{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-nw-1965.pdf","jurisdiction":"Nordrhein-Westfalen","num_pages":30,"pages":["Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 1 Inhaltsverzeichnis 1 Lagebericht vor Mitgliedern des Landtags NRW ...............................................2 1.1 Linksradikalismus........................................................................................................2 1.1.1 Illegale KPD ................................................................................................................2 1.1.1.1 Organisation der KPD ..............................................................................................2 1.1.1.2 Schwerpunkte der Parteiarbeit .................................................................................4 1.1.2 Schwerpunkte der Parteiarbeit ....................................................................................8 1.1.3 Unterst\u00fctzung der kommunistischen Aktivit\u00e4t aus der SBZ..........................................9 1.1.4 Einsch\u00e4tzung des Linksradikalismus ...........................................................................9 1.2 Rechtsradikalismus ...................................................................................................10 1.2.1 Entwicklung des Rechtsradikalismus.........................................................................10 1.2.2 Gr\u00fcndung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD)..........................11 1.2.3 Arbeitsgemeinschaft Nationale Politik (ANP) .............................................................12 1.2.4 Aktionsgemeinschaft unabh\u00e4ngiger Deutscher (AUD)...............................................12 2 Berichterstattung vor dem Hauptausschuss des Landtages NRW................14 2.1 Beteiligung rechtsradikaler Parteien an Wahlen......................................................14 2.2 Beteiligung linksradikaler Parteien an Wahlen ........................................................14 2.3 Bundestagswahlergebnisse in NRW ........................................................................14 2.4 Bewertung ..................................................................................................................15 2.5 Rechtsradikale Sammlungsbestrebungen und Kleingruppen ................................15 2.6 Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD) ..................................................16 2.7 NPD in NordrheinWestfalen ....................................................................................17 2.8 Nationalistische Publizistik .......................................................................................17 2.9 Weitere rechtsradikale Organisationen ....................................................................18 2.10 Rechtsradikale Soldatenverb\u00e4nde ..........................................................................18 2.11 St\u00f6rund Schmieraktionen......................................................................................19 2.12 Schlu\u00dfbemerkung zum Rechtsradikalismus..........................................................19 2.13 Linksradikalismus....................................................................................................20 2.14 Kommunistische Partei Deutschland (KPD)...........................................................20 2.15 Schwerpunkte der Politik der KPD..........................................................................21 2.16 Die KPD im Untergrund ...........................................................................................21 2.17 Kampf um die Aufhebung des KPD-Verbotes ........................................................22 2.18 Finanzierung und Anleitung der KPD durch die SED ............................................22 2.19 Nordrhein-Westfalen Schwerpunkt der KPD-Arbeit...............................................23 2.20 Publikationen - Literatur - Schulung .......................................................................24 2.21 Kommunistische Betriebsarbeit - Betriebszeitungen............................................25 2.22 Schulung...................................................................................................................25 2.23 \"Offene\" Arbeit .........................................................................................................25 2.24 Infiltration anderer Verb\u00e4nde und Arbeit in den Tarnorganisationen...................27 2.25 Unterst\u00fctzung der DFU vor der Bundestagswahl ..................................................28 2.26 Gesamtbetrachtung .................................................................................................29","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 2 1 Lagebericht vor Mitgliedern des Landtags NRW (Berichtsstand: 7. Juli 1965) 1.1 Linksradikalismus Den Schwerpunkt unserer Arbeit bildet hier nach wie vor der Linksradikalismus - genauer gesagt: Die Arbeit der KPD und ihrer Hilfsorganisationen in der Bundesrepublik und die umfangreiche Unterst\u00fctzung aus der SBZ, die die SED ihren Satelliten gew\u00e4hrt. 1.1.1 Illegale KPD Die illegale KPD, die nunmehr im neunten Jahre im Untergrund arbeitet (Urteil des Bundesverfassungsgerichts: 17.8.1956), verf\u00fcgt heute - nach wie vor - \u00fcber eine zwar kleine, aber straff gegliederte und handlungsf\u00e4hige Organisation. Nach sehr vorsichtigen Sch\u00e4tzungen bel\u00e4uft sich die Zahl ihrer aktiven Mitglieder auf etwa 7.000, von denen die H\u00e4lfte auf Nordrhein-Westfalen entf\u00e4llt. Die entscheidende Ursache f\u00fcr den Fortbestand der KPD trotz langj\u00e4hriger Illegalit\u00e4t ist nach unserer \u00dcberzeugung weniger in den umfangreichen materiellen und personellen Hilfsma\u00dfnahmen von jenseits der Demarkationslinie zu suchen, als vielmehr in der alles und jeden beanspruchenden kommunistischen Ideologie, die der Partei die Rolle eines Werkzeuges der Geschichte zumi\u00dft - beauftragt, die Menschheit in den erl\u00f6senden Endzustand des Sozialismus/Kommunismus zu f\u00fchren. Es ist daher auch kein Wunder, da\u00df die F\u00fchrung der KPD ihre Hauptaufgabe darin sieht, diese Ideologie durch die Verteilung von Schulungsmaterial und intensive Funktion\u00e4rsschulung in der SBZ unter den Mitgliedern lebendig zu erhalten - in der Hoffnung so die Durststrecke bis zur geforderten und ersehnten Aufhebung des KPD-Verbotes zu \u00fcberwinden. 1.1.1.1 Organisation der KPD Lassen Sie mich nach dieser Vorbemerkung kurz auf die Organisation der KPD eingehen, dem eigentlichen Tr\u00e4ger der politischen Arbeit in der Bundesrepublik. Die F\u00fchrungsspitze, gew\u00e4hlt auf dem 2. Parteitag in der Illegalit\u00e4t im Mai 1963, arbeitet nach wie vor in Ostberlin. Sie besteht, wie Sie wissen, aus dem ZentralKomitee, das \u00fcberwiegend repr\u00e4sentative Funktionen hat, dem Polit-B\u00fcro (unter Max Reimann), als dem eigentlichen \"Gehirn der Partei\", und dem Sekretariat, dem die praktische Durchf\u00fchrung der Beschl\u00fcsse des Zentral-Komitees und des Polit-B\u00fcros obliegt. KPD-Bezirksleitungen In der Bundesrepublik sind oberste Instanzen der illegalen Organisationen die KPD-Bezirksleitungen, deren Gesamtzahl im Bundesgebiet wahrscheinlich 15 betr\u00e4gt. Nordrhein-Westfalen wurde nach dem KPD-Verbot zun\u00e4chst in 2 KPDBezirke - Niederrhein und Ruhrgebiet - eingeteilt. Entsprechend der zunehmenden Bedeutung, die unser Land in der kommunistischen Taktik hat, ist die Zahl inzwischen auf 4 erh\u00f6ht worden. Zur Zeit bestehen folgende KPD-Bezirke:","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 3 1. Niederrhein (in etwa Regierungsbezirk D\u00fcsseldorf ohne die St\u00e4dte des Ruhrgebietes, daf\u00fcr Teile des Reg.-Bezirks Arnsberg); 2. Mittelrhein (Reg.-Bez. K\u00f6ln und Aachen, Teile des Reg.-Bezirks Arnsberg); 3. Ruhrgebiet (umfa\u00dft das Ruhrgebiet und den westlichen Teil des Reg.Bezirks M\u00fcnster); 4. Westfalen-Ost (Reg.-Bezirk Detmold, \u00f6stlicher Teil der Reg.-Bezirke M\u00fcnster und Arnsberg). Eine genauere Abgrenzung des r\u00e4umlichen Wirkungsbereichs der Bezirksleitungen ist z.Zt.. noch nicht m\u00f6glich, da Erkenntnisse hier\u00fcber nat\u00fcrlich nur sehr schwer zu erlangen sind. Im \u00fcbrigen scheinen die Grenzen verschiedentlich ge\u00e4ndert zu werden, je nach den Bed\u00fcrfnissen der Tagespolitik und der personellen Situation in den F\u00fchrungskadern. Die Bezirksleitungen setzen sich in der Regel aus mindestens 3 Funktion\u00e4ren zusammen. \"Postkurier-Apparat\" Die Verbindung zur F\u00fchrungsspitze in Ost-Berlin - insbesondere zum Sekretariat des Zentralkomitees - wurde bisher durch einen sogenannten \"Postkurier-Apparat\" gehalten, der Berichte der Bezirksleitungen und Weisungen des Zentralkomitees auf konspirativem Wege den Empf\u00e4ngern zustellte. Dieser Apparat arbeitete nach einem sehr komplizierten, aber minuzi\u00f6s ausgearbeiteten und eingehaltenen System, vornehmlich \u00fcber das westliche Ausland. Ein leitender Funktion\u00e4r dieses Apparates (Leiter der Verkehrsabteilung des ZK der SED) ist k\u00fcrzlich in S\u00fcddeutschland schwer verungl\u00fcckt. Sein Fahrer, der \u00fcbrigens aus D\u00fcsseldorf stammte, kam bei dem Unfall ums Leben. Er hatte Geldsorten aus \u00d6sterreich, Belgien, Holland und D\u00e4nemark bei sich (Hinweis auf Umfang des Apparates). Neuerdings scheinen die Planungen dahin zu gehen, den Postkurierapparat einzustellen und die Verbindung durch periodische Reisen der Bezirksleitungsmitglieder nach Ost-Berlin aufrechtzuerhalten. KPD-Kreisleitungen Die n\u00e4chste Instanz unterhalb der Bezirksleitungen bilden die Kreisleitungen. Zur Zeit sind in Nordrhein-Westfalen 15 solcher Kreisleitungen erkannt, weitere 11 werden vermutet. Die Verbindung zu den Bezirksleitungen wird durch \"Instrukteure\", auch \"Berater\" genannt, aufrechterhalten. Nach dem KPD-Statut sind als Zwischeninstanz zwischen Bezirken und Kreisen noch sogenannte \"Gebietsleitungen\" vorgesehen, die jedoch in NRW bisher nicht mit Sicherheit erkannt wurden. Wahrscheinlich werden die Funktionen der Gebietsleitungen von einigen Beratern mit wahrgenommen - eine Folge des allgemeinen Kadermangels in der KPD. Grundeinheiten der KPD Unterhalb der Kreisleitungen bestehen die sogenannten \"Grundeinheiten\", d.h. Betriebsgruppen und Wohngebietsgruppen. Ihre Kl\u00e4rung ist besonders schwierig,","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 4 weil sie sich h\u00e4ufig nur aus sehr wenigen Personen zusammensetzen und deshalb sehr schwer anzusprechen sind. Zur Zeit sind in Nordrhein-Westfalen 20 Betriebsgruppen erkannt, in weiteren 53 Betrieben werden solche Gruppen vermutet. Hinzu kommen etwa 35 Betriebe, in denen KPD-St\u00fctzpunkte - meist nur sehr wenige Einzelpersonen ohne feste Organisation - bestehen. Obwohl relativ wenige Grundeinheiten erkannt werden konnten, darf ihre Gesamtzahl doch nicht untersch\u00e4tzt werden. Um ein Beispiel zu nennen: Das Gebiet einer Gro\u00dfstadt im Ruhrgebiet ist in 6 Stadtteilleitungen gegliedert, die wiederum in Wohngebietsgruppen unterteilt sind. Allein ein Stadtteil umfa\u00dft z.B. 8 Wohngebietsgruppen, davon 2 noch im Aufbau befindlich. Ich erw\u00e4hne dieses Beispiel um darzutun, da\u00df fehlende Erkenntnism\u00f6glichkeiten nicht zu einer Untersch\u00e4tzung der Gesamtst\u00e4rke der KPD f\u00fchren d\u00fcrfen. Lit.-Vertriebs-Apparat Neben der eigentlichen politischen Organisation spielt der Lit.-Vertriebs-Apparat eine besondere Rolle, in erster Linie, um die Mitglieder mit Schulungsmaterial zu versorgen. Er wird relativ oft umgebaut, seine Kl\u00e4rung ist daher besonders schwierig. Der Zentrale Apparat versorgte Nordrhein-Westfalen bis etwa Juli 1965 monatlich mit etwa 6.000 Exemplaren des KP-Zentralorgans \"Freies Volk\" und in zweimonatigem Rhythmus mit etwa 2.500 Exemplaren des Schulungsbriefs \"Wissen und Tat\". Nordrhein-Westfalen bildete hierbei einen eigenen Verteilungsraum, vermutlich mit einer eigenen Druckerei f\u00fcr \"Freies Volk\", die jedoch nicht ermittelt werden konnte. F\u00fcr das \u00fcbrige Bundesgebiet besteht ein n\u00f6rdlicher Verteilerraum f\u00fcr Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen und ein s\u00fcdlicher Verteilerraum f\u00fcr Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern und das Saargebiet. Die Tatsache, da\u00df Nordrhein-Westfalen in der Versorgung mit zentralem Material \"autark\" ist, kann als weiteres Indiz f\u00fcr die besondere Bedeutung unseres Landes in der kommunistischen Taktik gelten. Neben dem zentralen Material wird \u00f6rtliches Material verteilt, das meist in Eigenfabrikation primitiv hergestellt wird und auch f\u00fcr Au\u00dfenstehende bestimmt ist. Hierzu z\u00e4hlen einmal die Kreisund Ortszeitungen, von denen seit dem KPDVerbot 41 erschienen sind. Sie treten seit 1963 jedoch nicht mehr in Erscheinung. Wichtiger sind die Betriebszeitungen, von denen seit dem KPD-Verbot 122 erfa\u00dft wurden. Im Jahre 1963 erschienen 40, im Jahre 1964 35 und im Jahre 1965 insgesamt 13 verschiedene Betriebszeitungen. Hier ist aber ein deutlicher R\u00fcckgang festzustellen. 1.1.1.2 Schwerpunkte der Parteiarbeit Die Parteiarbeit richtet sich - entsprechend den Bedingungen der Illegalit\u00e4t - in erster Linie auf die Festigung der Organisation.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 5 Mitgliederwerbung Zweifellos macht der KPD Sorge, da\u00df ihr Mitgliederbestand veraltet und Zuwachs insbesondere junger Mitglieder nur sehr schwer zu gewinnen ist. Wie Ihnen erinnerlich sein wird, hatte die KPD im Jahre 1962 ein sogenanntes \"Parteiaufgebot\" durchgef\u00fchrt, das aber nur einen Teilerfolg erbrachte. Auf der 3. ZK-Tagung im Mai 1964 wurde ein erneutes Aufgebot beschlossen, das \"Karl-LiebknechtAufgebot\" hie\u00df und bis zum 15.1.1965 (dem 46. Todestag Karl Liebknechts) gelaufen ist. In der April-Ausgabe des Zentralorgans \"Freies Volk\" ist eine Erkl\u00e4rung des Polit-B\u00fcros abgedruckt, wonach das Aufgebot beendet sei und besondere Erfolge in Hamburg, Bayern und NRW erzielt worden seien. Soweit es sich beurteilen l\u00e4\u00dft, d\u00fcrfte jedoch auch dieses 2. Aufgebot erheblich hinter dem gesteckten Ziel - es sollten 2.000 junge Mitglieder geworben werden - zur\u00fcckgeblieben sein. \"Offene\" Parteiarbeit Lassen Sie mich die Darstellung der KPD mit einem Wort zu ihrer besonderen Taktik abschlie\u00dfen, die allgemein als \"Offene Arbeit\" bezeichnet wird. Die KPD sieht - wenn man einmal von der Infiltration anderer Verb\u00e4nde und der Arbeit der Tarnorganisationen absieht - in dieser Taktik das einzig wirksame Mittel, nicht nur ihre politische Agitation - relativ gefahrlos \u00fcbrigens - zu verbreiten, sondern auch das angebliche Problem des KPD-Verbotes st\u00e4ndig im Gespr\u00e4ch und im Bewu\u00dftsein der \u00d6ffentlichkeit zu halten. Sie hat daher schon seit l\u00e4ngerem ihre Mitglieder immer wieder darauf hingewiesen, da\u00df es nicht gen\u00fcge, konspirativ in der Organisation zu arbeiten. Ebenso wichtig sei, unter Ausnutzung aller in einem demokratischen Rechtsstaat gegebenen legalen M\u00f6glichkeiten, die politische Zielsetzung der KPD in der \u00d6ffentlichkeit zu verbreiten. Auf dem letzten Parteitag der KPD im Mai 1963 pr\u00e4gte Max Reimann die Faustregel: \"Illegal soviel wie n\u00f6tig, legal soviel wie m\u00f6glich.\" Formen dieser Taktik sind Ihnen allen bekannt. Ich erinnere beispielsweise an das Auftreten angeblich \"unabh\u00e4ngiger\" Kandidaten zu den Landtagswahlen 1958 in Nordrhein-Westfalen und den Bundestagswahlen 1961 und an die Herausgabe der in Duisburg erscheinenden Zeitung \"tatsachen\", die von der KPD NordrheinWestfalens intern allgemein als \"unsere offene Zeitung\" bezeichnet wird. Dementsprechend gleichen auch die Pressefeste des Verlages - beurteilt nach der Art ihrer Teilnehmer - KPD-Veranstaltungen der legalen Zeit. Weitere Beispiele offener Arbeit sind * das Einsenden von Leserbriefen an Tageszeitungen; * Unterschriftensammlungen und Petitionen - meist zum Thema \"Aufhebung des KPD-Verbotes\", wie die zur Zeit laufende Aktion des hauptamtlichen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers des BdD; * Umfragen zur angeblichen Meinungserforschung, wie z.B. die Fragebogenaktion eines ehem. KPDund FDJ-Funktion\u00e4rs aus Bottrop, dem es gelang, von einer Anzahl profilierter Pers\u00f6nlichkeiten eine Stellungnahme zur Frage des KPD-Verbotes zu bekommen und das Ergebnis seiner Aktion in verschiedenen Tageszeitungen unterzubringen; * und schlie\u00dflich der \"Versand offener Briefe\", die Ihnen sicherlich allen schon zugegangen sind. Zur Zeit sind beim Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 6 Nordrhein-Westfalen 93 solcher Briefe erfa\u00dft (davon 27 im Jahr 1965), die eindeutig als Aktionen der KPD angesehen werden m\u00fcssen. \u00d6ffentliche Veranstaltungen In letzter Zeit hat in diesem Zusammenhang die Durchf\u00fchrung \u00f6ffentlicher Veranstaltungen besondere Bedeutung gewonnen. Nach den schon erw\u00e4hnten Pressefesten der Zeitung \"tatsachen\" bildete den \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Auftakt die Ihnen sicherlich aus der Presse bekannte \"Bewegung von Arbeitnehmern aus ganz Deutschland\" am 20.2.1965 in Mannheim. Hier folgte am 12.5.1965 in D\u00fcsseldorf ein \u00f6ffentliches Diskussionsforum zum Thema \"KPD - morgen legal?\". Ein f\u00fcr den 10.6.1965 in Aachen geplantes Diskussionsforum unter dem Thema \"Freie Wahlen ohne legale KPD\" ist verboten worden. Die Tatsache, da\u00df die KPD die D\u00fcsseldorfer Veranstaltung durchf\u00fchren konnte, wird von ihr als gro\u00dfer Erfolg betrachtet. Sie beabsichtigt daher, auch in anderen Bundesl\u00e4ndern \u00e4hnliche Forums-Diskussionen zu veranstalten. Der Ausgang des Verbotsverfahrens in Aachen - die KPD hat die Verf\u00fcgung des Polizeipr\u00e4sidenten inzwischen angefochten - wird als Test daf\u00fcr zu werten sein, in welchem Umfang es der KPD m\u00f6glich ist, verfassungsm\u00e4\u00dfig garantierte demokratische Grundrechte f\u00fcr ihre Zwecke zu mi\u00dfbrauchen. Inzwischen fand in Mainz ein \u00f6ffentliches Forum \u00fcber die politische Strafjustiz und die Problematik des KPD-Verbotes statt. Es wurde veranstaltet von einem Petitionskreis f\u00fcr politische Amnestie und Aufhebung des KPD-Verbotes. In der Diskussion ergriff auch ein ehem. KPD-Bundestagsabgeordneter das Wort. Ich will Ihnen nicht vorenthalten, da\u00df die Abwehr gerade dieser Formen der offenen Arbeit besonders schwierig ist, weil die Initiatoren der Veranstaltungen es geschickt verstehen, Grundrechte wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit usw. f\u00fcr ihre Zwecke zu mi\u00dfbrauchen und den gew\u00fcnschten politischen Effekt zu erzielen, ohne da\u00df der organisatorische Zusammenhang zur KPD oder die kommunistische Steuerung, Lenkung oder Finanzierung usw. nachgewiesen werden kann. Politische Arbeit im Hinblick auf die Bundestagswahl 1965 Gegenw\u00e4rtig ist die politische Arbeit der KPD und ihrer Hilfsorganisationen - wie k\u00f6nnte es anders sein? - fast ausschlie\u00dflich auf die kommenden Bundestagswahlen ausgerichtet. Allerdings befindet sie sich hierbei, wie gleich deutlich werden wird, in einer schwierigen Situation. Die F\u00fchrungsspitzen der SED/KPD gehen von folgender, etwas vergr\u00f6bert dargestellten politischen Lage aus (ich referiere hier die kommunistische Auffassung): 1. Das politische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis hat sich allgemein zugunsten des sogenannten Sozialismus ver\u00e4ndert - das Ansehen der DDR ist auch in der westlichen und neutralen Welt gestiegen. Der Ulbricht-Besuch in \u00c4gypten und die sich hieran anschlie\u00dfenden Auseinandersetzungen zwischen der Bundesrepublik und der arabischen Welt haben die SBZ weiter aufgewertet. 2. Demgegen\u00fcber hat sich die innenpolitische Lage in der Bundesrepublik weiter zugespitzt. Die geplante Notstandsgesetzgebung hat breite Protestbewegungen vor allem in der Arbeiterschaft ausgel\u00f6st. Preissteigerungen, Mieterh\u00f6hungen usw. haben den Lebensstandard der","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 7 Werkt\u00e4tigen in der Bundesrepublik weiter verschlechtert und zu einer allgemeinen Unzufriedenheit gef\u00fchrt. Von dieser politischen Analyse ausgehend versucht die KPD, sich in die Bundestagswahlen einzuschalten. Konkretes Nahziel ist, die gegenw\u00e4rtige Bundesregierung zu st\u00fcrzen. Hier\u00fcber hinaus allerdings bleibt die Agitation der KPD v\u00f6llig offen, und das aus gutem Grund: 1. Zu den Bundestagswahlen 1957 hatte die KPD dazu aufgefordert, die SPD zu unterst\u00fctzen. Diese Taktik wurde alsbald als Fehler erkannt und auch anl\u00e4\u00dflich der Bundestagswahlen 1961 nicht wiederholt. Sofern noch vereinzelt dahingehende \u00dcberlegungen bestanden haben m\u00f6gen, wurde ihnen durch den Verlauf und die Beschl\u00fcsse des Karlsruher Parteitages der SPD der Boden entzogen. 2. Als zweite M\u00f6glichkeit bot sich die Aufstellung eigener Kandidaten an, die als sogenannte \"Unabh\u00e4ngige\" auftreten, wie es zu den Landtagswahlen 1958 in Nordrhein-Westfalen und zu den Bundestagswahlen 1961 versucht wurde. Bisher sprechen keine Anzeichen daf\u00fcr, da\u00df die KPD versuchen wird, auch zu den diesj\u00e4hrigen Bundestagswahlen mit eigenen Kandidaten aufzutreten. 3. So bleibt als dritte M\u00f6glichkeit nur, zur Stimmabgabe f\u00fcr eine kommunistische Tarnorganisation - im vorliegenden Falle f\u00fcr die \"Deutsche Friedens-Union\" (DFU) - aufzufordern. Auch hier bestehen allerdings - zumindest in einsichtigen Kreisen der SED/KPD-F\u00fchrung - Bedenken gegen ein allzu starkes Engagement, weil festgestellt wurde, da\u00df die starke Unterst\u00fctzung, die die DFU zu den Bundestagswahlen 1961 erfahren hatte, ihr eher geschadet als gen\u00fctzt hat. Bei dieser Sachlage wundert es nicht, da\u00df die Stellungnahme der SED/KPD zun\u00e4chst noch zur\u00fcckhaltend war. Intern wurden die Mitglieder angewiesen, die Zweitstimme der DFU zu geben, w\u00e4hrend die Erststimme im Einzelfalle auch anderen - sogenannten \"fortschrittlichen\" - Kandidaten gegeben werden kann, wenn hierdurch erreicht wird, den Kandidaten der CDU zu schlagen. Wahlprogramm Die offizielle Stellungnahme der KPD zu den Bundestagswahlen 1965 erfolgte in einem Wahlprogramm, das im April 1965 als Sonderausgabe des KPDZentralorgans \"Freies Volk\" verbreitet wurde und den Titel tr\u00e4gt: \"F\u00fcr eine friedliche und demokratische Bundesrepublik\". Es zeichnet sich durch eine Zur\u00fcckhaltung aus, die selbst unter Ber\u00fccksichtigung der taktischen Schwierigkeiten der KPD bemerkenswert erscheint. Das Wahlprogramm ersch\u00f6pft sich in oft sehr allgemein gehaltener Agitation gegen die Politik der Bundesregierung und der CDU, verbunden mit einer Ablehnung der beiden anderen gro\u00dfen Parteien, enth\u00e4lt jedoch keine konkrete Aussage dar\u00fcber, welcher Partei nun die Stimme des W\u00e4hlers gegeben werden soll. Statt dessen werden die W\u00e4hler aufgefordert, in Versammlungen und Kundgebungen, in pers\u00f6nlichen Aussprachen oder auf andere Weise jedem Kandidaten und jeder Partei folgende drei Fragen vorzulegen: 1. Sind Sie f\u00fcr die Sicherung des Friedens durch Verhinderung einer atomaren Aufr\u00fcstung der Bundesrepublik in jeder Form?","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 8 2. Sind Sie f\u00fcr eine Abr\u00fcstungsinitiative der Bundesrepublik und f\u00fcr die Verwendung der eingesparten Mittel im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interesse des werkt\u00e4tigen Volkes? 3. Sind Sie f\u00fcr den Schutz des Grundgesetzes, f\u00fcr den Ausbau der parlamentarischen Demokratie und darum gegen alle Notstandsgesetze? In diesem Wahlprogramm ist zweierlei bemerkenswert, n\u00e4mlich: 1. Da\u00df es - obwohl die DFU nicht namentlich erw\u00e4hnt wird - genau auf die politische Argumentation der DFU abgestellt ist. Das Wahlprogramm der DFU, beschlossen auf dem Bundesparteitag am 13./14. M\u00e4rz 1965 in Duisburg, erm\u00f6glicht es, alle drei der eben zitierten Fragen positiv zu beantworten. 2. Zum zweiten f\u00e4llt auf, da\u00df das Wahlprogramm von jeglicher Agitation \"entsch\u00e4rft\" ist, die die eigentliche kommunistische Zielsetzung deutlich werden l\u00e4\u00dft. Es konzentriert sich ausschlie\u00dflich auf allgemeine politische Forderungen und umfa\u00dft alle Formen der klassischen kommunistischen B\u00fcndnispolitik. Neben allgemeintaktischen Erw\u00e4gungen d\u00fcrfte das Bem\u00fchen, sich im Hinblick auf die angestrebte Wiederzulassung als demokratische Partei zu pr\u00e4sentieren, hierf\u00fcr bestimmend gewesen sein. 1.1.2 Schwerpunkte der Parteiarbeit Ob die DFU - als einzige kommunistische Tarnorganisation, die zu den Bundestagswahlen auftritt - allerdings wesentliche Erfolge erzielen wird, erscheint mehr als zweifelhaft. Bei den vergangenen Bundestagswahlen konnte die DFU im Bundesgebiet 1,9% der abgegebenen Stimmen auf sich vereinen, in Nordrhein-Westfalen 2%. Alle Anzeichen sprechen daf\u00fcr, da\u00df sie auch in diesem Jahr die 5%-Klausel nicht \u00fc- berspringen wird. Die Tatsache, da\u00df sie bei den Kommunalwahlen 1964 in ganz Nordrhein-Westfalen lediglich 8 kommunale Mandate erringen konnte, die zum Teil noch auf das Konto ihrer Schwesterpartei, der \"Demokratischen W\u00e4hlerUnion\" (DWU) gingen, ist nur ein Indiz f\u00fcr diese Voraussage. So ist denn auch allgemein innerhalb der DFU wenig Zuversicht festzustellen - trotz allem nach au\u00dfen zur Schau getragenen Optimismus. DWU: Bottrop 5% = 2 Mandate Neviges 5% = 1 Mandat DFU: Solingen 6,1% = 3 Mandate Gevelsberg 5,2% = 1 Mandat Gescher 5,98% = 1 Mandat In der - wahrscheinlich vergeblichen - Hoffnung, mehr Resonanz zu gewinnen, versucht die DFU, nach au\u00dfen hin den sogenannten Unionscharakter wieder st\u00e4rker hervortreten zu lassen, um darzutun, da\u00df sich in ihr \"alle echten oppositionellen Kr\u00e4fte\" der Bundesrepublik vereinen. Diesem Ziel diente der Versuch, auch au\u00dferhalb der DFU stehende Pers\u00f6nlichkeiten zur Kandidatur f\u00fcr die DFU zu bewegen, die insbesondere aus Kreisen der oppositionellen Publizistik gewonnen werden sollten. Das Vorhaben blieb jedoch bisher ohne Erfolg. Allerdings sollen sich unter den Direkt-Kandidaten, die inzwischen in allen Wahlkreisen aufgestellt wurden, nach einer Pressenotiz (Aachener-Nachrichten vom 22.6.1965) 25 Nichtmitglieder der DFU befinden. Nach dem Erkenntnisstand des","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 9 Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz kann diese Information zur Zeit weder best\u00e4tigt noch bestritten werden. Demgegen\u00fcber steht jedoch fest, da\u00df ca. 14 der Kandidaten ehemalige KPD-Mitglieder und ca. 37 durch Verbindungen zu kommunistisch beeinflu\u00dften Organisationen oder SBZ-Kontakte in Erscheinung getreten sind. 1.1.3 Unterst\u00fctzung der kommunistischen Aktivit\u00e4t aus der SBZ Noch ein kurzes Wort zur Unterst\u00fctzung der kommunistischen Aktivit\u00e4t aus der SBZ: Da\u00df vor allem die KPD - aber auch ihre Hilfsorganisationen - ihre Kraftreserven aus dem Gebiet jenseits der Demarkationslinie beziehen ist allgemein bekannt und bedarf keiner weiteren Ausf\u00fchrungen. Ich erinnere nur als Beispiel an die systematisch betriebene Schulung von KPD-Funktion\u00e4ren in der SBZ (Jahreslehrg\u00e4nge in der KP-Zentralschule \"Ernst Th\u00e4lmann\" im Edgar-Andre Heim bei GrossD\u00f6lln in der Schorfheide; Wochenund Kurzlehrg\u00e4nge in Oderberg/ Kreis Freienwalde) oder die zahlreichen Propaganda-Veranstaltungen wie die \"Deutschen Arbeiterkonferenzen\" und den zu Pfingsten (5. bis 7.6.1965) durchgef\u00fchrten VII. Deutschen Arbeiterjugendkongress in Magdeburg. (Etwa 1800 Teilnehmer aus der Bundesrepublik). Auff\u00e4llig und erw\u00e4hnenswert ist jedoch, da\u00df sich in letzter Zeit die Einreise von einzelnen Funktion\u00e4ren und Delegationen aus der SBZ zu verst\u00e4rken scheint. So erschienen z.B. FDJ-Gruppen in M\u00fcnster (Kontakte mit SDS-Gruppe M\u00fcnster im Februar, Mai und Juni 1965), D\u00fcsseldorf (Kontakte mit Club 59 am 28.5.1965) und Bonn (3k\u00f6pfige Delegation des FDJ-Zentralrats nahm am Studentenkongre\u00df \"Die Demokratie vor dem Notstand\" am 30.5.1965 teil). Frauendelegationen kamen nach Dortmund (gemeinsame Veranstaltung der IFFF und WFFB im Mai 1965), K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf und zum Bundeskongre\u00df der VVN am 28./30.5.1965 in Duisburg erschien eine Delegation, der u.a. der fr\u00fchere Volksbildungsminister und ein Mitglied des ZK der SED angeh\u00f6rten. Die Beurteilung und Kl\u00e4rung solcher Kontakte im Aufgabenbereich des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz ist besonders schwierig, weil sicherlich nicht grunds\u00e4tzlich alle Ost-West-Kontakte dem Verdacht antidemokratischer Bet\u00e4tigung anheim fallen d\u00fcrfen. Im Gegenteil; sie sind w\u00fcnschenswert, wenn die uns verbliebenen Verbindungen \u00fcber den Eisernen Vorhang hinweg nicht v\u00f6llig abrei\u00dfen sollen. In den genannten F\u00e4llen handelte es sich jedoch s\u00e4mtlich um Kontakte zu Organisationen und Personengruppen, die dem SBZ-Regime sympathisierend gegen\u00fcberstehen. Wenn auch eine endg\u00fcltige Beurteilung noch nicht m\u00f6glich ist, scheint es doch, als ob die Westarbeit durch Entsenden von Funktion\u00e4ren in die Bundesrepublik, die mit Errichtung der Mauer am 13.8.1961 fast v\u00f6llig eingestellt wurde, nunmehr wieder aufzuleben beginnt. 1.1.4 Einsch\u00e4tzung des Linksradikalismus Abschlie\u00dfend zum Gebiet des Linksradikalismus m\u00f6chte ich noch einen grunds\u00e4tzlichen Gedanken herausstellen:","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 10 Bei einer Einsch\u00e4tzung des Linksradikalismus in der Bundesrepublik wird man die Tatsache ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, da\u00df sich gerade im letzten Jahr im sogenannten \"sozialistischen Lager\" Ver\u00e4nderungen vollzogen bzw. fortgesetzt haben, die nicht ohne Einflu\u00df auf die KPD und ihre Hilfsorganisationen geblieben sind. Chruschtschow wurde im Herbst 1964 gest\u00fcrzt. Der machtpolitische und ideologische Konflikt zwischen Moskau und Peking mit seinen permanenten R\u00fcckwirkungen auf den Ostblock hat sich eher vertieft als gemildert. Im unmittelbaren Machtbereich der Sowjets setzt sich - wenn wir an Polen und heute vor allem an Rum\u00e4nien denken - ein bemerkenswerter Differenzierungsproze\u00df fort und auch die kommunistischen Parteien Westeuropas sind bestrebt, zumindest in taktischen Fragen eigenst\u00e4ndige Vorstellungen zu entwickeln. An sich kann man diesen Proze\u00df begr\u00fc\u00dfen, weil er eine Reihe von Ansatzpunkten f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit dem Kommunismus bietet. Es darf aber hierbei keinesfalls \u00fcbersehen werden, da\u00df im Zuge dieser Entwicklung auch das SEDRegime zwangsl\u00e4ufig mehr politische Handlungsfreiheit erhalten hat. Zwar wird man auch f\u00fcr die Zukunft davon ausgehen k\u00f6nnen, da\u00df in den Bereichen der gro\u00dfen Politik, in denen eine unmittelbare Konfrontation mit der Weltmacht USA m\u00f6glich ist, die Sowjetunion sich die Entscheidungen nach wie vor vorbeh\u00e4lt. Unterhalb dieser Ebene aber - d.h. in der Deutschlandfrage und in der politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzung mit der Bundesrepublik - hat die SED heute mehr als bisher freie Hand. (Ich m\u00f6chte die letzten St\u00f6raktionen Ulbrichts gegen West-Berlin als ein Zeichen dieser erweiterten Handlungsfreiheit werten). Die SED aber - und das darf nicht vergessen werden - z\u00e4hlt zu denjenigen kommunistischen Parteien, deren politische Konzeption auch heute noch \u00fcberwiegend stalinistisch ist. Die KPD mu\u00df sich als Werkzeug der SED diesem Kurs zwangsl\u00e4ufig anpassen; ihre faktische Abh\u00e4ngigkeit von der SED l\u00e4\u00dft eine eigene Politik nicht zu. Diese Tatsache zwingt den Verfassungsschutz in unserem Lande auch dann zu erh\u00f6hter Wachsamkeit, wenn sich in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab begr\u00fc\u00dfenswerte Entspannungstendenzen zeigen. Damit m\u00f6chte ich die Darstellung des Linksradikalismus abschlie\u00dfen, um noch kurz einige Erkenntnisse zum Lager des Rechtsradikalismus vorzutragen. 1.2 Rechtsradikalismus Ich darf hier zun\u00e4chst den Bericht des Bundesinnenministeriums \u00fcber den \"Rechtsradikalismus in der Bundesrepublik im Jahre 1964\" in Erinnerung bringen, der Ihnen in seinen wesentlichen Inhalt aus der Presse bekannt sein wird. 1.2.1 Entwicklung des Rechtsradikalismus Wie sich hieraus ergibt, war die Entwicklung des Rechtsradikalismus in zur\u00fcckliegender Zeit durch fortschreitende Zersplitterung und daraus resultierenden Mitgliederschwund gekennzeichnet. Die meisten rechtsextremen Parteien vegetierten au\u00dferhalb des Blickfeldes der \u00d6ffentlichkeit dahin. Versuche, durch intensive","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 11 Werbung f\u00fcr Parteizeitungen und durch eine verst\u00e4rkte Jugendarbeit neue Interessenten zu gewinnen, blieben so gut wie erfolglos. Inzwischen haben mehr oder weniger alle sog. \"F\u00fchrer\" rechtsradikaler Gruppierungen erkannt, da\u00df die alten Argumente und Symbole ihre Zugkraft weitgehend verloren haben und der Rechtsradikalismus ohne eine grundlegende \u00c4nderung der Taktik zur politischen Sterilit\u00e4t verurteilt ist. 1.2.2 Gr\u00fcndung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) Die Konsequenzen aus dieser Einsicht hat als erste die \"Deutsche Reichs-Partei\" (DRP) gezogen, deren Parteivorstand sich auf dem Parteitag 1963 in Karlsruhe eine umfassende Vollmacht f\u00fcr das Zustandebringen einer Sammlungsbewegung erteilen lie\u00df. Nach umfangreichen Vorbereitungen gelang dann am 28.11.1964 in Hannover die Gr\u00fcndung der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD), die in erster Linie von der DRP getragen wird. Im April 1965 konstituierte sich die NPD auch in Nordrhein-Westfalen. Auf dem Landesparteitag in Bergkamen am 25.4.1965 wurde der Vorstand gew\u00e4hlt. 2. Vorsitzender wurde ein DRP-Funktion\u00e4r. Ihr politisches Programm unterbreitete die NPD der \u00d6ffentlichkeit auf ihrem Bundesparteitag, der vom 7. bis 9. Mai 1965 in Hannover stattfand, nachdem vorherige Planungen f\u00fcr Frankfurt/Main und D\u00fcsseldorf an der Raumfrage gescheitert waren. Die NPD setzt sich aus Mitgliedern vor allem der \"Deutschen Reichs-Partei\" (DRP) zusammen, die ihrerseits jedoch bisher als Organisation bestehen geblieben ist. Daneben sind zu ihr Anh\u00e4nger kleinerer rechtsgerichteter Parteien wie der \"Deutschen Partei\" (DP), des \"BHE\", der \"Gesamtdeutschen Partei\" (GDP) und der \"Deutschnationalen Volkspartei\" (DNVP), aber auch Mitglieder anderer Parteien (FDP, CDU) und bisher Parteilose gesto\u00dfen. Parteivorsitzender ist ein Mitglied der DP, der auch der Bremer B\u00fcrgerschaft angeh\u00f6rt; stellvertretender Vorsitzender der DRP-Vorsitzende Adolf von Thadden. In der Gr\u00fcndung dieser Partei wird allgemein ein Versuch der DRP gesehen, sich vom Anschein der Rechtsradikalit\u00e4t zu befreien, um auf diese Weise bei den Bundestagswahlen erfolgreicher abzuschneiden als vor 4 Jahren. Damals erhielt die DRP nur 0,8% der abgegebenen Stimmen. Schl\u00fcsselstellungen im NPD-Bundesvorstand von DRP-Funktion\u00e4ren F\u00fcr die These, die NPD sei im Grunde genommen nur eine Neuauflage der DRP, sprechen einige Umst\u00e4nde: So sind von den 17 Mitgliedern des Bundesvorstandes 8 ehemalige DRPFunktion\u00e4re, 2 Vorstandsmitglieder bet\u00e4tigten sich fr\u00fcher in der als verfassungswidrig verbotenen SRP. Vor allem aber werden alle wichtigen Schl\u00fcsselstellungen im Bundesvorstand (Propaganda, Organisation, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung und Kassenwesen) von DRP-Funktion\u00e4ren gehalten. Das Parteiorgan der NPD, die \"Deutschen Nachrichten\" ist praktisch identisch mit dem ehemaligen \"Reichsruf\" der DRP. Besonders kennzeichnend ist die Zusammensetzung des Pr\u00e4sidiums, des","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 12 politischen F\u00fchrungsorgans der Partei. Mit Ausnahme des Parteivorsitzenden haben alle \u00fcbrigen 8 Pr\u00e4sidiumsmitglieder der NSDAP angeh\u00f6rt, 6 davon als \"Alte K\u00e4mpfer\". Analyse der NPD-Vorst\u00e4nde in NRW Andererseits ist jedoch nicht zu verkennen, da\u00df die NPD beachtlichen Zulauf aus Kreisen erhalten hat, die bisher nicht der DRP oder sonstigen rechtsextremen Organisationen angeh\u00f6rt haben. Eine vorl\u00e4ufige Analyse \u00fcber 218 Vorstandsmitglieder aus 51 Kreisverb\u00e4nden in Nordrhein-Westfalen hat folgendes Bild ergeben: DRP 98 = 45% Sonstige rechtsextreme Organisationen 11 = 5% Bisher nicht einschl\u00e4gig in Erscheinung getreten 109 = 50% 218 = 100% Wenn auch dieses Zwischenergebnis noch nicht als repr\u00e4sentativ gelten kann, so zeigt es doch, da\u00df die Hoffnung ihrer Gr\u00fcnder auf einen Einbruch in die Kreise, die gegenw\u00e4rtig noch au\u00dferhalb des organisierten Rechtsradikalismus stehen, offenbar nicht v\u00f6llig unbegr\u00fcndet ist. Die NPD setzt daher auch alles daran, sich der \u00d6ffentlichkeit als eine Partei darzustellen, in der sich die gesamte sogenannte \"nationale Opposition\" vereinigt und die mit Sicherheit bei den Bundestagswahlen die 5%-Klausel \u00fcberspringen werde. Die Chancen hierf\u00fcr sind allerdings nach wie vor gering. Einmal schon deshalb, weil es der NPD bisher nicht gelungen ist, den gesamten organisierten Rechtsradikalismus, dessen Mitgliederzahl auf etwa 23.000 gesch\u00e4tzt wird, in sich aufzunehmen und so als die eine Dachorganisation aller rechtsextremen Verb\u00e4nde attraktiv zu werden. 1.2.3 Arbeitsgemeinschaft Nationale Politik (ANP) Die im M\u00e4rz 1964 in Kiel gegr\u00fcndete \"Arbeitsgemeinschaft Nationale Politik\" (ANP) beteiligte sich n\u00e4mlich nicht an der geplanten Sammlungsbewegung, da sie der Meinung ist, die Zeit sei hierf\u00fcr noch nicht reif. Ungeachtet des Einigungsrufes der DRP/NPD baute sie eine eigene Organisation auf, dessen am 7.2.1965 in D\u00fcsseldorf gegr\u00fcndeter Landesverband Nordrhein-Westfalen im wesentlichen von der \"Deutschen Freiheits-Partei\" (DFP) getragen wird - dem abgespaltenen \"rechten Fl\u00fcgel\" der DRP. Inzwischen hat die ANP beschlossen, ihre T\u00e4tigkeit bis zu den Bundestagswahlen ruhen zu lassen. 1.2.4 Aktionsgemeinschaft unabh\u00e4ngiger Deutscher (AUD) Inzwischen hat sich noch eine dritte Dachorganisation gebildet, die - im Gegensatz zur ANP - ebenfalls zu den diesj\u00e4hrigen Bundestagswahlen kandidieren will und damit in Konkurrenz zur NPD tritt. Der am 15./16.5.1965 in Bad Homberg gegr\u00fcndeten \"Aktionsgemeinschaft unabh\u00e4ngiger Deutscher\" (AUD) geh\u00f6ren die \"Deutsche Gemeinschaft\" (DG), die national-neutralistische \"Vereinigung Deutsche Nationalversammlung\" (VDNV) und die bereits in der ANP engagierte \"Deutsche Freiheits-Partei\" (DFP) an.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 13 Wie sich nunmehr das Verh\u00e4ltnis der DFP zur ANP entwickeln wird, ist zur Zeit noch v\u00f6llig offen. Sollte die DFP aus der ANP ausscheren, so w\u00e4re die ANP zumindest in Nordrhein-Westalen damit ihrer st\u00e4rksten St\u00fctze beraubt. Andererseits ist durchaus m\u00f6glich, da\u00df DFP und DG versuchen werden, die ANP in ihre Pl\u00e4ne einzubeziehen. Der ANP-Bundesvorsitzende m\u00fc\u00dfte dann allerdings von seiner bisher erkl\u00e4rten Absicht, erst im Jahre 1969 den Sprung in den Bundestag zu versuchen, abgehen. Kaum Aussicht auf Erfolg bei der Bundestagswahl Allerdings wurden die Fusionsversuche der DFP, DG und VDNV zweifellos zu sp\u00e4t vorgenommen, um noch eine politisch gewichtige Organisation hieraus entstehen zu lassen. Die Gr\u00fcndung und Konsolidierung der beabsichtigten Bewegung d\u00fcrfte erheblich mehr Zeit beanspruchen, als bis zu den Bundestagswahlen noch zur Verf\u00fcgung steht. Sollte sich diese Einsicht durchsetzen, so ist nicht auszuschlie\u00dfen, da\u00df die bisher noch abseits stehenden Organisationen sich schlie\u00dflich doch noch in der NPD zusammenfinden, deren Mitgliederstamm dann erheblich verst\u00e4rkt w\u00fcrde. Allerdings l\u00e4\u00dft die in der ANP, der DG und vor allem in der DFP fest verwurzelte Abneigung gegen den DRP-Bundesvorsitzenden von Thadden eine solche L\u00f6sung als nicht wahrscheinlich gelten. Wie immer die Entwicklung auch laufen mag: Es geh\u00f6rt keine Prophetengabe dazu, auch f\u00fcr den unwahrscheinlichen Fall einer Einigung aller rechtsradikalen Organisationen der Sammlungsbewegung kaum eine Chance f\u00fcr die Bundestagswahlen einzur\u00e4umen. Sie w\u00fcrde, um die H\u00fcrde der 5%-Klausel zu \u00fcberspringen, mindestens 1,5 Millionen Stimmen f\u00fcr sich verbuchen m\u00fcssen. Demgegen\u00fcber erscheint die Mitgliederzahl des organisierten Rechtsradikalismus (23.000) doch zu klein. Dies selbst dann, wenn man ber\u00fccksichtigt, da\u00df die rechtsradikale Publizistik - ich erinnere z.B. nur an die \"Deutsche National-Zeitung und Soldaten-Zeitung\" mit einer Auflage von 84.000 Exemplaren - sicherlich das ihre dazu beitragen wird, f\u00fcr die Gedankeng\u00e4nge der \"nationalen Opposition\" zu werben. Voraussetzung hierf\u00fcr ist allerdings, da\u00df es der NPD und den ihr verwandten Organisationen nicht doch noch in letzter Minute gelingt, ihre rechtsradikalen Wurzeln zu verbergen und sich der \u00d6ffentlichkeit als eine demokratisch legitimierte Bewegung zu repr\u00e4sentieren. Ich halte eine solche M\u00f6glichkeit f\u00fcr unwahrscheinlich, aber nicht f\u00fcr unm\u00f6glich. Ihr zu begegnen wird in erster Linie Aufgabe der Politiker sein. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden werden das ihre dazu tun, durch laufende Informationen \u00fcber die weitere Entwicklung erforderliche Abwehrma\u00dfnahmen zu erm\u00f6glichen.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 14 2 Berichterstattung vor dem Hauptausschuss des Landtages NRW (Berichtsstand: 13. Januar 1966) 2.1 Beteiligung rechtsradikaler Parteien an Wahlen Die Wahlen zum F\u00fcnften Bundestag am 19. September 1965 sind ein sehr eindeutiges Bekenntnis der Bev\u00f6lkerung der Bundesrepublik zu unserer demokratischen Staatsform gewesen. Sie waren zugleich eine Absage an alle Parteien rechtsoder linksradikaler Pr\u00e4gung. Ich darf noch einmal in Ihr Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckrufen, da\u00df von den rechtsradikalen Parteien die NPD (DRP) im Bundesgebiet mit 664.187 Zweitstimmen sogar nur 2% der Gesamtstimmenzahl erreichen konnte. Die zweite rechtsradikale Partei, die AUD, hat mit 52.637 Zweitstimmen sogar nur 0,2% der Stimmen erhalten. Insgesamt konnte also das gesamte rechtsradikale Lager in der Bundesrepublik Deutschland lediglich 2,2% W\u00e4hlerstimmen auf sich vereinigen, obwohl ma\u00dfgebende Funktion\u00e4re dieses Lagers in aller \u00d6ffentlichkeit verk\u00fcndet hatten, sie rechneten mit einem Stimmenanteil von 15%. 2.2 Beteiligung linksradikaler Parteien an Wahlen Auch die linksradikale DFU hat am 19.September 1965 eine vernichtende Niederlage hinnehmen m\u00fcssen. W\u00e4hrend es ihr bei den Bundestagswahlen des Jahres 1961 und auch bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen 1962 gelungen war, jeweils wenigstens 2% aller Stimmen zu erhalten, sank ihr Stimmenanteil bei der letzten Bundestagswahl auf 1,3 %. Die Zahl der Stimmen der \u00fcbrigen Parteien auf dem Linkssektor(UAD, FSU) ist \u00fcberhaupt nicht mehr erw\u00e4hnenswert. Sie erreichten noch nicht einmal den zehnten Teil eines Prozents. 2.3 Bundestagswahlergebnisse in NRW Die W\u00e4hler des Landes Nordrhein-Westfalen haben den extremistischen Parteien sogar eine noch deutlichere Absage erteilt. Die NPD erreichte nur 1,1 % die AUD nur 0,1 % beide Parteien also 1,2 % der W\u00e4hlerstimmen. Sie lagen damit um ein volles Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. \u00c4hnlich erging es der DFU. Sie kam hier im Land mit1,3 % der Stimmen nur auf den Bundesdurchschnitt.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 15 2.4 Bewertung So beruhigend vielleicht die Zahlen, die aus dem Ergebnis der Bundestagswahl sprechen, sein m\u00f6gen, man sollte dennoch nicht verkennen, da\u00df - und die Erfahrungen unserer unheilvollen Vergangenheit einerseits und die weltweiten Spannungen des Ost-West-Konflikts der Gegenwart andererseits lehren uns dies - die Bedrohung unserer Demokratie anh\u00e4lt. Wir sind gezwungen, wachsam die Feinde unserer Freiheit zu beobachten, um so dem Willen des Grundgesetzes - keine Freiheit f\u00fcr die Feinde der Freiheit - zu gen\u00fcgen. Und noch ein Zweites m\u00f6chte ich einleitend zu dem Ergebnis der Bundestagswahl im Hinblick auf die genannten Parteien sagen. Die etwa gleiche Anzahl der W\u00e4hlerstimmen auf der rechtsund auf der linksradikalen Seite l\u00e4\u00dft nicht auch auf einen etwa gleichen Grad der Gef\u00e4hrdung, die von beiden Seiten ausgeht, schlie\u00dfen. Je nach der politischen Auffassung und nach pers\u00f6nlichem Erleben oder pers\u00f6nlichen Erfahrungen wird der eine geneigt sein, dem Rechtsradikalismus die gr\u00f6\u00dfere Gef\u00e4hrlichkeit beizumessen, w\u00e4hrend der andere im Linksradikalismus eine schwerwiegendere Gefahr sieht. Auch dem, der von Berufe wegen t\u00e4glich die Erscheinungsformen des politischen Radikalismus zu beobachten hat, f\u00e4llt es nicht leicht, insoweit ein sicheres Urteil zu treffen. Ich darf jedoch zu bedenken geben, da\u00df der Rechtsradikalismus auch heute noch im wesentlichen von den e- wig Gestrigen getragen wird, die ohne erhebliche finanzielle Mittel, ohne jegliche Hilfe vom Ausland her und ohne Zuwachs durch die Jugend ihren Ideen nachh\u00e4ngen. Hinter den Kommunisten in der Bundesrepublik dagegen steht die ganze politische Macht des Ostblocks mit seinen - so scheint es wenigstens - unersch\u00f6pflichen finanziellen Reserven und der Ideologie des Marxismus - Leninismus, gegen die - das ist immer wieder festzustellen - insbesondere auch gewisse, z. Zt. zwar bedeutungslose Kreise unserer Jugend nicht unanf\u00e4llig sind (z.B. Ostermarsch, SDS). Beide Bestrebungen m\u00f6gen z.Zt. keine akute Gefahr f\u00fcr die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland bedeuten, sie bilden jedoch eine latente Gef\u00e4hrdung. In wirtschaftlich schlechten Zeiten hoffen die Funktion\u00e4re aller extremistischen Organisationen auf ihre Sternstunde. Dann kann sowohl der Rechtswie der Linksextremismus zu einer offenen Gefahr f\u00fcr den Bestand unserer Staatsform werden. Nach diesen einleitenden Worten darf ich mir erlauben, auf die wichtigsten Geschehnisse des Jahres 1965 auf rechtswie auf linksradikaler Seite einzugehen. 2.5 Rechtsradikale Sammlungsbestrebungen und Kleingruppen Auf dem rechtsradikalen Sektor verst\u00e4rkten sich im Jahre 1965 die Sammlungsbestrebungen. Das seit Jahren in zahlreichen Parteien, Gruppen und Gr\u00fcppchen zersplitterte sogenannte rechtsradikale Lager ist sich seiner Ohnmacht und ggf. auch Macht bewu\u00dft geworden. Es ist allgemein das Bed\u00fcrfnis festzustellen, sich zusammenzuschlie\u00dfen, um in einer nationalen Aktionseinheit an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Diese Tendenz zeigte sich bereits im Jahre 1964 mit der in Kiel gegr\u00fcndeten \"Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Nationale Politik\" (ANP). Allerdings gelang es dem Vorsitzenden nicht, in gr\u00f6\u00dferem Rahmen eine Einigung herbeizuf\u00fchren. Die ANP blieb bisher v\u00f6llig unbedeutend, weil ihr ein \u00fcberzeugendes Konzept fehlte und nicht zu-","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 16 letzt, weil sie ihre Planungen auf lange Sicht abstellte. In Nordrhein-Westfalen e- xistiert nur noch eine kleine Anh\u00e4ngerschaft. Auch die \"Aktionsgemeinschaft Unabh\u00e4ngiger Deutscher\" (AUD) - ein Zusammenschlu\u00df aus dem Splitterparteien \"Deutsche Gemeinschaft\" (DG), \"Deutsche Freiheitspartei\" (DFP) und der \"Vereinigung deutsche Nationalversammlung\" (VDNV) - fand trotz eines erstaunlichen Werbeaufwandes weder in rechtsgerichteten Kreisen noch in der \u00d6ffentlichkeit die erhoffte Resonanz. Ich habe bereits erw\u00e4hnt, da\u00df die AUD bei der Bundestagswahl nur 52.637 der Stimmen = 0,2 % erzielte. Die besonders in Nordrhein-Westfalen sehr aktiv aufgetretene \"Deutsche Freiheitspartei\" zerf\u00e4llt nunmehr. Sie mu\u00dfte ihr Parteiorgan \"Freie Nation\" wegen zunehmender Verschuldung verkaufen. Die DFP hat vor wenigen Wochen beschlossen, nach au\u00dfen nicht mehr als selbst\u00e4ndige Partei aufzutreten, sondern nur noch als eine Aktionsgruppe innerhalb der AUD. In Nordrhein-Westfalen ist im Augenblick kein echter organisatorischer Zusammenhalt mehr festzustellen. Viele damalige Mitglieder treten der NPD bei, weil sie auch der AUD keine hinreichende Chance einr\u00e4umen. 2.6 Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD) Anders verh\u00e4lt es sich jedoch mit der am 28. November 1964 in Hannover gegr\u00fcndeten \"Nationaldemokratischen Partei Deutschland\" (NPD), die praktisch als Nachfolgeorganisation der inzwischen aufgel\u00f6sten \"Deutschen Reichspartei\" (DRP) anzusehen ist. Ihr ist es unter der aktiven Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des fr\u00fcheren DRP-Vorsitzenden Adolf von Thadden innerhalb eines knappen Jahres gelungen, ca. 15.000 Mitglieder zu erfassen und - wie erw\u00e4hnt - bei der Bundestagswahl 664.187 Stimmen = 2 % zu erhalten. Die Partei hat ihre relative Wahlniederlage verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gut \u00fcberstanden und es mu\u00df damit gerechnet werden, da\u00df sie sowohl im Aufbau als auch bei kommenden Landtagsund Kommunalwahlen weitere Erfolge erzielen wird. Das vor allem, wenn es ihr gelingen sollte, als \"demokratische Alternative auf dem nationalen Sektor\" zu den bestehenden staatstragenden Parteien in das Bewu\u00dftsein der \u00d6ffentlichkeit einzudringen. Darauf will sie ihre geschickt gezielte Werbung konzentrieren, die schon bei der Bundestagswahl beachtlich und spektakul\u00e4r war. Nach au\u00dfen hin m\u00f6chte sie alles vermeiden, was zu einem Verbot bzw. zu einer Abstempelung als reaktion\u00e4re und revanchistische Partei f\u00fchren k\u00f6nnte. Dem Parteipr\u00e4sidium geh\u00f6ren jedoch eine Reihe alter Nationalsozialisten an. Dem Gesellschafterkreis des Parteiorgans \"Deutsche Nachrichten\" (DN) (Auflage ca. 26 - 30.000) geh\u00f6rten bisher nur ehemalige DRP-Funktion\u00e4re an; nunmehr sind jedoch der NPD-Vorsitzende Thielen und ein Mitglied des NPD-Pr\u00e4sidiums einbezogen worden. Offensichtlich aus taktischen Erw\u00e4gungen setzt sich das Parteiorgan DN auch nicht mehr unmittelbar mit Fragen der \"Bew\u00e4ltigung der Vergangenheit\" im nationalistisch verstandenen Sinne auseinander, \u00fcberl\u00e4\u00dft dieses vielmehr der im wesentlichen unter gleicher Federf\u00fchrung erscheinenden \"Deutschen","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 17 Wochenzeitung\" (DWZ) (Auflage ca. 28.000), zu deren Redaktionsstab ebenfalls \u00fcberwiegend ehemalige Nationalsozialisten geh\u00f6ren, die sich ehedem an f\u00fchrender Stelle (Reichsleitung, Propagandaministerium usw.) bet\u00e4tigt haben. Stets wird mit viel demagogischem Geschick taktiert und argumentiert. Es kann mit einiger Wahrscheinlichkeit wohl schon jetzt gesagt werden, da\u00df sich die NPD zu einem Sammelbecken des bisher zersplitterten Rechtsradikalismus entwickeln wird. Das zeigen die Mitgliederbewegungen - besonders auch nach der Bundestagswahl. 2.7 NPD in NordrheinWestfalen In Nordrhein-Westfalen konnte die NPD bisher noch keine besonderen Erfolge verbuchen. Ich betonte bereits, da\u00df sie bei der Bundestagswahl nur 110.299 = 1,1 % der abgegebenen Zweitstimmen erhielt. Ihren Mitgliederbestand hat sie bei ca. 50 Kreisverb\u00e4nden bisher nicht \u00fcber 3.000 steigern k\u00f6nnen. Es bestehen offensichtlich interne F\u00fchrungsk\u00e4mpfe, die sich bisher auf die Entwicklung hemmend ausgewirkt haben. Der Landesverband beabsichtigt einstweilen nicht, sich an der Landtagswahl 1966 zu beteiligen. Die endg\u00fcltige Entscheidung hier\u00fcber d\u00fcrfte jedoch erst fallen, wenn das Ergebnis der Landtagswahl in Schleswig-Holstein, der Senatswahl in Hamburg und der Kommunalwahl in Bayern im Fr\u00fchjahr 1966 feststeht. Die \u00fcbrigen rechtsradikalen Parteien sind, soweit sie in Nordrhein-Westfalen ihren Sitz haben oder sich hier bet\u00e4tigen (z.B. FSVP = 80 Mitglieder, DG = ca. 500 Mitglieder in NW), mehr oder weniger bedeutungslos. 2.8 Nationalistische Publizistik Auf dem Gebiete der nationalistischen Publizistik lag auch im Jahre 1965 ein besonderer Schwerpunkt. In der Bundesrepublik befassen sich etwa 40 bis 50 organisationsungebundene Verlage und Buchdienste - zumindest teilweise - mit der Herausgabe oder Verbreitung rechtsextremer Publizistik. Nordrhein-Westfalen schneidet hierbei insofern g\u00fcnstig ab, als in diesem Lande nur 3 bedeutungslose Verlage bzw. Buchdienste ihren Sitz haben. Zu diesen etwa 40 bis 50 organisationsungebundenen Verlagen und Buchdiensten kommen etwa 10 freie Verlage mit regelm\u00e4\u00dfig erscheinenden Wochenzeitungen, Magazinen und Informationsdiensten. Weiter hinzuzurechnen sind die Organe und Schriften von einschl\u00e4gigen Organisationen, die allerdings durchweg nur in einer geringen Auflage f\u00fcr die Mitgliederschaft herausgegeben werden. Im Jahre 1965 d\u00fcrfte der Publikationsumschlag - von dem auch NordrheinWestfalen betroffen wird - voraussichtlich wiederum gestiegen sein. Vor allem bei der \"Deutschen National-Zeitung und Soldaten-Zeitung\" (DNZSZ), deren regelm\u00e4\u00dfige Druckauflage nunmehr zwischen 90.000 und 100.000 Exemplaren liegt. Die Staatsschutzorgane m\u00fcssen diese Entwicklung durchweg hinnehmen, da sie im Rahmen der weitgesteckten Pressefreiheit mit den gegenw\u00e4rtigen Strafbestimmungen nur schwer einged\u00e4mmt werden kann. Wo Straftatbest\u00e4nde erf\u00fcllt schienen, wurde die Staatsanwaltschaft jeweils unterrichtet. Es unterliegt keinem Zweifel, da\u00df gewisse Organe unter geschickter Ausnutzung der Pressefreiheit der Bundesrepublik im Inund Ausland schaden. Sie zielen in","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 18 ihrer Berichterstattung offensichtlich darauf ab, Emotionen zu wecken und Hassgef\u00fchle aufrechtzuerhalten. Alles in allem liegt in der rechtsextremen Publizistik - eingeschlossen die Kriegsund sonstigen Memoirenliteratur - zwar keine akute, aber auf lange Sicht doch eine potentielle Gefahr, die niemand im voraus kalkulieren kann. Auch unter den obwaltenden stabilen Verh\u00e4ltnissen in der Bundesrepublik sollte sie ernst genommen werden. 2.9 Weitere rechtsradikale Organisationen Als weitere Erscheinungsform auf dem nationalistischen Sektor sind die etwa 50 bis 60 rechtsradikalen Organisationen zu erw\u00e4hnen, deren Schwerpunkte - soweit sie bedeutsam sind - zwar nicht in Nordrhein-Westfalen liegen, die sich jedoch auch hier teilweise mehr oder weniger stark bemerkbar machen. Ich darf mich darauf beschr\u00e4nken, auf diese Organisationen nur einzugehen, soweit sie auf kulturellem Gebiet und auf dem Gebiet der Jugendarbeit t\u00e4tig werden. Von den zahlreichen kulturellen Organisationen, die sich u.a. der Pflege \"deutscher Wesensart\" annehmen, w\u00e4re das \"Deutsche Kulturwerk Europ\u00e4ischen Geistes\" (DKEG) zu nennen. Es ist hinreichend bekannt, da\u00df die etwa 50 Pflegest\u00e4tten im Bundesgebiet - davon 17 in Nordrhein-Westfalen - zu einem gro\u00dfen Teil von alten NS-Parteimitgliedern geleitet und die Veranstaltung bevorzugt auch von solchen besucht werden. Die Gesamtmitgliederzahl in der Bundesrepublik d\u00fcrfte zwischen 1.500 und 2.000 liegen (NRW etwa 1/10). Im Jahre 1965 wurde ein \"Arbeitskreis Volkstreuer Verb\u00e4nde\" (AVV) gegr\u00fcndet, der als Dachorganisation gedacht ist und den Einwirkungsbereich des DKEG verbreitern soll. Die einschl\u00e4gigen Jugendund Studentenorganisationen entfalteten im Jahre 1965 keine nennenswerte T\u00e4tigkeit, schrumpften vielmehr stark zusammen. In den nur noch bestehenden ca. 10 Verb\u00e4nden sind weniger als 1.000 Mitglieder erfa\u00dft. Hier haben sich besonders die Verbote und Uniformverbote der letzten Jahre ausgewirkt. In Nordrhein-Westfalen gibt es keine eigenst\u00e4ndige nationalistische Jugendbewegung mehr; jedoch sind Mitglieder \u00fcberregionaler Jugendorganisationen auch hier ans\u00e4ssig und treten gelegentlich bei Veranstaltungen hervor (WikingJugend, Bund Heimattreuer Jugend, Kameradschaftsring Nationaler Jugend usw.). 2.10 Rechtsradikale Soldatenverb\u00e4nde Von den als einschl\u00e4gig anzusehenden Soldatenverb\u00e4nden d\u00fcrfte besonders die HIAG interessieren. Ihr Mitgliederbestand ist inzwischen auf unter 5.000 gesunken. Die Zeitschrift \"Der Freiwillige\" kann nur noch in einer Auflage von etwa 9.000 Exemplaren abgesetzt werden. Die HIAG-F\u00fchrung beteuert immer wieder, den demokratischen Staat zu bejahen und es gehe ihr lediglich um eine Rehabilitierung der k\u00e4mpfenden Truppe. Es konnte tats\u00e4chlich auch festgestellt werden, da\u00df die F\u00fchrung radikalen Tendenzen entgegentrat. Die Veranstaltungen, u.a. in Rendsburg, unterlagen - wie immer - einer unterschiedlichen Kritik. Hervorzuheben ist, da\u00df fast an jeder gr\u00f6\u00dferen \u00f6ffentlichen Veranstaltung Abgeordnete aller politischen Parteien teilnahmen. Es konnte nicht festgestellt werden, da\u00df die HIAG ihren Mitgliedern im Bundestagswahlskampf 1965 irgendeine Partei besonders","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 19 empfohlen hat. - Gleichwohl mu\u00df die weitere Entwicklung beachtet werden, zumal einige mittlere Funktion\u00e4re mit dem \"weichen\" Kurs der HIAG-Bundesf\u00fchrung nicht einverstanden sind. Im Gegensatz zur HIAG vertritt der etwa 300 Mitglieder z\u00e4hlende \"Reichsverband der Soldaten\" (RdS), der sich als \"nationaler Kampfverband\" bezeichnet, vorwiegend politische Thesen, wobei die Themen zur Frage der \"Bew\u00e4ltigung der NSVergangenheit\" den breitesten Raum einnehmen. Der von einem ehem. SSOberf\u00fchrung geleitete RdS setzt sich f\u00fcr die \"geschichtliche Wahrheit\" im Sinne einer Rechtfertigung der nazistischen Vergangenheit und den \"Reichsgedanken\" ein. Demgegen\u00fcber werden soziale Belange des Verbandes als zweitrangig erkl\u00e4rt. In dem Verbandsorgan \"Soldat und Reich\" (Auflage etwa 600 Exemplare) und den \"Kameradschaftsbriefen\" wird das Hitler-Regime unverh\u00fcllt verherrlicht und die heutige Staatsform in der Bundesrepublik angegriffen. W\u00e4hrend die F\u00fchrung des RdS sich offiziell zur Bundestagswahl 1965 nicht \u00e4u\u00dferte, empfahlen \u00f6rtliche Funktion\u00e4re ihren Mitgliedern, die NPD zu w\u00e4hlen. Der RdS unterh\u00e4lt enge Beziehungen zum \"Deutschen Kulturwerk Europ\u00e4ischen Geistes\" (DKEG) und will k\u00fcnftig in dem geplanten v\u00f6lkisch-nationalen Jugendarbeitskreis mitarbeiten. 2.11 St\u00f6rund Schmieraktionen Der internationale Faschismus wirkt sich nur am Rande nach Nordrhein-Westfalen aus, wie bspw. bei einer Person aus Aachen, die mit Unterst\u00fctzung der \"Europafront\" an zahlreiche Bundestagsabgeordnete mit einem Hakenkreuz versehene Flugbl\u00e4tter versandte, in denen die Todesstrafe f\u00fcr den Fall angedroht wurde, da\u00df sie f\u00fcr eine Verl\u00e4ngerung der Verj\u00e4hrung stimmen w\u00fcrden. Diese Person konnte mit Hilfe des Verfassungsschutzes gestellt werden und wurde inzwischen vom Landgericht in K\u00f6ln verurteilt. Die antisemitischen und neonazistischen Schmierund St\u00f6raktionen waren 1965 nicht wesentlich st\u00e4rker als in fr\u00fcheren Jahren. Hervorzuheben ist jedoch, da\u00df die Bamberger Aff\u00e4re - \u00e4hnlich wie 1959 die Synagogensch\u00e4ndung in K\u00f6ln - wegen ihrer Publizierung eine gewisse Kettenreaktion ausgel\u00f6st hat. Vor allem bei den jugendlichen T\u00e4tern waren die Motive aber unterschiedlichster Art. 2.12 Schlu\u00dfbemerkung zum Rechtsradikalismus Das trotz dieser F\u00fclle an Tatbest\u00e4nden f\u00fcr das Land Nordrhein-Westfalen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig positive Ergebnis d\u00fcrfte - jedenfalls zu einem betr\u00e4chtlichen Teil - darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, da\u00df die Staatsschutzorgane im Lande die nationalistischen Au\u00dfenseiter der Demokratie nicht aus den Augen gelasen haben. Es wirken sich sowohl die verschiedenen Verbote der vergangenen Jahre wie auch die Strafanzeigen im Falle von Gesetzes\u00fcbertretungen, die \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen, die Versagung \u00f6ffentlicher R\u00e4ume f\u00fcr Veranstaltungszwecke usw. aus. Das Jahr 1966 wird zeigen, ob sich die vom nationalistischen Lager angestrebte Konzentration fortsetzt. Selbst wenn das der Fall w\u00e4re, w\u00fcrde sich eine unmittel-","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 20 bare Gefahr f\u00fcr die Bundesrepublik daraus wohl nicht herleiten, da die Anh\u00e4ngerschaft rechtsradikaler Gedankeng\u00e4nge zu gering erscheint und es sich teilweise auch um ein Generationsproblem handeln d\u00fcrfte. Man wird die als l\u00e4stige Randerscheinung der Demokratie zu verstehende T\u00e4tigkeit der in Betracht kommenden Kr\u00e4fte aber im Rahmen der gegebenen M\u00f6glichkeiten einengen und ihr auch weiterhin intensiv entgegenwirken m\u00fcssen. Das ist eine vielseitige Aufgabe nicht nur des Staates, sondern auch der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. 2.13 Linksradikalismus Erlauben Sie mir, da\u00df ich mich nunmehr dem Linksradikalismus zuwende. Er bildet, soweit es sich um die \u00dcberwachung politisch-subversiver Bestrebungen handelt, nach wie vor den Schwerpunkt unserer Arbeit - genauer gesagt; die Arbeit der KPD und ihrer Hilfsorganisationen in der Bundesrepublik und die umfangreiche Unterst\u00fctzung aus der SBZ, die die SED ihren Satelliten gew\u00e4hrt. 2.14 Kommunistische Partei Deutschland (KPD) Im Mittelpunkt der linksradikalen Bestrebungen in unserem Land steht auch heute die illegale KPD. Sie ist der Tr\u00e4ger der gesamten kommunistischen Arbeit in der Bundesrepublik. Sie hat daher nicht nur die Funktion, die fr\u00fcheren Mitglieder der Partei zusammenzufassen, neue - m\u00f6glichst j\u00fcngere - Mitglieder zu werben und nach au\u00dfen hin kommunistische Politik zu betreiben; zumindest ebenso wichtig ist ihre Aufgabe, die verschiedenen im Bundesgebiet existierenden kommunistischen Hilfsorganisationen anzuleiten und die Unterwanderung nichtkommunistischer Organisationen zu lenken. In dieser T\u00e4tigkeit handelt die KPD nach den Weisungen ihrer F\u00fchrungsspitze, des Zentralkomitees in Ostberlin, und auf der Grundlage der von der SED entwickelten \"Generallinie\". Sie geht von der These aus, da\u00df in der Bundesrepublik der Monopol-Kapitalismus sich mit den Organen der Staatsgewalt zu einem \"Staatsmonopolitischen\" Machtgebilde verschmolzen habe, dessen Politik nicht nur im Widerspruch zu den Interessen der Arbeiterschaft, sondern der \u00fcberwiegenden Mehrheit der Bev\u00f6lkerung - bis hinein in die Kreise des nichtmonopolitischen B\u00fcrgertums - stehe. Die in dieser Generallinie begr\u00fcndete taktische Linie ist deshalb so angelegt, da\u00df sie - unter geschickter Anpassung an die jeweilige Tagespolitik und unter Ausnutzung m\u00f6glichst allgemein zug\u00e4nglicher Losungen wie Frieden, soziale Sicherheit usw. - breite Kreise der Bev\u00f6lkerung anzusprechen versucht. Die Kommunisten gehen davon aus, da\u00df das kapitalistische System in der Bundesrepublik mit seiner Entwicklung zum staatsmonopolitischen Kapitalismus seine h\u00f6chste Stufe und damit sein Endstadium erreicht habe. Nach ihrer Auffassung wird sich der \u00dcbergang vom Kapitalismus zum Sozialismus in naher Zukunft vollziehen. Allerdings ist dieser Entwicklungsproze\u00df mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, weil die herrschende Ausbeuterschicht ihre Macht nicht freiwillig abgibt und die breiten Bev\u00f6lkerungsschichten die Entwicklungstendenzen zu einer neuen Gesellschaftsordnung auf Grund ihrer \"Bewu\u00dftseinslage\" im Augenblick noch nicht zu erkennen vermag.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 21 2.15 Schwerpunkte der Politik der KPD Die Politik der KPD ist deshalb durch folgende Schwerpunkte gekennzeichnet: 1. Die Notwendigkeit des Fortbestandes der KPD als der Partei der Arbeiterklasse, die unverr\u00fcckbar auf dem Boden des Marxismus/Leninismus steht, also an den Prinzipien der proletarischen Revolution, der Diktatur des Proletariats und des demokratischen Zentralismus festh\u00e4lt. Der Kampf um die Wiederzulassung der KPD wird daher grunds\u00e4tzlich unter Beibehaltung der bisherigen Zielsetzung gef\u00fchrt. Kompromi\u00dfvorschl\u00e4ge, werden als ein Versuch zur\u00fcckgewiesen, die \"Avantgarde\" der Arbeiterklasse in der Bundesrepublik auf eine antimarxistische Position zu bringen (Erkl\u00e4rung des Polit-B\u00fcros des ZK der KPD vom 20.12.1965). 2. Unl\u00f6sbare Verbundenheit mit dem sogenannten \"sozialistischen Lager\", weil nur eine echte kommunistische Partei die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge in der k\u00fcnftigen Entwicklung zu \u00fcbersehen und die ausgebeuteten Volksmassen zu f\u00fchren vermag. 3. Anerkennung der f\u00fchrenden Rolle der KPdSU innerhalb des sozialistischen Lagers - also Ablehnung des chinesischen Standpunktes als \"linkssektiererisch\" - und der SED im nationalen Rahmen. Der Weg der \"DDR\", insbesondere die von der SED festgelegten Etappen auf dem Weg zum Sozialismus, werden als beispielhaft f\u00fcr die k\u00fcnftige Entwicklung in der Bundesrepublik angesehen. 4. \u00dcberwindung der politischen Spaltung der Arbeiterschaft durch die Politik der \"Aktionseinheit der Arbeiterklasse\". Das bedeutet, da\u00df die Infiltrationsarbeit der KPD sich auch weiterhin vorzugsweise gegen die SPD und vor allem die Gewerkschaften richtet. Veranla\u00dft durch die bisherigen Mi\u00dferfolge ist die KPD dazu \u00fcbergegangen, alle Meinungsverschiedenheiten zur\u00fcckzustellen und die angeblich gemeinsamen Anliegen in den Vordergrund zu r\u00fccken. Auf der 6. Tagung des Zentralkomitees, die im November 1965 stattfand, wurden die Funktion\u00e4re der KPD angewiesen, bei Diskussionen mit Gewerkschaftern entgegenkommend zu argumentieren und alles zu vermeiden, was die \"Aktionseinheit\" negativ beeinflussen k\u00f6nnte. Unter Zur\u00fcckstellung strittiger Grundsatzfragen soll sich die Diskussion auf aktuelle Tagesereignisse (K\u00fcndigung von Lohntarifen, drohende Kurzarbeit, Preissteigerung usw.) konzentrieren. 5. \u00dcber die Aktionseinheit hinaus: Zusammenschlu\u00df aller antimonopolitischen Kr\u00e4fte zu einer breiten Volksbewegung f\u00fcr die Erhaltung des Friedens und die Sicherung der b\u00fcrgerlichen Demokratie; d.h. die erkl\u00e4rte grunds\u00e4tzliche Bereitschaft der KPD, mit allen oppositionellen Kreisen in der Bundesrepublik \"ein St\u00fcck Weges gemeinsam\" zu gehen - selbstverst\u00e4ndlich unter Aufrechterhaltung des F\u00fchrungsanspruches der KPD. 2.16 Die KPD im Untergrund Die Organisation der KPD arbeitet heute im 10. Jahre im Untergrund - in der \"Illegalit\u00e4t\", wie die Kommunisten bezeichnenderweise selbst sagen (Urteil des Bundesverfassungsgerichts: 17.8.1956).","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 22 Ihr Bestand wird zur Zeit auf etwa 7.000 - 8.000 Mitglieder gesch\u00e4tzt; eine relativ kleine Zahl, wenn man sie absolut nimmt, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig bedeutend hingegen, wenn man bedenkt, da\u00df es sich hier um eine straff gegliederte und autorit\u00e4tsh\u00f6rige Organisation handelt, deren Arbeitstaktik in 10-j\u00e4hriger Untergrundarbeit sich immer mehr verbessert hat. Gleichwohl ist die KPD st\u00e4ndig bem\u00fcht, ihren Mitgliederbestand zu vergr\u00f6\u00dfern. Dem dienten das Ihnen sicherlich bekannte \"Parteiaufgebot\" vom 1.1. - 31.12.1962, mit dem 3.000 neue Mitglieder gewonnen werden sollten und das von Mai 1964 bis zum 15. Januar 1965 durchgef\u00fchrte \"Karl-Liebknecht-Aufgebot\" (Ermordung Karl Liebknechts: 15.1.1919), das der KPD 2.000 neue Mitglieder zuf\u00fchren sollte. Nach neuesten Informationen soll Anfang d.J. ein weiteres Aufgebot anlaufen, \u00fcber das Einzelheiten noch nicht bekannt geworden sind. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, da\u00df auch hier die Mitgliederwerbung im Vordergrund stehen wird. 2.17 Kampf um die Aufhebung des KPD-Verbotes In diesem Zusammenhang ist eine weitere \"Aktion\" zu erw\u00e4hnen, die der Festigung der Organisation dient: Auf der 6. Tagung des Zentralkomitees der KPD (November 1965) wurde beschlossen, anl\u00e4\u00dflich des 10. Jahrestages des KPD-Verbotes (17.8.1966) einen \"Kampffonds\" zur St\u00e4rkung des Kampfes um die \"Legalit\u00e4t\" der Partei zu schaffen. Der Beschlu\u00df des Zentralkomitees ist in der Januar-Ausgabe 1966 des KPDZentralorgans \"Freies Volk\" ver\u00f6ffentlicht worden und verpflichtet jedes Mitglied, \"in den sieben Monaten bis zum 10. Jahrestag des Verbots 50,DM f\u00fcr den Kampffonds zu sammeln\". Dar\u00fcber hinaus ruft das Zentralkomitee dazu auf, \"unsere Bem\u00fchungen zu verst\u00e4rken, damit jedes Mitglied es als eine Ehrenpflicht betrachtet, seinen Parteibeitrag regelm\u00e4\u00dfig und in voller H\u00f6he zu entrichten\". Ganz offenbar soll dieser Beschlu\u00df weniger den Zweck verfolgen, die finanziellen Mittel der KPD zu erh\u00f6hen. Das derzeitige Beitragsaufkommen der KPD (3,bis 4,DM je Mitglied) deckt nur einen sehr geringen Teil des tats\u00e4chlichen Aufwandes, der monatlich mehrere Millionen DM betragen d\u00fcrfte. Auch der \"Kampffonds\", selbst wenn er 100.000,DM erbringen sollte, w\u00fcrde diese Situation nur unwesentlich ver\u00e4ndern. 2.18 Finanzierung und Anleitung der KPD durch die SED In Wahrheit d\u00fcrfte hinter dem Beschlu\u00df die Absicht der KPD-F\u00fchrung stehen, die Mitglieder durch regelm\u00e4\u00dfige Beitragszahlung und zus\u00e4tzliche Spenden mehr an die Organisation zu binden und das \"Solidarit\u00e4tsbewu\u00dftsein\" zu erh\u00f6hen. Dar\u00fcber hinaus soll hiermit die finanzielle Unterst\u00fctzung der KPD durch die SED, die den gr\u00f6\u00dften Teil des Aufwandes bestreitet, verschleiert werden.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 23 2.19 Nordrhein-Westfalen Schwerpunkt der KPD-Arbeit Das Land Nordrhein-Westfalen als das industriereichste und bev\u00f6lkerungsreichste Land der Bundesrepublik bildet in der Arbeit der KPD selbstverst\u00e4ndlich einen besonderen Schwerpunkt. Das war schon in der legalen Zeit so und gilt heute unver\u00e4ndert. Wie stark die Konzentration der Kommunisten auf unser Land ist, ergibt sich z.B. daraus, da\u00df die H\u00e4lfte aller Mitglieder der illegalen KPD in Nordrhein-Westfalen zu Hause ist. Dementsprechend stammen auch die H\u00e4lfte der Mitglieder des PolitB\u00fcros, des \"Gehirns der KPD\", aus Nordrhein-Westfalen. In gleicher Weise bestehen in Nordrhein-Westfalen - im Vergleich zu anderen Bundesl\u00e4ndern - vier der insgesamt sechzehn KPD-Bezirksleitungen, die h\u00f6chsten Instanzen der KPD im Bundesgebiet unterhalb der in Ostberlin arbeitenden F\u00fchrungsspitze, n\u00e4mlich 1. Niederrhein (in etwa Regierungsbezirk D\u00fcsseldorf ohne die St\u00e4dte des Ruhrgebiets, daf\u00fcr Teile des Reg.-Bezirks Arnsberg); 2. Mittelrhein (Reg.-Bez. K\u00f6ln und Aachen, Teile des Reg.-Bezirks Arnsberg); 3. Ruhrgebiet (umfa\u00dft das Ruhrgebiet und den westlichen Teil des Reg.-Bezirks M\u00fcnster); 4. Westfalen-Ost (Reg.-Bezirk Detmold, \u00f6stlicher Teil der Reg.-Bezirke M\u00fcnster und Arnsberg). Eine genauere Abgrenzung des r\u00e4umlichen Wirkungsbereichs der Bezirksleitungen ist z. Zt. noch nicht m\u00f6glich, da Erkenntnisse hier\u00fcber nat\u00fcrlich nur sehr schwer zu erlangen sind. Im \u00fcbrigen scheinen die Grenzen verschiedentlich ge\u00e4ndert zu werden, je nach den Bed\u00fcrfnissen der Tagespolitik und der personellen Situation in den F\u00fchrungskadern. Organisation und Zusammensetzung der F\u00fchrungskader Die \"Bezirksleitungen\" setzen sich in der Regel aus mindestens 3 Funktion\u00e4ren zusammen. Die Nr. 1 ist der politische F\u00fchrungsmann, Nr. 2 ist f\u00fcr Agitation und Propaganda und damit f\u00fcr den gesamten Literaturvertrieb verantwortlich, w\u00e4hrend der Nr. 3 die Anleitung der Hilfsorganisation und der Infiltrationsarbeit, insbesondere die sogenannte \"Gewerkschaftsarbeit\", obliegt. Die n\u00e4chste Instanz unterhalb der Bezirksleitungen bilden die Kreisleitungen. Zur Zeit sind in Nordrhein-Westfalen 15 solcher Kreisleitungen erkannt, weitere 11 werden vermutet (gesch\u00e4tzte Gesamtzahl in NW: etwa 50 - 60). Die Verbindung zu den Bezirksleitungen wird durch \"Instrukteure\", auch \"Berater\" genannt, aufrechterhalten. Nach dem KPD-Statut sind als Zwischeninstanz zwischen Bezirken und Kreisen noch sogenannte \"Gebietsleitungen\" vorgesehen, die jedoch in NordrheinWestfalen bisher nicht mit Sicherheit erkannt wurden. Wahrscheinlich werden die Funktionen der Gebietsleitungen von einigen Beratern mit wahrgenommen - eine Folge des allgemeinen Kadermangels in der KPD. Unterhalb der Kreisleitungen bestehen die sogenannten \"Grundeinheiten\", d.h. Betriebsgruppen und Wohngebietsgruppen. Ihre Kl\u00e4rung ist besonders schwierig,","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 24 weil sie sich h\u00e4ufig nur aus sehr wenigen Personen zusammensetzen und deshalb sehr schwer anzusprechen sind. Zur Zeit sind in Nordrhein-Westfalen 20 Betriebsgruppen erkannt, in weiteren 53 Betrieben werden solche Gruppen vermutet (gesch\u00e4tzte Gesamtzahl in NW: etwa 120. Hinzu kommen etwa 35 Betriebe, in denen KPD-St\u00fctzpunkte - meist nur sehr wenige Einzelpersonen ohne feste Organisation - bestehen. Obwohl relativ wenige Grundeinheiten erkannt werden konnten, darf ihre Gesamtzahl doch nicht untersch\u00e4tzt werden. Um ein Beispiel zu nennen: Das Gebiet einer Gro\u00dfstadt im Ruhrgebiet ist in 6 Stadtteilleitungen gegliedert, die wiederum in Wohngebietgruppen unterteilt sind. Allein ein Stadtteil umfa\u00dft z.B. 8 Wohngebietsgruppen, davon 2 noch im Aufbau befindlich. Ich erw\u00e4hne dieses Beispiel um darzutun, da\u00df fehlende Erkenntnism\u00f6glichkeiten nicht zu einer Untersch\u00e4tzung der Gesamtst\u00e4rke der KPD f\u00fchren d\u00fcrfen. 2.20 Publikationen - Literatur - Schulung Neben der eigentlichen politischen Organisation spielt der Lit.-Vertriebs-Apparat eine besondere Rolle, in erster Linie, um die Mitglieder mit Schulungsmaterial zu versorgen. Er wird relativ oft umgebaut, seine Kl\u00e4rung ist daher besonders schwierig. Der Zentrale Apparat versorgte Nordrhein-Westfalen bis etwa Juli 1965 monatlich mit etwa 6.000 Exemplaren des KP-Zentralorgans \"Freies Volk\" und in zweimonatigem Rhythmus mit etwa 2.500 Exemplaren des Schulungsbriefes \"Wissen und Tat\". Nordrhein-Westfalen bildete hierbei einen eigenen Verteilungsraum, vermutlich mit einer eigenen Druckerei f\u00fcr \"Freies Volk\". Etwa im Juni vergangenen Jahres ist die Verteilungstechnik des zentralen Apparates umgestellt worden - offensichtlich aus der Erkenntnis heraus, da\u00df das bisher ge\u00fcbte \"von Hand zu Hand-System\" zuviel Ansatzpunkte f\u00fcr Ma\u00dfnahmen des Verfassungsschutzes und der Strafverfolgungsbeh\u00f6rden bot. Man ging nunmehr dazu \u00fcber, an Hand von Adressenlisten, die beim Zentralkomitee der KPD in Ostberlin zusammengestellt wurden, das Material mit der Post zu schicken. An die Stelle des Kuriers trat also der Brieftr\u00e4ger der Deutschen Bundespost. Allerdings zeigte auch dieses System alsbald seine erheblichen M\u00e4ngel. Durch Observationen von Verfassungsschutz\u00e4mtern gelang es, am 31.10.1965 in Schleswig-Holstein einen KPD-Funktion\u00e4r zu stellen, in dessen Besitz sich 2.700 bereits adressierte Briefsendungen befanden. Fast die H\u00e4lfte dieser Briefe -1.126waren \u00fcbrigens an Empf\u00e4nger in Nordrhein-Westfalen gerichtet, ein weiterer Hinweis auf die besondere Bedeutung unseres Landes in der kommunistischen Arbeit. Wenn auch diese Sendungen keine Grundlage f\u00fcr strafrechtliche Ma\u00dfnahmen gegen die Empf\u00e4nger bieten, sind sie doch in nachrichtendienstlicher Hinsicht von erheblichem Wert, weil sie eine gute \u00dcbersicht \u00fcber den in der illegalen KP t\u00e4tigen Personenkreis geben. Das hat, wie geheime Informationen erkennen lassen, auch die KPD erkannt und es wird daher abzuwarten sein, ob sie wieder zu ihrer alten Verteilungstechnik zur\u00fcckkehrt.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 25 Neben dem zentralen Material wird \u00f6rtliches Material verteilt, das meist in Eigenfabrikation primitiv hergestellt wird und auch f\u00fcr Au\u00dfenstehende bestimmt ist. Hierzu z\u00e4hlen einmal die Kreisund Ortszeitungen, von denen seit dem KPDVerbot 41 erschienen sind. Sie treten seit 1963 jedoch nicht mehr in Erscheinung. 2.21 Kommunistische Betriebsarbeit - Betriebszeitungen Wichtiger sind die Betriebszeitungen, von denen seit dem KPD-Verbot 122 erfa\u00dft wurden. Im Jahre 1963 erschienen 40, im Jahre 1964 35 und im Jahre 1965 insgesamt 13 verschiedene Betriebszeitungen .Hier ist also ein deutlicher R\u00fcckgang festzustellen. Die Partei-Arbeit richtet sich im wesentlichen auf 2 Schwerpunkte: Einmal auf die Werbung neuer Mitglieder - ich habe dies bereits vorhin erw\u00e4hnt - und zum anderen auf die systematische Schulung vor allem der Funktion\u00e4re, weil unter den Bedingungen der Illegalit\u00e4t nur ein gr\u00fcndlich geschulter Kommunist wirksame politische Arbeit leisten kann. 2.22 Schulung Ein wirksames Schulungsmittel ist der Vertrieb des schon erw\u00e4hnten zentralen Schrifttums. Hierin ist auch der Grund daf\u00fcr zu suchen, da\u00df die KPD trotz zahlreicher R\u00fcckschl\u00e4ge durch Polizeiaktionen den Literaturvertriebsapparat immer wieder aufzubauen versucht. Die zweite Form ist die Individualschulung des einzelnen Funktion\u00e4rs und Mitglieds in Seminaren und Lehrg\u00e4ngen. Allerdings setzen hier die Bedingungen der Illegalit\u00e4t erhebliche Grenzen. Die KPD kann daher Schulungsseminare in der Bundesrepublik nur in sehr kleinem und nicht ausreichendem Ma\u00dfe durchf\u00fchren. Die eigentliche Schulungsarbeit wurde deshalb in die SBZ verlegt. Hier werden f\u00fcr Mitglieder und untere Funktion\u00e4re einoder mehrw\u00f6chige Schulungen in einer Parteischule in Oderberg (n\u00f6rdlich von Freienwalde am Marienwerder-Kanal) durchgef\u00fchrt. Funktion\u00e4re, die f\u00fcr mittlere F\u00fchrungsfunktionen vorgesehen sind - etwa auf Bezirksoder Gebietsebene oder in zentralen Apparaten - werden in Jahresschulungen in der ZentralSchule der KPD \"Ernst Th\u00e4lmann\" im Edgar-Andre-Heim bei Gro\u00df-D\u00f6lln in der Schorfheide auf ihre Aufgaben vorbereitet. Spitzenfunktion\u00e4re erhalten zus\u00e4tzlich eine Ausbildung in der Sowjetunion, wo Schulungen von einem halben bis zu 2 Jahren durchgef\u00fchrt werden. In den Grenzgebieten - also z.B. in den Regierungsbezirken Aachen und M\u00fcnster - werden erg\u00e4nzende Schulungen aus Sicherheitsgr\u00fcnden h\u00e4ufig im westlichen Ausland durchgef\u00fchrt, wobei Mitglieder der belgischen oder holl\u00e4ndischen KPD bei der Beschaffung geeigneter und sicher erscheinender Tagungsst\u00e4tten Hilfe leisten. 2.23 \"Offene\" Arbeit Lassen Sie mich die Darstellung der KPD mit einem Wort zu ihrer besonderen Taktik abschlie\u00dfen, die allgemein als \"Offene Arbeit\" bezeichnet wird. Die KPD sieht - in der Taktik der sog. \"Offenen Arbeit\" das einzig wirksame Mittel, nicht nur ihre politische Agitation - relativ gefahrlos \u00fcbrigens - zu verbreiten, sondern auch das angebliche Problem des KPD-Verbotes st\u00e4ndig im Gespr\u00e4ch und im Bewu\u00dftsein der \u00d6ffentlichkeit zu halten.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 26 Sie hat daher schon seit l\u00e4ngerem ihre Mitglieder immer wieder darauf hingewiesen, da\u00df es nicht gen\u00fcge, konspirativ in der Organisation zu arbeiten. Ebenso wichtig sei, unter Ausnutzung aller in einem demokratischen Rechtsstaat gegebenen legalen M\u00f6glichkeiten die politische Zielsetzung der KPD in der \u00d6ffentlichkeit zu verbreiten. Auf dem letzten Parteitag der KPD im Mai 1963 pr\u00e4gte ein hoher Funktion\u00e4r die Faustregel: \"Illegal soviel wie n\u00f6tig, legal soviel wie m\u00f6glich.\" Formen dieser Taktik sind Ihnen allen bekannt. Ich erinnere beispielsweise an das Auftreten angeblich \"unabh\u00e4ngiger\" Kandidaten zu den Landtagswahlen 1958 in Nordrhein-Westfalen und den Bundestagswahlen 1961 und an die Herausgabe der in Duisburg erscheinenden Zeitung \"tatsachen\" (Auflage etwa 15.000), die von der KPD Nordrhein-Westfalens intern allgemein als \"unsere offene Zeitung\" bezeichnet wird. Dementsprechend gleichen auch die Pressefeste des Verlages - beurteilt nach der Art ihrer Teilnehmer - KPD-Veranstaltungen der legalen Zeit. Weitere Beispiele offener Arbeit sind * das Einsenden von Leserbriefen an Tageszeitungen; * Unterschriftensammlungen und Petitionen - meist zum Thema \"Aufhebung des KPD-Verbotes\" -, wie die Aktion des hauptamtlichen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrers des BdD * Umfragen zur angeblichen Meinungsforschung, wie z.B. die Fragebogenaktion eines ehem. KPDund FDJ-Funktion\u00e4rs aus Bottrop, dem es gelang, von einer Anzahl profilierter Pers\u00f6nlichkeiten eine Stellungnahme zur Frage des KPDVerbotes zu bekommen und das Ergebnis seiner Aktion in verschiedenen Tageszeitungen unterzubringen und * schlie\u00dflich der \"Versand offener Briefe\", die Ihnen sicherlich allen schon zugegangen sind. Zur Zeit sind beim Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen 93 solcher Briefe erfa\u00dft (davon 27 im Jahre 1965), die eindeutig als Aktionen der KPD angesehen werden m\u00fcssen. In letzter Zeit hat in diesem Zusammenhang die Durchf\u00fchrung \u00f6ffentlicher Veranstaltungen besondere Bedeutung gewonnen. Nach den schon erw\u00e4hnten Pressefesten der Zeitung \"tatsachen\" bildete den \u00e4u\u00dferlich sichtbaren Auftakt die Ihnen sicherlich aus der Presse bekannte \"Begegnung von Arbeitnehmern aus ganz Deutschland\" am 20.2.1965 in Mannheim. Hier folgte am 12.5.1965 in D\u00fcsseldorf ein \u00f6ffentliches Diskussionsforum zum Thema \"KPD - morgen legal?\". Ein f\u00fcr den 10.6.1965 in Aachen geplantes Diskussionsforum unter dem Thema \"Freie Wahlen ohne legale KPD\" ist verboten worden. Am 9.10.1965 wurde in W\u00fcrselen (Landkreis Aachen) ein \"Gesamtdeutsches Bergarbeitertreffen\" durchgef\u00fchrt, an dem auch FDGB-Funktion\u00e4re aus der SBZ teilnehmen sollten. Auf Grund vorher durchgef\u00fchrter Ma\u00dfnahmen der zust\u00e4ndigen Staatsanwaltschaft blieben diese Funktion\u00e4re jedoch aus. Ich will Ihnen nicht vorenthalten, da\u00df die Abwehr gerade dieser Formen der offenen Arbeit besonders schwierig ist, weil die Initiatoren der Veranstaltungen es geschickt verstehen, Grundrechte wie Pressefreiheit, Meinungsfreiheit usw. f\u00fcr ihre Zwecke zu mi\u00dfbrauchen und den gew\u00fcnschten politischen Effekt zu erzielen, ohne da\u00df der organisatorische Zusammenhang zur KPD oder die kommunistische Steuerung, Lenkung oder Finanzierung usw. nachgewiesen werden kann.","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 27 Fast immer weisen diese Veranstaltungen jedoch folgende Merkmale auf: 1. Kommunisten sind Tr\u00e4ger der Aktionen. 2. Die Tr\u00e4ger bekennen sich offen als Kommunisten. 3. Kommunistische Thesen oder Ziele werden vertreten, wie Aufhebung des KPD-Verbotes, Anerkennung der \"DDR\", Aktionseinheit der Arbeiterklasse u.a. 4. In kommunistischen Publikationsmitteln wird \u00fcber diese Aktionen und ihre Vorbereitung berichtet. 5. Zur Teilnahme an Veranstaltungen und zu anderen politischen Zwecken reisen Personen aus der SBZ an. F\u00fchren solche Personen DM-West mit sich, so ist das ein zus\u00e4tzliches Indiz. 6. Die Aufwendungen \u00fcbersteigen offensichtlich das wirtschaftliche Verm\u00f6gen der Tr\u00e4ger. Die Beurteilung, ob das Vorliegen solcher Indizien des T\u00e4tigwerden von Strafverfolgungsoder Verwaltungsbeh\u00f6rden veranla\u00dft und begr\u00fcndet, ist nicht meines Amtes. In der Sicht des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz kann jedoch davon ausgegangen werden, da\u00df Veranstaltungen, die alle oder doch die meisten dieser Indizien aufweisen, eindeutig als offene Arbeit der KPD anzusprechen sind. 2.24 Infiltration anderer Verb\u00e4nde und Arbeit in den Tarnorganisationen Neben der sogenannten \"offenen Arbeit\" ist die Infiltration anderer Verb\u00e4nde und die Arbeit in den Tarnorganisationen das Hauptanliegen der illegalen KPD, d.h. dieser fortlaufende Einwirkungsproze\u00df auf Verb\u00e4nde und Organisationen, mit dem Endziel, die bestehende legale Staatsund Gesellschaftsordnung nach den Grunds\u00e4tzen der Ideologie des Marxismus-Leninismus zu ersetzen. Die Infiltration und die Arbeit in den Tarnorganisationen geh\u00f6ren zu den Methoden, mit deren Unterst\u00fctzung unmerklich und auf die Dauer mit einer zersetzenden Wirkung eine geschlossene Abwehr gegen den Bolschewismus gespalten und untergraben werden soll. Es ist ganz unverkennbar, da\u00df die Gewerkschaften dieser Infiltration durch die KPD in immer st\u00e4rkerem Ma\u00dfe ausgesetzt werden, zumal die in diesen Organisationen diskutierten Themen sich f\u00fcr ein agitatorisches Vorgehen geradezu anbieten. Man kann aufgreifen, was der DGB sowieso diskutiert, z.B. die Ablehnung der Notstandsgesetzgebung und die atomare R\u00fcstung, das Gesetz \u00fcber die Partnerschaft zwischen den sozialen Gruppen, das sich zur Verbreitung klassenk\u00e4mpferischer Argumente ausnutzen l\u00e4\u00dft und eine Reihe anderer Themen, die geeignet sind, kommunistische Gedanken zu infiltrieren. Die Methoden, mit denen dieses Eindringen in die Gewerkschaften versucht wird, sind deshalb nicht ganz wirkungslos, weil sie im Sinne eines Leninschen Lehrsatzes die demokratischen Rechte ausnutzen, gleichzeitig aber die illegale Verwurzelung im konspirativen Apparat verschleiern. Das illegale, jedoch legal Aussehende liegt darin, das Beschlu\u00df, Planung, Vorbereitung, Anweisung und Finanzierung aus dem konspirativen Untergrund stammen und nur die Verwirklichung an die \u00d6ffentlichkeit tritt. Es ist Pflicht eines jeden illeg. KP-Mitgliedes in der Bundesrepublik, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein. Das Recht jedes arbeitenden Bundesb\u00fcrgers wird somit zu einer konspirativ gesteuerten Machenschaft, die darauf abzielt, die Gewerkschaften kommunistisch zu unterwandern. In Diskussionsbeitr\u00e4gen und Antrags-","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 28 formulierungen sollen kommunistische Gedankeng\u00e4nge hochgespielt werden und gleichzeitig soll das KP-Mitglied nach gewerkschaftlichen Funktionen streben und funktionelle Hebel in den Griff bekommen. Unterst\u00fctzung und Anleitung durch den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) - Westarbeit der SED In diesem Rahmen nimmt die Westarbeit des FDGB eine wichtige Stelle ein. 1. Etwa seit Mai 1965 reisen in zunehmenden Ma\u00dfe FDGB-Funktion\u00e4re mit dem Auftrag, Kontakte zu Gewerkschaftsorganisationen herzustellen, in die BRD ein. In NRW wurden bisher mehr als 30 solcher FDGB-Funktion\u00e4re namentlich erfa\u00dft. Bei der Einreise tarnen sich diese Funktion\u00e4re zum Teil als \"Reisende mit Dienstauftrag\", die angeblich westdeutsche Firmen besuchen wollen, zum Teil geben sie aber auch bei den westdeutschen Grenzschutzorganen - oft in provozierender Weise - den wahren Zweck ihrer Reise, n\u00e4mlich die Kontaktaufnahme mit Funktion\u00e4ren des DGB, offen an. Wie bisher festgestellt wurde, haben diese Kontaktversuche recht unterschiedliche \"Erfolge\". In zahlreichen F\u00e4llen sind die Funktion\u00e4re von den Gewerkschaftsorganen abgewiesen worden. Es wurden jedoch auch F\u00e4lle bekannt, wo es nicht nur zu der gew\u00fcnschten Kontaktaufnahme kam, sondern IG-Funktion\u00e4re im DGB der Einladung zu einem Gegenbesuch Folge leisteten. Es handelte sich dabei jedoch ausnahmslos um Personen, die bereits einschl\u00e4gig in Erscheinung getreten waren. 2. Seit Herbst 1965 finden in verst\u00e4rktem Ma\u00dfe in der SBZ Veranstaltungen mit \u00fcberwiegend westdeutschen Teilnehmern statt, die h\u00e4ufig von Dozenten der FDGB-Hochschule \"Fritz Heckert\" in Bernau oder FDGBSpitzenfunktion\u00e4ren geleitet werden. Hauptbzw. Rahmenthemen dieser Veranstaltungen ist \"Die Lage der Arbeiterklasse in West-Deutschland\". 2.25 Unterst\u00fctzung der DFU vor der Bundestagswahl Die kommunistischen Tarnorganisationen sowie die mehr oder weniger unter kommunistischem Einflu\u00df stehenden Organisationen hatten sich vor der Bundestagswahl f\u00fcr die \"Deutsche Friedensunion\" (DFU) stark gemacht, allerdings keineswegs mit geschlossener Kraft und aus der inneren \u00dcberzeugung aller f\u00fchrenden Funktion\u00e4re, sondern oft genug aus \"Einsicht in die Notwendigkeit\", die mit dem Einflu\u00df der KPD/SED gegeben ist. Die KPD unterst\u00fctzte vor der Bundestagswahl offiziell die DFU; jedoch trat diese Unterst\u00fctzung in der letzten Zeit vor der Wahl hinter der Parole zur\u00fcck, da\u00df es in erster Linie gelte, der CDU/CSU eine Niederlage zu bereiten. Von den nordrhein-westf\u00e4lischen Wahlkreiskandidaten der DFU waren ca. 70 %, von den Kandidaten der Landesreserveliste ca. 67 % einschl\u00e4gig im Sinne der Zust\u00e4ndigkeit des Verfassungsschutzes in Erscheinung getreten. (Hierunter ist im einzelnen zu verstehen: Als ehem. KPD-Funktion\u00e4re bzw. Mitglieder, als Mitglieder der illegalen KPD, als Funktion\u00e4re oder Mitglieder von verbotenen kommunistischen Tarnorganisationen oder bestehenden Organisationen unter kommunistischem Einflu\u00df sowie Kontakte zur KPD oder den genannten Organisationen oder zur SBZ.)","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 29 Die DFU hat einen R\u00fcckgang zu verzeichnen. Dieser R\u00fcckgang zeigt sich besonders deutlich in den DFU-\"Hochburgen\" Solingen und Remscheid, wo diese Partei bei den Bundestagswahlen 1961 noch 6,7 % bzw. 5,1 % gegen\u00fcber 4,5 % bzw. 2,9 % bei den letzten Bundestagswahlen erzielen konnte. Daraus l\u00e4\u00dft sich auf eine st\u00e4ndig abnehmende Resonanz der DFU in der alten kommunistischen Stammw\u00e4hlerschicht schlie\u00dfen. Eine \"Volksfront\"-Partei findet in diesen Kreisen wenig Anklang. Das bedeutet freilich nicht, da\u00df der Volksfrontgedanke als solcher bei diesen W\u00e4hlern abgelehnt w\u00fcrde. Man kann annehmen, da\u00df die SED/KPD das Experiment mit der \"Volksfront\"Partei DFU nunmehr als gescheitert ansieht. Das schlie\u00dft nicht aus, da\u00df die DFU zu den kommenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wieder Kandidaten aufstellt bzw. eine politische Gruppierung auf DFU-Basis unter neuem Namen zur Wahl antritt. Eine Beteiligung der DFU an den Landtagswahlen ist zur Zeit allerdings noch v\u00f6llig offen. In einem Grundsatzbeschlu\u00df des gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Bundesvorstandes der DFU hei\u00dft es zu diesem Thema: \"Zum Auftreten der Deutschen Friedens-Union bei den bevorstehenden Landtagsund Kommunalwahlen weist der gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Vorstand darauf hin, da\u00df die DFU unbeschadet der Form ihres Auftretens \u00fcberall aktiv in den politischen Wahlkampf eingreifen wird. Die DFU wird zu den Landtagsund Kommunalwahlen jedoch nur eigene Listen aufstellen, wenn gewichtige Gesichtspunkte, gute Kandidaten, eine kr\u00e4ftige F\u00fchrung und bisherige Wahlergebnisse dies rechtfertigen. ...\" 2.26 Gesamtbetrachtung Abschlie\u00dfend zum Gebiet des Linksradikalismus m\u00f6chte ich noch einen grunds\u00e4tzlichen Gedanken herausstellen: Bei einer Einsch\u00e4tzung des Linksradikalismus in der Bundesrepublik wird man die Tatsache ber\u00fccksichtigen m\u00fcssen, da\u00df sich gerade im letzten Jahr im sogenannten \"sozialistischen Lager\" Ver\u00e4nderungen vollzogen bzw. fortgesetzt haben, die nicht ohne Einflu\u00df auf die KPD und ihre Hilfsorganisationen geblieben sind. Chruschtschow wurde im Herbst 1964 gest\u00fcrzt. Der machtpolitische und ideologische Konflikt zwischen Moskau und Peking mit seinen permanenten R\u00fcckwirkungen auf den Ostblock hat sich eher vertieft als gemildert. Im unmittelbaren Machtbereich der Sowjets setzt sich - wenn wir an Polen und heute vor allem an Rum\u00e4nien denken - ein bemerkenswerter Differenzierungsproze\u00df fort und auch die kommunistischen Parteien Westeuropas sind bestrebt, zumindest in taktischen Fragen eigenst\u00e4ndige Vorstellungen zu entwickeln. An sich kann man diesen Proze\u00df begr\u00fc\u00dfen, weil er eine Reihe von Ansatzpunkten f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit dem Kommunismus bietet. Es darf aber hierbei keinesfalls \u00fcbersehen werden, da\u00df im Zuge dieser Entwicklung auch das SEDRegime zwangsl\u00e4ufig mehr politische Handlungsfreiheit erhalten hat. Zwar wird man auch f\u00fcr die Zukunft davon ausgehen k\u00f6nnen, da\u00df in den Bereichen der gro\u00dfen Politik, in denen eine unmittelbare Konfrontation mit der Welt-","Extremismus-Berichte des Innenministeriums NRW an den Landtag oder Landesbeh\u00f6rden 1965 30 macht USA m\u00f6glich ist, die Sowjetunion sich die Entscheidungen nach wie vor vorbeh\u00e4lt. Unterhalb dieser Ebene aber - d.h. in der Deutschlandfrage und in der politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzung mit der Bundesrepublik - hat die SED heute mehr als bisher freie Hand. Die SED aber - und das darf nicht vergessen werden - z\u00e4hlt zu denjenigen kommunistischen Parteien, deren politische Konzeption auch heute noch \u00fcberwiegend stalinistisch ist. Die KPD mu\u00df sich als Werkzeug der SED diesem Kurs zwangsl\u00e4ufig an-passen; ihre faktische Abh\u00e4ngigkeit von der SED l\u00e4\u00dft eine eigene Politik nicht zu. Diese Tatsache zwingt den Verfassungsschutz in unserem Lande auch dann zu erh\u00f6hter Wachsamkeit, wenn sich in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab begr\u00fc\u00dfenswerte Entspannungstendenzen zeigen."],"title":"Verfassungsschutzbericht 1965","year":1965}
