{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-ni-2013.pdf","jurisdiction":"Niedersachsen","num_pages":196,"pages":["Nieders\u00e4chsisches Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport Verfassungsschutzbericht 2013 - Vorabfassung - Niedersachsen","Impressum Herausgeber: Nieders\u00e4chsisches Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit Lavesallee 6 30169 Hannover Telefon: 0511 / 120-6255 Fax: 0511 / 120-6555 E-Mail: pressestelle@mi.niedersachsen.de Internet: www.mi.niedersachsen.de Redaktion: Nieders\u00e4chsisches Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport Abteilung Verfassungsschutz B\u00fcttnerstra\u00dfe 28 30165 Hannover Telefon: 0511 / 6709-217 Fax: 0511 / 6709-394 E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit@verfassungsschutz.niedersachsen.de Internet: www.verfassungsschutz.niedersachsen.de 2","1. Der Verfassungsschutz in Niedersachsen 2. Rechtsextremismus 3. Linksextremismus 4. Islamismus und sonstiger Extremismus mit Auslandsbezug 5. Scientology-Organisation (SO) 6. Spionageabwehr 7. Geheimund Wirtschaftsschutz 8. Anhang 3","1. DER VERFASSUNGSSCHUTZ IN NIEDERSACHSEN 1.1 Verfassungsschutz und Demokratie 8 1.2 Gesetzliche Grundlagen 9 1.3 Hauptaufgaben des Verfassungsschutzes 10 1.4 Organisation 10 1.5 Reformprozess 11 1.5.1 Reformprozess im Verfassungsschutzverbund 11 1.5.2 Arbeitsgruppe zur Reform des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes 12 1.6 Informationsgewinnung 12 1.7 Keine polizeilichen Befugnisse 13 1.8 Kontrolle 13 1.9 Verfassungsschutz als Nachrichtendienst 13 1.10 Besch\u00e4ftigte 14 1.11 Haushalt 14 1.12 Mitwirkungsaufgaben des Verfassungsschutzes 14 1.13 Gemeinsames Informationsund Analysezentrum Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen (GIAZ - Niedersachsen) 15 1.14 Informationsverarbeitung 16 1.15 Auskunftsersuchen von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern 17 1.16 Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4vention 17 1.16.1 Presseund B\u00fcrgerkontakt 18 1.16.2 Vortragsund Informationsveranstaltungen 18 1.16.3 Ausstellung \"Gemeinsam gegen Rechtsextremismus\" 19 1.16.4 Beratung von Kommunen 19 1.16.5 Symposien 19 1.16.6 Programm \"Sport und Feuerwehr mit Courage gegen Rechtsextremismus\" 20 1.16.7 Informationsmaterialien 20 1.16.8 Kontaktdaten 20 1.17 Aktion Neustart 21 1.18 Anmerkungen zum Inhalt des Verfassungsschutzberichtes 22 1.18.1 Umfang der Berichterstattung 22 1.18.2 Hinweis zur Rechtschreibung 22 2. RECHTSEXTREMISMUS 2.1 Mitglieder-Potenzial 23 2.2 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund - rechts 25 2.3 Einf\u00fchrung 29 2.4 \u00dcberblick \u00fcber die aktuellen Entwicklungen im Rechtsextremismus 30 2.5 Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremisten 34 2.5.1 Rechtsextremistische Musikszene 36 2.5.2 Nieders\u00e4chsische Vertriebe 39 2.5.3 Rechtsextremistische Musik in Niedersachsen 39 2.5.4 Rechtsextremistische Konzerte in Niedersachsen 41 2.6 Neonazistische Szene 42 4","2.6.1 Neonazistische Kameradschaften 42 2.6.2 Autonome Nationalisten 42 2.6.3 Informelle Gruppen und Netzwerke 44 2.6.4 Ideologie der neonazistischen Szene 44 2.6.5 Verh\u00e4ltnis zur NPD 45 2.6.6 Neonazistische Personenzusammenschl\u00fcsse in Niedersachsen 45 2.6.7 Demonstrationen und Kampagnen der rechtsextremistischen Szene 52 2.6.7.1 Trauerm\u00e4rsche in Magdeburg und Dresden 53 2.6.7.2 Kampagnenthema Kirchweyhe 53 2.6.7.3 Kampagnendemonstration der norddeutschen Neonaziszene: \"Tag der deutschen Zukunft\" (TddZ) 54 2.6.7.4 Demonstrationen der Neonaziszene in Bad Nenndorf 54 2.6.7.5 Volkstrauertag als \"Heldengedenken\" 55 2.6.7.6 Kampagne zur Freilassung von Erich Priebke 55 2.7 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) 56 2.7.1 Geschichte und Entwicklung 56 2.7.2 Organisation, Mitgliederentwicklung und Finanzen 57 2.7.3 Programmatik 58 2.7.4 Innerparteiliche Entwicklung und Strategie 60 2.7.5 Nieders\u00e4chsischer Landesverband der NPD 63 2.8 Junge Nationaldemokraten (JN) 65 2.8.1 Geschichte und Entwicklung 66 2.8.2 Entwicklung in Niedersachsen 67 2.9 Die Rechte 68 2.9.1 Organisation und Entwicklung 68 2.9.2 Ideologie und Programmatik 69 2.9.3 Aktivit\u00e4ten 69 2.9.4 Entwicklung in Niedersachsen 70 2.10 Rechtsextremistischer Geschichtsrevisionismus 71 2.10.1 Revisionistische Aktivit\u00e4ten in Niedersachsen 71 2.10.2 Europ\u00e4ische Aktion (EA) 72 2.10.3 Verein Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V. 73 2.10.4 Bewertung 74 2.11 Intellektualisierungsbem\u00fchungen im Rechtsextremismus 74 2.11.1 Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V. (GFP) 75 2.11.2 Bewertung 76 2.12 Immobiliengesch\u00e4fte mit rechtsextremistischem Hintergrund 76 3. LINKSEXTREMISMUS 3.1 Mitglieder-Potenzial 79 3.2 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund - links 80 3.3 Einf\u00fchrung 82 3.4 \u00dcberblick 82 3.4.1 Ideologie 82 5","3.4.2 Entwicklungen im Linksextremismus 83 3.5 Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten 85 3.5.1 Urspr\u00fcnge, Ziele und Vorgehensweisen 85 3.5.2 Aktionsfelder 88 3.5.2.1 Aktionsfeld \"Antifaschismus\" 88 3.5.2.2 Aktionsfeld \"Antirassismus\" 91 3.5.2.3 Aktionsfeld \"Antrepression\" 94 2.5.2.4 Aktionsfeld \"Antimilitarismus\" 96 3.6 Gruppierung AVANTI - Projekt undogmatische Linke 98 3.6.1 Selbstverst\u00e4ndnis 98 3.6.2 AVANTI Hannover 98 3.6.3 Teil der \"Interventionistischen Linken\" 99 3.6.4 Aktuelle Aktivit\u00e4ten 99 3.7 Anarchismus 100 3.8 Offen extremistische Zusammenschl\u00fcsse in der Partei DIE LINKE. 102 3.8.1 Kommunistische Plattform (KPF) 103 3.8.2 Sozialistische Linke (SL) 103 3.8.3 Antikapitalistische Linke (AKL) 105 4. ISLAMISMUS UND SONSTIGER EXTREMISMUS MIT AUSLANDSBEZUG 4.1 Mitglieder-/Anh\u00e4nger-Potenzial 106 4.2 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t (PMK) mit extremistischem Hintergrund - Ausl\u00e4nder - 107 4.3 Allgemeines zum Extremismus mit Auslandsbezug 109 4.4 Islamismus 109 4.5 Internationaler islamistischer Terrorismus 111 4.6 Islamistischer Terrorismus in Deutschland 114 4.7 Salafismus 117 4.7.1 Salafismus in Deutschland 118 4.7.2 Salafismus in Niedersachsen 120 4.8. Muslimbruderschaft (MB) 125 4.8.1 Ursprung und Entwicklung 125 4.8.2 Die Muslimbruderschaft in Deutschland und in Niedersachsen 126 4.9 Tablighi Jama'at (TJ, Gemeinschaft der Missionierung und Verk\u00fcndung) 127 4.9.1 Ursprung und Entwicklung 127 4.9.2 Aktivit\u00e4ten von TJ-Anh\u00e4ngern in Deutschland und in Niedersachsen 128 4.10 Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V. (IGMG) 129 4.11. Hizb Allah (Partei Gottes) 131 4.11.1 Ursprung und Entwicklung 131 4.11.2 Die Hizb Allah in Deutschland und in Niedersachsen 131 4.12 Sonstige extremistische Organisationen mit Auslandsbezug 132 4.13 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) / Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) / Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL) / Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan (KKK) / Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans (KCK) 133 6","4.13.1 Organisatorische Strukturen 134 4.13.2 Finanzierung 135 4.13.3 Friedensprozess zwischen der PKK und dem t\u00fcrkischen Staat 136 4.13.4 Ermordung von drei PKK-Aktivistinnen in Paris 136 4.13.5 Weitere Aktivit\u00e4ten in Niedersachsen 137 4.13.6 ROJ TV meldet Konkurs an 137 4.13.7 Situation in Syrien 138 4.13.8 Ausblick 138 4.14 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE, Befreiungstiger von Tamil Eelam) 139 4.14.1 Ursprung und Entwicklung 139 4.14.2 Aktivit\u00e4ten in Deutschland 140 5. SCIENTOLOGY - ORGANISATION (SO) 5.1 Geschichte der SO 142 5.2 Zielsetzung und verfassungsfeindliche Bestrebungen 142 5.3 Scientology in Deutschland und Niedersachsen 143 6. SPIONAGEABWEHR 6.1 Einf\u00fchrung 144 6.2 Geheimdienste der Russischen F\u00f6deration (RF) 145 6.2.1 Vorsicht bei Reisen 147 6.3 Chinesische Geheimdienste 147 6.4 Geheimdienste der Islamischen Republik Iran 148 6.5 Proliferation 149 6.6 Elektronische Angriffe mit vermutetem nachrichtendienstlichen Hintergrund 150 6.7 Hilfe f\u00fcr Betroffene 152 7. GEHEIMUND WIRTSCHAFTSSCHUTZ 7.1 Geheimschutz 153 7.2 Wirtschaftsschutz 154 7.2.1 Einleitung 154 7.2.2 Zahlen und Fakten 155 7.2.3 17. Sicherheitstagung f\u00fcr geheimschutzbetreute Unternehmen 156 7.2.4 12. Wirtschaftsschutztagung des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes 156 7.2.5 CeBIT 2013 157 7.2.6 AirIT Security Day 2013 157 7.2.7 Kontaktdaten des Fachbereichs Wirtschaftsschutz 157 8. ANHANG 8.1 Definition der Arbeitsbegriffe 158 8.2 Nieders\u00e4chsisches Verfassungsschutzgesetz (NVerfSchG) 163 8.3 \u00dcbersicht Verbote neonazistischer Vereinigungen 187 8.4 Abk\u00fcrzungsverzeichnis 190 7","1. Der Verfassungsschutz in Niedersachsen 1.1 Verfassungsschutz und Demokratie Im Grundgesetz (GG) der Bundesrepublik Deutschland wurde nach den Erfahrungen mit der Zerst\u00f6rung der Weimarer Republik das Prinzip der wehrhaften Demokratie verankert. Das bedeutet, dass der demokratische Staat in der Lage sein soll, sich gegen seine Feinde zu wehren. Elemente der wehrhaften Demokratie sind z. B. die Unab\u00e4nderlichkeit elementarer Verfassungsgrunds\u00e4tze (Artikel 79 Abs. 3 GG) und die M\u00f6glichkeit, Parteien und sonstige Vereinigungen (Artikel 9 Abs. 2 und Artikel 21 Abs. 2 GG) zu verbieten. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinen Urteilen zum Verbot der Sozialistischen Reichspartei (SRP) von 1952 (BVerfGE 2,1) und zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) von 1956 (BVerfGE 6, 300) die Wesensmerkmale der freiheitlichen demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes bestimmt. Dazu geh\u00f6ren (s. auch SS 4 Abs. 3 Nieders\u00e4chsisches Verfassungsschutzgesetz - NVerfSchG): das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung auszu\u00fcben und die Volksvertretung in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu w\u00e4hlen, die Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Gesetz und Recht, das Recht auf Bildung und Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition, die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und ihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der Volksvertretung, die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, der Ausschluss jeder Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft und die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder bezeichnen seit 1974 einheitlich politische Bestrebungen als extremistisch, die sich gegen diese Wesensmerkmale oder gegen den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes richten. Ihre Beobachtung dient dem Schutz der Verfassung. Da die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden ihre Aufgaben im Vorfeld konkreter Gesetzesverst\u00f6\u00dfe durchf\u00fchren und fr\u00fchzeitig verfassungsfeindliche Bestrebungen erkennen sollen, werden sie als ein \"Fr\u00fchwarnsystem\" des demokratischen Rechtsstaates bezeichnet. Zwischen den Extremismusph\u00e4nomenen Rechtsund Linksextremismus und dem Islamismus gibt es fundamentale Unterschiede. Der Islamismus setzt im Gegensatz zu tragenden Prinzipien der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung auf religi\u00f6s-orthodoxe Ordnungsmodelle und zielt damit auf eine gegen den \"Westen\" gerichtete kulturelle Identit\u00e4t. Rechtsund Linksextremismus unterscheiden sich ideengeschichtlich in ihrer Einstellung 8","zum menschenrechtlichen Gleichheitsgebot. W\u00e4hrend Linksextremisten aufgrund der \u00f6konomischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse ausschlie\u00dfen, dass die Gleichheit der Menschen in einer parlamentarischen Demokratie realisiert werden kann, negieren Rechtsextremisten das in Artikel 3 GG postulierte Gleichheitsprinzip grunds\u00e4tzlich. Linksextremisten hingegen verabsolutieren das Gleichheitspostulat und schr\u00e4nken damit die universelle G\u00fcltigkeit der Freiheitsund Individualrechte ein. Trotz dieser Unterschiede lassen sich ph\u00e4nomen\u00fcbergreifende Gemeinsamkeiten feststellen, wie sie f\u00fcr den modernen politischen Extremismus typisch sind: Extremisten verf\u00fcgen \u00fcber ein geschlossenes Weltbild, das weder reflektiert noch fortentwickelt wird. In ihrem quasi-religi\u00f6sen Politikverst\u00e4ndnis glauben sie, unfehlbar im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Aus diesem Absolutheitsanspruch heraus entwickeln sie ein Freund-Feind-Raster, das die Welt holzschnittartig in Gut und B\u00f6se einteilt und keine Differenzierung zul\u00e4sst, um die als \"Feinde\" Gebrandmarkten kompromisslos zu bek\u00e4mpfen. Nicht der Einzelne, sondern die Gemeinschaft steht im Mittelpunkt. Individuelle Freiheitsrechte werden den Interessen des Kollektivs untergeordnet. Extremisten haben ein Bild vom Menschen, wonach nicht alle Menschen \u00fcber die gleiche W\u00fcrde verf\u00fcgen (Artikel 1 GG). Es gilt das Primat der Ideologie, die mit Politik gleichgesetzt wird. Aus diesem Verst\u00e4ndnis von Politik als einer alle Lebensbereiche regelnden Weltanschauung lehnen Extremisten den demokratischen Pluralismus ab. Zu demokratischen Prinzipien wie Meinungs-, Presseund Parteienvielfalt haben sie lediglich ein taktisches Verh\u00e4ltnis. Ihr gemeinsames Ziel ist die \u00dcberwindung der bestehenden, von Individualrechten gepr\u00e4gten Ordnung. Dahinter steht zumeist das Streben nach Sicherheit und nach \u00dcberschaubarkeit der Welt, in der der Mensch nicht l\u00e4nger vereinzelt ist. Extremismus ist auch eine zum Teil mit messianischem Eifer vertretene Reaktion auf die Komplexit\u00e4t moderner westlicher Gesellschaften. In diesem Weltbild wird die Gegenwart als desolat empfunden oder diffamiert, um die extremistische Alternative unter Leitung eines \"F\u00fchrers\", einer \"Partei\" oder eines \"religi\u00f6sen W\u00e4chterrates\" als einzigen Ausweg erscheinen zu lassen. Wer sich aus Sicht der Extremisten dagegen stellt, hat keinen Anspruch auf Toleranz, sondern muss bek\u00e4mpft werden - nach Auffassung gewaltbereiter Extremisten notfalls auch mit Gewalt. 1.2 Gesetzliche Grundlagen Die Aufgaben und Befugnisse des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes sind gesetzlich festgelegt. Neben bundesgesetzlichen Vorschriften, welche im Wesentlichen die Zusammenarbeit des Bundes und der L\u00e4nder in Angelegenheiten des Verfassungsschutzes und die Befugnisse des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) regeln, bestehen in allen Bundesl\u00e4ndern eigene Verfassungsschutzgesetze. In Niedersachsen regelt das im Anhang abgedruckte Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz im Land Niedersachsen in der Fassung vom 06.05.2009 (Nieders\u00e4chsisches Verfassungsschutzgesetz - NVerfSchG), zuletzt ge\u00e4n- 9","dert durch Art. 2 des Gesetzes vom 19.06.2013, die Aufgaben und Befugnisse der nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. 1.3 Hauptaufgaben des Verfassungsschutzes Hauptaufgabe des Verfassungsschutzes ist nach SS 3 NVerfSchG die Sammlung und Auswertung von Informationen, insbesondere von sachund personenbezogenen Ausk\u00fcnften, Nachrichten und Unterlagen \u00fcber Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum Ziel haben, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr eine fremde Macht, Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Artikel 9 Abs. 2 GG) oder gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker (Artikel 26 Abs. 1 GG) gerichtet sind. Zu den Kernaufgaben geh\u00f6rt auch die Information und Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber extremistische Bestrebungen. 1.4 Organisation Im Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzgesetz ist auch geregelt, dass die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde in Niedersachsen das Nieders\u00e4chsische Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport ist (SS 2 Abs. 1 NVerfSchG). Das Ministerium unterh\u00e4lt eine gesonderte Abteilung (Verfassungsschutzabteilung), welche allein die der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde nach dem Verfassungsschutzgesetz und anderen Rechtsvorschriften obliegenden Aufgaben wahrnimmt. Diese Abteilung wird durch eine Verfassungsschutzpr\u00e4sidentin oder einen Verfassungsschutzpr\u00e4sidenten geleitet. 10","1.5 Reformprozess 1.5.1 Reformprozess im Verfassungsschutzverbund Das Versagen der Sicherheitsbeh\u00f6rden auf Bundesund L\u00e4nderebene bei den Ermittlungen gegen die rechtsextremistische Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) hat das Vertrauen in den Rechtsstaat empfindlich gest\u00f6rt. Vor dem Hintergrund beschlossen die Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder auf ihrer Konferenz im Dezember 2012 die Neuausrichtung des Verfassungsschutzes im Verbund. Im Laufe des Jahres 2013 wurden auf Gremienebene unter Ber\u00fccksichtigung der Empfehlungen der Bund-L\u00e4nder-Expertenkommission Rechtsterrorismus und des 2. Parlamentarischen Untersuchungsausschusses f\u00fcr den Verfassungsschutzverbund Handlungsempfehlungen erarbeitet und durch die Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder auf ihrer Konferenz im Dezember 2013 zur Umsetzung an die L\u00e4nder und den Bund freigegeben. Ein wichtiger Bestandteil der Empfehlungen ist die Intensivierung der Zusammenarbeit im Verfassungsschutzverbund durch eine umfassende gegenseitige Informationspflicht und die St\u00e4rkung der Zentralstellenfunktion des Bundesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV). Ferner werden Verfahren festgeschrieben, wie die Erkenntnisse der Polizei und des Verfassungsschutzes fr\u00fchzeitig zusammengef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Weiterhin werden Vorschl\u00e4ge unterbreitet, die zu einer Verst\u00e4rkung der Pr\u00e4ventionsund \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes durch erweiterte Formen des Informationsund Beratungsangebotes (\"Verfassungsschutz als Informationsdienstleister\"), zu einer engeren Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen und zu einer engeren Vernetzung sowohl mit anderen Beh\u00f6rden und Einrichtungen als auch mit zivilgesellschaftlichen Akteuren (\"Verfassungsschutz als Partner in der Mitte der Gesellschaft\") f\u00fchren sollen. Im Themenfeld Personal ist das Konzept einer modularen Zusatzausbildung f\u00fcr die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit abgeschlossener Berufsausbildung erarbeitet worden. Ebenso werden Eckpunkte f\u00fcr die Durchf\u00fchrung von Hospitationen und Personaltauschma\u00dfnahmen bestimmt, die in dem spezifischen Aufgabenbereich der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden zur erforderlichen Standardisierung der Ausbildung und zur fortlaufenden Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beitragen. Auch der Einsatz von Vertrauenspersonen (VP) wird zur Optimierung und Vereinheitlichung standardisiert. Verbindliche Festlegung von gemeinsamen Regelungen und Ausschlusskriterien f\u00fcr die Werbung und den Einsatz von VP im Verfassungsschutz werden in Gesetzen und / oder in Dienstvorschriften der L\u00e4nder und des Bundes aufgenommen. Eine zentrale VP-Datei wird beim BfV eingerichtet, um k\u00fcnftig einen besseren \u00dcberblick \u00fcber die Zugangslage bei dem jeweiligen Beobachtungsobjekt und eine Dokumentation \u00fcber den Einsatz von VP im Verfassungsschutzverbund zu erhalten. Des Weiteren liegen konkrete Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine verst\u00e4rkte Koordination der Internetaufkl\u00e4rung und Ausgestaltung der Internetnutzung durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden vor. 11","Darin enthalten sind Ma\u00dfnahmen wie die Einrichtung einer zentralen Indexdatenbank und einer gemeinsamen Mediendatei. Der Kernpunkt ist die Einrichtung eines Kompetenzzentrums f\u00fcr operative Sicherheit im Internet beim BfV. 1.5.2 Arbeitsgruppe zur Reform des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes Um die aus der Aufarbeitung des NSU-Komplexes gewonnenen R\u00fcckschl\u00fcsse auch f\u00fcr eine Neuausrichtung und die notwendigen Reform des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes zu nutzen, setzte Innenminister Pistorius am 04.09.2013 eine aus externen Expertinnen und Experten bestehende Arbeitsgruppe zur Reform des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes ein. Auf der Basis einer eingehenden Analyse der Ausgangssituation widmete sich die Arbeitsgruppe folgenden Kernthemen: Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit anderen Sicherheitsbeh\u00f6rden, Einsatz von VP, Personelle Ausstattung und Organisation und Anpassungsbedarf rechtlicher Grundlagen und Rahmenbedingungen. Bei der Erarbeitung der konkreten Handlungsempfehlungen wurde allen im Landtag vertretenen Parteien die M\u00f6glichkeit gegeben, ihre Vorschl\u00e4ge zur Reform des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes einzubringen. Der Abschlussbericht mit Empfehlungen wurde dem Innenminister am 24.04.2014 vorgelegt und ver\u00f6ffentlicht. Nach sorgf\u00e4ltiger Analyse der Handlungsempfehlungen wird ein daraufhin vom Innenministerium erstellter Gesetzentwurf zur Novellierung des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzgesetzes eingebracht. Eine Diskussion in den Aussch\u00fcssen sowie im Plenum des Nieders\u00e4chsischen Landtages wird sich daran anschlie\u00dfen. 1.6 Informationsgewinnung Der nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz gewinnt die zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben relevanten Informationen \u00fcberwiegend aus offen zug\u00e4nglichen Quellen, die grunds\u00e4tzlich jedem B\u00fcrger auch zur Verf\u00fcgung stehen, wie z. B. aus dem Internet, aus Zeitungen, Zeitschriften, Flugbl\u00e4ttern, Programmen und Brosch\u00fcren. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen - im Rahmen gesetzlich festgelegter Befugnisse und unter Wahrung des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit - nachrichtendienstliche Mittel zur Informationsbeschaffung eingesetzt werden. Nach SS 6 NVerfSchG darf der Verfassungsschutz zur Beschaffung der erforderlichen Informationen die hier abschlie\u00dfend aufgef\u00fchrten nachrichtendienstlichen Mittel einsetzen, soweit dies f\u00fcr die Erkenntnisgewinnung unverzichtbar ist. Dazu geh\u00f6ren z. B. der Einsatz von verdeckt arbeitenden Vertrauenspersonen (VP), Observationen, verdeckte Bildund Tonaufzeichnungen und sonstige verdeckte Ermittlungen und Befragungen. Die n\u00e4heren Voraussetzungen f\u00fcr den Einsatz nachrichtendienstlicher Mittel sind in den SSSS 6 bis 6 d NVerfSchG geregelt. 12","Von den nachrichtendienstlichen Mitteln wurden im Berichtszeitraum im Wesentlichen VP, verdeckte Bildaufzeichnungen, verdeckte Ermittlungen und Befragungen sowie zeitlich befristete Observationen eingesetzt. Eingriffe in das Brief-, Postund Fernmeldegeheimnis sind wegen der besonderen Bedeutung des Eingriffs in das Grundrecht des Artikels 10 GG (Brief-, Postund Fernmeldegeheimnis) nur unter besonders hohen Voraussetzungen und unter Beachtung strenger Verfahrensvorschriften m\u00f6glich, die im Gesetz zur Beschr\u00e4nkung des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10-Gesetz - G 10) geregelt sind. So muss die Ma\u00dfnahme durch den Nieders\u00e4chsischen Innenminister oder seine Vertreterin oder seinen Vertreter angeordnet werden und bedarf vor ihrer Durchf\u00fchrung einer Zustimmung der G 10-Kommission des Nieders\u00e4chsischen Landtages. Die Anzahl der G 10-Ma\u00dfnahmen lag im Berichtszeitraum im einstelligen Bereich. 1.7 Keine polizeilichen Befugnisse Der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde stehen bei der Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben keine polizeilichen Befugnisse zu, d. h. sie darf insbesondere niemanden festnehmen, keine Durchsuchungen durchf\u00fchren und keine Gegenst\u00e4nde beschlagnahmen (SS 5 Abs. 4 NVerfSchG). 1.8 Kontrolle Die T\u00e4tigkeit der nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterliegt einer vielf\u00e4ltigen Kontrolle. Dazu geh\u00f6ren innerbeh\u00f6rdliche Ma\u00dfnahmen, wie z. B. Kontrollen durch den internen beh\u00f6rdlichen Datenschutzbeauftragten und externe Kontrollen durch den Nieders\u00e4chsischen Datenschutzbeauftragten, dem ebenfalls umfangreiche Kontrollbefugnisse obliegen. Die parlamentarische Kontrolle, durch den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes ausge\u00fcbt, erfolgt unbeschadet der Rechte des gesamten Landtages und seiner sonstigen Aussch\u00fcsse nach SS 23 NVerfSchG. Das Nieders\u00e4chsische Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport ist nach SS 25 NVerfSchG verpflichtet, diesen Ausschuss umfassend \u00fcber seine T\u00e4tigkeit als Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Allgemeinen sowie \u00fcber Vorg\u00e4nge von besonderer Bedeutung zu unterrichten. Bei Eingriffen in das Brief-, Postund Fernmeldegeheimnis entscheidet die G 10-Kommission des Landtages. Schlie\u00dflich sind wie bei allen anderen Beh\u00f6rden auch, Einzelma\u00dfnahmen des Verfassungsschutzes gerichtlich nachpr\u00fcfbar. 1.9 Verfassungsschutz als Nachrichtendienst Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden verstehen sich als Nachrichtendienste (ND). Sie sind ge13","setzlich auf die Beschaffung und Auswertung von Informationen beschr\u00e4nkt. Im Gegensatz zu Geheimdiensten unterliegen sie der Kontrolle durch unabh\u00e4ngige Instanzen und unterrichten die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber wesentliche Ergebnisse ihrer Arbeit. Als Geheimdienste hingegen werden staatliche Organisationen fremder M\u00e4chte verstanden, die nicht nur politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich oder milit\u00e4risch bedeutsame Nachrichten beschaffen und f\u00fcr ihre Auftraggeber auswerten, sondern auch aktive Handlungen zur St\u00f6rung oder Beeinflussung \"politischer Gegner\" im Inund Ausland vornehmen. Dabei streben sie ein H\u00f6chstma\u00df an Geheimhaltung an. 1.10 Besch\u00e4ftigte Der vom Landtag verabschiedete Haushaltsplan bestimmt durch die Ausbringung von Stellen, durch die Festlegung von Rahmenbedingungen f\u00fcr die Personal-Gesamtkosten (Personalkostenbudgetierung) sowie durch das Besch\u00e4ftigungsvolumen, in welchem Umfang der Verfassungsschutz Personal besch\u00e4ftigen darf. Zu Beginn des Haushaltsjahres 2013 waren dort Stellen f\u00fcr 225 Beamtinnen und Beamte (2012: 225) ausgebracht. Dar\u00fcber hinaus erm\u00f6glicht das Personalkostenbudget f\u00fcr das Haushaltsjahr 2013 die Finanzierung von zurzeit weiteren 59 Tarifbesch\u00e4ftigten (2012: 59). Eckpunkt f\u00fcr den tats\u00e4chlichen Gesamtpersonalbestand des Verfassungsschutzes (in Vollzeitund Teilzeitbesch\u00e4ftigung) ist das im Haushaltsplan festgelegte Besch\u00e4ftigungsvolumen. Es betrug zu Beginn des Haushaltsjahres 2013 wie auch im Haushaltsjahr 2012 insgesamt 269,97 Vollzeiteinheiten. 1.11 Haushalt Im Haushalt der nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde waren im Haushaltsjahr 2013 f\u00fcr Personalausgaben 13.486.000 Euro (2012: 13.422.000 Euro) und f\u00fcr Sachausgaben 4.117.000 Euro (2012: 4.117.000 Euro) veranschlagt. Damit ergab sich ein Ausgabevolumen von 17.603.000 Euro. 1.12 Mitwirkungsaufgaben des Verfassungsschutzes Zum Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung und der Sicherheit des Bundes und der L\u00e4nder nimmt der Verfassungsschutz neben seinem Beobachtungsund Aufkl\u00e4rungsauftrag auch gesetzlich geregelte Mitwirkungspflichten gegen\u00fcber anderen Beh\u00f6rden wahr (SS 1 Satz 2 Nr. 3 NVerfSchG). Im Rahmen dieser Mitwirkung wird gepr\u00fcft, ob den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden zu bestimmten, von den anfragenden Beh\u00f6rden n\u00e4her bezeichneten Personen Erkenntnisse vorliegen, die bei den Entscheidungen der anfragenden Beh\u00f6rden eine sicherheitsbezogene Relevanz aufweisen. Im Jahr 2013 wurden mehr als 40.700 (2012: 38.225) solcher Mitwirkungsanfragen \u00fcber14","pr\u00fcft. Die anfragest\u00e4rksten Pr\u00fcfungsbereiche werden statistisch erfasst. Hier sind insbesondere zu nennen: Beteiligungen bei Aufenthaltstiteln (17.018 Anfragen), Beteiligungen bei Einb\u00fcrgerungen (9.970), Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen nach dem Atomgesetz (9.109), Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen nach dem Luftsicherheitsgesetz (3.142), Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen nach dem Sprengstoffgesetz (916) und Zuverl\u00e4ssigkeitspr\u00fcfungen f\u00fcr Dolmetscher des LKA (562). Zu den Mitwirkungsaufgaben des Verfassungsschutzes z\u00e4hlen des Weiteren Einzelanfragen nach dem Waffengesetz, H\u00e4ftlingshilfegesetz, Ordensgesetz, Hafensicherheitsgesetz, Bundesvertriebenengesetz, der Bewachungsverordnung und der \u00dcberfallund Einbruchmelderichtlinie. Die Gesamtzahl der Anfragen lag im Jahr 2013 ca. 7 Prozent \u00fcber dem Vorjahreswert. Die \u00dcberpr\u00fcfungen der Personen durch den Verfassungsschutz werden seit dem Jahr 2011 zunehmend mit Hilfe eines automatisierten Verfahrens abgewickelt. Dieses findet bereits Anwendung in den Bereichen Aufenthaltsrecht, Luftsicherheitsrecht, Atomrecht und Dolmetscher\u00fcberpr\u00fcfungen. Die automatisierten Anfragen wurden im Jahr 2013 bei den Zuverl\u00e4ssigkeits\u00fcberpr\u00fcfungen im Bereich des Atomgesetzes eingef\u00fchrt. Insgesamt wurden im Jahr 2013 bereits mehr als die H\u00e4lfte aller Anfragen auf diese Weise bearbeitet. Die Nutzung des Verfahrens in allen Bereichen wird angestrebt. 1.13 Gemeinsames Informationsund Analysezentrum Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen (GIAZ - Niedersachsen) Das seit dem 10.01.2005 eingerichtete \"Gemeinsame Informationsund Analysezentrum Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen\" (GIAZ - Niedersachsen) stellt einen Baustein innerhalb der Sicherheitsarchitektur des Landes Niedersachsen dar, mit dem die Zusammenarbeit in den wichtigsten Bereichen der Extremismusund Terrorismusbek\u00e4mpfung optimiert wurde. Der schnelle Austausch ist entscheidende Voraussetzungen f\u00fcr die effektive Beobachtung und Bek\u00e4mpfung von Extremismus und Terrorismus. Zu den Aufgaben des GIAZ - Niedersachsen geh\u00f6ren die Zusammenf\u00fchrung, Analyse und Bewertung von polizeilichen und nachrichtendienstlichen Informationen aus den Themenfeldern Internationaler Terrorismus und Extremismus, soweit er den internationalen Terrorismus unterst\u00fctzt, insbesondere islamistischer Extremismus, Rechtsextremismus und 15","Linksextremismus. Niedersachsen hat fr\u00fchzeitig erkannt, dass f\u00fcr eine umfassende und vollst\u00e4ndige Analyse die themenbezogenen Informationen von Polizei und Verfassungsschutz zusammengefasst werden m\u00fcssen. Mit diesem wichtigen Instrument der Terrorund Extremismusbek\u00e4mpfung wird auch weiterhin, unter Beachtung des Trennungsgebotes und der einschl\u00e4gigen Daten\u00fcbermittlungsvorschriften, ein Informationsaustausch zwischen Polizei und Verfassungsschutz gew\u00e4hrleistet. 1.14 Informationsverarbeitung Der Verfassungsschutz Niedersachsen ist - wie die anderen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder auch - gesetzlich befugt, die zur Aufgabenerf\u00fcllung erforderlichen personenbezogenen Daten zu erheben und in Akten und Dateien zu speichern. Das NVerfSchG und detaillierte Dienstvorschriften schreiben bestimmte Speicherungsvoraussetzungen sowie Regelungen zur Sperrung und L\u00f6schung der Daten vor. Deren Beachtung unterliegt insbesondere der Kontrolle durch den Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz (LfD) und den im Verfassungsschutz bestellten beh\u00f6rdlichen Datenschutzbeauftragten. Aufgrund der in Artikel 73 Nr. 10 GG und im Bundesverfassungsschutzgesetz (BVerfSchG) normierten Verpflichtung zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterrichtung unterhalten alle Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gem\u00e4\u00df SS 6 BVerfSchG eine gemeinsame beim Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV) eingerichtete Datenbank, das Nachrichtendienstliche Informationssystem (NADIS). Alle teilnehmenden Beh\u00f6rden d\u00fcrfen dort nach Ma\u00dfgabe der jeweiligen eigenen rechtlichen Befugnisse personenbezogene Daten speichern sowie auf den gesamten NADIS-Datenbestand zugreifen und Daten abrufen. Die gemeinsame Datenbank von Bund und L\u00e4ndern, NADIS, ist ein Aktenfundstellensystem, in dem nur der Name der gespeicherten Person, die zu ihrer Identifizierung erforderlichen Merkmale wie z. B. Wohnanschrift, Staatsangeh\u00f6rigkeit, Kraftfahrzeug sowie die speichernde Beh\u00f6rde und deren nach einem einheitlichen Aktenplan vergebenen Aktenzeichen enthalten sind. Nicht gespeichert ist der Inhalt der jeweiligen Information, die Anlass zur Vergabe des Aktenzeichens gewesen ist. Ben\u00f6tigt eine Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zur eigenen Aufgabenerf\u00fcllung die Informationen einer anderen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde \u00fcber eine gespeicherte Person, so fragt sie in der Regel auf elektronischem Wege bei ihr an. Der Informations\u00fcbermittlung ist eine Relevanzpr\u00fcfung durch die speichernde Stelle vorgeschaltet. Bedeutsam ist, dass sich die im NADIS gespeicherten personenbezogenen Daten nur teilweise auf Personen beziehen, die verfassungsfeindliche, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche Aktivit\u00e4ten (vgl. SS 3 Abs. 1 NVerfSchG) entfaltet haben. Im NADIS werden auch Angaben zu Personen erfasst, bei denen eine Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung mit dem Ergebnis einer Erm\u00e4chtigung zum Umgang mit Verschlusssachen durchgef\u00fchrt wurde oder die als Zielpersonen terroristischer oder geheimdienstlicher Aktivit\u00e4ten gelten. Vom Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutz waren am 31.12.2013 folgende personenbezo16","gene NADIS-Speicherungen veranlasst (Vorjahreszahlen in Klammern): im Zusammenhang mit Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen und Mitwirkungsaufgaben 65.656 (51.495), im Zusammenhang mit origin\u00e4ren Aufgaben des Verfassungsschutzes im Bereich Extremismus, Terrorismus, Spionageabwehr 9.082 (11.750)1. 1.15 Auskunftsersuchen von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern Im Jahr 2013 wurden 218 Auskunftsersuchen (2012: 275) gem\u00e4\u00df SS 13 NVerfSchG beantwortet. In 195 F\u00e4llen hatte der Verfassungsschutz keine Erkenntnisse gespeichert. Drei Anfragenden wurde der der Erfassung zugrunde liegende Sachverhalt uneingeschr\u00e4nkt mitgeteilt. In 19 F\u00e4llen wurde den Auskunftssuchenden der ihrer Erfassung zugrunde liegende Sachverhalt eingeschr\u00e4nkt mitgeteilt und im \u00dcbrigen gem\u00e4\u00df SS 13 Abs. 3 NVerfSchG an den LfD verwiesen. In einem Fall konnten die vorliegenden Erkenntnisse nicht mitgeteilt werden. Auch in diesem Fall wurde an den LfD verwiesen. 1.16 Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit und Pr\u00e4vention Unsere freiheitliche Verfassung zu sch\u00fctzen bedeutet nicht nur, extremistische Aktivit\u00e4ten zu beobachten, sondern auch die \u00d6ffentlichkeit dar\u00fcber zu informieren, so dass extremistische Ideologien von den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern als verfassungsfeindlich erkannt werden k\u00f6nnen. Diese Information ist eine gesetzliche Aufgabe: Gem\u00e4\u00df SS 3 Abs. 4 NVerfSchG kl\u00e4rt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde die \u00d6ffentlichkeit auf der Grundlage ihrer Auswertungsergebnisse durch zusammenfassende Berichte und andere Ma\u00dfnahmen \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen und sicherheitsgef\u00e4hrdende bzw. geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten auf. Zu den zusammenfassenden Berichten z\u00e4hlt insbesondere der j\u00e4hrliche Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzbericht. Mit seinen Analysen und Bewertungen hilft der Verfassungsschutz zu verhindern, dass extremistische Aussagen bei der Bev\u00f6lkerung auf fruchtbaren Boden treffen. Die Aufkl\u00e4rung \u00fcber Extremismus soll die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in die Lage versetzen, sich selbst f\u00fcr die Demokratie einzusetzen. K\u00fcnftig werden die Aufgaben, die in den Bereich der politischen Bildung fallen, nicht mehr vom Verfassungsschutz wahrgenommen. Der Verfassungsschutz entwickelt keine eigenen Konzepte zur politischen Bildung, sondern stellt sein Fachwissen anderen zur Verf\u00fcgung. Die Kernaufgaben der Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit sowie der Pr\u00e4vention werden in den Organisationsbereichen Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit sowie dem neu eingerichteten fach\u00fcbergreifend arbeitenden Bereich der Pr\u00e4vention des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes koordiniert. Dort werden der \u00d6ffentlichkeit u. a. Informationen \u00fcber 1 Bis einschlie\u00dflich 2012 wurden die Zahlenwerte der Speicherungen f\u00fcr Extremismus, Terrorismus und Spionageabwehr aus dem Nachrichtendienstlichen Informationssystem (NADIS) ermittelt. Diese enthalten Mehrfachz\u00e4hlungen. Ab 2013 werden ausschlie\u00dflich die Speicherungen aus der nieders\u00e4chsischen Amtsdatei zu Grunde gelegt (ohne Mehrfachz\u00e4hlungen). 17","Rechtsextremismus, Linksextremismus, Extremismus mit Auslandsbezug, insbesondere Islamismus und Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen angeboten. Der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz wird sich im Rahmen seiner \u00d6ffentlichkeitsarbeit auf die Vermittlung von Informationen \u00fcber die Gefahren des Extremismus konzentrieren und insoweit mit dieser Aufkl\u00e4rungsarbeit einen wichtigen Baustein der Bek\u00e4mpfung des Extremismus im Sinne der Pr\u00e4vention liefern. Mit seinen fundierten fachlichen Expertisen stellt sich der Verfassungsschutz Niedersachsen anderen Akteuren als Kooperationspartner zur Verf\u00fcgung. Die gesammelten Informationen des Verfassungsschutzes werden ausgewertet, analysiert und dokumentiert. Sie stehen dem Bereich Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit als Grundlage f\u00fcr die Aufkl\u00e4rungsarbeit zur Verf\u00fcgung. Diese Aufgaben k\u00f6nnen nur in der engen Kooperation mit anderen staatlichen Einrichtungen, aber auch gesellschaftlichen Organisationen und Partnern durchgef\u00fchrt werden. Es geht darum, Kompetenzen zusammenzuf\u00fchren. Der Verfassungsschutz ist eingebunden in das Beratungsnetzwerk des Nieders\u00e4chsischen Landespr\u00e4ventionsrates (LPR). Der LPR koordiniert Experten aus unterschiedlichen Bereichen zum Thema Rechtsextremismus und kann \"Mobile Interventionsteams\" (MIT) zusammenstellen, an denen auch der Verfassungsschutz beteiligt ist. Auch mit der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt (ARUG) in Braunschweig, dem Demokratiezentrum Wolfsburg, dem Landessportbund und dem Landesfeuerwehrverband Niedersachsen sowie kirchlichen Einrichtungen besteht eine enge Zusammenarbeit. 1.16.1 Presseund B\u00fcrgerkontakt Der Bereich Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit ist Ansprechpartner f\u00fcr die Presse in allen Fragen zum Extremismus. Die B\u00fcrgerund Presseanfragen an die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde spiegeln thematisch alle Arbeitsfelder des Verfassungsschutzes wider. Dabei wird h\u00e4ufig eine Einsch\u00e4tzung erbeten, ob beschriebene Ph\u00e4nomene als extremistisch zu werten sind. 1.16.2 Vortragsund Informationsveranstaltungen Im Bereich der Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit sowie im Arbeitsbereich Pr\u00e4vention sind erfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Auseinandersetzung mit Extremismus t\u00e4tig. Sie k\u00f6nnen zu allen Themen des Extremismus als Referenten eingeladen werden, z. B. von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, Kommunen, Vereinen, Parteien. Ebenso k\u00f6nnen Projekttage, Seminare und Workshops fachlich begleitet werden. Auch 2013 wurde dieses Angebot genutzt. Vor allem Vortr\u00e4ge und Informationen zum Rechtsextremismus wurden nachgefragt, zunehmend aber auch zu den Themen Islamismus und Linksextremismus. 2013 wurden in \u00fcber 50 Vortragsveranstaltungen rund 5.000 Personen erreicht. 18","Mehrfach besuchten auch Gruppen das Dienstgeb\u00e4ude des Verfassungsschutzes, um sich \u00fcber die Arbeit der Beh\u00f6rde zu informieren. 1.16.3 Ausstellung \"Gemeinsam gegen Rechtsextremismus\" Ein wesentliches Element der Pr\u00e4ventionsarbeit des Verfassungsschutzes ist die im Jahr 2013 grundlegend \u00fcberarbeitete und neu konzipierte Wanderausstellung \"Gemeinsam gegen Rechtsextremismus\", die am 07.11.2013 in Hannover er\u00f6ffnet wurde. Die Ausstellung stellt die Inhalte in einem neuen Rahmen dar und vermittelt grundlegende Informationen \u00fcber rechtsextremistische Erscheinungsformen und Werbemethoden. Sie gibt insbesondere Einblicke in die rechtsextremistische Jugendszene. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen multimediale Beispiele rechtsextremistischer Musik und der Internetaktivit\u00e4ten und -propaganda von Rechtsextremisten. F\u00fcr Schulklassen und andere Gruppen werden fachkundige F\u00fchrungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes angeboten. Die Wanderausstellung, die zuvor unter dem Titel \"Unsere Demokratie sch\u00fctzen - Verfassungsschutz gegen Extremismus\" pr\u00e4sentiert wurde, konnte seit ihrem Beginn im Jahr 2005 in mittlerweile 64 Orten Niedersachsens und angrenzenden Bundesl\u00e4ndern in \u00fcber 1.000 F\u00fchrungen etwa 40.000 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler und andere Gruppen erreichen. 1.16.4 Beratung von Kommunen In Kommunen entsteht oft die Frage, wie man vor allem rechtsextremistischen Aktivit\u00e4ten vor Ort begegnen kann. Hier bietet die im Jahr 2004 bestellte beauftragte Person f\u00fcr Immobiliengesch\u00e4fte mit rechtsextremistischem Hintergrund eine auf die jeweilige lokale Situation angepasste Information und Beratung an. In Informationsgespr\u00e4chen werden M\u00f6glichkeiten der Pr\u00e4vention und des Umgangs mit Rechtsextremisten aufgezeigt (s. Kapitel 2.12 Immobiliengesch\u00e4fte mit rechtsextremistischem Hintergrund). 1.16.5 Symposien Bereits seit 2006 werden vom Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutz \u00f6ffentliche Symposien zum Thema Extremismus veranstaltet, an denen anerkannte Experten teilnehmen und aus unterschiedlichen Blickwinkeln Fragen diskutieren. Die Inhalte werden jeweils in einem Tagungsband zusammengefasst. In Form einer regelm\u00e4\u00dfigen Reihe erreichen diese Tagungen seit 2009 unter dem Namen \"Extremismus-Symposium\" eine gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit. Das 1. Extremismus-Symposium unter dem Titel \"Linksextremismus - Die untersch\u00e4tzte Gefahr?\" wurde im Mai 2009 in Hannover durchgef\u00fchrt. In weiteren sechs Veranstaltungen wurde dar\u00fcber hinaus u. a. zu den Themen Rechtsextremismus, Islamismus, Salafismus, Spionage/Cyberangriffe und Politische Gewalt im Internet-Zeitalter informiert. Am 12.06.2013 fand bereits das 7. Symposium unter dem Titel \"Rechtsextremismus im Wandel\" statt. 19","1.16.6 Programm \"Sport und Feuerwehr mit Courage gegen Rechtsextremismus\" Im Rahmen der im Jahr 2012 erstellten \"Gesamtkonzeption des Nieders\u00e4chsischen Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport gegen Rechtsextremismus\" wurden vom Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutz gemeinsam mit dem Nieders\u00e4chsischen Landessportbund (LSB) und dem Landesfeuerwehrverband Niedersachsen (LFV) Kooperationsvereinbarungen f\u00fcr die Jahre 2012 und 2013 getroffen, um das Engagement gegen Rechtsextremismus in den Sportvereinen und Freiwilligen Feuerwehren zu unterst\u00fctzen und weiter zu entwickeln. Das Programm sieht u. a. vor, Multiplikatoren zu qualifizieren, die vor Ort \u00fcber die Gefahren des Rechtsextremismus aufkl\u00e4ren und in den Vereinen und Verb\u00e4nden entsprechende Projekte initiieren k\u00f6nnen. Dem LSB und dem LFV steht jeweils ein Expertengremium aus ehrenamtlichen \u00f6rtlichen Akteuren, Vertretern der Verb\u00e4nde und des Verfassungsschutzes beratend zur Seite. Zur Umsetzung des Programms hat die nieders\u00e4chsische Landesregierung in den Jahren 2012 und 2013 j\u00e4hrlich 100.000 Euro f\u00fcr den LSB und den LFV zur Verf\u00fcgung gestellt. 1.16.7 Informationsmaterialien \u00dcber die \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes k\u00f6nnen Brosch\u00fcren und andere Informationsmaterialien zum Extremismus bestellt werden, wie z. B. j\u00e4hrlicher Verfassungsschutzbericht, der einen detaillierten \u00dcberblick \u00fcber extremistische Entwicklungen in Niedersachsen gibt, Tagungsdokumentationen der Extremismussymposien zu den Themen Rechtsund Linksextremismus sowie zum Islamismus und Faltbl\u00e4tter zu einzelnen Angeboten. 1.16.8 Kontaktdaten F\u00fcr W\u00fcnsche zu Vortragsund Informationsveranstaltungen sowie inhaltliche Fragen zum Thema Extremismus steht der Bereich der Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit beim Verfassungsschutz unter folgenden Kontaktdaten zur Verf\u00fcgung: Telefon: 0511/6709-217 Telefax: 0511/6709-394 E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit@verfassungsschutz.niedersachsen.de Informationen zur Wanderausstellung \"Gemeinsam gegen Rechtsextremismus\", wie aktuelle Ausstellungsorte, Termine f\u00fcr F\u00fchrungen, Voraussetzungen f\u00fcr die Pr\u00e4sentation etc., erhalten Sie ebenfalls unter der o. a. Telefonnummer oder E-Mail-Adresse. Der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz informiert zudem umfassend unter der Adresse www.verfassungsschutz.niedersachsen.de \u00fcber Aufgaben und Befugnisse des Verfassungsschutzes und aktuelle Entwicklungen des 20","politischen Extremismus sowie der Spionageabwehr mit der Schwerpunktsetzung auf Niedersachsen. Insbesondere in der Rubrik \"Aktuelle Meldungen\" und \"Termine\" werden zeitnah Berichte und Analysen ver\u00f6ffentlicht und Veranstaltungen des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes angek\u00fcndigt. Auch auf den Internet-Seiten des Ministeriums f\u00fcr Inneres und Sport www.mi.niedersachsen.de (Service \\ Publikationen) sind die Verfassungsschutzberichte der letzten Jahre sowie die Brosch\u00fcren des Verfassungsschutzes ver\u00f6ffentlicht. 1.17 Aktion Neustart Im November 2010 rief der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz das Aussteigerprogramm \"Aktion Neustart\" ins Leben. Ziel des Aussteigerprogramms ist es, ausstiegswillige Rechtsextremisten bei einem sicheren und nachhaltigen Ausstieg zu unterst\u00fctzen. Au\u00dferdem ber\u00e4t \"Aktion Neustart\" Hilfesuchende aus dem sozialen Umfeld von Rechtsextremisten, beispielsweise Eltern, Lehrer, Arbeitgeber. Dar\u00fcber hinaus spricht \"Aktion Neustart\" eigeninitiativ proaktiv Rechtsextremisten an, um sie f\u00fcr die M\u00f6glichkeit des Szene-Ausstiegs zu sensibilisieren. Das Aussteigerprogramm richtet sich an Sympathisanten, Mitl\u00e4ufer und Aktivisten, an junge Szeneeinsteiger, aber auch an langj\u00e4hrige Mitglieder der rechtsextremistischen Szene. Im Ausstiegsprozess sollen Einstiegsmotive und rechtsextremistische Einstellungsmuster gekl\u00e4rt und aufgel\u00f6st werden. Neben der gemeinsamen Bearbeitung der individuellen Problemlagen wird eine pers\u00f6nliche Gef\u00e4hrdungsanalyse erarbeitet. Hierf\u00fcr kooperiert \"Aktion Neustart\" situativ mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Mit der Betreuungsarbeit soll erreicht werden, dass sich die Aussteiger anschlie\u00dfend wieder zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung und zu den Grundund Menschenrechten bekennen. In der Arbeit mit Szene-Aussteigern wurde deutlich, dass die rechtsextremistische Szene den Menschen vermeintlich einfache L\u00f6sungsschemata bietet, mit denen sie eigene Defizite oberfl\u00e4chlich kompensieren. Die Anerkennung in der Gruppe, die Steigerung des Selbstwertgef\u00fchls und die Erlebnisorientierung sind fundamentale Motive f\u00fcr einen Einstieg in die rechtsextremistische Szene. Mit der \u00dcbernahme einer \"Szene-Identit\u00e4t\" r\u00fccken pers\u00f6nliche Probleme in den Hintergrund. Zudem sind das Internet und insbesondere soziale Netzwerke heutzutage ein leichter Weg, ohne wirksame soziale Kontrolle erste Kontakte zu kn\u00fcpfen und rechtsextremistisches Gedankengut unreflektiert zu \u00fcbernehmen. Mit Stand Ende 2013 konnte in 20 F\u00e4llen ein erfolgreicher Ausstieg aus der rechtsextremistischen Szene erreicht werden. Zudem wurden 31 Beratungsgespr\u00e4che mit Eltern, Lehrern und Arbeitgebern gef\u00fchrt sowie 20 Rechtsextremisten proaktiv angesprochen. Ausstiegswillige und Hilfesuchende k\u00f6nnen rund um die Uhr vertraulich Kontakt zu \"Aktion Neustart\" aufnehmen: 21","Telefon: 0172/4444300 E-Mail: aktion.neustart@verfassungsschutz.niedersachsen.de 1.18 Anmerkungen zum Inhalt des Verfassungsschutzberichtes 1.18.1 Umfang der Berichterstattung Im folgenden Bericht wird ausschlie\u00dflich \u00fcber solche Bestrebungen berichtet, bei denen die vorliegenden tats\u00e4chlichen Anhaltspunkte eine Bewertung als extremistisch rechtfertigen. \u00dcber Bestrebungen, bei denen aufgrund der vorliegenden tats\u00e4chlichen Anhaltspunkte vorerst der Verdacht besteht, extremistisch zu sein, wird nicht berichtet. 1.18.2 Hinweis zur Rechtschreibung Im Bericht wird die deutsche Rechtschreibung entsprechend der aktuell g\u00fcltigen Auflage des Dudens verwendet. Sofern in Zitaten davon abgewichen wird, liegt es daran, dass die Originalschreibweise der dem Zitat zugrunde liegenden Quelle \u00fcbernommen wurde. Daneben k\u00f6nnen in Zitaten auch Namen anders geschrieben sein, als im \u00fcbrigen Bericht. Ein gesonderter Hinweis auf die Abweichung erfolgt jedoch nicht. 22","2. Rechtsextremismus 2.1 Mitglieder-Potenzial2 Rechtsextremismus-Potenzial Bundesrepublik Deutschland 2012 2013 Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremisten3 7.500 7.400 Neonazis4 6.000 5.800 Parteien5: 7.150 7.000 NPD 6.000 5.500 Die Rechte 150 500 B\u00fcrgerbewegung pro NRW e. V. (pro NRW)6 1.000 1.000 Sonstige Organisationen 2.500 2.500 Summe 23.150 22.700 Nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften7 22.150 21.700 davon gewaltbereite Rechtsextremisten8 9.600 9.600 2 Die Zahlenangaben sind zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet. 3 Ber\u00fccksichtigt werden wie bisher rechtsextremistische Skinheads und Straft\u00e4ter. Die meisten Szenezugeh\u00f6rigen sind nicht in Gruppen organisiert. In die Statistik sind nicht nur tats\u00e4chlich als T\u00e4ter/Tatverd\u00e4chtige festgestellte Personen einbezogen, sondern auch solche Rechtsextremisten, bei denen lediglich Anhaltspunkte f\u00fcr Gewaltbereitschaft gegeben sind. 4 Nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften innerhalb der Neonazi-Szene. Bei der Anzahl der Gruppen werden nur diejenigen neonazistischen Gruppierungen und diejenigen Kameradschaften erfasst, die ein gewisses Ma\u00df an Organisierung aufweisen. 5 Die Partei Deutsche Volksunion (DVU) hat sich Mitte 2012 endg\u00fcltig aufgel\u00f6st. 6 Die Partei B\u00fcrgerbewegung pro NRW wird erstmals f\u00fcr das Jahr 2012 als erwiesene rechtsextremistische Bestrebung gef\u00fchrt. 7 Die Mehrfachmitgliedschaften im Bereich der Parteien und sonstigen rechtsextremistischen Organisationen wurden vom gesamten Personenpotenzial abgezogen. 8 Aufgrund des Wandels innerhalb der rechtsextremistischen Szene wird die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten seit 2010 gesondert ausgewiesen. 23","Rechtsextremismus-Potenzial Niedersachsen9 2012 2013 Subkulturell gepr\u00e4gte und sonstige gewaltbereite Rechtsextremisten 635 600 Neonazis10 420 345 Parteien: 470 485 NPD 470 450 Die Rechte11 35 Sonstige Organisationen 90 105 Summe 1.615 1.535 Nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften 1.585 1.455 davon gewaltbereite Rechtsextremisten12 920 920 9 Die f\u00fcr den Bund eingef\u00fcgten Fu\u00dfnoten 3 bis 8 gelten entsprechend auch f\u00fcr Niedersachsen. 10 Seit 2010 wird der gewaltbereite Anteil der Neonazis komplett mitgez\u00e4hlt. 11 Der nieders\u00e4chsische Landesverband der Partei Die Rechte wurde im Februar 2013 gegr\u00fcndet. 12 In der Gesamtzahl sind auch gewaltbereite Neonazis und NPD-Mitglieder enthalten. 24","2.2 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t13 (PMK) mit extremistischem Hintergrund - rechts Die Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t wird seit dem Jahr 2001 durch die Polizei auf Grundlage des durch einen Beschluss der St\u00e4ndigen Konferenz der Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder eingef\u00fchrten \"Kriminalpolizeilichen Meldedienst in F\u00e4llen Politisch motivierter Kriminalit\u00e4t (KPMD-PMK)\" erfasst, um eine bundeseinheitliche und differenzierte Auswertung und Lagedarstellung zu erm\u00f6glichen. Meldepflichtig sind alle politisch motivierten Straftaten (F\u00e4lle) gem\u00e4\u00df den Richtlinien des KPMD-PMK. Dazu z\u00e4hlen \"echte Staatsschutzdelikte\" (SSSS 80-83, 84-86a, 87-91, 94-100a, 102104a, 105-108e, 109-109h, 129a, 129b, 234a, 241a StGB) sowie Delikte der allgemeinen Kriminalit\u00e4t, die gem\u00e4\u00df Definitionssystem der PMK zuzuordnen sind (\"unechte Staatsschutzdelikte\"). Den letztgenannten werden F\u00e4lle zugeordnet, wenn in W\u00fcrdigung der Umst\u00e4nde der Tat und/oder der Einstellung des T\u00e4ters Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie nach verst\u00e4ndiger Betrachtung politisch motiviert waren, ohne dass die Tat bereits die Au\u00dferkraftsetzung oder Abschaffung eines Elementes der freiheitlichen demokratischen Grundordnung (Extremismus) zum Ziel haben muss. Dar\u00fcber hinaus werden zudem die Tatbest\u00e4nde der \"echten Staatsschutzdelikte\" erfasst, selbst wenn im Einzelfall keine politische Motivation festgestellt werden kann. Die extremistische Kriminalit\u00e4t, welche in den Berichten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden dargestellt wird, bildet einen Teilbereich der Politisch motivierten Kriminalit\u00e4t ab und umfasst Straftaten, bei denen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind. Ebenfalls hinzugerechnet werden Straftaten, die durch Anwendung von Gewalt oder durch darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden oder sich gegen die V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Im Rahmen des KPMD-PMK erfolgt unverz\u00fcglich bei Aufnahme der Ermittlungen durch die \u00f6rtlichen zust\u00e4ndigen Dienststellen des zust\u00e4ndigen polizeilichen Staatsschutzes eine erste eigene Bewertung, ob eine Straftat einen extremistischen Hintergrund hat und welchem Ph\u00e4nomenbereich sie zuzuordnen ist. Hierbei orientiert sich die Bewertung am Extremismusbegriff der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder (vgl. SS 3 Absatz 1 NVerfSchG) sowie dazu vorhandener Rechtsprechung. Diese erste Einsch\u00e4tzung \u00fcbermitteln die Staatsschutzdienststellen als \"Kriminaltaktische Anfrage in F\u00e4llen Politisch motivierter Kriminalit\u00e4t (KTA-PMK)\" unverz\u00fcglich dem Landeskriminalamt Niedersachsen. Soweit eine Straftat als \"extremistisch\" bewertet wird oder ein diesbez\u00fcglicher \"Zweifelsfall\" erkannt wird, ergeht die KTA-PMK auch an die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde. Sofern sich im Verlauf des Verfahrens neue Erkenntnisse ergeben, nach denen die erste Einstufung zu revidieren ist sowie bei Abschluss der Ermittlungen und bei Abgabe an die Staatsanwaltschaft erh\u00e4lt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde weitere KTA-PMK-Meldungen zum jeweiligen Sachverhalt. 13 Der PMK werden Straftaten zugeordnet, wenn in W\u00fcrdigung der Umst\u00e4nde der Tat und/oder der Einstellung des T\u00e4ters Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie den demokratischen Willensbildungsprozess beeinflussen sollen, sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten, durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden oder sich gegen eine Person, insbesondere aufgrund ihrer politischen Einstellung, Nationalit\u00e4t, Volkszugeh\u00f6rigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung oder Herkunft richten und die Tathandlung damit im Kausalzusammenhang steht. 25","Durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde, der die endg\u00fcltige Entscheidung \u00fcber die Einstufung als extremistische Tat obliegt, erfolgt ein Abgleich der KTA-PMK mit den dort vorliegenden Erkenntnissen. Kommt diese zu einer gegenteiligen Bewertung, teilt sie dies der zust\u00e4ndigen Polizeidienststelle mit, die daraufhin in den polizeilichen Auskunftssystemen eine \u00c4nderung der Einstufung der entsprechenden Taten veranlasst. Die auf diese Weise zwischen Polizei und Verfassungsschutz abgestimmten, bei der Polizei gespeicherten Bewertungen zur PMK spiegeln damit den jeweils aktuell gegebenen Ermittlungsstand, auch in Bezug auf die Melde-/Bewertungskriterien wider. F\u00fcr die Darstellung der PMK-Jahreslage in Bund und L\u00e4ndern wird - von der Auswertung der tagesaktuellen Datens\u00e4tze abweichend - einheitlich der zum 31. Januar des Folgejahres gegebene Datenbestand herangezogen. Diese Fallzahlen sind in Niedersachsen zugleich auch die Grundlage f\u00fcr die statistische Zulieferung der F\u00e4lle extremistisch motivierter Kriminalit\u00e4t von der Polizei an den Verfassungsschutz zur Erstellung des Verfassungsschutzberichtes. Insofern sind die statistischen Daten, die die Grundlage f\u00fcr das Zahlenmaterial in den Verfassungsschutzberichten darstellen, zwischen Polizei und Verfassungsschutzbeh\u00f6rde abgestimmt. Die Gesamtzahl der erfassten Straftaten mit einem rechtsextremistisch motivierten Hintergrund betrug im Jahre 2013 in Niedersachsen 1.323 Delikte. Gegen\u00fcber dem Vorjahr, in dem 1.505 Straftaten ver\u00fcbt wurden, ist ein R\u00fcckgang um 12,1 Prozent zu konstatieren. Die Propagandadelikte dieses Ph\u00e4nomenbereichs bilden dabei mit 862 Taten weiterhin den Schwerpunkt, wenn auch gegen\u00fcber dem Jahr 2012 (971 F\u00e4lle) ein R\u00fcckgang um 109 F\u00e4lle zu verzeichnen ist. Dies entspricht einem Minus von 11,2 Prozent. Die Anzahl der Gewaltdelikte ist mit 73 F\u00e4llen im Vergleich zum Vorjahr um 33 F\u00e4lle signifikant um 31,1 Prozent gesunken (2012: 106). Von den 73 Gewaltdelikten entfallen 65 Taten auf K\u00f6rperverletzungsdelikte. Der R\u00fcckgang von Gewaltdelikten erkl\u00e4rt sich in erster Linie aufgrund des konsequenten Einschreitens der Polizei bei rechtsextremen Gewalttaten, insbesondere im Bereich \u00f6rtlich begrenzter Rechts/Links-Konflikte. Ein allgemeiner Trend zu einem R\u00fcckgang von rechten Gewaltdelikten ist in Niedersachsen erkennbar. Im Bereich der sonstigen rechtsextremistischen Straftaten ist ebenfalls ein R\u00fcckgang von 1.399 Taten (2012) auf 1.250 Taten (2013) festzustellen. Dies entspricht einem Minus von 10,7 Prozent. Als regionaler Brennpunkt ist f\u00fcr den Berichtszeitraum der Bereich B\u00fcckeburg zu benennen. Die involvierten Personen sind \u00fcberwiegend im jugendlichen und heranwachsenden Alter. Neben unterschiedlicher, politischer Auffassungen geht es vorrangig um eine Vormachtstellung im \u00f6ffentlichen Raum. Dabei wird vor k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen mit den politisch Andersdenkenden nicht zur\u00fcckgeschreckt. Aufgrund verschiedener polizeilicher Ma\u00dfnahmen war im vierten Quartal ein R\u00fcckgang der Konfrontationen zu verzeichnen. Aktuell haben sich f\u00fcr Niedersachsen zwei weitere Brennpunkte in den Bereichen Braunschweig und Harburg herauskristallisiert, in denen es in j\u00fcngster Vergangenheit vermehrt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der rechtsextremistischen und linksextremistischen Szene gekommen ist. Bei diesen \u00dcbergriffen handelt es sich haupts\u00e4chlich um einfa26","che sowie gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzungen und Sachbesch\u00e4digungen. Diese erfolgten im Rahmen von Demonstrationen und Veranstaltungen, aber auch als spontane \u00dcbergriffe ohne erkennbaren Ausl\u00f6ser. Das Verbot der rechtsextremen Gruppierung \"Besseres Hannover\" 2012 ist seit dem 06.01.2014 rechtskr\u00e4ftig. Es bestehen bisher keine Anzeichen auf rechtsterroristische Strukturen in Niedersachsen. 27","\u00dcbersicht der Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - rechts\" in Niedersachsen 14 Gewalttaten: 2012 2013 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte15 0 1 K\u00f6rperverletzungen 92 65 Brandstiftungen 4 1 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 1 Landfriedensbr\u00fcche 2 0 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffsund Stra\u00dfenverkehr 1 0 Freiheitsberaubung 0 0 Raub 0 0 Erpressung 2 0 Widerstandsdelikte 5 5 Insgesamt 106 73 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 150 112 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 17 9 Propagandadelikte 971 862 St\u00f6rung der Totenruhe 2 1 Andere Straftaten (davon Volksverhetzung) 259 266 (171) (177) Insgesamt 1.399 1.250 14 Die Zahlen basieren auf Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen (LKA NI). Die Darstellung der nieders\u00e4chsischen Fallzahlen in \u00dcbersichten des Bundes kann davon abweichen, da das LKA NI eine so genannte \"lebende Statistik\" f\u00fchrt. Um die st\u00e4ndige Aktualit\u00e4t der Statistik sicherzustellen, werden dabei ggf. Nacherfassungen/Aktualisierungen auch f\u00fcr Vorjahre vorgenommen, so dass der Zahlenbestand Ver\u00e4nderungen unterliegen kann. 15 Lt. Urteil des zust\u00e4ndigen Amtsgerichts wurde der zun\u00e4chst wegen des Verdachts eines versuchten T\u00f6tungsdelikts ermittelte Sachverhalt vom Gericht als versuchte gef\u00e4hrliche K\u00f6rperverletzung zum Nachteil von vermeintlichen Angeh\u00f6rigen der linken Szene bewertet. Der Verfassungsschutz bewertet den Sachverhalt im Nachhinein als nicht extremistisch. F\u00fcr die Darstellung in der Tabelle ist allerdings der Datenbestand zum 31.01.2014 ma\u00dfgebend. Nach Bekanntwerden dieses Urteils wird in Niedersachsen eine Korrektur im Bericht des n\u00e4chsten Jahres erfolgen. 28","Straftaten insgesamt 1.505 1.323 2.3 Einf\u00fchrung Eine in sich geschlossene rechtsextremistische Ideologie gibt es nicht. Vielmehr werden mit dem Begriff Rechtsextremismus Ideologieelemente erfasst, die in unterschiedlicher Intensit\u00e4t und mit unterschiedlicher Sto\u00dfrichtung der weltanschaulichen \u00dcberzeugung von einer Ungleichwertigkeit der Menschen Ausdruck verleihen. Zu nennen sind im Einzelnen: Aggressive menschenverachtende Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Unterscheidung von \"lebenswertem\" und \"lebensunwertem\" Leben, \u00dcberh\u00f6hung des eigenen Volkes bei gleichzeitiger Abwertung anderer Nationen und V\u00f6lker (Nationalismus), Vorstellung einer rassisch verstandenen homogenen Volksgemeinschaft (Volksgemeinschaftsdenken), Individualrechte verneinendes, dem F\u00fchrerprinzip verpflichtetes Kollektivdenken (v\u00f6lkischer Kollektivismus), Behauptung \"nat\u00fcrlicher\" Hierarchien (Biologismus), Betonung des Rechts des St\u00e4rkeren (Sozialdarwinismus), Ablehnung demokratischer Regelungsformen bei Konflikten, \u00dcbertragung milit\u00e4rischer Prinzipien auf die zivile Gesellschaft (Militarismus), Geschichtsrevisionismus (Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus), Ethnopluralismus (Forderung nach strikter r\u00e4umlicher und kultureller Trennung verschiedener Ethnien). Die Ideologieelemente Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus sind die zentralen Begriffe des Rechtsextremismus. Mit \"fremdenfeindlich\" wird die Ablehnung all dessen bezeichnet, was als fremd bewertet und aus der Gesellschaft ausgegrenzt wird. Die Merkmale variieren: Ausl\u00e4nder, Juden, Muslime und Obdachlose k\u00f6nnen ebenso Opfer fremdenfeindlicher Ablehnung und Aggression werden wie Menschen mit Behinderungen und Homosexuelle. Fremdenfeindliche Positionen sind bei jeder rechtsextremistischen Organisation nachweisbar; sie bilden das Grundelement rechtsextremistischen Denkens. Die in Deutschland gebr\u00e4uchliche Verwendung des Begriffes Rassismus nimmt Bezug auf die Rassenideologie des Nationalsozialismus, die die \"Selektion\" und Vernichtung von Millionen Menschen biologisch begr\u00fcndete. Rassisten leiten aus den genetischen Merkmalen der Menschen eine naturgegebene soziale Rangordnung ab. Sie unterscheiden zwischen \"wertvollen und minderwertigen menschlichen Rassen\". Der Antisemitismus tritt im Rechtsextremismus in verschiedenen Varianten in Erscheinung. Antisemitische Positionen werden sowohl religi\u00f6s als auch kulturell und rassistisch begr\u00fcndet. H\u00e4ufig korrespondieren sie mit verschw\u00f6rungstheoretischen Ans\u00e4tzen. Vor dem historischen Hintergrund der systematischen Judenvernichtung durch den Nationalsozia29","lismus (Holocaust16) sind antisemitische Einstellungsmuster ein Gradmesser f\u00fcr die Verfestigung eines rechtsextremistischen Weltbildes. Sie zeugen von ideologischer N\u00e4he zum historischen Nationalsozialismus und treten h\u00e4ufig in Verbindung mit revisionistischen Positionen auf. Antisemitische Positionen sind ein Kennzeichen fast aller rechtsextremistischen Organisationen. Der Begriff Neonazismus, eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr Neooder neuer Nationalsozialismus, der h\u00e4ufig f\u00e4lschlicherweise als Synonym f\u00fcr Rechtsextremismus verwendet wird, steht f\u00fcr Bestrebungen, die sich weltanschaulich auf den historischen Nationalsozialismus beziehen. Hierzu z\u00e4hlen in erster Linie die neonazistischen Kameradschaften und Organisationen wie die Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e. V. (HNG). Innerhalb der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) ist der neonazistische Fl\u00fcgel st\u00e4ndig st\u00e4rker geworden, seitdem sich die Partei gegen\u00fcber Freien Nationalisten ge\u00f6ffnet hat. Ausdruck dieser Entwicklung sind die Eintritte zahlreicher f\u00fchrender Protagonisten der Neonaziszene, die zudem F\u00fchrungs\u00e4mter in der NPD \u00fcbernommen haben. Die ebenfalls als Synonym f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen verwendeten Begriffe faschistisch oder neofaschistisch sind in zweifacher Hinsicht ungeeignet. Zum einen handelt es sich um Kampfbegriffe aus den Zeiten des Kalten Krieges, mit denen die Bundesrepublik Deutschland von der DDR in die Tradition des Nationalsozialismus ger\u00fcckt worden war. Zum anderen verbindet sich mit diesen Begriffen die Vorstellung vom italienischen Faschismus Mussolinis, der als antidemokratische Bewegung ohne Rassismus vom deutschen Nationalsozialismus erheblich abwich. 2.4 \u00dcberblick \u00fcber die aktuellen Entwicklungen im Rechtsextremismus In diesem Kapitel wird die Entwicklung im Rechtsextremismus zusammengefasst dargestellt. Detaillierte Berichte finden sich in den jeweils folgenden Kapiteln. Die Erl\u00e4uterung der Begrifflichkeiten erfolgt ebenfalls in den jeweiligen Kapiteln. Das von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden registrierte rechtsextremistische Personenpotenzial ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gesunken. Dieser Trend setzte sich 2013 fort. Auf Bundesebene werden dem Rechtsextremismus 21.700 (2012: 22.150) und in Niedersachsen 1.455 (2012: 1.585) Personen zugerechnet. So erfreulich diese Entwicklung auf den ersten Blick erscheint, muss einschr\u00e4nkend hinzugef\u00fcgt werden, dass rein quantitative Angaben nur eine bedingte Aussagekraft haben. Sie spiegeln die gesellschaftliche und politische Dimension des Rechtsextremismus nicht wider. Als Indikator f\u00fcr die wachsende Bedeutung des Internets sowie f\u00fcr Ver\u00e4nderungen und Trends zur Radikalisierung und Professionalisierung taugen sie ebenso wenig wie f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung der Theorieund Ideologiebildung oder zur Erfassung des Graubereichs zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, dem im Zuge islamfeindlicher Diskurse seit einigen Jahren wachsende Bedeutung zukommt. Erschwerend kommt hinzu, dass die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des Rechtsextremismus und die nach rechtlichen Kriterien erfolgende Erfassung durch den Verfassungs16 Der Begriff bedeutet Massenvernichtung (vom griech. holocaustos = \"v\u00f6llig verbrannt\"). 30","schutz nicht deckungsgleich sind. Fremdenfeindliche Einstellungen, die f\u00fcr den politischen Diskurs \u00fcber den Rechtsextremismus einen hohen Stellenwert haben, werden nicht erfasst. Die Einleitung des NPD-Verbotsverfahrens bildete einen Schwerpunkt der \u00f6ffentlichen Debatte \u00fcber den Rechtsextremismus. Die Antragsschrift f\u00fchrt den Nachweis, dass die NPD ihre rassistischen, antisemitischen und fremdenfeindlichen Ziele in der ideologischen Tradition des historischen Nationalsozialismus in aggressiv-k\u00e4mpferischer Form verfolgt. Die NPD hat ungeachtet dessen weiterhin zentrale Bedeutung f\u00fcr den Rechtsextremismus in Deutschland, auch wenn die Mitgliederzahl erneut - von 6.000 auf 5.500 Personen - gesunken und der Bundesvorsitzende Holger APFEL von seinem Amt zur\u00fcckgetreten ist. Von einer existentiellen Bedrohung der NPD, wie sie in den Medien von einigen Kommentaren vermutet wird, kann indes nicht gesprochen werden. Die NPD verf\u00fcgt in allen Regionen Deutschlands \u00fcber gewachsene Organisationsstrukturen, die sie jederzeit reaktivieren kann. Die Aktionseinheit mit Teilen der neonazistischen Szene besteht trotz des angestrebten Verbotsverfahrens fort. Bei Veranstaltungen wie dem von der norddeutschen Neonazi-Szene am 01.06.2013 in Wolfsburg durchgef\u00fchrten \"Tag der deutschen Zukunft\" (TddZ) wird sie \u00f6ffentlich zelebriert. Die kommissarische \u00dcbernahme des Parteivorsitzes durch den Vorsitzenden der NPDFraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Udo PAST\u00d6RS, deutet nicht auf eine M\u00e4\u00dfigung der ideologischen Positionen. PAST\u00d6RS, ein Bef\u00fcrworter der Zusammenarbeit mit neonazistischen Kameradschaften, ist wiederholt mit demagogischen, fremdenfeindlichen Parolen \u00f6ffentlich in Erscheinung getreten. Der nieders\u00e4chsische Landesverband, dessen Mitgliederzahl sich von 470 auf 450 verringert hat, spielt f\u00fcr die Gesamtentwicklung der Partei eine nur untergeordnete Rolle. Von ihm gehen keine programmatischen Impulse aus. Nennenswerte Aktivit\u00e4ten sind lediglich in den Unterbezirken Gifhorn-Wolfsburg, Oldenburg und Stade zu registrieren. Mit der Partei Die Rechte existiert seit Mai 2012 eine weitere neonazistisch ausgerichtete Partei. Gr\u00fcnder ist der aus Hamburg stammende, jetzt in Mecklenburg-Vorpommern ans\u00e4ssige Neonazi Christian WORCH. Die Rechte hat ihre Strukturen im Laufe des Jahres 2013 allm\u00e4hlich ausgebaut. Inzwischen verf\u00fcgt sie \u00fcber acht Landesverb\u00e4nde mit insgesamt ca. 500 Mitgliedern. Die Entwicklung in den einzelnen Landesverb\u00e4nden ist uneinheitlich. Den organisatorischen Schwerpunkt bildet der Landesverband Nordrhein-Westfalen, der von ehemaligen Angeh\u00f6rigen verbotener Kameradschaften beherrscht wird. Der nieders\u00e4chsische Landesverband z\u00e4hlt 35 Mitglieder. Der Kreisverband Braunschweiger Land wurde von Angeh\u00f6rigen des neonazistischen Aktionsb\u00fcndnisses 3817 gebildet. Derzeit deutet sich nicht an, dass Die Rechte sich zu einer ernsthaften Konkurrenz f\u00fcr die NPD entwickelt. Einiges spricht vielmehr f\u00fcr eine neue organisatorische Entwicklung im neonazistischen Bereich mit der Partei Die Rechte als Dachorganisation f\u00fcr die Mitglieder verbotener oder von etwaigen Exekutivma\u00dfnahmen bedrohter Kameradschaften. 17 Die Bezeichnung geht auf den Postleitzahlbezirk 38 zur\u00fcck. 31","Als weiteres neues Beobachtungsobjekt auf Bundesebene im Parteienbereich ist pro NRW anzuf\u00fchren. Die islamfeindlich ausgerichtete Partei bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Das Personenpotenzial im neonazistischen Bereich hat sich das erste Mal seit vielen Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig entwickelt. F\u00fcr Deutschland insgesamt werden diesem Bereich 5.800 (2012: 6.000) und in Niedersachsen 345 (2012: 420) Personen zugerechnet. Der R\u00fcckgang erkl\u00e4rt sich wesentlich aus der Verunsicherung in der Szene nach den diversen Verboten neonazistischer Kameradschaften im Jahr 2012, darunter das inzwischen letztinstanzlich best\u00e4tigte Verbot von Besseres Hannover. Stark differierende Entwicklungen in den einzelnen Bundesl\u00e4ndern verdeutlichen auch in diesem Bereich die regionalspezifische Auspr\u00e4gung des Rechtsextremismus. Sie erschwert zugleich generalisierende Bewertungen des Rechtsextremismus f\u00fcr Deutschland. Seit einigen Jahren ist ein Wandel von starren Organisationsformen zu informellen und aktionsorientierten Erscheinungsformen festzustellen. Die Entwicklung folgt damit einem gesamtgesellschaftlichen Trend hin zum tempor\u00e4ren organisationsunabh\u00e4ngigen politischen Engagement. Als aktivster neonazistischer Zusammenschluss in Niedersachsen trat 2013 das Aktionsb\u00fcndnis 38 im Bereich Braunschweig / Gifhorn / Wolfsburg hervor. Die Neonazi-Szene ist mittlerweile von ritualisierten Formen der Bet\u00e4tigung, z. B. Kameradschaftsabenden, weitgehend abger\u00fcckt und nimmt ihrem ideologischen Selbstverst\u00e4ndnis folgend immer st\u00e4rker die Form einer auf das Ziel der Volksgemeinschaft verpflichteten Bewegung an. Der bundesweit agierende Neonazi Dieter RIEFLING verlieh diesem Selbstverst\u00e4ndnis w\u00e4hrend des TddZ in Wolfsburg Ausdruck, als er \"jeden deutschen Volksgenossen\" aufrief, sich \u00fcber \"Parteigrenzen und Gruppenegoismen\" hinweg f\u00fcr die \"Zukunft unseres deutschen Volkes\" einzusetzen. Zwischen den Ver\u00e4nderungen im Neonazi-Spektrum und den Ver\u00e4nderungen im subkulturellen Bereich des Rechtsextremismus besteht ein enger Zusammenhang. Je mehr Elemente der subkulturellen Szene der Neonazismus aufnahm, desto st\u00e4rker verlor die subkulturelle Szene an eigenst\u00e4ndiger Bedeutung, am deutlichsten ablesbar am fast vollst\u00e4ndigen Verschwinden von Skinheads aus dem Stra\u00dfenbild. Die Grenzen zwischen beiden Bereichen sind zusehends verschwommen. Eine Unterscheidung nach trennscharfen Kriterien wird immer schwieriger. Das Kategoriensystem zur Erfassung des rechtsextremistischen Personenpotenzials wird dieser Entwicklung angepasst werden. Bundesweit werden der rechtsextremistischen Subkultur derzeit 7.400 (2012: 7.500) und in Niedersachsen 600 (2012: 635) Rechtsextremisten zugerechnet. Nach wie vor ist die rechtsextremistische Musik das wichtigste Signum der Subkultur. Die Bedeutung von Konzerten als Werbemittel f\u00fcr die Szene allerdings nimmt zusehends ab. Stattdessen hat sich die Anzahl von Liederabenden - musikalische Veranstaltungen im kleinen Rahmen ohne elektronische Verst\u00e4rkung - stetig vergr\u00f6\u00dfert. Liederabende weisen nicht nur musikalisch einen anderen Charakter als Konzerte auf, weil ihnen eine gr\u00f6\u00dfere Rolle f\u00fcr die ideologische Aufr\u00fcstung der Szene zugesprochen werden kann. 32","Islamfeindlichkeit als eine neue Form der Fremdenfeindlichkeit und zugleich als ein politisches Aktionsfeld im Rechtsextremismus hat in den vergangenen Jahren nachweislich an Bedeutung gewonnen. Seit Ende 2011 konnten etwa auf einschl\u00e4gigen Internetseiten islamkritische bzw. islamund muslimfeindliche Reaktionen in Form von Leserkommentaren festgestellt werden. Dies trat gesteigert nach bestimmten Ereignissen auf, wie nach den Ausschreitungen durch Salafisten am Rande von Demonstrationen der Partei pro NRW in Solingen und Bonn im Mai 2012, dem versuchten Bombenanschlag radikaler Islamisten auf dem Bonner Hauptbahnhof im Dezember 2012 und den gewaltsamen Todesf\u00e4llen von zwei jungen M\u00e4nnern durch T\u00e4ter mit muslimischem Migrationshintergrund in Berlin im Oktober 2012 bzw. im nieders\u00e4chsischen Kirchweyhe (Landkreis Diepholz) im M\u00e4rz 2013. Insbesondere auf einschl\u00e4gigen Internetpr\u00e4senzen wird regelm\u00e4\u00dfig - teilweise in rei\u00dferischpopulistischer Manier - \u00fcber politische Themen wie Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t, Salafismus und Islamisierung geschrieben. Die darauf folgenden Leserkommentare beinhalten nicht selten verunglimpfende \u00c4u\u00dferungen. Ein deutlich islamkritischer Gesamttenor ist unverkennbar, zugleich lassen einzelne explizite \u00c4u\u00dferungen einen fremdenbzw. islamfeindlichen Hintergrund erkennen. B\u00fcrgerliche Ressentiments mischen sich mit extremistischen Haltungen, so dass eine Gesamtbewertung durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden von Fall zu Fall erfolgen muss. Der Islam und die in Deutschland lebenden Muslime stehen zunehmend im Mittelpunkt rechtsextremistischer und rechtspopulistischer Kampagnen. Islamfeindlichkeit ist als eine organisations\u00fcbergreifende Thematik und Strategie zu begreifen, die lange Zeit in der Berichterstattung vernachl\u00e4ssigt wurde. Ausgeblendet wurde dabei auch, dass Rechtsextremisten mit islamfeindlichen Parolen wie in kaum einem anderen Themenfeld an weit verbreitete Ressentiments in der Bev\u00f6lkerung ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen, wie die Wahlergebnisse rechtspopulistischer Parteien in verschiedenen europ\u00e4ischen Staaten dokumentieren. Die Angst vor einer angeblichen Islamisierung der Gesellschaft dient hier als \"T\u00fcr\u00f6ffner-Thema\", um Einfluss auf den \u00f6ffentlichen Diskurs zu nehmen und auch um Mitglieder, Anh\u00e4nger und Unterst\u00fctzer zu gewinnen. Hervorzuheben ist dabei, dass islamfeindliche Einstellungen keineswegs auf tats\u00e4chlichen Charaktereigenschaften, Bestrebungen oder Handlungen einer Minderheit von Muslimen beruhen, sondern dass es sich um konstruierte Feindbilder handelt, die mit der Realit\u00e4t wenig zu tun haben. Die islamfeindliche Agitation st\u00fctzt sich auf drei Eckpfeiler: Erstens will sie an bestehende \u00dcberfremdungs\u00e4ngste ankn\u00fcpfen; zweitens pauschalisiert sie und setzt den Islam und die Muslime mit Gewalt und Islamismus gleich; drittens erm\u00f6glichen islamfeindliche Kampagnen rechtsextremistischen Gruppierungen, ihren rassistischen Charakter zu verbergen. Islamfeindliche Agitationsmuster bestimmen nicht nur zu einem wesentlichen Teil die Agitation rechtsextremistischer Zusammenschl\u00fcsse, sondern sie sind auch zu einem wesentlichen Teil das programmatische Merkmal rechtspopulistischer Organisationen. W\u00e4hrend sich im Rechtsextremismus islamfeindliche Argumentationsmuster mit antisemitischen, antiamerikanischen und homophoben Positionen verbinden, geben sich Rechtspopulisten zum Teil durchaus prosemitisch, proamerikanisch oder homophil. Gemeinsam ist der islamfeindlichen Propaganda jedoch, dass sie pauschalisiert und entindividualisiert, indem sie Muslimen ab33","wertende Gruppeneigenschaften zuschreibt. Zwischen Muslimen und Islamisten wird bewusst nicht unterschieden. Jeder Muslim gilt als potenzieller Islamist. Neben der Islamfeindlichkeit ist die Propaganda gegen den europ\u00e4ischen Einigungsprozess eine weitere Parallele im politischen Kampagnenfeld von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Rechtsextremisten verbinden hiermit einen v\u00f6lkischen Ansatz. Sie geben vor, die Identit\u00e4t der V\u00f6lker erhalten zu wollen. F\u00fcr sie ist das Volk Bezugspunkt ihres Denkens und nicht das Individuum. 2.5 Subkulturell gepr\u00e4gte Rechtsextremisten Mitte der 1980er Jahre bildete sich in Deutschland eine rechtsextremistische Subkultur heraus, als Teile der Skinhead-Bewegung unter rechtsextremistischen Einfluss gerieten. Die subkulturelle Szene hat sich im Verlauf der folgenden drei\u00dfig Jahre stark ver\u00e4ndert. Der von seinem Erscheinungsbild her typische Skinhead mit Bomberjacke, Kampfstiefel und kahl geschorenem Kopf, der \u00fcber l\u00e4ngere Zeit die Wahrnehmung des Rechtsextremismus bestimmte, ist aus dem Stra\u00dfenbild fast vollst\u00e4ndig verschwunden. \u00dcberdauert hingegen haben die Vorliebe f\u00fcr bestimmte Symbole und die rechtsextremistische Musik, mit der die Szene ihrem Selbstverst\u00e4ndnis in Abgrenzung zu anderen Subkulturen Ausdruck verleiht. Die \u00dcberg\u00e4nge zwischen den einzelnen Bereichen des Rechtsextremismus sind flie\u00dfend geworden. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist das im Raum Braunschweig/Gifhorn aktive neonazistische Aktionsb\u00fcndnis 38, das sich neben politischen Aktivit\u00e4ten auch im rechtsextremistischen Konzertwesen bet\u00e4tigt. Das im Kapitel neonazistische Kameradschaften beschriebene Ph\u00e4nomen der Autonomen Nationalisten, das Anmutungen einer Subkultur aufweist, ist ebenfalls Ausdruck daf\u00fcr, dass die Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen verwischen. Neben dieser Tendenz zur Ann\u00e4herung und \u00dcberlappung der verschiedenen Bereiche lassen sich aber nach wie vor Merkmale anf\u00fchren, die f\u00fcr eine Differenzierung sprechen. Aussagekr\u00e4ftige Parameter sind die Altersstruktur und der Ideologisierungsgrad. Weil die Subkultur kein stringentes politisches Engagement verlangt, sondern in erster Linie ein Angebot zur Freizeitgestaltung darstellt, ist die Zugangsschwelle zu diesem Bereich des Rechtsextremismus f\u00fcr j\u00fcngere Personengruppen mit einer fremdenfeindlichen Grundeinstellung am niedrigsten. Entsprechend viele Jugendliche unter 18 Jahren sind der subkulturellen Szene zuzurechnen. Sie setzen zwar keine eigenst\u00e4ndigen politischen Akzente, werden durch ihre Teilnahme an rechtsextremistischen Demonstrationen aber zu einem Faktor in der Auseinandersetzung mit linksextremistischen Gegendemonstranten. Die fremdenfeindliche Grundeinstellung von subkulturell gepr\u00e4gten Rechtsextremisten kommt unreflektiert, h\u00e4ufig spontan und gewaltsam zum Ausdruck. Sie wird ausgelebt und nicht ideologisch im Sinne eines politischen Ansatzes \u00fcberh\u00f6ht. Von zentraler Bedeutung ist dabei die aufputschende Wirkung der gesondert dargestellten rechtsextremistischen Musik. Sie vermittelt Feindbilder, aber keinen politischen Ansatz. Die Bereitschaft subkulturell gepr\u00e4gter Rechtsextremisten zur Teilnahme an Demonstrationen resultiert aus der Erlebnisorientierung der Szene. Eine Demonstration verspricht f\u00fcr sie zu einem spannenden Ereignis zu werden. Ihre Teilnahme ist aber nur bedingt willkommen. Einerseits f\u00fcllen sie zwar die Reihen auf, andererseits bef\u00fcrchten ideologisch geschulte Neo34","nazis eine Herabw\u00fcrdigung ihres Demonstrationsanliegens durch die undisziplinierten gewaltaffinen Angeh\u00f6rigen der subkulturellen Szene. Letztere bilden sich h\u00e4ufig in Cliquenform auf \u00f6rtlicher Ebene heraus. Solche Cliquen sind \u00fcberall in Niedersachsen verbreitet. Beginnt in diesen Cliquen unter dem Einfluss einzelner Personen ein Ideologisierungsprozess, so reduziert sich die Gruppe in der Regel auf einen harten Kern, der dem Bereich des Neonazismus zuzurechnen ist. F\u00fcr die Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten spielt mittlerweile das Internet, und hierbei vorrangig soziale Netzwerke, die entscheidende Rolle. Gedruckte Fanzines18, die noch vor einem Jahrzehnt das wichtigste szeneinterne Kommunikationsmedium f\u00fcr die subkulturelle bzw. die rechtsextremistische Musikszene darstellten, werden kaum noch verbreitet. Von der beschriebenen ideologisch ungefestigten Szene zu unterscheiden sind Organisationen mit elit\u00e4rem Charakter wie die Blood & Honour-Bewegung (B&H) und die Hammerskins, die ihren Ursprung in der Skinhead-Bewegung der 1980er Jahre haben. Die B&H-Division Deutschland wurde am 14.09.2000 verboten. Divisionen der in Gro\u00dfbritannien entstandenen rassistischen Organisation existieren aber weiterhin in fast allen an Deutschland grenzenden Staaten. Die dort durchgef\u00fchrten Konzerte werden auch von deutschen Rechtsextremisten besucht. Die 1986 in den USA gegr\u00fcndete, ebenfalls rassistische Hammerskin-Organisation verfolgt das Ziel, alle wei\u00dfen rechtsextremistischen Skinheads in einer so genannten HammerskinNation (HSN) zu vereinigen. Die elit\u00e4re Organisation, die eine Mitgliedschaft an ein strenges Aufnahmeritual bindet, verf\u00fcgt \u00fcber Strukturen auch in Deutschland, jedoch nicht in Niedersachsen. Hier werden lediglich Einzelpersonen der Gruppierung zugerechnet. Organisatorischer Schwerpunkt der binnenzentrierten Hammerskins ist S\u00fcddeutschland. Die subkulturell gepr\u00e4gten Rechtsextremisten zahlenm\u00e4\u00dfig zu erfassen, f\u00e4llt wegen der Heterogenit\u00e4t der organisatorisch nicht gefestigten Szene und wegen des jugendlichen Alters vieler Szeneangeh\u00f6riger schwer. Auf Bundesund auf Niedersachsenebene entwickelte sich das Personenpotenzial in den letzten Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig. In Niedersachsen werden der Subkultur noch 600 Personen (2012: 635) zugerechnet. In dieses Personenpotenzial eingeflossen sind Angeh\u00f6rige der rechtsextremistischen Musikszene und \u00f6rtliche Szeneangeh\u00f6rige, soweit sie von den Sicherheitsbeh\u00f6rden erfasst werden k\u00f6nnen. Die Wirkung der rechtsextremistischen Subkultur jedoch reicht, insbesondere durch das Internet, weit \u00fcber diesen Personenkreis hinaus. Beispielhaft f\u00fcr subkulturell gepr\u00e4gte rechtsextremistische Personenzusammenschl\u00fcsse in Niedersachsen ist die Brigade 8 Crew, die seit Mitte 2012 speziell durch ihre Internetaktivit\u00e4ten in den sozialen Netzwerken Facebook und Vk.com 19 in Erscheinung tritt. Die Mitglieder stilisieren sich zwar in Anlehnung an die Rockerszene, betonen aber kein \"Motorcycle Club\" (MC) zu sein. \u00c4hnlich wie die Szene der \"Outlaws Motorcycle Clubs\" (OMC) unterscheidet die Brigade 8 Crew zwischen \"Vollmitgliedern\" und \"Unterst\u00fctzern\" und verwendet Funktionsoder Rangbezeichnungen wie \"President\" (engl.) und \"Krieger\". Die Gebietsaufteilung erfolgt - auch dies eine Adaption - nach dem so genannten Chapterbzw. Charter-Prinzip. Hinzu kommt ein \u00fcberzogener Hang zu rechtsextremistischer Symbolik und Zahlencodes, mit dem die eigene Bedeutung \u00fcberh\u00f6ht wird. 18 Der Begriff Fanzine ist der englischen Sprache entlehnt und setzt sich aus den Worten \"Fan\" und \"Magazine\" zusammen. 19 Hierbei handelt es sich um ein russisches soziales Netzwerk, dass deutsche Strafgesetze nicht beachtet. 35","F\u00fchrende Mitglieder der Gruppierung aus Bremen, Niedersachsen, Sachsen und SchleswigHolstein sind zum Teil seit mehreren Jahren der rechtsextremistischen Musikszene zuzurechnen. Ihre Aktivit\u00e4ten konzentrieren sich daher auf die Teilnahme an rechtsextremistischen Konzertveranstaltungen und anderen szeneinternen Veranstaltungen. Ein auf dem Sampler \"Legion Germania - Tag der Rache\" ver\u00f6ffentlichtes Lied mit dem Titel \"Brigade 8\" verleiht dem rassistischen Selbstverst\u00e4ndnis der Gruppierung Ausdruck: \"Eine neue Bruderschaft ist bereits in aller Munde, das Ger\u00fccht einer neuen wei\u00dfen Macht dreht bereits die Runde. Eine Truppe ohne leere Worte und zu allem bereit. Auf in die letzte Schlacht - fight, fight, fight, fight! ... Heil! - Heil! - Heil! - der Brigade 8! Trotz dieser martialischen Positionierung hat die Brigade 8 Crew bislang keinen nennenswerten Einfluss innerhalb der rechtsextremistischen Szene erlangen k\u00f6nnen. Auch waren entgegen den Absichtserkl\u00e4rungen abgesehen von Demonstrationsteilnahmen keine politischen Aktivit\u00e4ten zu verzeichnen. Die geplante Durchf\u00fchrung einer so genannten Open House Party am 22.06.2013 in Harpstedt (Landkreis Oldenburg) wurde von den Sicherheitsbeh\u00f6rden verhindert. 2.5.1 Rechtsextremistische Musikszene Rechtsextremistische Musik ist ein wesentlicher Faktor f\u00fcr die Auspr\u00e4gung eines Gemeinschaftsgef\u00fchls bei den Szeneangeh\u00f6rigen. Dar\u00fcber hinaus dient sie dem Zweck, rechtsextremistische Ideologie - auch an Au\u00dfenstehende - zu vermitteln. Die Liedinhalte formulieren in plakativer, h\u00e4ufig hetzerischer Form die rassistische, fremdenfeindliche und antisemitische Einstellung der Szeneangeh\u00f6rigen. Von eing\u00e4ngigen oder aufputschenden Melodien getragen, k\u00f6nnen die Liedtexte eine suggestive Wirkung entwickeln. Wegen dieser Wirkung hat die rechtsextremistische Musik f\u00fcr die neonazistische Kameradschaftsszene und die NPD einen hohen werbestrategischen Stellenwert. So versucht die NPD Parteiveranstaltungen durch die Einbindung von rechtsextremistischer Musik f\u00fcr ein j\u00fcngeres Publikum attraktiver zu gestalten. In Wahlk\u00e4mpfen dienen ihr so genannte Schulhof-CDs, die vorwiegend Lieder rechtsextremistischer Musikbands beinhalten, als Werbemittel f\u00fcr die Zielgruppe der Jungund Erstw\u00e4hler. Zu beobachten war dies auch im nieders\u00e4chsischen Landtagswahlkampf. Die von den Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD, in geringer St\u00fcckzahl verteilte \"Schulhof-CD Niedersachsen\" wurde kurz nach der Wahl von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) am 07.03.2013 in den Teil A der Liste der jugendgef\u00e4hrdenden Medien eingetragen. Damit ist eine Verteilung an Minderj\u00e4hrige nicht mehr zul\u00e4ssig. Unabh\u00e4ngig von solchen Verteilaktionen, die mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen, findet die rechtsextremistische Musik \u00fcber szenekundige Sch\u00fcler Eingang in einzelne Klassen, ohne dass dies in gleichem Ma\u00dfe Beachtung findet. Die Anzahl der Zugriffe auf rechtsextremistische Musik-Videos im Internet weist aus, dass die Verbreitung der Musik weit \u00fcber das registrierte rechtsextremistische Personenpotenzial hinausreicht. Besonders angesprochen f\u00fchlen sich Jugendliche, die ihre soziale Situation in den Liedtexten widergespiegelt finden und nach Integration in eine Gruppe Gleichgesinnter streben. Die Konfrontation mit rechtsextremistischer Musik kann den Beginn einer Entwicklung markieren, in deren Verlauf sich Jugendliche zunehmend mit der rechtsextremistischen 36","Szene identifizieren. Die Auseinandersetzung mit der rechtsextremistischen Musik ist deshalb seit mehreren Jahren ein Schwerpunkt der pr\u00e4ventiven Verfassungsschutzarbeit. Die Bandbreite rechtsextremistischer Musik umfasst inzwischen die verschiedensten Stilrichtungen. Sie erstreckt sich von Black Metal (NSBM)20 \u00fcber den Schlager bis zur Balladenmusik. Den gr\u00f6\u00dften Zuspruch erf\u00e4hrt unver\u00e4ndert die traditionelle rechtsextremistische Musikstilrichtung des Rock against Communism (RAC). Bei j\u00fcngeren Szeneangeh\u00f6rigen wie den Autonomen Nationalisten ist ein Trend hin zum Hatecore, einem schnellen und aggressiven Musikstil, erkennbar. Die Liedtexte sind subtiler geworden. Offen fremdenfeindliche, antisemitische oder den Nationalsozialismus verherrlichende Aussagen werden weitgehend vermieden. Im Gegensatz dazu er\u00f6ffnet der sich seit einiger Zeit abzeichnende Trend, aktuelle politische Themenfelder wie Anti-Globalisierung oder Umweltschutz aufzugreifen, die M\u00f6glichkeit, rechtsextremistische Inhalte in verklausulierter, nicht sofort erkennbarer Form zu transportieren. Nach wie vor \u00fcberwiegen jedoch Ver\u00f6ffentlichungen mit typischen rechtsextremistischen Themen. Exemplarisch hierf\u00fcr ist das auf dem von der BPjM indizierten Tontr\u00e4ger \"7 auf einen Streich\" ver\u00f6ffentlichte Lied \"Sturm \u00fcber Europa\" der auch in Niedersachsen aktiven Band \"Abtrimo\" aus Hamburg, das in hetzerischer Form in die Einwanderungsdebatte eingreift: \"Du siehst den Zerfall in allen L\u00e4ndern, der Mob aus dem Orient wird sie ver\u00e4ndern. Mullahs in allen Ecken und die Kultur ist am verrecken. Ich frage euch soll's das sein? Zerschlagen wir sie vereint ja vereint zerschlagen wir sie vereint!\" Die Liedtexte beziehen sich aber nicht nur auf politische Aussagen, sondern propagieren auch die rechtsextremistischen Aktionsformen. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist das Lied \"Wer, wenn nicht wir\", das die Dresdner Band \"Priorit\u00e4t 18\" auf dem Tontr\u00e4ger \"Waldbr\u00fcder\" ver\u00f6ffentlichte: \"Komm zu uns und reih dich ein, gemeinsam werden wir Sieger sein. Reich uns jetzt deine Hand, k\u00e4mpfe mit im Widerstand. Plakate kleben, Demonstration, Deutschlands Freiheit ist unser Lohn. Argumente f\u00fcrchten sie bei unserer Wortergreifungsstrategie. Frei, sozial und national.\" Die demokratische und aufkl\u00e4rerische Werte verachtende Grundeinstellung l\u00e4sst sich bereits an den Bezeichnungen der Bands ablesen. Bandnamen wie \"Blitzkrieg\", \"Sturmtrupp\", \"Bataillon 500\", \"Kommando Ost\" oder \"Reichswehr\" weisen einen deutlichen Bezug zum Nationalsozialismus auf. Andere Bands leiten ihren Namen aus der germanisch-heidnischen Mythologie her, z. B. \"Einherjer\", \"Sleipnir\", \"Projekt Aaskereia\", \"Sigil\", \"Valhalla Patriots\" oder \"Legion of Thor\". 20 National Socialist Black Metal. 37","Die Produzenten lassen Tontr\u00e4ger vor ihrem Erscheinen durch Rechtsanw\u00e4lte auf m\u00f6gliche Rechtsverst\u00f6\u00dfe \u00fcberpr\u00fcfen, um einerseits strafrechtliche Verfahren zu vermeiden. Andererseits sollen so die drohenden Gesch\u00e4ftsverluste durch Indizierungen, die einen Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren untersagen, oder Beschlagnahmeund Einziehungsbeschl\u00fcsse, die ein generelles Ver\u00e4u\u00dferungsverbot nach sich ziehen, vermieden werden. Strafrechtlich relevante CDs - ihr Anteil betr\u00e4gt weniger als zehn Prozent - werden bis auf wenige Ausnahmen im Ausland produziert. Die Anzahl rechtsextremistischer Musikgruppen hat sich bundesweit in den letzten Jahren mit ca. 178 kaum ver\u00e4ndert. Dabei handelt es sich nicht um einen permanent gleichbleibenden Kreis von Musikgruppen. Viele Bands bestehen nur f\u00fcr kurze Zeit. Mitunter finden sich Mitglieder rechtsextremistischer Bands unter neuen Namen einmalig f\u00fcr Musikprojekte zusammen. Bundesweit fanden 78 Musikveranstaltungen (2012: 82) statt. Der regionale Schwerpunkt rechtsextremistischer Konzerte lag in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Die unver\u00e4ndert geringe Anzahl rechtsextremistischer Musikveranstaltungen ist u. a. auf den Wegfall bisher regelm\u00e4\u00dfig genutzter Veranstaltungslokalit\u00e4ten und die Verunsicherung der rechtsextremistischen Szene durch zahlreiche Exekutivma\u00dfnahmen der Sicherheitsbeh\u00f6rden zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die in Deutschland zumeist konspirativ organisierten rechtsextremistischen Musikveranstaltungen werden durchschnittlich von 100 bis 150 Personen besucht. Die Ank\u00fcndigungen f\u00fcr diese Konzerte erreichen in der Regel nur Szeneangeh\u00f6rige, so dass eine Werbewirkung f\u00fcr Interessierte ohne Szenebezug nahezu ausgeschlossen ist. Daneben gibt es nach wie vor Konzerte, wenn auch in geringerer Anzahl, die ein gr\u00f6\u00dferes Szenepublikum ansprechen sollen. In der Regel verpflichten die Veranstalter f\u00fcr diese Konzerte mehrere in der Szene popul\u00e4re Bands. Wegen des erh\u00f6hten Organisationsaufwandes und des finanziellen Risikos sind sie in diesen F\u00e4llen bereit, die Veranstaltung bei den Ordnungsbeh\u00f6rden anzumelden und die staatlichen Auflagen einzuhalten. Wie bereits in den beiden Vorjahren fand eines der bundesweit gr\u00f6\u00dften rechtsextremistischen Konzerte in Nienhagen (Sachsen-Anhalt) statt. Am 25.05.2013 spielten vor rund 1.200 Personen aus dem gesamten Bundesgebiet und den angrenzenden Nachbarstaaten die Bands \"Endstufe\" (Bremen), \"Abtrimo\" (Hamburg), \"Kommando Skin\" (BadenW\u00fcrttemberg), \"Short Cropped\" (Belgien), \"The Wrongdoers\" (Finnland) und \"Brassic\" (USA). Die Veranstaltung wurde auf einer eigenen Internetseite mit der Bezeichnung \"European Skinhead Party\" beworben. Die Nachfrage der rechtsextremistischen Szene nach Tontr\u00e4gern, Druckerzeugnissen und Bekleidung sowie weiteren szenetypischen Artikeln wird durch rechtsextremistische Vertriebe bedient, die insbesondere \u00fcber das Internet ein permanent aktualisiertes Angebot bereithalten. Die unver\u00e4ndert hohe Anzahl an Vertrieben zeigt, dass sich der subkulturelle Bereich als fester Bestandteil des Rechtsextremismus etabliert hat. Wichtige deutsche Vertriebe sind Front Records, PC Records (beide Sachsen), der WB Versand (Th\u00fcringen) und der Wikinger Versand (Bayern). Strafrechtlich relevante oder indizierte Produktionen befinden sich im Angebot ausl\u00e4ndischer Vertriebe, die die Nachfrage in Deutschland \u00fcber das Internet bedienen. Zu nennen sind Werewolves Records, ISD Records, Micetrap Distribution und NSM 88. Das Angebot umfasst beispielsweise Tontr\u00e4ger der Bands \"Landser\" (Berlin) und \"Race War\" (Baden-W\u00fcrttemberg), deren Mitglieder in Deutschland wegen Bildung einer kriminel38","len Vereinigung am 22.12.2003 bzw. am 22.11.2006 verurteilt worden sind. 2.5.2 Nieders\u00e4chsische Vertriebe In Niedersachsen sind elf Vertriebe ans\u00e4ssig: Adler-Versand (Diekholzen), Der Versand (Bovenden), Hatecore L\u00fcneburg (L\u00fcneburg), Max H8 (Cremlingen), Streetwear Tostedt mit Onlineshop (Tostedt)21, Skinhead Service (Elbe, LK Wolfenb\u00fcttel), der Onlineshop der Burschenschaft Thormania22 und Das Zeughaus (Lingen/Ems). Bis zum Jahresende 2013 existierte der Online-Versandhandel Old Honour New Hatred Records (Salzgitter), dessen Internetpr\u00e4senz seit Beginn des Jahres 2014 nicht mehr erreichbar ist. Alle genannten Vertriebe spielen in der Szene eine eher untergeordnete Rolle, weil sie Produktionen weniger namhafter Musikbands vertreiben und damit auch einen geringeren Umsatz verzeichnen. Die Vertriebe Nordstern-Versand und Der Anschlag (beide Verden) konzentrieren sich auf die Verbreitung von Druckerzeugnissen \u00fcber das Internet. 2.5.3 Rechtsextremistische Musik in Niedersachsen Im Jahr 2013 waren - wie schon im Vorjahr - vier nieders\u00e4chsische Musikgruppen aktiv. Hinzu kommen die in Niedersachsen ans\u00e4ssigen Liedermacher Kai M\u00dcLLER, der auch unter dem Namen \"Lokis Horden\" auftritt, und Patrick KRUSE, der unter dem Namen \"Jugendgedanken\" in der rechtsextremistischen Musikszene aktiv ist. Die nieders\u00e4chsischen Bands \"Gigi/Stahlgewitter\" (Meppen) und \"Nordfront\" (Hannover) finden in ganz Deutschland gro\u00dfe Beachtung in der rechtsextremistischen Szene. \"Gigi/Stahlgewitter\" Zum Ende des Jahres 2013 ver\u00f6ffentlichte die Band \"Stahlgewitter\" nach sieben Jahren Inaktivit\u00e4t zeitgleich zwei neue Tontr\u00e4ger. Das Booklet der CD \"St\u00e4hlerne Romantik\" enth\u00e4lt einen Nachruf auf den im Oktober 2013 verstorbenen Kriegsverbrecher und ehemaligen SSAngeh\u00f6rigen Erich Priebke. Der zweite Tontr\u00e4ger \"Das Hohelied der Herkunft\" verherrlicht in dem Lied \"Deine Asche - Dein Grab\" den so genannten Hitler-Stellvertreter Rudolf He\u00df und kritisiert die Einebnung seines Grabes:23 \"Wie Verbrecher kamen sie im Morgengrauen, dein Grab gesch\u00e4ndet und den Stein zerhauen. Die Stelle eingeebnet und verwaist, so gro\u00df die Furcht vor Deinem Geist. Sie dachten wenn keiner mehr Dein Grabmal kennt, auch keiner mehr Deinen Namen nennt.\" Rezensionen der neuen Tontr\u00e4ger in rechtsextremistischen Foren belegen das Ansehen der Band \"Stahlgewitter\" um den Meppener S\u00e4nger Daniel \"Gigi\" GIESE innerhalb der rechtsextremistischen Szene. \u00dcber das Selbstverst\u00e4ndnis der Band gibt ein Interview mit dem Gitarris21 Das Ladengesch\u00e4ft wurde Anfang 2013 geschlossen. 22 Die Burschenschaft Thormania l\u00f6ste sich im M\u00e4rz 2013 auf. Der Onlineshop ist seitdem nicht mehr verf\u00fcgbar. 23 Das Grab von Rudolf He\u00df wurde im Jahr 2011 nach Ablauf des Pachtvertrages mit Zustimmung seiner Erben eingeebnet. Es war bis zum Verbot im Jahr 2005 Anlaufpunkt f\u00fcr den j\u00e4hrlichen \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch\" in Wunsiedel (Bayern), eine der zentralen Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene. 39","ten Aufschluss, das im Januar 2013 auf dem Facebook-Profil \"JN Niedersachsen\",24 der so genannten Schulhofzeitung der JN, erschien: \"Wenn einem etwas unter den N\u00e4geln brennt, muss man es irgendwie raus lassen. Musik ist ein ganz probates Mittel, diese Energie kreativ zu kanalisieren und bei dieser Gelegenheit dem Einen oder Anderen Denkanst\u00f6\u00dfe zu geben.\" Das Landgericht (LG) Osnabr\u00fcck verurteilte GIESE am 06.06.2013 in einem Berufungsverfahren wegen Volksverhetzung zu einer inzwischen rechtskr\u00e4ftigen Geldstrafe in H\u00f6he von 1.000 Euro. Die Verurteilung gr\u00fcndet sich auf Textinhalte des Liedes \"Geschw\u00fcr am After\" von der 2010 ver\u00f6ffentlichten CD \"Adolf Hitler lebt!\", die von der BPjM im selben Jahr indiziert und in die Liste B der jugendgef\u00e4hrdenden Medien als strafrechtlich relevant aufgenommen wurde. Die Strafkammer des LG sah es als erwiesen an, dass darin der Holocaust geleugnet wird. In dem der Berufung zugrunde liegenden Verfahren im Jahr 2012 war GIESE wegen Volksverhetzung zu einer auf Bew\u00e4hrung ausgesetzten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Man hatte ihm u. a. vorgeworfen, mit dem ebenfalls auf der o. g. CD ver\u00f6ffentlichten Lied \"D\u00f6nerKiller\" die Mordserie der Gruppierung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) verherrlicht zu haben. Das Urteil des LG Osnabr\u00fcck sieht den Liedtext aufgrund seiner Mehrdeutigkeit jedoch nicht als strafbar an. \"Nordfront\" Mit dem Tontr\u00e4ger \"Der letzte Streich\" ver\u00f6ffentlichte die Band eine Neuauflage der im Jahr 2012 erschienenen CD \"T\u00e4tervolk Geschichte\", welche von der BPjM indiziert wurde. Bei der Neuauflage verzichtete \"Nordfront\" auf den f\u00fcr die Indizierung ma\u00dfgeblichen Titel \"Herzen wie Erz\". In dem Liedtext sah die BPjM ein \"deutliches Bekenntnis zur nationalsozialistischen Rassenlehre, die auf der biologischen \u00dcberlegenheit der arischen Rasse gegen\u00fcber anderen Ethnien beruht.\" \"Alte Schule\" Die Band aus Schneverdingen trat im Januar 2013 auf einem Skinheadkonzert in Koberg (Schleswig-Holstein) auf. \"Terroritorium\" Die aus der Region Hannover stammende Band war im M\u00e4rz 2013 an einem Skinheadkonzert in Sch\u00f6nebeck (Sachsen-Anhalt) beteiligt. \"Liedermacher Patrick KRUSE/Jugendgedanken\" Der ebenfalls aus Hannover stammende Liedermacher Patrick KRUSE - ehemaliger Aktivist der verbotenen neonazistischen Gruppierung Besseres Hannover - trat 2013 bundesweit mehrfach und vorrangig bei Veranstaltungen der JN auf. Unter dem Namen \"Jugendgedanken\" ver\u00f6ffentlichte KRUSE Anfang des Jahres den Tontr\u00e4ger \"Porno im Radio\", dessen Texte 24 Ausdruck vom 20.01.2014. 40","sich mit Kritik am Staat und \u00dcberfremdung thematisch an den fr\u00fcheren Agitationsfeldern von Besseres Hannover orientieren. \"Liedermacher Kai M\u00dcLLER/Lokis Horden\" Der Liedermacher Kai M\u00dcLLER (Bad Lauterberg) verzeichnete 2013 drei Auftritte, darunter auf einer von 120 Rechtsextremisten besuchten Veranstaltung der Freien Kr\u00e4fte am 21.09.2013 in Brandenburg. \"Kategorie C\" Die Bremer Band \"Kategorie C\" ist insbesondere wegen ihrer Gewalt verherrlichenden Texte in der rechtsextremistischen Skinheadund Neonazi-Szene beliebt. \"Kategorie C\" erf\u00fcllt die Funktion eines Bindegliedes zwischen der Hooligan-Szene und der rechtsextremistischen Szene. Zwar vermitteln die auf Tontr\u00e4gern ver\u00f6ffentlichten Texte keine offenkundig rechtsextremistischen Inhalte, jedoch tragen Konzertauftritte der Band zur Mobilisierung und zum Zusammenhalt der rechtsextremistischen und der Hooligan-Szene bei. Die Organisation der Konzerte von \"Kategorie C\" wird oftmals von bekannten Rechtsextremisten \u00fcbernommen. Zwei im Internetportal YouTube ver\u00f6ffentlichte Konzertausschnitte zeigen die Band und Konzertbesucher beim Intonieren der Textzeile \"Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim F\u00fchrer vorn\" und \"Eine U-Bahn bauen wir von St. Pauli bis nach Auschwitz\". Sie dokumentieren die rechtsextremistische Grundeinstellung von Band und Publikum. 2.5.4 Rechtsextremistische Konzerte in Niedersachsen Die Strategie zur Durchf\u00fchrung rechtsextremistischer Konzerte hat sich gegen\u00fcber den Vorjahren nicht ge\u00e4ndert. Konzerte finden wie bisher vornehmlich in kleineren Orten statt. Raumanmietungen erfolgen h\u00e4ufig unter der Angabe, eine von Musikdarbietungen umrahmte Geburtstagsfeier durchf\u00fchren zu wollen. Einige Veranstalter sind in Reaktion auf Exekutivma\u00dfnahmen der Polizei dazu \u00fcbergegangen, mit Ausweichst\u00e4tten zu planen. Im Eventualfall werden Besucher dann per SMS \u00fcber einen Zwischentreffpunkt zur Ausweichst\u00e4tte umdirigiert. Mit solchen umfangreichen Vorplanungen versuchen die Veranstalter, ihr Gesch\u00e4ftsrisiko zu reduzieren. In Niedersachen ist 2013 wie bereits im Vorjahr nur ein Konzert durchgef\u00fchrt worden. Es fand am 20.07.2013 mit Einverst\u00e4ndnis des Eigent\u00fcmers auf einem gewerblich genutzten Privatgrundst\u00fcck in Lachendorf bei Celle statt. Die \u00dcberpr\u00fcfung des Veranstaltungsortes durch die zust\u00e4ndigen Ordnungsbeh\u00f6rden erbrachte keine Versagungsgr\u00fcnde. Vor lediglich 50 Teilnehmern spielte eine namentlich nicht bekannte Zwei-Mann-Band. Urspr\u00fcnglich sollte die Veranstaltung in Sachsen-Anhalt durchgef\u00fchrt werden. Zwei weitere in Niedersachsen geplante rechtsextremistische Konzerte konnten durch das rechtzeitige Handeln der Sicherheitsbeh\u00f6rden im Vorfeld verhindert werden. Die Anzahl der Liederund Balladenabende blieb im Vergleich zum Vorjahr mit f\u00fcnf Veranstaltungen unver\u00e4ndert. Veranstaltungen dieser Art bed\u00fcrfen eines geringeren organisatorischen Aufwandes als Skinheadkonzerte, erreichen jedoch nur einen kleinen Personenkreis. Sie werden deshalb h\u00e4ufig ohne \u00f6ffentliche Wahrnehmung durchgef\u00fchrt. Liederund Balladenabende unterscheiden sich sowohl in ihrem musikalischen Charakter als auch in ihrer 41","Funktion deutlich von Skinheadkonzerten. Die S\u00e4nger verzichten auf eine Verst\u00e4rkeranlage und begleiten sich lediglich auf einer akustischen Gitarre. Bedeutsamer als die Musik ist der ideologische Gehalt der vorgetragenen Texte. Liederabende fanden am 27.04.2013 in Meppen, am 18.05.2013 in Gillersheim (Landkreis Northeim), am 10.08.2013 in Wilhelmshaven, am 17.08.2013 in Uslar und am 30.11.2013 in Einbeck statt. 2.6 Neonazistische Szene Das neonazistische Personenpotenzial ist bundesweit erstmals seit 2002 r\u00fcckl\u00e4ufig, bewegt sich mit 5.800 Personen (2012: 6.000) aber weiterhin auf einem hohen Niveau. Deutlicher als im Bundestrend sank das neonazistische Personenpotenzial in Niedersachsen auf 345 Personen (2012: 420). Die neonazistische Szene ist inzwischen \u00e4u\u00dferst heterogen. Sowohl das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild als auch die Organisationsformen und -strukturen sowie die ideologische Ausrichtung unterlagen in den letzten Jahren einem st\u00e4ndigen Wandel. Elemente der rechtsextremistischen Subkultur haben Einzug in die neonazistische Szene gefunden, so dass die Abgrenzung zwischen diesen beiden Bereichen des Rechtsextremismus zunehmend schwerf\u00e4llt. 2.6.1 Neonazistische Kameradschaften Als Reaktion auf die Verbote verschiedener Vereinigungen in der ersten H\u00e4lfte der 1990er Jahre entwickelten hiervon betroffene Neonazif\u00fchrer mit den neonazistischen Kameradschaften erstmals eine Organisationsform ohne greifbare verbotsf\u00e4hige formale Strukturen und Mitgliedschaften.25 Konzipiert waren die Kameradschaften als Tr\u00e4ger neonazistischer Aktionen auf \u00f6rtlicher Ebene. Neben gruppenzentrierten Aktivit\u00e4ten wie Kameradschaftsabenden mit Stammtischcharakter oder internen Vortragsund Schulungsveranstaltungen z\u00e4hlen hierzu auch \u00f6ffentlichkeitswirksame Propagandaaktionen, Flugblattverteilungen oder Infost\u00e4nde. \u00dcberregional wirken die Kameradschaften insbesondere durch die Teilnahme an Demonstrationen der rechtsextremistischen Szene zusammen. Die landesund teilweise bundesweite Mobilisierung erfolgt \u00fcber die Einbindung in \u00fcberregionale Netzwerke. Diese auf pers\u00f6nlichen Kontakten beruhenden informellen Kommunikationsstrukturen gehen auf die ehemalig zur \u00fcberregionalen Vernetzung eingerichteten Aktionsb\u00fcros zur\u00fcck. Deren Bedeutung nahm im Zuge der Verbreitung moderner Kommunikationsmittel zwar kontinuierlich ab, dennoch kommt es auch gegenw\u00e4rtig noch zu regionalen und l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Koordinierungstreffen. 2.6.2 Autonome Nationalisten Mit den Autonomen Nationalisten (AN), die erstmals 2002 in Berlin als Anti-Antifa-Projekt in Erscheinung traten26, bildete sich ein neues Ph\u00e4nomen im Bereich des Neonazismus heraus. 25 Der Begriff Kameradschaft wird von Polizei und Verfassungsschutz unterschiedlich definiert. W\u00e4hrend die Kameradschaften in der polizeilichen Arbeit im Hinblick auf die von ihnen bzw. ihren Angeh\u00f6rigen ausgehenden Gef\u00e4hrdungspotenziale bewertet werden, stehen bei der Bewertung durch den Verfassungsschutz Anhaltspunkte f\u00fcr politische Bestrebungen im Vordergrund. Insofern bilden die in den Statistiken der Polizei genannten Kameradschaften den militanten Anteil und damit eine Teilmenge der vom Verfassungsschutz unter ideologischen Aspekten registrierten Kameradschaften. 26 Der Begriff Autonome Nationalisten taucht innerhalb der rechtsextremistischen Szene vereinzelt bereits seit Mitte der 42","F\u00fcr die aktionsorientierten AN steht die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner im Mittelpunkt. Symbolik, Rhetorik und Aktionsformen lehnen sich an linksextremistische Vorbilder an. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Bildung eines als NS-Block bezeichneten rechtsextremistischen Schwarzen Blocks bei Demonstrationen. Die strategische und stilistische Orientierung am politischen Gegner und das revolution\u00e4relit\u00e4re Selbstverst\u00e4ndnis der AN f\u00fchrten zun\u00e4chst zu szeneinternen Kontroversen. Der NPD, aber auch Teilen der traditionellen Neonaziszene, muteten die AN zu individualistisch und \"liberal\" an. Im Unterschied zu den Anh\u00e4ngern des herk\u00f6mmlichen Kameradschaftsmodells definieren die h\u00e4ufig in so genannten Aktionsgruppen auftretenden AN ihre jeweilige Zugeh\u00f6rigkeit nicht durch \"Mitgliedschaft\", sondern durch \"Mitmachen\": \"... wir sind f\u00fcr den politischen Gegner nicht so einfach 'greifbar' und trotzdem durch unseren Autonomen Aktivismus (welcher viele Formen hat) st\u00e4ndig pr\u00e4sent! ... Bei uns ist nicht 'die Gruppe' national und sozialistisch, sondern auch jeder einzelne innerhalb der Gruppe! Dabei liegt jedem die Idee des DIY[do it yourself] Aktivismus zugrunde. ... Daraus folgt ein Konzept des politischen Partisanen, welcher sich anonym in der Gesellschaft bewegt - und somit die Ideen seiner politischen Arbeit unter die Menschen tr\u00e4gt.\" (Interneterkl\u00e4rung von AN Wolfenb\u00fcttel/Salzgitter zum Thema \"Autonomer Aktivismus\", Ausdruck vom 23.11.2012) Ungeachtet des hiermit propagierten \"f\u00fchrerlosen Widerstandes\" existieren innerhalb der AN Hierarchien mit regional dominierenden F\u00fchrungsaktivisten. Das Aufkommen der AN hatte verschiedene Ursachen. Teile der neonazistischen Szene, insbesondere die strikten Verfechter eines parteifreien Nationalismus, betrachteten die NPDEintritte f\u00fchrender Neonazis im Jahr 2004 mit kritischer Distanz. Sie bef\u00fcrchteten eine Vereinnahmung durch eine \"zu gem\u00e4\u00dfigte\" NPD. Parallel wurde in der Szene eine kontroverse Diskussion \u00fcber den grunds\u00e4tzlichen Umgang mit staatlicher Repression gef\u00fchrt. Radikale Vertreter der rechtsextremistischen Szene sind nicht mehr bereit, als schikan\u00f6s betrachtete Auflagen der Beh\u00f6rden oder Blockaden durch Gegendemonstranten bei eigenen Demonstrationen ohne Gegenwehr hinzunehmen. Sie suchen im provokativen, teilweise gewaltt\u00e4tigen Auftreten der AN eine Alternative. Das Ph\u00e4nomen der AN breitete sich zun\u00e4chst von Berlin auf weitere Ballungsr\u00e4ume (Ruhrgebiet, M\u00fcnchen) aus. Mittlerweile registrieren die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden \u00fcber das gesamte Bundesgebiet verteilte AN-Szenen. Zu beobachten ist, dass die Grenzen zwischen traditioneller Kameradschaftsszene und der Szene der AN verwischen, weil sich die beiden Bereiche des Neonazismus sowohl in ideologischer als auch in habitueller Hinsicht ann\u00e4hern: Einerseits findet bei den AN ein Prozess der Re-Ideologiesierung statt, in dessen Verlauf zunehmend Ideologieelemente aus der Anfangsphase des Nationalsozialismus in den Vordergrund r\u00fccken, andererseits wirken sich die f\u00fcr Jugendliche attraktiven Elemente der von verschiedenen Jugendsubkulturen beeinflussten \u00c4sthetik und die Erlebnisorientierung der AN modernisierend auf die gesamte Neonaziszene aus. Wegen der \u00dcbernahme stilistischer Elemente durch andere Rechtsextremisten ist es nicht m\u00f6glich, die Anzahl der AN aufgrund 1990er Jahre auf. 43","\u00e4u\u00dferlicher Merkmale genau zu beziffern. Erschwerend kommt hinzu, dass die AN trotz des Trends der Re-Ideologiesierung, der beispielsweise durch die Verwendung eines Emblems, auf dem sich Hammer und Schwert kreuzen27, zum Ausdruck kommt, keinen weltanschaulich geschlossenen Block bilden. 2.6.3 Informelle Gruppen und Netzwerke Informelle Gruppierungen weisen im Vergleich zu Kameradschaften nochmals reduzierte Strukturen auf und beschr\u00e4nken sich meist auf eine lose Interaktion. Es handelt sich um Personenzusammenschl\u00fcsse, die nicht die Kriterien von Kameradschaften erf\u00fcllen, die sich aber auch nicht dem Bereich der AN zurechnen. Sie bezeichnen sich - h\u00e4ufig in Kombination mit einem Hinweis auf ihre regionale Herkunft - als Freie Kr\u00e4fte. Informelle Gruppen bilden einerseits Rekrutierungspotenzial f\u00fcr bereits bestehende Kameradschaften bzw. Aktionsgruppen, andererseits beteiligen sie sich in organisatorisch eigenst\u00e4ndiger Form an Aktionen regional agierender neonazistischer Netzwerke. Eine trennscharfe Abgrenzung zwischen den verschiedenen organisatorischen Erscheinungsformen des Neonazismus ist nicht m\u00f6glich. Regionalen oder \u00fcberregionalen Netzwerken geh\u00f6ren sowohl Angeh\u00f6rige von Kameradschaften und Aktionsgruppen als auch Mitglieder informeller Gruppen an. Sie lehnen sich - \u00e4hnlich den Aktionsgruppen auf \u00f6rtlicher Ebene - h\u00e4ufig an das Erscheinungsbild der AN an und sind ebenso wie diese in der Lage, konspirativ vorbereitete Aktionen durchzuf\u00fchren. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die seit Fr\u00fchjahr 2011 zu beobachtende Aktionsreihe mit dem Titel \"Die Unsterblichen\". Den Auftakt bildete ein in der Nacht zum 01.05.2011 durchgef\u00fchrter Fackelmarsch mit ca. 200 einheitlich mit wei\u00dfen Theatermasken maskierten rechtsextremistischen Teilnehmern in Bautzen (Sachsen). Ein professionell gestaltetes Video des Aufmarsches fand innerhalb der neonazistischen Szene in ganz Deutschland gro\u00dfe Resonanz. In ideologischer Hinsicht versinnbildlichen die einheitlichen Masken das Zur\u00fcckstehen von Individuen und Egoismen hinter dem Erfolg der Gemeinschaft, auf strategischer Ebene tragen die gew\u00e4hlten Aktionsformen dem Verlangen aktionsorientierter Neonazis Rechnung, sich trotz beh\u00f6rdlicher Auflagen und massiver Gegenproteste als junge und dynamische Bewegung zu behaupten. Nach einer Hochphase der Kampagne in den Jahren 2011 und 2012 werden gegenw\u00e4rtig nur noch vereinzelt unangemeldete Aktionen im Stil der \"Unsterblichen\" durchgef\u00fchrt. Urs\u00e4chlich hierf\u00fcr d\u00fcrfte das im Juni 2012 ausgesprochene Verbot der als Urheber geltenden \"Widerstandsbewegung in S\u00fcdbrandenburg\" sein. Allerdings ist die Idee der \"Unsterblichen\" auch in der neonazistischen Szene Niedersachsens nach wie vor popul\u00e4r, wie z. B. eine Plakataktion zum Thema \"Werde unsterblich\" am 07.01.2013 in Hannover zeigt. 2.6.4 Ideologie der neonazistischen Szene In ideologischer Hinsicht eint die neonazistische Szene das unterschiedlich ausgepr\u00e4gte Bekenntnis zum historischen Nationalsozialismus. Ziel ist die \u00dcberwindung des bestehenden 27 Das Emblem symbolisiert die Volksgemeinschaft von Arbeitern und Soldaten. Es hat seinen Ursprung in den vom linken Fl\u00fcgel der NSDAP um die Gebr\u00fcder Strasser Ende der 1920er Jahre herausgegebenen \"Nationalsozialistischen Briefen\". 44","demokratischen Systems. An dessen Stelle soll ein am F\u00fchrerprinzip ausgerichteter Staatsaufbau treten, dessen Grundlage eine rassistisch verstandene Volksgemeinschaft bildet. Die Ablehnung der Demokratie umfasst auch das wirtschaftspolitische System. Neonazis sehen im Kapitalismus den \"Feind der Freiheit und der Existenz der V\u00f6lker\". Als Gegenmodell wird ein auf v\u00f6lkischen Vorstellungen basierender, autarker Nationalstaat propagiert. \"Unsere Idee des v\u00f6lkischen Sozialismus ... beruht auf den ewig g\u00fcltigen Naturgesetzen. Wir haben gelernt, dass Nationalismus und Sozialismus untrennbar sind und nur gemeinsam zum Erfolg f\u00fchren k\u00f6nnen. Unser Ziel ist ein souver\u00e4ner, sozialistischer Nationalstaat auf Basis einer biologisch gewachsenen, kulturell gefestigten Volksgemeinschaft, in einem Europa der Vaterl\u00e4nder.\" (Internetseite von Nationaler Widerstand Unterelbe: \"Neue Wege gehen\", Ausdruck vom 16.01.2014) Die neonazistische Szene sieht sich als eine politisch-soziale Bewegung, die nach eigenem Bekunden auf einen \"stetigen Aktivismus\" setzt und nicht auf \"schnelle Scheinerfolge\". Bestimmend f\u00fcr diese langfristig angelegte Strategie ist eine national-revolution\u00e4re antiparlamentarische Ausrichtung. 2.6.5 Verh\u00e4ltnis zur NPD \u00dcbereinstimmende Feindbilder und Ideologieelemente bilden die Basis f\u00fcr die politische Zusammenarbeit von Neonazis und NPD. Auch die NPD propagiert die auf den historischen Nationalsozialismus zur\u00fcckgehende Vorstellung einer Volksgemeinschaft, die Individualrechte negiert und Klassenund Parteiengegens\u00e4tze aufheben soll. Allerdings bestehen hinsichtlich der Erreichung dieses Ziels erhebliche Differenzen. Aus Sicht f\u00fchrender Neonazis akzeptiert die NPD durch die Beteiligung an Wahlen die Spielregeln einer parlamentarischen Demokratie und begeht damit Verrat am gemeinsamen Ziel, die bestehende Gesellschaftsordnung auf revolution\u00e4rem Wege durch eine Volksgemeinschaft zu ersetzen. Die grunds\u00e4tzliche Ablehnung einer Wahlbeteiligung weicht in der Praxis einer pragmatischen Haltung. So kommt es auf verschiedenen Ebenen h\u00e4ufig zu engen Kooperationen zwischen Neonazis und der NPD. Im Zusammenhang mit dem von der NPD propagierten \"Kampf um die Stra\u00dfe\" stellen Neonazis bei Demonstrationen regelm\u00e4\u00dfig den Gro\u00dfteil der Teilnehmer und leiten u. a. daraus ihren Anspruch auf Gleichberechtigung ab. Zudem sind zahlreiche Neonazis der NPD beigetreten, als der fr\u00fchere NPD-Vorsitzende Udo VOIGT die Partei f\u00fcr Mitglieder neonazistischer Kameradschaften \u00f6ffnete. Die sich noch deutlicher vom parlamentarischen Rechtsextremismus distanzierenden AN favorisieren eine Zusammenarbeit mit den sich ebenfalls jugendlich-revolution\u00e4r gebenden, in Niedersachsen \u00fcberwiegend v\u00f6lkisch orientierten Jungen Nationaldemokraten (JN). Entscheidend f\u00fcr eine Zusammenarbeit sind zumeist langfristig gewachsene pers\u00f6nliche Verbindungen. 2.6.6 Neonazistische Personenzusammenschl\u00fcsse in Niedersachsen Kennzeichnend f\u00fcr die neonazistische Szene in Niedersachsen ist die landesweit feststellbare Verzahnung mit der subkulturell gepr\u00e4gten wie auch mit der in Parteien organisierten rechtsextremistischen Szene. Art und Intensit\u00e4t der \u00dcberschneidungen h\u00e4ngen ma\u00dfgeblich 45","von den handelnden Personen vor Ort ab und unterscheiden sich daher von Region zu Region. Der allgemeinen Entwicklung folgend, die durch ein Abr\u00fccken von starren Organisationsstrukturen gekennzeichnet ist, sind Neonazis in den verschiedenen Landesteilen Niedersachsens mittlerweile in \u00fcberregionale rechtsextremistische Netzwerke eingebunden. Solche Netzwerke bilden sich aus Personen, Gruppierungen und Parteistrukturen heraus, die bisher vornehmlich auf lokaler oder regionaler Ebene agiert haben. Sie unterliegen personell wie auch strukturell einer kontinuierlichen Fluktuation. B\u00fcndnisse oder Kooperationen werden dabei nicht formal begr\u00fcndet, sondern resultieren aus den Verh\u00e4ltnissen vor Ort. Den Pr\u00e4ferenzen der jeweiligen Akteure entsprechend reicht die Bandbreite an Aktivit\u00e4ten von der Durchf\u00fchrung \u00f6ffentlichkeitswirksamer Propaganda-, Gedenkoder St\u00f6raktionen \u00fcber die Veranstaltung rechtsextremistischer Balladenabende bis zur Teilnahme an Demonstrationen oder szeneinternen Gro\u00dfveranstaltungen im gesamten Bundesgebiet. Als herausragende Beispiele f\u00fcr eine zunehmende Netzwerkbildung k\u00f6nnen die Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen und die vom Aktionsb\u00fcndnis 38 bestimmte rechtsextremistische Szene im s\u00fcd\u00f6stlichen Niedersachsen angef\u00fchrt werden. Auch die Verbindungen der Freien Kr\u00e4fte Ostfriesland zur Neonaziszene Emsland sowie zu Neonazis aus den Niederlanden und Nordrhein-Westfalen weisen den Charakter informeller Netzwerke auf. Gleiches gilt f\u00fcr die l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Verflechtungen der Nationalen Sozialisten B\u00fcckeburg mit der neonazistischen Szene in der Region Ostwestfalen-Lippe (Nordrhein-Westfalen). Die Entwicklung der rechtsextremistischen Szene im s\u00fcd\u00f6stlichen Niedersachsen ist exemplarisch f\u00fcr die flie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4nge zwischen einer \u00fcberwiegend subkulturell gepr\u00e4gten Szene und einer politisch orientierten neonazistischen Szene. Die personellen Verbindungen reichen zudem in den rechtsextremistischen Parteienbereich hinein. Kristallisationspunkt dieser Entwicklung ist das Aktionsb\u00fcndnis 38 (AB 38). Unter dieser Bezeichnung treten seit September 2012 die bereits zuvor in der Region aktiven Aktionsgruppen Gifhorn und Wolfsburg sowie die Aktionsgruppe 38 und - bis zu ihrer Aufl\u00f6sung im M\u00e4rz - die Burschenschaft Thormania aus Braunschweig in Erscheinung. Die Aktionsgruppe Wolfsburg hat sich mittlerweile erneut in B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Wolfsburg28 umbenannt. Hinzu kommt die regelm\u00e4\u00dfige Einbindung von Angeh\u00f6rigen des NPD-Unterbezirkes Gifhorn-Wolfsburg. Durch die am 25.08.2013 erfolgte Gr\u00fcndung des Kreisverbandes Die Rechte Braunschweiger Land versuchen die Angeh\u00f6rigen des AB 38 derzeit, das Parteienprivileg f\u00fcr die Durchf\u00fchrung ihrer Aktivit\u00e4ten zu nutzen.29 Sie orientieren sich am Vorbild der verbotenen neonazistischen Vereinigungen in Nordrhein-Westfalen, die den dortigen Landesverband der Partei Die Rechte dominieren. In beiden F\u00e4llen beschr\u00e4nken sich die Parteiaktivit\u00e4ten auf ein Minimum in dem Bestreben, den Vorgaben des Parteiengesetzes zu gen\u00fcgen. Trotz der Aufl\u00f6sung der Burschenschaft Thormania, die erkl\u00e4rte, an anderer Stelle aktiv sein zu wollen, ist die Anh\u00e4ngerzahl des AB 38 weiter gewachsen. Als f\u00f6rderlich f\u00fcr diese Entwicklung erwies sich die Erweiterung des bisherigen Einzugsbereiches auf die St\u00e4dte Helmstedt, K\u00f6nigslutter, Peine, Salzgitter und Wolfenb\u00fcttel. Die damit einhergehende Einbindung von Personen aus der subkulturell gepr\u00e4gten rechtsextremistischen Musikszene f\u00f6rderte die Ideologisierung dieses Personenkreises. Im Gegenzug er\u00f6ffnete sich dem AB 38 die M\u00f6glich28 Die Angeh\u00f6rigen der neonazistischen Szene traten bereits in den Jahren 2006 bis 2012 unter der Bezeichnung \"B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Wolfsburg\" auf. 29 Siehe hierzu auch Kapitel 2.9.4. 46","keit, seine Attraktivit\u00e4t durch Konzerte und Auftritte von Balladens\u00e4ngern zu erh\u00f6hen. Das AB 38, das in der Vergangenheit auch unter der Bezeichnung Freie Kr\u00e4fte Niedersachsen-Ost in Erscheinung getreten ist, ist der zurzeit aktivste neonazistische Personenzusammenschluss in Niedersachsen. Die \u00fcberregionale Bedeutung der Gruppierung zeigte sich zum Beispiel anl\u00e4sslich der Demonstration zum \"Tag der deutschen Zukunft\" (TddZ) am 01.06.2013 in Wolfsburg, in deren Organisation das B\u00fcndnis ma\u00dfgeblich eingebunden war. Bereits im Vorfeld hatten 22 Angeh\u00f6rige des AB 38 am 16.02.2013 in Wolfsburg eine gegen den TddZ gerichtete Informationsveranstaltung zu st\u00f6ren versucht.30 Die Einbindung in ein \u00fcberregionales Kontaktnetz dokumentiert sich auch in einer Solidarit\u00e4tsfeier, die die Gruppierung am 29.06.2013 in Braunschweig zugunsten des aus Hessen stammenden und in \u00d6sterreich inhaftierten Liedermachers \"Reichstrunkenbold\"31 ausrichtete. Nach eigenen Angaben wurde eine Spendensumme von etwa 1.500 Euro gesammelt. In der Region selbst trat das AB 38 wiederholt \u00f6ffentlich in Erscheinung. Die folgenden Beispiele illustrieren die Bandbreite der Aktivit\u00e4ten: An einem am 29.04.2013 im Landkreis Gifhorn abgehaltenen Seminar der rechtsextremistischen Gefangenenhilfe - eine Organisation, die sich der Betreuung rechtsextremistischer Straft\u00e4ter widmet - und an einem anschlie\u00dfenden Auftritt des Liedermachers \"Fylgien\" nahmen auch Angeh\u00f6rige des AB 38 teil. Eine am 18.07.2013 in Braunschweig von 45 Rechtsextremisten durchgef\u00fchrte Kundgebung zum Thema \"Braunschweiger Land auf dem linken Auge blind!? Genug ist genug, jetzt ist Schluss - wir lassen uns nicht kriminalisieren\" galt der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Am 15.09.2013 und noch einmal am 01.12.2013 versuchten \u00fcberwiegend Angeh\u00f6rige der Aktionsgruppe Gifhorn eine nicht extremistische Demonstration f\u00fcr den Tierschutz ideologisch zu instrumentalisieren. Mit Redebeitr\u00e4gen und einem entsprechenden Transparent wiesen sie auf das im Jahr 1933 von den Nationalsozialisten erlassene erste deutschlandweite Tierschutzgesetz hin und demonstrierten damit ihre Verwurzelung in der nationalsozialistischen Ideologie. Am 17.11.2013 f\u00fchrten etwa 40 Angeh\u00f6rige von AB 38 und der regionalen NPD/JN aus Anlass des Volkstrauertages ein \"Heldengedenken\" mit Kranzniederlegung im Landkreis Gifhorn durch. Als Beleg f\u00fcr die grunds\u00e4tzliche Gewaltbereitschaft der Angeh\u00f6rigen von AB 38/Die Rechte Braunschweiger Land kann ein am 27.10.2013 eingeleitetes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der gef\u00e4hrlichen K\u00f6rperverletzung gewertet werden. Zur s\u00fcdnieders\u00e4chsischen Neonaziszene geh\u00f6ren die nur teilweise voneinander abgrenzbaren rechtsextremistischen Szenen in den Landkreisen G\u00f6ttingen, Northeim und Osterode. Einer der Protagonisten ist der Vorsitzende des NPD-Unterbezirks G\u00f6ttingen, Marco BORRMANN, durch den enge Kontakte zu den Neonaziszenen in Nordhessen und im westlichen Th\u00fcringen bestehen. Gemeinsam mit Neonazis aus diesen Bereichen bet\u00e4tigen sich Szeneangeh\u00f6rige aus S\u00fcdniedersachsen, u. a. bei den j\u00e4hrlichen Gedenkm\u00e4rschen in Bad Nenndorf (Landkreis Schaumburg), im Ordnerdienst. Die gelegentliche Verwendung der Bezeichnung Kameradschaft Dreil\u00e4ndereck unterstreicht die l\u00e4nder\u00fcbergreifende Zusammenarbeit. BORRMANN war Mitglied der ehemaligen Kameradschaft Northeim des f\u00fchrenden Neonazis Thorsten HEISE, der 2004 nach Fretterode (Th\u00fcringen) verzogen ist. Dies erkl\u00e4rt, warum Angeh\u00f6rige der Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen bei Demonstrationen weiterhin das bereits 30 Siehe hierzu auch Kapitel 2.6.7.3. 31 Der Liedermacher wurde als erster Deutscher wegen Versto\u00dfes gegen Bestimmungen des \u00f6sterreichischen Verfassungsgesetzes \u00fcber das Verbot der NSDAP zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt. 47","aus den 1990er Jahren bekannte Transparent der Kameradschaft Northeim mit der Aufschrift \"Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!\" verwenden. Dar\u00fcber hinaus ist die Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen eng mit der subkulturellen Szene und der NPD verzahnt. Die gemeinsame Teilnahme an Zeitzeugenvortr\u00e4gen, Sonnenwendfeiern oder Balladenabenden und die gemeinsame Organisation von Veranstaltungen sind Ausdruck dieses Zusammenspiels, das sich an folgenden Beispielen dokumentieren l\u00e4sst: Im Rahmen des Landtagswahlkampfes f\u00fchrte der NPD-Landesverband Niedersachsen am 19.01.2013 in Hannover eine Kundgebung durch, die von Angeh\u00f6rigen der Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen unterst\u00fctzt wurde. Am 14.03.2013 versammelten sich etwa 50 Angeh\u00f6rige der neonazistischen Szene, darunter Neonazis aus S\u00fcdniedersachsen, zu einer Mahnwache in Hannover. Anlass hierf\u00fcr war ein T\u00f6tungsdelikt in Kirchweyhe (Landkreis Diepholz), durch einen T\u00e4ter mit Migrationshintergrund.32 Das Landgericht Verden verurteilte den Beschuldigten am 26.02.2014 zu einer Haftstrafe von f\u00fcnf Jahren und neun Monaten. Am 15.06.2013 beteiligten sich Angeh\u00f6rige der Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen mit einem Infostand zur Kampagne \"Trauermarsch in Bad Nenndorf\" am Th\u00fcringentag der \"nationalen Jugend\" in Kahla (Th\u00fcringen). Die Vorbereitungen f\u00fcr die Demonstration am 03.08.2013 in Bad Nenndorf, in deren Organisation Angeh\u00f6rige der Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen ma\u00dfgeblich eingebunden waren, standen auch im Mittelpunkt einer am 12.07.2013 in Einbeck durchgef\u00fchrten Mobilisierungsveranstaltung mit rund 40 Teilnehmern. Einer von zahlreichen Balladenabenden fand am 17.08.2013 mit etwa 50 Teilnehmern in Uslar statt. Auch in Westniedersachsen l\u00e4sst sich eine zunehmende \u00fcberregionale Vernetzung unterschiedlicher Akteure der rechtsextremistischen, insbesondere neonazistischen Szene feststellen. Zu nennen sind die Freien Kr\u00e4fte Ostfriesland sowie die Neonaziszene Emsland und die Neonaziszene Osnabr\u00fcck, die zwar nur wenige Angeh\u00f6rige umfassen, jedoch personelle \u00dcberschneidungen mit den regionalen NPD-Unterbezirken aufweisen. Die Notwendigkeit zur Bildung informeller Netzwerke resultiert mehr noch als in anderen Landesteilen aus der Tatsache eines insgesamt zur\u00fcckgehenden Personenpotenzials. Vor diesem Hintergrund nimmt die ohnehin hohe Bedeutung sozialer Netzwerke f\u00fcr die Mobilisierungsund Aktionsf\u00e4higkeit der Szene weiter zu. \u00dcber die sozialen Netzwerke, in denen auch die mit Smartphones kompatiblen QR-Codes verwendet werden, berichten Szeneangeh\u00f6rige \u00fcber ihre Aktivit\u00e4ten und versuchen, neue Anh\u00e4nger zu gewinnen. Dabei sind sie entweder eindeutig als szenetypisch identifizierbar, wie z. B. die Aktionsgemeinschaft Emsland bzw. die Freien Kr\u00e4fte Papenburg, oder sie firmieren wie im Fall der Freien Kr\u00e4fte Ostfriesland eher unverf\u00e4nglich unter der Bezeichnung \"Leuchtfeuer Ostfriesland\". Letztere geben in diversen Beitr\u00e4gen zum Thema \"Sittengesetz\" Einblick in ihre ideologischen Vorstellungen von \"F\u00fchrer und Gefolgschaft\", \"Wahrung und Mehrung germanischer Art\" und \"V\u00f6lkischer Sitte\". Die Ausf\u00fchrungen beinhalten ein unverhohlenes Bekenntnis zum Nationalsozialismus: \"Der Nationalsozialismus k\u00e4mpft seit \u00fcber 90 Jahren und ist seit dem Tode seines Sch\u00f6pfers durch keinen wesentlich neuen Impuls geadelt worden. Er zehrt noch immer von dem Erbe der Blutzeugen.\"33 32 Siehe auch Seite 52 (Ausf\u00fchrungen zu Besseres Hannover) und Kapitel 2.6.7.2 und 2.9.4. 33 Als \"Blutzeugen\" wurden im Nationalsozialismus die im Kampf f\u00fcr die \"Bewegung\" zu Tode gekommenen Anh\u00e4nger des Nationalsozialismus bezeichnet. 48","(Facebook-Profil von Leuchtfeuer Ostfriesland am 09.05.2013, Ausdruck vom 19.12.2013) In Anlehnung an die rechtsextremistische \"Volkstod-Kampagne\" werden fremdenfeindliche und rassistische \u00dcberzeugungen unverstellt zum Ausdruck gebracht: \"Steht Heimat nicht f\u00fcr die Verwurzelung eines gewachsenen Volkes in der Gesamtheit in seinem angestammten Lebensraum? ... Heimat bedeutet auch die Verbundenheit zum inneren Wesen des eigenen Volkes - einem Volk, welches mittlerweile im Sterben liegt und einfach durch Zuwanderung ersetzt werden soll.\" (Facebook-Profil von Leuchtfeuer Ostfriesland am 28.04.2013, Ausdruck vom 19.12.2013) Die netzwerkartigen Strukturen im Raum Ostfriesland/Emsland treten durch die gemeinsame Teilnahme an Demonstrationen offen zutage, insbesondere wenn es sich um Veranstaltungen handelt, die von der Partei Die Rechte in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen organisiert werden. Dar\u00fcber hinaus bestehen ausgepr\u00e4gte Verbindungen zu Angeh\u00f6rigen der neonazistischen Blood & Honour Divisie Noordland in den benachbarten Niederlanden.34 Das grenz\u00fcberschreitende Zusammenspiel zeigte sich bei gemeinsamen Veranstaltungen, z. B. am 19.01.2013 in Winschoten (NL) oder am 10.10.2013 in Gro\u00df Ber\u00dfen (Landkreis Emsland), an denen jeweils ca. 80 Neonazis und Anh\u00e4nger der rechtsextremistischen Subkultur teilnahmen. Die Ausrichtung der letztgenannten Veranstaltung durch Angeh\u00f6rige der Neonaziszene Emsland und des NPD-Unterbezirks Emsland-Grafschaft Bentheim verweist zudem auf die flie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4nge zwischen den verschiedenen Str\u00f6mungen innerhalb des rechtsextremistischen Lagers auch in dieser Region Niedersachsens. Im Bereich B\u00fcckeburg (Landkreis Schaumburg) existiert seit Anfang 2011 mit den Nationalen Sozialisten B\u00fcckeburg, eine aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen bestehende rechtsextremistische Szene. \u00d6ffentlichkeitswirksame politische Aktivit\u00e4ten haben seit September 2012 deutlich abgenommen. Grund hierf\u00fcr d\u00fcrfte das Verbotsverfahren gegen Besseres Hannover sein, in das auch ein f\u00fchrender Angeh\u00f6riger der Nationalen Sozialisten B\u00fcckeburg involviert war. Infolge der Entstehung der Nationalen Sozialisten B\u00fcckeburg ist seit 2011 eine Zunahme an rechtsextremistisch motivierten Straftaten sowie ein Anstieg von Auseinandersetzungen zwischen rechtsund linksextremistisch motivierten Personen im Bereich des Landkreises Schaumburg zu verzeichnen. Die verst\u00e4rkte Pr\u00e4senz von Angeh\u00f6rigen der neonazistischen Szene aus Nordrhein-Westfalen ist Ausdruck einer organisatorischen Verflechtung in die angrenzende Region Ostwestfalen-Lippe. Die Zusammenarbeit \u00fcber die Landesgrenzen hinweg zeigt sich in der gemeinsamen Beteiligung an Demonstrationen und der Durchf\u00fchrung von Gemeinschaftsveranstaltungen wie auch in der Teilnahme an Balladenabenden. Daneben ist der \"Kameradschaftsdienst Demosanis\" zu nennen, der vornehmlich von Angeh\u00f6rigen dieser Szenen gebildet wird und der regelm\u00e4\u00dfig bei Demonstrationen und szeneinternen Gro\u00dfveranstaltungen im gesamten Bundesgebiet auftritt. Ebenfalls \u00fcber ausgepr\u00e4gte Kontakte nach Nordrhein-Westfalen verf\u00fcgt die seit Anfang 2012 bestehende und seither bei Demonstrationen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen 34 Siehe hierzu auch Kapitel 2.6.7.1 und 2.6.7.3. 49","pr\u00e4sente Aktionsgruppe Weserbergland. Personelle \u00dcberschneidungen bestehen zu einem Aktivistenkreis in Hannover, der sich der neonazistischen Vereinigung Hamburger Nationalkollektiv/Weisse W\u00f6lfe Terrorcrew (HNK/WWT) zurechnet. Die seit Mai 2011 als HNK/WWT haupts\u00e4chlich in Hamburg aktive neonazistische Vereinigung machte im Dezember 2011 durch einen unangemeldeten Fackelmarsch in HamburgHarburg auf sich aufmerksam, der im Stil der \"Unsterblichen\" durchgef\u00fchrt wurde. An diesem Aufzug beteiligten sich auch Neonazis aus Niedersachsen, u. a. aus Hannover. Der nur wenige Personen umfassende Ableger WWT Hannover fiel bislang lediglich durch Demonstrationsund Konzertteilnahmen sowie vereinzelte Parolenschmierereien im Stadtgebiet auf. Ein ehemaliges Mitglied der Gruppierung HNK/WWT aus Buchholz, der die Gruppierung zwischenzeitlich verlassen hatte und ma\u00dfgeblich am Aufbau der Aktionsgruppe (AG) Nordheide beteiligt war, ist Beschuldigter eines von der Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung gef\u00fchrten Ermittlungsverfahrens gegen Angeh\u00f6rige der rechtsextremistischen Szene aus Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Die in diesem Zusammenhang am 17.07.2013 erfolgten Durchsuchungsma\u00dfnahmen d\u00fcrften der Grund daf\u00fcr sein, dass auch die Aktivit\u00e4ten der AG Nordheide - mit Ausnahme eines weiterhin betriebenen Twitter-Accounts - sp\u00fcrbar zur\u00fcckgegangen sind. Bis zu diesem Zeitpunkt war die AG Nordheide haupts\u00e4chlich durch Demonstrationsteilnahmen und fremdenfeindliche Agitation gegen die Unterbringung von Asylbewerbern hervorgetreten. Entgegen dem in den beschriebenen Regionen feststellbaren Trend hin zu informellen Netzwerken, war in anderen Regionen Niedersachsens wie Hannover, Hildesheim oder dem Bereich der L\u00fcneburger Heide, die in den vergangenen Jahren zu den Schwerpunkten neonazistischer Agitation geh\u00f6rten, ein deutlicher R\u00fcckgang an neonazistischen Aktivit\u00e4ten zu verzeichnen. Zur\u00fcckzuf\u00fchren ist dies in erster Linie auf das am 25.09.2012 erfolgte Verbot von Besseres Hannover35 und die vorausgegangenen Exekutivund Verbotsma\u00dfnahmen gegen neonazistische Vereinigungen in Brandenburg36, Nordrhein-Westfalen37 und Rheinland-Pfalz38. In der Folge konnten weder in Hannover noch im \u00fcbrigen Niedersachsen oder im Bundesgebiet weitere Aktivit\u00e4ten von Besseres Hannover als Gruppierung festgestellt werden, abgesehen von dem kurzzeitigen Versuch, die eigene Internetseite weiter zu betreiben. Mehr als die H\u00e4lfte der ehemaligen Angeh\u00f6rigen von Besseres Hannover trat in der Folgezeit nicht mehr durch rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten in Erscheinung. Einzelne Mitglieder wandten sich anderen neonazistischen Gruppierungen zu, u. a. dem AB 38 und den Nationalen Sozia35 Eine durch ein f\u00fchrendes Mitglied der Gruppierung eingereichte Klage gegen das Verbot wurde durch das OVG L\u00fcneburg mit Urteil vom 03.09.2013 als unzul\u00e4ssig abgewiesen, da der Kl\u00e4ger zun\u00e4chst im eigenen Namen geklagt hatte und das Gericht eine ohnehin verfristete Klage\u00e4nderung nicht als sachdienlich ansah. Im individuellen Klageverfahren erachtete das OVG die Klage f\u00fcr zul\u00e4ssig, aber unbegr\u00fcndet, da hier lediglich die formelle Rechtm\u00e4\u00dfigkeit gepr\u00fcft werden konnte, welche das Gericht u. a. im Hinblick auf die erforderliche Vereinseigenschaft bejahte. Eine Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision wurde am 06.01.2014 vom Bundesverwaltungsgericht zur\u00fcckgewiesen. Das Urteil des OVG ist damit rechtskr\u00e4ftig. 36 Verbot der Widerstandsbewegung in S\u00fcdbrandenburg (siehe Kapitel 8.3). 37 Verbot von Nationaler Widerstand Dortmund, Kameradschaft Hamm und Kameradschaft Aachener Land (siehe Kapitel 8.3). 38 Exekutivma\u00dfnahmen gegen 33 Angeh\u00f6rige und Unterst\u00fctzer des neonazistischen Aktionsb\u00fcros Mittelrhein am 13.03.2012. Der Prozess vor dem Landgericht Koblenz gegen insgesamt 26 Beschuldigte ist noch nicht abgeschlossen. 50","listen B\u00fcckeburg und beteiligen sich allein oder in kleineren Gruppen auch weiterhin an Veranstaltungen und Aktionen der rechtsextremistischen Szene. Zu beobachten war dies insbesondere bei Demonstrationen in Niedersachsen und in benachbarten Bundesl\u00e4ndern, bei denen die Teilnahme zusammen mit Angeh\u00f6rigen des AB 38 unter der gemeinsamen Bezeichnung Freie Kr\u00e4fte Niedersachsen-Ost erfolgte. In Celle betrieben ehemalige Angeh\u00f6rige von Besseres Hannover zudem am 16.02.2013 gemeinsam mit den Freien Kr\u00e4ften Celle einen Infostand aus Anlass der Aktionswoche zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens. Dies verdeutlichte noch einmal die langj\u00e4hrigen Verbindungen von Besseres Hannover zur Neonazi-Szene in Celle. Ehemalige f\u00fchrende Angeh\u00f6rige von Besseres Hannover waren dar\u00fcber hinaus verantwortlich f\u00fcr eine am 14.03.2013 in Hannover abgehaltene Kundgebung und eine am 16.03.2013 in Verden durchgef\u00fchrte Demonstration. Die Anmeldung der beiden Veranstaltungen erfolgte vor dem Hintergrund des in Kirchweyhe (Landkreis Diepholz) begangenen T\u00f6tungsdeliktes.39 Weiterhin in der rechtsextremistischen Szene aktiv ist Patrick KRUSE, der als Liedermacher \"Jugendgedanken\" auch nach dem Verbot von Besseres Hannover regelm\u00e4\u00dfig und bundesweit bei Veranstaltungen der Neonaziszene und der JN auftritt.40 Die Zugeh\u00f6rigkeit zu Besseres Hannover, mit der KRUSE in einem Interview gegen\u00fcber dem interaktiven rechtsextremistischen Internetangebot \"FSN.tv\" vom 11.11.2012 \u00f6ffentlich kokettierte, d\u00fcrfte dabei anfangs ma\u00dfgeblich zur Steigerung seines Bekanntheitsgrades beigetragen haben. Das Verbot von Besseres Hannover hat aber nicht nur zu einem merklichen R\u00fcckgang neonazistischer Aktivit\u00e4ten in der Stadt und in der Region Hannover gef\u00fchrt, sondern die neonazistische Szene in Niedersachsen verunsichert und geschw\u00e4cht, sowohl personell als auch in Hinsicht auf die Mobilisierungsund Aktionsbereitschaft. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Snevern Jungs und den Freien Kr\u00e4ften Celle (ehemals Kameradschaft 73 Celle), die in der Vergangenheit mit den Hannoveranern eng kooperiert hatten. Der Bedeutungsverlust dieser beiden Gruppierungen resultiert aber auch aus den ver\u00e4nderten strukturellen Bedingungen, unter denen die Kontaktpflege in der neonazistischen Szene mittlerweile erfolgt. Angeh\u00f6rige der Snevern Jungs und der Freien Kr\u00e4fte Celle waren in den letzten Jahren ma\u00dfgeblich an der Koordinierung der Aktivit\u00e4ten zumeist \u00f6rtlich agierender Kameradschaften und deren Zusammenarbeit auf norddeutscher Ebene beteiligt. Sie orientierten sich dabei am Vorbild der Aktionsb\u00fcros und der sp\u00e4ter ausgeweiteten \u00fcberregionalen Kameradschaftstreffen. Die voranschreitende technische Entwicklung und die wachsende Bedeutung des Internets, insbesondere der sozialen Netzwerke, machen derartig formalisierte pers\u00f6nliche Kontakte jedoch zunehmend entbehrlich. Gegenw\u00e4rtig scheinen zur Absprache gemeinsamer Aktivit\u00e4ten neben bereits bestehenden pers\u00f6nlichen oder virtuellen Kontakten Veranstaltungen auszureichen, die entweder aufgrund der politischen Motivation (gemeinsame Demonstrationsteilnahmen, Zeitzeugenveranstaltungen) oder zur F\u00f6rderung des Gemeinschaftsgef\u00fchls (Balladenabende, Solidarit\u00e4tsfeiern) stattfinden. Eigens f\u00fcr diesen Zweck anberaumte Sondertreffen sind entbehrlich. Infolge dieser Entwicklung verloren die bisherigen F\u00fchrungspersonen aus Celle, Hildesheim und Schneverdingen an Einfluss innerhalb der neonazistischen Szene Niedersachsens. Auch 39 Siehe hierzu auch Seite 49 und Kapitel 2.6.7.2 und 2.9.4. 40 Siehe hierzu auch Kapitel 2.5.3. 51","fanden die in den letzten Jahren ma\u00dfgeblich von den genannten Gruppierungen durchgef\u00fchrten Sonnenwendfeiern in Eschede (Landkreis Celle) nicht mehr statt, die bis dahin mit Teilnehmerzahlen von bis zu 250 Rechtsextremisten \u00fcberaus bedeutsam f\u00fcr die norddeutsche Neonaziszene waren. Lediglich die v\u00f6lkisch ausgerichtete neonazistische Frauengruppierung D\u00fc\u00fctsche Deerns beteiligt sich weiterhin an der Gestaltung von Kulturund Brauchtumsveranstaltungen, die \u00fcberwiegend auf die JN in Niedersachsen zur\u00fcckgehen. 41 Ein im landesweiten Vergleich \u00fcberdurchschnittliches Personenpotenzial weist die Neonaziszene Tostedt (Landkreis Harburg) auf, zu der auch seit Jahren in die norddeutsche Szene eingebundene Neonazis aus dem Heidekreis und dem Landkreis Rotenburg (W\u00fcmme) geh\u00f6ren. Allerdings ist die Anzahl der \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktivit\u00e4ten im letzten Jahr deutlich zur\u00fcckgegangen. Zu den Aktivit\u00e4ten geh\u00f6rten Demonstrationsteilnahmen von Einzelpersonen und die Kranzniederlegung aus Anlass des als \"Heldengedenken\" begangenen Volkstrauertages sowie eine Ende des Jahres gemeinsam mit dem Nationalen Widerstand Unterelbe geschaltete Anzeige anl\u00e4sslich des Todes des Kriegsverbrechers Erich Priebke in einem regionalen Wochenblatt. Dar\u00fcber hinaus konzentrierten sich die Aktivit\u00e4ten auf die Teilnahme und Durchf\u00fchrung szeneinterner Veranstaltungen. Neben gemeinsamen Besuchen von Konzerten geh\u00f6ren hierzu eine am 03.05.2013 in Moisburg (Landkreis Harburg) veranstaltete und als \"Fight Night\" bezeichnete Amateur-Boxveranstaltung sowie ein am 24.08.2013 in Tostedt mit etwa 60 Teilnehmern durchgef\u00fchrtes Sommerfest unter dem Motto \"Tostedt ist bunt? Deutschland multikulti? - Wir bleiben braun!!!\". Die Ausrichtung derartiger Veranstaltungen festigt den gruppeninternen Zusammenhalt und tr\u00e4gt zum Erhalt der szeneinternen Reputation der Angeh\u00f6rigen bei, die oftmals eine langj\u00e4hrige Szenezugeh\u00f6rigkeit aufweisen. Die Region Hildesheim, in der in der Vergangenheit mit der Kameradschaft Hildesheim und der so genannten B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage Hildesheim zwei bedeutsame Gruppierungen ans\u00e4ssig waren, hat zwischenzeitlich f\u00fcr die neonazistische Szene an Bedeutung verloren. Mittlerweile sind jedoch Ans\u00e4tze einer Restrukturierung der regionalen Szene erkennbar. Eine zentrale Rolle nimmt dabei der durch seine aggressiven Redeauftritte bundesweit bekannte Neonazi Dieter RIEFLING ein. RIEFLING ist u. a. durch seine f\u00fchrende Funktion im Rahmen der Kampagne zum \"Tag der deutschen Zukunft\"42 und seine regelm\u00e4\u00dfige Teilnahme an \u00fcberregionalen Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene in Niedersachsen einer der einflussreichsten nieders\u00e4chsischen Neonazis. Aufgrund seiner langj\u00e4hrigen Szenezugeh\u00f6rigkeit verf\u00fcgt er \u00fcber weitreichende Verbindungen zu szenerelevanten Personen und Organisationen im gesamten Bundesgebiet. 2.6.7 Demonstrationen und Kampagnen der rechtsextremistischen Szene Demonstrationen sind f\u00fcr die den parlamentarischen Prozess ablehnende neonazistische Szene das wichtigste Mittel, um ihr ideologisches Anliegen in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen und sich zugleich als Bewegung zu pr\u00e4sentieren. Demonstrationen k\u00f6nnen als Indikator f\u00fcr die thematische Schwerpunktsetzung und die Mobilisierungsf\u00e4higkeit der rechtsextremistischen Szene angesehen werden. Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich feststellen, dass die Bereitschaft an Demonstrationen teilzunehmen, in den letzten Jahren nachgelassen hat. Dies gilt nicht f\u00fcr sze41 Siehe hierzu auch Kapitel 2.8. 42 Siehe hierzu auch Kapitel 2.6.7.3. 52","neinterne Veranstaltungen, die den Charakter einer Kontaktund Informationsb\u00f6rse aufweisen und dem inneren Zusammenhalt dienen. Im Folgenden wird die Beteiligung nieders\u00e4chsischer Neonazis an den wichtigsten Demonstrationen nachgezeichnet. 2.6.7.1 Trauerm\u00e4rsche in Magdeburg und Dresden Den Auftakt des j\u00e4hrlichen Demonstrationsgeschehens machte am 12.01.2013 der \"Trauermarsch\" zum Jahrestag der Bombardierung Magdeburgs. Dabei blieb die Teilnehmerzahl mit rund 900 Rechtsextremisten gegen\u00fcber dem Vorjahr nahezu konstant. Unter den Teilnehmern waren auch Angeh\u00f6rige des AB 38, der Aktionsgruppen Nordheide und Weserbergland, der Nationalen Sozialisten B\u00fcckeburg und der Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen sowie der neonazistischen Szenen im Emsland und in Osnabr\u00fcck, die gemeinsam mit Neonazis aus den Niederlanden erschienen. Hingegen reisten am 13.02.2013 zu einer der seit Jahren wichtigsten Demonstrationen, dem \"Trauermarsch\" zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens, lediglich 700 Rechtsextremisten an. Ausschlaggebend f\u00fcr den geringen Zuspruch d\u00fcrften die bereits im Vorfeld absehbaren Blockaden durch Gegendemonstranten gewesen sein, die eine reibungslose Durchf\u00fchrung als wenig wahrscheinlich erschienen lie\u00dfen. Die Gegendemonstrationen f\u00fchrten dazu, dass ein einheitlicher Aufmarsch nicht zustande kam und sich die Teilnehmer auf kleinere Spontandemonstrationen abseits der eigentlichen Route beschr\u00e4nken mussten. 2.6.7.2 Kampagnenthema Kirchweyhe Ein am 10.03.2013 in Kirchweyhe (Landkreis Diepholz) durch einen jungen Mann mit Migrationshintergrund begangenes T\u00f6tungsdelikt bot den Angeh\u00f6rigen der neonazistischen Szene sowie der NPD und der Partei Die Rechte Anlass f\u00fcr eine fremdenfeindliche Kampagne. Sie versuchten, mit ausl\u00e4nderund islamfeindlichen Parolen und der Warnung vor einer vermeintlichen \u00dcberfremdung Deutschlands von der aufgeheizten Stimmung in der Bev\u00f6lkerung zu profitieren. Nachdem das T\u00f6tungsdelikt von der Presse in gro\u00dfer Aufmachung aufgegriffen worden war, setzten die Rechtsextremisten am 14.03.2013 mit einer Mahnwache in Hannover ein erstes Zeichen. An der Veranstaltung beteiligten sich rund 50 Angeh\u00f6rige der neonazistischen Szene, u. a. des AB 38 und der Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen sowie ehemalige Angeh\u00f6rige von Besseres Hannover. Zwei Tage sp\u00e4ter nahmen insgesamt rund 60 Neonazis von AB 38, Snevern Jungs, Aktionsgruppe Weserbergland und Neonazis aus Oldenburg an einer Spontandemonstration in Verden teil. Unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung der neonazistischen Szenen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen fanden zudem am 23.03.2013 und am 11.05.2013 zwei Aufz\u00fcge in Kirchweyhe statt. Anmelder der von etwa 80 bzw. 100 Rechtsextremisten besuchten Aufm\u00e4rsche war die Partei Die Rechte.43 Gro\u00dfes Interesse bei der neonazistischen Szene Niedersachsens fand die vom Landesverband Nordrhein-Westfalen der Partei Die Rechte angemeldete Demonstration \"Heraus zum 1. Mai\" in Dortmund. Zu den insgesamt rund 450 Teilnehmern z\u00e4hlten neben Angeh\u00f6rigen der Neonaziszene S\u00fcdniedersachsen, der Aktionsgruppe Nordheide, der Aktionsgruppe Weserbergland, der Freien Kr\u00e4fte Ostfriesland und der neonazistischen Szenen aus Oldenburg und dem Emsland auch zahlreiche Vertreter des AB 38, die f\u00fcr die Kampagnendemonstration zum \"Tag der deutschen Zukunft\" (TddZ) warben. 43 Siehe hierzu auch Seiten 49 und 52 und Kapitel 2.9.4. 53","2.6.7.3 Kampagnendemonstration der norddeutschen Neonaziszene: \"Tag der deutschen Zukunft\" (TddZ) Am TddZ beteiligten sich am 01.06.2013 in Wolfsburg etwa 530 Rechtsextremisten (2012: 700) aus Niedersachsen und den angrenzenden Bundesl\u00e4ndern sowie vereinzelt auch aus dem \u00fcbrigen Bundesgebiet und den Niederlanden. In seinem Redebeitrag betonte der Mitinitiator der Kampagne RIEFLING die szene\u00fcbergreifende Bedeutung der Demonstration: \"Jeder deutsche Volksgenosse ist eingeladen und vor allen Dingen auch aufgerufen, sich f\u00fcr die Zukunft unseres deutschen Volkes einzusetzen. Beim Tag der deutschen Zukunft gibt es keine Parteiengrenzen und Gruppenegoismen. ... Die Rednerliste enth\u00e4lt auch einen Querschnitt unserer Bewegung aus allen Parteien und Strukturen. Es ist ein Spiegelbild unserer Bewegung.\" Den Aussagen RIEFLINGs zufolge, der sich am 26.05.2013 in einem Interview im szeneinternen interaktiven rechtsextremistischen Internetangebot \"FSN.tv\" ge\u00e4u\u00dfert hatte, soll es den TddZ auch in den n\u00e4chsten Jahren geben: \"Der TddZ ist so lange notwendig, so lange wir dieses \u00dcberfremdungsproblem in unserer geliebten Heimat haben. Und so lange nicht die sch\u00e4tzungsweise 18 Millionen artund kulturfremden Menschen hier ausgeschafft worden sind - in welcher Form auch immer - wird es wahrscheinlich die Problematik geben und somit die Berechtigung des TddZ.\" 2.6.7.4 Demonstrationen der Neonaziszene in Bad Nenndorf Die historisch belegten \u00dcbergriffe auf deutsche Kriegsgefangene im Wincklerbad in Bad Nenndorf (Landkreis Schaumburg) sind f\u00fcr die rechtsextremistische Propagandastrategie von besonderer Bedeutung, um auf diese Weise nationalsozialistische Verbrechen und damit den Nationalsozialismus selbst durch Vergleiche zu relativieren. Die offene Verherrlichung des Nationalsozialismus ist demgegen\u00fcber in den Hintergrund getreten. Seinen gr\u00f6\u00dften Zuspruch erfuhr der \"Trauermarsch\" im Jahr 2010 mit der Teilnahme von rund 1.000 Rechtsextremisten. Seitdem gingen die Teilnehmerzahlen kontinuierlich zur\u00fcck. Unter dem Motto \"Gefangen - gefoltert - gemordet! Damals wie heute - Besatzer raus!\" beteiligten sich am 03.08.2013 lediglich noch etwa 320 Teilnehmer. Aufgrund massiver Gegenproteste gelang es zudem erstmals nicht, die angestrebte Kundgebung direkt am Wincklerbad abzuhalten. F\u00fcr den 02.11.2013 meldeten dann sowohl das neonazistische Gedenkb\u00fcndnis Bad Nenndorf als auch die NPD und die Partei Die Rechte getrennt voneinander weitere demonstrative Veranstaltungen in Bad Nenndorf an. Das Hauptziel einer Kundgebung am historischen Wincklerbad wurde zwar erreicht, allerdings beteiligten sich insgesamt lediglich etwa 60 Angeh\u00f6rige der neonazistischen Szene aus Niedersachsen und der Partei Die Rechte aus Nordrhein-Westfalen an den Kundgebungen. Ursachen f\u00fcr den R\u00fcckgang der Teilnehmerzahl sind neben dem breitgef\u00e4cherten zivilgesellschaftlichen Gegenprotest, der rechtsextremistische Mitl\u00e4ufer nicht unbeeindruckt l\u00e4sst, die anhaltende Verunsicherung der rechtsextremistischen Szene infolge staatlicher Exekutivma\u00dfnahmen im Jahr 2012 und die szeneintern nachlassende Bedeutung von Demonstrationen im Allgemeinen und von Veranstaltungen mit vergangenheitsbezogener Thematik im Speziellen. 54","2.6.7.5 Volkstrauertag als \"Heldengedenken\" Der im November begangene Volkstrauertag ist innerhalb der neonazistischen Szene als \"Heldengedenktag\" von hoher symbolischer und identit\u00e4tsstiftender Bedeutung. In der Vergangenheit fand die bundesweite zentrale Veranstaltung im brandenburgischen Halbe statt. Seit dem Verbot der Veranstaltung im Jahr 2006 beschr\u00e4nkt sich die rechtsextremistische Szene in Niedersachsen auf die Durchf\u00fchrung von Kranzniederlegungen und Gedenkminuten auf Soldatenfriedh\u00f6fen und an Kriegerdenkm\u00e4lern. Angeh\u00f6rige der Aktionsgruppe Gifhorn, der Partei Die Rechte Braunschweiger Land und des NPD-Unterbezirks Gifhorn-Wolfsburg versammelten sich an einem Ehrenmal im Landkreis Gifhorn, um einen Kranz niederzulegen. Auf dem mitgef\u00fchrten Transparent war zu lesen: \"Die Zeit heilt nicht alle Wunden, sie lehrt uns nur mit dem Unbegreiflichen zu leben.\" Weitere Kranzniederlegungen in kleinerem Rahmen f\u00fchrten Angeh\u00f6rige der neonazistischen Szene und der NPD in den Landkreisen Emsland, G\u00f6ttingen, Harburg und Heidekreis durch. Grablichter, Gestecke oder Gedichte wurden im Landkreis Hildesheim sowie im Bereich der Freien Kr\u00e4fte Ostfriesland niedergelegt. 2.6.7.6 Kampagne zur Freilassung von Erich Priebke F\u00fcr die ideologische R\u00fcckversicherung sowohl der subkulturell gepr\u00e4gten als auch der neonazistischen Szene sind des weiteren Zeitzeugen aus der \u00c4ra des historischen Nationalsozialismus von gro\u00dfer Bedeutung. Im Mittelpunkt steht die Bewahrung einer Erinnerungskultur, die in Zeitzeugenvortr\u00e4gen wie auch in Internetforen regelm\u00e4\u00dfig hochrangige ehemalige Repr\u00e4sentanten des NS-Regimes und ehemalige Angeh\u00f6rige der Wehrmacht zu Wort kommen l\u00e4sst. Zu den prominentesten Vertretern z\u00e4hlte Erich Priebke, der in Italien wegen seiner Beteiligung an Massenerschie\u00dfungen als NS-Kriegsverbrecher verurteilt und unter Hausarrest gestellt wurde. Am 11.10.2013 verstarb Priebke im Alter von 100 Jahren in Rom. Anl\u00e4sslich seines Todes wurden Beileidsbekundungen f\u00fcr \"einen der letzten Helden der deutschen Geschichte\" im Internet44 ver\u00f6ffentlicht. In Niedersachsen lie\u00dfen der Nationale Widerstand Unterelbe und der Nationale Widerstand Tostedt Todesanzeigen in Wochenbl\u00e4ttern drucken. Am Beispiel Priebkes relativiert der Nationale Widerstand Tostedt auf seiner Internetseite auch die individuelle Schuld von Kriegsverbrechen und verbindet dies mit antisemitisch konnotierten Verschw\u00f6rungstheorien: \"Das Schicksal wollte es, dass er durch einen 'F\u00fchrerbefehl' an der Vergeltungsaktion f\u00fcr einen feigen kommunistischen Anschlag, der 33 deutsche Soldaten und eine gro\u00dfe Zahl unbeteiligter italienischer Zivilisten t\u00f6tete, teilnehmen musste. ... J\u00fcdische Organisationen, die seit Jahrzehnten jeden kleinen Gefreiten mit biblischer Rachsucht ausgraben, um ihn vor Gericht zu zerren, damit die Propagandakampagnen gegen unser Vaterland nicht ins Stocken geraten, hatten auch Priebke im Visier.\" (Internetseite des Nationalen Widerstands Tostedt, Ausdruck vom 22.11.2013) Vorausgegangen war eine bundesweite Solidarit\u00e4tskampagne aus Anlass des 100. Geburtstages von Priebke am 29.07.2013, an der sich aus Niedersachsen Angeh\u00f6rige des AB 38 beteiligten. Beim international bedeutenden ISD-Memorial-Konzert zum 20. Todestag des Gr\u00fcnders von Blood & Honour, Ian Stuart DONALDSON, am 20./21.09.2013 in Nottingham (GB) lie\u00dfen sie sich mit dem Banner \"Lasst Erich Priebke frei\" ablichten. Die gleiche Aktion 44 Twitter-Account der AG Nordheide, Ausdruck vom 12.10.2013. 55","wurde gemeinsam mit Angeh\u00f6rigen der NPD-Unterbezirke Gifhorn-Wolfsburg und Helmstedt am ehemaligen Grenz\u00fcbergang Helmstedt-Marienborn wiederholt. Die Solidarit\u00e4t zeigte sich besonders deutlich am 03.08.2013 in Bad Nenndorf, wo Teilnehmer an der Spitze des Demonstrationszuges mit einem Transparent die Freiheit f\u00fcr Erich Priebke forderten. 2.7 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) Bund Niedersachsen Sitz Berlin Oldenburg Vorsitzende Holger APFEL Manfred B\u00d6RM (bis zum 12.12.2013) (kommissarisch bis zum 09.03.2013) Udo Past\u00f6rs Ulrich Eigenfeld (seit 10.01. 2014) (seit dem 10.03.2013) Mitglieder 2012: 6.000 2012: 470 2013: 5.500 2013: 450 Publikationen Deutsche Stimme - 2.7.1 Geschichte und Entwicklung Die NPD wurde am 28.11.1964 in Hannover als \"Sammlung des nationalen Lagers\" gegr\u00fcndet. Es handelte sich um eine Fusion der Deutschen Reichspartei (DRP) mit kleineren rechtsextremistischen Organisationen. Die DRP als zum damaligen Zeitpunkt gr\u00f6\u00dfte rechtsextremistische Partei stand in der Tradition der 1952 verbotenen Sozialistischen Reichspartei (SRP). In den Jahren 1966 bis 1972 war die NPD in sieben von zehn Landesparlamenten vertreten, darunter auch im Nieders\u00e4chsischen Landtag. Der mit 4,3 Prozent der Stimmen verpasste Einzug in den Bundestag bei der Wahl von 1969 leitete eine Phase des Niedergangs ein. Im Jahr 1995, das den Tiefpunkt dieser Entwicklung markierte, geh\u00f6rten der in sich zerstrittenen Partei bundesweit nur noch 2.800 Mitglieder an, ein Zehntel des Mitgliederstands von 1969. Der Negativtrend kehrte sich 1996 mit der Wahl des bayerischen Landesvorsitzenden Udo VOIGT zum Bundesvorsitzenden der NPD um. VOIGT reagierte auf den Strukturwandel des Rechtsextremismus und \u00f6ffnete die \u00fcberalterte, programmatisch auf revisionistische Themen verengte NPD mit der 1996 formulierten \"Drei-S\u00e4ulen-Strategie\" - \"Kampf um die Parlamente\", \"Kampf um die Stra\u00dfe\", \"Kampf um die K\u00f6pfe\" - f\u00fcr die neonazistischen Freien Nationalisten und f\u00fcr rechtsextremistische Skinheads. 2004 begann eine neue Phase der Zusammenarbeit mit den Freien Nationalisten, die in der Proklamation einer \"Volksfront von rechts\" und der Aufnahme f\u00fchrender Neonazis in den Bundesvorstand der NPD ihren Ausdruck fand. In ihrem Bem\u00fchen, das gesamte rechtsextremistische Spektrum hinter sich zu sammeln, propagierte die NPD auf dem Parteitag von 2004 den \"Kampf um den organisier56","ten Willen\" und erg\u00e4nzte damit ihre \"Drei-S\u00e4ulen-Strategie\". Ende des Jahres 2010 fusionierte die NPD mit der DVU, deren Restbest\u00e4nde sich Mitte 2012 aufl\u00f6sten. Die Strategie der NPD, sich zun\u00e4chst in den neuen Bundesl\u00e4ndern zu verankern, erwies sich erstmals 2004 bei der s\u00e4chsischen Landtagswahl als erfolgreich. Der Partei gelang es, mit 9,2 Prozent der Stimmen in den Landtag einzuziehen. 2009 schaffte sie trotz erheblicher Stimmenverluste den Wiedereinzug in das Landesparlament. Seit 2006 ist die NPD au\u00dferdem im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern vertreten. Die beiden Landtagsfraktionen bilden die Basis f\u00fcr die strategische Ausrichtung und die Professionalisierung der Gesamtpartei. Bundesweit h\u00e4lt die Partei rund 330 kommunale Mandate, davon 15 in Niedersachsen. 75 Prozent der Kommunalmandate entfallen auf die neuen Bundesl\u00e4nder. 2.7.2 Organisation, Mitgliederentwicklung und Finanzen Der seit 2008 zu registrierende Mitgliederverlust hielt auch im Jahre 2013 an. Zum Ende des Jahres geh\u00f6rten der in 16 Landesverb\u00e4nde untergliederten Partei noch 5.500 Mitglieder an. Die Frauenorganisation der NPD, Ring Nationaler Frauen (RNF), umfasst etwa 150 Mitglieder. Ausschlaggebend f\u00fcr die Austritte war in erster Linie die Ablehnung des vom ehemaligen Bundesvorsitzenden APFEL verfolgten Kurses der \"seri\u00f6sen Radikalit\u00e4t\"45. So verlie\u00dfen z. B. viele Mitglieder in Rheinland-Pfalz die NPD und gr\u00fcndeten eine neue Partei mit der Bezeichnung \"Der III. Weg\". Vereinzelt traten ehemalige NPD-Mitglieder auch der Partei Die Rechte bei. Aus Opposition zum Kurs von APFEL organisierten sich au\u00dferdem so genannte \"Freundeskreise Udo Voigt\", die sich f\u00fcr die R\u00fcckkehr des ehemaligen Vorsitzenden an die Parteispitze einsetzten. In finanzieller Hinsicht ist die Existenz der NPD trotz erheblicher Probleme nicht gef\u00e4hrdet. F\u00fcr eine R\u00fcckzahlungsverpflichtung in H\u00f6he von etwa 1,27 Millionen Euro aufgrund eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts46 hatte die Partei entsprechende R\u00fccklagen bilden k\u00f6nnen. Eine Verrechnung der Abschlagszahlungen aus der staatlichen Parteienfinanzierung mit der R\u00fcckzahlungsverpflichtung konnte die NPD im Hinblick auf die stattfindenden Bundestagswahlen verhindern. Somit wurden ihr zwei Abschlagszahlungen in H\u00f6he von je 303.000 Euro ausgezahlt. Wegen der angespannten Finanzlage allerdings wurden zum Ende des Jahres Mitarbeiter der Parteizentrale entlassen. Da die Einnahmen aus der staatlichen Parteienfinanzierung seit Jahren die gr\u00f6\u00dfte Einnahmequelle der Partei darstellen, ist das Wahljahr 2014 mit der Europawahl und den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Th\u00fcringen f\u00fcr die NPD von herausragender Bedeutung. 45 Auf dem Parteitag 2011 propagierte APFEL seine Strategie der \"seri\u00f6sen Radikalit\u00e4t\", mit der sich keine inhaltliche Neupositionierung der Partei verband, sondern lediglich der Versuch, den neonazistischen Kerngehalt der NPDProgrammatik n der Au\u00dfendarstellung mit rechtspopulistischen Formeln zu kaschieren. APFEL setzte sich gegen den ehemaligen Bundesvorsitzenden Udo VOIGT durch, der die ideologischen Grundlagen der Vergangenheit in den Mittelpunkt der Agitation stellen wollte. 46 Am 12.12.2012 verurteilte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig die NPD zu einer Strafe in H\u00f6he von rund 1,27 Millionen Euro. Damit wurde die urspr\u00fcnglich von der Bundestagsverwaltung geforderte Strafzahlung von 2,5 Millionen Euro wegen eines fehlerhaften Rechenschaftsberichts f\u00fcr das Jahr 2007 um etwa die H\u00e4lfte reduziert. 57","2.7.3 Programmatik Die NPD propagiert offen und aggressiv fremdenfeindliche, rassistische und antisemitische Positionen. Ihre von v\u00f6lkisch-rassistischen Vorstellungen geleitete Programmatik weist eine ideologische und sprachliche N\u00e4he zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) auf. Aus ihrem Parteiprogramm und den Ver\u00f6ffentlichungen ihrer Funktionstr\u00e4ger ist zu schlie\u00dfen, dass sie die bestehende politische und gesellschaftliche Ordnung durch eine ethnisch homogene Volksgemeinschaft ersetzen will. Das 2010 verabschiedete Parteiprogramm \"Arbeit - Familie - Vaterland\" f\u00fchrt hierzu aus: \"Die W\u00fcrde des Menschen als soziales Wesen verwirklicht sich vor allem in der Volksgemeinschaft. Erst die Volksgemeinschaft garantiert die pers\u00f6nliche Freiheit, diese endet dort, wo die Gemeinschaft Schaden nimmt\". (Auszug aus dem Parteiprogramm, Abschnitt \"Grundgedanken - Der soziale Nationalstaat\", Seite 6) Die Zugeh\u00f6rigkeit zu dieser Volksgemeinschaft wiederum unterliegt v\u00f6lkisch-biologischen Vorstellungen: \"Deutscher ist, wer deutscher Herkunft ist und damit in die ethnischkulturelle Gemeinschaft des deutschen Volkes hineingeboren wurde. ... Ein Afrikaner, Asiate oder Orientale wird nie Deutscher werden k\u00f6nnen, weil die Verleihung bedruckten Papiers (des BRD-Passes) ja nicht die biologischen Erbanlagen ver\u00e4ndert, die f\u00fcr die Auspr\u00e4gung k\u00f6rperlicher, geistiger und seelischer Merkmale von Einzelmenschen und V\u00f6lkern verantwortlich sind.\" (Internetseite der NPD, Ausdruck vom 26.03.2013) Auch die wirtschaftspolitischen Vorstellungen basieren auf dem Volksgemeinschaftsgedanken. Der \"liberal-kapitalistischen Wirtschaftsordnung\" stellt die Partei die \"Solidargemeinschaft aller Deutschen\" entgegen, die sich am \"heimischen Lebensraum\" orientieren solle.47 Ganz in diesem Sinne sind die tagespolitischen Forderungen der NPD auf die Exklusion von Einwanderern aus der \"Solidargemeinschaft aller Deutschen\" ausgerichtet: \"Ausl\u00e4nder sind aus den deutschen Sozialversicherungen auszugliedern und einer gesonderten Ausl\u00e4ndersozialgesetzgebung zuzuordnen. In ihrer Ausgestaltung von Pflichten und Anspr\u00fcchen hat sie auch dem R\u00fcckf\u00fchrungsgedanken Rechnung zu tragen.\" (Parteiprogramm der NPD, Seite 11) Mit einem 2009 entwickelten \"F\u00fcnf-Punkte-Plan\" strebt die Partei die \"R\u00fcckf\u00fchrung aller Ausl\u00e4nder\" an, was eine Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland nach sich ziehen w\u00fcrde. Der damalige stellvertretende und heutige Bundesvorsitzende, Udo PAST\u00d6RS, spitzte dies in aggressiver Weise in einer Rede am 19.03.2011 in G\u00fcnzburg (Bayern) noch einmal zu: \"Das Menschenrecht besteht aber auch aus dem Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker 47 Vgl. NPD-Parteiprogramm: Die raumorientierte Volkswirtschaft als wirtschaftspolitische Alternative, Seite 9. 58","und wenn wir selbstbestimmt sagen, Europa ist das Land der wei\u00dfen Rasse und es soll es auch bleiben, dann haben wir auch ein Recht darauf, dass notfalls mit milit\u00e4rischer Gewalt sicherzustellen.\" Zur Strategie der Partei geh\u00f6rt es, die in der Bev\u00f6lkerung vorhandenen \u00c4ngste bewusst zu sch\u00fcren, um so an ein breites gesellschaftliches Spektrum anschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. So werden Ausl\u00e4nder, insbesondere Muslime, generell als gewaltt\u00e4tig bezeichnet und f\u00fcr soziale Probleme verantwortlich gemacht. Dabei setzt die NPD bewusst die Begriffe Islam, Islamismus und islamistischer Terrorismus gleich. Die Herstellung einer Volksgemeinschaft ist mit einer parlamentarischen Demokratie nicht vereinbar. F\u00fchrende Parteifunktion\u00e4re haben dies wiederholt zum Ausdruck gebracht. So erkl\u00e4rte der ehemalige Bundesvorsitzende APFEL nach seiner Wahl im November 2011 auf einer Saalveranstaltung der JN in Kirchheim (Th\u00fcringen) unumwunden: \"Und ich denke, wir k\u00f6nnen ohne Umschweife sagen, dass die Politiker l\u00e4ngst nur noch willf\u00e4hrige Erf\u00fcllungsgehilfen, willf\u00e4hrige Marionetten des Finanzkapitals sind. Und eben deshalb stellen wir fest, das liberal-kapitalistische System hat keine Fehler, es ist der Fehler, und eben deshalb liebe Freunde, muss es \u00fcberwunden werden.\" Ebenso deutlich \u00e4u\u00dferte sich PAST\u00d6RS in seiner bereits zitierten Rede in G\u00fcnzburg am 19.03.2011: \"Das was vor uns liegt, ist die Reststrecke eines korrupten Systems, was beseitigt geh\u00f6rt, weil es den Volkserhalt gef\u00e4hrdet, liebe Freunde.\" Diese exemplarischen Aussagen belegen, dass die NPD gegen\u00fcber der freiheitlichen demokratischen Grundordnung eine aktiv-k\u00e4mpferische und aggressive Haltung einnimmt. Indizien hierf\u00fcr sind dar\u00fcber hinaus ein erh\u00f6htes Straftatenaufkommen f\u00fchrender Parteifunktion\u00e4re sowie personelle \u00dcberschneidungen mit der Neonaziszene. Die Wesensverwandtschaft der NPD mit dem historischen Nationalsozialismus l\u00e4sst sich nicht nur aufgrund der ideologischen Schnittmengen mit der Programmatik der NSDAP belegen, sie wird immer wieder auch in \u00f6ffentlichen Bekenntnissen zu f\u00fchrenden Repr\u00e4sentanten des NS-Regimes zum Ausdruck gebracht. So zitierte die Berliner Vorsitzende des Rings Nationaler Frauen (RNF) in ihrem Redebeitrag auf der NPD-Demonstration am 01.05.2013 in Berlin aus einer Rede von Josef Goebbels: \"Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter! Bekr\u00e4nzt eure H\u00e4user und die Stra\u00dfen der St\u00e4dte und D\u00f6rfer mit frischem Gr\u00fcn. Deutsche aller St\u00e4nde, St\u00e4mme und Berufe reicht euch die H\u00e4nde! Geschlossen marschieren wir in die neue Zeit hinein.\" 48 48 Goebbels Rede am 01.05.1933 stand im Kontext der Umdeutung des 1. Mai zum \"Tag der nationalen Arbeit\" und ging der Zerschlagung der Gewerkschaften im Zuge der Gleichschaltung voraus. 59","Der stellvertretende Landesvorsitzende der NPD in Hamburg, Thomas WULFF 49, beendete seine Kritik an dem ehemaligen Bundesvorsitzenden APFEL anl\u00e4sslich des Bundesparteitages 2013 mit verherrlichenden Aussagen \u00fcber Adolf Hitler: \"M\u00f6ge dieser Parteitag am Wochenende des 20. April dem einen oder anderen Delegierten blitzartig ins Ged\u00e4chtnis rufen, wozu der gr\u00f6\u00dfte Sohn unseres Volkes - auch ohne Anfangs gro\u00dfe Mittel zur Verf\u00fcgung zu haben - in der Lage war. Es gelang ihm, weil er, unter Einsatz seiner ganzen Person, vollkommen selbstlos handelnd, unbestechlich und zu jedem pers\u00f6nlichem Opfer bereit, die Verk\u00f6rperung der Hoffnung von Millionen selbst wurde! - und dies nie verraten hat...\" (Thomas WULFF: \"NPD am Boden - Eine Partei zerst\u00f6rt sich selbst!\", ver\u00f6ffentlicht in einem rechtsextremistischen Nachrichtenportal im Internet) 2.7.4 Innerparteiliche Entwicklung und Strategie Am 19.12.2013 erkl\u00e4rte der Bundesvorsitzende APFEL seinen R\u00fccktritt und legte gleichzeitig auch den Fraktionsvorsitz der s\u00e4chsischen NPD-Landtagsfraktion nieder. Als Begr\u00fcndung f\u00fchrte er an, dass ihm \"die innerparteilichen Grabenk\u00e4mpfe zu schaffen\" gemacht h\u00e4tten. Hinzu seien ehrverletzende Verleumdungen gekommen. Am 24.12.2013 trat APFEL aus der NPD aus. Sein Landtagsmandat legte er am 17.01.2014 nieder. Der NPD-Bundesvorstand beauftragte am 10.01.2014 den stellvertretenden Bundesvorsitzenden PAST\u00d6RS mit der F\u00fchrung der Partei. PAST\u00d6RS hat sich in der Partei bislang als Verfechter eines radikalen Kurses und einer intensiven Zusammenarbeit mit der neonazistischen Szene profiliert. Bereits kurz nach Amtsantritt \u00e4u\u00dferte er in seiner Er\u00f6ffnungsrede auf dem NPD-Bundesparteitag zur Europawahl am 18.01.2014 in Kirchheim (Th\u00fcringen) die Absicht, \"mit den freien Strukturen zu einer verbindlich geregelten Zusammenarbeit zu kommen\". Wie sich bei der anschlie\u00dfenden Wahl des Spitzenkandidaten zur Europawahl erwies, ist seine Position jedoch noch nicht gefestigt. PAST\u00d6RS unterlag bei der Abstimmung seinem Rivalen, dem ehemaligen Bundesvorsitzenden Udo VOIGT. Als politische Richtungsentscheidung indes ist VOIGTs Wahl nicht zu bewerten, dazu unterscheiden sich die beiden f\u00fchrenden NPD-Funktion\u00e4re in ihrer ideologischen und politischen Grundausrichtung zu wenig. Auf die Listenpl\u00e4tze 2 und 3 w\u00e4hlten die Delegierten den parlamentarischen Berater der s\u00e4chsischen NPD-Fraktion, Olaf ROSE, und den NPD-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Jens P\u00dcHSE. Die Vorsitzende des Unterbezirks Hannover, Christina KRIEGER, wurde auf Platz 7 der Liste gew\u00e4hlt. Noch im April hatten die Delegierten APFEL auf dem 34. ordentlichen Bundesparteitag in Weinheim (Baden-W\u00fcrttemberg) erneut zum Vorsitzenden gew\u00e4hlt. Sein Herausforderer, der stellvertretende Berliner Landesvorsitzende Uwe MEENEN, f\u00fcr den VOIGT eine Wahlempfehlung ausgesprochen hatte, unterlag mit nur 37 Stimmen deutlich. VOIGT hatte seine angek\u00fcndigte Wahlkandidatur kurzfristig zur\u00fcckgezogen. 49 Auf seiner Antrittsrede zum Vorsitzenden der NPD in Hamburg im M\u00e4rz 2014 bezeichnete er sich als Nationalsozialist. Er wurde daraufhin vom NPD-Bundesvorstand mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. 60","Ebenfalls in ihren \u00c4mtern best\u00e4tigt wurden die stellvertretenden Bundesvorsitzenden PAST\u00d6RS (Mecklenburg-Vorpommern), Karl RICHTER (Bayern) und Frank SCHWERDT (Th\u00fcringen). Nahezu unver\u00e4ndert blieb der Bundesvorstand auch nach der Wiederwahl der Beisitzer. Der Parteitag hatte damit der von APFEL propagierten Strategie der \"seri\u00f6sen Radikalit\u00e4t\" zugestimmt, obwohl diese aufgrund r\u00fcckl\u00e4ufiger Mitgliederzahlen und negativer Wahlergebnisse als gescheitert angesehen werden musste. Die Bruchlinien innerhalb der NPD aber waren bereits un\u00fcbersehbar. Insbesondere die neonazistisch gepr\u00e4gten Landesverb\u00e4nde Berlin, Rheinland-Pfalz und Th\u00fcringen standen in Opposition zum Kurs des Bundesvorsitzenden. So w\u00e4hlte die NPD in Berlin und Th\u00fcringen fast ausschlie\u00dflich Rechtsextremisten mit einem neonazistischen Vorlauf auf die ersten Pl\u00e4tze ihrer Landesliste f\u00fcr die Bundestagswahlen. Die Durchsetzung ihrer Ziele verfolgt die NPD unver\u00e4ndert \u00fcber die 1996 entwickelte \"DreiS\u00e4ulen-Strategie\". Im Selbstverst\u00e4ndnis der NPD haben die drei S\u00e4ulen nicht den gleichen Rang. Die NPD ist aus \u00dcberzeugung bewegungsorientiert (\"Kampf um die Stra\u00dfe\"); ihr Verh\u00e4ltnis zum Parlamentarismus aber ist ein rein taktisches. Parlamente sind f\u00fcr die System ablehnende Partei Orte der Agitation und keine St\u00e4tten sachpolitischer Arbeit. Sie erm\u00f6glichen den Mandatstr\u00e4gern der NPD, \u00f6ffentlichkeitswirksam im Sinne der dritten S\u00e4ule \"Kampf um die K\u00f6pfe\" zu wirken. Der \"Kampf um die K\u00f6pfe\" beinhaltet neben der Schulung der Parteimitglieder auch den Kampf um die Deutungshoheit politischer Begriffe (kulturelle Hegemonie). F\u00fcr diesen Zweck verbreitet die NPD zielgruppenspezifische Propagandamaterialien. Im Mittelpunkt ihrer Agitation stehen Jugendliche, die sie mit so genannten Schulhof-CDs und Jugendzeitschriften anzusprechen versucht. Die politischen Kampagnen der NPD haben gezeigt, dass die Partei sich zumindest im Osten Deutschlands auf aktuelle Entwicklungen schnell einzustellen versteht. So reagierte sie auf die Hochwasserkatastrophe mit einer Spendenaktion und einem Aufruf zu nationaler Solidarit\u00e4t; ausgeklammert blieben dem ideologischen Selbstverst\u00e4ndnis gem\u00e4\u00df \"Ausl\u00e4nder\" und \"Migranten\". Ein beherrschendes Kampagnenfeld war lange Zeit die Agitation gegen den Euro und damit gegen den europ\u00e4ischen Einigungsprozess. Als die NPD mit diesem Kampagnenfeld gegen\u00fcber konkurrierenden Parteien ins Hintertreffen zu geraten drohte, widmete sie sich prim\u00e4r dem Kampagnenfeld Asyl. Der Erfolg, den die NPD mit der Agitation gegen Asylbewerber in Berlin-Hellersdorf und im s\u00e4chsischen Schneeberg erzielte, wo sie bei drei Demonstrationen jeweils zwischen 1.500 und 1.800 Teilnehmer bis weit ins b\u00fcrgerliche Lager hinein mobilisierte, best\u00e4rkte die Partei in dieser Ausrichtung. Weitere dezentrale Demonstrationen im Rahmen des \"Kampf um die Stra\u00dfe\" f\u00fchrt die NPD j\u00e4hrlich zum 1. Mai durch. Zu der Kundgebung in Berlin unter dem Motto \"Genug gezahlt! - Wir sind keine Melkkuh Europas\" erschienen rund 450 Anh\u00e4nger. Eine Demonstration des hessischen NPD-Landesverbandes in Frankfurt konnte aufgrund der zahlreichen Gegendemonstranten nicht durchgef\u00fchrt werden. An der anschlie\u00dfenden Spontankundgebung in Hanau beteiligten sich etwa 150 Rechtsextremisten. Im Vergleich zum Vorjahr konnte die NPD mit rund 600 Rechtsextremisten bei ihren Aufm\u00e4rschen zum 1. Mai damit nur ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der Anh\u00e4nger mobilisieren. 61","Beim \"Kampf um die Parlamente\", bei dem sich die NPD als \"K\u00fcmmererpartei\" profilieren will, konnte die Partei auch 2013 keine nennenswerten Erfolge erzielen. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen am 20.01.2013 verlor sie gegen\u00fcber der Wahl 2008 0,7 Prozent und verzeichnete mit 0,8 Prozent (29.449 Zweitstimmen) eines ihrer schlechtesten Ergebnisse. Auch bei der Landtagswahl in Bayern am 15.09.2013 verfehlte die NPD mit nur 0,6 Prozent der Stimmen die f\u00fcr sie wichtige Wahlkampfkostenerstattung. In Hessen hingegen gelang es der Partei am 22.09.2013, die Ein-Prozent-H\u00fcrde zu \u00fcberwinden. Bei der ebenfalls am 22.09.2013 durchgef\u00fchrten Bundestagswahl musste die NPD im Vergleich zur Wahl 2009 leichte Verluste hinnehmen. Sie erhielt 560.828 Stimmen (1,3 Prozent) und verlor damit gegen\u00fcber der Wahl 2009 74.697 Stimmen. Die meisten W\u00e4hler gaben der Partei in Sachsen (3,3 Prozent) und Th\u00fcringen (3,2 Prozent) ihre Stimmen. Die schlechtesten Landeswahlergebnisse wurden in Niedersachsen (0,8 Prozent), Schleswig-Holstein (0,7 Prozent) und Hamburg (0,6 Prozent) erzielt. Den Schwerpunkt des Bundestagwahlkampfes bildete die vom 12.08. bis 21.09.2013 durchgef\u00fchrte \"Deutschlandfahrt\", die in rund 100 St\u00e4dten unter dem Motto \"Asylflut und Eurowahn stoppen - NPD in den Bundestag\" Station machte. In Niedersachsen fanden Kundgebungen in Braunschweig, Hannover, Hildesheim, L\u00fcneburg, Oldenburg und Osnabr\u00fcck statt, die aber nur von wenigen NPD-Anh\u00e4ngern besucht wurden. F\u00fcr die Partei bemisst sich der Erfolg dieser \"Deutschlandfahrt\" aber nicht an der Anzahl der vor Ort mobilisierten Teilnehmer, sondern an der erzeugten \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit. Entsprechend der \"seri\u00f6sen Radikalit\u00e4t\" hatte die Bundespartei in ihrem Wahlprogramm unter dem unmissverst\u00e4ndlichen Titel \"Nat\u00fcrlich Deutsch\" weitgehend auf aggressive und klassisch rechtsextremistische Formulierungen verzichtet und die Themen Soziales und Finanzen in den Mittelpunkt ger\u00fcckt. Die Angeh\u00f6rigen der rechtsextremistischen Subkultur versucht die NPD durch Auftritte von szeneeigenen Bands und Liedermachern bei Parteiveranstaltungen zu erreichen. Am 08.06.2013 organisierten der NPD-Kreisverband Vogtland und die JN Sachsen den 4. JNSachsentag, an dem rund 700 Personen teilnahmen. Musikalische Darbietungen erfolgten von den Bands \"Sachsenblut\", \"Act of Violence\", \"Burn Down\" und der rechtsextremistischen Kultband \"Die Lunikoff-Verschw\u00f6rung\". An Infotischen konnten die Teilnehmer ein \"Solidarit\u00e4ts-T-Hemd\" und \"Erich Priebke-Wein\" erwerben. Als Redner traten u. a. der damalige Bundesvorsitzende APFEL und der Berliner Landesvorsitzende Sebastian SCHMIDTKE auf. An der vom NPD-Kreisverband Gera (Th\u00fcringen) durchgef\u00fchrten Veranstaltung \"Rock f\u00fcr Deutschland\" am 06.07.2013 in Gera nahmen ebenfalls rund 700 Personen teil. Das Verh\u00e4ltnis der NPD zur neonazistischen Szene ist ambivalent und variiert von Landesverband zu Landesverband. In Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sind Szeneangeh\u00f6rige die entscheidenden Tr\u00e4ger des jeweiligen Landesverbandes. So sprach der Berliner Landesvorsitzende SCHMIDTKE zu den Teilnehmern des von der neonazistischen Szene ausgerichteten \"Tages der deutschen Zukunft\" am 01.06.2013 in Wolfsburg. Auch im nieders\u00e4chsischen Landesverband sind Neonazis vertreten, spielen aber keine vergleichbar dominierende Rolle. Am 09.12.2011 entschied die St\u00e4ndige Konferenz der Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder (IMK), die M\u00f6glichkeit eines NPD-Verbotsverfahrens nach Art. 21 Abs. 2 des Grundgeset62","zes zu pr\u00fcfen. Eine gemeinsam von Bund und L\u00e4ndern eingesetzte Arbeitsgruppe sollte die Erfolgsaussichten eines Verbotes er\u00f6rtern. Der Bericht der Arbeitsgruppe veranlasste die Landesinnenminister auf ihrer Sitzung am 22.03.2012 dazu, die notwendigen Schritte f\u00fcr ein Verbotsverfahren einzuleiten. Im R\u00fcckblick auf das gescheiterte Verbotsverfahren im Jahre 2003 wurden daf\u00fcr alle Quellen in den F\u00fchrungsebenen der Partei abgeschaltet. 50 Auf der Grundlage der durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gesammelten Materialien entschieden sich die Innenminister der L\u00e4nder am 05.12.2012 f\u00fcr einen erneuten Verbotsantrag. Am 14.12.2012 fasste daraufhin der Bundesrat den Beschluss, das Parteiverbotsverfahren anzustrengen. Nach Abschluss der Materialsammlung reichte der Bundesrat am 03.12.2013 den Antrag auf Verbot der NPD beim Bundesverfassungsgericht ein. Die NPD selbst hatte zuvor im November 2012 mit einer Organklage vor dem Bundesverfassungsgericht versucht, ihre \"Verfassungskonformit\u00e4t\" feststellen zu lassen. Die Klage war jedoch vom Gericht abgelehnt worden. 2.7.5 Nieders\u00e4chsischer Landesverband der NPD Der seit Jahren anhaltende Niedergang der nieders\u00e4chsischen NPD setzte sich auch im Jahr 2013 fort. Infolge der jahrelangen Inaktivit\u00e4t wurden der Unterbezirk Mittelweser und der Kreisverband Osterode aufgel\u00f6st. Der nieders\u00e4chsische Landesverband verf\u00fcgt somit nur noch \u00fcber elf Unterbezirke und einen Kreisverband. Dem Unterbezirk Hannover geh\u00f6ren als kleinste Untergliederung noch die St\u00fctzpunkte Barsinghausen/Wunstorf und Laatzen an. Die Zahl der Mitglieder des Landesverbandes verringerte sich auf etwa 450. Am 10.03.2013 f\u00fchrte die Partei ihren Landesparteitag im Landkreis Goslar durch. Da sich der alte Landesvorstand aufgrund parteiinterner Querelen und des schlechten Wahlergebnisses bei der Landtagswahl am 20.01.2013 nicht mehr zu Verf\u00fcgung stellte, musste ein neuer Landesvorstand gew\u00e4hlt werden. Die Delegierten bestimmten den fr\u00fcheren Vorsitzenden, Ulrich EIGENFELD51, erneut zum Landesvorsitzenden. Als Stellvertreter wurden Michael KNOBLOCH (UB Gifhorn/Wolfsburg) und Brigitte KALLWEIT, Landesvorsitzende des Rings Nationaler Frauen (RNF) Niedersachsen, gew\u00e4hlt. Beisitzer sind Dennis DORMUTH (UB Oldenburg), Matthias RIES (UB Osnabr\u00fcck), Friedrich PREU\u00df (UB Braunschweig), Ingo HELGE (UB Heide-Wendland) Christina KRIEGER (UB Hannover), Peter S\u00dcSSBIER (UB Gifhorn/Wolfsburg) und Carin HOLLACK (UB Hannover). Im Anschluss w\u00e4hlte der Landesverband Ulrich EIGENFELD, Marco BORRMANN und Brigitte KALLWEIT auf die ersten Pl\u00e4tze seiner Liste f\u00fcr die Bundestagswahl. Der Landesverband schloss sich mit dieser Wahl der vom ehemaligen Bundesvorsitzenden APFEL propagierten \"seri\u00f6sen Radikalit\u00e4t\" an. Eine Zusammenarbeit mit der neonazistischen Szene, insbesondere im Hinblick auf den \"Kampf um die Stra\u00dfe\", bleibt somit vorerst unwahrscheinlich. Programmatisch setzte der Landesverband keine eigenen Akzente. Im Wahlkampf \u00fcbernahm er die von der Bundespartei vorgegebenen Themen. 50 Das Bundesverfassungsgericht hatte am 18.03.2003 das Verbotsverfahren aus Verfahrensgr\u00fcnden eingestellt. 51 EIGENFELD geh\u00f6rt dem national-konservativen Fl\u00fcgel der Partei an, der sich gegen eine Zusammenarbeit mit der Neonaziszene ausspricht. Von 1996 bis Mai 2009 hatte er bereits den Landesverband angef\u00fchrt. 63","Die Aktivit\u00e4ten der meisten Unterbezirke beschr\u00e4nkten sich auf regelm\u00e4\u00dfige Mitgliederversammlungen und Stammtische. Prominente Rechtsextremisten hielten bei diesen Veranstaltungen zeitweilig Gastvortr\u00e4ge, wie z. B. das NPD-Mitglied aus Sachsen-Anhalt Hans P\u00dcSCHEL am 07.06.2013 beim Unterbezirk Osnabr\u00fcck oder der ehemalige Bundesvorsitzende VOIGT am 13.12.2013 im UB Heide-Wendland. Der Unterbezirk Osnabr\u00fcck versuchte in der Zeit des Bundestagswahlkampfes, erfolglos durch ein \"Immobilienscheingesch\u00e4ft\" in Bad Bergen auf sich aufmerksam zu machen. Unter der Leitung des Pressesprechers DORMUTH baute die nieders\u00e4chsische NPD ihre Internetaktivit\u00e4ten aus. Die einzelnen Unterbezirke erstellen in der Regel keine eigenen Beitr\u00e4ge, sondern \u00fcbernehmen die Berichte des Landesverbandes. Dem neuen Landesvorstand gelang es nicht, die strukturellen und personellen Defizite des Landesverbandes zu beheben. So fanden Veranstaltungen wie eine Rhetorikschulung im Juli 2013 und ein Wahlkongress im August 2013 nur wenig Resonanz in den Parteiuntergliederungen. Auch an den durchgef\u00fchrten Kundgebungen oder Mahnwachen beteiligten sich nur wenige Mitglieder. An einer Kundgebung des Unterbezirks Hannover unter dem Motto \"Asylflut stoppen\" am 11.09.2013 in Hannover nahmen lediglich sieben Personen teil. Zu einer NPD-Kundgebung anl\u00e4sslich der Innenministerkonferenz am 06.12.2013 in Osnabr\u00fcck fanden sich aus den Landesverb\u00e4nden Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nur 20 Rechtsextremisten ein. Der Landesvorsitzende EIGENFELD bekannte auf einer erweiterten Landesvorstandsitzung im November 2013: \"Es ist f\u00fcr uns ganz wichtig auch ganz schonungslos Bestand aufzunehmen \u00fcber die Dinge, die bei uns im Landesverband als M\u00e4ngel da sind.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der NPD Niedersachsen, Ausdruck vom 09.12.2013) Als k\u00fcnftige Schwerpunkte benannte er f\u00fcr den Landesverband die \"Mitgliederwerbung, die Verbesserung der Verb\u00e4nde, vern\u00fcnftige Bildungsarbeit, bessere Zusammenarbeit aller Verb\u00e4nde untereinander\". Darin l\u00e4gen die Aufgaben des Landesverbandes, die gerade aus den M\u00e4ngeln der Vergangenheit wahrgenommen werden m\u00fcssten. Die Passivit\u00e4t ganzer Unterbezirke hatte schon die Sammlung der erforderlichen 2.000 Unterst\u00fctzungsunterschriften f\u00fcr den Antritt zur Landtagswahl im Januar 2013 erschwert. Nur durch den Einsatz von Wahlhelfern aus anderen Landesverb\u00e4nden konnte die Wahlteilnahme gesichert werden. \u00dcberdurchschnittliche Ergebnisse erzielte die Partei in Helmstedt (1,7 Prozent), Soltau (1,6 Prozent), Celle, Delmenhorst, Goslar, Osterode und Salzgitter (je 1,3 Prozent). Die wenigsten Stimmen bekam die NPD in Lingen (0,3 Prozent), Cloppenburg, Georgsmarienh\u00fctte, G\u00f6ttingen, Meppen und Osnabr\u00fcck-West (je 0,4 Prozent). Ihr erkl\u00e4rtes Ziel, Wahlkampfkostenerstattung zu erhalten, verfehlte die Partei mit 0,8 Prozent der abgegebenen Zweitstimmen. In der Endphase des Wahlkampfes vom 07. bis 19.01.2013 versuchte die Partei, mit einer so genannten \"Niedersachsentour\" noch einmal \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dazu f\u00fchrte sie in 21 St\u00e4dten insgesamt 23 Kurzkundgebungen unter dem Motto \"Raus aus 64","dem Euro - Wir wollen nicht Zahlmeister Europas sein\" durch. An den Kundgebungen, in deren Rahmen neben dem damaligen Bundesvorsitzenden APFEL auch der damalige stellvertretende Bundesvorsitzende PAST\u00d6RS als Gastredner auftrat, beteiligten sich im Durchschnitt etwa 20 Sympathisanten. Bei den Bundestagswahlen im September stimmten in Niedersachsen dem amtlichen Wahlergebnis nach 37.415 Wahlberechtigte (0,8 Prozent) mit ihrer Zweitstimme und 41.103 Wahlberechtigte (0,9 Prozent) mit ihrer Erststimme f\u00fcr die NPD. Damit verlor die Partei gegen\u00fcber der Bundestagswahl 2009 jeweils 0,4 Prozent der Stimmen. In sechs Wahlkreisen konnte die NPD die Ein-Prozent-Marke erreichen bzw. \u00fcberschreiten: Celle-Uelzen, Delmenhorst-Wesermarsch-Oldenburg-Land, Goslar-Northeim-Osterode, Heidekreis, HelmstedtWolfsburg, Rotenburg und Salzgitter-Wolfenb\u00fcttel. Das beste Wahlergebnis erzielte Friedrich PREU\u00df im Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg mit 2 Prozent der Erststimmen (und 1,4 Prozent der Zweitstimmen f\u00fcr die NPD). Die wenigsten Stimmen erhielt die Partei in den Wahlkreisen Mittelems, Stadt Hannover II und Stadt Osnabr\u00fcck. In den Wahlk\u00e4mpfen setzte die NPD thematisch auf die Ende 2011 initiierte Anti-EUbzw. Anti-Euro-Kampagne mit der Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der EU und der Wiedereinf\u00fchrung einer nationalen W\u00e4hrung. Dar\u00fcber hinaus versuchte die Partei, das Thema Asylmissbrauch von B\u00fcrgern aus s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Staaten durch fremdenund islamfeindliche Wahlwerbung f\u00fcr sich zu nutzen. Sie verbreitete Flugbl\u00e4tter mit Parolen wie \"Sicher leben - Asylflut stoppen\", \"Geld f\u00fcr die Oma statt f\u00fcr Sinti und Roma\", \"Maria statt Scharia\" oder \"Nat\u00fcrlich deutsch\". An den bundesweiten Aktionstagen im Rahmen des Bundestagswahlkampfes f\u00fchrten die NPD-Untergliederungen nur wenige Flugblattaktionen und vereinzelte Infotische, u. a. in Hildesheim und Oldenburg durch. Die geringen Stimmenanteile belegen den Bedeutungsverlust der nieders\u00e4chsischen NPD. Da in den vergangenen Jahren ein \"Generationswechsel\" nicht stattgefunden hat und mehrere Unterbezirke weiterhin von \u00e4lteren Parteifunktion\u00e4ren gef\u00fchrt werden, wird sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren vermutlich fortsetzen. 2.8 Junge Nationaldemokraten (JN) Bund Niedersachsen Sitz Riesa Vechta (Sachsen) Vorsitzende Andy KNAPE Christian FISCHER Mitglieder 2012: 350 2012: 20 2013: 380 2013: 20 65","Publikationen Der Aktivist - 2.8.1 Geschichte und Entwicklung Als der 1996 gew\u00e4hlte Parteivorsitzende Udo VOIGT damit begann, die \u00fcberalterte NPD strategisch neu auszurichten, hatten die 1969 gegr\u00fcndeten Jungen Nationaldemokraten (JN) die Funktion eines Bindeglieds zwischen NPD, rechtsextremistischen Kameradschaften und anderen Neonazis. Diese Rolle ging im Zuge des in den Jahren 2000 bis 2003 gegen die NPD angestrengten Verbotsverfahrens verloren, weil die aus Gr\u00fcnden der Prozessf\u00fchrung taktierende NPD, und damit auch die JN, f\u00fcr j\u00fcngere Neonazis an Attraktivit\u00e4t verlor. In der Folgezeit \u00fcbernahm die NPD selbst die Aufgabe, j\u00fcngere Rechtsextremisten f\u00fcr die Partei zu erschlie\u00dfen. Diese treten der NPD seither zumeist direkt ohne Umweg \u00fcber die JN bei. Die JN verstehen sich seitdem \"als ein Bindeglied zwischen der NPD und parteiunabh\u00e4ngigen Initiativen und Aktivisten\". Vor diesem Hintergrund sind auch die von den JN durchgef\u00fchrten Solidarisierungsaktionen mit \"politischen Gefangenen\" zu sehen. Mit der Aktion \"Eine Nachricht macht die Runde\", an der sich auch die JN Niedersachsen beteiligten, sollte \"auf die Missst\u00e4nde in diesem Unrechtsstaat aufmerksam\" gemacht werden. Angeh\u00f6rige des JN-Bundesvorstandes hielten am 24.04.2013 vor dem Landgericht in Koblenz beim Verfahren gegen Angeh\u00f6rige des neonazistischen \"Aktionsb\u00fcros Mittelrhein\" eine Mahnwache ab und st\u00f6rten anschlie\u00dfend die Gerichtsverhandlung. Um auch unpolitische Jugendliche anzusprechen, hatten die JN Ende 2012 eine so genannte Schulhof-CD erstellt, auf der die Frontstellung gegen\u00fcber \"dem System\" deutlich zum Ausdruck kommt: \"Wir erheben unsere Stimme und unsere F\u00e4uste gegen ein System, in dem unsere Zukunft schon l\u00e4ngst nicht mehr gesichert ist.\" (\"Ansprache an die Jugend\" des Bundesvorsitzenden Andy KNAPE auf der SchulhofCD \"Die Zukunft im Blick\")52 Ein Bekenntnis zum Volksgemeinschaftsgedanken legten die JN am 04.04.2013 auf ihrer Internetseite ab: \"Allein gestellt sind wir nichts - in der Gemeinschaft jedoch ist jeder alles. Gemeinschaftsgebunden sind wir bereits durch die Geburt. Wir kommen aus der Gemeinschaft der Familie und f\u00fchlen uns durch die Nation unser Leben lang der Gemeinschaft - der Volksgemeinschaft - verbunden.\" Dass sich dieses Volksgemeinschaftsideal gegen eine pluralistische Demokratie ausrichtet, beschreibt der JN-Schulungsleiter Pierre DORNBRACH in der JN-Publikation \"Der Aktivist\": \"Einem System, dass sich auf Mehrheitsentscheidungen st\u00fctzt, kann demnach auch keine Ewigkeitsgarantie ausgesprochen werden. ... Nun m\u00fcssen wir umso st\u00e4rker als genau die 'Anderen' hervortreten. Wir wollen doch schlie\u00dflich die sein, die einen Ge52 Die CD wurde am 07.03.2013 von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) indiziert. 66","gensatz zum derzeitigen Zustand ausmachen?! Dann m\u00fcssen wir auch mit aller Sch\u00e4rfe verdeutlichen, dass wir anders, aber zugleich v\u00f6lkisch, d. h. im Volke verankert sind.\" (\"Der Aktivist\", Ausgabe Nr. 2, 2012) Die Identifikation mit dem historischen Nationalsozialismus kommt bei den JN auch durch die Glorifizierung des ehemaligen Angeh\u00f6rigen der Waffen-SS, Erich Priebke, zum Ausdruck. F\u00fcr den als \"K\u00e4mpfer f\u00fcr Deutschland\" verehrten Priebke veranstalteten JN-Mitglieder anl\u00e4sslich seines Todes am 16.10.2013 eine Gedenkveranstaltung in Leipzig. Mit der Durchf\u00fchrung von so genannten Kaderwochenenden des Nationalen Bildungskreises (NBK) streben die JN die Ausbildung einer \"charakterlich und weltanschaulich geschulten Elite\" an. Im Berichtsjahr ver\u00f6ffentlichte der NBK einen \"Leitfaden Politische Grundbegriffe\" und eine Schriftreihe zu der im Jahr 2012 gestarteten Kampagne \"Volkstod aufhalten\". Am 13.04.2013 waren die JN Mitveranstalter des \"4. S\u00fcdwestdeutschen Kulturtages\", der vom Veranstaltungsverlauf her dem \"M\u00e4rkischen Kulturtag\" der verbotenen HDJ nachempfunden zu sein schien. Jedoch im Wissen darum, dass eine strikte v\u00f6lkische Ausrichtung eine Zusammenarbeit mit den Freien Nationalisten erschwert, starteten die JN Ende 2012 im sozialen Netzwerk Facebook die Kampagne \"Identit\u00e4t - Werde, wer Du bist\", f\u00fcr die u. a. der aus Vienenburg (Landkreis Goslar) stammende Patrick KALLWEIT53 mit ausgestreckter und wei\u00df bemalter Hand warb. Der ehemalige JN-Bundesvorsitzende Michael SCH\u00c4FER erkl\u00e4rte dazu: \"Ob nun als eigenst\u00e4ndige, starke Bewegung im gro\u00dfen vorpolitischen Raum, als T\u00fcr\u00f6ffner zu neuen Jugendbereichen oder als Durchlauferhitzer f\u00fcr die sich modernisierenden nationalistischen Gruppen. Alles ist besser als ein Verharren im Stillstand.\" (Internetseite der Aktion Widerstand am 02.01.2013) Zu dieser Kampagne z\u00e4hlte auch eine Aktion w\u00e4hrend des Bundestagswahlkampfs, als die JN mit zynischer Absicht Kondome \"f\u00fcr Ausl\u00e4nder und auserw\u00e4hlte Deutsche\" verschickte. 2.8.2 Entwicklung in Niedersachsen Nach jahrelanger Inaktivit\u00e4t der JN in Niedersachsen folgte im August 2009 die Reorganisation des Landesverbandes und die Gr\u00fcndung der St\u00fctzpunkte Delmenhorst, L\u00fcneburg und Osnabr\u00fcck. Der Ende 2009 gegr\u00fcndete St\u00fctzpunkt Achim/Verden l\u00f6ste sich im Laufe des Jahres 2010 wieder auf. Als JN-Landesvorsitzender fungiert Christian FISCHER, ein ehemaliger Angeh\u00f6riger der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend e. V. (HDJ), unter dem der Landesverband eine v\u00f6lkische Ausrichtung erf\u00e4hrt. In einer anl\u00e4sslich der Landtagswahl 2013 erstellten Zeitschrift f\u00fcr Jugendliche mit dem Namen \"Weckruf\" bekennen sich auch die JN Niedersachsen zur Volksgemeinschaft: \"Wir JN leben die Volksgemeinschaft, die wir in einer neuen Ordnung verwirklichen wollen, bereits heute in den eigenen Reihen vor. Wir wissen: Nationale Identit\u00e4t und nationale Solidarit\u00e4t sind die Pfeiler des sich erneuernden deutschen Volkes. Wir sind 53 KALLWEIT wurde am 27.10.2012 auf dem 39. JN-Bundeskongress in Th\u00fcringen in den Bundesvorstand gew\u00e4hlt. 67","die Vorhut eines neuen, auf der Solidargemeinschaft des Volkes begr\u00fcndeten Deutschlands.\" So standen auch die 2013 durchgef\u00fchrten Aktivit\u00e4ten des JN-Landesverbandes, u. a. das \"1. Nieders\u00e4chsische Seminar zu Weltanschauung, Kultur und Geschichte\" und das \"Erntedankfest\", im Zeichen von Volksgemeinschaft und Brauchtumspflege. Anh\u00e4nger des St\u00fctzpunktes Delmenhorst f\u00fchrten einige Flugblattaktionen in Achim und Delmenhorst durch. Ferner unterst\u00fctzen einige JN-Mitglieder den NPD-Landesverband im Landtagsund Bundestagswahlkampf. Der St\u00fctzpunkt L\u00fcneburg verteilte zur Zeit des Landtagswahlkampfes einige wenige Schulhof-CDs. 2.9 Die Rechte Bund Niedersachsen Sitz Parchim - (Mecklenburg-Vorpommern) Vorsitzende Christian WORCH Robert KLUG Mitglieder 2012: 150 2012: 30 2013: 500 2013: 35 Publikationen - - 2.9.1 Organisation und Entwicklung Die Partei Die Rechte wurde im Mai 2012 in Hamburg von Mitgliedern der ehemaligen DVU und dem langj\u00e4hrigen Neonazi Christian WORCH gegr\u00fcndet. Der Posten des Bundesvorsitzenden ging dabei an WORCH. Als stellvertretende Vorsitzende wurde die ehemalige Landesvorsitzende der DVU Schleswig-Holstein, Ingeborg LOBOCKI, gew\u00e4hlt. Im September 2012 folgte die Gr\u00fcndung des mitgliederst\u00e4rksten Landesverbandes Nordrhein-Westfalen durch ehemalige Mitglieder der im August 2012 verbotenen neonazistischen Kameradschaften Aachen, Dortmund und Hamm. Die ehemaligen Kameradschaftsf\u00fchrer \u00fcbernahmen im Landesvorstand und in den Kreisverb\u00e4nden die F\u00fchrungsfunktionen und setzen seitdem unter dem Schutz des Parteienprivilegs ihre bisherigen Aktivit\u00e4ten fort. Zudem traten der Partei vereinzelt auch NPD-Mitglieder bei, die von dem Kurs des damaligen Bundesvorsitzenden APFEL entt\u00e4uscht waren. Die Rechte verf\u00fcgt dar\u00fcber hinaus \u00fcber Landesverb\u00e4nde in Baden-W\u00fcrttemberg, Berlin, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Sachsen. In Bremen gibt es einen Landesbeauftragten. Zum Jahresende geh\u00f6rten der Partei rund 500 Mitglieder an. 68","Beim zweiten Bundesparteitag im Oktober 2012 w\u00e4hlten die Delegierten mit Dennis GIEMSCH (Nationaler Widerstand Dortmund) und Sascha KROLZIG (Kameradschaft Hamm) zwei weitere Neonazis als Beisitzer in den Bundesvorstand. Auf dem dritten Bundesparteitag am 18.05.2013 \u00fcbernahm LOBOCKI das Amt der Schatzmeisterin. In der anschlie\u00dfenden Wahl der Kandidaten f\u00fcr die Europawahl w\u00e4hlten die Mitglieder den Neonazi Sven SKODA54 aus Nordrhein-Westfalen vor dem Bundesvorsitzenden WORCH zum Spitzenkandidaten. 2.9.2 Ideologie und Programmatik Der Einfluss f\u00fchrender Neonazis im Bundesvorstand sowie im Landesverband NordrheinWestfalen, von dem Die Rechte dominiert wird, ver\u00e4nderte den Charakter der Partei, die bei ihrer Gr\u00fcndung das nach eigenem Bekunden \"sprachlich wie inhaltlich modernisierte und erg\u00e4nzte\" fr\u00fchere Programm der ehemaligen DVU zur Grundlage genommen hatte.55 Die Partei steht seitdem hinsichtlich ihrer Ideologie, ihrer Aktivit\u00e4ten und der f\u00fchrenden Personen in der Kontinuit\u00e4t der verbotenen neonazistischen Kameradschaften. Ihre Agitation ist von Demokratieund Fremdenfeindlichkeit und der Verherrlichung des Nationalsozialismus bestimmt. In einer Ansprache am 18.01.2014 bekannte sich SKODA beim so genannten Trauermarsch in Magdeburg zum historischen Nationalsozialismus: \"Die Idee gegen die Krieg gef\u00fchrt worden ist, ist nicht am 08. Mai 1945 gestorben. Die an den ewigen Lebensgesetzen ausgerichtete Weltanschauung, die Synthese aus Nationalismus und Sozialismus brennt nach wie vor in der Brust der deutschen Menschen.\" Zu den Kommunalwahlen 2014 in Dortmund w\u00e4hlten die Mitglieder den in der rechtsextremistischen Szene als \"SS-Siggi\" bekannten Siegfried BORCHHARDT auf Platz 1 ihrer Liste. Der nordrhein-westf\u00e4lische Landesvorsitzende GIEMSCH, der sich f\u00fcr die Errichtung einer Volksgemeinschaft ausspricht,56 kam auf Platz 2. 2.9.3 Aktivit\u00e4ten Unter dem Schutz des Parteienprivilegs \u00fcbernahm Die Rechte die zuvor von den verbotenen Kameradschaften veranstalteten Aktionen in Nordrhein-Westfalen, wie z. B. die Durchf\u00fchrung von Demonstrationen. An der gr\u00f6\u00dften Veranstaltung der Partei unter dem Motto \"Heraus zum 1. Mai\" in Dortmund, die in den Jahren zuvor von der Kameradschaft Dortmund organisiert wurde, beteiligten sich rund 450 Personen. Als Redner trat neben dem Bundesvorsitzenden WORCH u. a. auch Dieter RIEFLING aus Hildesheim auf. An den Bundestagswahlen im September beteiligte sich die Partei nur mit einer Landesliste in Nordrhein-Westfalen. Sie erhielt lediglich 2.288 Zweitstimmen. 54 SKODA war neben anderen Mitgliedern des Aktionsb\u00fcros Mittelrhein wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt und sa\u00df von M\u00e4rz 2012 bis Januar 2014 in Untersuchungshaft. 55 Bei der Gr\u00fcndung der Partei hatte der Bundesvorsitzende WORCH Die Rechte als \"weniger radikal als die NPD\", aber \"radikaler als die REPs und die PRO-Bewegung\" beschrieben (Internetseite von Christian WORCH). 56 \"Die Familie ist das Herzst\u00fcck der Volksgemeinschaft und daf\u00fcr trete ich ein\", Kandidatenvorstellung von Dennis GIEMSCH zu den Kommunalwahlen 2014 (Internetseite der Partei Die Rechte, Dortmund). 69","2.9.4 Entwicklung in Niedersachsen Am 09.02.2013 wurde in Munster (Landkreis Heidekreis) der Kreisverband Heidekreis gegr\u00fcndet. An der Veranstaltung nahmen etwa 15 Personen teil, darunter auch ehemalige Angeh\u00f6rige der NPD, die den fr\u00fcheren Landesschatzmeister der NPD, Stefan KLINGBEIL, zu ihrem Vorsitzenden w\u00e4hlten. Die Gr\u00fcndung des nieders\u00e4chsischen Landesverbandes folgte kurze Zeit sp\u00e4ter am 24.02.2013. Zum Vorsitzenden wurde Robert KLUG, ehemaliges Mitglied der NPD, bestimmt. Sein Stellvertreter und zugleich Landesschatzmeister wurde KLINGBEIL. Am 25.08.2013 bildete sich der Kreisverband Braunschweiger Land, der u. a. von Angeh\u00f6rigen des Aktionsb\u00fcndnisses 38 gegr\u00fcndet wurde. Den Kreisvorsitz \u00fcbernahm Michael BERNER, der zum F\u00fchrungskreis des neonazistischen Aktionsb\u00fcndnisses 38 z\u00e4hlt. W\u00e4hrend weder vom Kreisverband Heidekreis noch vom Landesverband politische Aktionen ausgingen, trat der Kreisverband Braunschweiger Land mehrfach \u00f6ffentlichkeitswirksam in Erscheinung. Hierzu z\u00e4hlen das Verteilen von Propagandamaterialien in Braunschweig und die Teilnahme an Demonstrationen der neonazistischen Szene, wie beim \"Tag der deutschen Zukunft\" am 06.06.2013 in Wolfsburg oder beim so genannten Trauermarsch am 18.01.2014 in Magdeburg. Am 29.09.2013 f\u00fchrte der Kreisverband in Braunschweig gemeinsam mit Anh\u00e4ngern der neonazistischen Szene eine Solidarisierungsaktion f\u00fcr den ehemaligen Angeh\u00f6rigen der Waffen-SS Erich Priebke durch. Den Todesfall eines jungen Deutschen im M\u00e4rz 2013 in Kirchweyhe (Landkreis Diepholz) versuchte die Bundespartei mit der Durchf\u00fchrung von Demonstrationen f\u00fcr fremdenfeindliche Propaganda zu nutzen. An der vom Bundesvorsitzenden WORCH angemeldeten Kundgebung unter dem Motto \"Mord an Daniel S. (25) - Gegen Versammlungsverbote!\" am 23.03.2013 beteiligten sich in Kirchweyhe knapp 100 Rechtsextremisten. An einer erneuten Demonstration am 11.05.2013 mit der Forderung nach einer Umbenennung des Bahnhofsvorplatzes in den Namen des Opfers nahmen rund 80 Rechtsextremisten teil. Auf den Versammlungen hielten WORCH und RIEFLING Redebeitr\u00e4ge.57 Die Abwesenheit des nieders\u00e4chsischen Landesvorstandes bei diesen Kundgebungen war bereits ein Beleg f\u00fcr die Inaktivit\u00e4t des Verbandes. Diese Inaktivit\u00e4t wie auch die laut WORCH \"menschlichen Unzul\u00e4nglichkeiten und Streitereien\" f\u00fchrten zu den R\u00fccktritten von drei Vorstandsmitgliedern und der Aufl\u00f6sung des Landesvorstandes am 09.11.2013, wie der Bundesvorsitzende in einem Schreiben an die Mitglieder des Landesverbandes erkl\u00e4rte. Auf dem Landesparteitag am 14.01.2014 w\u00e4hlten die lediglich sechs anwesenden Mitglieder wieder Robert KLUG zum Landesvorsitzenden und dessen Ehefrau Birgit KLUG zu seiner Stellvertreterin.58 Aufgrund der mangelnden Organisationsf\u00e4higkeit und der Inaktivit\u00e4t des Landesverbandes ist Die Rechte in Niedersachsen auf absehbare Zeit keine Konkurrenz f\u00fcr die NPD, die auf etablierte Strukturen zur\u00fcckgreifen kann. Derzeit deutet die Entwicklung der Partei darauf hin, dass Die Rechte als Ersatzorganisation f\u00fcr verbotene oder von einem Verbot bedrohte Kameradschaften konzipiert ist. 57 Siehe hierzu auch Seiten 49 und 52 und Kapitel 2.6.7.2. 58 Internetseite der Partei Die Rechte, Ausdruck vom 20.01.2014. 70","2.10 Rechtsextremistischer Geschichtsrevisionismus Der Begriff rechtsextremistischer Geschichtsrevisionismus bezeichnet die Leugnung oder Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen und der deutschen Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Revisionistische Positionen sind in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung bei nahezu allen rechtsextremistischen Organisationen nachweisbar. Sie sind ideologisches Bindeglied zwischen den verschiedenen Str\u00f6mungen des Rechtsextremismus und zugleich ein wichtiges Element der historischen Identit\u00e4tsstiftung. Deutlich wird dies z. B. bei den rechtsextremistischen Demonstrationen aus Anlass der Jahrestage der Bombardierung deutscher St\u00e4dte wie in Dresden oder Magdeburg und beim so genannten Trauermarsch in Bad Nenndorf. Alle diese Veranstaltungen haben einen organisations\u00fcbergreifenden Charakter. Der Revisionismus will den historischen Nationalsozialismus zumindest tendenziell rehabilitieren und die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland delegitimieren. Revisionisten im engeren Sinne sind bestrebt, die Erkenntnisse der seri\u00f6sen Geschichtswissenschaft von einem vermeintlich wissenschaftlichen Standpunkt aus zu widerlegen. Dieser um eine wissenschaftliche Diktion bem\u00fchte Geschichtsrevisionismus, der rechtsextremistischen Organisationen die Argumentationsbasis liefert, ist eine internationale Erscheinung. Viele Revisionisten sind Ausl\u00e4nder oder agieren vom Ausland aus. Die ideologische Klammer ihrer Zusammenarbeit bildet eine eng mit revisionistischen Positionen verbundene antisemitische Grundeinstellung. Das Internet ist die wichtigste Agitationsplattform der Revisionisten. Hier pflegen sie ihre weltweiten Kontakte und steuern ihre Aktivit\u00e4ten. In der Regel nutzen sie ausl\u00e4ndische Internetprovider, um einer m\u00f6glichen Strafverfolgung in Deutschland zu entgehen. Daneben werden revisionistische Schriften in Druckform durch hierauf spezialisierte Verlage verbreitet. 2.10.1 Revisionistische Aktivit\u00e4ten in Niedersachsen Zentralfigur revisionistischer Aktivit\u00e4ten in Niedersachsen ist Dr. Rigolf HENNIG, bis April 2012 Stadtratsund Kreistagsabgeordneter der NPD in Verden. Er geh\u00f6rt seit Jahren zu den meinungsf\u00fchrenden nieders\u00e4chsischen Rechtsextremisten und ist in der rechtsextremistischen Szene fest verankert. Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgt er \u00fcber eine Vielzahl von engen Kontakten und Verbindungen auf nationaler und internationaler Ebene. HENNIG fungiert als \"Staatspr\u00e4sident\" der geschichtsund gebietsrevisionistischen Organisation Freistaat Preu\u00dfen. Organ des Freistaates Preu\u00dfen ist die Publikation \"Stimme des Reiches\" (SdR), deren Beitr\u00e4ge offen antisemitische mit revisionistischen Positionen verbinden. In einem Beitrag diffamiert HENNIG beispielsweise die Europ\u00e4ische Union als Teil einer angeblichen j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung: \"Die EU ist abzuwickeln, weil sie als Glied des Zionismus die V\u00f6lker verknechtet und die L\u00e4nder ausschlachtet mit dem Ziel der zionistischen Weltherrschaft ... Deutschland mu\u00df als Volksstaat 'Deutsches Reich' den Raum seiner Sprache voll ausf\u00fcllen ...\" (\"Europa in zwei Schritten\", Stimme des Reiches Nr. 4, 2013, Seite 13) 71","Neben HENNIG ist Ursula HAVERBECK-WETZEL eine der Hauptautoren der SdR. Die ehemalige Vorsitzende des 2008 durch den Bundesminister des Innern verbotenen Vereins \"Collegium Humanum\" (CH) und verurteilte Holocaustleugnerin kritisiert in typischer revisionistischer Art und Weise, dass \"weiter das Gedenken an die sechs Millionen vergaster Juden zelebriert\" werde: \"Nun ist es unausweichlich, dass die bisher schon Befragten sich endlich zu einer Antwort bequemen ..., damit diese h\u00f6chst umstrittene Behauptung von der Vergasung von sechs Millionen Juden endlich gekl\u00e4rt wird. Wo, wie und wann fand dieses gr\u00f6\u00dfte Verbrechen statt? Ist die ganze Nachkriegsgeschichte auf einer gigantischen L\u00fcge aufgebaut? Zu welchem Zweck?\" (\"Neues aus der Holocaust-Forschung\", Stimme des Reiches Nr. 3, 2013, Seite 6) 2.10.2 Europ\u00e4ische Aktion (EA) Die neonazistisch, rassistisch und antisemitisch ausgerichtete Europ\u00e4ische Aktion (EA) wurde 2010 zun\u00e4chst unter der Bezeichnung Bund Freies Europa (BFE) von einer Personengruppe um den ehemaligen Vorsitzenden des 2008 verbotenen Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten (VRBHV), Bernhard SCHAUB, gegr\u00fcndet. Der Personengruppe geh\u00f6ren aus Niedersachsen als Landesleiter Deutschland HENNIG und als Schatzmeister Arnold H\u00d6FS59 an. Die EA unterh\u00e4lt nach eigenen Angaben Landesgruppen in Deutschland, England, Frankreich, Kroatien, dem F\u00fcrstentum Liechtenstein, \u00d6sterreich, Russland, der Schweiz, Spanien, der Ukraine und Wei\u00dfrussland. Weitere Landesgruppen sollen sich im Aufbau befinden. In Deutschland ist die EA in allen Bundesl\u00e4ndern vertreten. Ausweislich ihrer Internetdarstellung versteht sich die EA als \"fundamentale Gegenbewegung zum herrschenden System\" und als \"Lebensund Kampfgemeinschaft\" f\u00fcr \"die Freiheit und Selbst\u00e4ndigkeit Europas und seiner V\u00f6lker\". Ihr Ziel ist ein vollst\u00e4ndiger Systemwechsel und die Wiederherstellung eines \"freien und souver\u00e4nen deutschen Reiches\" auf der Grundlage einer ethnisch homogenen Volksgemeinschaft. Die inhaltlichen Grundpositionen (\"7 Ziele\") der EA sind von SCHAUB unter dem Titel \"Die Europ\u00e4ische Aktion - Aufbau und Ziele der europ\u00e4ischen Freiheitsbewegung\" verfasst worden. SCHAUB agitiert in dieser Grundsatzschrift in typischer revisionistischer Manier gegen angebliche Denkund Redeverbote, die ihren \"gemeinsamen Mittelpunkt in den Gaskammern von Auschwitz\" h\u00e4tten.60 Von der gleichen revisionistischen Sichtweise getragen prangert HENNIG im EA-Mitteilungsblatt \"Europa ruft\" die angeblich \"raumfremde Bevormundung\" des deutschen Volkes an: \"Denn es ist im Zeichen der 'Umerziehung' genannten Gehirnw\u00e4sche der Deutschen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges so weit gekommen, da\u00df viele mit ihrem Deutschtum nicht mehr zurecht zu kommen scheinen und dieses im schlimmsten Fall sogar bek\u00e4mpfen.\" (\"Die Deutschen\", Europa ruft Nr. 1, 2013, Seite 1) 59 H\u00d6FS gibt unter seinem Pseudonym Herbert HOFF die revisionistische B\u00fccherreihe Faktenspiegel heraus. Die Ausgaben V und VI sind von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) wegen Jugendgef\u00e4hrdung indiziert worden. 60 Vgl. \"Die Europ\u00e4ische Aktion. Aufbau und Ziele der europ\u00e4ischen Freiheitsbewegung\", Eschenz: Ghibellinum-Verlag 2011, Seite 12. 72","Auf dem Europafest 2012 bezeichnete SCHAUB die EA als \"Zusammenschluss der wei\u00dfen Menschheit zur Sicherung ihres Lebensraumes und ihrer Kultur f\u00fcr die Zukunft\". In ihren Ver\u00f6ffentlichungen k\u00fcndigt die EA an, \"Programme f\u00fcr die R\u00fcckwanderung der Fremdkontinentalen\" erstellen zu wollen.61 Damit wird die R\u00fcckf\u00fchrung von Einwanderern in ihre Heimatl\u00e4nder zur zentralen Forderung der EA. Mit einer solchen grunds\u00e4tzlich f\u00fcr alle rechtsextremistischen Organisationen anschlussf\u00e4higen Zielsetzung unterstreicht die EA ihr Selbstverst\u00e4ndnis von einer organisations\u00fcbergreifenden Sammlungsbewegung innerhalb des Rechtsextremismus. In diesem Sinne haben die Sprecher der EA 2013 auf zahlreichen szeneinternen Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet f\u00fcr ihre Organisation geworben. Inzwischen verf\u00fcgt die EA \u00fcber eine Vielzahl von nationalen und internationalen Kontakten in die rechtsextremistische Szene. Bereits 2012 wurde eine Kooperation mit der NPD vereinbart. Ferner bestehen Kontakte zu Meinolf SCH\u00d6NBORN, dem Herausgeber der Publikation \"Recht und Wahrheit\" (RuW). Deutlich wird dies durch eine gemeinsame Flugblattaktion von EA und RuW anl\u00e4sslich der Bundestagswahl 2013: \"Wach auf, wach auf, du Deutsches Land! Keine Stimme mehr den Schuldenmacherparteien: CDU/CSU, FDP, Gr\u00fcne und SPD\". Intensive Verbindungen unterh\u00e4lt die EA aber nicht nur zum neonazistischen Bereich, sondern auch zu den Verfechtern des ethnopluralistischen Ansatzes. Basierend auf der 2012 vereinbarten Zusammenarbeit mit dem ethnopluralistischen Thule-Seminar unter Leitung von Pierre KREBS wurde am 25.11.2013 auf der Internetseite der EA unter dem Titel \"Wof\u00fcr wir k\u00e4mpfen\" eine erg\u00e4nzte und erweiterte Kommentierung des gleichnamigen Buches von Guillaume FAYE, Vertreter der franz\u00f6sischen Neuen Rechten (\"Nouvelle Droite\"), ver\u00f6ffentlicht. In Ankn\u00fcpfung hieran fordert die EA dazu auf, in den Widerstand \"gegen den biologischen, ethnischen, politischen und geistigen Niedergang der europ\u00e4ischen Kultur und der Nationen\"62 einzutreten. Mit dem Ziel, den europ\u00e4ischen Charakter der Bewegung zu dokumentieren, f\u00fchrte die EA am 14.09.2013 in \"Mitteldeutschland\" ihr Europafest mit Redebeitr\u00e4gen, Kulturprogramm, Gespr\u00e4chen und Gesang durch. 2.10.3 Verein Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V. Der Verein Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V. wurde 1992 gegr\u00fcndet. Erste Vorsitzende war die Holocaustleugnerin Ursula HAVERBECK-WETZEL, bevor ihr 2003 Wolfram SCHIEDEWITZ aus Seevetal (Landkreis Harburg) auf diesem Posten folgte. In seiner Satzung hat sich der Verein zum Ziel gesetzt, eine w\u00fcrdige Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte f\u00fcr die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu errichten. Der Verein will damit \" ... die ungerechtfertigte Einseitigkeit der Geschichtsbetrachtung und Vergangenheitsbew\u00e4ltigung beenden!\"63 Die Ver\u00f6ffentlichungen konzentrieren sich in revisionistischer Diktion vor allem auf die Erinnerung an die deutschen Opfer von Krieg und Vertreibung. Der Vorsitzende SCHIEDEWITZ sieht seinen Verein im Kampf gegen eine angebliche Meinungsdiktatur zur Unterdr\u00fcckung der geschichtlichen Wahrheit: \"An die Opfer von Gewaltherrschaft erinnern in Deutschland etwa 6000 Mahnmale - von pers\u00f6nlichen 'Stolpersteinen' \u00fcber riesige Museumskomplexe bis zu fu\u00dfballfeldgro\u00dfen Gedenkarealen. Das Jahrhundertverbrechen am deutschen Volk wurde bisher 61 Vgl. Internetseite der EA vom 01.01.2014: \"Mandelas S\u00fcdafrika als Vorbote Europas\". 62 Internetseite der EA vom 17.12.2012: \"Leitbrief 5 zum 21. Julmond\". 63 Internetseite des Vereins Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.: \"Was wir wollen\", Ausdruck vom 19.12.2013. 73","weder gew\u00fcrdigt noch sind unsere ehemaligen Kriegsgegner zu einer Geste der Anerkennung dieser Schicksale bereit. Der sich vor allem im Ausland regende Widerstand gegen diese v\u00f6lkerrechtswidrigen Ma\u00dfnahmen und ihre nur die Deutschen belastende Aufarbeitung weckt die Sorge der Meinungsindustrie, hier umsteuern zu m\u00fcssen.\" (Internetseite des Vereins Ged\u00e4chtnisst\u00e4tte e. V.: \"Warum gibt es dieses Gedenken\", Ausdruck vom 19.12.2013) Seit 2011 nutzt der Verein f\u00fcr seine Veranstaltungen die R\u00e4umlichkeiten auf einem Rittergut im th\u00fcringischen Guthmannshausen. Regelm\u00e4\u00dfig f\u00fchrt der Verein dort Vortragsveranstaltungen mit Zeitzeugen und Historikern durch, darunter auch bekennende Revisionisten und Holocaustleugner wie HAVERBECK-WETZEL. Dar\u00fcber hinaus bestehen Kontakte zu diversen rechtsextremistischen Organisationen, u. a. Schlesische Jugend e. V. (SJ), Freundschaftsund Hilfswerk Ost e. V. (FHwO) und Junge Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO) sowie NPD und neonazistische Freie Kr\u00e4fte. Diese Kontakte zeigen die Bem\u00fchungen des Vereins, ein organisations\u00fcbergreifendes Netzwerk aufzubauen. 2.10.4 Bewertung Revisionistische Positionen bilden das historische Fundament rechtsextremistischen Gedankenguts. Als verbindendes Ideologieelement sind sie in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung bei nahezu allen rechtsextremistischen Organisationen nachweisbar und finden sich in rechtsextremistischen Aktivit\u00e4ten im Internet ebenso wie in der rechtsextremistischen Musikszene, den organisationsunabh\u00e4ngigen Verlagen, Vertriebsdiensten und Publikationen wieder. Rechtsextremistische Musik und Konzerte sowie die Produkte der Verlagsund Vertriebsdienste, aber auch aktionsorientierte Veranstaltungen, die teilweise \u00fcber das Internet beworben werden, k\u00f6nnen als Einstieg in die rechtsextremistische Ideologie dienen und gerade junge Menschen ansprechen. Dagegen haben Demonstrationen und Kundgebungen mit revisionistischer Zielsetzung, wie z. B. \"Heldengedenken\", \"Trauerm\u00e4rsche\" oder Gedenkveranstaltungen, weiterhin an Bedeutung verloren. Die Teilnehmerzahlen sind seit Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig. Urs\u00e4chlich hierf\u00fcr k\u00f6nnen zum einen massive Gegenproteste, zum anderen aber auch beh\u00f6rdliche Auflagen sein. In der Aufgabenerf\u00fcllung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wird der Revisionismus daher auch zuk\u00fcnftig Beachtung finden. 2.11 Intellektualisierungsbem\u00fchungen im Rechtsextremismus Seit Beginn der 1980er Jahre bem\u00fcht sich ein kleiner Kreis rechtsextremistischer Intellektueller, Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse zu nehmen. Das Ziel ist die kulturelle Vorherrschaft. Ihr soll langfristig ein Systemwechsel folgen. Diese Variante des Rechtsextremismus, die abseits der Agitation der meisten Gruppierungen des organisierten Rechtsextremismus in verschiedenen rechtsextremistischen Zirkeln, Publikationen und Verlagen zu finden ist, wird oft mit dem Begriff Neue Rechte64 umschrieben. 64 Die mit dem Begriff Neue Rechte bezeichnete ideologische Str\u00f6mung beruft sich auf die \"Konservative Revolution\" - eine intellektuelle Str\u00f6mung antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik. Der Begriff wird aber nicht einheitlich verwendet. Manche Autoren erfassen mit diesem Begriff den um Theoriebildung bem\u00fchten Teil des Rechtsextremismus in seiner Gesamtheit. 74","Hinter dem von der Neuen Rechten verfochtenen Konzept des Ethnopluralismus verbirgt sich eine fremdenfeindliche Grundtendenz. Der Ethnopluralismus stellt die kulturellen Unterschiede der Menschen in den Vordergrund und propagiert die kulturelle, m\u00f6glichst aber auch r\u00e4umliche Trennung ethnischer Gruppen. Ausgehend von einer homogenen Ethnie lehnen Vertreter der Neuen Rechten Einwanderung als \"volksgemeinschaftssch\u00e4dlich\" ab. Die von einem elit\u00e4ren Bewusstsein getragenen Theoriezirkel der Neuen Rechten zielen nicht auf eine breitere Rezeption ihrer Denkans\u00e4tze. Ihre philosophisch \u00fcberh\u00f6hten Ausf\u00fchrungen d\u00fcrften die Aufnahmef\u00e4higkeit und -bereitschaft der meisten organisierten Rechtsextremisten \u00fcberfordern. Die Schriften der Neuen Rechten richten sich denn auch an einen anderen Adressatenkreis, an Angeh\u00f6rige der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Elite. Sie zu beeinflussen, w\u00e4re ein Schritt auf dem Wege zur angestrebten kulturellen Hegemonie. 2.11.1 Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V. (GFP) Die 1960 gegr\u00fcndete Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V. (GFP) unter ihrem \u00f6sterreichischen Vorsitzenden Martin PFEIFFER ist mit ihren etwa 500 Mitgliedern die gr\u00f6\u00dfte rechtsextremistische Kulturvereinigung. Ihr geh\u00f6ren vor allem Verleger, Buchh\u00e4ndler, Redakteure und Schriftsteller an. Auf Bundesebene f\u00fchrt die GFP j\u00e4hrlich eine Tagung samt Mitgliederversammlung durch. Unter dem Motto \"Von Versailles nach Br\u00fcssel - Deutschland zahlt immer\" fand der GFP-Jahreskongress vom 14. bis 16.06.2013 in Th\u00fcringen statt. Etwa 100 Teilnehmer fanden sich ein, um ein \"starkes Zeichen des Protests gegen zeitgeistige Bevormundung und medialen Tugendterror zu setzen\". Im Rahmen der Jahreshauptversammlung der GFP wurde zudem beschlossen, die Bundesregierung aufzufordern, gem\u00e4\u00df den internationalen Vereinbarungen der Vereinten Nationen den aus Sicht der GFP \"skandal\u00f6sen\" Paragrafen 130 StGB (\"Volksverhetzung\") abzuschaffen und die Meinungsfreiheit vollst\u00e4ndig zu gew\u00e4hrleisten.65 Auf L\u00e4nderebene existieren Arbeitskreise, wie z. B. der GFP-Arbeitskreis f\u00fcr S\u00fcdniedersachsen, Nordhessen und Westfalen, zu deren Aufgaben es geh\u00f6rt, Vortragsveranstaltungen mit zumeist revisionistischem Charakter durchzuf\u00fchren. Als Druckerzeugnis gibt die GFP die Kongressbrosch\u00fcre \"GFP-Report\" und das viertelj\u00e4hrlich erscheinende GFP-Mitteilungsblatt \"Das Freie Forum\" heraus. Die GFP ist seit geraumer Zeit die einzige sich theoretisch bet\u00e4tigende Organisation, der ein gewisser Einfluss auf den rechtsextremistischen Theoriediskurs zugesprochen werden kann. Andere Organisationen mit intellektuellem Anspruch wie das 1994 gegr\u00fcndete Deutsche Kolleg oder das seit 30 Jahren bestehende Thule-Seminar finden hingegen kaum Resonanz. Das ethnopluralistisch ausgerichtete Thule-Seminar unter Leitung von Pierre KREBS gibt den Jahresplaner Mars Ultor heraus. Zu einer am 13.02.2013 stattgefundenen Veranstaltung in Fretterode (Th\u00fcringen) vor neonazistischen Freien Kr\u00e4ften wird KREBS darin mit den Worten zitiert: \"Heil unseren Kindern, d. h. unserer Zukunft! Heil Europa, d. h. unseren V\u00f6lkern, unserer Rasse, unserem Blut! Heil unserem Geist, d. h. unserer Kultur, und wir werden ihn erringen, festigen, verwirklichen, den Sieg des Willens, dem germanischen Gott verpflichtet. Ich nenne ihn: der Wille!\" (Mars Ultor 2014, Seite 68) 65 Das Freie Forum Nr. 3, 2013, Seite 3. 75","Neben Kontakten zu neonazistischen Freien Kr\u00e4ften unterh\u00e4lt KREBS auch Beziehungen zur Europ\u00e4ischen Aktion (EA). Im Gegenzug ist die EA im o. g. Taschenbuchplaner vertreten. Im Rahmen einer Konferenz der EA am 20.01.2013 in Genf (Schweiz) wird KREBS, der als Redner eingeladen war, wie folgt angek\u00fcndigt: \"Der Vortrag von Pierre Krebs gibt Antwort auf die Frage: Wozu Revolution? Sie ist notwendig, um den Aufbruch des Ethno-Sozialismus vorzubereiten, von dem die Zukunft der wei\u00dfen Welt abh\u00e4ngt.\" (Mars Ultor 2014, Seite 44) 2.11.2 Bewertung Die Intellektualisierungsbem\u00fchungen im Rechtsextremismus finden in der rechtsextremistischen Szene kaum Beachtung. Die Theoriezirkel der Neuen Rechten haben derzeit nur geringen Einfluss auf die Akteure und Organisationen des \"alten\" Rechtsextremismus. Ihre Zielgruppe sind vorrangig elit\u00e4re, theoriegeleitete Denkzirkel und weniger aktionsorientierte Kameradschaften. Eine gewisse Resonanz erf\u00e4hrt die Neue Rechte jedoch innerhalb der NPD und in deren Publikationen, wie zahlreiche Beitr\u00e4ge in der \"Deutschen Stimme\" belegen. Auch die Rezeption des vom Thule-Seminar in Zusammenarbeit mit der GFP herausgegebenen Buches \"Wof\u00fcr wir k\u00e4mpfen\" von Guillaume FAYE66, hinsichtlich der ideologischen Ausrichtung einer revisionistisch und neonazistisch ausgerichteten Organisation wie der EA zeigt den doch vorhandenen Einfluss intellektueller Kreise auf aktivistische Gruppierungen. So k\u00f6nnen die weltanschaulichen Positionierungen und theoriegeleiteten Diskurse der Neuen Rechten dann eine nachhaltige Bedeutung f\u00fcr andere rechtsextremistische Organisationen entfalten, wenn mit ihrer Hilfe versucht wird, Aktivit\u00e4ten ideologisch zu begr\u00fcnden. Der intellektuelle Rechtsextremismus wird daher auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Aufgabenerf\u00fcllung der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darstellen. 2.12 Immobiliengesch\u00e4fte mit rechtsextremistischem Hintergrund Im Jahr 2004 hat das Nieders\u00e4chsische Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport eine Beauftragte/einen Beauftragten f\u00fcr Immobiliengesch\u00e4fte mit rechtsextremistischem Hintergrund bestellt. Die T\u00e4tigkeit der beauftragten Person ist seit 2007 eingebunden in das Beratungskonzept des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes zur \"F\u00f6rderung von Handlungsm\u00f6glichkeiten gegen Rechtsextremismus in den Kommunen\". Sie wird seit 2009 im Rahmen der Pr\u00e4ventionsund \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes t\u00e4tig. Seit einer Reihe von Jahren versuchen Rechtsextremisten Immobilien zu erwerben, die daf\u00fcr geeignet sind, in ihnen Schulungen und Veranstaltungen durchzuf\u00fchren, und die als \u00f6rtliche Treffpunkte oder Anlaufstellen dienen k\u00f6nnen. Nicht immer steht hinter dem Interesse an einer Immobilie jedoch auch eine reale Kaufabsicht. H\u00e4ufig nutzen Rechtsextremisten das Bekanntwerden ihrer angeblichen Kaufabsicht, um sich in den Medien zu profilieren und um finanzielle Vorteile zu erzielen. Denn oftmals f\u00fchrt der \u00f6ffentliche Protest gegen einen Immobilienkauf durch Rechtsextremisten dazu, dass Kommunen sich gezwun66 Siehe Kapitel 2.10.2, Seite 72. 76","gen sehen, ihr Vorkaufsrecht auszu\u00fcben oder das Objekt freih\u00e4ndig zu erwerben - nicht selten zu einem unangemessenen, hohen Preis. Bei solchen politisch motivierten Scheingesch\u00e4ften kann es vorkommen, dass der Verk\u00e4ufer an die Rechtsextremisten f\u00fcr ihre \"Bem\u00fchungen\" eine Provision zahlt. Dennoch ist davon auszugehen, dass Rechtextremisten weiterhin - zur Verbreiterung ihrer Basis und damit zur Festigung ihrer Strukturen - Interesse am Erwerb von Immobilien haben. Insbesondere Leerstand-Immobilien in strukturschwachen l\u00e4ndlichen R\u00e4umen d\u00fcrften als g\u00fcnstig zu erwerbende Objekte die Aufmerksamkeit von rechtsextremistischen Vereinigungen aber auch Einzelpersonen erwecken. Reale Kaufabsichten und Scheingesch\u00e4fte sind allerdings im Einzelfall schwer zu unterscheiden. Auch die rechtlichen M\u00f6glichkeiten der Kommunen und staatlichen Stellen variieren von Fall zu Fall. Wesentliche Aufgaben der beauftragten Person sind daher die Weitergabe vorhandener Erfahrungswerte, die rechtliche Beratung der betroffenen Kommunen, die Koordinierung der beteiligten Beh\u00f6rden und die Vermittlung von Kontakten zu sachverst\u00e4ndigen Stellen. Durch eine enge Zusammenarbeit der beauftragten Person mit den betroffenen Kommunen und weiteren Beh\u00f6rden ist es in den vergangenen Jahren wiederholt gelungen, den Erwerb oder die Nutzung von Immobilien durch Rechtsextremisten zu verhindern. Als Beispiele sind zu nennen: das ehemalige Bahnhofsgeb\u00e4ude in Melle (Landkreis Osnabr\u00fcck), das Landhaus Gerhus in der Gemeinde Fa\u00dfberg (Landkreis Celle), das ehemalige Kurhaus in Bad Gandersheim (Landkreis Northeim), der Heisenhof in D\u00f6rverden (Landkreis Verden). Hinsichtlich des Heisenhofes in D\u00f6rverden ist seitens des Landkreises Verden ein Abriss beabsichtigt, nachdem die Abrissverf\u00fcgungen rechtskr\u00e4ftig geworden sind. Verz\u00f6gerungen sind durch den im Oktober 2011 erfolgten Eigent\u00fcmerwechsel entstanden. Eine Frau aus Kirchlinteln (Landkreis Verden) hatte die Immobilie seinerzeit von der Wilhelm Tietjen Stiftung f\u00fcr Fertilisation Limited erworben und nach eigenen Angaben die Errichtung eines Gesundheitszentrums geplant. Dieses Vorhaben konnte bislang nicht umgesetzt werden, so dass seitens des Landkreises grunds\u00e4tzlich weiter an den Abrisspl\u00e4nen festgehalten wird. Die Verhinderung der Schaffung von Strukturen und Anlaufstellen f\u00fcr Rechtsextremisten durch Immobilienbesitz konnte in den genannten F\u00e4llen - nach Erstellung und Bewertung eines Lagebildes - durch ein rasches und konsequentes Vorgehen gelingen. Aus diesem Grund ist eine fr\u00fchzeitige Kontaktaufnahme zur beauftragten Person - bereits bei ersten m\u00f6glichen Anzeichen f\u00fcr ein Immobiliengesch\u00e4ft mit rechtsextremistischem Hintergrund - von entscheidender Bedeutung. Die beauftragte Person stand auch 2012 den Kommunen in Fragen zu Immobiliengesch\u00e4ften mit rechtsextremistischem Hintergrund beratend zur Seite. Dies umfasste die Beratung grunds\u00e4tzlicher Art ebenso wie die Unterst\u00fctzung in konkreten Verdachtsf\u00e4llen. Dabei konnte vielfach der Verdacht eines Immobiliengesch\u00e4ftes mit rechtsextremistischem Hintergrund ausger\u00e4umt sowie Scheingesch\u00e4fte als solche erkannt werden. Auch im Rahmen der Beratung kommunaler Mandatstr\u00e4ger war die beauftragte Person zusammen mit Ex77","perten aus dem Bereich Rechtsextremismus zu Strategiegespr\u00e4chen wiederholt in nieders\u00e4chsischen Landkreisen, St\u00e4dten und Gemeinden, um \u00fcber M\u00f6glichkeiten kommunalen Engagements gegen Rechtsextremismus und die Entwicklung von Strategien gegen rechtsextreme Infrastruktur zu referieren. Kontaktdaten: Tel.: 0511-6709-282 E-Mail: immobilien@verfassungsschutz.niedersachsen.de 78","3. Linksextremismus 3.1 Mitglieder-Potenzial Linksextremismus-Potenzial Bundesrepublik Deutschland 2012 2013 Marxisten-Leninisten und andere revolution\u00e4re Marxisten 22.600 21.600 Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten 67 7.100 6.900 Summe 29.700 28.500 Nach Abzug von Mehrfachmitgliedschaften 29.400 27.700 Linksextremismus-Potenzial Niedersachsen68 2012 2013 Marxisten-Leninisten und andere revolution\u00e4re Marxisten 445 470 Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten 940 880 Summe 1.385 1.350 Die Zahlenangaben sind zum Teil gesch\u00e4tzt und gerundet. 67 In die Statistik sind nicht nur tats\u00e4chlich als T\u00e4ter/Tatverd\u00e4chtige festgestellte Personen einbezogen, sondern auch solche Linksextremisten, bei denen lediglich Anhaltspunkte f\u00fcr Gewaltbereitschaft gegeben sind. Erfasst sind nur Gruppen, die feste Strukturen aufweisen und \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum aktiv waren. Das Mobilisierungspotenzial der \"Szene\" umfasst zus\u00e4tzlich mehrere tausend Personen. 68 Die f\u00fcr den Bund eingef\u00fcgte Fu\u00dfnote gilt entsprechend auch f\u00fcr Niedersachsen. Auf den Abzug von Mehrfachmitgliedschaften in H\u00f6he von ca. 2 Prozent wie beim Bund ist verzichtet worden. 79","3.2 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t69 (PMK) mit extremistischem Hintergrund - links Seit dem Jahr 2001 wird die Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t nach dem von der Innenministerkonferenz beschlossenen \"Kriminalpolizeilichen Meldedienst in F\u00e4llen Politisch motivierter Kriminalit\u00e4t (KPMD-PMK)\" bundeseinheitlich erfasst. Weitergehende grunds\u00e4tzliche Aussagen zur PMK finden Sie in Kapitel 2.2. Im Ph\u00e4nomenbereich PMK -linkswurden im Jahr 2013 in Niedersachsen insgesamt 984 politisch motivierte Straftaten registriert (2012: 650). Straftatenausl\u00f6sende Ereignisse waren insbesondere Wahlkampfaktivit\u00e4ten rechtsextremistischer Parteien und Gegendemonstrationen zu rechtsextremistischen Versammlungen (Bad Nenndorf, Wolfsburg). Von den 984 Straftaten des Gesamtstraftatenaufkommens der PMK -linkswurden 705 F\u00e4lle als extremistisch eingestuft. Das entspricht einem Anteil von 71,7 Prozent. Im Vorjahr betrug der Anteil 73,5 Prozent. Bei 173 der linksextremistischen Straftaten handelt es sich um F\u00e4lle von Gewaltkriminalit\u00e4t, die im Vergleich zum Vorjahr (126) um 47 F\u00e4lle zunahmen. Bei 144 linksextremistischen Gewaltdelikten wurde das Themenfeld \"Antifaschismus\" und in 114 F\u00e4llen das Themenfeld \"Konfrontation gegen rechts\" benannt. Bei den linksextremistischen Gewaltdelikten entfallen 75 auf das Themenfeld \"Innen-Sicherheitspolitik-Polizei\". Die Landtagsund Bundestagswahlen f\u00fchrten zu 52 linksextremistischen Gewaltdelikten. 2013 wurden Polizeibeamte bei elf linksextremistischen Gewaltdelikten (2012: 13) verletzt. 2013 wurden im Bereich der PMK -linksneun linksextremistische Branddelikte (2012: 1) und in einem Fall ein versuchtes Sprengstoffdelikt (2012: 0) begangen. Herausragend waren zwei Taten. Dazu z\u00e4hlt die Brandstiftung an Bundeswehrfahrzeugen in L\u00fcneburg, die mittels mehrerer USBV70 begangen wurde und einen Sachschaden von rund 260.000 Euro verursachte. Obwohl keine Selbstbezichtigung zur Tat bekannt wurde, ist aufgrund der Tatumst\u00e4nde (Begehungsform und Zielobjekt) von einer linksmotivierten Tat mit antimilitaristischem Hintergrund auszugehen. Eine weitere bedeutende Tat war ein versuchtes Sprengstoffdelikt an drei Tatorten (Bundespolizei, Zollamt, Verwaltungsgericht) in G\u00f6ttingen durch USBV mit Gaskartuschen (Typ \"Gasaki\"), die nicht z\u00fcndeten. In einem Selbstbezichtigungsschreiben stellten die Verfasser die Tat in Bezug zu einer gewaltt\u00e4tigen Demonstration zugunsten des linken Szenetreffs \"Rote Flora\" in Hamburg. Es bestehen bisher keine Anzeichen auf linksterroristische Strukturen in Niedersachsen. 69 Siehe Fu\u00dfnote 13. 70 USBV = Unkonventionelle Brandund Sprengstoffvorrichtung. 80","\u00dcbersicht der Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t - links\" in Niedersachsen 71 Gewalttaten: 2012 2013 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 0 0 K\u00f6rperverletzungen 86 88 Brandstiftungen 1 9 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 1 Landfriedensbr\u00fcche 13 24 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffsoder Stra\u00dfenverkehr 1 3 Freiheitsberaubung 0 0 Raub 2 4 Erpressung 1 1 Widerstandsdelikte 22 43 Sonstige Delikte 0 0 Insgesamt 126 173 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 219 276 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 16 19 Andere Straftaten 117 237 Insgesamt 352 532 Straftaten insgesamt 474 705 71 Die Zahlen basieren auf Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen (LKA NI). Die Darstellung der nieders\u00e4chsischen Fallzahlen in \u00dcbersichten des Bundes kann davon abweichen, da das LKA NI eine so genannte \"lebende Statistik\" f\u00fchrt. Um die st\u00e4ndige Aktualit\u00e4t der Statistik sicherzustellen, werden dabei ggf. Nacherfassungen/Aktualisierungen auch f\u00fcr Vorjahre vorgenommen, so dass der Zahlenbestand Ver\u00e4nderungen unterliegen kann. 81","3.3 Einf\u00fchrung Der Linksextremismus ist nicht statisch, sondern st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen ausgesetzt. Vor allem der parlamentsorientierte Linksextremismus unterliegt einem st\u00e4ndigen Wandel in seiner personellen Zusammensetzung und politischen Ausrichtung. Anders als in den Jahren zuvor liegen f\u00fcr die Partei DIE LINKE. in Niedersachsen keine tats\u00e4chlichen Anhaltspunkte mehr f\u00fcr den Verdacht vor, sie richte sich in ihrer Gesamtheit gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung nach SS 3 Abs. 1 NVerfSchG. Zudem kommt das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 17.09.2013 zu dem Schluss, dass die Beobachtung eines Abgeordneten der Partei DIE LINKE. einen \"Eingriff in das freie Mandat\" darstellt und somit nicht den \"Anforderungen des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit\" gen\u00fcgt.72 K\u00fcnftig werden daher nur noch die f\u00fcr das Land Niedersachsen relevanten offen extremistischen Zusammenschl\u00fcsse Kommunistische Plattform (KPF), Sozialistische Linke (SL) und Antikapitalistische Linke (AKL) beobachtet und im Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzbericht erw\u00e4hnt. Bei ihnen liegen weiterhin tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vor. Zudem haben linksextremistische Parteien allgemein in den letzten Jahren an politischem Gewicht und Bedeutung verloren. Eine \u00dcberpr\u00fcfung der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) hat vor dem Hintergrund des Abschneidens beider Parteien bei den Wahlen in 2013 ergeben, dass beide Parteien zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt f\u00fcr die Bewertung des Linksextremismus in Niedersachsen nicht mehr von ausreichender Relevanz sind, um \u00fcber sie im Rahmen eines eigenen Kapitels zu informieren. Auf eine weitere, eigenst\u00e4ndige Berichterstattung \u00fcber den bundesweit vertriebenen RotFuchs - Trib\u00fcne f\u00fcr Kommunisten und Sozialisten in Deutschland - (gegr\u00fcndet im Februar 1998 von der DKP-Gruppe Berlin-Nordost als politisch-theoretische Monatsschrift mit marxistisch-leninistischem Profil) wird unter Abw\u00e4gung der Erforderlichkeit und Relevanz f\u00fcr Niedersachsen k\u00fcnftig verzichtet. 3.4 \u00dcberblick In diesem Kapitel wird die Entwicklung im Linksextremismus zusammengefasst dargestellt. Detaillierte Berichte finden sich in den jeweils folgenden Kapiteln. Die Erl\u00e4uterung der Begrifflichkeiten erfolgt ebenfalls in den jeweiligen Kapiteln. 3.4.1. Ideologie F\u00fcr die Ideologie des deutschen Linksextremismus sind die beiden ideengeschichtlichen Grundstr\u00f6mungen des 19. Jahrhunderts, Marxismus und Anarchismus, grundlegend. Linksextremisten greifen die in der Franz\u00f6sischen Revolution proklamierten Werte Freiheit und Gleichheit in radikaler Zuspitzung auf und wollen den demokratischen Rechtsstaat auch auf revolution\u00e4rem Wege \u00fcberwinden, um ihn durch eine klassenlose bzw. herrschafts72 Pressemitteilung des BVerfG Nr. 60/2013 \"Abgeordnetenbeobachtung unterliegt strengen Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeitsanforderungen\" des Bundesverfassungsgerichts vom 09.10.2013. 82","freie Gesellschaft zu ersetzen. Kommunismus und Anarchismus unterscheiden sich in der Bewertung der Freiheitsrechte. \u00dcberdeckt der \u00fcbersteigerte Gleichheitsbegriff kommunistisch ausgerichteter Organisationen die individuellen Freiheitsrechte, lehnen anarchistische Gruppierungen staatliche Organisation und damit Machtstrukturen (Hierarchien) generell ab. Beide Richtungen orientieren sich an der Utopie einer klassenbzw. herrschaftsfreien Ordnung, d. h. der vollkommenen Befreiung des Menschen von allen gesellschaftlichen, politischen, \u00f6konomischen und kulturellen Zw\u00e4ngen. Anarchisten, die in ihrem konkreten politischen Handeln diesen utopischen Entwurf vorzuleben versuchen, verneinen auf Zwang beruhende Zwischenstadien zur Realisierung dieser klassenlosen Gesellschaft wie die von Kommunisten angestrebte Diktatur des Proletariats. Kommunistische Gruppierungen haben sich den Sturz des bestehenden politischen Systems und die Errichtung einer Diktatur des Proletariats unter F\u00fchrung einer \"proletarischen Avantgarde\" als Ziel gesetzt. Das utopische Endziel dieser Gruppierungen ist die klassenlose kommunistische Gesellschaft. Marxistisch-Leninistische Organisationen wie die Deutsche Kommunistische Partei (DKP), die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD), aber auch die extremistischen Teile der Partei DIE LINKE. halten an der Idee einer Revolution der Arbeiterklasse fest, der die Diktatur des Proletariats folgt. Demgegen\u00fcber propagieren anarchistische Gruppierungen die \u00dcberwindung des bestehenden politischen Systems auf dem Wege massenhaften zivilen Ungehorsams73 und vorbildhafter Selbstorganisation. Linksextremistische Organisationen stimmen in der Notwendigkeit einer revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse \u00fcberein, die das internationale Zusammenwirken aller revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte erfordert (Internationalismus). Die Marktwirtschaft und die sie repr\u00e4sentierenden M\u00e4chte, allen voran die USA und ihre Verb\u00fcndeten, stehen f\u00fcr den Gegenentwurf zum ideologischen Weltbild der Linksextremisten und sind so eines ihrer zentralen Feindbilder. Die wechselweise als kapitalistisch oder neoliberal bezeichnete westliche Wirtschaftsordnung wird grunds\u00e4tzlich als Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgelehnt. Linksextremisten wollen dem ihrer Meinung nach \"entfesselten Kapitalismus\" Einhalt gebieten und fordern - wie die Interventionistische Linke auf ihrer Internetseite - : \"Make capitalism history!\" Ihre Kritik konzentriert sich vor allem auf die Gro\u00dfkonzerne, die NATO und ihre F\u00fchrungsmacht, die USA. Die Schuld f\u00fcr internationale Konflikte und Krisen verorten sie ausschlie\u00dflich im Westen. 3.4.2. Entwicklungen im Linksextremismus Im Mittelpunkt der Entwicklung im Linksextremismus stand im Jahr 2013 vor allem die zunehmende Gewaltbereitschaft und -intensit\u00e4t der Autonomen. So wurden am 21./22.12.2013 an verschiedenen Standorten in G\u00f6ttingen drei unkonventionelle Brandund Sprengvorrichtungen (USBV) von unbekannten T\u00e4tern platziert, die aber aus bisher unbekannten Gr\u00fcnden nicht z\u00fcndeten. Zu der Tat bekannte sich in einem Selbstbezichtigungsschreiben eine Gruppe namens \"Flora und Fauna\". Als Motiv nannte sie die Solidarit\u00e4t mit den Protesten rund um das autonome Zentrum \"Rote Flora\" in Hamburg vom 21.12.2013. Von Militanz gepr\u00e4gt waren au\u00dferdem gewaltt\u00e4tig verlaufene Auseinandersetzungen zwi73 Ziviler Ungehorsam ist insbesondere bei den \"gewaltfreien\" Anarchisten der Versto\u00df gegen ein Gesetz aus Gewissensgr\u00fcnden; dabei wird bewusst in Kauf genommen, daf\u00fcr bestraft zu werden. 83","schen Linksextremisten und der Polizei, vor allem im Zusammenhang mit Demonstrationen sowie zwischen Linksund Rechtsextremisten. So versuchten etwa 120 gewaltbereite Linksextremisten im Rahmen der Proteste gegen den rechtsextremistischen \"Tag der deutschen Zukunft\" (TddZ) am 01.06.2013 in Wolfsburg die dortige Bahnhofshalle kurzfristig zu blockieren, um auf diesem Wege die Rechtsextremisten an der Anreise zu hindern. Wiederholt wurden im weiteren Verlauf Steine geworfen, zudem gab es k\u00f6rperliche Auseinandersetzungen mit der Polizei. Von bundesweiter Bedeutung war zudem am 21.12.2013 eine Demonstration in Hamburg unter dem Motto \"Rote Flora verteidigen - Esso-H\u00e4user durchsetzen! Gegen rassistische Zust\u00e4nde - Bleiberecht f\u00fcr alle!\", an der sich auch nieders\u00e4chsische Linksextremisten beteiligten. Sie m\u00fcndete in bis in die Nacht andauernde Auseinandersetzungen mit der Polizei und bedeutete f\u00fcr Hamburg mit 120 verletzten Polizisten die schwersten Ausschreitungen seit Jahren. Die Entwicklung des Jahres 2013 zeigt, dass die Hemmschwelle zur Anwendung von Gewalt vor allem gegen\u00fcber Polizeibeamten weiter gesunken ist und eine Gef\u00e4hrdung von Menschen billigend in Kauf genommen wird. Von Linksextremisten seit je bevorzugte Aktionsfelder, insbesondere die Bereiche \"Antifaschismus\", \"Antirassismus\", \"Antirepression\" und \"Antimilitarismus\", haben zudem eine deutlich st\u00e4rkere Resonanz in der \u00d6ffentlichkeit wie auch in der linksautonomen Szene selbst gefunden. Das Personenpotenzial des autonomen und gewaltbereiten linksextremistischen Spektrums ist dagegen leicht auf 880 Personen zur\u00fcckgegangen. Im Bereich des parlamentsorientierten Linksextremismus setzte sich der politische Abstieg der orthodox marxistisch-leninistisch ausgerichteten Parteien DKP und MLPD weiter fort. So beteiligte sich die DKP an den Bundestagswahlen vom 22.09.2013 nur mit einigen Direktkandidaten und erhielt insgesamt lediglich 1.699 Erststimmen. Ihre Mitgliederzahlen stagnieren seit Jahren auf niedrigem Niveau. Ein h\u00f6heres Ergebnis bei der Bundestagswahl als die DKP konnte die MLPD erzielen. Sie trat bundesweit mit Landeslisten und 41 Direktkandidaten an. Dabei erhielt sie bundesweit 12.904 Erstimmen und 24.219 Zweitstimmen, davon 259 Erststimmen und 1.267 Zweitstimmen in Niedersachsen. \u00c4hnlich wie die DKP ist die MLPD in Niedersachsen in der \u00d6ffentlichkeit kaum wahrnehmbar. Zur nieders\u00e4chsischen Landtagswahl vom 20.01.2013 waren DKP und MLPD nicht angetreten. 84","3.5 Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten Bund Niedersachsen Anh\u00e4nger 2012: 7.100 2012: 940 2013: 6.900 2013: 880 Publikationen INTERIM vers beaux temps, Hannover (vierzehnt\u00e4gig) (etwa viertelj\u00e4hrlich) radikal TABULA RASA, Hannover (unregelm\u00e4\u00dfig) (etwa monatlich) Phase 2 g\u00f6ttinger Drucksache, G\u00f6ttingen (etwa viertelj\u00e4hrlich) (w\u00f6chentlich) Alhambra, Oldenburg (alle zwei Monate) Fight back!, Braunschweig (unregelm\u00e4\u00dfig) autonomes Bl\u00e4ttchen, Hannover (unregelm\u00e4\u00dfig) 3.5.1 Urspr\u00fcnge, Ziele und Vorgehensweise Die Entstehungsgeschichte der autonomen Bewegung reicht bis in die 1960er Jahre zur\u00fcck, in denen die radikalen und militanten Teile der Studentenbewegung in zwei Hauptrichtungen zerfielen. Auf der einen Seite bildeten sich so genannte K-Gruppen 74 heraus, deren Vertreter die Theorien der sozialistischen \"Klassiker\" wie Marx, Engels, Lenin und Mao dogmatisch auslegten. Die Aktivit\u00e4ten dieser K-Gruppen waren von der \u00dcberzeugung getragen, dass nur eine disziplinierte, zentralistisch ausgerichtete Partei als Vorhut der Arbeiterklasse das Ziel der sozialistischen Revolution verwirklichen k\u00f6nne. Andererseits formierten sich die Autonomen Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre vorwiegend aus der Sponti-Szene, der militanten Anti-AKW-Bewegung und der militanten Hausbesetzerszene. Aus dieser Zeit stammt auch ihre Selbstbezeichnung. Sie steht f\u00fcr Eigenst\u00e4ndigkeit und bezieht sich historisch auf die Erfahrungen der militanten italienischen Arbeiterund Studen74 Der Begriff \"K-Gruppen\" ist eine Sammelbezeichnung f\u00fcr politische Gruppierungen wie den Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) oder die MLPD, die sich seit dem Ende der 1960er Jahre am Marxismus-Leninismus maoistischer Pr\u00e4gung orientieren und sich die Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zum Ziel gesetzt haben. 85","tenbewegung \"Autonomia Operaia\" der 1960er Jahre.75 Mit Beginn der 1990er Jahre bildete sich mit den so genannten Antideutschen eine neue Str\u00f6mung innerhalb des autonomen Spektrums heraus, die sich gegen einen vermeintlichen deutschen Nationalismus wandte. Vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung bef\u00fcrchteten ihre Aktivisten ein Erstarken des Nationalismus innerhalb der vereinigten Bundesrepublik und eine R\u00fcckkehr zum Nationalsozialismus. Im Zuge der Golfkriege von 1990 und 2003 solidarisierten sie sich bedingungslos mit dem Staat Israel und seiner Schutzmacht, den USA. Aus diesem Grunde kam es zum Bruch zwischen den Antideutschen, die immer nur einen Minderheitenposition innerhalb des autonomen Spektrums darstellten und darstellen, und den die autonome Szene dominierenden so genannten Antiimperialisten mit ihrer ausgepr\u00e4gten antiwestlichen, insbesondere antiamerikanischen und antiisraelischen Haltung. Autonome Gruppierungen sind nicht wie kommunistische Organisationen von einer einheitlichen Ideologie gepr\u00e4gt. Sie verkn\u00fcpfen vielmehr Elemente kommunistischer und anarchistischer Weltbilder miteinander. Autonome im klassischen Sinne verstehen sich zwar auch als undogmatische Linke und streben wie die Vertreter der orthodoxen K- Gruppen die sozialistische Revolution an, beantworten die \"Organisationsfrage\" aber anders. Sie lehnen eine staatliche Ordnung und jegliche Form von Hierarchien ab und sprechen sich f\u00fcr die Selbstorganisation des Zusammenlebens aus. Gemeinsames Ziel aller autonomen Gruppierungen ist es, den Staat und seine Institutionen gewaltsam abzuschaffen und durch eine \"herrschaftsfreie Gesellschaft\" zu ersetzen. Hiermit richten sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und sind demnach verfassungsfeindlich (SS 3 Abs. 1 NVerfSchG). Die Sympathisantengewinnung der autonomen Szene beginnt bereits in der Schule, z. B. durch pers\u00f6nliche Kontakte, Aush\u00e4nge und Veranstaltungshinweise. Dort wie auch sp\u00e4ter vor allem an der Universit\u00e4t soll das Interesse von anpolitisierten Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen f\u00fcr ein Engagement in autonomen Gruppierungen und deren Aktionsfelder geweckt werden. Dies geschieht haupts\u00e4chlich \u00fcber gesamtgesellschaftlich relevante Themen wie beispielsweise den Kampf gegen den Rechtsextremismus. In den letzten Jahren ist ein Wandel des Selbstverst\u00e4ndnisses von Teilen der autonomen Szene zu erkennen. Als Reaktion auf zunehmende interne Kritik an der autonomen Bewegung haben einige von ihnen begonnen, der Ideologieund Organisationsfrage mehr Raum zu geben. Diese sich als \"postautonom\" verstehenden Gruppierungen kennzeichnen eine undogmatische marxistisch-leninistische Ideologie, eine breit gef\u00e4cherte B\u00fcndnispolitik und der Wille, sich zu organisieren und zu vernetzen, um so in einem langfristigen Prozess die vorherrschenden Verh\u00e4ltnisse zu \u00fcberwinden. Im Zuge dieser Entwicklung haben sich Zusammenschl\u00fcsse wie die antiimperialistisch ausgerichtete \"Interventionistische Linke\" (IL) und das antideutsch ausgerichtete B\u00fcndnis \"...ums Ganze\" herausgebildet. Sie versuchen, auch gegen teilweise heftige Widerst\u00e4nde aus dem autonomen Spektrum, dieses 75 Diese militante \"Arbeiterautonomie\" propagierte den Kampf gegen die Fabrikarbeit und wandte sich gezielt gegen die etablierten Gewerkschaften und die Kommunistische Partei Italiens, denen sie Anpassung, Bevormundung und Verb\u00fcrgerlichung vorwarf. Lang andauernde Bestreikungen vor allem von Automobilfabriken bis hin zur Entf\u00fchrung von Managern, gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei und Sabotageakte in Fabriken pr\u00e4gten ihre Aktivit\u00e4ten. 86","st\u00e4rker zu vernetzen und das autonome Handeln besser zu organisieren, um so die Schlagkraft der autonomen Bewegung zu erh\u00f6hen. Diese Prozesse verdeutlichen, dass die linksextremistische Szene nicht statisch, sondern in \"Bewegung\" und somit st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen unterworfen ist. Eine zentrale Rolle im autonomen Selbstverst\u00e4ndnis spielt die Frage der Gewalt. Linksextremistischer Protest vermittelt sich f\u00fcr Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten nicht nur \u00fcber Informationsund Diskussionsveranstaltungen, Workshops, Vortr\u00e4ge und die Verbreitung von themenbezogenen Flugbl\u00e4ttern und Plakaten, sondern auch durch gewaltt\u00e4tige Aktionen wie Blockaden, Brandanschl\u00e4ge und Sachbesch\u00e4digungen, mit denen den eigenen politischen Zielen Nachdruck verliehen werden will. Dem linksextremistischen Verst\u00e4ndnis nach \u00fcben die \"kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse\" Gewalt gegen ihre B\u00fcrger aus. Sie stellen eine auf gesellschaftlichen Strukturen wie Werten, Normen, Institutionen und Machtverh\u00e4ltnissen basierende \"strukturelle Gewalt\" gegen\u00fcber den B\u00fcrgern dar und hindern diese daran, sich ihren Anlagen und M\u00f6glichkeiten entsprechend frei zu entfalten. Aus dieser vermeintlichen \"Gewalt des Systems\" leiten Autonome und sonstige gewaltbereite Linksextremisten ein Naturrecht auf Widerstand ab. Linksextremistische Gewalt versteht sich demzufolge als \"Gegengewalt\", als reaktives und dadurch legitimes Mittel, um die herrschende Gewalt aufzubrechen und Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren. Aus diesem Grunde spielt die Anwendung von Gewalt eine zentrale Rolle in der autonomen Szene. Die Ereignisse des letzten Jahres, insbesondere die Vorkommnisse vor, w\u00e4hrend und nach der Demonstration vom 21.12.2013 in Hamburg unter dem Motto \"Selbstorganisation statt Repression! Refugee-Bleiberecht, Esso-H\u00e4user und Rote Flora durchsetzen!\", belegen eine erh\u00f6hte Aggressivit\u00e4t innerhalb des linksextremistischen Spektrums. Sie lassen erkennen, dass die Hemmschwelle zur Anwendung von Gewalt weiter gesunken ist und die Gef\u00e4hrdung von Menschenleben billigend in Kauf genommen wird. Vor allem Polizeibeamte werden zunehmend zu Opfern linksextremistischer Gewalt. Die szeneinternen Reaktionen auf t\u00e4tliche \u00dcbergriffe auf und entmenschlichende \u00c4u\u00dferungen gegen\u00fcber Polizisten im Internet zeigen aber, dass es gegenw\u00e4rtig keine Bereitschaft innerhalb der autonomen Szene zur gezielten T\u00f6tung von Menschen gibt. Insofern hat der seit den t\u00f6dlichen Sch\u00fcssen vom November 1987 auf zwei Polizeibeamte im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Startbahn West in Frankfurt am Main bestehende Grundkonsens, keine direkten Angriffe auf Leib und Leben von Menschen zu begehen, weiterhin innerhalb der linksextremistischen Szene Bestand. Auch f\u00fcr eine Wiederaufnahme der so genannten Militanzdebatte76, die die 2009 aufgel\u00f6ste Berliner militanten gruppe (mg) angesto\u00dfen hatte, gibt es gegenw\u00e4rtig keine Anzeichen. Weder zeichnet sich eine strukturierte Debatte zu diesem Thema ab, noch ist eine linksextremistische Gruppierung erkennbar, die diese steuern und f\u00fchren k\u00f6nnte. Zwar k\u00f6nnen k\u00fcnftige Radikalisierungen nicht ausgeschlossen werden, zurzeit weist aber nichts auf eine sich organisierende Gewalt hin, die in einen erneuten Linksterrorismus m\u00fcnden k\u00f6nnte. 76 Bei dieser Debatte ging es um die Frage, inwieweit Gewalt in der politischen Auseinandersetzung auch gegen Personen angebracht und innerhalb der linksextremistischen Szene vermittelbar ist. 87","Autonome Zentren sind selbstverwaltete und unabh\u00e4ngige kulturelle und soziopolitische Einrichtungen. Sie sind in erster Linie Versammlungsund Veranstaltungszentren und dienen Linksextremisten als R\u00fcckzugsr\u00e4ume zur Planung politischer Agitation und (gewaltt\u00e4tiger) Aktionen. Oftmals sind sie aber auch Teil \u00f6ffentlicher Einrichtungen beispielsweise der Jugendarbeit, die nicht nur von Linksextremisten, sondern auch von demokratischen Organisationen und Einzelpersonen genutzt werden. 3.5.2. Aktionsfelder Linksextremisten sind thematisch vielseitig aufgestellt. Neben dem Antifaschismus engagieren sie sich vor allem in ideologisch eng miteinander verbundenen Themenfeldern wie Antirepression, Antirassismus und Antimilitarismus. Sie agieren dabei themen\u00fcbergreifend, so dass oftmals dieselben Akteure in thematisch unterschiedlich ausgerichteten Gruppierungen anzutreffen sind. Mit ihren Aktionsfeldern greifen Linksextremisten gesamtgesellschaftlich relevante Themen auf, die die Menschen bis weit in die Mitte der Gesellschaft bewegen und zum zivilgesellschaftlichen Engagement herausfordern. Im Gegensatz zum b\u00fcrgerlichen Protest, der frei ist von system\u00fcberwindenden Forderungen, basiert der linksextremistische auf ideologischen Grundannahmen, f\u00fcr die eine prinzipielle Gegnerschaft zum politischen System der Bundesrepublik und seiner Wirtschaftsordnung kennzeichnend ist. Linksextremisten dienen ihre Aktionsfelder daher nur als Plattform f\u00fcr ihr eigentliches Ziel, den Kampf gegen den demokratischen Rechtsstaat. Erst wenn dieser \u00fcberwunden ist, lassen sich ihrer Auffassung nach alle anderen gesellschaftlichen Probleme l\u00f6sen. So hei\u00dft es exemplarisch bez\u00fcglich der Bek\u00e4mpfung des Rechtsextremismus im Selbstverst\u00e4ndnis der Jugendantifa Kreis Osnabr\u00fcck: \"Die \u00dcberwindung des Faschismus ist nur mit der \u00dcberwindung des kapitalistischen Normalvollzugs und seiner b\u00fcrgerlichen Ideologie m\u00f6glich.\" (Internetseite der Jugendantifa Kreis Osnabr\u00fcck, Ausdruck vom 13.03.2014) Linksextremisten versuchen, gesellschaftliches b\u00fcrgerliches Engagement f\u00fcr ihre system\u00fcberwindenden Ziele zu instrumentalisieren. 3.5.2.1 Aktionsfeld \"Antifaschismus\" Zentrales Aktionsfeld der Autonomen ist der \"Antifaschismus\", da dieser der \u00d6ffentlichkeit aus ihrer Sicht am besten zu vermitteln ist. Insbesondere auf diesem Gebiet zeigen Autonome eine hohe Gewaltbereitschaft. Unter R\u00fcckgriff auf die von dem damaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale (Komintern) Georgi Dimitroff im August 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern in Moskau aufgestellten These, wonach der Faschismus \"die offene terroristische Diktatur der reaktion\u00e4rsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des 88","Finanzkapitals\"77 sei, ist der Faschismus dem linksextremistischen Verst\u00e4ndnis nach dem Kapitalismus immanent. Faschismus kann deshalb nur dann erfolgreich bek\u00e4mpft werden, wenn zugleich auch seine Ursache, der Kapitalismus, beseitigt wird. Konsequenter Antifaschismus zielt daher f\u00fcr Linksextremisten immer auch auf die kapitalistische Wirtschaftsund Gesellschaftsordnung, die es zu \u00fcberwinden gilt. Feindbilder der Autonomen sind nicht nur rechtsextremistische Strukturen und Personen, sondern auch die Bundesrepublik Deutschland. Der demokratische Rechtsstaat und seine Wirtschaftsordnung werden in eine Tradition mit dem NS-Staat gestellt und als faschistisch bezeichnet. Rechtsextremismus wird von den Autonomen als ein systemimmanentes Merkmal der deutschen Gesellschaftsordnung bewertet. Sie unterstellen ihr, den Rechtsextremismus und einen immanenten Rassismus bewusst zu f\u00f6rdern und zu instrumentalisieren. Der revolution\u00e4re \"Antifaschismus\" richtet sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und verfolgt als Ziel, die gesellschaftlichen und politischen Strukturen, die aus linksextremistischer Sicht Faschismus und Rassismus hervorbringen, zu zerschlagen. Bis heute gilt die Aussage, die die redical [M] in einem Flugblatt vom 22.05.2011 zu den Protesten gegen den NPD-Landesparteitag in Northeim plakativ zum Ausdruck gebracht hat: \"Wir bek\u00e4mpfen Nazis aktiv und mit unseren Mitteln - das bleibt auch so. Vor allem aber bek\u00e4mpfen wir dieses Deutschland samt seines kapitalistischen Wertsystems, das Menschen nach brauchbar und unbrauchbar sortiert, das Konkurrenz und Mehrwert \u00fcber die Bed\u00fcrfnisse des Menschen stellt, das Zust\u00e4nde wie nun Northeim zwangsl\u00e4ufig hervorbringt. Wir k\u00e4mpfen noch immer f\u00fcr den kategorischen Imperativ, alle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist. ... F\u00fcr den Frieden und den Kommunismus!\" Auch die Antifaschistische Aktion Hannover (AAH) verdeutlicht in ihren Grunds\u00e4tzen beispielhaft, in welchem Sinne der Antifaschismus bis heute von Autonomen interpretiert wird: \"Wir haben ein Ziel: Soziale Revolution. Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr die Abschaffung jeglicher Unterdr\u00fcckung - f\u00fcr Herrschaftsfreiheit nicht nur hier, sondern \u00fcberall. Deshalb ist unser antifaschistischer Kampf mehr als nur die Verteidigung des Status quo gegen Faschismus. Unsere Perspektive geht \u00fcber das bestehende Ganze hinaus.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der AAH, Ausdruck vom 14.01.2014) Vor allem die \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz von Rechtsextremisten f\u00fchrt auf Seiten der Autonomen nach wie vor zu entsprechenden Gegenreaktionen. Diese reichen von verbalen Attacken \u00fcber Angriffe auf szenetypische Treffpunkte bis hin zu k\u00f6rperlichen Konfrontationen. So genannte Outing-Aktionen dienen dazu, pers\u00f6nliche Daten wie Wohnort, Beruf und Fotos von vermeintlichen Rechtsextremisten mit dem Ziel \u00f6ffentlich zu machen, die betroffene 77 Georgi Dimitroff, Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf f\u00fcr die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: ders., Gegen Faschismus und Krieg. Ausgew\u00e4hlte Reden und Schriften, Leipzig 1982, Seiten 49-136, hier Seite 52. 89","Person gesellschaftlich zu \u00e4chten und ihr bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes maximalen Schaden zuzuf\u00fcgen. Nicht selten m\u00fcnden sie in k\u00f6rperliche \u00dcbergriffe auf den politischen Gegner. Obwohl prinzipiell organisationsfeindlich, beteiligen sich Autonome auch an gro\u00dfen b\u00fcrgerlichen B\u00fcndnisdemonstrationen. Diese bieten ihnen die Gelegenheit, \u00f6ffentlich besser wahrgenommen zu werden und in deren Schutz die Konfrontation mit den \"Repressionsorganen des Staates\" suchen zu k\u00f6nnen. Den von demokratischen Organisationen getragenen Protest gegen den mittlerweile zum achten Mal in Folge in Bad Nenndorf (Landkreis Schaumburg) durchgef\u00fchrten so genannten Trauermarsch von Rechtsextremisten am 03.08.2013 nutzten Linksextremisten, um ihre Ablehnung der staatlichen Ordnung zum Ausdruck zu bringen. Nach Polizeiangaben bem\u00fchten sich ca. 300 Angeh\u00f6rige der linksextremistischen autonomen Szene aus dem norddeutschen Raum, den rechtsextremistischen Aufmarsch zu verhindern. So lief eine \u00fcberwiegend aus Linksextremisten bestehende Gruppe von etwa 50 Personen parallel zur Aufzugsstrecke der Rechtsextremisten und versuchte mehrfach, Absperrungen der Polizei zu durchbrechen. Linksextremisten versuchten ferner den rechtsextremistischen so genannten Tag der deutschen Zukunft (TddZ) am 01.06.2013 in Wolfsburg zu verhindern. Neben dem gr\u00f6\u00dftenteils von Gewerkschaften, Kirchengemeinden und demokratischen Parteien getragenen Zusammenschluss \"Wolfsburg ist bunt - Schulterschluss Wolfsburger Demokraten\" mobilisierten auch B\u00fcndnisse wie die Kampagne \"No-TddZ\". Sie setzte sich \u00fcberwiegend aus linksextremistischen Antifa-Gruppierungen, namentlich der Antifa L\u00fcneburg, zusammen. Erkl\u00e4rtes Ziel des B\u00fcndnisses war es, die rechtsextremistische Demonstration zu blockieren und somit zu verhindern. Dabei grenzten sie sich von den demokratischen Demonstrationen und Protesten ab. In dem auf der Internetseite des B\u00fcndnisses eingestellten Aufruf hei\u00dft es dazu: \"Wir werden nicht tatenlos zusehen, wenn die Nazis in Wolfsburg versuchen ihren Aufmarsch durchzuf\u00fchren. Dem werden wir entschlossen und mit allen Mitteln entgegentreten. Beteiligt euch am 01. Juni 2013 an den antifaschistischen Aktionen in Wolfsburg damit wir den Naziaufmarsch gemeinsam verhindern ... Ein 'Gesicht zeigen gegen Rechts', eine 'Meile der Demokratie' mit Grillen und Saufen gegen Rechts oder andere symbolische Aktionen reichen uns nicht aus. Wir wollen den direkten Widerstand, der Faschisten und ihre Sympathisanten an dem hindert, was sie gerade tun!\" Unter dem Motto \"There is no german Zukunft\" mobilisierte ein weiteres B\u00fcndnis gegen den TddZ, das aufgrund der Formulierung seines Aufrufes dem antideutschen 78 Spektrum innerhalb der autonomen Szene zuzuordnen ist. Dem auf der Internetseite dieses B\u00fcndnisses eingestellten Aufruf nach geh\u00f6ren ihm, \" ... linksradikale Gruppen, die dezentral und kreativ gegen den Aufmarsch vorgehen\" an. Insgesamt beteiligten sich etwa 500 gewaltbereite Linksextremisten an den Gegendemonstrationen in Wolfsburg. Bei einer Vorkontrolle von mit Autonomen besetzten Reise78 Siehe Kapitel 3.5.1. 90","bussen und Pkw konnte die Polizei unter anderem drei Feuerl\u00f6scher, sechs Reizstoffspr\u00fchger\u00e4te (Pfefferspray), ein Kunststoffschutzschild und einen Teleskopschlagstock sicherstellen. Einige von ihnen versuchten die Bahnhofshalle zu blockieren, indem sie sich auf die Treppe zu den Gleisen setzten, um so die Rechtsextremisten an der Anreise zu hindern. Im Laufe des Tages bem\u00fchten sich immer wieder gr\u00f6\u00dfere Gruppen von Autonomen erfolglos auf die Aufzugsstrecke der Rechtsextremisten zu gelangen. Durch Steinw\u00fcrfe und k\u00f6rperliche Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden acht Einsatzkr\u00e4fte verletzt, insgesamt 14 Personen wurden festgenommen. Die Teilnahme von gewaltbereiten Linksextremisten an den Protesten gegen den TddZ hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Waren im Jahr 2010 in Hildesheim noch ca. 100 gewaltbereite Linksextremisten beteiligt, nahmen am 04.06.2011 bereits 700 an den Protesten in Braunschweig teil. Seinen H\u00f6hepunkt erreichte der autonome Gegenprotest 2012 in Hamburg mit insgesamt ca. 1.500 gewaltbereiten Linksextremisten. Die vergleichsweise hohe Teilnehmerzahl ist auf die in Hamburg \u00fcber Jahrzehnte gefestigten linksextremistischen Strukturen zur\u00fcckzuf\u00fchren. In 2013 war die Zahl der gewaltbereiten Linksextremisten mit etwa 500 stark r\u00fcckl\u00e4ufig. Daraus aber auf einen generellen R\u00fcckgang zu schlie\u00dfen, w\u00e4re verfr\u00fcht. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die vergleichsweise geringe Beteiligung in erster Linie den bundesweiten linksextremistischen Aktionen im Zusammenhang mit der zeitgleichen Blockupy-Kampagne am 30.05. und 01.06.2013 in Frankfurt geschuldet ist. Auch bei k\u00fcnftigen Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene muss daher von einer hohen \u00fcberregionalen Mobilisierung linksextremistischer Gegenproteste ausgegangen werden, die auch weiterhin von einem hohen Gewaltpotenzial gepr\u00e4gt sein k\u00f6nnen. 3.5.2.2 Aktionsfeld \"Antirassismus\" Der B\u00fcrgerkrieg in Syrien und die Lage vor allem in Nordafrika f\u00fchren dazu, dass zahlreiche Menschen ihre Heimat verlassen und sich auf der Flucht befinden. Ihr Schicksal ber\u00fchrt die Menschen auch in der Bundesrepublik und f\u00fchrt zu zahlreichen Solidarisierungsaktionen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung befindet sich auch das Themenfeld \"Antirassismus\" in der autonomen Szene im Aufwind. Im Gegensatz zum demokratischen Protest benutzen Autonome dieses Thema aber nur als Plattform f\u00fcr ihr eigentliches Ziel, den Kampf gegen den demokratischen Rechtsstaat. Ihrer Meinung nach unterstreicht vor allem der Umgang mit den so genannten Lampedusa-Fl\u00fcchtlinge im Stadtgebiet von Hamburg die \"Notwendigkeit gegen diesen Staat und seine Organe\" vorzugehen. So solidarisieren sich Teile auch des nieders\u00e4chsischen linksextremistischen Spektrums mit den Betroffenen und mobilisieren zu Resonanzkundgebungen. Die grunds\u00e4tzlich pazifistisch orientierten Unterst\u00fctzungsorganisationen des demokratischen Spektrums f\u00fchren naturgem\u00e4\u00df innerhalb der gewaltbereiten autonomen Szene zu Kontroversen \u00fcber m\u00f6gliche gemeinsame Aktionen und Kundgebungen. Daher neigen Teile der autonomen Szene dazu, nur begrenzt zu entsprechenden Aktionen zu mobilisieren. Sie priorisieren stattdessen eigenst\u00e4ndige Solidarit\u00e4tsveranstaltungen, z. B. die friedlich verlaufene 91","Spontankundgebung am 15.10.2013 in Hannover-Linden mit ca. 30 Personen, bei der u. a. Parolen wie \"Solidarit\u00e4t muss praktisch werden - Feuer und Flamme den Abschiebebeh\u00f6rden\", \"Kein Mensch ist illegal - Bleiberecht f\u00fcr alle\" und \"Nazis morden - der Staat schiebt ab - das ist das gleiche Rassistenpack\" skandiert wurden. Diese Versammlung fand mutma\u00dflich durch elektronische Mobilisierung von Personen der autonomen Szene statt. Dennoch bleibt innerhalb der linksextremistischen Szene immer eine Schnittmenge f\u00fcr kollektives, \u00f6ffentlichkeitswirksames Engagement. F\u00fcr den 29.11.2013 mobilisierte die linksextremistische Gruppierung Antifaschistische Linke International (A.L.I.) in G\u00f6ttingen f\u00fcr eine Demonstration unter dem Motto: \"Rassismus bek\u00e4mpfen - Verfassungsschutz aufl\u00f6sen\". Anlass war der zweite Jahrestag des Bekanntwerdens der Morde des \"Nationalsozialistischen Untergrunds\" (NSU). Insgesamt nahmen ca. 480 Personen an der Demonstration durch die G\u00f6ttinger Innenstadt teil. Neben vereinzelten Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden von vermummten Teilnehmer Bengalfackeln und Pyrotechnik abgebrannt. W\u00e4hrend der Demonstration gerieten auch zwei Pkw in Brand, die auf den Grundst\u00fccken zweier Studentenverbindungen geparkt waren. Die A.L.I. ist ebenso wie die redical [m] aus der ehemaligen G\u00f6ttinger Autonomen Antifa [M] die sich Ende April 2004 aufgel\u00f6st hat, hervorgegangen. Sie ist inhaltlich antiimperialistisch ausgerichtet und grenzt sich dadurch ideologisch von den antideutschen Gruppierungen innerhalb der linksextremistischen autonomen Szene ab. Sie versteht sich als: \"Teil einer weltweiten Linken, die sich den Zumutungen und existentiellen Bedrohungen durch den Kapitalismus in konkreten K\u00e4mpfen entgegenstellt ... Bezugspunkt und Subjekt von Befreiung sind f\u00fcr uns alle Menschen, die wie wir innerhalb der ihnen gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen den Kampf gegen den Kapitalismus, das Patriarchat, nationalistischen Chauvinismus, Rassismus und Antisemitismus entwickeln wollen; f\u00fcr eine Gesellschaft in der die Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen \u00fcberwunden ist.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der A.L.I., Ausdruck vom 13.03.2014) Neben dem allgemeinen Hauptaktionsfeld der A.L.I., dem Antifaschismus, haben die Themenbereiche Antirassismus, Antirepression und Antimilitarismus einen hohen Stellenwert. Diese Aktionsfelder werden von der A.L.I., auch aufgrund tagespolitischer Ereignisse, mit unterschiedlichen Schwerpunkten \u00f6ffentlich durch unterschiedliche Veranstaltungen, Demonstrationen oder Kundgebungen thematisiert. Die A.L.I. agiert nicht nur in G\u00f6ttingen sondern ruft auch zu \u00fcberregionalen Aktionen auf. So mobilisierte sie \u00fcber ihre Internetseite zu den Protesten gegen den \"Tag der deutschen Zukunft\" in Wolfsburg und den Protesten gegen den \"Trauermarsch\" der Neonaziszene in Bad Nenndorf. Neben ihrem regionalen Aktionsradius strebt die A.L.I. jedoch laut ihrem Selbstverst\u00e4ndnis auch \u00fcberregionale Strukturen an. \"Parallel zu dieser regionalen Verankerung beteiligen wir uns an der Schaffung einer radikalen Linken, die bundesweite Handlungsf\u00e4higkeit erreichen will.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der A.L.I., Ausdruck vom 13.03.2014) 92","Aus diesem Grunde arbeitet die A.L.I. auch in dem bundesweiten Netzwerk \"Interventionistische Linke\" (IL) mit, einem Zusammenschluss \u00fcberwiegend antiimperialistisch ausgerichteter autonomer Gruppierungen und nichtextremistischer Organisationen sowie Einzelpersonen (siehe auch Kapitel 3.6.3.). Die redical [m] versteht sich dagegen als eine antideutsche Gruppierung. Sie ist in denselben Themenbereichen wie die A.L.I. aktiv. Welche Alternative ihr zur bestehenden Ordnung vorschwebt, unterstreicht der abschlie\u00dfende Satz ihres Selbstverst\u00e4ndnisses: \"F\u00fcr den Kommunismus!\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der redical [m], Ausdruck vom 28.03.2014) Um dieses Ziel zu erreichen, ist die redical [m] der \"festen \u00dcberzeugung, dass die Linke kaum etwas mehr braucht als Verbindlichkeit und feste Strukturen, um sich \u00fcberhaupt kontinuierlich weiter entwickeln zu k\u00f6nnen.\" Aus diesem Grunde hat sie sich dem bundesweit agierenden antideutschen kommunistischen B\u00fcndnis \"Ums Ganze\" angeschlossen. Vor allem die EU-Asylpolitik ist ein insbesondere in linksextremistischen Kreisen heftig umstrittenes Thema. Aus diesem Grunde wird der Begr\u00fcndungszusammenhang \"Antirassismus\" auch k\u00fcnftig nicht nur Basis von linksextremistisch motivierten Demonstrationen sein, sondern k\u00f6nnte mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit auch weiterhin szenetypische Straftaten nach sich ziehen, ohne dass diese immer einer genauen autonomen Gruppierung zugeordnet werden k\u00f6nnen. Hierzu z\u00e4hlen u. a. Sachbesch\u00e4digungen wie Farbschmierereien oder das Einwerfen von Fensterscheiben bei Polizeidienststellen, die an der Durchsetzung staatlicher Ma\u00dfnahmen in Asylund Fl\u00fcchtlingsverfahren beteiligt sind. Zuletzt wurde das Thema Asylund Fl\u00fcchtlingsprojekt von der autonomen Szene in Hamburg benutzt, um f\u00fcr ihr prim\u00e4res Anliegen, die \"Rote Flora\" als linksautonomes Zentrum zu erhalten, gr\u00f6\u00dftm\u00f6glich zu mobilisieren. Aufgerufen wurde von der Kampagne \"Flora bleibt unvertr\u00e4glich\" zu einer bundesweiten Demonstration am 21.12.2013 mit dem Motto \"Selbstorganisation statt Repression! Refugee-Bleiberecht, Esso-H\u00e4user und Rote Flora durchsetzen!\". Diesem Aufruf folgten unter Beteiligung nieders\u00e4chsischer Linksextremisten insgesamt 7.300 Personen. Darunter befanden sich 4.700 gewaltbereite Personen, die zum gro\u00dfen Teil dem linksextremistischen Spektrum zugeordnet wurden. Im Verlauf der Demonstration eskalierte die Situation zwischen der Polizei und den Demonstrationsteilnehmern. Aus einem schwarzen Block an der Spitze des Aufzuges heraus wurden Feuerwerksk\u00f6rper und sonstige Gegenst\u00e4nde in Richtung der Einsatzkr\u00e4fte geworfen. Die Polizei setzte daraufhin Schlagst\u00f6cke, Pfefferspray und Wasserwerfer ein und verf\u00fcgte die Aufl\u00f6sung der Demonstration. Im Verlauf des Nachmittags bis in die Nacht lieferten sich Gruppen mit bis zu 300 Personen immer wieder gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Superm\u00e4rkte, Hotels, Beh\u00f6rdenund Bankgeb\u00e4ude wurden besch\u00e4digt, Pkw in Brand gesetzt. Im Laufe des Tages wurden 20 Personen vorl\u00e4ufig festgenommen, 120 Polizeibeamte wurden verletzt. 93","Aus Solidarit\u00e4t mit den Forderungen der Hamburger Demonstranten wurde in den folgenden Tagen in G\u00f6ttingen auf dem Parkplatz der Bundespolizei, vor dem Hauptzollamt und vor dem Verwaltungsgericht jeweils ein Brandsatz gelegt, ohne dass es zu einer Detonation kam. Der Aufbau der drei Brands\u00e4tze entsprach der in der linksextremistischen Szene kursierenden Anleitung f\u00fcr eine so genannte GASAKI-Sprengvorrichtung79. Diese Brandsatzmodelle mit Gaskartuschen wurden in den letzten Jahren u. a. von den Revolution\u00e4ren Aktionszellen (RAZ) bei Anschl\u00e4gen in Berlin eingesetzt. Zu den Anschl\u00e4gen in G\u00f6ttingen bekannte sich eine bisher unbekannte Gruppe namens \"Flora und Fauna\" im Internet unter der \u00dcberschrift: \"Solidarit\u00e4t muss praktisch werden! Auf Allen Ebenen! Mit Allen Mitteln!\". In ihrem Selbstbezichtigungsschreiben solidarisierte sie sich mit den Protesten vom 21.12.2013 in Hamburg und stellte die Anschl\u00e4ge von G\u00f6ttingen als ihre \"Reaktion\" auf die Vorkommnisse von Hamburg dar. 3.5.2.3 Aktionsfeld \"Antirepression\" Gew\u00f6hnlich spricht man von \"Repression\", wenn es um Unterdr\u00fcckung und Menschenrechtsverletzungen in Diktaturen und autorit\u00e4ren Systemen geht. Linksextremisten dagegen \u00fcbertragen diesen Begriff auf die innenpolitische Situation in Deutschland. Sie verstehen unter Repression die vermeintliche Unterdr\u00fcckung der individuellen, sozialen und politischen Entfaltung durch gesellschaftliche Strukturen oder autorit\u00e4re Verh\u00e4ltnisse in Deutschland, insbesondere durch Handlungen staatlicher Exekutivorgane wie Polizei und Nachrichtendienste. Ihnen geht es dabei vor allem um die Delegitimierung des demokratischen Rechtsstaates. Vor allem die Erweiterung der Befugnisse der Sicherheitsbeh\u00f6rden nach den Terroranschl\u00e4gen vom 11.09.2001 wird als \"staatliche Repression\" wahrgenommen. Linksextremisten bezeichnen den Staat als \"Unterdr\u00fcckungsapparat\" und werfen ihm vor, seine Bewohner zu \u00fcberwachen und seine Kritiker zu kriminalisieren. Vor diesem Hintergrund hat das Aktionsfeld \"Antirepression\" in den letzten Jahren im linksextremistischen Spektrum an Bedeutung gewonnen. Vermeintlich repressive Handlungen der Staatsorgane dienen Linksextremisten immer h\u00e4ufiger als Anlass f\u00fcr Demonstrationen oder Kampagnen. Polizeiliche Ma\u00dfnahmen im Zusammenhang mit Straftaten wie K\u00f6rperverletzungsdelikten oder Landfriedensbruch werden als \"Kriminalisierung von linken Strukturen\" bezeichnet. Repressionsma\u00dfnahmen gegen Szeneangeh\u00f6rige im Zusammenhang mit rechtsextremistischen Veranstaltungen werden als staatliche Unterst\u00fctzung f\u00fcr \"Faschisten\" und als Ma\u00dfnahmen zur Stabilisierung des kapitalistischen Systems gedeutet. Zentrales Anliegen sind die Freilassungen von \"politischen Gefangenen\" sowie die Abschaffung aller \"Kn\u00e4ste\". In diesem Zusammenhang wird auch die zweimal j\u00e4hrlich stattfindende St\u00e4ndige Konferenz der Innenminister und -senatoren der L\u00e4nder (IMK) von Linksextremisten als ein Symbol f\u00fcr staatliche \u00dcberwachung, \"rassistische Sondergesetze\" und als H\u00f6hepunkt staatlicher \"Organisation von Repression\" gesehen. So hei\u00dft es in einem Aufruf zu den Protesten gegen die IMK im Mai 2013 in Hannover: \"Die tiefen Einschnitte in Freiheitsrechte scheinen notwendig zu sein, damit das Sys79 GASAKI ist Szenejargon und steht f\u00fcr ein Brandsatzmodell mit Gaskartuschen. 94","tem nicht an den brodelnden inneren Widerspr\u00fcchen zerbricht. Diese Herstellung von Sicherheit, die nicht mehr als ein Herstellen von Staatlichkeit ist, ist auch f\u00fcr uns als Teil der radikalen Linken bedrohlich ... Hier werden Leitlinien entworfen, Strategien und Instrumente entwickelt, die dazu dienen dort mit Gewalt zu intervenieren, wo es nicht gelingt gesellschaftlichen Konsens durch Ideologie herzustellen.\" (ver\u00f6ffentlicht im Internet, Ausdruck vom 18.12.2013) An den Protesten der weitgehend friedlich verlaufenen Demonstration in Hannover nahmen ca. 200 Personen teil. Im Aufruf des B\u00fcndnisses \"Kein Frieden mit der IMK\" zu den Protesten im Vorfeld der IMK in Osnabr\u00fcck hei\u00dft es: \"Die IMK dient der politischen F\u00fchrung als Werkzeug zur Machterhaltung und - ausweitung. Auf der IMK werden die Weichen gestellt, die sp\u00e4ter unsere Selbstbestimmung beschneiden.\" (ver\u00f6ffentlicht im Internet, Ausdruck vom 18.12.2013) An dieser st\u00f6rungsfrei verlaufenen Demonstration beteiligten sich am 30.11.2013 in Osnabr\u00fcck ca. 260 Personen. Um sich generell vor \"staatlicher Repression\" zu sch\u00fctzen, werden Aktionskonzepte innerhalb der linksextremistischen Szene verbreitet. So wird in der im Fr\u00fchjahr 2010 erschienenen Publikation prisma - prima radikales info sammelsurium militanter aktionen - dar\u00fcber berichtet, welche Sicherheitsma\u00dfnahmen bei militanten Aktionen beachtet werden sollten. In Publikationen und Internet-Ver\u00f6ffentlichungen geben Linksextremisten Hinweise zum Umgang mit \"Anquatschversuchen\" sowie zum Verhalten im Umgang mit den \"Repressionsorganen\". Vereine wie die von Linksextremisten getragene Rote Hilfe e. V. (RH) befassen sich ausschlie\u00dflich mit \"Antirepressionsarbeit\". Sie begleiten mit Hilfe von Solidarit\u00e4tsveranstaltungen und Kampagnen strafprozessuale Ma\u00dfnahmen der Beh\u00f6rden. Die RH ist seit 1986 ein eingetragener Verein mit einem Bundesvorstand und einer Bundesgesch\u00e4ftsstelle in G\u00f6ttingen. Selbstst\u00e4ndige Ortsgruppen in Niedersachsen existieren in Braunschweig, G\u00f6ttingen, Hannover und Osnabr\u00fcck. Ihre Hauptaufgabe sieht die RH im Kampf gegen \"staatliche Repression\" indem sie Rechtshilfe gew\u00e4hrt und Szeneangeh\u00f6rigen Anw\u00e4lte vermittelt. In der Konfrontation zwischen \"repressivem\" Staat und \"Opposition\" sieht die Rote Hilfe ihren Platz an der Seite der von staatlichen Ma\u00dfnahmen Betroffenen. So hei\u00dft es in ihrer Publikation Die Rote Hilfe: \"Das wohl wichtigste staatliche Repressionsinstrument, das oftmals den Schlusspunkt systematischer Attacken gegen linke Oppositionelle bildet, ist nach wie vor der Knast ... Setzen wir den Angriffen des Systems auf unsere Genoss_innen und Strukturen unseren entschlossenen Widerstand entgegen.\" (Sonderausgabe der Roten Hilfe vom 18.03.2012, Seite 1f.) 95","Die RH versteht sich aber nicht als karitative Rechtsschutzversicherung, sondern als \"Selbsthilfeorganisation f\u00fcr die gesamte Linke\". Neben ihren Unterst\u00fctzungsleistungen stellt die RH so genannte Ermittlungsaussch\u00fcsse zu besonderen Veranstaltungen wie z. B. Demonstrationen bereit. Die Aufgabe der Ermittlungsaussch\u00fcsse besteht darin, sich um Festgenommene zu k\u00fcmmern und Rechtsanw\u00e4lte zu vermitteln. Nach wie vor nimmt das Themenfeld \"Antirepression\" einen hohen Stellenwert innerhalb des linksextremistischen Spektrums ein und f\u00fchrt insbesondere bei gewaltorientierten Linksextremisten vermehrt zu Resonanzaktionen und Protesten. Vor allem nach den gewaltt\u00e4tigen Protesten im Dezember 2013 in Hamburg zeichnet sich ein hoher Solidarisierungseffekt innerhalb dieser Szene ab. 3.5.2.4 Aktionsfeld \"Antimilitarismus\" Antimilitaristen unterstellen der Bundesrepublik, von ihrer Staatsordnung, Gesellschaftsstruktur und Denkweise her militaristisch zu sein. Ihre Proteste richten sich deshalb vor allem gegen die Bundeswehr und gegen die mit ihr zusammenarbeitenden Unternehmen. Auch Linksextremisten sind in dem Themenfeld \"Antimilitarismus\" aktiv. Im Gegensatz zu den nichtextremistischen Antimilitaristen zielen sie mit ihren antimilitaristischen Protesten und Aktionen \u00fcber den eigentlichen Anlass hinaus auf die \u00dcberwindung des bestehenden politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. Neben der im Wesentlichen von Angeh\u00f6rigen des nichtextremistischen Spektrums getragenen so genannten Anti-Kriegsbzw. Friedensbewegung reklamieren auch der parteipolitisch organisierte Linksextremismus und Autonome - unter ausdr\u00fccklicher Einbeziehung f\u00fcr sie typischer militanter Aktionen - das Thema \"Antimilitarismus\" f\u00fcr sich. Im Sinne der Militarismustheorie Karl Liebknechts, wonach das Milit\u00e4r im Kapitalismus dazu dient, \"kapitalistische Expansionsbestrebungen\" gegen\u00fcber anderen Staaten durchzusetzen und im eigenen Land den Kapitalismus und dessen \"Ausbeutungsstrukturen\" zu stabilisieren,80 sehen Linksextremisten in der Bundeswehr ein kriegf\u00fchrendes Organ zur Durchsetzung \"kapitalistischer\" und \"imperialistischer\" Interessen. So hei\u00dft es in dem von der autonomen Szene Hannover herausgegebenen \"Autonomen Bl\u00e4ttchen\": \"Erfolgreicher Antimilitarismus kommt nicht ohne eine grunds\u00e4tzliche Infragestellung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse aus. Das hei\u00dft, ohne revolution\u00e4re Perspektive wird kein antimilitaristischer Kampf erfolgreich sein k\u00f6nnen.\" (Ausgabe Nr. 14 vom 10.09.2013, ver\u00f6ffentlicht im Internet, Ausdruck vom 04.02.2014) 80 Karl Liebknecht, Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der internationalen Jugendbewegung, Leipzig 1907. 96","Ihre Aktionen richten sich vor allem gegen die \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz der Bundeswehr in der Gesellschaft und deren Auslandseins\u00e4tze. W\u00e4hrend pazifistische Antimilitaristen beispielsweise gewaltlose Aktion wie das so genannte \"Die-in\" durchf\u00fchren, bei denen sie sich unter die Veranstaltungsteilnehmer mischen, auf den Boden werfen und sich mit Kunstblut \u00fcbergie\u00dfen, um so gegen Armeen und Milit\u00e4reins\u00e4tze zu protestieren, beschr\u00e4nken Autonome ihre Proteste nicht auf friedliche Aktionsformen. Ihre Gewaltbereitschaft dr\u00fcckt sich vor allem in Anschl\u00e4gen auf die Bundeswehr und auf die mit ihnen kooperierenden Unternehmen wie die Deutsche Post AG, die Telekom oder die DHL aus. So verschafften sich bislang unbekannte T\u00e4ter in der Nacht zum 27.07.2013 Zugang zum Gel\u00e4nde der Elbe-Havel-Kaserne in Havelberg im Landkreis Stendal (Sachsen-Anhalt) und setzten durch eine Vielzahl von Brands\u00e4tzen mehrere Fahrzeuge der Bundeswehr in Brand. Hierbei entstand ein Sachschaden von rund zehn Millionen Euro. Der Anschlag fand am \"Aktionstag gegen das Gefechts\u00fcbungszentrum Altmark (G\u00dcZ)\" statt, der im Rahmen des \"antimilitaristischen\" Camps \"War starts here\" in der Altmark, rund 100 km s\u00fcdwestlich von Havelberg, durchgef\u00fchrt wurde. An dem Camp nahmen auch in diesem Jahr Personen aus Niedersachsen teil und beteiligten sich an Aktionen gegen das G\u00dcZ. In einer Pressemitteilung vom 28.07.2013 auf der Internetseite des \"War starts here\"-Camps hei\u00dft es zu dem Anschlag: \"Es ist in unseren Augen nachvollziehbar, wenn sich Menschen f\u00fcr Sabotage als antimilitaristisches Mittel entscheiden und Abr\u00fcstung selbst in die Hand nehmen\". (Internetseite \"War starts here-Camp\", Ausdruck vom 09.01.2014) Dar\u00fcber hinaus stie\u00df der Anschlag auch bei einzelnen Campteilnehmern auf Zustimmung, wie eine auf dem Internetportal \"linksunten.indymedia\" ver\u00f6ffentlichte Stellungnahme vom 27.07.2013 belegt: \"Wir freuen uns \u00fcber alle anderen gelaufenen Aktionen an diesem Tag und w\u00e4hrend des WarStartsHereCamps 2013 und die Abr\u00fcstung in Havelberg und w\u00fcnschen einen weiteren sch\u00f6nen, und vor allem hei\u00dfen antimilitaristischen Sommer!!!\" In Niedersachsen wurde in der Nacht zum 16.12.2013 in L\u00fcneburg ein Brandanschlag auf dem Gel\u00e4nde der Bundeswehr ver\u00fcbt. Unbekannte T\u00e4ter setzten zwei auf einem Werkstattgel\u00e4nde abgestellte Bundeswehr-Lkw in Brand. An weiteren dort abgestellten Fahrzeugen wurden nicht gez\u00fcndete Brands\u00e4tze festgestellt. Es entstand ein Sachschaden in H\u00f6he von mindestens 260.000 Euro. Bislang liegt kein Selbstbezichtigungsschreiben zu der Tat vor. Die Zielauswahl und die Vorgehensweise sprechen jedoch f\u00fcr einen linksextremistischen Hintergrund. Da diese Form des \"Antimilitarismus\" gro\u00dfe \u00f6ffentliche Beachtung findet und innerhalb der linksextremistischen Szene auf Zustimmung st\u00f6\u00dft, muss auch weiterhin mit Anschl\u00e4gen auf die Bundeswehr gerechnet werden. In der Region Hannover ist im Themenfeld Antimilitarismus vor allem die seit den sp\u00e4ten 1980er Jahren bestehende linksextremistische Gruppierung Rote Aktion Kornstra\u00dfe (RAK) aktiv. Sie beteiligt sich u. a. an den regelm\u00e4\u00dfigen Protestaktionen zur j\u00e4hrlich im Februar stattfindenden NATO-Sicherheitskonferenz in M\u00fcnchen. 97","Ferner sind auch Musikveranstaltungen und Nachwuchsgewinnungsma\u00dfnahmen der Bundeswehr in der Region Hannover Anlass zu St\u00f6raktionen und Protestkundgebungen von Antimilitaristen. 3.6 Gruppierung AVANTI - Projekt undogmatische Linke AVANTI - Projekt undogmatische Linke (AVANTI) ist nach eigener Aussage eine Organisation, die haupts\u00e4chlich zu den Themenfeldern \"Antifaschismus\", \"Antimilitarismus\", \"Antirassismus\" und \"Soziale K\u00e4mpfe\" Stellung bezieht. Im Gegensatz zur sonst eher \u00fcblichen \"Einzelk\u00e4mpfermentalit\u00e4t\" der Autonomen sollen bei AVANTI Organisationsstrukturen geschaffen werden, die \"gemeinsames Handeln und die Entwicklung eines solidarischen Zusammenhalts erm\u00f6glichen\". Ortsgruppen bestehen in Berlin, Bremen, Flensburg, Hamburg, Hannover, Kiel, L\u00fcbeck und Norderstedt. 3.6.1 Selbstverst\u00e4ndnis AVANTI will sich sowohl von der autonomen Szene als auch von orthodoxen Kommunisten unterscheiden. AVANTI beansprucht keinen \"Alleinvertretungsanspruch der radikalen Linken\", sondern stellt sich der politischen Diskussion \u00fcber L\u00f6sungen zur \u00dcberwindung der herrschenden Gesellschaftsordnung: \"Wir sehen zwischen revolution\u00e4rer Zielsetzung und dem Kampf f\u00fcr konkrete Teilforderungen keinen grundlegenden Widerspruch. Im Gegenteil: Nur durch eine offensive Beteiligung an politischen Tagesk\u00e4mpfen kann revolution\u00e4re Politik an Glaubw\u00fcrdigkeit und St\u00e4rke gewinnen.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite von AVANTI, Ausdruck vom 10.12.2013) Das aktuell g\u00fcltige umfangreiche Grundsatzpapier aus dem Jahr 2004 propagiert die Schaffung einer neuen Gesellschaftsform, bei dem der Einsatz von Gewalt nicht ausgeschlossen wird: \"Das Privateigentum an Produktionsmitteln kann und muss daher abgeschafft werden und eine Form kollektiven Eigentums an seine Stelle treten. ... Wir sind daher der \u00dcberzeugung, dass die Entscheidung zum Einsatz revolution\u00e4rer Gewalt sehr genau abgewogen werden muss und nur als letztes Mittel gelten kann, wenn andere Methoden, um dem Willen der Bev\u00f6lkerungsmehrheit nach einem gesellschaftlichen Wandel Geltung zu verschaffen, nicht zur Verf\u00fcgung stehen oder versagt haben.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite von AVANTI, Ausdruck vom 10.12.2013) 3.6.2 AVANTI Hannover Die seit 1998 bestehende Antifa 3000 hatte \u00fcber ihre Internetseite mitgeteilt, dass sie sich nach dem positiven Verlauf gemeinsamer Projekte der Organisation AVANTI - Projekt undogmatische Linke als Ortsgruppe Hannover angeschlossen und als solche zum 01.11.2005 in \"Avanti Hannover\" umbenannt hat. Die Gruppe bekennt sich zur Notwendigkeit revolution\u00e4rer Organisationen: 98","\"Unsere \u00dcberzeugung war und ist, dass die heutige Gesellschaft revolution\u00e4r ver\u00e4ndert werden muss und dass die hierf\u00fcr notwendige gesellschaftliche Gegenmacht nicht allein aus spontanen Bewegungen bestehen kann, sondern die Beteiligung revolution\u00e4rer Organisationen braucht.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite von AVANTI, Ausdruck vom 10.12.2013) 3.6.3 Teil der \"Interventionistischen Linken\" AVANTI ist eingebunden und wichtiges Mitglied in dem bundesweiten Netzwerk \"Interventionistische Linke\" (IL), einem Zusammenschluss von gegenw\u00e4rtig 23 Gruppierungen des antiimperialistischen und autonomen Spektrums, aber auch nichtextremistischer Organisationen sowie Einzelpersonen. Die IL betrachtet sich als organisierte und undogmatische \"linksradikale Str\u00f6mung\", die durch Intervention in gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen Handlungsf\u00e4higkeit demonstriert. Den Grundsatz ihrer verfassungsfeindlichen Ausrichtung dokumentiert die IL in ihrem Faltblatt zur \"Zweiten offenen Arbeitskonferenz\" vom April 2008 in Marburg, der noch heute ihre Aktionen bestimmt: \"Eine radikale Linke wird im Dazwischengehen deshalb immer auch sag-, sichtund streitbar machen, dass rebellische W\u00fcnsche und emanzipatorische K\u00e4mpfe konsequent nur in einer Politik des offensiven Bruchs mit den bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnissen ausgefochten werden k\u00f6nnen.\" (Faltblatt zur Konferenz, ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der IL, Ausdruck vom 10.12.2013) Neben AVANTI geh\u00f6ren aus Niedersachsen noch die A.L.I. aus G\u00f6ttingen und die Rote Aktion Kornstrasse (RAK) aus Hannover zur IL. 3.6.4 Aktuelle Aktivit\u00e4ten F\u00fcr den \"hannoverschen Arm\" der IL zeichnet sich seit Mitte 2012 eine neue Entwicklung ab. Drei der einflussreichsten Gruppierungen des autonomen Spektrums der Region Hannover f\u00fchrten unter dem Motto \"Hinein in die gemeinsame Organisierung\" Gespr\u00e4che \u00fcber eine abgestimmte Vorgehensweise. zur Durchsetzung des gemeinsamen Ziels, die Umw\u00e4lzung der politischen Verh\u00e4ltnisse herbei. Beteiligt an diesen Bestrebungen sind die bereits zur IL geh\u00f6rende Ortsgruppe Hannover von AVANTI81, die RAK sowie die Antifaschistischen Aktion Hannover [AAH]. Die [AAH] trat erstmals Anfang 2001 in Erscheinung und stellt aktuell eine der aktivsten Gruppierungen des autonomen Spektrums in der Region Hannover dar. Im Oktober 2007 gab die [AAH] die Abspaltung eines Teils ihrer Mitglieder bekannt. Die (Rest)Gruppierung ver\u00f6ffentlichte unter Beibehaltung des alten Namens im M\u00e4rz 2008 ein nach wie vor g\u00fcltiges Grundsatzpapier \u00fcber ihre Verortung innerhalb der \"radikalen Linken\". In diesem Papier hebt die [AAH] hervor: \"Wir k\u00e4mpfen f\u00fcr die Abschaffung jeglicher Unterdr\u00fcckung, f\u00fcr Herrschaftsfreiheit 81 Die Ortsgruppe Hannover von AVANTI ist im Jahr 2005 aus dem Zusammenschluss der damaligen Gruppierung Antifa 3000 mit der Organisation AVANTI - Projekt undogmatische Linke entstanden. 99","nicht nur hier, sondern \u00fcberall. Deshalb ist unser antifaschistischer Kampf mehr als nur die Verteidigung des Status quo gegen den Faschismus.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der [AAH], Ausdruck vom 10.03.2014) Die [AAH] organisiert j\u00e4hrlich den antikapitalistischen Block zum 1. Mai in Hannover und versucht damit auch im Themenfeld \"Soziale K\u00e4mpfe\" Pr\u00e4senz zu zeigen. Dar\u00fcber hinaus werden von der [AAH] im UJZ Kornstra\u00dfe in Hannover regelm\u00e4\u00dfig Informationsund Mobilisierungsveranstaltungen zu verschiedenen Themenfeldern organisiert. Die Entwicklung in Hannover unterstreicht einmal mehr den Wandel hin zu postautonomen Strukturen, dem Teile der autonomen Szene seit einiger Zeit unterliegen. Diesen Postautonomen kommt es darauf an, sich - entgegen dem bisherigen autonomen Selbstverst\u00e4ndnis - zu organisieren, sich zu vernetzen und der Frage der Ideologie einen gr\u00f6\u00dferen Stellenwert einzur\u00e4umen. Obwohl die IL bereits seit Jahren einen intensiven Diskurs \u00fcber die M\u00f6glichkeiten einer strukturierten bundesweiten Mobilisierung zu den einschl\u00e4gigen Kampagnen wie z. B. Blockaden von \u00fcberregionalen rechtsextremistischen Aufm\u00e4rschen oder zu \"Castor schottern\"Aktionen f\u00fchrt, zeigt diese lokale Vernetzungsbestrebung deutlich, das auch \"vor Ort\" die Akzente f\u00fcr Widerstand und Protest wirkungsvoll zusammengef\u00fchrt werden sollen. F\u00fcr das Jahr 2014 sind bereits Projekte angek\u00fcndigt, die das weitere Zusammenwachsen f\u00f6rdern sollen. Es handelt sich dabei u. a. um Blockupy-Proteste gegen Kapitalismus und autorit\u00e4res Krisenmanagement in Frankfurt/Main, Proteste gegen den rechtsextremistischen so genannten Trauermarsch in Bad Nenndorf und Proteste gegen das Sommerbiwak der 1. Panzerdivision in Hannover. Mit der Auswahl der Themen (Antiglobalisierung, Antifaschismus, Antimilitarismus) wird ein breiter Bogen innerhalb der Aktionsfelder der autonomen Szene geschlagen. 3.7. Anarchismus Neben dem Kommunismus ist der moderne Anarchismus der zweite grundlegende Ideologiestrang des Linksextremismus. Beide Richtungen wollen auf revolution\u00e4rem Wege die bestehende Ordnung \u00fcberwinden, unterscheiden sich aber in der Zielsetzung. W\u00e4hrend Kommunisten sich an der Utopie einer klassenlosen Gesellschaft orientieren, streben Anarchisten eine herrschaftsfreie Gesellschaft an. Im Anarchismus nimmt die individuelle Freiheit den h\u00f6chsten Stellenwert ein. \u00dcberlagern ein \u00fcbersteigerter Gleichheitsbegriff und eine kollektivistische Orientierung bei kommunistisch ausgerichteten Organisationen die individuellen Freiheitsrechte, lehnen Anarchisten jegliche Form von Hierarchien und Herrschaft ab. Alle anarchistischen Str\u00f6mungen verneinen aus diesem Grunde den Staat, seine Institutionen und Repr\u00e4sentanten ebenso wie die kapitalistische Wirtschaftsweise und alle auf hierarchischen Strukturen basierenden gesellschaftlichen Organisationen, insbesondere die Kirchen. Sie streben vielmehr die vollkommene Befreiung des Menschen von allen gesellschaftlichen, politischen, \u00f6konomischen und kulturellen Zw\u00e4ngen an. 100","W\u00e4hrend Anarchisten deutlich sagen, was sie nicht wollen, bleiben ihre Vorstellungen f\u00fcr die praktische Gestaltung der angestrebten anarchistischen Gesellschaft eher unbestimmt. So soll jeder Mensch sich dort ohne unterdr\u00fcckende Autorit\u00e4t und in freier Assoziation mit anderen Menschen entfalten k\u00f6nnen. Jeder soll sich freiwillig, selbstbestimmt und f\u00f6deral in Kollektiven verschiedener Art wie Kommunen als kleinster Einheit des Zusammenlebens, Genossenschaften und Syndikaten als Basis der Produktion zusammenschlie\u00dfen. Daraus wird deutlich, dass sich Anarchisten zwar weitgehend einig dar\u00fcber sind, was sie ablehnen, aber nur diffuse Vorstellungen dar\u00fcber haben, was sie bejahen und anstreben. Damit kommen Anarchisten dem autonomen Selbstverst\u00e4ndnis sehr nahe. Begriffe wie \"Autonomie\" und \"Selbstbestimmung\", aber auch \"Assoziation\" und \"Selbstverwaltung\" spielen aus diesem Grunde f\u00fcr sie eine zentrale Rolle. Mit dem Letztgenannten sind Zusammenschl\u00fcsse von Menschen am Arbeitsplatz oder Wohnort gemeint. Der Anarchismus ist aber kein monolithischer Block. Vielmehr verbergen sich hinter diesem Begriff verschiedene Formen anarchistischen Selbstverst\u00e4ndnisses. So betont der kollektivistische Anarchismus die Gemeinschaft, der alle G\u00fcter und Produktionsmittel geh\u00f6ren sollen, w\u00e4hrend der individualistische Anarchismus den Einzelnen und seine Interessen ins Zentrum des politischen Denkens r\u00fcckt. F\u00fcr den solidarischen Anarchismus steht dagegen die soziale Gleichheit im Mittelpunkt. Sie soll aber nicht \u00fcber die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, sondern \u00fcber deren gerechtere Verteilung erreicht werden. Demgegen\u00fcber fordern die Anh\u00e4nger des kommunistischen Anarchismus den vollst\u00e4ndigen Bruch mit dem Kapitalismus, die Bejahung des Gemeineigentums und die Verneinung des Lohnsystems bis hin zur Abschaffung des Geldes. Der eher praktisch als theoretisch ausgerichtete Anarchosyndikalismus wiederum kn\u00fcpft an den kollektiven, kommunistischen und solidarischen Anarchismus an und \u00fcbertr\u00e4gt diesen auf die gewerkschaftliche Arbeit in den Betrieben.82 Zu einer der gr\u00f6\u00dften anarchosyndikalistischen83 Gruppierungen in Deutschland z\u00e4hlt die 1977 gegr\u00fcndete Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union/Internationale ArbeiterInnen Assoziation (FAU/IAA). Sie versteht sich als eine nach basisdemokratischen Prinzipien aufgebaute Gewerkschaft, die sich im \"weltweiten Kampf der Anarchosyndikalisten\" der Internationalen ArbeiterInnen Assoziation mit Sitz in Spanien angeschlossen hat. Ihr unmittelbares Ziel ist der Aufbau revolution\u00e4rer Gewerkschaften und militanter Betriebsgruppen. Dazu agiert sie in Form so genannter direkter Aktionen, wie z. B. Fabrikbesetzungen, Streiks und Sabotageaktionen. In ihrer \"Prinzipienerkl\u00e4rung\" konstatiert sie: \"Die parlamentarische Demokratie ist nur eine scheinbare Demokratie ... Unser Ziel ist Herrschaftslosigkeit ... Eine grundlegende Ver\u00e4nderung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse ist nur durch eine vollst\u00e4ndige Umgestaltung, die soziale Revolution, zu erreichen.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der FAU, Ausdruck vom 14.03.2014) 82 Armin Pfahl-Traughber, Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme, Wiesbaden 2014, S. 55ff. 83 Unter Anarchosyndikalismus versteht man eine gewerkschaftliche Organisierung, die auf anarchistischen Prinzipien beruht. Ziel ist es, das bestehende Staatssystem revolution\u00e4r zu \u00fcberwinden und durch ein klassenund staatenloses System zu ersetzen. 101","In Niedersachsen existieren derzeit zwei offizielle Lokalf\u00f6derationen der FAU/IAA in Hannover und Oldenburg. Im den vergangenen Jahren engagierte sich die FAU/IAA insbesondere in Kampagnen gegen Leiharbeit, f\u00fcr das Streikrecht und die Gewerkschaftsfreiheit. So beteiligte sich die FAU/IAA in Hannover erneut an verschiedenen Demonstrationen. Sie nahm u. a. an einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen am 07.09.2013 in Hannover teil. Am 18.06.2013 verteilte sie Flugbl\u00e4tter und Rosen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Einzelhandels, um sich mit diesen zu solidarisieren und auf die Arbeitsbedingungen der Branche hinzuweisen. Dar\u00fcber hinaus organisierte sie eine Veranstaltungsreihe mit dem Thema \"Arbeitsk\u00e4mpfe im Einzelhandel\". Mit diesen Aktionsformen instrumentalisieren sie den gewerkschaftlichen Protest f\u00fcr ihre eigenen Ziele. Weiterhin besteht in G\u00f6ttingen die der FAU/IAA nahe stehende Anarcho-syndikalistische Jugendorganisation G\u00f6ttingen/S\u00fcdniedersachsen (ASJ). Diese versteht sich selbst als \"eine lokalistische und anarcho-syndikalistische Gruppe und Teil eines Netzwerkes aus anarchosyndikalistischen und/oder daran orientierten libert\u00e4ren Jugendgruppen.\" Nach eigenen Angaben bestehen neben der ASJ G\u00f6ttingen/S\u00fcdniedersachen im Bundesgebiet zw\u00f6lf weitere Jugendorganisationen. Die ASJ organisiert in G\u00f6ttingen regelm\u00e4\u00dfig \u00f6ffentliche Abende und beteiligt sich an szenetypischen Demonstrationen. 3.8 Offen extremistische Zusammenschl\u00fcsse in der Partei DIE LINKE. Die Partei DIE LINKE. hat ihre Wurzeln in der 1989 aus der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) hervorgegangenen Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), die sich im Juli 2005 in Linkspartei.PDS umbenannte und am 16.06.2007 mit der Partei \"Arbeit & soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative\" (WASG) zur Partei DIE LINKE. fusionierte. Seit Beginn der 1990er Jahre wurde die damalige PDS und heutige Partei DIE LINKE. vom Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz und mehreren Landes\u00e4mtern f\u00fcr Verfassungsschutz beobachtet. Die Herangehensweise war dabei von Anfang an sehr unterschiedlich. W\u00e4hrend einige Bundesl\u00e4nder die Partei gar nicht beobachteten oder sich nur auf ihre extremistischen Zusammenschl\u00fcsse konzentrierten, beobachteten der Bund und weitere Landes\u00e4mter f\u00fcr Verfassungsschutz, so auch Niedersachsen, die Gesamtpartei mit offenen und teilweise auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Die Entwicklung der Partei DIE LINKE. in den letzten Jahren hat gezeigt, dass sie in ihrer Gesamtheit auf dem Boden des Grundgesetzes steht. Ein nennenswerter Einfluss von Vertretern ihrer extremistischen Str\u00f6mungen auf die Gesamtpartei ist nicht mehr feststellbar. Weder das Programm der nieders\u00e4chsischen Partei DIE LINKE. zur Landtagswahl 2013 noch die \u00c4u\u00dferungen ihrer nicht den extremistischen Str\u00f6mungen zugeh\u00f6rigen Funktion\u00e4re und Mitglieder lassen den ausreichenden Verdacht zu, die Gesamtpartei w\u00fcrde den demokratischen Verfassungsstaat in Frage stellen. Auch in den Bereichen, wo die Partei politische 102","Verantwortung \u00fcbernommen hat, wie z. B. in den Kommunen, sind extremistische \u00c4u\u00dferungen oder Handlungen nicht bekannt. Dar\u00fcber hinaus hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 17.09.2013 festgestellt, dass die Beobachtung eines ehemaligen Bundestagsabgeordneten und heutigen Landtagsabgeordneten der Partei DIE LINKE. durch das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz einen ungerechtfertigten Eingriff in dessen freie Mandatsaus\u00fcbung darstellt. Da der Betroffene keiner extremistischen Str\u00f6mung seiner Partei angeh\u00f6rt, geht von ihm nach Auffassung des Gerichts auch \"kein relevanter Beitrag f\u00fcr eine Gef\u00e4hrdung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung\" aus. Bei einer Gesamtabw\u00e4gung aller Umst\u00e4nde kommt das Gericht deshalb zu dem Schluss, dass die durch die Beobachtung des Betroffenen gewonnenen \"zus\u00e4tzlichen Erkenntnisse f\u00fcr die Ermittlung eines umfassenden Bildes \u00fcber die Partei au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu der Schwere des Eingriffs in das freie Mandat des Beschwerdef\u00fchrers\" stehen. Aus diesem Grunde untersagt das Gericht die weitere Beobachtung des Betroffenen, da eine solche Ma\u00dfnahme nicht den \"Anforderungen des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit\" gen\u00fcge.84 Vor diesem Hintergrund entfallen nach Ansicht des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes die Voraussetzungen f\u00fcr eine Beobachtung der Gesamtpartei DIE LINKE. nach SS 3 Abs. 1 NVerfSchG. K\u00fcnftig werden daher nur noch die f\u00fcr das Land Niedersachsen relevanten offen extremistischen Zusammenschl\u00fcsse KPF, SL und AKL beobachtet und im Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzbericht erw\u00e4hnt, da bei Ihnen weiterhin tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung vorliegen. 3.8.1 Kommunistische Plattform (KPF) Die KPF ist mit bundesweit ca. 1.200 Mitgliedern der mitgliederst\u00e4rkste, offen extremistische Zusammenschluss innerhalb der Partei. Sie versteht sich laut ihrer Satzung als ein \"bundesweiter Zusammenschluss von Kommunistinnen und Kommunisten in der Partei DIE LINKE.\", der nach wie vor an marxistisch-leninistischen Traditionen festh\u00e4lt. Zuletzt bem\u00fchte sich die nieders\u00e4chsische KPF mit einem Antrag f\u00fcr den 4. Landesparteitag am 08.02.2014, ihren satzungsgem\u00e4\u00dfen Status dahingehend abzu\u00e4ndern, dass sie k\u00fcnftig auch ordentliche Delegierte und Mitglieder in den Landessausschuss entsenden kann, um so ihren Einfluss auf die Partei DIE LINKE. ausweiten zu k\u00f6nnen. Die KPF ringt innerhalb der Partei DIE LINKE. um den sozialistischen Charakter der Partei und versucht orthodoxmarxistische Wertvorstellungen zu erhalten und auszuweiten. Der Bundessprecherrat hat hierzu im Dezember 2013 erkl\u00e4rt: \"Daraus folgt, dass die ideologischen Auseinandersetzungen wieder einen bedeutenderen Stellenwert erhalten werden. Als Kommunistinnen und Kommunisten in der LINKEN werden wir uns den inhaltlichen Fragen dieser Auseinandersetzung stellen.\" (KPF Mitteilungen Dezember 2013, Seite 12) 3.8.2 Sozialistische Linke (SL) Mit ca. 800 Mitgliedern geh\u00f6rt die SL ebenfalls zu den gr\u00f6\u00dften Zusammenschl\u00fcssen inner84 Siehe hierzu auch Kapitel 3.3. 103","halb der Partei DIE LINKE. In der SL arbeiten trotzkistische Gruppierungen, allen voran das trotzkistische Netzwerk \"marx21\". Dem Netzwerk geh\u00f6ren ca. 400 Personen an. Sie stellen damit knapp die H\u00e4lfte der Mitglieder der SL. In ihren politischen Leits\u00e4tzen vom 01.09.2007 formuliert marx21 seine Ziele wie folgt: \"Das Netzwerk steht f\u00fcr die Tradition des Sozialismus von unten. Diese richtet sich nach der zentralen Erkenntnis von Karl Marx, dass der Weg zu einer freien und gerechten Gesellschaft nur \u00fcber die Selbstbefreiung der arbeitenden Menschen f\u00fchren kann.\" Konkreter wird sie in einer Ausgabe in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift marx21: Sorgf\u00e4ltige und wissenschaftliche Analysen sind kein geistiger Luxus, sie sind unverzichtbar f\u00fcr die Entfaltung erfolgreicher Klassenk\u00e4mpfe zur \u00dcberwindung des Kapitalismus ... Daran gilt es auch heute wieder anzukn\u00fcpfen, denn ohne revolution\u00e4re Theorie keine revolution\u00e4re Praxis.\" (marx21, Ausgabe 04/2013, Seite 74) Dar\u00fcber hinaus betont das Netzwerk in seinen politischen Leits\u00e4tzen, dass es in der SL mitwirkt, um vor allem die eigenen Ziele zu verwirklichen. Die Urspr\u00fcnge von marx21 gehen auf die \"Sozialistische Arbeitergruppe\" (SAG), die 1969/70 entstand, zur\u00fcck. Ziel der SAG war es, eine revolution\u00e4re marxistische Partei zur Bek\u00e4mpfung des Kapitalismus aufzubauen, um so einen neuen Staat auf der Basis von Arbeiterr\u00e4ten zu errichten. Die SAG beteiligte sich aktiv an der Antifa-Bewegung und kooperierte dabei auch mit autonomen Gruppen. 1993 erfolgte die Umbenennung in \"Linksruck\". Mit der Entstehung der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) und ihrer sp\u00e4teren Fusion mit der PDS zur Partei DIE LINKE. versuchte der \"Linksruck\" in diesen Parteien zu wirken. Dabei bediente er sich der f\u00fcr trotzkistische Gruppierungen typischen Taktik des Entrismus85. Am 01.09.2007 l\u00f6ste sich \"Linksruck\" offiziell auf, existiert seitdem aber in der neu organisierten Gruppe marx21 und wirkt weiter innerhalb der Partei DIE LINKE. Die Mitglieder beider Organisationen stimmen gr\u00f6\u00dftenteils \u00fcberein. Marx21 z\u00e4hlt dabei zu den aktivsten trotzkistischen Organisationen in Deutschland. In Niedersachsen erkl\u00e4rt die SL in ihrer Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung aus dem Jahr 2006, dass sie die \"Tradition der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung in sich aufhebt\" und einen neuen Anlauf unternimmt, die \"Vorherrschaft des Kapitals\" zu \u00fcberwinden. Die SL strebt aber nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen gesellschaftlichen Systemwechsel an. Dazu hei\u00dft es in ihrer Gr\u00fcndungserkl\u00e4rung: \"In sozialistischer Tradition engagieren wir uns f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft, in der wir Menschen unsere Verh\u00e4ltnisse bewusst und menschengerecht regeln. Anstelle abstrakter Utopien nehmen wir die Potentiale der heutigen Gesellschaft selbst zum Ausgangspunkt, um die Gesellschaft umfassend zu ver\u00e4ndern.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der SL, Ausdruck vom 22.01.2014) Sie greift damit Forderungen und Ansichten des Netzwerkes marx21 auf. 85 Entrismus ist eine vornehmlich von Trotzkisten angewandte Taktik, um politische Organisationen mit dem Ziel zu unterwandern, von innen heraus politischen Einfluss zu gewinnen, die eigene Ideologie zu verbreiten und langfristig den Kurs der Organisation zu ver\u00e4ndern. 104","3.8.3 Antikapitalistische Linke (AKL) Die AKL bezeichnet sich in einer Erkl\u00e4rung vom 17.10.2012 als Zusammenschluss, der in der aktuellen Politik und der programmatischen Diskussion eine \"vorantreibende und radikal sozialistische Position\" vertritt. Mit Beschluss vom 15.01.2012 fungiert die AKL als Bundesarbeitsgemeinschaft in der Partei DIE LINKE. Seit ihrem Gr\u00fcndungsaufruf aus dem Jahr 2006 haben fast 2.000 Unterst\u00fctzer f\u00fcr die AKL unterzeichnet. Gezielt sucht sie den Schulterschluss mit anderen extremistischen Gruppierungen wie den gewaltbereiten Autonomen. So fordert sie in einer am 20.02.2013 auf ihrer Internetseite ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung dazu auf, sich nicht in \"friedliche und angeblich gewaltbereite autonome und b\u00fcrgerliche Antifaschisten spalten\" zu lassen. Dass die AKL ihre Ziele nicht auf demokratisch-parlamentarischem Wege erreichen will, macht die \u00c4u\u00dferung eines Mitgliedes des BundessprecherInnen-Rates der AKL deutlich: \"Gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen werden nicht durch Regierungsbeteiligungen erreicht, sondern nur breite gesellschaftliche Bewegungen, durch Massenproteste und -k\u00e4mpfe gegen den Kapitalismus und f\u00fcr eine neue andere Gesellschaft.\" (ver\u00f6ffentlicht auf der Internetseite der AKL, Ausdruck vom 30.10.2013) Auch in Niedersachsen geh\u00f6rt die AKL zu den aktiven und offen extremistischen Gruppierungen. Dies zeigt sich in einer auf ihrer Internetseite ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung vom 11.03.2013 zum Bundestagswahlprogrammentwurf der Partei DIE LINKE. Dort wollte die AKL-Niedersachsen folgende Passage einf\u00fcgen lassen: \"Ein Zur\u00fcck zu einem sozialen, regulierten Kapitalismus kann es jedoch auch nicht geben, dies macht eine neue, sozialistische Gesellschaftsordnung nicht nur erstrebenswert, sondern f\u00fcr das \u00dcberleben der menschlichen Zivilisation erforderlich.\" 105","4. Islamismus und sonstiger Extremismus mit Auslandsbezug 4.1 Mitglieder-/Anh\u00e4nger-Potenzial Mitglieder-/Anh\u00e4nger-Potenzial extremistischer Organisationen mit 2012 2013 Bezug zum Ausland Bundesrepublik Deutschland Islamistisch-extremistische Gruppen86 42.550 43.185 Extrem-nationalistische Gruppen 10.840 10.840 Linksextremistische Gruppen 17.970 17.970 Summe 71.360 71.995 Mitglieder-/Anh\u00e4nger-Potenzial extremistischer Organisationen mit Bezug zum Ausland 2012 2013 Niedersachsen Islamistisch-extremistische Gruppen 3.380 3.410 Extrem-nationalistische Gruppen87 600 600 Linksextremistische Gruppen 1.900 1.900 Summe 5.880 5.910 86 Nicht alle Mitglieder islamistisch-extremistischer Organisationen verfolgen oder unterst\u00fctzen extremistische Zielsetzungen. In der Zahl 42.550 ist erstmalig auch die bundesweite Gesamtzahl der Salafisten enthalten, die der Bund f\u00fcr 2011 noch nicht einbezogen hatte. 87 Vereine der Almanya T\u00fcrk Federasyon (ATF, so genannte \"Graue W\u00f6lfe\"), die keine \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktivit\u00e4ten entfaltet haben. 106","4.2 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t88 (PMK) mit extremistischem Hintergrund - Ausl\u00e4nder Die Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t wird seit dem Jahr 2001 durch die Polizei nach dem von der Innenministerkonferenz beschlossenen \"Kriminalpolizeilichen Meldedienst in F\u00e4llen Politisch motivierter Kriminalit\u00e4t (KPMD-PMK)\" bundeseinheitlich erfasst. Weitergehende grunds\u00e4tzliche Aussagen zur PMK finden Sie in Kapitel 2.2. Im Jahr 2013 wurden im Ph\u00e4nomenbereich der Politisch motivierten Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t insgesamt 45 Straftaten (2012: 58 Straftaten) mit extremistischem Hintergrund polizeilich registriert. Dies bedeutet einen R\u00fcckgang der Delikte um 28,8 Prozent. Die Fallzahlen befinden sich damit in den Deliktsbereichen auf einem weiterhin niedrigen Niveau. Mit einem Anteil von 70,6 Prozent (34 Straftaten) treten in diesem Ph\u00e4nomenbereich wie auch in den Jahren zuvor die Verst\u00f6\u00dfe nach SS 20 Vereinsgesetz besonders hervor. Diese stehen \u00fcberwiegend im Zusammenhang mit der PKK. Im Berichtszeitraum ereigneten sich drei Gewaltdelikte mit extremistischem Hintergrund. W\u00e4hrend einer im April 2013 durchgef\u00fchrten station\u00e4ren Versammlung des PKK-nahen \"Mala Gel e. V.\" auf dem Steintorplatz in Hannover gingen sechs Personen t\u00fcrkischer Herkunft \u00fcber den Platz. Nachdem eine dieser Personen ein ihr \u00fcberreichtes Flugblatt mit PKK-nahen Themen zerkn\u00fcllt und zu Boden geworfen hatte, kam es zu einer Schl\u00e4gerei zwischen ca. 1520 kurdischen Teilnehmern und den sechs t\u00fcrkischen Passanten. In deren Verlauf erhielt einer dieser Passanten einen lebensbedrohlichen Messerstich in den Lendenbereich und es wurde eine K\u00f6rperverletzung mittels Fahnenstange als Schlagwerkzeug begangen. Eine Beschuldigte steht im Verdacht, im Vorfeld der T\u00e4tlichkeiten, nachdem das Flugblatt weggeworfen worden war, auf die kurdischen Teilnehmer entsprechend eingewirkt und sich gem\u00e4\u00df SS 125 StGB strafbar gemacht zu haben. Im Jahr 2013 wurde in Niedersachsen kein Ermittlungsverfahren wegen islamistischem Terrorismus gef\u00fchrt. Das Verfahren gem. SS 89b aus dem Jahr 2012 wurde gem. SS 154f StPO eingestellt, da der Beschuldigte sich im Ausland aufh\u00e4lt. 88 Siehe Fu\u00dfnote 13. 107","\u00dcbersicht der Gewalttaten und sonstigen Straftaten mit extremistischem Hintergrund aus dem Bereich \"Politisch motivierte Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\" in Niedersachsen 89 Gewalttaten: 2012 2013 T\u00f6tungsdelikte 0 0 Versuchte T\u00f6tungsdelikte 0 0 K\u00f6rperverletzungen 0 2 Brandstiftungen 0 0 Herbeif\u00fchren einer Sprengstoffexplosion 0 0 Landfriedensbr\u00fcche 0 1 Gef\u00e4hrl. Eingriffe in Bahn-, Luft-, Schiffsoder Stra\u00dfenverkehr 0 0 Freiheitsberaubung 1 0 Raub 0 0 Erpressung 0 0 Widerstandsdelikte 0 0 Insgesamt 1 3 Sonstige Straftaten: Sachbesch\u00e4digungen 4 3 N\u00f6tigungen/Bedrohungen 0 2 Andere Straftaten (davon SS 20 VereinsG90) 53 (43) 37 (34) Insgesamt 57 42 Straftaten insgesamt 58 45 Anm.: Andere Straftaten: 34 x SS20 VereinsG , 1 x SS109H StGB, 1 x \"SS85 StGB, 1 x SS130 StGB 89 Die Zahlen basieren auf Angaben des Landeskriminalamtes Niedersachsen (LKA NI). Die Darstellung der nieders\u00e4chsischen Fallzahlen in \u00dcbersichten des Bundes kann davon abweichen, da das LKA NI eine so genannte \"lebende Statistik\" f\u00fchrt. Um die st\u00e4ndige Aktualit\u00e4t der Statistik sicherzustellen, werden dabei ggf. Nacherfassungen/Aktualisierungen auch f\u00fcr Vorjahre vorgenommen, so dass der Zahlenbestand Ver\u00e4nderungen unterliegen kann. 90 Zuwiderhandlungen gegen (Vereins-) Verbote. 108","4.3 Allgemeines zum Extremismus mit Auslandsbezug Die Bezeichnung \"Extremismus mit Auslandsbezug\" umfasst zwei unterschiedliche Ph\u00e4nomenbereiche. Sie bezieht sich zum einen auf die politische Ideologie des Islamismus, zum anderen aber auch auf die Aktivit\u00e4ten der in Deutschland agierenden, nichtislamistischen Organisationen mit Auslandsbezug. In diesem Kapitel wird die Entwicklung in den verschiedenen Bereichen des islamistischen Extremismus und des sonstigen Extremismus mit Auslandsbezug dargestellt. Detaillierte Berichte und Erl\u00e4uterungen der Begriffe finden sich in den folgenden Unterkapiteln. Die Zuordnung politisch motivierter Aktivit\u00e4ten zum Bereich des Extremismus mit Auslandsbezug ist beispielsweise dann gegeben, wenn eine politisch motivierte Bestrebung Ziele eines international agierenden Terrornetzwerks oder einer anderen Bestrebung im Ausland verfolgt oder die beteiligten Personen mehrheitlich eine andere Staatsangeh\u00f6rigkeit besitzen. Unter Extremismus mit Auslandsbezug verstehen die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder daher politische Aktivit\u00e4ten von Personen, wenn in Deutschland Auseinandersetzungen mit Gewalt ausgetragen werden und dadurch die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrdet wird, diese sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung wenden, z. B eine islamistische Ordnung f\u00fcr Staat und Gesellschaft durchsetzen wollen, vom Bundesgebiet ausgehende Gewaltaktionen in anderen Staaten durchgef\u00fchrt oder vorbereitet und dadurch ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik gef\u00e4hrdet werden oder Bestrebungen verfolgt werden, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung oder gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker gerichtet sind. 4.4 Islamismus Der Islamismus ist eine politische Ideologie, deren Anh\u00e4nger sich auf religi\u00f6se Normen des Islams berufen und diese politisch ausdeuten. Auch wenn der Begriff des Islamismus auf den Islam hindeutet, so ist doch diese politische Ideologie deutlich von der durch das Grundgesetz gesch\u00fctzten Religion des Islams zu trennen. Islamisten sehen in der Religion des Islams n\u00e4mlich nicht nur eine Religion, sondern auch ein rechtliches Rahmenprogramm f\u00fcr die Gestaltung aller Lebensbereiche: Von der Staatsorganisation \u00fcber die Beziehungen zwischen den Menschen bis ins Privatleben des Einzelnen. Islamismus beginnt dort, wo religi\u00f6se islamische Normen als f\u00fcr alle verbindliche Handlungsanweisungen gedeutet und - bisweilen unter Zuhilfenahme von Gewalt - durchgesetzt werden sollen. Islamistischen Organisationen und Bewegungen ist bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam, dass sie Gesellschaften anstreben, die durch die islamische Rechtsordnung der Scharia organisiert sind. Der Interpretationsspielraum bez\u00fcglich dessen, was die Scharia genau beinhaltet, ist gro\u00df. Islamisten verstehen die Scharia als von Gott verordnete Rechtsordnung f\u00fcr Staat und Gesellschaft. Sie richten sich in ihrer politisierten Interpretation der Scharia oft auch gegen die Mehrheit der Muslime, die in diesen islamischen Regeln ausschlie\u00dflich einen 109","Leitfaden f\u00fcr ihre individuelle religi\u00f6se Praxis sehen. Islamisten beanspruchen f\u00fcr sich oftmals, wie etwa im Falle der Scharia oder auch des Jihads91, die inhaltliche Deutungshoheit \u00fcber religi\u00f6se Begriffe und Konzepte, die allen Muslimen zu eigen sind, und politisieren diese. In seinem Absolutheitsanspruch widerspricht der Islamismus in erheblichen Teilen der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland. Insbesondere werden durch die islamistische Ideologie die demokratischen Grunds\u00e4tze der Trennung von Staat und Religion, der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, der religi\u00f6sen und sexuellen Selbstbestimmung, der Gleichstellung der Geschlechter sowie das Grundrecht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit verletzt. So werden z. B. Frauen von Islamisten nach deren Schariaverst\u00e4ndnis im Hinblick auf das Erbund Familienrecht benachteiligt. Die Herabw\u00fcrdigung einer Frau wird beispielsweise dadurch deutlich, dass die Zeugenaussage eines Mannes in einigen Bereichen so schwer wiegt wie die zweier Frauen. Juden und Christen, die die Herrschaft des islamischen Staates akzeptieren, d\u00fcrfen ihre Religion aus\u00fcben, m\u00fcssen aber Sondersteuern zahlen. Ebenso dr\u00e4ngen Islamisten auf die unbedingte Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der so genannten Hadd-Strafen, die f\u00fcr Vergehen wie \"Diebstahl\" oder \"Unzucht\" K\u00f6rperstrafen vorsehen, die von der Amputation der rechten Hand bis hin zur Todesstrafe reichen. Der Islamismus kann unterschiedlich ausgestaltet sein. Das islamistische Spektrum beinhaltet legalistische Organisationen, die bestrebt sind, innerhalb des vom Staat vorgegebenen rechtlichen Rahmens ihre Ziele durchzusetzen und Gewalt kategorisch ablehnen. Ein Beispiel f\u00fcr eine solche legalistische Organisation ist die Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs (IGMG, siehe Kapitel 4.10). Ebenso umfasst es islamistische Organisationen, die Gewalt als ein Mittel unter vielen bef\u00fcrworten und diese unter Umst\u00e4nden in akuten Konflikten, zumeist in dem Herkunftsland ihrer Akteure, anwenden. Die HAMAS (siehe Kapitel 4.8) und die Hizb Allah (siehe Kapitel 4.11) sind Beispiele daf\u00fcr. Dar\u00fcber hinaus beinhaltet das islamistische Spektrum auch terroristische Organisationen, die vorwiegend zum Mittel der Gewalt greifen und staatliche Strukturen offen bek\u00e4mpfen. Dazu z\u00e4hlen etwa jihadistische Organisationen wie al-Qaida (siehe Kapitel 4.5). Quergelagert zu diesen drei Ausformungen des Islamismus liegt der Salafismus (siehe Kapitel 4.7). Die meisten Anh\u00e4nger dieser islamistischen Bestrebung, so genannte politische Salafisten, lehnen Gewalt als Mittel ab. Eine Minderheit allerdings, so genannte jihadistische Salafisten, propagieren als prim\u00e4res Mittel Gewalt, um ihre politischen Ziele zu erreichen. 91 Die w\u00f6rtliche \u00dcbersetzung des Begriffs \"Jihad\" ist \"Anstrengung\" oder \"Bem\u00fchung\". Es gibt zwei Formen des Jihad: die geistig-spirituelle Bem\u00fchung des Gl\u00e4ubigen um das richtige religi\u00f6se und moralische Verhalten gegen\u00fcber Gott und den Mitmenschen (\"gro\u00dfer Jihad\") oder der k\u00e4mpferische Einsatz zur Verteidigung oder Ausdehnung des islamischen Herrschaftsgebiets (\"kleiner Jihad\"). Von militanten Gruppen wird der Jihad h\u00e4ufig als religi\u00f6se Legitimation f\u00fcr Terroranschl\u00e4ge verwendet. 110","4.5 Internationaler islamistischer Terrorismus Der internationale islamistische Terrorismus stellt eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr die internationale Staatengemeinschaft dar und ist nach wie vor auch eine Gefahr f\u00fcr die innere Sicherheit Deutschlands. Die Aktivisten des islamistischen Terrorismus sind \u00fcberwiegend von der (jihad)-salafistischen Ideologie geleitet. Sie propagieren, dass die islamische Welt durch einen anhaltenden Angriff des Westens, angef\u00fchrt von den USA, bedroht sei. Um die von ihnen angestrebten Lebensumst\u00e4nde der \"urislamischen Gemeinschaft\" des 7. Jahrhunderts auf der Arabischen Halbinsel herstellen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsse zun\u00e4chst die vermeintliche Hegemonie des Westens in der muslimischen Welt beendet werden. Die Struktur islamistisch-terroristischer Organisationen, allen voran die der al-Qaida, hat sich im letzten Jahrzehnt grundlegend ver\u00e4ndert. Die Anschl\u00e4ge vom 11.09.2001 in New York und Washington waren nur m\u00f6glich, weil al-Qaida damals eine hierarchisch geordnete Organisation gewesen ist. Sie war mit den daf\u00fcr notwendigen finanziellen Ressourcen ausgestattet und konnte ihre Angriffe von sicheren Basen aus \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum planen und umsetzen. Diese hierarchische Organisation der (Kern-)al-Qaida existiert, nicht zuletzt aufgrund des Verfolgungsdrucks durch die USA und ihrer Verb\u00fcndeten, in dieser Form nicht mehr. Seither hat eine Regionalisierung al-Qaidas stattgefunden. So bildeten sich regional verankerte terroristische Organisationen, die sich mitunter durch ihre Benennung an das gro\u00dfe Vorbild anlehnen [z. B. al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH), al-Qaida im islamischen Maghreb (AQM), Islamischer Staat Irak und Gro\u00dfsyrien (ISIG), al-Shabab, Jabhat al-Nusra] und sich - neben einer jeweils eigenen, auch regionalen Agenda - auf die al-Qaida-Ideologie eines globalen militanten Jihad berufen. Auch nach dem Tod Usama BIN LADINs im Mai 2011 verfolgen Kern-al-Qaida und ihre Regionalorganisationen weiterhin ihre Hauptziele: Das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen des westlichen Einflusses auf muslimische L\u00e4nder sowie den Sturz vermeintlich unislamischer Regierungen im Nahen und Mittleren Osten sowie Nordafrika. Die Destabilisierung einiger Staaten im Nahen Osten (z. B. Syrien und \u00c4gypten) im Zuge des Arabischen Fr\u00fchlings versucht al-Qaida f\u00fcr sich zu nutzen und ihren Einfluss auszubauen. Das zeigt sich etwa in der Neugr\u00fcndung von al-Qaida-Regionalorganisationen bzw. in der Verfestigung jihadistischer Strukturen. So schloss sich etwa im Januar 2012 die \"Unterst\u00fctzungsfront f\u00fcr das syrische Volk\", in der arabischen Kurzform Jabhat al-Nusra, aus Syrien der al-Qaida an, indem sie ihre Treue gegen\u00fcber dem neuen Emir der al-Qaida, Ayman AZZAWAHIRI schwor. Ein neuer Trend im Verh\u00e4ltnis der al-Qaida-Regionalorganisationen zueinander, aber auch zur Kern-al-Qaida, zeichnete sich im Verlauf des Jahres 2013 ab: Zwei al-QaidaRegionalorganisationen, Jabhat al-Nusra und ISIG, bek\u00e4mpfen sich derzeit gegenseitig, um die Vorherrschaft in Syrien zu erringen. ISIG versucht parallel dazu eigene staatliche Strukturen in Teilen von Syrien zu etablieren. Damit fordert ISIG Kern-al-Qaida heraus, die verf\u00fcgt hat, dass Jabhat al-Nusra die einzige Regionalorganisation al-Qaidas in Syrien sei. Neben den Organisationen der al-Qaida ist noch eine Vielzahl an eigenst\u00e4ndigen islamistisch-terroristischen Organisationen an den Brennpunkten im Nahen und Mittleren Osten und Nordafrika t\u00e4tig. Beispiele daf\u00fcr sind: Die im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet agierende Islamische Bewegung Usbekistans (IBU), in deren Reihen auch Muslime aus Deutschland k\u00e4mpfen. Auch unterh\u00e4lt die IBU paramilit\u00e4rische Ausbildungslager. In Deutschland sind popul\u00e4re 111","Mitglieder der islamistisch-jihadistischen Szene die aus Bonn stammenden Br\u00fcder, Monir und Yassin CHOUKA. Sie verbreiten bereits seit mehreren Jahren deutschsprachige Internetpropaganda im Namen der IBU und deklarieren Deutschland als Feind. Auch in Syrien ist eine Reihe von islamistisch-jihadistischen Organisationen aktiv, die nicht der al-Qaida angeh\u00f6rt. Diese Kampfgruppen schlossen sich am 22.11.2013 zur Islamischen Front zusammen. Sie bek\u00e4mpfte Ende 2013 auch die al-QaidaRegionalorganisation ISIG. Eine weitere islamistisch-terroristische Organisation, die nicht der al-Qaida angeh\u00f6rt, ist um den Anfang 2014 verstorbenen Tschetschenen Doku UMAROV, den selbsternannten Emir eines von ihm angestrebten Kaukasischen Emirats, aktiv: Im Juli 2013 ver\u00f6ffentlichte UMAROV ein Video mit dem Aufruf, die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi \"mit allen Mitteln\" zu verhindern. Seine Anh\u00e4nger sollten dieses Ziel mit \"maximaler Gewalt\" durchsetzen. Am 29. und 30.12.2013 erfolgten im s\u00fcdrussischen Wolgograd zwei Selbstmordanschl\u00e4ge. Zwar hat sich UMAROV nicht zu diesen Anschl\u00e4gen bekannt, doch ist davon auszugehen, dass seine Organisation daf\u00fcr verantwortlich ist. Deutlich hat sich im Jahr 2013 gezeigt, dass die einzelnen islamistisch-terroristischen Organisationen zwar ideologisch gesehen das gleiche Ziel verfolgen. Jedoch vertreten sie alle auch ihre partikularen, regionalen Interessen. Selbst innerhalb des al-Qaida-Verbundes traten 2013 die regionalen Machtbestrebungen einzelner Gruppen deutlich zutage. ISIG hat sich in seinem Bestreben, seine Vormachtstellung auch auf Syrien auszudehnen, den Ma\u00dfgaben der Kern-al-Qaida widersetzt. Innerhalb der al-Qaida, namentlich zwischen der syrischen Jabhat al-Nusra und dem ISIG, wurden in Folge Bruderk\u00e4mpfe ausgefochten. In \u00e4hnliche K\u00e4mpfe war ISIG auch gegen die Islamische Front verwickelt. Abzuwarten bleibt, inwiefern ISIG auch weiterhin die F\u00fchrung der al-Qaida zugunsten eigener Interessen untergraben wird und welche Konsequenzen sich f\u00fcr das innere Gef\u00fcge der al-Qaida daraus ergeben. Einhergehend mit der Regionalisierung der al-Qaida hat sich auch die Propaganda dieses Organisationsverbundes ver\u00e4ndert. Bereits in den 1990er Jahren hatte al-Qaida begonnen, auch das Internet zur Verbreitung ihrer Botschaften zu nutzen. Jedoch erfolgte die Propaganda bis vor wenigen Jahren vorwiegend auf Arabisch, so dass nur ein eingeschr\u00e4nkter Personenkreis erreicht werden konnte. Mit der Regionalisierung der Organisation und der gleichzeitigen Fortentwicklung des Internets ver\u00e4nderte sich dies. Al-Qaida ist in den letzten Jahren dazu \u00fcbergegangen, insbesondere auch in englischer Sprache Muslime f\u00fcr den militanten Jihad zu werben. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Mobilisierung westlicher Muslime, die gerade auch einzeln oder in Kleinstgruppen individuell im Westen t\u00e4tig werden sollen. Es ist davon auszugehen, dass diese Werbung von al-Qaida und anderen islamistischterroristischen Organisationen f\u00fcr den individuellen Jihad im Westen von einigen Adressaten in die Tat umgesetzt wird: Am 15.04.2013 ver\u00fcbten zwei im Nordkaukasus geborene Br\u00fcder tschetschenischer Volkszugeh\u00f6rigkeit, Tamerlan und Dzokhar TSARNAEV, w\u00e4hrend des Boston-Marathons in den USA einen Bombenanschlag. Drei Menschen kamen ums Leben, mehr als 200 Personen wurden teilweise schwer verletzt. Dar\u00fcber hinaus ermordeten zwei Islamisten am 22.05.2013 einen britischen Soldaten auf offener Stra\u00dfe im Londoner 112","Viertel Woolwich. Sie hatten ihn zun\u00e4chst mit dem Auto angefahren und dann mit Messern und einem Fleischerbeil angegriffen und get\u00f6tet. Es handelte sich bei den Attent\u00e4tern um britische Staatsangeh\u00f6rige nigerianischer Abstammung. Insbesondere die AQAH hat sich hinsichtlich jihadistischer Propaganda innovativ gezeigt. Sie propagiert seit Sommer 2010 in dem von ihr herausgegebenen Online-Magazin Inspire in englischer Sprache den militanten Jihad. Ganz im Sinne der al-Qaida-Ideologie des globalen Jihad wirbt sie f\u00fcr die Begehung von Anschl\u00e4gen durch Einzelt\u00e4ter oder Kleinstgruppen gerade auch in westlichen Staaten, auch ohne formalen Anschluss an eine al-QaidaOrganisation. Der Gebrauch der englischen Sprache erweitert den potenziellen Adressatenkreis und bezieht insbesondere auch westliche Muslime in die Propaganda ein. Im September 2011 wurden die beiden Hauptherausgeber des Inspire-Magazins, Anwar AL-AWLAQI und Samir KHAN, durch eine US-amerikanische Drohne im Jemen get\u00f6tet. Ungeachtet dessen erschienen sowohl 2012 wie auch 2013 jeweils zwei neue Ausgaben des Magazins. Somit sind bis Ende 2013 insgesamt elf Ausgaben von Inspire herausgebracht worden. Die 10. Ausgabe von Inspire behandelt haupts\u00e4chlich den individuellen Jihad und den Milit\u00e4reinsatz Frankreichs in Mali. In der 11. Ausgabe preisen die Autoren den Anschlag auf den Marathon in Boston am 15.04.2013. Auch der Anschlag in London auf einen britischen Soldaten am 22.05.2013 wird lobend erw\u00e4hnt. Vor dem Hintergrund des angeblichen Niedergangs der USA werden die Leser von Inspire dazu aufgerufen, die Wirtschaft der USA durch vermehrte Angriffe im Sinne des individuellen Jihads weiter zu schw\u00e4chen. Eine Jihadpublikation eher technischer Ausrichtung stellt das Magazin Al-Qaeda Airlines dar, dessen vierte Ausgabe im April 2013 im Internet ver\u00f6ffentlicht wurde. Hier geht es auf \u00fcber 600 Seiten und in einigen angeh\u00e4ngten Videos um die Herstellung und Ausbringung von Giftgasen. Die fr\u00fcheren Ausgaben dieses arabischund englischsprachigen Journals behandelten verschiedene f\u00fcr Jihadzwecke brauchbar erscheinende Chemikalien, Gifte sowie Sprengstoffe. 2013 erschien eine weitere englischsprachige jihadistische Zeitschrift mit dem Namen Azan (Gebetsruf). In der bereits im Dezember 2013 erschienenen 4. Ausgabe dieses OnlineMagazins erl\u00e4utert der sich ABU SALAMAH AL-MUHAJIR nennende Autor in dem Artikel \"To Jihadis in the West\" seine Auffassung, wonach ein Anschlag im Westen den gr\u00f6\u00dften Beitrag zum Jihad darstelle, den ein Muslim im Westen leisten k\u00f6nne. Der Schaden, der dadurch entst\u00fcnde, sei viel gr\u00f6\u00dfer und effektiver als der Schaden, der bei einem Angriff auf in der Welt verteilte westliche Truppen entstehe. Weiterhin sei von Vorteil, dass der meist weite und beschwerliche Weg in Jihad-Gebiete entfalle. Auch sei zu bedenken, dass die Nachrichtendienste R\u00fcckkehrer aus Jihad-Gebieten \u00fcberwachten. Daher sei es kl\u00fcger, ganz auf eine Ausreise zu verzichten und sich im Westen so unauff\u00e4llig wie m\u00f6glich zu verhalten, um einen Terroranschlag ausf\u00fchren zu k\u00f6nnen. 113","4.6 Islamistischer Terrorismus in Deutschland Die islamistisch-terroristische Szene in Deutschland ist heterogen ausgestaltet. Sie umfasst einerseits Gruppierungen, die Beziehungen zu islamistisch-terroristischen Organisationen im Ausland haben und andererseits Kleinstgruppen und selbstmotivierte Einzelt\u00e4ter, die an keine terroristische Organisation angebunden sind. Gerade die unabh\u00e4ngigen Gruppen und Einzelpersonen agieren zwar in der Regel im Sinne der von internationalen Organisationen wie al-Qaida vorgegebenen Leitlinien - das l\u00e4sst sich nicht zuletzt auf deren massive Internetpropaganda f\u00fcr einen individuellen militanten Jihad im Westen zur\u00fcckf\u00fchren. Jedoch sind sie nicht im Auftrag solcher Organisationen aktiv, sondern f\u00fchren ihre Aktivit\u00e4ten selbst\u00e4ndig durch. F\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden sind insbesondere Einzelpersonen, die selbst\u00e4ndig einen Anschlag in Deutschland planen und deren Radikalisierung ma\u00dfgeblich abgeschottet \u00fcber das Internet erfolgt, herausfordernd. Die Anschlagsplanungen von Einzelpersonen sind im Vorfeld nur schwer zu erkennen. Exemplarisch f\u00fcr einen solchen eigenst\u00e4ndig durchgef\u00fchrten Anschlag ist der Fall Arid UKA. Er erschoss im M\u00e4rz 2011 am Frankfurter Flughafen zwei USamerikanische Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Am 10.12.2012 scheiterte ein Sprengstoffanschlag am Bonner Hauptbahnhof. Dort wurde eine Tasche mit einem sprengstoffverd\u00e4chtigen Gegenstand aufgefunden, der bereits gez\u00fcndet worden war. Eine Explosion fand aufgrund technischer Unzul\u00e4nglichkeiten nicht statt. Am 12.03.2014 wurde wegen dieses versuchten Sprengstoffanschlags vom Generalbundesanwalt Anklage gegen einen deutschen Islamisten erhoben. Dar\u00fcber hinaus erhob er Anklage gegen diesen und drei weitere Islamisten, weil er davon ausgeht, dass sie Ende 2012 eine islamistisch-jihadistische Gruppierung mit dem Ziel gegr\u00fcndet haben, Anschl\u00e4ge auf f\u00fchrende Mitglieder der rechtsextremen pro NRW geplant zu haben. Konkret sei f\u00fcr den 13.03.2013 ein Mordanschlag auf den Vorsitzenden der pro NRW vorgesehen gewesen. Eine terroristische Gef\u00e4hrdung geht zu einem wesentlichen Teil, wie die beiden F\u00e4lle beispielhaft zeigen, auch von dem Ph\u00e4nomen des \"homegrown islamist terrorism\" aus. Eine Reihe von erfolgten Anschl\u00e4gen und Anschlagsversuchen in Europa und Nordamerika belegt, dass sich gerade auch im Westen geborene bzw. aufgewachsene Personen islamistisch radikalisiert haben. Die Erkenntnis, dass der islamistische Terrorismus in Europa nicht nur ein importiertes Ph\u00e4nomen ist, setzte sich sp\u00e4testens mit den Anschl\u00e4gen auf das Londoner Verkehrsnetz im Juli 2005 durch, f\u00fcr die in der britischen Gesellschaft sozialisierte T\u00e4ter verantwortlich waren. Damals kamen 56 Menschen ums Leben und mehrere Hundert wurden teilweise schwer verletzt. Bekannt f\u00fcr den \"homegrown islamist terrorism\" in Deutschland sind die Aktivit\u00e4ten der Sauerlandgruppe. Diese aus vier Personen bestehende Gruppe, zwei davon Konvertiten, hatte geplant, mehrere Anschl\u00e4ge in Deutschland durchzuf\u00fchren. Sie hatten in Niedersachsen \u00fcber 700 kg chemischer Grundstoffe f\u00fcr die Sprengstoffherstellung erworben und weitere logistische Unterst\u00fctzung (Beschaffung von Z\u00fcndern) durch Islamisten aus dem Raum Braunschweig erhalten. 2007 wurden die Mitglieder der Gruppe festgenommen. Das Oberlandesgericht D\u00fcsseldorf verurteilte die Angeklagten aus der Sauerlandgruppe 2010 wegen Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung, Vorbereitung eines Sprengstoffanschlages und Verabredung zum Mord zu Haftstrafen zwischen f\u00fcnf und zw\u00f6lf 114","Jahren. Der Fall der Sauerlandgruppe ist nicht nur beispielhaft f\u00fcr den \"homegrown islamist terrorism\", sondern verweist auf einen weiteren Gef\u00e4hrdungsaspekt f\u00fcr die Innere Sicherheit Deutschlands: Die Mitglieder dieser Gruppe waren 2006 nach Pakistan ausgereist, wo sie sich in einem paramilit\u00e4rischen Ausbildungslager der terroristischen Vereinigung Islamische JihadUnion (IJU), einer Abspaltung der IBU, in Pakistan aufhielten. Nach ihrer R\u00fcckkehr verfolgten sie die Anschlagspl\u00e4ne in Deutschland. Personen, die eine Ausbildung in einem paramilit\u00e4rischen Ausbildungslager erhalten oder an Kampfhandlungen im Ausland teilgenommen haben, stellen bei der Wiedereinreise nach Deutschland ein besonderes Risiko dar. Bei einem Verbleib in der Region, in die sie ausgereist sind, k\u00f6nnen von ihnen Gef\u00e4hrdungen deutscher oder ausl\u00e4ndischer Interessen ausgehen. R\u00fcckkehrer aus den so genannten Jihad-Gebieten genie\u00dfen in der islamistischen Szene ein hohes Ansehen und k\u00f6nnen einer weiteren Radikalisierung bislang nicht gewaltbereiter Islamisten Vorschub leisten. Besonders relevant wurden im Jahr 2013 Ausreisebewegungen und die Frage nach der Radikalit\u00e4t der R\u00fcckkehrer f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden in Bezug auf den B\u00fcrgerkrieg in Syrien. Bis 2011 war das Hauptausreiseziel von Islamisten das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, 2011 dominierte Somalia. 2012 reisten Islamisten aufgrund der ge\u00e4nderten politischen Lage im Kontext des Arabischen Fr\u00fchlings vornehmlich nach \u00c4gypten. Der attraktivste Jihad-Schauplatz ist derzeit Syrien. Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind vor allem die gute Erreichbarkeit, die schnelle Einbindung der Ausreisenden in das Kampfgeschehen, der geringe Verfolgungsdruck sowie die Motivation, in Syrien einen islamischen Staat zu errichten. Aber auch die zunehmenden Propaganda-Aktivit\u00e4ten der islamistisch-terroristischen Szene - vor allem im Internet - sorgen f\u00fcr eine erh\u00f6hte Attraktivit\u00e4t des Schauplatzes Syrien. Seit dem Jahr 2011 versuchen verschiedene bewaffnete Oppositionsgruppen das s\u00e4kular orientierte Regime Baschar al-Assads in Syrien zu st\u00fcrzen. Standen zu Beginn der Proteste gegen die Herrschaft Assads noch friedfertige Forderungen nach Reformen im Vordergrund, so nahmen ab der zweiten Jahresh\u00e4lfte 2011 bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Opposition kontinuierlich zu. In steigendem Ma\u00dfe mischten sich auch jihadistische Gruppierungen in die K\u00e4mpfe ein. Die milit\u00e4rische Bedeutung der zwei al-Qaida-Regionalorganisationen vor Ort, Jabhat al-Nusra und ISIG, sowie eine Reihe unabh\u00e4ngiger jihadistischer Organisationen, zusammengeschlossen in der Islamischen Front, w\u00e4chst zunehmend. Insbesondere ISIG wirbt auch unter deutschsprachigen Islamisten f\u00fcr Unterst\u00fctzung. Ende November 2013 ver\u00f6ffentlichte diese al-Qaida-Regionalorganisation eine Folge aus seiner Videoreihe \"Fenster zum Land der Schlachten\". Sprecher in dieser Ver\u00f6ffentlichung ist ein Deutscher mit dem Kampfnamen ABU USAMA. Dieser erkl\u00e4rt, dass er vor vier Jahren zum Islam konvertiert sei und sich nun dem Jihad in Syrien angeschlossen habe. Er ruft nun die Muslime zum Jihad in Syrien, den er als individuelle Pflicht bezeichnet, auf: \"Wenn ihr Muslime seid, so wacht auf und schlie\u00dft euch der Karawane an! ... Deswegen, Bruder und Schwester, mach die hijra [Auswanderung] in den Jihad, denn der Jihad ist ... Pflicht f\u00fcr jeden Muslim geworden, beteilige dich am Jihad, unterst\u00fctze die Muslime, spende, rede gut \u00fcber uns, sag nicht, wir sind Terroristen, wer sind die Terroristen? Die Amerikaner sind die Terroristen!\" 115","Auch die verbotene Vereinigung Millatu Ibrahim spielt in der jihadistischen Szene in Deutschland im Kontext der Reisebewegungen an Jihad-Schaupl\u00e4tze eine wichtige Rolle. Sie wurde im November 2011 in Deutschland gegr\u00fcndet und am 14.06.2012 durch den Bundesminister des Inneren verboten. Als am 01.05.2012 in Solingen und am 05.05.2012 in Bonn bei Veranstaltungen der islamkritischen Gruppierung pro NRW salafistische Gegendemonstranten mit Gewalt gegen Polizisten und pro NRW-Aktivisten vorgingen, spielten hierbei Personen, die dem Umfeld der Vereinigung Millatu Ibrahim entstammen, eine wesentliche Rolle. Zentrale Figur von Millatu Ibrahim ist der \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrger Mohamed MAHMOUD, der bereits 2007 den deutschsprachigen Ableger der jihadistischen Globalen Islamischen Medienfront (GIMF) gegr\u00fcndet hatte. Bekanntheit erlangte Millatu Ibrahim durch zahlreiche Audiound Videobotschaften, in denen MAHMOUD, aber auch Denis CUSPERT92 f\u00fcr den globalen Jihad warben. Nach dem Verbot Millatu Ibrahims reisten zahlreiche Anh\u00e4nger dieser Organisation aus Deutschland, insbesondere nach \u00c4gypten aus. Nach seiner Ausreise ver\u00f6ffentlichte CUSPERT etwa im September 2012 ein \"Abschiedsvideo\", in dem er Deutschland zum \"Kriegsgebiet\" erkl\u00e4rt. Inhaltlich \u00fcbereinstimmend \u00e4u\u00dferte sich MAHMOUD in der Anfang Januar 2013 ver\u00f6ffentlichten Videobotschaft \"Tag der Aufopferung\": \"Und so wie sie den Tod, so wie die Deutschen und die Amerikaner und die Engl\u00e4nder den Tod zu unseren L\u00e4ndern gebracht haben ..., werden wir ihnen den Tod zu ihren L\u00e4ndern bringen ... M\u00f6ge uns Allah die Shahada fisabilillah [M\u00e4rtyrertum] gew\u00e4hren und m\u00f6ge uns dazu bef\u00e4higen, die Kuffar [Ungl\u00e4ubigen] in aller Welt zu vernichten und zu zerst\u00f6ren!\" Bis zu seinem Verbot erwies sich Millatu Ibrahim als die bei Weitem einflussreichste jihadistische Organisation in Deutschland. Auch 2013 \u00fcbten einige ihrer Akteure aus dem Ausland heraus einen gro\u00dfen Einfluss auf die islamistisch-jihadistische Szene in Deutschland aus. CUSPERT, der sich inzwischen in Syrien aufh\u00e4lt, wirbt nun von dort aus f\u00fcr die Ausreise in dieses Kampfgebiet. Den Sicherheitsbeh\u00f6rden liegen mit Stand M\u00e4rz 2014 Erkenntnisse zu mehr als 320 Islamisten aus Deutschland vor, die in Richtung Syrien ausgereist sind, um dort beispielsweise an Kampfhandlungen teilzunehmen oder den Widerstand gegen das Assad-Regime in sonstiger Weise zu unterst\u00fctzen. Es ist allerdings nicht klar, ob sich alle diese Personen tats\u00e4chlich in Syrien aufhalten bzw. aufgehalten haben. Aufgrund der dynamischen Lageentwicklung vor Ort unterliegt diese Zahl tagesaktuellen Ver\u00e4nderungen mit derzeit eher steigender Tendenz. Einige der den Sicherheitsbeh\u00f6rden bekannten in Richtung Syrien ausgereisten Personen sind bereits wieder nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt. Mehrheitlich kann nicht nachgewiesen werden, ob sie sich in Syrien an Kampfhandlungen beteiligt haben. Die Anzahl derjeni92 CUSPERT war bis 2010 als Gangsta-Rapper unter dem Namen Deso Dogg aktiv. Nach seiner Zuwendung zum salafistischen Islam trat er mit islamistischen Kampfges\u00e4ngen (Nasheeds) unter dem Namen Abu Talha al-Almani in Erscheinung. 116","gen Personen, von denen bekannt ist, dass sie sich in Syrien aktiv am bewaffneten Widerstand beteiligt haben, bel\u00e4uft sich aktuell auf etwa ein Dutzend. Dar\u00fcber hinaus ist bekannt, dass einige aus Deutschland ausgereiste Islamisten in Syrien verstorben sind. Die deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden sind bestrebt, m\u00f6glichst viele Ausreisen in Richtung Syrien zu unterbinden. Die Anzahl der tats\u00e4chlich verhinderten Ausreisen bel\u00e4uft sich auf einen niedrigen zweistelligen Bereich. Neben einer Zunahme der Reisebewegungen werden islamistische Akteure in Syrien auch materiell aus Deutschland, auch aus Niedersachsen, unterst\u00fctzt. So rufen Islamisten in Deutschland massiv zu Spendensammlungen, etwa \u00fcber Benefizveranstaltungen, auf. Ebenso organisieren sie Hilfskonvois, um Geldund Sachspenden oder auch Krankenwagen nach Syrien liefern zu k\u00f6nnen. Es ist kaum m\u00f6glich zu differenzieren, ob die jeweiligen Spenden als humanit\u00e4re Hilfsleistungen der syrischen Zivilbev\u00f6lkerung zugutekommen oder ob sie der Unterst\u00fctzung jihadistischer Gruppierungen dienen. 4.7 Salafismus Der Salafismus ist ein im Jahr 2011 neu eingef\u00fchrtes Beobachtungsobjekt der deutschen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Er bezeichnet eine Bewegung und keine feste Organisation und ist somit ein dynamisches Ph\u00e4nomen innerhalb des Islamismus. Mitglieder/Anh\u00e4nger93 2012 2013 Bund: ca. 4.500 5.500 Niedersachsen: ca. 300 ca. 330 Der Salafismus ist eine besonders radikale und die derzeit dynamischste islamistische Bewegung in Deutschland, aber auch auf internationaler Ebene. Salafisten weltweit glorifizieren einen idealisierten Ur-Islam des 7./8. Jahrhunderts und orientieren sich, um diesem m\u00f6glichst nahe zu kommen, an der Lebensweise der ersten Muslime in der islamischen Fr\u00fchzeit. Sie versuchen ihre religi\u00f6se Praxis und Lebensf\u00fchrung ausschlie\u00dflich an den von ihnen w\u00f6rtlich verstandenen Prinzipien des Korans und dem Vorbild des Propheten Muhammad und der fr\u00fchen Muslime, der rechtschaffenden Altvorderen (arab. Al-salaf al-salih, daher der Begriff Salafismus), auszurichten. Exemplarisch f\u00fcr die Auffassung aller Salafisten hei\u00dft es in einer Brosch\u00fcre, die der Deutschsprachige Islamkreis (DIK) in Hannover herausgegeben hat: \"Und in der Tat wird man zu der Schlussfolgerung gelangen, dass man den Qur'an und die Sunna des Propheten nur im Lichte der Methodologie der Salaf as-Salih verstehen darf .... Daraus folgt zugleich, dass wir Muslime bei jedem Ausspruch des Propheten und bei jedem Vers im Koran fragen m\u00fcssen, wie diese z. B. von den Gef\u00e4hr93 Die Angaben sind sowohl dem politischen als auch dem jihadistischen Spektrum zuzuordnen. Die Zahlenangaben beruhen teilweise auf Sch\u00e4tzungen. Eine exakte Bezifferung ist im Bereich des Salafismus derzeit nicht m\u00f6glich, da die strukturellen Besonderheiten salafistischer Bestrebungen in Deutschland genaue Erhebungen erschweren. So weisen zahlreiche salafistische Personenzusammenschl\u00fcsse keine festen Strukturen auf. 117","ten verstanden und umgesetzt wurden.\" (Deutschsprachiger Islamkreis e.V. [Hrsg.], Was jeder Muslim wissen sollte, ohne Jahr, Seite 27, verteilt 2012) Alle Entwicklungen im Islam, die erst nach dieser islamischen Fr\u00fchzeit eingesetzt haben, wie etwa die Entstehung der etablierten islamischen Rechtsschulen, aber auch liberalere Formen des Islams und die Vereinbarkeit mit der Demokratie und die Gleichheit der Geschlechter werden von Salafisten abgelehnt. Die Scharia, die von Salafisten als von Gott gegebene verbindliche Rechtsordnung verstanden wird, ist nach salafistischer Ideologie jeder weltlichen Gesetzgebung \u00fcbergeordnet. So sei einzig Gott der legitime Gesetzgeber und nicht das Volk. Die Beteiligung am demokratischen Prozess bezeichnen Salafisten daher als Polytheismus (arab. Schirk), werde doch der Mensch in der Demokratie \u00fcber Gott erh\u00f6ht. In der Konsequenz lehnen Salafisten die Geltung staatlicher Gesetze ab. In der Brosch\u00fcre des DIK hei\u00dft es entsprechend: \"Da das Wort Ibadah [Dienst an Gott] totale Gehorsamkeit bedeutet und Allah als der ultimative Gesetzgeber angesehen wird, ist die Ausf\u00fchrung eines s\u00e4kularen Rechtssystems, welches nicht auf g\u00f6ttlichem Gesetz (Scharia) basiert, ein Akt des Unglaubens bez\u00fcglich des g\u00f6ttlichen Gesetzes und ein Akt des Glaubens an die Richtigkeit solcher Systeme. Ein solcher Glaube gr\u00fcndet eine Form des Gottesdienstes an etwas anderem als an Allah (Schirk).\" (Ebd., Seiten 8-9) Salafisten streben danach, Staat, Gesellschaft und das Privatleben jedes Individuums so umzugestalten, dass sie den vermeintlich von Gott geforderten Normen entsprechen. Konsequenterweise propagieren sie auch das nach ihrer Auslegung im Koran normierte ungleiche Verh\u00e4ltnis zwischen den Geschlechtern, ein Strafrecht, das auch K\u00f6rperstrafen vorsieht, die Begrenzung der Religionsfreiheit etc. Eindrucksvoll haben Salafisten in den Staaten, die im Zuge des Arabischen Fr\u00fchlings neue Verfassungen und Regierungen erhielten, ihren ideologisch begr\u00fcndeten Forderungen politischen Nachdruck verliehen. Die von Salafisten propagierte Staatsund Gesellschaftsordnung steht im deutlichen Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Insbesondere werden die demokratischen Grunds\u00e4tze der Trennung von Staat und Religion, der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, der religi\u00f6sen und sexuellen Selbstbestimmung, der Gleichstellung der Geschlechter sowie das Grundrecht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit verletzt. 4.7.1 Salafismus in Deutschland Der Salafismus l\u00e4sst sich in eine politische, der die \u00fcberwiegende Mehrheit der Salafisten in Deutschland zuzurechnen sind, und eine jihadistische / terroristische Auspr\u00e4gung aufschl\u00fcsseln. Alle Salafisten streben die gleichen Ziele an, doch unterscheiden sich politische und jihadistische Salafisten in der Wahl ihrer Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Vertreter des politischen Salafismus st\u00fctzen sich auf intensive Propagandat\u00e4tigkeit, die sie als Dawa118","Arbeit bezeichnen, um f\u00fcr ihre Vision einer gottgewollten Staatsund Gesellschaftsform zu werben und gesellschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Jihadistische Salafisten setzen dar\u00fcber hinaus und vor allem auf das Mittel der Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen. Die \u00dcberg\u00e4nge zwischen beiden Salafismusformen sind flie\u00dfend. Dies zeigte sich deutlich, als im Rahmen des nordrhein-westf\u00e4lischen Landtagswahlkampfes im Mai 2012 Mitglieder der rechtsextremen Partei pro NRW Muhammad-Karikaturen zeigten. Salafistische Gegendemonstranten griffen in Solingen und Bonn Mitglieder von pro NRW und Polizisten an. Diese Form der Stra\u00dfengewalt ist f\u00fcr den Salafismus in Deutschland eine neue Aktionsform, an der nicht nur jihadistische Salafisten beteiligt waren. Die Auseinandersetzungen zwischen Salafisten und der pro NRW wurden auch von jihadistischen Salafisten der IBU im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aufgegriffen. In einer deutschsprachigen Videobotschaft empfahlen sie, nicht auf Stra\u00dfengewalt zu setzen, sondern vielmehr den Zielpersonen im Geheimen aufzulauern. Am 13.03.2013 wurden in Nordrhein-Westfalen vier Personen wegen des Verdachts der Vorbereitung eines Attentats auf den Vorsitzenden der pro NRW, Marcus BEISICHT, festgenommenen und mittlerweile angeklagt94. Bei Wohnungsdurchsuchungen wurde u. a. eine scharfe Schusswaffe, zur Herstellung von Sprengstoff geeignetes Material sowie eine markierte Liste von pro NRWPolitikern gefunden. Der Salafismus hat als dynamische heterogene Bewegung keine feste Struktur. Vielmehr sind seine Anh\u00e4nger, auch in Deutschland, in losen internationalen Netzwerken organisiert. Knotenpunkte dieser Netzwerke sind Prediger und einige Moscheegemeinden. Salafisten verbreiten ihre Ideologie professionell. Ihre Vertreter setzen sich \u00f6ffentlichkeitswirksam in Szene. Da salafistische Prediger in Deutschland vorwiegend die deutsche Sprache nutzen und insbesondere am Sprachgebrauch Jugendlicher andocken, \u00fcben sie eine betr\u00e4chtliche Anziehungskraft vorwiegend auf junge Menschen, darunter auch Konvertiten, aus. Salafistische Prediger verbreiten ihre Ideologie in hohem Ma\u00dfe \u00fcber das Internet. Ihre Onlineangebote, Videos, Schriftst\u00fccke sowie Audios dominieren die deutschsprachigen Informationsangebote im Internet \u00fcber den Islam. Personen, die sich \u00fcber die Religion des Islams informieren m\u00f6chten, besuchen daher h\u00e4ufig von Salafisten betriebene Webseiten, ohne dies zu erkennen. Durch diese hohe Medienpr\u00e4senz erreicht salafistische Propaganda weite Kreise der Gesellschaft in Deutschland. Eine wesentliche Rolle in der Verbreitung salafistischer Ideologie spielen in Deutschland auch Islamseminare und Vortr\u00e4ge von salafistischen Predigern. W\u00e4hrend solcher Seminare tritt eine Reihe von Predigern auf, die sich vor allem an junge Menschen, die noch keine Anh\u00e4nger des Salafismus sind, aber auch an Salafisten, richten. Auf solchen Seminaren, die h\u00e4ufig mehrere Tage andauern, wird durch gemeinsame Aktivit\u00e4ten ein Gemeinschaftsgef\u00fchl geschaffen. Attraktiv ist die auf diese Weise vermittelte Ideologie deshalb, weil sie Halt suchenden Menschen feste Regeln f\u00fcr ihre Lebensf\u00fchrung vorgibt. Zudem vermitteln solche Gemeinschaftsveranstaltungen und die salafistische Ideologie das Gef\u00fchl, einer von Gott bevorzugten Elite anzugeh\u00f6ren. 94 Siehe hierzu auch Kapitel 4.6. 119","Eine weitere Aktionsform, mittels derer salafistische Propaganda in Deutschland verbreitet wird, sind bundesweit organisierte Islam-Infost\u00e4nde. Auf diese Weise verteilen Salafisten Brosch\u00fcren, Flugbl\u00e4tter, salafistische Grundlagenwerke, aber auch Koranausgaben. Ein besonders popul\u00e4res Beispiel f\u00fcr einen solchen IslamInfostand ist die Koranverteilaktion \"Lies! Im Namen Deines Herrn, der Dich erschaffen hat\". Diese 2012 gestartete DawaAktion, wurde auch 2013 fortgesetzt. Weiterhin wurden bundesweit, auch in Niedersachsen, an Infost\u00e4nden in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen und belebten Innenstadtbereichen kostenlose Ausgaben des Korans an Passanten verteilt. Ferner sollten im Rahmen der Missionierung auch Muslime in Gef\u00e4ngnissen, Krankenh\u00e4usern, Restaurants, Kinderg\u00e4rten und Schulen mit Koranschriften beliefert werden. Verantwortlich f\u00fcr das Projekt und die Bereitstellung der Koranexemplare ist das salafistische Predigernetzwerk Die Wahre Religion (DWR) um den K\u00f6lner Salafistenprediger Ibrahim ABOU NAGIE. Er tritt regelm\u00e4\u00dfig im Zusammenhang mit salafistisch ausgerichteten Islamseminaren auf. Auf seiner Internetseite wirbt ABOU NAGIE daf\u00fcr, mit den Passanten an den Infost\u00e4nden \u00fcber die \"einzig wahre Religion\" zu diskutieren. Es ist daher zu bef\u00fcrchten, dass sich die Verteilaktion nicht auf die blo\u00dfe Weitergabe des Korans beschr\u00e4nkt, sondern dass Salafisten \u00fcber die Aktionen mit jungen Menschen in Kontakt treten und salafistisches Gedankengut verbreiten. Die Aktion ist als ein weiterer Bestandteil der bundesweiten offensiven Missionierungsund Rekrutierungsarbeit der Salafisten zu werten. Am 13.03.2013 wurden in Hessen und Nordrhein-Westfalen Exekutivma\u00dfnahmen zum Vollzug der am 25.02.2013 erlassenen Vereinsverbote des Bundesministeriums des Innern (BMI) gegen die drei salafistischen Organisationen DawaFFM 95, An-Nussrah und Islamische Audios durchgef\u00fchrt. DawaFFM wurde 2008 in Frankfurt am Main gegr\u00fcndet, um salafistisches Gedankengut bei jungen Muslimen und Nicht-Muslimen zu verbreiten. In den Fokus der \u00d6ffentlichkeit r\u00fcckte DawaFFM im Zusammenhang mit dem Anschlag, bei dem Arid UKA im M\u00e4rz 2011 am Frankfurter Flughafen zwei Angeh\u00f6rige der US-amerikanischen Luftwaffe t\u00f6tete. UKA hatte \u00fcber das soziale Netzwerk Facebook in Verbindung mit DawaFFM gestanden. Bei An-Nussrah handelte es sich um eine Teilorganisation des am 14.06.2012 verbotenen jihadistisch-salafistischen Vereins Millatu Ibrahim. Beide Organisationen waren sowohl personell als auch organisatorisch eng miteinander verbunden. Islamische Audios war eine vornehmlich im Internet agierende salafistische Vereinigung mit teilweiser jihadistischer Tendenz. 4.7.2 Salafismus in Niedersachsen Die internationalen und bundesdeutschen Entwicklungen im Salafismus sind auch in Niedersachsen zu beobachten. Es handelt sich bei den Salafisten in Niedersachsen ebenfalls um keine homogene Gruppe, sondern vielmehr um ein mannigfaltiges Beziehungsgeflecht von Personen, die im Kontext von Moscheen und Islamseminaren aktiv sind. Ebenso sind die Aktivit\u00e4ten von Kleinstgruppen und Einzelpersonen charakteristisch f\u00fcr die salafistische Szene. Ebenso wie international und deutschlandweit gilt der Salafismus in Niedersachsen als zurzeit dynamischste islamistische Bewegung. Im Vergleich zu 2012 war im Jahr 2013 eine zehnprozentige Steigerung der Anh\u00e4ngerzahlen von 300 auf 330 zu verzeichnen. Es ist nach bisheriger Einsch\u00e4tzung f\u00fcr das Jahr 2014 mit einem weiteren quantitativen Anwachsen der 95 FFM steht f\u00fcr Frankfurt am Main. 120","salafistischen Bewegung zu rechnen. Die nieders\u00e4chsische salafistische Szene ist ganz \u00fcberwiegend dem politischen Spektrum zuzurechnen. In Niedersachsen gibt es eine Reihe von Standorten, insbesondere in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten, von denen aus Salafisten ihre Aktivit\u00e4ten entfalten. Die Prediger, die dort auftreten, sind in das nationale und internationale salafistische Netzwerk eingebunden. Im Folgenden werden einige salafistische Vereinigungen in Niedersachsen exemplarisch dargestellt. Eine besondere Bedeutung hinsichtlich der Verbreitung des Salafismus hatte f\u00fcr Niedersachsen bislang die Islamschule des Muhamed CIFTCI in Braunschweig, deren Unterricht im Sommer 2012 eingestellt wurde. Hier haben \u00fcber 200 Personen eine umfangreiche Ausbildung in Islamstudien in deutscher Sprache erhalten. Das Studium wurde \u00fcberwiegend als Fernstudium \u00fcber das Internet betrieben. Die besondere Gefahr der Braunschweiger Islamschule lag in der potenziellen Multiplikatorenwirkung der Absolventen. Es stand zu bef\u00fcrchten, dass die Absolventen T\u00e4tigkeiten etwa als Freitagsprediger anstrebten. Dar\u00fcber hinaus war zu beobachten, dass sich einzelne Sch\u00fcler des CIFTCI zunehmend radikalisiert haben. Zu CIFTCIs Sch\u00fclern z\u00e4hlte unter anderem der 25j\u00e4hrige Murat KUTLU, der am 05.05.2012 in Bonn bei Ausschreitungen gewaltbereiter Salafisten zwei Polizisten mit einem Messer schwer verletzte. Er hatte sich von Anh\u00e4ngern der rechtsextremistischen Partei pro NRW, die Muhammad-Karikaturen \u00f6ffentlich gezeigt hatten, provozieren lassen. Das Landgericht Bonn verurteilte KUTLU im Oktober 2012 wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung, Landfriedensbruchs und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu sechs Jahren Freiheitsentzug. Die staatliche Zentralstelle f\u00fcr Fernunterricht (ZFU) hat am 10.07.2012 CIFTCIs Antrag auf Anerkennung des Unterrichts als Fernstudium abgelehnt. Zur Begr\u00fcndung f\u00fchrt die ZFU an, der Fernlehrgang sei nicht zur Erreichung der vom Veranstalter angegebenen Lehrgangsziele geeignet. Eine gutachterliche Pr\u00fcfung habe ergeben, dass das Angebot keinem der an der Universit\u00e4t Medina angebotenen islamwissenschaftlichen oder theologischen Studieng\u00e4nge entspreche. Zudem stelle die in dem Online-Unterricht vermittelte salafistische Weltanschauung die demokratische und rechtstaatliche Ordnung in Deutschland als \"Usurpation der Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes\" dar und verfolge das Ziel der umfassenden Umgestaltung von Staat, Gesellschaft und allen individuellen Lebensbereichen gem\u00e4\u00df bestimmter, als \"gottgewollt\" postulierter Normen. CIFTCI hat allerdings \u00f6ffentlich erkl\u00e4rt, zuk\u00fcnftig an Unterrichtsangeboten - auch \u00fcber das Internet - festhalten zu wollen. Nachdem die ZFU die Anerkennung der Islamschule als Fernunterrichtsangebot verweigert hat, besteht die Vermutung, dass \u00fcber die nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Islamische Videothek (\"Islamothek\") des CIFTCI auch Materialien gegen Geb\u00fchr verbreitet werden, die im Angebot der Islamschule standen. Bis heute tritt CIFTCI regelm\u00e4\u00dfig als Prediger in der Braunschweiger Moschee Deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft (DMG) sowie bundesweit und auch international als Prediger und Islamlehrer in Erscheinung. 121","Im April 2013 erschien im Internet ein Aufruf CIFTCIs, den salafistischen Verein Helfen in Not e. V. in seinem Engagement in Syrien zu unterst\u00fctzen. Eine Reihe von Videos, die von Mitgliedern dieses Vereins ins Internet eingestellt wurde, l\u00e4sst die Deutung zu, dass das Engagement von Helfen in Not e. V. \u00fcber humanit\u00e4re Hilfsleistungen f\u00fcr die syrische Zivilgesellschaft hinausgeht - und der Verein zumindest der materiellen Unterst\u00fctzung von syrischen Islamisten nicht ablehnend gegen\u00fcber steht. In seinem Video stellt CIFTCI die Situation im syrischen B\u00fcrgerkrieg96 einseitig dar und macht massiv Stimmung gegen Schiiten97. Er unterstellt, dass Schiiten das Ziel h\u00e4tten Sunniten zu t\u00f6ten und spricht ihnen ab, \u00fcberhaupt Muslime zu sein: \"Das hei\u00dft, das T\u00f6ten der Muslime sehen sie [die Schiiten] als Jihad. Deswegen, das ist einer der Beweise, wie sehr sie uns, die Muslime, hassen und gar nichts mit dem Islam zu tun haben.\" (Muhamed Ciftci: Sheikh Abu Anas - Lasst Eure Geschwister nicht im Stich [Helfen in Not], Video abgerufen auf YouTube am 22.04.13) CIFTCI entwirft ein Bedrohungsszenario, nach dem Sunniten \u00fcberall und jederzeit in Bedr\u00e4ngnis geraten k\u00f6nnten und zieht die Konsequenz: \"Deswegen fordere ich von Euch, liebe Geschwister, denkt daran: Heute ist Syrien und morgen kann es bei Dir passieren. Wenn Du morgen dann niemanden findest, dann frag Dich, wo warst Du, als heute die Leute Dich brauchten ... Bitte helft unseren Br\u00fcdern [von Helfen in Not], sogar: Ich sage nicht bitte helft, sondern Ihr m\u00fcsst helfen, sag ich, es ist Pflicht, dass jeder Muslim f\u00fcr Syrien helfen muss.\" (Ebd.) Im Kontext der Ereignisse in Syrien wird insbesondere von Salafisten, so auch hier von CIFTCI, regelm\u00e4\u00dfig auf das Feindbild Schia/Schiiten zur\u00fcckgegriffen. Dadurch wird dem Syrienkonflikt eine religi\u00f6se Bedeutung gegeben. Das kann motivierend wirken, die \"sunnitischen Br\u00fcder\" im Kampf gegen die Schiiten zu unterst\u00fctzen. Der Kampf in Syrien ist in salafistischer Propaganda daher nicht nur ein politischer Kampf gegen ein ungerechtes System, sondern ebenso ein Verteidigungskampf gegen die Feinde des Islams. Propaganda dieser Art ist geeignet, auch in Deutschland Misstrauen gegen Schiiten zu s\u00e4en. Dar\u00fcber hinaus kann sie auf Personen motivierend wirken, (jihadistisch-)salafistische Akteure in Syrien zu unterst\u00fctzen. In der Braunschweiger DMG fand vom 30.11. bis 01.12.2013 ein Islamseminar des salafistischen Predigers Pierre VOGEL statt, an dem \u00fcber 200 Personen teilnahmen. In einem Vortrag mit dem Titel \"Antimodernismus\" behauptete VOGEL, so genannte Modernisten versuchten den Islam zu zerst\u00f6ren. Als Modernisten bezeichnete VOGEL \"Heuchler\" (Munafiq), also Muslime, die ein anderes Verst\u00e4ndnis vom Islam vertreten als sein eigenes sowie \"Irregegangene\", die den Westen verherrlichten, und \"Leute, die den Islam einfach hassen\". Einf\u00fchrend erkl\u00e4rte er: 96 Siehe zum B\u00fcrgerkrieg in Syrien Kapitel 4.6. 97 Im B\u00fcrgerkrieg in Syrien unterst\u00fctzen der schiitische Staat Iran, aber auch die schiitische Hizb Allah, das noch bestehende Regime unter Baschar al-Assad. Nicht zuletzt werden auch Assad und seine Familie als Alawiten dem schiitischen Islam zugerechnet. 122","\"Ich danke Allah, der mir die M\u00f6glichkeit gegeben hat in dieser Zeit den Islam zu verteidigen gegen die Munafiqun [Heuchler] und die Kafirun [Ungl\u00e4ubige]. Die versuchen diese Religion platt zu machen. Aber nur \u00fcber unsere Leiche.\" (Pierre Vogel: Antimodernismus, Video, abgerufen auf YouTube am 17.12.2013) Das Entwerfen eines solchen Bedrohungsszenarios, in dem der Islam von Feinden zerst\u00f6rt werden soll, ist ein rhetorisches Motiv, das sich stets in salafistischer Propaganda findet. Es entspricht dem von Salafisten vermittelten Weltbild, das einzig auf Komplexit\u00e4tsreduktion ausgerichtet ist und sich in den Kategorien verboten - erlaubt, Freund - Feind, Paradies - H\u00f6lle widerspiegelt. Dieses Weltbild gr\u00fcndet auf dem von Salafisten postulierten unbedingtem Gehorsam gegen\u00fcber Gott. Entsprechend formuliert VOGEL in demselben Vortrag: \"Wir sagen immer noch 'La ilaha illa Allah'98 und alles, was dieser Sache widerspricht ist falsch, falsch, falsch, falsch, falsch und ein Weg in die H\u00f6lle! So einfach sieht das aus ... Und egal in welchem Bereich der Befehl kommt, sei es in der Aqida, dem Glauben, ... weil wenn Allah etwas erw\u00e4hnt im Koran ... dann schwingt gleichzeitig der Befehl mit daran zu glauben. Oder, ob diese Information, dieser Befehl in Ritualen (Ibadat) ist, Gebet, Fasten etc. Oder ob dieser Befehl in Sachen ist, die mit unserem sozialen Leben zu tun haben, wie man sich zu kleiden hat, Hijab [Verschleierung], Bart etc. Oder, ob dieser Befehl mit etwas zu tun hat im Strafrecht. Wenn im Koran steht: 'Der Dieb, die Diebin, schneidet ihre H\u00e4nde ab', dann steht das dort. Das hat Allah uns nicht umsonst offenbart.\" (Pierre Vogel: ebd.) In VOGELs Vortrag wird deutlich, wof\u00fcr er selbst eintritt: \"Was kommt bei dem Modernismus raus am Ende? Keine Scharia, keine HududStrafen [im Koran niedergelegte K\u00f6rperstrafen], kein Hijab, ... keine Polygamie ... d. h. alles, was mit Frauen zu tun hat, alles, was mit Strafrecht zu tun hat. - Und alle kommen ins Paradies. Friede, Freude, Eierkuchen. Und wer will das haben? Das ist komischerweise genau das, was der westlichen Vorstellung entspricht.\" (Pierre Vogel: ebd.) Im Umkehrschluss steht VOGEL also f\u00fcr eine Gesellschaftsordnung, in der die Scharia gilt, Hadd-Strafen angewandt werden, die Verschleierung der Frau eine Pflicht und die Polygamie die Regel ist. Damit umschreibt VOGEL die Kernelemente der von Salafisten angestrebten Gesellschaftsordnung. Auf seinem Islamseminar in Braunschweig rief VOGEL seine Zuh\u00f6rer dazu auf, sich massiv der Dawa, der Mission, zu widmen. Er verwies auf ein neues Dawaformat, das er als \"Wohnungsdawa\" beschrieb. So sollen sich regelm\u00e4\u00dfig zehn bis zwanzig \"Br\u00fcder\" oder \"Schwestern\", nach Geschlechtern getrennt, in Privatwohnungen treffen, um dort Videos mit religi\u00f6sen Vortr\u00e4gen zu schauen. In Niedersachsen gebe es bereits vier Standorte, in denen die \"Wohnungsdawa\" durchgef\u00fchrt werde. Regelm\u00e4\u00dfig sollten diese Gruppen auch Dawa auf der Stra\u00dfe (\"Streetdawa\") betreiben. 98 \"Es gibt keinen Gott au\u00dfer Gott\"; Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses. 123","Unter \"Streetdawa\" versteht VOGEL \u00f6ffentliche Aktionsformen, wie etwa die Koranverteilaktion \"Lies\", die in Niedersachsen nach wie vor betrieben wird. Ein weiterer Schwerpunkt des Salafismus in Niedersachsen ist in Hannover. In der Moschee des Vereins Deutschsprachiger Islamkreis e. V. (DIK) treten oftmals salafistische Prediger aus dem Inund Ausland auf: Regelm\u00e4\u00dfig ist der Prediger Hassan DABBAGH als Gastreferent vor Ort. Dar\u00fcber hinaus sind u. a. Auftritte von VOGEL, Muhamed CIFTCI und Sven LAU bekannt. Der DIK Hannover bet\u00e4tigt sich dar\u00fcber hinaus als Herausgeber einer Brosch\u00fcre mit dem Titel \"Was jeder Muslim wissen sollte\". In der Schrift, die ohne Jahresangabe ver\u00f6ffentlicht wurde, wird dezidiert die salafistische Ideologie beworben. In Osnabr\u00fcck ist der 2013 neu angemeldete salafistische Verein Afrikabrunnen e. V. angesiedelt. Seine Mitglieder engagieren sich, zusammen mit dem salafistischen Verein Helfen in Not e. V., in der Spendensammlung f\u00fcr sunnitische Muslime in Syrien. 2013 organisierte Afrikabrunnen e. V. zwei Benefizveranstaltungen zugunsten der sunnitischen Muslime in Syrien. Am 01.09.2013 fand das Brunnenfestival in Dortmund statt. Dort traten die salafistischen Prediger LAU, Brahim BELKAID, VOGEL und Said EL-EMRANI auf. Am 08.12.2013 erfolgte die Benefizveranstaltung \"Bankett zur Rettung der Umma\" unter Beteiligung von VOGEL und LAU. Es ist dar\u00fcber hinaus bekannt, dass Mitglieder von Afrikabrunnen e. V. im Dezember 2013 gemeinsam mit Helfen in Not e. V. einen LKW mit Hilfsg\u00fctern nach Syrien gefahren haben. Wem diese Sachspenden in Syrien zugutekamen ist nicht bekannt. In Hildesheim ist der Deutschsprachige Islamkreis Hildesheim e. V. (DIK) als Standort salafistischer Aktivit\u00e4ten bekannt. Zum Zeitpunkt der Moscheegr\u00fcndung 2012 hatte der Verein sich dezidiert f\u00fcr die salafistische Ideologie ausgesprochen. So wies er auf seiner Internetseite darauf hin, dass er sich den Ahlu-Sunna wa-l Jama'a, einer gel\u00e4ufigen Selbstbezeichnung von Salafisten, zuordne und sich auf das Islamverst\u00e4ndnis der ersten Generationen der Muslime berufe. Auch im DIK Hildesheim treten prominente salafistische Prediger auf. So sind Abdelilah BELATOUANI, LAU und Efstathios TSIOUNIS am 31.12.1012 vor Ort als Teilnehmer bzw. als Vortragende auf der Silvesterveranstaltung des Vereins in Erscheinung getreten. Vom 15. bis 17.03.2013 fand im DIK Hildesheim ein Islamseminar mit dem salafistischen Prediger Ahmad ABDULAZIZ ABDULLAH (Abu Walaa) statt. Dieser ist auch bei der Silvesterveranstaltung des DIK Hildesheim 2013 anwesend gewesen. Dar\u00fcber hinaus gibt es in Niedersachsen Moscheegemeinden, in denen einzelne Salafisten verkehren oder die vereinzelt Veranstaltungen mit bekannten salafistischen Predigern durchf\u00fchren. Eine nachhaltige salafistische Beeinflussung gro\u00dfer Teile der Moscheebesucher in diesen Gemeinden ist nicht belegbar, kann aber bezogen auf einzelne Besucher nicht ausgeschlossen werden. 124","4.8 Muslimbruderschaft Gegr\u00fcndet 1928 in \u00c4gypten Mitglieder/Anh\u00e4nger Bund Niedersachsen 2012: 1.600 2012: 90 2013: 1.600 2013: 90 Publikation Risalat ul-Ikhwan (Rundschreiben der Bruderschaft) Die auch als \"ideologische Mutterorganisation des politischen Islam\" bezeichnete Muslimbruderschaft (MB) versucht mit ihrer Strategie der kulturellen Durchdringung der islamischen Staaten, die gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Etablierung islamistischer Staatsmodelle zu schaffen. Der MB zugerechnete Gruppen haben sich in der Vergangenheit auch an gewaltsamen Erhebungen gegen die jeweiligen Machthaber in Syrien 1982 und in Algerien w\u00e4hrend der 1990er Jahre beteiligt. Den in das internationale Netzwerk eingebundenen deutschen Zweigen der MB ist der gleiche Auftrag gestellt wie den nah\u00f6stlichen Zweigen der Bruderschaft: Die Durchdringung von Staat und Gesellschaft durch die Ideologie des Islamismus mit der Scharia99 in ihrer orthodoxen Lesart als allein g\u00fcltiger Ordnung. Damit verfolgt die MB Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland im Sinne des SS 3 Abs. 1 Nr. 1 NVerfSchG. 4.8.1 Ursprung und Entwicklung Die sunnitische MB ging 1928 in \u00c4gypten aus einer kleinen Gruppe von M\u00e4nnern um Hasan al-Banna hervor, die sich als \"Br\u00fcder im Dienste des Islam\" verstanden. Die Bewegung gewann schnell an Einfluss und Mitgliedern und ist bis heute die gr\u00f6\u00dfte islamistische Bewegung im Nahen und Mittleren Osten. Ihre \u00fcberragende Bedeutung verdankt sie dem Umstand, dass sie in allen islamischen Staaten Ableger aufbauen konnte und auch andere islamistische Gruppen beeinflusste. Nach eigenen Angaben ist die MB heute in \u00fcber 70 L\u00e4ndern pr\u00e4sent. Auf ihrer f\u00fcnften Generalkonferenz 1939 in Kairo legte die MB ihre bis heute g\u00fcltige Doktrin fest. Darin tritt ein entschieden islamistischer Wesenszug zu Tage. Indem sich die Muslimbr\u00fcder auf das Wirken und die Tradition des Propheten und seiner Gef\u00e4hrten berufen, grenzen sie sich von allen \"Verunreinigungen\" des Islams ab, die die islamische Welt seit dem 7. Jahrhundert heimgesucht h\u00e4tten. Trotz ihrer internationalen Ausrichtung zeigt die Bruderschaft noch heute eine deutliche arabische Pr\u00e4gung. Ihre wichtigste Basis ist weiterhin \u00c4gypten, wo sie bis zum Sturz des \u00e4gyptischen Pr\u00e4sidenten Hosni Mubarak 2011 verboten war. Im Zuge des Arabischen Fr\u00fchlings wurde der Muslimbruder Mohammed Mursi am 30.06.2012 zum Pr\u00e4sidenten \u00c4gyp99 Zur Scharia siehe Kapitel 4.4. 125","tens gew\u00e4hlt. Nach nur einj\u00e4hriger Pr\u00e4sidentschaft setzte ihn die Armeef\u00fchrung am 03.07.2013 ab. Damit reagierte sie u. a. auf anhaltende Proteste von Teilen der Bev\u00f6lkerung gegen Mursis islamistische Klientelpolitik. Anh\u00e4nger der Muslimbruderschaft protestierten massiv gegen die Absetzung Mursis und wurden vom Milit\u00e4r blutig niedergeschlagen. Am 23.09.2013 verbot die \u00e4gyptische Regierung die MB und stufte sie am 25.12.2013 als Terrororganisation ein. Zahlreiche Mitglieder der MB wurden seither verhaftet. Es ist m\u00f6glich, dass sich aufgrund der staatlichen Repression - \u00e4hnlich wie bereits im \u00c4gypten der 1950er und 1960er Jahre - Teile der \u00e4gyptischen MB im Untergrund radikalisieren. Die MB ist eine hierarchisch strukturierte Organisation. Als ihr Oberhaupt fungiert der Murschid Amm, der \"Allgemeine F\u00fchrer\", dem sich das einzelne Mitglied durch ein Gel\u00f6bnis zur Gefolgschaft verpflichtet. F\u00fcr den Gr\u00fcnder al-Banna trug die Bruderschaft deutlich politische Z\u00fcge. Dar\u00fcber hinaus sei sie durch den als allumfassend angesehenen Charakter des Islams eine \"der k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung dienende Gruppe\", ein \"kultureller und wissenschaftlicher Verband\", eine \"soziale Idee\" und sogar ein \"Wirtschaftsunternehmen\". Der Wahlspruch der Bruderschaft verdeutlicht den universalen Anspruch: \"Gott ist unser Ziel, der Prophet unser F\u00fchrer, der Koran unsere Verfassung und der Kampf unser Weg. Der Tod um Gottes Willen ist unsere h\u00f6chste Gnade. Gott ist gro\u00df.\" (nach Franz Kogelmann: \"Die Islamisten \u00c4gyptens in der Regierungszeit von Anwar asSadat [1970-1981]\"; Berlin 1994, Seite 29) Vor dem Hintergrund des \"Arabischen Fr\u00fchlings\" kam der MB eine zunehmende Bedeutung im politischen und gesellschaftlichen Leben verschiedener arabischer L\u00e4nder zu. So gingen aus den Parlamentswahlen in \u00c4gypten zum Jahreswechsel 2011/2012 und bei der Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung Tunesiens im Oktober 2011 Parteien, die in der Tradition der Muslimbr\u00fcder stehen, als st\u00e4rkste Gruppierungen hervor. 4.8.2 Die Muslimbruderschaft in Deutschland und in Niedersachsen Vorrangiges Ziel der MB ist es, die in Deutschland lebenden Muslime von der \"wahren\", d. h. von ihrer Interpretation des Islams zu \u00fcberzeugen. Verschiedene islamische Zentren dienen diesem Ziel als organisatorische St\u00fctzpunkte. Gewaltaktivit\u00e4ten der MB auf deutschem Boden wurden bisher nicht festgestellt. Der pal\u00e4stinensische Zweig der MB, die HAMAS, ist \u00fcber eine Unterorganisation in Deutschland vertreten. Es handelt sich hierbei um den im Mai 1981 im Islamischen Zentrum M\u00fcnchen (IZM) gegr\u00fcndeten Islamischen Bund Pal\u00e4stina (IBP). In Niedersachsen sind nur einzelne Mitglieder und Funktion\u00e4re dieser Vereinigung ans\u00e4ssig. Dar\u00fcber hinaus ist hier ein Verein angemeldet, von dem einige Mitglieder der tunesischen En-Nahda100 zuzurechnen sind. Die MB verfolgt auch in Niedersachsen ihren Ansatz der kulturellen und ideologischen Durchdringung. Dementsprechend \u00fcbt die MB ihren Einfluss auf Moscheen in Niedersachsen in Braunschweig, G\u00f6ttingen, Hannover und Osnabr\u00fcck aus. Durch ihr Lehrangebot, wie z. B. in Moscheen angebotene Korankurse, verbreitet die MB ihre Ideologie. Hingegen 100 Neben dem hier gemeldeten Vereinssitz ist in Niedersachsen auch der 1. stellvertretende Vorsitzende ans\u00e4ssig, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen Vereinsmitglieder \u00fcber verschiedene Bundesl\u00e4nder verteilt sind. 126","sind \u00f6ffentliche Aussagen von der Bruderschaft nahe stehenden Predigern mit antiwestlicher und/oder antij\u00fcdischer Tendenz vor dem Hintergrund verst\u00e4rkter staatlicher \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen nicht mehr in fr\u00fcherer Sch\u00e4rfe wahrnehmbar. 4.9 Tablighi Jama'at (TJ, Gemeinschaft der Missionierung und Verk\u00fcndung) Gegr\u00fcndet 1926 in Britsch-Indien Sitz: Weltzentrum in Lahore, Pakistan; europ\u00e4isches Zentrum in Dewsbury (Gro\u00dfbritannien); in Deutschland keine offizielle Niederlassung. Mitglieder/Anh\u00e4nger Bund Niedersachsen 2012: 700 2012: 80 2013: 700 2013: 80 Die Tablighi Jama'at (TJ, \"Gemeinschaft der Missionierung und Verk\u00fcndung\") wurde im letzten Jahrhundert als Missionsbewegung gegr\u00fcndet. Sie vertritt ein \u00e4u\u00dferst rigides Islamverst\u00e4ndnis, das die Ausgrenzung der Frau und die Abgrenzung gegen\u00fcber Nichtmuslimen beinhaltet. Die Anh\u00e4nger dieser internationalen islamischen Massenbewegung sind bestrebt, die \u00fcberlieferte Lebensweise des Propheten Muhammad in Kleidung und t\u00e4glichen Verrichtungen m\u00f6glichst genau nachzuempfinden. Koran und Sunna werden strenggl\u00e4ubig und wortgenau befolgt und sollen als Richtschnur f\u00fcr jedes gesellschaftliche Miteinander gelten. Durch die Propagierung der Scharia101 als Grundlage ihres Gesellschaftsmodells verfolgt die TJ Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des SS 3 Abs. 1 Nr. 1 NVerfSchG. 4.9.1 Ursprung und Entwicklung Angesichts der Dominanz der europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte propagierten so genannte islamische Reformbewegungen wie die TJ, die im indo-pakistanischen Raum ihren Ursprung hatten, die S\u00e4uberung des Islams von vermeintlichen geistigen und kulturellen Verunreinigungen.102 Heute z\u00e4hlt die TJ nach Zahl und Verbreitung ihrer Anh\u00e4nger weltweit zu den bedeutendsten islamischen Bewegungen. Ihre Anh\u00e4nger f\u00fchlen sich nicht einer festen Gruppierung zugeh\u00f6rig, sondern sehen sich als Muslime mit missionarischem Auftrag. 101 Zur Scharia siehe Kapitel 4.4. 102 Die Muslime Indiens sahen sich einer zweifachen Bedrohung ausgesetzt: Einerseits hatten sie die politische Macht an die christlichen Briten verloren, andererseits \u00fcberwog in Indien zahlenm\u00e4\u00dfig die hinduistische Bev\u00f6lkerungsgruppe. W\u00e4hrend aufkl\u00e4rerische muslimische Kreise die Meinung vertraten, dass vor diesem Hintergrund nur mit westlichen Erkenntnissen, nicht gegen sie, der Aufbruch der Muslime Indiens in die Moderne gelingen k\u00f6nne, lehnten konservativ ausgerichtete sunnitische Rechtsgelehrte sowohl hinduistische als auch westliche Einfl\u00fcsse ab und forderten deren Eliminierung. 127","Obwohl sich die TJ selbst als unpolitisch und gewaltlos darstellt, muss dies aus Sicht der Sicherheitsbeh\u00f6rden anders bewertet werden. Das strikte Koranverst\u00e4ndnis f\u00fchrt zu einer Bef\u00fcrwortung der Scharia, des aus Koran und Sunna hergeleiteten islamischen Rechts, und damit in letzter Konsequenz zum Versuch einer Islamisierung der Gesellschaft. Das Bem\u00fchen um eine im Sinne der TJ vorbildliche Glaubenspraxis schlie\u00dft eine weitgehend wortgetreue und rigide Interpretation des Korans und seiner Rechtsvorschriften ein, so dass damit der Erf\u00fcllung religi\u00f6ser Vorschriften grunds\u00e4tzlich Vorrang gegen\u00fcber einer an staatlichen Gesetzen orientierten Lebensf\u00fchrung einger\u00e4umt wird. 4.9.2 Aktivit\u00e4ten von TJ-Anh\u00e4ngern in Deutschland und in Niedersachsen Die Anh\u00e4nger der TJ reisen in der Regel in Gruppen, um einerseits den Glauben zu verbreiten und andererseits die Fr\u00f6mmigkeit der Prediger selbst zu st\u00e4rken. Zielgruppe sind in erster Linie Muslime mit einer vermeintlich unzureichenden Beachtung der Glaubensriten, erst in zweiter Linie Nichtmuslime. Zu den Pflichten eines Mitglieds geh\u00f6rt die freiwillige und unbezahlte missionarische T\u00e4tigkeit, die 40 Tage im Jahr betragen soll. Der Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten der TJ liegt auf dem indischen Subkontinent. In den letzten Jahrzehnten hat diese islamische Massenbewegung ihre Aktivit\u00e4ten jedoch auf Nordafrika und auf die muslimische Diaspora in Europa, Nordamerika und Australien ausgeweitet. Nieders\u00e4chsische Anh\u00e4nger der TJ sind an das globale Netzwerk der TJ angeschlossen. Von Niedersachsen ausgehende Missionsreisen werden aus der Masjid El Ummah-Moschee im Pakistanzentrum in Hannover nach entsprechender Vorgabe koordiniert. Die nieders\u00e4chsischen TJ-Anh\u00e4nger beteiligen sich insbesondere an regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden bundesund europaweiten Treffen, auf denen u. a. organisatorische Entscheidungen der Bewegung getroffen werden. Grundlegende Entscheidungen werden jedoch von den F\u00fchrungszentren der TJ in Pakistan und Indien getroffen. TJ-Anh\u00e4nger sind aufgrund der durchzuf\u00fchrenden missionarischen Reisen auch regelm\u00e4\u00dfig in nieders\u00e4chsischen Moscheen anzutreffen, die nicht origin\u00e4r der TJ zuzurechnen sind. So wurden Missionierungsgruppen u. a. in G\u00f6ttingen, Osnabr\u00fcck und der Region Braunschweig/Wolfsburg festgestellt. Die Bewegung ist bestrebt, ihre missionarischen Aktivit\u00e4ten st\u00e4ndig zu intensivieren und ihre Anh\u00e4ngerzahl weltweit zu erh\u00f6hen. 128","4.10 Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG) Gegr\u00fcndet 1985 in K\u00f6ln (als Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e.V. - AMGT) Sitz: Kerpen (NRW) Vorsitzender: Kemal ERG\u00dcN Mitglieder/Anh\u00e4nger Bund Niedersachsen 2012: 31.000 2012: 2.600 2013: 31.000 2013: 2.600 Offizielle Publikation Perspektif (monatlich) Cami'a (14-t\u00e4gig) Mit ca. 31.000 Mitgliedern bundesweit, davon ca. 2.600 in Niedersachsen, ist die Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs (IGMG) die gr\u00f6\u00dfte islamistische Organisation in Deutschland. Als legalistisch-islamistische Organisation ist die IGMG bestrebt ihre Ziele innerhalb des vom Staat vorgegebenen rechtlichen Rahmens durchzusetzen und lehnt Gewalt kategorisch ab. Die Charakterisierung der IGMG als islamistische Gro\u00dforganisation ist allerdings insofern zu relativieren, als zunehmend weniger Anhaltspunkte f\u00fcr extremistische Aktivit\u00e4ten und Positionen der IGMG vorliegen. Die IGMG ist als Massenorganisation ein Sammelbecken ganz unterschiedlicher religi\u00f6ser und politischer Positionen. Dem entsprechend sind nicht alle Mitglieder der IGMG dem extremistischen Spektrum zuzuordnen. Auch moderat eingestellte Muslime und Anh\u00e4nger eines eher unpolitischen t\u00fcrkisch-orthodoxen Volksislams sind in der IGMG aktiv. Dar\u00fcber hinaus zeichnet sich seit einigen Jahren bei F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren der IGMG ein Reformkurs ab, der daf\u00fcr spricht, dass die IGMG als Gesamtorganisation nicht mehr eindeutig dem islamistischen Spektrum zugerechnet werden kann. Inwiefern die IGMG als Ganzes zuk\u00fcnftig in den Aufgabenbereich des Verfassungsschutzes f\u00e4llt, bedarf der \u00dcberpr\u00fcfung. Die ideologischen Wurzeln der IGMG liegen in der von dem t\u00fcrkischen Politiker Necmettin ERBAKAN (gestorben 2011) Ende der 1960er Jahre begr\u00fcndeten Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung. ERBAKAN strebte die Schaffung einer neuen Gro\u00dft\u00fcrkei in Anlehnung an das Osmanische Reich bei gleichzeitiger Abschaffung des Laizismus an. In seiner Ideologie verkn\u00fcpfte ERBAKAN islamistische mit t\u00fcrkisch-nationalistischen Elementen. Gem\u00e4\u00df der Ideologie ERBAKANs stehen sich in jeder Epoche gegens\u00e4tzliche Zivilisationen unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber, die entweder auf \"gerechten\" (\"Adil D\u00fczen\") oder auf \"nichtigen Ordnungen\" (\"Batil D\u00fczen\") beruhen. Gerecht seien nur diejenigen Ordnungen, die auf g\u00f6ttlicher Offenbarung basierten. Nichtig seien dagegen alle Ordnungen, die von Menschen erdacht worden seien. ERBAKAN zufolge dominiere mit der westlichen Zivilisation eine \"nichtige\", auf von Menschen geschaffenen und damit willk\u00fcrlichen Regeln beruhen129","de Ordnung, welche durch ein islamisches System ersetzt werden m\u00fcsse. Die Grundlage dieser islamischen Ordnung m\u00fcsse die Scharia sein. ERBAKAN verstand die Scharia nicht nur als Leitfaden f\u00fcr die individuelle Religionsaus\u00fcbung, sondern auch als verbindliches politisches Programm. Anders als von ERBAKAN propagiert, vertritt die IGMG heute - wie auch die gro\u00dfe Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime - \u00f6ffentlich die Position, dass die Scharia nicht politisch, sondern ausschlie\u00dflich religi\u00f6s bzw. als Orientierung f\u00fcr die individuelle Lebensf\u00fchrung des einzelnen Muslims zu verstehen sei. Die t\u00fcrkische Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung umfasst unterschiedliche Organisationen, die von der gemeinsamen Ideologie und der Bindung an ERBAKAN zusammengehalten werden. In der T\u00fcrkei sind das unter anderem die Saadet Partisi (SP, \"Partei der Gl\u00fcckseligkeit\") und die Tageszeitung Milli Gazete. In Deutschland wurde die Bewegung zun\u00e4chst von der IGMG getragen. Innerhalb der IGMG setzen sich aber zunehmend diejenigen Funktion\u00e4re durch, die sich gegen\u00fcber der t\u00fcrkischen Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung emanzipieren und sich prim\u00e4r auf die Belange der Muslime in Deutschland fokussieren. ERBAKAN wird von ihnen eher aus traditionellen Beweggr\u00fcnden verehrt und nicht so sehr als religi\u00f6s-politisches Idol. Es liegen Anhaltspunkte daf\u00fcr vor, dass sich Mitglieder und Funktion\u00e4re der IGMG, die nach wie vor ERBAKANs islamistischen Kurs verfolgen, zunehmend anderen Organisationen der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung zuwenden, etwa den in Deutschland neu gegr\u00fcndeten Niederlassungen der SP und der Erbakan-Stiftung. Die IGMG gibt in Deutschland zwei Zeitschriften heraus: \"Perspektif\" und \"Cami'a\". Bisweilen wird aber auch in der t\u00fcrkischen Milli Gazete \u00fcber Veranstaltungen und Belange der IGMG berichtet. Die formal unabh\u00e4ngige t\u00fcrkische Tageszeitung Milli Gazete (\"Nationalzeitung\") ist ein wichtiges ideologisches Bindeglied der unterschiedlichen Organisationen der Milli G\u00f6r\u00fcs-Bewegung. Ihre Bedeutung in der IGMG nimmt allerdings zunehmend ab. Insofern ist fraglich, inwiefern islamistische \u00c4u\u00dferungen in der Milli Gazete nach wie vor auch der IGMG zugerechnet werden k\u00f6nnen. Der Landesverband der IGMG in Niedersachsen umfasst mindestens 35 Ortsvereine. Der aktivste Verein ist das Braunschweiger Kulturund Bildungszentrum, das neben Nachhilfeunterricht und Hausaufgabenbetreuung auch Koranunterricht speziell f\u00fcr Kinder anbietet. Erstmals seit dem Jahr 2009 f\u00fchrte die IGMG wieder eine Jahresversammlung auf Europaebene durch. Zum \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" am 19.05.2013 in Hasselt (Belgien) kamen etwa 25.000 Personen, die der IGMG nahe stehen, zusammen. Ehreng\u00e4ste waren unter anderem der Vorsitzende des hohen Konsultationsrates der Saadet Partisi und der t\u00fcrkische Vizepremier. In Hannover f\u00fchrte der Regionalverband Hannover am 24.02.2013 im Congress Centrum eine Veranstaltung zur \"Geburt des Propheten Muhammad\" durch, an der ca. 3.000 Personen teilnahmen. Anwesend war auch der damalige IGMG-Generalsekret\u00e4r Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc, der einige Bittgebete sprach und die Abschlussrede hielt. Vom 07. bis 09.06.2013 feierte der Ortsverein Braunschweig seine mittlerweile 12. Islamwoche. Die Gesamtteilnehmerzahl lag bei ca. 4.000 Personen. 130","4.11 Hizb Allah (Partei Gottes) Gegr\u00fcndet 1982 im Libanon Sitz: Beirut Generalsekret\u00e4r: Hassan NASRALLAH Mitglieder/Anh\u00e4nger Bund Niedersachsen 2012: 950 2012: 130 2013: 950 2013: 130 Publikation Al-Ahd (Die Verpflichtung) Die libanesisch-schiitische Organisation Hizb Allah (Partei Gottes) bek\u00e4mpft mit terroristischen Mitteln den Staat Israel, richtet ihre Propaganda aber auch gegen westliche Institutionen. Mit diesem Bestreben gef\u00e4hrdet die Hizb Allah ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland und wird daher nach SS 3 Abs. 1 Nr. 3 NVerfSchG beobachtet. Im Juli 2013 setzte die Europ\u00e4ische Union den milit\u00e4rischen Arm der Hizb Allah (al-muqawama alislamiya - Islamischer Widerstand) auf die Liste der terroristischen Organisationen. 4.11.1 Ursprung und Entwicklung Die \"Partei\" Hizb Allah wurde 1982 unter ma\u00dfgeblicher Steuerung der Islamischen Republik Iran als Vertretung des radikalsten Teils der libanesischen Schiitengemeinde gegr\u00fcndet. Vorbild f\u00fcr die Hizb Allah ist der revolution\u00e4re Iran; die Lehren des iranischen Revolutionsf\u00fchrers Khomeini gelten als richtungweisend. Nach dem Tode Khomeinis lockerten sich zunehmend die fr\u00fcher engen Beziehungen. Ihren politischen Einfluss st\u00fctzt die schiitische Organisation wie andere islamistische Organisationen auch auf die soziale und karitative Betreuung ihrer Anh\u00e4ngerschaft. Dieses umfassende Betreuungssystem hatte die Hizb Allah mit finanzieller Unterst\u00fctzung Irans aufbauen k\u00f6nnen. Im Emblem der Hizb Allah kommt die politische Ausrichtung zum Ausdruck. Es zeigt in arabischer Schrift den Namen der Organisation. Eine aus diesem Schriftzug erwachsende Faust h\u00e4lt eine Kalaschnikow, \u00fcber der das Koranzitat \"Die auf Gottes Seite stehen, werden Sieger sein\" steht. Dies kann aber auch politisch als \"Die Hizb Allah wird Sieger sein\" gelesen werden. Die Unterzeile unter diesem Signet verweist auf die politische Zielrichtung: \"Islamische Revolution im Libanon!\". 4.11.2 Die Hizb Allah in Deutschland und in Niedersachsen Ungeachtet einer verbreiteten Sympathie unter den hier lebenden schiitischen Libanesen f\u00fcr die politischen und ideologischen Ziele der Hizb Allah tritt diese Organisation in der deutschen \u00d6ffentlichkeit kaum mit Aktivit\u00e4ten in Erscheinung. Veranstaltungen, f\u00fcr die bundesweit geworben werden, haben in der Regel nur geringen Zulauf. Dennoch darf das Mobilisierungspotenzial der Hizb Allah in Deutschland nicht untersch\u00e4tzt werden. Es ist 131","davon auszugehen, dass auch in Zukunft Aufrufe bzw. Weisungen des Generalsekret\u00e4rs der Hizb Allah konsequent von seinen Anh\u00e4ngern umgesetzt werden. So rief bereits 2012 Hassan NASRALLAH auf einer Gro\u00dfkundgebung in Beirut zu Protest gegen den islamfeindlichen Film \"Innocence of Muslims\" auf. Im Anschluss daran wurden in verschiedenen deutschen St\u00e4dten Demonstrationen durchgef\u00fchrt, an denen zwischen 800 und 1.500 Personen teilnahmen. Die Anmelder wiesen einen Bezug zur Hizb Allah auf. In Niedersachsen sind Anh\u00e4nger und Sympathisanten der Hizb Allah in mehreren Vereinen organisiert, die die Pflege und Verbreitung der libanesischen Kultur und die Aus\u00fcbung ihrer Religion als Zweck und Ziel in der Satzung angegeben haben. So u. a. in Hannover, Osnabr\u00fcck, Uelzen und in S\u00fcdniedersachsen. Aktivit\u00e4ten sind auch im nieders\u00e4chsischen Umland Bremens zu beobachten. Die Vereine finanzieren sich haupts\u00e4chlich durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spendensammlungen. Die Anbindung an die Hizb Allah erfolgt \u00fcber Funktion\u00e4re, die aus dem Libanon immer wieder zu herausragenden Anl\u00e4ssen anreisen, wie zum Beispiel dem Jahrestag des Abzugs der israelischen Armee aus dem S\u00fcdlibanon oder zu hohen muslimischen Feiertagen. 4.12 Sonstige extremistische Organisationen mit Auslandsbezug In Niedersachsen sind neben islamistisch gepr\u00e4gten Organisationen weitere extremistische Organisationen mit Bezug zum Ausland aktiv. Die Aktivit\u00e4ten dieser nichtislamistischextremistischen Organisationen werden im Wesentlichen von den aktuellen Ereignissen und Entwicklungen in den jeweiligen Bezugsstaaten bestimmt. Diese Organisationen betrachten Deutschland als sicheren R\u00fcckzugsraum, von dem aus gewaltsame Aktionen im Heimatland vorbereitet werden k\u00f6nnen. Dies geschieht z. B. durch Aufrufe zu Gewalt oder durch die Beschaffung finanzieller und sonstiger Mittel. Im Folgenden werden die f\u00fcr Niedersachsen bedeutsamen Organisationen n\u00e4her vorgestellt. 132","4.13 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) / Freiheitsund Demokratiekogress Kurdistans (KADEK) / Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL) / Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan (KKK) / Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans (KCK) Gegr\u00fcndet 1978 in der T\u00fcrkei Sitz: Nord-Irak Leitung: Abdullah \u00d6CALAN Mitglieder/Anh\u00e4nger Bund Niedersachsen 2012: 13.000 2012: 1.600 2013: 13.000 2013: 1.600 Publikation Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika (Neue Freie Politik), werkt\u00e4glich Serxwebun (Unabh\u00e4ngigkeit), monatlich Sterka Ciwan (Stern der Jugend) vormals Ciwanen Azad (Freie Jugend), monatlich Sender u. a. ROJ TV und Nuce TV103 Bet\u00e4tigungsverbot seit dem 26.11.1993 f\u00fcr die PKK104 Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) wurde 1978 von Abdullah \u00d6CALAN in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndet. Sie benannte sich 2002 in Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) und 2003 in Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL) um. Ab 2005 trat die PKK unter der Bezeichnung Gemeinschaften der Kommunen in Kurdistan (KKK) und seit 2007 unter Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans (KCK) auf. Trotz zahlreicher Umbenennungen der PKK ist allen vorgenannten Organisationen gemein, dass der inhaftierte \u00d6CALAN als ihr F\u00fchrer gilt. Urspr\u00fcnglich durch marxistisch-leninistische Programmatik gepr\u00e4gt, vertritt die PKK heute eine kurdisch-nationalistische Ideologie. Sie verfolgte das Ziel, einen politisch autonomen Kurdenstaat auf t\u00fcrkischem, teilweise auch auf iranischem, irakischem, syrischem und armenischem Gebiet zu gr\u00fcnden. 103 Die PKK unterh\u00e4lt einen umfangreichen Propagandaapparat zu dem u. a. Fernsehsender geh\u00f6ren. Die Sender sind eng miteinander verzahnt, was sich z. B. an zahlreichen personellen \u00dcberschneidungen bei den Moderatoren und den Hintergrundstimmen zeigt. Die Produktionsfirma von Nuce TV ist in Belgien unter der fr\u00fcheren Adresse von ROJ TV registriert. 104 Gleiches gilt f\u00fcr die Organisationen Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK), Volkskongress Kurdistans (KONGRA GEL), Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan (KKK) und Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans (KCK), bei denen es sich nach der Auffassung des Bundesministeriums des Innern um reine Umbenennungen handelt, f\u00fcr die das Verbot fortbesteht. 133","Am 15.02.1999 wurde \u00d6CALAN in Nairobi (Kenia) verhaftet und anschlie\u00dfend in der T\u00fcrkei wegen Hochverrats zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Aus dem Gef\u00e4ngnis heraus beeinflusst er die PKK immer noch ma\u00dfgeblich. Die PKK k\u00e4mpft in der T\u00fcrkei seit 1984 mit ihrem milit\u00e4rischen Arm, den \"Volksverteidigungseinheiten\" (HPG), f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Kurdenstaat. Zun\u00e4chst richtete sich der bewaffnete Kampf dieser PKK-Guerilla gegen t\u00fcrkische Gendarmerieund Milit\u00e4reinheiten. In den Folgejahren bek\u00e4mpfte sie aber auch Teile der kurdischen Bev\u00f6lkerung in der T\u00fcrkei und u. a. auch in Deutschland, wenn diese sich der Programmatik der PKK und ihrem Alleinvertretungsanspruch widersetzten. In der T\u00fcrkei verfolgt die PKK ihre Ziele bis heute mit Waffengewalt. Dies zeigen die bis in das Jahr 2012 andauernden Auseinandersetzungen zwischen t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften und der PKK-Guerilla sowie terroristische Anschl\u00e4ge in der T\u00fcrkei.105 Damit gef\u00e4hrdet die Organisation die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland, so dass eine Beobachtung nach SS 3 Absatz 1 Nr. 3 NVerfSchG erforderlich ist. Auch in Deutschland versuchte die PKK mit gewaltt\u00e4tigen Aktionen den Kampf in der T\u00fcrkei zu unterst\u00fctzen und ist nach wie vor bereit, militante Aktionen ihrer Anh\u00e4nger, wie z. B. Brandanschl\u00e4ge auf t\u00fcrkische Einrichtungen, zumindest zu billigen. Damit ist die Organisation eine Bedrohung f\u00fcr die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland (SS 3 Absatz 1 Nr. 1 NVerfSchG). Aus diesen Gr\u00fcnden untersagte 1993 das Bundesministerium des Innern der PKK, sich im Bundesgebiet zu bet\u00e4tigen. Das Bet\u00e4tigungsverbot umfasst auch die Organisationen KADEK, KONGRA GEL, KKK und KCK. Nach einem Beschluss des Rates der Europ\u00e4ischen Union vom 02.05.2002 wurde die PKK in die Liste terroristischer Organisationen (\"EU-Terrorliste\") aufgenommen. 4.13.1 Organisatorische Strukturen Civata Demokratik Kurdistan Der politische Arm der PKK in Europa, die Civata Demokratik Kurdistan (CDK) 106, unterliegt ebenfalls dem f\u00fcr die PKK geltenden vereinsrechtlichen Bet\u00e4tigungsverbot. Trotzdem unterh\u00e4lt sie ein verzweigtes Netz verdeckt handelnder Funktion\u00e4re, die Anordnungen und Vorgaben der Organisationsspitze an die nachgeordneten Hierarchieebenen zur Umsetzung weitergeben. An der Spitze dieser hierarchischen Strukturen stehen Funktion\u00e4re, die in der Regel von der Europaleitung der Organisation f\u00fcr einen begrenzten Zeitraum eingesetzt werden. F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e. V. Deutschlandweit geh\u00f6ren ca. 45 kurdische Ortsvereine der der PKK nahe stehenden F\u00f6de105 Am 25.06.2012 berichtete die PKK-nahe Tageszeitung Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika (Y\u00d6P), dass am 19. und 20.06.2012 in der Region Hakkari bei Anschl\u00e4gen \u00fcber 100 t\u00fcrkische Soldaten sowie 14 Angeh\u00f6rige der HPG get\u00f6tet worden sein sollen. 106 \"Koordination der kurdisch-demokratischen Gesellschaft in Europa\". 134","ration kurdischer Vereine in Deutschland e. V. (YEK-KOM) an. Die YEK-KOM ist eingebettet in die in Belgien ans\u00e4ssige europ\u00e4ische Dachorganisation Konf\u00f6deration der kurdischen Vereine in Europa (KON-KURD), welche sich im Rahmen ihres 19. Kongresses am 06. und 07.07.2013 in Belgien in Kurdischer Demokratischer Gesellschaftskongress in Europa (KCD Ewrupa, t\u00fcrkisch: Avrupa Demokratik K\u00fcrt Toplum Kongresi) umbenannte. Die YEK-KOM initiiert regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber ihre Ortsvereine \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktionen, die sich jeweils auf aktuelle Geschehnisse (z. B. Exekutivma\u00dfnahmen gegen PKK-nahe Einrichtungen, angebliche Leichensch\u00e4ndungen des t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs an get\u00f6teten PKKGuerillak\u00e4mpfern) oder bestimmte Jahrestage (etwa den Gr\u00fcndungstag der PKK) beziehen. Die YEK-KOM ist nicht vom PKK-Bet\u00e4tigungsverbot betroffen. Ihre Ortsvereine agieren aber h\u00e4ufig als Anmelder von Veranstaltungen mit Bezug zur politisch-ideologischen Zielsetzung der PKK. In Niedersachsen existieren YEK-KOM-Vereine in Hannover, Hildesheim, Lohne, Osnabr\u00fcck, Peine und Salzgitter. Die YEK-KOM organisierte mit Hilfe der Ortsvereine auch 2013 zahlreiche Veranstaltungen. Hier ist besonders das unter dem Motto \"Freiheit f\u00fcr \u00d6CALAN - Frieden in Kurdistan\" in Dortmund am 21.09.2013 veranstaltete 21. Kurdistan-Festival, das j\u00e4hrlich Besucher aus ganz Europa anzieht, hervorzuheben. Unter den ca. 25.000 Besuchern (2012: 40.000 Besucher) befanden sich auch zahlreiche Personen aus Niedersachsen. Jugendorganisation Der PKK-Jugendorganisation KOMALEN CIWAN (KC) ist das \"16. Mazlum-Dogan Jugend-, Kulturund Sportfestival\" zuzurechnen, das am 17.08.2013 in Br\u00fcssel (Belgien) mit ca. 1.500 Teilnehmern (2012: ca. 3.000) stattfand. Die Propagandaveranstaltung soll an den gleichnamigen Funktion\u00e4r der PKK erinnern, der sich 1982 in t\u00fcrkischer Haft das Leben nahm und seitdem als M\u00e4rtyrer verehrt wird. Zur Veranstaltung geh\u00f6rten neben sportlichen Wettk\u00e4mpfen und einem kulturellen Rahmenprogramm auch politische Redebeitr\u00e4ge. Sonstige Massenorganisationen Weitere PKK-nahe Massenorganisationen geben vor, die Interessen etlicher gesellschaftlicher Gruppen zu vertreten, so beispielsweise die der kurdischen Lehrer (Union der kurdischen Lehrer/YMK), der Studenten (Verband der Studierenden aus Kurdistan/YXK), der Journalisten (Union der Journalisten Kurdistans/YRK), der Juristen (Union der Juristen Kurdistans/YHK) sowie der Muslime (Islamische Gemeinde Kurdistans/CIK). Diese Organisationen sind auch in Niedersachsen aktiv. 4.13.2 Finanzierung Die Beschaffung von Geld stellt nach wie vor eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen der PKK dar. Der Propagandaapparat, wie die Fernsehsender ROJ TV bzw. Nuce TV oder die Publikationen, muss ebenso finanziert werden wie die politischen Kampagnen, die Unterorganisationen und die Guerilla-Armee. Hierzu dient vor allem die j\u00e4hrlich stattfindende Spendenkampagne. \u00dcberdies werden Eink\u00fcnfte auch durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge, den Verkauf von Zeitschriften und den Erl\u00f6s aus dem Verkauf von Eintrittskarten zu Gro\u00dfveranstaltungen erzielt. Im 135","Jahr 2013 lag der Ertrag allein in Deutschland wiederholt bei mehreren Millionen Euro. Die Spendenbereitschaft der kurdischen Bev\u00f6lkerung ist im Jahr 2013 aufgrund der aktuellen politischen Situation in der T\u00fcrkei und in Syrien (s. Ziffer 4.13.7) gewachsen. 4.13.3 Friedensprozess zwischen der PKK und dem t\u00fcrkischen Staat Die seit Ende 2012 gef\u00fchrten Verhandlungen zwischen \u00d6CALAN und Vertretern der t\u00fcrkischen Regierung m\u00fcndeten im Rahmen des Newroz-Festes am 21.03.2013 in einem schriftlichen Aufruf \u00d6CALANs zu einem zun\u00e4chst einseitigen Waffenstillstand seitens der PKK sowie einem Abzug der PKK-K\u00e4mpfer aus dem Gebiet der T\u00fcrkei. Von der Regierung forderte er im Gegenzug politische Verhandlungen und eine Demokratisierung der T\u00fcrkei. Anfang Oktober stellte die t\u00fcrkische Regierung ein \"Demokratisierungspaket\" vor, das PKKnahe Kreise jedoch als ungeeignet, den Friedensprozess voranzutreiben, zur\u00fcckwiesen. Der Vorsitzende des Exekutivrates der KCK, Cemil BAYIK, erkl\u00e4rte einem Bericht der Y\u00d6P vom 23.10.2013 zufolge, dass das Ende des gegenw\u00e4rtigen Friedensprozesses zwischen der PKK und dem t\u00fcrkischen Staat erreicht sei, wenn es keine Garantie f\u00fcr Verfassungs\u00e4nderungen gebe und drohte mit der R\u00fcckkehr der PKK-Guerillaeinheiten aus dem Nordirak in die T\u00fcrkei: \"Entweder sie akzeptieren substanzielle Verhandlungen mit der Kurdischen Freiheitsbewegung oder in der T\u00fcrkei bricht ein B\u00fcrgerkrieg aus.\" Er forderte zudem eine Verbesserung der Haftbedingungen des inhaftierten \u00d6CALAN sowie die Beteiligung einer nicht n\u00e4her konkretisierten \"dritten Seite\", die den Friedensprozess beobachten solle. 4.13.4 Ermordung von drei PKK-Aktivistinnen in Paris Am 09.01.2013 wurden im Kurdischen Informationsb\u00fcro in Paris die drei PKK-Aktivistinnen Sakine CANSIZ, Fidan DOGAN und Leyla SAYLEMEZ durch gezielte Kopfsch\u00fcsse get\u00f6tet. CANSIZ war eine hochrangige Funktion\u00e4rin und Mitbegr\u00fcnderin der PKK. Sie k\u00e4mpfte u. a. in der kurdischen Guerilla, war F\u00fchrungskader in Norddeutschland und sa\u00df im Jahr 2007 kurzfristig in Hamburg in Haft. Am 21.03.2009 nahm sie an der zentralen Newroz-Veranstaltung in Hannover teil. Bei dem mutma\u00dflichen T\u00e4ter soll es sich um einen PKK-Aktivisten handeln. Der t\u00fcrkische Staatsb\u00fcrger, der bis 2011 in Deutschland lebte, war seit November 2012 Mitglied in einem PKK-nahen Kulturverein und hatte Zugang zum Kurdischen Informationsb\u00fcro. In der Folge der Morde versammelten sich am 10.01.2013 ca. 1.500 Personen am Tatort in Paris. An einer weiteren Demonstration am 12.01.2013 nahmen 15.000 Kurden (nach eigenen Angaben: etwa 100.000) teil, die aus umliegenden europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, so auch aus Niedersachsen, angereist waren. Am 26.01.2013 fand in Paris zudem eine zentrale Gro\u00dfkundgebung kurdischer Jugendlicher statt. Auch in rund 30 St\u00e4dten in Deutschland wurden Veranstaltungen aus Anlass der Morde durchgef\u00fchrt, so u. a. am 12.01.2013 mit 2.300 Teilnehmern in Hannover (vom Kurdistan Volkshaus e. V. Hannover angemeldet) und am 26.01.2013 mit 300 Teilnehmern in Salzgitter. Im Rahmen einer im Internet ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung rief die KC zu Vergeltungsschl\u00e4gen auf. 136","Nuce TV berichtete am 23.01.2013 \u00fcber einen Aufruf der YEK-KOM, unter deren Federf\u00fchrung jeden Freitag vor allen franz\u00f6sischen Konsulaten in Deutschland bis zur Aufkl\u00e4rung der Morde Aktionen durchgef\u00fchrt werden sollen. Seit dem 31.01.2013 f\u00fchrt das Kurdistan Volkshaus e. V. Hannover regelm\u00e4\u00dfig donnerstags Mahnwachen vor dem franz\u00f6sischen Honorarkonsulat in Hannover durch. 4.13.5 Weitere Aktivit\u00e4ten in Niedersachsen Aufgrund eines Beschlusses des Amtsgerichtes L\u00fcneburg durchsuchte die Polizeidirektion Hannover am 10.03.2013 das Kurdistan Volkshaus e. V. Hannover. Es bestand der Verdacht, dass eine Spendenkampagne f\u00fcr die PKK aus den R\u00e4umen des Vereins von einem f\u00fchrenden PKK-Funktion\u00e4r organisiert worden sei. Es wurden u. a. 23 KCK-Spendenquittungen in H\u00f6he von insgesamt mehr als 4.000 Euro sowie diverse PKK-Propagandamaterialien beschlagnahmt und acht Ermittlungsverfahren gem. SS 20 Vereinsgesetz (Zuwiderhandlung gegen Verbote) eingeleitet. In einer Erkl\u00e4rung vom 11.03.2013 verurteilte die YEK-KOM die Durchsuchung als \"erneute polizeiliche Willk\u00fcrma\u00dfnahme\": \"Diese Razzia hat noch einmal die Zusammenarbeit der deutsch-t\u00fcrkischen Polizei im Kampf gegen die kurdische Freiheitsbewegung unterstrichen. Unser Verein in Hannover wurde in der Vergangenheit des \u00d6fteren Opfer deutscher Polizeigewalt. Diese Razzia hat keine juristische oder legale Grundlage. Die Vorgehensweise einiger Polizeibeamter zeigt, dass sie den Friedensprozess zwischen der T\u00fcrkei und der PKK sowie mit Abdullah \u00d6calan nicht bef\u00fcrworten und diese mit ihrer Art und Weise der politisch gerichteten Razzia besch\u00e4digen wollen.\" Auch der Vorstand des Kurdistan Volkshauses e. V. Hannover \u00e4u\u00dferte Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme. Das Kurdistan Volkshaus e. V. Hannover f\u00fchrte am 16.03.2013 einen Infotisch in der Innenstadt von Hannover durch, um neue Mitglieder zu werben und Unterschriften im Rahmen der seit September 2012 laufenden Kampagne \"Freiheit f\u00fcr \u00d6CALAN\" zu sammeln. Im Verlauf der Veranstaltung kam es zu Streitigkeiten mit einer Gruppe t\u00fcrkischst\u00e4mmiger M\u00e4nner, bei der eine t\u00fcrkische Person durch einen Messerstich verletzt wurde. Gegen mehrere Personen wurden Ermittlungsverfahren wegen gef\u00e4hrlicher K\u00f6rperverletzung nach SS 224 Strafgesetzbuch (StGB) eingeleitet. 4.13.6 ROJ TV meldet Konkurs an Der von D\u00e4nemark aus arbeitende PKK-nahe TV-Sender ROJ TV hat Konkurs angemeldet. In einer Pressemitteilung des Senders, hei\u00dft es, der Schritt sei eine direkte Folge eines Urteils vom 03.07.2013, mit dem das Landgericht Kopenhagen den Mediengesellschaften ROJ TV A/S und Mesopotamia Broadcast METV A/S die Sendelizenzen f\u00fcr die Fernsehsender ROJ TV und NUCE TV sowie den Musiksender MMC entzogen hatte. Beide Gesellschaften wurden zu einer Geldbu\u00dfe in H\u00f6he von umgerechnet etwa 1,4 Millionen Euro wegen Versto\u00dfes gegen die Antiterrorgesetze verurteilt. 137","4.13.7 Situation in Syrien Ende Juli 2012 brachen im t\u00fcrkisch-syrischen Grenzgebiet heftige K\u00e4mpfe zwischen den beiden zum al-Qaida-Netzwerk z\u00e4hlenden jihadistischen Gruppierungen al-Nusra-Front und Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) und den \"Volksverteidigungseinheiten\" (YPG) der Partiya Yekitiya Demokrat (Partei der demokratischen Einheit, PYD) - dem syrischen Zweig der PKK - aus. In Folge eines Attentates am 30.07.2013 auf einen bekannten kurdischer Politiker in Qamishli (Grenzort zwischen Syrien und der T\u00fcrkei), rief die YPG u. a. \u00fcber den PKK-nahen Fernsehsender Nuce TV zu verst\u00e4rkter milit\u00e4rischer Mobilisierung und der Bewaffnung kurdischer Jugendlicher gegen die al-Nusra Front und al-Qaida auf. Die KCK-F\u00fchrung verurteilte den \"niedertr\u00e4chtigen Anschlag\" und rief ihrerseits alle Kurden dazu auf, die \"Revolution in Rojava\" moralisch und praktisch zu unterst\u00fctzen107. Das Kurdistan Volkshaus e. V. Hannover f\u00fchrte im Namen der PYD am 03.08.2013 eine Kundgebung zum Thema \"Solidarit\u00e4t \"gegen\" die Islamisten in Westkurdistan\" mit etwa 450 Teilnehmern durch. Polizeiangaben zufolge war bei den Teilnehmern im Alter von 18 bis 30 Jahren ein aggressives Grundpotenzial feststellbar. Deutschlandweit fanden themengleiche Veranstaltungen u. a. am 10.08.2013 in Berlin, Bremen und Kassel statt. Die YEK-KOM rief zur Teilnahme an den Protestveranstaltungen auf. 4.13.8 Ausblick Die T\u00e4tigkeit der PKK ist in Europa auf die politische und materielle Unterst\u00fctzung des Kampfes in der Heimat ausgerichtet. Die Beschaffung finanzieller Mittel f\u00fcr die Ausr\u00fcstung und Bewaffnung des milit\u00e4rischen Arms, f\u00fcr die Unterhaltung des Parteiapparates und seiner medialen Plattformen sowie die Durchf\u00fchrung der Parteiaktivit\u00e4ten bilden daher in Europa und insbesondere in Deutschland auf allen Organisationsebenen einen Schwerpunkt. Die PKK verfolgt grunds\u00e4tzlich weiterhin eine Doppelstrategie. Au\u00dferhalb der T\u00fcrkei versucht sie, mit weitgehend gewaltfreien Protestaktionen auf die Lage der Kurden in der T\u00fcrkei und insbesondere auf die Haftsituation \u00d6CALANs aufmerksam zu machen, wobei sie auch gewaltt\u00e4tige Aktionen in Kauf nimmt. In der T\u00fcrkei hingegen soll mit der Fortsetzung des bewaffneten Kampfes in den Grenzgebieten zu Irak, Iran und Syrien sowie durch terroristische Anschl\u00e4ge in t\u00fcrkischen Gro\u00dfst\u00e4dten Druck auf den Staatsapparat ausge\u00fcbt werden. Erfolgsaussichten und Ernsthaftigkeit des Friedensplans zwischen der PKK und der t\u00fcrkischen Regierung k\u00f6nnen nach wie vor nicht abschlie\u00dfend bewertet werden. Sollten die Friedensverhandlungen allerdings abrupt beendet werden oder weiter ins Stocken geraten, k\u00f6nnte sich dies auch auf die Sicherheitslage in Deutschland negativ auswirken. Schwere Anschl\u00e4ge in Deutschland sind gegenw\u00e4rtig allerdings nicht zu erwarten. Nach wie vor k\u00f6nnen Entwicklungen in der Heimatregion auch unmittelbare Reaktionen bei den in Niedersachsen lebenden PKK-Anh\u00e4ngern hervorrufen. Die Sicherheitslage in Deutschland h\u00e4ngt somit auch von der Entwicklung in der T\u00fcrkei und dem Nordirak ab. Veranstaltungstypische Gewaltstraftaten, insbesondere gegen t\u00fcrkische Nationalisten und auch gegen Polizeibeamte, w\u00e4ren in Betracht zu ziehen. Auch vereinzelte zumeist anlassbezogene Straftaten wie Brandstiftungen, vor allem durch Jugendliche, 107 Y\u00d6P vom 01.08.2013, Seiten 1 und 4. 138","m\u00fcssten einkalkuliert werden. 4.14 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE, Befreiungstiger von Tamil Eelam) Gegr\u00fcndet 1972 in Sri Lanka Leitung: zurzeit vakant (bis Mai 2009 Velupillai PRABHAKARAN) Deutschlandleiter: John Pillai SRIRAVINDRANATHAN Mitglieder/Anh\u00e4nger Bund Niedersachsen 2012: 1.000 2012: 150 2013: 1.000 2013: 150 Publikation Tamil - Land An der Front Das Land ist der Nabel Vulkan Die Befreiungstiger von Tamil Eelam verfolgen das Ziel, ein von ihnen kontrolliertes Staatsgebilde (\"Tamil Eelam\") im Nordosten Sri Lankas zu errichten. Dabei gehen sie auf gewaltsame Weise gegen srilankische und indische Ziele vor. Sie geh\u00f6ren zu den extremistischen Gruppen, die besonders h\u00e4ufig von Selbstmordattentaten Gebrauch machen. Die LTTE ist seit Mai 2006 auf der EU-Liste terroristischer Organisationen (\"EU-Terrorliste\") verzeichnet. Durch ihre terroristischen Aktivit\u00e4ten im Ausland gef\u00e4hrdet die LTTE die ausw\u00e4rtigen Belange der Bundesrepublik Deutschland und wird daher nach SS 3 Abs. 1 Nr. 3 NVerfSchG beobachtet. 4.14.1 Ursprung und Entwicklung Der 1983 begonnene milit\u00e4rische Konflikt geht auf die britische Kolonialzeit zur\u00fcck, in der sich die in Sri Lanka, dem fr\u00fcheren Ceylon, dominierende singhalesisch-buddhistische Mehrheitsbev\u00f6lkerung (72 Prozent) und die Minderheit der \u00fcberwiegend hinduistischen Tamilen (18 Prozent) feindlich gegen\u00fcberstanden. Der 1976 aus einer revolution\u00e4rmarxistischen Organisation hervorgegangenen LTTE gelang es, tamilische Konkurrenzorganisationen in blutigen Auseinandersetzungen auszuschalten und sich gleichzeitig als Verteidiger der Tamilen gegen \u00dcbergriffe der singhalesischen Mehrheit zu profilieren. Diese urspr\u00fcngliche Zielsetzung wurde allm\u00e4hlich von einer tamilisch-nationalistischen Ausrichtung \u00fcberlagert. In dem anschlie\u00dfenden, sich bis Mai 2009 hinziehenden B\u00fcrgerkrieg zwischen Zentralregierung und LTTE kamen \u00fcber 80.000 Menschen ums Leben. Nach der Ausschaltung der gesamten LTTE-F\u00fchrungsebene auf Sri Lanka kann eine Restrukturierung nur \u00fcber die weltweit verbreitete tamilische Diaspora erfolgen, in der sich zwei Fl\u00fcgel heraus139","gebildet haben. Die so genannten Hardliner halten das Erreichen ihres Zieles - ein unabh\u00e4ngiges \"Tamil Eelam\" - nur durch die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes f\u00fcr m\u00f6glich. Der moderate Fl\u00fcgel m\u00f6chte einen selbstst\u00e4ndigen Staat auf politischem und gewaltfreiem Wege erreichen. Hierzu wurde bereits 2010 eine Transnationale Regierung (Transnational Government of Tamil Eelam-TGTE) gegr\u00fcndet. 4.14.2 Aktivit\u00e4ten in Deutschland Veranstaltungen der LTTE, die im Bundesgebiet haupts\u00e4chlich durch das Tamil Coordination Committee (TCC) mit Sitz in Oberhausen vertreten wird, orientieren sich h\u00e4ufig an der Zielsetzung, finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr den politischen und milit\u00e4rischen Kampf, aber auch f\u00fcr humanit\u00e4re Zwecke in Sri Lanka zu erhalten. So fordert die LTTE die in Deutschland lebenden ca. 61.000 Tamilen, davon 5.000 in Niedersachsen, immer wieder zu Spenden auf. Bei ihren Spendensammlungen, die von den \u00f6rtlichen Repr\u00e4sentanten geleitet werden, bedient sich die Organisation der folgenden, ihr nahe stehenden Organisationen: Tamil Youth Organization (TYO), Sitz in Hamm, Tamil Rehabilitation Organization (TRO), Sitz in Wuppertal, Tamil Student Organization (TSO), Sitz in Neuss, Tamilische Bildungsvereinigung (TBV), Sitz in Stuttgart. Auch 2013 fanden bundesweit zahlreiche Demonstrationen unter Beteiligung tamilischst\u00e4mmiger Personen statt. Eine am 12.02.2013 in London gestartete Kampagne unter dem Motto \"TamilVan - eine europaweite Kampagne f\u00fcr Gerechtigkeit der Eelam Tamilen in Sri Lanka\" f\u00fchrte mit einem Wohnmobil durch verschiedene europ\u00e4ische L\u00e4nder. In Niedersachsen machte das Wohnmobil in Hannover und Osnabr\u00fcck Halt. Die Kampagne endete am 04.03.2013 anl\u00e4sslich einer Kundgebung vor dem UN-Geb\u00e4ude in Genf. An ihr nahmen mehrere tausend Anh\u00e4nger der LTTE aus Europa teil. Traditionell feiern die Anh\u00e4nger der LTTE am 27. November eines jeden Jahres den \"Heldengedenktag\", um ihrer im Kampf f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Tamilienstaat get\u00f6teten K\u00e4mpfer zu gedenken. Der 27. November war der Geburtstag des 2009 durch die sri-lankische Armee get\u00f6teten LTTE-F\u00fchrers PRABAKHARAN. An der Veranstaltung am 27. November in Dortmund nahmen ca. 3.500 Personen u.a. auch aus Niedersachsen teil. Um auch den berufst\u00e4tigen Anh\u00e4ngern Gelegenheit zu bieten, ihrer Helden zu gedenken, wurden zwei Ausweichveranstaltungen am darauffolgenden Wochenende in M\u00fcnchen und Stuttgart angeboten Am 18.05.2013 beteiligten sich ca. 850 Tamilen (2012: 800) in D\u00fcsseldorf an einer vom Volksrat der Eelam Tamilen Deutschland e. V. (VETD) und der Tamilischen Jugendorganisation Deutschland e.V. (TYO) veranstalteten friedlich verlaufenen Demonstration zum \"Tag der Kriegsverbrechen\". Weitere Veranstaltungen zu diesem Thema fanden am 18.05.2013 in Bielefeld, Essen und Hannover sowie am 20.05.2013 in Berlin statt. Der \"War Crimes Day\" stellt neben dem Heldengedenktag am 27. November seit dem Kriegsende das wichtigste Ereignis f\u00fcr die LTTE dar. 140","Wie auch in den Vorjahren fanden am 23.07.2013 in mehreren deutschen St\u00e4dten Kundgebungen zum Gedenken an den 23.07.1983108 statt. 108 Am 23.07.1983 (sp\u00e4ter als \"Black July\" benannt) begann das von der singhalesischen Mehrheitsbev\u00f6lkerung auf Sri Lanka ver\u00fcbte antitamilische Pogrom, in dessen Verlauf tausende Tamilen get\u00f6tet wurden. 141","5. Scientology-Organisation Sitz: Los Angeles, Kalifornien/USA Pr\u00e4sident: David MISCAVIGE (Leiter der obersten ScientologyVerwaltung/\"RTC\") Gr\u00fcnder: Lafayette Ron HUBBARD (1911-1986) Mitglieder Bund Niedersachsen 2012: 3.500 - 4.500 2012: ca. 400 2013: 3.000 - 4.000 2013: ca. 400 Publikation \"Freiheit\", \"Impact\", \"The Auditor\", \"Dianetik Post\", \"Free Mind\", \"International Scientology News\", \"Advance\" u. a. 5.1 Entstehung der SO Der amerikanische Buch-Autor Lafayette Ron HUBBARD ver\u00f6ffentlichte 1950 sein Buch mit dem Titel \"Dianetik - Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit\" und legte damit den Grundstein der Scientology-Organisation (SO). Er entwickelte eine Selbsthilfemethode, die \"ungenutztes geistiges Potential\" freisetzen und wahre \"F\u00e4higkeiten\" verwirklichen sollte. 1954 gr\u00fcndete HUBBARD die erste offizielle Scientology-Kirche in Los Angeles. 1970 erfolgte die Gr\u00fcndung der ersten Niederlassung in Deutschland. 5.2 Zielsetzung und verfassungsfeindliche Bestrebungen Die Scientology-Organisation strebt als Fernziel eine von ihr beherrschte Gesellschaftsordnung an, in der wesentliche Grundund Menschenrechte au\u00dfer Kraft gesetzt oder eingeschr\u00e4nkt werden sollen. Scientology sieht sich selbst als eine \"Erl\u00f6sungsreligion\". Das Ziel ist ein allein an scientologischen Wertvorstellungen orientiertes totalit\u00e4res Herrschaftssystem. Es soll durch Expansion in alle staatlichen und gesellschaftlichen Bereiche erreicht werden. Das Mittel dazu ist die Technologie109 der SO, deren Kernst\u00fcck das so genannte Auditing ist, eine Methode zur 109 Mit Hilfe der das System Scientology tragenden Techniklehre soll ein Mensch wissenschaftlich nachvollziehbar die \"Handhabung des Lebens\" lernen k\u00f6nnen. Diese Technik geht davon aus, dass jeder Mensch wie eine Maschine zu bedienen ist. Der durch die scientologischen Verfahren zu erzeugende neue Mensch, der Scientologe, ist nach HUBBARD ein \"Produkt\", das durch spezielle \u00dcbungen vom noch unvollkommenen bis zum vollkommenen Produkt gebracht werden muss. 142","Bewusstseinsund Verhaltenskontrolle. Die auf den Schriften ihres Gr\u00fcnders HUBBARD beruhende Ideologie besitzt innerhalb der Organisation unver\u00e4nderliche G\u00fcltigkeit. Die Schriften und Aktivit\u00e4ten der SO enthalten tats\u00e4chliche Anhaltspunkte, dass die SO die bestehende demokratische und rechtstaatliche Ordnung durch die Etablierung einer Gesellschaft mit scientologisch bestimmten Normen ersetzen und lenkenden Einfluss auf Regierungen aus\u00fcben will. 5.3 Scientology in Deutschland und Niedersachsen Scientology ist in Deutschland weiterhin pr\u00e4sent. Die Einrichtungen der SO sind \u00fcberwiegend als eingetragene Vereine organisiert. Als Dachverband fungiert die Scientology Kirche Deutschland e. V. mit Sitz in M\u00fcnchen. Schwerpunkte der scientologischen Aktivit\u00e4ten in Deutschland sind Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern und Hamburg. Neben den offiziellen Scientology-Zentren in Deutschland pr\u00e4sentiert sich die Organisation mit einem umfangreichen Internetauftritt. Sie ist dort auch mit SO-Tarnorganisationen vertreten, zu denen u. a. \"Jugend f\u00fcr Menschenrechte\" sowie \"Sag nein zu Drogen - sag ja zum Leben\" z\u00e4hlen. Mit entsprechenden Videoclips auf YouTube versucht die SO mit gesellschaftlich anerkannten Themen, wie der Verbreitung und Durchsetzung moralisch hoher Werte sowie elementarer Rechte, arglose Nutzer anzusprechen. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Sch\u00fclerVZ dienen verst\u00e4rkt als Medium f\u00fcr eine direkte Kontaktanbahnung. Auch hier sind die Zielgruppe in erster Linie Jugendliche, die nicht wie bisher durch zeitund personalintensive Werbema\u00dfnahmen auf der Stra\u00dfe, sondern direkt \u00fcber das Internet am heimischen Computer erreicht werden k\u00f6nnen. In Niedersachsen entfaltet die SO keine nennenswerten Aktivit\u00e4ten und ist kein regionaler Schwerpunkt im Gesamtgef\u00fcge der Organisation in Deutschland. Die \"Org\" 110 Hannover firmiert vereinsrechtlich unter der Bezeichnung \"Scientology Gemeinde Hannover\". Zu den wenigen Aktivit\u00e4ten der nieders\u00e4chsischen Scientologen geh\u00f6ren in erster Linie die Durchf\u00fchrung von Infost\u00e4nden in der Innenstadt von Hannover, an denen Werbebrosch\u00fcren verteilt und der so genannte E-Meter, eine Art L\u00fcgendetektor, vorgef\u00fchrt werden. In anderen Orten Niedersachsens werden die Infost\u00e4nde zumeist organisatorisch durch die \"Scientology Kirche Hamburg\" durchgef\u00fchrt. Die \"Org\" Hannover wird nur von einem sehr begrenzten Personenkreis regelm\u00e4\u00dfig aufgesucht. Die vor Jahren von der Organisation gefassten Expansionsziele in Deutschland konnten in Niedersachsen nicht realisiert werden. In Niedersachsen bietet der Verfassungsschutz den Kommunen Beratung auch im Zusammenhang mit Sondernutzungserlaubnissen f\u00fcr Informationsst\u00e4nde der SO an. 110 Interne SO-Abk\u00fcrzung f\u00fcr Organisation. 143","6. Spionageabwehr 6.1 Einf\u00fchrung Die Bundesrepublik Deutschland ist aufgrund ihrer geopolitischen Lage, ihrer Rolle in der EU und der NATO sowie als Standort zahlreicher Unternehmen der Spitzentechnologie attraktives Aufkl\u00e4rungsziel fremder Geheimdienste. Niedersachsen ist insbesondere als erfolgreicher Wirtschaftsstandort Ziel entsprechender Spionageaktivit\u00e4ten. Vermeintliche Haupttr\u00e4ger dieser Spionageaktivit\u00e4ten waren bisher die Russische F\u00f6deration, die Volksrepublik China, aber auch der Iran. Seit den Ver\u00f6ffentlichungen von Edward Snowden \u00fcber die Aktivit\u00e4ten z. B. von amerikanischen und britischen Geheimdiensten in Deutschland ist diesbez\u00fcglich ein Umdenken erforderlich. Es muss zur Kenntnis genommen werden, dass neben den bisher bekannten Haupttr\u00e4gern auch die Geheimbzw. Nachrichtendienste der engsten Verb\u00fcndeten der Bundesrepublik Deutschland m\u00f6glicherweise systematisch und in einem bisher nicht erahnten Ausma\u00df Spionage in und gegen Deutschland betreiben. Deutlich geworden ist, dass die deutsche Spionagewehr ihre Aktivit\u00e4ten nicht auf die \"klassischen\" Gegner beschr\u00e4nken darf. Im Gegensatz zum deutschen Verfassungsschutz, der lediglich Spionageabwehr betreibt, haben andere Geheimbzw. Nachrichtendienste in der Regel eine gesetzliche Legitimation und auch den Auftrag f\u00fcr eine aktive Spionage, gro\u00dfenteils sogar f\u00fcr eine gezielte Wirtschaftsspionage, dem sie mutma\u00dflich auch in Deutschland konsequent nachkommen. Die Geheimdienste sind in unterschiedlicher Personalst\u00e4rke u. a. an den jeweiligen amtlichen Vertretungen (z. B. Botschaften, Generalkonsulate) in Deutschland pr\u00e4sent und unterhalten dort St\u00fctzpunkte. Geheimdienstmitarbeiter k\u00f6nnen dort als Diplomaten getarnt werden und betreiben entweder selbst Informationsbeschaffung oder leisten Unterst\u00fctzung bei geheimdienstlichen Operationen ihrer Zentralen. Die Schwerpunkte ihrer Beschaffungsaktivit\u00e4ten orientieren sich an politischen Vorgaben oder wirtschaftlichen Priorit\u00e4ten in ihren Heimatstaaten. In Niedersachsen ist in diesem Zusammenhang die Aussp\u00e4hung und Unterwanderung von ans\u00e4ssigen Organisationen und Personen, die in Gegnerschaft zu den Regierungen in ihren Heimatl\u00e4ndern stehen, von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung. Aber nicht nur Regimegegner, staatliche Stellen und Wirtschaftsunternehmen, sondern alle nieders\u00e4chsischen B\u00fcrger mit tats\u00e4chlichem oder vermutetem Zugang zu entsprechenden Informationen k\u00f6nnen im Inund Ausland Ziel geheimdienstlicher Aktivit\u00e4ten werden. Daneben bem\u00fchen sich einige Staaten wie z. B. der Iran weiterhin intensiv darum, in den Besitz von Technologien und G\u00fctern f\u00fcr atomare, biologische oder chemische Massenvernichtungswaffen mit den erforderlichen Tr\u00e4gersystemen zu gelangen. Auch innovative nieders\u00e4chsische Firmen geraten immer wieder in den Fokus ausl\u00e4ndischer Vermittler, die mit 144","Geheimdiensten zusammenarbeiten. Um Kontrollma\u00dfnahmen zu umgehen, wurden die illegalen Methoden weiter verfeinert, z. B. durch Beschaffung von Dual-use-G\u00fctern111 oder die Anlieferung \u00fcber Drittl\u00e4nder. Eine rasant wachsende Bedeutung erlangen internetgebundene Angriffe auf Computersysteme von Forschungseinrichtungen, Wirtschaftsunternehmen und Regierungsstellen. Angesichts der ausgew\u00e4hlten Ziele und der angewandten Methoden erscheint eine geheimdienstliche Steuerung oder zumindest Beteiligung in vielen F\u00e4llen als sehr wahrscheinlich. Der Arbeitsbereich Spionageabwehr im Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutz hat den gesetzlichen Auftrag, alle Informationen \u00fcber diese sicherheitsgef\u00e4hrdenden oder geheimdienstlichen Aktivit\u00e4ten zu sammeln und Spionage sowie Proliferation112 zu verhindern. Dabei geht es insbesondere darum, den Schutz der in Niedersachsen lebenden B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu gew\u00e4hrleisten und den Politikund Wirtschaftsstandort Niedersachsen zu sch\u00fctzen. Im Bundesgebiet wurden durch den Generalbundesanwalt (GBA) im Jahr 2013 insgesamt 19 Ermittlungsverfahren im Bereich Spionage und Proliferation neu eingeleitet. Davon werden 15 Verfahren wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agentent\u00e4tigkeit (SS 99 StGB) gef\u00fchrt, zwei Verfahren wegen landesverr\u00e4terischer Aussp\u00e4hung von Staatsgeheimnissen (SS 96 StGB) sowie zwei Verfahren wegen des Verdachts des Versto\u00dfes gegen das Au\u00dfenwirtschaftsbzw. Kriegswaffenkontrollgesetz. Durch Wirtschaftsspionage entsteht in Deutschland j\u00e4hrlich ein Schaden in Milliardenh\u00f6he. Daher war auch 2013 die Sensibilisierung, Information und Aufkl\u00e4rung von nieders\u00e4chsischen Firmen eine wichtige Aufgabe des Verfassungsschutzes. 6.2 Geheimdienste der Russischen F\u00f6deration (RF) Trotz guter politischer Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland verzichtet Russland auch weiterhin nicht auf eine Aufkl\u00e4rung Deutschlands mit geheimdienstlichen Mitteln. Das belegt der Fall zweier mutma\u00dflicher hauptamtlicher Mitarbeiter des russischen Auslandsnachrichtendienstes SWR, die wegen geheimdienstlicher Agentent\u00e4tigkeit nach SS 99 StGB in Tateinheit mit geheimdienstlicher Agentent\u00e4tigkeit gegen den NATO-Vertragsstaat K\u00f6nigreich der Niederlande am 02.07.2013 verurteilt wurden. Das OLG Stuttgart (Az.: 4b-3 StE 5/12) verh\u00e4ngte Freiheitsstrafen von 6 Jahren und 5 Monaten bzw. 5 Jahren und 5 Monaten. Zur Absch\u00f6pfung des aus der Tat erlangten Agentenlohns hatte das Gericht zudem einen Wertersatzverfall in H\u00f6he von 500.000 Euro angeordnet. Das Gericht sah als erwiesen an, dass das Ehepaar A. seit mehr als 20 Jahren in Deutschland f\u00fcr den russischen Nachrichtendienst geheimdienstlich t\u00e4tig gewesen war. Die Eheleute waren 1988 und 1990 als vorgebliche \u00f6sterreichische Staatsangeh\u00f6rige s\u00fcdamerikanischer Herkunft unter den Aliasnamen Andreas und Heidrun A. in die Bundesrepublik Deutschland ein111 Hierbei handelt es sich um Produkte, die sowohl f\u00fcr zivile als auch f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke verwendbar sind. 112 Proliferation ist die Weiterverbreitung von ABC-Waffen und Tr\u00e4gersystemen; siehe auch Kapitel 6.5. 145","gereist. Unter dieser mit falschen \u00f6sterreichischen Ausweispapieren untermauerten Legende bauten sie sich eine b\u00fcrgerliche Existenz auf, mit der sie ihre geheimdienstliche T\u00e4tigkeit tarnten. Die Verurteilten hatten die Aufgabe, Informationen \u00fcber die politische und milit\u00e4rpolitische Strategie der EU und der NATO zu gewinnen. Zu diesem Zweck f\u00fchrten sie von Oktober 2008 bis August 2011 als geheimdienstliche Instrukteure einen weiteren Agenten, der ihnen aus dem niederl\u00e4ndischen Au\u00dfenministerium amtliche Dokumente \u00fcber EUund NATO-Angelegenheiten lieferte. Diese leitete Andreas A. \u00fcber so genannte tote Briefk\u00e4sten an seine Zentrale weiter. Bis zu ihrer Festnahme am 18.10.2011 beschaffte das Ehepaar dar\u00fcber hinaus auch Informationen \u00fcber allgemeinund sicherheitspolitische Aspekte der Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland, der EU und der NATO zu Russland. W\u00e4hrend der gesamten Dauer ihrer geheimdienstlichen T\u00e4tigkeit stand das Ehepaar in regelm\u00e4\u00dfigem Kontakt mit ihrer F\u00fchrungsstelle. Ihre Anweisungen erhielten sie haupts\u00e4chlich mittels Agentenfunk113. Ihre Meldungen an die Geheimdienstzentrale \u00fcbermittelten sie hingegen per Satelliten\u00fcbertragung, f\u00fcr versteckte Botschaften nutzten sie ein Internetvideoportal. F\u00fcr ihre Agentent\u00e4tigkeit erhielten sie feste Bez\u00fcge, die sich in den letzten Jahren auf knapp 100.000 Euro pro Jahr beliefen. Die politische Informationsbeschaffung steht unver\u00e4ndert im Vordergrund der Bem\u00fchungen russischer Geheimdienste. So besteht u. a. ein st\u00e4ndiges Interesse an Informationen \u00fcber die Entwicklung der EU. Im milit\u00e4rischen Bereich gilt das Interesse Veranstaltungen, bei denen die Umgestaltung und Umr\u00fcstung der Bundeswehr oder die Schaffung gemeinsamer europ\u00e4ischer Streitkr\u00e4fte sowie die technischen Anforderungen an die Verteidigungsindustrie thematisiert wurden. Au\u00dferdem interessierten sich die Dienste f\u00fcr die milit\u00e4rische Infrastruktur in Deutschland, f\u00fcr wehrtechnische Neuentwicklungen sowie milit\u00e4risch nutzbare Zivilschutztechnik. Im wissenschaftlich-technologischen Sektor liegt der Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten auf der Beschaffung von Informationen \u00fcber Computer-, Telekommunikationsund Sicherheitstechnik sowie von Produkten aus den Bereichen Messtechnik, Luftund Raumfahrt. Die Informationsbeschaffung erfolgt zum einen durch Auswertung offener Quellen und den Besuch von Industriemessen und \u00f6ffentlichen Vortragsveranstaltungen, zum anderen aber auch konspirativ aus den diplomatischen und konsularischen Vertretungen der RF mit ihren Legalresidenturen114. In Niedersachsen gibt es keine Konsulate der RF. F\u00fcr das Landesgebiet ist die Botschaft in Berlin zust\u00e4ndig. Die als Diplomaten getarnten hauptamtlichen Mitarbeiter der russischen Geheimdienste steuern aus diesen Residenturen heraus ihre Aktivit\u00e4ten. Vor allem der v\u00f6lkerrechtliche Status der offiziellen Auslandsvertretungen bietet den Angeh\u00f6rigen der Geheimdienste die Rahmenbedingungen f\u00fcr Spionageaktivit\u00e4ten in Deutschland. Dazu z\u00e4hlen z. B. der Diplomatenstatus als \"T\u00fcr\u00f6ffner\" bei der Aufnahme von Kontakten aller Art sowie die diplomatische Immunit\u00e4t und der damit verbundene Schutz vor Strafverfolgung. Die Bandbreite der entwickelten Aktivit\u00e4ten reicht von der offenen Informationsgewinnung \u00fcber die F\u00fchrung vertraulicher Verbindungen bis hin zur geheimen Agentenf\u00fchrung. 113 Hierbei handelt es sich um das Versenden und/oder Empfangen von Nachrichten im Kurzwellenbereich. 114 St\u00fctzpunkt eines fremden Geheimdienstes in einer offiziellen (z. B. Botschaft, Generalkonsulat) oder halboffiziellen (z. B. Presseagentur, Fluggesellschaft) Vertretung seines Landes im Gastland. 146","6.2.1 Vorsicht bei Reisen Auch Touristen, Gesch\u00e4ftsreisende und das Personal von Hilfsorganisationen oder deutschst\u00e4mmige Aussiedler stehen im Fokus russischer Geheimdienste. Die Daten dieser Personen werden bereits bei Visabeantragung erfasst, so dass jeder Reisende stets damit rechnen muss, von russischen Geheimdiensten \u00fcberwacht zu werden. Reisende sollten bei ihren Visumsund Zollformalit\u00e4ten korrekte Angaben machen, da russische Geheimdienste den Vorwurf bewusst falscher Angaben nutzen k\u00f6nnten, um Druck auszu\u00fcben. Weiterhin m\u00fcssen Reisende davon ausgehen, dass russische Geheimdienste ungehinderten Zugriff auf alle Telefonund Internetdaten (Telefonanlagen und Hotspots in Hotels etc.) haben und die Kommunikation \u00fcberwachen. Zur Intensivierung dieser \u00dcberwachung wurden dem FSB im Juli 2011 per Gesetz weit reichende exekutive Befugnisse zugestanden. So k\u00f6nnen Personen, die Vorladungen des FSB nicht nachkommen, bis zu 15 Tage festgehalten werden. 6.3 Chinesische Geheimdienste Niedersachsen verf\u00fcgt \u00fcber vielf\u00e4ltige Kontakte zur Volksrepublik China. Es gibt eine gro\u00dfe Anzahl von Kooperationen und Hochschulpartnerschaften zwischen chinesischen und nieders\u00e4chsischen Firmen und Universit\u00e4ten, einschlie\u00dflich eines regen Austausches von Wissenschaftlern und Studenten. China hat sich zum Ziel gesetzt, seine Volkswirtschaft in ein \"Marktwirtschaftssystem sozialistischer Pr\u00e4gung\" zu verwandeln, um so den Anschluss an die f\u00fchrenden Industrienationen zu erreichen. Wirtschaftsexperten sind \u00fcbereinstimmend der Auffassung, dass dieses Ziel nur mit massivem Transfer von Spitzentechnologie aus den hoch entwickelten Industriestaaten zu erreichen ist. Dazu bedient sich China weltweit seiner Geheimund Sicherheitsdienste und betreibt geheimdienstliche Aufkl\u00e4rung einschlie\u00dflich des Einsatzes geheimdienstlicher Quellen. Es besteht ein st\u00e4ndiges Interesse an wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, technischen und milit\u00e4rischen Informationen. Aber auch die klassischen Aufkl\u00e4rungsbereiche der Spionage stehen im Zielspektrum der chinesischen Dienste. So haben die Dienste die Aufgabe, die chinesische Staatsf\u00fchrung m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig mit Informationen zu versorgen, die f\u00fcr Entscheidungen in der Au\u00dfenund Sicherheitspolitik von Bedeutung sind. Eine weitere Aufgabe der chinesischen Geheimdienste ist die \u00dcberwachung und die Beeinflussung der au\u00dferhalb Chinas lebenden Landsleute. Hierzu z\u00e4hlen insbesondere diejenigen Personen, die dem politischen System ihres Heimatlandes kritisch gegen\u00fcberstehen (\"F\u00fcnf Gifte\")115 und in der Regel in zahlreichen Vereinen organisiert sind. Namentlich 115 Bei den \"F\u00fcnf Giften\" handelt es sich aus Sicht der Kommunistischen Partei Chinas um die Anh\u00e4nger der Demokratiebewegung, die Bef\u00fcrworter einer Eigenstaatlichkeit Taiwans, die nach Erlangung tats\u00e4chlicher Autonomie strebenden und deshalb des Separatismus verd\u00e4chtigten Angeh\u00f6rigen der tibetischen und uigurischen Minderheiten sowie die Mit147","handelt es sich haupts\u00e4chlich um die in China seit 1999 verbotene buddhistisch-taoistische Falun-Gong-Bewegung sowie die nach Selbstbestimmung strebenden islamischen Uiguren116, deren Heimat die \u00f6lreiche autonome Region Xinjiang im Nordwesten Chinas ist. Die Vorgehensweise der chinesischen Geheimdienste besteht in erster Linie in der offenen Absch\u00f6pfung von Kontaktpersonen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Genutzt werden vorrangig eigene sprachlich ausgebildete Landsleute. Sie unterhalten im Rahmen ihrer offiziellen T\u00e4tigkeit vielf\u00e4ltige Kontakte zu nieders\u00e4chsischen Institutionen oder besuchen Veranstaltungen, um mit den dort vertretenen Zielgruppen Kontakte zu kn\u00fcpfen. Hierbei wird eine Politik des \"langen Atems\" mit einer \"Offensive des L\u00e4chelns\" verbunden, indem die Beziehungen zu geheimdienstlich interessanten Personen regelrecht kultiviert werden. Wiederholte Einladungen zum Essen, gemeinsamer Besuch kultureller Veranstaltungen, Empf\u00e4nge in der Botschaft bis hin zu Einladungen nach China inklusive der Kosten\u00fcbernahme vermitteln das Bem\u00fchen, eine \"Freundschaftsbeziehung\" aufzubauen. Weitere Informationsabsch\u00f6pfungen erfolgen einerseits durch in Niedersachsen st\u00e4ndig oder vor\u00fcbergehend lebende Chinesen117, die als hoch qualifizierte Mitarbeiter bei bedeutenden Firmen, in wissenschaftlichen Instituten oder als postgraduierte Studenten 118 t\u00e4tig sind. Diese Personen werden von den diplomatischen Vertretungen oder anderen staatlichen Stellen Chinas angehalten, die erworbenen Kenntnisse der Entwicklung Chinas zur Verf\u00fcgung zu stellen. Andererseits werden in Einzelf\u00e4llen auch offizielle Delegationen genutzt, um nachrichtendienstliche Mitarbeiter unauff\u00e4llig einzuschleusen. Bei Reisen nach China ist schon bei den Visaund Zollformalit\u00e4ten \u00e4hnliche Achtsamkeit wie bei Reisen in die Russische F\u00f6deration angebracht, da der zivile Inund Auslandsdienst mit mehr als 800.000 Mitarbeitern wichtigster Tr\u00e4ger der geheimdienstlichen Aufkl\u00e4rung ist. Der Dienst ist f\u00fcr die Spionageabwehr zust\u00e4ndig und \u00fcberwacht im Land lebende sowie einreisende Ausl\u00e4nder. Somit ist davon auszugehen, dass auch nieders\u00e4chsische Besucher, vorrangig Entscheidungstr\u00e4ger aus Wirtschaft und Wissenschaft, in China einer umfassenden \u00dcberwachung unterliegen und in Hotels und Konferenzr\u00e4umen abgeh\u00f6rt werden. Der stetig zunehmende Informationsfluss aus dem Ausland wird in China ebenfalls \u00fcberwacht. 6.4 Geheimdienste der Islamischen Republik Iran Die Geheimdienste der Islamischen Republik Iran sind eine wichtige St\u00fctze f\u00fcr das dortige Regime. Haupttr\u00e4ger der geheimdienstlichen Aktivit\u00e4ten sind das Ministerium f\u00fcr Nachrichten und Sicherheit (Ministry of Information and Security - MOIS, in Farsi: Vezarat e Ettela'at Va Amniat e Keshvar - VEVAK) und der Geheimdienst der iranischen Revolutionsgarden (Revolutionary Guards Intelligence Department - RGID). glieder der Meditationsbewegung Falun-Gong. Sie alle werden als \"gr\u00f6\u00dfte Gefahr\" f\u00fcr den Bestand des politischen Systems der Volksrepublik China angesehen. 116 Die Aktivit\u00e4ten der Uiguren werden von China pauschal als terroristisch eingestuft. 117 Am 31.12.2012 lebten in Niedersachsen 6.465 chinesische Staatsangeh\u00f6rige (Quelle: Landesbetrieb f\u00fcr Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen). Deutsche Staatsangeh\u00f6rige chinesischer Herkunft sind in diesen Zahlen nicht enthalten. 118 Als \"Postgraduierte\" bezeichnet man diejenigen Studenten, die bereits \u00fcber einen Hochschulabschluss verf\u00fcgen und in einem Aufbaustudium mit dem Ziel des Masterabschlusses oder der Promotion an einer Universit\u00e4t eingeschrieben sind. 148","Die gegen Deutschland gerichteten geheimdienstlichen Aktivit\u00e4ten des Iran gehen vorrangig vom MOIS aus. Aufkl\u00e4rungsschwerpunkte im Rahmen der Aussp\u00e4hung der Exilopposition sind die Volksmodjahedin Iran-Organisation (MEK) und ihr politischer Arm, der Nationale Widerstandsrat Iran (NWRI). Weitere Aufkl\u00e4rungsziele sind die deutsche Au\u00dfenund Sicherheitspolitik, aber auch die Wirtschaft, was sich insbesondere im iranischen Interesse an proliferationsrelevanten G\u00fctern widerspiegelt. Das MOIS unterh\u00e4lt an der iranischen Botschaft in Berlin eine Legalresidentur, die auch mit der Beobachtung von in Deutschland lebenden Oppositionellen beauftragt ist. Daneben leistet sie logistische Unterst\u00fctzung f\u00fcr geheimdienstliche Operationen der MOIS-Zentrale in Teheran. Auch in Deutschland lebende Iraner werden zur Informationsbeschaffung und logistischen Unterst\u00fctzung genutzt. 6.5 Proliferation Wesentliches Merkmal der Proliferation - also der Weiterverbreitung von ABC-Waffen und Tr\u00e4gersystemen - ist, dass sie nicht von Einzelpersonen, sondern von so genannten proliferationsrelevanten Staaten wie Iran, Nordkorea, Pakistan und Syrien unter Einbeziehung ihrer Geheimdienste betrieben wird. Da einsatzf\u00e4hige ABC-Waffenund Tr\u00e4gersysteme nicht komplett auf dem Weltmarkt zu beschaffen sind, richtet sich das Interesse dieser Staaten grunds\u00e4tzlich auf den Erwerb von Produkten, die den Fortbestand und die Weiterentwicklung der bereits vorhandenen Waffenbest\u00e4nde gew\u00e4hrleisten. Im Mittelpunkt stehen dabei solche Ausfuhrprodukte, die als so genannte Dual-use-G\u00fcter sowohl im zivilen als auch im milit\u00e4rischen Bereich Anwendung finden k\u00f6nnen. Gro\u00dfes Interesse besteht an der Beschaffung von G\u00fctern und Informationen aus nieders\u00e4chsischen Hochtechnologieunternehmen. Durch den Einsatz von Tarnfirmen/organisationen sowie durch falsche Angaben \u00fcber die Ware selbst, ihren tats\u00e4chlichen Bestimmungsort und -zweck ist es oftmals sehr schwierig, geheimdienstlich gesteuerte Beschaffungsaktivit\u00e4ten zu erkennen. Die Bundesrepublik Deutschland versucht, der Proliferation durch eine restriktive Exportkontrolle entgegen zu wirken. Die proliferationsrelevanten Staaten bem\u00fchen sich zudem um den Erwerb von Know-how, um mit diesem betriebene Programme zur eigenen Herstellung von Massenvernichtungswaffen nutzen zu k\u00f6nnen. Mit Urteil vom 08.11.2013 hat das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg auch einen nieders\u00e4chsischen Gesch\u00e4ftsmann wegen Verst\u00f6\u00dfen nach dem Au\u00dfenwirtschaftsgesetz und versuchten Verst\u00f6\u00dfen nach dem Kriegswaffenkontrollgesetz zu einer Bew\u00e4hrungsstra149","fe von 18 Monaten verurteilt, der an der Beschaffung von Spezialventilen f\u00fcr den Iran beteiligt gewesen ist. Der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz hat den Kontakt zu nieders\u00e4chsischen Firmen und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen weiter ausbauen k\u00f6nnen. Durch konsequente Sachverhaltsaufkl\u00e4rungen und Sensibilisierungsgespr\u00e4che wurde versucht, einen wesentlichen Beitrag zur Proliferationsbek\u00e4mpfung zu leisten. 6.6 Elektronische Angriffe mit vermutetem nachrichtendienstlichen Hintergrund Die Abh\u00e4ngigkeit unserer Gesellschaft von Informationsund Kommunikationstechnologien ist in den vergangenen Jahren rapide angestiegen. Weltweit nutzen alle Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens die M\u00f6glichkeiten der Vernetzung und des schnellen Informationsaustausches. Die dadurch entstandene Verwundbarkeit moderner Gesellschaften muss als eine der gr\u00f6\u00dften sicherheitspolitischen Herausforderungen verstanden werden, denn der m\u00f6gliche Schaden f\u00fcr Staaten, ihre Bev\u00f6lkerung und ihre Volkswirtschaften im Falle der Beeintr\u00e4chtigung von Informationsinfrastrukturen ist immens. Auch hierzulande sind Staat, Kritische Infrastrukturen 119, Wirtschaft, Wissenschaft und Bev\u00f6lkerung auf das verl\u00e4ssliche Funktionieren dieser Technologien, insbesondere des Internets, angewiesen. Elektronische Angriffe werden immer zahlreicher, komplexer und professioneller. Meistens kann bei Angriffen weder auf die Identit\u00e4t noch auf die Motivation des Angreifers geschlossen werden; kriminelle, terroristische, milit\u00e4rische und/oder nachrichtendienstliche Hintergr\u00fcnde sind denkbar. Die Abwehrund R\u00fcckverfolgungsm\u00f6glichkeiten gegen\u00fcber technologisch hoch entwickelten Schadprogrammen, die f\u00fcr solche Angriffe h\u00e4ufig genutzt werden, sind sehr begrenzt. Fremde Staaten nutzen die M\u00f6glichkeit, durch gezielte elektronische Angriffe Informationen zu erlangen und das erworbene Wissen zu ihrem Vorteil zu nutzen. In j\u00fcngster Vergangenheit sind bundesweit - so auch in Niedersachsen - elektronische Angriffe insbesondere auf Unternehmen und Zulieferer aus verschiedenen Technologiebereichen offenkundig geworden. Neben den im Jahr 2013 fortgesetzten Angriffen auf Gro\u00dfunternehmen sind in Niedersachsen auch diverse kleine und mittelst\u00e4ndische Unternehmen betroffen, in denen insbesondere die IT-Sicherheit nur einen nachrangigen Stellenwert hat. H\u00e4ufig sind die EDV-Netzwerke vor unbefugten Zugriffen nur unzureichend gesch\u00fctzt. Dazu geh\u00f6rt auch die Vernachl\u00e4ssigung der Sicherheit von Steuersystemen in Industrieanlagen (SCADA-Systeme)120, insbesondere wenn diese im Zuge der Vernetzung erst nachtr\u00e4glich an das Internet angeschlossen worden sind. Unverschl\u00fcsselte Verbindungen 119 Kritische Infrastrukturen sind Organisation und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung f\u00fcr das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeintr\u00e4chtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengp\u00e4sse, erhebliche St\u00f6rungen der \u00f6ffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten w\u00fcrden (Internetseite des Bundesamtes f\u00fcr Sicherheit in der Informationstechnik - BSI). 120 Supervisory Control and Data Acquisition; damit sind Computer-Systeme gemeint, mit denen man technische Prozesse steuern und \u00fcberwachen kann. 150","\u00fcber Telefon, Telefax, Mobiltelefon oder E-Mail sind problemlos angreifbar. Haupts\u00e4chlich sind es jedoch fehlerbehaftete Software-Produkte, l\u00fcckenhafte Hardwarekomponenten und unzureichend sensibilisierte Anwender, die die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines elektronischen Angriffs zu werden, erh\u00f6hen. Zu den signifikanten Vorf\u00e4llen in Niedersachsen geh\u00f6rt die Betroffenheit eines kleinen nieders\u00e4chsischen innovativen Unternehmens, das mit neuen Entwicklungen im Bereich der volldigitalen Mobilfunknetze befasst ist. Diese Innovationen wurden international vorgestellt und f\u00fcr die zivile Verwendung angeboten. Bei den Produktpr\u00e4sentationen und anschlie\u00dfenden Gesch\u00e4ftstreffen kam es mutma\u00dflich zu Kontakten mit Agenten fremder Geheimdienste. In der Folgezeit war und ist das Unternehmen massiven Angriffen auf sein Firmennetzwerk auf unterschiedlichen Ebenen ausgesetzt gewesen. So wurden u. a. wiederholte Angriffe auf die Internetpr\u00e4senz und mehrere mit Schadsoftware im Anhang behaftete E-Mails festgestellt. Beide Methoden sind besonders geeignet, sich Zugang zu den Netzwerken der betroffenen Unternehmen zu verschaffen und diese zum Zweck der Spionage und Sabotage zu kompromittieren. Eine Bearbeitung entsprechend festgestellter elektronischer Angriffe stellt die Sicherheitsbeh\u00f6rden aufgrund der Anonymit\u00e4t des Angriffs und der oftmals nicht offensichtlichen Motivation der Angreifer sowie der damit aufgeworfenen Zust\u00e4ndigkeitsfrage vor Probleme. Daher steht der Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutz insbesondere den hiesigen Wirtschaftsunternehmen als Ansprechpartner zur Verf\u00fcgung. Neben einer Beratung in allen F\u00e4llen wird eine operative Verdachtsfallbearbeitung bei elektronischen Angriffen mit vermutetem nachrichtendienstlichen Hintergrund gew\u00e4hrleistet. F\u00e4lle von \"Cybercrime\", bei denen ein solcher Verdacht ausgeschlossen werden konnte, werden in Absprache und mit Einverst\u00e4ndnis des Betroffenen an die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden abgegeben. Es ist sicher, dass sich die Entwicklung im Sektor der Informationsund Kommunikationstechnologien fortsetzen wird und die operativen Risiken in der Zukunft noch st\u00e4rker steigen werden. Einer Fr\u00fcherkennung und Abwehr der Risiken muss erhebliche Bedeutung beigemessen werden. Auf Bundesund Landesebene wurde daher mit der Entwicklung von Cyber-Sicherheitsstrategien begonnen. Auf Bundesebene wurde ein Nationales Cyber-Abwehrzentrum (NCAZ) eingerichtet. Es arbeitet unter der Federf\u00fchrung des Bundesamtes f\u00fcr Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV), das Bundeskriminalamt (BKA) und zahlreiche weitere Beh\u00f6rden sind direkt beteiligt. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der L\u00e4nder sind dabei \u00fcber den Verbund der Spionageabwehr eingebunden. Ansprechpartner in Niedersachsen ist der Arbeitsbereich Wirtschaftsschutz beim Verfassungsschutz. In Niedersachsen wurde aus den Leitgedanken der Landesregierung, eine angemessene Krisenpr\u00e4vention zum Schutz des Landes vor Angriffen aus dem \"Cyber-Raum\" zu betreiben, eine Cyber-Sicherheitsstrategie beschlossen. Zu den strategischen Ans\u00e4tzen geh\u00f6rt u. a. auch der Ausbau der Kooperation zwischen Polizei und Verfassungsschutz unter Wahrung des Trennungsgebotes. Hier soll der Pr\u00e4vention und der Bek\u00e4mpfung von CyberAngriffen und der Spionage sowie der Beachtung des formellen IT-Geheimschutzes Rechnung getragen werden. 151","Kernelement der Cyber-Sicherheitsstrategie f\u00fcr Niedersachsen ist das Computer Emergency Response Team der nieders\u00e4chsischen Landesverwaltung (N-CERT). Das N-CERT dient u. a. auch als Informationsdrehscheibe f\u00fcr die notwendige fachliche und pr\u00e4ventive Vernetzung von Verwaltung, Wirtschaft und Forschung und hat seine Arbeit Anfang 2013 aufgenommen. 6.7 Hilfe f\u00fcr Betroffene Personen, die Opfer eines Anwerbungsversuchs fremder Geheimdienste oder eines elektronischen Angriffs mit vermutetem nachrichtendienstlichen Hintergrund geworden sind, wird geraten, sich an das Nieders\u00e4chsische Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport, Verfassungsschutzabteilung, Postfach 44 20, 30044 Hannover, Tel. 0511/6709-0, zu wenden. 152","7. Geheimund Wirtschaftsschutz 7.1 Geheimschutz Durch die vermehrten elektronischen Angriffe (siehe Kapitel 6.6) sind auch formal als geheimhaltungsbed\u00fcrftig eingestufte Informationen in Beh\u00f6rdennetzen gef\u00e4hrdet. Gerade die Ver\u00f6ffentlichungen von u. a. geheimen Informationen durch die Organisation WikiLeaks zeigen, wie wichtig ein hohes Niveau in der Datensicherheit durch Zugangsbegrenzung und \u00dcberpr\u00fcfung der Berechtigten ist. Informationen und Vorg\u00e4nge, deren Bekanntwerden den Bestand oder lebenswichtige Interessen, die Sicherheit oder die Interessen des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrden k\u00f6nnen, m\u00fcssen geheim gehalten und als Verschlusssache (VS) vor unbefugter Kenntnisnahme gesch\u00fctzt werden. Je nach Schutzbed\u00fcrftigkeit erfolgt eine Einstufung der VS in unterschiedliche Geheimhaltungsgrade (VS-NUR F\u00dcR DEN DIENSTGEBRAUCH, VS-VERTRAULICH, GEHEIM oder STRENG GEHEIM), wobei der Schutz durch vorbeugende und wirkungsvolle Ma\u00dfnahmen des personellen und materiellen Geheimschutzes erzielt wird. VS ab dem Geheimhaltungsgrad VS-VERTRAULICH d\u00fcrfen nur Personen zug\u00e4nglich sein, die sich einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung unterzogen haben. Dieses zentrale Element des personellen Geheimschutzes ist in Niedersachsen im Nieders\u00e4chsischen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetz (Nds. S\u00dcG) geregelt. Die in diesem Gesetz vorgeschriebenen \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren stellen sicher, dass nur Personen, deren Zuverl\u00e4ssigkeit festgestellt worden ist, eine sicherheitsempfindliche T\u00e4tigkeit aus\u00fcben. Dazu geh\u00f6ren auch T\u00e4tigkeiten an sicherheitsempfindlichen Stellen innerhalb von lebensoder verteidigungswichtigen Einrichtungen (Sabotageschutz, z. B. Rechenzentren des Landes, polizeiliche und kooperative Leitstellen). Zust\u00e4ndig f\u00fcr die Einleitung einer Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung ist die jeweilige Besch\u00e4ftigungsdienststelle; die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wirkt bei der Durchf\u00fchrung der \u00dcberpr\u00fcfung mit. Bei den Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen, die die nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sowohl f\u00fcr die eigenen Geheimnistr\u00e4ger als auch f\u00fcr alle in Beh\u00f6rden und sonstigen Institutionen im Geheimschutzverfahren befindlichen Personen des personellen vorbeugenden Geheimund Sabotageschutzes durchf\u00fchrt, handelt es sich um eine Mitwirkungsaufgabe i. S. v. SS 3 Abs. 3 Nr. 1 u. 2 NVerfSchG.121 Der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4ssigkeit des in den vorgenannten Bereichen eingesetzten Personals kommt durch die anhaltenden Bem\u00fchungen fremder Geheimdienste, aber auch durch die steigende Verbreitung personenbezogener Daten verbunden mit pers\u00f6nlicher Sorglosigkeit eine steigende Bedeutung zu. Die aktuellen Ereignisse um Ver\u00f6ffentlichungen u. a. gesch\u00fctzter Informationen im Internet zeigt die Brisanz des Themas. Der materielle Geheimschutz umfasst technische und organisatorische Ma\u00dfnahmen gegen 121 Zu weiteren Mitwirkungsaufgaben siehe auch Kapitel 1.12. 153","die unbefugte Kenntnisnahme von VS in schriftlicher oder elektronischer Form. In der Verschlusssachenanweisung (VSA) des Landes sowie erg\u00e4nzenden Richtlinien ist geregelt, wie als VS eingestuftes Schriftgut sicher bearbeitet, verwahrt und verwaltet wird. Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wirkt gem\u00e4\u00df SS 60 Abs. 1 VSA bei der Durchf\u00fchrung der VSA und der sie erg\u00e4nzenden Richtlinien mit und ber\u00e4t die Dienststellen des Landes. Beratungsschwerpunkte sind die Einrichtung und der Betrieb von besonders gesicherten Aktensicherungsr\u00e4umen oder Stahlschr\u00e4nken (VS-Verwahrgelasse), in denen VS unter Beachtung baulicher, mechanischer, elektronischer und organisatorischer Sicherheitsvorkehrungen aufbewahrt werden k\u00f6nnen. Dabei ist festgestellt worden, dass die Anzahl der verschlusssachenverwaltenden Dienststellen weiterhin r\u00fcckl\u00e4ufig ist, da das Aufkommen an VS zunehmend geringer wird und Altbest\u00e4nde konsequent vernichtet werden. Einen weiteren Beratungsschwerpunkt bildet der personelle Geheimschutz. Neben individuellen Beratungsgespr\u00e4chen mit Geheimschutzbeauftragten oder VS-Verwaltern an deren Arbeitspl\u00e4tzen werden Schulungen f\u00fcr Geheimschutzbeauftragte nieders\u00e4chsischer Beh\u00f6rden durchgef\u00fchrt, in denen Grundlagen des personellen und materiellen Geheimschutzes vermittelt werden. Geheimschutz findet nicht nur in Beh\u00f6rden statt, sondern auch in Unternehmen, die im Auftrag des Staates mit VS umgehen und demzufolge die Regelungen des personellen und materiellen Geheimschutzes beachten m\u00fcssen. Geheimschutzbetreute Unternehmen sind z. B. Kernkraftwerke oder Betriebe der R\u00fcstungsindustrie. 7.2 Wirtschaftsschutz 7.2.1 Einleitung Deutschland ist als technologieund exportorientierte Nation abh\u00e4ngig von Know-how und Innovation als wertvollste Ressourcen in der Volkswirtschaft. Dieses Wissen und diese Informationen stehen jedoch im Visier fremder Nachrichtendienste (Wirtschaftsspionage) und konkurrierender Unternehmen (Konkurrenzaussp\u00e4hung), die ganz gezielt und professionell Aussp\u00e4hung betreiben. Von Wirtschaftsund Industriespionage betroffen sind innovative und technologieorientierte Branchen, besonders Bereiche der Informationsund Kommunikationstechnik, der Luftund Raumfahrt, der Automobilindustrie, der Werkstoffund Produktionstechnik, der Biotechnik und Medizin, der Nanotechnologie sowie Energieund Umwelttechnik. Von Interesse sind Produktinnovationen und Marktstrategien. Auch nieders\u00e4chsische Unternehmen verzeichnen mit ihren Spitzentechnologien gro\u00dfe Erfolge, z. B. im Bereich der Automobilund Schifffahrtsbranche, der Laserund Sensortechnik, der Windenergieanlagen und Landmaschinen sowie der H\u00f6rger\u00e4teakustik und k\u00f6nnen damit ebenfalls Ziel fremder Nachrichtendienste und von Konkurrenzfirmen sein. Vor diesem Hintergrund wurde bei den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der Arbeitsbereich Wirt154","schaftsschutz geschaffen. Der Wirtschaftsschutz des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes hat sich aus der Spionageabwehr heraus inzwischen zu einem Partner f\u00fcr die Wirtschaft entwickelt und bietet zu folgenden Themen Beratungen an: Wirtschaftsund Industriespionage, Cybersicherheit, Know-how-Schutz, Sicherheit in der Informationsund Kommunikationstechnologie, Geheimschutz in der Wirtschaft, Sicherheit auf Gesch\u00e4ftsreisen im Ausland, Innent\u00e4terproblematik und Social Engineering. In diesem Zusammenhang ist der Wirtschaftsschutz als Gespr\u00e4chspartner stark nachgefragt. Im Rahmen seiner bislang 14-j\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit hat der Wirtschaftsschutz mehr als 7.000 Unternehmen mit sicherheitsrelevanten Informationen erreicht. 7.2.2 Zahlen und Fakten Im Jahr 2013 betreute der Wirtschaftsschutz 763 Unternehmen. Beratungen Die Beratungen von Unternehmen, d. h. individuelle Sensibilisierungsund Informationsgespr\u00e4che vor Ort, z\u00e4hlen nach wie vor zum Kerngesch\u00e4ft des Wirtschaftsschutzes. Insgesamt fanden 107 bilaterale Kontakte mit Firmen statt. F\u00fcr die Unternehmen ist es in diesem Zusammenhang hilfreich, dass der Verfassungsschutz nicht dem Legalit\u00e4tsprinzip unterliegt, also Sachverhalte mit strafrechtlichem Hintergrund nicht zwingend der Staatsanwaltschaft bzw. der Polizei gemeldet werden m\u00fcssen. Dieser Umstand f\u00fchrte zu einer Vielzahl von Hinweisen auf sicherheitsrelevante Vorf\u00e4lle mit m\u00f6glichen Know-how-Verlusten. H\u00e4ufig war die Informationstechnologie von Unternehmen betroffen, denn in mehreren F\u00e4llen waren Firmennetzwerke von Schadsoftware befallen. In einem Fall berichtete eine Firma, dass sie mehrfach sicher geglaubte Auftr\u00e4ge verloren hatte. Schlie\u00dflich wurde in dem Firmennetzwerk an einer verdeckten Stelle ein WLANRouter aufgefunden, welcher nicht der Firma zuzuordnen war. Es besteht der Verdacht, dass Angreifer \u00fcber diesen Router Zugriff auf sensible Informationen des Unternehmens bekommen haben. In weiteren F\u00e4llen nutzten ausgeschiedene Mitarbeiter ihr Wissen unberechtigt in neuen Unternehmen bzw. wurden Angriffe auf Telefonanlagen in Firmen festgestellt, die eine Weiterleitung zu kostenpflichtigen Rufnummern im Ausland zur Folge hatten. In den vorgenannten F\u00e4llen lie\u00df sich nach eingehender Pr\u00fcfung allerdings kein Verdacht einer nachrichtendienstlichen T\u00e4tigkeit begr\u00fcnden. 155","Vortr\u00e4ge Die Mitarbeiter des Wirtschaftsschutzes hielten 112 Vortr\u00e4ge bei Tagungsveranstaltungen. Neben Industrieund Handelskammern, Universit\u00e4ten und kommunalen Wirtschaftsf\u00f6rderungen werden die Vortr\u00e4ge des Wirtschaftsschutzes vermehrt von Unternehmen im Rahmen von Awareness-Veranstaltungen f\u00fcr Mitarbeiter und bei F\u00fchrungskr\u00e4ftetrainings nachgefragt, um f\u00fcr eine Sensibilisierung zu sorgen. Zum Thema Wirtschaftsspionage wurde durch den Wirtschaftsschutz auch im Studiengang Risikound Sicherheitsmanagement an der Hochschule f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung Bremen ein Gastreferat gehalten. Netzwerk Ein bedeutsamer Aspekt in der Arbeit des Wirtschaftsschutzes ist die Netzwerkarbeit. Ein wichtiger Partner hierbei ist die nieders\u00e4chsische Polizei, die oft Hinweisgeber f\u00fcr m\u00f6gliche Wirtschaftsspionagef\u00e4lle sein kann. Deshalb werden Studierende an der Polizeiakademie Niedersachsen, aber auch Polizeidienststellen im Lande zu diesen Themen sensibilisiert. Gemeinsam mit dem Fachkommissariat Wirtschaftskriminalit\u00e4t der Polizeidirektion Hannover wird ein Pr\u00e4ventionsprojekt durchgef\u00fchrt, bei dem in Firmenveranstaltungen zu den Themen Korruption, Wirtschaftsspionage und Internetkriminalit\u00e4t referiert wird. Das Landeskriminalamt Niedersachsen informiert den Wirtschaftsschutz \u00fcber Einbruchsdiebst\u00e4hle bei Unternehmen, bei denen Know-how abhandengekommen und eventuell ein nachrichtendienstlicher Hintergrund gegeben ist. Dar\u00fcber hinaus kommt es h\u00e4ufig zu einer Zusammenarbeit mit der dortigen Zentralstelle Internetkriminalit\u00e4t. Die Netzwerkarbeit des Wirtschaftsschutzes kommt auch in den nachfolgend beschriebenen Veranstaltungen zum Tragen. 7.2.3 17. Sicherheitstagung f\u00fcr geheimschutzbetreute Unternehmen Am 05. und 06.06.2013 fand in Braunlage die Tagung des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes f\u00fcr Sicherheitsbevollm\u00e4chtigte der geheimschutzbetreuten Unternehmen in Niedersachsen statt. Rund 60 Vertreter von Wirtschaftsunternehmen nahmen an der Veranstaltung zum Thema \"Die Realit\u00e4t in der Welt der Sicherheit\" teil. Die Teilnehmer wurden u. a. \u00fcber die Arbeit des NSU-Untersuchungsausschusses, den Verratsfall auf der NATOBasis in Ramstein (Rheinland-Pfalz) und die Arbeit des Milit\u00e4rischen Abschirmdienstes (MAD) informiert. 7.2.4 12. Wirtschaftsschutztagung des Nieders\u00e4chsischen Verfassungsschutzes Am 14.11.2013 fand die 12. Wirtschaftsschutztagung in Hannover statt. Unter den etwa 140 Teilnehmern waren neben Vertretern der Wirtschaft auch Studenten der Hochschule f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung Bremen (Institut f\u00fcr Polizei und Sicherheitsforschung) sowie Vertreter anderer Verfassungsschutzbeh\u00f6rden und der Polizei. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen Vortr\u00e4ge zum Thema Cybersicherheit. Des Weiteren wurde zu den M\u00f6glichkeiten der Informationsbeschaffung durch private Ermittler referiert. 156","7.2.5 CeBIT 2013 Vom 05. bis 09.03.2013 beteiligte sich der Wirtschaftsschutz w\u00e4hrend der Computer-Messe CeBIT auf einem Gemeinschaftsstand des Landes Niedersachsen und pr\u00e4sentierte sein Informationsangebot mit dem Schwerpunkt Cybersicherheit. 7.2.6 AirIT Security Day 2013 Am 25.09.2013 war der Wirtschaftsschutz mit einem eigenen Stand beim AirIT Security Day 2013 am Flughafen Hannover vertreten. Unter den \u00fcber 100 Teilnehmern aus verschiedenen Unternehmen waren IT-Leiter, Security-Officer sowie Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer zahlreicher nieders\u00e4chsischer Unternehmen. 7.2.7 Kontaktdaten des Fachbereichs Wirtschaftsschutz Telefon: 0511-6709-247 oder -248 Fax: 0511-6709-393 E-Mail: wirtschaftsschutz@verfassungsschutz.niedersachsen.de Homepage: www.verfassungsschutz.niedersachsen.de 157","8. Anhang 8.1 Definition der Arbeitsbegriffe Extremismus Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden unterscheiden zwischen \"Extremismus\" und \"Radikalismus\", obwohl beide Begriffe oft synonym gebraucht werden. Bei \"Radikalismus\" handelt es sich zwar auch um eine \u00fcberspitzte, zum Extremen neigende Denkund Handlungsweise, die gesellschaftliche Probleme und Konflikte bereits \"von der Wurzel (lat. radix) her\" anpacken will. Im Unterschied zum \"Extremismus\" sollen jedoch weder der demokratische Verfassungsstaat noch die damit verbundenen Grundprinzipien unserer Verfassungsordnung beseitigt werden. So sind z. B. Kapitalismuskritiker, die grunds\u00e4tzliche Zweifel an der Struktur unserer Wirtschaftsund Gesellschaftsordnung \u00e4u\u00dfern und sie von Grund auf ver\u00e4ndern wollen, noch keine Extremisten. Radikale politische Auffassungen haben in unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung ihren legitimen Platz. Auch wer seine radikalen Zielvorstellungen realisieren will, muss nicht bef\u00fcrchten, dass er vom Verfassungsschutz beobachtet wird, jedenfalls nicht, so lange er die Grundprinzipien unserer Verfassungsordnung anerkennt. Als extremistisch werden dagegen die Aktivit\u00e4ten bezeichnet, die darauf abzielen, die Grundwerte der freiheitlichen Demokratie zu beseitigen. Extremismus mit Auslandsbezug Extremistische Ausl\u00e4nderorganisationen verfolgen in Deutschland Ziele, die h\u00e4ufig durch aktuelle Ereignisse und politische Entwicklungen in ihren Heimatl\u00e4ndern bestimmt sind. Entsprechend ihrer politischen Ausrichtung handelt es sich dabei zum Beispiel um linksextremistische Organisationen, soweit sie in ihren Heimatl\u00e4ndern ein sozialistisches bzw. kommunistisches Herrschaftssystem anstreben oder um nationalistische Organisationen, die ein \u00fcberh\u00f6htes Selbstverst\u00e4ndnis von der eigenen Nation haben und die Rechte anderer V\u00f6lker missachten. Daneben gibt es separatistische Organisationen, die eine Losl\u00f6sung ihres Herkunftsgebietes aus einem bereits bestehenden Staatsgebilde und die Schaffung eines eigenen Staates verfolgen. Die gr\u00f6\u00dfte von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden beobachtete ausl\u00e4nderextremistische Organisation in Deutschland ist nach wie vor die unter der Bezeichnung PKK bekannte Arbeiterpartei Kurdistans. Derartige Organisationen unterliegen der Beobachtung durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden, wenn: sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland richten, indem sie hier z. B. versuchen, eine ihren Grunds\u00e4tzen entsprechende Parallelgesellschaft zu errichten, sie ihre politischen Auseinandersetzungen mit Gewalt auf deutschem Boden austragen und dadurch die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrden, sie vom Bundesgebiet aus Gewaltaktionen in anderen Staaten durchf\u00fchren oder unterst\u00fctzen und dadurch ausw\u00e4rtige Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu diesen Staaten gef\u00e4hrden, sich ihre Aktivit\u00e4ten gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung, insbesondere 158","das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker, richten. Islamismus Der Begriff des Islamismus bezeichnet eine religi\u00f6s motivierte Form des politischen Extremismus. Islamisten sehen in den Schriften und Geboten des Islams nicht nur Regeln f\u00fcr die Aus\u00fcbung der Religion, sondern auch Handlungsanweisungen f\u00fcr eine islamistische Staatsund Gesellschaftsordnung. Ein Grundgedanke dieser islamistischen Ideologie ist die Behauptung, alle Staatsgewalt k\u00f6nne ausschlie\u00dflich von Gott (Allah) ausgehen. Damit richten sich islamistische Bestrebungen gegen die Wertvorstellungen des Grundgesetzes, insbesondere gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Islamisten halten die Etablierung einer islamischen Gesellschaftsordnung f\u00fcr unabdingbar. Dieser Ordnung sollen letztlich sowohl Muslime als auch Nicht-Muslime unterworfen werden. Islamistische Organisationen - mit Ausnahme islamistisch-terroristischer Organisationen - lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: Organisationen, die in ihren Herkunftsl\u00e4ndern die konsequente Umgestaltung der bestehenden Staatsund Gesellschaftsordnungen nach ihrem Verst\u00e4ndnis der islamischen Rechtsordnung (Scharia) anstreben. In Deutschland liegt ihr Schwerpunkt auf propagandistischen Aktivit\u00e4ten sowie der Sammlung von Spendengeldern, um die Mutterorganisationen in den Herkunftsl\u00e4ndern zu unterst\u00fctzen. Andere islamistische Gruppierungen in Deutschland verfolgen eine umfassendere, auch politisch motivierte Strategie. Auch sie streben eine \u00c4nderung der Staatsund Gesellschaftsordnung in ihren Herkunftsl\u00e4ndern zugunsten eines islamischen Staatswesens an. Sie bem\u00fchen sich jedoch im Rahmen einer legalistischen Strategie, ihren Anh\u00e4ngern in Deutschland gr\u00f6\u00dfere Freir\u00e4ume f\u00fcr ein Scharia konformes Leben zu schaffen. Linksextremismus Mit dem Arbeitsbegriff werden die linksextremistischen verfassungsfeindlichen Bestrebungen von deutschen Personenzusammenschl\u00fcssen bezeichnet, die sich auf der Grundlage einer marxistisch-leninistischen, revolution\u00e4r-marxistischen oder anarchistischen Ideologie in Deutschland gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung und ihre tragenden Grunds\u00e4tze richten. F\u00fcr Linksextremisten vielfach kennzeichnend ist ein grunds\u00e4tzliches Bekenntnis zur \"revolution\u00e4ren Gewalt\", obgleich sie tagespolitisch auf \"legale\" Kampfformen setzen. Rechtsextremismus Als rechtsextremistisch werden von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden alle verfassungsfeindlichen oder extremistischen Bestrebungen bezeichnet, die auf der ideologischen Grundlage einer nationalistischen oder rassistischen Weltanschauung in Deutschland von deutschen Personenzusammenschl\u00fcssen ausgehen und sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Rechtsextremistischem Denken liegt vielfach die Vorstellung menschlicher Ungleichwertigkeit (Ideologie der Ungleichheit) zugrunde. 159","Rechtsbzw. Linksradikalismus Bis 1974 wurden die Begriffe Extremismus sowie \"Radikalismus\" bzw. \"Rechtsoder Linksradikalismus\" von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nebeneinander als Synonyme zur Kennzeichnung verfassungsfeindlicher Bestrebungen verwendet. Der Radikalismusbegriff wird seitdem von den Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nicht mehr f\u00fcr verfassungsfeindliche Bestrebungen benutzt, da er in der politischen Tradition der Aufkl\u00e4rung positiv besetzt ist und im Rechtssinne nur der Extremismusbegriff \"der Tatsache Rechnung (tr\u00e4gt), dass politische Aktivit\u00e4ten oder Organisationen nicht schon deshalb verfassungsfeindlich sind, weil sie eine ... 'radikale', das hei\u00dft eine bis an die Wurzel einer Fragestellung gehende Zielsetzung haben. Sie sind 'extremistisch' und damit verfassungsfeindlich im Rechtssinne nur dann, wenn sie sich gegen den ... Grundbestand unserer freiheitlichen rechtsstaatlichen Verfassung richten.\" (Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums 1974, S. 4). Wenn die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden \u00fcberhaupt noch den Terminus \"rechtsbzw. linksradikal\" verwenden, werden damit in Abgrenzung zu dem verfassungsfeindlichen Rechtsbzw. Linksextremismus politische Aktivit\u00e4ten und Zielsetzungen bezeichnet, die sich (noch) nicht gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mit dem Ziel einer revolution\u00e4ren System\u00fcberwindung richten. Salafismus Der Ausdruck Salafismus (arab. Salafiyya) bezeichnet jene islamistischen Str\u00f6mungen, die sich ganz auf das Vorbild der Altvorderen (arab. salaf, \"Vorfahre\") ausrichten. Nur die Quellen aus der Fr\u00fchzeit des Islams, Koran und Sunna, sind f\u00fcr Salafisten von Bedeutung. Alle islamischen Lehrs\u00e4tze, die die Gelehrten in den Jahrhunderten nach dem Tod Muhammads entwickelt haben, lehnen sie als unislamisch ab. Der wesentliche Unterschied des Salafismus zu den \u00fcbrigen islamistischen Positionen liegt darin begr\u00fcndet, dass die Salafisten ausschlie\u00dflich Handlungen und Anschauungen des Propheten und seiner muslimischen Zeitgenossen, so wie es die islamische Tradition \u00fcberliefert, als vorbildhaft f\u00fcr alle Zeiten ansehen. Es ist ihr Ansinnen, die sozialen und gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die im 7. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel galten, auf die gesamte moderne Menschheit zu \u00fcbertragen. Das schlie\u00dft z. B. auch die Verheiratung neunj\u00e4hriger M\u00e4dchen und die Sklaverei ein. Durch einige Salafisten wird auch der Begriff des Jihad betont militant interpretiert. Sie sehen im Jihad prim\u00e4r eine Notwendigkeit zur aktiven Verteidigung des Islams und der Staaten mit \u00fcberwiegend muslimischer Bev\u00f6lkerung. Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Bedrohung der islamischen Welt von den Staaten der so genannten westlichen Welt ausgeht. Diese so genannten jihadistischen Salafisten konstruieren daher eine pers\u00f6nliche Verantwortung eines jeden Muslims, den Jihad im Sinne eines bewaffneten Kampfes gegen die vermeintlichen Gegner des Islams zu praktizieren. Das schlie\u00dft auch die Durchf\u00fchrung von Terroranschl\u00e4gen ein. Spionage Als Spionage wird die T\u00e4tigkeit f\u00fcr den Nachrichtendienst einer fremden Macht bezeichnet, die auf die Mitteilung oder Lieferung von Tatsachen, Gegenst\u00e4nden oder Erkenntnis160","sen gerichtet ist. Die Beschaffung von Informationen, vor allem aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Milit\u00e4r, erfolgt zumeist unter Anwendung geheimer Mittel und Methoden. Soweit Spionage gegen die Bundesrepublik Deutschland gerichtet ist, kommt eine Strafbarkeit gem\u00e4\u00df SSSS 93 ff. StGB in Betracht. Terrorismus Terrorismus ist nach der Definition der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden der nachhaltig gef\u00fchrte Kampf f\u00fcr politische Ziele, die mit Hilfe von Anschl\u00e4gen auf Leib, Leben und Eigentum anderer Menschen durchgesetzt werden sollen, insbesondere durch schwere Straftaten, wie sie in SS 129a Abs. 1 StGB genannt sind, oder durch andere Straftaten, die zur Vorbereitung solcher Straftaten dienen. Verfassungsfeindliche/ extremistische Bestrebungen Verfassungsfeindlich (= extremistisch) sind politische Aktivit\u00e4ten, die gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung gerichtet sind und darauf abzielen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beseitigen. Verfassungswidrig ist umgangssprachlich h\u00e4ufig synonym mit \"verfassungsfeindlich\" zu finden. \u00dcber die Frage der Verfassungswidrigkeit einer Partei entscheidet das Bundesverfassungsgericht (Art. 21 Abs. 2 GG; SSSS 13 Nr. 2, 43 ff. BVerfGG). Parteien sind verfassungswidrig, wenn sie nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anh\u00e4nger darauf ausgerichtet sind, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeintr\u00e4chtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gef\u00e4hrden. Es gen\u00fcgt nicht, wenn die Partei die freiheitliche demokratische Ordnung nicht anerkennt, sie ablehnt oder ihr andere Prinzipien entgegenh\u00e4lt. Es muss vielmehr eine aktiv-k\u00e4mpferische, aggressive Haltung gegen\u00fcber der bestehenden verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung hinzukommen. Die Organisation muss also planvoll das Funktionieren dieser Ordnung beeintr\u00e4chtigen und im weiteren Verlauf diese Ordnung selbst beseitigen wollen. Verbot verfassungsfeindlicher Organisationen/ Verfassungswidrigkeit Ein Verbot eines Vereins ist nach Art. 9 Abs. 2 GG m\u00f6glich, wenn der Zweck der T\u00e4tigkeit des Vereins den Strafgesetzen zuwiderl\u00e4uft oder sich gegen die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung oder den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richtet. Erst wenn dies durch Verf\u00fcgung der Verbotsbeh\u00f6rde festgestellt ist, wird nach SS 3 Abs. 1 Vereinsgesetz der Verein als verboten (Art. 9 Abs. 2 GG) behandelt. Ein Vereinsverbot wird durch den Landesbzw. Bundesinnenminister erlassen. Nach Art. 21 Abs. 2 GG sind Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anh\u00e4nger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeintr\u00e4chtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gef\u00e4hrden, verfassungswidrig. \u00dcber die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht (Art. 21 Abs. 2 GG; SSSS 13 Nr. 2, 43 ff. BVerfG) Die H\u00fcrden f\u00fcr ein Parteiverbot sind hoch. In der Bundesrepublik wurden bisher zwei Parteien verboten: 1952 die \"Sozialistische Reichspartei\" (SRP) und 1956 die \"Kommunistische Partei Deutschlands\" (KPD). 161","Zuletzt wurde 2003 ein von Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat angestrengtes Verfahren zum Verbot der NPD eingestellt. Laut Bundesverfassungsgericht konnte zum Zeitpunkt der Einleitung des Verbotsverfahrens auf Grund der Beobachtung durch V-Leute der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden, die als Mitglieder in Landesund Bundesvorst\u00e4nden der NPD fungieren, unmittelbar vor und w\u00e4hrend des Verbotsverfahrens nicht mehr von der Staatsfreiheit der NPD-F\u00fchrung ausgegangen werden. Am 22.03.2012 wurde bei einer Sondersitzung der Innenministerkonferenz (IMK) Einigung dahingehend erzielt, eine Arbeitsgruppe der Innenministerien zur Materialsammlung in Vorbereitung eines m\u00f6glichen neuen NPD-Verbotsverfahrens einzurichten. Gleichzeitig erging ein Beschluss, der die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden verpflichtete, ggf. bei der NPD vorhandene Quellen auf Vorstandsebene bis zum 02.04.2012 abzuschalten. Auf der Grundlage der durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gesammelten Materialien entschieden sich die Innenminister der L\u00e4nder am 05.12.2012 f\u00fcr einen erneuten Verbotsantrag. Am 14.12.2012 fasste daraufhin der Bundesrat den Beschluss, das Parteiverbotsverfahren anzustrengen. Nach Abschluss der Materialsammlung reichte der Bundesrat am 03.12.2013 den Antrag auf Verbot der NPD beim Bundesverfassungsgericht ein. Solange verfassungsfeindliche Parteien und sonstige Organisationen nicht verboten sind, d\u00fcrfen sie sich im Rahmen der f\u00fcr alle geltenden Gesetze frei bet\u00e4tigen. Wirtschaftsspionage/ Wirtschaftsschutz Unter Wirtschaftsspionage ist die staatlich gelenkte oder gest\u00fctzte, von fremden Nachrichtendiensten ausgehende Ausforschung von Wirtschaftsunternehmen und Betrieben zu verstehen. Davon abzugrenzen ist die Konkurrenzaussp\u00e4hung, n\u00e4mlich die Ausforschung, die konkurrierende Unternehmen gegeneinander betreiben. Wirtschaftsschutz ist der pr\u00e4ventive Teil der Spionageabwehr und soll dazu dienen, Sch\u00e4den durch Wirtschaftsspionage und Konkurrenzaussp\u00e4hung in der Wirtschaft zu reduzieren und der Wirtschaft als kompetenter Ansprechpartner f\u00fcr Sicherheitsfragen und -vorf\u00e4lle zur Verf\u00fcgung zu stehen. 162","8.2 Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz im Lande Niedersachsen (Nieders\u00e4chsisches Verfassungsschutzgesetz - NVerfSchG -) in der Fassung vom 6. Mai 2009 (Nds. GVBl. S. 154) zuletzt ge\u00e4ndert durch Art. 2 des Gesetzes vom 19.06.2013 (Nds. GVBl. Nr. 10/2013, S. 158) Inhalts\u00fcbersicht Erster Abschnitt Allgemeine Vorschriften SS 1 Zweck und Auftrag des Verfassungsschutzes SS 2 Zust\u00e4ndigkeit SS 3 Aufgaben SS 3 a -- aufgehoben -- SS 4 Begriffsbestimmungen Zweiter Abschnitt Befugnisse, nachrichtendienstliche Mittel, Datenverarbeitung SS 5 Allgemeine Befugnisse SS 5 a Besondere Auskunftspflichten SS 5 b Verfahrensvorschriften f\u00fcr Besondere Auskunftspflichten SS 5 c Auskunftspflichten SS 6 Informationsbeschaffung mit nachrichtendienstlichen Mitteln SS 6 a Einsatz technischer Mittel in Wohnungen SS 6 b Verfahrensvorschriften f\u00fcr den Einsatz technischer Mittel in Wohnungen SS 6 c Verfahrensvorschriften f\u00fcr das heimliche Mith\u00f6ren und Aufzeichnen des nicht \u00f6ffentlich gesprochenen Wortes unter Einsatz technischer Mittel SS 6 d Einsatz technischer Mittel nach SS 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 12 SS 7 -- aufgehoben -- SS 8 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten SS 9 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten von Minderj\u00e4hrigen SS 10 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Dateien SS 11 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Akten SS 12 Dateibeschreibungen Dritter Abschnitt Auskunft SS 13 Auskunft an Betroffene Vierter Abschnitt Informations\u00fcbermittlung SS 14 Grenzen der \u00dcbermittlung personenbezogener Daten SS 15 \u00dcbermittlung von Informationen an die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde 163","SS 16 Registereinsicht SS 17 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde SS 18 \u00dcbermittlung von Informationen durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde an Strafverfolgungsund Sicherheitsbeh\u00f6rden in Angelegenheiten des Staatsund Verfassungsschutzes SS 19 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten an die \u00d6ffentlichkeit SS 20 \u00dcbermittlungsverbote, Minderj\u00e4hrigenschutz SS 21 Pflichten der empfangenden Stelle SS 22 Nachberichtspflicht F\u00fcnfter Abschnitt Parlamentarische Kontrolle SS 23 Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes SS 24 Zusammensetzung SS 25 Kontrollrechte des Ausschusses SS 26 Verfahrensweise SS 27 Hilfe vonseiten der oder des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz Sechster Abschnitt Schlussvorschriften SS 28 Geltung des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes SS 29 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Gesetzes zur Ausf\u00fchrung des Gesetzes zu Artikel 10 Grundgesetz SS 30 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Beamtengesetzes SS 31 \u00c4nderung des Personalvertretungsgesetzes f\u00fcr das Land Niedersachsen SS 32 Inkrafttreten Erster Abschnitt Allgemeine Vorschriften SS1 Zweck und Auftrag des Verfassungsschutzes 1 Der Verfassungsschutz dient dem Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung, des Bestandes und der Sicherheit des Bundes und der L\u00e4nder. 2Er erf\u00fcllt diesen Auftrag durch 1. die Sammlung und Auswertung von Informationen \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1, 2. die Unterrichtung der Landesregierung und die Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber diese Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten, 3. die Wahrnehmung der in diesem Gesetz geregelten sonstigen Mitwirkungsaufgaben sowie 4. den in diesem Gesetz oder in anderen Rechtsvorschriften vorgesehenen Informationsaustausch mit anderen Stellen. 164","SS2 Zust\u00e4ndigkeit (1) 1Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist das f\u00fcr Inneres zust\u00e4ndige Ministerium (Fachministerium). 2Das Fachministerium unterh\u00e4lt eine gesonderte Abteilung (Verfassungsschutzabteilung), die allein die der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde nach diesem Gesetz und anderen Rechtsvorschriften obliegenden Aufgaben wahrnimmt. (2) 1Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer L\u00e4nder d\u00fcrfen im Land Niedersachsen nur im Einvernehmen mit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde t\u00e4tig werden. 2Ihre Befugnisse bestimmen sich dabei nach den Vorschriften dieses Gesetzes. 3Das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz darf im Land Niedersachsen nur im Benehmen mit der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde t\u00e4tig werden (SS 5 Abs. 2 des Bundesverfassungsschutzgesetzes). (3) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf andere Verfassungsschutzbeh\u00f6rden nicht um Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen sie selbst nicht befugt ist. SS3 Aufgaben (1) 1Aufgabe der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist die Sammlung und Auswertung von Informationen, insbesondere von sachund personenbezogenen Ausk\u00fcnften, Nachrichten und Unterlagen, \u00fcber 1. Bestrebungen, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gerichtet sind oder eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eines Landes oder ihrer Mitglieder zum Ziele haben, 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten in der Bundesrepublik Deutschland f\u00fcr eine fremde Macht, 3. Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden, 4. Bestrebungen, die gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Artikel 9 Abs. 2 des Grundgesetzes) oder gegen das friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker (Artikel 26 Abs. 1 des Grundgesetzes) gerichtet sind. 2 Die Leiterin oder der Leiter der Verfassungsschutzabteilung oder die Vertreterin oder der Vertreter bestimmt die Objekte, die zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 planm\u00e4\u00dfig zu beobachten und aufzukl\u00e4ren sind (Beobachtungsobjekte). 3SS 5 Abs. 1 Satz 2 gilt entsprechend. 4Die Bestimmung eines Beobachtungsobjektes ist regelm\u00e4\u00dfig zu \u00fcberpr\u00fcfen. 5Sie ist aufzuheben, wenn die Voraussetzung des SS 5 Abs. 1 Satz 2 entfallen ist. 6Die Bestimmung eines Beobachtungsobjektes bedarf der Zustimmung der Fachministerin oder des Fachministers oder der Vertreterin oder des Vertreters. (2) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterrichtet die zust\u00e4ndigen Stellen \u00fcber Art und Ausma\u00df von Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach Absatz 1. 2Die Unterrichtung soll die zust\u00e4ndigen Stellen in die Lage versetzen, die erforderlichen Abwehrma\u00dfnahmen zu treffen. (3) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde wirkt mit 1. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Personen nach Ma\u00dfgabe des Nieders\u00e4chsischen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetzes, 2. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Personen, die an sicherheitsempfindlichen Stel165","len von lebensoder verteidigungswichtigen Einrichtungen besch\u00e4ftigt sind oder werden sollen, 3. bei technischen Sicherheitsma\u00dfnahmen zum Schutz von im \u00f6ffentlichen Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegenst\u00e4nden oder Erkenntnissen gegen die Kenntnisnahme durch Unbefugte, 4. bei der \u00dcberpr\u00fcfung von Personen in sonstigen gesetzlich vorgesehenen F\u00e4llen, 5. bei einer im \u00f6ffentlichen Interesse liegenden \u00dcberpr\u00fcfung von Personen mit deren Einverst\u00e4ndnis. (4) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde kl\u00e4rt die \u00d6ffentlichkeit auf der Grundlage ihrer Auswertungsergebnisse durch zusammenfassende Berichte und andere Ma\u00dfnahmen \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach Absatz 1 Satz 1 auf. 2\u00dcber tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr das Vorliegen solcher Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten darf aufgekl\u00e4rt werden, wenn die Anhaltspunkte unter Ber\u00fccksichtigung der Interessen der oder des Betroffenen hinreichend gewichtig sind. 3Zur Aufkl\u00e4rung geh\u00f6rt ein j\u00e4hrlicher Verfassungsschutzbericht, in dem auch die Summe der Haushaltsmittel sowie die Gesamtzahl der in der Verfassungsschutzabteilung T\u00e4tigen nach Stellen und Besch\u00e4ftigungsvolumen darzustellen sind. 4Ferner sind in dem Bericht allgemein die Einholung von Ausk\u00fcnften nach SS 5 a, die Anwendung nachrichtendienstlicher Mittel, die Auskunftsersuchen nach SS 13 und die Strukturdaten der von der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde in Dateien im Sinne des SS 6 Satz 1 des Bundesverfassungsschutzgesetzes gespeicherten Personendatens\u00e4tze darzustellen. SS3a -- aufgehoben -- SS4 Begriffsbestimmungen (1) 1Bestrebungen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 sind politisch bestimmte, zielund zweckgerichtete Verhaltensweisen in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss. 2F\u00fcr einen Personenzusammenschluss handelt, wer ihn in seinen Bestrebungen nachdr\u00fccklich unterst\u00fctzt. 3Verhaltensweisen von Einzelpersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr einen Personenzusammenschluss handeln, sind Bestrebungen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4, wenn sie auf Anwendung von Gewalt gerichtet oder aufgrund ihrer Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzgut dieses Gesetzes erheblich zu besch\u00e4digen. (2) Im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 sind 1. Bestrebungen gegen den Bestand des Bundes oder eines Landes: solche, die darauf gerichtet sind, die Freiheit des Bundes oder eines Landes von fremder Herrschaft aufzuheben, ihre staatliche Einheit zu beseitigen oder ein zu ihnen geh\u00f6rendes Gebiet abzutrennen; 2. Bestrebungen gegen die Sicherheit des Bundes oder eines Landes: solche, die darauf gerichtet sind, den Bund, L\u00e4nder oder deren Einrichtungen in ihrer Funktionsf\u00e4higkeit erheblich zu beeintr\u00e4chtigen; 3. Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung: solche, die darauf gerichtet sind, einen der in Absatz 3 genannten Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beseitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen. (3) Zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 z\u00e4hlen: 166","1. das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung auszu\u00fcben und die Volksvertretung in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu w\u00e4hlen, 2. die Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Gesetz und Recht, 3. das Recht auf Bildung und Aus\u00fcbung einer parlamentarischen Opposition, 4. die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und ihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der Volksvertretung, 5. die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, 6. der Ausschluss jeder Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft und 7. die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte. (4) Eine Gef\u00e4hrdung ausw\u00e4rtiger Belange im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 liegt nur dann vor, wenn die Gewalt innerhalb der Bundesrepublik Deutschland angewendet oder vorbereitet wird und sie sich gegen die politische Ordnung oder Einrichtungen anderer Staaten richtet oder richten soll. (5) Gewalt im Sinne dieses Gesetzes ist die Anwendung k\u00f6rperlichen Zwanges gegen Personen und die gewaltt\u00e4tige Einwirkung auf Sachen. (6) Sammlung von personenbezogenen Daten ist das Erheben im Sinne des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes. Zweiter Abschnitt Befugnisse, nachrichtendienstliche Mittel, Datenverarbeitung SS5 Allgemeine Befugnisse (1) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf die zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben erforderlichen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten erheben und weiter verarbeiten, soweit dieses Gesetz oder andere Rechtsvorschriften nicht besondere Regelungen treffen. 2 Voraussetzung f\u00fcr die Sammlung von Informationen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 ist das Vorliegen tats\u00e4chlicher Anhaltspunkte, die, insgesamt betrachtet und unter Einbeziehung nachrichtendienstlicher Erfahrungen, den Verdacht einer der in SS 3 Abs. 1 Satz 1 genannten Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten rechtfertigen. (2) 1Werden personenbezogene Daten bei Betroffenen mit deren Kenntnis erhoben, so ist der Erhebungszweck anzugeben, es sei denn, dass die Erhebung f\u00fcr Zwecke des Verfassungsschutzes nicht bekannt werden darf. 2Die Betroffenen sind auf die Freiwilligkeit ihrer Angaben hinzuweisen. (3) Ist zum Zwecke der Sammlung von Informationen die Weitergabe personenbezogener Daten unerl\u00e4sslich, so d\u00fcrfen schutzw\u00fcrdige Interessen der betroffenen Person nur im unvermeidbaren Umfang beeintr\u00e4chtigt werden. (4) 1Polizeiliche Befugnisse oder Weisungsbefugnisse stehen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben nicht zu. 2Sie darf die Polizei nicht um Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen sie selbst nicht befugt ist, auch nicht im Wege der Amtshilfe. (5) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist an die allgemeinen Rechtsvorschriften gebunden. 2 Bei der Sammlung und Verarbeitung von Informationen hat sie von mehreren geeigneten 167","Ma\u00dfnahmen diejenige zu w\u00e4hlen, die Betroffene voraussichtlich am wenigsten beeintr\u00e4chtigt. 3Eine Ma\u00dfnahme darf keinen Nachteil herbeif\u00fchren, der erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu dem beabsichtigten Erfolg steht. SS5a Besondere Auskunftspflichten (1) 1Diejenigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telemedien anbieten oder daran mitwirken, sind verpflichtet, der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auf Anordnung unentgeltlich Ausk\u00fcnfte \u00fcber Daten zu erteilen, die f\u00fcr die Begr\u00fcndung, inhaltliche Ausgestaltung, \u00c4nderung oder Beendigung eines Vertragsverh\u00e4ltnisses \u00fcber Telemedien gespeichert worden sind. 2Ausk\u00fcnfte d\u00fcrfen nur im Einzelfall und unter der Voraussetzung eingeholt werden, dass sie zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 erforderlich sind. (2) 1Luftfahrtunternehmen sind verpflichtet, der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auf Anordnung unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu Namen und Anschriften von Kundinnen und Kunden sowie zur Inanspruchnahme und den Umst\u00e4nden von Transportleistungen, insbesondere zum Zeitpunkt von Abfertigung und Abflug und zum Buchungsweg, zu erteilen. 2Ausk\u00fcnfte d\u00fcrfen nur im Einzelfall und unter der Voraussetzung eingeholt werden, dass sie zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 erforderlich sind und dass tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine schwerwiegende Gefahr f\u00fcr ein in SS 3 Abs. 1 Satz 1 genanntes Schutzgut vorliegen. (3) 1Kreditinstitute, Finanzdienstleistungsinstitute und Finanzunternehmen sind verpflichtet, der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auf Anordnung unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu Konten und Geldanlagen, insbesondere zu Kontost\u00e4nden, Zahlungseinund -ausg\u00e4ngen und sonstigen Geldbewegungen, sowie zu Kontoinhaberinnen, Kontoinhabern, sonstigen Berechtigten und weiteren am Zahlungsverkehr Beteiligten zu erteilen. 2Absatz 2 Satz 2 gilt entsprechend. (4) 1Diejenigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telemedien anbieten oder daran mitwirken, sind auch verpflichtet, der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auf Anordnung unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu 1. Merkmalen zur Identifikation der Nutzerin oder des Nutzers von Telemedien, 2. Angaben \u00fcber Beginn und Ende sowie \u00fcber den Umfang der jeweiligen Nutzung und 3. Angaben \u00fcber die von der Nutzerin oder dem Nutzer in Anspruch genommenen Telemedien zu erteilen. 2Absatz 2 Satz 2 gilt entsprechend. (5) 1Diejenigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telekommunikationsdienste erbringen oder daran mitwirken, sind verpflichtet, der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auf Anordnung Ausk\u00fcnfte zu Verkehrsdaten nach SS 96 Abs. 1 Nrn. 1 bis 4 des Telekommunikationsgesetzes (TKG) und sonstigen zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung der Telekommunikation notwendigen Verkehrsdaten zu erteilen. 2Ausk\u00fcnfte d\u00fcrfen nur im Einzelfall zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 und unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. 1 des Artikel 10Gesetzes eingeholt werden. 3Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat f\u00fcr die Erteilung von Ausk\u00fcnften nach Satz 1 eine Entsch\u00e4digung entsprechend SS 23 des Justizverg\u00fctungsund - entsch\u00e4digungsgesetzes zu gew\u00e4hren. (6) Ausk\u00fcnfte nach den Abs\u00e4tzen 2 bis 4 d\u00fcrfen nur \u00fcber Personen eingeholt werden, bei denen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie die schwerwiegende Gefahr nachdr\u00fccklich f\u00f6rdern oder bei denen aufgrund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass sie die Leistung f\u00fcr solche Personen in Anspruch nehmen. 168","(7) Ausk\u00fcnfte nach Absatz 5 d\u00fcrfen nur \u00fcber Personen eingeholt werden, bei denen 1. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht bestehen, dass sie eine Straftat nach SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes planen, begehen oder begangen haben, 2. aufgrund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass sie \u00fcber ihren Teilnehmeranschluss f\u00fcr Personen nach Nummer 1 bestimmte oder von ihnen herr\u00fchrende Mitteilungen entgegennehmen oder weitergeben, oder 3. aufgrund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass Personen nach Nummer 1 deren Teilnehmeranschluss nutzen. SS5b Verfahrensvorschriften f\u00fcr Besondere Auskunftspflichten (1) 1Anordnungen nach SS 5 a Abs. 2 bis 5 werden von der Leiterin oder dem Leiter der Verfassungsschutzabteilung oder der Vertreterin oder dem Vertreter schriftlich beantragt. 2 Die Anordnungen trifft die Fachministerin oder der Fachminister oder die Vertreterin oder der Vertreter. 3Die Anordnung der Erteilung einer Auskunft \u00fcber k\u00fcnftig anfallende Daten ist auf h\u00f6chstens drei Monate zu befristen. 4Die Verl\u00e4ngerung dieser Anordnung um jeweils nicht mehr als drei Monate ist auf Antrag zul\u00e4ssig. 5Auskunftsersuchen nach SS 5 a und die \u00fcbermittelten Daten d\u00fcrfen weder den Betroffenen noch Dritten vom Auskunftsgeber mitgeteilt werden. (2) 1Anordnungen nach SS 5 a Abs. 2 bis 5 sowie deren Verl\u00e4ngerungen bed\u00fcrfen der Zustimmung der nach SS 2 Abs. 1 des Nieders\u00e4chsischen Gesetzes zur Ausf\u00fchrung des Artikel 10-Gesetzes (Nds. AG G 10) bestehenden Kommission (G 10-Kommission). 2Bei Gefahr im Verzuge kann die Fachministerin oder der Fachminister oder die Vertreterin oder der Vertreter anordnen, dass die Anordnung vor der Zustimmung der G 10-Kommission vollzogen wird. 3In diesem Fall ist die nachtr\u00e4gliche Zustimmung unverz\u00fcglich einzuholen. (3) 1Die G 10-Kommission pr\u00fcft im Rahmen der Erteilung der Zustimmung nach Absatz 2 Satz 1 sowie aufgrund von Beschwerden die Zul\u00e4ssigkeit und Notwendigkeit der Einholung von Ausk\u00fcnften nach SS 5 a Abs. 2 bis 5. 2SS 4 Abs. 2 Nds. AG G 10 ist entsprechend anzuwenden. 3Anordnungen \u00fcber Ausk\u00fcnfte, die die G 10-Kommission f\u00fcr unzul\u00e4ssig oder nicht notwendig erkl\u00e4rt, hat die Fachministerin oder der Fachminister oder die Vertreterin oder der Vertreter unverz\u00fcglich aufzuheben; die bereits erhobenen Daten d\u00fcrfen nicht verwendet werden und sind unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 4Wird die nachtr\u00e4gliche Zustimmung im Fall des Absatzes 2 Satz 2 versagt, so ist Satz 3 entsprechend anzuwenden. (4) 1F\u00fcr die aufgrund von Anordnungen nach SS 5 a Abs. 2 bis 5 erhobenen personenbezogenen Daten gelten die SSSS 4 und 12 Abs. 1 und 3 des Artikel 10-Gesetzes sowie SS 4 Abs. 5 und 6 Nds. AG G 10 entsprechend. 2Soweit aufgrund von Anordnungen nach SS 5 a Abs. 1 personenbezogene Daten erhoben worden sind, gilt f\u00fcr die Unterrichtung der Betroffenen SS 6 Abs. 9. (5) 1Das Fachministerium unterrichtet im Abstand von h\u00f6chstens sechs Monaten den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes \u00fcber die Durchf\u00fchrung des SS 5 a Abs. 2 bis 5; dabei ist insbesondere ein \u00dcberblick \u00fcber Anlass, Umfang, Dauer, Ergebnis und Kosten der im Berichtszeitraum durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen zu geben. 2Der Ausschuss erstattet dem Landtag j\u00e4hrlich einen Bericht \u00fcber die Durchf\u00fchrung sowie Art, Umfang und Anordnungsgr\u00fcnde der Ma\u00dfnahmen nach SS 5 a Abs. 2 bis 5. (6) Das Fachministerium unterrichtet das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundes j\u00e4hrlich \u00fcber die nach SS 5 a Abs. 2 bis 5 durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen; dabei ist ein \u00dcber169","blick \u00fcber Anlass, Umfang, Dauer, Ergebnis und Kosten der im Berichtszeitraum durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen zu geben. (7) Das Grundrecht des Brief-, Postund Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) wird nach Ma\u00dfgabe der Abs\u00e4tze 1 bis 4 sowie des SS 5 a Abs. 4 bis 7 eingeschr\u00e4nkt. SS5c Auskunftspflichten (1) 1Diejenigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telekommunikationsdienste erbringen oder daran mitwirken, sind verpflichtet, der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auf Anordnung Ausk\u00fcnfte zu den nach den SSSS 95 und 111 TKG erhobenen Daten unverz\u00fcglich und vollst\u00e4ndig zu erteilen. 2Ausk\u00fcnfte d\u00fcrfen nur im Einzelfall und unter der Voraussetzung eingeholt werden, dass sie zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 erforderlich sind. (2) 1Zu Daten, mittels derer der Zugriff auf Endger\u00e4te oder auf Speichereinrichtungen, die in diesen Endger\u00e4ten oder hiervon r\u00e4umlich getrennt eingesetzt werden, gesch\u00fctzt wird, darf eine Auskunft nach Absatz 1 nur unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes eingeholt werden. 2SS 5 a Abs. 7 und SS 5 b Abs. 1 bis 4 gelten entsprechend. (3) 1Anhand einer zu einem bestimmten Zeitpunkt zugewiesenen InternetprotokollAdresse d\u00fcrfen die in eine Auskunft nach Absatz 1 aufzunehmenden Daten nur unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes bestimmt werden. 2SS 5 a Abs. 7 und SS 5 b Abs. 1 bis 4 gelten entsprechend. (4) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat f\u00fcr die Erteilung von Ausk\u00fcnften nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 eine Entsch\u00e4digung entsprechend SS 23 des Justizverg\u00fctungsund - entsch\u00e4digungsgesetzes zu gew\u00e4hren. (5) Das Grundrecht des Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) wird nach Ma\u00dfgabe des Absatzes 3 eingeschr\u00e4nkt. SS6 Informationsbeschaffung mit nachrichtendienstlichen Mitteln (1) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf zur heimlichen Informationsbeschaffung, insbesondere zur heimlichen Erhebung personenbezogener Daten, nur folgende nachrichtendienstliche Mittel anwenden: 1. Inanspruchnahme von Vertrauensleuten, sonstigen geheimen Informantinnen und Informanten und Gew\u00e4hrspersonen, vorbehaltlich Satz 2; 2. Einsatz von verdeckt ermittelnden Beamtinnen und Beamten; 3. Observationen, auch mit besonderen f\u00fcr Observationszwecke bestimmten technischen Mitteln; 4. Bildaufzeichnungen; 5. verdeckte Ermittlungen und Befragungen; 6. heimliches Mith\u00f6ren ohne Inanspruchnahme technischer Mittel; 7. heimliches Mith\u00f6ren und Aufzeichnen des nicht \u00f6ffentlich gesprochenen Wortes unter Einsatz technischer Mittel; 8. Beobachtung des Funkverkehrs auf nicht f\u00fcr den allgemeinen Empfang bestimmten Kan\u00e4len; 9. Verwendung fingierter biografischer, beruflicher oder gewerblicher Angaben (Legenden) mit Ausnahme solcher beruflicher Angaben, die sich auf die in Satz 2 genannten 170","Personen beziehen; 10. Beschaffung, Herstellung und Verwendung von Tarnpapieren und Tarnkennzeichen; 11. \u00dcberwachung des Brief-, Postund Fernmeldeverkehrs nach Ma\u00dfgabe des Artikel 10Gesetzes; 12. technische Mittel, mit denen zur Ermittlung der Ger\u00e4teund der Kartennummern aktiv geschaltete Mobilfunkendeinrichtungen zur Datenabsendung an eine Stelle au\u00dferhalb des Telekommunikationsnetzes veranlasst werden. 2 Die nachrichtendienstlichen Mittel d\u00fcrfen auch angewendet werden, wenn Dritte unvermeidbar betroffen werden. (2) Die Mittel nach Absatz 1 d\u00fcrfen nur angewendet werden, wenn 1. sich ihr Einsatz gegen Personenzusammenschl\u00fcsse, in ihnen oder f\u00fcr sie t\u00e4tige Personen oder gegen Einzelpersonen richtet, bei denen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 vorliegen, 2. sich ihr Einsatz gegen Personen richtet, von denen aufgrund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass sie f\u00fcr eine der in Nummer 1 genannten Personen bestimmte oder von ihr herr\u00fchrende Mitteilungen entgegennehmen oder weitergeben, 3. ihr Einsatz gegen andere als die in den Nummern 1 und 2 genannten Personen unumg\u00e4nglich ist, um Erkenntnisse \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht oder \u00fcber Bestrebungen zu gewinnen, die sich unter Anwendung von Gewalt oder durch darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen gegen die in SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1 und 3 genannten Schutzg\u00fcter wenden, 4. durch sie die zur Erforschung von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 erforderlichen Quellen in den in Nummer 1 genannten Personenzusammenschl\u00fcssen gewonnen oder \u00fcberpr\u00fcft werden k\u00f6nnen oder 5. dies zum Schutz der in der Verfassungsschutzabteilung T\u00e4tigen, der Einrichtungen und Gegenst\u00e4nde der Verfassungsschutzabteilung und der Quellen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde vor Bestrebungen gegen die Sicherheit des Bundes oder eines Landes oder vor sicherheitsgef\u00e4hrdenden oder geheimdienstlichen T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht erforderlich ist. (3) 1Bei der Anwendung der Mittel nach Absatz 1 d\u00fcrfen keine Straftaten begangen werden. 2Es d\u00fcrfen nur folgende Straftatbest\u00e4nde verwirklicht werden: 1. SS 84 Abs. 2, SS 85 Abs. 2, SS 86 Abs. 1, SSSS 86 a, 98, 99, 129 a, 129 b Abs. 1 Satz 1, soweit er auf SS 129 a verweist, SSSS 267, 271 und 273 des Strafgesetzbuchs, 2. SS 20 Abs. 2 Nrn. 2 und 4 bis 6 des Nieders\u00e4chsischen Versammlungsgesetzes sowie 3. SS 20 des Vereinsgesetzes. 3 Dabei darf weder auf die Gr\u00fcndung einer strafbaren Vereinigung hingewirkt noch eine steuernde Einflussnahme auf sie ausge\u00fcbt werden. 4Erlaubt sind nur solche Handlungen, die unter besonderer Beachtung des \u00dcberma\u00dfverbots unumg\u00e4nglich sind. (4) 1Eine Informationsbeschaffung mit den Mitteln nach Absatz 1 ist unzul\u00e4ssig, wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere, die Betroffenen weniger beeintr\u00e4chtigende Weise m\u00f6glich ist; dies ist in der Regel anzunehmen, wenn die Information aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen oder durch ein Ersuchen nach SS 15 Abs. 3 gewonnen werden kann. 2Die Anwendung eines Mittels nach Absatz 1 darf nicht erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zur Bedeutung des aufzukl\u00e4renden Sachverhalts stehen, insbesondere nicht au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu der Gefahr, die von der jeweiligen Bestrebung oder T\u00e4tigkeit nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 ausgeht 171","oder ausgehen kann. 3Die Ma\u00dfnahme ist unverz\u00fcglich zu beenden, wenn ihr Zweck erreicht ist oder sich Anhaltspunkte daf\u00fcr ergeben, dass er nicht oder nicht auf diese Weise erreicht werden kann. (5) 1Die Anwendung der Mittel nach Absatz 1 Satz 1 Nrn. 1, 2 und 4 bedarf der Anordnung durch die Leiterin oder den Leiter der Verfassungsschutzabteilung oder die Vertreterin oder den Vertreter. 2Dies gilt auch f\u00fcr Mittel nach Absatz 1 Satz 1 Nr. 3, wenn diese innerhalb einer Woche insgesamt l\u00e4nger als 24 Stunden oder \u00fcber einen Zeitraum von einer Woche hinaus durchgef\u00fchrt werden sollen (l\u00e4ngerfristige Observation) oder besondere f\u00fcr Observationszwecke bestimmte technische Mittel eingesetzt werden. (6) 1Die mit Mitteln nach Absatz 1 erhobenen personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur f\u00fcr den Zweck gespeichert, ver\u00e4ndert und genutzt werden, zu dem sie erhoben worden sind. 2 Eine Speicherung, Ver\u00e4nderung, \u00dcbermittlung oder Nutzung zu anderen Zwecken ist nur zul\u00e4ssig, wenn das zur Erhebung verwendete Mittel auch f\u00fcr den anderen Zweck h\u00e4tte angewendet werden d\u00fcrfen und die Daten im Fall der \u00dcbermittlung zur Erf\u00fcllung der Aufgaben des Empf\u00e4ngers erforderlich sind. 3Sind mit den Daten nach Satz 1 sonstige Daten der betroffenen Personen oder von Dritten so verbunden, dass eine Trennung nicht oder nur mit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigem Aufwand m\u00f6glich ist, so d\u00fcrfen sie gemeinsam mit den Daten nach Satz 1 gespeichert und \u00fcbermittelt werden; sie sind zu sperren. (7) 1Werden den in Absatz 1 Satz 1 Nrn. 1 und 2 genannten Personen Daten aus dem Kernbereich privater Lebensgestaltung bekannt, so d\u00fcrfen diese nicht gespeichert, ver\u00e4ndert oder genutzt werden; sie sind unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 2Die Tatsache, dass Daten aus dem Kernbereich privater Lebensgestaltung erhoben wurden, und die L\u00f6schung der Daten sind zu dokumentieren. (8) 1Personenbezogene Daten, die durch Ma\u00dfnahmen nach Absatz 1 erhoben wurden, sind entsprechend zu kennzeichnen. 2Sie d\u00fcrfen an eine andere Stelle nur \u00fcbermittelt werden, wenn diese die Kennzeichnung aufrechterh\u00e4lt. (9) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat die Betroffenen \u00fcber eine Ma\u00dfnahme nach Absatz 1 Satz 1 Nrn. 1, 2, 4 und 7 nach ihrer Beendigung zu unterrichten. 2Das gilt auch f\u00fcr eine Ma\u00dfnahme nach Absatz 1 Satz 1 Nr. 3, wenn es sich um eine l\u00e4ngerfristige Observation handelt oder besondere f\u00fcr Observationszwecke bestimmte technische Mittel eingesetzt werden. 3Die Unterrichtung wird zur\u00fcckgestellt, solange 1. eine Gef\u00e4hrdung des Zwecks der Ma\u00dfnahme nicht ausgeschlossen werden kann, 2. durch das Bekanntwerden der Ma\u00dfnahme Leib, Leben, Freiheit oder \u00e4hnlich schutzw\u00fcrdige Belange einer Person gef\u00e4hrdet werden, 3. ihr \u00fcberwiegende schutzw\u00fcrdige Belange einer anderen betroffenen Person entgegenstehen oder 4. durch das Bekanntwerden der Ma\u00dfnahme die weitere Verwendung der in Absatz 1 Satz 1 Nrn. 1 und 2 genannten Personen gef\u00e4hrdet wird. 4 In der Unterrichtung ist auf die Rechtsgrundlage der Ma\u00dfnahme und das Auskunftsrecht nach SS 13 hinzuweisen. 5Die Zur\u00fcckstellung der Unterrichtung \u00fcber eine Ma\u00dfnahme ist sp\u00e4testens nach Ablauf von zwei Jahren unter Angabe des Grundes der oder dem Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz mitzuteilen. 6Einer Unterrichtung bedarf es endg\u00fcltig nicht, wenn 1. die Voraussetzung der Zur\u00fcckstellung auch f\u00fcnf Jahre nach Beendigung der Ma\u00dfnahme noch nicht entfallen ist, 172","2. sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft nicht entfallen wird, 3. die Voraussetzungen f\u00fcr eine L\u00f6schung vorliegen und 4. die oder der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz zustimmt. (10) 1Die Ma\u00dfnahmen nach Absatz 1 Satz 1 Nrn. 1 bis 4 d\u00fcrfen sich nicht gegen Personen richten, die in Strafverfahren aus beruflichen Gr\u00fcnden zur Verweigerung des Zeugnisses berechtigt sind (SSSS 53 und 53 a der Strafprozessordnung - StPO), soweit Sachverhalte betroffen sind, auf die sich ihr Zeugnisverweigerungsrecht bezieht. 2Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf solche Personen nicht von sich aus nach Absatz 1 Satz 1 Nr. 1 in Anspruch nehmen. (11) 1Tarnpapiere und Tarnkennzeichen d\u00fcrfen auch zu dem in Absatz 2 Nr. 5 genannten Zweck hergestellt und verwendet werden. 2Die Beh\u00f6rden des Landes, der Gemeinden und der Landkreise sind verpflichtet, der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde technische Hilfe f\u00fcr Tarnungsma\u00dfnahmen (Absatz 1 Satz 1 Nr. 10) zu leisten. (12) 1Die n\u00e4heren Voraussetzungen f\u00fcr die Anwendung der Mittel nach Absatz 1 und die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr ihre Anordnung sind in Dienstvorschriften des Fachministeriums umfassend zu regeln. 2Vor Erlass solcher Dienstvorschriften ist der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes rechtzeitig zu unterrichten. SS6a Einsatz technischer Mittel in Wohnungen (1) 1Der Einsatz technischer Mittel zur Informationsbeschaffung aus Wohnungen ist nur zul\u00e4ssig zur Abwehr der Gefahr, dass jemand eine besonders schwerwiegende Straftat begehen wird, die im Einzelfall geeignet ist, eines der in SS 3 Abs. 1 Satz 1 genannten Schutzg\u00fcter zu gef\u00e4hrden. 2Besonders schwerwiegende Straftaten sind 1. Straftaten des Friedensverrats und des Hochverrats nach den SSSS 80, 81 und 82 des Strafgesetzbuchs, 2. Straftaten des Landesverrats und der Gef\u00e4hrdung der \u00e4u\u00dferen Sicherheit nach den SSSS 94, 95 Abs. 3 und SS 96 Abs. 1, jeweils auch in Verbindung mit SS 97 b, sowie nach den SSSS 97 a, 98 Abs. 1 Satz 2, SS 99 Abs. 2 und den SSSS 100, 100 a Abs. 4 des Strafgesetzbuchs, 3. Bildung terroristischer Vereinigungen nach SS 129 a, ausgenommen die F\u00e4lle des SS 129 a Abs. 3, jeweils auch in Verbindung mit SS 129 b, des Strafgesetzbuchs, 4. Straftaten gegen das Leben nach den SSSS 211 und 212 des Strafgesetzbuchs, 5. V\u00f6lkermord nach SS 6 des V\u00f6lkerstrafgesetzbuchs, 6. Straftaten gegen die pers\u00f6nliche Freiheit nach den SSSS 234, 234 a Abs. 1, SSSS 239 a und 239 b des Strafgesetzbuchs, 7. Gemeingef\u00e4hrliche Straftaten nach den SSSS 306 a, 306 b, 307 Abs. 1 und 2, SS 308 Abs. 1, SS 309 Abs. 1, SS 310 Abs. 1 Nr. 1, SS 313 Abs. 1, SS 314 Abs. 1, SS 315 Abs. 3, SS 316 b Abs. 3 und SS 316 c des Strafgesetzbuchs sowie 8. Straftaten nach SS 19 Abs. 2 Nr. 2 und SS 20 Abs. 1, jeweils auch in Verbindung mit SS 21, des Gesetzes \u00fcber die Kontrolle von Kriegswaffen. 3 Die Ma\u00dfnahme ist nur zul\u00e4ssig, wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert w\u00e4re. (2) 1Die Ma\u00dfnahme darf sich nur gegen die verd\u00e4chtige Person richten und nur in der Wohnung der verd\u00e4chtigen Person durchgef\u00fchrt werden. 2In der Wohnung einer anderen 173","Person ist die Ma\u00dfnahme nur zul\u00e4ssig, wenn Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass die verd\u00e4chtige Person sich dort aufh\u00e4lt und die Ma\u00dfnahme in der Wohnung der verd\u00e4chtigen Person nicht m\u00f6glich oder allein zur Erforschung des Sachverhalts nicht ausreichend ist. 3Die Ma\u00dfnahme darf nicht in einer Wohnung durchgef\u00fchrt werden, die von einer nach SS 53 oder SS 53 a StPO zur Verweigerung des Zeugnisses berechtigten Person zur Aus\u00fcbung ihres Berufs genutzt wird. (3) 1Die Ma\u00dfnahme darf nur angeordnet werden, soweit aufgrund tats\u00e4chlicher Anhaltspunkte, insbesondere zu der Art der zu \u00fcberwachenden R\u00e4umlichkeiten und zum Verh\u00e4ltnis der zu \u00fcberwachenden Personen zueinander, anzunehmen ist, dass durch die \u00dcberwachung Vorg\u00e4nge, die dem Kernbereich privater Lebensgestaltung zuzurechnen sind, nicht erfasst werden. 2Gespr\u00e4che in Betriebsoder Gesch\u00e4ftsr\u00e4umen sind in der Regel nicht dem Kernbereich privater Lebensgestaltung zuzurechnen. (4) 1Die Ma\u00dfnahme ist unverz\u00fcglich zu unterbrechen, wenn sich Anhaltspunkte daf\u00fcr ergeben, dass der Kernbereich privater Lebensgestaltung von der Datenerhebung erfasst wird. 2Werden durch die Ma\u00dfnahme Daten aus dem Kernbereich privater Lebensgestaltung erfasst, so d\u00fcrfen diese nicht gespeichert, ver\u00e4ndert oder genutzt werden; entsprechende Aufzeichnungen sind unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 3Die Tatsache, dass Daten aus dem Kernbereich privater Lebensgestaltung erhoben wurden, und die L\u00f6schung der Daten sind zu dokumentieren. (5) Der Einsatz technischer Mittel zur Informationsbeschaffung aus Wohnungen ist auch zul\u00e4ssig, soweit dieser Einsatz zur Abwehr einer Gefahr f\u00fcr Leben, Gesundheit oder Freiheit der bei einem Einsatz in Wohnungen t\u00e4tigen Personen unerl\u00e4sslich ist. SS6b Verfahrensvorschriften f\u00fcr den Einsatz technischer Mittel in Wohnungen (1) 1Ma\u00dfnahmen nach SS 6 a Abs. 1 Satz 1 bed\u00fcrfen der richterlichen Anordnung. 2 Zust\u00e4ndig ist das Amtsgericht, in dessen Bezirk die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ihren Sitz hat. 3Die Anordnung ist auf h\u00f6chstens einen Monat zu befristen. 4Sie ergeht schriftlich. 5Sie muss die Person, gegen die sich die Ma\u00dfnahme richtet, Art und Umfang der zu erhebenden Daten sowie die betroffenen Wohnungen bezeichnen und ist zu begr\u00fcnden. 6Das gerichtliche Verfahren richtet sich nach den Vorschriften des Nieders\u00e4chsischen Gesetzes \u00fcber die freiwillige Gerichtsbarkeit. 7Gegen eine Entscheidung, durch welche der Antrag der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde abgelehnt wird, steht dieser die Beschwerde zu. 8Die Anordnung kann um jeweils h\u00f6chstens einen weiteren Monat verl\u00e4ngert werden. 9Ist die Dauer der Anordnung einer Ma\u00dfnahme auf insgesamt sechs Monate verl\u00e4ngert worden, so entscheidet \u00fcber weitere Verl\u00e4ngerungen das Landgericht; \u00fcber eine Beschwerde entscheidet das Oberlandesgericht. (2) 1Bei Gefahr im Verzuge kann die Leiterin oder der Leiter der Verfassungsschutzabteilung oder die Vertreterin oder der Vertreter die Ma\u00dfnahme anordnen. 2Absatz 1 S\u00e4tze 3 bis 5 gilt entsprechend; in der Begr\u00fcndung ist auch darzulegen, dass Gefahr im Verzuge vorliegt. 3Eine richterliche Best\u00e4tigung der Anordnung ist unverz\u00fcglich zu beantragen. 4Die Anordnung nach Satz 1 tritt sp\u00e4testens mit Ablauf des dritten Tages nach ihrem Erlass au\u00dfer Kraft, wenn sie bis dahin nicht best\u00e4tigt wird; die bereits erhobenen Daten d\u00fcrfen nicht gespeichert, ver\u00e4ndert, \u00fcbermittelt oder genutzt werden und sind unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. (3) 1Der Vollzug der Anordnung erfolgt unter Aufsicht einer oder eines in der Verfassungs174","schutzabteilung T\u00e4tigen, die oder der die Bef\u00e4higung zum Richteramt hat. 2Liegen die Voraussetzungen der Anordnung nicht mehr vor, so ist die Ma\u00dfnahme unverz\u00fcglich zu beenden. (4) 1Gegen die Anordnung der Ma\u00dfnahme steht der betroffenen Person nur die sofortige Beschwerde zu. 2Die Frist beginnt mit Zugang der Unterrichtung nach SS 6 Abs. 9. 3In der Unterrichtung ist auf die M\u00f6glichkeit nachtr\u00e4glichen Rechtsschutzes und die daf\u00fcr vorgesehene Frist hinzuweisen. 4Die sofortige weitere Beschwerde ist nur statthaft, wenn das Landgericht sie wegen der grunds\u00e4tzlichen Bedeutung zul\u00e4sst oder das Landgericht die Anordnung im Beschwerdeverfahren erlassen hat. (5) 1Ma\u00dfnahmen nach SS 6 a Abs. 5 bed\u00fcrfen der Anordnung durch die Leiterin oder den Leiter der Verfassungsschutzabteilung oder durch die Vertreterin oder den Vertreter. 2 Absatz 1 S\u00e4tze 4 und 5 sowie Absatz 3 gelten entsprechend. (6) 1Daten, die aufgrund einer Anordnung nach SS 6 a Abs. 5 erhoben worden sind, d\u00fcrfen zu anderen als den dort genannten Zwecken unter den Voraussetzungen des SS 6 Abs. 6 Satz 2 gespeichert, ver\u00e4ndert, \u00fcbermittelt und genutzt werden, wenn zuvor die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme richterlich festgestellt ist; Absatz 1 S\u00e4tze 2, 6 und 7 gilt entsprechend. 2Wird die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme nicht richterlich festgestellt, so d\u00fcrfen die bereits erhobenen Daten nicht gespeichert, ver\u00e4ndert und genutzt werden; sie sind unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 3SS 4 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes gilt entsprechend. (7) Von einer Ma\u00dfnahme nach SS 6 a Abs. 1 Satz 1 oder Abs. 5 ist der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes in der n\u00e4chsten nach der Anordnung stattfindenden Sitzung zu unterrichten. (8) 1Nach Beendigung einer Ma\u00dfnahme nach SS 6 a Abs. 1 Satz 1 oder Abs. 5 teilt das Fachministerium abweichend von SS 6 Abs. 9 Satz 5 dem Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes innerhalb von sechs Monaten die Unterrichtung der Betroffenen oder die Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Zur\u00fcckstellung nach SS 6 Abs. 9 Satz 3 mit. 2Dem Ausschuss sind jeweils nach einem Jahr eine weitere Zur\u00fcckstellung der Unterrichtung und deren Gr\u00fcnde mitzuteilen. 3Soll die Unterrichtung endg\u00fcltig unterbleiben, so bedarf es abweichend von SS 6 Abs. 9 Satz 6 Nr. 4 der Zustimmung des Ausschusses. (9) Das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 des Grundgesetzes) wird nach Ma\u00dfgabe der Abs\u00e4tze 1 bis 6 sowie des SS 6 a eingeschr\u00e4nkt. SS6c Verfahrensvorschriften f\u00fcr das heimliche Mith\u00f6ren und Aufzeichnen des nicht \u00f6ffentlich gesprochenen Wortes unter Einsatz technischer Mittel (1) F\u00fcr die Anordnung des Einsatzes eines nachrichtendienstlichen Mittels nach SS 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 7 au\u00dferhalb einer Wohnung gilt SS 5 b Abs. 1 bis 3 entsprechend. (2) 1Werden durch eine Ma\u00dfnahme nach Absatz 1 Daten aus dem Kernbereich privater Lebensgestaltung erfasst, so d\u00fcrfen diese nicht gespeichert, ver\u00e4ndert oder genutzt werden; entsprechende Aufzeichnungen sind unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. 2Die Tatsache, dass Daten aus dem Kernbereich privater Lebensgestaltung erhoben wurden, und die L\u00f6schung der Daten sind zu dokumentieren. (3) F\u00fcr personenbezogene Daten, die durch Ma\u00dfnahmen nach Absatz 1 erhoben wurden, gelten die SSSS 4 und 12 Abs. 1 und 3 des Artikel 10-Gesetzes sowie SS 4 Abs. 5 und 6 Nds. AG G 10 entsprechend; SS 6 Abs. 6, 8 und 9 findet keine Anwendung. 175","(4) Das Fachministerium unterrichtet den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes im Abstand von h\u00f6chstens sechs Monaten \u00fcber Ma\u00dfnahmen nach Absatz 1. SS6d Einsatz technischer Mittel nach SS 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 12 (1) 1Technische Mittel nach SS 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 12 darf die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 einsetzen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr eine schwerwiegende Gefahr f\u00fcr ein in SS 3 Abs. 1 Satz 1 genanntes Schutzgut vorliegen. 2Die Ma\u00dfnahme ist nur zul\u00e4ssig, wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert w\u00e4re. 3Die Ma\u00dfnahme darf sich nur gegen Personen richten, bei denen tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie die schwerwiegende Gefahr nachdr\u00fccklich f\u00f6rdern. 4Gegen sonstige Personen darf das Mittel eingesetzt werden, wenn aufgrund bestimmter Tatsachen anzunehmen ist, dass diese f\u00fcr Personen nach Satz 3 bestimmte oder von ihr herr\u00fchrende Mitteilungen entgegennehmen oder weitergeben oder dass ihre Mobilfunkendeinrichtungen von Personen nach Satz 3 benutzt werden. 5SS 5 b Abs. 1 bis 3 gilt entsprechend. (2) 1F\u00fcr personenbezogene Daten, die durch Ma\u00dfnahmen nach Absatz 1 erhoben wurden, gelten die SSSS 4 und 12 Abs. 1 und 3 des Artikel 10-Gesetzes sowie SS 4 Abs. 5 und 6 Nds. AG G 10 entsprechend; SS 6 Abs. 6, 8 und 9 findet keine Anwendung. 2SS 5 b Abs. 5 gilt entsprechend. SS7 -- aufgehoben -- SS8 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten (1) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 personenbezogene Daten speichern, ver\u00e4ndern und nutzen, wenn 1. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht bestehen, dass die betroffene Person an Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 beteiligt ist, und dies f\u00fcr die Beobachtung der Bestrebung oder T\u00e4tigkeit erforderlich ist, 2. dies f\u00fcr die Erforschung und Bewertung gewaltt\u00e4tiger Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 oder von T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 erforderlich ist oder 3. dies zur Schaffung nachrichtendienstlicher Zug\u00e4nge zu Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 erforderlich ist. 2 In Akten d\u00fcrfen \u00fcber Satz 1 Nr. 2 hinaus personenbezogene Daten auch gespeichert, ver\u00e4ndert und genutzt werden, wenn dies sonst zur Erforschung und Bewertung von Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 erforderlich ist. (2) Personenbezogene Daten d\u00fcrfen nur dann in Dateien gespeichert werden, wenn sie aus Akten ersichtlich sind. (3) Die Speicherung von personenbezogenen Daten aus der engeren Pers\u00f6nlichkeitssph\u00e4re in Dateien ist unzul\u00e4ssig. (4) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat die Speicherungsdauer auf das f\u00fcr ihre Aufgabenerf\u00fcllung erforderliche Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. 176","SS9 Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten von Minderj\u00e4hrigen (1) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf unter den Voraussetzungen des SS 8 Daten \u00fcber das Verhalten Minderj\u00e4hriger aus der Zeit vor Vollendung des 14. Lebensjahres in Akten, die zu ihrer Person gef\u00fchrt werden, nur speichern, ver\u00e4ndern oder nutzen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass die betroffene Person eine der in SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes genannten Straftaten plant, begeht oder begangen hat. 2In Dateien d\u00fcrfen Daten \u00fcber das Verhalten Minderj\u00e4hriger nur gespeichert, ver\u00e4ndert oder genutzt werden, wenn 1. die oder der Minderj\u00e4hrige zu dem Zeitpunkt, auf den sich die Daten beziehen, das 14. Lebensjahr bereits vollendet hatte und 2. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr den Verdacht einer T\u00e4tigkeit nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 oder einer Bestrebung nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4 bestehen, die durch Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen verfolgt wird. (2) 1Die nach Absatz 1 \u00fcber Personen vor Vollendung des 16. Lebensjahres gespeicherten Daten sind zwei Jahre nach der Speicherung zu l\u00f6schen, es sei denn, dass weitere Informationen im Sinne des SS 3 Abs. 1 Satz 1 hinzugekommen sind. 2Die nach Absatz 1 \u00fcber Personen nach Vollendung des 16. und vor Vollendung des 18. Lebensjahres gespeicherten Daten sind zwei Jahre nach der Speicherung auf die Erforderlichkeit einer weiteren Speicherung zu \u00fcberpr\u00fcfen. 3Sie sind sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren zu l\u00f6schen, es sei denn, dass nach Eintritt der Vollj\u00e4hrigkeit weitere Informationen \u00fcber Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 hinzugekommen sind. SS 10 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Dateien (1) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat die in Dateien gespeicherten personenbezogenen Daten zu berichtigen, wenn sie unrichtig sind; sie hat sie zu erg\u00e4nzen, wenn sie unvollst\u00e4ndig sind und dadurch schutzw\u00fcrdige Interessen der betroffenen Person beeintr\u00e4chtigt sein k\u00f6nnen. (2) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat die in Dateien gespeicherten personenbezogenen Daten zu l\u00f6schen, wenn 1. ihre Speicherung unzul\u00e4ssig war oder 2. ihre Kenntnis f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung nicht mehr erforderlich ist. 2 Die L\u00f6schung unterbleibt, wenn Grund zu der Annahme besteht, dass durch sie schutzw\u00fcrdige Interessen von Betroffenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden. 3In diesem Fall sind die Daten zu sperren. 4Sie d\u00fcrfen nur noch mit Einwilligung der Betroffenen weiterverarbeitet werden. (3) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde pr\u00fcft bei der Einzelfallbearbeitung und nach festgesetzten Fristen, sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren, ob gespeicherte personenbezogene Daten zu berichtigen oder zu erg\u00e4nzen, zu l\u00f6schen oder zu sperren sind. 2Gespeicherte personenbezogene Daten \u00fcber Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 sind sp\u00e4testens zehn Jahre, \u00fcber Bestrebungen nach Nr. 3 oder 4 sp\u00e4testens 15 Jahre nach dem Zeitpunkt der letzten Speicherung einer Information \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 zu l\u00f6schen. 177","(4) 1In den F\u00e4llen des Absatzes 2 Satz 1 Nr. 2 und des Absatzes 3 Satz 2 tritt an die Stelle der L\u00f6schung der personenbezogenen Daten durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde die Abgabe an das Landesarchiv. 2Die Nutzung archivierter Daten durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde ist ausgeschlossen, solange diese nicht allgemein zug\u00e4nglich sind. (5) Personenbezogene Daten, die ausschlie\u00dflich zu Zwecken der Datenschutzkontrolle, der Datensicherung oder zur Sicherstellung eines ordnungsgem\u00e4\u00dfen Betriebes einer Datenverarbeitungsanlage gespeichert werden, d\u00fcrfen nur f\u00fcr diese Zwecke oder zur Verfolgung von Straftaten nach dem Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetz weiterverarbeitet werden. SS 11 Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung von personenbezogenen Daten in Akten (1) Stellt die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde fest, dass in Akten gespeicherte personenbezogene Daten unrichtig sind, oder wird ihre Richtigkeit von Betroffenen bestritten, so ist dies in der Akte zu vermerken. (2) 1F\u00fcr Akten, die zu einer bestimmten Person gef\u00fchrt werden, gilt SS 10 Abs. 2 und 3 entsprechend. 2Im \u00dcbrigen hat die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde personenbezogene Daten zu sperren, wenn sie bei der Einzelfallbearbeitung feststellt, dass ohne die Sperrung schutzw\u00fcrdige Interessen von Betroffenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden, und die Daten f\u00fcr die k\u00fcnftige Aufgabenerf\u00fcllung nicht mehr erforderlich sind. 3Gesperrte Daten sind mit einem entsprechenden Vermerk zu versehen; sie d\u00fcrfen nicht mehr weiterverarbeitet werden. 4Eine Aufhebung der Sperrung ist m\u00f6glich, wenn ihre Voraussetzungen nachtr\u00e4glich entfallen. (3) 1Sind Akten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde f\u00fcr ihre Aufgabenerf\u00fcllung nicht mehr erforderlich, so tritt an die Stelle ihrer Vernichtung die Abgabe an das Landesarchiv. 2F\u00fcr Akten, die zu einer bestimmten Person gef\u00fchrt werden, oder andere Akten, die personenbezogene Daten enthalten, gilt SS 10 Abs. 4 Satz 2 entsprechend. SS 12 Dateibeschreibungen (1) 1F\u00fcr jede Datei bei der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde sind in einer Dateibeschreibung festzulegen: 1. die Bezeichnung der Datei, 2. der Zweck der Datei, 3. Inhalt, Umfang, Voraussetzungen und Rechtsgrundlage der Speicherung, \u00dcbermittlung und Nutzung (betroffener Personenkreis, Arten der Daten), 4. \u00dcberpr\u00fcfungsfristen, Speicherungsdauer, 5. die nach dem Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetz erforderlichen technischen und organisatorischen Ma\u00dfnahmen, 6. bei automatisierten Verfahren die Betriebsart des Verfahrens, die Art der Ger\u00e4te, die Stellen, bei denen sie aufgestellt sind, sowie das Verfahren zur \u00dcbermittlung, Sperrung, L\u00f6schung und Auskunftserteilung. 2 Satz 1 gilt nicht f\u00fcr Dateien, die aus ausschlie\u00dflich verarbeitungstechnischen Gr\u00fcnden vor\u00fcbergehend vorgehalten werden. (2) Vor dem Erlass einer Dateibeschreibung ist die oder der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz anzuh\u00f6ren. (3) 1Die Speicherung personenbezogener Daten ist auf das erforderliche Ma\u00df zu beschr\u00e4n178","ken. 2In angemessenen Abst\u00e4nden ist die Notwendigkeit der Weiterf\u00fchrung oder \u00c4nderung der Dateien zu \u00fcberpr\u00fcfen. (4) In der Dateibeschreibung \u00fcber personenbezogene Textdateien ist die Zugriffsberechtigung auf Personen zu beschr\u00e4nken, die unmittelbar mit Arbeiten in dem Gebiet betraut sind, dem die Textdateien zugeordnet sind; Ausz\u00fcge aus Textdateien d\u00fcrfen nicht ohne die dazugeh\u00f6renden erl\u00e4uternden Unterlagen \u00fcbermittelt werden. Dritter Abschnitt Auskunft SS 13 Auskunft an Betroffene (1) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde erteilt Betroffenen auf Antrag unentgeltlich Auskunft \u00fcber die zu ihrer Person gespeicherten Daten. 2Die Auskunftsverpflichtung erstreckt sich nicht auf die Herkunft der Daten und die Empf\u00e4nger von \u00dcbermittlungen. 3\u00dcber Daten aus Akten, die nicht zur Person der Betroffenen gef\u00fchrt werden, wird Auskunft nur erteilt, soweit die Daten, namentlich aufgrund von Angaben der Betroffenen, mit angemessenem Aufwand auffindbar sind. 4Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde bestimmt Verfahren und Form der Auskunftserteilung nach pflichtgem\u00e4\u00dfem Ermessen. (2) 1Die Auskunftserteilung kann nur abgelehnt werden, soweit 1. die Auskunft die \u00f6ffentliche Sicherheit gef\u00e4hrden oder sonst dem Wohl des Bundes oder eines Landes Nachteile bereiten w\u00fcrde, 2. die Daten oder die Tatsache ihrer Speicherung nach einer Rechtsvorschrift oder wegen der berechtigten Interessen von Dritten geheim gehalten werden m\u00fcssen oder 3. durch die Auskunftserteilung Informationsquellen gef\u00e4hrdet w\u00fcrden oder die Ausforschung des Erkenntnisstandes oder der Arbeitsweise der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zu bef\u00fcrchten ist. 2 Die Entscheidung trifft die Leiterin oder der Leiter der Verfassungsschutzabteilung unter Abw\u00e4gung der in Satz 1 Nrn. 1 bis 3 genannten Interessen mit dem Interesse der antragstellenden Person an der Auskunftserteilung. 3Die Leiterin oder der Leiter der Verfassungsschutzabteilung kann eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter damit beauftragen, ebenfalls Entscheidungen nach Satz 1 zu treffen. (3) 1Die Ablehnung einer Auskunft bedarf keiner Begr\u00fcndung, soweit durch die Begr\u00fcndung der Zweck der Ablehnung gef\u00e4hrdet w\u00fcrde. 2Die Gr\u00fcnde der Ablehnung sind aktenkundig zu machen. 3Wird der antragstellenden Person keine Begr\u00fcndung f\u00fcr die Ablehnung der Auskunft gegeben, so ist ihr die Rechtsgrundlage daf\u00fcr zu nennen. 4Ferner ist sie darauf hinzuweisen, dass sie sich an die Landesbeauftragte oder den Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz wenden kann. 5Der oder dem Landesbeauftragten ist auf Verlangen Auskunft zu erteilen. 6Stellt die Fachministerin oder der Fachminister oder die Vertreterin oder der Vertreter, fest, dass durch die Erteilung der Auskunft nach Satz 5 die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef\u00e4hrdet w\u00fcrde, so darf die Auskunft nur der oder dem Landesbeauftragten pers\u00f6nlich erteilt werden. 7Mitteilungen der oder des Landesbeauftragten an die antragstellende Person d\u00fcrfen keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf den Erkenntnisstand der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zulassen, sofern diese nicht einer weitergehenden Mitteilung zustimmt. 179","Vierter Abschnitt Informations\u00fcbermittlung SS 14 Grenzen der \u00dcbermittlung personenbezogener Daten Wird nach den Bestimmungen dieses Abschnitts um die \u00dcbermittlung personenbezogener Daten ersucht, so d\u00fcrfen nur solche Daten \u00fcbermittelt werden, die bei der ersuchten Beh\u00f6rde oder Stelle bereits bekannt sind oder von ihr aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen entnommen werden k\u00f6nnen. SS 15 \u00dcbermittlung von Informationen an die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde (1) Die Beh\u00f6rden des Landes, insbesondere die Staatsanwaltschaften und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftlichen Sachleitungsbefugnis, die Polizeibeh\u00f6rden, sowie die der ausschlie\u00dflichen Aufsicht des Landes unterstehenden K\u00f6rperschaften, Anstalten und Stiftungen des \u00f6ffentlichen Rechts unterrichten von sich aus die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde \u00fcber die ihnen bekannt gewordenen Tatsachen, die sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht oder Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland erkennen lassen, die sich unter Anwendung von Gewalt oder durch darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen gegen die in SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nrn. 1, 3 und 4 genannten Schutzg\u00fcter wenden. (2) Die Staatsanwaltschaften und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftlichen Sachleitungsbefugnis, die Polizeibeh\u00f6rden sowie die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden \u00fcbermitteln dar\u00fcber hinaus von sich aus der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde auch alle anderen ihnen bekannt gewordenen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten \u00fcber Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcbermittlung f\u00fcr die Erf\u00fcllung der Aufgaben der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde erforderlich ist. (3) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben die in Absatz 1 genannten Stellen um \u00dcbermittlung der zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben erforderlichen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten ersuchen, wenn diese nicht aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen oder nur mit \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Aufwand oder nur durch eine die betroffene Person st\u00e4rker belastende Ma\u00dfnahme erhoben werden k\u00f6nnen. 2Die Ersuchen sind aktenkundig zu machen. (4) 1Die \u00dcbermittlung personenbezogener Daten, die aufgrund einer Ma\u00dfnahme nach SS 100 a StPO bekannt geworden sind, ist nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 nur zul\u00e4ssig, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass jemand eine der in SS 3 des Artikel 10Gesetzes genannten Straftaten plant, begeht oder begangen hat. 2Auf die der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde nach Satz 1 \u00fcbermittelten personenbezogenen Daten findet SS 4 Abs. 1 und 2 Satz 1 sowie Abs. 4 bis 6 des Artikel 10-Gesetzes entsprechende Anwendung. (5) 1Die \u00dcbermittlung personenbezogener Daten, die aufgrund anderer strafprozessualer Zwangsma\u00dfnahmen (SSSS 94 bis 100, 100 c bis 111 p, 163 e und 163 f StPO) bekannt geworden sind, ist nur zul\u00e4ssig, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4 oder von T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 bestehen. 2Die nach Satz 1 \u00fcbermittelten personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur zur Erforschung solcher Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten genutzt werden. 180","SS 16 Registereinsicht (1) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf zur Gewinnung von Informationen \u00fcber gewaltt\u00e4tige Bestrebungen nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, 3 oder 4 oder \u00fcber T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 die von \u00f6ffentlichen Stellen gef\u00fchrten Register, insbesondere Grundb\u00fccher, Personenstandsb\u00fccher, Melderegister, Personalausweisregister, Passregister, F\u00fchrerscheinkartei, Waffenscheinkartei, einsehen. (2) 1Die Einsichtnahme ist nur zul\u00e4ssig, wenn 1. eine \u00dcbermittlung der Daten durch die registerf\u00fchrende Stelle den Zweck der Ma\u00dfnahme gef\u00e4hrden w\u00fcrde oder 2. die betroffene Person durch eine anderweitige Informationsgewinnung unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrde. 2 Die Einsichtnahme ist unzul\u00e4ssig, wenn ihr eine gesetzliche Geheimhaltungsvorschrift o- der eine Pflicht zur Wahrung von Berufsgeheimnissen entgegensteht. (3) Die Einsichtnahme ordnet die Leiterin oder der Leiter der Verfassungsschutzabteilung oder die Vertreterin oder der Vertreter an. (4) 1Die durch Einsichtnahme in Register gewonnenen Informationen d\u00fcrfen nur zu den in Absatz 1 genannten Zwecken verwendet werden. 2Gespeicherte Informationen sind zu l\u00f6schen und Unterlagen zu vernichten, sobald sie f\u00fcr diese Zwecke nicht mehr erforderlich sind. (5) 1\u00dcber jede Einsichtnahme ist ein gesonderter Nachweis zu f\u00fchren, aus dem ihr Zweck, das eingesehene Register und die registerf\u00fchrende Stelle sowie die Namen der Betroffenen hervorgehen, deren Daten f\u00fcr eine weitere Verarbeitung erforderlich sind. 2Diese Nachweise sind gesondert aufzubewahren, gegen unberechtigten Zugriff zu sichern und am Ende des Kalenderjahres, das dem Jahr der Anfertigung folgt, zu vernichten. SS 17 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde (1) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf personenbezogene Daten an inl\u00e4ndische Beh\u00f6rden \u00fcbermitteln, wenn dies zur Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben erforderlich ist oder der Empf\u00e4nger die Daten zum Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung oder sonst f\u00fcr Zwecke der \u00f6ffentlichen Sicherheit oder der Strafverfolgung ben\u00f6tigt. 2Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu machen. 3Die empfangende Beh\u00f6rde darf die \u00fcbermittelten Daten, soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist, nur zu dem Zweck weiterverarbeiten, zu dem sie ihr \u00fcbermittelt wurden. (2) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf personenbezogene Daten an Dienststellen der alliierten Streitkr\u00e4fte \u00fcbermitteln, soweit dies im Rahmen der Zusammenarbeit nach Artikel 3 des Zusatzabkommens vom 3. August 1959 zu dem Abkommen zwischen den Parteien des Nordatlantikvertrages vom 19. Juni 1951 \u00fcber die Rechtsstellung ihrer Truppen hinsichtlich der in der Bundesrepublik Deutschland stationierten ausl\u00e4ndischen Truppen (BGBl. 1961 II S. 1183, 1218) erforderlich ist. 2Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu machen. (3) 1Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde darf personenbezogene Daten im Einvernehmen mit dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz an ausl\u00e4ndische \u00f6ffentliche Stellen sowie an \u00fcberund zwischenstaatliche Stellen \u00fcbermitteln, soweit die \u00dcbermittlung in einem Gesetz, einem Rechtsakt der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften oder einer internationalen Vereinbarung 181","geregelt ist. 2Eine \u00dcbermittlung darf auch erfolgen, wenn sie 1. zum Schutz von Leib oder Leben erforderlich ist oder 2. zur Erf\u00fcllung eigener Aufgaben, insbesondere in F\u00e4llen grenz\u00fcberschreitender T\u00e4tigkeiten der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde, unumg\u00e4nglich ist und im Empf\u00e4ngerland gleichwertige Datenschutzregelungen gelten. 3Die \u00dcbermittlung unterbleibt, wenn ihr ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland oder \u00fcberwiegende schutzw\u00fcrdige Interessen der Betroffenen, insbesondere deren Schutz vor einer rechtsstaatswidrigen Verfolgung, entgegenstehen. 4Die \u00dcbermittlung der von einer Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde empfangenen personenbezogenen Daten unterbleibt, es sei denn, die \u00dcbermittlung ist v\u00f6lkerrechtlich geboten. 5Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu machen. 6 Die empfangende Stelle darf die \u00fcbermittelten Daten nur f\u00fcr den Zweck weiterverarbeiten, zu dem sie ihr \u00fcbermittelt wurden. 7Sie ist auf die Verarbeitungsbeschr\u00e4nkung und darauf hinzuweisen, dass sich die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde vorbeh\u00e4lt, Auskunft \u00fcber die Verarbeitung der Daten zu verlangen. (4) 1Personenbezogene Daten d\u00fcrfen an einzelne Personen oder an andere als die in den Abs\u00e4tzen 1 bis 3 genannten Stellen nicht \u00fcbermittelt werden, es sei denn, dass dies zum Schutz vor Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 oder zur Gew\u00e4hrleistung der Sicherheit von lebensoder verteidigungswichtigen Einrichtungen (SS 1 Abs. 4 und 5 des Nieders\u00e4chsischen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgesetzes) erforderlich ist und die Fachministerin oder der Fachminister oder die Vertreterin oder der Vertreter der \u00dcbermittlung zugestimmt hat. 2 Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde f\u00fchrt \u00fcber jede \u00dcbermittlung personenbezogener Daten nach Satz 1 einen gesonderten Nachweis, aus dem der Zweck der \u00dcbermittlung, ihre Veranlassung, die Aktenfundstelle und der Empf\u00e4nger hervorgehen. 3Die Nachweise sind gesondert aufzubewahren, gegen unberechtigten Zugriff zu sichern und am Ende des Kalenderjahres, das dem Jahr ihrer Anfertigung folgt, zu vernichten. 4Der Empf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten nur f\u00fcr den Zweck weiterverarbeiten, zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden. 5Er ist auf die Verarbeitungsbeschr\u00e4nkung und darauf hinzuweisen, dass sich die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde vorbeh\u00e4lt, Auskunft \u00fcber die Verarbeitung der Daten zu verlangen. 6Die \u00dcbermittlung der personenbezogenen Daten ist der betroffenen Person durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde mitzuteilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung der Aufgabenerf\u00fcllung durch die Mitteilung nicht mehr zu besorgen ist. 7Die Zustimmung nach Satz 1 und das F\u00fchren eines Nachweises nach Satz 2 sind nicht erforderlich, wenn personenbezogene Daten durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zum Zweck von Datenerhebungen an andere Stellen \u00fcbermittelt werden. SS 18 \u00dcbermittlung von Informationen durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde an Strafverfolgungsund Sicherheitsbeh\u00f6rden in Angelegenheiten des Staatsund Verfassungsschutzes (1) Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde \u00fcbermittelt den Staatsanwaltschaften und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftlichen Sachleitungsbefugnis, den Polizeibeh\u00f6rden von sich aus die ihr bekannt gewordenen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcbermittlung zur Verhinderung oder Verfolgung von folgenden Straftaten erforderlich ist: die in SS 74 a Abs. 1 und SS 120 Abs. 1 des Gerichtsverfassungsgesetzes genannten Straftaten, Straftaten, bei denen aufgrund ihrer Zielrichtung, des Motivs des T\u00e4ters oder dessen Ver182","bindung zu einer Organisation anzunehmen ist, dass sie sich gegen die in SS 3 Abs. 1 Satz 1 genannten Schutzg\u00fcter wenden. (2) Die Polizeibeh\u00f6rden d\u00fcrfen zur Verhinderung von Straftaten nach Absatz 1 die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde um \u00dcbermittlung der erforderlichen Informationen einschlie\u00dflich personenbezogener Daten ersuchen. SS 19 \u00dcbermittlung personenbezogener Daten an die \u00d6ffentlichkeit Bei der Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit einschlie\u00dflich der Medien \u00fcber Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 1 Satz 1 d\u00fcrfen personenbezogene Daten nur bekannt gegeben werden, wenn die Bekanntgabe f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Darstellung, insbesondere von Organisationen oder unorganisierten Gruppierungen, erforderlich ist und das Interesse der Allgemeinheit das schutzw\u00fcrdige Interesse der betroffenen Person \u00fcberwiegt. SS 20 \u00dcbermittlungsverbote, Minderj\u00e4hrigenschutz (1) Die \u00dcbermittlung von Informationen nach den Vorschriften dieses Abschnitts unterbleibt, wenn 1. die Informationen zu l\u00f6schen sind, 2. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erkennbar ist, dass die Informationen f\u00fcr die empfangende Stelle nicht erforderlich sind, 3. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erkennbar ist, dass unter Ber\u00fccksichtigung der Art der Informationen, insbesondere ihres Bezuges zu der engeren Pers\u00f6nlichkeitssph\u00e4re der betroffenen Person, und der Umst\u00e4nde ihrer Erhebung das schutzw\u00fcrdige Interesse der betroffenen Person das Interesse der Allgemeinheit an der \u00dcbermittlung \u00fcberwiegt, 4. \u00fcberwiegende Sicherheitsinteressen dies erfordern oder 5. besondere Regelungen in Rechtsvorschriften, in Standesrichtlinien oder Verpflichtungen zur Wahrung besonderer Amtsgeheimnisse der \u00dcbermittlung entgegenstehen. (2) Personenbezogene Daten Minderj\u00e4hriger d\u00fcrfen nach den Vorschriften dieses Gesetzes \u00fcbermittelt werden, solange die Voraussetzungen der Speicherung nach SS 9 erf\u00fcllt sind. (3) 1Personenbezogene Daten Minderj\u00e4hriger \u00fcber ihr Verhalten vor Vollendung des 14. Lebensjahres d\u00fcrfen nach den Vorschriften dieses Gesetzes nicht an ausl\u00e4ndische oder an \u00fcberoder zwischenstaatliche Stellen \u00fcbermittelt werden. 2Dasselbe gilt f\u00fcr Informationen \u00fcber Personenzusammenschl\u00fcsse, deren Mitglieder \u00fcberwiegend Minderj\u00e4hrige sind, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. SS 21 Pflichten der empfangenden Stelle 1 Die empfangende Stelle pr\u00fcft, ob die ihr nach den Vorschriften dieses Gesetzes \u00fcbermittelten personenbezogenen Daten f\u00fcr die Erf\u00fcllung ihrer Aufgaben erforderlich sind. 2Ergibt die Pr\u00fcfung, dass dies nicht der Fall ist, so hat sie die entsprechenden Unterlagen zu vernichten und gespeicherte Daten zu l\u00f6schen. 3Die Vernichtung und die L\u00f6schung k\u00f6nnen unterbleiben, wenn die Trennung von anderen Informationen, die zur Erf\u00fcllung der Aufgaben erforderlich sind, nicht oder nur mit unvertretbarem Aufwand m\u00f6glich ist; in diesem Fall sind die 183","Daten zu sperren. SS 22 Nachberichtspflicht 1 Erweisen sich personenbezogene Daten nach ihrer \u00dcbermittlung als unvollst\u00e4ndig oder unrichtig, so sind sie gegen\u00fcber der empfangenden Stelle unverz\u00fcglich zu erg\u00e4nzen oder zu berichtigen, es sei denn, dass der Mangel f\u00fcr die Beurteilung des Sachverhalts offensichtlich ohne Bedeutung ist. 2Werden personenbezogene Daten nach ihrer \u00dcbermittlung gesperrt, so ist dies der empfangenden Stelle unter Angabe der Gr\u00fcnde, die zu der Sperrung gef\u00fchrt haben, unverz\u00fcglich mitzuteilen. F\u00fcnfter Abschnitt Parlamentarische Kontrolle SS 23 Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes Die parlamentarische Kontrolle auf dem Gebiet des Verfassungsschutzes \u00fcbt unbeschadet der Rechte des Landtages und seiner sonstigen Aussch\u00fcsse ein besonderer, vom Landtag gebildeter Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes aus. SS 24 Zusammensetzung (1) 1Der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes soll aus mindestens sieben Abgeordneten des Landtages bestehen. 2Mitglieder der Landesregierung k\u00f6nnen dem Ausschuss nicht angeh\u00f6ren. (2) 1Jede Fraktion erh\u00e4lt mindestens einen Sitz. 2Die Verteilung aller Sitze bestimmt sich nach der Gesch\u00e4ftsordnung des Nieders\u00e4chsischen Landtages. SS 25 Kontrollrechte des Ausschusses (1) Das Fachministerium ist verpflichtet, den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes umfassend \u00fcber seine T\u00e4tigkeit als Verfassungsschutzbeh\u00f6rde im Allgemeinen sowie \u00fcber Vorg\u00e4nge von besonderer Bedeutung zu unterrichten. (2) Der Ausschuss hat das Recht, Auskunftspersonen anzuh\u00f6ren, wenn mindestens ein F\u00fcnftel der Ausschussmitglieder dies verlangt. (3) Das Fachministerium kann das Anh\u00f6rungsverlangen nach Absatz 2 in entsprechender Anwendung des Artikels 24 Abs. 3 der Nieders\u00e4chsischen Verfassung ablehnen; die Gr\u00fcnde sind dem Ausschuss darzulegen. (4) 1Die in der Verfassungsschutzabteilung T\u00e4tigen d\u00fcrfen in dienstlichen Angelegenheiten Eingaben an den Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes richten. 2Solche Eingaben und die Verhandlungen des Ausschusses \u00fcber sie sind vertraulich im Sinne der Gesch\u00e4ftsordnung des Nieders\u00e4chsischen Landtages. 184","SS 26 Verfahrensweise (1) 1F\u00fcr die Verhandlungen des Ausschusses f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes gelten die Vorschriften der Gesch\u00e4ftsordnung des Nieders\u00e4chsischen Landtages. 2Jedoch bedarf ein Beschluss, durch welchen die Vertraulichkeit von Akten oder sonstigen Unterlagen oder von Verhandlungen des Ausschusses aufgehoben wird, einer Mehrheit von zwei Dritteln der Stimmen seiner Mitglieder. 3Ist zu einem solchen Beschluss das Einvernehmen der Landesregierung erforderlich und weigert diese sich, es zu erteilen, so hat sie die Gr\u00fcnde daf\u00fcr vor dem Ausschuss darzulegen. 4Dient die Vertraulichkeit dem Schutz von Informationen, deren Geheimhaltung in die Verantwortung einer Beh\u00f6rde des Bundes o- der eines anderen Landes f\u00e4llt, so bedarf die Aufhebung der Vertraulichkeit des Einvernehmens dieser Beh\u00f6rde. (2) 1Der Ausschuss gibt sich f\u00fcr die Wahrnehmung der Aufgaben nach SS 2 Abs. 1 Nds. AG G 10 eine besondere Gesch\u00e4ftsordnung. 2Zu deren Geheimschutzregelungen ist die Landesregierung zu h\u00f6ren. 3Die Gesch\u00e4ftsordnung bedarf der Best\u00e4tigung durch den Landtag. (3) Der Ausschuss berichtet dem Landtag in der Mitte und am Ende jeder Wahlperiode \u00fcber seine T\u00e4tigkeit. (4) Der Ausschuss \u00fcbt seine T\u00e4tigkeit auch \u00fcber das Ende einer Wahlperiode des Landtages so lange aus, bis der nachfolgende Landtag den Ausschuss nach SS 24 neu gebildet hat. SS 27 Hilfe vonseiten der oder des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz (1) 1Der Ausschuss f\u00fcr Angelegenheiten des Verfassungsschutzes hat auf Antrag von mindestens einem Viertel seiner Mitglieder die Landesbeauftragte oder den Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz zu beauftragen, die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit einzelner Ma\u00dfnahmen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rde zu \u00fcberpr\u00fcfen. 2Die Befugnisse der oder des Landesbeauftragten richten sich nach den Bestimmungen des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes. (2) Wird die oder der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz nach SS 13 Abs. 3 t\u00e4tig, so kann sie oder er den Ausschuss von sich aus unterrichten, wenn sich Beanstandungen ergeben, eine Mitteilung an die betroffene Person aber aus Geheimhaltungsgr\u00fcnden unterbleiben muss. Sechster Abschnitt Schlussvorschriften SS 28 Geltung des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes Bei der Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 durch die Verfassungsschutzbeh\u00f6rde finden die Vorschriften des SS 4 Abs. 1 sowie der SSSS 9 bis 17 a des Nieders\u00e4chsischen Datenschutzgesetzes keine Anwendung. SS 29 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Gesetzes zur Ausf\u00fchrung des Gesetzes zu Artikel 10 Grundgesetz*) 185","SS 30 \u00c4nderung des Nieders\u00e4chsischen Beamtengesetzes*122) SS 31 \u00c4nderung des Personalvertretungsgesetzes f\u00fcr das Land Niedersachsen*) SS 32 Inkrafttreten **) (1) Dieses Gesetz tritt 14 Tage nach seiner Verk\u00fcndung in Kraft. (2) Gleichzeitig tritt das Nieders\u00e4chsische Verfassungsschutzgesetz vom 12. Juli 1976 (Nds. GVBl. S. 181), ge\u00e4ndert durch Gesetz vom 24. M\u00e4rz 1980 (Nds. GVBl. S. 67), au\u00dfer Kraft. * Diese Vorschrift des Gesetzes in der urspr\u00fcnglichen Fassung vom 03.11.1992 (Nds. GVBl. S. 283) wird hier nicht abgedruckt. ** Diese Vorschrift betrifft das Inkrafttreten des Gesetzes in der urspr\u00fcnglichen Fassung vom 03.11.1992 (Nds. GVBl. S. 283). Der Zeitpunkt des Inkrafttretens der sp\u00e4teren \u00c4nderungen ergibt sich aus den in den Bekanntmachungen vom 30.03.2004 (Nds. GVBl. S. 117) und vom 19.11.2007 (Nds. GVBl. S. 641) sowie den in der vorangestellten Bekanntmachung n\u00e4her bezeichneten Gesetzen. 186","8.3 \u00dcbersicht Verbote neonazistischer Vereinigungen 26.11.1992 Nationalistische Front (NF) Bundesministerium des Innern 08.12.1992 Deutsche Alternative (DA) Bundesministerium des Innern 18.12.1992 Deutscher Kameradschaftsbund (DKB) Nieders\u00e4chsisches Innenministerium 21.12.1992 Nationale Offensive (NO) Bundesministerium des Innern 07.06.1993 Nationaler Block (NB) Bayerisches Staatsministerium des Innern 08.07.1993 Heimattreue Vereinigung Innenministerium des Landes Deutschlands (HVD) Baden-W\u00fcrttemberg 25.08.1993 Freundeskreis Freiheit f\u00fcr Innenministerium des Landes Deutschland (FFD) Nordrhein-Westfalen 10.11.1994 Wiking Jugend e.V. (WJ) Bundesministerium des Innern (auf Initiative des Nieders\u00e4chsischen Innenministeriums) 24.02.1995 Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei Bundesministerium des Innern (FAP) (auf Initiative des Nieders\u00e4chsischen Innenministeriums) 24.02.1995 Nationale Liste (NL) Beh\u00f6rde f\u00fcr Inneres Hamburg 05.05.1995 Direkte Aktion/Mitteldeutschland (JF) Innenministerium des Landes Brandenburg 22.07.1996 Skinheads Allg\u00e4u Bayerisches Staatsministerium des Innern 14.08.1997 Kameradschaft Oberhavel Innenministerium des Landes Brandenburg 187","09.02.1998 Heide-Heim e.V. und Heideheim e.V. Nieders\u00e4chsisches Innenministerium 10.08.2000 Hamburger Sturm Beh\u00f6rde f\u00fcr Inneres Hamburg 12.09.2000 Blood & Honour -Division Deutschland Bundesministerium des Innern mit Jugendorganisation White Youth 02.04.2001 Skinheads S\u00e4chsische Schweiz (SSS) S\u00e4chsisches Staatsministerium mit des Innern Skinheads S\u00e4chsische Schweiz - Aufbauorganisationen und Nationaler Widerstand Pirna 07.03.2003 B\u00fcndnis nationaler Sozialisten f\u00fcr Innenministerium des Landes L\u00fcbeck Schleswig-Holstein 07.03.2003 B\u00fcndnis nationaler Sozialisten f\u00fcr Innenministerium des Landes L\u00fcbeck Schleswig-Holstein 19.12.2003 Fr\u00e4nkische Aktionsfront Bayerisches Staatsministerium des Innern 07.03.2005 Kameradschaft Tor Innensenator des Landes Berlin \"M\u00e4delgruppe\" der Kameradschaft Tor 07.03.2005 Berliner Alternative S\u00fcd-Ost (BASO) Innensenator des Landes Berlin 06.04.2005 Kameradschaft Hauptvolk mit Innenministerium des Landes Untergruppierung \"Sturm 27\" Brandenburg 04.07.2005 Alternative Nationale Strausberger Innenministerium des Landes DArt Brandenburg Piercing und Tattoo Offensive (ANSDAPO) 26.06.2006 Schutzbund Deutschland Innenministerium des Landes Brandenburg 23.04.2007 Kameradschaft Sturm 34 S\u00e4chsisches Staatsministerium des Innern 188","01.04.2008 Blue White Street Elite (BWSE) Innenministerium des Landes Sachrechtsextremistisch beeinflusste sen-Anhalt Hooligan-Vereinigung 07.05.2008 Collegium Humanum Bundesministerium des Innern 07.05.2008 Verein zur Rehabilitierung der wegen Bundesministerium des Innern Bestreitens des Holocaust Verfolgten (VRBHV) 31.03.2009 Heimattreue Deutsche Jugend e.V. Bundesministerium des Innern (HDJ) 28.05.2009 Mecklenburgische Aktionsfront Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern 05.11.2009 Frontbann 24 Innensenator des Landes Berlin 11.04.2011 Freie Kr\u00e4fte Teltow-Fl\u00e4ming (FKTF) Innenministerium des Landes Brandenburg 30.08.2011 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale Bundesministerium des Innern politische Gefangene und ihre Angeh\u00f6rigen e. V. (HNG) 10.05.2012 Kameradschaft Walter Spangenberg Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 19.06.2012 Widerstandsbewegung in Innenministerium des Landes BranS\u00fcdbrandenburg denburg 23.08.2012 Kameradschaft Aachener Land Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 23.08.2012 Kameradschaft Hamm Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 23.08.2012 Nationaler Widerstand Dortmund Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen 25.09.2012 Besseres Hannover Nieders\u00e4chsisches Innenministerium 12.02.2013 Nationale Sozialisten D\u00f6beln mit S\u00e4chsisches Staatsministerium Division D\u00f6beln, Initiative f\u00fcr D\u00f6beln des Innern und Freies D\u00f6beln sowie der Band INKUBATION 189","8.4 Abk\u00fcrzungsverzeichnis A [AAH] Antifaschistische Aktion Hannover ABLE Association for better Living and Education AG Aktionsgruppe AKL Antikapitalistische Linke A.L.I. Antifaschistische Linke International AMAK Antimilitaristischer Aktionskreis Hannover AMGT Vereinigung der Neuen Weltsicht e. V. AMS Assoziation Marxistischer Studierender AN Autonome Nationalisten AN-WFSZ Autonome Nationalisten Wolfenb\u00fcttel/Salzgitter AQAH Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel ARAB Antifaschistische Revolution\u00e4re Aktion Berlin ASJ Anarcho-syndikalistische Jugendorganisation AZADI Rechtshilfefonds der RH und der F\u00f6deration der Kurdischen Vereine in Deutschland B BFE Bund Freies Europa BfV Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz BfZ B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr Zivilcourage BMI Bundesministerium des Innern BPjM Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien BVerfG Bundesverfassungsgericht BVerfGE Entscheidungssammlung des BVerfG BVerfSchG Bundesverfassungsschutzgesetz BVerwG Bundesverwaltungsgericht C CCHR Citizens Commission on Human Rights CDK Koordination der kurdisch-demokratischen Gesellschaft in Europa (Civata Demokratik Kurdistan) CH Collegium Humanum - Akademie f\u00fcr Umwelt und Lebensschutz e. V. CIK Islamische Gemeinde Kurdistans CSI Church of Scientology International D DA Direkte Aktion (Zeitung der FAU/IAA) DHKP-C Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (KARATAS-Fl\u00fcgel) DIE LINKE.SDS DIE LINKE.Sozialistisch-Demokratischer Studentenverband DITIB T\u00fcrkisch-Islamische Union der Anstalt f\u00fcr Religion e.V. 190","DKP Deutsche Kommunistische Partei DRP Deutsche Reichspartei DVU Deutsche Volksunion DWR Die Wahre Religion E EA Europ\u00e4ische Aktion EMUG Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft e. V. F FAP Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei FAU/IAA Freie Arbeiterinnenund Arbeiter-Union / Internationale ArbeiterInnen Assoziation fdGO freiheitliche demokratische Grundordnung FSB Russischer Inlandsnachrichtendienst (\"Federalnaja Slushba Besopasnosti\") G GFP Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V. GG Grundgesetz f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland GGB Gewerkschaft Gesundheitsberufe GIAZ Gemeinsames Informationsund Analysezentrum Polizei und Verfassungsschutz Niedersachsen GRU Russischer milit\u00e4rischer Nachrichtendienst (\"Glawnoje Raswediwatelnoje Uprawlenije\") G 10 Artikel 10-Gesetz H HAMAS Islamische Widerstandsbewegung HCOPL Hubbard Communication Office Policy Letter HDJ Heimattreue Deutsche Jugend e. V. HNG Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige HPG Volksverteidigungseinheiten HRK Ostkurdistan Kr\u00e4fte HuT Hizb ut-Tahrir al-Islami I IAS International Association of Scientologist IBP Islamischer Bund Pal\u00e4stina IBU Islamische Bewegung Usbekistan IGD Islamische Gemeinschaft in Deutschland e. V. IGMG Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e. V. IHH Internationale Humanit\u00e4re Hilfe e. V. IL Interventionistische Linke IR Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland 191","IZM Islamisches Zentrum M\u00fcnchen J J.A.G. Jugendantifa G\u00f6ttingen JLO Junge Landsmannschaft Ostdeutschland JN Junge Nationaldemokraten K KADEK Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans KCK Vereinigte Gemeinschaften Kurdistans KKK Geimeinschaft der Kommunen in Kurdistan KON-KURD Konf\u00f6deration der kurdischen Vereine in Europa KONGRA GEL Volkskongress Kurdistans KPD Kommunistische Partei Deutschlands KPMD-PMK Kriminalpolizeilicher Meldedienst in F\u00e4llen Politisch motivierter Kriminalit\u00e4t KPF Kommunistische Plattform der Partei DIE LINKE. KRM Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland KVPM Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte L LfD Landesbeauftragter f\u00fcr den Datenschutz LTTE Befreiungstiger von Tamil Eelam (\"Liberation Tigers of Tamil Eelam\") M M31 Europ\u00e4ischer Aktionstag gegen den Kapitalismus \"March 31\" March 31 Siehe M31 MB Muslimbruderschaft MF Marxistisches Forum mg militante gruppe MID Chinesischer milit\u00e4rischer Nachrichtendienst MLPD Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands MOIS Ministry of Information and Security (Ziviler Inund Auslandsgeheimdienst des Iran / in Farsi: VEVAK) MPS Ministerium f\u00fcr \u00f6ffentliche Sicherheit, China MSB Marxistischer Studentenbund Spartakus MSS Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit, China MSV Muslim Studenten Vereinigung in Deutschland e. V. N NADIS Nachrichtendienstliches Informationssystem NCAZ Nationales Cyber-Abwehrzentrum NATO North Atlantic Treaty Organization (Nordatlantikvertrag) NPD Nationaldemokratische Partei Deutschlands NSBM National Socialist Black Metal NVerfSchG Nieders\u00e4chsisches Verfassungsschutzgesetz 192","O OLG Oberlandesgericht Org Organisation/Kirche (im Zusammenhang mit Scientology) OSA Office of Special Affairs OVG Oberverwaltungsgericht P PAJK Freiheitspartei der Frauen Kurdistans PDS Partei des Demokratischen Sozialismus PKK Arbeiterpartei Kurdistans PMK Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t R RAC Rock Against Communism RAK Rote Aktion Kornstra\u00dfe RF Russische F\u00f6deration RGID Revolutionary Guards Intelligence Departement (Geheimdienst der iranischen Revolutionsgarden) RH Rote Hilfe e. V. RHD Rote Hilfe Deutschland RNF Ring Nationaler Frauen S SAV Sozialistische Alternative Voran SDAJ Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend SdR Stimme des Reiches Sea Org Sea Organization SJ Schlesische Jugend e. V. SL Sozialistische Linke SO Scientology-Organisation SRP Sozialistische Reichspartei StGB Strafgesetzbuch SWR Russischer Dienst f\u00fcr Auslandsaufkl\u00e4rung (\"Slushba Wneschnej Raswedkij\") T TAK Freiheitsfalken Kurdistans TBL Transportbeh\u00e4lterlager TBV Tamilische Bildungsvereinigung TCC Tamil Coordination Committee TddZ Tag der deutschen Zukunft TGTE Transnational Government of Tamil Eelam TJ Tablighi Jama'at TRO Tamil Rehabilitation Organization TSO Tamil Student Organization 193","TYO Tamil Youth Organization V VETD Volksrat der Eelam Tamilen Deutschland e. V. VEVAK Ziviler Inund Auslandsgeheimdienst des Iran VG Verwaltungsgericht VIKZ Verband der Islamischen Kulturzentren e. V. VRBHV Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten VS Verschlusssache VSA Verschlusssachenanweisung VST Verein f\u00fcr Souver\u00e4nit\u00e4t der Tamilen W WASG Partei Arbeit & Soziale Gerechtigkeit - Die Wahlalternative WISE World Institute of Scientology Enterprises Y YEK-KOM F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e. V. YHK Union der Juristen Kurdistans YMK Union der kurdischen Lehrer Y\u00d6P Yeni \u00d6zg\u00fcr Politica YRK Union der Journalisten Kurdistans YXK Verband der Studierenden aus Kurdistan e. V. Z ZMD Zentralrat der Muslime in Deutschland 8.5 Personenund Stichwortverzeichnis 8.6 Ortsverzeichnis (Niedersachsen) 194","Verteilerhinweis Diese Druckschrift wird von der Landesregierung Niedersachsen im Rahmen ihrer gesetzlichen Verpflichtung zur Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerbern oder Wahlhelfern w\u00e4hrend eines Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt f\u00fcr alle Wahlen. Missbr\u00e4uchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsst\u00e4nden der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist auch die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer Wahl darf die vorliegende Druckschrift nicht so verwendet werden, dass dies als Parteinahme des Herausgebers zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden k\u00f6nnte. Diese Beschr\u00e4nkungen gelten unabh\u00e4ngig vom Vertriebsweg, also unabh\u00e4ngig davon, auf welchem Wege und in welcher Anzahl diese Informationsschrift dem Empf\u00e4nger zugegangen ist. Den Parteien ist es gestattet, die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder zu verwenden. (c) Nieders\u00e4chsisches Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport Abteilung Verfassungsschutz 195","Herausgeber: Nieders\u00e4chsisches Ministerium f\u00fcr Inneres und Sport Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit Lavesallee 6, 30169 Hannover Telefon: 0511 120-6255 Telefax: 0511 120-6555 Internet: www.mi.niedersachsen.de 196"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2013","year":2013}
