nordkaukasische Szene (INS) Sitz / Verbreitung Einzelmitglieder in Deutschland Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1991 als international nicht anerkannte Tschetschenische Republik Itschkerien, seit 2007 Kaukasisches Emirat Struktur / Repr\u00e4sentanz Keine gefestigten Strukturen in Nordrhein-Westfalen Mitglieder / Anh\u00e4nger / 70 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Einzelne Ver\u00f6ffentlichungen im Internet, Austausch in sozialen Netzwerken Kurzportrait / Ziele Mit dem Zerfall der UdSSR 1991 und im Zuge der Unabh\u00e4ngigkeit der s\u00fcdkaukasischen Staaten Armenien, Aserbeidschan und Georgien entstand im n\u00f6rdlichen Kaukasus, vor allem in Tschetschenien, eine separatistische Bewegung mit dem Ziel einer Losl\u00f6sung von Russland. Finanzierung Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Das Kaukasische Emirat hat das Ziel, die russische Armee mit Gewalt zum R\u00fcckzug aus Tschetschenien zu zwingen und im Nordkaukasus einen islamischen Staat zu errichten. Dabei werden auch terroristische Mittel eingesetzt. Im Juni 2013 wurde das Kaukasische Emirat durch das Bundesministerium der Justiz als ausl\u00e4ndische terroristische Vereinigung eingestuft und eine Erm\u00e4chtigung zur strafrechtlichen Verfolgung ausgesprochen. Deutschland dient den Anh\u00e4ngern der Bewegung prim\u00e4r zur Akquirierung finanzieller und logistischer Unterst\u00fctzung. Da die Strukturen des Kaukasischen Emirates zerfallen und in Deutschland eine sehr heterogene Szene zu beobachten ist, wird in der Berichterstattung des Verfassungsschutzes von der \"islamistischen nordkaukasischen Szene (INS)\" gesprochen. Die INS betreibt in Nordrhein-Westfalen Propaganda f\u00fcr die Bewegung im Nordkaukasus. Sie verf\u00fcgt hier 216 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","\u00fcber keine festen Strukturen. Einzelne, zum Teil herausragende Personen der INS sind in Nordrhein-Westfalen jedoch f\u00fcr die Organisation in \u00fcberregionalen Zusammenh\u00e4ngen aktiv. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen beobachtet das Kaukasische Emirat auf der Grundlage des SS 3 Abs. 1 Nr. 3 VSG NRW, da die Bestrebung die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland durch die Anwendung von Gewalt und darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen gef\u00e4hrdet. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Insbesondere bei der j\u00fcngeren Generation der Tschetschenen sind kaum noch Unterst\u00fctzungsleistungen f\u00fcr das Kaukasische Emirat wahrnehmbar. So ist seit einiger Zeit eine sp\u00fcrbare Hinwendung zu global-jihadistischen Organisationen, insbesondere zum sogenannten Islamischen Staat (IS), zu beobachten. Eine Orientierung zum Salafismus ist deutlich erkennbar. Anh\u00e4nger beteiligen sich beispielsweise an Koranverteilungen wie der mittlerweile verbotenen Lies!-Kampagne, an Islamseminaren und an Spendensammlungen. In Nordrhein-Westfalen kommt es im Umfeld von tschetschenischen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten immer wieder zur Radikalisierung junger M\u00e4nner und zu jihadistisch motivierten Ausreisen. So wurde ein deutscher Konvertit, der sich im Jahr 2013 in Folge seiner Ausreise nach Syrien zeitweise dem IS anschloss, am 22. April 2016 vor dem OLG D\u00fcsseldorf wegen Mitgliedschaft in der ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung IS zu einer mehrj\u00e4hrigen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Zukunft des Kaukasischen Emirates ist seit dem Tod seines letzten Emirs Magomed Suleymanov (Alias-Name: Abu Usman Gimrinski) im August 2015 ungewiss. Es gilt seitdem als f\u00fchrungslos. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Aufgrund fehlender F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten sind sowohl beim \u00dcberbleibsel des Kaukasischen Emirates als auch bei der im Juni 2015 gegr\u00fcndeten administrativen Einheit \"Provinz Kaukasus\" des IS keine klaren Strukturen erkennbar. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Durch die anhaltende Schw\u00e4chung und den Machtverlust des sogenannten Islamischen Staates in den Jihad-Gebieten Syrien / Irak sowie nicht absehbaren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in Russland, ist mit einem Anstieg der tschetschenischen Diaspora in Deutschland zu rechnen. Ein erh\u00f6htes Radikalisierungspotenzial von Teilen der extremistischen tschetschenischen Szene in Nordrhein-Westfalen ist nicht auszuschlie\u00dfen. Die Verbindungen zu jihadistischen, salafistischen Netzwerken werden dadurch voraussichtlich noch enger. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_ins IslamIsmus 217 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","T\u00fcrkische Hizbullah (TH) Sitz / Verbreitung T\u00fcrkei Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1979 in Diyarbakir Struktur / Repr\u00e4sentanz Mehrere Gemeinden in NRW, die sich jedoch nicht offen zur TH bekennen Mitglieder / Anh\u00e4nger / 100 in NRW Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Publikationen: Yeni M\u00fcjde (Neue Frohe Botschaft), (Warnung), Dogru Haber (Richtige Nachricht), Kelhaamet (Pr\u00e4chtiges Diyarbakir), Kendi Dilinden Hizbullah (Die Hizbullah in eigenen Worten); Mehrere Web-Angebote Kurzportrait / Ziele Anfang der 1980er Jahre bildeten sich unter sunnitischen Kurden in der T\u00fcrkei Gruppierungen heraus, die f\u00fcr die Errichtung einer auf strikter Befolgung von Koran und Scharia gegr\u00fcndeten \"islamischen Herrschaft\" eintraten und sich gegen den s\u00e4kularen t\u00fcrkischen Staat wandten. Aus einer dieser Gruppierungen entwickelte sich die Hizbullah (Partei Gottes), die vor allem seit Beginn der 1990er Jahre zur Erreichung ihrer politischen Ziele gegen interne Abweichler, gegen die marxistische kurdische Separatistenorganisation PKK (Arbeiterpartei Kurdistans), gegen liberale Journalisten und gegen Vertreter des t\u00fcrkischen Staates Gewalt anwendete. Im Januar 2000 wurde H\u00fcseyin Velioglu, der Anf\u00fchrer der sogenannten T\u00fcrkischen Hizbullah, in Istanbul bei einem Schusswechsel mit der Polizei get\u00f6tet. Dieser Vorfall und weitere Exekutivma\u00dfnahmen der t\u00fcrkischen Polizei, bei denen mehrere Funktion\u00e4re der Organisation und zahlreiche Mitglieder festgenommen und inhaftiert wurden, f\u00fchrten zu einer empfindlichen Schw\u00e4chung der Hizbullah. Zugleich wurde aus Papieren und Videoaufzeichnungen, die in ihren Archiven gefunden wurden, deutlich, in welch gro\u00dfem Ausma\u00df die 218 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Organisation Entf\u00fchrungen, Morde und andere Gewalttaten ver\u00fcbt hatte. Zahlreiche Aktivisten der TH setzten sich daraufhin nach Europa und insbesondere nach Deutschland ab. Finanzierung Spenden Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit In der 2004 erschienenen Schrift Kendi Dilinden Hizbullah stellt ihr Verfasser, ein Funktion\u00e4r der T\u00fcrkischen Hizbullah, die Verbrechen der Organisation als Akt der Selbstverteidigung dar. Der Autor beschreibt zwei Entwicklungsphasen: Die erste Phase habe von 1979 bis 1991 gedauert. Es stand die Propagandat\u00e4tigkeit, Anh\u00e4ngergewinnung, Strukturierung und Schulung im Vordergrund. Eine zweite Phase folgte von 1991 bis 2000. Sie zeichnete sich durch den bewaffneten Kampf gegen die PKK, interne Abweichler und den t\u00fcrkischen Staat aus. In ihrer Zielsetzung verbindet die T\u00fcrkische Hizbullah eine islamistische mit einer kurdischnationalen Agenda. Im ideologischen Hauptwerk Kendi dilinden Hizbullah sind die Grundprinzipien der TH dargelegt. Die T\u00fcrkische Hizbullah sieht die Uneinigkeit der islamischen Welt und \"Kendi dilinden Hizbullah\", ideologisches Hauptwerk der TH IslamIsmus 219 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","die Herrschaft nicht-islamischer Regime als Ursache aller Probleme an. Ihr erkl\u00e4rtes Ziel ist, dies zu \u00e4ndern und den Islam zur Herrschaft zu bringen. Zu ihren Feindbildern geh\u00f6ren neben den internen Abweichlern, der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der Republik T\u00fcrkei auch die \"imperialistischen\" und \"zionistischen M\u00e4chte\", also die westliche Staatengemeinschaft und Israel. Sie werden f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung der Muslime verantwortlich gemacht. Hauptziel der TH ist die Beseitigung des laizistischen Staatssystems in der T\u00fcrkei und langfristig die Errichtung eines islamistischen Regimes. Im Januar 2012 ver\u00f6ffentlichten TH-nahe Internetseiten ein Manifest, dass die Gruppe auf eine neue ideologische Grundlage stellte. Darin wird unter anderem klargestellt, dass man die anWebseite der TH, die das Manifest der Gruppierung ver\u00f6ffentlichte 220 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","visierten Ziele nur noch gewaltfrei und auf legalem Wege erreichen wolle. Eine \"Sch\u00e4digung der Muslime\" oder die Besetzung \"islamischen Bodens\" wolle man jedoch nicht hinnehmen und werde in solchen F\u00e4llen vom legitimen Recht der Selbstverteidigung Gebrauch machen. Zentrales Ziel der TH bleibt jedoch nach wie vor eine islamische Herrschaftsordnung, weshalb in dem erw\u00e4hnten Manifest auch jene Regierungen, die dem Islam nicht im gebotenen Umfang Geltung verschaffen, als unislamisch bezeichnet werden. Das Manifest kann somit als offizielle Abkehr von den gewaltsamen Aktivit\u00e4ten der 1990er-Jahre gedeutet werden und belegt insofern einen faktisch bereits lange vorher vollzogenen Strategiewandel. Zugleich wird aber auch sehr deutlich, dass damit keine Abkehr von der extremistischen Zielsetzung einhergeht. Die Beobachtung der TH st\u00fctzt sich wegen Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung auf SS 3 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 4 VSG NRW. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Deutschland dient der TH nach wie vor als R\u00fcckzugsraum, in dem sie nicht offen auftritt. Unter dem Deckmantel religi\u00f6ser, kultureller oder k\u00fcnstlerischer Veranstaltungen wird jedoch weiterhin eine extremistische Agenda verfolgt. Hauptziel ist dabei die Rekrutierung neuer Mitglieder und das Sammeln von Spenden zur Unterst\u00fctzung der Anh\u00e4nger in der T\u00fcrkei. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Im Jahr 2016 waren keine Anzeichen daf\u00fcr zu erkennen, dass die TH ihre bisherige Vorgehensweise in Nordrhein-Westfalen \u00e4ndert oder in Zukunft \u00e4ndern wird. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_th IslamIsmus 221 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Furkan-Gemeinschaft Sitz und Verbreitung Zentrale: Adana (T\u00fcrkei) Deutschland: Zentren in Dortmund und Hamburg Gr\u00fcndung / Bestehen seit 1994 - Gr\u00fcndung der Furkan Vakfi (Furkan Stiftung) in der T\u00fcrkei, in NRW seit etwa 2011 vertreten 2015 - Gr\u00fcndung des Furkan Kulturund Bildungszentrums e.V. in Dortmund Struktur / Repr\u00e4sentanz Hierarchische Gliederung, an deren Spitze die F\u00fchrung in der T\u00fcrkei steht. Mitglieder / Anh\u00e4nger / rund 25 Unterst\u00fctzer 2016 Ver\u00f6ffentlichungen Zeitschrift Furkan Nesli Dergisi (Magazin der Generation Furkan) Verbreitung von Inhalten \u00fcber die eigene Internetpr\u00e4senz, \u00fcber Videoplattformen und in sozialen Netzwerken Kurzportrait / Ziele Die Furkan Stiftung f\u00fcr Bildung und Dienstleistungen (Furkan Egitim ve Hizmet Vakfi) wurde durch den t\u00fcrkischen Bauingenieur Alparslan Kuytul gegr\u00fcndet. Er ist bis heute ihre charismatische F\u00fchrungsfigur. Die Organisation verfolgt das Ziel, eine \"Islamische Zivilisation\" (Islam Medeniyet) zu begr\u00fcnden, die wesentlich durch das islamische Recht gepr\u00e4gt sein soll und im Widerspruch zu s\u00e4mtlichen anderen Zivilisationsmodellen stehe. Zur Umsetzung bem\u00fcht sich die Bewegung um die Ausbildung und Schulung einer \"Vorreiter Generation\" (\u00d6nc\u00fc Nesil). Sie soll als gesellschaftliche Avantgarde auf das Ziel hinwirken. Finanzierung Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spenden, Eintrittsgelder, Erl\u00f6se aus Veranstaltungen 222 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die Anh\u00e4nger der Furkan-Gemeinschaft orientieren sich auch in Deutschland vor allem an den Lehren Alparslan Kuytuls, der in den Medienangeboten der Bewegung omnipr\u00e4sent ist. Sein zentrales Anliegen ist die R\u00fcckkehr zu einer \"Islamischen Zivilisation\". Diese soll sich ausschlie\u00dflich an Koran und Sunna (prophetische Tradition) orientieren und Gott das ihm zustehende Recht zur Herrschaft einr\u00e4umen. Dieses Religionsverst\u00e4ndnis kollidiert mit bestehenden Strukturen staatlicher Ordnung. Die Furkan-Gemeinschaft geht davon aus, dass die Demokratie die Rechte Allahs vereinahme, und die Teilhabe am politischen Prozess zu Kompromissen zwinge, die im Widerspruch zu Gottes Gesetzen st\u00fcnden. Sie d\u00fcrften keinesfalls eingegangen werden. Aus dieser Auffassung resultiert eine prinzipielle Ablehnung der Demokratie, die sich auch im Verbot der Teilnahme an Wahlen widerspiegelt, w\u00e4hrend zugleich der \"Westen\" zum Feindbild stilisiert wird. Als religi\u00f6se Erneuerungs-Bewegung richtet sich die Furkan-Gemeinschaft zun\u00e4chst vor allem an Muslime. Sie ruft diese dazu auf, ihren Glauben aktiv zu leben und aus einer religi\u00f6sen Motivation heraus als \"Vorreiter-Generation\" zu wirken, indem sie auf die Verwirklichung der \"Islamischen Zivilisation\" hinarbeiten. Zu diesem Zweck solle nicht nur das Wissen \u00fcber die Religion vertieft werden, sondern es sollen auch modernste wissenschaftliche Erkenntnisse gel\u00e4ufig sein. Den Einsatz von Gewalt verneint Kuytul nicht prinzipiell, schlie\u00dft ihn zum jetzigen Zeitpunkt jedoch aus. Ihm erscheine die Anwendung von Gewalt im Augenblick lediglich f\u00fcr die Befreiung \"muslimischer L\u00e4nder\" gerechtfertigt. Als Bewegung, die sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richtet, unterliegt die Furkan-Gemeinschaft nach SS 3 Abs.1 Nr. 1 VSG NRW der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Der Anspruch, eine Vorreiter-Generation ausbilden zu wollen, spiegelt sich auch in den Aktivit\u00e4ten der Furkan-Gemeinschaft in Nordrhein-Westfalen wider. Sie engagiert sich prim\u00e4r im Bereich der islamischen Bildung und bietet w\u00f6chentliche Unterrichtseinheiten sowie l\u00e4ngere Seminare an, in denen neben klassischen Inhalten islamischer Gelehrsamkeit insbesondere die Positionen Kuytuls vermittelt werden. Islamische Feiertage bieten zudem Anl\u00e4sse f\u00fcr besondere Angebote. Das herausragende Ereignis im Berichtszeitraum war zweifellos der Besuch von Alparslan Kuytul. Er machte bei seiner Besuchsreise durch Europa neben Kopenhagen, Hamburg und Berlin IslamIsmus 223 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Einladung zur Konferenz am 16. Mai 2016 in Dortmund, bei der Alparslan Kuytul als Redner aufgetreten ist auch in Dortmund Station. Dabei er\u00f6ffnete er pers\u00f6nlich das neue Furkan Kulturund Bildungszentrum in der Stadt. Au\u00dferdem redete er bei einer Hallenveranstaltung am 16. Mai 2016 vor mehreren hundert Anh\u00e4ngern. Bewertung, Tendenzen, Ausblick Die Furkan-Bewegung ist straff organisiert und auf die zentrale F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit Alparslan Kuytul ausgerichtet. Von den Mitgliedern werden Unterordnung und Gehorsam eingefordert, wobei ein Engagement f\u00fcr die Gemeinschaft als religi\u00f6s besonders verdienstvoll angesehen wird. Es ist davon auszugehen, dass die Furkan-Gemeinschaft weitere Expansionspl\u00e4ne nachhaltig und mit massivem Einsatz verfolgt. Zielpublikum d\u00fcrften vor allem Personen mit t\u00fcrkischen Sprachkenntnissen sein. Medienangebote werden aber auch zunehmend \u00fcbersetzt, um auch deutschsprachige Personen zu erreichen. Die inhaltliche Ausrichtung der Furkan-Gemeinschaft d\u00fcrfte auch in Zukunft ma\u00dfgeblich durch Kuytul bestimmt werden. Wie sich diese ideologische Abh\u00e4ngigkeit von der t\u00fcrkischen Zentrale auf die hiesigen Zweigstellen auswirken wird, bleibt abzuwarten. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_furkan 224 IslamIsmus Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Scientology Organisation (SO) Scientology organiSation 225 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Scientology Organisation (SO) Sitz / Verbreitung Zentrale der Scientology Organisation (SO): Los Angeles (USA) Bundesweit: Niederlassungen unter anderem in Berlin, M\u00fcnchen, Hamburg, Hannover, Frankfurt NRW: Scientology Kirche D\u00fcsseldorf und Celebrity Center Gr\u00fcndung / Bestehen seit Die Church of Scientology wurde 1953 durch Lafayette Ron Hubbard (LRH) in den USA gegr\u00fcndet; erste deutsche Niederlassung 1970 in M\u00fcnchen, Niederlassungen in D\u00fcsseldorf seit den 80er Jahren Struktur / Repr\u00e4sentanz Strikter hierarchischer Aufbau und Strukturen mit totalit\u00e4rem Anspruch; Steuerung durch David Miscavige (Nachfolger von Hubbard) aus den USA; Unterst\u00fctzung durch Finanzmittel und politische Einflussm\u00f6glichkeiten innerhalb der USA; diverse kontinentale Verbindungsb\u00fcros zur Kontrolle der Arbeit in den einzelnen L\u00e4ndern; Vorsitzender in Deutschland ist Helmuth Bl\u00f6baum Mitglieder / Anh\u00e4nger / Bund: ca. 3.500 NRW: ca. 420 Unterst\u00fctzer 2016 SO gibt die Zahl ihrer Anh\u00e4nger in Deutschland selbst mit rund 12.000 Personen an Ver\u00f6ffentlichungen Internationale Publikationen: unter anderem Impact, Scientology News, Celebrity, Source, Freewinds, OT-Universe, The Aditor, Advance Deutschsprachige Publikation: Freiheit In Nordrhein-Westfalen verbreitete Publikation: Kompetenz Kurzportrait / Ziele Die Ziele der SO wurden durch den Gr\u00fcnder LRH festgelegt. Nach der Ideologie der SO sind seine Lehren unab\u00e4nderlich und bindend. Eines seiner formulierten Ziele ist \"Clear Planet\". Dies bedeutet, dass alle Menschen der scientologischen Gesellschaft angeh\u00f6ren sollen. Hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass die SO so etwas wie eine Weltherrschaft anstrebt. 226 Scientology organiSation Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Scientologen teilen die Gesellschaft in \"Nichtabberierte\" und \"Abberierte\" (Nicht-Scientologen) auf. Letztere sind nach ihren Vorstellungen in einzelnen Menschenrechten einzuschr\u00e4nken. Eines der gro\u00dfen Themen in der SO ist die Expansion, auf welche die Mitglieder kontinuierlich eingeschworen werden und zu deren Erreichung SO versucht, Einfluss auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu nehmen. Dabei tritt SO nicht immer offen auf, sondern verbirgt sich h\u00e4ufig bei ihren Aktivit\u00e4ten hinter einer ihrer zahlreichen Tarnorganisationen. Zu diesen Tarnorganisationen geh\u00f6ren unter anderem Der Weg zum Gl\u00fccklichsein, Jugend f\u00fcr Menschenrechte und Sag nein zu Drogen. Mit professionellen Internetpr\u00e4senzen und Themen wie zum Beispiel Drogen und Menschenrechte sprechen sie insbesondere Jugendliche an und nutzen das Internet, um au\u00dferhalb der Einflussm\u00f6glichkeit der Erziehungsberechtigten mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Die Zugeh\u00f6rigkeit einer Tarnorganisation zur SO ist nur schwer erkennbar. Deren hochwertig gestaltete Brosch\u00fcren werden verteilt, beziehungsweise an gut zug\u00e4nglichen Stellen wie Beratungsb\u00fcros, Gesch\u00e4ften und Praxen auch mit Zustimmung der Verantwortlichen, die den Zusammenhang mit SO nicht erkennen, ausgelegt. Finanzierung Durchf\u00fchrung von kostenpflichtigen Kursen und Vertrieb von Kursmaterialien im Zusammenhang mit der Verbreitung der Scientology-Ideologie; Spendengelder. Insoweit wird oft ein erheblicher Druck auf Mitglieder ausge\u00fcbt. Grund der Beobachtung / Verfassungsfeindlichkeit Die SO ist seit 1997 Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes. Die Lehre der SO stellt eine Gefahr f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung dar. Konsequenzen der Lehre sind Einschr\u00e4nkungen wesentlicher Grundund Menschenrechte (wie Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung), zudem wird eine Gesellschaft ohne allgemeine und gleiche Wahlen angestrebt. Zur Erreichung ihrer Ziele versucht die Organisation zumeist verdeckt Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu beeinflussen. Mit der Entscheidung des OVG M\u00fcnster vom 12. Februar 2008 ist die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Beobachtung durch den Verfassungsschutz festgestellt worden. Das Gericht best\u00e4tigte die Auffassung des Verfassungsschutzes, dass die Lehre der Scientology Kirche Deutschland e.V. (SKD) und der Scientology Kirche Berlin e.V. (SKB) eine Gefahr f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung darstellt. Scientology organiSation 227 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ereignisse und Entwicklungen im Berichtszeitraum Nach wie vor haben die Schriften des Gr\u00fcnders L. Ron Hubbard zur Schaffung einer Gesellschaft nach scientologischen Vorstellungen G\u00fcltigkeit. Sie werden von der SO in Deutschland auch weiterhin vertrieben und vermittelt. Die Steuerung in das Bundesgebiet \u00fcbernimmt der als Dachverband fungierende SKD mit Sitz in M\u00fcnchen. Die SO unternimmt somit weiterhin Anstrengungen, eine gesellschaftliche Anerkennung zu erreichen und in Deutschland zu expandieren. Im Jahr 2016 konnte sie ihrem Ziel, die scientologische Gesellschaft in Deutschland zu etablieren, jedoch nicht n\u00e4her kommen. Die allgemeinen Mitgliederzahlen in Deutschland stagnieren bei rund 3.500 Personen, in Nordrhein-Westfalen sind sie eher r\u00fcckl\u00e4ufig. Bewertung, Tendenzen, Ausblick An der Gefahreneinsch\u00e4tzung bez\u00fcglich der Organisation, die durch das OVG M\u00fcnster im Jahr 2008 formuliert wurde, hat sich nichts ge\u00e4ndert. SO wendet nach wie vor die gleichen Mittel zur Erreichung ihrer Ziele an. Insbesondere die Umwerbung Jugendlicher unter dem Deckmantel von guten Taten (Aufkl\u00e4rung \u00fcber Menschenrechte, F\u00f6rderung von Toleranz und Frieden, Kampf gegen Drogen) ist perfide durchdacht. Die Kontaktaufnahme von Jugendlichen zur SO erfolgt ebenso einfach wie schnell, es reicht oftmals eine E-Mail oder das Ausf\u00fcllen eines OnlineKontaktformulars. Zudem nutzt SO vermehrt soziale Netzwerke zur Pflege ihres Images und zur Mitgliederwerbung. Dabei dient das Internet grunds\u00e4tzlich als Werbeund Propagandaplattform. Durch den leichten Zugang und kostenlose Online-Angebote versucht die SO insbesondere junge Menschen zu erreichen und als Interessenten zu gewinnen. Ziel ist dabei, diese zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt an kostenintensive Kurse heranzuf\u00fchren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Entwicklung der SO im Bereich moderner Kommunikationsmedien weiter vorangetrieben wird. Weiterhin versucht die SO ihre Einflussm\u00f6glichkeiten durch Unterwanderung der Wirtschaft zu vergr\u00f6\u00dfern. Hierzu nutzt sie den eigenen Wirtschaftsverband World Institute of Scientology Enterprises (WISE) sowie eigene Organisationsund Managementstrategien. Durch geschicktes und verdecktes Marketing n\u00e4hert sie sich Firmen, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen. Auf diese Weise soll sukzessive die Infiltration der Wirtschaft voranschreiten und der Einfluss der Organisation ausgebaut werden. Weitere Informationen zum Hintergrund \u00fc www.im.nrw.de/verfassungsschutz, Web-Link: vs_so 228 Scientology organiSation Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Spionageabwehr und Wirtschaftsschutz Spionageabwehr 229 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Spionageabwehr und Wirtschaftsschutz 229 Spionage - Auftraggeber, Ziele und Methoden .................................................................. 232 Aufkl\u00e4rung und Abwehr von Proliferation ........................................................................... 240 Wirtschaftsspionage ........................................................................................................... 244 Das Interesse ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste an Informationen \u00fcber politische Vorhaben und Ziele, Verhandlungspositionen und Strategien sowie wirtschaftliche Planungen und milit\u00e4rische Potenziale in Deutschland und Nordrhein-Westfalen war im Jahr 2016 weiterhin hoch. Beleg daf\u00fcr sind zahlreiche Versuche ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste, Kontakt mit Gespr\u00e4chspartnern in der nordrhein-westf\u00e4lischen Politik und Wirtschaft aufzunehmen. Im Berichtsjahr war zudem zu beobachten, dass ausl\u00e4ndische Nachrichtendienste verst\u00e4rkt Besch\u00e4ftigte von Beh\u00f6rden ansprechen, um Informationen abzugreifen. Beschaffungsstellen in einschl\u00e4gigen Staaten bem\u00fchten sich zudem, proliferationsrelevante G\u00fcter verdeckt in Nordrhein-Westfalen einzukaufen. Dies sind in der Regel sogenannte Dual-use-Produkte, die sich sowohl f\u00fcr zivile als auch f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke nutzen lassen. Getarnt werden die nicht zugelassenen Beschaffungen \u00fcblicherweise \u00fcber ein auf mehrere L\u00e4nder verteiltes Netzwerk aus Tarnfirmen und Strohm\u00e4nnern. Der eigentliche Empf\u00e4nger soll dabei unerkannt bleiben. Die Spionageabwehr konnte im Berichtsjahr 32 dieser Beschaffungsversuche beobachten. In der \u00fcberwiegenden Zahl der F\u00e4lle konnte eine Auslieferung verhindert werden. Die Zahl gezielter und qualitativ hochwertiger Cyberangriffe auf deutsche Unternehmen lag im Jahr 2016 erneut auf einem hohen Niveau. Die Angreifer hatten es dabei auf Unternehmensnetzwerke und Kontrollsysteme der Industrie abgesehen. Im Fokus stehen insbesondere klei230 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","ne und mittlere Unternehmen, die sich h\u00e4ufig durch innovative Produkte und ein besonderes Know-how auszeichnen. Die Unternehmensleitungen sind gefordert, einen ausreichenden Schutz gegen elektronische Angriffe zu implementieren und die Besch\u00e4ftigten auf allen Ebenen f\u00fcr die Gefahren zu sensibilisieren. Mit der Veranstaltungsreihe \"Unternehmenssicherheit ist Chefsache\" richtete sich der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz zusammen mit den Kooperationspartnern der Sicherheitspartnerschaft NRW daher gezielt an Entscheider in Unternehmen. Die ersten vier sogenannten Entscheider-Dialoge fanden im Herbst 2016 mit sehr guter Resonanz in unterschiedlichen Regionen des Landes statt. Neben dieser Reihe konnte der Verfassungsschutz mit zahlreichen Einzelgespr\u00e4chen und Vortr\u00e4gen in Unternehmen, Verb\u00e4nden und Organisationen auch im Jahr 2016 seine intensive Beratungsund Sensibilisierungsarbeit fortf\u00fchren. Spionageabwehr 231 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Spionage - Auftraggeber, Ziele und Methoden Spionage bietet Regierungen die M\u00f6glichkeit, sich einen Informationsvorsprung zu verschaffen, um eigene politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche oder milit\u00e4rische Ziele im Inund Ausland zu erreichen. Sie verschafft sich Zugang zu Informationen, die eine Einsch\u00e4tzung politischer Positionen und wirtschaftlicher Wettbewerbsf\u00e4higkeit des jeweiligen Staates sowie der milit\u00e4rischen Leistungsf\u00e4higkeit gegnerischer B\u00fcndnisse erm\u00f6glichen. Deutschland steht wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Bedeutung im besonderen Fokus ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste. Beschaffungsbem\u00fchungen zielen auf unautorisierten Transfer wissenschaftlich-technischen Know-hows sowie auf Informationen \u00fcber politische Vorhaben, Krisenmanagement und Handlungsstrategien ab. Wegen seines politischen Gewichts innerhalb der Bundesrepublik besteht auch an Nordrhein-Westfalen ein gro\u00dfes nachrichtendienstliches Interesse. Zudem ist das Land ein herausragender Innovationsund Wirtschaftsstandort mit mehr als 70 Universit\u00e4ten und Fachhochschulen sowie mehr als 50 Technologiezentren. Methoden der Spionage Fast 90% der f\u00fcr Nachrichtendienste interessanten Informationen lassen sich offen \u00fcber das Internet und andere Medien, durch den Besuch von Messen, bei gegenseitigen Delegationsbesuchen sowie durch geschickte Gespr\u00e4chsf\u00fchrung mit Informationsund Wissenstr\u00e4gern erlangen. Dazu m\u00fcssen nicht einmal aufw\u00e4ndige nachrichtendienstliche Operationen durchgef\u00fchrt werden. An die verbleibenden rund zehn Prozent versuchen Nachrichtendienste mit verdeckten Methoden zu gelangen. Das Spektrum reicht von der Herbeif\u00fchrung und Kultivierung zun\u00e4chst unverd\u00e4chtiger Kontakte mit dem Ziel einer direkten oder indirekten Absch\u00f6pfung der Kontaktpersonen bis hin zu einer konspirativen Vorgehensweise, bei der Personen beispielsweise mit falschem Namen und Angaben zum eigenen Lebenslauf (sogenannte Legende) aktiv sind. Es kommt dabei in der Regel nicht auf die Hierarchieebene der Zielpersonen an. Manchmal geht es lediglich darum, Zugang zu einem interessanten Bereich zu erhalten. In selteneren F\u00e4llen zielen Nachrichtendienste auch darauf ab, einen belastenden Umstand - ein sogenanntes Kompromat - zu schaffen, mit dem der jeweilige Informationsund Wissenstr\u00e4ger erpressbar gemacht werden soll. Diese Methode wird vorrangig im Ausland, beispielsweise bei Gesch\u00e4ftsreisenden, angewendet. 232 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Nachrichtendienste nutzen zur Spionage aber auch die vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten, die sich durch die rasanten Entwicklungen in der Informationsund Kommunikationstechnologie sowie durch die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung ergeben. Elektronische Angriffe auf Rechnersysteme mit hochsensiblen Daten bieten hohe Erfolgsaussichten und lassen sich mit geringem Entdeckungsrisiko durchf\u00fchren. Typische Angriffsmethoden sind das verdeckte Einschleusen von Schadsoftware (Trojanern) \u00fcber E-Mails, \u00fcber manipulierte Downloads (\"Driveby-downloads\"), \u00fcber pr\u00e4parierte Datentr\u00e4ger oder auf dem Umweg \u00fcber privates, aber beruflich genutztes Equipment von Mitarbeitern (\"Bring-your-own Devices\", beispielsweise USB-Sticks, Smartphones, Tablets). Au\u00dfenstehenden gelingt es auf diesen Wegen, in Systeme einzudringen und Daten zu entwenden oder Systeme zu manipulieren. Mit dem digital operierenden \"Spion 4.0\" l\u00e4sst sich zudem bereits seit l\u00e4ngerem eine neue Qualit\u00e4t in der Spionage feststellen. Der Mensch stellt jedoch stets die gr\u00f6\u00dfte Sicherheitsl\u00fccke dar. Diese l\u00e4sst sich auch durch eine noch so ausgefeilte materielle Absicherung \u00fcber Firewalls, Anti-Viren-Programme, Passwortschutz oder Zugangsregelungen nicht schlie\u00dfen. Nachrichtendienste setzen \u00fcber sogenanntes \"Social Engineering\" an dieser Stelle an. Sie versuchen das Vertrauen eines Unternehmensangeh\u00f6rigen zu gewinnen, um \u00fcber diesen Kontakt Zugang zu Systemen zu erhalten. Erkenntnisse belegen, dass aber auch der Spion am Kopierer und mit der Kamera am Zielobjekt weiterhin im Einsatz ist. Wachsamkeit sollte daher auch in diesem Punkt weiter bestehen. Die Zahl nachrichtendienstlichen Personals in sogenannten Legalresidenturen im Bundesgebiet ist auch im europ\u00e4ischen Vergleich anhaltend hoch. Dies verdeutlicht und belegt das hohe Interesse an Informationen aus Deutschland. Legalresidenturen sind getarnte St\u00fctzpunkte ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste, insbesondere in den diplomatischen und konsularischen Vertretungen, bei staatsnahen Unternehmen oder bei Medienagenturen. Von dort aus entwickelt das nachrichtendienstliche Personal \u00fcber eigens bereitgestellte Tarndienstposten die geheimdienstlichen Aktivit\u00e4ten. Der Einsatz von sogenannten Illegalen dient ebenfalls der Verschleierung nachrichtendienstlicher T\u00e4tigkeiten. Dabei handelt es sich um Personen, die als Nachrichtendienstoffiziere von der Zentrale des ausl\u00e4ndischen Nachrichtendienstes unter einer Falschidentit\u00e4t eingeschleust werden und h\u00e4ufig \u00fcber viele Jahre in Deutschland unauff\u00e4llig leben. Unter diesem Deckmantel f\u00fchren sie teilweise aufwendige nachrichtendienstliche Operationen aus. Erkenntnisse der Spionageabwehr Die Spionageabwehr des nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutzes beobachtet im Rahmen einer 360-Grad-Aufkl\u00e4rung eine Vielzahl hier t\u00e4tiger ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste. Hauptakteure sind die Nachrichtendienste der Russischen F\u00f6deration, der Volksrepublik China, der Spionageabwehr 233 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Islamischen Republik Iran und der T\u00fcrkei. Die Beschaffungsbem\u00fchungen der Dienste richten sich nach wie vor auf die klassischen Zielbereiche Politik, Milit\u00e4r und Wirtschaft. Im Jahr 2016 wurden erneut zahlreiche Kontaktversuche ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste mit Gespr\u00e4chspartnern in Nordrhein-Westfalen aus Politik und Wirtschaft bekannt. Die nordrhein-westf\u00e4lische Spionageabwehr f\u00fchrt Sensibilisierungsgespr\u00e4che mit potenziellen oder aktuellen Gespr\u00e4chspartnern erkannter Nachrichtendienstoffiziere. In den F\u00e4llen, in denen ein Gespr\u00e4chspartner von sich aus eine nachrichtendienstliche Verstrickung annimmt, wird geraten, mit der Spionageabwehr ein Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren. Russische F\u00f6deration Die russische Regierung setzt auch weiterhin auf die zielgerichtete Beschaffung von Informationen und G\u00fctern durch ihre Nachrichtendienste. Als elementarer Bestandteil der russischen Sicherheitsarchitektur unterst\u00fctzen sie wirksam bei der Vorbereitung und Realisierung politischer Vorhaben im Inund Ausland. Sie genie\u00dfen im russischen Staatsgef\u00fcge einen hohen Stellenwert, F\u00fchrungspositionen werden entsprechend besetzt. Die Nachrichtendienste der russischen F\u00f6deration interessieren sich f\u00fcr politische Strategien sowohl auf nationaler, als auch auf europ\u00e4ischer Ebene. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Energiepolitik. Die mit dem Ukraine-Konflikt einhergehenden Sanktionen der Europ\u00e4ischen Union schr\u00e4nken die russische Wirtschaft stark ein. Das Land h\u00e4lt dennoch an seinem Ziel fest, wirtschaftlich zu einer der f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaften aufzusteigen. Diese Zielvorgabe ist mit dem Streben verbunden, die russische R\u00fcstungsproduktion wieder zu einem herausragenden Wirtschaftsfaktor zu machen und gleichzeitig Russland wieder als milit\u00e4rischen Machtfaktor zu unterstreichen. Die Nachrichtendienste haben den Auftrag, bei der Umsetzung zu unterst\u00fctzen. An einen Teil der nachrichtendienstlich interessanten Informationen gelangen die russischen Nachrichtendienste \u00fcber offen zug\u00e4ngliche Quellen. Sie werten dazu beispielsweise Medien und das Internet aus. Sch\u00fctzenswerte Informationen werden nach gezielter Kontaktaufnahme zu Wissenstr\u00e4gern aus Politik und Wirtschaft bei Gespr\u00e4chen abgesch\u00f6pft, die beispielsweise beim Besuch von Messen und Fachkongressen oder bei gegenseitigen Delegationsbesuchen gef\u00fchrt werden. Kontaktaufnahmen finden dabei h\u00e4ufig unter Legende oder unter Vorspiegelung einer zum Kontakt passenden vordergr\u00fcndigen Interessenlage statt. Im Berichtsjahr 2016 hat es auch in Nordrhein-Westfalen wieder Hinweise auf derartige Kontaktversuche gegeben. In diplomatischen und konsularischen Vertretungen, den sogenannte Legalresidenturen, sind Angeh\u00f6rige der Nachrichtendienste getarnt eingesetzt. Das gilt zudem f\u00fcr einige russische Unternehmen, die ihren Sitz in Deutschland haben, darunter auch in Nordrhein-Westfalen. Die nach wie vor hohe Personalst\u00e4rke l\u00e4sst auf die Bedeutung dieser Einrichtungen schlie\u00dfen. 234 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","An Informationen, die \u00fcber menschliche Quellen nicht zu beschaffen sind, versuchen die russischen Nachrichtendienste \u00fcber elektronische Angriffe heranzukommen. Dies gilt auch f\u00fcr das Berichtsjahr 2016, in dem die Dienste mit hoher Professionalit\u00e4t erneut Cyber-Angriffe gegen Beh\u00f6rden und Wirtschaftsunternehmen in Deutsch- \\ Kostenloses Angebot des Verfassungsschutzes land ausgef\u00fchrt haben. Mit Social Engineering Zur Sensibilisierung vor den Gefahren nachrichtendienstsorgf\u00e4ltig vorbereitet licher T\u00e4tigkeit f\u00fchrt der nordrhein-westf\u00e4lische Verfasfinden Trojaner oftmals sungsschutz auf Wunsch und auch unabh\u00e4ngig von konzielsicher ihren Weg in kreten Verdachtsf\u00e4llen Informationsveranstaltungen f\u00fcr die Rechnersysteme und interessierte Unternehmen und Organisationen durch. Im ziehen dort die ben\u00f6tigten Einzelfall ber\u00e4t er vertraulich, wenn sich Anhaltspunkte f\u00fcr Informationen ab. den Verdacht eines Angriffs durch einen fremden Nachrichtendienst ergeben. Vor besondere HerausforAnfragen mit der Bitte um Kontaktaufnahme k\u00f6nnen an derungen stellt die deutkontakt.verfassungsschutz@im1.nrw.de gerichtet werden. schen Abwehrbeh\u00f6rden eine Strategie, bei der nicht nur die klassische Spionage im Vordergrund steht: Die sogenannte hybride Kriegsf\u00fchrung schlie\u00dft aktive Desinformationskampagnen sowie gezielte Cyber-Angriffe ein. Die Spionageabwehr beobachtet seit l\u00e4ngerem russische Propagandaund Desinformationsaktivit\u00e4ten, bei denen zielgerichtet Meinungsbildung und Entscheidungsprozesse in Politik und Gesellschaft beeinflusst werden sollen. Es wird dabei unter anderem versucht, gesellschaftliche Gruppierungen in Deutschland f\u00fcr die Ziele Russlands zu instrumentalisieren. Das manipulative Interesse bezieht sich vorrangig auf innenpolitische Themen, aber auch auf au\u00dfenpolitische strategische Planungen. Elektronische Angriffe dienen der Sabotage sogenannter kritischer Infrastrukturen. Die sind Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung f\u00fcr das staatliche Gemeinwesen wie beispielsweise zur Wasserund Stromversorgung oder zur Bereitstellung \u00f6ffentlicher Dienstleistungen. Der fl\u00e4chendeckende Stromausfall in der West-Ukraine im Dezember 2015, der das \u00f6ffentliche Leben weitgehend zum Stillstand brachte, wird auf einen solchen Cyber-Angriff zur\u00fcckgef\u00fchrt. Die Anwesenheit und der Einsatz ungekennzeichneter, milit\u00e4risch agierender Truppen erg\u00e4nzt diese Strategie im jeweiligen Krisengebiet. Die russischen Nachrichtendienste sind klassisch dreigeteilt gegliedert in einen Inlands-, Auslandsund milit\u00e4rischen Nachrichtendienst, wobei sich die Zust\u00e4ndigkeiten im Einzelfall \u00fcberschneiden. Die folgenden Dienste sind auch in Deutschland aktiv: > Inlandsnachrichtendienst - FSB Der FSB ist unter anderem f\u00fcr die zivile und milit\u00e4rische Spionageabwehr zust\u00e4ndig sowie f\u00fcr Spionageabwehr 235 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","die Bek\u00e4mpfung von Terrorismus und organisierter Kriminalit\u00e4t. Zur Aufgabenerf\u00fcllung f\u00fchrt er auch Eins\u00e4tze im Ausland aus. Aufgrund der Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr den Grenzschutz ist der Dienst zur Kontrolle aller einund ausreisenden Personen berechtigt. > Ziviler Auslandsnachrichtendienst - SWR Der SWR ist vorrangig f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie zust\u00e4ndig. Zudem forscht er die Arbeitsmethoden und Aktivit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste aus. Der Dienst leistet elektronische Aufkl\u00e4rung und wirkt bei der Bek\u00e4mpfung der Proliferation und des Terrorismus mit. Operationen werden zentral aus Moskau oder aus den Legalresidenturen im Ausland gef\u00fchrt. > Milit\u00e4rischer Auslandsnachrichtendienst - GRU Der GRU ist direkt dem Verteidigungsministerium unterstellt. Seine Aufgaben umfassen die Aufkl\u00e4rung des gesamten milit\u00e4rischen Bereichs. Neben der NATO geh\u00f6rt dazu auch die deutsche Bundeswehr. Von besonderem Interesse sind f\u00fcr die GRU die R\u00fcstungsindustrie sowie alle weiteren milit\u00e4risch nutzbaren Technologien. Volksrepublik China Trotz r\u00fcckl\u00e4ufiger Wirtschaftszahlen verfolgt die chinesische Regierung weiterhin das Ziel, sich als f\u00fchrende Wirtschaftsmacht an der Weltspitze zu etablieren. Das Land will bis zum Jahr 2020 nicht mehr von ausl\u00e4ndischen Technologien abh\u00e4ngig zu sein. Dar\u00fcber hinaus will China seinen politischen und milit\u00e4rischen Einfluss ausbauen. Die vor allem maritime Aufr\u00fcstung dient sowohl der Durchsetzung umstrittener Gebietsanspr\u00fcche im S\u00fcdchinesischen Meer als auch der Sicherung von Seeund Handelswegen zu den Rohstoffen in Afrika und S\u00fcdamerika. Die chinesische Regierung ist zudem bem\u00fcht, innerstaatliche Konflikte in einigen Provinzen und mit Oppositionellen im Inund Ausland zu unterdr\u00fccken. In diesen Bereichen l\u00e4sst sich die chinesische Staatsf\u00fchrung durch ihre Nachrichtendienste auf vielf\u00e4ltige Weise unterst\u00fctzen. Nordrhein-Westfalen mit seinen hochinnovativen kleinen und mittleren Unternehmen sowie seinen zahlreichen Universit\u00e4ten, Fachhochschulen, Forschungseinrichtungen und Technologieund Gr\u00fcnderzentren steht besonders im Fokus nachrichtendienstlicher Aktivit\u00e4ten. Wie Russland und Iran nutzt China die klassische Methode, Angeh\u00f6rige des eigenen Nachrichtendienstes mit Hilfe von diplomatischen und konsularischen Vertretungen, sogenannten Legalresidenturen, zu tarnen. Es bedient sich f\u00fcr den illegalen Wissenstransfer teilweise aber auch der Hilfe hier dauerhaft lebender Chinesen oder von Gastwissenschaftlern, Studenten und Praktikanten, die sich vor\u00fcbergehend in Deutschland aufhalten. Zahlreiche Hinweise lassen zudem den Schluss zu, dass chinesische Nachrichtendienste nach wie vor bem\u00fcht sind, mit Hilfe elektronischer Angriffe Informationen zu beschaffen. 236 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Neben Beschaffungsbem\u00fchungen in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Milit\u00e4r wirken die Nachrichtendienste vor allem bei der Bek\u00e4mpfung der nachfolgenden Bestrebungen und Vereinigungen mit: > Demokratiebewegung, > Anh\u00e4nger eines unabh\u00e4ngigen Taiwan, > Anh\u00e4nger eines unabh\u00e4ngigen Tibet, > Falun-Gong Anh\u00e4nger und > turkst\u00e4mmige (muslimische) Uiguren. Diese Bestrebungen und Vereinigungen werden von der kommunistischen Partei Chinas (KPCH) als Bedrohung ihrer Macht betrachtet und als die \"F\u00fcnf Gifte\" bezeichnet. Eine Verfolgung findet im Inund Ausland statt. Die nachrichtendienstlichen Aufgaben werden von drei Ministerien und einer Regierungsorganisation wahrgenommen, wobei sich die Zust\u00e4ndigkeiten teilweise \u00fcberschneiden: > Ministry of State Security - MSS Der zivile Inund Auslandsnachrichtendienst ist innerhalb Chinas zust\u00e4ndig f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung m\u00f6glicher Gef\u00e4hrder der territorialen Einheit und der inneren Ordnung, vor allem der \"F\u00fcnf Gifte\". Das MSS hat hierf\u00fcr die Befugnisse einer Polizeibeh\u00f6rde. Es nimmt dar\u00fcber hinaus die Aufgaben der Spionageabwehr wahr. Dazu beobachtet es nicht nur die im Land lebenden offiziellen Vertreter fremder Nationen, sondern generell die B\u00fcrger fremder Staaten. Im Ausland f\u00fchrt das MSS eigene Spionageoperationen durch, bem\u00fcht sich um Informationen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und forscht oppositionelle chinesische Gruppen aus. > Ministry of Public Security - MPS Die auch als \"Ministerium f\u00fcr \u00f6ffentliche Sicherheit\" (M\u00d6S) bezeichnete Beh\u00f6rde ist f\u00fcr die Gew\u00e4hrleistung der \u00f6ffentlichen Sicherheit und Ordnung zust\u00e4ndig. Die \u00dcberwachung des Stra\u00dfenverkehrs oder die allgemeine Verbrechensbek\u00e4mpfung geh\u00f6ren zum vorrangigen Aufgabenbereich. Das MPS \u00fcberwacht aber auch allgemein das \u00f6ffentliche Leben, um m\u00f6glichen Gefahren f\u00fcr das Machtmonopol der Kommunistischen Partei Chinas entgegenzutreten. Eine zentrale Methode ist die Kontrolle des Internets, der klassischen Medien sowie der sich in China aufhaltenden Ausl\u00e4nder. Das MPS operiert nicht nur auf eigenem Hoheitsgebiet, sondern sammelt auch im Ausland Informationen \u00fcber Personen und Organisationen, die von der KPCH wegen regierungskritischer Aktivit\u00e4ten als staatsfeindlich eingestuft werden. Da das Ministerium bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben au\u00dferhalb der polizeilichen Zust\u00e4ndigkeiten nachrichtendienstliche Mittel einsetzt, wird es zu den Nachrichtendiensten gez\u00e4hlt. Spionageabwehr 237 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","> Military Intelligence Departement - MID Die milit\u00e4rische Inund Auslandsaufkl\u00e4rung liegt in der Zust\u00e4ndigkeit der Volksbefreiungsarmee. Sie sch\u00fctzt die eigenen Streitkr\u00e4fte unter anderem vor gegnerischen Aussp\u00e4hversuchen. Wie alle milit\u00e4rischen Nachrichtendienste beschafft das MID im Ausland milit\u00e4risch bedeutsame Informationen, die beispielsweise Erkenntnisse \u00fcber die F\u00e4higkeiten und die Bewaffnung fremder Streitkr\u00e4fte liefern oder die f\u00fcr die Verteidigungsund B\u00fcndnispolitik relevant sind. Weitere Aufgabenfelder sind technische Spionage, Fernmeldeaufkl\u00e4rung, Cyberspionage, Telekommunikations\u00fcberwachung und IT-Sicherheit im milit\u00e4rischen Bereich. > B\u00fcro 610 Vor dem Hintergrund der wachsenden Meditationsbewegung \"Falun Gong\" wurde 1999 das unmittelbar an das Zentralkomitee der KPCH angebundene \"B\u00fcro 610\" geschaffen. Diese Organisation ist f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung und Bek\u00e4mpfung der regimekritischen Bewegung Falun Gong zust\u00e4ndig. Das \"B\u00fcro 610\" operiert au\u00dferhalb einer Ministeriumsstruktur auch im Ausland mit nachrichtendienstlichen Mitteln und ist daher als weitere nachrichtendienstliche Organisation anzusehen. Justiz, Polizei und Verwaltung arbeiten ihm zu. Der Name nimmt Bezug auf die Gr\u00fcndung des B\u00fcros am 10. Juni 1999. Islamische Republik Iran Im Jahr 2016 gingen die wesentlichen nachrichtendienstlichen Aktivit\u00e4ten des Iran in NordrheinWestfalen vom zivilen Inund Auslandsnachrichtendienst \"Ministry of Information and Security\" (MOIS) aus. Traditionell ist die \u00dcberwachung und Bek\u00e4mpfung der iranischen Opposition im Inund Ausland Aufgabenschwerpunkt des MOIS. Daneben interessieren sich die iranischen Nachrichtenund Sicherheitsdienste aber auch f\u00fcr Informationen aus den Bereichen Politik, Milit\u00e4r und Wirtschaft. Entsprechende nachrichtendienstlich gesteuerte Aktivit\u00e4ten konnten im Berichtsjahr auch in Nordrhein-Westfalen festgestellt werden. Die bereits f\u00fcr 2015 beschriebene Intensivierung der Ausforschungsbem\u00fchungen des MOIS gegen die oppositionelle \"Volksmodjahedin Iran-Organisation\" (MEK) beziehungsweise ihren politischen Arm, den \"Nationalen Widerstandrat Iran\" (NWRI), war auch im Jahr 2016 festzustellen. Der iranische Nachrichtendienst hielt weiterhin an der Strategie fest, die MEK durch gezielte Propaganda zu diskreditieren. T\u00fcrkei Der t\u00fcrkische Nachrichtendienst \"Milli Istihbarat Teskilati\" (MIT) ist sowohl f\u00fcr die Inals auch Auslandsaufkl\u00e4rung zust\u00e4ndig. Dabei ist er im Gegensatz zu den deutschen Nachrichtendiensten mit umfangreichen Polizeibefugnissen ausgestattet. 238 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Der MIT unterh\u00e4lt in Deutschland Legalresidenturen in offiziellen Repr\u00e4sentanzen. In NordrheinWestfalen befinden sich vier von insgesamt 15 t\u00fcrkischen Generalkonsulaten auf deutschem Boden (D\u00fcsseldorf, Essen, H\u00fcrth und M\u00fcnster). Mit mehr als 530.000 t\u00fcrkischen Staatsangeh\u00f6rigen und einer erheblich gr\u00f6\u00dferen Anzahl Personen mit t\u00fcrkischem Migrationshintergrund ist Nordrhein-Westfalen einer der weltweiten Schwerpunkte der t\u00fcrkischen Diaspora und somit auch Operationsgebiet t\u00fcrkischer Nachrichtendienste. Eine der Hauptaufgaben des MIT im Ausland ist die Aufkl\u00e4rung und Aussp\u00e4hung Oppositioneller. Dazu geh\u00f6ren neben den kurdischen Gruppierungen wie der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vor allem die linksextremistischen Organisationen Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C), die \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) und neuerdings vor allem die nach dem Prediger Fetullah G\u00fclen benannte \"G\u00fclen-Bewegung\". Letztere wird von t\u00fcrkischer Regierungsseite f\u00fcr den Putschversuch durch Teile des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs am 15. und 16. Juli 2016 verantwortlich gemacht. Es kann davon ausgegangen werden, dass der MIT auch in Nordrhein-Westfalen eine intensivierte Aufkl\u00e4rung der vom t\u00fcrkischen Staat als \"Fetullahistische Terrororganisation\" (FET\u00d6) bezeichneten Organisation betreibt. Jubel nach dem gescheiterten Putschversuch in der T\u00fcrkei am 16. Juli 2016 Spionageabwehr 239 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Aufkl\u00e4rung und Abwehr von Proliferation Unter Proliferation wird die Weiterverbreitung atomarer, biologischer oder chemischer Massenvernichtungswaffen beziehungsweise der zu ihrer Herstellung verwendeten Produkte sowie entsprechender Waffentr\u00e4gersysteme einschlie\u00dflich des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows verstanden. Bei proliferationsrelevanten Staaten wie Iran, Nordkorea, Syrien oder Pakistan steht zu bef\u00fcrchten, dass Massenvernichtungswaffen in Konflikten eingesetzt oder als politisches Druckmittel genutzt werden. Bis heute ist es den genannten Staaten nicht gelungen, die zur Weiterentwicklung der eigenen Programme erforderlichen G\u00fcter ausschlie\u00dflich im eigenen Land herzustellen. NordrheinWestfalen als starker Wirtschaftsstandort mit einer Vielzahl relevanter Unternehmen und Forschungseinrichtungen stand im Jahr 2016 daher weiterhin im Fokus proliferationsrelevanter Beschaffungsstellen. Fallzahlen im Jahr 2016 Aus der Einigung im Nuklearkonflikt zwischen den f\u00fcnf st\u00e4ndigen Mitgliedern des Sicherheitsrats und Deutschland sowie dem Iran resultierte mit dem \"Implementation Day\" im Januar 2016 die Lockerung der Sanktionen gegen den Iran. In der Folge war ein starker R\u00fcckgang entsprechender iranischer Beschaffungsversuche zu verzeichnen. Dieser spiegelt sich in den vorliegenden Fallzahlen wider. So konnte die Spionageabwehr im Berichtsjahr 32 Beschaffungsversuche beobachten, die definitiv oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zugunsten eines Proliferationsprogramms unternommen wurden. Diese Zahl stellt einen signifikanten R\u00fcckgang der in NordrheinWestfalen identifizierten sensiblen Einkaufsbem\u00fchungen gegen\u00fcber dem bis dahin bestehenden H\u00f6chstwert aus dem Jahr 2015 (141) dar. Der Iran stellt dennoch weiterhin den Bearbeitungsschwerpunkt in der Proliferationsabwehr dar. Die Nachfrage nach relevanten G\u00fctern f\u00fcr die iranischen Raketenprogramme bildet die \u00fcberwiegende Mehrheit der hier bekannt gewordenen F\u00e4lle. Daneben wurden beispielsweise erneut mehrere pakistanische Beschaffungsversuche festgestellt. In der \u00fcberwiegenden Zahl der F\u00e4lle erfolgte keine Auslieferung der jeweiligen Waren, da der Verfassungsschutz die betroffenen Unternehmen rechtzeitig warnen konnte oder bereits sensibilisierte Firmen verd\u00e4chtige Anfragen als solche erkannten und nicht bedienten. 240 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ausl\u00e4ndische Staaten versuchen \u00fcber verschleierte Transportwege sogenannte Dual-use-G\u00fcter f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke zu beschaffen. Proliferationsrelevante G\u00fcter Gegenstand proliferationsrelevanter Anfragen sind in der Regel sogenannte Dual-use-G\u00fcter, also Produkte, die sowohl im zivilen als auch im milit\u00e4rischen Bereich verwendbar sind. Diese G\u00fcter bieten Einkaufsstellen die M\u00f6glichkeit, gegen\u00fcber Herstellern oder H\u00e4ndlern anstatt der tats\u00e4chlich vorgesehenen Endverwendung eine angeblich geplante zivile Nutzung anzugeben, um so die Lieferbereitschaft zu erh\u00f6hen. Im Jahr 2016 nutzten die Proliferationsstaaten diesen Vorteil, indem sie auf eine Verwendung in der zivilen Forschung oder in der \u00d6l-, Gasund Stahlindustrie verwiesen. Als Belege wurden unter anderem gef\u00e4lschte Endverbleibszertifikate oder sonstige scheinbar offizielle Dokumente vorgelegt. Im Berichtsjahr fielen nahezu s\u00e4mtliche als proliferationsrelevant identifizierte Gesch\u00e4ftsanbahnungen in die Dual-use-Kategorie. Die Produktspanne erstreckte sich von kleinsten Ersatzteilen und elektronischen Komponenten bis hin zu kompletten industriellen Maschinen. Spionageabwehr 241 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Beschaffungswege Neben der Benennung einer angeblich zivilen Nutzung hat sich auch die Angabe falscher Endverwender als h\u00e4ufig genutzte Methode zum Erwerb proliferationsrelevanter G\u00fcter erwiesen. Dabei werden regelm\u00e4\u00dfig nicht nur vorgeschobene Unternehmen als Empf\u00e4nger der Waren ausgegeben; oftmals wird zudem versucht, das eigentliche Zielland der Lieferung zu verschleiern. In 2016 nutzten die Proliferationsstaaten dazu erneut umfangreiche Beschaffungsnetzwerke. Vereinigte Arabische Emirate Deutschland T\u00fcrkei Iran China Routen proliferationsrelevanter Waren in den Iran Diese bestehen aus Tarnfirmen und Strohm\u00e4nnern in unterschiedlichen Staaten. Sie versuchen, G\u00fcter \u00fcber sogenannte Umgehungslieferungen zu beschaffen. Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen entsprechende Eink\u00e4ufer hierzu jedes beliebige Land nutzen. Erfahrungsgem\u00e4\u00df befinden sich die klassischen \"Umgehungsstaaten\" aber in geographischer N\u00e4he zum Zielland. F\u00fcr Iran sind dies beispielhaft die Vereinigten Arabischen Emirate, die T\u00fcrkei und China. 242 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Aufkl\u00e4rung durch den Verfassungsschutz NRW Der Verfassungsschutz NRW ist selbst vor dem Hintergrund der oben beschriebenen sinkenden Fallzahlen um eine kontinuierliche Ausweitung der Aufkl\u00e4rungsbem\u00fchungen bestrebt. Neben der Bearbeitung konkreter Verdachtsf\u00e4lle und der Identifizierung von Beschaffungsnetzwerken f\u00fchrte die Spionageabwehr im Jahr 2016 erneut zahlreiche Sensibilisierungen in Form von Vortr\u00e4gen und Einzelberatungen durch. Dabei wurden in 41 Veranstaltungen und Firmengespr\u00e4chen \u00fcber 120 Unternehmen in Nordrhein-Westfalen erreicht. Diese Pr\u00e4ventionsarbeit der Spionageabwehr erh\u00f6ht die Sensibilit\u00e4t in der Wirtschaft und f\u00fchrt durch ein zus\u00e4tzliches Hinweisaufkommen zu einer stetigen Verbesserung der Proliferationsbek\u00e4mpfung. Ziele der Sensibilisierungen durch den Verfassungsschutz NRW sind Aufkl\u00e4rung und pr\u00e4ventive Verhinderung m\u00f6glicher Proliferationsgesch\u00e4fte. Die Gespr\u00e4chspartner werden auf Gefahren illegaler Lieferungen sowie die einschl\u00e4gigen Beschaffungsmethoden hingewiesen. In konkreten Einzelf\u00e4llen bietet der Verfassungsschutz eine individuelle und vertrauensvolle Beratung, bei der Probleme und Fragen der Unternehmen stets vertraulich behandelt werden. Umgekehrt profitiert die Spionageabwehr von dem Austausch mit der Wirtschaft, \u00fcber den Hinweise auf Anbahnungen mit m\u00f6glichem Proliferationshintergrund gewonnen werden k\u00f6nnen. \\ Kontakt aufnehmen / Hinweise geben \u00dcber die Rufnummer 0211 871 2821 und die E-MailAdresse kontakt.verfassungsschutz@im1.nrw.de kann ein Gespr\u00e4chstermin mit der Spionageabwehr vereinbart werden. Spionageabwehr 243 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Wirtschaftsspionage Auch im Jahr 2016 konnten zahlreiche Angriffe auf das Know-how deutscher Unternehmen verzeichnet werden. Den deutschen Unternehmen entstehen hierdurch j\u00e4hrlich Sch\u00e4den in H\u00f6he von etwa 50 Milliarden Euro. Man kann von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, weil Firmen Angriffe nicht bemerken oder sie aus Sorge um Image-Sch\u00e4den nicht melden. Angriffsziele sind insbesondere kleine und mittlere Unternehmen. Sie verf\u00fcgen h\u00e4ufig \u00fcber sehr innovative Produkte und ein gro\u00dfes Know-how, sind sich jedoch oftmals der Gefahren nicht in vollem Umfang bewusst. Dabei sind schon lange nicht mehr nur Schl\u00fcsselbranchen, sondern mittlerweile nahezu alle Wirtschaftsbereiche von Spionage betroffen. Umfragen haben gezeigt, dass jedes zweite Unternehmen bereits Opfer eines Spionageversuches wurde. In sehr vielen Staaten weltweit existieren gesetzliche \\ Wirtschaftsspionage und Konkurrenzaussp\u00e4hung Grundlagen, die den jeweiGrunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich zwischen Wirtschaftsspionage ligen Nachrichtendiensten und Konkurrenzaussp\u00e4hung, die oftmals auch als Indie Durchf\u00fchrung von Wirtdustriespionage bezeichnet wird, unterscheiden. Unter schaftsspionage erlauben. Im Konkurrenzspionage versteht man die Aussp\u00e4hung Fokus der Spionageabwehr von Unternehmen durch einen Wettbewerber. Wirtstehen insbesondere L\u00e4nder schaftsspionage hingegen ist die staatlich gelenkte wie China und Russland, oder gest\u00fctzte, von ausl\u00e4ndischen Nachrichtendiensaber auch viele andere Staaten ausgehende Ausforschung von Wirtschaftsunterten betreiben Wirtschaftsspinehmen und Betrieben. In den Methoden unterscheionage. In den vergangenen den sich beide Ph\u00e4nomene jedoch kaum. Jahren verdichteten sich die Erkenntnisse bei der Spionageabwehr des Verfassungsschutzes NRW, dass auch der Iran \u00fcber ein eigenes Cyberprogramm verf\u00fcgt. Es ist an exponierter Stelle innerhalb der sogenannten Revolutionsgarden angesiedelt. Insgesamt konnte im Jahr 2016 eine gegen\u00fcber den Vorjahren erneut deutlich erh\u00f6hte Zahl von qualitativ hochwertigen Cyberangriffen auf deutsche Unternehmen festgestellt werden. Ziel der Angriffe waren Unternehmensnetzwerke und Kontrollsysteme der Industrie. 244 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Methoden der Wirtschaftsspionage Die h\u00e4ufigste Angriffsvariante bestand im Jahr 2016 erneut darin, eine personalisierte E-Mail mit angeh\u00e4ngter Schadsoftware zu versenden. Bei dieser Schadsoftware handelte es sich in der Regel um hochentwickelte Spionageprogramme, die speziell auf die IT-Infrastruktur des angegriffenen Unternehmens zugeschnitten waren. Nach Infektion verblieb die Schadsoftware oftmals \u00fcber einen langen Zeitraum im Unternehmensnetz und \u00fcbertrug unbemerkt Unternehmensdaten an den Angreifer. Diese von ausl\u00e4ndischen Nachrichtendiensten genutzte Angriffsmethode f\u00fchrt zu einer fortgeschrittenen und andauernden Bedrohung des Unternehmensnetzwerkes. Sie wird als Advanced Persistent Threat (APT) bezeichnet. Die zunehmende Digitalisierung von Produktionsprozessen, die unter dem Stichwort Industrie 4.0 zusammengefasst wird, bietet ausl\u00e4ndischen Nachrichtendiensten neue Ansatzpunkte f\u00fcr m\u00f6gliche Angriffe. In der Industrie 4.0 verzahnt sich die Produktion auf intelligente Weise mit modernster Informationsund Kommunikationstechnik. Das bringt gro\u00dfe Vorteile und erm\u00f6glicht die kosteng\u00fcnstige Herstellung ma\u00dfgeschneiderter Produkte nach individuellen Kundenw\u00fcnschen und in hoher Qualit\u00e4t. Letztendlich werden alle Prozesse digitalisiert und miteinander vernetzt. Dieser hohe Grad an Vernetzung und eine ungen\u00fcgende Absicherung machen ein IT-Netzwerk allerdings auch leichter angreifbar. Gelingt es Wirtschaftsspionen an einer Stelle in ein solches Netzwerk einzudringen, erhalten sie h\u00e4ufig Zugang zu nahezu allen relevanten Bereichen. Darunter befinden sich Stellen, an denen sensible Unternehmensdaten gespeichert sind oder sich Steuerprozesse f\u00fcr die Produktion befinden. Daten k\u00f6nnen abflie\u00dfen oder Produktionsprozesse sabotiert werden. Wirtschaftsspione setzen alles daran, \u00fcber einen m\u00f6glichst langen Zeitraum unentdeckt zu bleiben. Professionelle Spionageangriffe werden daher oftmals \u00fcberhaupt nicht oder erst nach sehr langer Zeit entdeckt. Smartphones als Angriffsziel Es wurde aber nicht nur die IT von Unternehmen angegriffen, auch gesch\u00e4ftlich genutzte Smartphones waren das Ziel von Angriffen. Smartphones bieten nahezu die gleiche Funktionalit\u00e4t wie Computer, verf\u00fcgen jedoch h\u00e4ufig nur \u00fcber minimale Sicherheitsvorkehrungen und sind daher sehr leicht angreifbar. Im Bereich der Wirtschaftsspionage werden die mobilen Telefone mit professioneller Schadsoftware so infiziert, dass sie beispielsweise wie Wanzen funktionieren. Nimmt man ein solches Ger\u00e4t mit in eine vertrauliche Besprechung, wird der gesamte Inhalt an den Angreifer \u00fcbertragen. Es k\u00f6nnen alle Gespr\u00e4che mitgeh\u00f6rt und die auf dem Ger\u00e4t gespeicherten Daten ausgelesen werden. Spionageabwehr 245 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Social Engineering als beliebte Methode Erheblich gestiegen ist im letzten Jahr der Einsatz von Social Engineering insbesondere zur Vorbereitung technischer Angriffe auf Unternehmensnetzwerke. Beim Social Engineering werden gezielt die Hilfsbereitschaft, Gutgl\u00e4ubigkeit oder auch Naivit\u00e4t von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausgenutzt, um einen Zugriff auf fremde IT-Netzwerke zu erhalten. Systematischer Schutz des Unternehmens Bei Angriffen spielt der \"Faktor Mensch\" fast immer eine entscheidende Rolle. Eine regelm\u00e4\u00dfige Sensibilisierung und Schulung aller Mitarbeiter hilft, Angriffe mit Methoden von Social Engineering abzuwehren. Die Absicherung der eingesetzten IT nach dem aktuellen Stand der Technik ist zudem zwingend erforderlich. Bei der zunehmenden Komplexit\u00e4t eingesetzter IT-Systeme ist jedoch ein vollst\u00e4ndiger Schutz kaum zu erreichen. Daher sind Unternehmen gefordert, f\u00fcr den Fall eines erfolgreichen Angriffs fr\u00fchzeitig einen Notfallplan zu erstellen und in \u00dcbungen zu proben. Eine regelm\u00e4\u00dfige Sicherung aller Systeme \u00fcber Backup-Routinen bildet eine wesentliche S\u00e4ule eines erfolgreichen Notfallplans. Unternehmenssicherheit ist Chefsache Der Verfassungsschutz NRW empfiehlt Unternehmen dringend ein ganzheitliches Sicherheitskonzept. Dabei ist Unternehmenssicherheit mehr als reine IT-Sicherheit. Sie geh\u00f6rt in professionelle H\u00e4nde und sollte von einer eigenen Organisationseinheit oder bei kleinen Unternehmen zumindest von speziell ausgebildeten Fachkr\u00e4ften vorangetrieben werden. Wichtig ist, dass der Prozess Unternehmenssicherheit, der auch die Themen Notfallmanagement und Pr\u00e4vention enthalten sollte, von der F\u00fchrung eines Unternehmens ausgeht und top-down in das Unternehmen hineingetragen wird. Der Verfassungsschutz NRW hat die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung der Sicherheitspartnerschaft NordrheinWestfalen inne. Gemeinsam mit der nordrhein-westf\u00e4lischen Polizei, dem Ministerium f\u00fcr Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, den Industrieund Handelskammern NRW und der Allianz f\u00fcr Sicherheit in der Wirtschaft NRW hat er im Jahr 2016 die Veranstaltungsreihe \"Unternehmenssicherheit ist Chefsache\" ins Leben gerufen. Im Berichtsjahr fanden die ersten vier Veranstaltungen in Bonn, Essen, M\u00fcnster und Harsewinkel statt. Die Veranstaltungen richten sich gezielt an Entscheidungstr\u00e4ger in Unternehmen, um diese f\u00fcr die wichtigen Belange des Wirtschaftsschutzes zu sensibilisieren. Die als Entscheider-Dialog konzipierten Veranstaltungen wurden sehr gut angenommen. Das Dialogformat gab den Anwesenden die M\u00f6glichkeit, neben dem vertieften Informationsangebot das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch mit den anwesenden Experten zu suchen. 246 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Die Veranstaltungsreihe \"Unternehmenssicherheit ist Chefsache\" spricht gezielt Entscheidungstr\u00e4ger in Unternehmen an. Spionageabwehr 247 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Wirtschaftsschutzexperten des Verfassungsschutzes NRW geben aber auch au\u00dferhalb dieser Reihe konkrete Hilfestellungen. Sie stehen beispielsweise f\u00fcr kostenlose Sensibilisierungsvortr\u00e4ge zur Verf\u00fcgung. Diese zeigen auf, welchen Bedrohungen Unternehmen aller Branchen und Gr\u00f6\u00dfenordnungen durch Wirtschaftsspionage ausgesetzt sind, informieren \u00fcber die wichtigsten Angriffsstrategien und stellen Schutzstrategien f\u00fcr Unternehmen vor. Im Jahr 2016 hielten Mitarbeiter des Verfassungsschutzes NRW 51 Vortr\u00e4ge mit rund 1.900 Teilnehmern, zudem wurden diverse Gespr\u00e4che in Unternehmen gef\u00fchrt. Auf Nachfrage besucht der Verfassungsschutz NRW zudem Unternehmen vor Ort, um praktische Hilfestellung bei der Erstellung eines Sicherheitskonzeptes zu geben. \\ Anfragen zu Vortr\u00e4gen und Beratungsgespr\u00e4chen Anfragen k\u00f6nnen unb\u00fcrokratisch per E-Mail an wirtschaftsschutz@im1.nrw.de oder telefonisch an 0211 871 2821 gerichtet werden. 248 Spionageabwehr Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pr\u00e4ventionsarbeit und Aussteigerprogramme Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 249 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pr\u00e4ventionsarbeit und Aussteigerprogramme 249 \u00dcbergreifende Konzepte und Vernetzung .......................................................................... 252 Pr\u00e4ventionsprogramm Wegweiser ..................................................................................... 256 Aussteigerprogramme des Verfassungsschutzes ............................................................. 258 Fachtagungen..................................................................................................................... 262 VIR...................................................................................................................................... 266 Vortr\u00e4ge und Fortbildungen ................................................................................................ 270 Ver\u00f6ffentlichungen .............................................................................................................. 274 Die Schwerpunkte der Extremismuspr\u00e4vention des nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutzes lagen im Jahr 2016 weiterhin in den Bereichen Islamismus und Rechtsextremismus. Ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz stand dabei im Vordergrund. Zahlreiche institutionelle Stellen sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sind systematisch und umfassend informiert und sensibilisiert worden. Das landesweite Pr\u00e4ventionsprogramm \"Wegweiser\" ist auf weitere St\u00e4dte und Regionen ausgeweitet worden. Es bietet Ratsuchenden vor Ort eine Anlaufstelle und versucht, bereits den Einstieg in die salafistische Szene zu verhindern. Der Verfassungsschutz NRW verf\u00fcgt zudem \u00fcber eigene Programme, die Rechtsextremisten und Islamisten beim Ausstieg aus der extremistischen Szene unterst\u00fctzen. Beide Programme wurden 2016 personell verst\u00e4rkt. Das Fortbildungsprojekt \"VIR - Ver\u00e4nderungsimpulse setzen bei Rechtsorientierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen\" hat 2016 zwei weitere Trainerinnenund Trainer-Ausbildungen mit positiver Resonanz durchgef\u00fchrt. Der Verfassungsschutz ist an dem Projekt als Kooperationspartner beteiligt. 250 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Im Zusammenhang mit der Aufnahme einer gro\u00dfen Zahl gefl\u00fcchteter Menschen lag ein Augenmerk auf den Themen extremistischer Salafismus und islamistischer Terrorismus. Besch\u00e4ftigte des Verfassungsschutzes NRW informierten hierzu in zahlreichen Veranstaltungen gezielt Fl\u00fcchtlingseinrichtungen und zust\u00e4ndige kommunale \u00c4mter und beantworteten zahlreiche Fragen. Der Verfassungsschutz NRW arbeitet in der Pr\u00e4vention erfolgreich mit verschiedenen Partnern zusammen. Er hat sich aktiv an der interministeriellen Arbeitsgruppe beteiligt, die das \"Integrierte Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassismus\" entwickelt hat. Das am 10. Mai 2016 verabschiedete Konzept wird bis zum Jahr 2019 umgesetzt. Um zudem die gemeinsamen Anstrengungen in Nordrhein-Westfalen beim Vorgehen gegen extremistischen Salafismus st\u00e4rker zu b\u00fcndeln, wurde die interministerielle Arbeitsgruppe \"Salafismuspr\u00e4vention\" ins Leben gerufen. Die Fachtagung \"#salafismus - Gemeinsam gegen salafistische Internet-Propaganda\" bot eine Plattform f\u00fcr den Austausch und die Vernetzung von Akteuren der Pr\u00e4vention mit Personen, die in Online-Communities und auf Social Media Kan\u00e4len aktiv sind. Sie wurde am 16. April 2016 vom nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutz gemeinsam mit der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund in Berlin durchgef\u00fchrt und gab den Startschuss f\u00fcr die Umsetzung konkreter Projekte. Aufkl\u00e4rung \u00fcber Ideologien, Strukturen und Strategien verfassungsfeindlicher Organisationen und Parteien st\u00e4rkt die Wachsamkeit der demokratischen \u00d6ffentlichkeit und festigt auf diese Weise das Fundament einer wehrhaften Demokratie. Im Jahr 2016 hat der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz \u00fcber 330 Informationsveranstaltungen f\u00fcr Politik, Beh\u00f6rden, Institutionen sowie B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in allen Landesteilen durchgef\u00fchrt oder war an ihnen beteiligt. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 251 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","\u00dcbergreifende Konzepte und Vernetzung Extremismuspr\u00e4vention ist eine langfristige Aufgabe des Verfassungsschutzes in NordrheinWestfalen. Unver\u00e4ndert zum Jahr 2015 lagen die Schwerpunkte der Arbeit in den Bereichen Islamismus und Rechtsextremismus. Im Vordergrund steht ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz, da Pr\u00e4vention den gr\u00f6\u00dften Erfolg verspricht, wenn sich alle relevanten Akteure gemeinsam gegen Extremismus wenden. Der Verfassungsschutz ist daher unter anderem in ressort\u00fcbergreifenden Arbeitsgruppen der Landesregierung aktiv, unterst\u00fctzt in Kooperation mit der Wissenschaft neue Forschungsprojekte, bef\u00f6rdert die Zusammenarbeit mit den nordrhein-westf\u00e4lischen Kommunen und steht im Austausch mit anderen europ\u00e4ischen Staaten. Das Ziel ist, Netzwerke aufzubauen und konkrete Ma\u00dfnahmen voranzubringen oder zu initiieren. Die Themen Internet und Radikalisierungsforschung haben in 2016 an Bedeutung zugenommen. \\ Pr\u00e4vention auf alle Ebenen In den Bereichen Islamismus und Rechtsextremismus bringt der Verfassungsschutz NRW seine Erkenntnisse gezielt in alle drei grundlegenden Felder der Pr\u00e4vention ein. In Wissenschaft und p\u00e4dagogischer Praxis wird \u00fcblicherweise zwischen prim\u00e4rer, sekund\u00e4rer und terti\u00e4rer Pr\u00e4vention unterschieden. Eingeteilt wird nach den Zielgruppen, an die sich die Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen richten. Die prim\u00e4re Pr\u00e4vention zielt auf die demokratische \u00d6ffentlichkeit ab (\"Verfassungsschutz durch Aufkl\u00e4rung\"). Bei der sekund\u00e4ren Pr\u00e4vention sind es Personengruppen, die eine N\u00e4he zum extremistischen Denken und Handeln haben. Im Bereich des Rechtsextremismus werden diese Personen beispielsweise h\u00e4ufig als \"rechtsorientiert\" oder \"rechtsaffin\" bezeichnet. Entsprechende Jugendliche befinden sich meist in einer Ann\u00e4herungsphase an extremistische Szenen. Terti\u00e4re Pr\u00e4vention richtet sich an Personen, die fest in der Szene verankert und in ihr aktiv sind. Ma\u00dfnahmen der terti\u00e4ren Pr\u00e4vention sind insbesondere Aussteigerprogramme. Die \u00dcberg\u00e4nge zwischen diesen drei Pr\u00e4ventionsbereichen sind flie\u00dfend, die Unterscheidung ist aber wichtig, weil wirksame Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen passgenau auf die jeweilige Zielgruppe ausgerichtet sein m\u00fcssen. 252 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Interministerielle Arbeitsgruppe Rechtsextremismus Am 10. Mai 2016 ist ein \"Integriertes Handlungskonzept gegen Rechtsextremismus und Rassismus f\u00fcr Nordrhein-Westfalen\" verabschiedet worden. Eine daf\u00fcr eingerichtete interministerielle Arbeitsgruppe unterst\u00fctzte und begleitete die Entwicklung des Handlungskonzeptes unter Einbindung aller Ressorts. In diesen Prozess sind die zivilgesellschaftlichen Akteure, die sich in NRW f\u00fcr Demokratie und Weltoffenheit und gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagieren, von Beginn an eingebunden worden. So wurden die Mitglieder des Landesnetzwerks gegen Rechtsextremismus regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den aktuellen Stand der Erarbeitung des integrierten Handlungskonzepts informiert. Der Verfassungsschutz NRW hat sich an der Arbeit der interministeriellen Arbeitsgruppe aktiv beteiligt und geh\u00f6rt auch dem Landesnetzwerk gegen Rechtsextremismus an. Die Umsetzung des Handlungskonzepts wird von der Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus gesteuert, die bei der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung angesiedelt ist. Es umfasst insgesamt 166 Ma\u00dfnahmen und hat eine Laufzeit von drei Jahren. Die interministerielle Arbeitsgruppe pr\u00fcft regelm\u00e4\u00dfig, inwieweit die Ma\u00dfnahmen umgesetzt werden und ob aufgrund aktueller Entwicklungen Anpassungsbedarfe bestehen. Interministerielle Arbeitsgruppe Salafismuspr\u00e4vention Im Februar 2016 hat der Landtag NRW die Einrichtung einer unbefristeten Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMAG) zum Thema \"Salafismuspr\u00e4vention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe\" beschlossen. Sie hat den Auftrag erhalten, ein ganzheitliches Handlungskonzept zur Bek\u00e4mpfung des gewaltbereiten verfassungsfeindlichen Salafismus zu entwickeln. Der IMAG geh\u00f6ren neben dem Ministerium des Innern zahlreiche weitere Ministerien an. Zu Beginn ihrer Arbeit hat sich die IMAG darauf verst\u00e4ndigt, zun\u00e4chst einige ausgew\u00e4hlte Themenkomplexe zu priorisieren und dazu unverz\u00fcglich konkrete Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Die Struktur des Handlungskonzepts orientiert sich nicht an Ressortzust\u00e4ndigkeiten, sondern stellt die Lebensbiografie eines Heranwachsenden und das ihn jeweils begleitende Lebensumfeld in den Mittelpunkt. Damit Das ganzheitliche Handlungskonzept orientiert sich am wird der Fokus darauf Lebensumfeld und den Lebensabschnitten von Heranwachsenden. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 253 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","gerichtet, neben den gef\u00e4hrdeten Personen auch die Akteure in ihrem Umfeld zu st\u00e4rken und die Betroffenen gegen \"verf\u00fchrende\" Botschaften und Anwerbungen durch die islamistische Szene zu immunisieren. In der Arbeitsgruppe wurden Expertise aus der Wissenschaft und Erfahrungen von Praktikerinnen und Praktikern aus der Zivilgesellschaft einbezogen. Es wurden konkrete Projekte aus den Bereichen Sozialr\u00e4ume, Schule, Justizvollzug, Einbeziehung von Muslimen als Akteure, Medien, Propaganda und Frauen und M\u00e4dchen entwickelt. Das Handlungskonzept und diese pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen wurden f\u00fcr einen ersten Zwischenbericht an den Landtag detailliert zusammengefasst. Neben der Entwicklung und Umsetzung von Projekten ist eine wissenschaftliche Begleitung der weiteren Arbeit der Arbeitsgruppe vorgesehen. Kompetenznetzwerk CoreNRW Das Wissenschaftsund das Innenministerium haben den Aufbau eines Kompetenznetzwerks zur Erforschung des extremistischen Salafismus in NRW initiiert und gef\u00f6rdert. Es tr\u00e4gt den Namen CoreNRW (Connecting Research On Extremism NRW). Das Netzwerk verfolgt die Ziele, wissenschaftliche Analysen und Forschung zu relevanten Fragen der Thematik voranzubringen, transferorientierten Wissensaustausch und Vermittlung zu leisten sowie Forschungskooperation und -koordination zu unterst\u00fctzen. Dem Netzwerk geh\u00f6ren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen aus Universit\u00e4ten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen innerhalb und au\u00dferhalb Nordrhein-Westfalens an. Strukturelle Elemente innerhalb des Netzwerkes sorgen f\u00fcr verschiedene Servicefunktionen, eine Steuerung der Arbeit und einen schnellen Austausch zwischen relevanten Partnern. Dies legt zum einen den Grundstein f\u00fcr eine Profilentwicklung der Extremismusforschung nach Bedarfen von Praxis, Politik und Wissenschaft und stellt zum anderen, entsprechend der wissenschaftlichen Grunds\u00e4tze, eine Ergebnisoffenheit sicher. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler k\u00f6nnen somit bei Antragstellungen frei und eigenverantwortlich agieren. Arbeitsgruppe \"Gegenma\u00dfnahmen zu islamistischer Internetpropaganda\" Die Bund-L\u00e4nder-Arbeitsgruppe \"Gegenma\u00dfnahmen zu islamistischer Internetpropaganda\" nimmt pr\u00e4ventive Ans\u00e4tze f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit islamistischer Online-Propaganda von Netzwerken und Einzelakteuren in den Blick. Der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz hat die Federf\u00fchrung in der Arbeitsgruppe. Es kommen staatliche Beh\u00f6rden, Zivilgesellschaft und Wissenschaft zusammen und bringen ihre Expertise ein. In 2016 wurde der Fokus auf wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Internetpropaganda und auf m\u00f6gliche Pr\u00e4ventionsangebote gerichtet. Bei der Pr\u00e4vention sind beispielsweise \"Gegennarrative\", die authentisch sind und eine abgeschlossene Geschichte erz\u00e4hlen, erfolgversprechend. Die F\u00f6rderung von 254 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Medienkompetenz ist ebenfalls ein wichtiger Baustein, mit dem sich die Arbeitsgruppe intensiv besch\u00e4ftigt hat. Projekt \"Kommunen gegen Extremismus\" Der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz f\u00fchrt seit dem Jahr 2014 zusammen mit dem polizeilichen Staatsschutz des jeweils \u00f6rtlich zust\u00e4ndigen Polizeipr\u00e4sidiums das Projekt \"Kommunen gegen Extremismus\" durch. Grundlage dieser Kooperation zwischen Sicherheitsbeh\u00f6rden sowie Landrat, St\u00e4dten und Gemeinden ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und ein Informationsaustausch in beide Richtungen. Sie soll der Entstehung jeder Art von Extremismus entgegenwirken. Das Projekt wurde von den Kommunen des Kreises Mettmann und des RheinKreises Neuss sowie vom 2016 hinzugekommenen Rhein-Erft-Kreis positiv angenommen und regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr Anfragen und Hinweise genutzt. Verfassungsschutz und Polizei haben dar\u00fcber hinaus f\u00fcr die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommunen und des jeweiligen Kreises Informationsveranstaltungen durchgef\u00fchrt, bei denen extremistische Ph\u00e4nomenbereiche vorgestellt und aktuelle Entwicklungen aufgezeigt wurden. Der St\u00e4dteund Gemeindebund NordrheinWestfalen begr\u00fc\u00dfte in einem Schreiben an die Mitgliedsst\u00e4dte und -gemeinden ausdr\u00fccklich die Unterst\u00fctzung der Kommunen. F\u00fcr das Jahr 2017 ist eine Ausdehnung des Projekts auf weitere Landkreise beabsichtigt. Transatlantische Konferenz zur Pr\u00e4vention gegen islamistische Radikalisierung Der gewaltbereite Salafismus geh\u00f6rt in Nordrhein-Westfalen und Deutschland, wie auch in vielen anderen Staaten zu den am st\u00e4rksten wachsenden extremistischen Bewegungen. F\u00fcr einen internationalen Austausch hatte der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz daher in Zusammenarbeit mit dem Generalkonsulat der Vereinigten Staaten von Amerika in D\u00fcsseldorf zu einer transatlantischen Konferenz am 29. und 30. Juni 2016 eingeladen, um Best-Practices sowie bew\u00e4hrte Pr\u00e4ventionsund Interventionsmodelle kennenzulernen und gemeinsam effektive L\u00f6sungsans\u00e4tze mit internationaler Perspektive zu diskutieren. Pr\u00e4ventionsexperten aus den USA, den Niederlanden, D\u00e4nemark und des Verfassungsschutzes NRW sowie Fachleute aus Staat und Gesellschaft pr\u00e4sentierten verschiedene Ans\u00e4tze und berieten \u00fcber erfolgreiche Pr\u00e4ventionsprogramme wie \"Community Engagement\", \"The Aarhus Model\", \"The Hague Model\", das Programm \"Wegweiser - gemeinsam gegen gewaltbereiten Salafismus\" und das Aussteigerprogramm Islamismus des Landes Nordrhein-Westfalen. Es zeigte sich, dass trotz einiger Unterschiede alle Ans\u00e4tze in \u00f6rtlichen Strukturen verortet sind und unter anderem durch eine sozialp\u00e4dagogische Beratungsweise die Zielgruppe effektiv erreicht werden kann. Die Teilnehmenden der Konferenz waren sich einig, dass es notwendig sei, innerhalb bestehender Netzwerke mit zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteuren zusammenzuarbeiten. Das Ergebnis der erfolgreichen Veranstaltung: Pr\u00e4vention lohnt sich, und zwar immer. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 255 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Pr\u00e4ventionsprogramm Wegweiser Im Jahr 2016 gab es weiterhin gro\u00dfe und positive Resonanz auf das Programm Wegweiser. Dies macht deutlich, dass der Bedarf nach konkreter Unterst\u00fctzung und nach Informationen zum Thema extremistischer Salafismus ungebrochen hoch ist. Insbesondere Angeh\u00f6rige Betroffener, Schulen und kommunale \u00c4mter haben sich mit ihren Fragen an die Wegweiser-Anlaufstellen vor Ort gewandt. Vom Start des Programms Wegweiser im Jahr 2014 bis zum Ende des Berichtszeitraums wurden fast 390 junge Menschen betreut sowie 5.500 weitere Beratungen durchgef\u00fchrt und Anfragen bearbeitet. Weiterer Ausbau des Programms In 2016 wurden zwei neue B\u00fcros in M\u00f6nchengladbach und M\u00fcnster er\u00f6ffnet. Insgesamt sind damit Ende 2016 zehn Standorte in Betrieb. Wegweiser wird in 2017 weiter ausgebaut. Anfang des Jahres gehen Beratungsstellen in Aachen, Essen und Bielefeld / Herford an den Start. Nach aktuellem Stand sollen insgesamt bis zu 25 Anlaufstellen dauerhaft errichtet werden. Zus\u00e4tzlich sind mobil agierende Teams geplant. Diese sollen Regionen abdecken, die nicht in unmittelbarer N\u00e4he einer Anlaufstelle liegen. Dazu sollen weitere Personalstellen bei den bestehenden Anlaufstellen eingerichtet werden. Ziel dieser Ma\u00dfnahmen ist eine fl\u00e4chendeckende Beratungsund Unterst\u00fctzungsarbeit von Wegweiser in ganz Nordrhein-Westfalen. Wichtige Rolle des sozialen Umfelds Das Programm Wegweiser richtet sich an Personen, die bereits mit der salafistischen Szene sympathisieren oder in diese abzurutschen drohen, sowie an das jeweilige soziale Umfeld. M\u00f6g256 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","liche Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen und jungen Heranwachsenden sollen bereits in ihren Anf\u00e4ngen verhindert werden. Ein sehr wichtiges Element des Programms ist die konkrete Beratung vor Ort. Sie steht Angeh\u00f6rigen und anderen Personen offen, die Probleme erkennen und Ver\u00e4nderungen an jungen Menschen feststellen. \u00dcber Gespr\u00e4che mit Personen aus dem direkten Umfeld besteht die M\u00f6glichkeit, die Betroffenen fr\u00fchzeitig zu erreichen. Erg\u00e4nzend zur Beratung und Begleitung betroffener junger Menschen bezieht Wegweiser das soziale Umfeld in die Arbeit ein. Qualifizierte Hilfe durch Experten-Netzwerk Wegweiser beruht auf Freiwilligkeit und setzt die Mitarbeit Betroffener voraus. Sozialp\u00e4dagogische Arbeit soll Jugendliche vor einer Radikalisierungskarriere bewahren. Dazu sind in intensiven und teilweise \u00fcber einen langen Zeitraum gef\u00fchrten Gespr\u00e4chen, \u00dcberzeugungen und Meinungen zu hinterfragen und Differenzierungen zu erreichen. Au\u00dferdem stehen die Wegweiser-Beraterinnen und Berater den Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite. Wegweiser arbeitet erfolgreich, ohne dass es eine Erfolgsgarantie geben kann. Wegweiser unterbreitet lediglich Angebote, die von Betroffenen auch aktiv angenommen werden m\u00fcssen. Die \u00f6rtliche Tr\u00e4gerorganisation bezieht fallbezogen ein lokales Experten-Netzwerk beispielsweise bestehend aus Beh\u00f6rden, Schulen, Beratungsstellen oder der Polizei in die Beratungsarbeit ein. Wegweiser greift dazu das vorhandene Regelsystem auf und unterst\u00fctzt es. Die Beraterinnen und Berater in den lokalen Wegweiser-Anlaufstellen sind zudem f\u00fcr Personen und Institutionen ansprechbar, die allgemeine Informationen \u00fcber den extremistischen Salafismus ben\u00f6tigen. Sie halten Vortr\u00e4ge, vermitteln Referenten f\u00fcr Veranstaltungen und Fortbildungen oder stellen Informationsmaterialien zur Verf\u00fcgung. Zus\u00e4tzlich bietet eine Wegweiser-Hotline beim Ministerium des Innern Beratung und Einsch\u00e4tzungshilfe f\u00fcr Ratsuchende. Wegweiser-Standorte in Nordrhein-Westfalen Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 257 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Aussteigerprogramme des Verfassungsschutzes Aussteigerprogramme sind Kernelemente der Extremismus-Pr\u00e4vention. Sie erm\u00f6glichen Angeh\u00f6rigen extremistischer Szenen eine R\u00fcckkehr in die demokratische Gesellschaft und eine oftmals langj\u00e4hrige Begleitung dieses Weges. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen bietet Hilfen f\u00fcr den Ausstieg aus dem Rechtsextremismus und dem Islamismus an. Mehr Personal f\u00fcr die Programme Die Programme verfolgen das Ziel, m\u00f6gliche einschl\u00e4gige Straftaten zu verhindern und das extremistische Personenpotential zu reduzieren. Ein wesentliches Element der Ausstiegsarbeit ist die Aufarbeitung der extremistischen Vergangenheit und Ideologie. In pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen werden Einstiegsprozesse beleuchtet und undemokratische Denkmuster hinterfragt. Voraussetzungen f\u00fcr eine Teilnahme am Programm sind Freiwilligkeit und ein klar formulierter Ausstiegswille. Speziell ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten den Ausstieg. Sie verf\u00fcgen \u00fcber besonderes Fachwissen zur jeweiligen extremistischen Szene. Im Jahr 2016 ist das Personal der Programme nochmals deutlich aufgestockt worden. Die Teammitglieder verf\u00fcgen \u00fcber berufliche Vorerfahrungen und Kenntnisse aus den Bereichen Polizei, Verfassungsschutz, Justiz, Islam-, Rechtsund Politikwissenschaft sowie Psychologie, P\u00e4dagogik und soziale Arbeit. Dies schafft eine Grundlage f\u00fcr passgenaue Methoden der Deradikalisierung und der psychologischen Stabilisierung. So k\u00f6nnen beispielsweise eigens auf die jeweiligen Extremismen bezogene Anti-Aggressivit\u00e4tsund Anti-Gewalt-Trainings oder eine zielgerichtete Haftbetreuung angeboten werden. Ein Ausstieg verl\u00e4uft selten geradlinig. Es handelt sich vielmehr um einen oftmals angstbesetzten Prozess, bei dem immer wieder R\u00fcckschl\u00e4ge auftreten k\u00f6nnen. Ausstiegswillige Personen sehen sich regelm\u00e4\u00dfig mit multiplen Problemlagen konfrontiert. Arbeitslosigkeit, finanzielle Schwierigkeiten, Drogenund Alkoholabh\u00e4ngigkeiten oder die Herausforderung, den Alltag pl\u00f6tzlich ohne die \"einfachen\" und strukturgebenden Antworten extremistischer Ideologien bew\u00e4ltigen zu m\u00fcssen, k\u00f6nnen eine beginnende Distanzierung von der Szene unterbrechen. Aus diesem Grund leisten die Aussteigerprogramme des Verfassungsschutzes NRW neben der ideologischen Aufarbeitung auch vielf\u00e4ltige Hilfestellungen zur Bew\u00e4ltigung und Unterst\u00fctzung des Alltags der Teilnehmenden. Die Programme sind sehr gut mit Beh\u00f6rden und in allen wesentlichen Hilfesystemen vernetzt. Dies erm\u00f6glicht eine konkrete und individuelle Hilfe beispielsweise bei 258 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","der Arbeitsplatzsuche, bei der Eingliederung in Qualifizierungsma\u00dfnahmen sowie in F\u00e4llen der Schuldneroder Suchtberatung. Im Vordergrund steht dabei stets, die eigenen Ressourcen der Klienten zu mobilisieren und so \"Hilfe zur Selbsthilfe\" zu leisten. Zielgruppengerechte Werbung Um die Zielgruppen der Aussteigerprogramme noch besser zu erreichen, verst\u00e4rkt der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz schrittweise die begleitende \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Ziel ist es, in den Szenen selbst, in deren Umfeld, aber vor allem auch im Internet noch sichtbarer zu werden. Ende 2016 wurde mit den Vorarbei- \\ Facebook-Adressen der Aussteigerprogramme ten f\u00fcr entsprechende Kampagnen begonnen. In diesem Zuge haben API: www.facebook.com / api.nrw das Aussteigerprogramm RechtsSpurwechsel: www.facebook.com / spurwechsel.nrw extremismus mit der Bezeichnung \"Spurwechsel\" und das Aussteigerprogramm Islamismus mit der Bezeichnung \"API\" neue, pr\u00e4gnantere Namen erhalten. Die Einrichtung von Facebook-Seiten f\u00fcr beide Programme wurde vorbereitet. In der ersten H\u00e4lfte des Jahres 2017 sind diese online gegangen. Die Aussteigerprogramme bieten damit k\u00fcnftig noch mehr Transparenz und \u00f6ffnen sich den Interessenten in einer Form, die den aktuellen Kommunikationsgewohnheiten entspricht. Ausstiegswillige Personen k\u00f6nnen sich \u00fcber das Internet somit jederzeit und bei Bedarf auch in zun\u00e4chst anonymisierter Form mit ihren Fragen und Anliegen an die Programme wenden. Virtuelle Ausstiegsbegleiter stehen bei Facebook f\u00fcr eine Beratung beziehungsweise den Abbau von Hemmnissen bei der Kontaktaufnahme zur Verf\u00fcgung. \u00dcber die Hauptseiten der Programme werden zudem regelm\u00e4\u00dfig aktuelle Informationen zur T\u00e4tigkeit von \"Spurwechsel\" und \"API\" sowie den Arbeitsbereich im Allgemeinen ver\u00f6ffentlicht. Beide Kampagnen richten sich zum einen an die origin\u00e4ren Zielgruppen der Programme und sollen diese zum Ausstieg motivieren; zum anderen sollen Facebook-Seite API - Aussteigerprogramm Islamismus Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 259 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","geeignete Multiplikatoren wie Polizei, Justizvollzugsanstalten, Moscheegemeinden oder Hilfesysteme, aber auch die Bev\u00f6lkerung erreicht und auf die durch den Verfassungsschutz NRW angebotenen Ausstiegshilfen aufmerksam gemacht werden. Frauen als Zielgruppe Bisher wurden schwerpunktm\u00e4\u00dfig m\u00e4nnliche Extremisten durch die Aussteigerprogramme des Verfassungsschutzes NRW betreut, obwohl sich das Angebot zu keinem Zeitpunkt nur an M\u00e4nner richtete. Auf die besondere Herausforderung, Frauen zu erreichen und zu einer Distanzierung von der jeweiligen extremistischen Szene zu bewegen, hat der Verfassungsschutz NRW mit der gezielten Einstellung weiblicher Ausstiegsbegleiterinnen sowie einer auf Frauen und M\u00e4dchen gerichteten Akzentuierung der Ansprache reagiert. Im Jahr 2016 wurde mit der Erarbeitung eines Konzepts zur zielgerichteten \"Ansprache und Begleitung\" extremistischer Frauen und M\u00e4dchen begonnen. Es geht beispielsweise auf die Besonderheiten des Geschlechterverst\u00e4ndnisses im Islamismus ein. Dieses Konzept wird in Abstimmung mit internen und externen Experten und Fachstellen entwickelt und in entsprechende Tagungen eingebracht. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die durch das Programm \"Spurwechsel\" ausgerichtete Veranstaltung zum Thema \"Frauen und M\u00e4dchen im Rechtsextremismus\" im Dezember 2016, an der Vertreterinnen und Vertreter ziviler und staatlicher Aussteigerprogramme teilnahmen. Spurwechsel - Aussteigerprogramm Rechtsextremismus Bis Ende 2016 haben insgesamt 167 Personen die rechtsextremistische Szene \u00fcber das Programm \"Spurwechsel\" dauerhaft verlassen. Wie in den Vorjahren wurden 2016 kontinuierlich zwischen 40 und 50 Personen aktiv begleitet. Die im Jahr 2015 durch Prof. Kurt M\u00f6ller, Sozialund Erziehungswissenschaftler an der Hochschule Esslingen, und Psychologin Prof. Beate K\u00fcpper von der Hochschule Niederrhein in M\u00f6nchengladbach vorgestellten Evaluationsergebnisse und die damit verbundenen Empfehlungen wurden im Jahr 2016 aufgegriffen. Im Rahmen einer wissenschaftlich begleiteten internen Projektgruppe wurden unter anderem die Dokumentation sowie einige Prozesse der Klientenbetreuung \u00fcberarbeitet. Die Social-Media-Nutzung sowie die besondere Ausrichtung der Programme auf Frauen und M\u00e4dchen sind ebenfalls Ausfluss der Arbeit der Projektgruppe. In 2017 wird das Programm methodisch weiterentwickelt. W\u00e4hrend \"Spurwechsel\" in der Vergangenheit prim\u00e4r auf Anfragen ausstiegswilliger Personen reagiert hat, werden nun zus\u00e4tzlich die 260 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Bem\u00fchungen verst\u00e4rkt, m\u00f6glicherweise ausstiegswillige Menschen eigeninitiativ anzusprechen. Da die Kontaktaufnahme zu einem Aussteigerprogramm oftmals eine nicht zu untersch\u00e4tzende innere H\u00fcrde darstellt, die bei einer beginnenden Distanzierung nicht von jedem gleicherma\u00dfen \u00fcberwunden wird, stellt das Mittel der aktiven Kontaktaufnahme durch \"Spurwechsel\" eine sinnvolle und wichtige Erweiterung der Arbeitsmethodik dar. Im Jahr 2016 haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Programms \"Spurwechsel\" wieder an diversen Fachtagungen und Fortbildungen teilgenommen, darunter unter anderem die Bundesarbeitstagung der staatlichen Ausstiegshilfen sowie verschiedene Veranstaltungen ziviler und staatlicher Programme im Rechtsextremismus. Im Jahr 2017 wird \"Spurwechsel\" zudem Tagungen und Fortbildungen im Bereich des polizeilichen Staatsschutzes sowie innerhalb der Justiz durchf\u00fchren. API - Aussteigerprogramm Islamismus Das seit 2014 bestehende Aussteigerprogramm Islamismus \"API\" richtet sich an stark radikalisierte und in die islamistische Szene fest eingebundene Personen. An das Programm k\u00f6nnen sich auch R\u00fcckkehrer aus Kriegsgebieten und wegen entsprechender politischer Straftaten verurteilte Inhaftierte wenden, wenn sie sich aus der Szene l\u00f6sen wollen. Bis Ende 2016 ist das \"API\" bei knapp 100 Personen aus diesem Spektrum t\u00e4tig geworden. Etwa 40 F\u00e4lle werden derzeit aktiv begleitet und rund 10 F\u00e4lle sind nach \u00dcberpr\u00fcfung durch das \"API\" in andere Hilfesysteme \u00fcberf\u00fchrt worden, beziehungsweise sie werden dorthin abgegeben. Die \u00fcbrigen F\u00e4lle sind bereits abgeschlossen, weil eine Deradikalisierung mit Hilfe des \"API\" z\u00fcgig erreicht wurde oder weil die Ausstiegsabsichten m\u00f6glicher Klienten nicht oder nicht ausreichend vorhanden waren, um eine Aufnahme in das Programm zu rechtfertigen. Das \"API\" hat von Beginn an eine aktive Fallakquise betrieben, viele Extremisten proaktiv kontaktiert und auf einen Ausstieg hingearbeitet. Dieses Vorgehen bringt naturgem\u00e4\u00df eine h\u00f6here \"Ausfallquote\" als eine prim\u00e4r reaktive Arbeitsweise mit sich. Wie im Bereich Rechtsextremismus dauert ein Deradikalisierungsprozess im Islamismus zwischen drei und f\u00fcnf Jahren. In einigen F\u00e4llen konnte das \"API\" bei aktuellen Klienten bereits eine nachhaltige und dauerhafte Distanzierung von der extremistischen Szene erreichen. Das Programm wird innerhalb der Szene zunehmend bekannter. Die Anzahl der eigeninitiativen Kontaktaufnahmen beispielsweise inhaftierter Extremisten steigt kontinuierlich an. Das \"API\" wird von der Zielgruppe folglich gut angenommen. Um diese Entwicklung weiter zu bef\u00f6rdern, werden im Jahr 2017 nicht nur die Werbung f\u00fcr das \"API\" verst\u00e4rkt, sondern auch diverse Veranstaltungen und Fortbildungen bei potentiellen Multiplikatoren durchgef\u00fchrt. So wird das \"API\" ebenfalls Tagungen, beispielsweise f\u00fcr den polizeilichen Staatsschutz und die Justiz, durchf\u00fchren. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 261 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Fachtagungen Die Erkenntnisse des nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutzes zum Extremismus und seine Expertise in der Pr\u00e4ventionsarbeit sind f\u00fcr das Fachpublikum bei themenbezogenen Tagungen und Kongressen regelm\u00e4\u00dfig von gro\u00dfem Interesse. Im Jahr 2016 hat der Verfassungsschutz selbst Veranstaltungen zu den Themen \"Gegenstrategien zu islamistischer Online-Propaganda\" und \"Salafismus im Jugendund Bildungsbereich\" durchgef\u00fchrt. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes nehmen daneben aber auch an zahlreichen Vortr\u00e4gen und Workshops anderer Fachtagungen teil. Eine sehr gute Gelegenheit zum Austausch und zur Vernetzung bietet zudem die Teilnahme als Aussteller beim Deutschen Pr\u00e4ventionstag, der 2016 in Magdeburg zu Gast war. Symposium \"#salafismus - Gemeinsam gegen salafistische Internet-Propaganda\" Das Internet und insbesondere soziale Medien haben als Raum der Ansprache, Rekrutierung und Verbreitung von Propaganda durch extremistische Salafisten in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Mit jugendaffinen und lebensweltnahen Inhalten werden potenzielle Anh\u00e4nger und Unterst\u00fctzer umworben. Die Bandbreite der Inhalte reicht von eindeutig als jihadistisch erkennbarer Propaganda bis zu niedrigschwelligen Angeboten, die bewusst emotionalisieren wollen, dabei jedoch den extremistischen Charakter verschleiern. Das Symposium \"#salafismus - Gemeinsam gegen salafistische Internet-Propaganda\" am 16. April in Berlin hat eine Plattform zur Er\u00f6rterung von Inhalten, Methoden und m\u00f6glichen pr\u00e4ventiven Handlungsstrategien geboten. Neben dem Ministerium des Innern Nordrhein-Westfalen, Abteilung Verfassungsschutz, war die Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund an der Organisation und Ausrichtung der Veranstaltung beteiligt. Ziele des Symposiums waren die Betrachtung des Themas islamistische Internet-Propaganda aus unterschiedlichen fachlichen Blickwinkeln sowie das Setzen von Impulsen f\u00fcr den Aufbau konkreter Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen. Sicherheitsbeh\u00f6rden, die Online-Community, Wissenschaft, P\u00e4dagogik und Pr\u00e4vention haben dabei ihre Expertise unter anderem in kurzen Vortr\u00e4gen eingebracht. Die folgenden Workshops besch\u00e4ftigten sich mit der Wahrnehmung islamistischer Propaganda durch die Online-Community, mit Gegenma\u00dfnahmen und Pr\u00e4ventionsans\u00e4tzen sowie mit 262 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","LV-Bund NRW LV-Bund NRW LV-Bund NRW Symposium \"#salafismus - Gemeinsam gegen salafistische Internet-Propaganda\" am 16. April 2016 in der Landesvertretung NRW in Berlin Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 263 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","M\u00f6glichkeiten einer zielgerichteten Vernetzung und Zusammenarbeit wesentlicher Akteure. Die Teilnehmenden waren aufgerufen, konkrete Ideen in der Auseinandersetzung mit der InternetPropaganda zu entwickeln. Ein vielversprechendes Ergebnis war beispielsweise der Vorschlag zur St\u00e4rkung von \"Role Models\" als Alternative und Gegengewicht zu charismatischen Predigern der islamistischen Szene, deren Kan\u00e4le und Auftritte in den sozialen Medien zum Teil sehr h\u00e4ufig aufgerufen werden. Herausforderung extremistischer Salafismus - Angebote f\u00fcr Schule und Jugendarbeit Der extremistische Salafismus stellt Lehrkr\u00e4fte an Schulen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendarbeit zunehmend vor neue und schwierige Herausforderungen: Wie kann man Jugendliche erreichen, mit ihnen ins Gespr\u00e4ch kommen, sie sensibilisieren und sch\u00fctzen? Die vier Unterrichtsmodule des Angebots \"Herausforderung extremistischer Salafismus - Angebote f\u00fcr Schule und Jugendarbeit\" werden gut angenommen und sto\u00dfen auf positive Resonanz. 264 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Das Ministerium des Innern hat in Zusammenarbeit mit dem Schulministerium mehrere Angebote zusammengestellt, die im Unterricht oder bei der Arbeit mit jungen Menschen genutzt werden k\u00f6nnen und dabei helfen sollen, Jugendliche \u00fcber die Gefahren des extremistischen Salafismus aufzukl\u00e4ren. Es stehen vier Unterrichtsmodule zur kreativen und k\u00fcnstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Salafismus zur Auswahl: Das Theaterst\u00fcck \"Dschihad One-Way\" des Jungen Theaters Hof, eine Lesung des Buches \"Kadir, der Krieg und die Katze des Propheten\" von Benno K\u00f6pfer und Peter Mathews, eine Lesung des Romans \"Dschihad Calling\" von Christian Linker sowie ein Comic-Workshop mit dem Cartoonisten und Comic-Zeichner Peter Schaaff, der zum Thema Extremismus und Salafismus fachlich von Sinem Aslan, Expertin f\u00fcr Kinderund Jugendarbeit, begleitet wird. Lehrerinnen und Lehrer, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter sowie p\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte in der Jugendarbeit k\u00f6nnen diese f\u00fcr sie kostenfreien Module sowie zus\u00e4tzliches Lehrmaterial \u00fcber die Webseite www.im.nrw.de/salafismus-praevention anfordern. Sie lassen sich modular f\u00fcr den Unterricht oder beispielsweise in Projekten mit jungen Menschen nutzen. Bei einer Informationsveranstaltung f\u00fcr Schulen am 5. Dezember 2016 im Innenministerium wurden die Angebote erstmals vorgestellt. Die vom ersten Tag an sehr hohe Nachfrage best\u00e4tigt den gro\u00dfen Bedarf an entsprechender Unterst\u00fctzung insbesondere an Schulen. Restkontingente sind im Jahr 2017 weiterhin buchbar. 21. Deutscher Pr\u00e4ventionstag in Magdeburg Im Jahr 2016 war der Verfassungsschutz NRW ebenfalls mit einem eigenen Stand beim Deutschen Pr\u00e4ventionstag in Magdeburg vertreten, dem gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Fachkongress zum Themenfeld Pr\u00e4vention. Die zahlreichen innovativen Pr\u00e4ventionsangebote und -programme des Verfassungsschutzes im Bereich der prim\u00e4ren, sekund\u00e4ren und terti\u00e4ren Pr\u00e4vention wurden einem nationalen und internationalen Fachpublikum vorgestellt. Das hohe Interesse der Kongressbesucher an den nordrheinwestf\u00e4lischen Angeboten zeigte sich in einer Vielzahl von Fachgespr\u00e4chen und der gro\u00dfen Nachfrage nach Informationen. Es wurden konkrete Einzelf\u00e4lle in Hilfsund Beratungsangebote vermittelt und mit Praxis und Wissenschaft intensiv \u00fcber zuk\u00fcnftige Herausforderungen der Pr\u00e4ventionsarbeit beraten. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 265 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","VIR - Ver\u00e4nderungsimpulse setzen bei rechtsorientierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Trainerinnenund Trainer-Ausbildungen in Braunschweig und Marienheide sowie das erste Reflexionsund Vernetzungstreffen f\u00fcr alle ausgebildeten Trainerinnen und Trainer standen 2016 im Mittelpunkt der Aktivit\u00e4ten des VIR-Projekts. VIR ist die Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Ver\u00e4nderungsImpulse setzen bei Rechtsorientierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen\". Dieses Fortbildungskonzept haben Mitarbeiter des Aussteigerprogramms f\u00fcr Rechtsextremisten 2014 angesto\u00dfen und gemeinsam mit Partnerorganisationen entwickelt. Es richtet sich an Personen, die beruflich oder ehrenamtlich mit rechtsorientierten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen im Kontakt sind - also mit jungen Menschen, die sich der rechtsextremistischen Szene ann\u00e4hern, aber noch nicht fest in ihr verankert sind. Positive Resonanz der Ausbildungen 2016 Die Trainerinnenund Trainer-Ausbildungen vom 26. bis 29. Januar 2016 in Braunschweig und vom 27. bis zum 30. September 2016 in Marienheide haben weitere p\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte in die Lage versetzt, VIR-Fortbildungen in Zweierteams selbst durchzuf\u00fchren. Ausrichter der ersten Veranstaltung war der \"Nordverbund Ausstieg Rechts\", ein Netzwerk zivilgesellschaftlicher Aussteigerprogramme in den norddeutschen Bundesl\u00e4ndern. Er hatte den Steuerungskreis des VIR-Projekts eingeladen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Programme zu VIR-Trainerinnen und Trainern fortzubilden. Breiter gef\u00e4chert war der Kreis der Teilnehmenden an der offen ausgeschriebenen Ausbildung in Marienheide, darunter Fachkr\u00e4fte aus den Sozialdiensten der Justiz, aus Jugendzentren oder Pr\u00e4ventionsprogrammen zum Thema Rechtsextremismus. Inzwischen 266 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","stehen rund 70 ausgebildete VIR-Trainerinnen und -Trainer im Rheinland und in Westfalen sowie in sieben weiteren Bundesl\u00e4ndern zur Verf\u00fcgung. Die Ausbildungen fanden erneut eine sehr positive Resonanz und erreichten ihr wichtigstes Ziel: In der anonymen Abschlussbefragung stimmten fast alle Teilnehmenden der Aussage zu, sie seien nun \"inhaltlich fit\", um Ansatz und Methoden von VIR weiterzuvermitteln. Die Ausbildungen sind \u00fcber drei Jahre erprobt und bew\u00e4hrt. Auf der Basis der R\u00fcckmeldungen er\u00f6rtert der Steuerungskreis regelm\u00e4\u00dfig, welche \u00c4nderungen sinnvoll sind. Dies geschieht auch mit Blick auf die n\u00e4chste Trainerinnenund Trainer-Ausbildung, die vom 25. bis 28. September 2017 in Bielefeld stattfinden wird. Erstes Reflexionsund Vernetzungstreffen in Dortmund Das erste Reflexionsund Vernetzungstreffen am 1. Dezember 2016 in Dortmund gab allen VIR-Trainerinnen und -Trainer Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen. Diejenigen, die bereits eigene VIR-Fortbildungen durchgef\u00fchrt hatten, zogen eine positive Bilanz: Es zeigte sich, dass Handlungssicherheit im Umgang mit rechtsorientierten jungen Menschen durch die im VIRProjekt vermittelte Haltung und entsprechende Methoden gest\u00e4rkt wurde. Als wichtige Hilfen erwiesen sich die Materialquellen, die das Projekt den Trainerinnen und Trainern an die Hand gibt. Dies sind ein Manual mit genauen thematischen und methodischen Informationen zu den Bausteinen einer VIR-Fortbildung sowie der passwortgesch\u00fctzte Bereich der Projekt-Website f\u00fcr Trainerinnen und Trainer. VIR-Konzept der Fach\u00f6ffentlichkeit n\u00e4her vorgestellt Mit weiteren Ma\u00dfnahmen ging es darum, das Konzept in Fachkreisen genauer vorzustellen. So erschien ein Beitrag zum VIR-Projekt in \"Jugendhilfe-aktuell\", der Fachzeitschrift des LWLLandesjugendamts Westfalen. Zudem wurde es am 17. November 2016 auf der Jahrestagung Jugendf\u00f6rderung des LWL-Landesjugendamts in zwei Workshops und am 30. M\u00e4rz 2017 in einer Projektpr\u00e4sentation auf dem Deutschen Kinderund Jugendhilfetag in D\u00fcsseldorf erl\u00e4utert. Zusammenarbeit staatlicher und zivilgesellschaftlicher Stellen Im VIR-Projekt arbeiten staatliche und zivilgesellschaftliche Stellen eng zusammen: Es wird gemeinsam getragen vom Arbeitskreis der Ruhrgebietsst\u00e4dte gegen rechtsextreme Tendenzen bei Jugendlichen (ak-Ruhr), der Katholischen Landesarbeitsgemeinschaft Kinderund Jugendschutz NW e.V. und dem Verfassungsschutz NRW (Aussteigerprogramm \"Spurwechsel\"). VIR wird fachlich begleitet durch das LWL-Landesjugendamt Westfalen. Auch die ginko Stiftung f\u00fcr Pr\u00e4vention in M\u00fclheim/Ruhr, an deren Fortbildungskonzept MOVE (Motivierende Kurzintervention) Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 267 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Von Ambivalenzen erkennen bis Ziele kl\u00e4ren: VIR-Fortbildungen bestehen aus zehn thematischen Bausteinen 268 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","sich VIR anlehnt, hat das Projekt unterst\u00fctzt. VIR-Fortbildungen \\ Informationen zum Projekt umfassen zehn Bausteine, insWeitere Informationen zum VIR-Projekt und Konbesondere Module zur motivietaktm\u00f6glichkeiten zu Trainerinnen und Trainern renden Gespr\u00e4chsf\u00fchrung und sind unter www.vir.nrw.de abrufbar. Grundwissen zum Thema Rechtsextremismus. Das Ziel ist, Impulse in Alltagssituationen zu geben, die zur Ver\u00e4nderung motivieren und diesen Prozess unterst\u00fctzen. Es geht um Zielgruppen, die skeptisch sind, ob sie ihr Verhalten \u00e4ndern m\u00f6chten. Intensive Beratungsprozesse sind daher zun\u00e4chst aussichtlos. VIR setzt auf Kurzinterventionen; dies sind \"T\u00fcr und Angel\"-Gespr\u00e4che oder Kurzberatungen von zehn bis 60 Minuten. Typische Situationen sind Pausengespr\u00e4che in der Schule, Gespr\u00e4che im Jugendzentrum oder zwischen Strafgefangenen und Besch\u00e4ftigten in einer JVA. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 269 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Vortr\u00e4ge und Fortbildungen Mit Vortr\u00e4gen und Fortbildungen sensibilisiert der Verfassungsschutz NRW f\u00fcr Gefahren des Extremismus. Er informiert \u00fcber Strategien, Erscheinungsformen und Ideologien der jeweiligen Szenen. Diese Aufkl\u00e4rungsarbeit ist in Nordrhein-Westfalen gesetzlicher Auftrag des Verfassungsschutzes. Die Beh\u00f6rde erh\u00e4lt regelm\u00e4\u00dfig Anfragen beispielsweise von Schulen sowie von Ausund Fortbildungseinrichtungen der Polizei, Justiz und f\u00fcr p\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte. Gro\u00dfes Interesse besteht zudem bei politischen Stiftungen, Volkshochschulen, hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kr\u00e4ften in Fl\u00fcchtlingseinrichtungen und Einrichtungen aus dem wissenschaftlichen Raum. Der Verfassungsschutz NRW hat im Jahr 2016 mehr als 330 Vortr\u00e4ge und Fortbildungen zu den Erscheinungsformen des politischen Extremismus durchgef\u00fchrt. Hinzu kommen mehr als 52 Veranstaltungen im Bereich des Wirtschaftsschutzes und der Spionageabwehr (siehe Kapitel Spionageabwehr und Wirtschaftsschutz). Schwerpunkte Rechtsextremismus und Islamismus Die Zahl der Aufkl\u00e4rungsund Sensibilisierungsveranstaltungen zu Aspekten des politischen Extremismus ist gegen\u00fcber dem Vorjahr deutlich gestiegen (2015: rund 170). Im Jahr 2016 hat der Verfassungsschutz NRW mit Vortr\u00e4gen und Fortbildungen zum Extremismus 14.650 Menschen landesweit informiert. Die weitaus meisten Veranstaltungen nahmen den Rechtsextremismus oder den Islamismus, teilweise auch beide Bereiche gleichzeitig, in den Blick. Wie in den Vorjahren richteten sich Vortr\u00e4ge und Fortbildungen \u00fcberwiegend an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, sie fanden aber auch im Rahmen von Unterrichtsreihen oder Projekttagen f\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler statt. Der Verfassungsschutz NRW ist in der Regel nicht selbst Veranstalter, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligen sich vielmehr auf Einladung staatlicher und zivilgesellschaftlicher Bildungstr\u00e4ger. Langj\u00e4hrig bew\u00e4hrt sind beispielsweise Kooperationsveranstaltungen mit der Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung. 2016 fanden weiterhin die Pr\u00e4ventionstage \"F\u00fcr Demokratie - gegen Rechtsextremismus\" f\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ab der 9. Klasse statt, die die Landeszentrale in Kooperation mit dem Verfassungsschutz NRW und Schulministerium NRW veranstaltet. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes unterst\u00fctzten zudem die Informationsreihe \"Vielf\u00e4ltiger Islam und gewaltbereiter Salafismus\" f\u00fcr p\u00e4dagogische Fachkr\u00e4fte, eine Kooperationsveranstaltung der Landeszentrale mit dem Innen-, dem Schulund dem Integrationsministerium in Nordrhein-Westfalen. 270 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Zum Thema Rechtsextremismus fanden 178 Vortr\u00e4ge und Fortbildungen mit etwa 6.000 Teilnehmenden statt. Die Veranstaltungen nehmen aktuelle Entwicklungen dieser Szene in den Blick. Ebenfalls Thema ist die Hetze gegen gefl\u00fcchtete Menschen, die derzeit das wichtigste Propagandathema im Rechtsextremismus ist. Sie nimmt an Aggressivit\u00e4t weiter zu und bildet auch einen N\u00e4hrboden f\u00fcr Gewalt. Die Veranstaltungen zeigen, wie Rechtsextremisten in Wort und Bild sowie insbesondere online in den sozialen Netzwerken Ablehnung sch\u00fcren, systematisch Feindbilder aufbauen und Fakten verdrehen. Spezielle Aufkl\u00e4rungsveranstaltungen zu diesem Thema fanden 2016 in Bochum, Mettmann und Wuppertal statt. Einen Schwerpunkt in der Aufkl\u00e4rungsarbeit des Verfassungsschutzes NRW bilden seit Jahren Aspekte, die als \"Erlebniswelt Rechtsextremismus\" zusammengefasst werden k\u00f6nnen. Gemeint sind alle Formen, mit denen sich Rechtsextremisten gezielt an Jugendliche wenden: Angebote im modernen Gewand, die mit Gemeinschaft, Action, Tabubruch und vermeintlicher Anerkennung verbunden sind, oft mit Aktivit\u00e4ten an der Grenze oder jenseits der Legalit\u00e4t. Diese Erlebniswelt kann auf Jugendliche Reize ausstrahlen. Aufkl\u00e4rung verfolgt das Ziel, den menschenverachtenden Charakter zu enttarnen. M\u00f6glichkeiten zur Vertiefung des Themas durch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren bietet die vom Verfassungsschutz NRW gemeinsam mit jugendschutz.net ver\u00f6ffentlichte Publikation \"Erlebniswelt Rechtsextremismus\" (siehe Abschnitt: Ver\u00f6ffentlichungen). Aussteigergespr\u00e4che zeigen Lebenswege, Motive und Gefahren Die Erlebniswelt stand beispielsweise im Mittelpunkt der Fortbildungstagung \"Extremistische Bewegungen: Aktuelle Gef\u00e4hrdungen f\u00fcr unsere Demokratie?\", die am 4. Oktober 2016 in D\u00fcsseldorf in Kooperation mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen der Deutschen Vereinigung f\u00fcr politische Bildung stattfand. Zu den zentralen Elementen der Tagung z\u00e4hlte das Gespr\u00e4ch mit drei Aussteigern aus dem Rechtsextremismus, dem extremistischen Salafismus und dem t\u00fcrkischen rechtsextremistischen Spektrum (\"Graue W\u00f6lfe\"). Ein Gespr\u00e4ch mit drei Aussteigern aus dem Rechtsextremismus und dem extremistischen Salafismus fand auf dem Studientag mit dem Titel \"Sensibilisierung der Lehramtsanw\u00e4rterinnen und Lehramtsanw\u00e4rter f\u00fcr den Umgang mit (Rechts-)Extremismus in Schule und Unterricht\" statt, den der Verfassungsschutz NRW am 26. September 2016 zum f\u00fcnften Mal gemeinsam mit dem Zentrum f\u00fcr schulpraktische Lehrerausbildung in Hamm veranstaltet hat. Teilgenommen haben rund 170 Referendarinnen und Referendare aller Fachrichtungen. Gespr\u00e4che mit Aussteigern waren Bestandteil von \u00fcber 40 Aufkl\u00e4rungsveranstaltungen im Jahr 2016. Sie gaben einen sehr direkten Einblick in Lebenswege und Motive, die zur Ann\u00e4herung an den Extremismus gef\u00fchrt haben, aber auch in die Gefahren, die von diesen Szenen ausgehen. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 271 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Mit mehr als 330 Vortr\u00e4gen und Fortbildungen hat der Verfassungsschutz NRW im Jahr 2016 14.650 Menschen informiert Hohe Nachfrage zu Salafismus und Pr\u00e4vention Im Jahr 2016 wurde bei 144 Veranstaltungen zum Themenfeld Islamismus aufgekl\u00e4rt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes informierten darin \u00fcber Zahlen, Ideologie, Propagandaaktivit\u00e4ten und Netzwerke extremistischer Salafisten. Es wurden zudem Radikalisierungsgr\u00fcnde und kennzeichen beleuchtet. 272 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Der Verfassungsschutz wirkt diesen zunehmenden Herausforderungen durch islamistische Agitationen und Bedrohungen mit einer Strategie der Pr\u00e4vention auf allen Ebenen entgegen. Stark nachgefragt waren Informationen zum Programm \"Wegweiser - gemeinsam gegen gewaltbereiten Salafismus\", zum \"Aussteigerprogramm Islamismus\" sowie zu konkreten Beratungsund Interventionsm\u00f6glichkeiten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes berieten in Einzelf\u00e4llen und vermittelten Hilfen vor Ort. Die Vortr\u00e4ge wurden von Multiplikatoren, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus zivilgesellschaftlichen ebenso wie staatlichen Strukturen, sowie interessierten B\u00fcrgern sehr stark nachgefragt. Sie wurden gezielt unter anderem f\u00fcr Besch\u00e4ftigte in Justizvollzugsanstalten, politischen Institutionen und Gremien, Beh\u00f6rden, zivilgesellschaftlichen und staatlichen Beratungsstellen und Stiftungen angeboten. Ein besonders hoher Informationsbedarf bestand im Bereich Schule. Das hinsichtlich Fachlichkeit und Alter breit gef\u00e4cherte Teilnehmerspektrum spiegelt den gesamtgesellschaftlichen Ansatz der Pr\u00e4ventionsarbeit des Verfassungsschutzes wider. Hinter diesem Ansatz steht die Erkenntnis, dass jeder Form von Extremismus nur erfolgreich begegnet werden kann, wenn eine breit aufgekl\u00e4rte \u00d6ffentlichkeit dies aus der demokratischen Gesellschaft heraus betreibt. Sensibilisierung im Umfeld von Fl\u00fcchtlingseinrichtungen Wie im Vorjahr hat der Verfassungsschutz NRW 2016 spezielle Sensibilisierungsund Aufkl\u00e4rungsveranstaltungen f\u00fcr Betreiber von Fl\u00fcchtlingseinrichtungen, deren Besch\u00e4ftigte sowie ehrenamtliche Helferinnen und Helfer durchgef\u00fchrt. Bei den Vortr\u00e4gen wurde der extremistische Salafismus genau in den Blick genommen und das Pr\u00e4ventionsprogramm \"Wegweiser\" sowie das \"Aussteigerprogramm Islamismus\" vorgestellt. Seit Ende 2015 bis 2016 wurden diese Themen insgesamt \u00fcber 2.500 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die mit und f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen arbeiten, in allen Regierungsbezirken vermittelt. In rund 30 Sensibilisierungsma\u00dfnahmen im Jahr 2016 wurden zus\u00e4tzlich Beh\u00f6rden wie Jugend\u00e4mter, Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden, Schulen sowie Polizeiund Sozialbeh\u00f6rden informiert. Personen, die mit gefl\u00fcchteten Menschen intensiv in Kontakt stehen, wurden durch diese Veranstaltungen in die Lage versetzt, besonders auff\u00e4lliges Verhalten oder Ver\u00e4nderungen von Personen, die auf eine m\u00f6gliche Radikalisierung schlie\u00dfen lassen, besser einordnen und bewerten zu k\u00f6nnen. Mit diesem R\u00fcstzeug lassen sich einschl\u00e4gige, salafistische Anwerbeversuche schneller erkennen und Ma\u00dfnahmen wie Zutrittsverbote fr\u00fchzeitig ergreifen. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 273 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Ver\u00f6ffentlichungen Aufkl\u00e4rung leistet einen wesentlichen Beitrag zum Schutz der Verfassung. Als Plattformen dienen dem nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutz dabei verschiedene zum Teil themenbezogene Websites, bei den Aussteigerprogrammen neuerdings aber auch Angebote in sozialen Netzwerken. Im Berichtsjahr 2016 wurden zudem Brosch\u00fcren und anderen Ver\u00f6ffentlichungen mit Informationen und Analysen \u00fcber politischen Extremismus zur Verf\u00fcgung gestellt. Informationsmaterialien wie Plakate, Faltbl\u00e4tter und Visitenkarten runden das Portfolio ab. Sie weisen beispielsweise auf Kontaktm\u00f6glichkeiten zu den Aussteigerprogrammen und zum Pr\u00e4ventionsprogramm Wegweiser hin. Interessierte erhalten sie unter anderem bei Vortragsveranstaltungen oder bei Online-Bestellung. Sammelband und Online-Angebote \"Erlebniswelt Rechtsextremismus\" \u00c4u\u00dferlich hat sich der Rechtsextremismus von Grund auf ver\u00e4ndert: Rassismus und Gewalt sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar; die Szene strahlt Coolness, Modernit\u00e4t und Unangepasstheit aus. Sie nutzt neue Formen f\u00fcr ein neues Image: zeitgem\u00e4\u00df und dynamisch, teils subversiv und provokant. Ein Schaufenster f\u00fcr die moderne Pr\u00e4sentation des Rechtsextremismus ist das Internet, vor allem das Social Web. Zudem spielt Musik eine zentrale Rolle. Dies zeigt sich bei Konzerten, Festivals, \"Schulhof-CDs\" und Musikvideos im Netz. Unter dem Titel \"Erlebniswelt Rechtsextremismus\" nehmen mehr als 30 Autorinnen und Autoren aus Schule und au\u00dferschulischer Jugendarbeit, Wissenschaft, Jugendmedienschutz und Verfassungsschutz NRW die Mittel und Strategien in den Blick, mit denen sich Rechtsextremisten gezielt an junge Menschen wenden. Der Sammelband verbindet Analyse mit Impulsen: 19 Projektskizzen liefern Methoden und Ans\u00e4tze aus der Praxis, um mit Jugendlichen den kritischen Blick auf den Rechtsextremismus zu sch\u00e4rfen. Ein Online-Angebot, das den Leserinnen und Lesern zur Verf\u00fcgung steht, enth\u00e4lt vertiefendes Material zu jedem Beitrag, darunter Aufs\u00e4tze, Pr\u00e4sentationen und Arbeitsbl\u00e4tter. Die Publikation wird von jugendschutz.net und Verfassungsschutz NRW seit zehn Jahren gemeinsam ver\u00f6ffentlicht. 2016 wurde sie erneut eingehend \u00fcberarbeitet und erscheint im August 2017 in f\u00fcnfter Auflage. Die vorausgegangenen Ausgaben hatten in Fachkreisen ein sehr positives Echo gefunden. So sprach das Internetportal \"Mut gegen rechte Gewalt\" von einem \"Praxisbuch durch und durch. Besonders f\u00fcr Menschen, die in der (au\u00dfer)schulischen Bildungsarbeit t\u00e4tig sind, kann die Lekt\u00fcre nur empfohlen werden.\" 274 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","P\u00e4dagogische Handreichung zu Wegweiser Seit Ende 2016 erarbeitete das Pr\u00e4ventionsreferat beim Verfassungsschutz NRW in Abstimmung mit den Anlaufstellen des Programms Wegweiser und weiteren Experten eine p\u00e4dagogische Handreichung zur Arbeit von Wegweiser. Die Handreichung zum Themenfeld Islamismus und Pr\u00e4vention wird im Laufe des Jahres 2017 erscheinen und erl\u00e4utert Konzept und Methoden der Wegweiser-Beratung: Welche Anliegen bringen Ratsuchende mit? Welche Konfliktlagen k\u00f6nnen zu einer Ann\u00e4herung von Jugendlichen an die salafistische Szene f\u00fchren? Wie arbeiten die Wegweiser-Stellen gemeinsam mit dem Jugendlichen und weiteren Akteuren solche Konflikte auf und schaffen neue Perspektiven? Die Handreichung nimmt die konkrete Beratungsarbeit in den Blick, zeigt Qualit\u00e4tsstandards von Wegweiser auf und liefert Hintergrundinformationen zum Salafismus und zur Radikalisierungspr\u00e4vention. Sie richtet sich an alle, die an der WegweiserBeratungsarbeit interessiert sind, insbesondere aus den Bereichen Schule, Jugendhilfe, Soziales und Pr\u00e4vention. Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme 275 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Aufs\u00e4tze in Fachpublikationen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes NRW bringen ihre Analysen regelm\u00e4\u00dfig in B\u00fccher und Zeitschriften im wissenschaftlichen Raum ein und tragen auf diese Weise zu einem Dialog von Verfassungsschutz und akademischer Forschung bei. Warum wechseln Neonazis, die die parlamentarische Demokratie ablehnen, in rechtsextremistische Parteien, und welche Folgen hat dies f\u00fcr die Parteien? Die Analyse arbeitet heraus, dass diese \"Flucht\" in Parteien eine Organisationsstrategie der Neonazi-Szene darstellt, um durch die Ausnutzung des Parteienprivilegs staatliche Repressionsma\u00dfnahmen zu erschweren. Der Aufsatz ist erschienen in der Publikation \"Etablierungschancen neuer Parteien\" (herausgegeben von Martin Morlok, Thomas Poguntke und Gregor Zons). In einem weiteren Beitrag werden die ideologische Bedeutung und das empirische Ausma\u00df von B\u00fcrgerbegehren und B\u00fcrgerentscheiden auf kommunaler Ebene f\u00fcr rechtsextremistische Akteure untersucht. Strategische \u00dcberlegungen von Rechtsextremisten zeigen, dass solche Verfahren als passendes Instrument verstanden werden, um die liberale Demokratie zu delegitimieren. Die empirische Auswertung von 6.000 Vorlagen auf kommunaler Ebene ergibt jedoch, dass rechtsextremistisch motivierte Verfahren nur sehr selten durchgef\u00fchrt werden. Die Analyse wurde im \"Jahrbuch f\u00fcr Extremismusund Terrorismusforschung 2015/2016\" (herausgegeben von Armin Pfahl-Traughber) ver\u00f6ffentlicht. Funktionen, Bedeutung und Entwicklung der rechtsextremistischen Publizistik stehen im Fokus eines Aufsatzes f\u00fcr das Online-Dossier \"Rechtsextremismus\" der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung. Aus Sicht des Autors sind die eigenen Medien dieser Szene ihr \"informationelles Kapillarsystem\": Sie transportieren ideologische Elemente, aktuelle Kampagnenthemen und Begriffe in die vielf\u00e4ltigen Ver\u00e4stelungen der rechtsextremistischen Netzwerke. Das gilt f\u00fcr Zeitungen, Zeitschriften und B\u00fccher, inzwischen aber vor allem f\u00fcr rechtsextremistische Internetangebote. 276 Pr\u00e4vention, AussteigerProgrAmme Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","\u00dcber den Verfassungsschutz \u00dcber den Verfassungsschutz 277 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Verfassungsschutz ist nach dem Grundgesetz eine Aufgabe der L\u00e4nder und des Bundes. Nordrhein-Westfalen verf\u00fcgt deshalb wie alle L\u00e4nder der Bundesrepublik Deutschland \u00fcber eine eigene Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. Das Ministerium des Innern ist Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. Die f\u00fcr den Verfassungsschutz zust\u00e4ndige Abteilung nimmt ihre Aufgaben gesondert von der Polizeiorganisation wahr. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der einzelnen Bundesl\u00e4nder sind gesetzlich dazu verpflichtet, untereinander und mit dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zu kooperieren. Dabei \u00fcbernimmt das Bundesamt die Aufgaben einer Zentralstelle auf Bundesebene. Mit Blick auf die weiterhin angespannte Gef\u00e4hrdungslage in der Bundesrepublik Deutschland und im Land Nordrhein-Westfalen hat die Landesregierung beschlossen, den Verfassungsschutz weiter personell zu verst\u00e4rken. Dementsprechend wurde der Verfassungsschutz im Jahr 2016 um 37 zus\u00e4tzliche Stellen verst\u00e4rkt, so dass f\u00fcr die Abteilung insgesamt 425 Stellen zur Verf\u00fcgung standen. Erg\u00e4nzend dazu wurden die Sachund Investitionsmittel auf 5,77 Millionen Euro erh\u00f6ht. Aufgaben Der Verfassungsschutz hat die Aufgabe, bereits im Vorfeld von konkreten Gef\u00e4hrdungslagen Informationen zu extremistischen Bestrebungen oder Organisationen zu beschaffen, zu sammeln und auszuwerten. Dazu geh\u00f6ren Aktivit\u00e4ten, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder darauf abzielen, die Amtsf\u00fchrung von Verfassungsorganen des Bundes oder eines Landes ungesetzlich zu beeinflussen. Des Weiteren betrifft dies Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung oder das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind oder die sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht darstellen. Dabei verfolgt der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz mit den zur Verf\u00fcgung stehenden rechtsstaatlichen Mitteln eine Dreifachstrategie aus Repression, Pr\u00e4vention und Ausstiegshilfe. Es ist seine Aufgabe, fr\u00fchzeitig problematische Entwicklungen zu erkennen und Politik und Gesellschaft zu informieren und zu sensibilisieren. Da eine effektive Bek\u00e4mpfung von Extremismus neben den konkreten Aufgaben von Sicherheitsbeh\u00f6rden auf gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen basiert, geht der Verfassungsschutz in die Gesellschaft hinein, kl\u00e4rt auf und bietet alle beteiligten Akteuren eine Zusammenarbeit an. Dabei liegen die aktuellen Schwerpunkte der nordrhein-westf\u00e4lischen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde weiterhin in der Aufkl\u00e4rung und Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus und des gewaltbereiten extremistischen Salafismus. Aufkl\u00e4rungsund Sensibilisierungsarbeit sowie Pr\u00e4ventionsund Aussteigerprogramme verhindern dabei den Einstieg in die jeweilige extremistische Szene beziehungsweise erm\u00f6glichen die Losl\u00f6sung darin eingebundener Personen. 278 \u00dcber den Verfassungsschutz Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Kontrolle des Verfassungsschutzes Die Aufgaben und Befugnisse der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sind im Verfassungsschutzgesetz (VSG NRW) definiert. Zugleich ist dort geregelt, durch wen und wie ihr Handeln kontrolliert wird, denn eine rechtliche und politische Kontrolle von Verwaltung sind konstitutive Merkmale des Rechtsstaates. Dies gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den Verfassungsschutz. Da die Angelegenheiten des Verfassungsschutzes aufgrund ihrer besonderen Geheimhaltungsbed\u00fcrftigkeit in der Regel nicht \u00f6ffentlich im Parlament oder seinen Aussch\u00fcssen beraten werden k\u00f6nnen, existieren f\u00fcr die Kontrolle besondere Stellen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Parlamentarische Kontrollgremium (PKG). Der Landtag Nordrhein-Westfalen bestimmt zu Beginn jeder Wahlperiode die Anzahl der Mitglieder des PKG und w\u00e4hlt diese aus seiner Mitte. Das PKG \u00fcberwacht umfassend die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschutzes. \\ Parlament \\ Genehmigungs- \\ \u00d6ffentlichkeit vorbehalte > Parlamentarisches > Zustimmung durch > Auskunftsersuchen Kontrollgremium Minister > Benachrichtigungen > Berichtspflichten > Zustimmung durch gegen\u00fcber Kabinett und unabh\u00e4ngige G10- > Gerichte Landtag Kommission > Presse, Medien > Petitionen > Kontrolle durch Datenschutzbeauftragte Kontrolle des Verfassungsschutzes Verarbeitung personenbezogener Daten Zur Erf\u00fcllung der \u00fcbertragenen Aufgaben d\u00fcrfen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unter bestimmten gesetzlichen Voraussetzungen personenbezogene Daten erheben und verarbeiten. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde Nordrhein-Westfalens nutzt dazu eigene Dateien sowie das \"Nachrichtendienstliche Informationssystem und Wissensnetz\" (NADIS WN), auf das die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der L\u00e4nder und des Bundes gemeinsam Zugriff haben. Erfasst werden Daten zu Personen, \u00fcber die Erkenntnisse im Zusammenhang mit politischem Extremismus vorliegen. Getrennt davon werden Daten gespeichert zu Personen, die wegen \u00dcber den Verfassungsschutz 279 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","","ihres Umgangs mit Verschlusssachen oder ihrer T\u00e4tigkeit in einem sicherheitsempfindlichen Bereich einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung unterliegen. Die Durchf\u00fchrung solcher \u00dcberpr\u00fcfungen erfolgt mit Zustimmung der Betroffenen und macht rund 90% aller NADIS-Eintr\u00e4ge aus NRW aus. Neufassung des Verfassungsschutzgesetzes Im Jahr 2016 wurden notwendige Anpassungen bei den Speicher-, \u00dcbermittlungsund Eingriffsbefugnissen im Verfassungsschutzgesetz Nordrhein-Westfalen vorgenommen. Die Gesetzesnovelle umfasste die Absenkung der Altersgrenze f\u00fcr die Speicherung personenbezogener Daten Minderj\u00e4hriger von 16 auf 14 Jahre, die Voraussetzungen f\u00fcr die Speicherung personenbezogener Daten von Abgeordneten und die Erm\u00f6glichung der Speicherung von Belegdokumenten, die auch Daten unbeteiligter Dritter enthalten k\u00f6nnen. Zudem wurden die Vorschriften f\u00fcr die \u00dcbermittlung von Daten des Verfassungsschutzes an die Polizei und weitere Vollzugsbeh\u00f6rden neu gefasst und der Katalog der schweren Straftatbest\u00e4nde erweitert, die im Verdachtsfall mit Zustimmung der G 10-Kommission eine \u00dcberwachung der Kommunikation erm\u00f6glichen. So wurde die rechtliche Grundlage geschaffen, dass der Verfassungsschutz auch in Zukunft seinem gesetzlichen Auftrag umfassend und den verfassungsgerichtlichen Anforderungen entsprechend nachkommen kann. \u00d6ffentlichkeitsarbeit Eine informierte, aufgekl\u00e4rte \u00d6ffentlichkeit ist Grundvoraussetzung, um die Gesellschaft vor extremistischen Bestrebungen zu sch\u00fctzen. Daher versteht der Verfassungsschutz NordrheinWestfalen den Leitspruch \"Verfassungsschutz durch Aufkl\u00e4rung\" als einen wesentlichen Arbeitsauftrag. Damit die Bev\u00f6lkerung, Politik und Medien Anzeichen f\u00fcr Extremismus fr\u00fchzeitig erkennen k\u00f6nnen, leistet der nordrhein-westf\u00e4lische Verfassungsschutz eine intensive Aufkl\u00e4rungsarbeit und bietet eine breite Palette verschiedener Informationsmittel an. Dazu geh\u00f6ren Vortr\u00e4ge und Tagungen, Brosch\u00fcren und ein Informationsangebot im Internet. Einen umfassenden Aufkl\u00e4rungsbeitrag, der alle verfassungsschutzrelevanten Themen umfasst, liefert der j\u00e4hrliche Verfassungsschutzbericht. Die Jahresberichte dienen Gerichten und Beh\u00f6rden als Nachschlagewerk zum Extremismus in NRW. Sie werden den Mitgliedern des Landtags zur Unterrichtung \u00fcber Entwicklungen vorgelegt und auch von der \u00d6ffentlichkeit stark nachgefragt. \u00dcber den Verfassungsschutz 281 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Die Brosch\u00fcre \"Extremistischer Salafismus als Jugendkultur - Sprache, Symbole und Style\" wurde mehr als 50.000 Mal verteilt. 282 \u00dcber den Verfassungsschutz Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Informationen zu aktuellen Schwerpunktthemen finden sich in Berichten und Brosch\u00fcren, die \u00fcber die Internetseite des Ministeriums des Innern unter www.im.nrw.de/verfassungsschutz abrufbar und kostenfrei bestellbar sind. Besonders hervorzuheben ist der Bildungscomic \"Andi - Comic f\u00fcr Demokratie und gegen Extremismus\", der in seinen drei Ausgaben die Themenfelder Rechtsextremismus, Islamismus und Linksextremismus jugendgerecht behandelt. Mit einer Gesamtauflage von mehr als 1,2 Millionen Exemplaren stellt die Comic-Reihe einen gro\u00dfen Erfolg in der Pr\u00e4ventionsarbeit dar. Die in 2016 \u00fcberarbeitete Brosch\u00fcre \"Extremistischer Salafismus als Jugendkultur\" wurde seit Erscheinen mehr als 50.000 Mal verteilt. \u00dcber den Verfassungsschutz 283 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Liste der Bestrebungen A und Organisationen \"AKARAM\" Advance al-Qaida Altermedia Deutschland \"alternativ, unabh\u00e4ngig, fortschrittlich (AUF)\" Ansaar D\u00fcsseldorf e.V./Ansaar International \"Antikapitalistische Linke (AKL)\" Antisem Versand Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) Zur Erf\u00fcllung seiner Funktion als Fr\u00fchwarnARMINIUS-Bund des deutschen Volkes system in der wehrhaften Demokratie ist der Autonome Nationalisten (AN) Verfassungsschutz durch das Verfassungs- B schutzgesetz NRW berechtigt, \u00fcber eine Organisation zu berichten, wenn tats\u00e4chliche Bielefeld Sultan Fatih Genclik (BSFG) Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht einer verfasBlickpunkt sungsfeindlichen Bestrebung vorliegen. F\u00fcr Blood and Honour eine Berichterstattung ist es nicht Voraus\"Blue Springs LTD. (Afrikabrunnen)\" setzung, dass sich Verdachtsmomente bis \"B\u00fclten (Bulletin der T\u00fcrkischen F\u00f6deration)\" zur Einsch\u00e4tzung als \"verfassungsfeindlich\" verdichtet haben. C Die Namen und Bezeichnungen von Celebrity Organisationen, Bestrebungen und Celebrity Center T\u00e4tigkeiten, bei denen zumindest gewichtige Church of Scientology Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht f\u00fcr die in SS 3 Combat 18 Abs. 1 VSG NRW beschriebenen Merkmale D vorliegen, sind zwischen den Zeichen \" und \" eingefasst (sogenannte Chevrons). \"Demokratisch-kurdisches Gesellschaftszentrum (DKTM)\" \"Demokratisch-kurdisches Gesellschaftszentrum Deutschland (NAV-DEM)\" Der III. Weg Der Weg zum Gl\u00fccklichsein Deutsche Kommunistische Partei (DKP) \"Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH)\" Deutsche Reichsdruckerei Deutsche Stimme (DS) 284 BestreBungen und OrganisatiOnen Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Devrimci Sol G Die Freiheit Die Rechte Gemeinschaften Kurdistans (KCK) Die wahre Religion (DWR) Germaniten Division Braune W\u00f6lfe Germaniten Partei Division Germania Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten Dogru Haber (Richtige Nachricht) Gl\u00fcckseligkeitspartei - Saadet Partisi (SP) dormundecho.org \"Grup Yorum\" E H \"eedhesam.com\" Hamas Erbakan Vakfi (Erbakan Stiftung) Hammerskins Helfen in Not (HiN) F Hizb Allah - Partei Gottes Hizb ut-Tahrir - Islamische Befreiungspartei Falk News (HuT) \"F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland e.V. I (AD\u00dcTDF)\" \"F\u00f6deration der Yezidischen Vereine Identit\u00e4re Aktion (IA) Kurdistans (FKE, fr\u00fcher YEK)\" Identit\u00e4re Bewegung Deutschland (IBD) F\u00f6deration islamischer Organisationen in Imam-Mahdi-Zentrum Europa (FIOE) Impact \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland \"Internationale Koordination Revolution\u00e4rer (YEK-KOM)\" Parteien und Organisationen (ICOR)\" \"Frauenverband Courage e.V.\" Interventionistische Linke (IL) Freewinds Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. Freier Widerstand Oberhausen (IGD) Freies Netz Stolberg Islamischer Staat (IS) Freies Netz S\u00fcd Islamistische nordkaukasische Szene (INS) Freiheit Ismail Aga Cemaati (IAC) \"Freiheitsfalken Kurdistans (TAK)\" J Freistaat Preu\u00dfen Freundeskreis Rechts Izzedin Al-Qassam-Brigaden Freundeskreis Rhein-Sieg Jabhat al-Nusra (JaN) Furkan Nesli Dergisi (Magazin der Generation Jugend f\u00fcr Menschenrechte Furkan) Junge Nationaldemokraten (JN) Furkan Stiftung f\u00fcr Bildung und Justizopferhilfe L\u00f6hne Dienstleistungen Furkan-Gemeinschaft BestreBungen und OrganisatiOnen 285 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","K N Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) Nationaldemokratische Partei Deutschlands Kelhaamet (Pr\u00e4chtiges Diyarbakir) (NPD) Kendi Dilinden Hizbullah (Die Hizbullah in Nationaler Widerstand Duisburg eigenen Worten) Nationalisten Kreis G\u00fctersloh K\u00f6ln f\u00fcr deutschen Sozialismus Neue Ordnung Deutschland K\u00d6LN UNZENSIERT \"Newaya Jin\" Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) Nordkaukasisches Emirat Kommunistische Plattform (KPF) NRW UNZENSIERTZeitung der Kompetenz B\u00fcrgerbewegung Pro NRW Koordination der kurdischen \u00f6kologisch- O demokratischen Gesellschaft in Europa (CDK) Oidoxie L Oldschool Society (OSS) OT-Universe Landser P Lies! Linksjugend ['solid] Pal\u00e4stinensische Gemeinschaft in LTTE Headoffice Deutschland e.V. (PGD) LTTE International Organisation Palestinian Return Center (PRC) Lunikoff \"pathivu.com\" M Pro Deutschland Pro K\u00f6ln e.V. Makss Damage Pro NRW marx21 Pro-Bewegung Marxistische Bl\u00e4tter Pro-Organisationen Marxistische Linke R Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) Rebell Medizin ohne Grenzen Reichsb\u00fcrger und Selbstverwalter \"Mednuce TV\" Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei/-Front Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung (DHKP-C) Miscavige, David Revolution\u00e4rer Weg (RW) Mitteilungen der Kommunistischen Plattform Rote Fahne Magazin Muhacirun (Auswanderer) Rotf\u00fcchse Muslimbruderschaft (MB) S Saadet Partisi (SP) 286 BestreBungen und OrganisatiOnen Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Sag nein zu Drogen \"Verein Anatolische F\u00f6rderation\" Scientology Kirche Berlin e.V. (SKB) Verein Medizin mit Herz / vormals Scientology Kirche Deutschland e.V. (SKD) Volkshilfe e.V. Scientology Organisation (SO) Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) \"Serxwebun (Unabh\u00e4ngigkeit)\" W Siegel der Propheten Skinhead-Szene We love Muhammad Sleipnir World Institute of Scientology Enterprises Smart Violence (WISE) Source Y Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) Yeni M\u00fcjde (Neue Frohe Botschaft) \"Sozialistische Linke (SL)\" \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" staatenlos.info Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs \"Sterka Ciwan (Stern der Jugend)\" Sturmwehr Syndikat 52 T \"Tamil Coordination Committee (TCC)\" \"Tamil Rehabilitation Organization e. V. (TRO)\" \"Tamil Student Organization e.V. (TSV)\" \"Tamil Youth Organization (TYO)\" \"tamil.de\" Tamilische Befreiungtiger (LTTE) The Auditor \"Turan e.V\" T\u00fcrkische Hizbullah (TH) \"tyo-germany.com\" U \"\u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung\" (\"Graue W\u00f6lfe\") Ums Ganze. Kommunistisches B\u00fcndnis Unsere Zeit (UZ) V Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e.V. (ICCB) BestreBungen und OrganisatiOnen 287 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","288 BestreBungen und OrganisatiOnen Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","BestreBungen und OrganisatiOnen 289 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Stichwortverzeichnis B\u00fclten (Bulletin der T\u00fcrkischen F\u00f6deration) ........................ 156 B\u00fcrgerbewegung Pro NRW, siehe Pro NRW C Celebrity .................................................. 226 Celebrity Center ....................................... 226 A Church of Scientology ............................. 226 Abou Nagie, Ibrahim ................................ 191 Combat 18 ............................................... 107 AD\u00dcTDF .............................................. 156 ff. Cremer, Claus ................................... 48, 51 f. Advance ................................................... 226 D Afrikabrunnen e. V., siehe Blue Springs LTD. Demokratisch-kurdisches GesellschaftsAKARAM ................................................. 172 zentrum Deutschland (NAV-DEM) ....... 169 al-Qaida ................................... 189, 193, 198 Demokratisch-kurdisches Altermedia Deutschland .......................... 122 Gesellschaftszentrum (DKTM) ............. 169 alternativ, unabh\u00e4ngig, Demokratisch-kurdisches fortschrittlich (AUF) ........................... 138 f. Gesellschaftzentrum Deutschland Ansaar D\u00fcsseldorf e.V./ (NAV-DEM) .......................... 153, 169, 171 Ansaar International .......................... 193 f. Der III. Weg ..................................... 82 ff., 97 Antikapitalistische Linke (AKL) ............ 130 ff. Der Weg zum Gl\u00fccklichsein .................... 227 Antisem Versand ....................................... 72 Deutsche Kommunistische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Partei (DKP) ..................... 125, 134 ff., 167 Volkskongress Kurdistans Deutsche Liga f\u00fcr Volk und (KONGRA-GEL), siehe PKK Heimat (DLVH) ................................. 62, 66 ARMINIUS-Bund des deutschen Deutsche Reichsdruckerei .....................114 f. Volkes ................................................ 92 ff. Deutsche Stimme (DS) ........................ 48, 50 Autonome Nationalisten (AN) .................... 96 Devrimci Sol ......................................... 164 f. Die Rechte .......................... 39, 45, 52 ff., 59, B ...........................................70 ff., 96 ff., 111 Banna al-, Hassan ................................... 210 Die Republikaner (REP) ...................... 62, 66 Beisicht, Markus ............................ 56, 61, 65 Die wahre Religion (DWR) .................. 189 ff. Bielefeld Sultan Fatih Division Braune W\u00f6lfe ............................ 97 f. Genclik (BSFG) .................................... 214 Division Germania ................................... 109 Blickpunkt .................................................. 48 DKP ............................................. 125, 134 ff. Blood and Honour .................................... 107 dormundecho.org ................................ 70, 76 Blue Springs LTD. .................................... 196 290 StichwortverzeichniS Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","E Gemeinschaften Kurdistans (KCK) .......... 168 Gerechtigkeitsund Entwicklungseedhesam.com ........................................ 172 partei (AKP) ......................................... 153 Engel, Stefan ....................................... 138 ff. Germaniten .......................................113, 118 Erbakan, Fatih ......................................... 214 Germaniten Partei ....................................113 Erbakan, Necmettin ............................. 212 ff. Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten ...... 109 Erbakan Vakfi (Erbakan Stiftung) ......... 214 f. Gl\u00fcckseligkeitspartei - Saadet F Partisi (SP) ....................................... 213 ff. Graue W\u00f6lfe, siehe \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung Falk, Bernhard ...................................... 197 f. Grup Yorum ............................................. 167 F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokra- H tischen Idealistenvereine in Deutschland e.V. (AD\u00dcTDF) ............ 156 ff. Hamas .................................................. 200 f. F\u00f6deration der Yezidischen Vereine Hammerskins ........................................ 106 f. Kurdistans (FKE, fr\u00fcher YEK) .............. 169 Helfen in Not (HiN) .................................. 195 F\u00f6deration islamischer Organisationen Hizb Allah - Partei Gottes .................... 204 ff. in Europa (FIOE) .................................. 210 Hizb ut-Tahrir - Islamische F\u00f6deration kurdischer Vereine in Befreiungspartei (HuT) ..................... 206 f. Deutschland (YEK-KOM) ..................... 169 HoGeSa ............................................... 54, 58 Franz, Frank ........................................ 48, 55 Hozat, Bese ............................................. 168 Frauenverband Courage e. V. ......... 138, 140 Freewinds ................................................ 226 I Freie Nationalisten Kreis G\u00fctersloh ........... 99 Identit\u00e4re Aktion (IA) ........................ 89 ff., 97 Freier Widerstand Oberhausen ............... 101 Identit\u00e4re Bewegung Freies Netz Stolberg ................................ 101 Deutschland (IBD) .................... 40 f., 86 ff. Freies Netz S\u00fcd ......................................... 82 Imam-Mahdi-Zentrum .............................. 202 Freiheit ..................................................... 226 Impact ...................................................... 226 Freistaat Preu\u00dfen ..................................114 f. Internationale Koordination Freundeskreis Rechts ................................ 99 Revolution\u00e4rer Parteien und Freundeskreis Rhein-Sieg ......................... 97 Organisationen (ICOR) .................... 139 ff. Furkan-Gemeinschaft .......................... 222 ff. Islamische Gemeinschaft in Furkan Nesli Dergisi (Magazin Deutschland e.V. (IGD) ..................... 210 f. der Generation Furkan) ....................... 222 Islamischer Staat (IS) ... 36, 146, 150, 178 ff., Furkan Stiftung f\u00fcr Bildung und 198, 204 f., 217 Dienstleistungen .................................. 222 Islamistische nordkaukasische G Szene (INS) ...................................... 216 f. Ismail Aga Cemaati (IAC) ........................ 215 G\u00e4rtner-Engel, Monika ......................... 140 f. Izzedin Al-Qassam-Brigaden ................... 200 G\u00e4rtner, Gabi ................................... 138, 140 StichwortverzeichniS 291 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","J LTTE International Organisation .............. 173 Lunikoff ...................................................... 53 Jabhat al-Nusra (JaN) ............................. 196 Jihad ............ 180, 183 f., 187, 189, 195, 198 M Jugend f\u00fcr Menschenrechte .................... 227 Junge Nationaldemokraten (JN) ................ 59 Makss Damage ........................................ 109 junge Welt (jW) ........................................ 131 marx21 .................................................. 130 f. Justizopferhilfe L\u00f6hne ...............................117 Marxistische Bl\u00e4tter ................................. 134 Marxistisch-Leninistische Partei K Deutschlands (MLPD) ...... 125, 134, 138 ff. Mednuce TV .................................... 150, 168 Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) ................... 208 Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung ......................... 212 ff. Kameradschaft Hamm ......................... 52, 77 Miscavige, David ..................................... 226 Kaplan, Cemaleddin ................................ 208 Mitteilungen der Kommunistischen Kaplan, Metin ........................................ 208 f. Plattform .............................................. 131 Kartal, Remzi ........................................... 168 Muhacirun (Auswanderer) ....................... 208 Kendi Dilinden Hizbullah .......................... 218 Muslimbruderschaft (MB) ..... 200, 206, 210 f. Know-how ............................. 231 f., 240, 244 K\u00f6bele, Patrik .......................................... 134 N K\u00f6ln f\u00fcr deutschen Sozialismus ................ 98 K\u00d6LN UNZENSIERT ........................... 62, 65 Nationaldemokratische Partei Deutschlands, Kommunistische Partei siehe NPD Chinas (KPCh) ..................................... 237 Nationaler Widerstand Dortmund ........ 52, 75 Kommunistische Partei Nationaler Widerstand Duisburg ................ 99 Deutschlands (KPD) ................... 134, 137 Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) ... 238 Kommunistische Plattform (KPF) ........ 130 ff. Neonazi-Szene ................. 44, 48, 51, 55, 59, Kommunistischer Arbeiterbund .................................... 70 ff., 85, 95 ff., 276 Deutschlands (KABD) .............................. 138 Neue Ordnung Deutschland .............117, 119 Kompetenz .............................................. 226 Newaya Jin (Erlebnisse der Frauen) ....... 168 Koordination der kurdischen \u00f6kologischNordkaukasisches Emirat, siehe Islamistische demokratischen Gesellschaft in nordkaukasische Szene (INS) Europa (CDK) ...................................... 168 NPD .......... 39, 42 ff., 75, 77 ff., 92 f., 97, 120 Krolzig, Sascha .............................. 70, 74, 77 NRW UNZENSIERTZeitung der Kuytul, Alparslan .................................. 222 ff. B\u00fcrgerbewegung Pro NRW ................... 56 L O Landser ...................................................... 53 \u00d6calan, Abdullah ............................. 168, 170 Lies! ..................................... 177, 189 ff., 217 Oidoxie .................................................... 109 Linksjugend ['solid] .............................. 130 ff. Oldschool Society (OSS) ................. 103, 105 LTTE Headoffice ...................................... 173 OT-Universe ............................................ 226 292 StichwortverzeichniS Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","P Skinhead-Szene ............................106 f., 111 Sleipnir ..................................................... 109 Palestinian Return Center (PRC) ............ 201 Smart Violence ........................................ 109 Partei Gottes, siehe Hizb Allah ........ 202, 218 Solingen aktiv .......................................... 140 pathivu.com ............................................. 172 Source ..................................................... 226 Pegida ................................................. 38, 44 Sozialistische Deutsche PKK ................... 33 f., 146 ff., 159, 161, 163, Arbeiterjugend (SDAJ) ................. 134, 137 ...................................... 168 ff., 218 ff., 239 Sozialistische Linke (SL) ......................... 130 Prabhakaran, Velupillai .................... 172, 174 staatenlos.info ..........................................117 Pro Deutschland .............................. 61, 65 ff. Sterka Ciwan (Stern der Jugend) ............ 168 Pro K\u00f6ln e.V. .............................. 44, 56, 61 ff. Sturmwehr ............................................... 109 Proliferation ..................................... 236, 240 Syndikat 52 ................................................ 81 Pro NRW ........... 44 f., 54 ff., 65, 68 f., 81, 97 Pro-Organisationen ............... 58, 63, 65, 68 f T PYD ......................................................... 150 Tamil Coordination R Committee (TCC) ............................. 172 ff. Tamilische Befreiungstiger (LTTE) ....... 172 ff. Rebell .............................................. 138, 141 Tamil Rehabilitation Regener, Michael alias Lunikoff ................. 53 Organization e.V. (TRO) ...................... 172 Reichsb\u00fcrger und Tamil Student Organization e.V. (TSV) .... 172 Selbstverwalter ..........30, 39, 112 f., 116 ff. Tamil Youth Organization e.V. (TYO) ....... 174 Revolution\u00e4rer Weg (RW) ............... 138, 141 Tamil Youth Organization (TYO) .............. 172 Revolution\u00e4re VolksbefreiungsT\u00fcrkische Hizbullah TH ....................... 218 ff. partei-Front (DHKP-C) .. 148 f., 164 ff., 239 The Aditor ................................................ 226 Rote Fahne Magazin ............................... 138 Thie\u00dfen, Johann ........................................ 92 Rotf\u00fcchse ................................................ 138 Turan e.V ................................................. 157 S U Saadet Partisi (SP) .................................. 213 \u00dclk\u00fcc\u00fc-Bewegung Sag nein zu Drogen ................................. 227 (Graue W\u00f6lfe) ....................... 148 f., 156 ff. Salafismus ............ 178, 182 f., 186 ff., 198 f., Ums Ganze. Kommunistisches B\u00fcndnis . 146 .......... 209, 217, 251, 253 ff., 262 ff., 270 ff. Unsere Zeit (UZ) .................................. 134 ff. Scientology Kirche Berlin e.V. (SKB) ....... 227 Scientology Kirche V Deutschland e.V. (SKD) ....................... 227 Scientology Organisation (SO) ............ 226 ff. Verband der islamischen Vereine Serxwebun (Unabh\u00e4ngigkeit) .................. 168 und Gemeinden e.V. (ICCB), Shahid Stiftung ........................................ 203 siehe Kalifatsstaat Siegel der Propheten ............................ 192 f. StichwortverzeichniS 293 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Verein Medizin mit Herz / vormals Medizin ohne Grenzen ........................ 195 Volkshilfe e.V. .......................................... 101 Volkskongress Kurdistans, siehe PKK Volksmodjahedin (MEK) .......................... 238 Volksrat der Eelam Tamilen - Deutschland (VETD) ............................ 174 Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) .............. 151 W Waisenkinderprojekt Libanon e.V. (WKP) 203 We love Muhammad ............................ 190 ff. Worch, Christian ........................................ 70 World Institute of Scientology Enterprises (WISE) .............................. 228 www.rechte-hamm.com ............................. 77 Y Yeni M\u00fcjde (Neue Frohe Botschaft) ........ 218 Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika .................................. 168 Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs ................................................ 164 f. Z Zagros, Hacer .......................................... 168 Zawahiri al-, Ayman ................................. 198 294 StichwortverzeichniS Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","295 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","296 Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 2016","Hinweis Diese Druckschrift wird im Rahmen der \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Ministeriums des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlbewerberinnen und Wahlbewerbern oder Wahlhelferinnen und Wahlhelfern w\u00e4hrend eines Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt f\u00fcr die Landtags-, Bundestagsund Kommunalwahlen sowie f\u00fcr die Wahl der Mitglieder des Europ\u00e4ischen Parlaments. Missbr\u00e4uchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsst\u00e4nden der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Eine Verwendung dieser Druckschrift durch Parteien oder sie unterst\u00fctzende Organisationen ausschlie\u00dflich zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder bleibt hiervon unber\u00fchrt. Unabh\u00e4ngig davon, wann, auf welchem Weg und in welcher Anzahl diese Schrift dem Empf\u00e4nger zugegangen ist, darf sie auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme des Ministeriums des Innern Nordrhein-Westfalen zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden k\u00f6nnte. Der Inhalt dieser Brosch\u00fcre wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.","Ministerium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen Friedrichstra\u00dfe 62 - 80 40217 D\u00fcsseldorf Telefon: 0211/871 - 01 Telefax: 0211/871 - 3355 poststelle@im.nrw.de www.im.nrw.de Verfassungsschutzbericht NRW 2016"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2016","year":2016}
