{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-bw-2006.pdf","jurisdiction":"Baden-W\u00fcrttemberg","num_pages":298,"pages":["BadenINNENMINISTERIUM","VERFASSUNGSSCHUTZBERICHT BADEN-W\u00dcRTTEMBERG 2006","Herausgeber: Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Dorotheenstra\u00dfe 6, 70173 Stuttgart Gestaltung und Satz: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Taubenheimstra\u00dfe 85A, 70372 Stuttgart Umschlag: Orel & Unger GmbH, Stuttgart Druck: KONKORDIA GmbH Eisenbahnstra\u00dfe 31, 77815 B\u00fchl Auflage: 12.500 Zitate: Alle Zitate sind in Kursivschrift gesetzt. Zitate aus Texten in alter Rechtschreibung wurden an die neue Rechtschreibung angeglichen. Redaktionsschluss: April 2007 Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers - ISSN 0720-3381","VORWORT Die vielen Erscheinungsformen des internationalen Terrorismus bringen es mit sich, dass wir Tag f\u00fcr Tag mit einer F\u00fclle besorgniserregender Informationen konfrontiert werden. In gro\u00dfer Zahl erreichen uns neue Warnungen und Drohungen selbst ernannter Gotteskrieger oder Horrorbotschaften aus dem Internet. Umso wichtiger ist es, den \u00dcberblick zu behalten, Nachrichten richtig einzusch\u00e4tzen und eine verl\u00e4ssliche Grundlage f\u00fcr eine angemessene Antwort auf den internationalen Terrorismus zu schaffen. Im Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg arbeiten Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen - erfahrene Ermittler, Computerfachleute, Islamwissenschaftler, Historiker, Juristen und Politologen - zusammen, um gewissenhaft, mit Sachverstand und zuverl\u00e4ssig alle wichtigen Informationen zu einem aussagekr\u00e4ftigen Lagebild zusammenzuf\u00fcgen. Der Verfassungsschutzbericht fasst diese Informationen in anschaulicher Weise zusammen, ohne eine Bewertung der im Berichtszeitraum festgestellten extremistischen Bestrebungen und Spionageaktivit\u00e4ten zu vernachl\u00e4ssigen. Es entspricht dem Wesen unserer freiheitlichen Demokratie, dass diese Informationen nicht nur f\u00fcr die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung bestimmt sind. Vielmehr geht der Verfassungsschutz auch mit dem aktuellen Jahresbericht wieder auf alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu, die sich f\u00fcr die Demokratie und ihre Werte engagieren und zugleich terroristischen und extremistischen Bestrebungen entgegentreten wollen. Wer wissen will, wie der internationale Terrorismus unser Land ber\u00fchrt, wo und wie Verfassungsfeinde agieren oder wie man seinen Betrieb gegen Spionage sch\u00fctzen kann, der m\u00f6ge in dieses Buch schauen. \u00dcbersichtlich und pr\u00e4gnant werden darin die Entwicklungen des vergangenen Jahres geschildert.","Ich w\u00fcnsche uns, dass uns die Informationen des Verfassungsschutzberichts 2006 weiterhelfen, wenn es darum geht, f\u00fcr unsere Freiheit und unsere Demokratie einzustehen. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz danke ich f\u00fcr ihre engagierte und professionelle Arbeit. Ihr Einsatz f\u00fcr die uns verbindenden Werte und unsere Demokratie ist f\u00fcr das Gemeinwesen unverzichtbar. Heribert Rech MdL Innenminister des Landes Baden-W\u00fcrttemberg","","INHALTSVERZEICHNIS A. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG .................................12 1. Aufgaben des Verfassungsschutzes .........................................................12 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei....................................13 3. Methoden des Verfassungsschutzes........................................................13 4. Kontrolle..........................................................................................................14 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes....................................15 B. ISLAMISTISCHER EXTREMISMUS UND TERRORISMUS ...............................18 1. \u00dcberblick.........................................................................................................18 1.1 Aktuelle Situation, Tendenzen ................................................................18 1.2 Hintergr\u00fcnde, Begriffsbestimmungen ...................................................21 1.3 Das Personenpotenzial im Bereich des islamistischen Extremismus und Terrorismus ....................................23 2. Islamistischer Terrorismus (interner und globaler Djihadismus).24 2.1 \"Al-Qaida\", \"Ansar al-Islam\" und \"Ansar al-Sunna\" .........................24 2.2 Die Chronologie der Gewalt....................................................................31 2.3 Rolle des Internets.......................................................................................32 2.3.1 Islamistische Propaganda im Internet ...................................................32 2.3.2 Erstellung und Verbreitungswege islamistischer Internetpropaganda ..........................................................33 2.4 \"Al-Djamaa al-Islamiya\" und \"al-Djihad al-Islami\"............................35 2.5 \"Front Islamique du Salut\" (FIS), \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) und \"Groupe salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC).........................................37 3. Islamistischer Extremismus .......................................................................39 3.1 Salafitische Bestrebungen in Deutschland ..........................................39 3.2 Die \"Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger ...44 3.2.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD)..................48","3.2.2 \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya\" (HAMAS) .................................52 3.2.3 \"An-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\") .......................................54 3.3 \"Hizb ut-Tahrir\" (\"Partei der Befreiung\").............................................55 3.4 \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission\")................................59 3.5 Organisation aus dem schiitischen Bereich: \"Hizb Allah\" (\"Partei Gottes\") .................................................................61 3.6 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG)......................66 3.7 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"), fr\u00fcher \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V.\" (ICCB) .........................88 4. Weitere Informationen...............................................................................91 C. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN .......92 1. Allgemeiner \u00dcberblick ...............................................................................92 2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) beziehungsweise \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK), jetzt: \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL)......................94 3. T\u00fcrkische Vereinigungen ........................................................................104 3.1 Extrem nationalistische Organisationen.............................................104 3.1.1 \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" (AD\u00dcTDF)/ \"T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland\" (ATF) .....................................104 3.2 Linksextremisten.........................................................................................106 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C-Devrimci Sol) ..............................106 3.2.1.1 Entstehungsgeschichte..............................................................................106 3.2.1.2 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C)............107 3.2.2 \"Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/ Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML)/\"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) .........................................................111 4. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner.............................................................................114","5. Sikh-Organisationen ..................................................................................117 6. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE).....................................120 7. Iranische Gruppen .....................................................................................122 8. Weitere Informationen ............................................................................125 D. RECHTSEXTREMISMUS ..................................................................................126 1. Aktuelle Entwicklung und Tendenzen ..............................................126 1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale ..............127 1.2 Strafund Gewalttaten .............................................................................128 1.3 Ideologie........................................................................................................129 2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus.....................................................131 2.1 H\u00e4ufigkeit und Hintergr\u00fcnde rechtsextremistisch motivierter Gewalt ..............................................131 2.2 Die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene: Ein Boom schw\u00e4cht sich ab? ..................................................................132 3. Rechtsextremistische Musikszene ........................................................138 3.1 \"Schulhof-CDs\" als rechtsextremistische Rekrutierungsmittel und Wahlkampfmedien ...................................140 3.1.1 Das urspr\u00fcngliche \"Projekt Schulhof\".................................................141 3.1.2 \"Schulhof-CDs\" der NPD........................................................................142 3.1.3 CD-Projekte der DVU..............................................................................144 4. Neonazismus................................................................................................145 4.1 Allgemeines ..................................................................................................145 4.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten..........................................................................147 4.2.1 Rudolf He\u00df: Zentrale Symbolund Integrationsfigur der Neonaziszene .......................................................................................147 4.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG)....................................................150","4.3 Verst\u00e4rkte Demonstrationst\u00e4tigkeit als Agitationsschwerpunkt der Neonaziszene ..................................150 5. Rechtsextremistische Parteien...............................................................158 5.1 Parteien mit rechtsextremistischer Zielsetzung ...............................158 5.1.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) .................158 5.1.2 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) .............................................................170 5.2 Parteien mit Anhaltspunkten f\u00fcr eine rechtsextremistische Zielsetzung ..........................................................172 5.2.1 \"Die Republikaner\" (REP) ......................................................................172 6. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten ........................................173 6.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"Hohenrain-Verlag\"...173 6.2 \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V.\" (GFP)................................175 7. Aktionsfeld Geschichtsrevisionismus: Ein Beispiel f\u00fcr die internationale Dimension des Rechtsextremismus .......................176 8. Theorieund Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus....................................................................................179 9. Aktionsfelder ...............................................................................................182 9.1 Rechtsextremistische Positionen zur Patriotismusdebatte anl\u00e4sslich der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft............................................183 9.2 Der \"Kampf der Kulturen\" aus rechtsextremistischer Sicht.......188 10. Weitere Informationen ............................................................................197 E. LINKSEXTREMISMUS ......................................................................................198 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen ..........................................198 2. \u00dcbersicht in Zahlen ..................................................................................200 2.1 Personenpotenzial......................................................................................200 2.2 Strafund Gewalttaten .............................................................................201","3. Gewaltbereiter Linksextremismus........................................................202 4. Parteien und Organisationen .................................................................204 4.1 \"Linkspartei.PDS\".......................................................................................204 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) .....................................207 4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) ..210 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD)...........213 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH)..............................................................................226 4.6 Sonstige Vereinigungen ............................................................................217 5. Aktionsfelder ...............................................................................................218 5.1 \"Antifaschismus\" .........................................................................................218 5.2 \"Repression\".................................................................................................220 5.3 Antiglobalisierung ......................................................................................221 5.4 \"Sozialabbau\" ...............................................................................................224 5.5 Nahost-Konflikt..........................................................................................225 5.6 \"Autonome Zentren\"................................................................................227 6. Weitere Informationen ............................................................................229 F. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO).......................................................230 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................230 2. Programmatik und Erscheinungsbild ..................................................231 3. Organisation und Mitgliederbestand...................................................232 4. Mitgliederwerbung.....................................................................................234 5. Repressive Ma\u00dfnahmen zur Geldbeschaffung.................................236 6. Die \"Scientology Kirche\" und der SO-Wirtschaftsverband \"WISE\"....................................................239 7. Hilfsund Unterorganisationen ............................................................241","8. Propaganda und Diffamierungskampagnen ......................................244 8.1 Reaktion auf den \"Karikaturenstreit\"..................................................245 8.2 Mitgliederorientierte Propaganda.........................................................245 8.3 \"Europ\u00e4ischer Expansionsgipfel\" in Br\u00fcssel .....................................247 9. Vertrauliches Telefon/Weitere Infomationen..................................248 G. SPIONAGEABWEHR, GEHEIMUND SABOTAGESCHUTZ ........................250 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................251 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde.................................................................251 2.1 Proliferation..................................................................................................251 2.1.1 Iran ..................................................................................................................252 2.1.2 Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea)........................254 2.2 Wirtschafts-/Wissenschaftsspionage.....................................................255 2.2.1 Volksrepublik China..................................................................................256 2.2.2 Russische F\u00f6deration ................................................................................259 3. Pr\u00e4vention.....................................................................................................260 3.1 Geheimund Sabotageschutz ................................................................261 3.2 Beratung und Aufkl\u00e4rung von Wirtschaft und Wissenschaft.....261 3.3 Sicherheitsdefizite bei mobilen Ger\u00e4ten und Anwendungen....262 3.4 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen........................................................266 4. Erreichbarkeit der Spionageabwehr/Weitere Informationen .....266 ANHANG ..........................................................................................................................268 Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz in Baden-W\u00fcrttemberg (Landesverfassungsschutzgesetz - LVSG) vom 5. Dezember 2005 ...........................................................................268 Gruppen-, Organisationsund Sachregister......................................282 Personenverzeichnis .................................................................................291","A. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es, verfassungsfeindliche und sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen zu beobachten und die politisch Verantwortlichen, die zust\u00e4ndigen Stellen, aber auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger unseres Landes \u00fcber Entwicklungen und drohende Gefahren zu unterrichten. Der Verfassungsschutz versteht sich deshalb als \"Fr\u00fchwarnsystem\" der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Struktur Der Bund und die 16 L\u00e4nder unterhalten eigene Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Die gr\u00f6\u00dfte, weil mit vielerlei Zentralfunktionen ausgestattete Beh\u00f6rde, ist das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mit Sitz in K\u00f6ln. Dem f\u00f6derativen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland entsprechend arbeiten alle 17 Beh\u00f6rden eng zusammen. Das baden-w\u00fcrttembergische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat seinen Sitz in Stuttgart. Es gliedert sich derzeit in sechs Abteilungen. Haushalt Die Personalstellen und Finanzmittel f\u00fcr Personalund Sachausgaben sind im Haushaltsplan des Landes ausgewiesen. Danach waren dem Amt f\u00fcr das Jahr 2006 insgesamt 323 Stellen f\u00fcr Beamte, Angestellte und Arbeiter zugewiesen (2005: 326). F\u00fcr Personalausgaben standen etwa 12,7 Millionen Euro (2005: 12,7 Millionen Euro), f\u00fcr Sachausgaben rund 2,3 Millionen Euro (2005: 2,3 Millionen Euro) zur Verf\u00fcgung. 1. Aufgaben des Verfassungsschutzes Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sammelt unter anderem Informationen \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen, sobald tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass diese die freiheitliche demokratische Grundordnung, den Bestand oder auch die Sicherheit der Bundesrepublik 12","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Deutschland gef\u00e4hrden. Als derartige Bestrebungen sind Verhaltensweisen von Personen oder Organisationen zu verstehen, deren Ziel es ist, die obersten Werte und Prinzipien des Grundgesetzes au\u00dfer Kraft zu setzen. Der Verfassungsschutz ist aber beispielsweise auch gefordert, wenn islamistische, linksoder rechtsextremistische Ausl\u00e4nderorganisationen ihr Heimatland beziehungsweise dessen Regierung von deutschem Boden aus mit Gewalt bek\u00e4mpfen und dadurch Deutschland in au\u00dfenpolitische Konflikte bringen k\u00f6nnten oder sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Zu den weiteren Aufgaben des Verfassungsschutzes z\u00e4hlt die Spionageabwehr. Sie ist darauf gerichtet, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht aufzusp\u00fcren und zu analysieren. Schlie\u00dflich hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz umfangreiche Aufgaben beim personellen und materiellen Geheimschutz. Beispielsweise wirkt der Verfassungsschutz bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern mit, \u00fcberpr\u00fcft Geheimnistr\u00e4ger und andere Personen, die in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tig werden wollen, und unterst\u00fctzt beratend Beh\u00f6rden sowie Unternehmen bei der Einrichtung technischer Vorkehrungen zum Schutz von geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Informationen. 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei Die Arbeit einer Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterscheidet sich wesentlich von der einer Polizeibeh\u00f6rde. Der Verfassungsschutz hat keine polizeilichen Befugnisse. Mitarbeiter des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz d\u00fcrfen also keine polizeilichen keinerlei Zwangsma\u00dfnahmen wie etwa Vorladungen, Durchsuchungen, Befugnisse Beschlagnahmen oder Festnahmen durchf\u00fchren. Erscheint aufgrund von Informationen, die dem Verfassungsschutz vorliegen, ein polizeiliches Eingreifen erforderlich, so wird die zust\u00e4ndige Polizeidienststelle unterrichtet. Diese entscheidet dann selbstst\u00e4ndig, ob und welche Ma\u00dfnahmen zu treffen sind. Im Gegensatz zur Polizei ist der Verfassungsschutz nicht dem Legalit\u00e4tsprinzip unterworfen und muss daher keine Strafverfolgungsma\u00dfnahmen einleiten, wenn er Kenntnis von einer Straftat erlangt. 3. Methoden des Verfassungsschutzes Einen Gro\u00dfteil der Informationen erlangt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf offenem Weg. Allerdings d\u00fcrfen Informationen auch verdeckt beschafft und die daf\u00fcr im Landesverfassungsschutzgesetz (LVSG) genannten nachrichtendienstlichen Hilfsmittel angewendet werden. Gerade letzte13","re Erkenntnisse sind hochwertig und erst diese erm\u00f6glichen eine fundierte, genaue und verl\u00e4ssliche Analyse der Gef\u00e4hrdungslage. Dar\u00fcber hinaus darf der Verfassungsschutz im Einzelfall unter engen, gesetzlich normierten Voraussetzungen den Brief-, Postund Fernmeldeverkehr \u00fcberwachen. Alle diese M\u00f6glichkeiten stehen jedoch laut LVSG unter Grundsatz der dem Vorbehalt des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, das hei\u00dft, von Verh\u00e4ltnismehreren geeigneten Ma\u00dfnahmen zur Nachrichtengewinnung ist diejenige m\u00e4\u00dfigkeit auszuw\u00e4hlen, die den Betroffenen voraussichtlich am wenigsten beeintr\u00e4chtigt. Aufgabe der mit der Auswertung befassten Mitarbeiter ist es dann, den Aussagewert und die Bedeutung der beschafften Informationen zu analysieren und Lagebilder sowie Trendaussagen zu erstellen. Methoden der Erkenntnisgewinnung BESCHAFFUNG OFFENE BESCHAFFUNG VERDECKTE 4. Kontrolle Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterliegt einer vielschichtigen rechtsstaatlichen Kontrolle. Im Zentrum stehen innerbeh\u00f6rdliche Ma\u00dfnahmen wie zum Beispiel Kontrollen durch den internen Datenschutzbeaufvielschichtige tragten. Daneben stellen die Rechtsund Fachaufsicht durch das InnenmiKontrolle nisterium sowie externe Kontrollen des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz oder des Rechnungshofs sicher, dass der gesetzlich vorgegebene Rahmen nicht \u00fcberschritten wird. Die parlamentarische Kontrolle ist nach SS 15 14","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg LVSG Aufgabe des St\u00e4ndigen Ausschusses des Landtags von Baden-W\u00fcrttemberg, dem Mitglieder aller Fraktionen angeh\u00f6ren. Postund Telekommunikations\u00fcberwachungsma\u00dfnahmen nach dem Artikel 10-Gesetz unterliegen der Kontrolle der G 10-Kommission und des G 10-Gremiums. 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes Der Schutz unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung kann dauerhaft nur durch eine auf allen gesellschaftlichen Ebenen gef\u00fchrte geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Extremismus gesichert werden. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz leistet dabei einen wesentlichen Beitrag, indem es neben der Regierung und dem Parlament vor allem auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Absichten verfassungsfeindlicher Parteien und Organisationen regelm\u00e4\u00dfig informiert. Eine ganze PaletInformationste von Informationsm\u00f6glichkeiten steht dabei zur Auswahl. So k\u00f6nnen zahlangebote reiche Brosch\u00fcren zu den verschiedensten Themen des Verfassungsschutzes angefordert oder im Internet abgerufen werden. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz stellt auch Referenten f\u00fcr Vortragsund Diskussionsveranstaltungen zu Themen des Verfassungsschutzes zur Verf\u00fcgung und beantwortet Anfragen von Medienvertretern so umfassend wie m\u00f6glich. Im Jahre 2006 haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Baden-W\u00fcrttemberg 133 Vortr\u00e4ge (2005: 113) gehalten. Daneben gab es zahlreiche Anfragen von Medienvertretern. Etwa 12.000 Verfas15","sungsschutzberichte 2005 und 9.700 Brosch\u00fcren wurden auf Anforderung verteilt. Auch im Internet pr\u00e4sentiert sich der Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg unter www.verfassungsschutz-bw.de mit einer eigenen Homepage. Dort sind die aktuellen Verfassungsschutzberichte sowie grundlegende Informationen \u00fcber Hintergr\u00fcnde und Zusammenh\u00e4nge des Extremismus, der Spionageabwehr und der Scientology-Organisation abrufbar. Kontaktanschriften f\u00fcr Informationen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Baden-W\u00fcrttemberg \"\u00d6ffentlichkeitsarbeit\" Referat \"Verfassungsschutz\" Postfach 500 700 Postfach 10 24 43 70337 Stuttgart 70020 Stuttgart Tel.: 0711/9544-181/182 Tel.: 0711/231-3501 Fax: 0711/9544-444 Fax: 0711/231-3599 16","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Internet: http://www.verfassungsschutz-bw.de E-Mail: info@verfassungsschutz-bw.de Vertrauliche Telefone zur Scientology-Organisation: 0711/95 61 994 zur Wirtschaftsspionage: 0711/95 47 626 \"Islamistische Extremisten\": 0711/95 61 984 (deutsch/englisch) 0711/95 44 320 (t\u00fcrkisch) 0711/95 44 399 (arabisch) 17","B. ISLAMISTISCHER EXTREMISMUS UND TERRORISMUS 1. \u00dcberblick 1.1 Aktuelle Situation, Tendenzen Spannungen im Vor allem im Nahen und Mittleren Osten haben Krisen und Kriege im Jahr Nahen Osten mit 2006 an Intensit\u00e4t zugenommen. So beschrieb der scheidende UN-GeneFolgen f\u00fcr Europa ralsekret\u00e4r Kofi Annan in einem am 4. Dezember 2006 ausgestrahlten Interview der BBC die Situation im Irak mit drastischen Worten: \"Als wir vor einigen Jahren die K\u00e4mpfe im Libanon und anderswo hatten, nannten wir das einen B\u00fcrgerkrieg. Dies ist viel schlimmer.\" Im Libanon selbst eskalierte die Situation im November und Dezember 2006 so sehr, dass Annan in seiner letzten offiziellen Rede vor einer Explosion der Gewalt warnte. Die Spannungen seien \"nahe der Zerrei\u00dfgrenze\". In den von Israel besetzten Gebieten drohte die HAMAS mit einer dritten Intifada, und in Afghanistan sprachen Milit\u00e4rexperten nach dem Wiedererstarken der Taliban-Kr\u00e4fte von einem Wendepunkt. In Europa blieben diese Entwicklungen nicht ohne Folgen. Im Libanonkrieg, der vom 12. Juli bis zum Waffenstillstand am 14. August 2006 dauerte, wurden Bilder von meist bei Bombenangriffen der Israelis get\u00f6teten Libanesen, besonders wenn es sich dabei um Kinder handelte, in der arabischen Welt medial ausgeschlachtet. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg wurden Fotos von Zivilopfern zu Propagandaund Mobilisierungszwecken genutzt. Ein weiteres Indiz f\u00fcr die Befindlichkeiten in bestimmten islamistischen Kreisen waren die Vehemenz und Aggressivit\u00e4t, die im Februar 2006 rund um den so genannten Karikaturenstreit sichtbar wurden. In diesem Monat protestierten Hunderttausende in der gesamten islamischen Welt von Marokko bis Indonesien. Es kam zu Gewaltausbr\u00fcchen, bei denen \u00fcber 100 Menschen starben und mehrere Hundert verletzt wurden. Zu einem erheblichen Teil fachten Islamgelehrte, Politiker und Freitagsprediger in der ganzen islamischen Welt die Stimmung zus\u00e4tzlich an, indem sie, gest\u00fctzt auf die unterschiedlichen arabischen Medien, so weit gingen, einen \"Tag des Zorns\" auszurufen, Kopfgelder auf die d\u00e4nischen Karikaturisten auszuloben und zum Kampf gegen den \"verderbten Westen\" aufzurufen. In Iran initiierte eine Tageszeitung einen Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb, und im 18","Islamismus Dezember 2006 fand eine Holocaustkonferenz in Teheran statt, die den Leugnern der Massenvernichtung von Juden w\u00e4hrend des Nationalsozialismus ein Forum bot und weltweit Aufmerksamkeit erregte. Damit wollte man den Westen vorf\u00fchren, der mit zweierlei Ma\u00df messe. Wenn jemand den Islam beleidige, so die Argumentation, sei dies von der Meinungsfreiheit gedeckt. W\u00fcrde man aber Israel oder die Juden kritisieren, dann w\u00e4re dies nicht nur nicht erw\u00fcnscht, sondern auch noch strafbar. Der Karikaturenstreit hatte aber auch in Deutschland schwerwiegende Folgen. Zwei junge Libanesen, die sich schon einige Zeit zum Studium in Deutschland aufhielten, verbrachten Ende Juli 2006 im Hauptbahnhof K\u00f6ln zwei selbstgebaute Kofferbomben in Regionalz\u00fcge, die jedoch nicht z\u00fcndeten. Ihre Absicht war es, so viele Bahnreisende wie m\u00f6glich zu t\u00f6ten. Als Grund wurde genannt, dass sie sich an den Deutschen f\u00fcr den Abdruck der Muhammad-Karikaturen in deutschen Zeitungen r\u00e4chen wollten. Wenn man die Gef\u00fchlslage und Motivation Einzelner, die sich am Djihad interessiert zeigen, ergr\u00fcnden m\u00f6chte, dann spielt der in j\u00fcngster Zeit immer h\u00e4ufiger verwendete Begriff \"al-Ghurabaa\" (\"Die Fremden\") eine erhebliche Rolle. In islamistischen Kreisen bezeichnen sich besonders aktive Mitglieder selbst als \"Fremde\". Sie verstehen sich als Speerspitze einer Bewegung, als Avantgarde, die ein erhabener Idealismus und ein pers\u00f6nlich stark ausgepr\u00e4gtes Gerechtigkeitsempfinden auszeichnet. In einschl\u00e4gigen Internetforen f\u00fchrte man die Bezeichnung auf einen Ausspruch des Propheten zur\u00fcck: \"Der Islam begann als etwas Fremdes und wird als etwas Fremdes wiederkommen. Das Paradies ist f\u00fcr die Fremden.\" 1 Die Bez\u00fcge zu djihadistischen Vorstellungen wurden auch dadurch deutlich, dass man einen der wichtigen islamistischen Vordenker, Sayyid QUTB, mit einem Ausspruch zitierte: \"Obwohl in Ketten, mein Bruder, sei frei. Obwohl vor den Gerichtsschranken, mein Bruder, sei frei.\" 2 1 Internetauswertung vom 9. Oktober 2006. 2 Internetauswertung vom 25. September 2006. 19","salafitische und Die Idee des \"Fremdseins\" kursierte auch in deutschsprachigen salafitidjihadistische schen3 Foren: Propaganda in deutscher Sprache \"Unser h\u00f6chstes Ziel, Allah (...) zufrieden zu stellen und das Paradies zu betreten (...) kann nur erf\u00fcllt werden, wenn wir das B\u00f6se verbieten und standhaft auf dem rechten Weg sind, gerade in einer Zeit in der die Leute komplett verdorben sind. (...) Sie (die Fremden) sind diejenigen die sich steigern (in ihrem Imaan) [Glauben], wenn sich die Leute verringern (in ihrem Imaan).\" 4 Ein bekanntes arabisches Lied wurde daher auch in deutscher \u00dcbersetzung in entsprechenden Foren, die sich selbst als \"Salafiya Djihadiya\" bezeichnen, gepriesen und weiterverbreitet. Einige Verse machen sehr deutlich, was hinter dem Lebensmotto \"Ghurabaa beugen ihre H\u00e4upter vor niemandem au\u00dfer Allah\" zu verstehen ist: \"Uns bek\u00fcmmern nie die Ketten, sondern wir werden immer weiter machen So lasst uns Jihaad und Schlachten bestreiten und von neuem k\u00e4mpfen Ghurabaa, so sind sie frei in der versklavten Welt (...).\" Diese Vorstellungen scheinen auch bei einer militanten Gruppe \"Ghurabaa\" in Gro\u00dfbritannien verbreitet. Die Gruppe, eine Abspaltung der \"Hizb ut-Tahrir\", wurde am 17. Juli 2006 auf Grund der britischen Anti-Terror-Gesetze verboten. Die Bedeutung von QUTB wurde im Jahr 2006 dadurch erneut deutlich, dass eines seiner bekanntesten B\u00fccher \"Zeichen auf dem Weg\" in einer deutschen \u00dcbersetzung im Internet zum Download angeboten wurde. Als man dieses Buch im Mai anbot, wurde bereits am Titelbild erkennbar, wie der Inhalt zu verstehen sei. Als solches wurde das Emblem des Zusammenschlusses verschiedener DjihadGruppen gew\u00e4hlt, der im Januar 2006 unter F\u00fchrung von \"al-Qaida im Zweistromland\" unter Abu Musab az-ZARQAWI gegr\u00fcndet wurde. Der Herausgeber und \u00dcbersetzer des Buches Muhammad RASSOUL w\u00e4hlte als Leitspruch ein Zitat QUTBs: 3 Vgl. Kapitel 3.1, S. 39ff. 4 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 30. Oktober 2006; \u00dcbernahme wie im Original. 20","Islamismus \"Der Islam ist keine Theorie, die sich mit Hypothesen und Annahmen besch\u00e4ftigt; vielmehr ist er ein 'Weg des Lebens', der sich mit der Wirklichkeit befasst.\" 5 Dass dieses bekannteste Standardwerk islamistischer Manifeste in deutscher Sprache verbreitet wird und auf dem Titel das Emblem einer djihadistischen Gruppe prangt, unterstreicht die Bedeutung dieser Schrift, die im Islam eine Befreiungserkl\u00e4rung des Menschen erkennt und damit aktiv zum Kampf gegen die als ungerecht empfundenen Zust\u00e4nde aufruft. 1.2 Hintergr\u00fcnde, Begriffsbestimmungen Wie die Religion des Islam selbst, so ist auch der Islamismus ein zutiefst heterogenes Ph\u00e4nomen, das zwar Elemente und Ziele aufweist, die allen islamistischen Str\u00f6mungen gemeinsam sind, jedoch nicht notwendigerweise gewaltsame Formen annehmen muss. Gemeinsam sind ihnen allen der universelle und unteilbare Geltungsanspruch, der R\u00fcckgriff auf als authentisch betrachtete Quellen sowie die Vision eines vergangenen Idealzustands, der sich ma\u00dfgeblich an der \u00fcberlieferten Glaubenspraxis des Propheten Muhammad und der fr\u00fchen Muslime orientiert. Ihren Ursprung haben die meisten islamistischen Bewegungen in Gebieten und Regionen der islamischen Welt, in denen sie eine Protestbewegung vor allem gegen den Einfluss von westlichen Werteund Ordnungsvorstellungen darstellen. Armut in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung, einhergehend mit einem rapiden Bev\u00f6lkerungswachstum, f\u00fchrt zu Perspektivlosigkeit. Die daraus resultierende Unzufriedenheit bildet einen geeigneten N\u00e4hrboden, auf dem islamistische Ideen gut gedeihen und immer mehr Anh\u00e4nger verbucht werden k\u00f6nnen. Zunehmend sehen Muslime die L\u00f6sung f\u00fcr ihre sozialen und politischen Probleme in einer R\u00fcckbesinnung auf eigene Werte und Traditionen. Die Religion des Islam wird als ein sozio-politisches System verstanden, das in ahistorischer Weise ein f\u00fcr alle Zeiten g\u00fcltiges Repertoire an Vorschriften und Bestimmungen enth\u00e4lt, durch deren Einhaltung nach Meinung von Islamisten soziale Gerechtigkeit und Frieden auf der Welt herbeigef\u00fchrt werden kann. Die Religion des Islam wird somit zu einer politischen Ideologie erhoben. Aufgrund ihres Anspruchs, f\u00fcr die ganze MenschAbsolutheitsanheit g\u00fcltig zu sein, ger\u00e4t sie notgedrungen mit abweichenden Ordnungsspruch des und Wertevorstellungen in Konflikt. Fand dieser Prozess in der VergangenIslamismus heit \u00fcberwiegend in islamischen L\u00e4ndern statt, so f\u00fchlen sich inzwischen 5 Seite 305ff. 21","auch vor allem jugendliche Muslime in westlichen L\u00e4ndern von islamistischem Gedankengut angesprochen. Hierbei spielt auch die Stationierung westlicher, vor allem US-amerikanischer Soldaten in Afghanistan und im Irak eine Rolle. Um trotz dieser Gemeinsamkeiten der Komplexit\u00e4t aktueller islamistischer Tendenzen, die durchaus miteinander im Widerstreit liegen, gerecht zu werden und um deren unterschiedliche Methodik zur Implementierung und Durchsetzung ihrer Ziele auf einen gemeinsamen Nenner bringen zu k\u00f6nnen, wird der Begriff \"Islamismus\" im weitesten Sinne definiert als \"die aktive Bef\u00fcrwortung und Durchsetzung von Glaubensinhalten, Vorschriften, Gesetzen oder Politikinhalten, die als islamisch betrachtet werden\".6 Aufgrund der Tatsache, dass Islamisten unterschiedlich organisiert sind und bei der Umsetzung ihrer Ziele verschiedene Ans\u00e4tze verfolgen, lassen sich auch unterschiedliche Formen des Islamismus konstatieren. Es gibt islamistische Gruppierungen wie beispielsweise die \"Muslimbruderschaft\" (MB), deren Priorit\u00e4t im Bereich des politischen Aktivismus liegt. Ihr Hauptziel ist die Erlangung der politischen Macht, wobei sie sich als politische Parteien konstituieren und der Gewalt als Mittel der Politik \u00f6ffentlich abschw\u00f6ren. Sie bewegen sich dabei im vorgegebenen verfassungsrechtlichen Rahmen des jeweiligen politischen Systems, wobei das Aktionsfeld solcher Organisationen in der Regel auf die nationalstaatliche Ebene beschr\u00e4nkt bleibt Islamismus als (Politischer Islamismus). heterogenes Ph\u00e4nomen Des Weiteren gibt es eine Erscheinungsform des Islamismus, dessen zentrales T\u00e4tigkeitsfeld die Konvertierung durch Mission (Da'wa) sowohl Andersgl\u00e4ubiger (Christen, Juden, Atheisten), als auch s\u00e4kular orientierter Muslime zu einem als authentisch betrachteten Islam ist (Missionarischer Islamismus). Die Ergreifung der politischen Macht ist dabei nicht das prim\u00e4re Ziel. Vielmehr geht es um den Erhalt der muslimischen Identit\u00e4t und um die Verbreitung des islamischen Glaubens, wobei in einem dualistischen Weltbild, das zwischen gut (islamisch) und schlecht (unislamisch) unterscheidet, dem so genannten Unglauben (Kufr) eine als h\u00f6herwertig betrachtete islamische moralische Ordnung gegen\u00fcbergestellt wird. Die hoch strukturierte \"Tablighi\"-Bewegung l\u00e4sst sich beispielsweise diesem Islamismustyp zuordnen. 6 Diese Definition ebenso wie die nachfolgende Kategorisierung der unterschiedlichen Formen des Islamismus erfolgen in weiten Teilen in Anlehnung an die International Crisis Group, vgl. International Crisis Group, Understanding Islamism, Middle East/North Africa Report Ndeg37, 2 March 2005. 22","Islamismus Organisationen eines dritten Typs des Islamismus schlie\u00dflich betrachten den bewaffneten Kampf (Djihad) als die einzige M\u00f6glichkeit, islamistische Ziele in die Tat umzusetzen (Djihadistischer Islamismus). Der Kampf wird zum einen gegen die Herrscher und Regierungen der islamischen Welt gef\u00fchrt, die als \"ungl\u00e4ubig\" und \"apostatisch\" (vom Glauben abgefallen) betrachtet werden, da nach Ansicht der Djihadisten diese Regierungen als \"Handlanger\" des Westens gegen die Bestimmungen des Islam und gegen die Interessen der Muslime fungieren. Der Kampf wird gegen die jeweiligen Nationalstaaten gef\u00fchrt, die durch einen transnational \u00fcbergreifenden islamischen Gottesstaat ersetzt werden sollen, in dem ausschlie\u00dflich das islamische Gesetz (Scharia) Anwendung findet (Interner Djihadismus). Die \"Islamische Bewaffnete Gruppe\" in Algerien ist ein klassischer Vertreter dieser Form des Islamismus. Zum anderen wird ein weltweiter Kampf gegen den Westen und seine Verb\u00fcndeten gef\u00fchrt, insbesondere gegen die USA und Israel. Terroristische Organisationen und Netzwerke wie \"al-Qaida\" erkl\u00e4ren bei dieser Form des Islamismus oppositionelle und anders denkende Muslime zu \"Ungl\u00e4ubigen\" (Takfir) und machen sie somit gem\u00e4\u00df ihrer Interpretation des Islam zu legitimen Zielen, die mit Mitteln des Djihad bek\u00e4mpft werden d\u00fcrfen (Globaler Djihadismus). In einigen F\u00e4llen ist der bewaffnete Kampf regional beschr\u00e4nkt und zielt im Wesentlichen darauf ab, Gebiete, die als dem islamischen Kulturkreis zugeh\u00f6rig betrachtet werden, von \"nicht islamischer\" Herrschaft zu befreien, so dass diese wieder \"islamisch\" regiert werden (Irredentistischer Djihadismus). Derartige Tendenzen lassen sich bei islamistischen Gruppierungen in Pal\u00e4stina (HAMAS, \"al-Djihad al-Islami\"), Kaschmir (\"Laschkar-e Taiba\", \"Hizb-ul-Mudschahedin\") und auch in Tschetschenien beobachten. 1.3 Das Personenpotenzial im Bereich des islamistischen Extremismus und Terrorismus Aus der gro\u00dfen Zahl der Muslime von beinahe 3,5 Millionen, die in Deutschland leben, engagiert sich eine zum Teil lautstarke Minderheit in extremistischen Gruppierungen, die islamistischen Ideen anh\u00e4ngen. Von diesen wiederum kann nur ein sehr geringer Bruchteil dem gewaltbereiten Spektrum zugeordnet werden. Die Zahl der tats\u00e4chlich gewaltbereiten, in terroristischen Gruppen eingebundenen Personen l\u00e4sst sich aber nicht eindeutig ermitteln. So fallen etwa Einzelt\u00e4ter ohne strukturelle Anbindung aus einem an Organisationen ausgerichteten Raster.7 7 Da eine Differenzierung der Strafund Gewalttatenzahlen nach islamistischen beziehungsweise sonstigen ausl\u00e4nderextremistischen Taten nicht m\u00f6glich ist, wurde die Grafik mit den Gesamtzahlen der ausl\u00e4nderextremistischen Strafund Gewalttaten lediglich im Kapitel \"Sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern\" abgedruckt, vgl. S. 93. 23","Das Personenpotenzial jener islamistischen extremistischen Gruppierungen, die ihre Ziele ohne direkte Gewaltanwendung verfolgen, kann nach regionaler Herkunft der Personen gewichtet werden. Dabei ist zu beachten, dass diese Zahlen den manifesten Teil der Mitglieder umfassen. Diese Zahlenangaben beinhalten Sch\u00e4tzungen, sind gerundet und k\u00f6nnen nur einer groben Orientierung dienen, da das Potenzial an Sympathisanten und Anh\u00e4ngern etwa bei Demonstrationen erheblich h\u00f6her sein kann. Die Zahl derjenigen, die tats\u00e4chlich mit extremistischem Gedankengut sympathisieren oder diesem zustimmen, spiegelt sich nur zum geringsten Teil in den hier erhobenen Zahlen. Das islamistische Gesamtpotenzial in Baden-W\u00fcrttemberg liegt unver\u00e4ndert wie im Vorjahr bei 4.380 Personen.8 Mit t\u00fcrkischem Ursprung blieb auch 2006 die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) mit 3.600 Mitgliedern in Baden-W\u00fcrttemberg die mitgliederst\u00e4rkste extremistische Organisation im islamistischen Spektrum. Der verbotene \"Kalifatsstaat\" (ICCB) verf\u00fcgt auch nach dem Verbot \u00fcber 300 Anh\u00e4nger in BadenW\u00fcrttemberg. In Organisationen, die ihre Wurzeln in arabischen Staaten (wie etwa \u00c4gypten, Pal\u00e4stina, Libanon, Algerien oder dem Irak) haben, engagierten sich 2006 circa 430 Mitglieder in Baden-W\u00fcrttemberg. Hier sind die wichtigsten Gruppierungen die \"Muslimbruderschaft\" (MB) mit 180 Mitgliedern und die libanesische \"Hizb Allah\", die von circa 85 Mitgliedern unterst\u00fctzt wurde. Im Bereich der weiteren Herkunftsl\u00e4nder werden Gruppierungen beobachtet, die etwa Bez\u00fcge nach Bosnien-Herzegowina, nach Iran, Tschetschenien, Indonesien, Pakistan oder weitere islamisch gepr\u00e4gte L\u00e4nder aufweisen. 2. Islamistischer Terrorismus (interner und globaler Djihadismus) 2.1 \"Al-Qaida\", \"Ansar al-Islam\" und \"Ansar al-Sunna\" bewaffneter Im Irak konnten sich nach dem Sturz des Saddam-Regimes mehrere natioKampf im Irak nal und auch transnational agierende Gruppierungen etablieren, die es sich zum Ziel gesetzt haben, durch den bewaffneten Kampf \"dem Islam\" in Form der Implementierung des islamischen Gesetzes wieder Geltung zu verschaffen. Djihadisten sehen es hierbei als ihre zentrale Aufgabe an, die politischen Hindernisse f\u00fcr die Einf\u00fchrung des \"g\u00f6ttlichen Gesetzes\" zu beseitigen und die politische Macht an sich zu rei\u00dfen. 8 Eine Gesamt\u00fcbersicht \u00fcber die Anh\u00e4nger extremistischer Ausl\u00e4nderorganisationen ist im Kapitel \"Sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen von Ausl\u00e4ndern\" abgedruckt, vgl. S. 92. 24","Islamismus Als herausragender Akteur des Djihadismus hatte sich seit 2004 die Gruppierung um az-ZARQAWI im Irak etabliert. Zun\u00e4chst unter der Bezeichnung \"alTawhid wa al-Djihad\" (\"Monotheismus und Djihad\") bekannt, \u00e4nderte sie ihren Namen nach dem Anschluss an die Kern-\"al-Qaida\" um Usama BIN LADIN und Ayman az-ZAWAHIRI in \"Tanzim Qaidat al-Djihad fi Bilad al-Rafidain\" (\"al-Qaida im Zweistromland\"). Im Januar 2006 schlie\u00dflich war dann der \"Schurarat der Mudjahedin\" entstanden, der im Grunde die Nachfolgeorganisation der \"al-Qaida im Zweistromland\" darstellte. Diese Umbenennung war wohl aus Imagegr\u00fcnden erfolgt, da die damalige brutale Vorgehensweise ihres Anf\u00fchrers az-ZARQAWI selbst in djihadistischen Kreisen umstritten war. Unter ihrem neuen Namen \"Schurarat der Mudjahedin\" hat sich die \"al-Qaida\" mit einigen kleineren irakischen Widerstandsgruppen verb\u00fcndet, um ihrem Kampf vor allem unter der irakischen Bev\u00f6lkerung eine gr\u00f6\u00dfere Legitimit\u00e4t zu verleihen. Im Juni 2006 gelang den Sicherheitskr\u00e4ften im Irak ein entscheidender Schlag gegen Aktivisten des \"Schurarates der Mudjahedin\", bei dem az-ZARQAWI get\u00f6tet wurde. Dies schw\u00e4chte jedoch die Organisation nicht. Vielmehr kehrte der \"Schurarat der Mudjahedin\" unter seinem neuen Anf\u00fchrer Abu Hamza al-MUHAJIR zur alten Strategie der brutalen Gewalt zur\u00fcck, um nach dem Tod az-ZARQAWIS seine weitere Handlungsf\u00e4higkeit unter Beweis zu stellen. Die brutale Geiselnahme und anschlie\u00dfende Hinrichtung barbarische Hinrichtung russischer Diplomaten im Irak legt Zeugnis davon von Geiseln ab. Auch die schon von az-ZARQAWI ab dem Jahre 2005 vorangetriebene Konfessionalisierung des bewaffneten Konflikts wurde 2006 weiter forciert, so dass offensichtlich beabsichtigt wurde, einen B\u00fcrgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten heraufzubeschw\u00f6ren. Dies hatte zur Folge, dass auch verst\u00e4rkt terroristische Aktionen in sunnitisch-schiitischen Mischgebieten ver\u00fcbt wurden. W\u00e4hrend des israelisch-libanesischen Krieges Mitte 2006 und der damit einhergehenden ideologischen Aufwertung der schiitischen \"Hizb Allah\" haben sich diese Tendenzen noch intensiviert. Einen H\u00f6hepunkt erreichten diese b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nde im November, als in einem schiitischen Viertel mehr als 200 Personen get\u00f6tet wurden. Im Zuge dieser sich 25","versch\u00e4rfenden interreligi\u00f6sen Konflikte destabilisierte sich die Lage im Irak immer weiter, so dass sogar einige westliche Beobachter Bef\u00fcrchtungen \u00e4u\u00dferten, die staatliche Einheit des Irak k\u00f6nne zerbrechen. Dar\u00fcber hinaus war der Einsatz der Koalitionsstreitkr\u00e4fte auch in den Entsendel\u00e4ndern innenpolitisch heftig umstritten. Um als Nutznie\u00dfer aus dieser Situation hervorzugehen, verk\u00fcndete der \"Schurarat der Mudjahedin\" dann im Oktober 2006 die Gr\u00fcndung eines \"Islamischen Staates im Irak\". Seither werden Verlautbarungen und Erkl\u00e4rungen nur noch durch den \"offiziellen Sprecher\" des \"Informationsministeriums\" des islamischen Staates \u00fcber die eigens gegr\u00fcndete Medienabteilung \"al-Furqan\" herausgegeben. Auf die Lage im Irak und der sunnitischen Muslime ganz allgemein Bezug nehmend verk\u00fcndete das \"Informationsministerium\" in seiner ersten visuellen Stellungnahme: \"Die eingedrungenen Aggressoren und die boshafZuspitzung des ten Schiiten sollen wissen, dass das Blut der Sunna Konflikts zwischen lieb und teuer ist und dass es von jetzt an nicht Sunniten und umsonst vergeudet werden wird. Wir werden jeder Schiiten \u00dcbertretung gegen das Blut der Sunna mit der St\u00e4rke Allahs mit harter und schwerer Vergeltung begegnen so wie sie es nie zuvor gesehen haben. Und sie sollen wissen, dass das Bagdad von Raschid, das Land des Kalifats, von unseren Vorfahren errichtet wurde. Wir werden nicht unsere H\u00e4nde von ihm lassen au\u00dfer \u00fcber unsere toten K\u00f6rper und Sch\u00e4del hinweg. Und wir werden dort wieder die Flagge des Monotheismus hissen, die Flagge des islamischen Staates.\" 9 Dass sich derartige Agitationen auch zunehmend an Muslime richten, die im Westen ans\u00e4ssig sind und die f\u00fcr den religi\u00f6s legitimierten Terror mobilisiert werden sollen, machten folgende \u00c4u\u00dferungen deutlich: \"Wir rufen alle sunnitischen Muslime in der ganzen Welt auf, uns beginnend mit Worten und endend mit Blut zu unterst\u00fctzen. Denn ihr seid der Quell unserer St\u00e4rke und in euch setzen wir nach Gott unsere Hoffnung. Lasst uns daher nicht im Stich, steht an unserer Seite und verteidigt uns. Verbrennt den Boden unter den F\u00fc\u00dfen desjenigen, der uns schaden will.\" 9 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 30. Oktober 2006. 26","Islamismus Eine weitere djihadistische Gruppierung im Irak, die in vielerlei Hinsicht dem \"Schurarat der Mudjahedin\" beziehungsweise dem neu gegr\u00fcndeten islamischen Staat in nichts nachsteht, ist die \"Djaisch Ansar al-Sunna\" (\"Armee der Helfer der Tradition des Propheten Muhammad\") oder einfach nur \"Ansar al-Sunna\" genannt. Hierbei handelt es sich um eine militante islamistische Organisation, die vornehmlich im Norden und im Zentrum des Iraks terroristische Aktionen durchf\u00fchrt. Die \"Ansar al-Sunna\" wurde im September 2003 als eine Art Sammelbecken f\u00fcr verschiedenste islamistische Splittergruppen gegr\u00fcndet, wobei der Kern der Mitglieder aus Anh\u00e4ngern der 2003 von den Koalitionsgruppen zerschlagenen Organisation \"Ansar al-Islam\" bestanden haben soll. Gem\u00e4\u00df einer Selbstdarstellung auf ihrer ehemaligen Website verfolgt die \"Ansar al-Sunna\" das Ziel, durch den religi\u00f6s motivierten bewaffneten Kampf die westlichen Koalitionstruppen, die als Besatzer wahrgenommen werden, zu vertreiben und im Irak ein islamisches Gemeinwesen nach den Ma\u00dfgaben der Scharia zu errichten. Hierbei betrachtet die \"Ansar al-Sunna\" den Djihad als individuelle Pflicht f\u00fcr alle Muslime, das hei\u00dft, es sind so lange alle Muslime aufgerufen, den Feind zu bek\u00e4mpfen, bis er aus dem als islamisch betrachteten Territorium vertrieben ist. Dar\u00fcber hinaus werden auch alle einheimischen Akteure als legitime Kriegsziele betrachtet, die den Interessen der Djihadisten zuwider handeln. Die Organisation gibt ein regelm\u00e4\u00dfig erscheinendes Magazin mit dem makaberen Namen \"Hasad al-Mudjahedin\" (Ernte der Glaubensk\u00e4mpfer) heraus, das in Form von \"Rechenschaftsberichten\" die erfolgten Anschl\u00e4ge in chronologischer Reihenfolge kategorisiert und akribisch bewertet. Dar\u00fcber hinaus wird eine separate Statistik gef\u00fchrt, in der die Verluste des Feindes an Menschen und Ger\u00e4t dargestellt werden. Eine stichprobenartige Berechnung f\u00fcr die Monate Februar bis Mai 2006 ergab beispielsweise eine Anzahl von 1.475 Personen, die gem\u00e4\u00df den Selbstbezichtigungserkl\u00e4rungen bei Anschl\u00e4gen der \"Ansar al-Sunna\" ums Leben gekommen waren.10 Zu den herausragenden irakischen Terrorgruppen, die ihre Vorgehensweise mit der Ideologie des Djihadismus rechtfertigen, muss auch die \"al-Djaisch al-islami fi al-Iraq\" (\"Die islamische Armee im Irak\") gerechnet werden. Im Gegensatz zu den bisher erw\u00e4hnten Organisationen ist diese jedoch st\u00e4rker nationalistisch gepr\u00e4gt.11 10 Ausgaben Nr. 28-31 des Magazins \"Hasad al-Mudjahedin\". 11 Auswertung der letzten offiziellen Internetseite der \"Islamischen Armee im Irak\" vom 2. November 2006. 27","Im Jahr 2006 verhandelte das Oberlandesgericht Stuttgart gegen drei mutma\u00dfliche Angeh\u00f6rige der \"Ansar al-Islam\" beziehungsweise \"Ansar al-Sunna\" wegen Mitgliedschaft in einer ausl\u00e4ndischen terroristischen Vereinigung. Die Beschuldigten sollen f\u00fcr die Organisation im Bereich der Finanzierung und Rekrutierung von der Bundesrepublik Deutschland aus t\u00e4tig gewesen sein. Dar\u00fcber hinaus wurde ihnen eine strafbare \u00dcbereinkunft zur T\u00f6tung des ehemaligen irakischen Ministerpr\u00e4sidenten Dr. Iyad Hashir Allawi anl\u00e4sslich eines Deutschlandbesuches zur Last gelegt.12 Sowohl der Streit um die Muhammad-Karikaturen als auch die islamkritischen Zitate des Papstes in seiner Regensburger Rede im September haben zu heftigen Reaktionen unter den verschiedenen irakischen Terrorgruppen gef\u00fchrt. Die Worte des Papstes wurden selektiv aufgegriffen und im Sinne der Djihadisten propagandistisch ausgeschlachtet. Durch das Sch\u00fcren eines ohnehin schon latent vorhandenen Feindbildes vom Westen wurde auch in diesem Fall durch die Pflege des in djihadistischen Kreisen wohlbekannten Topos von der \"neuen Kreuzzugsallianz\" jede Form von Kritik als ein krieUmfassende gerischer Akt gegen den Islam gewertet. Daher drohte die \"Ansar al-Sunna\" Drohungen mit massiver Vergeltung: \"Bei Allah ihr werdet von uns nur das Schwert zu Gesicht bekommen, solange noch eine Ader in uns pulsiert, bis dass ihr zur Religion Allahs, die letzte und somit abschlie\u00dfende Religion, zur\u00fcckkehrt. Allah hat allen Menschen befohlen, ihr beizutreten (...)\" 13 Der \"Schurarat der Mudjahedin\" konkretisierte die Propagierung der Vorrangstellung des Islam gegen\u00fcber allen anderen Glaubensformen noch weiter und lie\u00df keinen Zweifel daran, diesen umfassenden Geltungsanspruch auch mit physischer Gewalt durchzusetzen: \"(...) wahrlich Allah wird die Muslime Rom erobern lassen, so wie es der Gesandte Gottes in einer authentischen \u00dcberlieferung versprochen hat und genau so wie auch Konstantinopel erobert wurde (...) wir werden unseren Djihad unabl\u00e4ssig fortsetzen, bis Allah uns Herrschaft \u00fcber euch verleiht und bis das Banner der ausschlie\u00dflichen Anbetung 12 Pressemeldung des Oberlandesgerichtes Stuttgart vom 27. M\u00e4rz 2006; der Prozess war bei Redaktionsschluss noch nicht abgeschlossen. 13 Internetauswertung vom 25. September 2006. 28","Islamismus Allahs (Tawhid) hoch oben flattert und das Gesetz Allahs die L\u00e4nder und Knechte regiert.\" 14 Auch die Kern-\"al-Qaida\" um Usama BIN LADIN und Ayman az-ZAWAHIRI wandte sich mit immer aufw\u00e4ndiger gestalteten Videofilmen an die muslimische \u00d6ffentlichkeit im Westen. Diese beiden Symbolfiguren des transnationalen Djihadismus sollen sich weiter irgendwo im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet versteckt halten. Im Jahr 2006 wurden mehrere visualisierte Botschaften durch \"al-Qaida\" in einschl\u00e4gige Ayman az-ZAWAHIRI Internetforen eingestellt. P\u00fcnktlich zum ersten Jahrestag der Anschl\u00e4ge von London verbreitete die \"al-Qaida\" unter dem Medienlabel \"as-Sahab\" eine Videoproduktion, in der der damalige zweite Attent\u00e4ter, Shehzad TANWEER, zu Wort kam. Auch hier wurde das tats\u00e4chliche und vermeintliche Leid der islamischen Welt einseitig als vom Westen verursacht dargestellt. Abgesehen von der Tatsache, dass die als \"M\u00e4rtyrer\" glorifizierten Attent\u00e4ter angeblich in TrainingslaShehzad TANWEER gern der \"al-Qaida\" ausgebildet wurden, appellierte man in dem Film an die im Westen lebenden Muslime, sich ihrer islamischen Identit\u00e4t bewusst zu werden und sich aktiv f\u00fcr ihre Glaubensbr\u00fc\"al-Qaida\"-Videos der einzusetzen. Durch diese geschickte Propaganda wurde an das M\u00e4rtyrf\u00fcr den Westen erwesen im Islam angekn\u00fcpft, um im Westen lebende Muslime f\u00fcr die Anliegen des islamistischen Terrorismus zu begeistern. Diese Bereitschaft, die Angst vor dem Tod hinter sich zu lassen und sein Leben f\u00fcr die h\u00f6here Sache der Religion hinzugeben, wurde als gottgef\u00e4llige Tat gepriesen: \"Diese Liebe, als M\u00e4rtyrer auf dem Pfade Allahs zu sterben, war niemals Armut, Arbeitslosigkeit oder seelische Leere, wie es einige Medien darstellen. Vielmehr ist die Motivation dahinter stets Liebe zu Allah und seinem Gesandten gewesen. Und derjenige, der diesen Weg einschl\u00e4gt, tut dies in der vollen \u00dcberzeugung, dass diese seine Tat einer der besten Wege der Gottesverehrung und Handlungen f\u00fcr Allah darstellt.\" 15 14 Verlautbarung des \"Schurarats der Mudjahidin im Irak\" vom 17. September 2006; Internetauswertung vom 20. September 2006. 15 \"As-Sahab\"-Videoproduktion vom Juli/August 2006. 29","Nach den Ma\u00dfst\u00e4ben der \"al-Qaida\" werden alle Menschen im Westen zu legitimen Zielen, die mit Mitteln des Djihad bek\u00e4mpft werden d\u00fcrfen. Denn sie seien alle automatisch am Krieg gegen den Islam beteiligt, da in demokratischen Gesellschaften die Regierungen, die f\u00fcr den Kampf gegen den Islam verantwortlich gemacht werden, vom Volk gew\u00e4hlt und dar\u00fcber hinaus aus dem Steueraufkommen der Bev\u00f6lkerung finanziert w\u00fcrden. Von diesen Pr\u00e4missen ausgehend rechtfertigt die \"al-Qaida\" Anschl\u00e4ge gegen westliche Einrichtungen und Bev\u00f6lkerungen weltweit, wobei der v\u00f6lkerrechtlich verbriefte Status von \"Zivilisten\" g\u00e4nzlich negiert wird: \"Die Einteilung der Menschen in Milit\u00e4rs und Zivilisten ist nirgendwo in der Scharia zu finden. Vielmehr hat die Scharia die Menschen in Kombattanten und Nichtkombattanten unterteilt. Kombattant gem\u00e4\u00df der Scharia ist jeder, der entweder selbst k\u00e4mpft oder beim Kampf durch Geldmittel oder Meinungs\u00e4u\u00dferungen unterst\u00fctzend t\u00e4tig wird (...) Die Menschen des kreuzz\u00fcglerischen Westens sind in den Augen der Scharia Kombattanten, die sich im Krieg mit den Muslimen befinden.\" 16 Zugleich tritt in den \u00f6ffentlichkeitswirksamen Auftritten der \"al-Qaida\"F\u00fchrung immer wieder die revisionistische Ausrichtung und Zielsetzung ihres Wirkens zu Tage. Neben dem erkl\u00e4rten Ziel, den \"j\u00fcdischen\" Staat Israel beseitigen zu wollen, wird das V\u00f6lkerrecht als \"unislamisch\" diffamiert. Dar\u00fcber hinaus wird gefordert, alle Gebiete, die zu irgendeiner historischen Epoche einmal islamisch gewesen waren, vom westlichen Einfluss zu befreien und sie mit Gewalt den Ma\u00dfgaben der Scharia zu unterwerfen. Dabei wird auch immer wieder dem djihadistischen Anspruch Ausdruck verliehen, prinzipiell die gesamte Menschheit dem Islam zu unterwerfen. auch Konvertiten Zunehmend scheint sich die \"al-Qaida\" in diesem Zusammenhang auch als Zielgruppe Konvertiten zuzuwenden, um diesen Personenkreis f\u00fcr potenzielle Anschl\u00e4ge zu nutzen. Az-ZAWAHIRI und ein in djihadistischen Kreisen als \"Azzam\" bekannter amerikanischer Konvertit wandten sich in einem Videofilm an die europ\u00e4ische und amerikanische \u00d6ffentlichkeit, indem sie dazu aufriefen, dem Islam beizutreten: \"Wir laden alle Amerikaner und andere Ungl\u00e4ubigen zum Islam ein, wo auch immer sie sind und was 16 \"As-Sahab\"-Videoproduktion vom September 2006. 30","Islamismus auch immer sie f\u00fcr eine Rolle oder einen Status in der Weltordnung von Bush und Blair haben (...)\" 17 Konvertiten sind f\u00fcr Djihadisten ein perfektes taktisches Mittel, um unauff\u00e4llig in westlichen Gesellschaften agieren zu k\u00f6nnen. Sie sind nicht nur mit den Gegebenheiten vor Ort und der Kultur bestens vertraut, sondern sprechen auch die lokale Sprache und k\u00f6nnen folglich - ihre wahren Ziele verschleiernd - weitgehend unerkannt als Handlanger der Terroristen fungieren. Oftmals handelt es sich bei den zum radikalen und gewaltbereiten Islam hin Konvertierten um Personen, die beispielsweise massive Probleme in ihrem sozialen Umfeld haben. Extremistische Interpretationen der Religion des Islam bieten ihnen die M\u00f6glichkeit, diese pers\u00f6nlichen Krisen zu \u00fcberwinden, indem sie bereits vorhandene oder aber \u00fcbernommene antiwestliche und antij\u00fcdische Feindbilder auf eine religi\u00f6se Ebene transformieren. Die hiermit einhergehende Kritik am Westen in einem gewaltbezogenen Kontext bietet die M\u00f6glichkeit, einen maximalen Kontrast zu ihrem eigenen Kulturkreis zu bilden, den sie durch ihren \u00dcbertritt zum Islam verlassen und symbolisch bek\u00e4mpfen.18 2.2 Die Chronologie der Gewalt Die Gef\u00e4hrlichkeit, die von islamistisch motivierten T\u00e4terkreisen ausgeht, bleibt hoch. Das zeigt ein Blick auf die H\u00e4ufigkeit und Intensit\u00e4t islamistisch motivierter Anschl\u00e4ge und Gewalttaten im Jahr 2006. Sowohl im Irak als auch in Afghanistan eskalierte die Situation weiter, so dass die meisten Beobachter in beiden F\u00e4llen sehr d\u00fcstere Szenarien f\u00fcr die nahe Zukunft entworfen haben. Im Jahr 2006 war in Afghanistan ein bislang nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehaltenes Wiedererstarken der Talibankr\u00e4fte zu verzeichnen, was sich sowohl in Anschl\u00e4gen als auch in sich \u00fcber mehrere Wochen und Monate hinziehenden K\u00e4mpfen seit Fr\u00fchjahr 2006 in den s\u00fcdlichen und s\u00fcd\u00f6stlichen Landesteilen abzeichnete. Im Irak starben Tausende von Menweitere schen infolge schwerer Anschl\u00e4ge. Im Juli 2006 starben 3.438 Menschen. Gewalteskalation Pro Tag fielen im Schnitt \u00fcber 100 Menschen der Gewalt zum Opfer. Die blutige Spur der Anschl\u00e4ge und versuchten Terrorakte hat sich im Jahr 2006 erneut durch gro\u00dfe Teile der Welt gezogen, wie diese Aufz\u00e4hlung beispielhaft unterstreicht: 17 \"As-Sahab\"-Videoproduktion vom September 2006. 18 Vgl. hierzu Wohlrab-Sahr, Monika: Konversion zum Islam in Deutschland und den USA, Frankfurt/New York 1999, hier insbesondere S. 291-355. Zur Problematik von Glaubenswechsel und Einb\u00fcrgerungen siehe auch Kapitel C Ausl\u00e4nderextremismus und dort Ziffer 1 Allgemeiner \u00dcberblick, S. 92. 31","Am 7. M\u00e4rz explodierten mehrere Bomben in Varanasi, Indien, und t\u00f6teten 28 Menschen, \u00fcber 100 Personen wurden bei diesen Anschl\u00e4gen auf Hindu-Pilger verletzt. Indien war auch am 11. Juli Ziel eines Terroranschlags. Sieben Bomben explodierten in Vorortz\u00fcgen in Mumbai. 207 Tote und zahlreiche Verletzte waren die Folge dieses bislang schwersten Anschlags auf den Personennahverkehr in Indien. Im \u00e4gyptischen, auf der Sinai-Halbinsel gelegenen Badeort Dahab wurden am 24. April durch drei Bomben 23 Menschen get\u00f6tet, \u00fcber 100 wurden verletzt. In Kanada wurden am 2. und 3. Juni 17 angebliche Mitglieder einer Terrorzelle in Toronto verhaftet. Die Ermittlungen gehen von einer Anschlagsvorbereitung in dieser Dimension bislang unbekannten Ausma\u00dfes aus. Die Verd\u00e4chtigen sollen einen \u00dcberfall auf das kanadische Parlament geplant haben. In Gro\u00dfbritannien wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. August \u00fcber 20 Verd\u00e4chtige festgenommen, die im Verdacht standen, dass sie Flugzeuge auf dem Flug \u00fcber den Atlantik mit Fl\u00fcssigsprengstoff in die Luft sprengen wollten. Die ermittelnde Polizei sprach von \"einem Massenmord unglaublichen Ausma\u00dfes\", der verhindert werden konnte. In Kiel wurde am fr\u00fchen Morgen des 19. August einer der beiden Hauptverd\u00e4chtigen festgenommen, denen vorgeworfen wird, die am 31. Juli in zwei Z\u00fcgen gefundenen Kofferbomben dort platziert zu haben. Gegen einen weiteren mutma\u00dflichen \"Kofferbomber\" wurde am 11. April 2007 in Beirut ein Prozess er\u00f6ffnet. 2.3 Rolle des Internets 2.3.1 Islamistische Propaganda im Internet Der bereits vor dem amerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 begonnene Trend der Ausbreitung islamistischer Angebote im Internet hat sich weiunz\u00e4hlige ter massiv fortgesetzt. Neben der gestiegenen Anzahl und der medialen ProAngebote mit fessionalit\u00e4t islamistischer Seiten erh\u00f6hte sich inzwischen auch der deutschBreitenwirkung sprachige Anteil an islamistischen Internetdokumenten wie Propaganda32","Islamismus schriften, Flash-Animationen19 und Videos deutlich. Ebenfalls hat der Anteil t\u00fcrkischsprachiger Angebote aus allen Bereichen des islamistischen Extremismus sowie aus dem Umfeld der \"al-Qaida\" eine Zunahme erfahren. Angesichts der gro\u00dfen, in Deutschland lebenden t\u00fcrkisch sprechenden Bev\u00f6lkerungsgruppe ist dies mittlerweile ein ernstzunehmender neuer Faktor der Verbreitung islamistischer Inhalte insbesondere bei t\u00fcrkischen Jugendlichen in Deutschland. Das Propagandamaterial von transnational agierenden Djihadisten wie das der \"al-Qaida\" macht hier weiterhin den Hauptanteil aus und pr\u00e4gt in weiten Teilen den islamistischen Diskurs im Internet. Auf einschl\u00e4gigen Internetseiten dieser Szene finden sich vor allem Videound Audiodokumente, antiwestliche sowie antisemitische Hetzschriften und umfangreiche dogmatische und religi\u00f6se Texte, die sich in erster Linie auf die bekannten Konfliktherde der islamischen Welt beziehen: Irak, Tschetschenien, Saudi-Arabien und Pal\u00e4stina sowie - als Ergebnis der aktuellen Entwicklung - Propaganda von islamistischen Gruppierungen aus dem Libanon. Ein gro\u00dfer Teil des aktuellen Videomaterials stammt aus dem Irak, der sich aufgrund der weiterhin instabilen Sicherheitslage zu einem Drehund Angelpunkt f\u00fcr Djihadisten entwickelt hat. Allein rund 20 irakische Widerstandsgruppen publizieren mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfig, mit ihrem jeweiligen Logo hinterlegt, eigene Videoclips von Anschl\u00e4gen. Die mediale Wirkung wird inzwischen durch den Einsatz moderner Digitalkameras beziehungsweise Fotohandys mit hoch aufl\u00f6senden Bildern bei der visuellen Dokumentation von Anschl\u00e4gen und T\u00f6tungen weiter verbessert. Insbesondere \"sniper\" (d.h. Scharfsch\u00fctzen)-Videos, bei denen amerikanische Soldaten vor laufender Kamera erschossen werden, sind eine perfide Steigerung zur Verbreitung von Angst und Schrecken. Derartige Videos, teilweise zum Ansehen \u00fcber Handys aufbereitet, finden auch bei Islamisten in Deutschland h\u00f6chste Aufmerksamkeit und werden als zunehmende Erfolge im Kampf gegen westliche Besatzungsm\u00e4chte im Irak gesehen. 2.3.2 Erstellung und Verbreitungswege islamistischer Internetpropaganda Neben der quantitativen Zunahme des Propagandamaterials war auch eine zunehmende immer professionellere Erstellung des Materials selbst festzustellen. Die DjiProfessionalit\u00e4t hadisten vor allem im Irak unterhalten jeweils eigene \"Medienabteilungen\" wie \"Al-Fajir\" und \"Al-Furqan\", die sie als alternative Informationskan\u00e4le 19 Internet-\"Filme\", die oft Videound Sounddateien einsetzen. 33","und somit als Gegengewicht zu der als l\u00fcckenhaft, diffus und einseitig wahrgenommenen Berichterstattung westlicher und insbesondere amerikanischer Nachrichtenagenturen betrachten. Dabei ist die graphische Gestaltung, Schnitttechnik und das erkennbare Vorgehen nach einem zuvor entwickelten \"Drehbuch\" Zeichen einer Professionalit\u00e4t, die Fernsehbeitr\u00e4gen aus der Region mittlerweile um nichts nachsteht. Durch die Nutzung einer Vielzahl von kostenlosen Filesharing-Angeboten20 werden entsprechende Dokumente vielfach redundant im Internet zum Download platziert und hoher \u00fcber eine Vielzahl von Schnittstellen und Kontaktpersonen in andere SekVerbreitungsgrad tionen des Internets gestreut, um sie einem gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Zuschauerkreis zug\u00e4nglich zu machen. Auch \u00fcber bekannte Videoportale wird inzwischen ebenfalls islamistische Propaganda verbreitet. Mittlerweile gelang es der \"al-Qaida\"-F\u00fchrung, ihr eigenes \"Medienlabel\", \"As-Sahab-Media\", dauerhaft in den djihadistischen Informationskan\u00e4len zu etablieren. \"As-Sahab-Media\" produzierte 2006 eine ganze Anzahl Propagandavideos mit \"al-Qaida\"-F\u00fchrern und \u00fcber die K\u00e4mpfe gegen die internationalen Einsatztruppen in Afghanistan und den angrenzenden pakistanischen Provinzen. Tendenziell schien \"As-Sahab-Media\" und damit auch \"al-Qaida\" zunehmend darauf bedacht zu sein, ein internationales nichtmuslimisches Publikum anzusprechen, da ein Gro\u00dfteil des Videomaterials mit englischsprachigen und zuletzt sogar verst\u00e4rkt mit deutschen Untertiteln in Umlauf gebracht wurde. Insbesondere zwei Videos \u00fcber die Anschl\u00e4ge von London am 7. Juli 2005, in denen jeweils einer der Attent\u00e4ter sowie der Stellvertreter BIN LADINs, Ayman az-ZAWAHIRI, zu Wort kommen, versuchten ausf\u00fchrlich islamistische Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Anschl\u00e4ge einem westlichen Publikum zu unterbreiten. Inzwischen sind eine Vielzahl von eindeutig extremistischen, aber auch islamistisch unterwanderten, teilweise passwortgesch\u00fctzten Foren entstanden, \u00fcber die Sympathisanten weltweit miteinander kommunizieren. Die einschl\u00e4gigen islamistischen Internetforen sind dabei der Hauptumschlagplatz f\u00fcr Gewaltfilme und Tondokumente. \u00dcberdies wird t\u00e4glich eine gro\u00dfe Anzahl von Verlautbarungen djihadistischer Gruppierungen aus allen regionalen Djihad-Kampfgebieten wie des \"Islamischen Emirats Afghanistan\" der Taliban auch in europ\u00e4ischen Sprachen ver\u00f6ffentlicht. Zudem versuchen einzelne Gruppierungen, ihre eigenen Websites im Netz zu etablie20 Bei diesen Angeboten k\u00f6nnen gleichsam anonym gr\u00f6\u00dfere Audio-, Videooder Textdokumente kostenlos zum Download bereitgestellt werden. 34","Islamismus ren. Neu hinzugekommen sind so genannte Web-Blogs, bei denen tagebuchartig Verlautbarungen aus allen Bereichen des Islamismus aktuell verbreitet werden sollen. Seit Mai 2006 publiziert eine deutschsprachige Sek\u00dcbersetzungen tion der \"Global Islamic Media Front\" (GIMF) \u00fcber einen derartigen Weboffenbaren Blog deutsche \u00dcbersetzungen von Texten aus dem Umfeld der islamistiZielrichtung schen Terrorszene. Neben der Erstellung von ideologischen Abhandlungen und Indoktrinationsschriften haben es sich die Autoren dieser Blogs zur Aufgabe gemacht, bereits vorhandenes Video-, Bildund Audiomaterial in aufw\u00e4ndig gestalteten Flash-Animationen zu verarbeiten. Internetbanner der GIMF Dar\u00fcber hinaus gibt es eine un\u00fcberschaubare Anzahl von so genannten Unterst\u00fctzerseiten f\u00fcr die Sache der Mudjahedin. Auf ihnen wird im Internet kursierendes Material systematisch gesammelt und geordnet. Auf diese Weise kann sich beispielsweise jeder Interessierte \u00fcber die im Djihad gefallenen \"M\u00e4rtyrer\" und deren Motivation f\u00fcr die von ihnen begangenen Anschl\u00e4ge informieren. Auch bieten einige dieser Seiten den Anh\u00e4ngern des globalen Djihadismus die M\u00f6glichkeit, Geldspenden f\u00fcr die K\u00e4mpfer und die Hinterbliebenen der M\u00e4rtyrerfamilien zu sammeln. Die Rekrutierung von potenziellen Mudjahedin erfolgt in der Regel \u00fcber bestimmte Internetseiten, die f\u00fcr den weltweiten Djihad Werbung betreiben. Dabei spielt die Verehrung und Pflege des M\u00e4rtyrerwesens eine herausragende Rolle. Hunderte von M\u00e4rtyrerlebensl\u00e4ufen finden in der islamistischen Szene Verbreitung und sollen dazu dienen, die Schrecken des Todes herunterzuspielen und andere dazu zu animieren, es ihren Vorg\u00e4ngern gleich zu tun. 2.4 \"Al-Djamaa al-Islamiya\" und \"al-Djihad al-Islami\" Die \"al-Djihad al-Islami\" (\"Der Islamische Djihad\") und die \"al-Djamaa al-Islamiya\" (\"Die islamische Gemeinschaft\") sind militante Abspaltungen der \"Muslimbruderschaft\" in \u00c4gypten, die blutige Anschl\u00e4ge zu verantworten haben. Az-ZAWAHIRI, einer der f\u00fchrenden Mitglieder des \"al-Djihad 35","al-islami\", ist heute der Stellvertreter BIN LADINs in der \"al-Qaida\". Dies verdeutlicht die internationale Verflechtung der ehemals regional begrenzten djihadistischen Gruppierungen. Aufgrund ihres jahrelangen Kampfes gegen den \u00e4gyptischen Staat ist die \"al-Djamaa al-Islamiya\" \u00e4u\u00dferst geschw\u00e4cht und hat aus pragmatischen Gr\u00fcnden einen Gewaltverzicht erkl\u00e4rt, den allerdings ein Gro\u00dfteil der Funktionstr\u00e4ger und Mitglieder nicht mittr\u00e4gt. In einem Interview mit Muhammad Khalil al-HAKAYMAH21, das mit einer Einleitung von Aiman az-ZAWAHIRI von der \"Globalen Islamischen Medien-Front\" (GIMF) als Video und als u.a. ins Deutsche \u00fcbersetzte Mitschrift ins Internet gestellt wurde, gab al-HAKAYMAH den Zusammenschluss des \"Hauptblocks\" der \"al-Djamaa al-Islamiya\" mit \"alQaida\" bekannt.22 HAKAYMAH lehnt die Kompromisse ab, die einige Mitglieder seiner Organisation innerhalb der letzten Jahren gemacht haben. Lobend erw\u00e4hnte er die Attent\u00e4ter des 1981 ermordeten \u00e4gyptischen Pr\u00e4sidenten Anwar as-Sadat, die Mitglieder der \"al-Djamaa al-Islamiya\" waren. Das Interview endet mit einem Appell al-HAKAYMAHs an die Djihadisten weltweit: \"Ich fordere alle F\u00fchrer und Mitglieder der islamischen 23 Bewegungen in der islamischen Welt auf, sich unter einer Flagge zu vereinen und zusammen Kampfaufruf zu kommen, um sich dem Zionisten-/Kreuzdienerangriff gegen den Islam und die Muslime entgegenzustellen (...) Und ich rufe sie auf, wenn sie nach Regeln des Djihads gegen die Amerikaner suchen, sich auf die rechtsg\u00fcltigen Studien und Fatwas 24 zu beziehen, die von den Gelehrten zur Zeit des Djihads gegen die Sowjetunion ver\u00f6ffentlich worden sind.\" In Baden-W\u00fcrttemberg sind die \"al-Djihad al-Islami\" und die \"al-Djamaa alIslamiya\" durch Einzelpersonen vertreten. 21 Gr\u00fcndungsmitglied der \"al-Djamaa al-Islamiya\". 22 Internetauswertung vom 31. August 2006. 23 Damit meint er die djihadistischen Bewegungen. 24 Rechtsgutachten. 36","Islamismus 2.5 \"Front Islamique du Salut\" (FIS), \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) und \"Groupe salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC) Die algerische \"Front Islamique du Salut\" (\"Islamische Heilsfront\") kann aufgrund der Zugeh\u00f6rigkeit ihrer Gr\u00fcndungsmitglieder Abassi MADANI und Ali BENHADJ zur \"Muslimbruderschaft\" und aufgrund ihrer ideologischen Grundlagen als algerische Variante der \"Muslimbruderschaft\" gelten. Das Ziel der FIS ist bis heute die Errichtung eines religi\u00f6s legitimierten Staates, in dem lediglich mit Mitteln der Scharia regiert werden soll. Abassi MADANI BENHADJ erkl\u00e4rte in diesem Zusammenhang, dass es im Islam keine Demokratie gebe. Demokratie sei Unglaube. BENHADJ war sogar gegen die Teilnahme seiner Partei an den Parlamentswahlen 1991/92, da es nach Ansicht zahlreicher Islamisten keine Diskussion \u00fcber die richtige Islamauslegung geben kann und daher Parteienpluralismus innerhalb einer parlamentarischen Demokratie mit Wahlen einen Frevel darstellte. BENHADJ stellte die rhetorische Frage: \"Kann man ernsthaft in einem moslemischen Land \u00fcber den Islam abstimmen?\" Bereits kurz nach der Gr\u00fcndung der FIS, als diese noch nicht im Untergrund agieren musste, wurde deutlich, dass sie danach strebte, massiv in das Privatleben der B\u00fcrger einzugreifen. Mitglieder der FIS versuchten in den Gemeinden, in denen sie die Mehrheit darstellten, ihre Kleidervorschriften durchzusetzen. Junge unverheiratete Paare wurden unterwegs angehalten und geschlagen. Am Strand Badende wurden verfolgt und angegriffen. Auch bei den Essgewohnheiten wurde versucht einzugreifen: Algerier sollten nicht mehr am Tisch essen, da es sich dabei um eine westliche Erfindung handle. Von der FIS haben sich seit ihrer Gr\u00fcndung 1989 einige extrem gewaltorientierte und dem Djihadismus zuzurechnende Gruppierungen abgespalten wie die \"Groupe Salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC) beziehungsweise \"Salafitische Gruppe f\u00fcr Mission und Kampf\" und die \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) beziehungsweise \"Islamische Bewaffnete 37","Gruppe\". Die FIS selbst hatte von 1992 bis 2000 einen milit\u00e4rischen Fl\u00fcgel, die \"Armee Islamique de Salut\" (AIS), deren Sabotageakte sich gegen lebenswichtige Versorgungsstrukturen des Landes richteten. Die Guerilla\u00fcberf\u00e4lle der AIS hatten \u00fcberwiegend milit\u00e4rische Einrichtungen, den Sicherheitsapparat des algerischen Staates und seine Funktionstr\u00e4ger wie Politiker oder Richter zum Ziel. Diese \u00dcberf\u00e4lle wurden mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t und Menschenverachtung ausgef\u00fchrt, deren sich die FIS in ihren Publikationen r\u00fchmte. Die GSPC und die GIA gingen in dem B\u00fcrgerkrieg, der in den 1990er-Jahren \u00fcber 100.000 Tote kostete, im Gegensatz zur FIS gr\u00f6\u00dftenteils gegen Zivilisten vor. Alle algerischen Gruppierungen legitimierten ihre Gr\u00e4ueltaten mit ihrer Islamauslegung und tun dies teilweise bis heute noch. Die FIS ist bis heute eine heterogene Gruppierung, vor allem was die Haltung der Mitglieder zur Gewaltanwendung und dem Regime gegen\u00fcber anbetrifft. Der radikalere Fl\u00fcgel der FIS, der \"Koordinationsrat der FIS im Ausland\" (CCFIS) um den in der Schweiz lebenden Dr. Mourad DHINA, lehnt das derzeitige Waffenstillstandsabkommen und den Vers\u00f6hnungskurs mit der algerischen Regierung bis heute ab. Dr. DHINA wurde von den Schweizer Beh\u00f6rden verboten, in der Schweiz Propaganda zu betreiben, da diese die innere Sicherheit anderer Staaten direkt und indirekt gef\u00e4hrde und dadurch auch die Beziehungen der Schweiz zum Ausland gest\u00f6rt w\u00fcrden. Zu einem f\u00fcr das Jahr 2005 geplanten Treffen der FIS in Baden-W\u00fcrttemberg sollte auch DHINA kommen. Das Treffen wurde jedoch abgesagt. Rabah KEBIR f\u00fchrt den gem\u00e4\u00dfigten Fl\u00fcgel der FIS an. Er war 1997 einer der Bef\u00fcrworter des einseitigen Waffenstillstands seitens der AIS, welcher im Jahre 2000 auch von der algerischen Regierung akzeptiert worden ist. Am 17. September 2006 fand die medial inszenierte R\u00fcckkehr von KEBIR nach Algerien statt, der 14 Jahre im deutschen Exil gelebt hatte und dort der Auslandsf\u00fchrung angeh\u00f6rte. Bei einigen F\u00fchrungspersonen der FIS werden Sympathien f\u00fcr die Djihadisten im Irak deutlich, was sich beispielsweise beim telefonischen Interview von al-Jazeera mit BENHADJ im August 2005 zeigte, in dem er die Entf\u00fchrung algerischer Diplomaten im Irak begr\u00fc\u00dfte und indirekt zu deren T\u00f6tung aufforderte. Im Jahr 2006 war eine bewusste und gesteuerte Internationalisierung der GSPC bemerkbar. Die Rolle Europas als R\u00fcckzugsgebiet f\u00fcr die algerischen 38","Islamismus Gruppierungen und die Bedeutung f\u00fcr die Finanzierung ihrer Infrastruktur ist ungebrochen. In einem Video zum Jahrestag des 11. September gab az-ZAWAHIRI den Zusammenschluss der GSPC mit der \"al-Qaida\" bekannt. Der GSPC-F\u00fchrer Abu Mussab Abdel WADUD versprach kurz darauf in einer Ergebenheitsadresse an Usama BIN LADIN die Gefolgschaft \"bis zum M\u00e4rtyrertod.\" 25 Ann\u00e4herung Der Internetauftritt der GSPC wurde im Laufe des Jahres 2006 nach ausan \"al-Qaida\" dr\u00fccklicher Aufforderung durch den \"al-Qaida\"-Medienchef Abu Maisara al-IRAKI immer professioneller. Im August 2006 erfolgte via Internet ein Aufruf der GSPC auf Arabisch und Franz\u00f6sisch an alle in Frankreich lebenden Algerier, \"ihre Br\u00fcder, die Mudjahidin in Algerien, zu unterst\u00fctzen\". Die GSPC kritisierte Frankreich scharf f\u00fcr seine Unterst\u00fctzung des algerischen Regimes und forderte ihre Sympathisanten auf, Rache zu nehmen. Seit Januar 2006 pr\u00e4sentiert die GSPC eine eigene Website, die regelm\u00e4\u00dfig aktualisiert wird. In Baden-W\u00fcrttemberg ist von einer Mitgliederzahl der FIS von circa 35 Personen auszugehen. In der GIA und der GSPC engagieren sich Einzelmitglieder. 3. Islamistischer Extremismus 3.1 Salafitische Bestrebungen in Deutschland Neben dem islamistischen Terrorismus stellen auch salafitische Str\u00f6mungen als extremistische Spielarten des Islamismus eine Bedrohung f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung dar. Obgleich sie im \u00f6ffentlichen Diskurs der Gewalt abschw\u00f6ren, verfolgen sie unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit und Gesetzestreue antidemokratische Ziele. Mit propagandistischen Mitteln soll versucht werden, Vorstellungen und Werte in der hiesigen Gesellschaft zu verankern, die nicht nur laufende Dialogund Integrationsbem\u00fchungen untergraben, sondern auch geltende Rechtsnormen aushebeln. Dabei bedient man sich in der Regel einer gezielt gelenkten \"Missionst\u00e4tigkeit\" (Da'wa). Ausgehend vom umfassenden und alleinigen 25 Le Monde diplomatique vom November 2006, S. 5. 39","Wahrheitsanspruch der eigenen Lehre werden die auf unterschiedlichen Traditionen basierenden islamischen Str\u00f6mungen als Zielgruppe angegangen. Indem professionell geschulte Propagandisten an die islamische Identit\u00e4t dieser Personenkreise ankn\u00fcpfen, wird die Vielfalt der Glaubenspraktiken als eine Abirrung vom \"wahren Glauben\" dargestellt, den es durch Argumente von Anh\u00e4ngern der eigenen Bewegung zu korrigieren gilt (Reislamisierung). Zus\u00e4tzlich wird auch versucht, Angeh\u00f6rige anderer Religionen dazu zu bewegen, zum Islam zu konvertieren. Dominiert wird diese Form des Islamismus in Deutschland und auf internationaler Ebene vom Salafismus wahhabitischer Pr\u00e4gung. Beim Wahhabismus handelt es sich um eine Erneuerungsbewegung, die im heutigen Saudi-Arabien im 18. Jahrhundert von Muhammad Ibn Abd al-WAHHAB ins Leben gerufen wurde. Im Zentrum der wahhabitischen Glaubensauffassung steht die Lehre von der absoluten Einheit Gottes (Tawhid), der zufolge alle gottesdienstlichen Handlungen nur auf Allah bezogen werden d\u00fcrfen. Dies impliziert auch, dass im gesamten Alltag das profane Verhalten der Menschen dieser Lehre entsprechen muss. Alle Formen von Glaubensund Lebenspraktiken, die von dieser engen Auffassung des Islam abweichen, werden vom Wahhabismus als \"unerlaubte Neuerung\" betrachtet, d.h. als Verhaltensweisen, f\u00fcr die es in den religi\u00f6sen Quellentexten keine Entsprechung gebe. Daher werden in erster Linie zun\u00e4chst Muslime, die die wahhabitische Glaubensauffassung nicht teilen, als \"Ungl\u00e4ubige\" diffamiert. Ihr Status als Muslime wird in Zweifel gezogen, wodurch sie faktisch in Acht und Bann gestellt werden k\u00f6nnen. Besonders die Schiiten geraten feindselige immer wieder ins Visier der Wahhabiten, da gem\u00e4\u00df der schiitischen GlauEinstellung bensauffassung au\u00dfer Allah auch noch die leiblichen Nachfahren Muhamgegen\u00fcber mads eine zentrale Rolle einnehmen, was von wahhabitischen Gelehrten als Schiiten Irrlehre und damit Abfall vom Glauben betrachtet wird. Das Konzept des \"Unglaubens\" wird au\u00dfer auf die von der wahhabitischen Lesart des Islam abweichenden Muslime noch auf andere Personen wie Anh\u00e4nger des Judentums und Christentums angewandt. Praktisch wird jeder zu einem \"Ungl\u00e4ubigen\", der den postulierten wahhabitischen Ma\u00dfgaben nicht entspricht. Dies m\u00fcndete schon sehr fr\u00fch in der wahhabitischen Forderung an die \"wahren Muslime\", mit den \"Ungl\u00e4ubigen\" auf allen Ebenen zu brechen und keinerlei freundschaftliche Kontakte zu ihnen zu unterhalten. Durch diesen Glaubensgrundsatz, der als \"die Treue und der Bruch\" bekannt wurde, werden Muslime angewiesen, den \"Wesensfremden\" Verachtung und Feindschaft entgegenzubringen. Dass solche Aufforderungen l\u00e4ngst nicht mehr nur auf Arabisch verbreitet werden, sondern in gr\u00f6\u00dferem Umfang auch auf Deutsch zirkulieren, belegt folgender Auszug aus einer salafitischen Internetseite: 40","Islamismus \"Wer auch immer deshalb einen Ungl\u00e4ubigen nicht f\u00fcr solch einen h\u00e4lt, so ist er selber ein Ungl\u00e4ubiger - wie der Ungl\u00e4ubige selbst. (...) Man muss daran glauben, dass die Juden Ungl\u00e4ubige sind und auf einer falschen Religion beruhen. Und er muss sich von Ihnen und ihrer Religion losl\u00f6sen, sie f\u00fcr das Wohlgefallen Allahs hassen und Feindschaft gegen sie hegen. Dies gilt auch f\u00fcr die Christen; man muss daran glauben, dass sie Ungl\u00e4ubige sind. Ebenso die Parsen, die G\u00f6tzendiener und alle anderen Arten an Ungl\u00e4ubigen.\" 26 Ein weiteres Wesensmerkmal der wahhabitischen Islamlehre besteht in der kompromisslosen Bef\u00fcrwortung des islamischen Rechts (Scharia) und dessen uneingeschr\u00e4nkter Umsetzung. Abgesehen von der Unvereinbarkeit bestimmter Rechtsnormen mit den Bestimmungen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland f\u00e4llt im Zusammenhang mit dem Wahhabismus die Betonung der koranischen K\u00f6rperstrafen als integraler Bestandteil der islamischen Lebensordnung ins Auge. Muhammad Bin Salih al-UTHEIMIN, ein hochrangiger, 2001 verstorbener wahhabitischer Rechtsgelehrter, fasste diesen Sachverhalt in einem Buch, das auch in deutscher Sprache erh\u00e4ltlich ist, folgenderma\u00dfen zusammen: \"Das Abschneiden der Hand eines Diebes oder das Steinigen des Ehebrechers, ist f\u00fcr den Dieb oder Betonung der den Ehebrecher vom \u00dcbel, doch es ist gut f\u00fcr sie auf Notwendigkeit der anderen Seite, denn es ist Bu\u00dfe (Kaffara) f\u00fcr sie von K\u00f6rperstrafen beide, so dass die Bestrafung in diesem Leben und die im Jenseits nicht f\u00fcr sie zusammen vereint werden. Es ist auch in anderer Hinsicht gut. Die Anwendung dieser Bestrafung ist ein Schutz f\u00fcr Eigentum, Ehre und verwandtschaftlicher Beziehungen.\" 27 Durch eine zunehmend intensiver betriebene \"Missionsarbeit\" unter in Europa lebenden Muslimen soll ein Islamverst\u00e4ndnis etabliert werden, das darauf ausgerichtet ist, anderen Ansichten und Auffassungen jeglichen Respekt zu versagen. Als probate Mittel werden Einsch\u00fcchterungen und gesellschaftliche \u00c4chtung betrachtet, wobei auch vor Gewaltandrohungen nicht 26 Website vom 24. April 2006; \u00dcbernahme wie im Original. 27 Zitiert nach: Sheikh Muhammad bin Salih al-UTHEIMIN, Die Glaubenslehre der sunnitischen Gemeinschaft (Aqida Ahl As-Sunna Wal-Jamah); \u00dcbernahme wie im Original. 41","zur\u00fcckgeschreckt wird.28 Diesbez\u00fcglich sind organisierte Strukturen erkennbar, die Verbindungen zu einflussreichen saudi-arabischen Predigern und islamischen Gelehrten aufweisen. Ausgehend von islamistischen Zirkeln werden Schriften der wahhabitischen Szene in Moscheen und an Infost\u00e4nden verteilt oder stehen dort zur Einsicht zur Verf\u00fcgung. Auch dem Internet kommt bei der Steuerung der Propaganda als leicht nutzbarem Kommunikationsmedium eine enorme Bedeutung zu. Die wahhabitische Ideologie ist ebenfalls in der Region Ulm/Neu-Ulm anzutreffen, wo auch der Verein \"Multi-Kulturhaus Ulm e.V.\" (MKH) in Neu-Ulm, der im Dezember 2005 verboten wurde, pr\u00e4genden Einfluss ausge\u00fcbt hatte. In diesem Umfeld fielen deutschsprachige Propagandaschriften auf, die auch nach dem Verbot noch auftauchten und teilweise von einem \"Islamischen Propagandazentrum\" in Rabwa/Saudi-Arabien stammten.29 Propaganda in Diese Propaganda verweist typischerweise auch auf das Internet. Neben der der Region Ulm Webadresse des Ulmer Vereins \"Islamisches Informationszentrum\" (IIZ) finden sich die Internetauftritte von zwei hochrangigen wahhabitischen Rechtsgelehrten, die in islamistischen Kreisen \u00fcberregionalen Einfluss und Anerkennung genie\u00dfen. Der eine ist Salman al-AUDA, der auf Grund seiner extremistischen Ansichten schon mehrere Jahre in Haft war. Der zweite, Scheich al-MUNADJID, verdankt seine Popularit\u00e4t zahlreichen Fernsehauftritten.30 Seine antiwestlichen Hetztiraden sind ebenso beliebt wie seine in mehrere Sprachen \u00fcbersetzten Rechtsgutachten (Fatwas). Die Ansichten dieser \"Geistlichen\" sind exemplarisch f\u00fcr die wahhabitische Szene und verdeutlichen deren ambivalentes Verh\u00e4ltnis zur Gewalt. Sie sprechen sich daf\u00fcr aus, den bewaffneten Kampf materiell und personell zu unterScheich al-MUNADJID 28 Beispielsweise wird in einer der Hauptschriften von Muhammad Ibn Abd al-WAHHAB mit dem Titel \"Die Offenlegung der Scheinargumente gegen den Monotheisten\" (Kaschf al-Schubahat fi al-Tawhid) an mehreren Stellen darauf hingewiesen, dass schon Muhammad gegen seine Widersacher Gewalt angewendet h\u00e4tte. Diese Schrift ist inzwischen in mehrere Sprachen \u00fcbersetzt worden und wurde in Deutschland mehrfach in gedruckter Form sichergestellt. 29 Zum Beispiel Abdurrahman al-Sheba, Muhammad. Der Gesandte Allahs, Friede sei auf ihm, \u00fcbersetzt von Ahmed Ateia, Riyadh 2005, Abdurrahman al-Sheba, Muhammad, Botschaft des Islam, \u00fcberarbeitet von Ahmed Ateia, Riyadh 2004. 30 Bei einem saudischen Satellitensender, der sich gezielt an Muslime in der Diaspora wendet, werden immer wieder ohne festen Sendeplatz seine Vortr\u00e4ge gesendet. 42","Islamismus st\u00fctzen und f\u00f6rdern damit jedenfalls indirekt den internationalen Terrorismus. Dies bewahrheitete sich auch schon einmal in der Region Ulm, wo sich in den Jahren 2002 und 2003 Aktivisten aus dem dortigen islamistischen Milieu als K\u00e4mpfer nach Tschetschenien verabschiedeten und dort ihr Leben lie\u00dfen. Internetbanner des I.I.Z.-Organs Das I.I.Z.-Organ \"Denk mal islamisch\", das inzwischen nicht mehr neu erscheint, pries damals einen der Gefallenen als \"M\u00e4rtyrer\" und widmete ihm einen Nachruf.31 Generell lassen sich bei dieser Publikation, obgleich sie sich oberfl\u00e4chlich betrachtet mit rein religi\u00f6sen Themen zu besch\u00e4ftigen scheint, immer wieder \u00fcber einzelne Beitr\u00e4ge Bez\u00fcge zur Ideologie des Wahhabismus herstellen, die auf weltliche Dominanz zielen. Die Publikation \u00fcberzeichnet das manich\u00e4isch32 gepr\u00e4gte Menschenbild, das die \"wahre\" islamische Fr\u00f6mmigkeit als einen Ma\u00dfstab f\u00fcr die Unterscheidung von \"gut\" und \"b\u00f6se\" festschreibt, und greift das Konzept \"die Treue und der Bruch\" auf: \"Liebe, effektiver Beistand, Gehorsam, Empfehlungen geben, Freundschaft, die gesellschaftlichen Pflichten auf gute Weise erf\u00fcllen, das erfordert das gegenseitige Verst\u00e4ndnis und das Anvertrauen der Geheimnisse u.v.m. All diese Eigenschaften sollen nur unter Muslimen vorhanden sein und d\u00fcrfen nicht auf die Feinde des Islam \u00fcbertragen werden. Du musst wissen, lieber Bruder und liebe Schwester im Islam, dass Allah nicht zufrieden ist, wenn sich die Menschen unter einer anderen F\u00fchrung au\u00dfer der des wahren Glaubens einigen. Es gibt in dieser Aufteilung in Hinsicht zwei Arten von Menschen: Entweder from\"Gl\u00e4ubige\" und me Gl\u00e4ubige oder Ungl\u00e4ubige.\" 33 \"Ungl\u00e4ubige\" Die Publikation, versucht diese Feststellungen religi\u00f6s zu untermauern, indem sie Koranverse aufgreift, die der Wahhabismus st\u00e4ndig bem\u00fcht, um 31 I.I.Z.-Zeitschrift \"Denk mal Islamisch\", Ausgabe 5, S. 8. 32 Nach der Lehre des persischen Religionsstifters Mani, welche auf der Dualit\u00e4t \"gut versus b\u00f6se\" beruht. 33 \"Denk mal Islamisch\", Onlineausgabe 3; Internetauswertung vom 27. Dezember 2006. 43","Muslime von \"sch\u00e4dlichen\" Kontakten oder gar Freundschaften mit \"Ungl\u00e4ubigen\" abzuhalten. Sie bettet religi\u00f6s verordneten Hass gegen\u00fcber anderen Glaubensgemeinschaften wie Juden und Christen in einen traditionellen Zusammenhang ein, der belegen soll, dass schon zur Zeit des Propheten Muhammad vor ihnen gewarnt wurde: \"O die ihr glaubt! Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden. Sie sind einander Freunde. Und wer sie von euch zu Freunden nimmt, der geh\u00f6rt f\u00fcrwahr zu Ihnen. Wahrlich, Allah weist nicht dem Volk der Ungerechten den Weg (Koran 5,51).\" 34 Eine zunehmende Verbreitung wahhabitisch gepr\u00e4gten Gedankenguts k\u00f6nnte zuk\u00fcnftig durch die ihm innewohnende Ideologie der Fremdenfeindlichkeit den gesellschaftlichen Konsens schw\u00e4chen und die Zusammenarbeit der demokratischen Grundpfeiler des politischen Systems gef\u00e4hrden. Dies gilt insbesondere dann, wenn wahhabitische Islamauslegungen unter in Deutschland lebenden Muslimen dominant w\u00fcrden. Die Affinit\u00e4t zur verbalen und unter bestimmten Umst\u00e4nden auch physischen Gewalt lassen dar\u00fcber hinaus Zug\u00e4nge zu Terrorismus begr\u00fcndenden Doktrinen erkennen. 3.2 Die \"Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger In den Jahren 1924 bis 1926 hatte Mustafa Kamal (Atat\u00fcrk) in der T\u00fcrkei das Kalifat aufgehoben und die Schariagesetzgebung abgeschafft. Damals kam unweigerlich die Frage auf, ob das Kalifat notwendig sei oder nicht. Religi\u00f6se Gruppen forderten einen islamischen Kongress, der in Kairo abgehalten werden sollte, um diese Frage so bald wie m\u00f6glich zu kl\u00e4ren. Der Grundschullehrer Hassan al-BANNA, der 1928 in \u00c4gypten die religi\u00f6s-politische Bewegung der \"Muslimbruderschaft\" (MB) gegr\u00fcndet hatte, z\u00e4hlte zu den engsten Anh\u00e4ngern. Hassan al-BANNA In dieser Zeit machte \u00c4gypten seine ersten Erfahrungen mit einer liberalen Verfassung unter der Regierung der liberalen Wafd-Partei. Auf der politi34 Ebd. 44","Islamismus schen B\u00fchne standen die Interessen des K\u00f6nigshauses, Gro\u00dfbritanniens und der Wafd einander diametral gegen\u00fcber. Die soziale Lage der Bev\u00f6lkerung verschlechterte sich im Zuge der beiden Weltkriege, in denen \u00c4gypten als B\u00fchne f\u00fcr die Alliierten und die Achsenm\u00e4chte diente, dramatisch. In dieser Zeit entstanden viele am Beispiel des Faschismus orientierte Bewegungen, die paramilit\u00e4rische Jugendorganisationen unterhielten, so auch die MB. Al-BANNA hatte in seinen Schriften den Djihad wieder salonf\u00e4hig gemacht, beschwor ihn damals aber nicht nur als Verteidigungs-, sondern auch als Eroberungskrieg.35 Am 12. Februar 1949 wurde al-BANNA vom Leiter der Sonderabteilung der Polizei auf offener Stra\u00dfe erschossen. Die \"Muslimbr\u00fcder\", die daraufhin gefangen genommen wurden, schm\u00fcckten ihre Zellen.36 \"Der Lohn derer, die gegen Gott und seinen Gesandten Krieg f\u00fchren und (\u00fcberall) im Land eifrig auf Unheil bedacht sind, soll darin bestehen, dass sie umgebracht oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen wechselweise (rechts und links) Hand und Fu\u00df abgehauen wird, oder dass sie des Landes verwiesen werden. Das kommt ihnen als Schande im Diesseits zu. Und im Jenseits haben sie (\u00fcberdies) eine gewaltige Strafe zu erwarten.\" (Koran 5, 33) Die Organisation wurde verst\u00e4rkt verfolgt, nachdem 1954 ein Attentat auf den \u00e4gyptischen Staatspr\u00e4sidenten Gamal Abdel Nasser der MB zugeschrieben wurde. Sehr viele fanden Zuflucht im Ausland, wohin sie ihre Ideologie mitnahmen und wichtige Netzwerke aufbauen konnten. Andere, wie der sp\u00e4ter zu Ber\u00fchmtheit gelangte Sayyid QUTB, wurden in \u00e4gyptischen Gef\u00e4ngnissen gefoltert. Unter diesem Eindruck und nachdem er einige B\u00fccher des indo-pakistanischen Denkers Sayyid Abu al A'la MAUDUDI (1903-1979) gelesen hatte (dieser setzte im indo-pakistanischen Abspaltungskontext sehr stark auf den Djihad), formulierte er den verh\u00e4ngnisvollen Gedanken, dass eine muslimische Gesellschaft, wenn sie derartige Tyrannen an der Macht dulde, ohne Widerstand zu leisten, f\u00fcr ungl\u00e4ubig erkl\u00e4rt beziehungsweise ihr die Zugeh\u00f6rigkeit zum Islam abgesprochen werden m\u00fcsse. Sp\u00e4tere Generationen legten seine Aussage noch einen Schritt 35 Hassan al-Banna: Sind wir ein handlungsf\u00e4higes Volk?, Internetauswertung der Homepage der \"an-Nahda\" am 3. November 2006. 36 Mitchell, Richard P.: The Society of the Muslim Brothers. New York, Oxford 1993, S. 69. 45","weiter aus, indem sie muslimischen Bev\u00f6lkerungen, die eine nichtislamische Regierungsform duldeten, erst den Glauben absprachen, um sie dann f\u00fcr vogelfrei zu erkl\u00e4ren. Von der offiziellen MB in \u00c4gypten hei\u00dft es heute oft, dass sie sich von der Gewalt distanziert habe und nur noch auf legalem Wege durch die Institutionen an die Macht gelangen wolle. Dies stimmt allerdings nur bedingt. Bezeichnend daf\u00fcr sind die Positionen Mustafa MASHHURs, der von 1996 bis zu seinem Tod im Jahr 2002 \"Oberster F\u00fchrer\" (al-Murschid al-'Amm) der MB war und zuvor am Aufbau ihrer internationalen Organisation mitgewirkt hatte. Er sah die MB einer Koalition der \"Feinde Gottes\" gegen\u00fcberstehen und entwickelte in seinen Schriften verschiedene Konzeptionen und Theorien zur Notwendigkeit des Djihad. Diese nahm er auch nicht zur\u00fcck, als islamistische Terroristen in den neunziger Jahren \u00c4gypten mit blutigen Attentaten \u00fcberzogen. Er agierte mit dem Fernziel, alle islamistischen Gruppen inklusive der Djihadisten in einer gro\u00dfen Bewegung unter der F\u00fchrung der \"Muslimbr\u00fcder\" zusammenzufassen. Daher hat MASHHUR in den achtziger Jahren die Entsendung von Freiwilligen in den Kampf gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan organisiert. Um der internen Kritik gem\u00e4\u00dfigter Aktivisten zu begegnen, verwies er jedoch immer wieder darauf, dass die Anwendung von Gewalt erst dann sinnvoll sei, wenn die Organisation, gest\u00fctzt von einer wirklich breiten Basis in der Bev\u00f6lkerung, die Machtfrage stellen k\u00f6nne. Der seit 2004 amtierende \"Oberste Bef\u00fcrwortung F\u00fchrer\" Muhammad Mahdi AKIF von Gewalt unterst\u00fctzt \u00f6ffentlich den gewaltsamen Widerstand im Irak und die Selbstmordattentate der HAMAS und anderer pal\u00e4stinensischer Gruppen. Einem j\u00fcdischen Staat spricht er das Existenzrecht ab. In Bezug auf den Westen ist er zuversichtlich, dass eine Islamisierung Europas und der USA nur noch eine Frage der Zeit sei. In einem Interview mit der englischsprachigen \u00e4gyptischen Wochenzeitung \"Al-Ahram Weekly\" im Dezember 2005 beantwortete er die Frage nach den \u00e4gyptisch-israelischen Beziehungen und einer m\u00f6glichen Anerkennung Israels: Bezeichnung \"Ich erkl\u00e4rte, dass wir Israel nicht anerkennen werIsraels als den, da es ein fremdes Gebilde in der Region dar\"Krebsgeschw\u00fcr\" stellt. Wir hoffen, dieses Krebsgeschw\u00fcr bald los zu sein. (...) Wenn sie mit uns als normale B\u00fcrger unse46","Islamismus re Rechte und Pflichten teilen wollen, so macht es uns nichts aus. Aber so sie ein tyrannisches Besatzungsland bleiben, wird dies nicht geschehen, so Gott will.\" 37 Eine speziell f\u00fcr Kinder geschaffene Internetseite, auf die die arabische Hauptseite der MB verweist, macht deutlich, wie versucht wird, bereits Kindern \"die Juden\" als Feindbild nahe zu bringen. Unter der \u00dcberschrift \"Allgemeinwissen\" findet man das Bild eines \"j\u00fcdischen M\u00f6rders\" mit blutigem Dolch. Im Text werden verschiedene Fragen formuliert: \"Wusstest du, dass die Juden 25 Propheten ermordeten? (...) Wusstest du, dass die Juden h\u00e4ufig versuchten, unseren geliebten Propheten zu t\u00f6ten? (...) Wusstest du, dass Korruption und Verkommenheit ihren Ursprung in den Aktivit\u00e4ten und Planungen der Juden haben? (...) Wusstest du, dass die Juden, die unser Land und unsere heiligen St\u00e4tten besetzen, die Besetzung der restlichen islamischen L\u00e4nder planen und ein gr\u00f6\u00dferes Israel, vom Euphrat bis zum Nil, gr\u00fcnden wollen? (...) Wusstest du, dass die Juden die ganze Welt gegen den Islam und die Muslime aufhetzen? 38 Den einzigen Schutzmechanismus, den die MB gegen Machtmissbrauch oder Willk\u00fcr der Obrigkeit vorsieht, ist die Religiosit\u00e4t des Staatsb\u00fcrgers. Abgesehen von den Schriften des tunesischen \"Muslimbruders\" Rached GHANNOUSHI ist in den Verlautbarungen der MB keine Rede von real greifbaren Kontrollmechanismen wie Gewaltenteilung, Verfassungsgerichtsbarkeit oder freier Presse. Bei den Parlamentswahlen, die mit der ersten Wahlrunde am 9. November 2005 in \u00c4gypten begonnen hatten, haben von 150 angetretenen \"Muslimbr\u00fcdern\", die als so genannte \"unabh\u00e4ngige Kandidaten\" angetreten waren, 88 einen Sitz f\u00fcr sich erringen k\u00f6nnen. Insgesamt umfasst das Parlament 444 Sitze. Mit diesem Ergebnis sind sie zur zweitst\u00e4rksten Partei \u00c4gyptens avan37 Al-Ahram Weekly No. 773, 15.-21. Dezember 2005. 38 Internetauswertung vom 12. April 2006. 47","ciert, und dies, obwohl viele Anh\u00e4nger der MB am Urnengang gehindert wurden, als sich abzeichnete, dass ihre Kandidaten die Zweidrittelmehrheit der Regierungspartei gef\u00e4hrdet h\u00e4tten.39 3.2.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) Gr\u00fcndung: 1982 Hauptsitz: M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 180 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 190) ca. 1.300 Bund (2005: ca. 1.300) Publikation: \"Al-Islam\" (bis 2003 in gedruckter Version), seither Ver\u00f6ffentlichungen in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden auf eigener Homepage Die \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) ist eine einflussreiche sunnitische Organisation arabischer Islamisten in Deutschland, die seit 1960 besteht. Hauptsitz ist M\u00fcnchen. Ein in Stuttgart bestehendes \"Islamisches Zentrum\" wurde auf der IGD-eigenen Homepage unter \"Islamische Zentren der IGD\" aufgef\u00fchrt.40 Ab Mitte 2006 wurde das \"Islamische Zentrum Stuttgart\" (IZS) unter derselben Rubrik als \"Kooperationspartner der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" bezeichnet.41 Eigenen Angaben der IGD zufolge steht in Baden-W\u00fcrttemberg dar\u00fcber hinaus noch der \"Verein f\u00fcr Dialog und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung e.V.\" in Karlsruhe in Kooperation mit der IGD. Ab 2002 wurden juristische und organisatorische Umstrukturierungen in Gang gesetzt. In Baden-W\u00fcrttemberg ist die IGD im \"Zentralrat der Muslime in Baden-W\u00fcrttemberg\" vertreten. Der sich als \"unabh\u00e4ngig\" bezeichnende Dachverband \"Zentralrat der Muslime in Deutschland\" (ZMD) vertritt auch die Interessen der IGD, die Mitglied im ZMD ist. Auf europ\u00e4ischer Ebene ist die IGD in der \"Federation of Islamic Organisations in Europe\" (FIOE) vertreten. Die IGD ist Gr\u00fcndungsmitglied der FIOE. Die FIOE pflegt als internationaler Dachverband die Auslandsbeziehungen Internetbanner der IGD 39 Monatsbrief der Hanns-Seidel-Stiftung 11/05. Projektland \u00c4gypten, URL: http://www.hss.de/downloads/ 0511_Monatsbericht_Aegypten.pdf. 40 Internetauswertung vom 10. Januar 2006. 41 Internetauswertung vom 13. November 2006. 48","Islamismus und vertritt offiziell die Position, die zentrale Anlaufstelle im sunnitischislamischen Bereich zu sein. Ihre politische Linie ist darauf ausgerichtet, sich eine zunehmend st\u00e4rkere Position zu sichern, um andere islamische Organisationen und Vereine kontrollieren zu k\u00f6nnen. Ideologisch sieht sich die FIOE dem Erbe des Gr\u00fcnders der \"Muslimbruderschaft\" (MB) Hassan al-BANNA (1906-1949) verpflichtet. Der seit 2002 amtierende Pr\u00e4sident der IGD, Ibrahim el-ZAYAT, der 2006 f\u00fcr weitere vier Jahre in seinem Amt best\u00e4tigt wurde, hat gleichzeitig die Stellung eines Vorstandsmitgliedes und Vertreters der FIOE in Deutschland. Die Identifikation der IGD mit der Ideologie der islamistischen Bewegung, deren \u00e4ltester und bedeutendster Exponent die MB ist, wird schlussendlich dadurch transparent, dass das \"Islamische Zentrum M\u00fcnchen\" in seiner Schriftenreihe Werke MAUDUDIs wieder neu auflegt, der die ideologische Auspr\u00e4gung der islamistischen Bewegung ma\u00dfgeblich beeinflusst hat.42 Beim \"Tag der Offenen Moschee\" am 3. Oktober 2006 wurden im \"Islamischen Zentrum Stuttgart\" (IZS) B\u00fccher MAUDUDIs, des Sekret\u00e4rs und Schwiegersohns von al-BANNA, Dr. Said RAMADAN, des Herausgebers der vom \"Islamischen Zentrum\" in M\u00fcnchen publizierten Zeitschrift \"Al-Islam\", Ahmad von DENFFER, sowie des f\u00fcr seine anti-darwinistischen, gegen Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularismus gerichtete Positionen bekannten Autors Adnan OKTAR alias Harun YAHYA und des franz\u00f6sischen Konvertiten und Holocaust-Leugners Roger GARAUDY angeboten. Rechtliche Problemstellungen werden seitens des \"European Council for Fatwa and Research\" (ECFR), also \"Europ\u00e4ischen Rates f\u00fcr Rechtsgutachten und wissenschaftliche Studien\", welcher 1997 von der FIOE ins Leben gerufen wurde, gel\u00f6st. Eine zentrale Stellung hat hier die Scharia (islamisches Gesetz), die dem ECFR zufolge einen allumfassenden Charakter besitzt. Der dem ECFR vorstehende Dr. Yusuf al-QARADAWI bezeichnet das islamische Gesetz in seiner Abhandlung \"Gesetzeswissenschaft muslimischer Minderheiten - das Leben der Muslime inmitten anderer Gesellschaften\" als \"die Scharia f\u00fcr die gesamte Menschheit\", \"f\u00fcr die Wissenden\" 43 sowie f\u00fcr \"alle Generationen\".44 42 So publizierte das \"Islamische Zentrum M\u00fcnchen\" im Rahmen seiner Schriftenreihe beispielsweise das Werk \"Islamische Lebensweise\" von MAUDUDI: Schriftenreihe des \"Islamischen Zentrums M\u00fcnchen\" Nr. 17. Nach der englischen Fassung von Khurshid AHMAD, dem Vize der \"Djama'ati Islami\", die von MAUDUDI gegr\u00fcndet wurde. Deutsch von Ayisha Niazi und Fatima Heeren. 43 Diejenigen, die die Wahrheit kennen und sich demzufolge auch zu ihr bekennen. 44 \"Fi Fiqh al-Aqalliyyat al-muslima-Hayat al-Musliminin wasata 'l-Mudjtama'at al-ukhra\", Dar ash-Shuruq, Kairo, 2. Auflage erschienen 2005, ab S. 13. 49","Neben seiner Funktion als Vorsitzender des europ\u00e4ischen Fatwa-Gremiums ECFR verfasste der \u00e4gyptischst\u00e4mmige Rechtsgelehrte al-QARADAWI zahlreiche Publikationen und zeichnet sich durch eine rege TVund InternetPr\u00e4senz aus. Bei \"Die Shari'ah und das Leben\" (\"ash-Shari'a wa'l-Hayat\") handelt es sich um eine Sendung, die von dem bekannten Sender al-Jazeera des Golfemirates Qatar ausgestrahlt wird und sich gro\u00dfer Beliebtheit erfreut. Der ECFR versteht sich als zentrale Autorit\u00e4t in Schariafragen f\u00fcr die muslimischen Minderheiten in den europ\u00e4ischen Diaspora-L\u00e4ndern. \"Dieser Rat\", so al-QARADAWI, \"unterst\u00fctzt die muslimische Gemeinschaft in Europa dabei, unter dem Schutz des Islam mit den anderen zusammenzuleben, unter dem Schutz des Fiqh eines wahren Islam\" 45. Auch in einer Publikation des \"Islamischen Zentrums M\u00fcnchen\" wurde betont, dass das Gesetz, dem beide Ehepartner verpflichtet sind, die Scharia ist.46 Die Verfasserinnen bef\u00fcrworten die Anwendung der inhumanen Haddstrafen47: \"(...) F\u00fcnftens werden geschlechtliche Beziehungen drakonische au\u00dferhalb der Ehe nach islamischem Recht nicht Strafen bei nur als S\u00fcnde, sondern auch als Vergehen betrachEhebruch tet, das nach dem Gesetz auf die gleiche Weise wie Diebstahl oder Mord bestraft wird. Die Strafe daf\u00fcr wird auf M\u00e4nner und Frauen gleicherma\u00dfen angewandt und ist in ihrer Auswirkung hart und abschreckend.\" 48 Ibrahim el-ZAYAT vertritt die saudisch-wahhabitisch beeinflusste Jugendorganisation \"World Assembly of Muslim Youth\" (WAMY). Auf deren Webseite wird el-ZAYAT als Repr\u00e4sentant der \"Islamischen Weltjugendversammlung f\u00fcr Westeuropa und Deutschland\" vorgestellt.49 Die Haltung der WAMY gegen\u00fcber Juden speist sich nicht allein aus dem Pal\u00e4stinakonflikt. Generell vertritt sie die Position, dass \"die Juden die Feinde der Gl\u00e4ubigen, Gottes und der Engel sind; die Juden sind die Feinde der Menschheit\".50 45 \"El-Europiyya\" Nr. 25 vom April 2001, Artikel S. 28-30: \"Der Europ\u00e4ische Rat f\u00fcr Rechtsgutachten und wissenschaftliche Studien hat eine gro\u00dfe L\u00fccke in Europa ausgef\u00fcllt.\" 46 LEMU, Aisha B. und GRIMM, Fatima: \"Frau und Familienleben im Islam.\"; herausgegeben vom Islamischen Zentrum M\u00fcnchen\", 1999, S. 12f. 47 Die im Koran vorgesehenen teils drakonischen Strafen. 48 LEMU, Aisha B. und GRIMM, Fatima: \"Frau und Familienleben im Islam.\"; herausgegeben vom Islamischen Zentrum M\u00fcnchen\", 1999, S. 22f. 49 Internetauswertung vom 13. November 2006. 50 Internetauswertung vom 6. November 2006. 50","Islamismus In ihrer Schrift \"Taudjihat Islamiya\" (Islamische Ansichten) konkretisiert die WAMY ihre Vorstellung einer wirksamen Kindererziehung: \"Lehrt unsere Kinder zu lieben, dass Rache an den Juden und den Unterdr\u00fcckern genommen wird und lehrt sie, dass unsere Jugend Pal\u00e4stina und Al-Quds [Jerusalem] befreien wird, wenn sie zum Islam zur\u00fcckkehren und den Jihad um der Liebe Allahs wegen aus\u00fcben.\" Bei der 12. Islamwoche, die vom 15. bis zum 19. Mai 2006 von der \"Musli12. Islamwoche mischen Studentenunion an der Universit\u00e4t Stuttgart\" (MSU) abgehalten in Stuttgart wurde, lagen wie schon 200551 Publikationen aus, in denen auch islamistisches Gedankengut der oben genannten wahhabitischen Jugendorganisation WAMY zu finden war: \"Die Charta, die Verk\u00fcndungen und die Beschl\u00fcsse der Vereinten Nationen k\u00f6nnen nicht mit den von Gott bindend gemachten Rechten verglichen werden, weil die ersten auf niemanden, die letzten aber auf jeden Gl\u00e4ubigen anwendbar sind. Sie sind ein Teil des islamischen Glaubens. Jeder Muslim oder Verantwortliche, der sich zum Islam bekennt, muss sie anerkennen beziehungsweise durchsetzen. Wenn es ihnen missf\u00e4llt, sie durchzusetzen und sie anfangen, die von Gott garantierten Rechte zu verweigern, zu ver\u00e4ndern oder gegen sie zu versto\u00dfen und gleichzeitig zu ihnen ein Lippenbekenntnis ablegen, dann ist das Urteil f\u00fcr solche Regierungen im Quran klar und eindeutig: (...) Und wer nicht richtet nach dem, was Gott herabgesandt hat - das sind Ungl\u00e4ubige (5:47).\" 52 Auch die 1994 gegr\u00fcndete \"Muslimische Jugend in Deutschland\" (MJD), die der IGD nahe steht, hat internationale Jugendarbeit auf dem Programm. Hierbei genie\u00dft der Da'wa-Gedanke oberste Priorit\u00e4t. So hei\u00dft es in dem von der MJD herausgegebenen Buch von Mustafa ISLAMOGLU mit dem Titel \"Ratschl\u00e4ge an meine jungen Geschwister\", dass \"das erste, was ihr vertei51 \"Die Menschenrechte im Islam\". World Assembly of Muslim Youth, so publiziert auf einer DVD der MSU, erworben auf der 11. Islamwoche an der Uni Stuttgart, Juni 2005. 52 Ebd. 51","digen sollt, ist nicht euer Ego, sondern die Ehre eurer Religion\", wie auch: \"Wenn ihr Beamte in einem nicht-islamischen System werden wollt, dann werdet nicht Beamte dieses Systems, sondern dort 'Beamte des Islam'.53 Der Autor trat in der Vergangenheit auch bei der \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) auf. Die IGMG ist ebenfalls in der FIOE vertreten. ISLAMOGLU hat die F\u00fchrung \u00fcber die 1990 gegr\u00fcndete \"Akabe Bildungsund Kulturstiftung\" (AKEV) inne. Auf der Homepage der AKABEStiftung hei\u00dft es: \"Unsere Gemeinde beachtet das islamische Recht aufs \u00e4u\u00dferste. Sie achtet darauf, dass dieses Recht nicht nur unter ihren eigenen Angeh\u00f6rigen, sondern unter allen Muslimen Anwendung findet (...).54 Demzufolge steht die islamische Umma (Gemeinschaft) \u00fcber der Identit\u00e4t als B\u00fcrger eines Staates. Regelm\u00e4\u00dfig f\u00fchrt die MJD Freizeitcamps und Reisen durch. So verlief beispielsweise die Route einer von der MJD durchgef\u00fchrten Reise nach Spanien \u00fcber Chateau-Chinon in Frankreich zum \"Institut Europeen des Sciences Humaines\" (I.E.S.H.), einer Bildungseinrichtung mit starkem Bezug zu MB-Organisationen in Frankreich.55 Auf der Webseite des Institutes wird unter der Rubrik \"Theologie et Fatwa\" auf den ECFR unter der F\u00fchrung von al-QARADAWI als Quelle von Rechtsgutachten f\u00fcr die sozialen Probleme in Europa verwiesen.56 3.2.2 \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya\" (HAMAS) 1978 gr\u00fcndete Scheich Ahmad YASSIN die Organisation \"Mudjamma al-Islami\" (\"Islamisches Zentrum\"), die sich aufgrund gezielter Propaganda und Sozialarbeit bald gro\u00dfer Popularit\u00e4t bei der Bev\u00f6lkerung des GazaStreifens erfreute. Ende 1987 bildete sich mit der ersten Intifada (Aufstand der Pal\u00e4stinenser) die \"Harakat al-Muquwama al-Islamiya\" (Islamische Widerstandsbewegung; HAMAS) als militanter Ableger. Im Jahre 2006 konnte die HAMAS bei den Wahlen am 25. Januar 2006 einen gro\u00dfen Wahlerfolg verbuchen. Dieser ist jedoch nicht auf rein politische Beweggr\u00fcnde zur\u00fcckzuf\u00fchren. Insbesondere im Gaza-Streifen unterh\u00e4lt die HAMAS ein dichtes Netz sozialer Einrichtungen wie Krankenstationen und Schulen. 53 Islamoglu, Mustafa: \"Ratschl\u00e4ge an meine jungen Geschwister\", Berlin 2005, S. 54. 54 Internetauswertung vom 24. November 2005. 55 MJ-Newsletter, Juni 2000, Nr. 11, S. 1. 56 Internetauswertung vom 8. August 2006. 52","Islamismus Die HAMAS spricht Israel das Existenzrecht ab. Sie erachtet das Staatsgebiet Israels als Waqf-Land.57 Dies bedeutet, dass der Kampf gegen Israel nicht in einem rein regionalen Kontext gef\u00fchrt wird, sondern auf der Plattform einer islamischen Umma (der islamischen Gemeinschaft).58 Somit wird der Djihad (Kampf) gegen Israel als Fard'ain59 (individuelle Pflicht) erachtet. In der Charta der HAMAS vom 18. August 1988 hei\u00dft es in Artikel 15: \"Wenn die Feinde etwas vom Land der Muslime usurpieren, wird der Dschihad zu einer individuellen Pflicht f\u00fcr jeden Muslim. Um der Usurpation Pal\u00e4stinas durch die Juden zu begegnen, muss das Banner des Dschihad erhoben werden.\" Etwa einen Monat nach ihrem Wahlerfolg pr\u00e4sentierte die HAMAS VideoBotschaften von Selbstmordattent\u00e4tern. Eine der Botschaften war an die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung gerichtet: \"Meine Botschaft an die zu verabscheuenden Juden ist diejenige, dass es keinen Gott au\u00dfer Allah gibt, Hassbotschaft wir werden euch \u00fcberall jagen! Wir sind eine an alle Juden Nation, die Blut trinkt, und wir wissen, dass es kein besseres Blut gibt als dasjenige der Juden. Wir werden euch nicht in Ruhe lassen, bis wir unseren Durst und den Durst unserer Kinder nach eurem Blut gestillt haben. Wir werden euch nicht in Ruhe lassen, bis Ihr die muslimischen L\u00e4nder verlassen haben werdet.\" 60 Einem Interview mit HAMAS-Sprecher Mahmoud al-ZAHHAR auf \"al-Manar\"-TV war zu entnehmen: \"In der Region mussten wir der r\u00f6mischen, persischen Besatzung, der Okkupation durch die Kreuzfahrer und der britischen Besatzung trotzen. Sie sind 57 Der arabische Begriff \"Waqf\" tr\u00e4gt die Bedeutung \"fromme Stiftung\". Territorien, welche in der islamischen Fr\u00fchzeit seitens der Muslime \"anwatan\" (gewaltsam) erobert wurden, galten von nun an als \"Stiftungsgut\" im Sinne des Islam. 58 Andreas Meier, \"Politische Str\u00f6mungen im modernen Islam\", Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, Bonn 1995, S. 127. 59 Die Pflicht jedes einzelnen Muslims (Fard'ain) steht im Gegensatz zur Kollektivpflicht \"Fard kifaya\", wobei es gen\u00fcgt, wenn eine Anzahl von Muslimen der Pflicht nachkommt. 60 Webseite der HAMAS vom 12. Februar 2006. 53","alle verschwunden. Der israelische Feind geh\u00f6rt nicht in diese Region.\" 61 Der pal\u00e4stinensische Premierminister Isma'il HANIYA lie\u00df bei einer auf al-Jazeera gesendeten Ansprache verlauten: \"Wir werden Israel niemals anerkennen.\" 62 Neben dem politischen Fl\u00fcgel der HAMAS existiert mit den \"al-QASSAM-Brigaden\"63 ein milit\u00e4rischer Fl\u00fcgel. Die israelische Gesellschaft wird als militarisiert beschrieben. Demzufolge sieht sich die HAMAS berechtigt, mit ihrem milit\u00e4rischen Arm auch gegen Zivilisten vorzugehen. Der 1981 von Mitgliedern der \"Muslimbruderschaft\" (MB) gegr\u00fcndete \"Islamische Bund Pal\u00e4stina\" (IBP) repr\u00e4sentiert seit 1987 die Positionen der HAMAS in Deutschland. In Baden-W\u00fcrttemberg sind einzelne Personen der HAMAS zuzurechnen. Ein \"Wohlt\u00e4tigkeitsverein\", der unterst\u00fctzend f\u00fcr die HAMAS t\u00e4tig war, ist bereits im August 2002 durch den Bundesminister des Innern verboten worden. Das Verbot wurde am 3. Dezember 2004 mit Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) best\u00e4tigt.64 3.2.3 \"An-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\") Die tunesische \"an-Nahda\"-Partei (\"Bewegung der Erneuerung\") entstand Ende der sechziger Jahre aus dem \"Mouvement de la Tendence Islamique\" (MIT, \"Bewegung der islamischen Ausrichtung\"). Die MIT entstand durch den Zusammenschluss dreier Sympathisanten der pakistanischen TablighGruppe65 die um 1966/67 begann, in Tunesien zu missionieren. Diese drei 61 TV-Sender \"al-Manar\" am 25. Januar 2006. 62 Al-Jazeera am 6. Oktober 2006. 63 Benannt nach dem Syrer Izz ad-Din al-QASSAM, welcher in den 1930er-Jahren im Kampf gegen die britische Mandatsmacht gefallen ist. 64 BVerwG 6 A 10.02 vom 3. Dezember 2004. 65 Vgl. S. 59ff. 54","Islamismus Personen waren Scheich bin MILAD, Rached GHANNOUSHI, ihr sp\u00e4terer Pr\u00e4sident und wichtigster Ideengeber, sowie Ahmida ENNEIFAR. GHANNOUSHI, 1941 geboren, wuchs unter dem Eindruck der franz\u00f6sischen Kolonialherrschaft auf. W\u00e4hrend des Studiums kam er in Kontakt zu Kreisen des aufkommenden islamischen Fundamentalismus. In Paris begann er mit seinem religi\u00f6sen Aktivismus und schloss sich der \"Tabligh-i Jamaat\" an. Unter dem tunesischen Pr\u00e4sidenten Bourguiba wurde er zum Tode verurteilt, sp\u00e4ter unter dessen Nachfolger mehrmals zu einer lebensl\u00e4nglichen Haftstrafe verurteilt, weswegen er seit 1992 in London im Exil lebt. GHANNOUSHI kann sich einerseits f\u00fcr einen Staat, der auf Gewaltenteilung gr\u00fcndet, aussprechen, andererseits lehnt er ein s\u00e4kulares System strikt ab. Dies ist bedenkenswert, da GHANNOUSHI Mitglied im \"European Council for Fatwa and Research\" (ECFR) ist. \"Islam Online\" zufolge z\u00e4hlt er zu den Mitbegr\u00fcndern der \"World Assembly of Muslim Youth\" (WAMY).66 Die auf der Homepage von \"an-Nahda\" ver\u00f6ffentlichten Bilder und Texte zeigen, dass die \"Befreiung\" Pal\u00e4stinas zu den priorit\u00e4ren Zielen der \"an-Nahda\" z\u00e4hlt. Unter der Rubrik \"Islamisches Denken\" ist als erstes ein Aufsatz von Hassan al-BANNA, dem Begr\u00fcnder der \u00e4gyptischen \"Muslimbr\u00fcder\", mit dem Titel \"Sind wir ein handlungsf\u00e4higes Volk\" aufgelistet. In Baden-W\u00fcrttemberg engagieren sich Einzelpersonen f\u00fcr die Ziele der \"an-Nahda\". 3.3 \"Hizb ut-Tahrir\" (\"Partei der Befreiung\") Die \"Hizb ut-Tahrir\" (\"Partei der Befreiung\") wurde 1953 als Abspaltung der MB von Taqi ad-Din an-NABHANI in Jerusalem als eine politische Partei gegr\u00fcndet. Die Anh\u00e4nger dieser Gruppierung streben einen Zusammenschluss aller Muslime in einem Kalifat an. Das Kalifat wird auf der deutschsprachigen Internetseite als \"einziges Regierungssystem\" propagiert, das \"gem\u00e4\u00df dem Plan des Propheten Muhammad (...) der menschlichen Natur und ihren Bed\u00fcrfnissen\" entspr\u00e4che.67 Um dieses Ziel zu erreichen, setzen die Anh\u00e4nger in erster Linie auf die Verbreitung ihrer Ideen im Internet. Bei der Wahl ihrer Worte und Zitate betonen die Sprecher der Organisation einerseits, dieses Ziel auf friedlichem Wege erreichen zu wollen, doch andererseits l\u00e4sst sich sehr leicht zwischen den Zeilen ein ambivalentes Verh\u00e4ltnis zur Gewaltanwendung erkennen. 66 Internetauswertung vom 2. November 2006. 67 Internetauswertung vom 30. November 2006. 55","In einigen der zahllosen Streitschriften, Flugbl\u00e4tter und Artikel, die auch im Jahr 2006 vor allem \u00fcber das Internet verbreitet wurden, lassen sich noch immer Formulierungen finden, die sich gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung richten. Am 15. Januar 2003 wurde der Organisation mit dieser Begr\u00fcndung die Bet\u00e4tigung in der Bundesrepublik Deutschland verboVerbot best\u00e4tigt ten. Das Verbot wurde am 25. Januar 2006 vom Bundesverwaltungsgericht in Leipzig best\u00e4tigt.68 deutschsprachige Homepage der \"Hizb ut-Tahrir\" Die \"Hizb ut-Tahrir\" ist in zahlreichen L\u00e4ndern vertreten und versucht Anh\u00e4nger f\u00fcr ihre Kalifatsidee zu gewinnen. Ein Schwerpunkt l\u00e4sst sich in den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken und vor allem in Gro\u00dfbritannien erkennen. In zahlreichen arabischen Staaten mit Ausnahme Libanons, den Vereinigten Arabische Emiraten und des Jemen ist die Organisation verboten. In Gro\u00dfbritannien wurde in den letzten beiden Jahren, insbesondere nach den Anschl\u00e4gen vom 7. Juli 2005 und den verhinderten Anschl\u00e4gen auf Transatlantikfl\u00fcge mit den Verhaftungen vom 10. August 2006 ein Verbot intensiv diskutiert. Dies hielt prominente Sprecher der Organisation aber nicht ab, \u00f6ffentlich f\u00fcr die Ziele bei Demonstrationen und in Interviews aufzutreten. Die Verbotsdiskussion hatte zur Folge, dass sich prominente Sprecher der Organisation von umstrittenen \u00c4u\u00dferungen distanzierten und auf der Internetseite bedenkliche Inhalte bereinigt wurden.69 Der Sprecher der \"Hizb ut-Tahrir\" in D\u00e4nemark wurde bereits im Oktober 2002 aufgrund seiner antij\u00fcdischen \u00c4u\u00dferungen zu 60 Tagen Haft auf Bew\u00e4hrung verurteilt. Er hatte Flugbl\u00e4tter mit einem Koranvers (2:191) verteilt, in dem es hei\u00dft: 68 Az.: 6 A 6.05. 69 Internetauswertung vom 4. Februar 2006. 56","Islamismus \"Und t\u00f6tet sie, wo ihr sie trefft (...)\". Im August 2005 trat er erneut in die \u00d6ffentlichkeit, als er Flugbl\u00e4tter verteilte, in denen er zum Kampf gegen die amerikanischen Truppen im Irak aufrief. Er meldete sich auch im Zusammenhang mit der Ver\u00f6ffentlichung der d\u00e4nischen Muhammad-Karikaturen zu Wort und wurde deswegen im August 2006 erneut verurteilt. Das Fehlen eines Kalifen gilt als wichtigster Grund f\u00fcr die zahllosen Konflikte und Probleme, mit denen die islamische Umma in der Gegenwart konfrontiert ist. So stellte ein ungenannter Autor eines Artikels vom 17. September 2006 auf der \"Hizb ut-Tahrir\"-Homepage70 die ironische Frage: \"H\u00e4tte es der r\u00f6mische Papst gewagt, den gro\u00dfartigen Islam anzugreifen, wenn der islamische Staat - das rechtgeleitete Kalifat - vorhanden w\u00e4re?\" Den Text will der Autor als Botschaft an die Muslime verstanden wissen. Diese warnte er vor dem \"Betrug des interreligi\u00f6sen Dialogs\", den der Papst predigen w\u00fcrde. Der Autor erkennt an diesem Aufruf des Papstes: \"Er dient dazu den Wert des Islam in den Herzen der Muslime zu schw\u00e4chen und die in ihrem \u00dcberzeugungsfundament anzugreifen (...). Dies ist das wahre Motiv hinter dem p\u00e4pstlichen Aufruf zum interreligi\u00f6sen Dialog. In einer hinterlistigen und irref\u00fchrenden Weise ist es ein Aufruf gegen den Islam und seine Anh\u00e4nger. (...) Wer den Islam beleidigt und sein Buch oder seinen Gesandten, wer seine Speerspitze, den Dschihad, an den Pranger stellt, dem darf nicht erlaubt werden, islamischen Boden zu betreten. Auch darf er nicht in den St\u00e4tten des Islam empfangen werden, bis der Staat des Islam, der Staat des rechtgeleiteten Kalifats, wiedererrichtet wird. Dieser wird wissen, wie er den Feinden des Islam zu begegnen hat (...)\" Am 25. Oktober 2006 wurde ein Artikel im Zusammenhang mit den in islamischen Kreisen umstrittenen \u00c4u\u00dferungen einer t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Abgeordneten des Deutschen Bundestages ver\u00f6ffentlicht, die Frauen dazu auf70 Hier und im Folgenden: \"Hizb ut-Tahrir\"-Website vom 5. Dezember 2006; \u00dcbernahme wie im Original. 57","rief, ihr Kopftuch abzulegen. Der Autor sah u. a. darin die \"Rhetorik erkl\u00e4rter Islamfeinde\" beziehungsweise einer \"Ungl\u00e4ubigen\". Vor solchen Anfeindungen k\u00f6nne es nur einen Schutz geben: \"Die Gr\u00fcndung des Kalifats ist der einzige Weg, um den Muslimen - auch hier in Europa - ihre W\u00fcrde zur\u00fcckzugeben und sie in ihrer Gesamtheit vor den hinterlistigen Anfeindungen und den brutalen Attacken der Ungl\u00e4ubigen zu sch\u00fctzen.\" Auf der Homepage der \"Hizb ut-Tahrir\" wurde auch ein Themenregister des Korans mit dem Titel \"Lan Tabur\" des Autors RASSOUL eingestellt. Weitere B\u00fccher von RASSOUL werden ebenfalls unter der Rubrik Sunna elektronisch ver\u00f6ffentlicht. Darunter auch ein Lexikon der Sira (Lebensgeschichte des Propheten) und die Hadithsammlung von al-Bukhari71. In dem Themenregister kann man gezielt nach Aussagen und Stellen im Koran in deutscher Sprache suchen. In der Hadithsammlung findet sich auch ein besonderes Kapitel \"Vom Dschihad und Leben des Propheten...\", in dem auch jene Prophetenspr\u00fcche zu finden sind, die von djihadistischen Gruppen verwendet werden, wie etwa unter der Nummer 2818: \"Und wisset, dass das Paradies unter den Schatten der Schwerter liegt!\", oder auch Nummer 2926: \"Die Stunde wird nicht kommen, bis ihr gegen die Juden solange k\u00e4mpft, und bis der Stein, hinter dem sich der Jude versteckt hat, spricht: 'Du Muslim, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt, so t\u00f6te ihn.'\" Schriften in BadenSchriften der \"Hizb ut-Tahrir\" konnten in der Vergangenheit in gr\u00f6\u00dferer W\u00fcrttemberg Zahl bei verschiedenen Personen in Heidelberg, Karlsruhe und Stuttgart sichergestellt sichergestellt werden. Viele solcher Texte, Videos und Audiovortr\u00e4ge stehen allerdings auch im Internet zur Verf\u00fcgung. Da die Organisation in Gro\u00dfbritannien nicht verboten ist, konnten ihre Anh\u00e4nger im Jahre 2006 publikumswirksame \u00f6ffentliche Auftritte organisieren. Besondere Aufmerksamkeit in den Medien wurde den Demonstrationen gegen die d\u00e4nischen Karikaturen in London zuteil. Bei den Protestz\u00fcgen der Partei am 4. Februar 2006 nahmen \u00fcber 1.000 Personen teil. Am Tag zuvor trugen Demonstranten erschreckende Drohslogans auf ihren Plakaten: \"7/7 is on its way\" (der 7. Juli wird kommen, in Anspielung auf die Attentate in der Londoner U-Bahn); \"Europe you will pay, your 9/11 is on the way\" (Europa du wirst zahlen, dein 11. September ist unterwegs); \"Be71 810-870. Islamischer Gelehrter, dessen Hauptwerk, der \"Sahih\" (eine Hadithsammlung), bis heute im sunnitischen Islam h\u00f6chste Autorit\u00e4t genie\u00dft. 58","Islamismus head those who insult Islam\" (K\u00f6pft jene, die den Islam beleidigen).72 Ein Sprecher der \"Hizb ut-Tahrir\" verurteilte diese Slogans. Diese Demonstranten wurden aber dem Umfeld der am 17. Juli 2006 in Gro\u00dfbritannien verbotenen militanten Gruppierung \"Ghurabaa\" (die Fremden) zugerechnet. Diese Organisation gilt als Nachfolgeorganisation einer \"Hizb ut-Tahrir\"Abspaltung, der aufgel\u00f6sten Gruppe um den extremistischen Prediger Omar BAKRI namens \"al-Muhajiroun\". BAKRI floh nach den Anschl\u00e4gen am 7. Juli 2005 in den Libanon. Seine Anh\u00e4nger organisierten sich darauf in den im Juli 2006 verbotenen Gruppen \"Ghurabaa\" und \"Firqat un-Naajiyah\" (die errettete Schar).73 Diese Entwicklung zeigt, dass sich Personen aus dem Kern der \"Hizb ut-Tahrir\" f\u00fcr den Weg der Gewalt entscheiden k\u00f6nnen. Die ideologische Grundlage bleibt dabei nahezu identisch. Die noch nicht abgeschlossenen Ermittlungen im Zusammenhang mit den verhinderten Anschl\u00e4gen auf Transatlantikfl\u00fcge zeigten, dass im Umfeld der Verd\u00e4chtigen die hier beschriebenen Gruppierungen besonders aktiv waren. 3.4 \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission\") Die Bewegung der Tablighis wird in englischsprachigen Medien auch h\u00e4ufiger als \"biggest Muslim evangelical movement\" (gr\u00f6\u00dfte muslimische evangelikale Bewegung) bezeichnet.74 Diese indische \"Re-Islamisierungsstr\u00f6mung\" steht auch unter dem Einfluss der Deobandi-Bewegung, die im 19. Jahrhundert als streng an den schriftlichen islamischen Quellen orientierte Lehrtradition nach Absetzung des letzten Mogul-Herrschers Bahadur Schah Zafar entstanden war. Die Deobandi-Bewegung beabsichtigt die Wiederbelebung eines klassischen Islam und das Beseitigen von fremden Einfl\u00fcssen. Ihr Ziel war die Trennung von der hinduistischen Bev\u00f6lkerung, der Zusammenschluss der muslimischen Bev\u00f6lkerung und die Regelung des Alltags nach der Scharia. In der Stadt Deoband wurde dazu eine Universit\u00e4t gegr\u00fcndet, \"Dar al-Ulum\", die heute nach der Azhar-Universit\u00e4t in Kairo die gr\u00f6\u00dfte islamische Universit\u00e4t weltweit ist. Innerhalb des puristischen Spektrums islamischer Str\u00f6mungen, zu denen auch die bekannte Bewegung der Wahhabiya oder weitere Salafiya-Organisationen zu z\u00e4hlen sind, ist die \"Tabligh-i Jama'at\" (Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission) nicht unumstritten. So gibt es Kritiker dieser indischen Form einer buchstabengetreuen Quellenauslegung vor allem auf der 72 Internetauswertung vom 6. Februar 2006. 73 Siehe hierzu auch S. 19f. 74 Zum Beispiel Le Monde diplomatique English edition November 2006. 59","arabischen Halbinsel, die in den Schriften und der Glaubenspraxis der Tablighis unislamische Elemente erkennen wollten. Anh\u00e4nger des Gelehrten Maulana Muhammad ILYAS (1885-1944) fallen in Europa und Deutschland vor allem durch ihre Missionst\u00e4tigkeit auf. Kleine Gruppen von reisenden Missionaren versuchen, im Glauben vermeintlich nachlassende Muslime wieder auf den Pfad des \"richtigen Glaubens\" zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Tabligh-Bewegung wird daher h\u00e4ufig als unpolitisch beschrieben. So fehlen die f\u00fcr politische Organisationen typischen Formen der \u00d6ffentlichkeitsarbeit wie etwa Internetseiten. Eine Einsch\u00e4tzung der Bewegung ist daher erheblich erschwert. Es finden jedoch auch auf lokaler Ebene Zusammenk\u00fcnfte statt, und es werden Vortr\u00e4ge und Lehrveranstaltungen angeboten. Da die Organisation offen f\u00fcr alle Muslime ist, konnten sich innerhalb dieser konservativen Str\u00f6mung kleinere Zirkel um einzelne Prediger bilden, die der Ideologie der Djihadisten nahe stehen und die in Pakistan m\u00f6glicherweise auch Kontakte zu bewaffneten Terrorgruppen und deren Ausbildungslagern unterhalten. In den letzten Jahren wurde im Zusammenhang mit unterschiedlichen Ermittlungsverfahren immer wieder vermutet, dass sich islamistische Terroristen aus dem Umfeld dieser Bewegung rekrutieren. Welch streng konservatives Islamverst\u00e4ndnis in der europ\u00e4ischen Hochburg streng der \"Tabligh-i Jama'at\" in Dewsbury vorzufinden ist, zeigte auch der Fall konservatives einer Lehrerin im Oktober 2006, die nicht auf den Niqab, den Vollschleier, Islamverst\u00e4ndnis verzichten wollte, der auch das Gesicht bedeckt. Dieser Vorfall f\u00fchrte dazu, dass noch mehr Frauen aus Solidarit\u00e4t zu dieser Form des Vollschleiers griffen. In den Medien wurde dies auch dem Einfluss der Missionsbewegung zugeschrieben. Die Ideologie der Anh\u00e4nger ist nicht eindeutig mit bekannten Djihad-Vorstellungen in Verbindung zu bringen. Vielmehr scheinen einzelne Protagonisten, die die Lehren besonders ernst nehmen, Sch\u00fcler und Anh\u00e4nger um sich zu versammeln und zu indoktrinieren. Mit gest\u00e4rktem Selbstbewusstsein k\u00f6nnen diese Muslime unter bestimmten Umst\u00e4nden dahingehend beeinflusst werden, dass sie sich auch djihadistischen Gruppen anschlie\u00dfen und den Weg der Gewalt w\u00e4hlen. Die Vorstellungen von einer islamischen Erneuerung, wie sie von Anh\u00e4ngern der \"Tabligh-i Jama'at\" formuliert werden, sind h\u00e4ufig identisch mit jenen Vorstellungen islamistischer Organisationen, die eine R\u00fcckbesinnung auf den \"wahren Islam\" und eine Verbesserung der Situation der islamischen Umma anstreben. Daher verwundert es nicht, dass in der Vergangen60","Islamismus heit f\u00fchrende islamistische Aktivisten ihre ersten Anregungen f\u00fcr ein Engagement durch Vortragende und Anh\u00e4nger der \"Tabligh-i Jama'at\" erhielten. Im vergangenen Jahr sind erneut Aktivit\u00e4ten von Wandermissionaren in der Bundesrepublik Deutschland festgestellt worden. In Gro\u00dfst\u00e4dten BadenW\u00fcrttembergs unterhalten Anh\u00e4nger der \"Tabligh-i Jama'at\" St\u00fctzpunkte. Durchreisende Missionare wurden von Vereinen unterst\u00fctzt. Ihnen bot man die Gelegenheit, f\u00fcr die Ziele der Bewegung zu werben und neue Anh\u00e4nger zu gewinnen. 3.5 Organisation aus dem schiitischen Bereich: \"Hizb Allah\" (\"Partei Gottes\") Die \"Hizb Allah\" ist eine libanesische schiitisch-islamistische Organisation, die seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1982 in vielf\u00e4ltiger Weise von politischen Entwicklungen in Iran beeinflusst wurde. Sie ist inzwischen mit ihren vielf\u00e4ltigen Infrastrukturund karitativen Projekten auch als politische Partei im Libanon fest verankert. Durch ihre allgegenw\u00e4rtige straffe Organisation und auf Grund ihrer finanziellen Mittel konnte und kann die \"Hizb Allah\" Institutionen und Einrichtungen wie Schulen, Krankenund Waisenh\u00e4user betreiben und damit bei der libanesischen Bev\u00f6lkerung einen entsprechend positiven R\u00fcckhalt erzielen - und das nicht nur beim schiitischen Bev\u00f6lkerungsteil. Die \"Hizb Allah\" \u00fcbernahm damit Funktionen, die in den letzten Jahren der libanesische Staat nicht wahrnehmen konnte. Seit der Gr\u00fcndung spielte die \"al-Muqawama al-Islamiya\" (\"Islamischer Widerstand\"), der milit\u00e4rische Fl\u00fcgel der \"Hizb Allah\", eine entscheidende Rolle, da der urspr\u00fcngliche Anlass f\u00fcr die Gr\u00fcndung der \"Hizb Allah\" die Pr\u00e4senz israelischer Truppen zu Beginn der 1980er-Jahre im S\u00fcdlibanon war, deren Vertreibung sie sich zum Ziel gesetzt hatte. Grunds\u00e4tzlich h\u00e4lt die \"Hizb Allah\" an Ayatollah KHOMEINIs Thesen des \"welayat-i faqih\", der Herrschaft des bef\u00e4higten Rechtsgelehrten, fest. Den R\u00fcckzug der Israelis am 25. Mai 2000 schrieb sich die \"Hizb Allah\" als Sieg auf die Fahnen und feiert allj\u00e4hrlich am Jahrestag des R\u00fcckzugs ihre \"Siegesfeier\". Diese wird nicht nur im Libanon gefeiert, sondern auch in \"Hizb Allah\"-nahen Vereinen, die sich im Ausland befinden. F\u00fcr Feierlichkeiten in Baden-W\u00fcrttemberg reisen regelm\u00e4\u00dfig \"Hizb Allah\"-Mitglieder ein, darunter Scheichs und Funktionstr\u00e4ger oder Parlamentsabgeordnete aus dem Libanon. 61","Allj\u00e4hrlich nehmen weltweit \"Hizb Allah\"-Anh\u00e4nger und Sympathisanten am von Ayatollah KHOMEINI 1979 ausgerufenen \"al-Quds-Tag\" an Demonstrationen teil. Dieser findet jeweils am letzten Freitag des Fastenmonats Ramadan statt. KHOMEINIs Absicht war, dass an diesem Tag alle Muslime f\u00fcr die Zerst\u00f6rung Israels demonstrieren sollten. Die \"Hizb Allah\" verzichtete im Jahr 2006 zwar auf eine zentrale Kundgebung im Libanon, rief aber zu dezentralen Demonstrationen auf, da die Begehung dieses Tages \"eine Pflicht f\u00fcr jeden Muslim, jeden Araber und jeden ehrenhaften MenProteste anl\u00e4sslich schen\" sei. Diese Protestz\u00fcge zum \"al-Quds-Tag\" wurden in der Vergangendes \"al-Quds-Tags\" heit zentral in Berlin durchgef\u00fchrt. Am 20. Oktober 2006 kamen erneut mehrere Hundert Demonstranten zusammen, um unter strengen Auflagen der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden (u.a. keine Parolen und Spruchb\u00e4nder gegen Israel) durch die Stra\u00dfen zu ziehen. In den letzten Jahren war der militante Arm der \"Hizb Allah\" sowohl f\u00fcr die Entf\u00fchrung von israelischen Soldaten, mit denen Gefangene freigepresst werden sollten, als auch f\u00fcr Selbstmordattentate, Anschl\u00e4ge und Raketenangriffe auf israelisches Staatsgebiet verantwortlich. Argentinische Staatsanw\u00e4lte haben Klage gegen die \"Hizb Allah\" und den ehemaligen iranischen Staatspr\u00e4sidenten Rafsandjani erhoben, weil sie f\u00fcr den Anschlag am 18. Juli 1994 auf das j\u00fcdische Kulturzentrum in Buenos Aires verantwortlich sein sollen. Bei diesem Bombenanschlag kamen 85 Menschen ums Leben und mehr als 300 wurden verletzt. Am 9. November erlie\u00df Argentinien einen Haftbefehl gegen Rafsandjani und acht weitere Personen. Der Anschlag soll laut den ermittelnden Staatsanw\u00e4lten in Iran geplant und von \"Hizb Allah\"Angeh\u00f6rigen ausgef\u00fchrt worden sein.75 Nach der Ank\u00fcndigung von Geiselnahmen durch Hassan NASRALLAH am 26. November 2005 kam es am 12. Juli 2006 zur Entf\u00fchrung von zwei israelischen Soldaten, worauf bis zum 14. August 2006 ein Krieg auf libanesischem und nordisraelischem Boden entbrannte. Bei diesem kam es in erster Linie zu Kampfhandlungen zwischen der \"Hizb Allah\"-Miliz und Israel. An den K\u00e4mpfen waren vereinzelt auch die derzeit mit der \"Hizb Allah\" verb\u00fcndeten schiitisch-islamistischen \"Amal\"Milizen76 beteiligt. Aufgrund ihrer Vorgehensweise kann man die \"Hizb Allah\" als eine Art \"Staat im Staate\" bezeichnen. Man sch\u00e4tzt, dass w\u00e4hrend der milit\u00e4rischen Auseinandersetzung circa 1.200 Zivilisten im Libanon get\u00f6tet und etwa 4.400 Menschen verletzt wurden. 75 Neue Z\u00fcrcher Zeitung, NZZ online vom 9. November 2006. 76 Ebenfalls eine schiitisch-islamistische Gruppierung im Libanon. 62","Islamismus Die \"Hizb Allah\" verlor nach eigenen Angaben 80 K\u00e4mpfer, nach anderen Sch\u00e4tzungen fielen bis zu 530 \"Hizb Allah\"-Milizion\u00e4re. Durch den Raketenbeschuss der \"Hizb Allah\" kamen in Nord-Israel 43 Personen um, fast 700 Menschen wurden verletzt. Auf israelischer Seite sollen 119 Soldaten gefallen sein. Die beiden entf\u00fchrten israelischen Soldaten wurden von der \"Hizb Allah\" in Gefangenschaft genommen und sollen weiterhin als Druckmittel benutzt werden, um einen erneuten Gefangenaustausch zu erzwingen. Die bewaffnete Auseinandersetzung der \"Hizb Allah\" mit Israel wurde im sunnitischen Teil der islamisch-arabischen Welt sehr unterschiedlich bewertet. Dabei spielte die jeweilige Zugeh\u00f6rigkeit zu einer bestimmten sunnitischen Richtung die entscheidende Rolle. Besonders von salafitischer Seite wurden die Unterschiede zu schiitischen Vorstellungen und zu schiitischen Politikern hervorgehoben. Es erhoben aber auch Gelehrte wie QARADAWI und verschiedene Vertreter der \"Muslimbruderschaft\" ihre Stimme, die diese Schiiten-feindlichen \u00c4u\u00dferungen verurteilten. Hintergrund waren Rechtsgutachten (Fatwas) saudischer Gelehrter wie etwa das von Safar al-HAWALI, der die \"Hizb Allah\" als \"die Partei des Teufels\" schm\u00e4hte.77 Der saudische Islamgelehrte Abdallah bin DJABRIN lehnte es ab, f\u00fcr die \"Hizb Allah\" und ihre Anh\u00e4nger in diesen Auseinandersetzungen mit Israel zu beten. W\u00e4hrend des Krieges im Libanon kam es in Baden-W\u00fcrttemberg und in der Auswirkungen \u00fcbrigen Bundesrepublik zu zahlreichen Demonstrationen, die teilweise des Libanonkriegs \u00fcber das Internet koordiniert und organisiert wurden. In Heidelberg, Karlsauf Badenruhe, Mannheim, Freiburg im Breisgau und Stuttgart haben sich insgesamt W\u00fcrttemberg mehrere Tausend an den Protesten beteiligt. Damit konnte die Organisation unter Beweis stellen, dass es ihr bei gegebenem Anlass sehr wohl gelingt, erheblich mehr Menschen zu mobilisieren, als die reinen Mitgliederzahlen vermuten lassen. Unter den Demonstranten waren auch viele \"Hizb Allah\"Sympathisanten, die die Flagge der Organisation trugen und ihre Slogans skandierten. Die Internetseite eines baden-w\u00fcrttembergischen Aktivisten zeigte sehr deutlich, wie weit - durch den Krieg angeheizt - die Sympathien f\u00fcr die \"Hizb Allah\" und die Feindschaft gegen den Staat Israel und seine Bewohner reichen k\u00f6nnen. F\u00fcr den ersten Internetauftritt im Juli 2006 wurde die Parole \"ob friedlich oder millitant gemeinsam k\u00e4mpfen wir Hand in Hand\" 78 mit zwei H\u00e4nden gezeigt. Eine Hand war mit der gelben Flagge der \"Hizb Allah\" bemalt, die andere mit der libanesischen Staatsflagge. Auf 77 Internetauswertung vom 17. November 2006. 78 Internetauswertung vom 31. Juli 2006. 63","dieser Homepage wurden im Verlauf des Libanonkriegs in einem eigens eingerichteten Forum eine Plattform f\u00fcr antij\u00fcdische \u00c4u\u00dferungen und Gewaltaufrufe geboten. Am 11. August 2006 trug sich ein Leser in gebrochenem Deutsch in das G\u00e4stebuch ein: \"Wallah [bei Gott] Scheiss juden habibi endlich bringt einer die wahrheit ans tageslich inshallah [so Gott will] Werden alle Juden verotten schweine.\" 79 Am selben Tag datiert ein weiterer Beitrag in diesem G\u00e4stebuch: \"(...) ich war nie so richtige gegen Juden aber in dieunb\u00e4ndiger Hass sem Jahr hat sich alles ge\u00e4ndert ich w\u00fcnsche den gegen Juden PARASITEN DEN TOT OB KLEIN ODER GROSS ALLE geh\u00f6ren ausgerottet so wie es Hitler vor hatte doch Juden sind PARASITEN DIE WIRD MAN NIE LOS DIE KRIECHEN ALLE AUS ALLE L\u00d6SCHE WIEDER RAUS es sind KULTUR Zerst\u00f6rer (...) ihr wiest es alle das Gott am ende uns die rache nimmt und alle JUDEN auf dem Tron der H\u00f6lle landen werden (...)\" 80 Der so artikulierte Hass ist nicht zuletzt auf die Propagandaparolen und das Bildmaterial auf dieser Internetseite zur\u00fcckzuf\u00fchren. Ein weiterer Faktor, der diesen Israelund Judenhass sch\u00fcrt, ist sicher in den Beitr\u00e4gen des \"Hizb Allah\"-nahen Fernsehsenders \"al-Manar\" zu finden. \u00dcber Satellit erreicht dieser seine Zuschauer auch in der Bundesrepublik Deutschland. Israel war und ist sich des Ausma\u00dfes des Einflusses dieses Propagandaorgans bewusst. Die Zerst\u00f6rung des Hauptquartiers in Beirut im Laufe des Krieges konnte aber nur f\u00fcr wenige Minuten den Sendebetrieb unterbrechen. Ansonsten sendete der Kanal weiter die Verlautbarungen der prominenten Sprecher der \"Hizb Allah\" und diente der Mobilisierung der Anh\u00e4nger. Am Ende des Krieges strahlte er besondere Spezialsendungen zu den \"M\u00e4rtyrern\" aus, die bei den K\u00e4mpfen zu beklagen waren. In langen Sondersendungen durften Angeh\u00f6rige \u00fcber die K\u00e4mpfe und die Angriffe israelischer Truppen berichten. Der Sender beteiligte sich auch an den Berichten \u00fcber den Wiederaufbau und trug so zur Popularit\u00e4t der \"Hizb Allah\" in erheblichem Ma\u00dfe bei, da er \u00fcber die Verteilung von Geldern an die Obdachlosen und Kriegsfl\u00fcchtlinge ausf\u00fchrlich berichtete. 79 \u00dcbernahme wie im Original. 80 \u00dcbernahme wie im Original. 64","Islamismus Zum UNIFIL81-Einsatz und der deutschen Beteiligung kommentierte NASRALLAH bei seinem ersten \u00f6ffentlichen Auftritt nach dem Waffengang am 22. September 2006 die \u00c4u\u00dferung der Bundeskanzlerin, der UNIFIL-Einsatz diene der Existenzsicherung Israels: \"(...) und wir sagen ihnen: 'Blockiert das Meer, den Luftraum und die Grenzen! Schlie\u00dft die Grenzen, das Meer, den Luftraum! Das wird den Widerstand nicht im Geringsten schw\u00e4chen, nicht was den Willen des Widerstands betrifft und auch nicht die Waffen des Widerstands'.\" 82 Damit zeigt sich NASRALLAH vom UNIFIL-Einsatz unbeeindruckt und mit seiner Aussage, die \"Hizb Allah\" h\u00e4tte nach den Kampfhandlungen mehr Raketen als zuvor, fordert er die Teilnehmerstaaten am UNIFIL-Einsatz heraus. Trotz NASRALLAHs vermeintlicher Akzeptanz demokratischer Spielregeln, die er unter Beweis zu stellen versucht, indem er die schwerwiegenden Streitigkeiten zwischen Konfessionsgruppen und B\u00fcndnissen im Libanon als politischen Streit herunterspielt, den es eben in einer Demokratie mit parlamentarischen Wahlen gebe, drohte NASRALLAH im November 2006 damit, die Regierung zu st\u00fcrzen, wenn die \"Hizb Allah\" und ihre B\u00fcndnispartner im Parlament nicht ein Drittel der Minister stellen d\u00fcrften und damit ein Vetorecht bei entsprechenden Beschl\u00fcssen erhielten. Seit Anfang Dezember 2006 protestierten immer wieder Hunderttausende von \"Hizb Allah\"-Anh\u00e4ngern im Zentrum Beiruts. Einige haben sich in Zelten eingerichtet, um die Forderung nach dem R\u00fccktritt der libanesischen Regierung, der eine zu gro\u00dfe N\u00e4he zu den Vereinigten Staaten vorgeworfen wird, zu unterstreichen. Politische Kommentatoren sehen die Gefahr eines neuen B\u00fcrgerkrieges heraufziehen, sollte NASRALLAH weiter seine Strategie der Polarisierung gegen\u00fcber den antisyrischen Teilen der Bev\u00f6lkerung verfolgen. Es bleibt abzuwarten, wohin Aktionen wie \"Tage des zivilen Ungehorsams\" f\u00fchren, wenn \"Hizb Allah\"-Redner wie Naim QASSIM, der Vertreter NASRALLAHs, der Masse zurufen: \"F\u00fcr die USA ist kein Platz im Libanon.\" 83 81 Die United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL) ist eine Beobachtermission der UNO. 82 Live-\u00dcbertragung \"al-Manar\" am 22. September 2006. 83 The New York Times vom 2. Dezember 2006. 65","3.6 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) Gr\u00fcndung: 1985 als \"Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e.V.\" (AMGT) 1995 Aufteilung in die beiden unabh\u00e4ngigen juristischen Personen \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) und \"Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft\" (EMUG) Sitz: Kerpen Mitglieder: ca. 3.600 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 3.600) ca. 26.500 Bund (2005: ca. 26.500) Publikation: \"IGMG Perspektive\" (zweisprachig); als Sprachrohr84 dient auch die t\u00fcrkischsprachige Tageszeitung \"Milli Gazete\" (Europa-Ausgabe) Die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) als bedeutendste islamistische Organisation in Deutschland wird vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie mit ihrem langfristigen Ziel der weltweiten Durchsetzung einer auf dem Islam basierenden \"g\u00f6ttlichen Ordnung\" alle \u00fcbrigen bestehenden, als \"nichtig\" erachteten Staatsund Gesellschaftsordnungen zu \u00fcberwinden bestrebt ist. Sie verfolgt damit gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtete Bestrebungen, die unter anderem darauf ausgerichtet sind, das Recht des Volkes, die Staatsgewalt auszu\u00fcben, die Bindung der Gesetzgebung an die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die Bindung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung an Recht und Gesetz durch die Errichtung eines Gottesstaates langfristig zu beseitigen (SS 4 Abs. 2 Buchst. a Bundesverfassungsschutzgesetz (BVerfSchG), SS 4 Abs. 2 Buchst. b BVerfSchG). Dar\u00fcber hinaus sind ihre Bestrebungen darauf gerichtet, die im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechte - hier zumindest in Bezug auf die Religionsfreiheit (Art. 4 Abs. 1 Grundgesetz) und die Gleichberechtigung von Mann und Frau (Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz) - teilweise zu beseitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen (SS 4 Abs. 2 Buchst. g BVerfSchG).85 Die regionalen Aktivit\u00e4ten der IGMG in Baden-W\u00fcrttemberg erstrecken sich auf die so genannten B\u00f6lge (Regionen) Stuttgart, Freiburg, Schwaben (einschlie\u00dflich einiger bayerischer Ortsvereine) sowie Rhein-Saar (hierzu geh\u00f6ren auch mehrere Ortsvereine in Rheinland-Pfalz). Den Vorsitz des Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg hat seit 2005 Adem KAYA inne. 84 Beschluss des Verwaltungsgerichts Hamburg (Az.: 7 VG 1689/95 vom 27. April 1995); hier wird die \"Milli Gazete\" sogar als \"Vereinsorgan\" bezeichnet. 85 Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts M\u00fcnchen (Az.: M 25 K 03.1431) vom 11. Dezember 2006 (nicht rechtskr\u00e4ftig, Stand: 11. April 2007; Antrag auf Zulassung der Berufung wurde gestellt). 66","Islamismus Die IGMG ist die dominierende Kraft im in K\u00f6ln ans\u00e4ssigen \"Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\", dessen Vorsitzender Ali KIZILKAYA in den Jahren 2001 und 2002 das Amt des IGMG-Generalsekret\u00e4rs bekleidete. Die Jugendorganisation der IGMG ist im Vorstand der von saudischen Sponsoren gef\u00f6rderten und von der \"Muslimbruderschaft\" dominierten \"Forum of European Muslim Youth and Student Organisations\" (FEMYSO)86, vertreten. Bei \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als einer in der T\u00fcrkei Ende der 1960er-Jahre durch Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN begr\u00fcndeten politischen Ideologie, niedergelegt in den von ihm entwickelten Konzepten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" (Nationale Sicht)87 und \"Adil D\u00fczen\" (Gerechte Ordnung)88, handelt es sich gleichzeitig um eine politische Bewegung, deren einzelne Komponenten aufgrund engster struktureller und personeller Verbindungen interagieren. Die politische Basis der Bewegung bildet in der T\u00fcrkei die \"Saadet Partisi\" (SP, \"Partei der Gl\u00fcckseligkeit\") als bislang letzte einer Reihe von durch ERBAKAN seit 1970 gegr\u00fcndeten Parteien.89 Die Partei wird von Recai KUTAN gef\u00fchrt, w\u00e4hrend ERBAKAN selbst aufgrund eines bez\u00fcglich seiner Person verh\u00e4ngten Politikverbots zwar keine offizielle Funktion in der SP aus\u00fcbt, jedoch weiterhin als \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-F\u00fchrer und spiritueller Mentor verehrt wird. In Europa wird \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" von der \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs\" (IGMG)90 repr\u00e4sentiert. Sie f\u00fchrt den Namen der Bewegung in ihrer Selbstbezeichnung. Istanbul war Ende Oktober 2006 Schauplatz des \"1. Internationalen Milli G\u00f6r\u00fcs-Symposiums\" 91, bei dem die politischen Leitlinien und Ziele f\u00fcr die 86 Hinter der Gr\u00fcndung im Jahr 1996 standen neben muslimischen Jugendorganisationen verschiedener europ\u00e4ischer L\u00e4nder die \"Federation of Islamic Organisations in Europe\" (FIOE) sowie die saudische \"World Assembly of Muslim Youth\" (WAMY). 87 Necmettin ERBAKAN, Milli G\u00f6r\u00fcs, Istanbul 1975. 88 Necmettin ERBAKAN, Adil D\u00fczen, Ankara 1991. 89 \"Milli Nizam Partisi\" (MNP, 1970-1971), \"Milli Selamet Partisi\" (MSP, 1973-1981), \"Refah Partisi\" (RP, 1983-1998), \"Fazilet Partisi\" (FP, 1997-2001); au\u00dfer der MSP, die nach dem Putsch von 1981 infolge des Gesetzes zur Schlie\u00dfung der politischen Parteien geschlossen wurde, wurden die vorgenannten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Parteien jeweils wegen Versto\u00dfes gegen die Prinzipien der laizistischen Republik verboten. 90 Von der von ERBAKAN gegr\u00fcndeten \"T\u00fcrkischen Union Europa\" (1976) \u00fcber die \"Islamische Union Europa\" (1982) und die \"Avrupa Milli G\u00f6r\u00fcs Teskilatlari\" bzw. \"Milli G\u00f6r\u00fcs-Organisation in Europa\" (1985) l\u00e4sst sich eine fortlaufende Linie verfolgen, die in die heutige IGMG m\u00fcndet. 91 Veranstalter war ESAM (Ekonomi ve Sosyal Arastirmalar Merkezi/Zentrum f\u00fcr Wirtschaftsund Sozialstudien) in Ankara, dessen Generalvorsitzender mit dem SP-Generalvorsitzenden identisch ist. Auf der ESAM-Homepage war die Veranstaltung (in englischer \u00dcbersetzung) als \"The Nation's Vision Symposium\" angek\u00fcndigt; diese korrekte \u00dcbersetzung des Begriffs \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" stellt einmal mehr die vorgebliche Deutung des Begriffs seitens der IGMG als \"monotheistische \u00d6kumene\" ins Abseits. 67","gesamte Bewegung ausformuliert wurden. Auf der Homepage des Veranstalters war dieses als die \"Grundsteinlegung des Rettungsprojekts 'Eine Neue Welt' f\u00fcr f\u00fcnf Milliarden unterdr\u00fcckter Menschen\" angek\u00fcndigt: Eine \"gerechte Weltordnung\" (adil bir d\u00fcnya d\u00fcze\"Milli G\u00f6r\u00fcs\"ni) werde einen erheblichen Beitrag zum Weltfrieden und zum Aufbau Symposium: einer \"neuen Weltordnung\" leisten; der rassistischen, unterdr\u00fcckerischen, globaler Anspruch kolonialistischen Ordnung werde \"der Krieg erkl\u00e4rt\" 92. Die Anwesenheit des Vorsitzenden der Kommission f\u00fcr Rechtleitung der IGMG-Zentrale in Kerpen bei dieser Veranstaltung spricht f\u00fcr die Relevanz der dort vertretenen Positionen auch f\u00fcr die europ\u00e4ische Komponente der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\". So wurden bei einer Veranstaltung mit Imamen und Predigern der IGMG Region Stuttgart laut Bericht der \"Milli Gazete\"93 die Inhalte des Symposiums seitens des Regionalvorsitzenden Adem KAYA thematisiert. In verschiedenen Artikeln der \"Milli Gazete\" sowie in der Abschlusserkl\u00e4rung des Symposiums wurde auf den \"universellen Charakter\" des Begriffs sowie der Inhalte von \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" hingewiesen: \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" biete, so formulierte ein Mitglied des Organisationskomitees des Symposiums in der \"Milli Gazete\" vom 31. Oktober 2006, \"f\u00fcr die Menschheit einen neuen Weg. Dieser neue Weg ist die uns von unserem Herrn, unserem geliebten Propheten, aufgezeigte Marschrichtung und Marschformation f\u00fcr dieses Jahrhundert.\" In der Abschlusserkl\u00e4rung94 zum Symposium wurde das \"Zivilisationsprojekt Milli G\u00f6r\u00fcs\" als \"Alternative zur Mentalit\u00e4t des rassistischen Imperialismus\" gepriesen und als \"Reformbewegung\" vorgestellt. Die bekannten Forderungen ERBAKANs nach eigener W\u00e4hrung, eigenem Finanzund Kreditsystem und eigenem Versicherungssystem f\u00fcr die islamische Welt wurden erneut auf die Tagesordnung gebracht. \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Institute, welche sich \"dem Recht und der Gerechtigkeit verpflichtet\" f\u00fchlten, seien \u00fcberall auf der Welt zu gr\u00fcnden. \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" sehe es als \"eine Art von Sklavenordnung\" an, wenn \"eine Nation gem\u00e4\u00df der Weltanschauung oder den Wertma\u00dfst\u00e4ben einer anderen Nation oder Gruppe regiert\" werde. In Bezug auf in Europa lebende \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Anh\u00e4nger ist diese Einsch\u00e4tzung nicht anders denn als definitive Absage an eine m\u00f6gliche Einordnung in die hiesige Staatsund Gesellschaftsordnung als einer Spielart der \"nichtigen Ordnung\" (batil d\u00fczen) zu werten. 92 Internetauswertung vom 2. November 2006. 93 \"Milli Gazete\" vom 18. November 2006. 94 Ver\u00f6ffentlicht in der \"Milli Gazete\" vom 4. November 2006. 68","Islamismus Der SP-Generalvorsitzende KUTAN beschrieb \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" anl\u00e4sslich des 2. Ordentlichen Kongresses der Partei am 9. April 2006 als eine von den Funktion\u00e4ren als \"heilig\" angenommene Pflicht (kutsal g\u00f6rev), f\u00fcr die \"mit and\u00e4chtiger Hingabe\" gearbeitet werde. Es mache keinen Unterschied, an der Spitze dieser \"Mission\" oder an der Basis zu stehen; jeder einzelne \"Mission\" der Anh\u00e4nger sei \"wie ein Organ, welche zusammen einen K\u00f6rper bilden\". Im \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" weiteren Verlauf der Rede KUTANs wurde die \"Vorreiterrolle, die generalstabsm\u00e4\u00dfige F\u00fchrung von Prof. Dr. Necmeddin ERBAKAN innerhalb dieser Mission, der zudem das Milli G\u00f6r\u00fcs-Arbeitsmodell zur Gr\u00fcndung der Neuen Gro\u00df-T\u00fcrkei geplant und auf ein systematisches Fundament gestellt\" habe, gew\u00fcrdigt.95 Der Aspekt der \"Mission\" wurde auch auf Veranstaltungen der IGMG in Deutschland hervorgehoben, so bei einer Veranstaltung \"Vertragstreue\" 96 (\"Ahde Vefa\")97 der IGMG in Tuttlingen seitens des damaligen Vorsitzenden der Kommission f\u00fcr Public Relations und Rechtleitung der IGMG-Zentrale in Kerpen, Ali BOZKURT: \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" sei gleichbedeutend mit der \"Mission Allahs\"; man m\u00fcsse sich der Bedeutung der \"Vertragstreue\" bewusst, mit festem Glauben t\u00e4tig sein und d\u00fcrfe Lohn f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit nur von Allah erwarten. In einer Kolumne in der \"Milli Gazete\" vom 8. Mai 2006 wurde das Wesen der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als \"Novum in der politischen Geschichte der T\u00fcrkei\" beschrieben. \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" repr\u00e4sentiere \"die erste politische Struktur, die deren Fluss in die Gegenrichtung gelenkt\" habe. Gleichzeitig manifestiere sich hier der \"Kampf zwischen dem Europ\u00e4ischen und dem T\u00fcrkischen\". In dem mit \"Milli Nizam\" 98 begonnenen Prozess habe \"die gl\u00e4ubige Schicht gro\u00dfe Erfolge verbuchen\" k\u00f6nnen. Nachdem \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" zu einer Kraft geworden sei, mit der man rechnen m\u00fcsse, sei es \"in der T\u00fcrkei zu sehr positiven Entwicklungen zugunsten der Muslime gekommen\". Gl\u00e4ubige Menschen h\u00e4tten sich unter dem Dach einer Organisation gesammelt; es seien Zeitungen und Zeitschriften herausgegeben, ein TV-Sender gegr\u00fcndet und die Zahl der Vereine und Stiftungen erh\u00f6ht worden. W\u00e4hrend man damals kopftuchtragende Sch\u00fclerinnen an einer Hand habe abz\u00e4hlen k\u00f6nnen, rede man heute von Tausenden. In jenen Jahren h\u00e4tten sich die Jugendlichen rasch von der Religion abgewandt, heute sei es genau umgekehrt. In jenen Jahren seien \"die Imperialisten als Freunde betrachtet\" worden, jetzt sehe das Volk sie \"als die gr\u00f6\u00dfte Gefahr\" an. So lange man von den Muslimen in der T\u00fcrkei spreche, werde man auch von Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN sprechen; wenn Gott es zulasse, werde dies mehr als tausend Jahre dauern. 95 \"Milli Gazete\" vom 12. Mai 2006. 96 \"Milli Gazete\" vom 21. M\u00e4rz 2006. 97 In der T\u00fcrkei wurde im Oktober 2006 mehr als 60 verdienten Mitgliedern der bisherigen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"Parteien, so auch KUTAN, eine \"Ahde Vefa-Plakette\" verliehen; am \"Treue-Tag\" (\"Vefa G\u00fcn\u00fc\") der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" im Rahmen der \"Woche der Eroberung\" wurde im Rahmen einer von der SP in Istanbul veranstalteten Zeremonie 2.500 Personen eine Ehrenurkunde verliehen. 98 Bezeichnung der ersten von ERBAKAN 1970 gegr\u00fcndeten Partei in der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Tradition, Verbot 1971. 69","Bei einer Rede99 im August 2006 anl\u00e4sslich des 5. Jahrestags der Gr\u00fcndung der \"Saadet Partisi\" in Istanbul beschrieb ERBAKAN die von ihm als \"die vor 37 Jahren begonnene \"Milli G\u00f6r\u00fcs-Operation\" 100 bezeichnete Bewegung mit dem \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" eigenen Pathos folgenderma\u00dfen: \"Wie Sie alle wissen, war der heilige Ebu Ey\u00fcp elEnsari 101 der Bannertr\u00e4ger unseres Propheten. Er war sein ganzes Leben hindurch der Fahnentr\u00e4ger der Heere des Islam (...) Wir haben es jedes Jahr bei den Feiern am 29. Mai 102 wiederholt: Wenn jemand Ebu Ey\u00fcp el-Ensari vor Augen hat, wie er im Alter von \u00fcber 90 Jahren auf einem sich aufb\u00e4umenden wei\u00dfen Pferd sitzt, mit je dreien seiner S\u00f6hne auf beiden Seiten, gegen die Pfeile der Byzantiner und die Feuer der Gregorianer [ank\u00e4mpfend] (...) wenn jemand diesen Anblick vor Augen hat, sieht er, was Glaube, Bewusstsein und Entschlossenheit hei\u00dft. Was Milli G\u00f6r\u00fcs ist, sieht er in eben jenem Augenblick.\" 103 Gleichzeitig bekr\u00e4ftigte ERBAKAN den globalen F\u00fchrungsanspruch der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\": \"Inzwischen kennt nicht nur unsere T\u00fcrkei, sondern Heilung die ganze Welt Milli G\u00f6r\u00fcs, und Milli G\u00f6r\u00fcs ist der Welt nicht nur die Rettungsoperation f\u00fcr die T\u00fcrkei, sondern steht f\u00fcr die Rettung der gesamten Menschheit und f\u00fcr die Begr\u00fcndung einer neuen Welt.\" Das unter F\u00fchrung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" zu errichtende \"Zivilisationsprojekt\" einer \"Neuen Welt\" ist auch Bestandteil eines in dieser Rede wie auch h\u00e4ufig von Politikern der \"Saadet Partisi\" zitierten Slogans: \"Lebenswerte T\u00fcrkei\" (Yasanabilir T\u00fcrkiye) - \"Neue Gro\u00df-T\u00fcrkei\" (Yeniden B\u00fcy\u00fck T\u00fcrkiye) 99 Wortlaut der Rede abgedruckt in \"Milli Gazete\", Ausgaben vom 10./11./12./14. August 2006. 100 Mit dem hier bewusst verwendeten Begriff \"harekat\" (\"Operation\") statt des zu erwartenden Begriffs \"hareket\" (Bewegung\") stellt ERBAKAN hier eine sprachliche Parallele zur im selben Satz erw\u00e4hnten \"Friedensoperation Zypern\" (\"Kibris Baris Harekati\"), der Milit\u00e4rintervention von 1974, her und verleiht dadurch der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" gleichsam eine milit\u00e4rische Dimension. 101 Der Prophetengef\u00e4hrte Ebu Ey\u00fcp el-Ensari fiel als Glaubensk\u00e4mpfer w\u00e4hrend der ersten Belagerung von Byzanz durch die Araber (672-678 n.Chr.). Zu Zeiten der Osmanen fand in Ey\u00fcp die Zeremonie des Schwertumg\u00fcrtens aus Anlass der Thronbesteigung osmanischer Sultane statt. 102 An diesem Tag veranstaltet \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" eine prunkvolle Feier zum Gedenken an die Eroberung Istanbuls durch Sultan Mehmet II. 103 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 10. August 2006. 70","Islamismus - \"Neue Welt\" (Yeni Bir D\u00fcnya).104 ERBAKAN beschrieb in der \"Milli Gazete\", welchen politischen Weg eine T\u00fcrkei unter F\u00fchrung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" verfolgen w\u00fcrde: \"W\u00e4re Milli G\u00f6r\u00fcs heute an der Regierung, w\u00fcrden wir nicht einen Tag l\u00e4nger in den Vereinten Nationen verbleiben, sondern mit s\u00e4mtlichen muslimischen Staaten austreten und neue, v\u00f6llig andere Vereinte Nationen gr\u00fcnden, die der Menschheit Gl\u00fcckseligkeit bringen.\" 105 Deutlich benannte er die politische Kraft, die die Durchsetzung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" und damit einer \"gerechten Weltordnung\" bisher verhindert habe: \"Indem er die T\u00fcrkei schluckt, arbeitet der rassistische Imperialismus daran, durch Gr\u00fcndung von Gro\u00df-Israel die ganze Welt zu versklaven. Dabei hilft ihm die Mentalit\u00e4t der Kollaborateure. Diejenigen, die dagegen versuchen, eine Gerechte Ord\"Gerechte nung (Adil bir D\u00fczen)106 zu gr\u00fcnden, um der gesamOrdnung\" durch ten Menschheit zu ihrem Recht zu verhelfen, sind \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" die Milli G\u00f6r\u00fcs-Leute. (...) Der sofortige Abbruch der Verhandlungen mit der EU und die Gr\u00fcndung einer Neuen Welt innerhalb der D-8107 ist nur mit Milli G\u00f6r\u00fcs, mit der Saadet Partisi m\u00f6glich.\" 108 Einzig die \"Saadet Partisi\", mit der durch \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" wahre Unabh\u00e4ngigkeit verwirklicht werden k\u00f6nne, ist nach Auffassung ERBAKANs bleibend. S\u00e4mtliche sonstige Parteien sind aus seiner Sicht \"Satelliten\", die die \"Erniedrigung\", die \"ausbeuterische Sicht\" repr\u00e4sentieren. Der SP-Generalvorsitzende KUTAN zeigte sich bei einer Parteiveranstaltung in Istanbul \u00fcberzeugt, dass die Begr\u00fcndung der \"Gerechten Ordnung\" (Adil D\u00fczen) durch die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Mannschaften verwirklicht werde, denn w\u00fcrden gro\u00dfe Missionen rechtm\u00e4\u00dfig vertreten, so gebe es niemanden, der davon nicht zu \u00fcberzeu104 Die \"Saadet Partisi\" verf\u00fcgt \u00fcber eine eigene \"Nationalhymne\", in der die Bestandteile des Slogans den Refrain bilden. 105 \"Milli Gazete\" vom 11. August 2006. 106 Titel der von ERBAKAN verfassten programmatischen Schrift, die zum einen eine \"gerechte Wirtschaftsordnung\" ohne das \"verderbte Zinssystem\" und zum anderen einen Pluralismus von Rechtssystemen im Staat vorsieht. 107 Von ERBAKAN begr\u00fcndetes Gegenmodell zu G-8. 108 \"Milli Gazete\", Ausgaben vom 11. und 12. August 2006. 71","gen w\u00e4re. Ausdr\u00fccklich bezog KUTAN die Einbindung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"Repr\u00e4sentanten in Europa in die Verfolgung der gemeinsamen Ziele mit ein. W\u00f6rtlich f\u00fchrte er aus: \"Unsere Arbeit geht nicht nur in Istanbul, sondern in ganz Anatolien und in Europa weiter. Als ich vor zwei Wochen in Belgien an der Generalversammlung der Milli G\u00f6r\u00fcs-Organisation in Europa [Avrupa Milli G\u00f6r\u00fcs Teskilati]109 teilnahm, sah ich, dass der Saal komplett voll war (...) Nicht nur ihr, sondern auch andere Milli G\u00f6r\u00fcs-Leute versuchen in dieser Stunde, \u00fcberall im Land mit Vortr\u00e4gen unser Volk aufzukl\u00e4ren. (...)110 Die weltpolitische Konstellation aus \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Sicht wird in einer Kolumne der \"Milli Gazete\" vom 6. und 7. Juni 2006 folgenderma\u00dfen dargestellt: \"Die Religion ist die erste und einzige Tatsache des menschlichen Lebens. Die Geschichte beginnt mit dem Islam, das hei\u00dft mit Adam. Von damals an bis heute befindet sich die Menschheit zwischen zwei Polen: zwischen Recht (hak) und Nichtigem (batil). Die Menschheit ist vom Nichtigen bedroht. Der Unglaube (k\u00fcf\u00fcr) hat nur eine einzige Nation. Das Nichtige und der rassistische Imperialismus sind die bedeutendsten Probleme, die die Menschheit bedrohen (...) Wir sind die Bewahrer der Natur, wir sind keine Kolonialisten, sondern Bewahrer. Die Wissenschaft wurde der Welt von den Muslimen geschenkt (...) Wir sind mit dem Bau eines Palastes besch\u00e4ftigt. Die Innenausstattung kommt erst noch (...) Milli G\u00f6r\u00fcs geh\u00f6rt nicht [nur] der T\u00fcrkei. Milli G\u00f6r\u00fcs ist das Gehirn. Die Gerechte Ordnung (Adil D\u00fczen) ist das Herz.\" Am 27. Mai 2006 feierte die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung in einem Istanbuler Stadion den 553. Jahrestag der Eroberung Istanbuls. Organisator der Veranstaltung war laut einem Artikel der \"Milli Gazete\" vom 1. Juni 2006 die 109 KUTAN bezieht sich auf den am 4. Juni 2006 abgehaltenen \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" der IGMG in Hasselt. 110 \"Milli Gazete\" vom 26. Juni 2006. 72","Islamismus \"Anadolu Genclik Dernegi\" (AGD, \"Verein Anatolische Jugend\") als eine weitere Komponente der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\". Vertreter dieser Organisation treten auch bei Veranstaltungen der IGMG auf, so deren stellvertretende Vorsitzende bei einer von der IGMG-Region Stuttgart organisierten KoranRezitationsveranstaltung im Ramadan 2006, bei der auch f\u00fchrende Funktion\u00e4re der Kerpener Generalzentrale zugegen waren.111 Als Ehrengast bei der Veranstaltung zum Jahrestag der Eroberung sei \"Milli-G\u00f6r\u00fcs\"-F\u00fchrer ERBAKAN aufgetreten, auch die ehemaligen Generalvorsitzenden der mittlerweile geschlossenen Stiftung \"Milli Genclik Vakfi\"112 und Funktionstr\u00e4ger der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung h\u00e4tten die \"Erobererjugend\" unterst\u00fctzt. Die Anwesenheit von Vertretern aus anderen Teilen der islamischen Welt sowie \"Eroberer\"von hohen Funktion\u00e4ren der IGMG habe der Veranstaltung eine \"univerMentalit\u00e4t selle Dimension\" verliehen. Der Vorsitzende der AGD Istanbul habe bei der Veranstaltung die Meinung vertreten, in Zeiten, in denen \"Menschenrechte und Freiheiten mit F\u00fc\u00dfen getreten\" w\u00fcrden, seien \"neue Eroberungen\" notwendig. Necmettin ERBAKAN habe hierzu in seiner Rede ausgef\u00fchrt: \"Wenn Stadien sich mit Menschen f\u00fcllen, die die Herrschaft Gottes errichten (Hakk'i hakim kilmak) wollen, ist die Rettung nah. Jetzt sind die Stadien gef\u00fcllt. Also ist die Rettung nah. Nehmt [Sultan] Fatih als Vorbild! Lernt eure Geschichte, euer Volk und eure Religion kennen! Werdet Soldaten der Milli G\u00f6r\u00fcs-Mission!\" Der Generalvorsitzende der \"Islamischen Partei Pakistans\" habe bei dieser Veranstaltung ERBAKAN als \"F\u00fchrer\" gew\u00fcrdigt, der das Banner des Islams in der T\u00fcrkei gehisst und in der T\u00fcrkei ein Bollwerk gegen den amerikanischen Imperialismus errichtet\" habe. Hasan DAMAR, Berater des Generalvorsitzenden der IGMG-Zentrale in Kerpen, habe sich bei derselben Veranstaltung mit Blick auf die Rolle der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" in Europa folgenderma\u00dfen ge\u00e4u\u00dfert: \"Wir durchschreiten einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Prozess. Deshalb m\u00fcssen wir noch zielstrebiger und eifriger sein als fr\u00fcher. Um Milli G\u00f6r\u00fcs wieder an 111 \"Milli Gazete\" vom 19. Oktober 2006. 112 Die Tageszeitung H\u00fcrriyet berichtete im Jahr 2000 zu diesen \"Eroberungsfeiern\": \"Die Regierungspr\u00e4sidien werden die Feiern zum Jahrestag der Eroberung Istanbuls am 29. Mai, die seitens der MGV, die quasi als Jugendorganisation der Fazilet Partisi fungiert, geplant sind, nicht gestatten. Durch einen landesweiten Erlass des Innenministeriums wurde die Veranstaltung von Feiern zum 29. Mai lediglich dem Regierungspr\u00e4sidium Istanbul zugestanden.\" (Ausgabe vom 19. Mai 2000). 73","die Macht zu bringen, m\u00fcssen wir von Europa und m\u00fcsst ihr von der T\u00fcrkei aus mit aller Kraft arbeiten Befehlshaber (...) Wir als in Europa befindliche Auswanderer ERBAKAN (muhacir)113 unterstehen dem Befehl unseres Hodjas Erbakan.\" 114 Dass ERBAKAN gleichsam als messianische Lichtgestalt verehrt wird, wurde beim \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" am 4. Juni 2006 im belgischen Hasselt deutlich: ERBAKAN wurde von einem der Moderatoren, dem Prediger der IGMG-Region Bremen, als \"der von sechseinhalb Milliarden [Menschen] erwartete Mann, der \"Verteidiger\" (Savunan Adam)115, der das \"ihm von der Geschichte verliehene Siegel im Sinne seiner Mission einsetzt\", angek\u00fcndigt.116 Besonders klar manifestiert sich bei derartigen Gro\u00dfveranstaltungen der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" das Bewusstsein einer \"auserw\u00e4hlten Gemeinschaft\", die ein spezifisches Konzept des Heilserwerbs verfolgt. KUTAN wurde dem Publikum als \"der Mann aus Anatolien, dem Land der Hoffnung, dem als Lohn f\u00fcr seine Treue von Milli G\u00f6r\u00fcs-F\u00fchrer Erbakan die Stirn gek\u00fcsst und der der n\u00e4chste Ministerpr\u00e4sident der T\u00fcrkei sein [werde],\" pr\u00e4sentiert. Neben der t\u00fcrkischen Nationalflagge und der Fahne mit IGMG-Emblem wurden bei der Veranstaltung gr\u00fcne Fahnen mit dem islamischen Glaubensbekenntnis geschwenkt, teilweise mit aufgeheftetem Portr\u00e4t ERBAKANs; junge M\u00e4nner mit gr\u00fcnen Stirnb\u00e4ndern, auf denen das Glaubensbekenntnis aufgedruckt war, befanden sich gleichfalls im Publikum. Als einziger nichtt\u00fcrkischer Gast trat auf dieser Veranstaltung der Mufti von Sandjak, Muamer ZUKORLIC117, auf, der eine ins T\u00fcrkische \u00fcbersetzte Rede auf Arabisch hielt, in welcher er auf die Br\u00fcckenfunktion der Muslime des Balkans, auf die Notwendigkeit der \"islamischen Einheit\" der Muslime im Europa des 21. Jahrhunderts und gleichzeitig darauf hinwies, dass Europa \"von den wahren Muslimen nur Gutes zu erwarten und sich nicht zu f\u00fcrchten\" habe. 113 Der Begriff spielt auf die \"Auswanderung\" (hidra) des Propheten Muhammad im Jahr 622 von Mekka nach Medina an; im Jahr 630 erfolgte von dort aus mit der Eroberung Mekkas die siegreiche R\u00fcckkehr. 114 \"Milli Gazete\" vom 29. Mai 2006. 115 Beiname ERBAKANS. 116 Hier und im Folgenden: DVD \"IGMG-Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t - 4. Juni 2006, Hasselt/Belgien\". 117 Absolvent einer Medrese in Sarajewo und der Fakult\u00e4t f\u00fcr Islamisches Recht in Constantine (Algerien); 1993 zum Mufti ernannt, seit 2002 Rektor der privaten Internationalen Universit\u00e4t Novi Pazar; ein 2002 in Novi Pazar durchgef\u00fchrtes interkulturelles Projekt der EU zu Interkulturalismus, inter-ethnischer Solidarit\u00e4t und Sexualerziehung stie\u00df auf die erkl\u00e4rte Gegnerschaft des Mufti und des von ihm beeinflussten dortigen \"Muslim Youth Club\", so dass das Projekt vorzeitig abgebrochen wurde. 74","Islamismus Von ERBAKAN von jeher vertretene antisemitische Positionen spiegeln antisemitische sich exemplarisch in seiner Kommentierung des milit\u00e4rischen Konflikts Rhetorik zwischen der \"Hizb Allah\" und dem Staat Israel im Sommer 2006 wider, wo er gegen\u00fcber Landsleuten \u00e4u\u00dferte, \"die Massaker [der Israelis]\" seien \"identisch mit deren Charakterz\u00fcgen.\" 118 Es handele sich dabei um die \"Reflexion ihrer realen Sicht auf unsere Welt\". Die eineinhalb Milliarden Nichtmuslime der Welt w\u00fcrden \"vom selben Zentrum aus gesteuert\", dessen Name \"rassistischer Imperialismus\" laute. Die Israelis w\u00fcrden mit dem Terror fortfahren, weil sie sich als \"\u00fcberlegene Rasse\" begriffen, und um die Welt zu korrumpieren, sei ihnen \"jedes Mittel recht\". Sie arbeiteten auf die Weltherrschaft hin und betrachteten dabei \"alle anderen Nationen als Ungeziefer, welches man zertreten k\u00f6nne.\" Deshalb betrieben sie ihre Tyrannei \"geradezu mit and\u00e4chtiger Inbrunst\". Zur Abhilfe sind laut ERBAKAN von Seiten der Muslime f\u00fcnf Dinge notwendig: Gr\u00fcndung eigener Vereinter Nationen und einer eigenen NATO, \u00dcbergang zu einer eigenen W\u00e4hrung, Herstellung wirtschaftlicher Zusammenarbeit sowie Gr\u00fcndung einer gemeinsamen islamischen Armee. Visiten von IGMG-Delegationen bei ma\u00dfgeblichen Repr\u00e4sentanten der SP in der T\u00fcrkei untermauern die wechselseitigen engen Beziehungen. Eine Delegation von IGMG-Mitgliedern aus Europa besuchte den SP-Generalkontinuierlicher vorsitzenden KUTAN in Ankara anl\u00e4sslich seiner Wahl in dieses Amt.119 MitAustausch mit SP glieder der IGMG-Region Ruhr A besuchten den fr\u00fcheren IGMG-Generalvorsitzenden und derzeitigen Vorsitzenden der SP Istanbul, Osman YUMAKOGULLARI, an seinem Amtssitz. Bei diesem Besuch lobte YUMAKOGULLARI die G\u00e4ste aus Deutschland: \"Inmitten eines anderen Glaubens, einer anderen Kultur, eines anderen Lebens habt ihr dank der IGMG Eure Werte bewahrt. Bem\u00fcht euch auch k\u00fcnftig, euch zu integrieren, indem ihr gleichzeitig diese Werte bewahrt.\" 120 Eine Gruppe von Jugendlichen aus IGMG-Moscheevereinen in NordrheinWestfalen wurde bei einem Schulungswochenende in der Zentrale der SP empfangen, wobei auch ein Zusammentreffen mit Prof. Dr. ERBAKAN auf dem Programm stand, dem die Jugendlichen durch Handkuss ihre Verehrung entgegenbrachten.121 Umgekehrt sind Politiker der \"Saadet Partisi\" regelm\u00e4\u00dfig G\u00e4ste bei Veranstaltungen der IGMG. So veranstaltete die 118 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 22. Juli 2006. 119 \"Milli Gazete\" vom 3. Mai 2006. 120 \"Milli Gazete\" vom 25. April 2006. 121 DVD des Medienprojekt Wuppertal e.V: \"Jung und Moslem in Deutschland\" (\"Taner - Ein Jugendlicher bei Milli G\u00f6r\u00fcs\"). 75","IGMG Region Stuttgart Ende Mai 2006 in Ludwigsburg einen \"Tag des Friedens und der Br\u00fcderlichkeit\", bei dem der stellvertretende Vorsitzende der SP, Yasin HATIPOGLU, auftrat. Im Rahmen seiner Rede122 habe er zur \"Br\u00fcderlichkeit unter Muslimen\" referiert; derselbe Redner, der auch als Kolumnist f\u00fcr die \"Milli Gazete\" t\u00e4tig ist, beschrieb in der Ausgabe dieser Zeitung vom 13. November 2006 den \"edlen Marsch\" der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" zur \"Weltherrschaft\" (cihan hakimiyeti). Bei der Veranstaltung in Ludwigsburg sei die IGMG Fellbach f\u00fcr den ersten Platz bei der Kampagne \"Jedes Mitglied [wirbt] ein Mitglied\" ausgezeichnet worden. Die in der Saison 2005/2006 erfolgreichen Regionalund Vereinsvorsitzenden sowie Imame und Prediger seien mit Medaillen ebenfalls geehrt worden. Unver\u00e4ndert intensiv betreibt die IGMG eine auf die Bewahrung der religi\u00f6sen, kulturellen und nationalen Werte und die St\u00e4rkung der muslimiFestigung der schen Identit\u00e4t ausgerichtete Jugendarbeit. Ein Nebeneffekt ihrer schulbeIdentit\u00e4t als gleitenden Kurse ist die ohnehin angestrebte Bindung der Kinder und Erziehungsziel Jugendlichen an die Moschee. Neben fortlaufenden Kursen und Ferienkursen spielen Angebote in privatem Rahmen wie \"Hausgespr\u00e4che\" (ev sohbetleri) eine Rolle. Diese wurden auch in Baden-W\u00fcrttemberg, so im April 2006 in Esslingen, durchgef\u00fchrt.123 Zum Jahresende 2006 richtete die IGMG-Zentrale Kerpen im Zusammenhang mit ihrer Jugendarbeit das Projekt \"2.000 Hausgespr\u00e4che\" aus.124 \"Hausgespr\u00e4che\" h\u00e4lt auch die SP in der T\u00fcrkei ab; nach einem Bericht einer Stadtteilzeitung der SP Istanbul125 sollen allein im Februar 2006 in einem Stadtteil Istanbuls 1.000 dieser Veranstaltungen durchgef\u00fchrt worden sein. In einer \"Milli Gazete\"-Kolumne zum Thema \"Jahr der Wiederbelebung der Sunna 2006\"126 forderte der Autor im Hinblick auf die Inhalte der \"Hausgespr\u00e4che\" deren Ausrichtung an der Prophetenbiographie und den Hadithen.127 Die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung in der T\u00fcrkei und die IGMG bedienen sich folglich gleichartiger Strategien, die sowohl dem Zweck der ideologischen Festigung als auch dem der Vergr\u00f6\u00dferung der Anh\u00e4ngerschaft dienen sollen. 122 \"Milli Gazete\" vom 2. Juni 2006. 123 \"Milli Gazete\" vom 22. April 2006. 124 \"Milli Gazete\" vom 17. Oktober 2006. 125 \"Saadet\", Zeitung der SP f\u00fcr den Stadtteil Bagcilar, Nr. 11 vom April 2006. 126 Das Jahr 2006 war nach einem Kongress der \"Muslimischen Weltjugend\" unter Vorsitz des \"Anadolu Genclik Dernegi\" im August 2005 zum \"Jahr der Wiederbelebung der Sunna\" erkl\u00e4rt worden. 127 \"Milli Gazete\" vom 18. M\u00e4rz 2006. 76","Islamismus Wichtig ist f\u00fcr die IGMG auch die eigene Bildungsarbeit. In den Kursen findet das von ihr herausgegebene dreib\u00e4ndige Lehrwerk \"Temel Bilgiler\" Verwendung. Auch in der Neuauflage findet sich die Gegen\u00fcberstellung der \"einzigen Religion, die ihren Kern bewahrt\" habe, mit den \"im Kern verdorbenen Religionen des Judenund Christentums\"128, erg\u00e4nzt um den Hinweis, mit dem Auftreten des Islams seien \"die Bestimmungen der anderen Religionen hinf\u00e4llig\" geworden. Das Ziel des Muslims, so wird hier gelehrt, m\u00fcsse es sein, dass alle Menschen sich nach derselben Gebetsrichtung neigten und alle Menschen Allah anbeteten. Daf\u00fcr m\u00fcsse man leben, daf\u00fcr m\u00fcsse man k\u00e4mpfen.129 Der Begriff des \"Djihad\" ist in diesem Lehrbuch sehr weit gefasst: \"Das Leben unseres Propheten, anders ausgedr\u00fcckt, sein Djihad, bedeutet die Herrschaft des Rechts (hak)130, das hei\u00dft die Sicherung des Friedens auf Erden und die Erlangung und den Schutz der Menschenrechte im eigentlichen Sinn des Wortes. Denn unser Prophet hat niemals aus einem anderen Grund gek\u00e4mpft. Und er ist immer gegen Ungerechtigkeit eingetreten.\" 131 Die Pflicht des Djihad, so wird weiter ausgef\u00fchrt, sei \"diejenige Form der Andacht, die mit dem K\u00f6rper, dem Verm\u00f6gen und gegebenenfalls unter Einsatz des eigenen Lebens auszuf\u00fchren\" sei. Djihad bedeute, sich mit aller Kraft f\u00fcr den \"Sieg des Guten \u00fcber das Schlechte und f\u00fcr das Ausl\u00f6schen von Zwietracht und \u00dcbel auf Erden\" einzusetzen. Die Andacht des Djihad Djihad als Form geschehe \"nicht um des Individuums, sondern um der ganzen Menschheit des Gottesdienstes willen\", und das durch den Djihad erworbene Verdienst \u00fcbersteige deshalb das Verdienst anderer Andachtsformen um ein Vielfaches.132 Mit der Definition des Begriffs \"Djihad\" f\u00fcr den Muslim in Europa heutzutage werden zwar weit gefasste m\u00f6gliche Motivationsanreize benannt, jedoch bleibt offen, mit welchen Mitteln der Djihad zu f\u00fchren sei: 128 Temel Bilgiler 2, K\u00f6ln 2002, S. 2f. 129 Temel Bilgiler 1, K\u00f6ln 1998, S. 34. 130 Zweitbedeutung von \"hak\" ist \"Gott\". 131 Temel Bilgiler 2, K\u00f6ln 2002, S. 75; \u00dcbernahme wie im Original. 132 Hier und im Folgenden: Temel Bilgiler 2, K\u00f6ln 2002, S. 76, \u00dcbernahme wie im Original. 77","\"Die Muslime in Westeuropa leben heute im allgemeinen in Frieden und Freiheit. In dieser Umgebung ist 'Djihad' nur als Kampf gegen Ungerechtigkeiten, Unterdr\u00fcckung und Vorurteile in der Gesellschaft zu verstehen.\" Mit der \"Schule f\u00fcr Islamische Wissenschaften\" in K\u00f6ln, die im Sommer 2006 die ersten Absolventinnen nach vierj\u00e4hriger Ausbildung entlie\u00df, verf\u00fcgt die IGMG \u00fcber eine speziell auf Frauen zugeschnittene Institution, durch die die k\u00fcnftige Ausbildung des eigenen Nachwuchses sichergestellt werden soll. Auf der Website der Schule bezeichnet es die IGMG als ihr Ziel, derartige Schulen in ganz Europa zu verbreiten. Weitere Ziele seien die \"Sicherstellung einer nutzbringenden Funktion innerhalb der eigenen Gemeinschaft\" sowie der \"elementaren Kommunikation innerhalb der Gesellschaft\".133 \"Milli Gazete\" Die F\u00f6rderung und Verbreitung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Ideologie und der als Bindeglied Zusammenhalt der Bewegung werden ma\u00dfgeblich durch die \"Milli Gazete\" sichergestellt. In der T\u00fcrkei erl\u00e4uterten im Lauf des Jahres 2006 Verantwortliche der \"Milli Gazete\" beziehungsweise der SP auf Veranstaltungen in verschiedenen Regionen Anatoliens die Bedeutung der Zeitung f\u00fcr die \"Bewusstwerdung der Nation\". Der Pressechef der Zeitung, Necdet KUTSAL, schrieb im \"Brief von Milli Gazete\"134 in der Ausgabe vom 27. Juni 2006: \"Das Wichtigste, was an diesen Versammlungen f\u00fcr uns zu beobachten war, ist die Tatsache, wie die politische Bewegung der Milli G\u00f6r\u00fcs und die Zeitung Milli Gazete miteinander gekoppelt sind (...) Wir haben einen einzigen Kanal, \u00fcber den die Rettungskonzepte der Milli G\u00f6r\u00fcs-Politik, die wir unserer Nation vorlegen, der Nation \u00fcberbracht werden k\u00f6nnen, und das sind Milli Gazete und TV 5.\" Zum selben Thema konstatierte der Kolumnist Dr. Abdullah \u00d6ZKAN135 in der Ausgabe vom 29. Mai 2006: 133 Internetauswertung vom 25. September 2006. 134 Rubrik der \"Milli Gazete\", in der sich Verantwortliche der Zeitung in eigener Sache an die Leserschaft wenden. 135 Der Kolumnist ist gleichzeitig Leiter der Nachrichtenredaktion von \"TV 5\". 78","Islamismus \"\u00dcberall dort, wo Milli Gazete gelesen und TV 5 gesehen wird, kann man im Volk eine unglaubliche Bewusstwerdung, ein Erwachen aus dem Schlaf, ein Absch\u00fctteln einer Narkosewirkung beobachten (...) Unsere Nation k\u00e4mpft auf dem Feld der Medien einen neuen Befreiungskampf (kurtulus m\u00fccadelesi)136 (...) Jeder, der Milli Gazete mit dem Volk zusammenf\u00fchrt und sich daf\u00fcr einsetzt, dass TV 5 \u00fcberall in unserem Land gesehen wird, ist ein Held in diesem Befreiungskampf.\" Ungeachtet ihrer formalen Unabh\u00e4ngigkeit wird aus der detaillierten Berichterstattung der \"Milli Gazete\" \u00fcber Veranstaltungen in den IGMG-Moscheen und andere Interna die Rolle der Zeitung als Sprachrohr und Forum der IGMG deutlich. Nicht selten nehmen an diesen Veranstaltungen Kolumnisten der Zeitung als G\u00e4ste, aber auch als Vortragende teil. So war die Kolumnistin Mine ALPAY G\u00dcN Mitte Oktober 2006 Gastrednerin bei der franz\u00f6sischen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Organisation CIMG137 in der Region Stra\u00dfburg138. Der Kolumnist Sakir TARIM referierte Ende Oktober 2006 bei den \"Herzensgespr\u00e4chen\" (g\u00f6n\u00fcl sohbetleri) des IGMG-Jugendverbands Hessen139 und Anfang November bei einem internen Fortbildungsseminar der IGMG R\u00fcsselsheim.140 Die IGMG ver\u00f6ffentlicht dar\u00fcber hinaus in der Zeitung ihre Freitagspredigten sowie Genesungs-, Gl\u00fcckwunschund Kondolenzanzeigen von und f\u00fcr Mitglieder der Organisation. Au\u00dferdem erm\u00f6glicht die IGMG der Zeitung die Mitwirkung an ihren Veranstaltungen mit Informationsst\u00e4nden zur Verkaufsf\u00f6rderung und Abonnentenwerbung. In den der IGMG-Region Stuttgart zugeh\u00f6rigen Moscheevereinen M\u00fchlacker, Stuttgart-Wangen und Waiblingen richtete Kampagnen f\u00fcr die Stuttgarter Vertretung der Zeitung im Rahmen einer PR-Kampagne im \"Milli Gazete\" Mai 2006 St\u00e4nde ein. Der Stand der \"Milli Gazete\" in der Stuttgart-Wangener Moschee wurde vom Landesvorsitzenden der IGMG, Adem KAYA, 136 Mit der terminologischen Gleichsetzung dieses \"Kampfes\" mit dem von Atat\u00fcrk angef\u00fchrten Befreiungskrieg gegen die Besatzer des anatolischen Territoriums hebt der Kolumnist diese Angelegenheit auf h\u00f6chste Ebene. 137 \"Communaute Islamique du Milli Gorus\". 138 \"Milli Gazete\" vom 12. Oktober 2006 und vom 6. November 2006. 139 \"Milli Gazete\" vom 30. Oktober 2006. 140 \"Milli Gazete\" vom 6. November 2006. 79","besucht. An den drei Orten der PR-Kampagne wurden mehr als tausend Exemplare der Zeitung an Landsleute verschenkt. Anl\u00e4sslich einer Massenbeschneidung in einem Festsaal in Waiblingen wurden auf jedem Tisch Exemplare der \"Milli Gazete\" ausgelegt.141 In Esslingen wurde an die Gemeindemitglieder im Anschluss an das Ramadan-Festgebet jeweils eine Ausgabe der Zeitung verteilt.142 Bei einer von der IGMG-Region Freiburg organisierten Koran-Festveranstaltung in Donaueschingen war ebenfalls ein \"Milli Gazete\"-Stand aufgebaut.143 In \"Milli Gazete\" vom 7. Februar 2006 wurde berichtet, im Anschluss an eine Versammlung der Vereinsvorsitzenden der IGMG-Region Freiburg h\u00e4tten sich zwei Teilnehmer der \"Milli Gazete-Familie\" als Abonnenten angeschlossen. Der \"Milli Gazete\"-Funktion\u00e4r Ekrem KIZILTAS, der auch bei \"TV 5\" als Moderator fungiert, berichtete in der Ausgabe vom 24. Juni 2006 \u00fcber die \"TV 5-Europa-Tage\". Er sei deswegen bei Veranstaltungen in Dortmund, K\u00f6ln und Duisburg zugegegen gewesen und habe die Gelegenheit genutzt, mit \"TV 5\"Zuschauern und \"Milli Gazete\"-Lesern zusammenzukommen. Vor Beginn des Ramadan 2006 wurden die IGMG-Moscheevereine per Anzeige in der \"Milli Gazete\"144 aufgefordert, gr\u00f6\u00dfere Paketbestellungen der Zeitung rechtzeitig aufzugeben. Der Repr\u00e4sentant der \"Milli Gazete\" f\u00fcr die Region Freiburg, Ali ATIK, antwortete in der Ausgabe der \"Milli Gazete\" vom 22. M\u00e4rz 2006 auf die Zuschrift einer Leserin aus Konya, die darin ihre Zufriedenheit \u00fcber die Gro\u00dfdemonstration der SP in Istanbul als Reaktion auf die \"Karikaturenkrise\" mit den Worten \"Solch eine Gro\u00dfveranstaltung k\u00f6nnen nur der Glaubensk\u00e4mpfer Hodja Erbakan und seine glaubensk\u00e4mpferischen Sch\u00fcler zustande bringen (...) Wie gl\u00fccklich, dass wir Milli G\u00f6r\u00fcs-Anh\u00e4nger und die Umma des Muhammed Mustafa sind!\", zum Ausdruck gebracht hatte, folgenderma\u00dfen: \"(...) Ich lade alle Menschen, die Milli G\u00f6r\u00fcs angeh\u00f6ren, ein, sich unserer Zeitung, die unsere Stimme und unser Ohr ist, anzunehmen. Wenn sie nur einmal anfangen, sich einmal daran gew\u00f6hnen, legen sie sie nicht wieder beiseite (...) Wie gl\u00fccklich, wer 141 \"Milli Gazete\" vom 9. Mai 2006. 142 \"Milli Gazete\" vom 28. Oktober 2006. 143 \"Milli Gazete\" vom 6. Mai 2006. 144 So auch in einer entsprechenden Anzeige am 12. Oktober 2006. 80","Islamismus Milli G\u00f6r\u00fcs angeh\u00f6rt und wer f\u00fcr Milli Gazete eintritt und sie liest (...)\" Bestimmte Meinungs\u00e4u\u00dferungen, insbesondere antisemitische Positionen, antisemitische \u00fcber deren abtr\u00e4gliche Wirkung in Deutschland sich die IGMG im Klaren Tendenzen ist, versuchte man in der Europa-Ausgabe der \"Milli Gazete\" zu vermeiden. Dennoch waren entsprechende Inhalte aufzufinden145, deutlicher noch in der T\u00fcrkei-Ausgabe der Zeitung, in der sich in einem Fall der Autor in einer den Holocaust relativierenden Kolumne146 auf den Revisionisten Roger GARAUDY147 und den Holocaustleugner Fred LEUCHTER148 berief. Am \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" am 4. Juni 2006 in Hasselt/Belgien f\u00fchrte der IGMG-Buchclub an seinem Stand das aus dem Iran stammende antisemitische Propagandavideo \"Zehras blaue Augen\" (\"Filistinli Zehra'nin G\u00f6zleri\") im Angebot, das zuvor auch \u00fcber \"TV 5\" ausgestrahlt wurde und in dem dargestellt wird, wie Juden aus rassistischen Motiven pal\u00e4stinensische Kinder als menschliche \"Ersatzteillager\" missbrauchen. In einem Artikel der \"Milli Gazete\" \u00fcber eine Veranstaltung der Zeitung in Ankara149 wurde der Generaldirektor der Zeitung mit der Aussage zitiert, es werde in der T\u00fcrkei \"kein Kopftuchproblem mehr geben\", sobald eine Auflage von 150.000 bis 200.000 St\u00fcck erreicht sei. Die Zeitung, die das KopfEinsatz pro tuch und die Verh\u00fcllung von Frauen propagiert, stellte hier in Aussicht, das Kopftuch Kopftuchverbot in der T\u00fcrkei werde nicht mehr zu halten sein, sobald eine entsprechend gro\u00dfe Zahl von Anh\u00e4ngern ihren Forderungen st\u00e4rker Nachdruck verleihen k\u00f6nne. In Deutschland tritt die IGMG gleichfalls als Verfechterin des Kopftuchs hervor. Besonders nach dem \u00f6ffentlichen Appell einer t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Abgeordneten des Deutschen Bundestags und weiterer t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Kolleginnen an muslimische Frauen in Deutschland, das Kopftuch als Zeichen ihrer Integration abzulegen, reagierte die IGMG in der Person ihres Generalvorsitzenden Yavuz Celik KARAHAN mit den Worten, man k\u00f6nne nicht Menschen integrieren, 145 Exemplarisch kann hier die Kolumne \"Israel und die 'gl\u00e4ubigen Muslime'\" in der Ausgabe vom 5. August 2006 angef\u00fchrt werden. 146 Online-Ausgabe der \"Milli Gazete\" vom 13. September 2006. 147 Konvertit; wegen Leugnung des Holocaust sowie Aufstachelung zum Rassenhass in seinem 1996 erschienenen Buch \"Die Gr\u00fcndungsmythen der israelischen Politik\" 1998 von einem franz\u00f6sischen Gericht verurteilt. 148 Im \"Leuchter-Report\" hatte LEUCHTER behauptet, dass in den Gaskammern der Vernichtungslager des nationalsozialistischen Regimes kein Massenmord an Menschen stattgefunden haben k\u00f6nne. 149 \"Milli Gazete\" vom 11. Oktober 2006. 81","indem man sie \"dazu aufrufe, ihre Identit\u00e4t aufzugeben\". Politisch verantwortliches Handeln gebiete vielmehr, \"diese Menschen mit ihren Unterschieden in die Gesellschaft zu integrieren.\" 150 Der Vorsitzende des \"Islamrats f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\", Ali KIZILKAYA, kritisierte den Vorschlag als \"Versuch der Bevormundung der muslimischen Frauen.\" Der Islam k\u00f6nne nicht \u00fcber Assimilation integriert werden. Vielmehr bedeute Integration, \"dass man auch die Identit\u00e4t bewahren darf und soll.\" Die Vorsitzende der IGMG-Frauenverb\u00e4nde, Zehra DIZMAN, wertete die Aufforderung zum Abnehmen des Kopftuchs als \"in h\u00f6chstem Ma\u00df diskriminierend und gewissenlos\" 151. Die \u00c4u\u00dferungen seien \"\u00e4u\u00dferst betr\u00fcblich und verletzend\" und es m\u00fcsse \"hinterfragt werden, ob diese Personen \u00fcberhaupt als Volksvertreterinnen anzusehen\" seien. Als muslimische Frauen verurteile man diese ehrverletzende Haltung aufs Sch\u00e4rfste und appelliere an das \"Einsehen und das Gewissen der Urheber dieser ungl\u00fccklichen Erkl\u00e4rungen\". Die IGMG-Zentrale vergibt an angehende Studentinnen, die in der T\u00fcrkei aufgrund des dortigen Kopftuchverbots in \u00f6ffentlichen Einrichtungen nicht an den Hochschulen zugelassen werden, Stipendien f\u00fcr ein Studium in Europa, vornehmlich in \u00d6sterreich und Deutschland. Die IGMG setzt diese Studentinnen auch als Lehrkr\u00e4fte in ihren Kursen ein.152 Die IGMG propagiert ein allumfassendes, s\u00e4mtliche Lebensbereiche einBindung an schlie\u00dfendes Verst\u00e4ndnis des Islam. Die Bindung an Koran und Sunna und Koran und Sunna deren strikte Observanz sind f\u00fcr die IGMG essenzieller Bestandteil ihres Selbstverst\u00e4ndnisses. Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc stellte in seiner Rede beim \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" in Hasselt am 4. Juni 2006 klar: \"Wenn die Probleme, die wir als Gemeinschaft, als Milli G\u00f6r\u00fcs, haben, aus unserem Verst\u00e4ndnis von Integration herr\u00fchren, welches Assimilation kategorisch ablehnt, oder aus unserer Lebensart, d.h. unserer Bindung an Koran und Sunna, dann soll man wissen, dass wir damit einverstanden sind, diese Unannehmlichkeiten auf uns zu nehmen, denn wir sind Muslime. (...) Nat\u00fcrlich werden wir weiterhin den Mitgliedern unserer Organisation den R\u00fccken st\u00e4rken und unsere juristischen und politischen Aktivit\u00e4ten fortsetzen.\" 153 150 Hier und im Folgenden: IGMG-Homepage vom 6. November 2006. 151 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 3. November 2006. 152 \"Milli Gazete\" vom 21. November 2006. 153 DVD \"IGMG - Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t - 4. Juni 2006, Hasselt/Belgien\". 82","Islamismus \u00dcC\u00dcNC\u00dc argumentierte weiter, es k\u00f6nne \"nichts Nat\u00fcrlicheres\" geben, als dass eine religi\u00f6se Gemeinschaft nach ihren ureigenen Quellen handle. Wenn dies eine Straftat darstelle, so werde man \"diese Straftat k\u00fcnftig hoffentlich auch weiterhin begehen\". Bei einer Gedenkveranstaltung f\u00fcr den Propheten in Mannheim (IGMG-Region Rhein-Saar) sagte der Regionalvorsitzende, dass \"Gesellschaften, die sich an den Koran hielten, stets \u00fcberlebt\" h\u00e4tten154, w\u00e4hrend der Vorsitzende des IGMG-Landesverbands, Adem KAYA, in einer Ansprache in der Moschee in Esslingen den Islam als \"das einzige System, das nie endet\", bezeichnete.155 Zur Funktion der \"Milli G\u00f6r\u00fcs-Institutionen in Europa\" 156 f\u00fchrte Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN beim \"Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t\" am 4. Juni 2006 in Hasselt/Belgien aus, diese Institutionen seien seinerzeit zu dem Zweck gegr\u00fcndet worden, dass \"unsere Menschen dort ihre eigene Kultur leben und weiterentwickeln k\u00f6nnen\".157 Auf derselben Veranstaltung bezeichnete \u00dcC\u00dcNC\u00dc unter Hinweis auf den Karikaturenstreit zu Beginn des Jahres 2006 und die Pflicht zur \"richtigen Darstellung\" des Islams den \"Sinn der Gr\u00fcndung unserer Organisation, den Grund unserer Existenz\" damit, \"der Menschheit unsere Religion und ihren Gesandten mit Weisheit und guten Worten zu erkl\u00e4ren\" und wies damit auf den bedeutenden Aspekt der Da'wa158 hin. In einem auf der Homepage der IGMG eingestellten Kommentar159 beschrieb \u00dcC\u00dcNC\u00dc die IGMG als eine \"unabh\u00e4ngige islamische Religionsgemeinschaft, die sich mit einer weit gef\u00e4cherten Infrastruktur, im \u00dcbrigen sehr erfolgreich, der umfassenden ReligionsverwirkliZiel: umfassende chung ihrer Mitglieder\" widme. Der Begriff der angestrebten \"umfassenden ReligionsverReligionsverwirklichung\" verdeutlicht die Zielsetzung der IGMG, f\u00fcr ihre wirklichung Anh\u00e4nger Freir\u00e4ume f\u00fcr ein Leben zu schaffen, das nur in dieser Auspr\u00e4gung als \"islamkonform\" anzusehen sei, indem sie alle rechtlichen M\u00f6glichkeiten aussch\u00f6pft, die ihr eine freiheitliche demokratische Gesellschaft bietet, der sie allerdings im \u00dcbrigen skeptisch gegen\u00fcbersteht. Zwar weist sie im Zusammenhang mit ihrer Integrationsbereitschaft stets darauf hin, sie fordere ihre Mitglieder zum Erwerb der deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft auf, was sie im \u00dcbrigen bereits als Integrationsleistung wertet. Vor dem Hintergrund des Ziels der Verwirklichung einer Lebensf\u00fchrung, welche vollst\u00e4n154 \"Milli Gazete\" vom 15. April 2006. 155 \"Milli Gazete\" vom 13. April 2006. 156 ERBAKAN verwendete hier die fr\u00fchere Eigenbezeichnung der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Vereinigungen in Europa, \"Avrupa Milli G\u00f6r\u00fcs Teskilatlari\", als Synonym f\u00fcr die IGMG. 157 Hier und im Folgenden: DVD \"IGMG - Tag der Br\u00fcderlichkeit und Solidarit\u00e4t - 4. Juni 2006, Hasselt/Belgien\". 158 Unter diesem Begriff k\u00f6nnen s\u00e4mtliche T\u00e4tigkeiten subsumiert werden, die f\u00fcr die Sache des Islam und insbesondere seine Verbreitung \"von Nutzen\" sind. 159 IGMG-Website vom 10. Oktober 2006. 83","dig an einem buchst\u00e4blich ausgelegten Islam auszurichten sei, erscheint diese Ma\u00dfnahme jedoch fragw\u00fcrdig im Hinblick darauf, ob damit die Erwartungen des Staates an neugewonnene Staatsb\u00fcrger und deren Verfassungstreue nicht konterkariert werden. Prof. Dr. Arif ERSOY160, Mitglied des SP-Vorstands und ma\u00dfgeblich an der Entwicklung des Modells \"Adil D\u00fczen\" beteiligt, stellte in einem am 13. Oktober 2006 in der \"Milli Gazete\" ver\u00f6ffentlichten Artikel fest, ein Teil Selbstausgrenzung der seit den 1960er-Jahren aus der T\u00fcrkei ins Ausland abgewanderten Menals positive schen habe sich \"um ihre gemeinsame Weltanschauung und ihre WertIntegration ma\u00dfst\u00e4be versammelt und sich in Institutionen zusammengeschlossen, die dabei halfen, die Identit\u00e4t und Kultur unserer Menschen zu bewahren und gleichzeitig dazu beitrugen, dass diese sich den Aufenthaltsl\u00e4ndern unter Wahrung ihrer Identit\u00e4t anpassen konnten\". Nach Auffassung ERSOYs handle es sich dabei um \"positive Integration\" (m\u00fcspet entegrasyon). Tats\u00e4chlich ist hier jedoch eine Resistenz gegen\u00fcber einem Mindestma\u00df an Ver\u00e4nderung zu beobachten, welche von anderen Autoren ebenfalls als positiv hervorgehoben wird, so von Mine ALPAY G\u00dcN, die im Vorfeld ihres Auftritts als Predigerin beim Frauenverband der IGMG-Region Stra\u00dfburg im Oktober 2006 feststellte: \"(...) Es ist, als ob wir hier nicht in Frankreich w\u00e4ren. Als ob wir keinesfalls in Paris, Lyon, Ansy [Annecy] oder Stra\u00dfburg w\u00e4ren, sondern ganz und gar in Anatolien (...) Die Sehnsucht nach der T\u00fcrkei verbrennt [diese Menschen] geradezu (...) Sie haben mich eingeladen, um eine Stimme aus der T\u00fcrkei zu h\u00f6ren. Wie sehr m\u00f6chte ich jedoch ihnen zuh\u00f6ren! Wie sehr ist diese Nichtver\u00e4nderung, diese Bewahrung der eigenen Kultur hochzusch\u00e4tzen! Was kann ich ihnen schon erz\u00e4hlen?! Sie sind es, die Europa anatolisiert haben.\" 161 F\u00fcr die Identit\u00e4tswahrung und gleichzeitig die Implementierung islamischer Positionen auch auf der politischen und juristischen Ebene sorgen Institutionen wie der \"European Council for Fatwa and Research\" (ECFR), zu dem die IGMG in engem Kontakt steht. Der Vizepr\u00e4sident des Rats, Faisal 160 ERSOY bet\u00e4tigt sich auch als Kolumnist der \"Milli Gazete\"; seine Artikel erscheinen unter dem Motto \"Yeni Bir D\u00fcnya\" (\"Eine Neue Welt\"). 161 \"Milli Gazete\" vom 12. Oktober 2006. 84","Islamismus MAWLAWI, habe sich daf\u00fcr ausgesprochen, dass die Muslime in Europa \"ins politische Leben eintreten und dabei in allen ihren nutzbringenden und wohlmeinenden Anstrengungen unterst\u00fctzt werden\" 162 sollten. In diesem Zusammenhang habe MAWLAWI von der Notwendigkeit des Aufbaus Observanz islamieines \"konstruktiven Rechtssystems\" (kurucu bir fikih) gesprochen. Die scher RechtsRelevanz islamischer Rechtsvorschriften f\u00fcr Muslime in Europa ergibt sich vorschriften auch aus manchem Literaturangebot wie dem mehrfach in der \"Milli Gazete\" beworbenen rechtswissenschaftlichen Kompendium \"Gurbetci Ailenin Fikhi Problemleri\" (\"Die [islam]-rechtlichen Probleme von Familien in der Fremde\")163, welches Muslimen in der Diaspora als Leitfaden f\u00fcr eine umfassende islamische Lebensf\u00fchrung empfohlen wird. Seit 2005 wurden im Internet verschiedene, durch Inhalt und Symbolik der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" nahe stehende t\u00fcrkischsprachige Portale und Foren festgestellt, in denen sich die Anh\u00e4nger der verschiedenen Komponenten der Bewegung einschlie\u00dflich der IGMG in Europa austauschen. Die meist jungen Anh\u00e4nger bekennen sich durch Offenlegen ihrer Funktion innerhalb der Organisation oder ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu einem bestimmten Regionaloder Ortsverband zum Teil explizit zu ihrer IGMG-Zugeh\u00f6rigkeit. Im Gegensatz zu den \u00fcber das Forum der IGMG-eigenen Homepage transportierten Inhalten werden hier auch extremistische \u00c4u\u00dferungen laut. Deutlich wird, dass hier die ideologischen Grundpositionen ERBAKANs von der Basis rezipiert, verbreitet, vor allem aber uneingeschr\u00e4nkt geteilt werden. Dort platzierte Logos mit entsprechend martialischen Attributen verhei\u00dfen keine Friedfertigkeit; h\u00e4ufig ist zwischen Textbeitr\u00e4gen als Motto \"Cihad\" (Djihad), flankiert von einem Maschinengewehr auf der einen und der schwarzen Fahne des Kalifats auf der anderen, unterlegt mit dem martialischer Inhalt Hadith \"Das Paradies liegt im Schatten der Waffen\", eingestellt. Schriften in Internetforen des Gr\u00fcnders der \"Muslimbr\u00fcder\", Hassan al-BANNA, werden empfohlen, um die \"spirituelle 'Milli G\u00f6r\u00fcs'-Atmosph\u00e4re im \u00c4gypten jener Jahre nachzuvollziehen\" oder um Grundlagen wie \"islamische Organisierung\" und \"Djihad\" zu vermitteln.164 Durch diese sowie weitere Schriften von Necmettin ERBAKAN und Sayyid QUTB werde \"sichtbar, dass die Mission, das Ziel und die Sicht auf die Probleme der Welt bei all diesen Autoren dieselben\" seien. Im \"technologischen Kampf gegen den Unglauben\" 165 wird der \"Geist des Djihad\" 166 im virtuellen Raum beschworen. Neben dem Austausch dienen die Foren auch dem Zweck der Da'wa. Die Konversion von Nichtmuslimen wird mit Genugtuung zur Kenntnis genommen: 162 Hier und im Folgenden: \"Milli Gazete\" vom 15. April 2006. 163 Anzeige in \"Milli Gazete\" vom 13. Juni 2006. 164 Hier und im Folgenden: Internetauswertung vom 31. Januar 2006. 165 Internetauswertung vom 1. Februar 2006. 166 Internetauswertung vom 31. Januar 2006. 85","\"Unter dem Vorwand, Arbeit zu suchen, sind wir hierher gekommen, um zu erobern. F\u00fcr Europa und insbesondere f\u00fcr Deutschland sind WIR verantwortlich (...) M\u00f6ge Allah uns mit islamischem Bewusstsein ausstatten und (...) m\u00f6ge er uns zum Mittel dazu machen, dass Europa muslimisch wird. Amen.\" 167 Ebenso wurden Beitr\u00e4ge festgestellt, die sich mit dem derzeitigen Stand der Da'wa in Deutschland und deren Methodik befassen.168 Ein in Deutschland ans\u00e4ssiger Autor bemerkte hierzu: \"Denn damit Milli G\u00f6r\u00fcs in Deutschland zur Herrschaft gelangen kann, muss zun\u00e4chst die Bev\u00f6lkerung muslimisch werden, sonst ist dies unm\u00f6glich. In einem Land, dessen Bev\u00f6lkerung nicht muslimisch ist, kann man keinen islamischen Staat erwarten (...) An erster Stelle der Dienstleistungen muss folgendes stehen: die Bev\u00f6lkerung warnen, aufwecken (...), also: Verk\u00fcndigung betreiben. Parallel dazu muss auch politische Arbeit betrieben werden (...) Milli G\u00f6r\u00fcs ist nicht nur eine politische Organisation. Die Saadet Partisi ist der politische Arm der Milli G\u00f6r\u00fcs. Das hei\u00dft, sie ist die politische Bewegung, die f\u00fcr die Vorherrschaft der Milli G\u00f6r\u00fcs t\u00e4tig ist.\" Mit der Aufforderung \"Hierher, Ihr IGMG-Anh\u00e4nger!\" konstatierte ein aus der IGMG Holland stammender Teilnehmer unter Angabe seines Absenderorts \"K\u00fcfristan\" (\"Land des Unglaubens\") und seines Berufs \"Muslim\": \"Liebe Forum-'Mitbewohner', unser seit Monaten andauernder Djihad l\u00e4uft nach einer Stockung wieder dem Gipfel zu. Bei dessen Verwirklichung kommt neben den Milli G\u00f6r\u00fcs-Anh\u00e4ngern der T\u00fcrkei den Milli G\u00f6r\u00fcs-Organisationen in Europa (Avrupa Milli G\u00f6r\u00fcs Teskilatlari), das hei\u00dft der IGMG, die bedeutendste Rolle zu!\" 169 167 Internetauswertung vom 16. M\u00e4rz 2006. 168 Internetauswertung vom 1. August 2006 (Rubrik \"Islam - Djihad - So sieht der Dienst f\u00fcr Milli G\u00f6r\u00fcs aus\"). 169 Internetauswertung vom 17. Oktober 2006. 86","Islamismus Die N\u00e4he der Forumsteilnehmer zur IGMG untermauern au\u00dferdem Fakten wie die Einstellung von Kommentaren \u00fcber Veranstaltungen der IGMG170 oder die zeitweilige Einstellung der Verbandszeitschrift \"IGMG Perspektive\". Auch wurden die Anh\u00e4nger zur Teilnahme an Unterweisungen in \"Religion und Adil D\u00fczen\" im einschl\u00e4gigen Forum Paltalk im eigenen \"IGMG-Raum\" aufgefordert.171 Zur Homepage der IGMG als einer von zahlreichen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Internetpr\u00e4senzen besteht \u00fcberdies ein Link.172 Ungeachtet des permanent vorgebrachten Anspruchs der G\u00fcltigkeit islamischer Positionen f\u00fcr s\u00e4mtliche Lebensbereiche sieht sich die IGMG als \"Motor\" der Integration von Muslimen in Deutschland. Funktion\u00e4re bekr\u00e4ftigen tendenziell pauschale, im Allgemeinen unbestrittene Grundaussagen zur Integration, reden jedoch spezifische Integrationshindernisse als \"Kommangelnde Klarheit munikationsproblem\"173 sch\u00f6n oder blenden diese g\u00e4nzlich aus. Funktion\u00e4des Integrationsre beklagen die mangelnde Anerkennung der seitens ihrer Gemeinschaft begriffs erbrachten Integrationsleistungen aufgrund angeblich latent islamophober Tendenzen in der Mehrheitsgesellschaft und weisen konkrete Integrationsanforderungen als Versuch der \"Assimilation\" zur\u00fcck. Es herrscht die Auffassung vor, durch Integration werde den Muslimen die Aufgabe ihres eigenen Lebensstils abverlangt: \"Die Migranten, insbesondere die muslimische Mehrheit unter den Migranten, glauben, dass ihnen durch Integration ein anderer Lebensstil aufgedr\u00e4ngt werden soll (...) Betrachtet man den juristischen Unterbau, so ist erkennbar, dass das Ziel der Integration darin besteht, zu verhindern, dass Muslime ihre muslimische Identit\u00e4t leben und einen dieser Identit\u00e4t gem\u00e4\u00dfen Lebensstil pflegen k\u00f6nnen. Demgegen\u00fcber garantieren aber die Verfassungen der europ\u00e4ischen [Staaten] mit ihrem Unterbau der 170 So der Beitrag vom 21. M\u00e4rz 2006, in dem man sich \u00fcber eine Veranstaltung der europ\u00e4ischen IGMGFrauenverb\u00e4nde vom 4. und 5. M\u00e4rz 2006 in Wesel austauscht. 171 Internetauswertung vom 1. Februar 2006. 172 Internetauswertung vom 1. Dezember 2006. 173 Vgl. hierzu \"IGMG Perspektive\" vom Februar 2006, Artikel \"Die IGMG und ihre Haltung zum Problem der Integration\". 87","freiheitlichen demokratischen Grundordnung Angeh\u00f6rigen anderer Kulturen und Religionen die Pflege eines anderen Lebensstils gem\u00e4\u00df eben diesen Kulturen und Religionen. Ungeachtet dieser Fakten wird dieses eminent wichtige Problem, verst\u00e4rkt durch eine vergiftete tagespolitische Atmosph\u00e4re, einfach \u00fcbergangen.\" 174 Die IGMG erhebt dezidiert den Anspruch auf gegenseitigen \"Respekt\" der jeweils anderen Identit\u00e4t, ohne dass sie das Erfordernis einer Offenheit gegen\u00fcber den gegebenen gesellschaftlichen und verfassungsm\u00e4\u00dfigen Rahmenbedingungen auch nur im Ansatz zugestehen w\u00fcrde. H\u00e4ufig wird auch eine gegenseitige Bereicherung postuliert, tats\u00e4chlich aber eine Parallelexistenz ohne wirklichen Austausch propagiert. In den Niederlanden trat im November 2006 erstmals eine Partei \"Islamische Demokraten\" mit einem Kandidaten der niederl\u00e4ndischen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-F\u00f6deration zur Vertretung der eigenen politischen Anspr\u00fcche bei den Parlamentswahlen an, nachdem diese Partei bereits zuvor auf kommunaler Ebene Kandidaten in der Haager Stadtverwaltung platzieren konnte.175 3.7 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"), fr\u00fcher \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V.\" (ICCB) Gr\u00fcndung: 1984 (ICCB), 1994 Umbenennung in \"Kalifatsstaat\" Sitz: K\u00f6ln Mitglieder: ca. 300 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 300) ca. 750 Bund (2005: ca. 750) Verbot: Nach dem durch \u00c4nderung des Vereinsgesetzes erfolgten Wegfall des Religionsprivilegs wurden am 8. Dezember 2001 durch den Bundesminister des Inneren 19 Ortsvereine als Teilorganisationen des \"Kalifatsstaats\" verboten; am 19. September 2002 wurde das Verbot auf 16 weitere Teilorganisationen ausgedehnt; das Verbot wurde durch Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 27. November 2002 best\u00e4tigt. Bereits in den Jahren vor 1980, in denen er in der T\u00fcrkei im Dienst des Amts f\u00fcr Religi\u00f6se Angelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi) t\u00e4tig war, hatte sich Cemaleddin KAPLAN, der Gr\u00fcnder des \"Kalifatsstaats\", politisch engagiert und den Zugang zum politischen Islam zun\u00e4chst \u00fcber Prof. Dr. 174 \"IGMG Perspektive\" vom Februar 2006, Beitrag \"Was meinen Muslime, wenn sie von Integration reden?\" (hier: in deutscher \u00dcbersetzung). 175 \"Milli Gazete\" vom 15. November 2006. 88","Islamismus Necmettin ERBAKAN und dessen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" gefunden. 1981, nachdem KAPLAN in der T\u00fcrkei aufgrund seiner politischen Umtriebe der freiwillige Ruhestand nahegelegt worden war, entsandte ihn ERBAKAN nach Deutschland, wo KAPLAN zun\u00e4chst in der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als Vorsitzender der Fatwa-Kommission t\u00e4tig wurde. 1983 kam es aufgrund des Streits dar\u00fcber, auf welchem Weg die Errichtung eines islamischen Staates in der T\u00fcrkei zu erreichen sei, zum Bruch zwischen KAPLAN und der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\". ERBAKAN propagierte die Islamisierung der Gesellschaft auf dem Weg der Nutzung der demokratischen Institutionen, KAPLAN hingegen setzte auf die radikale L\u00f6sung der islamischen Revolution. W\u00e4hrend ERBAKAN 1983 die \"Refah Partisi\" gr\u00fcndete, hielt KAPLAN im selben Jahr in K\u00f6ln eine Grundsatzpredigt, in der er seinen weiteren Weg zur Erlangung der Macht beschrieb. Er vertrat die Auffassung, dass \"die Partei im Islam nicht erlaubt\", sondern der \"Methode der Verk\u00fcndigung\" 176 (teblig) der Vorzug zu geben sei. Im selben Jahr gr\u00fcndete KAPLAN den \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden\" (\"Islami Cemiyet ve Cemaatler Birligi\", ICCB), den er 1992 in \"F\u00f6derativer Islamischer Staat Anatolien\" (\"Anadolu Federe Islam Devleti\", AFID) und 1994 in \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\") umbenannte. KAPLAN erkl\u00e4rte sich selbst zum \"Kalifen\". Die Stadt K\u00f6ln sollte bis zur angestrebten \"Befreiung Istanbuls\" als Hauptstadt des \"exterritorialen 'Kalifatsstaats'\" fungieren. Die \u00f6rtlichen Mitgliedsvereine des Verbandes unterstanden so genannten Gebietsemiren, die ihrerseits an die Weisungen des \"Kalifen\" gebunden waren. Die Mitglieder der Organisation waren zu einem \"Treueschwur\" und zu unbedingtem Gehorsam dem \"Kalifen\" gegen\u00fcber verpflichtet. Nach dem Tode KAPLANs im Mai 1995 wurde seinem Sohn Metin M\u00fcft\u00fcoglu KAPLAN die Nachfolge im Amt des \"Kalifen\" \u00fcbertragen. Im darauf folgenden Jahr unternahm der \"Gebietsjugendemir\" von Berlin, Dr. Halil Ibrahim SOFU177, der ebenfalls eine Gruppe von Getreuen um sich geschart hatte, den Versuch, Kaplan die Position des \"Kalifen\" streitig zu machen.178 Dieser reagierte mit einer Fatwa179, welche besagte, dass eine Person, die ungeachtet des Vorhandenseins eines Kalifen gleichfalls dieses Amt bean176 KAPLAN orientierte sich hier am Vorbild Ayatollah KHOMEINIs, der w\u00e4hrend der Jahre seines Exils in Frankreich die permanente \"Verk\u00fcndigung\" seiner Reden und Predigten als das geeignete Mittel ansah, damit das Volk als \"Empf\u00e4nger\" dieser \"Verk\u00fcndigung\" schlie\u00dflich zu den Waffen greife und die Revolution vollziehe. 177 Von seinen Anh\u00e4ngern wurde SOFU \"Yusuf Hodja\" genannt. 178 Mit seinem 1996 erschienenen Buch \"Deccal'in Sistemi - Demokrasi\" (\"Demokratie - das System des Betrugs\"; mit \"Deccal\" wird in der islamischen Mythologie der vor dem Weltende erscheinende \"Antichrist\" bezeichnet), in dem der Islam als ein der Demokratie \u00fcberlegenes System dargestellt wird, hatte sich SOFU unter seinen Anh\u00e4ngern einen Namen gemacht. 179 Islamisches Rechtsgutachten. 89","spruche, zur Reuebekundung aufgefordert und im Falle des Nichtbereuens get\u00f6tet werde. In der Tat wurde der \"Gegenkalif\" 1997 von bisher unbekannten T\u00e4tern in seiner Berliner Wohnung erschossen. Aufgrund des \u00f6ffentlichen Aufrufs zu Straftaten hat das Oberlandesgericht D\u00fcsseldorf Metin KAPLAN am 15. November 2000 zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Die Anerkennung als Asylberechtigter wurde 2002 aufgrund dieser gegen ihn verh\u00e4ngten Freiheitsstrafe widerrufen. Ende 2004 wurde KAPLAN in einem K\u00f6lner Internetcafe festgenommen und nach Istanbul ausgeflogen, wo ihm wegen Hochverrats der Prozess gemacht wurde. Man warf ihm vor, zum Zweck der Errichtung eines Gottesstaats zum gewaltsamen Sturz der t\u00fcrkischen Regierung aufgerufen zu haben. Ein weiterer Vorwurf bezog sich auf einen 1998 auf das Atat\u00fcrkMausoleum in Ankara befohlenen Terroranschlag, bei dem die dort zum Nationalfeiertag versammelte Staatsspitze mit einem mit Sprengstoff beladenen Kleinflugzeug angegriffen werden sollte. Am 20. Juni 2005 wurde KAPLAN zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch wurde dieses Urteil am 30. November 2005 durch Entscheidung eines Berufungsgerichts in Ankara aufgrund von Verfahrensfehlern aufgehoben. Ein Termin f\u00fcr die Neuverhandlung steht noch aus. Aktivit\u00e4ten selbst Auch nach dem Verbot des \"Kalifatsstaats\" waren weiterhin Aktivit\u00e4ten aus nach Verbot den Reihen der Anh\u00e4nger festgestellt worden, die zu verschiedenen Ermittlungsverfahren gef\u00fchrt hatten. Die verbandseigene Zeitung \"\u00dcmmet-i Muhammed\" erschien zun\u00e4chst auch nach dem Verbot, ebenso war der organisationseigene TV-Sender \"Hakk TV\" weiterhin zu empfangen. Nach \"\u00dcmmet-i Muhammed\" (\"Die Gemeinde Muhammeds\") erschienen weitere Publikationen des Kalifatsstaats wie die Zeitung \"Beklenen Asr-i Saadet\" (\"Das erwartete Zeitalter der Gl\u00fcckseligkeit\") und das deutschsprachige Magazin \"Der Islam als Alternative\" (D.I.A.). Nach bundesweiten polizeilichen Durchsuchungsma\u00dfnahmen bei Beziehern dieser Publikationen im Dezember 2003 wurde deren Erscheinen eingestellt. In der Folge erschien 2004 einige Monate lang die Zeitschrift \"Barika-i Hakikat\" (\"Das Aufleuchten der Wahrheit\"). Die offizielle Internetseite des \"Kalifatsstaats\", die \u00fcber einen Server in den Niederlanden betrieben wird, ist weiterhin abrufbar.180 Neben Schriften und B\u00fcchern Cemalettin und Metin KAPLANs, Videound Audiodokumenten sind hier Ausgaben der deutschsprachigen Publika180 Internetauswertung vom 1. Dezember 2006. 90","Islamismus tion \"Der Islam als Alternative\" in Volltext eingestellt.181 Eine Internetseite des Fernsehkanals \"Hakk TV\" unter dem Motto \"Der Islam ist sowohl Religion als auch Staat, sowohl Gottesverehrung als auch Politik\" ist ebenfalls geschaltet182; das Gedankengut des \"Kalifatsstaats\" wird folglich weiterhin verbreitet. Das Verbotsverfahren und die staatlichen Exekutivma\u00dfnahmen haben die Organisationsstruktur zwar geschw\u00e4cht, gleichwohl sind die Anh\u00e4nger weiterhin in Deutschland pr\u00e4sent. Wie sich diese l\u00e4ngerfristig orientieren werden und ob es zu einer Neustrukturierung kommen wird, bleibt abzuwarten. 4. Weitere Informationen Im Jahr 2006 erschien eine neue Brosch\u00fcre \"Islamistischer Extremismus und Terrorismus\" des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. Aktuelle Informationen erhalten Sie auch auf unserer Homepage: http://www.verfassungsschutz-bw.de/kgi/kgi_start.htm. 181 Internetauswertung vom 27. November 2006. 182 Internetauswertung vom 1. Dezember 2006. 91","C. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN 1. Allgemeiner \u00dcberblick Organisationen von Ausl\u00e4ndern werden als extremistisch eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet, wenn sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Vor allem islamistische Gruppierungen sind verst\u00e4rkt in das Blickfeld geraten, einerseits durch die aus dem politischen Islamismus hervorgehenden terroristischen Bewegungen, andererseits durch das Bem\u00fchen von Organisationen, rechtliche Sonderpositionen einzunehmen, bei denen die freiheitliche demokratische Grundordnung zumindest in Teilen au\u00dfer Kraft gesetzt w\u00fcrde. In diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass islamistische Bestrebungen und damit verbundene gewaltorientierte Tendenzen als Ph\u00e4nomen nicht mehr ausschlie\u00dflich Ausl\u00e4nder betreffen, sondern auch als ein von Inl\u00e4ndern bef\u00f6rdertes Problem anzusehen sind. Der gesetzlich vorgesehenen Beobachtung unterliegen au\u00dferdem Bestrebungen, die durch die Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn eine gewaltsame \u00c4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse im jeweiligen Heimatland angestrebt wird. 92","Ausl\u00e4nderextremismus In Baden-W\u00fcrttemberg waren 8.405 (2005: 8.430) Personen in Vereinigungen mit extremistischer oder terroristischer Zielsetzung aktiv. Nennenswerte \u00c4nderungen zwischen den einzelnen politischen Lagern ergaben sich im Lauf des Jahres 2006 nicht. Die Gesamtzahl der politisch motivierten Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder stieg in Baden-W\u00fcrttemberg leicht um 1,7 Prozent beziehungsweise um eine Straftat von 58 auf 59 F\u00e4lle. Hiervon entfielen 45 (2005: 43) auf Straftaten mit extremistischem Hintergrund. Die Anzahl der Gewaltdelikte stieg ebenfalls leicht von 6 auf 7 F\u00e4lle.183 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder sowie ausl\u00e4nderextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2006 Die Entwicklungen im Bereich des Ausl\u00e4nderextremismus sind vor allem von den Ereignissen in den jeweiligen Heimatl\u00e4ndern gepr\u00e4gt und k\u00f6nnen sich anlassbezogen kurzfristig \u00e4ndern. Obwohl die Zahlen im Vergleich zum Rechtsund Linksextremismus wesentlich niedriger sind, darf insbesondere die vom Islamismus ausgehende Bedrohung nicht untersch\u00e4tzt werden. Speziell die versuchten Anschl\u00e4ge mit so genannten Kofferbomben im Juli 2006 in zwei Regionalz\u00fcgen bei Dortmund und Koblenz zeigen deutlich, dass Deutschland nicht mehr nur R\u00fcckzugsund Ruheraum f\u00fcr kriminelle Islamisten ist. Auch die weitere Entwicklung des \"Volkskongresses Kurdistans\" (KONGRA-GEL) beziehungsweise das Verhalten seiner Jugendorganisation, von der mutma\u00dflich zunehmend unfriedliche Aktionen ausgehen, ist sorgf\u00e4ltig zu beobachten. 183 Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrt keine eigene Strafund Gewalttatenstatistik. Alle in diesem Jahresbericht aufgef\u00fchrten statistischen Angaben zu politisch motivierten Straftaten beruhen auf Zahlenangaben des Landeskriminalamts Baden-W\u00fcrttemberg. 93","2. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) beziehungsweise \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK), jetzt: \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL) KONGRA-GELLogo Gr\u00fcndung: 1978 (in der T\u00fcrkei) Bet\u00e4tigungsverbot in Deutschland vom 22. November 1993 (bestandskr\u00e4ftig seit 26. M\u00e4rz 1994), benannte sich im April 2002 in KADEK und im November 2003 in KONGRA-GEL um. Sitz: Grenzgebiet T\u00fcrkei / Nord-Irak Vorsitzender:Z\u00fcbeyir AYDAR Abdullah \u00d6CALAN lenkt jedoch weiterhin faktisch die Organisation. Anh\u00e4nger: ca. 700 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 700) ca. 11.500 Bund (2005: ca. 11.500) Publikation: \"Serxwebun\" (Unabh\u00e4ngigkeit) Die von Abdullah \u00d6CALAN gegr\u00fcndete \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK), die sich zwischenzeitlich zweimal umbenannt hat, ist die mitgliederst\u00e4rkste extremistische Kurdenorganisation in Deutschland. Ihr urspr\u00fcngliches Ziel war die Errichtung eines unabh\u00e4ngigen Staates \"Kurdistan\". Deshalb begann die straff hierarchisch organisierte Kaderpartei 1984 ERNK-Logo mit Hilfe ihres bewaffneten Arms \"Befreiungseinheiten Kurdistans\" (HRK), der im Oktober 1986 in \"Volksbefreiungsarmee Kurdistans\" (ARGK) umgewandelt wurde, einen Guerillakrieg gegen den t\u00fcrkischen Staat. In Deutschland versuchte die Organisation durch politische und gewaltt\u00e4tige Aktionen, den Kampf im Heimatland zu unterst\u00fctzen. Deshalb wurde der PKK und ihrer im M\u00e4rz 1985 gegr\u00fcndeten Propagandaorganisation \"Nationale Befreiungsfront Kurdistans\" (ERNK) sowie weiteren Nebenorganisationen im November 1993 die Bet\u00e4tigung im Bundesgebiet durch den Bundesminister des Innern untersagt. Dieses Verbot umfasst auch den \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK) und den \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL). Unter jeder dieser drei Bezeichnungen ist die Organisation auf Beschluss des Rats der \"Europ\u00e4ischen Union\" (EU) 94","Ausl\u00e4nderextremismus vom 2. April 2004184 auch in der \"EU-Terrorliste\" genannt. Au\u00dferdem entschied der Bundesgerichtshof (BGH) am 21. Oktober 2004,185 dass die F\u00fchrungsebene der PKK in Deutschland nach wie vor eine kriminelle Vereinigung im Sinne des SS 129 Abs. 1 Strafgesetzbuch ist. Nach der Verhaftung \u00d6CALANs am 15. Februar 1999 in Nairobi/Kenia und den anschlie\u00dfenden Gewaltphasen verk\u00fcndete die PKK im September 1999 ihre so genannte Friedensstrategie, deren konkrete Ausgestaltung auf dem 7. Parteikongress im Januar 2000 beschlossen wurde. Vorgeblich auf politischem Weg und ohne Anwendung von Gewalt fordern sie und ihre Nachfolgeorganisationen seitdem die Anerkennung der kurdischen Identit\u00e4t sowie mehr Rechte und kulturelle Autonomie. Dabei sieht sie sich als einzig legitime Vertretung der vor allem aus der T\u00fcrkei stammenden Kurden. Um die politische Neuausrichtung nach au\u00dfen zu dokumentieren und um sich von dem \u00fcber viele Jahre hinweg gepr\u00e4gten Makel einer Terrororganisation zu befreien, f\u00fchrte die Organisation verschiedene Ver\u00e4nderungen HPG-Logo durch. Insbesondere wurden sowohl die PKK selbst als auch mehrere Teilorganisationen umbenannt beziehungsweise formal aufgel\u00f6st und unter neuen Namen wieder gegr\u00fcndet. Der milit\u00e4rische Arm ARGK erhielt zum Beispiel die Bezeichnung \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG). Die ehemalige Propagandaorganisation ERNK firmiert seit Sommer 2004 als \"Demokratische Gesellschaft Kurdistans\" (CDK).186 Die KONGRA-GEL-JugendorganiKomalen Ciwansation tritt seit kurzem als \"Vereinigung der demokratischen Jugendlichen Logo Kurdistans\" (Komalen Ciwan) auf. Unabh\u00e4ngig von ihrer Bezeichnung ist die Organisation nach wie vor trotz der nach au\u00dfen propagierten \"Friedenslinie\" und der vielen Ver\u00e4nderungen seit Herbst 1999 eine Gefahr f\u00fcr die Innere Sicherheit Deutschlands, denn keine wirkliche eine grunds\u00e4tzliche Wandlung ist nicht feststellbar. An dem strikt hierarchiWandlung schen Aufbau und an der autorit\u00e4ren F\u00fchrung haben sich bis jetzt weder substanziell noch personell nennenswerte Ver\u00e4nderungen ergeben. Auch wird Gewalt nach wie vor als ein wichtiges Mittel zur Durchsetzung der Ziele und zum eigenen Schutz angesehen, weshalb deren Anwendung in Deutschland zumindest vorbehalten bleibt oder auch - so in der T\u00fcrkei - praktiziert wird. Anlassbezogen und damit insbesondere, wenn es um \u00d6CALAN geht, der von seinen Anh\u00e4ngern als gro\u00dfe F\u00fchrungsund Symbolfigur verehrt wird, besteht durchaus die M\u00f6glichkeit, einen gro\u00dfen Teil der Mitglieder und Anh\u00e4nger auch in Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Aktio184 Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union L 99 vom 3. April 2004, S. 28f. 185 Urteil des BGH vom 21. Oktober 2004, Az.: 3 StR 94/04. 186 Wird auch als \"Koordination der kurdischen demokratischen Gesellschaft in Europa\" bezeichnet. 95","nen zu mobilisieren. Eine zumindest teilweise Demokratisierung der Strukturen ist bislang trotz mehrerer Versuche, wenigstens einzelne demokratische Elemente einzuf\u00fchren und die Basis bei Entscheidungen mit einzubeziehen, nicht erfolgt. Gebietseinteilung in Baden-W\u00fcrttemberg und Mobilisierung Das Jahr 2006 war von mehreren Aktionswellen gepr\u00e4gt, die durch Meldungen \u00fcber die Haftbedingungen \u00d6CALANs, Ereignisse in der T\u00fcrkei und restriktive Ma\u00dfnahmen in Deutschland ausgel\u00f6st wurden. Die Aktions\"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) - \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL) Einteilung Baden-W\u00fcrttemberg in 5 Gebiete 96","Ausl\u00e4nderextremismus schwerpunkte in Baden-W\u00fcrttemberg waren dabei Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Freiburg im Breisgau und Ulm, die gleichzeitig auch den f\u00fcnf KONGRA-GEL-Gebieten ihren Namen geben. Das Gebiet Heilbronn entstand im Sommer 2006, nachdem es als Teilgebiet des Gebiets Mannheim abgetrennt und verselbstst\u00e4ndigt wurde. Landesweit konnten 2006 wieder etwa 700 Personen zu dem Kreis gerechnet werden, der sich aktiv f\u00fcr den KONGRA-GEL beziehungsweise die ihm nahe stehenden Organisationen engagiert. F\u00fcr besondere Anl\u00e4sse lassen sich jedoch in Baden-W\u00fcrttemberg mehrere Tausend Kurden mobilisieren, die vorwiegend \u00fcber die dem KONGRA-GEL nahe stehenden \u00f6rtlichen Kurdenvereine erreicht werden. \u00d6ffentlichkeitswirksame Aktionen werden grunds\u00e4tzlich im Namen dieser Vereine angemeldet und verlaufen weitgehend friedlich. In letzter Zeit konnten jedoch zunehmend Rangeleien bis hin zu Handgreiflichkeiten am Rand von Veranstaltungen beobachtet werden. Diese entstanden meist nach Provokationen national eingestellter t\u00fcrkischer Personen. Die aktuellen Ereignisse 2006 in der T\u00fcrkei und in Deutschland f\u00fchrten in Baden-W\u00fcrttemberg dazu, dass der seit Jahren r\u00fcckl\u00e4ufige Trend bei der Zahl der aktiven Anh\u00e4nger und sonstigen Teilnehmer bei Veranstaltungen gestoppt werden konnte. Au\u00dferdem war eine zunehmende Unterst\u00fctzung durch t\u00fcrkische linksextremistische Organisationen festzustellen. Dabei d\u00fcrfte es sich weniger um eine Zusammenarbeit mit dem verbotenen KONGRA-GEL, als um eine Solidarisierung mit den t\u00fcrkischen Kurden im Allgemeinen handeln. Aktionen wegen 20-t\u00e4giger Einzelhaftstrafe f\u00fcr \u00d6CALAN Das beherrschende Thema im Januar 2006 war die 20-t\u00e4gige Einzelhaftstrafe f\u00fcr \u00d6CALAN. Medienmeldungen zufolge hatte ein t\u00fcrkisches Gericht diese Einzelhaft als Disziplinarma\u00dfnahme verh\u00e4ngt, weil er beim Besuch seiner Anw\u00e4lte am 30. November 2005 Parteipropaganda betrieben haben soll. Das Pr\u00e4sidium des Exekutivrats des \"Koma Komalen Kurdistan\" KKK-Logo (KKK)187 bezeichnete \u00d6CALANs aktuelle Haftsituation als Gipfel der gegen ihn gerichteten \"Vernichtungspolitik\".188 In einer Erkl\u00e4rung des gegen angebliche Komitees \"Freiheit f\u00fcr \u00d6CALAN\" wurde die \"Isolation innerhalb der Isola\"Vernichtungstion\" als \"neues Angriffskonzept des t\u00fcrkischen Staates\" bezeichnet.189 Die politik\" 187 Deutsch \"Union der kurdischen Gemeinschaften\" oder \"Gemeinschaft der Kommunen in Kurdistan\", von \u00d6CALAN am 20. M\u00e4rz 2005 proklamiertes politisches Konzept des \"Demokratischen Konf\u00f6deralismus\" mit einer Art Verfassung f\u00fcr die von den Kurden besiedelten Gebiete. 188 Internetmeldung der Nachrichtenagentur Firat (ANF) vom 11. Januar 2006, Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV). 189 Internetmeldung der Nachrichtenagentur Firat (ANF) vom 12. Januar 2006, Arbeits\u00fcbersetzung des BfV. 97","CDK machte in ihrer Verlautbarung auch die EU und die \u00fcbrigen westlichen Staaten f\u00fcr die Situation \u00d6CALANs verantwortlich. Der KONGRAGEL-Vorsitzende Z\u00fcbeyir AYDAR erkl\u00e4rte, dass die \"Isolationshaft\" \u00d6CALANs zu einer kompletten Isolierung und psychologischen Folter umgewandelt worden sei. Dieses Verfahren sei willk\u00fcrlich und nicht akzeptabel. Er betonte, dass man damit gegen das kurdische Volk einen umfassenden Angriff beschlossen habe, und rief dazu auf, die \"demokratischen Aktionen zu intensivieren und sich \u00d6calans anzunehmen\".190 In Baden-W\u00fcrttemberg beteiligten sich aus diesem Anlass rund 500 Personen an einer friedlichen Demonstration am 21. Januar 2006 in Heilbronn. In Mannheim demonstrierten am 28. Januar 2006 circa 200 Menschen. An einer Kundgebung unter dem Motto \"IMRALI191 - 7 Jahre Kontinuit\u00e4t jenseits des Rechts\" nahmen am 4. Februar 2006 in Friedrichshafen 60 Personen teil. Aus Solidarit\u00e4t und wohl auch Besorgnis um \u00d6CALAN beteiligten sich am 11. Februar 2006 rund 12.000 Anh\u00e4nger aus ganz Europa an der allj\u00e4hrlichen Demonstration in Stra\u00dfburg. Anlass war der 7. Jahrestag seiner Verhaftung. AYDAR richtete in seiner Rede folgende Worte an den t\u00fcrkischen Staat: \"Es sind keine leeren Worte, wenn wir sagen ''Der Vorsitzende Apo192 ist die Br\u00fccke zum Frieden. Zerst\u00f6rt diese Br\u00fccke nicht.' Das kurdische Volk steht hinter seinem Vorsitzenden.\" 193 Offenbar stark vom Schicksal \u00d6CALANs emotionalisiert setzten einige Jugendliche am 12. Januar 2006 in der Mannheimer Innenstadt Benzin auf einer Stra\u00dfe in Brand, wodurch die Fahrbahndecke besch\u00e4digt wurde. Die herbeigerufene Polizei stellte fest, dass zudem einige wenige Flugbl\u00e4tter mit \u00d6CALAN-Bezug verbrannt worden waren. Dies ist der seit Jahren erste bekannt gewordene, in seinem Umfang aber eher unbedeutende, vermut190 Internetmeldung der Nachrichtenagentur Firat (ANF) vom 11. Januar 2006, Arbeits\u00fcbersetzung des BfV. 191 Gef\u00e4ngnisinsel, auf der \u00d6CALAN als einziger H\u00e4ftling inhaftiert ist. 192 Dt. Onkel, Bezeichnung f\u00fcr \u00d6CALAN. 193 Tageszeitung \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 13. Februar 2006, Arbeits\u00fcbersetzung des BfV. 98","Ausl\u00e4nderextremismus lich von kurdischen Jugendlichen in Baden-W\u00fcrttemberg verursachte Vorfall. Anders als in der T\u00fcrkei, wo Pressemeldungen zufolge u.a. MolotowAngriffe und Stra\u00dfenblockaden zunehmen, ist hier deshalb nicht von einer nachhaltigen oder gar fl\u00e4chendeckenden Ausdehnung von gewaltt\u00e4tigen Aktionen Jugendlicher auszugehen. Mit einzelnen anlassbezogenen Taten ist allerdings weiterhin zu rechnen, nachdem die KONGRA-GEL-Jugendorganisation in einer Erkl\u00e4rung jede Aktion der kurdischen Jugend als \"berechtigt\" und \"legitim\" bezeichnet hatte. Keiner d\u00fcrfe mehr Geduld erwarten. Martialisch hie\u00df es: \"Es ist der Tag, an dem wir angesichts der Einzelhaft unserer F\u00fchrung einen Kreis aus Feuer um unseren F\u00fchrer bilden und uns opfern. Heute ist der Tag, an dem wir uns f\u00fcr unsere Freiheit und Ehre einsetzen, alle Orte in Feuer verwandeln und den Serhildan194 ausweiten.\" 195 Proteste nach dem Tod von 14 Guerilla-K\u00e4mpfern in der T\u00fcrkei Nach insgesamt ruhigen Newroz-Feiern196 reagierten die KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger in Baden-W\u00fcrttemberg mit gro\u00dfer Betroffenheit und Wut auf Meldungen \u00fcber den Tod von 14 HPG-K\u00e4mpfern bei einer Fr\u00fchjahrsoffensive der t\u00fcrkischen Armee. Nach Ansicht der HPG waren die M\u00e4nner durch den Einsatz von chemischen Waffen gestorben: Die Leichen sollen keine Einschusswunden, sondern Verbrennungen aufgewiesen haben. Diese Behauptung heizte die Stimmung unter den Kurden besonders auf. Nach der Beisetzung von vier dieser K\u00e4mpfer am 28. M\u00e4rz 2006 in der Gro\u00dfstadt Diyarbakir/T\u00fcrkei kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften und Teilen der \u00fcberwiegend kurdischen Bev\u00f6lkerung. Die mehrere Tage andauschwere Auseinernden Ausschreitungen breiteten sich nicht nur auf andere Stadtteile aus, andersetzungen 194 Volksaufstand, hier im Sinne von Rebellion gegen den Staat. 195 Internetmeldung der Nachrichtenagentur Firat (ANF) vom 13. Januar 2006, Arbeits\u00fcbersetzung des BfV. 196 Das kurdische Neujahrsfest Newroz wird regelm\u00e4\u00dfig am 21. M\u00e4rz gefeiert. 99","sondern griffen auch auf weitere St\u00e4dte der Region \u00fcber und forderten mehrere Tote und Hunderte Verletzte. In Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrten diese Ereignisse am 1. April 2006 in Freiburg im Breisgau und in Heilbronn sowie am 3. April 2006 in Ulm zu Kundgebungen, an denen bis zu mehrere Hundert Personen teilnahmen. Dabei wurden Reden gehalten, Parolen skandiert und verschiedene Flugbl\u00e4tter verteilt. Au\u00dferdem wurden Fahnen, themenbezogene Transparente sowie Bilder von \u00d6CALAN und den get\u00f6teten K\u00e4mpfern mitgef\u00fchrt. Im KONGRA-GEL-nahen Verein in Freiburg im Breisgau fand au\u00dferdem am 2. April 2006 in den anlassbezogen geschm\u00fcckten R\u00e4umen eine Trauerfeier mit circa 100 Personen statt. Protestwelle nach Verhaftung von Funktion\u00e4ren in Deutschland Die Festnahme eines KONGRA-GEL-Funktion\u00e4rs Anfang August 2006 in den Niederlanden und die Verhaftung zweier mutma\u00dflicher so genannter Serit197-Leiter am 8. August 2006 in Mannheim und am 9. August 2006 in Duisburg f\u00fchrten zu erheblicher Unruhe innerhalb der Organisation. Diese Ma\u00dfnahmen wurden in mehreren Verlautbarungen allgemein als Teil einer konzertierten Aktion verschiedener L\u00e4nder angesehen, um die \"kurdische Freiheitsbewegung\" zu vernichten. Die T\u00fcrkei gehe milit\u00e4risch, Deutschland mit rechtlichen Mitteln des Strafund Ordnungsrechts gegen die Organisation vor. Auch die USA spielten eine entscheidende Rolle. Die eigenen Friedensbem\u00fchungen f\u00e4nden dagegen keinerlei Beachtung. Mit scharfen Worten wurde eine kurdenfeindliche Politik in Deutschland skizziert und die sofortige Freilassung der Inhaftierten gefordert. Neben den \u00fcblichen emotionalisierten Diskussionen der KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger fanden auch bundesweit Protestaktionen statt. Da \u00fcblicherweise Festnahmen nur kurz in den organisationsnahen Medien bekannt gemacht werden und dar\u00fcber hinheftige aus kaum Beachtung finden, wiesen diese heftigen Reaktionen auf eine Reaktionen angespannte und nerv\u00f6se Stimmung innerhalb des KONGRA-GEL hin. Die Proteste d\u00fcrften deshalb auch als Ventil f\u00fcr aufgestaute Gef\u00fchle gedient haben. 197 Deutsch: Sektor. Der KONGRA-GEL pflegt mehrere Gebiete zu einem Sektor zusammenzufassen. 100","Ausl\u00e4nderextremismus Die \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e.V.\" (YEK-KOM)198 rief ihre Mitgliedsvereine dazu auf, \"aus Protest gegen die anhaltende Kriminalisierungspraxis\" ab 21. August 2006 ihre R\u00e4ume zu schlie\u00dfen und \"Hungerstreiks\" in K\u00f6ln, Stuttgart und Berlin durchzuf\u00fchren.199 Infolgedesvielf\u00e4ltige sen waren die KONGRA-GEL-nahen Vereine u.a. in Stuttgart, Ulm, HeilAktionen in bronn, Mannheim und Friedrichshafen \u00fcber eine Woche geschlossen. In BadenStuttgart f\u00fchrte der \u00f6rtliche KONGRA-GEL-nahe Verein vom 22. bis W\u00fcrttemberg 25. August 2006 eine Mahnwache am Alten Schloss durch. Dort konnten an verschiedenen Tagen durchschnittlich 30 bis 40 Personen festgestellt werden. Teilweise trugen sie Umh\u00e4nge mit der Aufschrift \"Hungerstreik\". Da die R\u00e4ume des KONGRA-GEL-nahen Vereins geschlossen waren, \u00fcbernachteten die ausw\u00e4rtigen Teilnehmer im Stuttgarter Verein der \"F\u00f6deration der Arbeiter und Immigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V.\"200. Am 22. August 2006 \u00fcbergab eine Delegation eine Informationsmappe von YEK-KOM mit dem Titel \"Dialog statt Verbot\" an den Landtag von BadenW\u00fcrttemberg. Als H\u00f6hepunkt der Protestwelle, bei der auch in verschiedenen St\u00e4dten Informationsst\u00e4nde betrieben wurden, fanden am 26. August 2006 in Stuttgart, Mannheim und Freiburg im Breisgau Aufz\u00fcge mit Kundgebungen statt. An diesen beteiligten sich bis zu 300 Personen. In Heilbronn wurde eine bereits zu einem anderen Thema angemeldete Demonstration am 12. August 2006 dazu genutzt, um kurzfristig gegen die Verhaftungen zu protestieren. Alle Veranstaltungen orientierten sich an dem Motto \"Wir protestieren gegen die Kriminalisierung und politische Verfolgung der Kurden in Deutschland\". Auf die Festnahmen der Funktion\u00e4re reagierte die Organisationsf\u00fchrung. Auf dem von der YEK-KOM organisierten \"14. Internationalen Kurdistan Kulturfestival\" am 2. September 2006 in Gelsenkirchen, zu dem 45.000 Teilnehmer aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland anreisten, wurde eine Videobotschaft eines hochrangigen Kaders abgespielt. Er warf Deutschland vor, sich am \"Vernichtungskonzept\" der T\u00fcrkei zu beteiligen. 198 Dachverband mit Sitz in D\u00fcsseldorf, in dem \u00fcberwiegend die \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Vereine in Deutschland zusammengeschlossen sind. 199 Flugblatt von YEK-KOM vom 18. August 2006. 200 Steht der \"Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei\" (MLKP) nahe. 101","Waffenstillstand ab 1. Oktober 2006 Ende September 2006 richtete \u00d6CALAN sowohl an den t\u00fcrkischen Staat als auch an die Organisation einen Aufruf zur Waffenruhe. Das Blutvergie\u00dfen m\u00fcsse gestoppt und dem Frieden eine neue Chance gegeben werden. Das \"Recht auf Selbstverteidigung\" bleibe jedoch weiterhin g\u00fcltig; man werde nicht zu den Waffen greifen, solange keine \"Vernichtungsaktionen\" ausgef\u00fchrt w\u00fcrden. Diese Waffenruhe d\u00fcrfe nicht wie fr\u00fchere als Zeichen der Schw\u00e4che gewertet werden. Sie entspringe vielmehr dem dringenden Bed\u00fcrfnis nach sozialem Frieden. \u00d6CALAN forderte au\u00dferdem die Kr\u00e4fte in \"S\u00fcdkurdistan\" 201, die EU und die USA zur Unterst\u00fctzung der Waffenruhe auf.202 Diesem Appell entsprechend verk\u00fcndete der KKK-Exekutivrat bei einer am 30. September 2006 abgehaltenen Pressekonferenz einen Waffenstillstand ab 1. Oktober 2006. Bei einem weiteren Besuch seiner Anw\u00e4lte betonte \u00d6CALAN, dass er sich h\u00f6chstens sechs Monate f\u00fcr diese Waffenruhe einsetzen k\u00f6nne. Bis Mai 2007 m\u00fcssten erste Schritte zur L\u00f6sung durchgef\u00fchrt werden. Dem Friedensaufruf \u00d6CALANs war eine Gewaltserie in der T\u00fcrkei vorausgegangen. Offenbar als Vergeltung f\u00fcr eine weitere, \u00d6CALAN auferlegte Einzelhaftstrafe, ver\u00fcbten die \"Freiheitsfalken Kurdistans\" (TAK)203 mehrere Anschl\u00e4ge, u.a. am 27. und 28. August 2006 in den t\u00fcrkischen Touristenorten Istanbul, Marmaris und Antalya. Dabei wurden auch ausl\u00e4ndische Touristen get\u00f6tet und verletzt. Die HPG lieferte sich au\u00dferdem in dieser Zeit blutige Auseinandersetzungen mit dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4r, wobei es auf beiden Seiten viele Tote gab. Gro\u00dfe Best\u00fcrzung und Betroffenheit l\u00f6ste der Bombenanschlag am 12. September 2006 in Diyarbakir aus. Ein Sprengsatz war in der N\u00e4he eines Parks in einem Wohngebiet explodiert. Medienmeldungen zufolge wurden circa 15 Personen verletzt und \u00fcber zehn - darunter auch viele Kinder - get\u00f6tet. 201 Gemeint ist damit der Nordirak. 202 Bericht in der \"Yeni \u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 29. September 2006, Arbeits\u00fcbersetzung des BfV. 203 Die TAK sind bislang in Deutschland nicht aktiv geworden ist. Sie werden allgemein dem KONGRAGEL zugerechnet, obwohl sich dieser von der Gruppierung und ihren Taten distanziert. 102","Ausl\u00e4nderextremismus Finanzierung Der KONGRA-GEL ben\u00f6tigt f\u00fcr seine Propagandat\u00e4tigkeit, den Parteiapparat sowie f\u00fcr die Versorgung seiner Guerillak\u00e4mpfer und deren Ausstattung mit Waffen und Munition hohe Geldbetr\u00e4ge. Die Finanzierung erfolgt \u00fcber Mitgliedsbeitr\u00e4ge, den Verkauf von Publikationen und \u00fcber Gewinne aus Gro\u00dfveranstaltungen. Zus\u00e4tzlich sollen die angesprochenen Landsleute bei der allj\u00e4hrlichen Spendenquittung Spendenkampagne einen gr\u00f6\u00dferen Betrag in Gelder f\u00fcr die Abh\u00e4ngigkeit von ihrem Einkommen bis zur H\u00f6he von mehreren Hundert Guerilla Euro abliefern. Dabei werden allein in Deutschland mehrere Millionen Euro eingenommen. Diese Einnahmen sind seit Verk\u00fcndung des \"Friedenskurses\" r\u00fcckl\u00e4ufig, weil sich zahlreiche Kurden nicht mehr ausreichend mit der Organisation identifizieren. Deshalb weigerten sich viele, den geforderten Beitrag ganz oder teilweise zu zahlen. Selbst das Argument, dass f\u00fcr die K\u00e4mpfer in der Heimat wegen der dortigen Aktivit\u00e4ten der Guerilla mehr Gelder erforderlich seien, war nicht zugkr\u00e4ftig. Ausblick Das weitere Verhalten des KONGRA-GEL und seiner Anh\u00e4nger in Baden-W\u00fcrttemberg ist nach wie vor weitgehend von den Ereignissen in der T\u00fcrkei, den Entscheidungen der t\u00fcrkischen Regierung und dem Vorgehen des dortigen Milit\u00e4rs abh\u00e4ngig. Aufgrund der zeitlichen Befristung und der Erfahrungen mit den bisherigen folgenlosen Waffenstillst\u00e4nden ist davon auszugehen, dass die gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen im Jahr 2007 nach der \u00fcblichen Winterpause weitergehen werden. Bislang gab es trotz der sich in der T\u00fcrkei versch\u00e4rfenden Lage keine Anzeichen f\u00fcr ein Ende des \"Friedenskurses\" in Deutschland. angespannte Die Stimmung unter den Anh\u00e4ngern in Baden-W\u00fcrttemberg hat sich Stimmung unter jedoch im Lauf des Jahres 2006 merklich verschlechtert und konnte zeitden Anh\u00e4ngern weise sogar als aggressiv bezeichnet werden. Die Anh\u00e4nger begr\u00fc\u00dften die Vergeltungsaktionen der HPG als notwendige Antwort. Die Anschl\u00e4ge der TAK, bei denen auch Touristen betroffen waren, wurden ebenfalls bef\u00fcr103","wortet. Zur Schw\u00e4chung der t\u00fcrkischen Wirtschaft m\u00fcssten, so die Begr\u00fcndung, solche \"Kollateralsch\u00e4den\" hingenommen werden. Au\u00dferdem hat sich das Bild Deutschlands bei den Anh\u00e4ngern des KONGRA-GEL nicht nur aufgrund restriktiver Ma\u00dfnahmen wie den oben geschilderten Festnahmen verschlechtert. Verunsicherung und Frustration entstanden in BadenW\u00fcrttemberg bei den Anh\u00e4ngern vor allem auch durch das entschiedene und nachdr\u00fcckliche Vorgehen der Beh\u00f6rden beispielsweise bei Einb\u00fcrgerungen, ausl\u00e4nderrechtlichen Fragen und Sicherheitsgespr\u00e4chen. 3. T\u00fcrkische Vereinigungen204 3.1 Extrem nationalistische Organisationen 3.1.1 \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" (AD\u00dcTDF)/\"T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland\" (ATF) Gr\u00fcndung: 1978 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 2.100 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 2.100) ca. 8.750 Bund (2005: ca. 8.750) Publikation: \"T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni\" (Bulletin der T\u00fcrkischen F\u00f6deration) Die \"F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" (\"Avrupa Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu\", AD\u00dcTDF), auch unter der Bezeichnung \"Graue W\u00f6lfe\" (Bozkurt)205 bekannt, ist eine extrem nationalistische Organisation mit pant\u00fcrkischen206 und neofaschistischen Idealen. Die bedeutendsten baden-w\u00fcrttembergischen Ortsvereine befinden sich in Stuttgart, Ulm und Mannheim. Die Organisation ist in Deutschland in 13 so genannte B\u00f6lge (Regionen) aufgeteilt. Seit ihrem Bestehen wird die AD\u00dcTDF als Auslandsorganisation der t\u00fcrkischen Mutterpartei \"Partei der Nationalistischen Bewegung\" (\"Milliyetci 204 Ohne kurdische. 205 Der Legende nach f\u00fchren die T\u00fcrken ihren Ursprung auf den Wolf als Ahnherrn zur\u00fcck, der zum nationalen Symbol des T\u00fcrkentums stilisiert wurde. In der Symbolik der Nationalisten spielen der mit den Fingern der rechten Hand geformte \"Wolfsgru\u00df\" und die Fahne mit den drei nach unten ge\u00f6ffneten Halbmonden (osmanische Kriegsflagge) eine Rolle. 206 In dem Streben nach \"Turan\", der zentralasiatischen Urheimat der T\u00fcrken, konkretisieren sich die pant\u00fcrkischen Ziele der \"Idealisten\", die s\u00e4mtliche t\u00fcrkischst\u00e4mmigen V\u00f6lker Asiens in einem gro\u00dft\u00fcrkischen Reich vereinigt sehen m\u00f6chten. 104","Ausl\u00e4nderextremismus Hareket Partisi\", MHP) betrachtet, deren politische Ziele sie teilt und unterst\u00fctzt. Oberstes Ziel der extremen Nationalisten, die sich selbst als \"Idealisten\" (\u00fclk\u00fcc\u00fc) bezeichnen und sich als die wahren t\u00fcrkischen Patrio\u00fcbersteigerter ten verstehen, ist eine von \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen unabh\u00e4ngige, starke, selbstNationalismus bewusste t\u00fcrkische Nation. In der \"t\u00fcrkisch-islamischen Synthese\"207 wird dem ethnisch definierten T\u00fcrkentum die sunnitische Variante der islamischen Religion als untrennbarer kultureller Aspekt zugeordnet. Das Emblem der Organisation, welches die Silhouette einer Moschee mit Halbmond und Stern aufweist, symbolisiert diese religi\u00f6se Komponente, die sich auch in entsprechenden Unterrichtsinhalten in den Mitgliedsvereinen manifestiert. Rechtsextremistische und antisemitische Tendenzen sowie dogmatische Feindschaft in Bezug auf die \"Linke\" und nicht-t\u00fcrkische Minderheiten pr\u00e4gen unver\u00e4ndert die Ideologie der Bewegung. Alle Organisationen der \"\u00dclkc\u00fc\"-Bewegung sind auf den \"F\u00fchrer\" (basbug), Verehrung Ex-Oberst Alparslan T\u00dcRKES, ausgerichtet, der 1969 die MHP gr\u00fcndete des \"F\u00fchrers\" und dessen Biografie auf allen Internetseiten der Bewegung einschlie\u00dflich der AD\u00dcTDF zu finden ist. Die von T\u00dcRKES formulierte \"Neun-LichterDoktrin\" mit den wesentlichen Komponenten \"Nationalismus\" (milliyetcilik), \"Idealismus\" (\u00fclk\u00fcc\u00fcl\u00fck) und \"Ethik\" (ahlakcilik), bei der es sich um die Weiterentwicklung einer Doktrin des als ma\u00dfgeblicher Ideologe der Bewegung geltenden Nihal ATSIZ handelt, stellt die programmatische Basis f\u00fcr die Bewegung dar. Seit dem Tod des MHPGr\u00fcnders T\u00dcRKES im Jahr 1997 wird die Partei von Devlet BAHCELI gef\u00fchrt. Devlet BAHCELI Die Verbundenheit zum \"F\u00fchrer\" kommt im \"Eid des Idealisten\" (\u00fclk\u00fcc\u00fc yemini) zum Ausdruck, in dem unter Berufung auf Allah, Koran, Vaterland und Fahne mit dem \"Kampf f\u00fcr die nationalistische T\u00fcrkei und Turan208 bis zum letzten Atemzug und bis zum letzten Blutstropfen\" insbesondere der auf dem Schlachtfeld auszutragende Kampf beschworen wird. 207 Bereits in den 1960er-Jahren in akademischen Kreisen entwickeltes Konzept einer Verkn\u00fcpfung vorislamischer t\u00fcrkischer mit islamischen und nationalen Elementen, wobei die nationale Komponente vorherrscht. 208 Vgl. Fu\u00dfnote 206. 105","Ebenso wie die islamistischen Organisationen bezwecken auch die \"Idealisten\" eine gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Isolation ihrer ethnisch-nationalen Gemeinschaft desintegratives von den gesellschaftlichen Gruppen und wirken desintegrativ. An deutWirken schen Schulen sahen sich im Lauf des Jahres 2006 Lehrer mit Situationen konfrontiert, in denen insbesondere m\u00e4nnliche Jugendliche ihre \"t\u00fcrkischnationalistische\" Identit\u00e4t in chauvinistischer Weise zur Schau trugen, ihrer Verachtung f\u00fcr \"Kommunisten\" und Kurden Ausdruck gaben und auch ihre antisemitische Haltung nicht verhehlten.209 3.2 Linksextremisten 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C-Devrimci Sol) 3.2.1.1 Entstehungsgeschichte Die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und die \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C) sehen sich in der politischen Erbfolge nach wie vor jeweils als die wahre Nachfolgerin der aus der \"linken\" Studentenbewegung hervorgegangenen, 1978 in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndeten \"Devrimci Sol\" (\"Revolution\u00e4re Linke\"). Diese verfolgte insbesondere das Ziel, einen Umsturz der dortigen politischen Verh\u00e4ltnisse herbeizuf\u00fchren und eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten. Als terroristisch-linksextremistische Organisation wurde sie bereits zwei Jahre sp\u00e4ter in der T\u00fcrkei und am 27. Januar 1983 (bestandskr\u00e4ftig seit 1989) durch den Bundesminister des Innern in der Bundesrepublik Deutschland verboten, nachdem von ihr massive und \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen ausgegangen waren. Jahrelange innerorganisatorische Streitigkeiten und pers\u00f6nliche Zwistigkeiten f\u00fchrender Funktion\u00e4re spalteten die konspirativ agierende \"Devrimci Sol\" Ende 1992 in zwei konkurrierende, alsbald verfeindete Fl\u00fcgel, obwohl beide bis heute die gleichen ideologischen Grundlagen und politischen Ziele haben. Fortan bezeichneten sich die beiden rivalisierenden Fraktio209 taz, Online-Ausgabe vom 8. April 2006. 106","Ausl\u00e4nderextremismus nen nach ihren F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren Dursun KARATAS und dem im M\u00e4rz 1993 in der T\u00fcrkei von Sicherheitskr\u00e4ften erschossenen Bedri YAGAN als \"KARATAS\"beziehungsweise \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel. Mit dem am 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus abgehaltenen \"Parteigr\u00fcndungskongress\" hat der \"KARATAS\"Fl\u00fcgel, der sich seitdem DHKP-C nennt, organisatorisch endg\u00fcltig die Trennung vollzogen. Der \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel verwendet seit Mitte 1994 die Bezeichnung THKP-C. Die von M\u00e4rz 1993 bis Anfang des Jahres 1999 mit hoher krimineller Energie bis hin zu Mord ausgetragenen Fl\u00fcgelk\u00e4mpfe und die im gleichen Zeitraum durchgef\u00fchrten Anschl\u00e4ge gegen staatliche und vor allem gegen private t\u00fcrkische Einrichtungen belegen, dass beide Gruppierungen ihre politischen Ziele auch im Bundesgebiet durch Gewalt zu verwirklichen versuchten. Am 13. August 1998 erlie\u00df daher der Bundesminister des Innern gegen die THKP-C ein Bet\u00e4tigungsverbot. Die DHKP-C bezog er zeitgleich Bet\u00e4tigungsals Ersatzorganisation der 1983 verbotenen \"Devrimci Sol\" in das fr\u00fchere verbot Verbot mit ein. Die Anfechtungsklage der DHKP-C hiergegen wies das Bundesverwaltungsgericht am 1. Februar 2000 letztinstanzlich ab. Die in Baden-W\u00fcrttemberg inaktive THKP-C entwickelte im Jahr 2006 kaum noch \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten. Die folgenden Ausf\u00fchrungen beziehen sich daher ausschlie\u00dflich auf die DHKP-C. 3.2.1.2 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) Gr\u00fcndung: 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus/Syrien nach Spaltung der 1978 in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndeten \"Devrimci Sol\" (Dev Sol - Revolution\u00e4re Linke), Verbot in Deutschland seit 13. August 1998 Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe um den Vorsitzenden Generalsekret\u00e4r Dursun KARATAS Mitglieder: ca. 80 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 80) ca. 650 Bund (2005: ca. 650) Publikation: \"DEVRIMCI SOL\" (Revolution\u00e4re Linke) Revolution\u00e4re Zielsetzung Die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei\" (DHKP), politischer Fl\u00fcgel der \"Revolution\u00e4ren Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C), strebt eine revolution\u00e4re Beseitigung der bestehenden Gesellschaftsordnung in der T\u00fcrkei und die Errichtung einer \"Volksmacht\", das hei\u00dft einer \"Gesellschaft und einer Welt ohne Ausbeutung und ohne Klassen\", auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus an. Als die \"Feinde des Volkes\" werden neben der 107","\"faschistischen\" T\u00fcrkei der US-Imperialismus und alle diesen unterst\u00fctzenden Kr\u00e4fte genannt, zu denen auch die Bundesrepublik Deutschland gez\u00e4hlt wird. Zur Bek\u00e4mpfung dieser Feinde bedient sich die DHKP-C in der T\u00fcrkei auch terroristischer Methoden. Zahlreiche Anschl\u00e4ge in der Vergangenheit, vor allem in den Gro\u00dfst\u00e4dten der T\u00fcrkei gegen Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens sowie gegen milit\u00e4rische und andere staatliche Einrichtungen gehen auf das Konto der DHKP-C. Struktur In der Bundesrepublik Deutschland, die wegen der gro\u00dfen Zahl der hier lebenden T\u00fcrken und aufgrund ihres relativen Wohlstands wichtigstes Bet\u00e4tigungsfeld der DHKP-C nach der T\u00fcrkei ist, bestehen fest gef\u00fcgte Organisationsstrukturen. Zur F\u00fchrung z\u00e4hlen neben dem Deutschlandverantwortlichen und dessen Vertretern die Regionsund Gebietsverantwortlichen sowie weitere, mit Sonderaufgaben betraute Funktion\u00e4re wie die Beauftragten f\u00fcr \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Den F\u00fchrungskadern der Deutschlandorganisation obliegt die eigenverantwortliche Umsetzung der vom Zentralkomitee der DHKP-C geplanten und angeordneten Aktionen, durch die der \"Kampf\" in der T\u00fcrkei unterst\u00fctzt werden soll. Die Funktion\u00e4re und Mitglieder der DHKP-C verhalten sich ausgesprochen konspirativ, d.h., sie verwenden Decknamen und wechseln h\u00e4ufig ihren Aufenthaltsort. Als \u00f6rtliche oder regionale Basis dienen DHKP-C-nahe Vereine, deren Satzungen keinen R\u00fcckschluss auf die Organisation zulassen. Ihr T\u00e4tigkeitsschwerpunkt in Baden-W\u00fcrttemberg liegt neben Stuttgart in Ulm. Zusammenk\u00fcnfte von Aktivisten und Gro\u00dfveranstaltungen verlagert die Organisation zunehmend ins angrenzende Ausland, so zum Beispiel die traditionelle Veranstaltung zum Parteigr\u00fcndungstag am 29. April 2006 in 's-Hertogenbosch/Niederlande. Bei einer im November 2006 gegen mutma\u00dfliche DHKP-C-Anh\u00e4nger und F\u00fchrungsfunktion\u00e4re durchgef\u00fchrten Exekutivma\u00dfnahme kam es in Bayern, Durchsuchungen Baden-W\u00fcrttemberg und Nordrhein-Westfalen zu Durchsuchungen von auch in BadenPersonen und Objekten. In Baden-W\u00fcrttemberg waren die St\u00e4dte Stuttgart, W\u00fcrttemberg Pforzheim und Ulm betroffen. Bei den einzelnen Durchsuchungen wurde umfangreiches DHKP-C-Propagandamaterial aufgefunden. Zeitgleich durchsuchte die Polizei in K\u00f6ln die R\u00e4umlichkeiten der \"Anatolischen F\u00f6deration e.V.\", wo ebenfalls umfangreiches DHKP-C-Material sicherge108","Ausl\u00e4nderextremismus stellt wurde. Au\u00dferdem wurden in diesem Zusammenhang mehrere Personen, unter anderem auch in Baden-W\u00fcrttemberg, festgenommen. Die \"Anatolische F\u00f6deration e.V.\" kritisierte den Polizeieinsatz scharf und erhob in mehreren, im Internet ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rungen, massive Vorw\u00fcrfe gegen das Vorgehen der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden. Finanzierung Die DHKP-C finanziert sich durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge, Spendengeldsammlungen, den Verkauf von Publikationen sowie durch Einnahmen aus Musikund anderen Veranstaltungen. Medieneinsatz Neben den regelm\u00e4\u00dfig erscheinenden Publikationen nutzt die DHKP-C intensive intensiver als andere linksextremistische Migrantenorganisationen das InterNutzung des net f\u00fcr Aufrufe und politische Erkl\u00e4rungen. Sie verf\u00fcgt \u00fcber eine mehrInternets sprachige Homepage. Nachdem die Publikation \"Ekmek ve Adalet\" (Brot und Gerechtigkeit) nach Ver\u00f6ffentlichung der 158. Ausgabe ihr Erscheinen eingestellt hatte, erschien ab dem 22. Mai 2005 f\u00fcr Europa eine neue Zeitschrift mit dem Titel \"Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs\" (Marsch). \u00c4u\u00dfere Aufmachung und inhaltliche Themen unterscheiden die Zeitschrift \"Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs\" kaum von der \"Ekmek ve Adalet\". Schwerpunkt ihrer Berichterstattung ist die T\u00fcrkei. Neben der Agitation gegen die t\u00fcrkische Regierung und einen m\u00f6glichen EU-Beitritt der T\u00fcrkei sowie Berichten \u00fcber die Gef\u00e4ngnissituation und das \"Todesfasten\" in der T\u00fcrkei ver\u00f6ffentlicht sie auch Beitr\u00e4ge \u00fcber Aktivit\u00e4ten der \"Anatolischen F\u00f6deration\" in Deutschland und Europa. In ihrer Erstausgabe legte die Publikation, die sich selbst auf dem Weg zur \u00c4nderung des Systems sieht, ein klares Bekenntnis zu einem revolution\u00e4ren Umsturz und der Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft in der T\u00fcrkei ab. Redaktion, Druck und Vertrieb der Publikation \"Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs\" befinden sich seit Mitte 2005 in den Niederlanden. 109","\"Todesfasten\" Fortf\u00fchrung des Beherrschendes Agitationsund Kampagnenthema der DHKP-C blieb Hungerstreiks auch im Jahr 2006 der im Oktober 2000 in t\u00fcrkischen Haftanstalten begonin der T\u00fcrkei nene \"unbefristete Hungerstreik\", der sich gegen neue Gef\u00e4ngnistypen210 richtete. Nach nur wenigen Wochen wurde er bereits damals zum \"Todesfasten\" ausgeweitet, an dem sich fast nur noch DHKP-C-Anh\u00e4nger beteiligten. Bei den bisher 122 Toten, mehrheitlich Mitglieder der DHKP-C, handelt es sich nicht nur um Personen, die an den Folgen des Hungerstreiks gestorben sind. Etwa 40 Personen verstarben nach gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen mit t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften und einige \"politische Gefangene\" infolge von Selbstverbrennungen. In Deutschland trat bei Demonstrationen, Infost\u00e4nden und Flugblattaktionen, die das \"Todesfasten\" zum Thema hatten, meist der \"Solidarit\u00e4tsverein mit den politischen Gefangenen und deren Familien in der T\u00fcrkei\" (TAYAD) in Form des \"TAYAD-Komitees e.V.\"211 als Veranstalter auf. So initiierte das \"TAYAD-Komitee\" vom 10. September bis 20. Dezember 2006 in mehreren deutschen St\u00e4dten eine Kampagne, die die Haftbedingungen in der T\u00fcrkei zum Thema hatte. In diesem Zusammenhang fanden vom 16. bis 22. Oktober 2006 anl\u00e4sslich des 7. Jahrestages des Hungerstreiks in t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnissen sowie zum Gedenken an die bislang 122 \"Gefallenen\" vom \"TAYAD-Komitee e.V.\" organisierte Veranstaltungen statt, bei denen man u.a. Informationsmappen an die Landtage in Europa zu diesem Thema \u00fcbergab beziehungsweise ein Hungerstreik in den DHKP-C-nahen Vereinen durchgef\u00fchrt wurde. Anschl\u00e4ge Seit 2003 ver\u00fcbte die DHKP-C durch ihren milit\u00e4rischen Arm \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront\" (DHKC) mehrere Sprengstoffanschl\u00e4ge in der 210 So genannter F-Typ, der \u00fcberwiegend aus Einzelzellen und kleinen Gemeinschaftszellen besteht. 211 Das \"TAYAD-Komitee e.V.\" ist eine der DHKP-C nahe stehende Organisation, welche ausschlie\u00dflich die Gefangenenproblematik der in der T\u00fcrkei inhaftierten DHKP-C-Anh\u00e4nger thematisiert. 110","Ausl\u00e4nderextremismus T\u00fcrkei. Ziele waren staatliche t\u00fcrkische Einrichtungen, insbesondere Geb\u00e4ude, aber auch Mitarbeiter der t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden, der Armee und der Justiz. Auch im Jahr 2006 war die DHKP-C f\u00fcr zahlreiche Terroranschl\u00e4ge verantwortlich. So bekannte sich die DHKC auf ihrer Internetseite in der Erkl\u00e4rung Nr. 363 vom 25. Juni 2006 zum Angriff auf einen Polizeiwagen am 19. Juni 2006 in einem Stadtteil Istanbuls, bei dem ein Polizist schwer verletzt wurde: \"Wir werden Rechenschaft verlangen von denjenigen, die die grausame Isolationshaft und die Massaker in den Haftanstalten weiterf\u00fchren.\" Daneben wurden auch Bestrafungsaktionen gegen Organisationsverr\u00e4ter auch Aktionen durchgef\u00fchrt. So nahmen K\u00e4mpfer der DHKP-C am 2. Februar 2006 einen gegen \"Verr\u00e4ter\" \"Verr\u00e4ter\" gefangen und ermordeten ihn. Wiederum \u00fcbernahm die DHKC in ihrer Erkl\u00e4rung Nr. 355 vom 6. Februar 2006 die Verantwortung: \"Kein Volksfeind und auch kein \u00dcberl\u00e4ufer kann der Gerechtigkeit des Volkes entkommen.\" 3.2.2 \"Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML)/\"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) \"Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML) Gr\u00fcndung: 1972 (in der T\u00fcrkei) Anh\u00e4nger: ca. 320 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 320) ca. 1.300 Bund (2005: ca. 1.300) Die Organisation ist in die folgenden Fl\u00fcgel gespalten: t\u00fcrkische links\"Partizan\" (im schriftlichen Sprachgebrauch \"TKP/ML\" abgek\u00fcrzt) extremistische Organisationen Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 120 in Baden-W\u00fcrttemberg Milit\u00e4rische Teilorgani\"T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee\" sation: (TIKKO); ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaaktionen 111","Publikation: \"\u00d6zg\u00fcr Gelecek Yolunda Isci K\u00f6yl\u00fc\" (Arbeiter und Bauern auf dem Weg in die freien Zukunft) Der \"Partizan\"-Fl\u00fcgel wird in Europa von der \"Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa e. V.\" (ATIK) und in Deutschland von der \"F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V.\" (ATIF) vertreten; und \"Maoistische Kommunistische Partei\" (MKP) (bis Ende 2002 \"Ostanatolisches Gebietskomitee\" - DABK - im schriftlichen Sprachgebrauch fr\u00fcher \"TKP(ML)\" abgek\u00fcrzt) Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 200 in Baden-W\u00fcrttemberg Milit\u00e4rische Teilorgani\"Volksbefreiungsarmee\" (HKO); sation: ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaaktionen Publikation: \"Halk Icin Devrimci Demokrasi\" (Revolution\u00e4re Demokratie f\u00fcr das Volk) F\u00fcr die MKP agiert in Europa die \"Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa\" (ADHK) und in Deutschland die \"F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland\" (ADHF). \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) Gr\u00fcndung: 1994 (in der T\u00fcrkei) Anh\u00e4nger: ca. 240 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 240) ca. 600 Bund (2005: ca. 600) Publikation: \"Politikada Atilim\" (Der politische Angriff) Die MLKP wird auf europ\u00e4ischer Ebene durch die \"Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa\" (AvEG-Kon) und in Deutschland durch die \"F\u00f6deration der Arbeiter und Immigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V.\" (AGIF) vertreten. Das linksextremistische t\u00fcrkische Spektrum pr\u00e4sentierte sich auch im Jahr 2006 aufgrund innerorganisatorischer Differenzen, Spaltungen und ideolo112","Ausl\u00e4nderextremismus gischer Abgrenzungen in viele kleinere und einige gr\u00f6\u00dfere, darunter die oben genannten Gruppierungen, zersplittert. Zwangsl\u00e4ufige Folge ist, dass unter diesen Voraussetzungen das allen gemeinsame Ziel, das t\u00fcrkische Staatsgef\u00fcge zu zerschlagen und durch eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu ersetzen, wenig aussichtsreich erscheint. Nach t\u00fcrkischem Recht sind Organisationen mit dieser Ausrichtung in der T\u00fcrkei verboten, was diese aber nicht daran hindert, dennoch konspirative Parteistrukturen zu unterhalten. Zur Realisierung der selbst erkl\u00e4rten Ziele bedienen sich die Gruppierungen in ihrem Heimatland zunehmend ihrer dort terroristisch Gewinnen und agierenden Guerillaeinheiten. Die Geldbeschaffung zur Finanzierung des Ausbilden von Parteiapparats und der Guerillaeinheiten erfolgt weitgehend durch j\u00e4hrlich Nachwuchs getrennt unter den Anh\u00e4ngern durchgef\u00fchrte europaweite Spendenkampagnen. Zus\u00e4tzlich werden Gewinne aus der Durchf\u00fchrung von Kulturveranstaltungen und dem Verkauf von Propagandamaterial erzielt. Die ebenfalls j\u00e4hrlich von den Organisationen regelm\u00e4\u00dfig veranstalteten Sommercamps f\u00fcr ihre Jugendlichen dienen \u00fcberwiegend dazu, Nachwuchs zu gewinnen. Dabei wird den teilnehmenden Jugendlichen insbesondere Wissen \u00fcber das sozialistische Gedankengut vermittelt. Beispielhaft ist hier das in der Zeit vom 29. Juli bis 6. August 2006 vom Ulmer AGIF-Verein in G\u00f6ppingen-Hohenstaufen durchgef\u00fchrte internationale Jugendlager zu nennen. An der Ferienveranstaltung nahmen etwa 110 Personen teil, darunter Jugendliche aus Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Spanien. Schulungen in Parteitheorie und Antiimperialismus sowie sportliche Bet\u00e4tigung wurden bei der Veranstaltung angeboten. Neben den in der T\u00fcrkei verdeckten Parteistrukturen bedienen sich die Mutterparteien in Deutschland und auf europ\u00e4ischer Ebene offen arbeitender Dachund Basisorganisationen. Diese versorgen die im Allgemeinen in Vereinen organisierten Anh\u00e4nger und Sympathisanten vorwiegend mit Propagandamaterial zu Themen wie Menschenrechtsverletzungen, Rassismus, aktuelles politisches Tagesgeschehen insbesondere mit Bezug zur T\u00fcrkei und zu Deutschland. Neben der Verbreitung von Flugbl\u00e4ttern und Brosch\u00fcren ver\u00f6ffentlichen die Organisationen immer h\u00e4ufiger ihre Stellungnahmen im Internet. 113","In Baden-W\u00fcrttemberg traten die Anh\u00e4nger der linksextremistischen t\u00fcrkischen Szene vorwiegend in den St\u00e4dten Stuttgart, Ulm und Mannheim \u00f6ffentlich durch Demonstrationen, Info-St\u00e4nde und Kundgebungen in Agieren in Erscheinung. Dabei agierte die Szene vorwiegend in Aktionsb\u00fcndnissen, so Aktionsunter anderem am 1. Mai und zu den Themen Nahost-Konflikt oder Antib\u00fcndnissen kriegstag. Hervorzuheben sind insofern eine gemeinsame Demonstration verschiedener pal\u00e4stinensischer und t\u00fcrkischer Organisationen am 22. Juli 2006 in Ulm. Im Verlauf der unter dem Thema Nahost-Konflikt stehenden Veranstaltung, an der etwa 60 Personen teilnahmen, verteilten die Angeh\u00f6rigen der t\u00fcrkischen Linken unter anderem ein Flugblatt mit dem Motto \"NIEDER MIT DER ZIONISTISCHEN AGGRESSION UND BARBAREI! ES LEBE DER WIDERSTAND DES PAL\u00c4STINENSISCHEN UND LIBANESISCHEN VOLKES!\" eine 40-min\u00fctige Spontankundgebung von etwa 50 Angeh\u00f6rigen der linksextremistischen t\u00fcrkischen und deutschen Szene am 10. September 2006 auf dem Schlossplatz in Stuttgart. Anlass f\u00fcr diese Veranstaltung war eine am 8./9. September in der T\u00fcrkei durchgef\u00fchrte Verhaftungswelle, bei der 23 Personen festgenommen worden sein sollen. Die t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4fte gehen bei den Verhafteten davon aus, dass es sich um Mitglieder beziehungsweise Funktion\u00e4re der MLKP handelt. 4. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner \"Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue\" (B.K.D.SH) Diese extrem nationalistisch gepr\u00e4gte Organisation mit Sitz in Donzdorf/ Krs. G\u00f6ppingen, die in Baden-W\u00fcrttemberg noch \u00fcber circa 20 und bundesweit \u00fcber rund 50 Mitglieder verf\u00fcgt, entfaltete im Jahr 2006 nur wenig wahrnehmbare \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten. So fungierte die B.K.D.SH am 17. M\u00e4rz 2006 als Mitorganisator einer Gedenkveranstaltung zu Ehren gefallener K\u00e4mpfer der \"Befreiungsarmee Kosovos\" (USK) in Pforzheim. Am 1. April 2006 organisierte sie anl\u00e4sslich einer Buchpr\u00e4sentation der \"Albanischen Rechten\" eine Veranstaltung in Aschaffenburg. 114","Ausl\u00e4nderextremismus Der Pr\u00e4sident der B.K.D.SH hielt sich 2006 wiederholt in Albanien und im Kosovo auf, um zu versuchen, die Organisationsstrukturen neu zu gliedern. Er und einige seiner politischen Freunde nahmen erstmals an Veranstaltungen der \"Albanischen Rechten\" teil. Dabei handelt es sich um einen losen Kontakte zu Zusammenschluss extrem nationalistischer kosovo-albanischer Organisatioalbanischen nen, die sich eng mit der Tradition des legend\u00e4ren albanischen Volkshelden Nationalisten SKANDERBEK212 und den Ideen der in Albanien in den Jahren 1944 k\u00e4mpfenden Einheit der albanischen SS-Division Skanderbek verbunden f\u00fchlen. Diese Einheit wird deshalb verherrlicht, weil sie im Dienst des Deutschen Reichs f\u00fcr ein Gro\u00dfalbanien k\u00e4mpfte. Reststrukturen der Organisation sind in Baden-W\u00fcrttemberg nach wie vor existent. Politisches Ziel der B.K.D.SH ist die Schaffung eines unabh\u00e4ngigen Staates Kosovo in seinen ethnischen Grenzen (Gro\u00dfalbanien). \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK) Die LPK wurde im Fr\u00fchjahr 1982 in der serbischen Provinz Kosovo unter dem Namen \"Bewegung f\u00fcr eine albanische sozialistische Republik in Jugoslawien\" (LRSSHJ) gegr\u00fcndet. Nach mehreren Umbenennungen f\u00fchrt sie seit 1993 die Bezeichnung \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK). Ihr Ziel ist die Errichtung eines gro\u00dfalbanischen Staates, der Albanien, das Kosovo, von Albanern besiedelte Gebiete S\u00fcdserbiens und an Albanien angrenzende Teile von Mazedonien, Montenegro und Griechenland umfassen soll. Im Bundesgebiet sind ihre Strukturen nur noch in S\u00fcddeutschland feststellbar. Die Zentrale der LPK im Kosovo verf\u00fcgte im Fr\u00fchjahr 2006, dass sich die Organisation im Ausland wieder neu zu strukturieren habe. Die Veranstaltungen der LPK wurden \u00fcberwiegend kurzfristig terminiert und in wechselnden Veranstaltungslokalen durchgef\u00fchrt, oftmals aus konspirativen Gr\u00fcnden auch in Wohnobjekten ausgew\u00e4hlter Funktion\u00e4re. Auch in Baden-W\u00fcrttemberg wurden wieder \u00f6ffentliche Gedenkveranstaltungen dieser Organisation abgehalten, bei denen gefallener K\u00e4mpfer der \"Befreiungsarmee von Kosovo\" (UCK) und LPK-Helden gedacht und Agitation im Sinne ihrer Ideologie betrieben wurde. Bei einer am 21. Januar 2006 in Pforzheim durchgef\u00fchrten Veranstaltung kam es zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen zwischen Funktion\u00e4ren und einzelnen Teilnehmern, weil neben Bildern von \"M\u00e4rtyrern\" auch das des verstorbenen Pr\u00e4sidenten des Kosovo Rugova aufgeh\u00e4ngt war. 212 Eigentlich: Gjergj KASTRIOTI. 115","Da den F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren bewusst wurde, dass die Organisationsstrukturen im Kosovo und im Ausland geschw\u00e4cht sind und somit auch ihr Einfluss auf ihre Anh\u00e4ngerschaft schwindet, versuchte sich die LPK an Aktivit\u00e4ten einer neuen \"Bewegung f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht\" (Levizja Vetevendosje)213 zu beteiligten. So nahmen erstmals am 1. Oktober 2006 in N\u00fcrnberg auch Funktion\u00e4re der LPK aus Baden-W\u00fcrttemberg und Vertreter der \"Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung\" (FBKSH) an einer Veranstaltung dieser \"Bewegung\" teil. Ziel dieser Organisation ist die Souver\u00e4nit\u00e4t des Kosovo. Jedwede Fremdbestimmung soll verhindert werden. Durch demonstrative und gewaltorientierte Aktionen gegen Einrichtungen der UNMIK, die teilweise auch zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskr\u00e4ften f\u00fchrten, trat sie im Jahr 2006 regelm\u00e4\u00dfig im Kosovo in Erscheinung. In Mitteilungsbl\u00e4ttern und \u00fcber das Internet wurden die Anh\u00e4nger turnusm\u00e4\u00dfig \u00fcber ihre Aktionen informiert. \"Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung\" (FBKSH) Diese Organisation versteht sich als politischer Fl\u00fcgel der \"Albanischen Nationalarmee\" (AKSH), eigenen Angaben zufolge eine politisch-milit\u00e4rischen Formation, die im Dezember 1999 u. a. von fr\u00fcheren Angeh\u00f6rigen der UCK gegr\u00fcndet worden ist, um die Errichtung eines Gro\u00dfalbanien zu erk\u00e4mpfen. Dies bedeutet die Abtrennung aller von \"illyrisch-st\u00e4mmigen\" Albanern besiedelten Gebiete von den Staaten Serbien, Montenegro, Mazedonien und Nordgriechenland (Cameria) und deren Vereinigung mit dem Ziel: Schaffung albanischen Mutterland in einem neu zu schaffenden albanischen Nationaleines Gro\u00dfalbanien staat. Um dieses Ziel zu propagieren und zur effektiveren Unterst\u00fctzung der im Untergrund agierenden milit\u00e4rischen Struktur wurde im Juli 2002 in Tirana/Albanien die FBKSH gegr\u00fcndet. Die \"Albanische Nationalarmee\" (AKSH) ist seit etwa 2002 durch eine Reihe von politisch motivierten Gewaltaktionen in den von Albanern besiedelten Gebieten des Balkans (Mazedonien, Kosovo, S\u00fcdserbien) in Erscheinung getreten. Dabei ver\u00fcbten Angeh\u00f6rige der Gruppierung Anschl\u00e4ge gegen Sicherheitsorgane oder die Infrastruktur der betroffenen Staaten beziehungsweise Verwaltungsgebiete. Spektakul\u00e4rste Aktion war 213 Diese Organisation hat ihren Hauptsitz im Kosovo, dort existieren 15 Ortsgruppen. Die \"Bewegung\" erh\u00e4lt vor allem finanzielle Unterst\u00fctzung von Aktivisten im Ausland. In der Diaspora wurden Zweigstellen in D\u00e4nemark, Gro\u00dfbritannien, Irland, Norwegen, Schweden, den USA, in der Schweiz und in Deutschland etabliert. Die deutsche Sektion wurde am 29. Oktober 2005 in Dortmund gegr\u00fcndet. 116","Ausl\u00e4nderextremismus die Sprengung einer Eisenbahnbr\u00fccke zwischen Serbien und dem Kosovo. Nach diesem Anschlag hatte die UNMIK die AKSH im April 2003 als terroristische Organisation eingestuft und verboten. Bem\u00fchungen scheiterten, in Deutschland wie auch in anderen westeurop\u00e4ischen Staaten ein Netzwerk der FBKSH zur propagandistischen und m\u00f6glicherweise finanziellen Unterst\u00fctzung der auf dem Balkan agierenden AKSH aufzubauen. Seit der Festnahme des politischen Sekret\u00e4rs der Organisation Mitte Dezember 2003 an der deutsch-schweizerischen Grenze und dessen Auslieferung nach Albanien im Juni 2004 fehlt der Vereinigung und ihren Funktion\u00e4ren die politische Leitfigur. Auch Anschl\u00e4ge mutma\u00dflicher AKSH-Angeh\u00f6riger im Heimatland sind seitdem nicht mehr bekannt geworden. Die Organisation tritt jedoch nach wie vor durch Verlautbarungen in Erscheinung. Militante Aktivit\u00e4ten der AKSH sind zumindest dann wieder zu bef\u00fcrchten, wenn sich die hohen Erwartungen der Kosovo-Albaner auf die Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo in absehbarer Zeit nicht erf\u00fcllen sollten. \u00d6ffentliche Aktivit\u00e4ten wie Informationsveranstaltungen wurden in Deutschland nicht organisiert, vielmehr trafen sich F\u00fchrungsfunktion\u00e4re regelm\u00e4\u00dfig zu konspirativen Treffen im Raum Heidelberg. Um die Existenz der Organisation zu verschleiern, gr\u00fcndeten Funktion\u00e4re in Albanien die \"Vaterlandsgesellschaft f\u00fcr nationale Identit\u00e4t und Vereinigung\" (SH.A.I.B.K.). Zweigniederlassungen wurden auch im Ausland, unter anderem in Deutschland gegr\u00fcndet, um sich dem Focus der deutschen, schweizerischen und anderen europ\u00e4ischen Nachrichtendienste zu entziehen. Die \"Gesellschaft\" ist bisher jedoch nicht durch \u00f6ffentliche Aktionen in Erscheinung getreten. 5. Sikh-Organisationen \"Babbar Khalsa International\" (BK) Gr\u00fcndung: 1978 in Indien Sitz: derzeit unbekannt Mitglieder: ca. 50 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: 50) ca. 200 Bund (2005: 200) \"International Sikh Youth Federation\" (ISYF) Gr\u00fcndung: 1984 als weltweite Auslandsorganisation der \"All India Sikh Student Federation\" (AISSF) 117","1985 Gr\u00fcndung der \"Deutschen Sektion der ISYF\" in Frankfurt am Main Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 100 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: 100) ca. 600 Bund (2005: 600) \"Kamagata Maru Dal International\" (KMDI) Gr\u00fcndung: 1997 als \"Internationale Kamagatamaru Partei\" in San Francisco/USA 1998 Zweigorganisation in Baden-W\u00fcrttemberg Sitz: vermutlich M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 20 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: 20) ca. 40 Bund (2005: 40) Trotz des hohen Verfolgungsdrucks indischer Sicherheitsbeh\u00f6rden gegen\u00fcber Sikh-Extremisten und Verurteilung dieses Personenkreises zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen oder der Todesstrafe im Pandschab haben dort militante Sikhs im Jahr 2006 unver\u00e4ndert auch durch Gewaltanwendung f\u00fcr die Kampf f\u00fcr einen Schaffung eines unabh\u00e4ngigen Staates \"Khalistan\" (Land der Reinen) unabh\u00e4ngigen gek\u00e4mpft. Aufgrund des konsequenten Vorgehens der indischen Regierung Staat gegen die Terrorkommandos und deren mutma\u00dfliche Sympathisanten wurden viele Sikhs in die Emigration gezwungen. Die im Exil lebenden Anh\u00e4nger der Sikh-Bewegung haben sich \u00fcberwiegend in Kanada, den USA und in Gro\u00dfbritannien, aber auch in Frankreich und Deutschland politisch organisiert. Der am 17. April 2006 in Hasselt/Belgien an einem Mitglied der dortigen Sikhgemeinde begangene Mord l\u00f6ste weltweite Beachtung, tiefe Betroffenheit und Verunsicherung in den internationalen extremistischen Sikh-Kreisen aus. Maskiert mit einer Sturmhaube st\u00fcrmte der T\u00e4ter in das Telefonkartengesch\u00e4ft seines Opfers, t\u00f6tete es durch Kopfsch\u00fcsse aus n\u00e4chster N\u00e4he und fl\u00fcchtete unerkannt. In extremistischen Sikh-Kreisen machte man f\u00fcr die Tat zum einem den indische Geheimdienst214 verantwortlich, zum anderen wurde ein krimineller Hintergrund gesehen. 214 Der Get\u00f6tete war im Jahre 1992 an einem missgl\u00fcckten Attentat auf den ehemaligen Polizeichef von Pandschab und damaligen indischen Botschafter in Bukarest/Bulgarien beteiligt. Dort wurde er wegen des Anschlags zu acht Jahren Haft verurteilt. 118","Ausl\u00e4nderextremismus Die ISYF und die BK sind von der Europ\u00e4ischen Union (EU) als terroristigef\u00fchrt auf der sche Organisationen eingestuft. Terroristische Aktivit\u00e4ten entwickelten sie \"EU-Terrorliste\" bisher fast ausschlie\u00dflich in Indien. 2006 sind in Deutschland extremistische Sikh-Gruppierungen nicht durch gewaltt\u00e4tige Aktionen in Erscheinung getreten. Lediglich in Baden-W\u00fcrttemberg wurden zwei politisch motivierte Auseinandersetzungen bekannt. Protestdemonstrationen anl\u00e4sslich des indischen Nationalfeiertags (26. Januar) und des Unabh\u00e4ngigkeitstags (15. August 1947), an denen auch Anh\u00e4nger extremistischer Sikh-Organisationen aus Baden-W\u00fcrttemberg teilnahmen, verliefen friedlich. Deutschland dient den hier lebenden Sikh-Extremisten als Ruheund Deutschland als Finanzierungsbasis. Kultureller, religi\u00f6ser und politischer Mittelpunkt sind Ruheund die Sikh-Tempel (Gurdwaras). In Baden-W\u00fcrttemberg sind diese in StuttFinanzierungsgart, Mannheim und T\u00fcbingen als Vereine angemeldet. In den Vereinsr\u00e4ubasis men treffen sich regelm\u00e4\u00dfig Anh\u00e4nger der in zwei Fl\u00fcgel gespaltenen ISYF, der BK und der KMDI. Funktion\u00e4re dieser Gruppierungen nutzen dort durchgef\u00fchrte Versammlungen oder Veranstaltungen zu Ehren gefallener K\u00e4mpfer stets zu Propagandazwecken und zum Aufruf zu gro\u00dfz\u00fcgigen Spendenzahlungen, um den \"Befreiungskampf\" zu unterst\u00fctzen. Neben den Tempeln konnten St\u00fctzpunkte extremistischer Sikhs in Herrenberg, N\u00fcrtingen, Reutlingen, Sigmaringen und im Raum \u00dcberlingen lokalisiert werden. Erstmals konnte unter den einzelnen Gruppierungen eine gesteigerte Aggressivit\u00e4t beobachtet werden, die auf permanente politische Streitigkeiten zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. So wurden am 6. Juni 2006 bei einer Schl\u00e4gerei vor dem Sikh-Tempel in Stuttgart zwei Sikhs verletzt. Der Tat waren anhaltende ideologische Meinungsverschiedenheiten unter verschiedenen SikhGruppierungen vorausgegangen. Im Gegensatz zu den Sikh-Tempeln in Frankfurt/Main und K\u00f6ln war diese t\u00e4tliche Auseinandersetzung f\u00fcr den Bereich des Stuttgarter Sikh-Tempels ein Novum, zumal es hier bisher gem\u00e4\u00dfigten Anh\u00e4ngern extremistischer Gruppierungen stets gelungen war, politische Streitigkeiten zu schlichten oder k\u00f6rperliche Auseinandersetzungen schon im Vorfeld abzuwenden. Ebenfalls aus politisch motivierten Streitigkeiten kam es am 14./15. Juli 2006 in Holzgerlingen/Krs. B\u00f6blingen unter Mitgliedern der KMDI zu k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen. Die in Gro\u00dfbritannien publizierte pandschabisprachige Zeitung \"Des Pardes\" ist f\u00fcr die in der Diaspora lebende Sikh-Gemeinde eine wichtige Informationsquelle. Hier werden sie \u00fcber Ereignisse in Indien und \u00fcber Akti119","vit\u00e4ten im Ausland unterrichtet. Vor allem aber bietet das Blatt extremistischen Organisationen eine politische Plattform f\u00fcr Mitteilungen an ihre Anh\u00e4nger. 6. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) Gr\u00fcndung: 1972 auf Sri Lanka als \"Tamil New Tigers\" (TNT) 1976 Umbenennung in LTTE Sitz: Oberhausen/Nordrhein-Westfalen (Deutsche Sektion) Mitglieder: ca. 110 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: 110) ca. 800 Bund (2005: 800) Im Jahr 2006 eskalierte die Gewalt in Sri Lanka, wo seit \u00fcber zwei Jahrzehnten die \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) mit Waffengewalt f\u00fcr einen eigenst\u00e4ndigen Staat \"Tamil Eelam\" im mehrheitlich von Tamilen bewohnten Norden des Landes k\u00e4mpfen. Bei zahlreichen Attentaten der separatistischen LTTE unter F\u00fchrung von Vellupillai PRABHAKARAN und anschlie\u00dfenden Aktionen der sri-lankischen Armee kamen allein 2006 insgesamt \u00fcber 3.000 Menschen ums Leben, 200.000 sollen inzwischen auf der Flucht sein. So starben bei einem im April durchgef\u00fchrten Selbstmordanschlag im Hauptquartier der sri-lankischen Armee in Colombo zahlreiche Menschen, der Armeechef \u00fcberlebte schwer verletzt. 64 Menschen, darunter auch mehrere Kinder, wurden get\u00f6tet, als im Juni in der SelbstmordN\u00e4he eines Reisebusses Sprengs\u00e4tze detonierten. Im Oktober verloren bei anschl\u00e4ge einem Selbstmordanschlag auf einen Milit\u00e4rkonvoi im Norden des Landes \u00fcber 100 Soldaten ihr Leben. Im selben Monat ver\u00fcbten die LTTE einen Anschlag auf eine Marinebasis in Galle, einem Touristenort im S\u00fcden Sri Lankas, und t\u00f6teten dabei \u00fcber 20 Soldaten. Die Situation versch\u00e4rfte sich vor allem nach einem Luftangriff der sri-lankischen Armee auf ein Kinderheim in der LTTE-Region Mullaitivu im August 2006. Die sri-lankische Regierung begr\u00fcndete diese Aktion damit, dass es sich bei dieser Einrichtung um ein verstecktes LTTE-Ausbildungslager gehandelt habe. Bei dem Angriff wurden 61 vorwiegend junge M\u00e4dchen get\u00f6tet und 130 verletzt. Die im Jahr 2002 begonnenen Friedensgespr\u00e4che zwischen den LTTE und der sri-lankischen Regierung schienen aufgrund dieser Eskalation bedeu120","Ausl\u00e4nderextremismus tungslos geworden zu sein. Im September 2006 mussten sich die Vertreter der EU-Mitgliedstaaten, denen die LTTE eine pro-singhalesische Haltung vorwarfen, auf Druck der LTTE aus der Sri Lanka Monitoring Mission (SLMM) zur\u00fcckziehen, die seither nur noch aus norwegischen und isl\u00e4ndischen Beobachtern besteht. Im Mai 2006 setzte die Europ\u00e4ische Union (EU) die LTTE aufgrund der von ihr ausgehenden Gewalt auf die Liste terroristischer Organisationen.215 Die tamilische Diaspora in Deutschland nahm diese Ma\u00dfnahme als ein \"EU-Vererstmals auf bot\" wahr und reagierte mit einer Reihe regionaler und \u00fcberregionaler \"EU-Terrorliste\" Demonstrationen. Den Abschluss dieser Reihe bildete eine Gro\u00dfkundgebung in Berlin am 18. September 2006, an der mehrere Tausend Personen teilnahmen. Das \"Tamil Coordinating Committee\" (TCC) mit Sitz in Oberhausen hatte diese Protestaktionen in einem Flugblatt angek\u00fcndigt: \"Mit dem Beschluss der Europ\u00e4ischen Union, die LTTE - die Repr\u00e4sentantin der Tamilen - als terroristische Organisation zu verbieten, hat sie einseitig in den Konflikt interveniert und damit unsere politischen Aspirationen kriminalisiert.\" In Baden-W\u00fcrttemberg fanden u. a. folgende Veranstaltungen mit LTTEBezug statt: Am 29. April 2006 richtete die Stuttgarter \"Kulturvereinigung der Tamilen e.V.\" eine M\u00e4rtyrergedenkveranstaltung aus, die urspr\u00fcnglich als \"Tamilisches Kulturfest\" angemeldet worden war. Etwa 600 Personen nahmen daran teil. Am 25. Juli 2006 organisierte die \"Kulturvereinigung der Tamilen e.V.\" Stuttgart auf dem Schlossplatz einen Hungerstreik unter dem Motto \"Stopp der T\u00f6tung der Tamilen\". Mit dieser Aktion machte man auf die aktuelle politische Situation in Sri Lanka aufmerksam, gedachte zugleich aber auch des ersten LTTE-Selbst215 Siehe Erkl\u00e4rung des Vorsitzes im Namen der Europ\u00e4ischen Union zur Einstufung der LTTE als terroristische Organisation vom 31. Mai 2006. 121","mordattentats aus dem Jahr 1987. \u00dcber 50 Personen nahmen an dieser eint\u00e4gigenProtestaktion teil. Zum Gedenken an die Opfer der Bombardierung des Kinderheims in Mullaitivu organisierte die Stuttgarter LTTE-nahe \"Tamilische Bildungsvereinigung e.V.\" (TBV) im August 2006 in mehreren St\u00e4dten Mahnwachen und Infost\u00e4nde, darunter in Kirchheim unter Teck, Mannheim und Stuttgart. bislang friedliche Trotz der sich versch\u00e4rfenden Situation in Sri Lanka blieben die Kundgepolitische bungen der LTTE-Anh\u00e4nger friedlich. Deutschland dient diesem PersonenAktivit\u00e4ten kreis neben der Beschaffung von Geldmitteln durch den Verkauf von Propagandaartikeln oder durch die gezielte Sammlung von Geldspenden in erster Linie als Zufluchtsort und Plattform, um auf die politische Situation in Sri Lanka aufmerksam zu machen. 7. Iranische Gruppen Die \"Volksmodjahedin\" unter der Bezeichnung \"Modjahedin-e Khalq Organisation\" (MEK oder MKO) und \"People's Mojahidin of Iran\" (PMOI) gelten auch in dem am 29. Mai 2006 ver\u00f6ffentlichten und \u00fcberarbeiteten Beschluss des Rats der Europ\u00e4ischen Union (EU) vom 2. Mai 2002 als terroristische Organisation. Gegen diesen Beschluss haben die \"Volksmodjahedin\" vor dem Europ\u00e4ischen Gericht in erster Instanz in Luxemburg am 12. Dezember 2006 erfolgreich geklagt. Ihr militanter Fl\u00fcgel \"National Liberation Army of Iran\" (NLA) sowie die \"Muslim Iranian Student's Society\" werden ebenfalls als terroristische Gruppierungen genannt. Der \"Nationale Widerstandsrat von Iran\" (NWRI) beziehungsweise der \"National Council of Resistance of Iran\" (NCRI) werden von der Auflistung als Terrororganisation ausgenommen. Der international t\u00e4tige NWRI wurde als scheinbar partei\u00fcbergreifende demokratische Sammlungsbewegung 1981 in Paris gegr\u00fcndet und versteht sich selbst als die wichtigste Oppositionsgruppe gegen das religi\u00f6se iranische Regime. Dominiert wird der \"Widerstandsrat\" allerdings von Anh\u00e4ngern und Mitgliedern der \"Volksmodjahedin\". Im Vorfeld der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft im Sommer 2006 in Deutschland, an der auch die iranische Nationalmannschaft teilnahm, bestand zun\u00e4chst die Bef\u00fcrchtung, dass diese Oppositionsgruppe die weltweite Aufmerksamkeit f\u00fcr ihre Zwecke nutzen k\u00f6nnte. M\u00f6gliche Aktionen von Anh\u00e4ngern der 122","Ausl\u00e4nderextremismus \"Volksmodjahedin\" w\u00e4hrend dieser Zeit konnten nicht ausgeschlossen werden. In Baden-W\u00fcrttemberg entstand eine besondere Brisanz dadurch, dass die iranische Fu\u00dfballnationalmannschaft w\u00e4hrend des Zeitraumes der Vorrundenbegegnungen in Friedrichshafen am Bodensee ihr Mannschaftsquartier unterhielt. Hinzu kamen Ank\u00fcndigungen der iranischen Staatsf\u00fchrung, gegebenenfalls ein Vorrundenspiel der iranischen Nationalmannschaft besuchen zu wollen. Entgegen den Aussagen einiger Kritiker der \"Volksmodjahedin\", die in diversen Briefen auf das Gewaltpotenzial der Organisation aufmerksam zu machen versuchten, versicherte die Deutschlandvertretung des NWRI in \u00f6ffentlichen Verlautbarungen, keine Aktionen durchzuf\u00fchren, die den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland zuwiderhandeln w\u00fcrden. Tats\u00e4chlich wurden w\u00e4hrend des gesamten Zeitraumes der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft keine nennenswerten Aktionen der \"Volksmodjahedin\" bekannt. Wie auch in den Jahren zuvor richteten sich die Aktivit\u00e4ten des NWRI in europaweiten Veranstaltungen gegen das iranische Regime und seinen Pr\u00e4europaweite sidenten Ahmadinejad. Die gr\u00f6\u00dfte Kundgebung fand am 1. Juli 2006 in Le Veranstaltungen Bourget bei Paris statt. Dort versammelten sich mehrere Tausend Anh\u00e4nger aus ganz Europa, um f\u00fcr einen demokratischen Wandel im Iran und gegen Teherans Atompolitik zu protestieren. Im Beisein von Parlamentariern aus Europa und \u00dcbersee forderte die NWRI-Pr\u00e4sidentin Maryam RAJAVI den \"Umsturz der religi\u00f6sen Diktatur\".216 Weiterhin unklar blieb das Schicksal der \u00fcber 3.000 Frauen und M\u00e4nner der NLA, die sich auf irakischem Boden im \"Camp Ashraf\" aufhalten sollen. Im Jahr 2006 stand das Lager unter der Kontrolle von 120 bulgarischen Soldaten. Nach Inkrafttreten der neuen irakischen Verfassung hat man den Fl\u00fcchtlingsstatus, den die Frauen und M\u00e4nner der NLA vor dem Einmarsch der US-Truppen und dem Sturz Saddam Husseins im Lager Ashraf innehatten, nicht wieder best\u00e4tigt. Am 12. September 2006 trat ein durch Parlamentarier und Menschenrechtler aus der ganzen Welt gegr\u00fcndetes \"Komitee zur Verteidigung der Mitglieder der PMOI im Irak\" zu seiner 216 Spiegel Online vom 2. Juli 2006: Iranische Exil-Opposition - Hoffen auf die friedliche Revolution. 123","ersten Sitzung in Br\u00fcssel zusammen, um sich f\u00fcr die Anerkennung als politische Fl\u00fcchtlinge und das Bleiberecht im Irak einzusetzen. Seit 1994 sind die \"Volksmodjahedin\" durch den NWRI in Deutschland vertreten. In Baden-W\u00fcrttemberg unterst\u00fctzen unver\u00e4ndert etwa 70 Aktivisten Geldbeschaffung und zahlreiche Sympathisanten die Organisation. Auch im Jahr 2006 wichtiges demonstrierten ihre Anh\u00e4nger auf zahlreichen Kundgebungen gegen das Bet\u00e4tigungsfeld iranische Atomprogramm, so am 12. Januar vor dem Ausw\u00e4rtigen Amt in Berlin. Um die zum Teil mit gro\u00dfem Aufwand durchgef\u00fchrten Aktionen zu finanzieren, z\u00e4hlte auch weiterhin die Geldbeschaffung zu einem wichtigen Bet\u00e4tigungsfeld des NWRI. Durch Sammelvereine wurden in St\u00e4dten im gesamten Bundesgebiet Spendensammlungen angeblich f\u00fcr humanit\u00e4re Zwecke durchgef\u00fchrt. Als wahrscheinlicher gilt wohl, dass diese Gelder in die umfangreiche politische Arbeit der Organisation flie\u00dfen. \"Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr die iranische Hauptoppositionskraft sind das gr\u00f6\u00dfte Hindernis in Richtung einer demokratischen \u00c4nderung in Iran\" 217, stellte RAJAVI in einer Rede am 10. April 2006 in Stra\u00dfburg fest. RAJAVI sieht die M\u00f6glichkeit einer Wende im Iran nur dann f\u00fcr gegeben, wenn die \"Volksmodjahedin\" von der \"Terrorliste\" gestrichen werden. Ob aber die von RAJAVI in ihrer Rede genannte \"gro\u00dfe Basis im Volk\" vorhanden ist, um \"zusammen mit seinem organisierten Widerstand\" eine demokratische Wende herbeizuf\u00fchren, bleibt fraglich. Insofern muss man auch hier die weiteren Beschl\u00fcsse und Verhandlungen rund um das umstrittene iranische Atomprogramm und die weitere Entwicklung des explizit \"anti-j\u00fcdisch\" eingestellten Pr\u00e4sidenten Ahmadinejad abwarten. Die im Jahr 2006 immer schwieriger gewordene Lage im Irak wird die Bedeutung der iranischen Regierung f\u00fcr eine L\u00f6sung der regionalen Konflikte erh\u00f6hen. Dies wird wiederum entsprechende Auswirkungen auf die iranische Exilopposition haben, deren Einfluss mit diesen Entwicklungen wachsen oder schwinden wird. 217 Hier und im Folgenden: NWRI-Website vom 24. April 2006. 124","Ausl\u00e4nderextremismus 8. Weitere Informationen Weitere Informationen zum Thema Ausl\u00e4nderextremismus k\u00f6nnen der Brosch\u00fcre \"Erscheinungsformen des Ausl\u00e4nderextremismus\" (2001) entnommen werden. Aktuelle Berichte zum Ausl\u00e4nderextremismus k\u00f6nnen Sie auch auf unserer Internetseite http://www.verfassungsschutz-bw.de/ausl/start_ausl.htm abrufen. 125","D. RECHTSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklung und Tendenzen Der deutsche Rechtsextremismus r\u00fcckte auch 2006 wiederholt in den Fokus der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit: die seit Jahren schon ansteigende Zahl rechtsextremistisch motivierter Gewalttaten; die sich verst\u00e4rkende rechtsextremistische Demonstrationst\u00e4tigkeit insbesondere von neonazistischer Seite, die mit einer Zunahme gewaltt\u00e4tiger so genannter \"RechtsLinks-Auseinandersetzungen\" einhergeht; der Einzug der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD) in den mecklenburg-vorpommerschen Landtag; die Verteilung so genannter \"Schulhof-CDs\" rechtsextremistischen Inhalts zur Indoktrinierung Jugendlicher; die Prozesse gegen prominente rechtsextremistische Geschichtsrevisionisten. Diese und andere Faktoren f\u00fchrten auf Bundes-, Landesund kommunaler Ebene zu Debatten \u00fcber die Dimension des gesamtgesellschaftlichen Problems Rechtsextremismus und \u00fcber die richtigen Wege, es zu l\u00f6sen. Aufgabe des Verfassungsschutzes als Fr\u00fchwarnsystem ist es unter anderem, durch Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit einen Beitrag zur geistig-politischen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus zu leisten. Es ist zu konzunehmende statieren, dass sich die NPD in den letzten Jahren zur auff\u00e4lligsten rechtsBedeutung extremistischen Partei in Deutschland entwickelt hat und einen sp\u00fcrbaren der NPD Einfluss auch auf weite Teile der \u00fcbrigen rechtsextremistischen Szene aus\u00fcbt beziehungsweise auszu\u00fcben versucht. Es k\u00f6nnen sogar erste Ans\u00e4tze einer Ausrichtung oder Konzentration gr\u00f6\u00dferer Teile der rechtsextremistischen Gesamtszene auf die NPD festgestellt werden, womit sie als eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste rechtsextremistische Organisation in der Bundesrepublik einzustufen ist. Wie schon in vergangenen Jahren, so kommentierten auch im Jahr 2006 deutsche Rechtsextremisten insbesondere diejenigen gesamtgesellschaftlichen Debatten, bei denen sie Themen mitten in der Gesellschaft breit diskutiert sahen. 2006 galt dies f\u00fcr die Debatten um die Spannungen zwischen westlicher und islamischer Welt und die Patriotismusdebatte. Schon 2002 wurde diese Tendenz bei der Antisemitismussowie der Vertreibungsdebatte festgestellt und 2003 bei der Bombenkriegsdebatte. Rechtsextremisten verbinden mit solchen Diskussionen die Hoffnung, dass zuk\u00fcnftig nicht nur diese Themen gesamtgesellschaftliche Diskursf\u00e4higkeit erlangen, sondern auch rechtsextremistische Positionen zu diesen Themen. Dementsprechend interpretieren sie solche Debatten immer wieder als begr\u00fc\u00dfenswerte Tabubr\u00fcche, die eine tief greifende Trendwende des Zeitgeistes, einen 126","Rechtsextremismus umfassenden politisch-kulturellen Paradigmenwechsel in Deutschland einleiteten. Eine Besch\u00e4ftigung mit den rechtsextremistischen Beitr\u00e4gen zu diesen Debatten gew\u00e4hrt einen intensiven Einblick in rechtsextremistischideologische Denkweisen. 1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale 2006 war das rechtsextremistische Gesamtpersonenpotenzial im Vergleich zu 2005 in Baden-W\u00fcrttemberg wie im Bund r\u00fcckl\u00e4ufig, womit ein seit R\u00fcckgang beim Mitte der 1990er-Jahre fast bruchloser Trend seine Fortsetzung fand. Seit Personen1993 hat sich durch diesen Trend die Zahl der Rechtsextremisten im Bund potenzial um deutlich mehr als ein Drittel und in Baden-W\u00fcrttemberg sogar fast um die H\u00e4lfte verringert. Hinter diesem personellen Schrumpfungsprozess verbergen sich jedoch seit Jahren zwei gegenl\u00e4ufige Entwicklungen: W\u00e4hrend rechtsextremistische Personenzusammenschl\u00fcsse, die wie zum Beispiel die DVU \u00fcber ein \u00fcberdurchschnittlich lebensaltes Mitgliederreservoir verf\u00fcgen, seit Jahren in der Summe teils drastische R\u00fcckg\u00e4nge zu verkraften haben, sind gleichzeitig \u00fcberdurchschnittlich junge rechtsextremistische Segmente, hier insbesondere die rechtsextremistische Skinhead-, aber auch die Neonaziszene, von quantitativ ehemals eher marginalen zu bedeutenden Faktoren herangewachsen, die zusammen mittlerweile rund ein Drittel der deutschen Rechtsextremisten ausmachen. Zumindest in Baden-W\u00fcrt127","temberg stagnierte dieser bedenkliche Verj\u00fcngungsprozess 2006 jedoch: Zwar hatte die immer noch mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei in Deutschland, die DVU, auf Bundesund auf Landesebene wieder mehr oder minder deutliche Mitgliederverluste hinzunehmen, w\u00e4hrend die um einen Schulterschluss mit Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads bem\u00fchte NPD auf beiden Ebenen Mitgliederzuw\u00e4chse verbuchen konnte. Auch die Neonaziszene verzeichnete in Bund wie Land wieder leichte erstmals auch Zuw\u00e4chse. Doch verlor die rechtsextremistische Skinheadszene in BadenR\u00fcckgang bei W\u00fcrttemberg erstmals seit 2002 wieder Anh\u00e4nger. Und auch auf Bundesden Skinheads ebene verharrte die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten, unter denen die rechtsextremistischen Skinheads einen wesentlichen Teil ausmachen, in Stagnation. Der Blick auf das Abschneiden rechtsextremistischer Parteien bei den f\u00fcnf Landtagswahlen des Jahres 2006 offenbart ein differenziertes Bild: Bei den beiden Landtagswahlen am 26. M\u00e4rz 2006 in Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz setzte die NPD die nach ihrem Einzug in den s\u00e4chsischen Landtag im September 2004 begonnene Serie der f\u00fcr sie desillusionierenden Wahlniederlagen fort. Zwar gelangen ihr in Baden-W\u00fcrttemberg, wo sie nur in 52 von 70 Wahlkreisen antreten konnte, und in Rheinland-Pfalz mit Ergebnissen von 0,7 Prozent beziehungsweise 1,2 Prozent Zugewinne auf niedrigem Gesamtniveau, doch ist die Partei von einer Etablierung als erfolgreiche Wahlpartei zumindest in Westdeutschland weiterhin weit entfernt. Die am 17. September 2006 in Berlin abgehaltene Landtagswahl bescherte der NPD mit 2,6 Prozent zwar wieder ein Scheitern an der F\u00fcnfweiterer Einzug Prozent-H\u00fcrde, doch gelang ihr am selben Tag in Mecklenburg-Vorpomder NPD in ein mern der Einzug in das Schweriner Parlament, so dass sie jetzt \u00fcber eine Landesparlament zweite ostdeutsche Landtagsfraktion verf\u00fcgt. Gem\u00e4\u00df den Bestimmungen ihres \"Deutschland-Paktes\" mit der NPD trat die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) 2006 nur in Sachsen-Anhalt an, wo sie 1998 mit 12,9 Prozent das beste Landtagswahlergebnis einer rechtsextremistischen Partei in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland erzielt hatte. Nicht nur vor diesem Hintergrund war das Ergebnis von 3,0 Prozent eine Entt\u00e4uschung f\u00fcr die DVU. 1.2 Strafund Gewalttaten Die Zahl der rechtsextremistisch motivierten Strafwie auch der darin enthaltenen Gewalttaten stieg 2006 weiter an. Doch w\u00e4hrend die Zahl rechtsextremistischer Straftaten insgesamt im Vergleich zu 2005 (1.071) \"nur\" um ein knappes F\u00fcnftel (19,7 Prozent) auf 1.282 zulegte, erh\u00f6hte sich die Anzahl entsprechender Gewalttaten um knapp zwei F\u00fcnftel (39,4 Prozent). 128","Rechtsextremismus Mit 99 solcher Gewalttaten im Jahr 2006 (2005: 71) setzte sich der bereits seit Jahren anhaltende Trend fort, beschleunigte sich offenbar sogar noch (2002: 51; 2003: 56; 2004: 67). Diese Entwicklung ist unter anderem auf verZunahme bei st\u00e4rkt zu registrierende \"Rechts-Links-Auseinandersetzungen\" zur\u00fcckzuf\u00fch\"Rechts-Linksren. Die Zunahme dieser Auseinandersetzungen steht in engem AuseinanderZusammenhang mit der verst\u00e4rkten rechtsextremistischen, insbesondere setzungen\" neonazistischen Demonstrationst\u00e4tigkeit in den letzten Jahren. Hinzu kommt eine generell ansteigende Gewaltbereitschaft insbesondere von Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads gegen\u00fcber politischen Gegnern und Sicherheitskr\u00e4ften.218 Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Rechts sowie rechtsextremistische Strafund Gewalttaten 2006 1.3 Ideologie Die rechtsextremistische Szene in der Bundesrepublik Deutschland ist in sich ideologisch zersplittert. Dennoch gibt es diverse Ideologiebestandteile, die bereits seit vielen Jahrzehnten (teils seit dem 19. Jahrhundert) im Rechtsextremismus eine zentrale Rolle spielen und bis heute f\u00fcr viele oder gar f\u00fcr die meisten Rechtsextremisten im Grundsatz konsensf\u00e4hig sind. Dabei haben einzelne dieser Bestandteile aufgrund wechselnder historischpolitischer Rahmenbedingungen an Bedeutung innerhalb des ideologischen Gesamtgef\u00fcges verloren (zum Beispiel die rechtsextremistische Variante des Antikommunismus seit 1989), andere gewonnen (zum Beispiel die rechtsextremistische Variante des Antiamerikanismus seit 1989): 218 Vgl. dazu das Teilkapitel 4.3 auf den Seiten 150 bis 157. 129","Wesensmerkmale Die \"Ideologie der Ungleichheit\", insbesondere der rechtsextremisdes Rechtstische Nationalismus, Sozialdarwinismus219 und Rassismus. Der Rasextremismus sismus erh\u00e4lt eine erh\u00f6hte Brisanz, wenn er zur Begr\u00fcndung des im rechtsextremistischen Lager allgegenw\u00e4rtigen Antisemitismus herangezogen wird (Rassenantisemitismus). Die \"Ideologie der 'Volksgemeinschaft', die auch als V\u00f6lkischer Kollektivismus bezeichnet wird. Rechtsextremistische Fremdenund Ausl\u00e4nderfeindlichkeit haben nicht zuletzt in diesem rassistisch-nationalistischen Konzept ihren Ursprung. Autoritarismus. Konkrete Ausformungen des rechtsextremistischen Autoritarismus sind Militarismus und Antiliberalismus220, aber auch ein auf das \"F\u00fchrerprinzip\" reduziertes Staatsund Politikverst\u00e4ndnis, das wiederum Demokratiefeindschaft und Antiparlamentarismus beinhaltet. Revisionismus. Von Geschichtsrevisionismus spricht man, wenn Rechtsextremisten die NS-Verbrechen - besonders den Holocaust und die nationalsozialistische Schuld am Ausbruch des 2. Weltkrieges - verschweigen, rechtfertigen, verharmlosen, durch Aufrechnung mit vermeintlichen und tats\u00e4chlichen Verbrechen anderer Nationen und politischer Systeme relativieren oder sogar leugnen. Von Gebietsrevisionismus ist die Rede, wenn Rechtsextremisten die Anerkennung der deutschen Gebietsverluste, wie sie sich aus den beiden Weltkriegen ergeben haben, verweigern oder noch weitere Gebiete entgegen den vertraglichen Verpflichtungen, die Deutschland seit 1918 beziehungsweise 1945 eingegangen ist, f\u00fcr Deutschland beanspruchen. Der rechtsextremistische Antimodernismus \u00e4u\u00dfert sich in deutlich ablehnenden Reaktionen auf geistige, wissenschaftlich-technische, \u00f6konomische, soziale und kulturelle Modernisierungssch\u00fcbe und in der Verkl\u00e4rung vergangener Zust\u00e4nde. 219 Sozialwissenschaftliche Theorie, die Charles Darwins Lehre von der nat\u00fcrlichen Auslese auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften \u00fcbertr\u00e4gt. 220 Ablehnung einer Staatsund Wirtschaftsauffassung, nach der dem Einzelnen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit gew\u00e4hrt werden soll. 130","Rechtsextremismus 2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus 2.1 H\u00e4ufigkeit und Hintergr\u00fcnde rechtsextremistisch motivierter Gewalt Im Jahr 2006 stieg die Zahl der rechtsextremistisch motivierten GewalttaAnstieg bei den ten weiter an, n\u00e4mlich auf 99 (2005: 71). Damit setzte sich der bereits seit GewalttatenJahren anhaltende Trend auf diesem Gebiet fort, beschleunigte sich offenzahlen bar sogar noch (2002: 51; 2003: 56; 2004: 67). Diese Entwicklung ist unter anderem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass aufgrund der verst\u00e4rkten rechtsextremistischen, insbesondere neonazistischen Demonstrationst\u00e4tigkeit in den letzten Jahren die Auseinandersetzungen zwischen Rechtsund Linksextremisten zunehmen. Gewaltbereitschaft und Gewaltt\u00e4tigkeit sind heutzutage im deutschen Rechtsextremismus zwar in der Regel fast ausschlie\u00dflich auf die Skinheadszene und Teile der Neonaziszene - hier ist generell eine ansteigende Gewaltbereitschaft gegen\u00fcber politischen Gegnern und Sicherheitskr\u00e4ften festzustellen221 - begrenzt. Dennoch k\u00f6nnen bei diesem Thema auch andere Teile der rechtsextremistischen Szene nicht aus der Mitverantwortung entlassen werden: Denn schon seit Jahren ist eine mehr oder minder ausgeVernetzung pr\u00e4gte Vernetzung nicht nur von Skinheads und Neonazis untereinander, sondern auch mit anderen Rechtsextremisten zu beobachten, beispielsweise mit der NPD, die bei ihrer seit 2004 betriebenen \"Volksfront\"-Strategie den Schulterschluss mit Neonazis und Skinheads \u00fcbt und Vertreter dieser beiden Gruppen auf ihren Demonstrationen zumindest duldet, wenn nicht begr\u00fc\u00dft. Wer sich in dieser Weise mit gewaltbereiten Rechtsextremisten vernetzt, ihnen ein Forum bietet und sie damit in der Konsequenz aufwertet, kann nicht f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, sich von deren Gewaltbereitschaft entschieden und eindeutig zu distanzieren. Eine erhebliche N\u00e4he zur Gewalt ist schon seit dem 19. Jahrhundert in den ideologischen Grundlagen des Rechtsextremismus (hier besonders: Sozialdarwinismus; Militarismus; Hass auf Feindbilder) angelegt. Diese Ideologiebestandteile werden bis heute - in verschiedenen Abwandlungen - in der rechtsextremistischen Szene - und nicht nur unter Skinheads und Neonazis - verbreitet. 221 Vgl. dazu das Teilkapitel 4.3 auf den Seiten 150 bis 157. 131","2.2 Die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene: Ein Boom schw\u00e4cht sich ab? Manche zentralen Indikatoren, an denen man noch - und gerade - im Jahr 2005 den bis in die fr\u00fchen 1990er-Jahre zur\u00fcckreichenden Boom der rechtsextremistischen Skinheadszene222 im Allgemeinen und der dazugeh\u00f6rigen Musikszene im Besonderen223 hatte ablesen k\u00f6nnen, wiesen im Jahr 2006 nach unten, insbesondere die Anzahl der in Baden-W\u00fcrttemberg registrierten rechtsextremistischen Skinheads und die Zahl der von rechtsextremistischen Skinheadbands im Land gegebenen Konzerte. Zugleich aber stieg die Zahl der baden-w\u00fcrttembergischen Skinheadbands auf bereits hohem Niveau noch weiter an (2006: 19; 2005: 18), was mit der Entwicklung auf Bundesebene konform geht, wo die entsprechende Vergleichszahl von 142 im Jahr 2005 auf 153 im Jahr 2006 anwuchs. Auch die Zahl der von baden-w\u00fcrttembergischen Skinheadbands produzierten CDs, die in den letzten Jahren sogar r\u00fcckl\u00e4ufig war (2003: neun; 2004: sieben; 2005: f\u00fcnf), zog wieder auf acht an. Hinzu kamen zwei CD-Sampler aus Anlass der Fu\u00dfball-WM, zu denen auch baden-w\u00fcrttembergische Skinheadbands Titel beisteuerten: der Sampler \"no one like's us, we don't care\", unter anderem mit Beitr\u00e4gen der Skinheadbands \"Act of Violence\" aus dem Raum Ulm, \"Schutt & Asche\" aus Friedrichshafen und \"Propaganda\" aus dem Raum Horb am Neckar sowie der Sampler \"...zu Gast bei uns, der Fu\u00dfballsampler\", wiederum unter anderem mit einem Beitrag von \"Act of Violence\". R\u00fcckgang der Die Zahl der rechtsextremistischen Skinheads ging auf circa 840 zur\u00fcck224 Skinheadzahl und unterschritt damit nicht nur die 2005 (circa 1.040) erstmals \u00fcberschrittene Tausender-Marke, sondern auch die Zahl f\u00fcr 2004 (circa 960). Dadurch verringerte sich auch ihr Anteil an den gewaltbereiten Rechtsextremisten insgesamt (2006: circa 900; 2005: circa 1.080; 2004: circa 1.000). Die badenw\u00fcrttembergische Entwicklung des Jahres 2006 liegt damit nicht im Bun222 Nicht alle Skinheads in Deutschland sind Rechtsextremisten. Neben rechtsextremistischen existieren auch linksorientierte, linksextremistische, aber auch unbis antipolitische Skinheads. 223 F\u00fcr die Details, Hintergr\u00fcnde und Ursachen dieses Booms siehe: Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2005, S. 115-129. 224 Der Anteil der weiblichen Skinheads, der so genannten \"Renees\", blieb mit circa 19% konstant (20032005: 19%). 132","Rechtsextremismus destrend: Hier stagnierte die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten, unter denen die rechtsextremistischen Skinheads einen Gro\u00dfteil ausmachen, bei circa 10.400 (2005: circa 10.400). \u00dcbersicht \u00fcber rechtsextremistische Skinheadbands und Vertriebe in Baden-W\u00fcrttemberg Vertriebe Skinheadbands Stand: 31.12.2006 Grafik: LfV BW Die r\u00e4umliche Zuordnung der Skinheadbands orientiert sich an den Wohnsitzen der aktuellen bzw. Gr\u00fcndungsmitglieder. 1 Die zwei Skinheadbands werden als eine gez\u00e4hlt, da Personenidentit\u00e4t besteht. 133","Die Zahl der in Baden-W\u00fcrttemberg veranstalteten Skinheadkonzerte ging 2006 im Vergleich zu 2005 (26) drastisch auf 14 und damit wieder auf den Wert des Jahres 2004 zur\u00fcck. Zudem nahm die durchschnittliche Konzertbesucherzahl weiter auf circa 115 Personen ab (2005: circa 140). Damit f\u00e4llt die Tendenz in diesem Bundesland noch deutlicher aus als im Bund insgesamt, wo statt 193 Konzerten (2005) 2006 nur noch 163 Konzerte stattfanden (durchschnittliche Konzertbesucherzahl Bund 2005: circa 160, 2006: circa 135). Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze f\u00fcr die Entwicklung im Jahr 2006 m\u00f6gliche Es ist noch zu fr\u00fch, in den zum Teil r\u00fcckl\u00e4ufigen Zahlen f\u00fcr das Jahr 2006 Trendwende bereits eine grunds\u00e4tzliche Trendumkehr zu erkennen. Schon in der Vergangenheit zeigten vor\u00fcbergehend einzelne Indikatoren abw\u00e4rts225, und dennoch ergab sich in der Gesamtschau seit den Anf\u00e4ngen der 1990er-Jahre ein regelrechter Boom der rechtsextremistischen Skinhead(musik)szene. Zwar fallen die jetzigen R\u00fcckg\u00e4nge der Konzertzahlen und der Zahl rechtsextremistischer Skinheads in Baden-W\u00fcrttemberg, deren R\u00fcckgang unter die Tausender-Grenze sicherlich nicht nur von symbolischer Bedeutung ist, relativ deutlich aus. Doch gilt dieser Befund in Bezug auf die Skinheadzahlen eben nur f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg, nicht f\u00fcr die Zahl gewaltbereiter Rechtsextremisten im Bund insgesamt, und au\u00dferdem bez\u00fcglich der Konzertzahlen nur im Vergleich zu 2005. Beide Werte, sowohl die Zahl badenw\u00fcrttembergischer Skinheads wie auch der im Land veranstalteten Skinheadkonzerte, liegen immer noch \u00fcber den Werten f\u00fcr 2003, als der Boom der rechtsextremistischen Skinhead(musik)szene bereits im vollen Gange war. Es lassen sich f\u00fcr die Entwicklung des Jahres 2006 Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze aufzeigen. Manche dieser Faktoren k\u00f6nnten, wenn sie auch in den kommenden Jahren wirksam bleiben, zu einem weiteren, dann vielleicht kontinuierlichen Schrumpfen der rechtsextremistischen Skinheadszene beitragen: * Es liegen Anzeichen daf\u00fcr vor, dass die repressiven Ma\u00dfnahmen, mit denen sich die rechtsextremistische Skinhead(musik)szene seit Jahren konfrontiert sieht, im Jahr 2006 Wirkung gezeigt haben. Dabei schien sich die Entwicklung des Jahres 2005 bei den Skinheadkonzerten in Baden-W\u00fcrttemberg zu Anfang des Jahres 2006 fortzusetzen: Am 21. Januar 2006 fanden gleichzeitig in Karlsruhe und Geislingen-Eybach/Krs. G\u00f6ppingen die ersten beiden Konzer225 So fiel beispielsweise von 2001 auf 2002 die Zahl der rechtsextremistischen Skinheads in Baden-W\u00fcrttemberg von circa 820 auf circa 770. Von 1999 auf 2000 sank die Zahl der im Land veranstalteten Skinheadkonzerte von zehn auf acht. 134","Rechtsextremismus te des Jahres statt, wovon das erstgenannte mit gut 450 Teilnehmern (darunter auch Schweizer und Franzosen) das bestbesuchte Skinheadkonzert in Baden-W\u00fcrttemberg seit Juli 2004 war (Geislingen: circa 130). Doch beide Konzerte wurden von der Polizei aufgel\u00f6st, obwohl sich die Veranstalter des Karlsruher Konzertes - wie in der Szene mittlerweile \u00fcblich - im Vorfeld sehr konspirativ verhalten hatten und die Verantwortlichen in Geislingen - auch das ein in der Szene mittlerweile \u00fcblicher Winkelzug - die Aufl\u00f6sung ihres Konzertes im letzten Moment dadurch zu verhindern versucht hatten, dass sie es faktenwidrig in eine Geburtstagsfeier umdeklarierten. Es erfolgreiche kann davon ausgegangen werden, dass die beiden Konzertaufl\u00f6sunRepression gen gleich zu Beginn des Jahres, zumal sie 2006 nicht die einzigen blieben, erheblichen Eindruck in Form von Abschreckung, Frustration und Demotivation auf die Szene gemacht haben d\u00fcrften: Veranstalter sahen ihre Konspirationsbem\u00fchungen nicht fruchten und ihre Profiterwartungen unerf\u00fcllt, blieben wom\u00f6glich sogar auf hohen Ausgaben sitzen. Teilnehmer sahen sich nach zum Teil langer Anfahrt um ihr \"Vergn\u00fcgen\" gebracht. Beide Gruppen mussten bei zuk\u00fcnftigen Konzerten damit rechnen, dieselben Erfahrungen wieder zu machen. * Die hohe Konzertzahl von 2005 war auch einer vor\u00fcbergehenden Sonderkonstellation geschuldet: Acht und damit fast ein Drittel der 2005 in Baden-W\u00fcrttemberg registrierten Skinheadkonzerte fanden zwischen Mitte Januar und Ende Mai 2005 im damaligen Clubhaus der Rockergruppe \"MC Bandidos\" in Mannheim-Rheinau statt, obwohl damals wie heute nicht von einer inhaltlich-ideologischen Ann\u00e4herung der rechtsextremistischen Skinheadszene an die Rockergruppe \"MC Bandidos\" im Speziellen oder an die Rockerszene im Allgemeinen - oder umgekehrt - ausgegangen werden konnte. Vielmehr scheinen hier vorrangig kommerzielle Interessen im Vordergrund gestanden und private Beziehungen eine Rolle gespielt zu haben, zumal die damaligen Skinheadkonzerte zumeist von einem bekannten, damals vor Ort in Mannheim ans\u00e4ssigen Rechtsextremisten veranstaltet worden waren. Nach dem 21. Mai 2005 wurde im \"Bandidos\"-Clubhaus kein Skinheadkonzert mehr durchgef\u00fchrt, da der \"MC Bandidos\" dieses Geb\u00e4ude zum 31. Mai 2005 verlassen musste. Eine \u00e4hnlich g\u00fcnstige Gelegenheit, viele Konzerte relativ kurz aufeinander folgend an einem Ort zu veranstalten, ergab sich nach Mai 2005 und auch im Jahr 2006 f\u00fcr die baden-w\u00fcrttembergische Szene nicht wieder. 135","* Im bisherigen Boom der rechtsextremistischen Skinheadmusikszene steckt eine wichtige Teilerkl\u00e4rung f\u00fcr die eklatanten Rekrutierungserfolge der dazugeh\u00f6rigen Skinheadszene der vergangenen Jahre - und umgekehrt. Denn es kann davon ausgegangen werden, dass die beiden Ph\u00e4nomene sich zumindest zum Teil gegenseitig erzeugen, bedingen und somit f\u00fcreinander ebenso Ursache wie Folge sind: Zum einen geht von der rechtsextremistischen Skinheadmusik ein Rekrutierungseffekt f\u00fcr die rechtsextremistische Skinheadszene aus. \u00dcber den Konsum der Musik finden umso mehr Jugendliche Zugang zum Rechtsextremismus, je pr\u00e4senter die Szene durch ein vielf\u00e4ltigeres CDund ein fl\u00e4chendeckenderes Konzertangebot wird. Umgekehrt stellen rechtsextremistische Skinheads naturgem\u00e4\u00df die Hauptzielgruppe und die prim\u00e4ren Konsumenten rechtsextremistischer Skinheadmusik. Durch ihre bisher steigende Anzahl verbreiterten sie also wiederum den Markt f\u00fcr die rechtsextremistische Skinheadmusik. Alle diese Mechanismen k\u00f6nnen jedoch auch in die Gegenrichtung Wirkung entfalten: So ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass die drastisch zur\u00fcckgegangene Zahl der rechtsextremistischen Skinheadkonzerte im Land auch eine Abw\u00e4rtsspirale bei der Zahl der rechtsextremistischen Skinheads in Gang setzt, da weniger Konzerte - im Zusammenspiel mit der relativ deutlich gesunkenen durchschnittlichen Konzertbesucherzahl - demnach eine geringere Rekrutierungswirkung aus\u00fcben. Die sinkende Zahl rechtsextremistischer Skinheads verkleinert wiederum den Markt f\u00fcr rechtsextremistische Skinheadmusik. Diese These wird allerdings durch die im Jahr 2006 gestiegene Zahl baden-w\u00fcrttembergischer Skinhead-CDs zum Teil relativiert. Strukturierungsans\u00e4tze in der rechtsextremistischen Skinheadszene geringer OrgaSkinheads erweisen sich zumeist als unwillig und/oder unf\u00e4hig, eigene, fesnisierungsgrad tere Organisationsstrukturen zu bilden oder in bereits vorhandenen rechtsextremistischen Organisationen kontinuierlich mitzuarbeiten. Ursache daf\u00fcr sind f\u00fcr die Szene typische Eigenschaften wie Desinteresse an ideologisch-politischen Fragen, Hang zu exzessivem Alkoholkonsum und Disziplinlosigkeit. Dennoch gegr\u00fcndete regionale Skinhead-Vereinigungen sind h\u00e4ufig kurzlebig. Auch 2006 waren in Baden-W\u00fcrttemberg keine erw\u00e4hnenswerten Neugr\u00fcndungen zu verzeichnen, w\u00e4hrend bereits bestehende Gruppierungen weniger aktiv waren. 136","Rechtsextremismus Die seit circa 2000 existierende baden-w\u00fcrttembergische Skinhead-Gruppierung \"Stallhaus Germania\" aus M\u00fchlacker, die mit einer eigenen Seite im Internet vertreten ist, setzte ihre Aktivit\u00e4ten auch 2006 fort. So versuchte sie am 7. Oktober 2006 in ihrem Clubhaus in M\u00fchlacker-Lomersheim ein Skinheadkonzert zu veranstalten, das jedoch von der Polizei verhindert wurde. Internetseite der \"Stallhaus Germania\" Die deutsche \"Division\" der neonazistisch gepr\u00e4gten Skinheadorganisation \"Blood&Honour\" (B&H) wurde bereits im September 2000 verboten. Dennoch wurden vor allem in S\u00fcdwestdeutschland seit 2003 Nachfolgebestrebungen beobachtet. Dabei blieben ma\u00dfgebliche Personen weitgehend in ihrem fr\u00fcheren Hauptbet\u00e4tigungsfeld - der Organisation rechtsextremistischer Skinheadkonzerte - aktiv. Aufgrund dessen wurden am 7. M\u00e4rz 2006 in Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, RheinlandPfalz, Sachsen und Th\u00fcringen 120 Wohnobjekte von insgesamt 80 Rechtsextremisten durchsucht. Die Beschuldigten standen im Verdacht, B&H fortzuf\u00fchren oder Nachfolgestrukturen zu unterst\u00fctzen, also gegen das Vereinigungsverbot gem\u00e4\u00df SS 85 StGB versto\u00dfen zu haben. Die Durchsuchungen waren die umfangreichste Exekutivma\u00dfnahme gegen B&H-Angeh\u00f6rige seit dem Verbot. In Baden-W\u00fcrttemberg waren 19 Wohnobjekte von der Aktion betroffen. Schwerpunkt war der Gro\u00dfraum Karlsruhe. Es wurden zahlreiche Gegenst\u00e4nde mit B&H-Bezug beschlagnahmt, darunter Textilien, Tontr\u00e4ger und PCs. Die 1986 in den USA gegr\u00fcndeten, dezidiert rassistischen \"Hammerskins\" haben sich die Schaffung einer so genannten \"Hammerskin-Nation\" zum Ziel gesetzt, die alle Skinheads wei\u00dfer Hautfarbe umfassen soll. Doch dieses Ziel wird zumindest in Deutschland weit verfehlt: Bundesweit werden ihnen nur circa 100 Personen zugerechnet. Ihre Anh\u00e4ngerschaft in BadenW\u00fcrttemberg beschr\u00e4nkt sich auf einzelne Personen. 137","Schwerpunkte der rechtsextremistischen Skinheadszene in Baden-W\u00fcrttemberg nach Wohn-, Veranstaltungsorten/Szeneaktivit\u00e4ten Stand: 31.12.2006 Grafik: LfV BW 3. Rechtsextremistische Musikszene Prozess gegen Am 21. November 2006 begann vor dem Landgericht Stuttgart der Prozess \"Race War\" gegen vier Mitglieder der rechtsextremistischen Skinheadband \"Race War\" aus dem Ostalbkreis. Schon am folgenden Tag wurden die vier Angeklagten, nachdem sie umfassende Gest\u00e4ndnisse abgelegt hatten, unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung (SS 129 StGB) zu Freiheitsstrafen von 17 bis 23 Monaten auf Bew\u00e4hrung verurteilt. Dem Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung hatte sich zuvor erst eine rechtsextremistische Band ausgesetzt gesehen, die neonazistische Berliner Band \"Landser\". Drei ihrer Mitglieder wurden am 22. Dezember 2003 vom Kammergericht Berlin unter anderem wegen Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu Freiheitsund Geldstrafen verurteilt, darunter der S\u00e4nger und Texter der Band zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten. 138","Rechtsextremismus Die rechtsextremistische Musikszene reduziert sich nicht allein auf die zwar stilistische stilistisch relativ vielf\u00e4ltige, aber doch deutlich auf einen jugendlichen Vielfalt Musikgeschmack ausgerichtete Skinheadmusik. Sie wird erg\u00e4nzt durch eine ganze Reihe rechtsextremistischer Liedermacher, die in der Regel traditionelle Musikstile pflegen und dadurch auch \u00e4ltere Rechtsextremisten ansprechen. Der wohl bekannteste rechtsextremistische Liedermacher des deutschsprachigen Raums ist Frank RENNICKE, der bis September 2006 in Ehningen/Krs. B\u00f6blingen wohnhaft war und dann nach Bayern verzog. Doch unabh\u00e4ngig von seinem Wohnort erreicht er durch seine vielf\u00e4ltigen Kontakte und Auftritte bei Veranstaltungen verschiedener rechtsextremistischer Organisationen bundesweit ein breites, an einzelnen Tagen in die Tausende gehendes Publikum aus allen Altersstufen. Skinheadkonzerte in Baden-W\u00fcrttemberg 2006 Stand: 31.12.2006 Grafik: LfV BW 139","3.1 \"Schulhof-CDs\" als rechtsextremistische Rekrutierungsmittel und Wahlkampfmedien Bereits seit Anfang 2004 entwarf eine breite Allianz von Rechtsextremisten aus dem Inund Ausland, darunter auch einschl\u00e4gig bekannte Rechtsextremisten aus S\u00fcdwestdeutschland, eine Propagandaoffensive mit damals neuer, singul\u00e4rer Dimension: das so genannte \"Projekt Schulhof\". Im Zentrum dieses Projekts stand die erkl\u00e4rte Absicht der Initiatoren, eine CD mit dem Titel \"Anpassung ist Feigheit - Lieder aus dem Untergrund\" in au\u00dferordentlich hoher St\u00fcckzahl bundesweit, kostenlos und an jugendspezifischen Orten (zum Beispiel auf Schulh\u00f6fen) an Jugendliche zu verteilen, um diese f\u00fcr den Rechtsextremismus zu interessieren und letztlich zu rekrutieren. Das \"Projekt\" fand schon bald verschiedene rechtsextremistische Nachahmer, so dass sich mittlerweile mehrere \"Schulhof-CD\"-Varianten im Umlauf befinden. Alle diese Jugendliche im CD-Projekte haben im Kern ein Hauptziel gemeinsam: Sie sollen f\u00fcr den Visier von Rechtsdeutschen Rechtsextremismus die Jugend und damit die Zukunft gewinextremisten nen. Die Konzepte, die den CD-Projekten zugrunde liegen, erweisen sich dabei - zumindest in der Theorie - als ausgesprochen zielgerichtet und zielgruppenorientiert. Tats\u00e4chlich aber wird die Praxis der Theorie nicht immer gerecht, zumal wenn - wie in der Vergangenheit wiederholt geschehen - die Verteilung der CDs eher willk\u00fcrlich und eben nicht an jugendspezifischen Orten erfolgt. Mit der Multimedialit\u00e4t ihrer Produkte (vom klassischen Werbeplakat \u00fcber die CD selbst bis zur Projekt begleitenden Internetseite) und der Vielfalt der auf den CDs vertretenen musikalischen Stilrichtungen (vom Hardrock \u00fcber Liedermacher-Balladen bis zum Deutschlandlied) zeigen sich die CD-Macher jedoch innovativ und undogmatisch. Inhaltlich-ideologisch bewegen sich die CDs aber auf ausgetretenen rechtsextremistischen Pfaden und predigen somit in letzter Konsequenz rechtsextremistische, antimodernistische Gegenentw\u00fcrfe zur westlichen Moderne. Insbesondere die NPD entdeckte in den letzten Jahren das Propagandapotenzial von \"Schulhof-CDs\" f\u00fcr ihre Wahlkampfund sonstigen Rekrutierungszwecke und produzierte verschiedene eigene Tontr\u00e4ger. 140","Rechtsextremismus 3.1.1 Das urspr\u00fcngliche \"Projekt Schulhof\"226 Nachdem die Verteilung der CD mit dem Titel \"Anpassung ist Feigheit - Lieder aus dem Untergrund\" im August 2005 angelaufen war und zur Sicherstellung von bundesweit circa 3.700 Tontr\u00e4gern (davon etwa 850 in Baden-W\u00fcrttemberg) gef\u00fchrt hatte, tauchten 2006 in Baden-W\u00fcrttemberg weitere Exemplare auf. So wurden in der Nacht zum 25. Januar 2006 insgeVerteilaktionen in samt 130 \"Schulhof-CDs\" an drei Schulen in Bad S\u00e4ckingen und Wehr im BadenLandkreis Waldshut ausgelegt. Damit wurde erstmals in Baden-W\u00fcrttemW\u00fcrttemberg berg die urspr\u00fcngliche Projektintention umgesetzt, die CDs an jugendspezifischen Orten zu platzieren. In beiden St\u00e4dten wiederholten sich solche Aktionen unter anderem an Haltestellen und wieder an \u00f6ffentlichen Schulen am 22. Juni 2006 mit insgesamt 168 CDs. Ende Juni 2006 tauchten auch im benachbarten Schopfheim/Krs. L\u00f6rrach weitere rund zwei Dutzend CDs auf. Schon am 20. Mai 2006 waren elf \"Schulhof-CDs\" in Briefk\u00e4sten in Waldbronn-Busenbach/Krs. Karlsruhe entdeckt worden. Am 8. Februar 2006 wurde der Auftraggeber der 50.000 Exemplare des \"Projekt Schulhof\"-Samplers vom Vorwurf der schweren Jugendgef\u00e4hrdung erstinstanzlich freigesprochen. In seiner Urteilsbegr\u00fcndung hob das Amtsgericht Stendal/Sachsen-Anhalt darauf ab, dass die Inhalte der \"SchulhofCD\" zwar rechtsextremistisch und verfassungsfeindlich seien, jedoch nicht den Straftatbestand der schweren Jugendgef\u00e4hrdung erf\u00fcllen. Die Staatsanwaltschaft Halle legte noch am selben Tag Revision gegen das Urteil ein. Damit hat der allgemeine bundesweite Beschlagnahmebeschluss des Amtsgerichts Halle vom 4. August 2004 vorerst weiterhin Bestand. Am 6. April 2006 indizierte die Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) die zum Projekt geh\u00f6rige Internetseite. Die CD selbst ist nach wie vor nicht indiziert. Anfang September 2006 erhob die Staatsanwaltschaft Stuttgart Anklage gegen zwei Rechtsextremisten aus Stuttgart und Laupheim. Der Vorwurf lautet auf Verunglimpfung des Staates und Versto\u00df gegen das Jugendschutzgesetz. Bei den beiden waren 2005 bei einer Durchsuchung in Stuttgart 235 beziehungsweise bei einer Fahrzeugkontrolle im Raum Ulm 425 \"Schulhof-CDs\" gefunden worden. Ein Urteil steht noch aus. 226 Zu den Details des urspr\u00fcnglichen \"Projekts Schulhof\": Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2004, S. 176-181. Dass. (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2005, S. 124-126. 141","3.1.2 \"Schulhof-CDs\" der NPD Die NPD griff die Strategie des \"Projekt Schulhof\" schon 2004 erstmals auf und setzte in den Landtagswahlk\u00e4mpfen in Sachsen 2004 und in SchleswigHolstein 2005 eine eigene kostenlose \"Schulhof-CD\" mit dem polemischpopulistischen Titel \"Schnauze voll? Wahltag ist Zahltag\" ein. Nicht zuletzt aufgrund ihres Wahlerfolges in Sachsen, wo Jungw\u00e4hler weit \u00fcberdurchschnittlich f\u00fcr die Partei gestimmt hatten, ver\u00f6ffentlichte die NPD schon zur Bundestagswahl am 18. September 2005 eine zweite NPD-\"SchulhofCD\" mit dem provokativen Titel \"Hier kommt der Schrecken aller linken Spie\u00dfer und Pauker!\". Eine strafrechtliche Relevanz der beiden CDs ist nach Pr\u00fcfung verschiedener Staatsanwaltschaften nicht gegeben.227 Im Zuge des baden-w\u00fcrttembergischen Landtagswahlkampfes brachte der NPD-Regionalverband B\u00f6blingenStuttgart-Ludwigsburg eine eigene CD heraus. Gerade diese CD ist das klassische Beispiel eines MultimediaPaketes. Auf ihr sind abspielbeziehungsweise abrufbar: insgesamt zehn Titel von Frank RENNICKE und der rechtsextremistischen Skinheadband \"Noie Werte\" aus dem Raum Stuttgart, \u00fcber ein Dutzend NPD-Flugbl\u00e4tter, die NPD-Satzung, drei programmatische NPDTexte, ein Unterschriftenformular gegen einen EU-Beitritt der T\u00fcrkei, zwei Wahlkampfzeitungen, ein NPDAufnahmeantragsformular und ein Video-Wahlkampfspot. Teile der CD wurden auf strafrechtliche Relevanz \u00fcberpr\u00fcft und nicht beanstandet. Nach Angaben des Regionalverbands wurde eine \"Auflage von zun\u00e4chst 5.000\" CDs hergestellt, die \"an Schulen in den Landkreisen B\u00f6blingen und Ludwigsburg sowie in der Stadt Stuttgart verteilt werden\" sollte. CD und H\u00fclle wurden bewusst unauff\u00e4llig gestaltet, um \"die Tontr\u00e4ger vor Lehrer-Beschlagnahmungen, beziehungsweise -Raub zu sch\u00fctzen\".228 Neben dieser neuen, anlassbezogenen und Baden-W\u00fcrttemberg spezifischen CD tauchten im M\u00e4rz 2006 in Langenau/Alb-Donau-Kreis und im Juli 2006 in Ellwangen Exemplare der NPD-CD \"Hier kommt der Schrecken aller linken Spie\u00dfer und Pauker!\" auf. 227 Zu diesen beiden CDs siehe: Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2005, S. 126-128. 228 Meldung \"\"Regionale Schulhof-CD im Umlauf! NPD startet in der Region Stuttgart Jugendaufkl\u00e4rung mit Musik\" vom 15. M\u00e4rz 2006, Homepage des NPD-Regionalverbands B\u00f6blingen-Stuttgart-Ludwigsburg vom 6. April 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 142","Rechtsextremismus Zu den beiden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin Werbetr\u00e4ger im am 17. September 2006 publizierte die Partei eine in der TitelzusammenWahlkampf stellung teilweise ver\u00e4nderte Neuauflage der CD \"Hier kommt der Schrecken aller linken Spie\u00dfer und Pauker!\". Auch ihr Inhalt liefert keinen Anlass f\u00fcr strafrechtliche Beanstandungen. Aus Baden-W\u00fcrttemberg waren dieselben rechtsextremistischen Musiker vertreten wie schon in der urspr\u00fcnglichen Version: \"Noie Werte\" steuerten ebenso wieder einen Titel bei wie \"Faktor Widerstand\", ein Projekt, das aus einzelnen Mitgliedern von \"Noie Werte\" und einer rechtsextremistischen Liedermacherin aus Niedersachsen besteht. \"Carpe Diem\" aus dem Raum Esslingen und ihre Nachfolgeband \"Odem\" aus Stuttgart, die sich beide zu diesem Zeitpunkt allerdings schon aufgel\u00f6st hatten, tauchen ebenso wieder auf wie Frank RENNICKE. Nach Angaben der Partei wurde die CD in einer Auflage von 25.000 Exemplaren hergestellt. Die NPD f\u00fchrte am 5. September 2006 einen \"landesweite[n] Aktionstag zur Verteilung von Tausenden Exemplaren\" 229 der CD in Mecklenburg-Vorpommern durch. Bewertung Die NPD d\u00fcrfte sich nicht zuletzt durch ihre beiden Wahlerfolge in Sachsen 2004 und in Mecklenburg-Vorpommern 2006, bei denen sie insbesondere unter jungen W\u00e4hlern \u00fcberdurchschnittlich hatte abschneiden k\u00f6nnen, in ihrer Strategie, \"Schulhof-CDs\" einzusetzen, grunds\u00e4tzlich best\u00e4tigt sehen. Ihnen kommt wie schon dem urspr\u00fcnglichen \"Projekt Schulhof\" auf jeden Fall eine - allerdings schwer in ihrer Tragweite einzusch\u00e4tzende - Bedeutung bei der mittelund langfristigen Indoktrination Jugendlicher zu. Es besteht die Gefahr, dass solche CDs, deren Zahl durch immer neue CDGef\u00e4hrdung Projekte fortw\u00e4hrend erh\u00f6ht wird, \u00e4hnlich wie Skinhead-CDs und Skinder Jugend headkonzerte junge Menschen generell an den Rechtsextremismus heranf\u00fchren k\u00f6nnen, unabh\u00e4ngig von Wahlkampfzeiten und dem aktuellen (Wahl-)Alter der CD-Konsumenten. Dass die NPD bei der Verbreitung dieser CDs nicht nur an kurzfristiger W\u00e4hlersondern auch an m\u00f6glichst langfristiger Mitgliederrekrutierung interessiert ist, wird schon allein durch den Umstand deutlich, dass auf der w\u00e4hrend des baden-w\u00fcrttembergischen Landtagswahlkampfes vom NPD-Regionalverband B\u00f6blingen-StuttgartLudwigsburg ver\u00f6ffentlichten \"Schulhof-CD\" auch ein NPD-Aufnahmeantragsformular abrufbar ist. Noch eindeutiger wird dies am Beispiel der im Juni 2006 mit einer eigenen Auftaktveranstaltung ins Leben gerufenen \"Schulhof-Kampagne\" des NPD-Bezirksverbands Mittelfranken mit dem 229 Meldung \"MVP: Landesweiter Schulhof-CD-Aktionstag\", NPD-Homepage vom 1. September 2006. 143","Titel \"Rebellion im Klassenzimmer - NPD rockt\".230 Die dazugeh\u00f6rige, nach Angaben des Bezirksverbands seither schon mehrfach in Bayern verteilte CD hei\u00dft zwar \"Rebellion im Klassenzimmer...gegen Umerziehung und Multikulti\", ist jedoch von ihren Musiktiteln her deckungsgleich mit der urspr\u00fcnglichen Version der NPD-CD \"Hier kommt der Schrecken aller linken Spie\u00dfer und Pauker!\", lediglich das Booklet und die CD-Oberfl\u00e4che wurden neu gestaltet. Zweck dieser Kampagne ist ausschlie\u00dflich die Indoktrination von Jugendlichen und die Mitgliederrekrutierung f\u00fcr NPD und deren Jugendorganisation \"Junge Nationaldemokraten\" (JN). 3.1.3 CD-Projekte der DVU Die DVU startete im Vorfeld der sachsen-anhaltinischen Landtagswahl am 26. M\u00e4rz 2006 ein eigenes CD-Projekt mit dem Titel \"Stolz und frei!\". Es zielte offensichtlich nicht nur auf die eigentliche Landtagswahl ab, sondern auch darauf, \"die eine Woche vor der regul\u00e4ren Wahl stattfindende offizi\u00f6se U-18-Abstimmung\" zu \"beeinflussen\".231 Bei dem Projekt \"U18 - Deine Wahl\" konnten zwischen dem 13. und dem 18. M\u00e4rz 2006 alle Jugendlichen in Sachsen-Anhalt \"auf einem Stimmzettel, der analog zu dem der Landtagswahl gestaltet war\", ihre Stimme abgeben, ohne dass diese Stimmen in das Landtagswahlergebnis am 26. M\u00e4rz einflossen.232 erfolgloser NachDas CD-Projekt d\u00fcrfte auf das gute Abschneiden der DVU bei der sachsenahmungsversuch anhaltinischen U18-Wahl wie auch auf das Scheitern der Partei an der F\u00fcnfder DVU Prozent-H\u00fcrde bei der darauf folgenden Landtagswahl ohne Einfluss geblieben sein. Zwar wurden acht Lieder von der CD auf den Internetseiten der Bundes-DVU und des sachsen-anhaltinischen DVU-Landesverbands ins Internet eingestellt.233 Doch wurde von Verteilaktionen in Sachsen-Anhalt nichts bekannt. Und auch der Inhalt der CD, von der DVU als \"Eine Musiksammlung [...] nach Art einer rechten Schulhof-CD\" 234 angek\u00fcndigt, d\u00fcrfte kaum dazu angetan sein, ein jugendliches Publikum anzusprechen: Trotz 230 Bericht \"03. Juni/Auftaktveranstaltung zur Schulhof-Kampagne\", Homepage des NPD-Bezirksverbands Mittelfranken vom 29. November 2006. 231 \"National-Zeitung\" (NZ) Nr. 11 vom 10. M\u00e4rz 2006, Artikel \"Sachsen-Anhalt-Wahlkampf in der Zielgeraden - Wie viel von der 'Schnauze voll'-Stimmung kann die DVU in Stimmen umm\u00fcnzen?\", S. 10. 232 URL: http://www.u18-Isa.de vom 14. Dezember 2006. Die U18-Wahl, an der insgesamt 3.660 Kinder und Jugendliche teilnahmen und bei der die DVU 9,6% erreichte, war ein Projekt der \"Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V.\" Zu den Unterst\u00fctzern des Projekts z\u00e4hlten unter anderem das Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das Land Sachsen-Anhalt. 233 Homepages des DVU-Bundesverbands und des DVU-Landesverbands Sachsen-Anhalt vom 14. Dezember 2006. 234 NZ Nr. 10 vom 3. M\u00e4rz 2006, Artikel \",Dampf raus' bei Etablierten, 'Prinzip Provokation' bei der DVU - In Sachsen-Anhalt beginnt der Wahlkampf-Endspurt\", S. 11. 144","Rechtsextremismus der Ank\u00fcndigung, auf dieser \"rockig-schmissigen Musiksammlung\" sei auch \"Rechtsrock\" zu h\u00f6ren,235 sind rechtsextremistische Skinheadbands unter den acht im Internet eingestellten Liedern nicht vertreten. Lediglich zwei rechtsextremistische Liedermacher steuerten insgesamt drei Titel bei. Dar\u00fcber hinaus sind unter anderem das \"Deutschlandlied\" mit allen drei Strophen und \"Das DVU-Lied\" namens \"Stolz und frei sind wir geboren!\" abrufbar. Hinzu kommen zwei Lieder aus der Zeit der Befreiungskriege und ein Lied aus den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts, die in Stil wie Sprache kaum dazu angetan sein d\u00fcrften, ausgerechnet Jugendliche f\u00fcr die DVU zu begeistern. 4. Neonazismus 4.1 Allgemeines Jeder Neonazi ist Rechtsextremist, aber nicht jeder Rechtsextremist NeoDefinition nazi. Der Neonazismus ist nur eine von mehreren Erscheinungsformen des Gesamtph\u00e4nomens Rechtsextremismus, die vom ganz besonders ausgepr\u00e4gten ideologischen Fanatismus ihrer Angeh\u00f6rigen gekennzeichnet ist. Die im \u00f6ffentlichen Sprachgebrauch h\u00e4ufig vorgenommene Gleichsetzung \"Rechtsextremismus = Neonazismus\" l\u00e4uft also auf eine Vereinfachung hinaus, die der komplexen Realit\u00e4t der ideologisch zersplitterten rechtsextremistischen Szene nicht gerecht wird. Als neonazistisch werden Personenzusammenschl\u00fcsse und Bestrebungen bezeichnet, die ein direktes oder indirektes Bekenntnis zu Ideologie, Organisationen und/oder Protagonisten des historischen Nationalsozialismus erkennen lassen und in letzter Konsequenz auf die Abschaffung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zugunsten eines totalit\u00e4ren F\u00fchrerstaates nach dem Vorbild des \"Dritten Reiches\" ausgerichtet sind. Dieses Eintreten f\u00fcr die Wiedererrichtung einer NS-Diktatur f\u00fchrte in den 1990er-Jahren zum Verbot zahlreicher neonazistischer Vereinigungen, was 235 NZ Nr. 11 vom 10. M\u00e4rz 2006, Artikel \"Sachsen-Anhalt-Wahlkampf in der Zielgeraden - Wie viel von der 'Schnauze voll'-Stimmung kann die DVU in Stimmen umm\u00fcnzen?\", S. 10. 145","das Erscheinungsbild dieser Szene nachhaltig ver\u00e4nderte. Um sowohl Organisierung bereits vollzogene als auch f\u00fcr die Zukunft erwartete Vereinsverbote zu ohne unterlaufen, sind seither in der Neonaziszene an die Stelle fester OrganisaOrganisation tionsstrukturen zumeist lockere, organisationsunabh\u00e4ngige und informelle Personenzusammenschl\u00fcsse getreten. Diese Gruppen verf\u00fcgen zumeist nur \u00fcber eine regionale Basis, \u00fcber relativ wenige Angeh\u00f6rige (in der Regel pro Gruppe nicht mehr als circa f\u00fcnf bis 20 Personen, meist junge M\u00e4nner) und geben sich den Anstrich privater Cliquen oder Freundeskreise. Diese Aspekte kommen auch in den Selbstbezeichnungen der Gruppen zum Ausdruck: zum Beispiel \"Kameradschaft Karlsruhe\" oder \"Kameradschaft Rastatt\". Die typische Aktivit\u00e4t dieser \"Kameradschaften\" ist der so genannte \"Kameradschaftsabend\", bei dem man in Privatwohnungen oder Gastst\u00e4tten unter sich bleibt, keine Au\u00dfenwirkung entfaltet und die Zeit mit politisch-ideologischen Schulungen, der Vorbereitung von Aktionen oder einfach mit Geselligkeit verbringt. Das darf aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass fast jede dieser Gruppen meist fest in die bundesweite Neonaziszene, zum Teil aber auch in andere Teile der rechtsextremistischen Szene eingebunden ist und zuweilen bis ins Ausland Kontakte zu Gesinnungsgenossen pflegt. Dabei kommt den Neonazis ihre hohe Mobilit\u00e4t und ihre teils moderne Ausstattung mit Kommunikationstechnik (zum Beispiel Internetportale, \"Nationale Info-Telefone\" (NIT) mit abrufbaren Ansagetexten) zugute. Innerhalb dieser netzwerkartigen Strukturen legen sie einen nicht unerheblichen Aktionismus an den Tag, den sie vor allem durch Teilnahme an zahlreichen, nicht nur neonazistischen Demonstrationen - auch fernab ihrer regionalen Basis - ausleben. Die \u00dcberschneidungen zwischen Neonaziund rechtsextremistischer Skinheadszene \u00e4u\u00dfern sich unter anderem in der Existenz entsprechender Mischszenen und in der Teilnahme einzelner Neonazis an Skinheadkonzerten. Versuche der Die Furcht vor staatlichen Repressionsma\u00dfnahmen hat mittlerweile manche Abtarnung Neonazis zu \"Tarnma\u00dfnahmen\" bewogen. Ziel ist dabei, nicht immer sofort als - gesellschaftlich stigmatisierter - Neonazi erkannt zu werden, vielleicht sogar mit den eigenen politisch-ideologischen Vorstellungen Geh\u00f6r auch au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene zu finden. Einzelne Neonazis nehmen hierzu \u00e4u\u00dferliche Anleihen bei der linksextremistischen autonomen Szene auf, beispielsweise, indem sie sich die Selbstbezeichnung \"Autonome Nationalisten\" zulegen. Aus \u00e4hnlichen Motiven vereinigen sich Neonazis immer wieder zu unverd\u00e4chtig klingenden \"B\u00fcrgerinitiativen\" beziehungsweise \"B\u00fcrgerbewegungen\". 146","Rechtsextremismus 4.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten 4.2.1 Rudolf He\u00df: Zentrale Symbolund Integrationsfigur der Neonaziszene Der Hitler-Stellvertreter Rudolf He\u00df (1894-1987) ist eine, wenn nicht die Personenkult zentrale Symbolund Integrationsfigur der deutschen und internationalen Neonaziszene. Obwohl sich He\u00df' Todestag 2007 schon zum zwanzigsten Mal j\u00e4hrt, nimmt die kultische, teilweise religi\u00f6s anmutende Verehrung seiner Person noch an Inbrunst zu. Kam zum Beispiel die neonazistische Monatszeitschrift \"Nachrichten der HNG\"236, die seit Jahren auf ihrer Seite 3 ein He\u00df-Bild samt entsprechender Huldigung abdruckt, bis zu ihrer Ausgabe vom Februar 2006 daf\u00fcr mit einer knappen halben Seite aus, so nehmen Bild und Huldigungstext seit der 300. HNGAusgabe vom M\u00e4rz 2006 unter der \u00dcberschrift \"Rudolf Hess - M\u00e4rtyrer des Friedens\" die gesamte Seite 3 ein. Der neue Text ist ein aussagekr\u00e4ftiges Beispiel f\u00fcr kritiklosen Personenkult und ideologischen Fanatismus: \"Als Parlament\u00e4r hielten sie Dich 46 Jahre lang schlimmer als ein Tier, menschenunw\u00fcrdig in ihrem Isolationsk\u00e4fig, brachen ihre eigenen Gesetze - das V\u00f6lkerrecht! Kalt l\u00e4sst die Antimenschen des deutschen Menschen Schicksal. F\u00fcr sie und Rudolf Hess: Weder Recht noch Menschlichkeit! Nach 46 Jahren freilassen, wollte Dich der Russe, aber Du wusstest zuviel von den L\u00fcgen gegen das Reich. Ermordet haben sie Dich darum. Deine M\u00f6rder kamen vom anglo-usraelischen Geheimdienst. Totgeschwiegen wird es von den Democraten. Verleumdet wirst Du. Am meisten von den Verwaltern der - brddr - M\u00e4rtyrer des Friedens bist Du - Rudolf Hess - Tr\u00e4ger der gesch\u00e4ndeten Wahrheit in Deutschland und - \u00fcberall in der Welt!\" 237 236 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG), vgl. 4.2.2, S. 150. 237 \"Nachrichten der HNG\" Nr. 307 vom Oktober 2006, S. 3, \u00dcbernahme wie im Original. Publikation der \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V., vgl. 4.4.2, S. 150. 147","Die faktenwidrige, l\u00e4ngst widerlegte Verschw\u00f6rungstheorie, He\u00df habe im Berlin-Spandauer Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis nicht Selbstmord begangen, sondern sei ermordet worden, um die \"wahren\" Hintergr\u00fcnde seines Gro\u00dfbritannien-Fluges vom Mai 1941 zu vertuschen, wird nicht nur in diesem Text vertreten, sondern ist in der Neonaziszene seit 1987 zum Allgemeingut geworden. Sie wird manchmal auch von anderen Rechtsextremisten kolportiert, die nicht der Neonaziszene zuzuordnen sind. Deshalb ist auch nicht He\u00df' Geburtstag, sondern sein Todestag (17. August) ein wichtiges Datum im neonazistischen Veranstaltungskalender: Gilt es doch, nicht nur den M\u00e4rtyrerkult um He\u00df zu pflegen, sondern auch klassische rechtsextremistische Feindbilder (hier vor allem, aber nicht nur die westlichen Siegerm\u00e4chte des 2. Weltkrieges) als vermeintlich eiskalt berechnende M\u00f6rder an einem 93-j\u00e4hrigen, angeblich schuldlosen Greis zu diffamieren. Schon vor geraumer Zeit hatte der Hamburger Rechtsanwalt und Neonazi J\u00fcrgen RIEGER bis 2010 j\u00e4hrliche Gedenkveranstaltungen um dieses Datum herum im bayerischen Wunsiedel angemeldet, wo He\u00df begraben liegt. Daraufhin konnte die Neonaziszene in den Jahren 2001 bis 2004 zentrale \"Rudolf-He\u00df-Gedenkm\u00e4rsche\" in dieser Stadt durchf\u00fchren. Die Zahl der Demonstrationsteilnehmer stieg dabei von rund 900 (2001) auf laut Polizeiangaben circa 3.800 (2004). kein zentraler 2006 konnte jedoch wie schon 2005 kein zentraler \"Rudolf-He\u00df-GedenkMarsch in marsch\" in Wunsiedel stattfinden. Das Bundesverfassungsgericht hatte ein Wunsiedel entsprechendes Verbot des Landratsamtes Wunsiedel best\u00e4tigt. So wich die Szene wieder auf diesmal insgesamt zehn kleinere, dezentrale Veranstaltungen aus, die am oder um den 17. August, vor allem am 19. August, durchgef\u00fchrt wurden. Daran nahmen insgesamt circa 1.200 Personen teil, was im Vergleich zu den rund 2.000 Teilnehmern, die 2005 die verschiedenen Ersatzveranstaltungen besucht hatten, noch einmal ein deutlicher R\u00fcckgang war. Die teilnehmerst\u00e4rkste Demonstration fand mit gerade einmal rund 480 Personen in Jena statt. Zwei Ersatzdemonstrationen fanden auch in Baden-W\u00fcrttemberg statt, zogen jedoch nur wenige Teilnehmer an. Zu der von den JN angemeldeten Veranstaltung unter dem Motto \"F\u00fcr freie Meinung und gegen Zensur\" versammelten sich am 17. August 2006 in Langenau/Alb-Donau-Kreis lediglich 24 Personen. Ging der He\u00df-Bezug dieser Demonstration aus dem Motto 148","Rechtsextremismus kaum hervor, so r\u00e4umten die Demonstranten eventuelle diesbez\u00fcgliche Zweifel aus, indem sie die Parole \"M\u00e4rtyrer des Friedens - Rudolf He\u00df\" skandierten. Zwei Tage sp\u00e4ter fand in Schopfheim/Krs. L\u00f6rrach eine SponAktivit\u00e4ten in tandemonstration mit circa 30 Teilnehmern statt, die Flugbl\u00e4tter mit He\u00dfBadenBezug verteilten. Daneben kam es in mehreren baden-w\u00fcrttembergischen W\u00fcrttemberg St\u00e4dten zu Plakatklebeaktionen mit He\u00df-Bezug, unter anderem in Friedrichshafen, Karlsruhe, im Bereich Freudenstadt und im Landkreis Waldshut. He\u00df-Aufkleber, f\u00fcr die der neonazistische \"Freie Widerstand - S\u00fcddeutschland\" verantwortlich zeichnete, tauchten unter anderem in Friedrichshafen, Ravensburg und Wangen auf. An Br\u00fccken \u00fcber die Bundesautobahnen A5 im Bereich Karlsruhe und A8 im Bereich Pforzheim wurden einschl\u00e4gige Transparente unter anderem mit dem Text \"Rudolf Hess/Das war Mord!!\" angebracht. Das Verbot eines zentralen \"Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsches\" in Wunsiedel basierte 2006 wie schon im Vorjahr auf dem erst 2005 in Kraft getretenen Absatz 4 des SS 130 StGB.238 Es wird vom Ausgang des beim Bayerischen Vergerichtliche waltungsgerichtshof anh\u00e4ngigen Hauptsacheverfahrens, durch das die VerEntscheidung fassungsm\u00e4\u00dfigkeit und die Anwendung des neuen SS 130 Abs. 4 StGB im steht noch aus konkreten Fall gekl\u00e4rt werden soll, abh\u00e4ngen, ob auch 2007 wieder ein zentraler Gedenkmarsch verhindert werden kann. Die Ereignisse von 2005 und 2006 haben bewiesen, dass die Variante der He\u00df-Verehrung mit mehreren dezentralen Ersatzveranstaltungen f\u00fcr die neonazistische Szene nicht nur unattraktiver ist als die zentrale, sondern immer unattraktiver zu werden scheint. Ein Gedenkmarsch in Wunsiedel mitsamt seines Symbolwerts und seiner Mobilisierungskraft ist f\u00fcr die Szene also nicht ersetzbar. Dass die Ersatzveranstaltungen aus juristischen R\u00fccksichtnahmen in ihren Mottos keinen direkten He\u00df-Bezug mehr aufwiesen (zum Beispiel \"Nur ein Esel glaubt noch an den Sozialstaat in der BRD! R\u00fcckf\u00fchrung statt Integration\" auf der NPD-Demonstration am 19. August 2006 in M\u00fcnchen) und dadurch zu thematisch fast beliebigen rechtsextremistischen Demonstrationen wurden, d\u00fcrfte manchen potenziellen Teilnehmer demotiviert haben. Die mangelnde Attraktivit\u00e4t, die von den dezentralen Veranstaltungen f\u00fcr die Szene ausging, war schon im Vorfeld des 17. August 2006 darin abzulesen, dass weder Mobilisierungen noch Busanmietungen durch baden-w\u00fcrttembergische Rechtsextremisten registriert werden konnten. 238 Dieser Absatz 4 lautet: \"Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer \u00f6ffentlich oder in einer Versammlung den \u00f6ffentlichen Frieden in einer die W\u00fcrde der Opfer verletzenden Weise dadurch st\u00f6rt, dass er die nationalsozialistische Gewaltund Willk\u00fcrherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt.\" 149","4.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) Gr\u00fcndung: 1979 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 60 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 70) ca. 600 Bund (2005: ca. 600) Publikation: \"Nachrichten der HNG\" Die \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) ist mit ihrer Langlebigkeit und ihrer relativ hohen Mitgliederzahl - die HNG ist die mitgliederst\u00e4rkste Einzelorganisation in der Neonaziszene - untypisch f\u00fcr den deutschen Neonazismus, der im Hinblick auf die zahlreichen Verbote neonazistischer Vereinigungen in den 1990er-Jahren feste Organisationsstrukturen kaum noch ausbildet. In ihren Aktivit\u00e4ten ist die HNG absolut spezialisiert: Sie verfolgt den selbst gestellten Auftrag, inhaftierte Gesinnungsgenossen moralisch und materiell zu unterst\u00fctzen, zum Beispiel durch Rechtsberatung, \u00dcberlassung rechtsextremistischer Literatur und Vermittlung von Briefkontakten. Ihr Ziel ist dabei, diese Gesinnungsgenossen auch w\u00e4hrend der Haft sozial und ideologisch weiter an die rechtsextremistische Szene zu binden und somit die staatlichen Ausstiegsangebote zu unterlaufen. Ansonsten ersch\u00f6pft sich die Bedeutung der HNG in der monatlichen Ver\u00f6ffentlichung ihrer 20-seitigen Publikation \"Nachrichten der HNG\" und in der j\u00e4hrlichen Abhaltung einer Jahreshauptversammlung, die 2006 mit circa 200 Teilnehmern am 18. M\u00e4rz im th\u00fcringischen Dillst\u00e4dt stattfand. Trotz ihrer letztj\u00e4hrigen Ank\u00fcndigung, in Zukunft nicht mehr f\u00fcr das Amt der HNG-Vorsitzenden zu kandidieren, bekleidet Ursula M\u00dcLLER aus Mainz diese Funktion weiterhin wie schon seit 1991. 4.3 Verst\u00e4rkte Demonstrationst\u00e4tigkeit als Agitationsschwerpunkt der Neonaziszene Seit einigen Jahren nimmt die Anzahl rechtsextremistischer Demonstrationen239 in Bund wie Land deutlich zu. Neonazi-Demonstrationen haben an 239 Hierbei werden unter Demonstrationen angemeldete wie unangemeldete Kundgebungen und Aufz\u00fcge, aber auch Eilund Spontanversammlungen verstanden. Letztere machen mit ihrem in der Regel sehr kleinen Teilnehmerkreis (meist im unteren zweistelligen Bereich) einen erheblichen Anteil der rechtsextremistischen Demonstrationen aus. 150","Rechtsextremismus dieser Zunahme entscheidenden Anteil: Auf Bundesebene stieg ihre Zahl deutlicher von 61 (2001) auf 145 (2005), die der entsprechenden NPD-Veranstaltungen Anstieg der von 50 (2003) auf 60 (2005). In Baden-W\u00fcrttemberg verl\u00e4uft die EntwickDemonstrationslung in dieselbe Richtung: Zwischen 2001 und 2005 verzehnfachte sich Zahl zahlen der Neonazi-Demonstrationen hier von zwei auf 20. F\u00fcr 2006 waren rund 25 Demonstrationen mit eindeutigem Neonazi-Bezug zu verzeichnen. Dagegen stagnierte die Anzahl der baden-w\u00fcrttembergischen NPD-Demonstrationen in den Jahren 2001 bis 2005 zwischen zwei und f\u00fcnf. Doch ist f\u00fcr 2006 auch hier eine Steigerung zu verzeichnen, schlugen doch allein die JN mit sieben Demonstrationen zu Buche. Die NPD selbst trat 2006 dreimal als Demonstrationsanmelderin auf. Hinzu kommen f\u00fcnf Wahlkampfkundgebungen des Neonazis und NPD-Landtagskandidaten Lars K\u00c4PPLER aus Neckarwestheim/Krs. Heilbronn, die bei der Gegen\u00fcberstellung von NPDund Neonazi-Demonstrationen eine Art Zwitterstellung einnehmen. Insgesamt fanden rund 35 rechtsextremistische Demonstrationen in Baden-W\u00fcrttemberg statt - worin die f\u00fcnf Wahlkampfkundgebungen noch nicht einmal enthalten sind -, was einer erneuten Steigerung im Vergleich zu 2005 (22 rechtsextremistische Demonstrationen) entspricht. Die Gr\u00fcnde, die dieser Entwicklung zugrunde liegen, sind zahlreich und vielschichtig: Ein zentrales, schon l\u00e4nger g\u00fcltiges Motiv, das Rechtsextremisten, insbesondere Neonazis, aber auch NPD-Aktivisten bei ihrer (verst\u00e4rkten) Demonstrationst\u00e4tigkeit leitet, besteht darin, rechtsextremistische beziehungsweise neonazistische Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe zu zeigen. Vor dem Hintergrund der eigenen gesamtgesellschaftlichen \u00dcberwindung Isolation, die sich nicht zuletzt in einer \u00e4u\u00dferst negativen Mediender Isolation berichterstattung \u00fcber den Rechtsextremismus beziehungsweise Neonazismus niederschl\u00e4gt, erscheint dieser Demonstrationsaktionismus Aktivisten wie K\u00c4PPLER offensichtlich als die beste M\u00f6glichkeit, die Szene und ihre Anliegen einer breiteren \u00d6ffentlichkeit ins Bewusstsein zu rufen und Aufmerksamkeit zu erregen. Neonazis versuchen dabei, ihr trotz in den letzten Jahren steigender Zahlen immer noch relativ geringes Personenpotenzial (Bund 2006: 4.200, 2005: circa 4.100; Land 2006: circa 320, 2005: circa 310) dadurch aufzuf\u00fcllen, dass sie sich der rechtsextremistischen Skinheadszene als Mobilisierungspotenzial bedienen, wodurch die bereits seit Jahren festzustellenden \u00dcberschneidungen (zum Beispiel in Form von Mischszenen) zwischen diesen beiden rechtsextremistischen Teilszenen partiell zu erkl\u00e4ren sind. Das Spektrum der Rechtsextremisten, die Demonstrationen veranstalten, hat sich in den letzten Jahren deutlich aufgef\u00e4chert. Bis vor 151","wenigen Jahren trat vorwiegend die NPD als Demonstrationsveranstalterin auf, was nicht zuletzt auf ihren Parteienstatus, aber auch auf ihren erkl\u00e4rten Willen, im Zug ihres \"Drei-[mittlerweile Vier-]S\u00e4ulen-Konzeptes\" 240 auch einen \"Kampf um die Stra\u00dfe\" f\u00fchren zu wollen, zur\u00fcckzuf\u00fchren war. Schon damals nahmen h\u00e4ufig Neonazis an NPD-Demonstrationen teil. Seit 2000 erzielte jedoch auch die neonazistische Szene selbst, insbesondere der Hamburger Neonazi Christian WORCH, Erfolge bei der juristischen Anfechtung von AgitationsVerboten eigener Demonstrationen. Daher verlagerte sich ab 2001 schwerpunkt bundesweit der Agitationsschwerpunkt der Neonaziszene auf die Durchf\u00fchrung m\u00f6glichst vieler \u00f6ffentlichkeitswirksamer Demonstrationen. Wie die oben angef\u00fchrten Zahlen beweisen, hat sie auf diesem Gebiet der NPD mittlerweile zumindest quantitativ den Rang abgelaufen. Allerdings ist es angesichts der relativ engen Kooperation zwischen NPD und Neonaziszene in Einzelf\u00e4llen nicht mehr einfach, zwischen NPDund Neonazi-Demonstration trennscharf zu unterscheiden, wof\u00fcr K\u00c4PPLERs Wahlkampfkundgebungen Beispiele sind. Seit wenigen Jahren treten vereinzelt auch rechtsextremistische Skinheads als Demonstrationsveranstalter auf. \"Doppel-\" und Seit 2003 tr\u00e4gt auch in Baden-W\u00fcrttemberg das Konzept der \"Dop\"Mehrfachdemos\" pel-\", manchmal auch \"Mehrfachdemo\" dazu bei, die Zahl rechtsextremistischer, speziell neonazistischer Demonstrationen in die H\u00f6he zu treiben. Dabei werden mit demselben Personenpotenzial an einem Tag an mindestens zwei verschiedenen Orten, die jedoch nahe beieinander liegen oder verkehrstechnisch sehr g\u00fcnstig miteinander verbunden sind, Demonstrationen durchgef\u00fchrt. Bestimmte Ereignisse und Kampagnen trugen dazu bei, dass das rechtsextremistische und insbesondere das neonazistische Demonstrationsaufkommen gerade 2006 weiter zunahm: Wie bereits dargestellt, erm\u00f6glichte die Neufassung des SS 130 StGB 2006 wie schon 2005 ein Verbot eines zentralen \"Rudolf-He\u00dfGedenkmarsches\" im bayerischen Wunsiedel. Von den daraufhin durchgef\u00fchrten dezentralen Ersatzveranstaltungen mit He\u00df-Bezug war Baden-W\u00fcrttemberg wie beschrieben am 17. August in Langenau und am 19. August in Schopfheim betroffen. Doch bereits im Herbst 2005 waren f\u00fcr den 28. Januar 2006 bundesweit mehrere Demonstrationen gegen den SS 130 StGB allgemein angemeldet wor240 Vgl. S. 169. 152","Rechtsextremismus den, darunter zun\u00e4chst auch eine durch einen Neonazi aus dem Raum Karlsruhe in Karlsruhe unter dem Motto \"Gegen staatliche Repressionen, weg mit dem SS 130 StGB\". Nachdem dem Anmelder Protest gegen von der Stadt Karlsruhe bereits am 10. Januar 2006 er\u00f6ffnet worden staatliche war, dass diese Demonstration verboten werden w\u00fcrde, f\u00fchrte er Repression zusammen mit weiteren rund 25 Rechtsextremisten noch am selben Tag eine spontane Protestkundgebung in Karlsruhe durch. Eine der Teilnehmerinnen, eine Stuttgarter Rechtsextremistin, meldete kurz danach eine Demonstration in Stuttgart f\u00fcr den urspr\u00fcnglich vorgesehenen 28. Januar unter dem nun abge\u00e4nderten Motto \"Keine Demonstrationsverbote - Meinungsfreiheit erk\u00e4mpfen!\" an. Das von der Stadt Stuttgart verh\u00e4ngte Verbot wurde sowohl vom Verwaltungsgericht Stuttgart als auch vom Verwaltungsgerichtshof Mannheim aufgehoben. Insgesamt mobilisierten zu dieser Demonstration rund 20 rechtsextremistische Gruppierungen aus Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern, darunter neonazistische \"Kameradschaften\", rechtsextremistische Skinhead-Vereinigungen und mehrere Untergliederungen der JN, so dass schlie\u00dflich mindestens 300 \u00fcberwiegend j\u00fcngere Teilnehmer aus der Neonaziund rechtsextremistischen Skinheadszene erschienen. Dabei f\u00fchrte das Aufeinandertreffen zum Teil gewaltbereiter Demonstrationsteilnehmer mit ihren linksextremistischen, ebenfalls gewaltbereiten Gegnern aus der \"Antifa\"und Autonomenszene in einigen F\u00e4llen zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen mit Steinw\u00fcrfen, Schl\u00e4gereien und verletzten Personen, darunter auch Einsatzkr\u00e4ften der Polizei241. Auch die 2006 gestartete, laut Unterst\u00fctzerliste vorwiegend von AntikapitalismusNeonazis, NPDund JN-Unterorganisationen - in BW vom neonaKampagne zistischen \"Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar\" und vom JN-Landesverband - getragene242 bundesweite Antikapitalismuskampagne verst\u00e4rkte die rechtsextremistische Demonstrationst\u00e4tigkeit in BadenW\u00fcrttemberg. So fand am 22. Juli eine von den JN angemeldete Versammlung unter dem Motto \"Freie Menschen statt freie M\u00e4rkte - Globalisierung und Kapitalismus stoppen\" mit circa 50 TeilnehInternetbanner des \"Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar\" 241 Vgl. S. 206. 242 Internetauswertung vom 22. November 2006. 153","mern in Buchen/Neckar-Odenwald-Kreis statt. Noch am selben Tag versammelten sich rund 80 Rechtsextremisten auf Anmeldung der NPD unter dem Motto \"Arbeit f\u00fcr Millionen statt Profit f\u00fcr Million\u00e4re\" in Eberbach/Rhein-Neckar-Kreis. Au\u00dferdem demonstrierten Rechtsextremisten an diesem Tag im Rahmen der Kampagne noch in mehreren mehr oder minder direkt an das n\u00f6rdliche BadenW\u00fcrttemberg angrenzenden Orten in Hessen und Bayern, so dass von einer regelrechten Demonstrationsserie am 22. Juli 2006 gesprochen werden muss. \"Tag der Arbeit\" W\u00e4hrend die NPD am 1. Mai 2006 eine zentrale Mai-Kundgebung in Rostock veranstaltete, kam es bundesweit zu mehreren dezentralen neonazistischen Demonstrationen am \"Tag der Arbeit\", von denen zwei - erstmals seit 2002 - in Baden-W\u00fcrttemberg stattfanden. Insgesamt veranstalteten Neonazis auf geographisch engstem Raum entlang der baden-w\u00fcrttembergisch-hessischen Grenze sogar drei Mai-Demonstrationen mit jeweils rund 300 Teilnehmern. Nachdem zun\u00e4chst schon Monate zuvor sowohl im hessischen Heppenheim unter dem Motto \"Stoppt den Sozialabbau - Schafft Arbeitspl\u00e4tze\" als auch in Weinheim unter dem Motto \"Arbeitspl\u00e4tze zuerst f\u00fcr Deutsche - Kapitalismus und Globalisierung stoppen!\" zwei als \"Doppeldemo\" konzipierte Veranstaltungen angemeldet worden waren243, erfolgte nur wenige Tage vor dem 1. Mai eine dritte Anmeldung f\u00fcr Ladenburg durch einen bekannten Rechtsextremisten aus Koblenz. Bei dem Anmelder der Heppenheimer Demonstration handelte es sich um K\u00c4PPLER als Vertreter der von ihm im Dezem\"B\u00fcrgerinitiative\" ber 2004 gegr\u00fcndeten und faktisch allein personifizierten \"B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr ein besseres Deutschland\" (BIBD). K\u00c4PPLER trat in Heppenheim auch als Redner auf. Nachdem es dem in Ludwigshafen wohnhaften Anmelder der Weinheimer Demonstration, der in diesem Zusammenhang als Vertreter der neonazistischen, nach Oktober 2005 nur noch selten in Erscheinung getretenen \"B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr soziale Gerechtigkeit\" auftrat, aus formalen Gr\u00fcnden nicht Internetbanner der \"B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr soziale Gerechtigkeit\" 243 \"Demonstrationsaufruf f\u00fcr Heppenheim (S\u00fcdhessen) & Weinheim (Nordbaden)\", Internetauswertung vom 22. November 2006. 154","Rechtsextremismus gelungen war, rechtswirksam Widerspruch gegen einen restriktiven Auflagenbescheid der Stadt Weinheim einzulegen, erfolgte umgehend eine weitere Anmeldung f\u00fcr Weinheim durch einen aus dem Saarland stammenden bekannten Rechtsextremisten. Das Motto dieser Demonstration lautete \"Gegen staatliche Willk\u00fcr\". Diese personellen Konstellationen belegen, welch geringe Bedeutung L\u00e4ndergrenzen f\u00fcr die weitl\u00e4ufig vernetzte Rechtsextremistenbeziehungsweise Neonaziszene haben. Ohnehin ist ungeachtet der \"Aktionsb\u00fcro einzelnen Anmelder als zentraler Koordinator dieser DemonstraRhein Neckar\" tionsserie das seit 2003 bestehende neonazistische \"Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar\" anzusehen. Es koordiniert im gesamten RheinNeckar-Raum die Aktivit\u00e4ten der dort vertretenen Neonaziund rechtsextremistischen Skinheadgruppierungen, ist mittlerweile personell mit der NPD verflochten und verf\u00fcgt \u00fcber enge Kontakte zu rechtsextremistischen F\u00fchrungspersonen und Gruppierungen in den angrenzenden Regionen. Sein Internetportal, auf dem das \"Aktionsb\u00fcros Rhein-Neckar\" der \"B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr soziale Gerechtigkeit\" Speicherplatz f\u00fcr deren Internetseite zur Verf\u00fcgung stellt, geh\u00f6rt mittlerweile zu den bundesweit wichtigsten rechtsextremistischen Internetseiten. W\u00e4hrend die \u00fcberwiegend aus Baden-W\u00fcrttemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen angereisten rechtsextremistischen Demonstranten am sp\u00e4ten Vormittag des 1. Mai in Heppenheim begleitet von starken Polizeikr\u00e4ften noch relativ ungest\u00f6rt ihre Aufzugsstrecke absolvieren konnten, musste die Polizei am Nachmittag in Ladenburg einen massiven Blockadeversuch linksextremistischer Gegendemonstranten unterbinden und konnte mehrfach nur noch unter gro\u00dfen Anstrengungen ein gewaltt\u00e4tiges Aufeinandertreffen beider Lager verhindern. Anschlie\u00dfend begaben sich die rechtsextremistischen Demonstrationsteilnehmer via Nahverkehr nach Weinheim und hielten am fr\u00fchen Abend auf dem Bahnhofsvorplatz noch eine kurze station\u00e4re Kundgebung ab. Ebenfalls am 1. Mai st\u00f6rte eine rund 25 Personen umfassende, geschlossen und teilweise vermummt auftretende Gruppe von Rechtsextremisten massiv eine \u00f6ffentliche Kundgebung des DGB und der IG Metall auf dem Marktplatz in Gaggenau/Krs. Rastatt, wobei rechtsextremistische Parolen skandiert und Veranstalter bedroht und beleidigt wurden. Die der regionalen Neonaziszene zuzuordnende Gruppe f\u00fchrte ein rotes Transparent mit der Aufschrift \"1. Mai seit 1933 arbeitsfrei. Nationale Sozialisten\" mit sich. Die Vorf\u00e4lle in Ladenburg und Gaggenau am 1. Mai 2006, aber auch schon am 28. Januar 2006 in Stuttgart stehen stellvertretend f\u00fcr zwei immer aku155","tere Probleme, die in engem Zusammenhang stehen mit der verst\u00e4rkten rechtsextremistischen, insbesondere neonazistischen Demonstrationst\u00e4tig\"Rechts-Linkskeit: das zunehmende Auftreten von so genannten \"Rechts-Links-AuseinAuseinanderandersetzungen\" und die ansteigende Gewaltbereitschaft insbesondere von setzungen\" Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads gegen\u00fcber politischen Gegnern und Sicherheitskr\u00e4ften. Da es seit vielen Jahren erkl\u00e4rtes Ziel gewaltbereiter Linksextremisten ist, rechtsextremistische Veranstaltungen - auch mit Gewalt - zu st\u00f6ren oder zu verhindern, f\u00fchrt die verst\u00e4rkte rechtsextremistische Demonstrationst\u00e4tigkeit zu einem deutlichen Anstieg bei den \"Rechts-Links-Auseinandersetzungen\", also zu Gewaltt\u00e4tigkeiten zwischen rechtsextremistischen Demonstranten und ihren linksextremistischen Kontrahenten. Gingen diese Gewaltakte in der Vergangenheit in der Regel und auch heute noch in der Mehrzahl von linksextremistischer Seite aus, ist seit wenigen Jahren bei solchen Gelegenheiten auch eine gesteigerte Gewaltbereitschaft von Seiten mancher Rechtsextremisten zu beobachten. W\u00e4hrend selbst Neonazis sich bislang in den seltensten F\u00e4llen provozieren lie\u00dfen und ganz \u00fcberwiegend polizeiliche Auflagen und Weisungen einhielten, um so den Beh\u00f6rden keine Handhabe f\u00fcr ein Demonstrationsverbot oder eine Aufl\u00f6sung zu liefern sowie sich keiner Strafverfolgung auszu\"Autonome setzen, hat sich dieses Bild etwa seit Mitte 2004 gewandelt. Verst\u00e4rkt treten Nationalisten\" - seit 2005 auch in Baden-W\u00fcrttemberg - \"Autonome Nationalisten\", h\u00e4ufig Internetbanner der \"Autonome Nationalisten\" schwarz gekleidet und teilweise vermummt, bei Demonstrationen als \"schwarzer Block\" in Erscheinung, drohen Gewalt an und lassen sich mit Einsatzkr\u00e4ften und gewaltbereiten Gegendemonstranten auf Auseinandersetzungen ein, die teilweise sogar bewusst provoziert werden. In der Szene wird dieses Vorgehen ausgiebig diskutiert, teilweise auch kritisiert, dennoch ist klar zu erkennen, dass es eine wachsende Str\u00f6mung unter Neonazis und rechtsextremistischen Skinheads gibt, die im Falle von Blockaden und gewaltt\u00e4tigen Protesten das entschlossene Vorgehen gegen Polizeiketten und Gegendemonstranten bejaht. Motive sind hier offenbar sowohl die Absicht, sich das Demonstrationsrecht nicht nehmen zu lassen beziehungsweise es notfalls gewaltsam durchzusetzen, als auch es dem politischen Gegner mit gleicher M\u00fcnze heimzuzahlen und aus der vermeintlichen Opferrolle herauszukommen. Zunehmend ist auch zu beobachten, dass Rechtsextremisten ihrerseits versuchen, gezielt Veranstaltungen des politischen Gegners zu st\u00f6ren. 156","Rechtsextremismus K\u00c4PPLER war auch 2006 wieder zu den zentralen Protagonisten der baden-w\u00fcrttembergischen Neonaziszene zu z\u00e4hlen, dessen Aktivit\u00e4ten jedoch nicht ausschlie\u00dflich auf dieses Bundesland begrenzt sind, wie sein Auftreten am 1. Mai in Heppenheim belegt. So lebte er seinen ideologisch motivierten Aktionismus nicht nur unter dem Signum BIBD aus, sondern stellte sich auch bei der baden-w\u00fcrttembergischen Landtagswahl am 26. M\u00e4rz 2006 wie schon bei der vergangenen Bundestagswahl der NPD als Kandidat zur Verf\u00fcgung (Wahlkreis 18 Heilbronn: 1,2 Prozent; Wahlkreis 22 Schw\u00e4bisch Hall: 1,7 Prozent). Zudem w\u00e4hlte ihn das im Oktober 2004 gegr\u00fcndete und im November 2006 aufgel\u00f6ste \"Nationale B\u00fcndnis Heilbronn\" (NBH) auf seiner Mitgliederversammlung am 8. September 2006, auf der es sich zugleich in \"Nationales B\u00fcndnis Heilbronn-Franken\" umbenannte, zu seinem neuen Vorsitzenden.244 Die BIBD z\u00e4hlte zu den offiziellen Unterst\u00fctzern des NBH.245 Das berufliche Standbein K\u00c4PPLERs war 2006 seine Funktion als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des in Rosenberg-Hohenberg/Ostalbkreis ans\u00e4ssigen \"Verlagsund Medienhauses Hohenberg OHG\", das unter anderem die neonazistische Zeitschrift \"Volk in Bewegung - Vierteljahrsschrift f\u00fcr eine neue Ordnung!\" herausgibt, als deren verantwortlicher Schriftleiter er 2006 fungierte. Mit Wirkung zum 1. Juni 2006 wurde die 2005 vom Verlag herausgegebene 48-seitige Schrift \"Neue Ordnung. Grundlagen des nationalen Weltund Menschenbildes\" von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) indiziert.246 Am 7. September 2006 erfolgte die Indizierung der kompletten Internetseite des Verlags durch die BPjM. Da der Verlag in erster Linie als Internethandel agiert, bedeutete diese Indizierung einen herben Schlag f\u00fcr K\u00c4PPLER. Seit Mitte Oktober 2006, sofort nach Rechtswirksamkeit der Indizierung, der mit dem Abschalten der bisherigen Internetseite formal Gen\u00fcge getan wurde, befindet sich der Verlag zwar wieder mit einer Internetseite im Netz. Doch f\u00e4llt K\u00c4PPLER auf auf, dass K\u00c4PPLER seit Herbst 2006 seinen ideologisch motivierten Aktiodem R\u00fcckzug nismus offensichtlich deutlich z\u00fcgelt. So sagte er drei f\u00fcr Oktober beziehungsweise Dezember 2006 angemeldete Demonstrationen in Schw\u00e4bisch Hall, Crailsheim und Heilbronn wieder ab. Die bereits seit Ende 1993 bestehende und damit \u00e4lteste Neonazi-\"Kameradschaft\" in Deutschland, die \"Kameradschaft Karlsruhe\", die lange Zeit 244 Meldung \"Nationales B\u00fcndnis Heilbronn-Franken bestimmt neuen Vorstand: Lars K\u00e4ppler als neuer Frontmann gew\u00e4hlt!\", Homepage des NBH vom 12. Oktober 2006. 245 Homepage des NBH vom 12. Oktober 2006. 246 Vgl. BPjM Aktuell 2/2006, S. 59. 157","die bekannteste und aktivste neonazistische Kameradschaft in Baden-W\u00fcrttemberg war, verschwindet wegen ihrer Inaktivit\u00e4t immer mehr aus der \"Kameradschaft \u00d6ffentlichkeit. An ihre Stelle scheint die \"Kameradschaft Rastatt\" getreten Rastatt\" auf zu sein. Sie r\u00fcckte 2006 unter anderem dadurch in den Fokus der \u00d6ffentVormarsch lichkeit, dass sie eine ehemalige Pizzeria in Rastatt anmietete, die seitdem als \u00fcberregionales Treffund Veranstaltungslokal der rechtsextremistischen Skinheadund der Neonaziszene genutzt wird. 5. Rechtsextremistische Parteien 5.1 Parteien mit rechtsextremistischer Zielsetzung 5.1.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) Gr\u00fcndung: 1964 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 400 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 390) ca. 7.000 Bund (2005: ca. 6.000) Publikation: \"Deutsche Stimme\" (DS) Bedeutung innerhalb des deutschen Rechtsextremismus In den letzten Jahren hat sich die \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) zur auff\u00e4lligsten rechtsextremistischen Partei in Deutschland entwickelt, die einen sp\u00fcrbaren Einfluss auch auf weite Teile der \u00fcbrigen rechtsextremistischen Szene aus\u00fcbt beziehungsweise auszu\u00fcben versucht. zentrale Rolle Es k\u00f6nnen sogar erste Ans\u00e4tze einer Ausrichtung oder Konzentration gr\u00f6der NPD \u00dferer Teile der rechtsextremistischen Gesamtszene auf die NPD konstatiert werden. Die Partei ist somit als eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste rechtsextremistische Organisation in der Bundesrepublik einzustufen. Ihr baden-w\u00fcrttembergischer Landesverband steht aber in seiner innerparteilichen Bedeutung immer noch hinter einigen anderen, geschlossener auftretenden, aktiveren, mitgliederst\u00e4rkeren und bei Wahlen erfolgreicheren Landesverb\u00e4nden wie zum Beispiel dem s\u00e4chsischen und dem mecklenburg-vorpommerschen deutlich zur\u00fcck. Der Bedeutungsgewinn der NPD f\u00e4llt in die Amtszeit ihres Bundesvorsitzenden Udo VOIGT, der die Partei seit 1996 anf\u00fchrt und auf dem NPDBundesparteitag vom 11./12. November 2006 mit deutlicher Mehrheit in seinem Amt best\u00e4tigt wurde. Die herausgehobene Position der NPD innerhalb der rechtsextremistischen Organisationslandschaft l\u00e4sst sich unter anderem an folgenden Anhaltspunkten festmachen: 158","Rechtsextremismus * Seit der Einstellung des 2001 gegen die NPD angestrengten Verbotsverfahrens (18. M\u00e4rz 2003) w\u00e4chst der Mitgliederbestand der Partei wieder und lag 2006 bei nunmehr ca. 400 (2005: ca. 390) im Land und 7.000 im Bund (2005: ca. 6.000). Damit hat die Partei die Mitgliederverluste, die ihr das Verbotsverfahren eingebracht hatte (Mitgliederbestand 2000 im Land: circa 480; im Bund: circa 6.500; Mitgliederbestand 2003 im Land: circa 380; im Bund: circa 5.000), zumindest zum Teil wieder wettgemacht und ist im Jahr 2006 auf deutlicher Anstieg Bundesebene zur personell zweitst\u00e4rksten rechtsextremistischen bei den Partei hinter der DVU aufgestiegen. Seit 1996, als die Partei auf Mitgliederzahlen ihrem bisherigen Tiefpunkt angekommen war, hat sich die Bundesmitgliederzahl sogar verdoppelt (1996: circa 3.500), w\u00e4hrend die Landesmitgliederzahl im gleichen Zeitraum allerdings leicht zur\u00fcckging (1996: circa 440). Mit dem personellen Zuwachs zumindest auf Bundesebene hebt sich die Mitgliederentwicklung der NPD von derjenigen der DVU in der Tendenz deutlich ab, die n\u00e4mlich im Gegensatz dazu in den letzten zehn Jahren dramatisch an Mitgliedern verlor: Bund 1996: circa 15.000; 2006: 8.500; DVU im Land 1996: 1.900; 2006: 800. * Die Tatsache, dass sich die NPD trotzdem immer noch auf personell relativ niedrigem Niveau bewegt, wird zum Teil dadurch kompensiert, dass die Partei nicht nur in der Bundesspitze, sondern auch auf mancher Landesund Kommunalebene \u00fcber aktionistihohes Aktionssche, kampagnef\u00e4hige Kader verf\u00fcgt, die zudem h\u00e4ufig ideologisch potenzial geschult und gefestigt sind. Auch diese Faktoren unterscheiden die NPD von der DVU und verleihen der Partei eine \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz (zum Beispiel aufgrund von Demonstrationst\u00e4tigkeit), die von den anderen rechtsextremistischen Parteien nicht erreicht wird. * Die NPD bem\u00fcht sich intensiv um einen Schulterschluss mit der Neonaziszene, was in der von ihr seit 2004 betriebenen \"Volksfront\"-Strategie zum Ausdruck kommt. Dabei kalkuliert die NPD den Eintritt von - teils f\u00fchrenden - Neonazis in die Partei bewusst mit ein. So wurde im September 2006 der Parteieintritt des Hamburger Rechtsanwalts und bundesweit bekannten Neonazis J\u00fcrgen Parteieintritte RIEGER gemeldet247, der schon bei der Bundestagswahl vom von Neonazis 18. September 2005 die Hamburger NPD-Landesliste angef\u00fchrt hatte. Auf dem Bundesparteitag am 11./12. November 2006 in Berlin wurde er zudem als Beisitzer in den Bundesvorstand gew\u00e4hlt. 247 Pressemitteilung des NPD-Unterbezirks Stade \"Rechtsanwalt J\u00fcrgen Rieger tritt der NPD bei\" vom 5. September 2006, Homepage des NPD-Regionalverbands S\u00fcdlicher Oberrhein vom 11.Oktober 2006. 159","Bereits seit Oktober 2004 ist mit Thorsten HEISE ein weiterer bundesweit bekannter Neonazi Mitglied im NPD-Bundesvorstand. Bei der baden-w\u00fcrttembergischen Landtagswahl am 26. M\u00e4rz 2006 stellte sich der Neonazi K\u00c4PPLER wie schon bei der vergangenen Bundestagswahl der Partei als Kandidat zur Verf\u00fcgung. Diese personelle Verzahnung zwischen Neonaziszene und NPD verst\u00e4rkt nicht nur die ohnehin schon vorhandenen neonazistischen Tendenzen innerhalb der Partei, sondern verbessert auch das fr\u00fcher immer wieder angespannte gegenseitige Verh\u00e4ltnis, was wiederum das Ansehen und damit die Einflussm\u00f6glichkeiten der NPD in der Neonaziszene erh\u00f6ht. * Die NPD strebt auch einen Schulterschluss mit der rechtsextremistischen Skinheadszene an. Zu diesem Zweck veranstaltet sie zum Beispiel - zumindest vereinzelt - Skinheadkonzerte oder l\u00e4sst Skinheadbands auf ihren Veranstaltungen auftreten. Hintergedanke Einbindung der beziehungsweise Ziel ist dabei, die jugendliche Skinheadszene als Skinheadszene Mobilisierungsund Rekrutierungspotenzial zu gewinnen. So traten auf dem 5. Pressefest des \"Deutschen Stimme\"-Verlags am 5. August 2006 in Dresden mehrere Skinheadbands auf, darunter \"Carpe Diem\" aus dem Raum Stuttgart/G\u00f6ppingen. Nicht zuletzt auf diese Musikdarbietungen d\u00fcrfte zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, dass das Pressefest 2006 trotz widriger Witterungsbedingungen mit rund 7.000 Teilnehmern (NPD-Angaben: rund 8.000)248 so gut besucht war wie keines seiner vier Vorg\u00e4nger. Aufgrund der f\u00fcr Skinheads typischen Unf\u00e4higkeit beziehungsweise Abneigung, sich langfristig in eine Organisation einbinden zu lassen und dort auch diszipliniert mitzuarbeiten, sind die langfristigen Erfolgsaussichten dieser Ann\u00e4herungsversuche jedoch wohl begrenzt. Schon im Verfassungsschutzbericht 2005 wurde darauf hingewiesen, dass die seit geraumer Zeit zu beobachtende personelle Verflechtung der NPD mit anderen rechtsextremistischen Organisationen zunehmend enger wird. Dies \u00e4u\u00dfert sich unter anderem darin, dass f\u00fchrende NPD-Mitglieder Leitungsfunktionen in solchen Organisationen \u00fcbernehmen, was der Partei entsprechende Einflussm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. So sitzt der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesvorsitzende J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER aus VillingenSchwenningen, der zudem gem\u00e4\u00df eines Beschlusses des Berliner NPDBundesparteitages zuk\u00fcnftig wie alle NPD-Landesvorsitzenden dem Bundesvorstand der Partei angeh\u00f6ren soll, im Vorstand der rechtsextremisti248 Sonderausgabe der \"Deutschen Stimme\" (DS) vom September 2006 zum Pressefest 2006, Artikel \"Breitgef\u00e4chertes Spektrum nationalen Wollens - Das f\u00fcnfte Pressefest der Deutschen Stimme\", S. 1. 160","Rechtsextremismus schen \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V.\" (GFP), als deren Vorsitzender Andreas MOLAU fungiert. MOLAU war 2006 stellvertretender Chefredakteur der im s\u00e4chsischen Riesa erscheinenden NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimme\" (DS). Gleichzeitig ist SCH\u00dcTZINGER als f\u00fchrender Funktion\u00e4r der \"Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat\" (DLVH) t\u00e4tig. Die zunehmende zunehmende personelle Verflechtung der NPD mit anderen rechtsextrepersonelle mistischen Organisationen l\u00e4sst sich aber auch am Beispiel des NBH nachVerflechtungen vollziehen. Dieses w\u00e4hlte auf seiner Mitgliederversammlung am 8. September 2006, auf der es sich zugleich in \"Nationales B\u00fcndnis Heilbronn-Franken\" umbenannte, den NPD-Bundestagsund Landtagskandidaten K\u00c4PPLER zu seinem neuen Vorsitzenden, wodurch zugleich das neonazistische Element im NBH gest\u00e4rkt wurde. Im Amt eines der beiden stellvertretenden NBH-Vorsitzenden wurde der damalige stellvertretende NPD-Landesvorsitzende und Vorsitzende des NPD-Kreisverbands Heilbronn, best\u00e4tigt.249 Au\u00dferdem z\u00e4hlten die NPD und JN seit jeher zu den offiziellen Unterst\u00fctzern des NBH.250 Der NBH-Homepage war zu entnehmen, dass das B\u00fcndnis laut \"Jahreskalender 2006\" von \"Januar bis M\u00e4rz Unterst\u00fctzung\" im \"NPD-Landtagswahlkampf\" geleistet hatte.251 Auch die Art und Weise, wie die im November 2006 erfolgte Aufl\u00f6sung des NBH im Dezember 2006 der breiten \u00d6ffentlichkeit bekannt gegeben wurde, dokumentiert die enge Verflechtung dieser beiden Organisationen: Die Bekanntmachung erfolgte auf der Internetseite des NPD-Kreisverbands Heilbronn mit einer Erkl\u00e4rung, die vom Kreisverband unterschrieben worden war. Darin wurde ausdr\u00fccklich betont, dass es von \"Anfang an\" die NPD gewesen sei, \"die das NBH ma\u00dfgeblich getragen [...] und durch seine Strukturen auch haupts\u00e4chlich unterst\u00fctzt\" habe.252 Wahlen Die Bilanz des Wahljahres 2006 f\u00e4llt f\u00fcr die NPD ambivalent aus. Zwar trat sie bei vier der f\u00fcnf Landtagswahlen des Jahres an und zeigte sich somit wieder als aktive Wahlpartei. Nur in Sachsen-Anhalt verzichtete 249 Meldung \"Nationales B\u00fcndnis Heilbronn-Franken bestimmt neuen Vorstand: Lars K\u00e4ppler als neuer Frontmann gew\u00e4hlt!\", Homepage des NBH vom 12. Oktober 2006. 250 Als seine weiteren Unterst\u00fctzer gab das NBH unter anderem an: die im Vergleich zur NPD weitgehend unbedeutende rechtsextremistische \"Deutsche Partei\" (DP), die DVU, die dem neonazistischen Spektrum zuzuordnende \"Freiheitliche Initiative Heilbronn\" und die BIBD (Homepage des NBH vom 12. Oktober 2006). 251 Ebd., \u00dcbernahme wie im Original. 252 Beitrag \"Nationales B\u00fcndnis Heilbronn l\u00f6st sich auf - NPD-Heilbronn meldet sich 2007 mit neuem Schwung zur\u00fcck!\", Homepage des NPD-Kreisverbands Heilbronn vom 19. Januar 2007, \u00dcbernahme wie im Original. 161","sie gem\u00e4\u00df der Bestimmungen des \"Deutschland-Paktes\" vom 15. Januar 2005 zugunsten der DVU. Auch gelang ihr in Mecklenburg-Vorpommern (17. September) mit 7,3 Prozent (2002: 0,8 Prozent) der Zweitstimmen zum zweiten Mal nach 2004 (9,2 Prozent am 19. September 2004 in Sachsen) der weiterer Einzug Einzug in ein Landesparlament, nachdem sie 36 Jahre lang - seit den badenin ein Landesw\u00fcrttembergischen Landtagswahlen von 1968 (9,8 Prozent) - bei Wahlen im parlament Wesentlichen die Existenz einer Splitterpartei gefristet hatte. Doch beschr\u00e4nkt sich ihr Comeback als halbwegs erfolgreiche Wahlpartei auf Ostdeutschland. Denn bei den beiden westdeutschen Landtagswahlen des Jahres in Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz (beide am 26. M\u00e4rz) schnitt sie mit 0,7 Prozent (2001: 0,2 Prozent) beziehungsweise 1,2 Prozent (2001: 0,5 Prozent) erfolglos ab und kn\u00fcpfte damit nahtlos an ihre beiden westdeutschen Wahlniederlagen des Jahres 2005 an (Schleswig-Holstein 1,9 Prozent und Nordrhein-Westfalen 0,9 Prozent). Auch die 2,6 Prozent (2001: 0,9 Prozent) in Berlin (17. September) bedeuteten f\u00fcr die NPD ein klares, allerdings auch erwartetes Scheitern an der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde. Schon seit 2005 wird der baden-w\u00fcrttembergische Landesverband der NPD von internen Querelen ersch\u00fcttert, die nicht nur innerhalb relativ kurzer Zeit zu einem zweimaligen Wechsel an der Spitze der Landespartei f\u00fchrten, sondern mit dazu beitrugen, dass die NPD bei der Landtagswahl am 26. M\u00e4rz nur in 52 von 70 Wahlkreisen antreten konnte. Hinzu kommt, dass der offene Schulterschluss, den Bundeswie Landespartei seit 2004 mit der Neonaziszene \u00fcben, die NPD dieser Szene vielleicht n\u00e4her bringt, gleichzeitig jedoch geeignet ist, potenzielle W\u00e4hler abzuschrecken, die nicht dieMisserfolge in sem h\u00e4rtesten Kern des deutschen Rechtsextremismus zuzurechnen sind. BadenDie Tatsache, dass die NPD unter der 1-Prozent-Marke blieb und damit keiW\u00fcrttemberg nen Anspruch auf staatliche Teilfinanzierung erheben kann, bedeutet zudem einen herben finanziellen Verlust f\u00fcr die Partei. Internetbanner der NPD Dort, wo funktionierende NPD-Kreisverb\u00e4nde oder charismatische Mitglieder fehlen, erzielte die Partei besonders schlechte Wahlergebnisse, beispielsweise im Wahlkreis Stuttgart II mit 0,4 Prozent (2001: 0,1 Prozent). In Wahlkreisen mit bekannten NPD-Funktion\u00e4ren oder einem aufw\u00e4ndigeren Wahlkampf konnte die NPD hingegen ihre h\u00f6chsten Zuwachsraten errei162","Rechtsextremismus chen. Ihr Landesvorsitzender SCH\u00dcTZINGER trat in den Wahlkreisen Villingen-Schwenningen und Tuttlingen-Donaueschingen an und schnitt mit 2,6 Prozent (bestes NPD-Wahlkreisergebnis bei dieser Landtagswahl; 2001: 0,4 Prozent) beziehungsweise 1,3 Prozent (2001: 0,4 Prozent) \u00fcberdurchschnittlich ab.253 Bei der am gleichen Tag stattfindenden Wahl in Rheinland-Pfalz verbesserTeilerfolg in te sich die NPD zwar ebenfalls leicht und kam sogar in den Genuss der Rheinland-Pfalz Wahlkampfkostenerstattung. Doch konnte sie auch bei dieser Wahl nicht die F\u00fchrung im rechtsextremistischen Parteienspektrum erringen oder gar in die N\u00e4he der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde gelangen. Die Wahlniederlagen der NPD in Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz best\u00e4tigten den sich schon 2005 in Schleswig-Holstein und NordrheinWestfalen deutlich abzeichnenden Trend, dass es der Partei momentan nicht m\u00f6glich ist, einen Erfolg wie zuvor in Sachsen in westlichen Bundesl\u00e4ndern zu wiederholen. Auch deshalb war schon der in der Euphorie des s\u00e4chsischen Wahlerfolges von manchen NPD-Kadern beschworene Einzug in den Bundestag ein Wunschtraum geblieben. Die Hoffnungen der NPD ruhten nun auf der mecklenburg-vorpommerschen Landtagswahl am 17. September 2006. Dort hatte sie mit 3,5 Prozent bei der letzten Bundestagswahl ihr drittbestes Landesergebnis erzielt. Unbestreitbar gelang der Partei am 17. September 2006 mit dem Einzug einer sechsk\u00f6pfigen Fraktion in den Schweriner Landtag ein Erfolg. Doch steht die Partei nun unter noch st\u00e4rkerem Druck, nachzuweisen, dass sie Ergebnisse wie in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern nicht nur unter den besonders prek\u00e4ren \u00f6konomischen und sozialen Bedingungen Ostdeutschlands erringen kann, sondern auch in Westdeutschland. Andernfalls wird sie in der \u00d6ffentlichkeit endg\u00fcltig als ostdeutsches Sonderph\u00e4nomen ohne ernstzunehmende Chanostdeutsches cen in Westdeutschland wahrgenommen. Gesamtdeutsch aber, zum BeiSonderph\u00e4nomen spiel bei zuk\u00fcnftigen Bundestagsoder Europawahlen, bieten ihr Ergebnisse relativ knapp \u00fcber der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde in nur wenigen ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern keine Perspektive. Bei den ebenfalls am 17. September 2006 abgehaltenen Wahlen zu den Berliner Bezirksverordnetenversammlungen konnte die NPD lediglich kleinere Erfolge verzeichnen. Sie trat zwar nur in f\u00fcnf von zw\u00f6lf Bezirken an, zog aber in vier Bezirksverordnetenversammlungen mit Ergebnissen bis zu 6,4 Prozent ein und verf\u00fcgt dort nun \u00fcber insgesamt elf Sitze.254 M\u00f6glich wurde 253 Wahlnachtbericht zur Landtagswahl am 26. M\u00e4rz 2006 in Baden-W\u00fcrttemberg, URL: http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de vom 3. April 2006. 254 URL: http://www.statistik-berlin.de vom 21. September 2006. 163","dieser Erfolg vor allem dadurch, dass pro Bezirk nur eine Drei-ProzentH\u00fcrde zu \u00fcberwinden war. Ermutigt von den Wahlerfolgen seiner Parteifreunde in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gr\u00fcndete der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landes\"kommunalverband am 24. September 2006 in Ludwigsburg einen 20-k\u00f6pfigen \"kompolitischer munalpolitischen Arbeitskreis\", dessen Zielvorgabe darin besteht, ein m\u00f6gArbeitskreis\" lichst gutes Abschneiden der Partei bei den baden-w\u00fcrttembergischen Kommunalwahlen 2009 zu erreichen. Dabei soll sich der \"Arbeitskreis\" schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die Region Stuttgart konzentrieren, \"da hier auch der Einzug in das Regionalparlament angestrebt wird\". Die von der S\u00fcdwest-NPD angestrebte Verankerung auf kommunaler Ebene soll dabei langfristig als Schritt hin zu einem Einzug in den baden-w\u00fcrttembergischen Landtag im Jahr 2011 dienen.255 Ideologische Ausrichtung Die NPD ist eine unverhohlen rechtsextremistische und verfassungsfeindliche Partei. Das Spektrum der in der Partei repr\u00e4sentierten Rechtsextremismusvarianten reicht bis in den Neonazismus. Dementsprechend wird aus den Reihen der NPD der bundesdeutschen Verfassungsordnung immer wieder der Kampf angesagt und ein baldiger Untergang nicht nur prophezeit, sondern auch ausdr\u00fccklich gew\u00fcnscht. Gegenteilige Beteuerungen von NPD-Vertretern, die das zu relativieren oder abzustreiten versuchen, stellen sich bei genauerer Analyse als taktisch motiviert heraus. Sie sollen insbesondere dazu dienen, ein erneutes Verbotsverfahren gegen die Partei zu vermeiden, dessen Einleitung in Medien und Politik im Jahr 2006 wieder diskutiert wurde. betonte Diese betonte Verfassungsfeindlichkeit ist auch bei den JN verankert und Verfassungswird entsprechend nach innen wie au\u00dfen propagiert. So endet ein vom JNfeindlichkeit Bundesvorstand am 28. Januar 2006 in Berlin verabschiedeter Beschluss unter der \u00dcberschrift \"Vorw\u00e4rts zur deutschen Revolution!\" mit den k\u00e4mpferisch-nationalrevolution\u00e4ren Worten: \"Revolution\u00e4r ist ideologischer und nicht bewaffneter Kampf. Voraussetzung f\u00fcr das Beschreiten des revolution\u00e4ren Weges ist ein gesch\u00e4rftes politisches Bewusstsein unserer Mitstreiter. Das bedeutet die Erkenntnis, dass das System, bei einigen Annehm255 Meldung \"NPD gr\u00fcndet kommunalpolitischen Arbeitskreis\", Homepage des NPD-Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg vom 18. Oktober 2006. 164","Rechtsextremismus lichkeiten, prinzipiell schlecht ist. Die Konsequenz daraus hei\u00dft nun logischerweise, dass man dieses System nicht reformieren kann, sondern beseitigt und durch etwas Neues ersetzt werden muss. Eine solche Vorgehensweise nennt man \u00fcblicherweise Revolution. Ist das Bewusstsein der aktiven nationalistischen Kampfgef\u00e4hrtinnen und Kampfgef\u00e4hrten dahingehend ausgerichtet, geht es im n\u00e4chsten Schritt darum, das Bewusstsein m\u00f6glichst vieler Menschen in diese Richtung zu sch\u00e4rfen. In Verbindung mit der zunehmenden Versch\u00e4rfung der sozialen Frage wird die Revolution wahrscheinlich und die Chance f\u00fcr eine revolution\u00e4re Kampfpartei wird zunehmen. Dann wird der organisierte Nationalismus vom Objekt zum Subjekt der Politik, vom Verteidiger zum Angreifer!\" 256 Internetbanner der JN Die in diesem Zitat ge\u00e4u\u00dferte Absage an einen bewaffneten Kampf mindert nicht die darin zum Ausdruck kommende kompromisslose Frontstellung des JN-Bundesvorstands gegen die bundesdeutsche Verfassungsordnung. Doch ist die Bedeutung der hinter dieser martialischen Kampfansage stehenden Organisation zu relativieren: Die JN verf\u00fcgen nicht bundesweit \u00fcber Organisationsstrukturen. Der Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg hat Aktivit\u00e4ten zwar die Zahl der von ihm offiziell ausgewiesenen \"St\u00fctzpunkte\" von f\u00fcnf der JN im Jahr 2005 auf zehn im Jahr 2006 (im Bereich Bodensee mit Postfach in Friedrichshafen, in Esslingen, G\u00f6ppingen, Heilbronn, Luwigsburg, im Bereich Ostalb mit Postfach in Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd, Pforzheim, Schw\u00e4bisch Hall, Stuttgart und Ulm/Heidenheim)257 verdoppeln k\u00f6nnen und zudem mit einer relativ regen Demonstrationst\u00e4tigkeit auf sich aufmerksam gemacht, doch steigerte sich sein Mitgliederbestand nur leicht auf circa 60 (2005: circa 50). Auf dem JN-Landeskongress, der am 4. November 2006 \"in der N\u00e4he von Heilbronn\" stattfand, wurde Lars GOLD aus Stimpfach/Krs. Schw\u00e4256 Text \"Revolution statt Reform - Vorw\u00e4rts zur deutschen Revolution!\", Homepage des JN-Bundesvorstands vom 10. Oktober 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 257 Homepage des JN-Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg vom 14. Dezember 2006. 165","bisch Hall zum neuen JN-Landesvorsitzenden gew\u00e4hlt. Sein Vorg\u00e4nger Alexander NEIDLEIN fungiert seither nur noch als stellvertretender JN-Landesvorsitzender. Auf diesem Kongress wurde aus verschiedenen Wortbeitr\u00e4gen deutlich, dass zumindest die F\u00fchrung des baden-w\u00fcrttembergischen JN-Landesverbands die nationalrevolution\u00e4re Linie des Bundesvorstands mittr\u00e4gt. Schon zu Kongressbeginn \u00e4u\u00dferte NEIDLEIN laut NPD-Internetbericht w\u00f6rtlich: \"'Nationalismus hei\u00dft Revolution. Und unsere Revolution findet im 21. Jahrhundert statt. Unsere Revolution ist keine kleine Ver\u00e4nderung, sondern wir m\u00fcssen uns ein komplett anderes politisches System erk\u00e4mpfen!'\" Bei dieser Gelegenheit wurde von NEIDLEIN auch \"der bedingungslose Wille\" beschworen, \"dieses kranke System auf die M\u00fcllhalde der Geschichte zu katapultieren\". Zum Abschluss betonte GOLD laut NPD-Internetbe\"revolution\u00e4rer richt w\u00f6rtlich: \"Wir stehen im Jahre 2006 im revolution\u00e4ren Kampf gegen Kampf gegen dieses System\".258 dieses System\" Entschiedene Verfassungsfeindlichkeit charakterisiert auch den baden-w\u00fcrttembergischen NPD-Landesverband. Beispielsweise wurde Ende September 2006 auf dessen Internetseite eine Nachbetrachtung zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern eingestellt, in der es unter anderem hei\u00dft: \"Das eigentlich sch\u00f6ne waren neben dem Erfolg der NPD, die tiefe Krise des Establishments - ja, die nicht mehr zu verbergende Schw\u00e4che des gesamten politischen Systems. (...) Ein politisches System ist sichtbar an die Grenzen seiner M\u00f6glichkeiten gesto\u00dfen, es ist weder Wunschdenken noch \u00fcbertrieben, von einem politischen Erdbeben zu sprechen, insbesondere deshalb nicht, weil die Risse im Fundament des gegenw\u00e4rtigen politischen Systems weder zu \u00fcbersehen, noch zu \u00fcbert\u00fcnchen sind.\" 259 Verfassungsfeindliche Aussagen finden sich nicht zuletzt in der DS. Beispielsweise hie\u00df es in der Mai-Ausgabe im Nachgang zu den drei Landtagswahlen vom 26. M\u00e4rz 2006: \"Es bedarf (...) eines kollektiven Aufschreis, der die vielen L\u00fcfte und Winde der Frustration zu einem 258 Bericht \"Erfolgreicher JN-Landeskongress 2006\", Homepage des NPD-Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg vom 9. November 2006. 259 Text \"Der Herbstwind f\u00e4hrt \u00fcber Mecklenburg - ein Kommentar zu den Landtagswahlen\", Homepage des NPD-Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg vom 17. Oktober 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 166","Rechtsextremismus gewaltigen Sturm zusammenf\u00fchrt, der erst die Kraft besitzt, ein marodes System hinwegzufegen. (...) Demokratie a la BRD braucht das Volk nicht.\" 260 Die DS ist aber nicht nur ein Forum f\u00fcr dezidierte Systemopposition. In ihr leisten mehr oder minder prominente NPD-Mitglieder auch theoretisch-strategische Grundlagenarbeit, sie ist ein Ort f\u00fcr Grundsatzdebatten. Beispielsweise wird in der DS einer Aktualisierung beziehungsweise Modernisierung des rechtsextremistischen Propagandathemenkanons das Wort geredet. Dabei wird eine Abkehr von vergangenheitsbezogenen, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Themen (insbesondere aus dem Bereich des Geschichtsrevisionismus) gefordert, die au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene niemanden interessieren. Stattdessen wird eine st\u00e4rkere Hinwendung zu gegenwartsbezogenen bis hin zu tagesaktuellen Themen (beispielsweise aus dem Bereich der Sozialund Wirtschaftspolitik) angemahnt, die gesamtgesellschaftlich relevant sind und daher auch au\u00dferhalb der rechtsextremistischen Szene diskutiert werden. Ziel ist es dabei, die eigene Propaganda attraktiver, oberfl\u00e4chlich weniger angreifbar und damit effektiver zu machen, also m\u00f6glichst bis in die Mitte der Gesellschaft neue B\u00fcndnispartner, Anh\u00e4nger, Mitglieder und W\u00e4hler zu gewinnen. Den verganVersuch der genheitsbezogenen, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Themen scheint in dieser StrateModernisierung gie nur noch eine Rolle in der parteibeziehungsweise szeneinternen Kommunikation zugedacht zu sein, insbesondere bei der ideologischen Selbstvergewisserung l\u00e4ngst eingeschworener Rechtsextremisten, die es nicht mehr zu \u00fcberzeugen gilt. Mit der \u00dcberholung des eigenen Themenkanons ist keine Aufgabe oder auch nur Relativierung althergebrachter rechtsextremistischer Positionen in der NPD beabsichtigt. Ganz im Gegenteil: Mit der Aufbereitung zeitgem\u00e4\u00dfer Themen soll rechtsextremistisches Gedankengut erfolgreicher transportiert werden. In der Februar-Ausgabe 2006 brachte der s\u00e4chsische NPD-Abgeordnete J\u00fcrgen W. GANSEL diesen Ansatz auf den Punkt: \"F\u00fcr mich markiert der Nationalsozialismus eine historisch abgeschlossene Epoche. Er war so stark zeitund personenabh\u00e4ngig, dass er selbst dann nicht wiederzubeleben w\u00e4re, wenn man es unbedingt wollte. F\u00fcr den so genannten Hitlerismus gilt dies 260 DS Nr. 05/06 vom Mai 2006, Artikel \"Es ist Wahl - und keiner geht hin! Eine Nachbetrachtung zu den Landtagswahlen\", S. 8. 167","durch den Tod des Namensgebers vor 61 Jahren erst recht. Ich habe immer wieder betont: Adolf Hitler und die NSDAP sind Vergangenheit, Hartz IV und Globalisierung, Verausl\u00e4nderung und EU-Fremdbestimmung aber bitterb\u00f6se Gegenwart. Insofern haben wir Nationalisten zwingend Gegenwartsthemen aufzugreifen und die soziale Frage konsequent zu nationalisieren. Laden wir die soziale Frage weiterhin v\u00f6lkisch auf - 'Wir Deutschen oder die Fremden', 'Unser Deutschland oder das Ausland' - und untermauern wir den Schlachtruf 'Gegen Verausl\u00e4nderung, Europ\u00e4ische Union und Globalisierung' noch st\u00e4rker programmatisch, werden wir die etablierten Volksbetr\u00fcger schon bald das F\u00fcrchten lehren.\" 261 Aktivit\u00e4ten Auch 2006 legte die NPD im Rahmen des von ihr verfolgten \"Vier-S\u00e4ulenKonzepts\" (\"Kampf um die Stra\u00dfe\", Kampf um die K\u00f6pfe\", Kampf um die Parlamente\", \"Kampf um den organisierten Willen\") vielf\u00e4ltige Aktivit\u00e4ten an den Tag, was nicht nur durch die vier Landtagswahlteilnahmen und die Veranstaltung des 5. DS-Pressefestes dokumentiert wird. Auch der badenw\u00fcrttembergische Landesverband erwachte w\u00e4hrend des Landtagswahlkampfs zumindest zeitund teilweise aus seiner Lethargie, wurde bei dieser Gelegenheit jedoch auch an seine Zerstrittenheit erinnert, die ein fl\u00e4chendeckendes Antreten und damit ein auch nur halbwegs achtbares Ergebnis verhindert hatte. Am 19. November 2006 hielt die baden-w\u00fcrttembergische Landesparteitag NPD ihren 42. ordentlichen Landesparteitag ab, der von den Medien weitgehend unbeachtet in Villingen-Schwenningen stattfand. Der baden-w\u00fcrttembergische JN-Landesverband machte mit mehreren Demonstrationen von sich reden. So meldeten die JN im Rahmen einer rechtsextremistischen Antikapitalismuskampagne f\u00fcr den 22. Juli 2006 eine Versammlung unter dem Motto \"Freie Menschen statt freie M\u00e4rkte - Globalisierung und Kapitalismus stoppen\", zu der sich aber nur etwa 50 Teilnehmer in Buchen/Neckar-Odenwald-Kreis einfanden. Diesen standen insgesamt circa 130 Gegendemonstranten gegen\u00fcber. Mit der von ihr f\u00fcr den 23. September 2006 in G\u00f6ppingen angemeldeten Demonstration hatte die 261 DS Nr. 02/06 vom Februar 2006, Interview \"Hartz IV und Verausl\u00e4nderung ist heute - J\u00fcrgen Gansel zum Vorwurf der Vergangenheitsorientierung der NPD\", S. 8, \u00dcbernahme wie im Original. 168","Rechtsextremismus JN mehr Mobilisierungserfolg: Etwa 200 Rechtsextremisten, darunter als Redner NEIDLEIN und K\u00c4PPLER, demonstrierten an jenem Tag unter dem fremden-feindlichen Motto \"Ein R\u00fcckflug kostet 19 Euro, Integration Millionen\". Unter den bis zu 500 Gegendemonstranten befanden sich circa 150 gewaltbereite Personen, aus deren Reihen es zu Gewaltt\u00e4tigkeiten (zum Beispiel Steinw\u00fcrfen) gegen Einsatzkr\u00e4fte der Polizei kam. Nur zwei Wochen sp\u00e4ter, am 7. Oktober 2006, demonstrierten die JN mit circa 165 Demonstrationen Teilnehmern in Laupheim unter dem Motto \"Her mit dem sch\u00f6nen Leben - Mut zu Alternativen\", wohinter sich wiederum eine rechtsextremistischantikapitalistische Sto\u00dfrichtung verbarg. Zwischen den Demonstrationsteilnehmern und den insgesamt \u00fcber 500 Gegendemonstranten kam es zu keinen ernsthaften t\u00e4tlichen Auseinandersetzungen. Die NPD ist eine von M\u00e4nnern dominierte Partei mit antifeministisch-antiemanzipatorischer Programmatik, deren F\u00fchrungspersonal sowie W\u00e4hlerschaft, wie Wahlanalysen zeigen, sich in weit \u00fcberproportionalem Ma\u00dfe aus M\u00e4nnern zusammensetzen. Die mangelnde Attraktivit\u00e4t der NPD auf Frauen ist von der Parteif\u00fchrung offensichtlich als Problem erkannt worden, denn am 16. September 2006 erfolgte im sachsen-anhaltinischen Sotterhausen die Gr\u00fcndung einer eigenen NPD-Frauenorganisation, des \"Ringes Nationaler Frauen\" (RNF). Ein erkl\u00e4rtes Ziel des RNF besteht darin, \"verst\u00e4rkt weibliche Mitglieder f\u00fcr die nationale Opposition zu gewinnen\".262 Auch wolle man die f\u00fcr Frauen \"m\u00f6glicherweise existierende Hemmschwelle, in die Partei einzutreten, abbauen\" 263 sowie \"die W\u00e4hlerinnen ansprechen\". Es ist sogar die Rede davon, man wolle Frauen zur \"\u00dcbernahme von Mandaten\" \"ermutigen\": \"Wie kann es (...) sein, dass der Gro\u00dfteil unserer Mandatstr\u00e4ger M\u00e4nner sind? (...) Die NPD ist keine altbackene Herrensekte (...)\" 264 Solche Bekundungen sind jedoch nicht nur in sich zumindest partiell widerspr\u00fcchlich. Vollends konterkariert wird ihr vermeintlich emanzipatorischer Gehalt, wenn sie in der DS auf exakt derselben Seite mit einem halbseitigen Artikel publiziert werden, in dem antifeministische Rollenmuster von der Frau als nicht berufst\u00e4tiger Hausfrau und Mutter und vom Mann als zur Hausarbeit nicht geschaffenen Ern\u00e4hrer propagiert werden.265 262 Meldung \"NPD-Frauen schlie\u00dfen sich zusammen\" vom 13. September 2006, NPD-Homepage vom 11. Oktober 2006. 263 Meldung \",Ring Nationaler Frauen' gegr\u00fcndet\" vom 16. September 2006, RNF-Homepage vom 19. Oktober 2006. 264 DS Nr. 08/06 vom August 2006, Interview \"In der Verantwortung - Im September wird der Nationale Frauenring gegr\u00fcndet\", S. 20, \u00dcbernahme wie im Original. 265 Ebd., Artikel \"Kinderland in M\u00fctterhand - Gedanken einer deutschen Mutter\", S. 20. 169","5.1.2 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) Gr\u00fcndung: 1971 als eingetragener Verein 1987 als politische Partei Sitz: M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 800 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 900) ca. 8.500 Bund (2005: ca. 9.000) Sprachrohr: \"National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung\" (NZ) Bedeutung innerhalb des deutschen Rechtsextremismus und Aktivit\u00e4ten Noch in den 1990er-Jahren war die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) schon aufgrund der relativ hohen Zahl ihrer Mitglieder (1993: circa 26.000) ein zumindest quantitativ bedeutender Faktor innerhalb des deutschen Rechtsextremismus. Auch 2006 war sie die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei in Deutschland. Doch die Zahl von nunmehr circa 8.500 Parteizugeweiterhin h\u00f6rigen (2005: circa 9.000) dokumentiert ihren drastischen personellen deutliche Niedergang innerhalb der letzten 13 Jahre. In diesem Zeitraum b\u00fc\u00dfte auch Mitgliederverluste der baden-w\u00fcrttembergische DVU-Landesverband mit seinen mittlerweile nur noch circa 800 Mitgliedern (2005: circa 900) deutlich mehr als zwei Drittel seiner personellen Substanz ein (1993: circa 2.900). Hinzu kommt, dass die meisten DVU-Mitglieder heute wie damals eine ausgepr\u00e4gte Passivit\u00e4t an den Tag legen. Beispielsweise spielte 2006 selbst der seit Oktober 2005 amtierende baden-w\u00fcrttembergische DVU-Landesvorsitzende Heinrich DEINZER aus Dischingen/Krs. Heidenheim trotz seiner formal hohen Position weder in der Partei noch im Rest der rechtsextremistischen Szene eine auff\u00e4llige Rolle. Stattdessen wird die Partei seit ihrem Bestehen von ihrem Gr\u00fcnder und seither einzigen Bundesvorsitzenden, dem finanzkr\u00e4ftigen M\u00fcnchner Verleger Dr. Gerhard FREY, dominiert. Sie steht in einem weitgehenden finanziellen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zu ihm, was er dazu nutzt, jeden innerparteilichen Pluralismus oder gar Widerspruch zu unterbinden. Daher kann sich weder auf Bundesnoch auf Landesebene eine eigenst\u00e4ndige, nicht aus M\u00fcnchen gelenkte Parteiarbeit entwickeln. FREYs dominanter F\u00fchrungsstil hat zudem zur Folge, dass neben ihm kaum \u00fcberregional bekanntes, profiliertes DVU-F\u00fchrungspersonal existiert. Aktivit\u00e4ten des baden-w\u00fcrttembergischen Landesverbands sind kaum festPhantomstellbar. So verf\u00fcgt er wie die meisten der anderen DVULandesverb\u00e4nde charakter der nicht einmal \u00fcber eine eigene Internethomepage, was ein Schlaglicht auf Partei den Phantomcharakter der Partei wirft. Von den beiden DVU-Stammtischen in Aalen/Heidenheim und Schw\u00e4bisch Hall, die auf der DVU170","Rechtsextremismus Bundeshomepage und in der NZ beworben werden266, geht, soweit sie \u00fcberhaupt stattfinden, keine Au\u00dfenwirkung aus. Das Sprachrohr der DVU, die von FREY herausgegebene Wochenzeitung \"NationalNZ, ist das auflagenst\u00e4rkste und in der \u00d6ffentlichkeit wohl bekannteste Zeitung\" rechtsextremistische Presseorgan in Deutschland, womit ihm nicht nur f\u00fcr als Sprachrohr die Partei, sondern auch f\u00fcr die gesamte rechtsextremistische Szene eine nicht unerhebliche Bedeutung zukommt. Inhaltlich vertritt die NZ eindeutig rechtsextremistische Positionen, zum Beispiel auf dem Gebiet des Geschichtsrevisionismus. So leistete sie 2006 einem der weltweit bekanntesten Geschichtsrevisionisten, dem 2005 in \u00d6sterreich verhafteten, am 20. Februar 2006 vom Landgericht Wien wegen Versto\u00dfes gegen das NS-Verbotsgesetz zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren ohne Bew\u00e4hrung verurteilten Briten David IRVING, wiederholt publizistische Sch\u00fctzenhilfe.267 Wahlen Ihre gr\u00f6\u00dfte Bedeutung kommt der DVU noch als Wahlpartei zu. Auf diesem Gebiet ist sie erfolgreicher als jede andere rechtsextremistische Partei: Seit 1987 konnten rechtsextremistische Parteien dreizehnmal in deutsche Landesparlamente einziehen, davon allein achtmal die DVU. Allerdings waren drei ihrer Wahlerfolge einer Besonderheit des Bremer B\u00fcrgerschaftswahlrechts geschuldet.268 Diese Erfolge sind vor allem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass FREY seine Partei nur zu Wahlen antreten l\u00e4sst, bei denen er ihr eine wenigstens halbwegs realistische Aussicht auf Erfolg einr\u00e4umt,269 und dann auch bereit ist, erhebliche Summen in den Wahlkampf zu investieren. Momentan ist die DVU mit einer sechsk\u00f6pfigen Fraktion im brandenburgischen Landtag vertreten und mit einem einzelnen Abgeordneten in der Bremischen B\u00fcrgerschaft. Seit 266 NZ Nr. 36 vom 1. September 2006, S. 14. DVU-Homepage vom 27. Oktober 2006. 267 Siehe beispielsweise: NZ Nr. 5 vom 27. Januar 2006, Artikel \"Der Fall David Irving: Freiheit, die sie meinen - Iran oder Israel - wer gef\u00e4hrdet den Weltfrieden?\" von Dr. Gerhard FREY, S. 3-4. 268 Bei den Wahlen zur Bremischen B\u00fcrgerschaft muss eine Partei nur in einem der beiden Wahlgebiete, in Bremen oder Bremerhaven, die 5-Prozent-H\u00fcrde \u00fcberwinden, um in das Parlament einzuziehen. Lediglich bei der B\u00fcrgerschaftswahl 1991 gelang der DVU mit 6,2 Prozent im gesamten Land Bremen der Sprung in das Parlament in Fraktionsst\u00e4rke. 1987, 1999 und 2003 \u00fcberwand sie diese H\u00fcrde nur in Bremerhaven. 269 Die DVU trat seit 1987 daher nur zu 16 Landtagswahlen, einer Bundestagsund einer Europawahl an. 171","Januar 2005 ist die DVU durch den \"Deutschland-Pakt\" vor Konkurrenzkandidaturen durch die NPD gesch\u00fctzt, was sie allerdings nicht davor bewahrte, bei der einzigen Landtagswahl, zu der sie 2006 antrat (am Misserfolg in 26. M\u00e4rz in Sachsen-Anhalt), mit 3,0 Prozent der Stimmen relativ deutlich Sachsen-Anhalt an der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde zu scheitern. In Sachsen-Anhalt hatte die DVU noch bei der Landtagswahl 1998 mit 12,9 Prozent der Stimmen ihren bisher gr\u00f6\u00dften Wahlerfolg verbuchen k\u00f6nnen, war 2002 aber aufgrund heftiger fraktionsinterner Streitigkeiten, die bis zur Spaltung der Fraktion gef\u00fchrt hatten, nicht einmal mehr angetreten. 5.2 Parteien mit Anhaltspunkten f\u00fcr eine rechtsextremistische Zielsetzung 5.2.1 \"Die Republikaner\" (REP) Gr\u00fcndung: 1983 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 900 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 950) ca. 6.000 Bund (2005: ca. 6.500) Publikation: \"Zeit f\u00fcr Protest!\" \"Die Republikaner\" (REP) gleiten immer mehr in die Bedeutungslosigkeit ab. 1993 circa 23.000 Mitglieder stark und Mitte der 90er-Jahre sogar die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei in Deutschland, fielen die drastische REP im Jahr 2006 mit gerade einmal noch rund 6.000 Mitgliedern (2005: Mitgliederverluste circa 6.500) selbst hinter die traditionell mitgliederschwache NPD zur\u00fcck (circa 7.000). In Baden-W\u00fcrttemberg lag die Partei mit rund 900 Parteig\u00e4ngern (2005: circa 950) zwar noch vor DVU (circa 800) und NPD (circa 400), doch sind auch hier seit Jahren in der Summe drastische Mitgliederverluste zu verzeichnen (REP in Baden-W\u00fcrttemberg 1993: circa 2.500 Mitglieder). Auch die REP-Landtagswahlergebnisse des Jahres 2006 dokumentieren den Bedeutungsverlust der Partei. Insbesondere ihr Abschneiden bei der badenw\u00fcrttembergischen Landtagswahl am 26. M\u00e4rz 2006 geriet den REP zur Entt\u00e4uschung: Obwohl sie Kandidaten in allen 70 Wahlkreisen hatten aufstellen k\u00f6nnen, erreichten sie nur 2,5 Prozent der Stimmen. 2001 waren sie mit 4,4 Prozent nur relativ knapp an der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde gescheitert und aus dem Landtag ausgeschieden. Das baden-w\u00fcrttembergische Wahlergebnis l\u00e4sst - zusammen mit dem noch schlechteren Abschneiden der Partei in Rheinland-Pfalz (Landtagswahl am 26. M\u00e4rz 2006: 1,7 Prozent), Sachsen172","Rechtsextremismus Anhalt (Landtagswahl am 26. M\u00e4rz 2006: 0,5 Prozent) und Berlin (AbgeWahlniederlagen ordnetenhauswahl am 17. September 2006: 0,9 Prozent) - au\u00dferdem darauf schlie\u00dfen, dass die REP-Bundesf\u00fchrung mit ihrem innerparteilich ohnehin umstrittenen Kurs der Abgrenzung gegen\u00fcber (anderen) Rechtsextremisten es nicht geschafft hat, die Attraktivit\u00e4t der Partei auf breitere W\u00e4hlerschichten zu erh\u00f6hen. Schon seit Jahren gilt: Nicht jedes einzelne REP-Mitglied verfolgt verfassungsfeindliche Ziele. Zudem setzten sich auf dem Bundesparteitag der REP am 9./10. Dezember 2006 im bayerischen H\u00f6chstadt die Bef\u00fcrworter des bisherigen Abgrenzungskurses gegen\u00fcber den rechtsextremistischen Parteien NPD und DVU erneut durch. Diese Beschlusslage veranlasst immer mehr Rechtsextremisten innerwie au\u00dferhalb der Partei, die Partei zu verlassen beziehungsweise in den REP, zumindest aber in dem dominierenden Fl\u00fcgel der Abgrenzungsbef\u00fcrworter politische Gegner zu sehen, die der rechtsextremistischen Szene nicht (mehr) zuzurechnen seien. Gleich2006 noch Anwohl waren in Teilen der REP im Jahr 2006 weiterhin tats\u00e4chliche Anhaltshaltspunkte f\u00fcr punkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen gegeben, insbesondere im rechtsextremisHinblick auf eine Zusammenarbeit mit NPD und DVU. tische Bestrebungen 6. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten 6.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"HohenrainVerlag\" Der 1953 von Dr. Herbert GRABERT (verstorben 1978) in T\u00fcbingen als \"Verlag der deutschen Hochschullehrerzeitung\" gegr\u00fcndete \"GRABERT-Verlag\" firmiert seit 1974 unter seinem jetzigen Namen. Seit 1972 fungiert GRABERTs Sohn Wigbert als Verlagsleiter und seit dem Tod seines Vaters als alleiniger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Der Verlag z\u00e4hlt aber nicht nur zu den \u00e4ltesten, sondern auch zu den bedeutendsten organisationsunabh\u00e4ngigen rechtsextremistischen Verlagen in Deutschland: Mittlerweile hat er sich mehrere Tochterunternehmen zugelegt, darunter den 1985 gegr\u00fcndeten und ebenfalls in T\u00fcbingen ans\u00e4ssigen \"Hohenrain-Verlag\", der wie der \"GRABERTVerlag\" seit 2004 mit einer eigenen Seite im Internet vertreten ist. \u00dcber die \"Versandbuchhandlung GRABERT\" vertreiben die beiden Verlage ihre Produkte jedoch auch weiterhin auf konventionelle Weise. Die Mitglieder des \"Deutschen Buchkreises\" sind berechtigt, B\u00fccher der beiden Verlage unter bestimmten Bedingungen zu g\u00fcnstigeren Konditionen zu beziehen. 173","In den relativ zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen des \"GRABERT-\" und des \"Hohenrain-Verlages\" werden immer wieder entschieden rechtsextremistische Positionen propagiert. Schon mehrfach wurden daher Publikationen der beiden Verlage wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfens Verstorbener eingezogen und/oder von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) indiziert. So wurden am 8. Juni 2006 auf Anordnung des Amtsgerichts T\u00fcbingen die Restexemplare der Nummer 1 vom M\u00e4rz 2006 aus dem 54. Jahrgang der viertelj\u00e4hrlich in T\u00fcbingen erscheinenden Zeitschrift \"Deutschland in Geschichte und Gegenwart\" (DGG; Untertitel: \"Zeitschrift f\u00fcr Kultur, Geschichte und Politik\") beschlagnahmt. Wigbert GRABERT, wurde am 6. Februar 2007 in dieser Sache wegen Volksverhetzung (SS 130 StGB) vom Amtsgericht T\u00fcbingen zu einer Freiheitsstrafe von drei Monaten auf Bew\u00e4hrung verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig. GRABERT gibt (laut Impressum in Zusammenarbeit mit dem faktisch inexistenten \"Institut f\u00fcr deutsche Nachkriegsgeschichte\") die pseudowissenschaftlich aufgemachte, meist 50-seitige DGG heraus. In dem in diesem Zusammenhang vom Amtsgericht T\u00fcbingen inkriminierten Artikel \"Bericht aus Finnland\" eines mutma\u00dflichen Finnen hei\u00dft es unter anderem: \"(...) in Finnland gab es im zur\u00fcckliegenden Sommer und Herbst eine erschreckende Vielzahl von F\u00e4llen brutaler Gewalt und Kriminalit\u00e4t von Immigranten gegen die Volksangeh\u00f6rigen unseres Landes. Obwohl die Zeitungen wie auf geheime Anordnung zum Beispiel die vielen Gruppenvergewaltigungen finnischer Frauen und M\u00e4dchen durch Negerbanden im letzten Sommer verschwiegen, kamen diese trotz der offensichtlichen Zensur ans Tageslicht. (...) Kann es sein, dass es hier um etwas ganz anderes geht als um Schutz vor Verfolgung oder um ''Bereicherung' durch Multikultur - zum Beispiel um eine spezielle Methode von V\u00f6lkermord?\" 270 In einem dem Artikel zur Seite gestellten Text der beiden finnischen \u00dcbersetzer werden dieselben verschw\u00f6rungstheoretischen und fremdenfeindlich-rassistischen Behauptungen inhaltlich wiederholt und ausgeweitet: \"In 270 DGG Nr. 1 vom M\u00e4rz 2006, Artikel \"Bericht aus Finnland. Multikultur - eine unm\u00f6gliche Vision\", S. 1012, hier: S. 11-12, \u00dcbernahme wie im Original. 174","Rechtsextremismus Schweden ist die Situation mit den Vergewaltigungen durch Negerbanden ebenfalls sehr schlimm (...)\".271 Mit dem \"Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten\" verf\u00fcgt rechtsextremisder \"GRABERT-Verlag\" \u00fcber ein weiteres Periodikum, das sogar alle zwei tische Publizistik Monate erscheint, daf\u00fcr aber weit weniger umfangreich ist als die DGG. Der rechtsextremistische Charakter vieler der im \"Euro-Kurier\" ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge, die zu einem erheblichen Teil auch der Werbung f\u00fcr Publikationen aus den beiden Verlagen dienen, steht demjenigen der meisten DGGArtikel in Nichts nach. 6.2 \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V.\" (GFP) Die \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e. V.\" (GFP) wurde 1960 von ehemaligen SSund NSDAP-Angeh\u00f6rigen gegr\u00fcndet, ist heutzutage jedoch trotz ihrer eindeutig rechtsextremistischen Ausrichtung nicht dem neonazistischen Spektrum zuzurechnen. Wie schon 2005 verf\u00fcgt sie bundesweit \u00fcber circa 500 und in Baden-W\u00fcrttemberg \u00fcber circa 40 Mitglieder. Sie bleibt damit die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Kulturvereinigung in Deutschland und rekrutiert sich vor allem aus rechtsextremistischen Verlegern, Redakteuren, Publizisten und Buchh\u00e4ndlern. Ihr Mitteilungsblatt \"Das Freie Forum\" erscheint viertelj\u00e4hrlich. Zum GFP-Jahreskongress unter dem Motto \"Sturm auf Europa\" (Untertitel des Kongress-Reports: \"Europa im Fadenkreuz von Masseneinwanderung und Amerikanismus\") versammelten sich diesmal nach GFP-Angaben \"knapp 300 Teilnehmer\" (2005: \u00fcber 300) vom 28. bis 30. April 2006 in Bayreuth.272 Die personelle Verflechtung der GFP-F\u00fchrung mit der NPD wird immer enger: Seit dem Jahreskongress 2005 amtiert der stellvertretende Chefredakteur der NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimme\", Andreas MOLAU, als GFP-Vorsitzender. Sein langj\u00e4hriger Vorg\u00e4nger, Dr. Rolf KOSIEK, aus N\u00fcrtingen ist seither nur noch einer von zwei stellvertretenden Vorsitzenden. Im GFP-Vorstand sitzt zudem bereits seit Jahren der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesvorsitzende J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER. Seit Ende 2006 geh\u00f6rt das GFP-Vorstandsmitglied Dr. Olaf ROSE dem Parlamentarischen Beratungsdienst der s\u00e4chsischen NPD-Fraktion an.273 271 Ebd., S. 11. 272 Beitrag \"Bericht vom GFP-Kongress 2006 im April unter dem Motto: ''Sturm auf Europa'\", GFP-Homepage vom 31. Oktober 2006. 273 Meldung \"NPD-Fraktion erh\u00e4lt kompetente Verst\u00e4rkung - Dr. Olaf Rose wird Parlamentarischer Berater der Nationaldemokraten im S\u00e4chsischen Landtag\" vom 6. Oktober 2006, Homepage der s\u00e4chsischen NPD-Landtagsfraktion vom 31. Oktober 2006. 175","7. Aktionsfeld Geschichtsrevisionismus274: Ein Beispiel f\u00fcr die internationale Dimension des Rechtsextremismus Die rechtsextremistische Geschichtsrevisionistenszene hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte immer st\u00e4rker internationalisiert. Unter ihren Protagointernationale nisten waren beziehungsweise sind neben Deutschen zum Beispiel auch Vernetzung Briten, Franzosen oder US-Amerikaner anzutreffen. Diese Tatsache mag auf den ersten Blick erstaunen, da es rechtsextremistischen Geschichtsrevisionisten doch (unter anderem) darum geht, das nationalsozialistische Deutschland von der Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Gegensatz zu den historischen Fakten freizusprechen, im Gegenzug jedoch den Kriegsgegnern des \"Dritten Reiches\" - also zum Beispiel Gro\u00dfbritannien, Frankreich oder den USA - diese Schuld in die Schuhe zu schieben. Trotzdem f\u00fchlen sich nichtdeutsche Geschichtsrevisionisten - offenbar aus mehr oder minder gro\u00dfer ideologischer N\u00e4he zum Nationalsozialismus - dem historischen Ansehen des \"Dritten Reiches\" mehr verpflichtet als dem ihrer eigenen Nation. Schw\u00e4chung Schon 2005 wurde die internationale rechtsextremistische Geschichtsrevider Szene sionistenszene personell erheblich geschw\u00e4cht. Damals gingen insgesamt vier ihrer f\u00fchrenden Protagonisten den deutschen beziehungsweise \u00f6sterreichischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden ins Netz. Am 1. M\u00e4rz 2005 wurde der aus Baden-W\u00fcrttemberg stammende Ernst Z\u00dcNDEL von den kanadischen Beh\u00f6rden nach Deutschland abgeschoben und befindet sich seither in Haft. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte gegen ihn seit 1996 unter anderem wegen des Verdachts der Volksverhetzung (SS 130 StGB) ermittelt und 2003 den nun vollstreckten Haftbefehl erlassen. Im November 2005 begann vor dem Landgericht Mannheim der Prozess gegen Z\u00dcNDEL, der mehrmals ausgesetzt wurde und am 15. Februar 2007 mit einer Verurteilung Z\u00dcNDELs endete: Das Gericht erkannte wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener (SSSS 130, 185 und 189 StGB) auf die H\u00f6chststrafe von f\u00fcnf Jahren Haft. Gegen dieses Urteil legten Z\u00dcNDELs Verteidiger beim Bundesgerichtshof Revision ein. 274 Definition vgl. Kap. 1.3. 176","Rechtsextremismus Der Haftbefehl gegen den am 1. November 2005 von den niederl\u00e4ndischen Beh\u00f6rden an die Bundesrepublik ausgelieferten belgischen Geschichtsrevisionisten Siegfried VERBEKE wurde auf Beschluss des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 5. Mai 2006 gegen Zahlung einer Kaution von 1.000 Euro au\u00dfer Vollzug gesetzt. Grund f\u00fcr diesen Schritt war die aus Sicht des Gerichts unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig lange Untersuchungshaft. VERBEKE musste jedoch seinen Pass hinterlegen und darf sich unter strengen Meldeauflagen nur in Deutschland und Belgien aufhalten. Laut Pressemitteilung vom 18. April 2006 hatte die Staatsanwaltschaft Mannheim gegen VERBEKE Anklage wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener erhoben. Seine Festnahme im August 2005 in Amsterdam war auf Grundlage eines internationalen Haftbefehls des Amtsgerichts Mannheim erfolgt. strafprozessuale Erfolge Der am 14. November 2005 von den USA nach Deutschland abgeschobene Germar RUDOLF hat mittlerweile seine 14-monatige Freiheitsstrafe verb\u00fc\u00dft, zu der er 1995 vom Landgericht Stuttgart wegen Volksverhetzung in Tateinheit mit Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, Beleidigung und Aufstachelung zum Rassenhass verurteilt worden war275 und der er sich 1996 durch Flucht ins Ausland entzogen hatte. Allerdings begann am 14. November 2006 vor dem Landgericht Mannheim bereits der n\u00e4chste Prozess gegen RUDOLF. Am 15. M\u00e4rz 2007 wurde er wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener in zwei F\u00e4llen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Noch im Gerichtssaal nahm RUDOLF das Urteil an, das somit rechtskr\u00e4ftig ist. Der bekannte britische Geschichtsrevisionist David IRVING, der am 11. November 2005 w\u00e4hrend eines Aufenthaltes in \u00d6sterreich verhaftet worden war, wurde am 20. Februar 2006 vom Landgericht Wien wegen Versto\u00dfes gegen das NS-Verbotsgesetz zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren ohne Bew\u00e4hrung verurteilt. Seit 1989 hatte in \u00d6sterreich ein Haftbefehl gegen IRVING in dieser Sache bestanden. Gegen das Urteil legten beide Seiten Berufung ein. In der Berufungsverhandlung wurde das Strafma\u00df zwar best\u00e4tigt, doch setzten die Richter zwei Drittel der Strafe nun 275 Gegenstand des Verfahrens war unter anderem das so genannte \"Rudolf-Gutachten\", ein wissenschaftlich aufgemachtes Scheingutachten, mit dem der Chemiker die Existenz von Gaskammern in Konzentrationslagern widerlegen wollte. 177","zur Bew\u00e4hrung aus, so dass IRVING am 20. Dezember 2006 aus der Haft entlassen wurde. Am 21. Dezember 2006 erfolgte die Ausweisung IRVINGs aus \u00d6sterreich. Er wurde zudem mit einem lebenslangen Aufenthaltsverbot belegt. \"HolocaustDie internationale Dimension des rechtsextremistischen GeschichtsrevisioKonferenz\" nismus kam insbesondere auf der so genannten \"Holocaust-Konferenz\" am in Iran 11./12. Dezember 2006 in der iranischen Hauptstadt Teheran zum Ausdruck. Unter den Teilnehmern der Konferenz, die unter dem Motto \"Review of the Holocaust: Global Vision\" von dem iranischen \"Institute for Political and International Studies\" ausgerichtet wurde, befanden sich einschl\u00e4gig bekannte Geschichtsrevisionisten und andere Rechtsextremisten unter anderem aus Deutschland, Frankreich, den USA, \u00d6sterreich, der Schweiz und Australien. Allerdings konnten mehrere prominente Protagonisten der Geschichtsrevisionistenszene nicht nach Teheran anreisen, weil sie sich zum Zeitpunkt der Konferenz in Europa in Haft befanden. Dem ehemaligen baden-w\u00fcrttembergischen NPD-Landessowie fr\u00fcheren NPD-Bundesvorsitzenden G\u00fcnter DECKERT, der wegen Leugnung des Holocaust bereits verurteilt wurde, entzog die Stadt Weinheim den Reisepass,276 so dass er zu der Teheraner \"Holocaust-Konferenz\" ebenfalls nicht anreisen konnte. Rechtsextremistische Geschichtsrevisionisten verbreiten ihre Thesen h\u00e4ufig \u00fcber das Internet, da sie sich hier vor Strafverfolgung sicher f\u00fchlen. Dieser Kalkulation steht aber ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs vom 12. Dezember 2000 entgegen, wonach sich auch in Deutschland strafbar macht, wer \u00c4u\u00dferungen, die den Tatbestand der Volksverhetzung im Sinne des SS 130 Abs. 1 oder des SS 130 Abs. 3 StGB erf\u00fcllen (\"Auschwitz-L\u00fcge\") und die konkret zur Friedensst\u00f6rung im Inland geeignet sind, auf einem ausl\u00e4ndischen, aber Internetnutzern in Deutschland zug\u00e4nglichen Server in das Internet einstellt. Aber das World Wide Web ist nicht das einzige Medium, \u00fcber das geschichtsrevisionistische Thesen Verbreitung finden. Die zweimonatlich bei der rechtsextremistischen \"VGB Verlagsgesellschaft Berg mbH\" im bayerischen Inning erscheinende rechtsextremistische Zeitschrift \"Deutsche Geschichte - Europa und die Welt\" (DG) widmet sich auf \u00fcber 60 Seiten schwerpunktm\u00e4\u00dfig historischen Themen, die f\u00fcr die rechtsextremistische Szene aus verschiedenen ideologischen Gr\u00fcn276 Gem\u00e4\u00df SSSS 10, 7 Abs. 1 Passgesetz kann einem Deutschen die Ausreise unter anderem dann untersagt werden, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass er die innere oder \u00e4u\u00dfere Sicherheit oder sonstige erhebliche Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrdet. 178","Rechtsextremismus den von Bedeutung sind. Das umfasst auch geschichtsrevisionistische Umdeutungen der f\u00fcr Rechtsextremisten neuralgischen Ereignisse, ohne dass dabei jedoch strafrechtliche Normen verletzt werden. Im Redaktionsbeirat der Zeitschrift und unter ihren wechselnden Mitarbeitern befinden sich mehrere einschl\u00e4gige Rechtsextremisten. Mit ihrem unverd\u00e4chtigen pseudowissenTitel und ihrer bunten, oberfl\u00e4chlich ansprechenden Titelseite \u00e4hnelt sie im schaftlicher Layout einigen der auf dem Markt befindlichen popul\u00e4rwissenschaftlichen Charakter Geschichtszeitschriften, die nicht extremistisch ausgerichtet sind. Das f\u00fchrt dazu, dass sie leicht mit diesen unbedenklichen Publikationen verwechselt werden kann und manchmal im \u00f6ffentlichen Zeitschriftenhandel neben diesen angeboten wird. Die DG tritt auch als Veranstalterin von Tagungen und Vortragsveranstaltungen auf. So k\u00fcndigte sie in ihrer Oktober-Ausgabe 2006 eine geschlossene Vortragsveranstaltung zum Thema \"Wer wollte den Zweiten Weltkrieg? Kriegsursachen 1939/41\" f\u00fcr den 25. November 2006 \"im Raum T\u00fcbingen, Ludwigshafen, Esslingen\" an, die dann auch - allerdings in Stuttgart - stattfand. Schon am 6. Mai 2006 hatte die DG in M\u00fcnchen nach eigenen Angaben \"in Zusammenarbeit mit der\" in T\u00fcbingen erscheinenden rechtsextremistischen Vierteljahresschrift \"Deutschland in Geschichte und Gegenwart\" zu dem \u00e4hnlich lautenden Thema \"'Wollte Adolf Hitler den Krieg?' ein historisches Seminar\" veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sprach laut DG einer der Vortragenden im Zusammenhang mit dem Kriegsausbruch 1939 von \"entscheidenden Bem\u00fchungen der damaligen Reichsregierung, die den Frieden retten wollte und um beinahe alles in der Welt einen Krieg zu vermeiden suchte.\" 277 Die in dieser Aussage zum Ausdruck kommende, jeden seri\u00f6sen Forschungsstand ignorierende Behauptung, Hitler-Deutschland habe nicht einmal den Krieg gegen Polen gewollt und sei daher g\u00e4nzlich unschuldig am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gewesen, geh\u00f6rt zu den klassischen Konstanten in der verzerrten Realit\u00e4tswahrnehmung rechtsextremistischer Geschichtsrevisionisten. 8. Theorieund Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus (Rechts)extremistische Ideologien reduzieren die komplexen Realit\u00e4ten des modernen Lebens auf wenige ideologische Leits\u00e4tze, pr\u00e4sentieren zur Erkl\u00e4rung (vermeintlicher und tats\u00e4chlicher) gesellschaftlicher Missst\u00e4nde wenige Feindbildgruppen (zum Beispiel Juden oder Ausl\u00e4nder) als \"Alleinschuldige\" und bieten vermeintlich einfache L\u00f6sungen f\u00fcr tats\u00e4chlich schwierige Probleme an. Eine solche Vereinfachung der komplizierten 277 DG Ausgabe 84 vom Juli/August 2006, Veranstaltungsbericht \"Wer wollte den Zweiten Weltkrieg wirklich?\", S. 60-61. Eine DVD, auf der die Vortr\u00e4ge dieser Veranstaltung in Bild und Ton aufgezeichnet sind, bewirbt die DG auf dem r\u00fcckw\u00e4rtigen Cover dieser Ausgabe. 179","Hang zur Wirklichkeit und die Verhei\u00dfung simpler Probleml\u00f6sungen k\u00f6nnen gerade Vereinfachung f\u00fcr tendenziell weniger gebildete und intellektuelle Menschen sehr attraktiv sein. Daneben existiert eine nicht unerhebliche Zahl rechtsextremistischer Intellektueller. Es reicht ein Blick auf die Erfolge, die der NS-Studentenbund schon vor 1933 an deutschen Universit\u00e4ten verbuchen konnte, um festzustellen, dass selbst eine \u00e4u\u00dferst fanatische Rechtsextremismusvariante wie der Nationalsozialismus auch f\u00fcr formal hoch qualifizierte, mutma\u00dflich intelligente und gebildete Menschen durchaus attraktiv sein kann. Heutzutage kann von einer \u00e4hnlichen Verankerung des Rechtsextremismus, gar des Neonazismus an den deutschen Universit\u00e4ten keine Rede sein. Auch sind, wie Wahlanalysen belegen, formal hoch qualifizierte W\u00e4hler (zum Beispiel Akademiker) innerhalb der W\u00e4hlerschaft rechtsextremistischer Parteien in der Regel deutlich unterrepr\u00e4sentiert. Die aus diesen Tatsachen sprechende tendenziell geringe Attraktivit\u00e4t des heutigen deutschen Rechtsextremismus auf bildungsnahe Bev\u00f6lkerungsschichten kommt nicht eklatante von ungef\u00e4hr: Denn ein eklatanter Mangel an ideologisch-theoretischer M\u00e4ngel Homogenit\u00e4t und Fundierung zusammen mit - nicht zuletzt daraus resultierender - Zerstrittenheit und organisatorischer Zersplitterung z\u00e4hlen schon seit Jahrzehnten zu den schwerstwiegenden internen Problemen, mit denen sich der aktuelle Rechtsextremismus konfrontiert sieht und die sein \u00f6ffentliches Erscheinungsbild entsprechend negativ pr\u00e4gen. Bereits seit Jahren versuchen daher einige rechtsextremistische Zirkel, Periodika und Fortbildungseinrichtungen, aber auch einzeln agierende rechtsextremistische Intellektuelle, diese Defizite abzubauen und die rechtsextremistische Szene auf breiter Front mit einem m\u00f6glichst einheitlichen ideologischen und intellektuellen R\u00fcstzeug zu versehen, um damit in der Konsequenz ihre Attraktivit\u00e4t auf bildungsnahe Schichten zu erh\u00f6hen, aber auch ihrer organisatorischen Zersplitterung Herr zu werden. Bisher war ihnen damit aber kaum Erfolg beschieden. Das \"Deutsche Kolleg\" (DK), das als Kontaktadresse ein Postfach in W\u00fcrzburg angibt, bezeichnet sich selbst als \"Schwert und Schild des Deutschen Geistes\", als \"geistige Verbindung reichstreuer Deutscher und reichstreuer Schutzgenossen des Deutschen Volkes\" und \"somit\" als \"Denkorgan des Deutschen Reiches\".278 Hinter dieser Selbstcharakterisierung verbirgt sich eine kleine Gruppe rechtsextremistischer Theoretiker, in deren Verlautbarungen immer wieder ein besonders fanatischer Rechtsextremismus zum Ausdruck kommt. Das DK verbreitet entsprechende Positionspapiere \u00fcber seine eigene Internet-Homepage und f\u00fchrt Schulungsveranstaltungen durch. 278 DK-Homepage vom 2. November 2006. 180","Rechtsextremismus Die \"Deutsche Akademie\" (DA) gibt auf ihrer neu gestalteten Homepage als Kontaktadresse ein Postfach in Wuppertal an. Der DA steht ein zweik\u00f6pfiger Sprecherrat vor. In ihrer \"Selbstdefinition\" bezeichnet sich die DA als \"eine parteiunabh\u00e4ngige Initiative national gesinnter Deutscher, die an der geistigen Wiedergeburt ihres Volkes arbeiten\". In ihrem Zwischenziel der \"Heranbildung einer geistigen Gegenelite zum pseudodemokratischen Vasallensystem auf deutschem Boden\" kommt die verfassungsfeindliche Sto\u00dfrichtung der DA schon sehr viel deutlicher zum Ausdruck.279 Langfristinationalges Ziel der DA ist die nationalrevolution\u00e4re \u00dcberwindung der bundesrevolution\u00e4re deutschen Verfassungsordnung, getreu ihrem Motto \"Ohne revolution\u00e4re Theorien Theorie keine revolution\u00e4re Praxis\". Um ihr rechtsextremistisches Gedankengut zu verbreiten, \"f\u00fchrt\" die DA \"mehrmals im Jahr Wochenend-Seminare zu unterschiedlichen Themen durch\", zum Beispiel zum Thema \"nationalrevolution\u00e4r heute\".280 Zumindest Teile der NPD bem\u00fchen sich verst\u00e4rkt darum, sich in die Theorieund Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus einzubringen. So hat beispielsweise die NPDParteizeitung \"Deutsche Stimme\" in den letzten Jahren den Charakter eines f\u00fchrenden rechtsextremistischen Theorieund Strategieorgans angenommen. Ebenfalls dem Willen zur intellektuellen Unterf\u00fctterung und Propagierung rechtsextremistischer Ideologieelemente f\u00fchlen sich die im Umfeld der s\u00e4chsischen NPD-Fraktion angesiedelte so genannte \"Dresdner Schule\" und deren organisatorische Konkretisierung, das \"Bildungswerk f\u00fcr Heimat und nationale Identit\u00e4t e. V.\" (i. G.) (BHNI), verpflichtet. Die Vertreter der \"Dresdner Schule\" gerieren sich als \"Dresdner Schule\" lose gruppierter rechtsextremistischer \"Think Tank\", der sich inhaltlich als ideologischer Gegenentwurf zur \"Frankfurter Schule\"281 anpreist. Da die \"Dresdner Schule\" den politischen und sonstigen demokratischen Eliten der Bundesrepublik unterstellt, seit der Studentenrevolte von 1968 unter dem Einfluss und in der Tradition der \"Frankfurter Schule\" zu stehen, ist ihr Wirken letztlich und ausdr\u00fccklich gegen diese Eliten gerichtet: \"Das heutige BRD-Establishment in Politik, Medien und Kulturbetrieb ist das geistige Deformationspro279 \"Selbstdefinition\" vom Januar 2005, DA-Homepage vom 2. November 2006. 280 DA-Homepage vom 2. November 2006. 281 Bezeichnung f\u00fcr den Kreis von Sozialund Kulturwissenschaftlern um Max Horkheimer und das Frankfurter \"Institut f\u00fcr Sozialforschung\" sowie die hier entwickelten, auf Karl Marx und Sigmund Freud basierenden soziologisch-philosophischen Lehren (auch: \"Kritische Theorie\"). 181","dukt der Frankfurter Schule. (...) Die Achtundsechziger, und damit die charakterlich und geistig verlumpte Klasse, welche die Schaltstellen in Politik, Medien und Kulturbetrieb besetzt hat, sind die Ziehs\u00f6hne ebendieser Frankfurter Schule. (...) Wer den politischen Kampf gegen die volkswie staatszersetzende BRD-Nomenklatura aufnehmen will, muss die Frankfurter Schule als deren Ideengeberin erkennen und eine geistig-politische Gegenfront aufbauen. Mit der 'Dresdner Schule' (...) hat sich diese Front gegen die herrschenden Volksund Staatsabwickler aufgebaut. (...) Es ist etwas im Entstehen begriffen, dem die geistlos, korrupt und feige gewordenen Nachkommen der Frankfurter Schule nicht gewachsen sind: der organisierten Intelligenz einer selbstbewussten deutschen Nation!\" 282 Das BHNI wurde nach NPD-Angaben bereits im April 2005 in den R\u00e4umen der s\u00e4chsischen NPD-Fraktion gegr\u00fcndet, nahm aber laut eigener Pressemitteilung erst mit einer Veranstaltung am 6. Juli 2006 in Dresden die Arbeit auf. Bei dieser Gelegenheit sprach der Vorsitzende Peter DEHOUST \"von der einstweilen noch ungesicherten Finanzierung\" des Bildungswerks, womit ein wichtiger Grund f\u00fcr die gut einj\u00e4hrige Unt\u00e4tigkeit des BHNI benannt sein d\u00fcrfte.283 Die 1951 gegr\u00fcndete, in der Regel monatlich im bayerischen Coburg \"Nation & Europa\" erscheinende Zeitschrift \"Nation & Europa - Deutsche Monatshefte\" ist das \u00e4lteste rechtsextremistische Theorieund Strategieorgan und damit eine der langlebigsten Konstanten des deutschen Nachkriegsrechtsextremismus. Ihre Auflage betr\u00e4gt 18.000 Exemplare. Au\u00dferdem ist sie mit einer eigenen Seite im Internet vertreten. 9. Aktionsfelder Generell kommentieren deutsche Rechtsextremisten diejenigen gesamtgesellschaftlichen Debatten, bei denen sie Themen mitten in der Gesellschaft breit diskutiert sehen, die aus ihrer Sicht bislang von der Mehrheitsgesellschaft vernachl\u00e4ssigt wurden, in der rechtsextremistischen Szene aber einen hohen Stellenwert einnehmen. Rechtsextremisten verbinden mit solchen 282 Erkl\u00e4rung \"Wesen und Wollen der ''Dresdner Schule'\" vom 3. Mai 2005, NPD-Homepage vom 2. November 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 283 Beitrag \"Bildungswerk f\u00fcr Heimat und nationale Identit\u00e4t nimmt Arbeit auf\", Homepage des NPDKreisverbandes L\u00f6bau-Zittau vom 12. Oktober 2006. 182","Rechtsextremismus Diskussionen die Hoffnung, dass zuk\u00fcnftig nicht nur diese Themen gesamtgesellschaftliche Diskursf\u00e4higkeit erlangen, sondern auch rechtsextremistische Positionen zu diesen Themen. Dementsprechend interpretieren sie Aufgreifen gesolche Debatten immer wieder als begr\u00fc\u00dfenswerte Tabubr\u00fcche, die eine samtgesellschafttief greifende Trendwende des Zeitgeistes, einen umfassenden politischlicher Debatten kulturellen Paradigmenwechsel in Deutschland einleiten sollen. In den letzten Jahren wurden zum Beispiel die Antisemitismusbeziehungsweise die Vertreibungsdebatte von 2002 und die Bombenkriegsdebatte von 2003 von deutschen Rechtsextremisten in dieser Weise interpretiert. 2006 traf dies auf die Patriotismusdebatte sowie auf die Debatte um einen vermeintlichen so genannten \"Kampf der Kulturen\" zwischen westlicher und islamischer Welt zu. 9.1 Rechtsextremistische Positionen zur Patriotismusdebatte anl\u00e4sslich der Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft Dass die nicht erst durch die Fan-Euphorie w\u00e4hrend der Weltmeisterschaft, sondern teilweise schon vor dem 9. Juni im Feuilleton und durch Buchpublikationen ausgel\u00f6ste Patriotismusdebatte in der rechtsextremistischen Szene auf ein positives Echo sto\u00dfen w\u00fcrde, war zu erwarten. Und tats\u00e4chlich wurde sie mehrheitlich positiv bis euphorisch von der Szene aufgenommen. Dennoch mischten sich in die rechtsextremistischen Kommentare immer wieder auch Zweifel, ob diese Debatte und die Richtung, die sie nahm, wirklich im rechtsextremistischen Sinne waren. Die zentrale Frage, die dabei immer wieder durchschien, lautete sinngem\u00e4\u00df: Bezog sich der Patriotismus, der sich im Zuge der WM Bahn brach, konkret auf die Bundesrepublik als politisch-konstitutionelles System oder allgemeiner auf Deutschland als Heimat der deutschen \"Volksgemeinschaft\". Das macht f\u00fcr systemoppositionelle Rechtsextremisten einen entscheidenden Unterschied, wie zum Beispiel in der Plakataktion zum Ausdruck kam, die im Vorfeld der WM vom sp\u00e4ter durch das brandenburgische Innenministerium verbotenen \"Schutzbund Deutschland\" unter anderem auch im Landkreis Freudenstadt und im Zollernalbkreis gegen einen farbigen deutschen Nationalspieler betrieben wurde: \"Nein [Vorname des Spielers], Du bist nicht Deutschland[,] Du bist BRD!\" Denn im Falle, dass die patriotischen Emotionen des Sommers 2006 sich konkret auf die Bundesrepublik Deutschland bez\u00f6gen, wirkte das aus rechtsextremistisch-systemoppositioneller Sicht systemstabilisierend und damit Bestrebungen entgegen, \"Volksgemeindie Bundesrepublik durch ein nach rechtsextremistischen Ma\u00dfst\u00e4ben (zum schaft\" Beispiel als \"Volksgemeinschaft\") organisiertes Deutschland zu ersetzen. 183","Auch dr\u00e4ngte die Form, in der deutsche Fu\u00dfballfans ihre patriotische Begeisterung zum Ausdruck brachten, Rechtsextremisten die Frage auf, ob es sich hier wirklich um einen politischen, in ihrem Sinne instrumentalisierbaren Patriotismus handelte oder lediglich um einen Pseudo-Patriotismus, der nach ihrer Meinung unpolitischen Massen nur als Anlass und Vorwand f\u00fcr Massenvergn\u00fcgungen gedient habe, bei denen Schwarz-Rot-Gold284 lediglich als Accessoire und das Deutschlandlied nur als Partyhit fungiert h\u00e4tten. Ohnehin bezeichnet sich ein erheblicher Teil der deutschen Rechtsextremisten (zum Beispiel Neonazis) gar nicht prim\u00e4r als Patrioten, sondern als \"Nationalisten\", fr\u00f6nen also einem Nationalismus, der sich bei genauerer Betrachtung oft sogar als Chauvinismus und/oder Rassismus entpuppt, der aus einem - zuweilen als Ethnopluralismus verbr\u00e4mten - rasRassismus sistischen Nationsverst\u00e4ndnis heraus Deutsche nichtdeutscher Abstammung aus der deutschen \"Volksgemeinschaft\" ausschlie\u00dfen will, wie manche rechtsextremistischen \u00c4u\u00dferungen in Bezug auf farbige deutsche Nationalspieler belegen. Beispielsweise sprach zu WM-Beginn im Juni 2006 der NPD-Bundesvorsitzende Udo VOIGT, sich dabei vordergr\u00fcndig von rassistischen zugunsten ethnopluralistischer Vorstellungen distanzierend, einem namentlich genannten farbigen Nationalspieler rundheraus ab, ein Deutscher zu sein oder auch nur sein zu k\u00f6nnen. Aus verschiedenen Gr\u00fcnden protestiere die NPD unter seiner F\u00fchrung (\"wir\" ) \"(...) gegen die Versuche, das bereits gescheiterte Modell einer multikulturellen Gesellschaft nun auf Nationalmannschaften \u00fcbertragen zu wollen. Wir haben dies immer abgelehnt, nicht etwa, weil es f\u00fcr uns eine qualitative Werteordnung unter den verschiedenen Menschen, Kulturen und Rassen g\u00e4be, sondern weil wir davon \u00fcberzeugt sind, dass sich unterschiedliche Kulturen am besten dadurch entwickeln, wenn sie ihre Identit\u00e4t und Eigenst\u00e4ndigkeit bewahren k\u00f6nnen. So mag [Nachname eines farbigen Nationalspielers] ein netter Kerl und toller Spieler sein, Angeh\u00f6riger des deutschen Volkes wird er auch nicht durch zehn P\u00e4sse der BRD.\" 285 284 Bei den bundesdeutschen Nationalsymbolen Schwarz-Rot-Gold handelt es sich um Farben, die aufgrund der mit ihr verbundenen demokratisch-republikanischen Traditionen manche Rechtsextremisten ohnehin nicht als die ihren ansehen und durch die ehemaligen Reichsfarben Schwarz-Wei\u00df-Rot ersetzen wollen. 285 DS Nr. 06/06 vom Juni 2006, Artikel \"WM 2006: Wir begr\u00fc\u00dfen die V\u00f6lker der Welt\" von Udo VOIGT, S. 2, \u00dcbernahme wie im Original. 184","Rechtsextremismus Solch ein - trotz gegenteiliger Beteuerungen - rassistisch grundierter NatioNationalismus nalismus ist mit den Formen von Patriotismus, wie sie 2006 in der Gesellschaft diskutiert wurden, nicht kompatibel. Die rechtsextremistische Stimmungsmache gegen farbige deutsche Fu\u00dfballnationalspieler stie\u00df \u00fcbrigens - zumindest vereinzelt - auch in der rechtsextremistischen Szene selber auf relativ entschiedenen Widerspruch.286 Im Juni 2006 ver\u00f6ffentlichte der s\u00e4chsische NPD-Landtagsabgeordnete J\u00fcrgen W. GANSEL im Internet einen ausf\u00fchrlichen Text zur Patriotismusdebatte, in dem er die Bedenken und Vorbehalte systemoppositioneller Rechtsextremisten zusammenfasste: \"Ist das alles nun blo\u00df patriotisch verbr\u00e4mter Partyund Fu\u00dfball-Hedonismus oder der Beginn einer ReNationalisierung des gesellschaftlichen Lebens? Zun\u00e4chst stimmt es misstrauisch, wenn man sieht, wer in diesen schwarz-rot-gold drapierten Tagen so alles eine Lanze f\u00fcr den Patriotismus bricht. (...) Angesichts der patriotischen Schalmeienkl\u00e4nge aus den Reihen des antideutschen Establishments fragt man sich, welcher Film vor unser aller Augen da eigentlich abl\u00e4uft? Warum die Patriotismusforderung aus der Systemecke? Die Frage zu stellen, hei\u00dft, sie zu beantworten. Die Herrschenden in Politik und Kultur haben festgestellt, dass \u00fcber sechzig Jahre nach Kriegsende nationale Gemeinschaftssehns\u00fcchte nicht l\u00e4nger unterdr\u00fcckt und Nationalbewusstsein nicht mehr unter moralische Quarant\u00e4ne gestellt werden kann. Dass es unter den Deutschen einen \u00fcberm\u00e4chtigen Wunsch nach nationaler Normalisierung und Identit\u00e4tsfindung gibt, zeigte sich (...) bereits an der Art und Weise, wie in den letzten Jahren \u00fcber die deutschen Opfer des letzten Weltkrieges gesprochen wurde. (...) Lie\u00dfen die Herrschenden diesen Normalisierungswunsch in Sachen Volk und Vaterland weiterhin unber\u00fccksichtigt oder belegten ihn gar mit dem Bannfluch der NS-Verharmlosung, w\u00fcrde sich die Kluft zwischen Regierenden und Regierten um den Preis eines galoppierenden Legitimit\u00e4tsschwundes 286 NZ Nr. 26 vom 23. Juni 2006, Artikel \"Wer hat Angst vor David Odonkor? Warum deutsche Staatsb\u00fcrger (halb)afrikanischer Herkunft in unserer WM-Auswahl zuallerletzt als Feindbild taugen\" von Dr. Gerhard FREY, S. 6. 185","des Gesamtsystems noch weiter vergr\u00f6\u00dfern. (...) W\u00e4hrend der Nationalismus (...) diesen Verh\u00e4ltnissen den Kampf ansagt, soll der von tonangebenden Kreisen neuerdings propagierte Patriotismus die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse vielmehr stabilisieren und hat eindeutig Ablenkungscharakter. (...) Den neuen Patriotismus verstehen die Herrschen\"Fu\u00dfballden \u00fcberdies augenzwinkernd als Probe auf die Patriotismus\" Integrationsbereitschaft der nun offiziell 15 Mio. Menschen mit 'Migrationshintergrund' im Lande. Der Fu\u00dfball-Patriotismus integriert in der Tat jeden, dessen Deutschkenntnisse ihn dazu bef\u00e4higen, bei irgendeinem Mitmigranten ein schwarz-rot-goldenes Tuch zu erwerben. Was mit der Schwarzenparade im Wei\u00df der Nationalelf vorexerziert wird, klappt auf der tanzenden Stra\u00dfe sowieso. Hier werden selbst Neger zu deutschen Patrioten (...). Und schlie\u00dflich soll der BRD-Patriotismus erkl\u00e4rterma\u00dfen der NPD das Wasser abgraben und ihr das Monopol aufs Nationale streitig machen. Die Herrschenden wissen nur zu genau, dass sie das Ventil des Druckkessels, in dem die unterdr\u00fcckten nationalen Leidenschaften, Sehns\u00fcchte und Bed\u00fcrfnisse brodeln, etwas \u00f6ffnen m\u00fcssen, damit ihnen eines Tages nicht der ganze Kessel um die Ohren fliegt. (...) Aus Sicht des Establishments muss sich also etwas \u00e4ndern, damit alles beim Alten bleibt. Gemeint ist: Wir brauchen etwas Patriotismus, damit wir keinen Nationalismus bekommen.\" Trotz solcher Bedenken \u00fcberwogen in der rechtsextremistischen Szene diejenigen Stimmen, die letztlich eine im rechtsextremistischen Sinne positive Bewertung der Patriotismusdebatte vornahmen. Auch GANSEL machte hier letztlich keine Ausnahme: \"Die Rechnung wird f\u00fcr die Systemkr\u00e4fte aber nicht nur deshalb nicht aufgehen, weil der Wohlstandskitt f\u00fcr einen solch windelweichen Patriotismus nicht mehr vorhanden ist, sondern weil die gef\u00fchlsschweren Urwerte von Volk und Vaterland eine ganz besondere Eigendynamik entwickeln k\u00f6nnen, wenn sie erst einmal im \u00f6ffentlichen Raum stehen 186","Rechtsextremismus und in wirtschaftlichen Krisenzeiten von den Menschen als entscheidend auch f\u00fcr das eigene Wohl und Wehe begriffen werden. Ideen, deren Zeit gekommen ist, weil 'die da oben' nicht mehr k\u00f6nnen und 'die da unten' nicht mehr wollen, k\u00f6nnen ganze morsche Systeme hinwegfegen. Wenn der nationale Geist nun der Flasche entweicht, in den die inneren und \u00e4u\u00dferen Feinde Deutschlands ihn nach 1945 gesperrt haben, l\u00e4sst er sich dorthin nicht mehr zur\u00fcckbannen. Einmal aus der bisher verordneten Schmuddelecke geholt, ist der nationale Gedanken nicht mehr diskreditierbar, sondern wird sich zwangsl\u00e4ufig politisch aufladen, wenn die eigenen wirtschaftlichen Belange im Globalisierungszeitalter mit der ganzen Nation identifiziert werden (Wohlstandsund Standortnationalismus). Was in der gegenw\u00e4rtigen Schwarz-Rot-Gold-Begeisterung aufscheint, die Ineinssetzung von Person und Nation, wird mittelfristig nicht ohne politische Folgen bleiben. Das (...) im ganzen Stadion so kraftvoll geschmetterte 'Einigkeit und Recht und Freiheit f\u00fcr das deutsche Vaterland' und 'Bl\u00fch' im Glanze dieses Gl\u00fcckes, bl\u00fche deutsches Vaterland' reimt sich - ins Politische \u00fcbersetzt - doch f\u00f6rmlich auf 'Deutschland zuerst' und 'Deutsches Geld f\u00fcr deutsche Aufgaben'. (...) Der gegenw\u00e4rtige Fu\u00dfball-Patriotismus hat - trotz seines trivialen und partyhaften Charakters - einen bislang nur unterirdisch wirkenden Normalisierungsnationalismus zutage treten lassen. Aus dem postnationalen Homo bundesrepublicanus wird wieder der aufrecht gehende Deutsche, der ein ganz nat\u00fcrliches nationales Identit\u00e4tsund Gemeinschaftsbewusstsein pflegt.\" 287 Die Hoffnungen, die deutsche Rechtsextremisten mit der Patriotismusderechtsextremisbatte verbanden, d\u00fcrften sich als subjektives Wunschdenken erweisen. tisches WunschDenn w\u00e4hrend Rechtsextremisten dieses Thema in den letzten Jahren denken meinten weitgehend f\u00fcr sich monopolisieren und Menschen, denen dieses Thema wichtig war, auf diese Weise f\u00fcr sich interessieren zu k\u00f6nnen, wird es ihnen durch gesamtgesellschaftliche Debatten wie die im Jahr 2006 teil287 Text \"Der Fu\u00dfball und der deutsche Normalisierungsnationalismus\" von J\u00fcrgen W. GANSEL, NPDHomepage vom 6. Juli 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 187","weise aus der Hand geschlagen. Entscheidend ist n\u00e4mlich in diesem wie in \u00e4hnlich gelagerten F\u00e4llen nicht, welche Themen in der Gesellschaft diskutiert, sondern welche Positionen dazu vertreten werden. So gesehen kann eine breite gesellschaftliche Debatte \u00fcber einen toleranten, demokratisch grundierten Patriotismus ein indirekter Beitrag zur weiteren Marginalisierung rechtsextremistischer, hier nationalistisch-chauvinistischer und rassistischer Positionen sein. Auf eine solche Debatte zu verzichten, hie\u00dfe, sich indirekt von rechtsextremistischen Themenvorgaben treiben zu lassen. 9.2 Der \"Kampf der Kulturen\" aus rechtsextremistischer Sicht Gerade im Jahr 2006 gaben einige, zum Teil sehr spektakul\u00e4re Ereignisse der These von einem heraufd\u00e4mmernden oder schon akuten \"Kampf der Kulturen\" zwischen westlicher und islamischer Welt neue Nahrung. Zu diesen Ereignissen z\u00e4hlten der so genannte \"Karikaturenstreit\", die Spannungen zwischen der iranischen F\u00fchrung um den iranischen Pr\u00e4sidenten Mahmud Ahmadinejad einerseits und den USA, Israel, der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde (IAEA) und der EU andererseits, der ungel\u00f6ste Nahostkonflikt, der im Sommer 2006 mit den mehrw\u00f6chigen milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der \"Hizb Allah\" eine weitere Eskalationsstufe erreichte, aber auch die weiter schwelenden Kriege in Irak und Afghanistan mit ihren Begleiterscheinungen. In Deutschland f\u00fchrte die Angst vor eventuell gewaltt\u00e4tigen islamistischen Reaktionen zur vor\u00fcbergehenden Absetzung der Mozart-Oper \"Idomeneo\" an der Deutschen Oper Berlin, was wiederum eine heftige gesellschaftliche Debatte \u00fcber die Vereinbarkeit von westlichen und islamischen Werten zur Folge hatte. Welch hoher Stellenwert dem Themenkomplex \"Kampf der Kulturen\" in der rechtsextremistischen Propaganda im Jahr 2006 einger\u00e4umt wurde, wird schon daraus ersichtlich, dass die NPD im baden-w\u00fcrttembergischen Landtagswahlkampf einen Schwerpunkt auf das Thema \"Islamismus\" legte. Die innenpolitische Dimension Fast alle deutschen Rechtsextremisten versuchten, die oben genannten InstrumentalisieEreignisse des Jahres 2006 innenpolitisch zur Agitation gegen Ph\u00e4nomene rungsversuche und Entwicklungen zu instrumentalisieren, die sie ohnehin seit Jahrzehnten entschieden ablehnen: gegen Zuwanderung, multikulturelle Gesellschaft, aber auch gegen einen t\u00fcrkischen EU-Beitritt. Sie sahen sich in ihren ideologischen \u00dcberzeugungen und daraus resultierenden (zum Beispiel ausl\u00e4nderpolitischen) Forderungen zu diesen Themen durch diese Ereignisse best\u00e4tigt. Als Beleg kann die neonazistische Vierteljahresschrift \"Volk in 188","Rechtsextremismus Bewegung\" zitiert werden, die ihre erste Ausgabe des Jahres 2006 ganz dem Thema \"Eskaliert der Kampf der Kulturen?\" widmete: \"Europa pr\u00e4sentiert sich in einer tiefen Krise, ja in einem erb\u00e4rmlichen Zustand. Die Multikulti-Utopisten haben eine Identit\u00e4tskrise und breite Verunsicherung auf dem Kontinent verursacht. Das wiederum ermutigt nat\u00fcrlich die Moslems in der Islamischen Welt und in Europa zu allerhand herausfordernden Handlungen. (...) All diesen Konflikten kann nur durch konsequente ethnische Separation die Grundlage entzogen werden. Das gilt insbesondere f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Europa und der Islamischen Welt: Der Bosporus und die Stra\u00dfe von Gibraltar bilden nicht nur eine geographische Barriere - sie m\u00fcssen auch wieder eine ethnische, kulturelle und selbstverst\u00e4ndlich eine politische Grenze bilden. (...) Verschiedene Kulturkreise k\u00f6nnen nebeneinander, aber nicht miteinander leben. (...) Kein Halbmond \u00fcber Europa - Kein EU-Beitritt der T\u00fcrkei - Europa endet am Bosporus!\" 288 Ideologisch besonders strikte Rechtsextremisten bezogen im \"Kampf der Kulturen\" sowohl gegen die moslemische als auch gegen die westliche Welt Position, da sie beide - aus unterschiedlichen ideologischen Gr\u00fcnden und teils mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t - ablehnen. Beispielsweise sahen diese Rechtsextremisten keinen Sinn darin, im \"Karikaturenstreit\" westliche Meinungsund Pressefreiheit zu verteidigen, da sie unter Hinweis auf den SS 130 StGB und die daraus resultierenden Gerichtsverfahren gegen Rechtsextremisten behaupten, dass es diese Freiheiten in der Bundesrepublik Deutschland - und in anderen Teilen der westlichen Welt - ohnehin nicht gebe. In diesem Sinne hie\u00df es in dem bereits zitierten \"Kulturkampf\"-Themenheft von \"Volk in Bewegung\": \"(...) es ist zynisch, ja pervers, wenn sich im 'Karikaturen-Streit' jene als Verteidiger einer Meinungsfreiheit aufspielen, die im Normalfall immer die erste Geige bei der Verfolgung der Nationalen Opposi288 \"Volk in Bewegung\" (ViB) Nr. 1-2006, Artikel \"Kampf der Kulturen\", S. 4-7, hier: S. 5. 189","tion spielen. Eine Meinungsfreiheit, die es in weiten Teilen Europas und insbesondere in der Bundesrepublik nicht gibt. (Von der stalinistischen Politjustiz in \u00d6sterreich ganz zu schweigen......). Oder sitzen die Revisionisten Z\u00fcndel, Rudolf und Verbeke etwa nicht wegen ihrer Forschungen und ihrer verbotenen Meinung in Haft?\" 289 Aus Sicht dieser Rechtsextremisten m\u00fcssen Deutschland und Europa in einer kulturell multipolaren Welt eine eigenst\u00e4ndige Kultur entwickeln, die an nationalistischen Interessen ausgerichtet ist. Diese Position brachte der s\u00e4chsische NPD-Landtagsabgeordnete J\u00fcrgen W. GANSEL im April 2006 in einem DS-Grundsatzartikel zu dieser Thematik auf den Punkt: \"Islamismus und Amerikanismus sind raumfremde M\u00e4chte, die dem Europa der Vaterl\u00e4nder v\u00f6llig wesensfremd sind und hier nur zerst\u00f6rerisch wirken. F\u00fcr Islamisten wie Amerikanisten stellen V\u00f6lker keine Kollektivpers\u00f6nlichkeiten mit Eigenwert da, f\u00fcr sie spielen ethno-kulturelle Identit\u00e4ten keine Rolle und gelten Nationalstaaten nur als Hindernisse auf dem Weg zur je eigenen Weltherrschaftsordnung. Letztlich macht es keinen gro\u00dfen Unterschied, ob die V\u00f6lker in die Herde der muslimischen Umma (...) oder in die Idiotenmasse der amerikanischen McWorld hineingetrieben werden sollen - Souver\u00e4nit\u00e4t und Identit\u00e4t der V\u00f6lker kommen bei beiden Universalismen unter die R\u00e4der. (...) So gesehen mag nun ein gewaltiger Konflikt zwischen Umma und Americanopolis heraufziehen, ein Kampf zwischen Dschihad und McWorld toben. Europa sollte dabei jede sich ergebende Schw\u00e4chung der beiden Konfliktparteien zur Durchsetzung eigener Interessen nutzen und damit zum 'lachenden Dritten' in der Weltarena werden. Nicht um missionarisch und imperialistisch auf den Spuren von Islamismus und Amerikanismus zu wandeln, sondern um dem Europa der Vaterl\u00e4nder neues Leben einzuhauchen und wieder Herr im \u00fcberfremdeten Eigenheim zu werden.\" 290 289 Ebd. 290 DS Nr. 04/06 vom April 2006, Artikel \"Der Nationalismus im 'Kampf der Kulturen' - Eine Positionsbestimmung zwischen Islamismus und Amerikanismus\" von J\u00fcrgen W. GANSEL, S. 19, \u00dcbernahme wie im Original. 190","Rechtsextremismus Die au\u00dfenpolitische Dimension Neonazis und andere besonders fanatische Rechtsextremisten beziehen im Konflikt zwischen westlicher Welt und Islam beziehungsweise Islamismus nur dann Stellung gegen Muslime beziehungsweise Islamisten, wenn sie Deutschland direkt und im Innern von deren Handlungen und/oder Gegenwart negativ betroffen sehen. Sobald sie den Konflikt als einen rein au\u00dfenpolitischen wahrnehmen (zum Beispiel in Pal\u00e4stina, Irak oder Iran), in dem deutsche Interessen aus rechtsextremistischer Sicht nicht oder nur geringf\u00fcgig betroffen sind, k\u00f6nnen sich diese rechtsextremistischen Positionierungen in ihr Gegenteil verkehren. Dann n\u00e4mlich werden reflexartig ganz andere rechtsextremistische Ideologeme aktiviert, insbesondere Antiamerikanismus, Antisemitismus (beziehungsweise konkrete Israelfeindschaft) und die Ablehnung der westlichen Moderne. Denn mit den USA, Israel und der westlichen Wertegemeinschaft sind in den \"Kampf der Kulturen\" drei Parteien involviert, die klassische Feindbilder dieser Rechtsextremisten verk\u00f6rpern und denen sie keinesfalls zur Seite stehen wollen. Rein au\u00dfenpolitisch betrachtet werden aus dieser rechtsextremistischen Sicht Muslime beziehungsweise Islamisten zu willkommenen, vitalen, zu allem entschlossenen B\u00fcndnispartnern im Kampf gegen diese drei Feindbilder, streng nach dem Motto gemeinsame \"Der Feind meines Feindes ist mein Freund\". In solchen au\u00dfenpolitischen Feindbilder Zusammenh\u00e4ngen gilt der ideologisch-religi\u00f6se Fanatismus der Islamisten deutschen Rechtsextremisten als positiver Gegensatz zu der vermeintlichen Inhaltsleere, Beliebigkeit und Dekadenz des Westens. Muslime als vor\u00fcbergehende innenpolitische Verb\u00fcndete gegen den modernen, vermeintlich linksliberalen Zeitgeist Die Zweiteilung bei dieser rechtsextremistischen Beurteilung des \"Kampfes der Kulturen\" in eine innenpolitische und in eine au\u00dfenpolitische Dimension belegt auch das folgende Zitat aus einer unter anderem \u00fcber die Internetseite des NPD-Kreisverbands Heilbronn verbreiteten Pressemitteilung der Bundes-NPD: \"Das eigentliche Problem ist nicht, dass in Riad oder Teheran aufgebrachte Menschen gegen den dekadenten Westen demonstrieren. Der eigentliche Sprengstoff liegt in der Frage, wann die hier lebenden Moslems gegen ihnen nicht genehme Institu191","tionen vorgehen werden. Frankreich warnt. Die Hoffnung der Systemparteien, dass man die inzwischen in vielen St\u00e4dten zur Mehrheit gewordenen moslemischen Gemeinden durch Konsum und Materialismus verwestlichen und abrichten k\u00f6nnte, wird sich als tr\u00fcgerisch erweisen.\" 291 In diesem Zitat klingt aber auch ein weiterer wichtiger Aspekt rechtsextremistischer Wahrnehmung des vermeintlichen westlich-islamischen \"Kampfes der Kulturen\" an: ein nicht unerhebliches Ma\u00df an Bewunderung f\u00fcr die Muslime, und hier insbesondere f\u00fcr diejenigen, die sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und anderen westlichen L\u00e4ndern niedergelassen haben. Dazu muss vorausgeschickt werden, dass ein wichtiger Aspekt rechtsextremistischer Feindbildkonstruktion zuweilen \u00fcbersehen wird, der sich jedoch wie ein roter Faden durch die Geschichte des deutschen Rechtsextre\"Furcht und Hass mismus seit dem 19. Jahrhundert zieht. Dieser Aspekt l\u00e4sst sich auf die Foraus Bewunderung\" mel bringen \"Furcht und Hass aus Bewunderung\". Was auf den ersten Blick paradox erscheint, ist tats\u00e4chlich nur ideologisch konsequent. Deutsche Rechtsextremisten hassen bestimmte Feindbilder vor allem auch deswegen, weil diese in ihrer auf Stereotypen ausgerichteten Wahrnehmung angeblich so sind, wie nach ihrer Meinung die Deutschen sein sollten, aber aufgrund ihrer vermeintlich typischen Beeinflussbarkeit und Leichtgl\u00e4ubigkeit nicht sind. Das hei\u00dft in Bezug auf die rechtsextremistische Wahrnehmung der in Deutschland lebenden Muslime: Sie gelten als traditionsverhaftet-konservativ (unter anderem als sehr religi\u00f6s), als aggressiv-nationalistisch, selbstbewusst, intolerant, h\u00f6chst geb\u00e4rfreudig und insgesamt als immun gegen\u00fcber den Anfechtungen durch die westliche Moderne. Da deutsche Rechtsextremisten seit jeher davon ausgehen, dass all dies auf die Deutschen nicht oder doch zuwenig zutrifft, schreibt man den zugewanderten Muslimen eine urspr\u00fcngliche, antimoderne Kraft, einen Willen, eine Vitalit\u00e4t und Durchsetzungsund Verdr\u00e4ngungskraft zu, denen die aus rechtsextremistischer Sicht durch westlich-modernistische Einfl\u00fcsse wachsweich, nihilistisch, genusss\u00fcchtig, feige und schwach gewordenen Deutschen, die sich zudem nicht mehr ausreichend fortpflanzen, nicht gewachsen sind. Also lehnen deutsche Rechtsextremisten die Muslime in Deutschland nicht deshalb ab, weil sie die aktuellen, westlich-modernistisch beeinflussten Deutschen den t\u00fcrkischen, kurdischen oder arabischen Muslimen als so \u00fcber-, sondern ganz im Gegenteil als so unterlegen ansehen. 291 Pressemitteilung \"Karikaturen-Streit: Doppelmoral als politisches Prinzip\" vom 8. Februar 2006, Homepage des NPD-Kreisverbands Heilbronn vom 17. Februar 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 192","Rechtsextremismus Die \"National-Zeitung\" (NZ) des M\u00fcnchener Verlegers und DVU-Bundesvorsitzenden FREY spricht sich seit Jahrzehnten konsequent gegen Zuwanderung aus der islamischen Welt aus, beschw\u00f6rt au\u00dfenpolitisch jedoch eine angeblich traditionelle deutsch-arabische beziehungsweise deutsch-islamische Freundschaft, vor deren Hintergrund sie jedes deutsche Engagement in der islamischen Welt an der Seite der USA oder Israels ebenso entschieden ablehnt. Dennoch zollte ein NZ-Artikel im Februar 2006 den bereits hier lebenden Muslimen Respekt f\u00fcr ihre vermeintliche Immunit\u00e4t gegen\u00fcber Respekt vor den Verlockungen der westlichen Moderne und konstatierte ein Scheitern Muslimen der Hoffnungen, die die bundesdeutschen Politikverantwortlichen in die Zuwanderung gesetzt h\u00e4tten: \"Die Merkels dieser Republik stehen (...) vor dem Scherbenhaufen ihrer eigenen Ausl\u00e4nderpolitik. (...) Jetzt ist das Gejammere gro\u00df, weil man n\u00e4mlich feststellt, dass die Fremden im Land sich weniger f\u00fcr 'Wetten, dass...', sondern eher f\u00fcr den Koran interessieren. Die Eindeutschung und Entwurzelung hier lebender Ausl\u00e4nder will einfach nicht funktionieren. Kein Wunder, denn unter 'Integration' verstehen arrogante Herrschende in erster Linie, islamischen M\u00e4dchen das Kopftuch wegzunehmen und sie bauchnabelfrei in die angebliche Freiheit der n\u00e4chsten Diskothek zu entsenden. (...) Gutmenschen begreifen tats\u00e4chlich erst in diesen Tagen, dass die islamische Geistlichkeit im Grunde genommen gegen alles predigt, was Etablierten heilig ist. Hiesige Etablierte haben keine Chance, Islamisten vor ihren klapprigen antideutschen Karren zu spannen. Und das ist gut so. Kopftuch statt Love Parade. Herd statt westlicher Tittenkultur. Wer wollte das unseren G\u00e4sten verdenken! Muslime haben an einer Zwangsgermanisierung beziehungsweise 'Verwestlichung' kein Interesse. Sie plappern eben nicht Michel Friedman nach dem Mund, sie umschleimen nicht die Israel-Lobby, sie wagen es, die USA zu kritisieren, sie kreischen nicht vor Begeisterung, wenn sie einen schwulen bundesdeutschen Politiker erblicken, sie wollen ihre T\u00f6chter beh\u00fcten und neigen nicht dazu, sich von [Name eines Moderators] und irgendwelchen Verbl\u00f6dungs-Shows politisch ruhigstellen zu lassen. Und sie werden wohl auch nicht 193","die Merkel w\u00e4hlen, selbst wenn sie denen eines Tages das Wahlrecht in die Wiege legen w\u00fcrde.\" Vor diesem Hintergrund interpretierte der NZ-Autor den gesellschaftlichen verschw\u00f6rungsDiskurs um den \"Kampf der Kulturen\" verschw\u00f6rungstheoretisch: Dieser theoretischer Diskurs sei von bundesdeutscher Politik und Medien initiiert, um die Erkl\u00e4rungsansatz angeblich unbotm\u00e4\u00dfigen islamischen Migranten, die die Erwartungen ihrer Zauberlehrlinge entt\u00e4uscht h\u00e4tten, auszugrenzen und als Feindbilder zu markieren. In diesem Zusammenhang deutete der Autor sogar einen Vergleich mit dem Schicksal der Juden im \"Dritten Reich\" an: \"Nach Kampfhunden, Skinheads und Serben haben Bundesdeutschlands Vorzeige-Gr\u00f6\u00dfen ein neues Feindbild: Moslems, Islamisten, Mullahs! Vorbei das 'Mein-Freund-ist-Ausl\u00e4nder'-Gepl\u00e4rre. (...) Was Massenmedien und etablierte Politiker dieser Tage veranstalten, ist an kleinkarierter, verlogener und gef\u00e4hrlicher Hetze kaum zu unterbieten. Man fragt sich, was die aus der Geschichte eigentlich wirklich gelernt haben. (...) Neben Machtgier und miesem Abzockertum ist es vor allem ein ganz finsteres Menschenbild, das hier die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen auszeichnet und einer miesen Hetzkampagne die Feder f\u00fchrt (...). Islamisten sind gegenw\u00e4rtig an allem schuld. Gleichgeschaltet die gro\u00dfen Medienorgane, lesen wir an jedem Zeitschriftenkiosk die gleichen platten Parolen. So etwa hat schon einmal ein Kesseltreiben gegen Andersgl\u00e4ubige begonnen. (...) Wehret den Anf\u00e4ngen!\" 292 Ethnisch-religi\u00f6se Ghettos und Parallelgesellschaften: Aus rechtsextremistischen Perspektiven Bedrohung und Chance Die Herausbildung ethnisch mehr oder minder homogener Ghettos und Parallelgesellschaften ist aus rechtsextremistischer Sicht sichtbarster Ausdruck der von ihnen so genannten \"\u00dcberfremdung\" Deutschlands und der Deutschen, Europas und der Europ\u00e4er. Sie wird dementsprechend fundamental von den meisten deutschen Rechtsextremisten abgelehnt, weil angeblich der \"Kampf der Kulturen\" in Deutschland und anderen europ\u00e4ischen Staaten in einen B\u00fcrgerkrieg zwischen einer immer gr\u00f6\u00dferen, vitalen 292 NZ Nr. 8 vom 17. Februar 2006, Artikel \"Der Nachbar als Feind? Was Merkel und Gesinnungsfreunde anrichten\", S. 5. 194","Rechtsextremismus Zuwandererbev\u00f6lkerung und einer schwindenden, \u00fcberalterten deutschen beziehungsweise europ\u00e4ischen Bev\u00f6lkerung auszuarten drohe, der langfrisangeblich droht tig, wenn nicht schon mittelfristig in die endg\u00fcltige Verdr\u00e4ngung oder gar ein B\u00fcrgerkrieg Vernichtung des deutschen Volkes und der Europ\u00e4er m\u00fcnde. Auch das \"Kulturkampf\"-Themenheft von \"Volk in Bewegung\" malte dieses Menetekel an die Wand und verlieh ihm zudem eine deutlich rassistisch-sozialdarwinistische F\u00e4rbung: \"Die multikulturelle Wahnutopie, Rassenund V\u00f6lkervermischung f\u00fchren mit naturgesetzlicher Sicherheit zu blutigen Konflikten. (...) Die Rassenunruhen die Europa in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden ersch\u00fcttern, nehmen (...) immer gr\u00f6\u00dfere Ausma\u00dfe an, Holland und Frankreich waren mit Sicherheit erst der Anfang! (...) Der 'Kampf der Kulturen' ist v.a. in den st\u00e4dtischen Ballungsr\u00e4umen in ganz Westeuropa Realit\u00e4t und die Einheimischen werden von den Einwanderern in immer brutalerer Weise aus ihrem angestammten Lebensraum verdr\u00e4ngt: Sie werden immer mehr - und wir werden immer weniger! (...) Das 21. Jahrhundert (...) wird Konflikte in noch nie dagewesenen Gr\u00f6\u00dfenordnungen mit sich bringen. Nicht nur einzelne Staaten, ganze Kontinente, die wei\u00dfe und die farbige Welt werden aufeinanderprallen. Dieser Prozess hat wenig mit vordergr\u00fcndiger Machtpolitik zu tun, er vollzieht sich unaufhaltsam und unerbittlich wie die Natur selbst. Denn die Natur duldet keine schwachen V\u00f6lker und Rassen: Wenn sich Europa und die wei\u00dfe Rasse nicht ihre gro\u00dfe Dekadenzkrise \u00fcberwinden, werden sie am Ende unseres Jahrhunderts Geschichte sein, so einfach lautet dann der Richtspruch der Natur. Der \"Kampf der 'Kampf der Kulturen' ist von dieser Warte aus Kulturen\" ist betrachtet ein Naturzustand, ihn wegdiskutieren zu \"Naturzustand\" wollen, ist l\u00e4cherlich und ein Zeichen von Dummheit und Schw\u00e4che.\" 293 Gleichzeitig jedoch werden von anderen deutschen Rechtsextremisten die sprachliche, kulturelle und religi\u00f6se Absonderung immer breiterer Einwandergruppen und die daraus resultierende geographische Absonderung in 293 ViB Nr. 1-2006, Artikel \"Kampf der Kulturen\", S. 4-7, hier: S. 5 und 7, \u00dcbernahme wie im Original. 195","Form von Ghettos und Parallelgesellschaften ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dft. Sie sehen in ethnischen Ghettos und Parallelgesellschaften die letzte M\u00f6glichkeit, das deutsche Volk in einer Zwischenphase vor einer Vermischung mit den Zuwanderern und damit vor dem \"Rasse-\" beziehungsweise \"Volkstod\" zu bewahren. Gleichzeitig, so lautet der zweite Teil dieser rechtsextremistischen Logik, werden die Zuwanderergesellschaften in ihrer Eigenart konserviert, was f\u00fcr die Zeit nach einer rechtsextremistischen Macht\u00fcbernahme die M\u00f6glichkeit offen halte, diese ethnischen Ghettos und Parallelgesellschaften geschlossen aus Deutschland auszuweisen, ohne in gro\u00dfem Umfang auf Mischehen, deutsche Ehepartner und deren Kinder R\u00fccksicht nehmen zu m\u00fcssen. Dazu wieder GANSEL in der DS vom April 2006: \"Als gr\u00f6\u00dftes Integrationshindernis gilt derweil der Islam, weshalb man vielen orientalischen Landbesetzern bis zum Tag ihrer R\u00fcckf\u00fchrung nur viel Koranfestigkeit w\u00fcnschen kann. F\u00fcr die Multikulturalisten sind die Islamisten l\u00e4ngst 'Spielverderber' geworden, die sich einfach nicht in die Dekadenzgesellschaft des Westens einschmelzen lassen wollen. Der Islam bindet die Fremden zu einem kulturellen Kollektiv zusammen, das seine Angeh\u00f6rigen vollst\u00e4ndig vereinnahmt und die unaufhebbare kulturelle Differenz zum Gastland unterstreicht. So bewirkt die Lehre des Propheten Mohammed in Europa eine positive Selbstghettoisierung der Gl\u00e4ubigen und einen Verzicht auf Mischehen mit Ungl\u00e4ubigen. Damit leistet der Islam einen wichtigen Beitrag zum ethnobiologischen Erhalt auch der Deutschen. Solange die Fremden wegen der politischen Verh\u00e4ltnisse noch nicht ausgewiesen werden k\u00f6nnen, muss ihre islamische Identit\u00e4tsund Glaubensgemeinschaft intakt bleiben, damit es nicht zu kulturellem Einheitsbrei und V\u00f6lkervermischung kommt. Diese partielle Wertsch\u00e4tzung des Islam darf aber nur vor\u00fcbergehender und taktischer Natur sein, um in einer Zeit, in der die V\u00f6lker von den \"Islam in Europa Globalisten durch den Vermischungswolf gedreht ist Fremdund werden, eine wichtige Integrationsbremse zu haben. Feindreligion\" Niemand darf bezweifeln, dass der Islam in Europa eine Fremdund Feindreligion ist.\" 294 294 DS Nr. 04/06 vom April 2006, Artikel \"Der Nationalismus im 'Kampf der Kulturen' - Eine Positionsbestimmung zwischen Islamismus und Amerikanismus\" von J\u00fcrgen W. GANSEL, S. 19. 196","Rechtsextremismus Diese Position gr\u00fcndet auf zwei Annahmen: Erstens, dass irgendwann eine Umgestaltung der Bundesrepublik nach rechtsextremistischen Ma\u00dfst\u00e4ben stattfinden werde, die innenpolitisch die machtpolitischen Voraussetzungen irreales f\u00fcr die Vertreibung von Millionen Muslimen schaffen w\u00fcrde. Zweitens, dass Wunschdenken die internationale Staatenwelt eine derartig verbrecherische \"Ausl\u00e4nderpolitik\" dulden w\u00fcrde. In beiden F\u00e4llen handelt es sich weniger um realistische Annahmen als um irreales Wunschdenken. 10. Weitere Informationen Im Jahr 2006 erschien eine neue Brosch\u00fcre \"Rechtsextremismus\", die neue neben Informationen \u00fcber ideologische Grundlagen und rechtsextremistiBrosch\u00fcre sche Bestrebungen im Einzelnen auch eine Abhandlung \u00fcber Ursachen und Anl\u00e4sse f\u00fcr rechtsextremistisches Denken und Handeln enth\u00e4lt sowie Strategien gegen den Rechtsextremismus aufzeigt. Aktuelle Informationen erhalten Sie auch auf unserer Homepage: http://www.verfassungsschutz-bw.de/rechts/start_rechts.htm. Dort ist auch die Brosch\u00fcre \"Rechtsextremistische Skinheads\" (2001) abrufbar, deren gedruckte Auflage vergriffen ist. 197","E. LINKSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Das Jahr 2006 brachte Linksextremisten teils hoffnungsvoll, teils eher pessimistisch stimmende politische Entwicklungen. Hoffnungstr\u00e4ger ist das neue Partei als Projekt einer neuen Partei \"Der Linken\" geblieben, das aus der Vereinigung Zukunftstr\u00e4ger von \"Linkspartei.PDS\" und \"Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit\" (WASG)295 hervorgehen soll. Entgegen der Idee einer umfassenderen Sammlungsbewegung zeichnete sich bereits der pr\u00e4gende Einfluss der \"Linkspartei.PDS\" ab. War aus dem Konzept einer Fusion beider Partner lediglich ein Beitritt der WASG zur \"Linkspartei.PDS\" geworden, so lie\u00dfen auch bislang ver\u00f6ffentlichte gemeinsame Papiere deutlich die Handschrift der \"Linkspartei.PDS\" erkennen und k\u00fcnftig deren politische Dominanz bef\u00fcrchten. W\u00e4hrend die \"Fusion\" auf der F\u00fchrungsebene beschlossene Sache war, traf der Parteibildungsprozess nicht zuletzt deshalb vor allem an der Basis beider Parteien auf misstrauisch-kritische Stimmen. Auch die Entscheidung zur Fortsetzung der heftig umstrittenen Regierungsbeteiligung in Berlin nach der Landtagswahl am 17. September 2006 trug dazu bei, dass die Parteiformierung von sp\u00fcrbaren Dissonanzen begleitet war. Vor allem seit ihrem Wahlerfolg bei der Bundestagswahl 2005 nimmt die \"Linkspartei.PDS\" im Spektrum der linksextremistischen Parteien eine Schl\u00fcsselrolle ein. Ihre durchaus erfolgreiche Selbststilisierung als \"Partei der sozialen Gerechtigkeit\" sollte sie als w\u00e4hlbare \"linke\" Alternative zum politischen Kurs von Sozialdemokratie und Gewerkschaften ausweisen. Im Bundestag erneut und st\u00e4rker denn je als Fraktion pr\u00e4sent, fungiert sie als Transmissionsriemen au\u00dferparlamentarischer Bewegungen. Dadurch und noch zus\u00e4tzlich auf internationaler Ebene hat die \"Linkspartei.PDS\" der \"Deutschen Kommunistischen Partei\" (DKP) l\u00e4ngst den Rang abgelaufen. Die DKP d\u00fcrfte sich ihrer weitgehenden Bedeutungslosigkeit bewusst sein. Dennoch legt sie Wert darauf, als eigenst\u00e4ndige Partei fortzubestehen. Die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) ist im Gegensatz zu der von ihr angestrebten und st\u00e4ndig propagierten Entwicklung zur kommunistischen \"Massenpartei\" noch immer eine Randerscheinung, wenngleich sie st\u00e4rker als in fr\u00fcheren Jahren \u00f6ffentlich in Erscheinung getreten ist und auf \u00f6rtlicher Ebene sogar auf vereinzelte b\u00fcndnispolitische Erfolge zur\u00fcckblicken kann. 295 Die WASG ist kein Beobachtungsobjekt der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. 198","Linksextremismus Stark in den Vordergrund ist f\u00fcr Linksextremisten das angebliche Weiterdrehen des Staates an der \"Repressionsschraube\" getreten, angeblich insbesondere zur \"Diskriminierung\" und \"Unterdr\u00fcckung\" \"linken Widerstands\". Als Belege daf\u00fcr, dass sich die unterstellte politisch motivierte Repression bevorzugt gegen den \"unliebsamen\" Gegner von \"links\" richte, wurden besonders Ma\u00dfnahmen gegen linksextremistische \"Antifaschisten\" angesehen, sei es in Form polizeilichen Einschreitens, von \"Berufsverboten\" oder mit Mitteln des Strafrechts. Das Agitationsfeld des \"Antifaschismus\" als solches hat zugleich, spiegelbildlich zur erh\u00f6hten Aktivit\u00e4t von Rechtsextremisten, weiter an Bedeutung gewonnen und ma\u00dfgeblich zum sprunghaften Anstieg der Zahl linksextremistisch motivierter Gewalttaten beigetragen. Gegen \"Repression\" und \"Unterdr\u00fcckung\" wendet sich letztendlich auch der Kampf um den Erhalt beziehungsweise die Neugr\u00fcndung so genannter Autonomer Zentren. W\u00e4hrend sich Linksextremisten verst\u00e4rkt als Opfer staatlicher \"politischer Willk\u00fcr\" betrachteten, reichten die eigenen Kr\u00e4fte indes weiterhin nicht dazu aus, \"offensiv\" gegen die \"herrschenden Verh\u00e4ltnisse\" vorzugehen. Dazu trugen szeneinterne Kontroversen bei, die vor allem in teils diametral entgegen gesetzten Positionen zum Nahost-Konflikt ihren Ausdruck fanden. Wegen der damit in Zusammenhang stehenden Uneinigkeit in der Haltung zum Irakkrieg blieb auch hier die Resonanz eher verhalten. Gleichwohl wurde der Besuch des amerikanischen Pr\u00e4sidenten im Juli 2006 zu Protesten genutzt und dazu, die Gefahren eines m\u00f6glicherweise drohenden Kriegs gegen den Iran zu beschw\u00f6ren. Indikatoren wie \"Sozialabbau\", zunehmende \"Repression nach innen\" oder Kriegseins\u00e4tze der Bundeswehr schienen 2006 f\u00fcr Linksextremisten eine Entwicklung des kapitalistischen Systems wie aus dem kommunistischen Lehrbuch anzuk\u00fcndigen. Die st\u00e4ndig verl\u00e4ngerte Kette \"sozialer Grausamkeiten\", flankiert von einer am reinen \"Profitinteresse\" orientierten, \"neoliberal\" gepr\u00e4gten Wirtschaft, musste nach Ansicht von Linksextremisten breiten Bev\u00f6lkerungsschichten das wahre Gesicht und die Konsequenzen eines von seinen sozialen Fesseln zunehmend befreiten \"Turbokapitalismus\" vor Augen f\u00fchren. Eine in Deutschland gef\u00fchrte \"Kapitalismusdebatte\" wie auch zuletzt die \"Unterschichtendebatte\" waren zus\u00e4tzlich Wasser auf die M\u00fchlen von Linksextremisten. Allerdings blieb der erhoffte Mobilisierungsschub zu einer breiten Protestbewegung aus. Andere Themen, die in den letzten Jahren kontinuierlich an Attraktivit\u00e4t G8-Gipfel verloren hatten, standen erneut auf der Agenda. Dass der Gipfel der acht im Focus gr\u00f6\u00dften Industrienationen (G8-Gipfel) 2007 in Deutschland stattfinden 199","wird, verlieh der Bewegung der Globalisierungsgegner neuen Schub. Die Planungen und Vorbereitungen dazu hatten bereits 2005 eingesetzt. Die Gipfelveranstaltung von 2006 in St. Petersburg/Russland rief hingegen wenig Resonanz hervor. Es zeichnete sich deutlich ab, dass f\u00fcr Linksextremisten der G8-Gipfel in Heiligendamm ein zentrales Thema des Jahres 2007 sein wird. 2. \u00dcbersicht in Zahlen 2.1 Personenpotenzial Die Bem\u00fchungen linksextremistischer beziehungsweise linksextremistisch beeinflusster296 Parteien und Organisationen um einen Mitgliederzuwachs waren auch 2006 selten von Erfolg gekr\u00f6nt. Namentlich die MLPD und die DKP r\u00e4umten der Gewinnung neuer Mitglieder eine zentrale Bedeutung ein. Die Angabe der MLPD, wonach sie seit ihrem Parteitag von 2004 eine Steigerung um 30 Prozent zu verzeichnen habe, muss bezweifelt werden, wenngleich von gewissen Zuw\u00e4chsen vor allem in den neuen Bundesl\u00e4n296 Extremistisch beeinflusst sind solche Organisationen, die au\u00dfer extremistischen auch nichtextremistische Mitglieder haben. Die Extremisten, die unter den Mitgliedern nicht die Mehrheit bilden m\u00fcssen, bestimmen jedoch den Kurs der Organisation und vertreten diesen nach au\u00dfen. 200","Linksextremismus dern ausgegangen werden kann. F\u00fcr diese Partei d\u00fcrfte - \u00e4hnlich wie f\u00fcr trotzkistische Vereinigungen - gelten, dass Neuzug\u00e4nge schon bald nach Erkennen des sektenhaften beziehungsweise autorit\u00e4r-doktrin\u00e4ren Charakters der jeweiligen Organisation nicht lange zu halten sind. R\u00fcckg\u00e4nge, bestenfalls Stagnation kennzeichneten demzufolge die Situation im Allgemeinen. Selbst f\u00fcr eine Organisation wie die \"Rote Hilfe e.V.\" (RH), die sich jahrelang im Aufw\u00e4rtstrend befunden hat, fehlten Anhaltspunkte f\u00fcr eine Fortsetzung dieser Tendenz. \u00c4hnlich wie bei der DKP d\u00fcrfte auch der \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) die \u00dcberalterung ihres Mitgliederbestandes anhaltend Sorgen bereiten. Eine Ausnahme bildete die \"Linkspartei.PDS\". Durch erneut m\u00f6glich gewordene Doppelmitgliedschaften d\u00fcrften vorrangig Mitglieder der WASG der Partei beigetreten sein, wie dies im \u00dcbrigen umgekehrt gilt. In Baden-W\u00fcrttemberg bewegen sich die Mitgliederzahlen seit einigen Jahren kontinuierlich nach oben. Weiterhin vorhandene interne Zerw\u00fcrfnisse haben die zahlenm\u00e4\u00dfige Relevanz auch der autonomen Szene weitgehend unver\u00e4ndert gelassen. Verst\u00e4rkte Aktivit\u00e4ten im Bereich \"Antifaschismus\" d\u00fcrften weniger auf ein gestiegenes Potenzial, als vielmehr auf vermehrte Aktivit\u00e4ten des politischen Gegners zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. 2.2 Strafund Gewalttaten Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Links sowie linksextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2006 Gewalttaten in BadenW\u00fcrttemberg nahezu verdoppelt 201","Linksextremistisch motivierte Straftaten haben in Baden-W\u00fcrttemberg erneut und deutlich zugenommen. W\u00e4hrend erwartete Ausschreitungen im Zusammenhang mit der Fu\u00dfballweltmeisterschaft weitestgehend ausblieben, wuchsen dagegen vor allem die t\u00e4tlichen Auseinandersetzungen mit Rechtsextremisten in Reaktion auf eine ansteigende Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen, aber auch bei gewaltsamen Zusammenst\u00f6\u00dfen mit Polizeikr\u00e4ften im gleichen Zusammenhang sp\u00fcrbar an. 3. Gewaltbereiter Linksextremismus Gewaltbereite Linksextremisten konzentrierten ihre Aktivit\u00e4ten erneut und verst\u00e4rkt auf die Auseinandersetzung mit Rechtsextremisten. Dabei war eine zunehmende Gewaltbereitschaft und Zielstrebigkeit bei entsprechenden Aktionen erkennbar. Dass die Anwendung von Gewalt gegen \"Nazis\" nach wie vor in der autonomen Szene auf gro\u00dfe Akzeptanz stie\u00df, best\u00e4tigten auch Kommentare etwa aus der Heidelberger Szene: \"Letzte Meldung: Einige Nazis aus Mannheim, Ludwigshafen und dem Raum Heppenheim staunten am fr\u00fchen Abend des 3. Dezember [2005] nicht schlecht, als sie in Hockenheim aus dem Zug stiegen. Acht ihrer Autos - darunter zwei dickere Schlitten - waren demoliert und fahrunt\u00fcchtig gemacht worden. Auch eine Art des Umgangs mit Neonazis.\" 297 Hab und Gut von Rechtsextremisten befanden sich weiterhin im Visier \"Antifaschismus\" linksextremistischer Gewaltt\u00e4ter. Im Fokus aber stand die direkte Konfronbleibt tation mit \"Nazis\" auf der Stra\u00dfe. F\u00fcr den 28. Januar 2006 war bundesweit Schwerpunkt zu Gegenaktionen anl\u00e4sslich der geplanten rechtsextremistischen Demonstrationen in Stuttgart, Dortmund und L\u00fcbeck mobilisiert worden. In Stuttgart gelang es gewaltbereiten Linksextremisten nach Beendigung der b\u00fcrgerlichen Gegenkundgebung teilweise, in \"Kleingruppentaktik\" zu den \"rechten\" Demonstranten vorzudringen. Dabei kam es zu Schl\u00e4gereien zwischen beiden Lagern. Ein anderer Teil der gewaltbereiten linksextremistischen Demonstrationsteilnehmer lieferte sich heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. 297 Monatsschrift der \"Antifaschistischen Initiative Heidelberg\" (AIHD) \"break-out\" 12/2005, S. 4. 202","Linksextremismus Bei Gegenaktionen zu einer rechtsextremistischen \"Doppeldemo\" in Heppenheim und Weinheim am 1. Mai 2006 kam es zum Teil zu schweren \u00dcbergriffen auf Rechtsextremisten und zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, nachdem die \"rechten\" Demonstranten nach Ladenburg ausgewichen waren. Unter den Linksextremisten gab es Festnahmen wegen Versto\u00dfes gegen das Vermummungsverbot und wegen des Werfens von Flaschen, Steinen, Dosen und Knallk\u00f6rpern. Demonstrationen boten dar\u00fcber hinaus die Gelegenheit, Gewalttaten unerkannt im \"Schutz der Masse\" zu begehen. Priorit\u00e4t wurde geschlossenem und kollektivem Auftreten - etwa in Form eines \"Schwarzen Blocks\" - aus Gr\u00fcnden des Selbstschutzes in der Szene gegen\u00fcber dem \"individuellen Spa\u00dffaktor\" isolierter Einzelt\u00e4ter einger\u00e4umt. Presseberichterstattung \u00fcber Demonstrationen als regionale (Gro\u00df-) Ereignisse verst\u00e4rkte die von den T\u00e4tern selbst beabsichtigte propagandistische Wirkung von Gewalttaten, die bei solchen Anl\u00e4ssen begangen wurden. Im Verlauf der Demonstration in Stuttgart am 21. Oktober 2006 gegen die Sozialreformen der Bundesregierung etwa kam es zu schweren Sachbesch\u00e4digungen. Aus einem \"schwarzen Block\" heraus wurde die Fassade einer Bank in der Stuttgarter Innenstadt mit Farbbeuteln, Glasflaschen und pyrotechnischen Gegenst\u00e4nden beworfen. Nach Beendigung der Veranstaltung wurden Glasflaschen mit schwarzer Fl\u00fcssigkeit gegen das Geb\u00e4ude der Gesch\u00e4ftstelle einer demokratischen Partei in Stuttgart geschleudert. Polizeiliche Ma\u00dfnahmen gegen gewaltt\u00e4tige Demonstranten, von Linksextremisten als politisch motivierte \"Repression\" eingestuft, k\u00f6nnen wie in diesem Fall gewaltsame Reaktionen aus der Szene ausl\u00f6sen. In der Nacht zum 23. Oktober 2006 bewarfen unbekannte T\u00e4ter einen Mannheimer Polizeiposten mit Farbbeuteln. Mit diesem \"symbolischen Angriff\" bezog sich eine \"Autonome Gruppe gegen Repression\" in einer Erkl\u00e4rung auf vorausgegangene \"militante Aktionen\" gegen Polizeiwachen in Stuttgart und Karlsruhe298. 298 \"Dokumentation\" des Bekennerschreibens auf der Homepage des \"Infoladens Ludwigsburg\"; Internetauswertung vom 26. Oktober 2006. 203","4. Parteien und Organisationen 4.1 \"Linkspartei.PDS\" Gr\u00fcndung: 1946 (als SED) Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 700 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 600) ca.60.000 Bund (2005: ca. 61.600) Publikationen: \"Disput\", \"Die Linke.PDS-Pressedienst\", \"PDS Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg\" Die heutige \"Linkspartei.PDS\" ist nach mehreren Umbenennungen aus der urspr\u00fcnglich 1946 gegr\u00fcndeten \"Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands\" (SED), der Staatsund Regierungspartei der fr\u00fcheren DDR, hervorgegangen. Im wiedervereinigten Deutschland nach 1990 vermochte sich die Partei in den neuen Bundesl\u00e4ndern als eine Art Volkspartei mit noch immer sehr beachtlichen Wahlergebnissen zu etablieren. Im Westen konnte sie hingegen kaum Fu\u00df fassen. Ihre dortigen Landesverb\u00e4nde sind seit ihren Anf\u00e4ngen in unterschiedlichem Grad von Mitgliedern anderer linksextremistischer Organisationen, vor allem ehemaliger K-Gruppen299, durchsetzt. Ihre Schw\u00e4che im Westen hat die \"Linkspartei.PDS\" schon seit langem als ihr Problem erkannt. Seit der Zusammenarbeit mit der WASG erlebt die Partei einen Aufschwung. Auf dem Parteitag am 29./30. April 2006 in Halle stellte der Parteivorsitzende Lothar BISKY fest, die Partei schaue \"mit mehr Selbstbewusstsein auf die letzten beiden Jahre. Wir haben uns aus eigener Kraft seit der Krise 2003 wieder stabilisiert und im Jahr 2005 haben wir erstmals in der Geschichte der PDS einen leichten realen Mitgliederzuwachs erzielt.\" 300 So beteiligte sich die \"Linkspartei.PDS\" 2006 zum ersten Mal an einer Landtagswahl in Baden-W\u00fcrttemberg, indem sie mit mehreren Kandidaten auf 299 Sammelbezeichnung f\u00fcr politische Gruppierungen wie den \"Kommunistischen Bund Westdeutschland\" (KBW), die \"Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten\" (KPD/ML) oder die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD), die sich vor allem in den 1960erbis 1980er-Jahren am chinesischen Marxismus-Leninismus (Maoismus) orientiert und beabsichtigt hatten, das bestehende Gesellschaftssystem in Deutschland zu beseitigen. 300 \"Lothar BISKY: \"F\u00fcr eine politikf\u00e4hige neue Linke. Rede des Vorsitzenden der Linkspartei.PDS auf der 1. Tagung des 10. Parteitages in Halle am 29./30. April 2006.\" Homepage der \"Linkspartei.PDS\" vom 19. Oktober 2006. 204","Linksextremismus der Liste der WASG vertreten war. Nachdem letztere die \"Linkspartei.PDS\" bei den Bundestagswahlen 2005 unterst\u00fctzt hatte, verzichtete die \"Linkspartei.PDS\" absprachegem\u00e4\u00df ihrerseits in Baden-W\u00fcrttemberg auf eine Eigenkandidatur. Nach langen Auseinandersetzungen dar\u00fcber, ob der Wahlkampf unter dem Logo der \"Linkspartei.PDS\" oder dem der WASG gef\u00fchrt werden sollte, hatte sich die WASG schlie\u00dflich durchgesetzt. Insgesamt erreichte sie 3,1 Prozent der Stimmen. Nach dem Erfolg der \"Linkspartei.PDS\" bei der Bundestagswahl 2005 hatte diese Landtagswahl als ein weiteres Etappenziel gegolten. Entsprechend weitreichende Hoffnungen wurden mit dem verpassten Einzug in den Landtag entt\u00e4uscht. Das Projekt einer \"neuen\" Partei der \"Linken\" in Deutschland war das alles \u00fcberragende Thema des Jahres 2006. Dabei wurden bereits entscheidende Schritte auf dem Weg der Vereinigung von \"Linkspartei.PDS\" und WASG zur Gesamtpartei \"DIE LINKE\" unternommen. Beide Parteien hatten bereits Anfang des Jahres \"Programmatische Eckpunkte auf dem Weg zu einer neuen Linkspartei in Deutschland\" vorgestellt. Im September 2006 folgte eine \u00fcberarbeitete, inhaltlich aber weitestgehend gleiche Version dieses Eckpunktepapiers. Im Zuge des Parteiformierungsprozesses entstandene Str\u00f6mungen wie die \"Antikapitalistische Linke\" oder die \"Sozialistische Linke\" brachten weitere Positionspapiere ein. Diese und eine ganze Reihe weiterer Stellungnahmen deuteten darauf hin, dass \u00fcber das neue Gesamtprojekt keineswegs einheitliche Vorstellungen herrschten. Die angestrebte neue Partei fand von Anfang an nicht nur Bef\u00fcrworter. Nach au\u00dfen gedrungenen Vereinnahmungs\u00e4ngsten von Seiten der WASG standen Bef\u00fcrchtungen eines Identit\u00e4tsverlusts aus der \"Linkspartei.PDS\" gegen\u00fcber. Vorbehalte wurden beispielsweise bei einer offenen Verst\u00e4ndigungsrunde Anfang September 2006 unter dem Motto \"Wie weiter mit der WASG und dem Parteiprojekt der Neuen Linken?\" deutlich. Hier trafen sich unter anderem Vertreter der Str\u00f6mungen \"Antikapitalistische Linke\" und \"Sozialistische Linke\". Es wurde dar\u00fcber debattiert, dass sich die urspr\u00fcnglichen Ziele des Parteineubildungsprozesses nicht aufrechterhalten lie\u00dfen. Auch das \"Neue Deutschland\" vom 11. September 2006 schrieb, dass die geplante Neugr\u00fcndung \"offenbar \u00fcber einen Beitritt der Wahlalternative WASG zur Linkspartei PDS ablaufen\" werde. Ein von der \"Linkspartei.PDS\" in Auftrag gegebenes Gutachten riet beiden Parteien zu einer \"Verschmelzung durch Aufnahme\" und dazu, \"dass die kleinere der verschmelzungswilligen Parteien (...) der gr\u00f6\u00dferen beitritt.\" 301 301 Gutachten zu Fragen einer Fusion zwischen WASG und Linkspartei von Prof. Dr. Martin Morlok, D\u00fcsseldorf, August 2006. 205","Voranschreiten W\u00e4hrenddessen schritt der Fusionsprozess weiter voran. Bei einer gemeindes Fusionssamen Vorstandssitzung von \"Linkspartei.PDS\" und WASG am 22. Oktober prozesses 2006 in Erfurt wurden mit einem Programmentwurf, einer Satzung sowie einer Bundesfinanzordnung gemeinsame Gr\u00fcndungsdokumente f\u00fcr die bis Mitte 2007 angestrebte neue Gesamtpartei beschlossen. Der Programmentwurf unterschied sich nicht wesentlich von den bisher erschienenen Entw\u00fcrfen der \"Programmatischen Eckpunkte\". Vor allem sind zentrale Aussagen - auch aus dem Parteiprogramm der \"Linkspartei.PDS\" von 2003 - erhalten geblieben beziehungsweise zus\u00e4tzlich auch in den Satzungsentwurf \u00fcbernommen. Als Ziel der neuen Gesamtpartei wurde u. a. formuliert: \"Ziel unseres Handelns ist eine Gesellschaft, in der die freie Entwicklung einer und eines jeden zur Bedingung der freien Entwicklung aller wird, eine Gesellschaft, die \u00fcber den Kapitalismus hinausweist und die ihn in einem transformatorischen Prozess \u00fcberwindet.\" Diese Passage, die unverkennbar an entsprechende Formulierungen im \"Kommunistischen Manifest\" von Karl Marx und Friedrich Engels ankn\u00fcpft, ist f\u00fcr die \"Linkspartei.PDS\" von offenbar unverzichtbarem Stellenwert. Sie war bereits im Parteiprogramm von 2003 enthalten und wurde jetzt in die Pr\u00e4ambel des Satzungsund in den Text des Programmentwurfs f\u00fcr die Pr\u00e4gender neue Partei aufgenommen. Die neue \"Linke\", so hei\u00dft es unter anderem Einfluss der weiter, lege \"programmatische Grundz\u00fcge einer umfassenden gesellschaft\"Linkspartei.PDS\" lichen Umgestaltung vor, um die Vorherrschaft der Kapitalverwertung \u00fcber Wirtschaft und Gesellschaft zu beenden\". Notwendig sei deshalb die \"\u00dcberwindung aller Eigentumsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, 'in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist' (Karl Marx)\".302 Wie zuvor schon in den \"Programmatischen Eckpunkten\" kehren hier neben dem neuerlichen Bezug auf Marx Schl\u00fcsselbegriffe marxistisch-leninistischer Ideologie wie die \"Eigentumsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse\" wieder. Die Anerkennung der neuen Partei gelte - so hei\u00dft es im Programmentwurf weiter - den Bem\u00fchungen um eine \"Eind\u00e4mmung des Kapitalismus ebenso wie Versuchen einer \u00dcberwindung der kapitalistischen Eigentumsund Herrschaftsverh\u00e4ltnisse.\" Der Kapitalismus sei nicht das Ende der Geschichte. Mit solchen Formulierungen wird unterschiedlichen - von \"reformistischen\" bis zu \"transformatorischen\" - politischen Ans\u00e4tzen und Str\u00f6mungen die Mitarbeit in der neuen Partei erm\u00f6glicht. 302 Hier und im Folgenden \"Programmatische Eckpunkte. Beschluss der gemeinsamen Vorstandssitzung von Linkspartei.PDS und WASG am 22. Oktober 2006 in Erfurt.\" Homepage der \"Linkspartei.PDS\" vom 24. Oktober 2006. 206","Linksextremismus Insgesamt tr\u00e4gt das Projekt der neuen Gesamtpartei deutlich die Handschrift der \"Linkspartei.PDS\", die auf zentrale Elemente ihres Selbstverst\u00e4ndnisses weiterhin nicht verzichten will. Dazu geh\u00f6ren vor allem die Vision des \"demokratischen Sozialismus\" und eine prinzipielle Gegnerschaft zum bestehenden politischen und gesellschaftlichen System in Deutschland. Auf einer Pressekonferenz im Anschluss an die gemeinsame Vorstandssitzung vom 22. Oktober 2006 \u00e4u\u00dferte BISKY: \"Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen uns ver\u00e4ndern, ohne unsere Herkunft zu verleugnen. Wir erweitern unsere Identit\u00e4t, ohne gesellschaftliche Visionen und den demokratischen Sozialismus aus den Augen zu verlieren. Wir stehen in Opposition zu den herrschenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, ohne auf einen Gestaltungsanspruch zu verzichten.\" 303 Nach der Verabschiedung der Entw\u00fcrfe der Gr\u00fcndungsdokumente im Oktober 2006 wurden diese an der Basis diskutiert. In allen L\u00e4ndern fanden Regionalkonferenzen statt. Auf einer gemeinsamen Parteivorstandssitzung am 10. Dezember 2006 wurden \u00c4nderungsantr\u00e4ge beraten und neue Entw\u00fcrfe der Gr\u00fcndungsdokumente vorgelegt. Diese wurden als Leitantr\u00e4ge auf den parallel tagenden Bundesparteitagen am 24./25. M\u00e4rz 2007 eingebracht. Dort erfolgte die endg\u00fcltige Beschlussfassung \u00fcber die Entw\u00fcrfe. In beiden Parteien werden dann Urabstimmungen durchgef\u00fchrt. Der Gr\u00fcndungsparteitag der neuen Partei soll am 16. Juni 2007 stattfinden. Um die Fusion rechtlich einwandfrei vollziehen zu k\u00f6nnen, haben beide Parteien im November 2006 jeweils ihre Umwandlung in den Status eines rechtsf\u00e4higen Vereins vorgenommen. Ein endg\u00fcltiges Parteiprogramm ist erst f\u00fcr 2008 vorgesehen. 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) Gr\u00fcndung: 1968 Sitz: Essen Mitglieder: unter 500 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 500) unter 5.000 Bund (2005: weniger als 4.500) Publikation: \"Unsere Zeit\" (UZ) 303 Presseerkl\u00e4rung vom 22. Oktober 2006; Homepage der \"Linkspartei.PDS\" vom 24. Oktober 2006. 207","Die \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) sieht sich unver\u00e4ndert in der Tradition der 1956 verbotenen \"Kommunistischen Partei Deutschlands\" (KPD). Sie fordert weiterhin den \"revolution\u00e4re(n) Bruch mit den kapitalistischen Machtund Eigentumsverh\u00e4ltnissen\". Mit programmatischen Aussagen wie derjenigen, dass es \"Menschenrechte f\u00fcr alle Bewohner dieser Erde\" nur auf der Basis von \"Gemeineigentum an Produktionsmitteln\" und der \"politischen Macht des arbeitenden Volkes\" 304 geben k\u00f6nne, h\u00e4lt sie unter bewusster terminologischer Umschreibung an der \u00dcberzeugung von der Notwendigkeit der \"Vergesellschaftung der Produktionsmittel\" und der \"Diktatur des Proletariats\" und damit an Kerninhalten der Lehre des Marxismus-Leninismus fest. Als angestrebtes Ziel definiert sie weiterhin den \"Sozialismus/Kommunismus\", wobei der Sozialismus als \"erste Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation\" gilt. Nach jahrelangem Ringen gelang es der DKP, auf der zweiten Tagung ihres neues Partei17. Parteitags am 8. April 2006 in Duisburg-Rheinhausen ein neues Parteiprogramm programm zu verabschieden. Damit verlor das \"Mannheimer Programm\" verabschiedet von 1978 seine G\u00fcltigkeit. Bis zuletzt war der vorgelegte Entwurf umstritten gewesen und die hohe Zahl an Gegenstimmen und Enthaltungen bei der Abstimmung zeigte, dass die Richtungsk\u00e4mpfe innerhalb der Partei noch immer nicht \u00fcberwunden sind und die Einigung auf ein gemeinsames Programm nicht das Ende politisch-ideologischer Unstimmigkeiten bedeutet. Ursache f\u00fcr die sich in den letzten Jahren zuspitzenden innerparteilichen Dissonanzen war die mangelnde Bereitschaft eines starken, von Anh\u00e4ngern aus dem Westen unterst\u00fctzten Minderheitenfl\u00fcgels aus Ostdeutschland, sich von alten ideologischen Gewissheiten zu trennen und insbesondere eine kritischere Sicht auf die ehemalige DDR und die Ursachen f\u00fcr den Untergang der sozialistischen Staaten zuzulassen. Bei den Landtagswahlen in Baden-W\u00fcrttemberg am 26. M\u00e4rz 2006 verzichtete die DKP auf eine eigene Kandidatur zugunsten einer \"Linkskandidatur\" der WASG. Dieser taktische Schritt sollte es erm\u00f6glichen, dass \"endlich eine Stimme der au\u00dferparlamentarischen Opposition in den Landtag\" 305 einziehe. Von den beiden auf der WASG-Liste nominierten DKP-Landtagskandidaten erreichte der Kandidat f\u00fcr Heidenheim 3,3 Prozent, der Kandidat f\u00fcr Sinsheim 3,2 Prozent der Stimmen. Das Gesamtergebnis f\u00fcr die WASG mit 3,1 Prozent war angesichts offenbar auch bei der DKP vorhandener Erwartungen eine Entt\u00e4uschung. 304 Hier und im Folgenden: \"Programm der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP)\"; Homepage der DKP vom 3. November 2006. 305 \"Am 26. M\u00e4rz WASG w\u00e4hlen!\", Flugblatt der DKP zur Landtagswahl. 208","Linksextremismus Mit ihren Kandidaturen unterst\u00fctzte somit die DKP das Projekt der neuen \"Linkspartei\" im Sinne der Herausbildung einer einheitlichen \"linken\" Opposition trotz ihrer Vorbehalte gegen\u00fcber der \"Linkspartei.PDS\". Letztere beurteilte sie als eine \"linksreformistische\", innerhalb des Rahmens des b\u00fcrgerlich-parlamentarischen Systems agierende Kraft ohne revolution\u00e4re Perspektive. Deshalb sei der Verzicht auf eine eigene Kandidatur und die Unterst\u00fctzung der \"Linkspartei.PDS\" auf die Dauer \"nicht hinnehmbar\".306 Ziel der DKP m\u00fcsse sein, eigene kommunalpolitische Kontinuit\u00e4t \"in m\u00f6glichst vielen St\u00e4dten und Gemeinden\" zu erreichen. Die Kraft der Partei reichte indes nicht aus, um resonanzf\u00e4hige eigene Aktivit\u00e4ten zu organisieren. Gleichwohl beteiligte sie sich im Rahmen ihrer M\u00f6glichkeiten an Aufrufen zu zentralen, \u00f6rtlichen oder \u00fcberregionalen Demonstrationen. In einem eigenen, in ihrem Regionalblatt \"Stuttgart links\" unter dem Motto \"Stoppt die Regierung der gro\u00dfen asozialen Zumutungen!\" ver\u00f6ffentlichten Aufruf forderte sie zur Teilnahme an der landesweiten Gewerkschaftsdemonstration am 21. Oktober 2006 in Stuttgart auf. Gro\u00dfe Ausdauer bewies die DKP Karlsruhe, die sich das ganze Jahr \u00fcber nahezu regelm\u00e4\u00dfig an den \"Montagsdemonstrationen\" in Karlsruhe beteiligte. Hierbei kamen auch die von der DKP Baden-W\u00fcrttemberg herausgegebenen \"montags-infos\" zur Verteilung. Im Fr\u00fchjahr 2006 startete die DKP aus Anlass des 50. Jahrestags des KPDVerbots ihre Kampagne zur Aufhebung des Verbots und zur Rehabilitierung Kampagne der \"Opfer des Kalten Krieges\". Gegen das fortbestehende Verbot agitiergegen ten auch andere linksextremistische oder linksextremistisch beeinflusste KPD-Verbot Organisationen, darunter die \"Linkspartei.PDS\". Ab dem 10. M\u00e4rz 2006 ver\u00f6ffentlichte die DKP auf ihrer Homepage einen Appell an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, den man mittels Online-Unterschrift unterst\u00fctzen konnte. Im Parteiorgan \"Unsere Zeit\" (UZ) wurde das Thema verst\u00e4rkt publizistisch aufbereitet. Dazu z\u00e4hlte auch eine Sonderausstellung in der Hamburger \"Gedenkst\u00e4tte Ernst Th\u00e4lmann\" und als H\u00f6hepunkt der Kampagne eine zentrale Veranstaltung der DKP am 19. August 2006 in Berlin unter dem Motto \"Kommunisten-Verfolgung beenden! KPD-Verbot aufheben!\" mit rund 600 Teilnehmern, darunter Funktion\u00e4ren der VVNBdA und der \"Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend\" (SDAJ). 306 Hier und im Folgenden: \"Unsere Zeit\" (UZ) Nr. 8 vom 24. Februar 2006, S. 12. 209","Die SDAJ, der Jugendverband der DKP, trat 2006 mit nur wenigen nennenswerten Aktivit\u00e4ten in Erscheinung. In Baden-W\u00fcrttemberg brachte er im Februar 2006 erstmals die Kleinzeitung \"Baschda!\" heraus, die laut Impressum als \"Sch\u00fclerInnenzeitung\" gedacht sein sollte. Nach einer Erstausgabe mit 2.500 Exemplaren war im Internet eine Extraausgabe vom M\u00e4rz 2006 zum damaligen Streik im \u00f6ffentlichen Dienst abrufbar. Im Mai 2006 erschien die bislang letzte Ausgabe. Ihr j\u00e4hrliches Pfingstcamp veranstaltete die SDAJ vom 2. bis 5. Juni 2006 in Warburg/Bonenburg (Nordrhein-Westfalen). Dabei wurden unter dem Motto \"Party for your right to fight\" der f\u00fcr linksextremistische \"Antifaschisten\" zentrale Slogan \"Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln bleibt unsere Losung!\" mit einem Vertreter der VVN-BdA behandelt oder Themen wie \"Lateinamerika: Startschuss f\u00fcr eine neue Offensive gegen den Imperialismus?\" diskutiert. 4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) Gr\u00fcndung: 1947 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 1.300 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 1.300) ca. 6.000 Bund (2005: ca. 6.000) Publikationen: \"antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur\" \"AntiFa-Nachrichten\" Bereits 1947 und urspr\u00fcnglich unter massivem kommunistischem Einfluss gegr\u00fcndet, l\u00f6ste sich die \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) erst nach Jahrzehnten verst\u00e4rkt aus ihrer Rolle als Vorfeldorganisation der DKP. Dennoch vertritt sie vor allem auf ihrem Hauptbet\u00e4tigungsfeld, dem \"Antifaschismus\", unver\u00e4ndert orthodox-kommunistische Positionen: \"Die Option Faschismus unm\u00f6glich zu machen, dazu brauchen wir den antifaschistischen Kampf, brauchen wir die VVN/BdA. Die Bew\u00e4hrung in diesem Kampf ist auch Voraussetzung, um an grundlegende soziale Ver\u00e4nderungen heranzukommen - zum Sozialismus.\" 307 Politische Einseitigkeit innerhalb einer gewissen Bandbreite d\u00fcrfte die Organisation trotz ihres propagierten Sammlungscharakters auch in der 307 \"AntiFa-Nachrichten\" Nr. 2 vom Mai 2006, S. 32. 210","Linksextremismus Zukunft pr\u00e4gen. Dies offenbarte sich unter anderem anl\u00e4sslich der Suche nach neuen Mitstreitern, die angesichts des insgesamt \u00fcberalterten Mitgliederbestands f\u00fcr den Erhalt der Organisation lebensnotwendig wurde, und der sich die Organisation erkl\u00e4rterma\u00dfen verst\u00e4rkt zuwenden wollte. Wie die VVN-BdA selbst schrieb, habe der Erfolg der \"Linkspartei.PDS\" bei der Bundestagswahl von 2005 gezeigt, dass die Gelegenheit \"g\u00fcnstig\" sei, \"inakweiterhin tive Linksstehende zu motivieren\" 308. Zu dieser Zielgruppe geh\u00f6rten unverWerben um \u00e4ndert auch Linksextremisten. So berichtete sie an gleicher Stelle ausdr\u00fcckLinksextremisten lich, unter anderem ein MLPD-Mitglied und ein Mitglied der trotzkistischen Organisation \"Linksruck\" neu gewonnen zu haben. Die Gelegenheit, f\u00fcr den Fortbestand der eigenen Organisation zu sorgen, boten \u00f6ffentliche Veranstaltungen, darunter insbesondere Mahnwachen, Kundgebungen und Demonstrationen gegen Rechtsextremismus. Gerade hier glaubt die VVN-BdA, im Sinne erfolgreicher Eigenwerbung auf \"Verdienste\" verweisen zu k\u00f6nnen. Dies gelte an erster Stelle f\u00fcr \"die vielen Gegenaktionen gegen Naziaufm\u00e4rsche (...), die wir im Zusammenwirken mit anderen Gruppen und Organisationen initiiert und organisiert haben.\" 309 In der Tat legte die VVN-BdA 2006 offenbar gezielt Wert darauf, in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent zu sein. Die gestiegene Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen bot entsprechend \u00f6fter M\u00f6glichkeiten, als Initiator, Anmelder oder Unterst\u00fctzer von Gegenveranstaltungen in Erscheinung zu treten. Auf ihrer Landesdelegiertenkonferenz am 20./21. Mai 2006 in Heidelberg hatte sie als einen \"Schwerpunkt der Arbeit\" beschlossen, \"B\u00fcndnisse gegen neofaschistische Aufm\u00e4rsche und Aktivit\u00e4ten zu initiieren und zu unterst\u00fctzen\".310 St\u00e4rker noch als in den Vorjahren wurde dabei allerdings die Zusammenarbeit der VVN-BdA mit gewaltbereiten Autonomen deutlich. Erstaunlich offen bekannte sich die Organisation zu solchen B\u00fcndnissen und rechtfertigte die von Autonomen ausgehende Gewalt gegen den politischen Gegner. Um vermehrt jugendliche Anh\u00e4nger zu gewinnen, traten selbst bei der Gewaltfrage taktische Erw\u00e4gungen zunehmend in den Hintergrund. Da die VVN-BdA \"Erfolge\" ihres \"antifaschistischen\" Engagements unter anderem daran misst, inwieweit es gelingt, \"Nazi-Aufm\u00e4rsche\" zu beoder verhindern, und dies in der Regel auf das Konto - auch gewaltsam agierender - Autonomer geht, z\u00e4hlen diese mittlerweile offenbar zu ihren unverzichtbaren B\u00fcndnispartnern. 308 \"AntiFa-Nachrichten\" Nr. 1 vom Januar 2006, S. 10. 309 \"AntiFa-Nachrichten\" Nr. 1 vom Januar 2006, S. 10. 310 \"AntiFa-Nachrichten\" Nr. 3 vom August 2006, Beilage S. II. 211","F\u00fcr den 28. Januar 2006 hatte die VVN-BdA eine Gegendemonstration zu einer rechtsextremistischen Kundgebung in Stuttgart angemeldet. Nach vorzeitiger Aufl\u00f6sung der Gegenveranstaltung gelang es, die rechtsextremistische Kundgebung zu stoppen. Obwohl es dabei durch gewaltbereite Autonome zu teils schweren \u00dcbergriffen auf Polizei und Rechtsextremisten kam, sprachen die \"AntiFa-Nachrichten\" von einer \"gelungene(n) Protestaktion\": \"Die friedliche und gewaltfreie Blockade der zahlreichen Nazigegner, hat den faschistischen Aufmarsch gestoppt.\" 311 Der VVN-BdA-Landesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer wurde an gleicher Stelle mit den anerkennenden Worten zitiert: ''Das war ein guter Tag f\u00fcr Stuttgart.'\" In einer Pressemitteilung vom 28. Januar 2006 hatte sich die VVN-BdA \"ausdr\u00fccklich bei allen\" bedankt, \"die zu diesem Erfolg beigetragen haben.\" 312 Anders dagegen verschwieg der VVN-BdA-Bundesvorsitzende Heinrich FINK nach einer Darstellung in der \"jungen Welt\"313 die begangenen Gewalttaten nicht, machte daf\u00fcr aber die Gerichte verantwortlich: \"Durch die Aufhebung der zuvor erlassenen Demonstrationsverbote in den drei St\u00e4dten [u. a. Stuttgart] h\u00e4tten die Gerichte ''den Neonazis zum wiederholten Mal den Weg bereitet'. Die Richter tr\u00fcgen somit die ''komplette Verantwortung f\u00fcr die gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen' (......).\" 314 Ebenfalls im Januar 2006 \u00e4u\u00dferte sich FINK noch deutlicher: \"Man darf nicht vergessen, dass das Gros unserer Mitglieder nicht aus Jugendlichen besteht und wir 311 Hier und im Folgenden: \"AntiFa-Nachrichten\" Nr. 2 vom Mai 2006, S. 4; \u00dcbernahme wie im Original. 312 Presserkl\u00e4rung der VVN-BdA vom 28. Januar 2006. 313 Bei der \"jungen Welt\" - ein bedeutendes Druckerzeugnis im linksextremistischen Bereich - handelt es sich um eine vom Verlag \"8. Mai GmbH\" (Berlin) herausgegebene Tageszeitung. Sie pflegt eine traditionskommunistische Ausrichtung und propagiert die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft. 314 \"junge Welt\" Nr. 25 vom 30. Januar 2006, S. 1. 212","Linksextremismus daher zwar viele Aktivit\u00e4ten junger Antifaschisten solidarisch begleiten, uns aber nicht immer aktiv daran beteiligen k\u00f6nnen. Ich will aber sehr deutlich betonen, dass mir eine Reihe von Mitgliedern unseres Verbandes bekannt sind, die sehr intensiv mit jungen autonomen Antifaschisten zusammenarbeiten. Dass es hier und da einmal zu Spannungen kommen kann, ist ein ganz normaler Vorgang. Ich bin aber immer bem\u00fcht, politische B\u00fcndnisse mit Zusammenarbeit allen ernsthaften Antifaschisten einzugehen, seien mit Autonomen sie nun Mitglieder autonomer Gruppen oder beierneut bekr\u00e4ftigt spielsweise der Gewerkschaften. Den autonomen Antifaschisten kann ich deutlich versichern, auf ihrer Seite zu stehen und jederzeit zu einer Zusammenarbeit mit ihnen bereit zu sein.\" 315 Polizeiliche oder strafrechtliche Ma\u00dfnahmen gegen linksextremistische Gewaltt\u00e4ter wiederum kommentierte die VVN-BdA mit Emp\u00f6rung. Mitglieder autonomer Antifagruppen wurden von ihr als \"B\u00fcrger\" umschrieben, \"die den 'Aufstand der Anst\u00e4ndigen' ernst nehmen und in die Tat umsetzen\", daf\u00fcr aber durch staatliche Beh\u00f6rden \"\u00fcberwacht, verfolgt und kriminalisiert\" w\u00fcrden.316 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) Gr\u00fcndung: 1982 Sitz: Gelsenkirchen Mitglieder: ca. 600 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 600) mehr als 2.300 Bund (2005: mehr als 2.300) Publikationen: \"Rote Fahne\" (RF) \"Lernen und K\u00e4mpfen\" (LuK) \"REBELL\" Die maoistisch-stalinistisch gepr\u00e4gte \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) strebt unver\u00e4ndert die revolution\u00e4re \u00dcberwindung der parlamentarischen Demokratie an und rechtfertigt ihr politisches Wirken mit dem \"Verrat des Sozialismus in der Sowjetunion und der DDR nach dem XX. Parteitag der KPdSU 317 1956\" 318. Dort - wie nach dem Tode 315 \"junge Welt\" Nr. 12 vom 14./15. Januar 2006, Beilage S. 2; \u00dcbernahme wie im Original. 316 \"AntiFa-Nachrichten\" Nr. 1 vom Januar 2006, S. 3. 317 \"Kommunistische Partei der Sowjetunion\". 318 Hier und im Folgenden: \"Rote Fahne\" (RF) Nr. 38 vom 22. September 2006, S. 2. 213","Mao Tsetungs auch in China - sei der Sozialismus zerst\u00f6rt worden, weil die \"demokratische Kontrolle \u00fcber die verantwortlichen F\u00fchrer in Partei, Wirtschaft und Staat nicht ausreichte\". Die MLPD zog daraus den Schluss, dass der \"echte Sozialismus nur mit einer proletarischen Denkweise erk\u00e4mpft und erhalten werden kann\", und wendet den \"Marxismus-Leninismus und die Maotsetungideen sch\u00f6pferisch auf die heutige Situation an\". Damit nimmt die MLPD noch heute ausdr\u00fccklich die Lehren Mao Tse-tungs zum Vorbild. So w\u00fcrdigte sie 2006 den chinesischen Diktator in ihrem Zentralorgan \"Rote Fahne\" aus Anlass seines 30. Todestags und des 40. Jahrestags des Beginns der \"Gro\u00dfen Proletarischen Kulturrevolution\" als \"zweifellos bedeutendste Pers\u00f6nlichkeit der marxistisch-leninistischen Weltbewegung in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts\".319 Die Partei verleugnet dabei v\u00f6llig den unter der Diktatur Mao Tse-tungs begangenen millionenfachen Mord und sieht den chinesischen Machthaber im Gegenzug als \"Hauptziel wilder Attacken und unglaublicher Verleumdungen der Herrschenden und ihres Antikommunismus\".320 Die MLPD und ihr Jugendverband REBELL arbeiten eigenen Angaben zufolge \"mit aller Energie daran, sich als w\u00fcrdige Kraft im Sinne dieses gro\u00dfartigen Revolution\u00e4rs zu erweisen!\" Nach der logistisch aufw\u00e4ndigen fl\u00e4chendeckenden Beteiligung der MLPD an der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 hat sich die Parteiagitation im Jahr 2006 im Verh\u00e4ltnis zum Vorjahr abgeschw\u00e4cht. Grund hierf\u00fcr d\u00fcrfte in der mittlerweile begonnenen und kr\u00e4ftebindenden Umstrukturierung der Partei liegen, die mit der Einf\u00fchrung neuer Kontrollebenen in Form von Landesund k\u00fcnftig 50 Kreisverb\u00e4nden den Parteiaufbau unter zentralistischer F\u00fchrung vorantreiben soll. Der langj\u00e4hrige Parteivorsitzende Stefan ENGEL begr\u00fcndete die Umstrukturierung mit dem \"schnelle(n) Wachstum der Partei\" und den \"vielf\u00e4ltigen neuen Aufgaben\", die \"ein gr\u00f6\u00dferes Bed\u00fcrfnis an konkreter und allseitiger Anleitung und Kontrolle und Ausbildung usw.\" 321 zum Ausdruck br\u00e4chten. Das Zentralkomitee allein habe diese \"konkrete unmittelbare Anleitung und Kontrolle auf Grund des schnellen Wachstums der Partei mit ihrer bisherigen Struktur nicht mehr 319 RF Nr. 37 vom 15. September 2006, S. 24. 320 Hier und im Folgenden: RF Nr. 40 vom 6. Oktober 2006, S. 21. 321 Hier und im Folgenden: RF Nr. 26 vom 30. Juni 2006, S. 16, 17 (\u00dcbernahme einschlie\u00dflich Fettdruck wie im Original). 214","Linksextremismus zufriedenstellend leisten\" k\u00f6nnen. Deshalb solle eine \"Reorganisierung der Partei in sieben Landesverb\u00e4nde und 50 Kreise bis zum VIII. Parteitag\" im Jahr 2008 durchgef\u00fchrt werden. Dies sei die \"gr\u00f6\u00dfte organisationspolitische Umw\u00e4lzung in der Geschichte der MLPD\" und eine \"Offensive zum Einsatz, zur Ausbildung und F\u00f6rderung neuer Kader f\u00fcr die k\u00fcnftigen Aufgaben der Partei im Klassenkampf\". Es liege daher auf der Hand, dass \"sich die gesamte Partei damit gr\u00fcndlich besch\u00e4ftigen\" m\u00fcsse.322 Nach der \"erfolgreichen Gr\u00fcndung des Landesverbands Nordrhein-Westfalen\" 323 im Dezember 2005 sollte im Jahr 2006 nach Sachsen-Anhalt auch der Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg gegr\u00fcndet Reorganisation werden. Diese Planungen wurden jedoch bis Ende 2006 nicht umgesetzt. im Vordergrund Allerdings wurde laut Aussage von ENGEL in allen sieben Landesverb\u00e4nden damit begonnen, \"Landesaufbaugruppen einzusetzen, regionale B\u00fcros einzurichten und die Strukturen der Anleitung und Kontrolle der Partei auf diese Landesverb\u00e4nde umzustellen.\" 324 In Stuttgart er\u00f6ffnete die \"Landesaufbaugruppe (LAG) Baden-W\u00fcrttemberg\" am 16. Dezember 2006 ihr B\u00fcro in den R\u00e4umlichkeiten der bisherigen MLPD-Kreisleitung in StuttgartUntert\u00fcrkheim. Der \"Politische Leiter\" der LAG Baden-W\u00fcrttemberg ist ein Mitglied des MLPD-Zentralkomitees, das seinen Wohnsitz aus diesem Grund vom Ruhrgebiet nach Stuttgart verlegt hatte.325 Ins Rampenlicht der \u00d6ffentlichkeit geriet die Partei 2006 durch ihr stetig wachsendes Parteiverm\u00f6gen, das vor allem in den letzten beiden Jahren auf einzelne Gro\u00dfspenden und Spendenaktionen zur\u00fcckzuf\u00fchren war. Am 30. Juli 2006 trat ein Gro\u00dfspender aus Nordrhein-Westfalen, der der MLPD in den Jahren 2005 und 2006 eine Erbschaft in H\u00f6he von insgesamt 2,5 Millionen Euro vermacht hat, in einer bekannten Talkshow auf, zu der er als Studiogast eingeladen worden war. Auf diese Weise verschaffte er der MLPD vor einem Millionenpublikum eine willkommene Werbung in eigener Sache. In der Ausgabe Nr. 31 der \"Roten Fahne\" vom 4. August 2006 wurde die gro\u00dfe Resonanz, die sich auch noch im Anschluss an die Sendung in der Presse ergab, freudig zur Kenntnis genommen. Laut ihrem in der \"Roten Fahne\" Nr. 22 vom 2. Juni 2006 ver\u00f6ffentlichten Finanzrechenschaftsbericht war das Gesamtverm\u00f6gen der MLPD, das zu einem Gro\u00dfteil in Immobilien angelegt ist, schon bis zum Jahresende 2004 322 LuK Nr. 3 vom Juli 2006, S. 2. 323 Hier und im Folgenden: LuK Nr. 2 vom April 2006, S. 14. 324 RF Nr. 51/52 vom 22. Dezember 2006, S. 21. 325 Ebd. S. 6. 215","auf rund 14,7 Millionen Euro angestiegen. Eine im Bundestagswahlkampf 2005 begonnene und in MLPD-Kreisen \u00fcbliche \"Spendenkampagne zur Finanzierung der Offensive f\u00fcr den echten Sozialismus\" 326 brachte bis zum Juni 2006 zus\u00e4tzlich ein Ergebnis von \u00fcber 561.000 Euro, Gro\u00dfspenden nicht eingerechnet. In einem Interview verk\u00fcndete ENGEL stolz, dass seit Beginn des Jahres 2005 somit \u00fcber drei Millionen Euro f\u00fcr die Partei gespendet worden seien. Das habe es seit Gr\u00fcndung der MLPD noch nie gegeben. Neben der Bestreitung der Kosten bilde dies \"zus\u00e4tzlich eine hervorragende Reserve f\u00fcr die k\u00fcnftigen Aktivit\u00e4ten der Partei\" 327. Ansonsten ist die MLPD wiederum im Zusammenhang mit Protesten gegen die Sozialreformen der Bundesregierung hervorgetreten. Trotz starker R\u00fcckl\u00e4ufigkeit der \"Bewegung der Montagsdemonstrationen\", zu deren Spaltung sie durch ihren eigenen Dominanzanspruch selbst beigetragen hatte, versuchte die MLPD weiterhin, die Durchf\u00fchrung der von ihr ma\u00dfgeblich beeinflussten, regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden Kundgebungen aufrechtzuerhalten. Die MLPD war Hauptinitiatorin der bundesweiten Demonstration am 16. September 2006 in Berlin. Zu diesem \"3. Sternmarsch gegen die Regierung\" rief unter anderem die von der MLPD ma\u00dfgeblich beeinflusste bundesweite \"Montagsdemobewegung\" mit Parolen wie \"Gegen die gro\u00dfe Koalition der Sozialr\u00e4uber - Weg mit Hartz IV!\" auf. Damit sollte ein \"un\u00fcbersehbares Zeichen des gemeinsamen Kampfes gegen die volksfeindliche Politik der gro\u00dfen Koalition\" 328 gesetzt werden. 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH) Gr\u00fcndung: 1975 Sitz: Dortmund Gesch\u00e4ftsstelle: G\u00f6ttingen Mitglieder: ca. 300 Baden-W\u00fcrttemberg (2005: ca. 300) ca. 4.300 Bund (2005: ca. 4.300) Publikation: \"Die Rote Hilfe\" In der Tradition der historischen \"Roten Hilfe\" stehend, widmet sich die \"Rote Hilfe e.V.\" als \"parteiunabh\u00e4ngiger, str\u00f6mungs\u00fcbergreifender linker Organisationszusammenhang\" 329 unver\u00e4ndert der finanziellen und politischsolidarischen Unterst\u00fctzung von \"Menschen, die im b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Nationalstaatsgef\u00fcge BRD auf Grund ihrer politischen Bet\u00e4tigung verfolgt, also in der einen oder anderen Form zu Zielscheiben der staat326 RF Nr. 26 vom 30. Juni 2006, S. 16. 327 RF Nr. 26 vom 30. Juni 2006, S. 16. 328 Internetauswertung vom 19. Juli 2006; Fettdruck im Original. 329 Hier und im Folgenden \"Die Rote Hilfe\" Nr. 3 von 2006, S. 5. 216","Linksextremismus lichen Repression werden\", so unter anderem in den Bereichen \"Antifaschismus\", \"Soziale Freir\u00e4ume/Autonome Zentren\", \"Antikapitalismus\", \"Antimilitarismus\" oder \"Antirassismus/Internationalismus\". 2006 stellte die \"Rote Hilfe e.V.\" die \"Antirepressionsarbeit\" in den Vordergrund. Diesem Thema widmete sie schwerpunktm\u00e4\u00dfig zwei Ausgaben ihrer viertelj\u00e4hrlich erscheinenden Publikation \"Die Rote Hilfe\". Insbesondere zwei im Text hervorgehobene Zitate machen den politisch-ideologischen Hintergrund deutlich. Danach ist nach dem Verst\u00e4ndnis dieser Organisation das grundlegende \"Ziel staatlicher Repression (...) die Machterhaltung\", welche \"durch Abschreckung, Ausgrenzung und Entpolitisierung der politischen GegnerInnen durchgesetzt\" werde.330 Im Verlauf des Artikels \"politische wurde an anderer Stelle ebenso deutlich ein Zitat optisch betont, wonach Repression\" als ein \"wirksames und reichlich erprobtes Mittel zur Bek\u00e4mpfung politischer Schwerpunkt GegnerInnen (...) die Kriminalisierung und politische Unterdr\u00fcckung\" 331 darstelle. Zum 18. M\u00e4rz, dem allj\u00e4hrlich begangenen \"Tag der politischen Gefangenen\"332, erstellte der Bundesvorstand eine \"Sonderausgabe der Roten Hilfe\" als Beilage zur Tageszeitung \"junge Welt\" vom 10. M\u00e4rz 2006, die neben Berichten \u00fcber inhaftierte Linksextremisten im Inund Ausland auch die Forderung nach der \"Freiheit f\u00fcr die Gefangenen aus der RAF\" enthielt. Das Interesse aus der linksextremistischen Szene an den im Zusammenhang mit dem \"Tag der politischen Gefangenen\" durchgef\u00fchrten bundesweiten dezentralen Aktionen blieb in Baden-W\u00fcrttemberg wie bereits in den vergangenen Jahren hinter den Erwartungen zur\u00fcck. So beteiligten sich am 18. M\u00e4rz 2006 lediglich etwa 70 Personen an einer Kundgebung vor der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. 4.6 Sonstige Vereinigungen Aufgefallen sind erneut politische Aktivit\u00e4ten von Trotzkisten. Vor allem bei der trotzkistischen Organisation \"Linksruck\" war nach Abwendung von der globalisierungskritischen Sammlungsorganisation \"attac\" eine Fokussierung auf die WASG zu beobachten. Die WASG gilt f\u00fcr \"Linksruck\" als Aus330 \"Die Rote Hilfe\" Nr. 3 von 2006, S. 5. 331 Ebd., S. 7. 332 Das Datum 18. M\u00e4rz soll historische Bez\u00fcge zu den Barrikadenk\u00e4mpfen in Berlin w\u00e4hrend des Revolutionsjahrs 1848, zum Beginn der Pariser Commune im M\u00e4rz 1871 und dem erstmals am 18. M\u00e4rz 1923 von der damaligen KPD-nahen \"Roten Hilfe\" ausgerufenen \"Internationalen Tag der politischen Gefangenen\" kn\u00fcpfen. 217","gangspunkt f\u00fcr den Aufbau einer sozialistischen Arbeiterpartei nach trotzkistischen Vorstellungen. Die \u00dcbernahme von Funktionen erm\u00f6glicht es dabei, auf Mitglieder und Entwicklung der Partei Einfluss zu nehmen. So wurde ein Angeh\u00f6riger von \"Linksruck\" erneut in den Landesvorstand der WASG Baden-W\u00fcrttemberg gew\u00e4hlt. Welchen Einfluss Trotzkisten im Einzelfall auf die Organisation zu erlangen verm\u00f6gen, zeigte das bundesweit bekannt gewordene Beispiel des Berliner Landesverbands der WASG, der unter F\u00fchrung eines bekennenden Mitglieds der \"Sozialistischen Alternative VORAN\" (SAV) gegen den Willen des Parteivorstands eine separate Kandidatur zu der Landtagswahl 2006 durchsetzte. Angeh\u00f6rige beider trotzkistischer Organisationen kandidierten auch auf der Liste der WASG zur Landtagswahl 2006 in Baden-W\u00fcrttemberg. Trotzkisten Trotzkisten tauchten auch 2006 \u00fcberall dort auf, wo es galt, Protest gegen vielf\u00e4ltig aktiv die \"Herrschenden\" zu initiieren oder nach Kr\u00e4ften zu unterst\u00fctzen, sei es bei den Studentenprotesten gegen die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren, bei Streiks von Belegschaften wegen Entlassungen, bei Tarifauseinandersetzungen, Demonstrationen gegen \"Sozialabbau\", Kundgebungen gegen den Irakkrieg oder im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt. Neben der Mobilisierung m\u00f6glichst breiter Bev\u00f6lkerungskreise ging es dabei vorrangig um die Bekanntmachung der eigenen Organisation und die Verbreitung von Propagandamaterial. 5. Aktionsfelder 5.1 \"Antifaschismus\" \"Antifaschismus\" hat als Agitationsfeld von Linksextremisten weiter an Bedeutung gewonnen. Im Zuge der zunehmenden Zahl rechtsextremistischer Demonstrationen stand dabei mehr denn je die Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner \"auf der Stra\u00dfe\" im Vordergrund. Als \"Erfolg\" gilt dabei die aktive Beoder m\u00f6glichst Verhinderung \"faschistischer Aufm\u00e4rsche\". So wurde am 28. Januar 2006 die von der VVN-BdA organisierte Demonstration in der Stuttgarter Innenstadt unter dem Motto \"Sch\u00f6ner Leben ohne Nazis - Gemeinsam gegen Rassismus, Faschismus und Gewalt\" durchgef\u00fchrt. Sie richtete sich gegen eine gleichzeitig stattfindende Kundgebung der \"Kameradschaft Stuttgart\" und weiterer rechtsextremistischer Vereinigungen. Autonome Gruppen hatten au\u00dferdem dazu aufgerufen, \"den Auf218","Linksextremismus marsch mit allen Mitteln zu verhindern\" 333. Im Anschluss an die vorzeitig beendete Veranstaltung kam es zu teilweise massiven Auseinandersetzungen zwischen Teilnehmern beider Demonstrationen. Gegen eine Demonstration der \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN) in G\u00f6ppingen am 23. September 2006 gab es Aufrufe mehrerer autonomer GrupAktionen und pen, die dazu aufforderten, den \"Naziaufmarsch [zu] verhindern\" bezieKampagnen hungsweise \"Neonazis entgegen[zu]treten\". Mehreren hundert Personen gelang es, den Aufzug der Rechtsextremisten schon am Bahnhofsvorplatz zu blockieren, der daraufhin von Polizeikr\u00e4ften durch die Stadt umgelenkt wurde. W\u00e4hrend einer Zwischenkundgebung errichteten \"St\u00f6rer\" auf der weiteren Demonstrationsroute Barrikaden und setzten M\u00fcllcontainer in Brand. Hinzu kamen Sachbesch\u00e4digungen an geparkten Autos. Bei einer versuchten Gefangenenbefreiung wurde eine Polizeibeamtin leicht verletzt. W\u00e4hrend der Abschlusskundgebung wurden aus der autonomen Szene heraus Steine geworfen. Es kam zu Festnahmen. Wie in den Jahren zuvor erstreckte sich das Ziel, \u00f6ffentliches Auftreten von \"Nazis\" zu verhindern, noch auf weitere Anl\u00e4sse. Die Gruppe \"Antifaschistisches Projekt Pforzheim\" (APP) versuchte auch am 23. Februar 2006 wieder, das j\u00e4hrliche Fackelgedenken des rechtsextremistischen \"Freundeskreises ''Ein Herz f\u00fcr Deutschland' e. V.\" (FHD) auf dem Pforzheimer Wartberg zu verhindern. Hierzu hatte bereits im Sommer 2005 ein Angeh\u00f6riger des Pforzheimer \"Antifa\"-Spektrums eine Kundgebung auf dem Pforzheimer Wartberg angemeldet. Diese wurde jedoch von der Stadt mit dem Hinweis auf die Rechtslage untersagt, wonach eine Veranstaltung dann nicht genehmigt werden k\u00f6nne, wenn sie lediglich dazu diene, eine andere Versammlung zu verhindern. Dennoch versuchten Autonome am Abend des 23. Februar 2006 zur Mahnwache des FHD vorzudringen. Dies konnte durch starke Polizeikr\u00e4fte unterbunden werden. Daneben wurden im Jahr 2006 jedoch auch andere \"klassische\" Aktionsformen weiter praktiziert. Dazu geh\u00f6rten das \u00f6ffentliche Anprangern von Rechtsextremisten, etwa durch das Verteilen von Flugbl\u00e4ttern mit einschl\u00e4gigen Informationen \u00fcber die betroffenen Personen oder Organisationen, das Erstellen von Brosch\u00fcren und das Vorgehen gegen \"Nazitrefforte\" oder Parteitage rechtsextremistischer Parteien. So hatten verschiedene autonome 333 Internetauswertung vom 13. November 2006. 219","\"Antifagruppen\" \u00fcber das Internet dazu aufgerufen, den 42. Landesparteitag der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD) am 19. November 2006 zu \"kippen\". Dass dieser dann nicht, wie urspr\u00fcnglich vorgesehen, in Bruchsal, sondern am Wohnort des NPD-Landesvorsitzenden in Villingen stattfand, versuchten Linksextremisten als eigenes Verdienst darzustellen. Das Internetportal \"indymedia\" berichtete, den \"Antifas\" sei die angemietete Gastst\u00e4tte etwa eine Woche vor dem Parteitagstermin bekannt geworden: \"Aufgrund der lokalen und \u00fcberregionalen antifaschistischen Interventionen geriet der P\u00e4chter so sehr unter Druck, dass er der NPD nicht mehr l\u00e4nger seine R\u00e4ume vermieten mochte.\" 334 5.2 \"Repression\" Linksextremisten behaupten, dass b\u00fcrgerliche Staaten grunds\u00e4tzlich dazu neigen, speziell die \"Linke\" als politisch-gesellschaftliche Oppositionskraft mittels Polizei und Justiz zu bek\u00e4mpfen. In Krisenzeiten w\u00fcrden zum Zwecke der Herrschaftssicherung die Z\u00fcgel angezogen. Genau das, n\u00e4mlich eine verst\u00e4rkte \"Repression\", glauben sie in Zeiten des \"Sozialabbaus\" zu beobachten, in denen der Staat angeblich \"Widerstand\" gegen den von ihm damit zugleich betriebenen Abbau \"sozialer Rechte\" unterdr\u00fccken und im Keim ersticken wolle. Indem staatlichem Handeln dabei die Bindung an Recht und Gesetz im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit abgesprochen und solches Handeln stattdessen als politisch motivierte Willk\u00fcr denunziert wird, agitieren Linksextremisten gegen tragende Prinzipien der Verfassung. angeblich Die subjektive Wahrnehmung angeblich zunehmender \"Repression\" gegen zunehmende \"Linke\" bei einer angeblich immer geringeren staatlichen Eingriffsschwelle \"Repression\" hat zu steigender Gewaltbereitschaft der Szene gef\u00fchrt. So kam es in der gegen \"Linke\" Nacht zum 23. Oktober 2006 in Reaktion auf Festnahmen und eine Hausdurchsuchung nach den Ausschreitungen auf der Stuttgarter Demonstration vom 21. Oktober 2006 zu einem Farbbeutelanschlag auf eine Mannheimer Polizeiwache. Laut Tatbekennung einer \"Autonomen Gruppe gegen Repression\" richtete er sich ausdr\u00fccklich gegen die Repression gegen \"Linke\" in Baden-W\u00fcrttemberg. Die Erkl\u00e4rung endete mit den Parolen \"Getroffen ist eine, gemeint sind sie alle! Weg mit dem Polizeistaat! F\u00fcr die soziale Revolution!\".335 Mit einem \u00e4hnlichen Anschlag in Karlsruhe hatte in der Nacht zum 20. Oktober 2006 eine \"Revolution\u00e4re Gruppe Boomerang (R.G.B.)\" ihren Protest gegen die fortdauernden \"staatlichen Angriffe\" auf 334 Internetauswertung vom 21. November 2006. 335 \"Dokumentation\" des Bekennerschreibens auf der Homepage des \"Infoladens Ludwigsburg\"; Internetauswertung vom 26. Oktober 2006. 220","Linksextremismus \"linke\" Aktivisten und Strukturen, darunter namentlich die R\u00e4umung autonomer Zentren, \"brutale \u00dcbergriffe auf linke Demonstrationen (...) und skandal\u00f6se Prozesse gegen AntifaschistInnen\" zum Ausdruck gebracht. Man werde sich jedoch nicht l\u00e4nger \"durch reaktion\u00e4re Politik einsch\u00fcchtern lassen und weiter f\u00fcr eine fortschrittliche, linke Perspektive k\u00e4mpfen.\" 336 5.3 Antiglobalisierung Agitation gegen die Globalisierung stand 2006 bereits ganz im Zeichen des vom 6. bis 8. Juni 2007 in Heiligendamm stattfindenden G8-Gipfels. Die linksextremistische Szene befasst sich schon seit dem Sp\u00e4tsommer 2005 intensiv mit Protestplanungen. Demgegen\u00fcber traten andere Ereignisse wie die Jahrestagung des \"Weltwirtschaftsforums\" (World Economic Forum) in Davos/Schweiz in den Hintergrund. Selbst die Teilnehmerzahlen der Gro\u00dfdemonstration \"Gegen das Treffen der NATO-Kriegsstrategen im Bayerischen Hof\" am 4. Februar 2006 gegen die 42. Konferenz f\u00fcr Sicherheitspolitik in M\u00fcnchen blieben mit rund 1.700 Personen weit hinter den Erwartungen zur\u00fcck. Die Vorbereitungen von Aktionen gegen den G8-Gipfel 2007 werden bundesweit vor allem von drei Gruppierungen mit jeweils unterschiedlich weitreichenden b\u00fcndnispolitischen Zielsetzungen vorangetrieben. Die von Linksextremisten unterschiedlicher Herkunft dominierte \"Interventionistische Linke\" (IL) strebt ein m\u00f6glichst breites B\u00fcndnis an, an dem \"linke, linksradikale, trotzkistische, kirchliche, parteinahe, gewerkschaftliche Gruppen, aber auch die Linkspartei und attac\" 337 beteiligt sein sollen. In zwei \"Internationalen Aktionskonferenzen\" versuchte die IL 2006, den Kreis der Beteiligten noch zu erweitern und den Protest auf internationale Mobilisierung auszudehnen. \"Dissent+X\", ein als \"Organisierung im linksradikalen/autonomen/emanzipatorischen/anarchistischen Spektrum\" 338 beschriebener deutschsprachiger Ableger des von britischen Globalisierungskritikern anl\u00e4sslich des G8-Gipfels 2005 in Gleneagles (Schottland) gegr\u00fcndeten Netzwerks \"Dissent\" f\u00fchrte seit Herbst 2005, zuletzt vom 27. - 29. Oktober 2006 in Osnabr\u00fcck, bisher insgesamt f\u00fcnf bundesweite Vorbereitungstreffen durch, an denen teilweise auch Angeh\u00f6rige des autonomen Spektrums aus Mannheim, Heidelberg, T\u00fcbingen und Stuttgart teilnahmen. Des Weiteren sind Personen von \"Dissent+X\" Organisatoren einer \"internationalen Infotour\". Diese \"Infotour\" f\u00fchrt in einer Mobilisierungskampagne gegen den G8-Gipfel 336 Homepage des \"Infoladens Ludwigsburg\"; Internetauswertung vom 26. Oktober 2006. 337 Darstellung zur \"Interventionistischen Linken\" (IL); Internetauswertung vom 8. November 2006. 338 Darstellung zu \"Dissent\"; Internetauswertung vom 8. November 2006. 221","2007 seit Herbst 2005 in bundesdeutschen St\u00e4dten, darunter in BadenW\u00fcrttemberg in T\u00fcbingen, Heidelberg und Karlsruhe sowie auch im europ\u00e4ischen Ausland Vorbereitungsveranstaltungen durch. Anfang M\u00e4rz 2006 gr\u00fcndete sich in Berlin das \"Anti-G8 B\u00fcndnis f\u00fcr eine revolution\u00e4re Perspektive\". Die Einladung zu diesem Treffen wurde von der \"Revolution\u00e4ren Aktion Stuttgart\" (RAS) verfasst.339 Das \"antiimperialistisch\" ausgerichtete B\u00fcndnis, dem unter anderem Gruppen aus Berlin und Stuttgart angeh\u00f6ren, formulierte in dem Aufruf \"Stop G8 KAPITALISMUS.IMPERIALISMUS.KRIEG\" unter anderem: \"Wir gehen davon aus, dass der G8-Gipfel gerade in der aktuellen Situation eine wichtige Gelegenheit f\u00fcr die revolution\u00e4re, klassenk\u00e4mpferische und internationalistische Linke bietet. (...) Dazu ist es unserer Meinung nach notwendig, auf der Basis grundlegender Positionen und klarer Forderungen zu agieren, die sich gegen die zentralen Angriffspunkte des Kapitals richten: Widerstand gegen den Generalangriff des Kapitals im Inneren! (...) Solidarit\u00e4t mit allen revolution\u00e4ren und emanzipatorischen Kr\u00e4ften und ihrem Kampf gegen Imperialismus. (...) Freiheit f\u00fcr alle politischen Gefangenen weltweit! Nein zu den so genannten Anti-Terrorund Schwarzen Listen! Widerstand ist kein Terrorismus!\" 340 Daneben engagiert sich bundesweit eine F\u00fclle von Organisationen gegen den G8-Gipfel von 2007, darunter linksextremistische wie die \"Antifaschistische Linke Berlin\", der \"antiimperialistisch\" orientierte Zusammenschluss \"Libertad\", \"Linksruck\" oder die PDS-nahe Jugendorganisation \"solid\". Die \"Linkspartei.PDS\" startete zusammen mit der WASG, \"solid\" und der parteinahen \"RosaLuxemburg-Stiftung\" eine Kampagne \"Keine Macht der G8 - Menschen vor Profite\". In Vorbereitung auf das Gro\u00dfereignis 2007 in Heiligendamm waren unter anderem diese drei B\u00fcndnisstrukturen ma\u00dfgeblich in die Durchf\u00fchrung des Camps \"Camp Inski - Anti-G8 Camping direkt an der Ostsee\" vom 4. bis 13. August 2006 in Steinhagen eingebunden. Im Rahmen des Camps, an dem sich circa 500 Personen des linksextremistischen Spektrums aus dem Inund 339 Internetauswertung vom 8. November 2006. 340 Flugblattaufruf des \"Anti-G8-B\u00fcndnisses f\u00fcr eine revolution\u00e4re Perspektive\". 222","Linksextremismus benachbarten Ausland beteiligten, wurden Vortragsund DiskussionsveranVorbereitung auf staltungen sowie Workshops abgehalten. Ziel dieser Veranstaltung, so hie\u00df G8-Gipfel es in dem Aufruf \"F\u00fcr globale soziale Rechte und ein ganz anderes Ganzes!\", sei es, \"bis zum Sommer 2007 einen breiten, entschlossenen und wirkungsvollen internationalen Widerstand zu organisieren\". Die Protestplanungen nahmen Ende 2006 immer konkretere Formen an. Vertreter aller drei B\u00fcndnisprojekte und eine Vielzahl weiterer Organisationen, darunter die \"Linkspartei.PDS\", trafen sich am 10. November 2006 zur \"Internationalen Aktionskonferenz Rostock II\", an der nach eigenen Angaben mehr als \"450 Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa\" teilnahmen, um sich auf den \"Fahrplan\" f\u00fcr eine \"Protestwoche\" gegen den G8-Gipfel zu verst\u00e4ndigen.341 Diesem zufolge sind unter anderem vorgesehen: eine Gro\u00dfdemonstration, eine gro\u00dfe Auftaktveranstaltung, ein \"migrationspolitischer Aktionstag\", im Rahmen einer Blockade des Flughafens Rostock-Laage ein \"Aktionstag gegen Militarismus, Krieg, Folter und den globalen Ausnahmezustand\", ein \"Alternativgipfel\" und eine \"Massenblockade\" des G8-Gipfels. Die mit dem am 28. Juli 2005 ver\u00fcbten Brandanschlag auf das Dienstfahrzeug des Vorstandsvorsitzenden einer Aktiengesellschaft in Hamburg eingeleitete militante Begleitkampagne wurde im Jahr 2006 fortgesetzt. Dazu geh\u00f6rten bislang am 23. Oktober 2006: ein versuchter Brandanschlag auf das Geb\u00e4ude einer Reederei in Hamburg Brandanschl\u00e4ge am 28. September 2006: ein versuchter Brandanschlag auf das Fahrzeug des Niederlassungsleiters einer Versicherung in Hamburg am 10. September 2006: ein versuchter Brandanschlag auf vier Lastkraftwagen einer Firma in Eberswalde am 20. Juli 2006: ein Brandanschlag auf zwei Klein-Lastkraftwagen auf dem Gel\u00e4nde eines Autohauses in Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg am 27. April 2006: ein Brandanschlag auf das Fahrzeug des Direktors des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts sowie Sachbesch\u00e4digung an dessen Haus am 27. M\u00e4rz 2006: ein Brandanschlag auf f\u00fcnf Fahrzeuge einer Firma in Bad Oldesloe am 26. Dezember 2006: ein Brandanschlag auf das Fahrzeug des Staatssekret\u00e4rs im Bundesministerium der Finanzen in Hamburg am 31. Januar 2006: ein Brandanschlag auf zwei Kleinlastwagen einer Firma in Hamburg. 341 Homepage zu Heiligendamm vom 23. November 2006. 223","Insgesamt wurden bisher im Rahmen der \"militanten Kampagne\" zum G8Gipfel zw\u00f6lf Brandanschl\u00e4ge auf Kraftfahrzeuge beziehungsweise Geb\u00e4ude in Berlin, Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Brandenburg ver\u00fcbt. 5.4 \"Sozialabbau\" Vermochte die Demonstration in Stra\u00dfburg am 14. Februar 2006 gegen die \"Bolkestein-Richtlinie\"342 der \u00d6ffentlichkeit noch den Eindruck von \"Massenprotesten\" zu vermitteln, gelang es bei bundesweiten Veranstaltungen hingegen nicht mehr, die Mobilisierungserfolge vorheriger Jahre zu wiederholen. Die Grundstimmung in der Bev\u00f6lkerung konterkarierte Anstrengungen von Linksextremisten, die gegenw\u00e4rtige Situation in eine k\u00e4mpferische Stimmung gegen den fortschreitenden \"Abbau sozialer Grundrechte\", \"Ausbeutung\" und \"Unterdr\u00fcckung\" umzum\u00fcnzen. So versuchten Trotzkisten, steuernd auf die Studentenproteste gegen die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren Einfluss zu nehmen. Sie und andere Linksextremisten beteiligten sich an Streiks im Rahmen von Tarifkonflikten. Das Ziel einer Zusammenf\u00fchrung der Proteste und deren Ausweitung zu Massenveranstaltungen blieb jedoch unerreichbar. MobilisierungsBef\u00fcrchtungen, dass der Funke von den gewaltsamen Ausschreitungen erfolge r\u00fcckl\u00e4ufig Jugendlicher in Pariser Vororten im Fr\u00fchjahr 2006 auf Deutschland \u00fcberspringen k\u00f6nnte, erwiesen sich als unbegr\u00fcndet. Wohl aber errangen die erfolgreichen Proteste in Frankreich gegen die Einf\u00fchrung eines \"Ersteinstellungsvertrags\" 343 einen gewissen Vorbildcharakter, der sich etwa in der von der MLPD gepr\u00e4gten Parole \"K\u00e4mpfen wie in Frankreich\" niederschlug. Mit der abschlie\u00dfenden Parole \"Schaffen wir franz\u00f6sische Verh\u00e4ltnisse!\" rief die \"Interventionistische Linke\" (IL) zur Gro\u00dfdemonstration in Berlin am 3. Juni 2006 auf. Auch die traditionelle Demonstration am 1. Mai 2006 in Stuttgart stand im Zeichen des \"Sozialabbaus\". So verschieden die zahlreichen derzeitigen sozialen Konflikte auch seien, hie\u00df es im Aufruf der \"Initiative f\u00fcr einen Revolution\u00e4ren 1. Mai in Stuttgart\", sie h\u00e4tten die gleiche Ursache: \"Die Wirtschaft soll durch weniger Ausgaben f\u00fcr Staat und Kapital sowie 342 Richtlinie zur Liberalisierung des EU-Binnenmarkts. 343 Der \"Ersteinstellungsvertrag\" sollte eine neue Form des Arbeitsvertrages f\u00fcr junge Berufst\u00e4tige unter 26 Jahren werden. Vorgesehen war eine Probezeit von zwei Jahren, w\u00e4hrend der man jederzeit und ohne Angabe von Gr\u00fcnden h\u00e4tte entlassen werden k\u00f6nnen. 224","Linksextremismus durch die intensivere Ausbeutung der Besch\u00e4ftigten angekurbelt werden.\" 344 Die \"Leidtragenden\" dieses Systems m\u00fcssten sich zusammenschlie\u00dfen und ihre Interessen selbst durchsetzen. Alle diese verschiedenen \"K\u00e4mpfe\" d\u00fcrften jedoch das \"Grundproblem\" nicht aus den Augen verlieren, \"eben ein System, das auf Kapital-Verwertung und Konkurrenz beruht, das darauf aufbaut, dass eine Minderheit die Produktionsmittel besitzt, die Mehrheit ausbeutet, manipuliert und unterdr\u00fcckt. Eine sozialistische Gesellschaftsordnung, die all dies infrage stellt, die den gesellschaftlichen Reichtum und die Produktivkr\u00e4fte zum Wohle aller einsetzt, entwickelt und verteilt und auf der gemeinsamen Solidarit\u00e4t statt auf Konkurrenz und Profitstreben aufbaut, kann nur die L\u00f6sung sein. Unsere t\u00e4glichen K\u00e4mpfe sind als die ersten Schritte dorthin zu verstehen\". Genau daf\u00fcr sei der 1. Mai als \"internationaler Kampftag des Proletariats\" ein \"wichtiges Symbol\". Weiter hei\u00dft es unter anderem: \"Aber wir betonen gerade am 1. Mai, dass wir die Versuche der Kapitalisten und ihrer Regierungen, die Lasten ihrer krisenhaften Wirtschaftsordnung auf uns abzuladen, nur dann wirklich bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen, wenn wir ihr System in Frage stellen.\" Als immer weniger ergiebig erwies sich der Versuch, mit den w\u00f6chentlichen \"Montagsdemonstrationen\" die Proteste gegen Sozialreformen kontinuierlich wach zu halten. Allein aus Anlass der 100. \"Montagsdemonstration\" kam es kurzfristig zu einem erh\u00f6hten Zulauf. Dennoch konnte der R\u00fcckgang der Teilnehmerzahlen an diesen angeblich noch immer in \u00fcber 100 St\u00e4dten in Deutschland stattfindenden Veranstaltungen nicht aufgehalten werden. Eine erw\u00e4hnenswerte Resonanz bei der Bev\u00f6lkerung blieb auch im Jahr 2006 aus. In baden-w\u00fcrttembergischen St\u00e4dten wie Mannheim, T\u00fcbingen oder Stuttgart lag die durchschnittliche Teilnehmerzahl bei nur noch 20-30 Personen. Dennoch wollte man an der Durchf\u00fchrung der Montagsdemonstrationen festhalten. 5.5 Nahost-Konflikt Der durch die Entf\u00fchrung zweier israelischer Soldaten Mitte 2006 ausgel\u00f6ste Libanonkrieg lie\u00df erneut eine Konfliktlinie in der linksextremistischen Szene weiterhin Szene aufbrechen, die schon seit Jahren f\u00fcr L\u00e4hmungserscheinungen in diegespalten sem politischen Spektrum verantwortlich ist. Dabei stehen sich eine verbal344 Hier und im Folgenden: \"Heraus zum Revolution\u00e4ren 1. Mai!\"; Flugblattaufruf der \"Initiative f\u00fcr einen Revolution\u00e4ren 1. Mai in Stuttgart\". 225","militante, das Existenzrecht Israels negierende (\"Antiimperialisten\") und eine weit \u00fcber die Anerkennung des Existenzrechts hinausgehende, bedingungslose Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t einfordernde, bis zur Bef\u00fcrwortung kriegerischer Auseinandersetzungen reichende \"bellizistische\" Str\u00f6mung (\"Antideutsche\") gegen\u00fcber. Dazwischen finden sich gem\u00e4\u00dfigtere Positionen. Marxisten-Leninisten, Maoisten und Trotzkisten verharrten weiterhin unbeirrt in ihrer \"antiimperialistischen\" Sichtweise. Die alten Sympathien f\u00fcr den \"Befreiungskampf\" des pal\u00e4stinensischen Volkes blieben lebendig. Die DKP blendete die f\u00fcr das Handeln Israels ma\u00dfgeblichen Ereignisse weitestgehend aus. Nicht von einer Entf\u00fchrung, sondern verharmlosend von \"Gefangennahme\" der beiden israelischen Soldaten war die Rede. Mit Blick auf Israel sprach sie von \"terroristischen Kr\u00e4fte(n)\" 345. Israel galt als der \"Aggressor\". Mit gleicher Terminologie, n\u00e4mlich \"israelischer Aggression\", agitierte die MLPD. Das \"Zentralkomitee\" der Partei nahm in einer \"Erkl\u00e4rung (...) zur kriegerischen Aggression des israelischen Regimes gegen Pal\u00e4stina und den Libanon\" vom 25. Juli 2006 Stellung. Darin erkl\u00e4rte es Israel zum Verantwortlichen f\u00fcr die Entwicklung. Die \"v\u00f6lkerrechtswidrige Aggression Israels\" stehe \"unter direkter Regie des US-Imperialismus\" und dessen weiteren Zielsetzungen. In den \"b\u00fcrgerlichen\" Medien in Deutschland ziele eine \"an den Haaren herbeigezogene, weitgehend gleichgeschaltete Berichterstattung auf die Unterdr\u00fcckung jeglicher Kritik an der israelischen Regierung\" ab. \u00dcberhaupt werde jede Kritik an der israelischen Regierung \"mit dem Bannstrahl des Antisemitismus belegt\". Doch sich \"gegen die Aggression Israels f\u00fcr Frieden und V\u00f6lkerfreundschaft und f\u00fcr die Solidarit\u00e4t mit dem antiimperialistischen Befreiungskampf der pal\u00e4stinensischen und arabischen Volksmassen einzusetzen\", habe damit nichts zu tun. Es gehe in der Region weder um Selbstverteidigung Israels noch um einen Krieg der Religionen, sondern allein um die Konkurrenz der \"f\u00fchrenden imperialistischen L\u00e4nder\" um ihren strategischen Einfluss in dieser weltweit wichtigsten \u00d6lregion. Da der Imperialismus die Wurzel allen \u00dcbels und Ursache aller Kriege sei, gelte es, diesen zu bek\u00e4mpfen und f\u00fcr den \"Sieg der internationalen sozialistischen Revolution\" einzutreten. Der trotzkistische \"Linksruck\" titelte auf seiner Zeitung \"Der Terror kommt aus Israel\". Israel behaupte, sich zu verteidigen, f\u00fchre tats\u00e4chlich aber schon 40 Jahre einen Krieg gegen die Pal\u00e4stinenser.346 Repr\u00e4sentanten der \"Linkspartei.PDS\" beteiligten sich ebenfalls an antiisraelischen Demonstrationen, doch wurde die politische Position der Partei eher zur\u00fcckhaltend formuliert. In einer Erkl\u00e4rung von Abgeordneten der Partei vom 20. Juli 2006 nach der besonderen Sitzung des Ausw\u00e4rtigen Ausschusses zur Lage im 345 UZ Nr. 29 vom 21. Juli 2006, S. 1. 226","Linksextremismus Nahen Osten wurde auch der Angriff der \"Hizb Allah\" auf israelisches Territorium als \"Akt der Aggression\" bezeichnet, doch lag der Hauptakzent auf der Kritik an Israel, dem ihm unterstellten Missbrauch der UN-Charta und seinem \"v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskrieg\", der \"offensichtlich in Absprache mit den USA von langer Hand vorbereitet\" worden sei. Im gesamten Bundesgebiet gab es Kundgebungen, Mahnwachen und Aktionen in Demonstrationen, darunter in Baden-W\u00fcrttemberg z. B. in Karlsruhe am Baden29. Juli 2006 oder am 5. August 2006 in der Heidelberger Innenstadt. Die W\u00fcrttemberg Teilnehmerzahlen rangierten vom zweistelligen Bereich bis zu einigen Tausend Personen. Losungen wie \"Israel, Libanon, Gaza: Sofortige und bedingungslose Waffenruhe! Deutsche Unterst\u00fctzung der israelischen Kriegspolitik beenden!\" - so in Heidelberg am 5. August 2006 - bekundeten einseitige politische Sichtweisen. Entsprechend setzten sich die Teilnehmer an antiisraelisch ausgerichteten Demonstrationen \u00fcberwiegend aus Mitgliedern \"antiimperialistisch\" ausgerichteter Gruppen und Zusammenh\u00e4ngen aus dem autonomen Spektrum, marxistisch-leninistisch, trotzkistisch oder maoistisch orientierten Organisationen zusammen. Ein Flugblattaufruf zur Veranstaltung in Heidelberg wurde von fast ausschlie\u00dflich linksextremistischen beziehungsweise linksextremistisch beeinflussten Organisationen wie dem \"Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg\", der VVN-BdA, DKP oder von \"Linksruck\" getragen. Andererseits fanden jedoch auch proisraelische Demonstrationen mit zum Teil unerwartet hohen Teilnehmerzahlen statt. Die Veranstaltungen verliefen trotz h\u00e4ufig emotional aufgeheizter Atmosph\u00e4re meist friedlich. Rangeleien bis hin zur Gewaltanwendung gab es hingegen wiederholt beim Auftauchen israelischer Fahnen auf antiisraelischen Kundgebungen. 5.6 \"Autonome Zentren\" Der Kampf um ein neues \"Autonomes Zentrum\" (AZ) war eines der beherrschenden Themen der autonomen Szene von Heidelberg. Das fr\u00fchere AZ war bereits 1999 ersatzlos geschlossen worden. Auch 2006 versuchte die Szene, neben verschiedenen demonstrativen Aktionen mit zwei Hausbesetzungen am 22./23. April 2006 und 8./9. Juli 2006, die allerdings eher symbolischen Charakter hatten, die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit auf ihr Anliegen zu lenken. Am 6. April 2006 wurde die \"Ex-Steffi\", ein von der Szene als selbst verwaltetes \"Wohnund Kulturzentrum\" bezeichneter Anlaufpunkt, in Karls346 \"Linksruck. Zeitung f\u00fcr Internationalen Sozialismus\" Nr. 221 vom 19. Juni 2006, S. 6/7. 227","ruhe ger\u00e4umt. Ein Ersatzobjekt gibt es bisher nicht. Ein von der Szene vorgeschlagenes Alternativgeb\u00e4ude wurde von der Stadt abgelehnt. \"Mit allen Mitteln\", so hie\u00df es daraufhin in der Szeneschrift \"break-out\", versuchten \"Polizei und Staatsanwaltschaft\" seither, \"Personen, die sie dem Ex-SteffiUmfeld zurechnen, zu kriminalisieren und in der \u00d6ffentlichkeit zu diskreditieren.\" 347 Die R\u00e4umung der \"Ex-Steffi\" in Karlsruhe sei dabei \"Teil eines neuen europaweiten Anlaufs, autonome kulturelle Zentren zu zerst\u00f6ren\". Doch die vielen \"Soli-Aktionen\" nach der R\u00e4umung machten deutlich, dass \"wir und auch viele andere weiterhin f\u00fcr eine herrschaftsfreie, emanzipatorische Gesellschaft k\u00e4mpfen. Eine wichtige Grundlage daf\u00fcr\" seien \"selbstverwaltete Strukturen und autonome Zentren, die einen wertKampf um vollen Beitrag zur Identifikation und Mobilisierung\" leisteten. \"Freir\u00e4ume\" Nachfolger des seit dem 1. September 2006 nach Ablauf des Mietvertrags nicht mehr bestehenden \"Bedingt Autonomen Zentrums\" (BAZ) in Stuttgart und damit neuer Treffpunkt der linksextremistischen/autonomen Szene ist das \"Soziale Zentrum in Stuttgart\" in Stuttgart-Heslach. Eine landesweite Demonstration \"f\u00fcr den Erhalt und Ausbau selbstverwalteter Zentren\" am 20. Mai 2006 in Stuttgart, veranstaltet von einem \"B\u00fcndnis f\u00fcr den Erhalt und Ausbau selbstverwalteter Jugendund Kulturzentren in Baden-W\u00fcrttemberg\" und unterst\u00fctzt von verschiedenen autonomen Antifagruppen sowie der VVN-BdA Baden-W\u00fcrttemberg, sollte erneut auf die \"desolate Situation linker Zentren\" aufmerksam machen. Sie habe mit der R\u00e4umung des Stuttgarter Geb\u00e4udes in der Oberen Weinsteige 9 (\"OBW9\") und der \"Ex-Steffi\" einen \"dramatischen H\u00f6hepunkt\" erreicht.348 Dieser Trend sei \"Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die in Form von staatlicher Repression und R\u00e4umungen direkt die linke Szene\" betreffe. Dies sei eine Tendenz, die, beeinflusst vom \"globalen Neoliberalismus und dem damit verbundenen regionalen und nationalen Wettbewerb, gepr\u00e4gt von Konkurrenz und Vereinzelung der Individuen, stark in Richtung eines sich versch\u00e4rfenden autorit\u00e4ren und ausgrenzenden Staates\" dr\u00e4nge. Die \"Instrumente der Ausgrenzung\", seien es \"Rassismus, Sexismus, Sozialkahlschlag, \u00dcberwachung oder eben auch die Repression gegen die linke Bewegung\", w\u00fcrden \"von gro\u00dfen Teilen der Politik getragen und von der deutschen Bev\u00f6lkerung toleriert, wenn nicht sogar bef\u00fcrwortet\". Hierauf sei eine \"offensive Antwort\" gefordert. Dazu m\u00fcsse unter anderem die \"linke Bewegung (...) ihre Handlungsunf\u00e4higkeit \u00fcberwinden und weg von 347 Hier und im Folgenden: Monatsschrift der AIHD \"break-out\" 06/2006, S. 3-8. 348 Hier und im Folgenden: Ebd. 228","Linksextremismus einer reinen Abwehrhaltung selbstbewusst auf regionaler wie \u00fcberregionaler Ebene ein nicht vernachl\u00e4ssigbarer Problemfaktor f\u00fcr die herrschende Politik werden\". Ein Aufruf des \"AK Antifa Mannheim\" endete mit den Parolen: \"Solidarit\u00e4t mit den ger\u00e4umten und bedrohten Projekten. Kapitalismus und autorit\u00e4re Formierung angreifen. Linke Politik verteidigen, linke Zentren schaffen und ausbauen.\" 349 6. Weitere Informationen Derzeit sind zum Thema Linksextremismus folgende Brosch\u00fcren erh\u00e4ltlich: \"Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland - Allgemeine Entwicklung\" (2003), \"Antifaschismus als Aktionsfeld von Linksextremisten\" (2002) und \"Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) - Auf dem Weg in die Demokratie?\" (2000). Aktuelle Informationen zum Linksextremismus erhalten Sie auch auf unserer Internetseite: http://www.verfassungsschutz-bw.de/links/start_links.htm. 349 Aufruf des \"AK Antifa Mannheim\"; Internetauswertung vom 24. Oktober 2006. 229","F. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO) Gr\u00fcndung: 1954 in den USA, 1970 erste Niederlassung in Deutschland, 1972 erste Niederlassung in Baden-W\u00fcrttemberg Gr\u00fcnder: Lafayette Ronald HUBBARD (1911-1986) Nachfolger: David MISCAVIGE (Vorstandsvorsitzender \"Religious Technology Center\", RTC) Sitz: Los Angeles (\"Church of Scientology International\", CSI) Mitglieder: Baden-W\u00fcrttemberg ca. 1.000 (2005: ca. 1.000 - 1.100) Bundesgebiet ca. 5.000 - 6.000 (2005: ca. 5.000 - 6.000) weltweit ca. 100.000 - 120.000 (2005: ca. 100.000 - 120.000) Publikationen: \"Dianetik-Post\", \"Freiheit\", \"Mission News\", \"Good News\", \"Free Mind\", \"International Scientology News\", \"Prosperity\", \"Impact\", u.a. 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Expansion in die Gesellschaft war auch 2006 oberstes Ziel der \"ScientologyOrganisation\" (SO). Sie verschleiert ihre politischen Ziele nach au\u00dfen mit Ziele der SO angeblich karitativen Programmen. Die SO will langfristig mit massiver Mitgliederwerbung und Infiltration bis auf die Ebene der Europ\u00e4ischen Union (EU), die von SO-Funktion\u00e4ren als \"Viertes Reich\" 350 verunglimpft wurde, Macht erlangen. Sie versch\u00e4rfte auch ihre Agitation zur \"Vernichtung\" der Psychiatrie. Im Bildungssektor bem\u00fchte sich die SO verst\u00e4rkt, ihre Konzepte anzubieten. Ungeachtet ihrer totalit\u00e4ren Ziele versuchte sie, das Thema Menschenrechte zu vereinnahmen. Mit solchen PR-Kampagnen will sie vor allem soziale Akzeptanz insbesondere auch bei Jugendlichen gewinnen. Um in eine schwerer angreifbare Position zu gelangen, strebt die SO weiterhin an, den Status einer K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts zu erwerben. Funktion\u00e4re der \"Class V Org\" 351 in Stuttgart \u00fcbten gegen\u00fcber der Basis zum Teil massiven Druck aus, um hohe Spenden f\u00fcr den Erwerb eines repr\u00e4sentativen Geb\u00e4udes in der Landeshauptstadt zur Errichtung einer \"Idealen Org\"352 zu erlangen. Dabei werden rigorose Methoden, wie etwa Aufrufe zur Bespitzelung angewandt. Das zeigt, dass die Menschenrechtskampagnen letztlich der T\u00e4uschung der \u00d6ffentlichkeit dienen. Die SO ist bereit, Grundrechte der Mitglieder schon aus geringem Anlass zu missachten. Aufgrund der Methoden der SO steht ihr die \u00d6ffentlichkeit weitgehend kritisch bis ablehnend gegen\u00fcber, weswegen die Mitgliederzahl der SO im Land auch nach wie vor stagniert. 350 Le Soir Magazine, Artikel \"La Scientologie vise Bruxelles\" vom 16. Mai 2006. 351 Die einer SO-Basisorganisation \u00fcbergeordnete Einheit mit breiterem Dienstleistungsangebot. 352 Die SO verbindet mit dieser Aufwertung die Vorstellung einer prosperierenden, repr\u00e4sentativen SONiederlassung mit hoher Anziehungskraft in der Bev\u00f6lkerung. 230","Scientology-Organisation 2. Programmatik und Erscheinungsbild Die SO betrachtet die von L. Ron HUBBARD entwickelte Lehre als in der Tradition des Buddhismus stehende \"Erl\u00f6sungsreligion\" und als einzige Rettung einer angeblich vom Niedergang gekennzeichneten, \"geisteskranken Gesellschaft\".353 HUBBARDs kostentr\u00e4chtig angebotene Techniken sollen Menschen \"geistig befreien\" (\"individuelle Dianetik\"), die anschlie\u00dfend dem Anspruch nach als nahezu fehlerlos funktionierende \"Clears\" beziehungsweise h\u00f6her trainierte \"Operierende Thetane\" (\"OTs\") zunehmend Kontrolle \u00fcber ihre Umgebung aus\u00fcben. Die Schaffung des vermeintlich neuen, omnipotenten Menschen (\"homo L. Ron HUBBARD novis\") m\u00fcndet in einen dogmatischen politischen Alleinvertretungsanspruch (\"politische Dianetik\"): Durch \"Expansion\" der scientologische Zahl hochtrainierter Scientologen in \"Schl\u00fcsselpositionen\" und durch die GesellschaftsEinf\u00fchrung von HUBBARD-Verfahren (\"Administrative Technologie\") auf ordnung breiter Front in Politik, Staat und Wirtschaft will die Organisation langfrisangestrebt tig im Stil einer Sozialutopie eine g\u00e4nzlich konfliktfreie und perfekt funktionierende scientologische Gesellschaftsordnung errichten. F\u00fcr den gesellschaftlichen Fortschritt sieht diese Programmatik es als w\u00fcnschenswert an, Gegner wie in einer Quarant\u00e4ne zu \"isolieren\" und nur \"Clears\" B\u00fcrgerrechte zu gew\u00e4hren. Diese Vision bezeichnet die SO mit \"Clear Deutschland\", \"Clear Europe\" oder \"Clear Planet\". Im Innenverh\u00e4ltnis besteht ein rigides System von Belohnungen und Strafen (\"Ethik\") und eine eigene \"Justiz\". Unbotm\u00e4\u00dfigkeit Einzelner wird mit disziplinarischen beziehungsweise repressiven \"Ethik\"-Ma\u00dfnahmen354 geahndet. Vor allem durch die umfassende Fragetechnik des \"Auditing\" 355 und \"Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfun\u00dcberpr\u00fcfung am E-Meter gen\" (\"Security Checks\") am \"E-Meter\", eine Art einfacher L\u00fcgendetektor, sowie durch weitere Kontrolle mittels \"Wissensberichten\" der Scientologen kann die Organisation intimste Kenntnisse \u00fcber ihre Mitglieder erlangen und Kritiker fr\u00fchzeitig erkennen. Das Management in den USA degradiert die Scientologen an der Basis weitgehend zu 353 New Era Publications UK, Flugblatt \"Planetary Dissemination Survey\", Juni 2006, \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz. 354 Siehe hierzu Abschnitt 5, S. 236ff. 355 Scientologische Methode zur Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung des Menschen. 231","Befehlsempf\u00e4ngern und erwartet fortw\u00e4hrende finanzielle Opfer. Die F\u00fchrung kann sich zur Durchsetzung ihrer Vorgaben auf die Sea Org-Logo paramilit\u00e4risch organisierten Kader der \"Sea Organization\" (\"Sea Org\") st\u00fctzen. \"Sea Org\" Inspektion Hohe Konflikttr\u00e4chtigkeit ergibt sich auch durch das Menschenbild der SO, das zwischen angeblich \u00fcberlegenen Scientologen, unterlegenen NichtKVPM-Logo scientologen (\"Wogs\") und minderwertigen Gegnern unterscheidet. Kennzeichnend ist ferner ein rigoroser Durchsetzungswille, die Schaffung von Feindbildern und ein Weltbild, das Z\u00fcge einer Verschw\u00f6rungstheorie tr\u00e4gt: Eine \"unter Drogen stehende Bev\u00f6lkerung\" werde durch die Psychiatrie unm\u00fcndig gehalten und kontrolliert. Insbesondere die SO-Hilfsorganisation \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" OSA-Logo (KVPM) f\u00fchrt deshalb immer wieder Diffamierungskampagnen durch. Der organisationseigene Nachrichtendienst \"Office of Special Affairs\" (OSA) hat die Aufgabe, Kritiker und Gegner auszuforschen und unter Umst\u00e4nden repressive Ma\u00dfnahmen zu treffen. Kritiker der SO werden grunds\u00e4tzlich als \"Kriminelle\" und als zu bek\u00e4mpfende \"unterdr\u00fcckerische Personen\" (\"supressive persons\" - \"SPs\") stigmatisiert. Die Sozialund administrativen Techniken nach HUBBARD - in der SO Vorbild f\u00fcr die Gesellschaft - zielen darauf ab, Befehle kompromisslos durchzusetzen und Widerstand aus dem Weg zu r\u00e4umen. Kritikund Kompromissf\u00e4higkeit - Grundvoraussetzungen f\u00fcr das Funktionieren eines demokratischen Gemeinwesens - sind nicht erw\u00fcnscht. Das HUBBARD-Programm l\u00e4sst auch keine Gewaltenteilung, die Bindung der Exekutive an Recht und Gesetz oder das Recht auf Bildung einer Opposition erkennen. Es ist unvereinbar mit der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland. 3. Organisation und Mitgliederbestand Die SO ist eine streng hierarchische, straff von ihrem Management in Los Angeles aus gef\u00fchrte Organisation. Die Europazentrale, das \"Kontinentale Verbindungsb\u00fcro\", befindet sich in Kopenhagen/D\u00e4nemark. Im Vergleich zum \u00fcbrigen Bundesgebiet besitzt die SO in Baden-W\u00fcrttemberg das dichteste organisatorische Netzwerk. Es umfasst eine \"Class V Org\" 356 in Stuttgart und vier etablierte \"Missionen\" als Basisorganisationen in Ulm, Karls356 Die einer SO-Basisorganisation \u00fcbergeordnete Einheit mit breiterem Dienstleistungsangebot. 232","Scientology-Organisation ruhe, G\u00f6ppingen und Erlenbach/Krs. Heilbronn, wobei letztere unbedeutend ist. In Kirchheim/Teck ist eine \"Feldauditorengruppe\" 357 aktiv, die einen sozial gehobenen Personenkreis anspricht. Sie gilt in der SO als eine der wichtigsten \"Feldgruppen\" Europas und kann \u00fcberregional etwa 100 Personen an sich binden. Dem SO-Wirtschaftsverband \"World Institute of Scientology Enterprises\" (WISE) geh\u00f6ren in Baden-W\u00fcrttemberg rund 50 Mitglieder an, entweder Einzelpersonen oder Firmen mit weniger als 20 Mitarbeitern. Schwerpunkte sind die Immobilienund Finanzdienstleistungsbranche sowie Managementberatung und Informationstechnologie. In Stuttgart besteht ein \"WISE Charter Committee\" (WCC) als \"Justiz\"-Stelle f\u00fcr WISE-Mitglieder. Im WCC-Logo Bereich der Hilfsorganisationen betreibt die \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" (KVPM) Vereine in Stuttgart und Karlsruhe. In Stuttgart ist eine \"Applied Scholastics\" (ApS)-Niederlassung 357 Personen, die \"Auditing\" au\u00dferhalb der \"Org\" anwenden. 233","etabliert, die als \"Professionelles Lerncenter\" firmiert und Scientology-Lerntechniken anbietet. Ein zweiter ApS-Anbieter trat 2006 im Raum G\u00f6ppingen auf. Trotz erheblicher Anstrengungen gelang es der SO nicht, ihr organisatorisches Netz nachhaltig auszudehnen und eine dynamische Mitgliederentwicklung einzuleiten. So wurden seit 2003 rund ein halbes Dutzend neue \"Missionen\" in Baden-W\u00fcrttemberg gegr\u00fcndet, die bislang keinen nennenswerten Mitgliederstamm gewinnen konnten. Scientologen versuchten ohne gro\u00dfen Erfolg, eine Art Jugendorganisation unter dem Namen \"Fun Treff junger Scientologen\" (FTJS) aufzubauen. Ein Vergleich der WISE-Mitgliederverzeichnisse der Jahre 1999 bis 2005 zeigt zudem, dass sich die Zahl der von WISE genannten Mitglieder in Deutschland nicht gravierend ver\u00e4ndert hat (2005: etwa 250). Dieses Problem versucht das Management gegen\u00fcber der Basis und nach au\u00dfen durch stereotype Behauptungen einer fortw\u00e4hrenden Expansion und weit \u00fcbertriebene Mitgliederzahlen zu kaschieren. In einer Presseerkl\u00e4rung gab die \"Scientology Kirche Deutschland\" (SKD) mit angeblich 12.000 \"aktiven Scientologen\" 358 zwar immer noch \u00fcberzogene Mitgliederzahlen an, r\u00fcckte damit jedoch von fr\u00fcheren Behauptungen ab, \u00fcber 30.000 Anh\u00e4nger in Deutschland zu verf\u00fcgen. Damit r\u00e4umte man indirekt ein, dass die st\u00e4ndige Propaganda einer Expansion in Deutschland keine ernsthafte Grundlage hat. Die SO will weiterhin K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts werden, wobei sie intern behauptete, zur Verwirklichung ben\u00f6tige die SO in Deutschland insgesamt 10.000 LebensIAS-Logo zeitmitglieder der Mitgliederorganisation \"International Association of Scientologists\" (IAS). Auch dadurch offenbarte die SO indirekt die Unglaubw\u00fcrdigkeit ihrer offiziellen Zahlen.359 Sie verf\u00fcgt bislang nicht \u00fcber gen\u00fcgend Mitglieder, um ihre ehrgeizigen Ziele auf breiter Front verfolgen zu k\u00f6nnen und hat Probleme, Mitarbeiter und Lizenznehmer in ausreichender Zahl zu rekrutieren. 4. Mitgliederwerbung Gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit stellt die SO ihre Mitgliederwerbung grunds\u00e4tzlich nur als individuelle Lebenshilfe dar und weist auf den angeblich karitativen Charakter ihrer \"Sozialprogramme\" hin. Sie versandte im 358 Presserkl\u00e4rung \"L. Ron Hubbards ,Reise zum ICH' bricht neue Rekorde\" vom 24. Januar 2006. 359 Vgl. hierzu den auf der Internetseite des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz eingestellten Beitrag \"Die Legende von den 8 Millionen Scientologen\". 234","Scientology-Organisation Berichtsjahr Propagandamaterial an Entscheidungstr\u00e4ger in Politik und Verwaltung und f\u00fchrte in Baden-W\u00fcrttemberg zahlreiche Werbeaktionen mit gelben Gro\u00dfraumzelten und Informationsst\u00e4nden durch. Die SO intensivierte w\u00e4hrend der Fu\u00dfballweltmeisterschaft 2006 die Stra\u00dfenwerbung (\"Body Routing\") und etablierte \"Testcenter\" in den Zentren von Stuttgart und Ulm. Die SO erreichte jedoch nicht die erhoffte hohe Pr\u00e4senz im \u00f6ffentlichen Raum. Scientologen nutzten auch Gesch\u00e4ftskontakte oder pers\u00f6nliche Bekanntschaften, um f\u00fcr die SO zu werben. Die Werbung f\u00fcr die Lehre HUBBARDS erfolgt teilweise verdeckt. So ist die PR-Kampagne \"Jugend f\u00fcr Menschenrechte\" meist nicht ohne weiteres als Scientology-Aktion erkennbar. Sie dient nicht nur der Imagepflege, sondern auch dazu, neue Mitglieder - insbesondere Jugendliche - zu werben. Der \"Programm-Koordinator\" der Kampagne \u00e4u\u00dferte in einem Rundschreiben an Scientologen, Menschenrechte seien das \"Werkzeug\", um die breite \u00d6ffentlichkeit zur SO zu bringen. In Kirchheim/Teck und \u00dcberlingen/Bodensee wurden Seminare beworben, die einen psychologischen Hintergrund (Stressbew\u00e4ltigung, Lebensbew\u00e4ltigungshilfe) vermuten lie\u00dfen. F\u00fcr Au\u00dfenstehende war nicht ohne weiteres erkennbar, dass die Referenten Scientologen waren. Im Raum Konstanz wurden Zeitungsinserate f\u00fcr einen \"Freizeitgespr\u00e4chskreis\" geschaltet. Interessierte seien anschlie\u00dfend jedoch mit Scientology-Werbung konfrontiert worden. In Freiburg im Breisgau versuchen SO-Anh\u00e4nger, ein \"Zentrum f\u00fcr Lebensfragen\" zu etablieren. Eine GmbH mit Sitz in der Schweiz und ein \"Kontaktb\u00fcro\" in Karlsruhe HUBBARDs versandten Faxwerbung (\"Faxspam\") f\u00fcr bundesweite Management-SeminaLehre in re f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte. Interessenten, die sich f\u00fcr in Hotels durchgef\u00fchrte Seminaren f\u00fcr kostenlose Abendseminare anmeldeten, gelangten per Rufumleitung zu F\u00fchrungskr\u00e4fte WISE-Mitgliedern beziehungsweise erhielten per E-Mail die Best\u00e4tigung von einem Verlag aus dem Raum Stuttgart, hinter dem ein WISE-Trainer steht, der auch Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer bundesweit t\u00e4tigen Trainingsfirma mit Adresse im Karlsruher Raum ist. Deren Mitarbeiter f\u00fchrten die Seminare durch. Den Teilnehmern wurde ein allgemeiner Vortrag \u00fcber Effizienz und Motivation angeboten, bei dem bruchst\u00fcckartig HUBBARDs Lehre eingestreut wurde, was f\u00fcr Au\u00dfenstehende jedoch kaum erkennbar war. Dem folgte das Angebot einer zun\u00e4chst kostenlosen und unverbindlichen Schwachstellenanalyse im Betrieb, wodurch die Trainer Zugang zu den betroffenen Firmen erlangen konnten. 235","5. Repressive Ma\u00dfnahmen zur Geldbeschaffung SO-Funktion\u00e4re f\u00fchrten an der Basis im Raum Stuttgart massive Spendenkampagnen zur Finanzierung der hiesigen \"Idealen Org\"360 durch. Ziel war die Sammlung mehrerer Millionen Euro zum Erwerb eines repr\u00e4sentativen Geb\u00e4udes in Stuttgart. Die SO verband ihr Vorhaben mit hohen gesellschaftspolitischen Ambitionen. Es sei \"die einzig richtige Antwort auf eine Gesellschaft, mit der es immer weiter bergab geht.\" 361 Da eine Reihe von Scientologen ihre Spendenzusagen nicht einhielten, \u00fcbten Funktion\u00e4re durch \"Ethik\"-Anordnungen massiven Druck aus: \"(...) versprochene Spenden f\u00fcr das ideale Org Geb\u00e4ude in einer H\u00f6he von weit \u00fcber 1 Million Euro wurden bis jetzt nicht bezahlt, obwohl sie f\u00e4llig waren zum 31.12.2005\". Anschlie\u00dfend prangerte die Anordnung mehr als 50 \"s\u00e4umige\" Scientologen namentlich an und forderte zur Bespitzelung der Blo\u00dfgestellten auf: \"Von allen Scientologen im Stuttgarter Feld wird erwartet, Wissensberichte (...) einzureichen, betreffend: 1. der oben genannten Personen mit offenen Pledges [versprochene Spenden] 2. aller Clears und OTs (mit Ausnahme der oben genannten beitragenden Clears und OTs).\" 362 Auf die Unbotm\u00e4\u00dfigkeit teils hochtrainierter Mitglieder reagierte die Organisation unnachgiebig. Eine langj\u00e4hrige \"Vorzeige\"-Scientologin erhielt eine \"Ethik-Order\" mit der Androhung, zum Feind (\"supressive Person\" - \"SP\"), erkl\u00e4rt zu werden: \"Es liegen Berichte vor, per denen sie unkooperativ und antagonistisch [widersetzlich] im Ethik-Interview [Befragung] war (...) und auf dem Briefing am Mittwoch nacht die Teilnehmer enturbuliert [Unruhe verbreitet] hat wodurch der Event selbst mit schlechten Indikatoren [Missstimmung] geendet hat (...) Falls ein weiterer Bericht \u00fcber Enturbulationen, die Ursula 363 verursacht bei Ethik eingeht, wird sie (...) zum SP erkl\u00e4rt.\" 364 Einem Scientologen, der seine Spendenzusage nicht einhalten konnte, wurde der \"Ethik-Zustand\" 365 \"Belastung\" zugewiesen. Eine kurze Fristset360 Die SO verbindet mit dieser Bezeichnung die Vorstellung einer prosperierenden, repr\u00e4sentativen SONiederlassung mit hoher Anziehungskraft in der Bev\u00f6lkerung. 361 Flugblatt \"Ideale Org - Showdown - Hier und heute!\", Stuttgart, 2006. 362 \"Scientology Gemeinde Baden-W\u00fcrttemberg e.V.\", HCO-Ethics-Order Nr. 1894 vom 3. Februar 2006, \u00dcbernahme wie im Original. Zu HCO vgl. Fu\u00dfnote 368. 363 Name ge\u00e4ndert. 364 Hier und im Folgenden: Namen ge\u00e4ndert, sonst \u00dcbernahme wie im Original. 365 SO-Internes System von Belohnungen und Strafen, die vom Zustand \"Macht\" (\"Power\") \u00fcber \"Nichtexistenz\" bis hin zu \"Belastung\", \"Verrat\" und \"Feind\" reichen. 236","Scientology-Organisation zung sollte trotz seiner Schulden den Druck erh\u00f6hen, Geld zu spenden: \"Rudolf 366 hat nach Erhalt dieser Zuweisung 24 Stunden Zeit sich aus diesem Zustand herauszubewegen, um weitere Aktionen (...) zu vermeiden.\" Aus \u00e4hnlichem Grund wurde einem weiteren Mitglied binnen Fristsetzung von 24 Stunden \"der Zustand VERRAT \u00f6ffentlich zugewiesen\". Gegen einen Scientologen, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines mittelst\u00e4ndischen Unternehmens, wurde ein internes \"Ethik-Gericht\" wegen einer Urlaubsreise und angeblicher Nichtbefolgung von Anordnungen einberufen: \"Hiermit wird ein Ethik-Gericht \u00fcber Siegfried Meier 367 einberufen. Siegfried bekam eine Order von HCO 368, sich in der Org bei HCO zu melden. Dies hat er nicht gemacht und abgelehnt. HCO und ein Sec Checker 369 suchten Siegfried zu Hause auf. Er verweigerte ihnen den Zutritt. Beim 2. Besuch bei ihm zu Hause kam in einem Ethik-Interview heraus, dass er vort\u00e4uschte gesch\u00e4ftliche Aktivit\u00e4ten in China abzuwickeln, tats\u00e4chlich handelte es sich hierbei um einen ,Urlaub' in Thailand. Per vorliegenden Daten hat sich Siegfried bez\u00fcglich dieser ,Gesch\u00e4ftsreise' auch in finanzielle Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten verstrickt. Siegfried hat versprochen, einen gr\u00f6\u00dferen Betrag f\u00fcr die Ideale Org zu spenden. Dieses Versprechen hat er nur zum kleinen Teil erf\u00fcllt, obwohl er \u00fcber M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgt, sein Versprechen einzuhalten. Siegfried macht sich folgender Vergehen und Verbrechen schuldig: Vergehen: - Pflichtvernachl\u00e4ssigung - Kein Bericht - Falscher Bericht - Verschwendung von Geldmitteln. Verbrechen: -Verr\u00e4terische Nachl\u00e4ssigkeit.\" Dagegen wurden die Mitglieder besonders hervorgehoben, die \"mit uns sind\", weil sie sich zu Spenden von teils mehr als 100.000 Euro hatten bewegen lassen. 366 Name ge\u00e4ndert. 367 Name ge\u00e4ndert. Auch im Originaltext wird der betroffene Scientologe mit vollem Namen blo\u00dfgestellt. 368 Das \"Hubbard Communication Office\" (HCO) war in den 1960erund 1970er-Jahren die Zentrale, die die Aktivit\u00e4ten der Unterorganisationen steuerte. Hier ist die in der Stuttgarter \"Org\" zust\u00e4ndige \"Ethik\"-Stelle gemeint. 369 Person, die \"Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen\", meist mit Hilfe eines \"E-Meters\", durchf\u00fchrt. 237","Durch diese Vorgehensweise entstand Unruhe im Stuttgarter ScientologyMilieu, wobei auch die angebliche Kompetenz (\"Status Clear und OT\") verschiedener hochtrainierter Scientologen in Frage gestellt wurde. Die Funktion\u00e4re reagierten auf diese \"Herabsetzung\" mit einem weiteren Aufruf zur Denunziation, unterschwelligen Drohungen und der Forderung nach strikter Befolgung der HUBBARD-Richtlinien: \"Fact: In den letzten Wochen kommunizierten Publics 370 unterhalb von Clear (...) Aktionen (...) von Clears und OTs im Feld, die den wirklichen Status von Clear und OT herabsetzen und herabw\u00fcrdigen und als nicht wirklich erstrebenswert erscheinen lassen, was ein negatives Bild auf den Zustand Clear und OT wirft. Es werden hier nun Berichte \u00fcber jede Aktion oder Nicht-Aktion (=Out-Ethik)371 von Clears und OTs im Feld eingefordert, die den eigentlichen Zustand von Clear und OT abwerten. (...) Es ist ein Verbrechen, den Zustand Clear abzuwerten - Wissensberichte (...) werden hier eingefordert (...) Die Wissensberichte m\u00fcssen spezifisch sein (Ort, Form, Zeit und Geschehen) und bei HCO eingereicht werden (...) Diese Berichte werden unmittelbar ben\u00f6tigt, so dass die daraus folgenden Komitees der Beweisaufnahme 372 gehalten werden k\u00f6nnen, (...) Eine Person, die von einem Missstand oder Verbrechen Kenntnis hatte und es vers\u00e4umte, dar\u00fcber zu berichten und dadurch zu einem Mitschuldigen wurde, erh\u00e4lt die gleiche Strafe wie die Person, die als eigentlicher T\u00e4ter bestraft wird.\" 373 Diese Anweisungen wurden unter Scientologen im Raum Stuttgart breit gestreut und verfehlten ihr Ziel nicht. Der SO soll es gelungen sein, rund vier Millionen Euro \"Spenden\" einzutreiben. Die Leiterin der Stuttgarter \"Org\" scheute anschlie\u00dfend nicht vor der Behauptung zur\u00fcck, die \"Ideale Org\" w\u00fcrde \"mit viel Kreation und Spa\u00df\" 374 errichtet. Die \"Ethik\"-Anord370 Scientologen an der Basis, die keine Mitarbeiter einer SO-Niederlassung sind. 373 Out-Ethik: Nichtbefolgung der Scientology-\"Ethik\". \"Ethik\" bedeutet in der SO die Optimierung des \u00dcberlebens, Durchsetzung von Scientology und die Beseitigung von \"Gegenabsichten\". 372 Eine Art Tribunal beziehungsweise scientologischer \"Untersuchungsausschuss\". 373 \"Scientology Gemeinde Baden-W\u00fcrttemberg e.V.\", HCO-Ethics-Order Nr. 1902 vom 11. Februar 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 374 Zeitschrift \"Dianetik Post\", Stuttgart, Nr. 176/2006, S. 2. 238","Scientology-Organisation nungen zeigen auf, dass die SO schon aus geringf\u00fcgigem Anlass teils menschenverachtend und willk\u00fcrlich in die private Lebensgestaltung der Mitglieder eingreift. Weder wahrt die Organisation entgegen eigener Behauptungen die Vertraulichkeit sensibler personenbezogener Daten, noch sind f\u00fcr sie im Zweifelsfall die Grundrechte ihrer Mitglieder von Bedeutung. Die in Baden-W\u00fcrttemberg bislang beispiellosen Ma\u00dfnahmen zur Geldbeschaffung f\u00fchrten trotz der f\u00fcr die Betroffenen dem\u00fctigenden Begleitumst\u00e4nde nicht zu gr\u00f6\u00dferen Verwerfungen im hiesigen Scientology-Milieu, das sich insgesamt gef\u00fcgig zeigte. Entgegen urspr\u00fcnglicher Planungen gelang es der SO im Jahr 2006 aber trotzdem nicht, eine \"Ideale Org\" in Stuttgart zu etablieren. 6. Die \"Scientology Kirche\" und der SO-Wirtschaftsverband \"WISE\" Die SO wollte in Baden-W\u00fcrttemberg die Firmen des SO-Wirtschaftsverbands in die Finanzierung der \"Idealen Org\" einspannen. Als das Vorhaben aus Sicht der Funktion\u00e4re unbefriedigend verlief, wurde eine \"Untersuchung\" angeordnet: \"Gegenw\u00e4rtig l\u00e4uft eine Untersuchung bez\u00fcglich dem WISE Charter-Committee, da die im Feld existierenden Scientology-Firmen bis auf eine Ausnahme nicht wirklich expandieren, und nicht zum Ideale Org Geb\u00e4ude beitragen.\" 375 Dies offenbart, dass WISE und der \"Kirchenbereich\" entgegen mancher Behauptungen der SO nicht getrennt zu sehen sind, sondern ein symbiotisches Gebilde darstellen. Auch die \"ScientologyFirmen\" dienen der Geldbeschaffung f\u00fcr die Organisation und werden faktisch vom \"Kirchenbereich\" kontrolliert. Die gr\u00f6\u00dften Gefahrenpotenziale der SO liegen derzeit wohl im Bereich der Einfluss auf Unternehmensberatung. Die Dienstleistungssparte Unternehmensund DienstleistungsOrganisationsberatung sowie die Pers\u00f6nlichkeitsund Personalentwicklung sparte werden in der Wirtschaft und staatlichen Institutionen als wichtige Kontrollund Steuerungsinstrumente gesehen. Berufst\u00e4tige begreifen dieses Angebot neben einer zus\u00e4tzlichen Qualifikation auch als M\u00f6glichkeit zur individuellen Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung. Dienstleister beziehungsweise Trainer tragen aufgrund der tief greifenden Einwirkungsm\u00f6glichkeiten in der Managementberatung eine hohe Verantwortung, weil sie h\u00e4ufig noch vor ihren Auftraggebern in der Lage sind, Kontrolle in Firmen und \u00fcber Personen auszu\u00fcben. Sie k\u00f6nnen Entwicklung und Kultur der Unternehmen nachhaltig beeinflussen. 375 \"Scientology Gemeinde Baden-W\u00fcrttemberg e.V.\", HCO-Ethics-Order Nr. 1894 vom 3. Februar 2006. 239","Ziel von WISE ist es, die totalit\u00e4re \"administrative Technologie\" der SO in Wirtschaft und Politik zu implementieren und Kunden der WISE-Berater zur SO zu bringen. Das WISE-Programm offenbart, dass mit der \"Admin Tech\" de facto eine Ideologisierung des Unternehmens stattfindet. Es enth\u00e4lt insbesondere bei einer WISE-Mitgliedschaft die starre Einf\u00fchrung zahlreicher F\u00fchrungsanweisungen des Finanzmanagements und der Organisationsstruktur, die ebenso strikt in den \"Kirchen\" der SO angewendet werVorgehensweise den. Die Umsetzung soll per \"Befolgungsbericht\" an WISE gemeldet wervon WISE den. Die Ideologisierung zeigt sich auch daran, dass der Posten des Ausbildungsleiters nicht an eine Person vergeben werden soll, deren Eltern Gegner der SO sind. Sehr problematisch ist auch, dass im Unternehmen die \"Ethik\" der SO zwecks \"Belohnungen und Strafen\" eingef\u00fchrt werden soll, die von einem \"Ethik-Officer\" kontrolliert wird. Es ist vorgesehen, dass WISE eine \"vollst\u00e4ndige Liste der Angestellten des Unternehmens\" erh\u00e4lt, aus der hervorgeht, welche WISE-Kurse sie absolvieren. Die Aufgabenstellung der Angestellten soll dem \"lokalen WISE B\u00fcro zur Genehmigung\" vorgelegt werden. WISE soll zudem Fotografien aller Angestellten, deren jeweiligen w\u00f6chentlichen \"Ethik\"-Zustand376 und \"Kopien der Hauptstatistiken\" des Unternehmens erhalten.377 Auf diese Weise kann der SO-Wirtschaftsverband nicht nur tiefen Einblick, sondern auch betr\u00e4chtliche Kontrollund Eingriffsm\u00f6glichkeiten bei betroffenen Firmen erhalten. \u00dcberdies sollen sich WISE-Mitglieder verpflichten, dass rechtliche Auseinandersetzungen unter Mitgliedern \"ausschlie\u00dflich auf WISE Linien erledigt werden (...). Sie sind endg\u00fcltig und bindend und k\u00f6nnen nur durch den Kaplan in WISE International \u00fcberpr\u00fcft werden (...) Das ist der einzige Rekurs, der Mitgliedern zur Verf\u00fcgung steht\". \"Rechtsgrundlage\" sind die HUBBARDRichtlinien \"\u00fcber Ethik und Recht\".378 Eine \"Nichtbefolgung\" gilt als \"Schwerverbrechen\".379 WISE in BadenIn Baden-W\u00fcrttemberg bieten WISE-Trainer vor allem kleinen und mittelW\u00fcrttemberg st\u00e4ndischen Unternehmen ihre Dienste online oder \u00fcber Telefonakquise an, meist ohne ihren scientologischen Hintergrund anfangs zu offenbaren. Dabei zeigt sich bei den bekannt gewordenen F\u00e4llen ein gleichartiges Vorgehen. Charakteristisch erscheint, dass WISE stets an die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer herantrat, um zun\u00e4chst allgemein gehaltene, kostenlose Einf\u00fchrungsseminare \u00fcber Effizienzund Zeitmanagement oder Erfolgsursachen anzubieten, um dann Trainingskurse und Seminare - etwa \"Gesch\u00e4ftlicher Erfolg durch 376 Vgl. hierzu Fu\u00dfnote 365. 377 \"WISE Durchf\u00fchrungsprogramm f\u00fcr Verwaltungs Know How\" Nr. 1 - 5. 378 \"World Institute of Scientology Enterprises Mitgliedschaftsvereinbarung - Allgemeines Mitglied\", 2000. 379 WISE International (Hg.), \"Der Service zur standardgem\u00e4\u00dfen Streitfall\u00f6sung\", Los Angeles, 2000. 240","Scientology-Organisation Kommunikation\" 380 - zu verkaufen, die nahezu identisch mit einf\u00fchrenden Scientology-Kursen sind. Mitunter wurde auch fr\u00fchzeitig die \"Dianetik\"Lehre von HUBBARD thematisiert und die Erlangung angeblich h\u00f6herer beruflicher Kompetenz mittels \"Auditing\" angeraten. Obwohl mit HUBBARDs \"Verwaltungstechnologie\" das WISE-Angebot bereits von Beginn an unver\u00e4nderlich feststeht, behaupteten die Trainer, durch Einblick in die Firmenstruktur und Finanzsituation umfassende \"ma\u00dfgeschneiderte\" L\u00f6sungen erarbeiten zu m\u00fcssen, worin einige Betroffene die Gefahr einer \"gl\u00e4sernen Firma\" sahen. Daneben wurde auch pers\u00f6nliche Lebensberatung empfohlen, die wiederum in \"Kirchenniederlassungen\" der SO beziehungsweise zu Feldauditoren f\u00fchrte. Eine SO-Mitgliedschaft wurde in der Regel nicht offen, sondern subtil beworben, etwa durch das Herausstreichen angeblicher Vorteile wie die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem vermeintlich exklusiven Unternehmerkreis. Stets sollten in betroffenen Firmen scientologische Managementrichtlinien und Organisationsstrukturen (\"Org Board\") eingef\u00fchrt werden. Mitarbeiter sollten auch \"Wissensberichte\" \u00fcber Kollegen fertigen. Diese Bestrebungen stie\u00dfen jedoch mehrfach auf interne Widerst\u00e4nde im Betrieb. Fallweise f\u00fchrte auch eine Internetrecherche \u00fcber die WISETrainer zu der Entscheidung, keine weiteren Angebote anzunehmen. 7. Hilfsund Unterorganisationen Die \"Aktion Transparente Verwaltung\" (ATV) steht in Zusammenhang mit OSA nimmt dem OSA, einer auch geheimdienstliche Aufgaben wahrnehmenden Teilorauch geheimganisation der SO. Vordergr\u00fcndig behauptet die ATV, durch die Propagiedienstliche rung eines weitgehenden Akteneinsichtsrechts Transparenz in Politik und Aufgaben wahr Exekutive schaffen zu wollen. Dabei wird der scientologische Hintergrund der ATV nicht immer ohne weiteres deutlich. Tats\u00e4chlich geht es der SO wohl vor allem darum, den Informationsstand deutscher Beh\u00f6rden \u00fcber die SO m\u00f6glichst effektiv ausforschen zu k\u00f6nnen. In diesem Zusammenhang unterstellte die SO Scientology-kritischen Politikern pauschal totalit\u00e4re Absichten: \"Wie es auch anderswo der Fall ist, haben Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens in Deutschland, die Scientology angreifen, keine ,sauberen H\u00e4nde'. Von ihnen kann einheitlich festgestellt werden, dass sie auch sonst jeden unterdr\u00fccken.\" 381 380 Herausgeber der Seminare ist das \"Hubbard College of Administration International\" (HCAI). 381 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 111/2005, S. 15. 241","ApS-NachhilfeDie SO versuchte 2006 mit \"Applied Scholastics\" (ApS)-Nachhilfegruppen gruppen st\u00e4rker als bisher auf dem Bildungsmarkt Fu\u00df zu fassen. Nennenswerter Erfolg blieb ihnen jedoch versagt. Auch Hilfsorganisationen wie ApS treten nach au\u00dfen scheinbar unabh\u00e4ngig auf und unterbreiten unterschiedliche Hilfsangebote, ohne dass ihr SO-Hintergrund immer gleich offenbar wird. Die SO propagiert gegen\u00fcber den Mitgliedern zudem, dass ihre zentralen \"Kirchen\" die Hilfsorganisationen schneeballartig zur Anwerbung nutzen sollen.382 Zwar enth\u00e4lt die bei den ApS-Gruppen angebotene HUBBARD\"Studiertechnologie\" zun\u00e4chst lediglich eher einfache Lerntechniken, jedoch gilt die \"Studiertechnologie\" f\u00fcr die SO als \"unsere grundlegende Br\u00fccke zur Gesellschaft\" und dient somit einer ersten Kontaktaufnahme. Die weitergehende, in Scientology-\"Kirchen\" und \"Missionen\" angebotene \"Studiertechnologie\" vermittelt eine totalit\u00e4re, die Demokratie negierende Programmatik. So propagiert der grundlegende Scientology-\"Studierkurs\" ein Aktivwerden scientologischer \"Justiz\" (\"Ethik-Gerichte\") schon bei blo\u00dfer Kritik an der SO oder der Unterlassung, die Organisation zu f\u00f6rdern. Ebenso gilt eine Behinderung der SO als \"Schwerverbrechen\", was dazu f\u00fchren kann, dass den Betroffenen der Zustand \"Verrat\" zugewiesen wird und \"sie zur UNTERDR\u00dcCKERISCHEN PERSON erkl\u00e4rt und mit allen Strafen ausgeschlossen werden\". Dar\u00fcber hinaus werden sozialdarwinistische Vorstellungen vermittelt (\"Wir haben dich lieber tot als unf\u00e4hig\") und suggeriert, die Demokratie habe versagt und den Menschen nur weiter \"in den Schlamm\" gesto\u00dfen.383 Aufgrund der kritischen Medienresonanz und Stellungnahmen der badenw\u00fcrttembergischen Landesregierung versuchten Scientologen, m\u00f6gliche ideologische Beeinflussungen durch ApS in Abrede zu stellen. Allerdings wurde ein auf Jugendliche zugeschnittenes \"Handbuch f\u00fcr deutsche Grammatik\" bekannt, das Werbung f\u00fcr Scientology-Literatur enth\u00e4lt. Zwar handelt es sich um keine offizielle SO-Publikation, sie zeigt jedoch auf, dass es in der Scientology-Szene Bestrebungen gibt, Nachhilfe mit Anwerbung zu verbinden. Die Betreiber scientologischer \"Nachhilfe\"-Einrichtungen erhielten zwecks \"Handhabung\" von externen Fragestellern von der ApSZentrale bereits vorgegebene, taktisch gepr\u00e4gte Sprachregelungen beziehungsweise Scheinantworten, die \"gedrillt\" werden sollten. So war die Antwort auf die m\u00f6gliche Frage nach einem Zusammenhang von ApS und der SO dahingehend ausweichend formuliert, dass nicht etwa die Einbindung von ApS in die SO-Struktur thematisiert, sondern behauptet werden sollte, dass es bei ApS nicht um \"Religion\" gehe. Ein ApS-Betreiber wandte sich 382 Zum Beispiel in: Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 34/2006, S. 26ff. 383 Alle Zitate in: L. Ron HUBBARD, \"Der neue Studentenhut Kurs\", Kopenhagen, 1996. 242","Scientology-Organisation mit heftiger Polemik an das Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg und scheute dabei nicht vor NS-Vergleichen zur\u00fcck: \"Die Zeiten, in denen sie ungest\u00f6rt Unsinn mit Schlagzeilen \u00fcber Scientology verbreiten konnten, sind vorbei! (...) Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihr diskriminierendes Verhalten gegen\u00fcber Scientologen f\u00fcr Ihre weitere politische Karriere von Vorteil ist. (...) Im 3. Reich hie\u00df es kauft nicht bei Juden, heute lautet es kauft nicht bei Scientologen.\" 384 \"Narconon\" ist ein weiteres Beispiel f\u00fcr die Fragw\u00fcrdigkeit scientologischer \"Sozialreformen\". Die SO stellt \"Narconon\" seit vielen Jahren als einzigartiges Therapieangebot f\u00fcr Suchtkranke mit einer Erfolgsquote von rund 80 Prozent dar. 2006 war jedoch im gesamten Bundesgebiet keine scientologische \"Therapie\"-Einrichtung mehr bekannt. Dennoch suggeriert die SO eine Expansion von \"Narconon\" in Deutschland. Fachkreise kritisieren das HUBBARD-Drogenentzugsprogramm als in verschiedener Hinsicht r\u00fcckst\u00e4ndig, unbewiesen und teils unrichtig. Eine erloschene \"Narconon\"Niederlassung in Schliersee/Bayern konnte in den 1990er-Jahren in einem Gerichtsverfahren gegen das Land Baden-W\u00fcrttemberg keinen einzigen Fall einer erfolgreichen Drogenrehabilitation nachweisen.385 \"Narconon\" ist hierzulande haupts\u00e4chlich ein Propagandainstrument, um Akzeptanz f\u00fcr die SO zu gewinnen. \u00dcber ihre Hilfsorganisation KVPM hat die SO der Psychiatrie und einem bedeutenden Teil aller Psychotherapieangebote den Kampf angesagt. Sie geht davon aus, dass die Psychiatrie ma\u00dfgeblicher Teil einer politischen Verschw\u00f6rung gegen die Bev\u00f6lkerung ist. Die SO versch\u00e4rfte ihre Agitation gegen Psychiater und formulierte als Ziel die \"globale Vernichtung\" 386 dieses Teils der Medizin. Dabei handelte es sich nicht etwa nur um eine undifferenzierte Kritik, sondern um pauschale Hetze gegen einen ganzen Berufsstand. Die Mitgliederorganisation IAS propagierte in deutschen SO-Mitgliederzeitschriften Scientology-Hetze aus den USA, die Psychiater mit M\u00f6rdern und Vergewaltigern gleichsetzte.387 Psychiater wurden als Verantwortliche f\u00fcr den internationalen Terrorismus verunglimpft.388 Die KVPM ver384 Schreiben vom 31. Juli 2006, \u00dcbernahme wie im Original. 385 Verwaltungsgerichtshof Baden-W\u00fcrttemberg, Beschluss vom 10. Mai 1993, Az.: 1 S 3021/92. 386 Flugblatt \"Einladung zum IAS-Event\", Stuttgart, 2006. 387 Zeitschrift \"Impact\" Nr. 112/2006, S. 24ff. 387 388 Citizens Commission on Human Rights (Hg.), \"Programm des Schreckens\", 2005. 243","suchte vor allem mit Flugblattverteilungen und einer Ausstellung in Stuttgart Breitenwirkung zu erzielen. Dies soll Verunsicherung erzeugen, um den Boden f\u00fcr vermeintliche L\u00f6sungsans\u00e4tze der SO in Medizin und Justiz zu bereiten. Dar\u00fcber hinaus soll die KVPM Feindbilder in der Gesellschaft schaffen und neue SO-Mitglieder rekrutieren. In einem Rundschreiben verlautbarte ein KVPM-Aktivist Folgendes als Ziel ihrer Propaganda: \"Au\u00dferdem werden betroffene Eltern (...) sehen, wer hier Freund und Feind ist. Sie werden Scientology gut finden und sich uns anschlie\u00dfen.\" 389 8. Propaganda und Diffamierungskampagnen Um gesellschaftliche Akzeptanz zu gewinnen, betreibt die SO eine zweigeteilte PR-Strategie. Zum einen stellt sich die Organisation als karitative, unpolitische Religion dar und f\u00fchrt aufw\u00e4ndige PR-Aktionen f\u00fcr Menschenrechte durch wie im Jahr 2006 die Aktion \"Jugend f\u00fcr Menschenrechte\". Zum anderen f\u00fchrt die SO Diffamierungskampagnen gegen Einzelne, Gruppen oder Staaten durch, wenn sie ihre Expansionsbestrebungen gest\u00f6rt w\u00e4hnt. So betreibt die Organisation seit Jahren eine planm\u00e4\u00dfige Herabsetzung der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Repr\u00e4sentanten. Die SO h\u00e4lt im Internet unterschwellige Vergleiche zwischen der angeblichen Diskriminierung von Scientologen in Deutschland und der Situation der Juden w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aufrecht.390 unglaubw\u00fcrdige Das angebliche Eintreten f\u00fcr Menschenrechte wirkt aber nicht nur wegen Menschenrechtsder Verh\u00e4ltnisse innerhalb der SO aufgesetzt. Die \u00f6ffentlichen Menschenkampagne rechtskampagnen sind auch aufgrund der Reaktionen der SO auf Kritik und wegen ihrer pauschalen Hetze gegen in der Psychiatrie t\u00e4tige Menschen unglaubw\u00fcrdig. Die SO propagiert das Grundrecht der Meinungsfreiheit, schm\u00e4ht jedoch gleichzeitig die Wahrnehmung dieser Freiheit durch Kritik an den SO-Methoden als angeblich mangelnde Toleranz oder Diskriminierung und will ihre Kritiker als \"antisoziale Pers\u00f6nlichkeiten\" und \"Kri389 Rundschreiben von New Era Publications International, im Dezember 2006 gestreut. 390 Website des \"Freedom Magazine\", Internetauswertung vom 8. M\u00e4rz 2006. 244","Scientology-Organisation minelle\" 391 stigmatisieren. Dieselbe Organisation, die bereits ein \u00f6ffentliches Lossagen von der SO als \"Schwerverbrechen\" 392 brandmarkt, behauptet, der Bev\u00f6lkerung das Grundrecht der Bekenntnisfreiheit n\u00e4her bringen zu wollen. Diese Kampagnen offenbaren auch eine anma\u00dfende Haltung der SO, die subtil den Eindruck erweckt, die Menschen in der Europ\u00e4ischen Union und ihre Regierungen seien nicht wirklich informiert. Ihnen m\u00fcssten die Menschenrechte erst vermittelt werden.393 Das scheinbare Eintreten f\u00fcr Menschenrechte dient der SO offenkundig als Tarnung. Ihre Feldz\u00fcge gegen Kritiker sind Ausdruck einer totalit\u00e4ren Haltung. HUBBARDs Lehre gilt ideologisch starr als allein rettendes gesellschaftspolitisches Rezept. Gegner werden als vermeintliche Saboteure betrachtet. 8.1 Reaktion auf den \"Karikaturenstreit\" Die SO strebt eine Zusammenarbeit mit islamischen Gruppen an, wohl um diese m\u00f6glichst in ihr PR-Konzept einer angeblichen Diskriminierung \"religi\u00f6ser Minderheiten\" in Deutschland einzubinden. Vor diesem Hintergrund d\u00fcrften Vorw\u00fcrfe gegen die Medien im so genannten \"Karikaturenstreit\"394 zu beurteilen sein. Die SO verunglimpfte die Presse als \"Chaosh\u00e4ndler\", welche durch den Nachdruck der Karikaturen des Propheten Muhammad \"Hass\" verbreitet h\u00e4tten. Die \"anst\u00f6\u00dfigen Karikaturen\" seien f\u00fcr den Islam \"h\u00f6chst diskriminierend\" und \"rassistisch\".395 Allerdings wurden keine Hinweise bekannt, dass die SO breite Unterst\u00fctzung durch islamische Gruppen gewinnen konnte. 8.2 Mitgliederorientierte Propaganda Die mitgliederorientierte Propaganda unterscheidet sich deutlich von der Selbstdarstellung in der \u00d6ffentlichkeit. Das Management bedient sich einer teils militanten und aggressiven Sprache, die Konflikte als \"Krieg\" definiert und von den Mitgliedern fordert, \"Unterdr\u00fcckung\" offensiv zu \"zerschlagen\" 396, worunter die SO bereits Kritik versteht. David MISCAVIGE charakterisierte diese Kontroversen als \"Schlachten\", \"um die Opposition zu bek\u00e4mpfen\".397 Nach au\u00dfen verschweigt die Organisation ihren politischen 391 \"Wie man Unterdr\u00fcckung konfrontiert und zerschl\u00e4gt. PTS/SP-Kurs\", Kopenhagen, 2001, S. 38ff. 391 392 Ebd., S. 134. 393 Zum Beispiel in Zeitschrift \"Impact\" Nr. 112/2006. 394 Vgl. S. 11f. 395 \"Church of Scientology Europe\", Rundbrief \"Ein Aufruf, zur Tat zu schreiten\", Ausgabe 1/2006. 396 Zeitschrift \"Dianetik Post\", Stuttgart, Nr. 176/2006 oder in Zeitschrift \"Impact\" Nr. 112/2006. 397 Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 34/2006, S. 35. 245","Machtanspruch, den sie nach innen offen formuliert. Ein Funktion\u00e4r einer SO-Niederlassung beschrieb den Zweck seines Postens in einem aktuellen internen Rundschreiben an die Mitarbeiter: \"LRH 398 zu helfen, Leute aus der \u00d6ffentlichkeit und \u00f6ffentliche Einrichtungen zu kontaktieren und zu auditieren, sowie die Regierung einer Zivilisation zu schaffen und zu lenken.\" Ziele: Bei SO-Veranstaltungen in Stuttgart, an denen bis zu 300 Personen teilnah- - Massenbemen, wurden auch politische Ziele propagiert. Mit Slogans wie \"Das Schickwegung sal der Erde ist in unserer Hand\" 399 sollten die Mitglieder auf die Linie des - Machterringung Managements eingeschworen werden. Die SO soll zur Massenbewegung werden und Macht erringen. David MISCAVIGE formulierte in einer Rede: \"Der letztendliche Sieg ist nicht eine Frage des ,Wie', sondern nur des ,Wann'. Es ist eine Tatsache: W\u00e4hrend wir expandieren, schaffen wir Ordnung. Doch wenn Ordnung geschaffen wird, treten die Verwirrung und das Chaos zutage. Wenn wir heute an jedem strategischen Punkt der Gesellschaft mit effektiven Aktionen aufwarten, betrachten das die Sklavenmacher zweifellos als weiteren Dolchsto\u00df in ihre schwarzen Herzen und Seelen. (...) Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen Sie erwarten, dass sie immer lauter br\u00fcllen werden, bis zum letzten sterbenden Aufschrei eines Verr\u00fcckten, der schlie\u00dflich verhallen wird, um nie wieder geh\u00f6rt zu werden. (...) Der Aufbau unserer Organisationen erweitert dies als kombinierte Macht einer wahren Gruppe auf die dritte Dynamik.400 (...) wenn man diesen Schritt an gen\u00fcgend 398 LRH: K\u00fcrzel f\u00fcr L. Ron HUBBARD. 399 Flugblatt \"Das Schicksal der Erde ist in unserer Hand\", Stuttgart, 2006. 400 Dritte Dynamik: Scientology-Begriff f\u00fcr die Gruppe beziehungsweise die Gesellschaft, die Nation. 246","Scientology-Organisation vielen Orten macht, dehnt sich das auf die vierte Dynamik 401 und die ganze Menschheit aus.\" 402 Die SO streute an Mitglieder Flugbl\u00e4tter, in denen sie aufrief, gezielt an Aufruf, an Politiker und Meinungsf\u00fchrer heranzutreten, um mit speziell auf sie zugePolitiker schnittenen Themen wie Kultur oder Drogenpr\u00e4vention Interesse an der heranzutreten Organisation zu wecken. Dies dient jedoch nur \"als Einf\u00fchrung\", \"um sie dann auf die Br\u00fccke 403 zu bringen\". Durch die Vereinnahmung von Entscheidungstr\u00e4gern will die SO zunehmend politischen Einfluss gewinnen. Daneben propagierte sie, in einflussreiche Gruppen einzudringen, um Scientology-Konzepte zur Anwendung zu bringen. Ideologische Grundlage ist die HUBBARD-F\u00fchrungsanweisung \"Spezialbereichsplan\". Sie gibt vor, nicht offen an Meinungsbildungsprozessen teilzunehmen, sondern durch Infiltration f\u00fcr die SO zu agieren. Dazu f\u00fchrte die Organisation Seminare auf dem SO-Schiff \"Freewinds\" durch.404 8.3 \"Europ\u00e4ischer Expansionsgipfel\" in Br\u00fcssel Am 8. April 2006 veranstaltete die SO in einem Hotel in Br\u00fcssel den \"1. Europ\u00e4ischen Expansionsgipfel\", bei dem sie ihre politisch-extremistischen Ziele bekr\u00e4ftigte. Die Veranstaltung, an der zahlreiche Scientologen aus ganz Europa teilnehmen sollten, wurde im Vorfeld auch in Baden-W\u00fcrttemberg als \"Teil der Europ\u00e4ischen Expansions-Strategie\" beworben. Hochrangige Funktion\u00e4re, darunter der SO-Europachef, sollten die Teilnehmer \u00fcber \"die reale Situation in Europa\", die Planungen der Gegner der SO und 401 Vierte Dynamik: Scientology-Begriff f\u00fcr die Spezies beziehungsweise Menschheit. 402 David MISCAVIGE in: \"International Scientology News\" Nr. 33/2006, S. 48. 403 \"Die Br\u00fccke\": Scientology-Begriff f\u00fcr das Kursund Auditingprogramm der SO. 404 Zeitschrift \"Freewinds\" Nr. 62/2006, S. 24ff. 247","\u00fcber die Gegenma\u00dfnahmen der SO informieren.405 Das belgische \"Le Soir Magazine\" ver\u00f6ffentlichte in seiner Ausgabe vom 17. Mai 2006 Interna aus dieser Veranstaltung. Demnach verlautbarten SO-Funktion\u00e4re, die Organisation befinde sich im \"Krieg\" und man m\u00fcsse die Kontrolle \u00fcbernehmen. Unter dem Beifall mehrerer Hundert Teilnehmer verunglimpften SO-Sprecher die Europ\u00e4ische Union als \"Viertes Reich\" und deren Vertreter als \"Nazis\". Den Reden folgten massive Versuche, Mitarbeiter im Auditorium zu rekrutieren, weil die SO mittelfristig ihre Europazentrale in Br\u00fcssel errichten und die Stadt mit einem Netz von SO-Niederlassungen \u00fcberziehen will. Zu diesem Zweck hat die Organisation umfangreichen Immobilienbesitz in der N\u00e4he politischer Institutionen der EU und des belgischen Staats erworben. Offenkundig will die SO in Br\u00fcssel einen Schwerpunkt wie im Raum Clearwater/Florida schaffen. In Clearwater, wo zahlreiche Scientologen leben, dominiert die SO ganze Stadtteile und soll durch l\u00e4ngerfristige Lobbyarbeit Einfluss erlangt haben. Der \"Expansionsgipfel\" offenbart erneut, dass die politischen Aussagen HUBBARDs f\u00fcr die SO unver\u00e4ndert g\u00fcltig sind. HUBBARD verwendete den Begriff \"Viertes Reich\" 406 bereits 1972 und bezweckte damit, die europ\u00e4ische Einigung ver\u00e4chtlich zu machen. 9. Vertrauliches Telefon/Weitere Informationen Bei seiner Beobachtung der SO ist der Verfassungsschutz auch weiterhin auf die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung angewiesen. Rufen Sie uns an: 0711/956 19 94. Derzeit sind zum Thema SO folgende Brosch\u00fcren erh\u00e4ltlich: \"Scientology - ein Fall f\u00fcr den Verfassungsschutz\" (1997), \"Die Scientology-Organisation\" (2003) und \"Der Kampf der 'Scientology-Organisation' um die Anerkennung der Gemeinn\u00fctzigkeit in den USA und seine Auswirkungen auf Deutschland\" (2004). 405 Flugblatt \"Aufruf und Einladung an alle Scientologen in Baden W\u00fcrttemberg zum 1. Europ\u00e4ischen Expansions-Gipfeltreffen in Br\u00fcssel\", Stuttgart, 2006. 406 Richtlinienbrief \"Daten-Serie Nr. 23\", 2001 in den SO-\"Management-Serien\" erneut ver\u00f6ffentlicht. 248","TE TOT ar anne weten Lanka erkaudlini aa Bere Aid Femel Bam Er ER Lay nme Hi perhannnechah Terieretrtimnhan | Eisidiack che mr Aa re Hin Frapakakrupy-l\u00f6rrpernsasdnn\" [EI2] umrhuz sifed aama se TEL IHTEN Las: 15H Antranspen, rbaenn nn H In Deutschlard. Sic: wurde 194 durch Lifte Acad HJBBRRE 119991 19ES gcgr\u00fcndeL ner en ann LIATRAIET wre I hen aba a che Fasehlan dba Mlintehreanme Kirk srakgkr\" und ds einge Foertung einer angcb\u00e4ch wm Niedergang een ebd INTER IR Feadrahenn wollen Meridian Tpkasctg Faitiarken\" (Tnieieukeniie san arschkecnd a6 nahe ches Bunkdanker\u00e4nde Gicaz\" bmw. h\u00f6her Halnlanc \u00dctakaeFTELC}Sinti ch Bearenh pe A Ebel rspukirg-Hnana F vermeint\u00e4ch neuen, amnlacteren Menschen (hama nor' m\u00fcndet - \" Adramealidunpamugmuch |TavayaerIirm Tankkochen Imaelih _- fortauihrend wochz! ahl hedrrankerkersdemokpen SOHSErOiDgE INA NRZ I-Meibehren ]ukerevedirern. Fern al nnal rc Inh, tibend el Vnlschha wahl eds -- 3) angst a Su ciner Sduhp eine ordkircke und pet Aunklonlerende schenidlogische ae nn mnahhkan I un oban sparsam I vnlsach and! ahrran T'rnmpesarurcak vun. 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Die VermuIran tung, dass dort unter dem Deckmantel eines zielstrebig verfolgten zivilen Atomprogramms heimlich an der Entwicklung von Nuklearwaffen gearbeitet wird, umfangreiche Raketentests sowie der in den Medien immer wieder erhobene Vorwurf, Kurzund Mittelstreckenraketen an die \"Hizb Allah\" geliefert zu haben, r\u00fcckten den Iran in den Mittelpunkt der weltweiten Anti-Proliferationsbem\u00fchungen407. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg (LfV) ist eng in die gesamtstaatlichen Anstrengungen zur Proliferationsbek\u00e4mpfung eingebunden und tr\u00e4gt durch die Verfolgung solcher Aktivit\u00e4ten dazu bei, deren Urheber identifizieren und bestrafen zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig leistet das LfV offensive Aufkl\u00e4rungsarbeit, um zu verhindern, dass baden-w\u00fcrttembergische Unternehmen oder Gesch\u00e4ftsleute in riskante Gesch\u00e4fte verwickelt werden. Dabei werden auch \u00dcberschneidungen der Themenfelder \"Proliferation\" und \"islamistischer Terrorismus\" beobachtet. Spionageaktivit\u00e4Nach wie vor muss in Deutschland von ernst zu nehmenden Spionageaktiten fremder Nachvit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste ausgegangen werden. Speziell China richtendienste und Russland messen der Auslandsaufkl\u00e4rung einen hohen Stellenwert bei. In Baden-W\u00fcrttemberg, der Region mit der h\u00f6chsten Innovationskraft innerhalb der Europ\u00e4ischen Union, liegt der Schwerpunkt eindeutig im Bereich der Wirtschaftsund Wissenschaftsspionage. Trotz leistungsf\u00e4higer technischer Spionagem\u00f6glichkeiten wird auf die Gewinnung menschlicher Quellen nach wie vor nicht verzichtet, da sie eine kontinuierliche Informationsgewinnung aus dem Zielobjekt und eine unmittelbare fachliche Bewertung der beschafften Informationen gew\u00e4hrleisten. Der Nachholbedarf der Volksrepublik China gegen\u00fcber den hoch entwickelten Staaten des Westens wird auf den verschiedensten Ebenen durch 407 Proliferation: Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen beziehungsweise der zu ihrer Herstellung verwendbaren Produkte einschlie\u00dflich des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows sowie von entsprechenden Waffentr\u00e4gersystemen. 250","Spionageabwehr eine konsequente und gut durchdachte Strategie zur Beschaffung ausl\u00e4ndischen Know-hows unterst\u00fctzt, wie sie gegenw\u00e4rtig von anderen Staaten nicht bekannt ist. Die in diesen Prozess eingebundenen chinesischen Nachrichtendienste treten in Deutschland eher zur\u00fcckhaltend, in China selbst aber durchaus aggressiv auf. Trotz der guten zwischenstaatlichen Beziehungen auf Regierungsebene sind die russischen Geheimdienste in der Bundesrepublik Deutschland weiterhin sehr aktiv und beschaffen Informationen aus Politik, Milit\u00e4r, Wirtschaft und Wissenschaft. Die Wirtschaft ist ein Hauptfaktor f\u00fcr Stabilit\u00e4t und Leistungskraft unseres \"geheimdienstStaates. Als Sicherheitsbeh\u00f6rde hat der Verfassungsschutz die Aufgabe, liche Angriffe auf geheimdienstliche Angriffe fremder Staaten auf die Wirtschaft rechtzeitig zu die Wirtschaft\" erkennen und die Abwehr der von ihnen ausgehenden Gefahren zu erm\u00f6glichen. Ziel ist, auf einschl\u00e4gige Risiken aufmerksam zu machen und Sorge daf\u00fcr zu tragen, dass die in Baden-W\u00fcrttemberg ans\u00e4ssigen Unternehmen bei strategischen oder sicherheitsm\u00e4\u00dfig relevanten Entscheidungen \u00fcber alle notwendigen Informationen verf\u00fcgen. 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde 2.1 Proliferation Die Machthaber von Staaten wie Iran, Syrien, Pakistan oder Nordkorea Massenvernichsehen im Besitz von Massenvernichtungswaffen ein geeignetes Mittel, um tungswaffen sich machtpolitisch zu positionieren, symbolisch ihre Herrschaft zu legitials Mittel der mieren und vermeintliche externe Bedrohungen abzuwehren. Au\u00dferdem Machtpolitik dient er als Druckmittel in bilateralen oder internationalen Verhandlungen. Zum Teil sind diese L\u00e4nder bereits in der Lage, den Bedarf an einschl\u00e4gigen Waren und Know-how im eigenen Land zu decken oder sie beliefern sich gegenseitig damit (horizontale Proliferation). So werden nicht nur Maschinen und Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde, sondern bereits vollst\u00e4ndige und einsatzf\u00e4hige Raketensysteme oder das Wissen um deren Herstellung gehandelt. Trotzdem sind diese Staaten auch weiterhin auf hochwertige G\u00fcter oder Spezialwissen aus High-Tech-L\u00e4ndern angewiesen. Wie schon in den vergangenen Jahren gestalteten sich 2006 die Beschaffungsaktivit\u00e4ten der um Proliferation bem\u00fchten L\u00e4nder \u00e4u\u00dferst konspirativ. Dadurch sollen Exportgenehmigungsund Kontrollmechanismen, zu deren Einhaltung sich die 251","Bundesrepublik Deutschland als Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft verpflichtet hat, unterlaufen werden. Nur durch die effektive Zusammenarbeit von Bundesamt f\u00fcr Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, Bundeskriminalamt, Bundesnachrichtendienst, Zollkriminalamt und Verfassungsschutzbeh\u00f6rden kann diesen internationalen \u00dcbereinkommen wirksam Geltung verschafft werden. 2.1.1 Iran Der Iran besitzt mittlerweile modernste Kurzund Mittelstreckenraketen sowie Marschflugk\u00f6rper. Nach erfolgreichem Testflug der Shahab 3 mit einer Reichweite von 1.500 Kilometern wird momentan mit Hochdruck an der Entwicklung von Flugk\u00f6rpern jenseits des 2.000-Kilometer-Radius gearbeitet. Zu diesem Zweck bem\u00fchte sich das Land auch bei Unternehmen in Baden-W\u00fcrttemberg um die Beschaffung von Spezialwerkzeugen, Windkanalausr\u00fcstungen, Antriebsund Steuersystemen, Testanlagen, Messger\u00e4ten, Festtreibstoffkomponenten mit Mixern und Informationen zur KreiseltechAktuelle nologie: Fallbeispiele Ein mittelst\u00e4ndisches High-Tech-Unternehmen teilte dem LfV mit, dass aus dem Iran regelm\u00e4\u00dfig Anfragen zu seinen f\u00fcr die Herstellung von Raketentreibstoff notwendigen Produkten eingehen. Obwohl definitiv noch nie geliefert worden sei, habe es zwischenzeitlich auch Anfragen zu Ersatzteillieferungen gegeben. Nach Recherchen des LfV wurden gebrauchte Maschinen des Unternehmens im Internet und auf Gebrauchtg\u00fctermessen weltweit angeboten und d\u00fcrften auf diesem Weg in den Iran gelangt sein. Der Fall belegt exemplarisch, mit welcher Vehemenz sich der Iran um dringend ben\u00f6tigte Embargog\u00fcter bem\u00fcht, und dass er nicht immer in der Lage ist, erforderliche Ersatzteile selbst herzustellen. Die aktuelle Fallbearbeitung l\u00e4sst erkennen, dass die in Baden-W\u00fcrttemberg nachgefragten Waren zumeist Dual-Use-G\u00fcter408 sind, welche in ihren Parametern h\u00e4ufig nur geringf\u00fcgig von solchen Produkten abweichen, die der Exportkontrolle unterliegen: Die der Spionageabwehr einschl\u00e4gig bekannte iranische Firma A aus Dual-Use-G\u00fcter Teheran erkundigte sich bei einem baden-w\u00fcrttembergischen Unternehmen nach Spezialwerkzeugen, die \u00fcblicherweise in der Fahrzeugindustrie Verwendung finden. Als Besteller trat dann 408 Als \"G\u00fcter mit doppeltem Verwendungszweck\" werden G\u00fcter einschlie\u00dflich Datenverarbeitungsprogrammen und Technologien bezeichnet, die sowohl f\u00fcr zivile als auch f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke verwendet werden k\u00f6nnen. 252","Spionageabwehr jedoch nicht die Firma A, sondern die ebenfalls im Iran ans\u00e4ssige Firma B in Erscheinung. Erst im Nachhinein wurde offenkundig, dass sich die Firma A lediglich in B umbenannt hatte und nach wie vor unter der alten Adresse residierte. Beide Firmen sind dem iranischen Beschaffungsverbund f\u00fcr Tr\u00e4gertechnologie zuzurechnen, und es ist zu bef\u00fcrchten, dass die an sich harmlose Lieferung nunmehr bei der Herstellung von Raketen-Start-Ausr\u00fcstungen Verwendung findet. Dieses Beispiel zeigt auf, wie schwierig es mitunter sein kann, Proliferationshandlungen im Dual-Use-Bereich zu erkennen. Andererseits w\u00e4re das Gesch\u00e4ft sehr leicht zu verhindern gewesen, wenn den Begleitumst\u00e4nden des Auftrags mehr Beachtung geschenkt worden w\u00e4re. Eine weitere beliebte Methode, um an sensible G\u00fcter zu gelangen, ist die Bildung von schwer durchschaubaren Beschaffungsketten. Durch die Einschaltung mehrerer inund ausl\u00e4ndischer Zwischenh\u00e4ndler soll die IdenBildung schwer tit\u00e4t des wahren Auftraggebers verborgen bleiben: durchschaubarer BeschaffungsIranische Eink\u00e4ufer versuchten, bei einer hiesigen Firma High-Techketten Ger\u00e4te f\u00fcr die Luftfahrtindustrie zu beschaffen. Nachdem das Bundesamt f\u00fcr Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle auf den kritischen Empf\u00e4nger hingewiesen hatte, wurde von dem Gesch\u00e4ft zun\u00e4chst Abstand genommen. Kurz darauf kaufte jedoch ein in Deutschland lebender iranischer Gesch\u00e4ftsmann die Ger\u00e4te und deklarierte den Vorgang als Inlandsgesch\u00e4ft. Die Lieferung erfolgte dann aber unter Einschaltung eines Zwischenh\u00e4ndlers im europ\u00e4ischen Ausland in den Iran. Dort wurden die Ger\u00e4te nachweislich in milit\u00e4rische Flugger\u00e4te eingebaut. Im Februar 2006 wurden vier in diese Transaktion verwickelte Personen - darunter auch der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der baden-w\u00fcrttembergischen Firma - festgenommen. Nach wie vor ist im Zusammenhang mit iranischen Proliferationsbem\u00fchungen auch das Ph\u00e4nomen \"illegaler Wissenstransfer\" von Bedeutung. Dabei geht es in erster Linie um die Ausund Fortbildung von Postgradu\"illegaler ierten, Studenten und Wissenschaftlern aus sicherheitskritischen L\u00e4ndern, Wissenstransfer\" die unter dem Deckmantel des freien Austauschs technologisch-wissenschaftlicher Informationen an sensiblen Forschungsprojekten im westlichen Ausland mitwirken und sich auf diesem Wege das Know-how zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und Raketen verschaffen: Eine wissenschaftliche Einrichtung in Baden-W\u00fcrttemberg, die sich auch mit Oberfl\u00e4chenbeschichtung und Nanotechnologie befasst, 253","wurde von einem iranischen Forschungsinstitut um Unterst\u00fctzung gebeten. Wissenschaftler und Studenten aus dem Iran sollten umfassende Einblicke in die Technologien erhalten, um mit dem erworbenen Wissen anschlie\u00dfend die Fahrzeugindustrie ihres Heimatlandes voranbringen zu k\u00f6nnen. Da dieses Know-how jedoch sehr viel mehr f\u00fcr die Reichweitensteigerung von Raketen von Bedeutung ist als f\u00fcr die Kfz-Branche, wurde das Ersuchen abschl\u00e4gig beschieden. 2.1.2 Demokratische Volksrepublik Korea (Nordkorea) Zur St\u00fctzung seines diktatorischen Regimes unterh\u00e4lt das vom \u00fcbrigen Weltgeschehen auch heute noch weitgehend abgeschottete kleine Land mit mehr als 1,1 Millionen aktiven Soldaten und rund 4,7 Millionen Reservisten eine der weltweit gr\u00f6\u00dften Armeen. Weitere wichtige Garanten des herrschenden Systems sind die sechs Nachrichtenund Sicherheitsdienste, die allesamt dem Staatsund Parteichef Kim Jong-il direkt unterstellt sind. Dabei ist an erster Stelle das f\u00fcr die politische Inlandsund Auslandsaufkl\u00e4rung zust\u00e4ndige \"Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit\" zu nennen. In seiner Machtf\u00fclle ist es allenfalls mit dem ehemaligen sowjetischen KGB409 zu vergleichen. Es leben nur wenige nordkoreanische Staatsb\u00fcrger in Deutschland und das Handelsvolumen zwischen beiden L\u00e4ndern belief sich 2005 auf lediglich 75 Millionen Euro. Angesichts dieser Rahmenbedingungen ist es nicht einfach, proliferationsrelevante Gesch\u00e4fte zu kaschieren. Gleichwohl ist Nordkorea sehr stark an westlicher Technologie interessiert, um damit sein gewaltiges Arsenal an Massenvernichtungswaffen weiter aufzur\u00fcsten. Beschaffungsaktivit\u00e4ten - die sich gelegentlich auch auf Baden-W\u00fcrttemberg erstrecken - gehen zumeist von den Legalresidenturen410 der nordkoreanischen Geheimdienste an der Berliner Botschaft aus. Die Abwicklung entsprechender Gesch\u00e4fte vollzieht sich regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Drittl\u00e4nder wie zum Beispiel China oder Singapur. Dort ans\u00e4ssige nordkoreanische Tarnfirmen fungieren als angebliche Endverbraucher. Die Entwicklung in Nordkorea ist dar\u00fcber hinaus unter dem Aspekt der Nordkoreas Rolle horizontalen Proliferation von h\u00f6chster Brisanz. Als regelm\u00e4\u00dfige Abnehmer bei der horizontanordkoreanischer R\u00fcstungstechnologie sind bisher L\u00e4nder wie Jemen, Iran, len Proliferation Libyen, Pakistan und Syrien aufgefallen. Letztlich erscheint auch die Weiter409 \"Komitet Gosudarstwennoj Besopasnosti\" (\"Komitee f\u00fcr Staatssicherheit\"). 410 Abgetarnte St\u00fctzpunkte fremder Nachrichtendienste in den offiziellen Vertretungen (insbesondere Botschaften, Konsulate, Handelsvertretungen) des Auftraggebers im Operationsgebiet. 254","Spionageabwehr gabe proliferationsrelevanten Materials oder Know-hows an Terrororganisationen nicht v\u00f6llig ausgeschlossen. 2.2 Wirtschafts-/Wissenschaftsspionage Angesichts eines knallharten globalen Konkurrenzkampfes - manche Experten sprechen sogar von einem \"Wirtschaftskrieg\" - werden von einigen Staaten Informationen aus Wirtschaft und Wissenschaft auch unter Einsatz ihrer Nachrichtendienste beschafft. Damit sind ganz unterschiedliche \"Vorteile\" verbunden wie: St\u00e4rkung der nationalen Volkswirtschaft und Verbesserung der eigenen Forschungspotenziale durch Zeitund Kostenersparnis sowie \"Vorteile\" der Vermeidung von Fehlentwicklungen, InformationsgeAnalyse des Standes der Technik (Schl\u00fcsseltechnologien, r\u00fcstungswinnung durch relevante Bereiche), NachrichtenBenchmarking hinsichtlich Wirtschaftskraft, Zielen und Strategien dienste sowie Beeinflussung von Marktchancen und -risiken. In der Gesamtschau k\u00f6nnen diese Faktoren eine massive Wettbewerbsverzerrung bewirken. Die Aussp\u00e4hungsbem\u00fchungen fremder Staaten konzentrierten sich in den letzten Jahren auf die Bereiche Informationsund Kommunikationstechnik, Elektronik, Luftund Raumfahrt, Verkehrstechnik, Werkund Verbundstoffe, Produktionstechnik, Biotechnik, Nanotechnologie, Energieund Umwelttechnik sowie auf den Maschinenund Fahrzeugbau. Betroffen sind nicht nur gro\u00dfe Firmen, sondern in betr\u00e4chtlichem Ausma\u00df besonders innovative kleine und mittlere Unternehmen, die oft nicht \u00fcber geeignete Sicherheitsvorkehrungen verf\u00fcgen, um sich gegen den Diebstahl ihres Know-hows erfolgreich zur Wehr setzen zu k\u00f6nnen. Die Wissenschaftsspionage ist seit jeher eine beliebte Methode, um in einem m\u00f6glichst fr\u00fchen Entwicklungsstadium an Informationen und Knowhow zu gelangen. Bei der Aussp\u00e4hung wird nicht selten die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Wissenschaft bewusst missbraucht. Mehrere aktuelle Vorf\u00e4lle in wissenschaftlichen Einrichtungen unterstreichen die Aussage. Das LfV weist immer wieder auf diese Gefahren hin, weil darunter langfrisGefahren der tig nicht nur die Kompetenz der betroffenen wissenschaftlichen Einrichtung Wirtschaftsleiden k\u00f6nnte, sondern durch das Ausbleiben von R\u00fcckfl\u00fcssen aus der wirtspionage schaftlichen Umsetzung der h\u00e4ufig von staatlicher Seite finanzierten Forschungsergebnisse auch volkswirtschaftliche Nachteile zu bef\u00fcrchten sind. 255","2.2.1 Volksrepublik China China hat - auf dem Weg vom Schwellenland zur globalen Wirtschaftsmacht - ein immenses Interesse daran, gleichzeitig seinen Technologier\u00fcckstand zu verringern und sich auf dem Weltmarkt optimal zu positionieren. Weil die Entwicklung wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Potenziale aus eigener Kraft viel Geld kostet, gut ausgebildete Fachleute erfordert und zudem relaChinas Strategie tiv lange dauert, hat das Land eine umfassende, durchdachte Strategie zur zur Modernischnelleren und kosteng\u00fcnstigeren Modernisierung seiner Volkswirtschaft sierung seiner entwickelt, die auf den verschiedensten Ebenen konsequent umgesetzt wird Volkswirtschaft und auch den Einsatz von Nachrichtendiensten einschlie\u00dft. Chinesische Aktivit\u00e4ten nehmen momentan einen Gro\u00dfteil der Kapazit\u00e4ten der Spionageabwehr in Anspruch. Trotz fortschreitender Entwicklung der Privatwirtschaft ist prinzipiell dann von staatlich gelenkter Spionage auszugehen, wenn wirtschaftspolitische und milit\u00e4rische Interessen im Vordergrund stehen. Projekte in strategisch bedeutsamen Entwicklungsbranchen unterliegen einem besonders hohen Risiko der nachrichtendienstlichen Unterwanderung. In Deutschland nutzen Mitarbeiter der chinesischen Nachrichtendienste Mitarbeiter der ihre Tarnung als Diplomaten in den amtlichen chinesischen Vertretungen chinesischen oder als Angeh\u00f6rige von Medienagenturen ihres Heimatlandes zur verdeckNachrichtenten Gewinnung von Informationen. Sie kn\u00fcpfen Kontakte zu wissenschaftdienste tarnen lichen und politischen Einrichtungen, zu Wirtschaftsunternehmen, Stiftunsich z.B. als gen und zu staatlichen Stellen. Die Teilnahme an Messen oder anderen Diplomaten \u00f6ffentlichen Veranstaltungen dient dem Kennenlernen interessanter Personen. W\u00e4hrend fr\u00fcher eher \"Amateurspione\" die Szene pr\u00e4gten und nach dem \"Staubsaugerprinzip\" wahllos alle verf\u00fcgbaren Informationen zusammengetragen haben, wird mittlerweile verst\u00e4rkt auf gut ausgebildete \"Kundschafter\" gesetzt. Der zielorientierte Einsatz von bestimmten Studenten (im Wintersemester 2005/2006 waren an deutschen Hochschulen mehr als 27.000 chinesische Studenten immatrikuliert), Praktikanten, Doktoranden, Wissenschaftlern und Forschern an ausl\u00e4ndischen Universit\u00e4ten und Forschungseinrichtungen zum Zwecke der Informationsgewinnung wird schon seit Jahren erfolgreich praktiziert. Dieser Personenkreis reist h\u00e4ufig bereits mit einem fundierten Fachwissen nach Deutschland ein und wird innerhalb seines Fachbereichs bald als Kapazit\u00e4t anerkannt und respektiert. Bereits 256","Spionageabwehr Sch\u00fcler mit hervorragenden Zeugnissen werden vom Nachrichtendienst auf ihre k\u00fcnftige Einsatzf\u00e4higkeit im Ausland \u00fcberpr\u00fcft und bei Eignung bis zu ihrer R\u00fcckkehr begleitet und gef\u00f6rdert. Deutsche Unternehmen, die in China investieren, setzen oft - wie von der chinesischen Seite gefordert - den neuesten Stand der Technik ein und wecken dadurch Begehrlichkeiten. Es zeigt sich immer wieder, dass geistiges Eigentum westlicher Unternehmen in der Volksrepublik China nur schwer zu verteidigen ist. Gesch\u00e4ftsreisende und Firmenrepr\u00e4sentanten m\u00fcssen stets damit rechnen, dass ihre B\u00fcros und Hotelzimmer observiert und durchsucht sowie Telefonund Internetverbindungen \u00fcberwacht werden. Unternehmen machen immer wieder die Erfahrung, dass intern gef\u00fchrte Gespr\u00e4che mit raffiniert angebrachten hochwertigen Abh\u00f6ranlagen belauscht werden. Zudem besteht in China die Gefahr, nachrichtendienstlich Gefahr angesprochen zu werden. nachrichtenEinen willkommenen Anlass dienstlicher dazu bieten immer wieder tatAnsprachen s\u00e4chliche oder provozierte Gesetzesverst\u00f6\u00dfe. Auch Spionage unter Handy-gesteuerte \"Abh\u00f6rwanze\" einem \"offiziellen\" Vorwand kann (aufgefunden im B\u00fcro einer nicht ausgeschlossen werden: deutschen Firma in China) Die Niederlassung einer deutschen Firma in Shenzhen wurde von der \u00f6rtlichen Polizeibeh\u00f6rde aufgefordert, eine Software auf ihrem Rechner zu installieren, die s\u00e4mtliche Netzwerkaktivit\u00e4ten (Internet, FTP) registriert und aufzeichnet. Diese Protokollierungen sollen als Beweismittel dienen, falls Angestellte der Firma verd\u00e4chtigt werden sollten, rechtswidrige Internet-Aktivit\u00e4ten zu entfalten. Es wurde eine Software empfohlen, die zu diesem Zweck von der chinesischen Sicherheitsbeh\u00f6rde zertifiziert wurde. Nach Aussage des Niederlassungsleiters handelt es sich um eine Art Feldversuch, der im Fr\u00fchjahr 2006 in Shenzhen gestartet wurde und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf ganz China ausgeweitet werden soll. Es wird bef\u00fcrchtet, dass entge257","gen entsprechenden Erkl\u00e4rungen der chinesischen Seite die Software mehr sensible Daten abgreifen k\u00f6nnte als offiziell beschrieben. Anfragen von Wirtschaftsvertretern an die Spionageabwehr mit Bezug zu China nahmen im Jahr 2006 deutlich zu. Bei Beratungsgespr\u00e4chen wurde regelm\u00e4\u00dfig der Verlust von Know-how beklagt: Bei einem baden-w\u00fcrttembergischen Entwickler f\u00fcr Halbleiterl\u00f6sungen in der Kfz-Elektronik fiel ein chinesischer Mitarbeiter auf, weil er in einem pers\u00f6nlichen Ordner seines Arbeitsplatz-PCs firmeninterne Daten aus zukunftstr\u00e4chtigen Bereichen abgelegt hatte, f\u00fcr die er keine Zugriffsberechtigung besa\u00df. Die \u00dcberpr\u00fcfung seiner Bewerbungsunterlagen ergab, dass er die Darstellung seines Werdegangs perfekt an das Anforderungsprofil des Unternehmens angepasst hatte. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass er bei der Bewerbung um seinen vorherigen Arbeitsplatz auf exakt die gleiche Art und Weise vorgegangen war, nur waren seinerzeit ganz andere Eigenschaften gefordert worden. Die Gesamtumst\u00e4nde dieses Falles sowie die weiteren Ermittlungsergebnisse lassen auf eine gezielte Steuerung durch chinesische Nachrichtendienste schlie\u00dfen. Ein chinesischer Wissenschaftler wirkte an einem Forschungsvorhaben im kerntechnischen Bereich mit. Kurz vor Abschluss des Projekts mussten seine Arbeitskollegen feststellen, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse in China bereits ver\u00f6ffentlicht worden waren. Ein wissenschaftliches Institut f\u00fcr Informationstechnik stellte einen chinesischen Studenten als Praktikanten ein. Trotz Verbots der Nutzung eigener IT-Ger\u00e4te wurde bei einer Kontrolle des institutsinternen Netzes festgestellt, dass er vertrauliche Daten auf seinen privaten Laptop \u00fcberspielt hatte. Bemerkenswert war die Reaktion der Forschungseinrichtung, die den T\u00e4ter lediglich zur Einhaltung der internen Vorschriften anhielt und das regelwidrige Verhalten nicht weiter ahndete. Ein chinesischer Wissenschaftler bewarb sich um Mitarbeit im Forschungsbereich einer staatlichen Hochschule. Nach seiner Anstellung stellte sich heraus, dass er den wissenschaftlichen Vorlauf, den er bei seiner Bewerbung vorgegeben hatte, nicht besa\u00df. Au\u00dferdem fiel er dadurch auf, dass er im Institut unberechtigt fotografierte und versuchte, an f\u00fcr ihn gesperrte Daten zu gelangen. Der Verdacht eines nachrichtendienstlichen Auftrags liegt nahe, da sein Aufent258","Spionageabwehr halt von chinesischen diplomatischen Einrichtungen im Bundesgebiet finanziert und eng begleitet wurde. Aufgabe der Spionageabwehr ist es, solchen F\u00e4llen nachzugehen, um betroffenen beziehungsweise gef\u00e4hrdeten Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen Gefahren und Risiken aufzuzeigen, sie bei internen Entscheidungsprozessen zu beraten und letztlich den Nachweis einer nachrichtendienstlichen Steuerung zu f\u00fchren. 2.2.2 Russische F\u00f6deration Die Russische F\u00f6deration und die Bundesrepublik Deutschland unterhalAktivit\u00e4ten gegen ten seit Jahren stabile wirtschaftliche und politische Beziehungen. UngeDeutschland und achtet dessen entwickeln die Nachrichtendienste Russlands nach wie vor andere Staaten umfangreiche Aktivit\u00e4ten gegen Deutschland. Der Pr\u00e4sident der Russischen F\u00f6deration hat die russischen Sicherheitsdienste erneut gest\u00e4rkt. Nach Medienberichten sieht ein Konzept zur Haushaltsund Steuerpolitik 2007 vor, die Ausgaben f\u00fcr die nationale Sicherheit um 23,1 Prozent gegen\u00fcber 2006 zu steigern. Der Milit\u00e4retat soll um 24,6 Prozent erh\u00f6ht werden. Wie schon in den vergangenen Jahren profitieren davon auch die Nachrichtendienste. Der zivile Auslandsnachrichtendienst SWR411 ist f\u00fcr die Auslandsaufkl\u00e4rung in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zust\u00e4ndig und wird von Armeegeneral Sergej LEBEDEW geleitet. Die Aufgaben des von Armeegeneral Walentin KORABELNIKOW gef\u00fchrten milit\u00e4rischen Auslandsnachrichtendienstes GRU412 sind heutzutage weitaus breiter gef\u00e4chert als zu Zeiten der UdSSR. Neben klassischer Milit\u00e4rspionage erstrecken sich die Aktivit\u00e4ten des GRU mittlerweile auch auf alle milit\u00e4rrelevanten zivilen Bereiche. Dies gilt vor allem f\u00fcr wissenschaftlich-technologische Informationen, die f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke nutzbar sind. Der zivile Inlandsnachrichtendienst FSB413 unter der Leitung von Armeegeneral Nikolaj PATRUSCHEW ist f\u00fcr die Spionageabwehr, die Beobachtung des politischen Extremismus sowie die Bek\u00e4mpfung von Organisierter Kri411 \"Slushba Wneschnej Raswedkij\" (\"Dienst f\u00fcr Ermittlungen im Ausland\"). 412 \"Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije\" (\"Hauptverwaltung f\u00fcr Aufkl\u00e4rung\" beim Generalstab der Streitkr\u00e4fte). 413 \"Federalnaja Slushba Besopasnosti\" (\"F\u00f6deraler Dienst f\u00fcr Sicherheit\"). 259","minalit\u00e4t und Terrorismus zust\u00e4ndig. Unter dem Vorwand der Spionagebek\u00e4mpfung versucht der FSB auch, Angeh\u00f6rige deutscher Firmen und Privatpersonen bei Aufenthalten in Russland nachrichtendienstlich anzubahnen und somit in anderen Zielbereichen Auslandsaufkl\u00e4rung zu betreiben. Bei seinen Abwehraktivit\u00e4ten betreibt er eine intensive Kontrolle des Datenverkehrs, der in Russland \u00fcber das Internet abgewickelt wird. Daher m\u00fcssen auch deutsche Staatsangeh\u00f6rige bei Aufenthalten in Russland damit rechnen, bei der Nutzung des Internets oder des Telefons vom FSB \u00fcberwacht zu werden. Gefahren durch Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr ging 2006 wiederum von den Legalresidenturen414 aus. Legalresidenturen Die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohe Pr\u00e4senz der dort t\u00e4tigen erkannten Geheimdienstangeh\u00f6rigen unterstreicht den besonderen Stellenwert, der Deutschland als Aufkl\u00e4rungsziel immer noch beigemessen wird. Anl\u00e4sslich der Novellierung des Gesetzes \"\u00dcber die Auslandsaufkl\u00e4rung\" best\u00e4tigte ein Mitglied der Staatsduma und ehemaliger Angeh\u00f6riger der Auslandsspionage, dass viele russische Nachrichtendienstmitarbeiter unter gesetzlicher Abtarnung als Diplomaten, Journalisten oder Gesch\u00e4ftsleute arbeiten und teilweise sogar formell andere Staatsangeh\u00f6rigkeiten annehmen w\u00fcrden. Gesch\u00fctzt durch die diplomatische Immunit\u00e4t ist es f\u00fcr russische Agenten ein Leichtes, mit interessant erscheinenden Zielpersonen unverf\u00e4nglich in Kontakt zu treten, um von ihnen wichtige Informationen zu erlangen. Auf diese Weise wurde beispielsweise dem Mitarbeiter einer badenw\u00fcrttembergischen High-Tech-Firma durch den Angeh\u00f6rigen eines russischen Nachrichtendienstes der Auftrag zur Beschaffung eines der Ausfuhrkontrolle unterliegenden R\u00fcstungsgegenstandes erteilt. In einem weiteren Fall wurde der Mitarbeiter einer im s\u00fcddeutschen Raum ans\u00e4ssigen R\u00fcstungsfirma nach einem Messebesuch von einem Russen aufgesucht und f\u00fcr die Beschaffung entsprechender Firmeninterna gewonnen. Darunter befanden sich Skizzen und Beschreibungen von lasergesteuerten Waffen. Solche F\u00e4lle belegen, dass die Wirtschaftsspionage f\u00fcr die Staatsf\u00fchrung der Russischen F\u00f6deration nach wie vor hohe Priorit\u00e4t besitzt. Dabei geht es vorrangig um die Beschaffung von Informationen zu richtungweisenden Neuerungen im wissenschaftlich-technischen Bereich. 414 Abgetarnte St\u00fctzpunkte fremder Nachrichtendienste in den offiziellen Vertretungen (insbesondere Botschaften, Konsulate, Handelsvertretungen) des Auftraggebers im Operationsgebiet. 260","Spionageabwehr 3. Pr\u00e4vention Unter dem Begriff \"Pr\u00e4vention\" ist die Gesamtheit aller vorbeugenden Ma\u00dfSchutz vor Gef\u00e4hrnahmen zu verstehen, die der Verfassungsschutz entweder aufgrund gesetzdungen und lichen Auftrags zu erf\u00fcllen hat oder aus Opportunit\u00e4tsgr\u00fcnden heraus illegalem ergreifen kann, um Beh\u00f6rden, Wirtschaft und Wissenschaft vor Gef\u00e4hrdunWissensabfluss gen und illegalem Wissensabfluss zu sch\u00fctzen. Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahmen werden in zunehmendem Ma\u00dfe von der Wirtschaft eingefordert, und es wird ihnen ein immer gr\u00f6\u00dferer Stellenwert beigemessen. 3.1 Geheimund Sabotageschutz Der f\u00f6rmliche Geheimund Sabotageschutz ist ein wesentlicher Bestandteil der Pr\u00e4vention zum Schutz gegen die Ausforschung von Staatsgeheimnissen und zur Sicherheit lebensund verteidigungswichtiger Einrichtungen. Diese den Mitwirkungsaufgaben des Verfassungsschutzes zuzurechnenden Vorbeugungsma\u00dfnahmen umfassen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen von Personen, die an sicherheitsempfindlichen Stellen t\u00e4tig sind, technische und organisatorische Ma\u00dfnahmen sowie die st\u00e4ndige Beratung und Betreuung beh\u00f6rdlicher und wirtschaftlicher Einrichtungen. In Baden-W\u00fcrttemberg sind derzeit \u00fcber 200 Firmen in das amtliche amtliches Geheimschutzverfahren einbezogen und rund 20 als lebensund verteidiGeheimschutzgungswichtig eingestuft. Sie werden vom LfV regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Aussp\u00e4hungsverfahren in versuche fremder Nachrichtendienste und die Bedrohung durch sicherheitsBadengef\u00e4hrdende Bestrebungen unterrichtet und entsprechend beraten. W\u00fcrttemberg 3.2 Beratung und Aufkl\u00e4rung von Wirtschaft und Wissenschaft Einen breiten Raum der pr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen nimmt die Unterst\u00fctzung der Forschungseinrichtungen und der nicht in das beh\u00f6rdliche Geheimschutzverfahren einbezogenen baden-w\u00fcrttembergischen Unternehmen bei der Erhaltung ihres technologischen Vorsprungs ein. Eine umfassende Palette praxisgerechter Ma\u00dfnahmen - beispielsweise die Herausgabe von Informationsmaterial, Informationsund Beratungsgespr\u00e4che sowie Unterst\u00fctzung bei der Erstellung von Schutzkonzeptionen - bietet \"Hilfe zur Selbsthilfe\". Im Jahr 2006 ist die Nachfrage nach Beratungsleistungen und Vortragsveranstaltungen durch Mitarbeiter des Wirtschaftsschutzes signifikant gestiegen. Ziel des LfV ist es, mit seinen Beratungsund Serviceangeboten speziell die in Baden-W\u00fcrttemberg vorherrschenden kleinen und mittleren Betriebe zu 261","erreichen. Sie sind oftmals Vorreiter bei der Einf\u00fchrung neuer Technologien und verf\u00fcgen vielfach nicht \u00fcber ausreichende Sicherheitsstrukturen zum Schutz ihres Know-hows. Zu diesem Zweck wurden Unternehmen direkt kontaktiert oder \u00fcber Wirtschaftsund Sicherheitsverb\u00e4nde sensibilisiert. In der Folge gingen beim LfV vermehrt Hinweise ein, die eine anhaltende Gef\u00e4hrdung durch Spionage belegen. Auf der Mobility & Business, der Messe f\u00fcr Gesch\u00e4ftsreisen, Fuhrpark und mobile Kommunikation im Mai 2006 in Stuttgart, informierte das LfV schwerpunktm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Sicherheit bei Gesch\u00e4ftsreisen ins Ausland. Dabei standen sowohl der Schutz der Reisenden selbst vor Ansprachen und Anwerbungsversuchen fremder Nachrichtendienste als auch die sichere Informationsund Daten\u00fcbertragung im Mittelpunkt. Daneben wurden in einer messebegleitenden Seminarreihe die Themen Spionage und Wirtschaftsschutz eingehend beleuchtet. Die Spionageabwehr beteiligte sich auch an einem gemeinsamen Stand der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder bei der Essener Sicherheitsmesse SECURITY 2006 zum Themenkomplex Wirtschaftsspionage. In vielen Gespr\u00e4chen wurden Fragen zur IT-Sicherheit und zum Informationsschutz er\u00f6rtert und mehrere Verdachtshinweise entgegengenommen. 3.3 Sicherheitsdefizite bei mobilen Ger\u00e4ten und Anwendungen Ein Schwerpunkt der IT-Sicherheit liegt auf der Sicherung mobiler Ger\u00e4te415 und Anwendungen, weil sowohl die Zahl mobiler Mitarbeiter in Wirtschaftsunternehmen als auch die Absatzzahlen der Hersteller solcher Ger\u00e4starke Zunahme te kontinuierlich steigen. Mitarbeiter sollen weltweit und permanent mobiler L\u00f6sungen erreichbar sowie Unternehmensdaten unmittelbar verf\u00fcgbar sein. Fast alle mobilen Endger\u00e4te zeichnen sich dadurch aus, dass so genannte PIMDaten416 ortsunabh\u00e4ngig nutzbar sind, Anwendungen mit station\u00e4ren Endger\u00e4ten synchronisiert und aktualisiert und fast generell via Funk oder Mobilfunk 417 Telekommunikationsdienstleistungen abgerufen und genutzt 415 Beispielsweise Laptops, Notebooks, Sub-Notebooks, Mobiltelefone, Smartphones, Personal Digital Assistants (PDAs), Palmtops, Handhelds, E-Mail-Messaging-Ger\u00e4te, USB-Sticks, MP3-Player und Digitalkameras. 416 Personal Information Manager: Software, die pers\u00f6nliche Daten wie Kontakte, Aufgaben, Terminplanung, Notizen, ToDo-Listen und Dokumente (Briefe, Faxe, E-Mails) verwaltet und speichert. 417 Beispielsweise Global System for Mobile Communications (GSM), General Packet Radio Service (GPRS), Universal Mobile Telecommunications System (UMTS), Enhanced Data Rates for GSM Evolution (EDGE), Wireless Local Area Network (WLAN), Wireless Fidelity (WiFi) und Bluetooth. 262","Spionageabwehr werden k\u00f6nnen oder den direkten Zugriff auf das Unternehmensnetzwerk erlauben. Nach aktuellen Studienergebnissen des Marktforschungsunternehmens Forrester418 geben europ\u00e4ische Firmen 32 Prozent ihres Telekommunikationsund Vernetzungsbudgets f\u00fcr mobile L\u00f6sungen aus. Der mittlerweile starken Verbreitung und Nutzung mobiler Systeme steht ein hohes Risiko des Verlusts der Verf\u00fcgbarkeit und der Vertraulichkeit der st\u00e4ndige Erreichdort gespeicherten Daten gegen\u00fcber. Die <kes>/Microsoft-Sicherheitsstudie barkeit versus 2006419 kommt hier zusammenfassend zum Ergebnis, dass die Sicherheit Vertraulichkeit mobiler Systeme als gering und deren Gef\u00e4hrdung als sehr hoch einzugespeicherter sch\u00e4tzen sei. Allein 27 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, sicher Daten zu sein, dass Unbefugte durch Verlust oder Diebstahl der Ger\u00e4te Zugang zu schutzw\u00fcrdigen Daten erhalten k\u00f6nnten. Fast die H\u00e4lfte der Befragten attestierte ihren mobilen Anwendungen allenfalls ein eben noch ausreichendes Sicherheitsniveau. Die in Unternehmensnetzwerken und -systemen heute gebr\u00e4uchlichsten Sicherheitsma\u00dfnahmen - wie zum Beispiel Virenschutz, Verschl\u00fcsselung und Firewalls - werden nur in sehr begrenztem Umfang zum Schutz mobiler Ger\u00e4te genutzt, obwohl nach Expertenmeinung mehr als die H\u00e4lfte der unternehmenskritischen und sensiblen Daten (auch) auf Mobilger\u00e4ten gespeichert sind.420 Regelm\u00e4\u00dfige Sicherungen der mobilen Datenbest\u00e4nde sind dabei eher die Ausnahme. Inzwischen setzen Unternehmen zwar fast standardm\u00e4\u00dfig Passwort-/ PIN-Verfahren421 zum Schutz der gespeicherten Daten ein, allerdings unterbleiben sowohl die Integration der mobilen Endger\u00e4te in umfassende strategische Konzepte als auch die Absicherung drahtloser Daten\u00fcbertragungsverfahren.422 Gleichzeitig steigt die Zahl der Schadprogramme, die von Hackern gezielt f\u00fcr Angriffe auf Mobilsysteme genutzt werden k\u00f6nnen, rapide an.423 Nach den Erfahrungen des LfV steht das Verhalten mobiler Mitarbeiter teilweise in krassem Widerspruch zu ihrem Wissen. Wie eine aktuelle Studie des Netzwerkausr\u00fcsters Cisco Systems424 belegt, kennen diese Mitarbeiter 418 Forrester \"The State of European Enterprise Mobility in 2006\"; 13. Oktober 2006, URL: http://www.forrester.com/Research/Document/Excerpt/0,7211,39877,00.html. 419 Lagebericht zur Informationssicherheit: Teil 1 in <kes> 2006#4, S. 24ff.; Teil 2 in <kes> 2006#5, S. 40ff.; Teil 3 in <kes> 2006#6, S. 48ff. 420 Portal All About Security: \"Mobile Endger\u00e4te bedrohen die IT-Sicherheit\", 31. Oktober 2006, URL: http://www.all-about-security.de/artikel+M5aed5627f9f.html. 421 Studie Coleman Parkers Research/Avanade: \"Mobile technology in the enterprise: the mobile world at work\", 30. Mai 2006, URL: Symantec-Studie zur mobilen Sicherheit, April 2006, URL: http://www.avanade.com/uk/_uploaded/pdf/wpaperthemobileworldatworkresearch515273.pdf. 422 Symantec-Studie zur mobilen Sicherheit, April 2006, URL: http://www.symantec.com/content/en/us/ about/media/mobile-security_Full-Report.pdf. 423 Symantec Internet Security Threat Reports, URL: http://www.symantec.com/region/de/PressCenter/ Threat_Reports.html. 424 Cisco Systems-Studie zum Thema \"Mobile Mitarbeiter\", November 2006, URL: http://www.cisco.com/ global/DE/presse/meld_2006/11_08_2006-it-security-mobile-mitarbeiter.shtml. 263","sehr wohl die Risiken und sind auch \u00fcber entsprechende Sicherheitsanforderungen informiert, setzen aber dennoch mobiles Firmen-Equipment privat ein, stellen es Dritten (Freunde, Bekannte, Kollegen, Familienangeh\u00f6rige) f\u00fcr den Privatgebrauch zur Verf\u00fcgung, \u00f6ffnen E-Mails unbekannter Absender und nutzen ungesicherte, drahtlose Verbindungen von Nachbarn oder installieren selbst ungepr\u00fcfte Software. Die wesentlichsten Gef\u00e4hrdungen und Risiken beim Einsatz mobiler Endger\u00e4te sind: \"Risikofaktor Mensch\": Ger\u00e4teund/oder Datenverluste durch IrrGef\u00e4hrdungen tum, Fahrl\u00e4ssigkeit, Nachl\u00e4ssigkeit, mangelndes Sicherheitsbewusstund Risiken beim sein und Vorsatz Einsatz mobiler Manipulation des Betriebssystems durch Viren, W\u00fcrmer und TrojaEndger\u00e4te ner Hardware-/Datenverlust durch Diebstahl oder Nachl\u00e4ssigkeit Mangelhafte Authentisierung der Nutzer der Endger\u00e4te (Verzicht auf Passwort-/PIN-Verfahren, keine Aktivierung vorhandener Sicherheitsfunktionalit\u00e4ten) Fehlende Rechteverwaltung auf den Endger\u00e4ten Keine Verschl\u00fcsselung der Daten Abh\u00f6rrisiko bei Nutzung ungesch\u00fctzter drahtloser \u00dcbertragungsverfahren Hacking-Angriffe \u00fcber ungesch\u00fctzte drahtlose \u00dcbertragungsverfahren Fehlendes \"Patchmanagement\"425, um erkannte Software-Schwachstellen zu schlie\u00dfen Datenverluste durch unterbliebene oder mangelhafte Datensicherung Gef\u00e4hrdung des Firmennetzwerks durch Anschluss \"verseuchter\" Mobilger\u00e4te. Aus Sicht des LfV sind deshalb organisatorische und technische Schutzma\u00dfnahmen beim Einsatz mobiler Systeme unabdingbar. Ein Verzicht auf entsprechende Sicherheitsvorkehrungen f\u00fchrt im Zweifel nicht nur zum Verlust der Ger\u00e4te und Daten selbst, sondern auch zu einer erheblichen 425 Patchmanagement ist das strukturierte, schnelle und weitestgehend automatische Schlie\u00dfen erkannter Schwachstellen in Betriebssystemen und Anwendungssoftware auf Rechnern (PC, Server etc.) in komplexen und heterogen IT-Systemlandschaften durch Administratoren oder Sicherheitsverantwortliche. 264","Spionageabwehr Gef\u00e4hrdung der Firmennetzwerke und der dort gespeicherten Informationen. Dass dabei in der Folge auch betr\u00e4chtliche finanzielle Sch\u00e4den entstehen k\u00f6nnen, veranschaulicht eine Studie der amerikanischen Beratungsund Forschungseinrichtung Ponemon Institute.426 Danach bergen mobile Ger\u00e4te das gr\u00f6\u00dfte Risiko f\u00fcr Datenverluste und damit verbundene finanzielle Einbu\u00dfen in sich. In 45 Prozent der untersuchten F\u00e4lle seien gestohlene oder verlorene Mobilger\u00e4te und mobile Datentr\u00e4ger f\u00fcr den entstandenen Schaden direkt verantwortlich. Um solche Sch\u00e4den erst gar nicht entGefahr hoher stehen zu lassen, beziehungsweise, um das eventuelle Schadensausma\u00df finanzieller drastisch zu reduzieren, empfiehlt das LfV die nachfolgenden SchutzvorSch\u00e4den kehrungen: Schulung und Sensibilisierung der mobilen Mitarbeiter beziehungsweise der Nutzer mobiler Endger\u00e4te Erarbeitung entsprechender Richtlinien und Anweisungen sowie Integration in bestehende betriebliche Sicherheitskonzepte Verbot der privaten Nutzung der Firmenger\u00e4te/Verbot des Einsatzes privater Mobilger\u00e4te zu dienstlichen Zwecken Aktivierung und Nutzung angebotener Sicherheitsfunktionalit\u00e4ten der Ger\u00e4te Einsatz von (mobilen) Virenscannern und Personal Firewalls Verschl\u00fcsselung der Speicher und/oder der Speicherinhalte Einsatz leistungsf\u00e4higer Authentifizierungsmechanismen (Zusatzsoftware) Verwendung \"starker\" 427 Passw\u00f6rter/PIN und deren regelm\u00e4\u00dfige \u00c4nderung Absicherung/Verschl\u00fcsselung der \u00dcbertragungsverfahren Einf\u00fchrung eines regelm\u00e4\u00dfigen \"Patchmanagements\" f\u00fcr sicherheitsrelevante Updates Erarbeitung eines Datensicherungskonzepts f\u00fcr mobile Anwendungen Regelm\u00e4\u00dfige Pr\u00fcfung der Sicherheitskonfiguration Schutz der Firmennetzwerke vor unautorisiertem Zugriff mobiler Endger\u00e4te zum Beispiel durch Firewalls oder VPNs (Virtual Private Networks). Unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr eine risikolose Nutzung mobiler Anwendungen und Ger\u00e4te ist die Integration in ein ganzheitliches Informations426 Ponemon Institute: \"2006 Annual Study: Cost of a Data Breach\", Oktober 2006, URL u. a.: http:// www.vontu.com/offers/costofbreach.asp. 427 Starke Passw\u00f6rter/PIN sind mindestens acht Zeichen lang, in zuf\u00e4lliger Reihenfolge alpha-numerisch aufgebaut, verwenden Gro\u00dfund Kleinbuchstaben sowie Sonderzeichen. 265","schutzkonzept, das die Vertraulichkeit, Integrit\u00e4t und Verf\u00fcgbarkeit der Daten und Systeme gew\u00e4hrleistet. Erg\u00e4nzend ist bei der Aussonderung oder dem Verkauf mobiler Ger\u00e4te darauf zu achten, dass sensible Daten aus dem Speicher entfernt werden, damit sie nicht in die H\u00e4nde Unbefugter gelangen k\u00f6nnen. 3.4 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen Das 1999 unter Beteiligung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz gegr\u00fcndete Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg hat sich zu einem wichtigen SicherheitsSicherheitsinstrument vor allem f\u00fcr die mittelst\u00e4ndische Wirtschaft entwiinstrument f\u00fcr ckelt. Es soll dazu beitragen, dass die Unternehmen neben den Gefahren mittelst\u00e4ndische des Terrorismus allt\u00e4glichere Gesch\u00e4ftsrisiken wie den Verlust des eigenen Unternehmen Know-hows oder die Computerkriminalit\u00e4t nicht vernachl\u00e4ssigen. Die Mitglieder des Forums legen bei regelm\u00e4\u00dfigen Sitzungen die zuk\u00fcnftigen Aktivit\u00e4ten mit der Zielsetzung fest, die Scharnierfunktion zwischen Politik und Wirtschaft weiter auszubauen und vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen mit aktuellen Sicherheitsfragen vertraut zu machen. So wurde im Oktober 2006 in Mannheim eine Vortragsreihe zu Aspekten der Unternehmenssicherheit gestartet, die zuk\u00fcnftig auf alle Regionen Baden-W\u00fcrttembergs ausgedehnt werden soll. F\u00fcr 2007 ist die Vergabe eines Sicherheitspreises geplant. Die Internetseite des Sicherheitsforums428 informiert \u00fcber eine breite Palette von Sicherheitsthemen und erm\u00f6glicht den Zugriff auf eine Auswahl aktueller Informationen aus unterschiedlichen Quellen (\"Quick Infos\"). 4. Erreichbarkeit der Spionageabwehr/Weitere Informationen Wenn Sie Hinweise oder Anregungen geben wollen beziehungsweise weitere Informationen w\u00fcnschen, so k\u00f6nnen Sie die Spionageabwehr wie folgt erreichen: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg - Abteilung 4 - Taubenheimstra\u00dfe 85 A 70372 Stuttgart 428 URL: http://www.sicherheitsforum-bw.de. 266","Spionageabwehr Telefon 0711 - 95 44 301 Telefax 0711 - 95 44 444 \u00dcber ein Vertrauliches Telefon k\u00f6nnen Sie der Spionageabwehr unter 0711 - 954 76 26 (Telefon) und 0711 - 954 76 27 (Telefax) rund um die Uhr Informationen - auch anonym - \u00fcbermitteln. Selbstverst\u00e4ndlich werden Ihre Hinweise auf Wunsch vertraulich behandelt. Aktuelle Informationen zum Thema Spionageabwehr erhalten Sie auch im Internet: Hier finden Sie auch die Ende 2006 gemeinsam mit dem Bayerischen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz erstellte Brosch\u00fcre \"Wirtschaftsspionage in Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern - Daten - Fakten - Hintergr\u00fcnde\" zum Herunterladen. Sie wurde im Januar 2007 herausgegeben. Dar\u00fcber hinaus wird noch die Brosch\u00fcre \"Know-how-Schutz - Handlungsempfehlungen f\u00fcr die gewerbliche Wirtschaft\" (2004) angeboten. Beide Brosch\u00fcren k\u00f6nnen beim LfV auch kostenlos bestellt werden. 267","G ESETZ \u00dcBER DEN V ERFASSUNGSSCHUTZ IN B ADEN -W \u00dcRTTEMBERG (L ANDESVERFASSUNGSSCHUTZGESETZ - LVSG) VOM 5. D EZEMBER 2005 SS 1 nung, den Bestand und die Sicherheit der Zweck des Verfassungsschutzes Bundesrepublik Deutschland und ihrer L\u00e4nder fr\u00fchzeitig zu erkennen und den Der Verfassungsschutz dient dem Schutz zust\u00e4ndigen Stellen zu erm\u00f6glichen, diese der freiheitlichen demokratischen GrundGefahren abzuwehren. ordnung, des Bestandes und der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland (2) Zur Erf\u00fcllung dieser Aufgaben samund ihrer L\u00e4nder. melt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Informationen, insbesondere sachund SS 2 personenbezogene Ausk\u00fcnfte, NachrichOrganisation, Zust\u00e4ndigkeit ten und Unterlagen von Organisationen und Personen \u00fcber (1) Zur Wahrnehmung der Aufgaben 1. Bestrebungen, die gegen die freides Verfassungsschutzes unterh\u00e4lt das heitliche demokratische Grundordnung, Land ein Landesamt f\u00fcr Verfassungsden Bestand oder die Sicherheit des Bunschutz. Das Amt hat seinen Sitz in Stuttdes oder eines Landes gerichtet sind oder gart und untersteht dem Innenministeeine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der rium. Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des Bundes oder eine Landes oder ihrer Mit(2) Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer glieder zum Ziele haben, L\u00e4nder d\u00fcrfen im Geltungsbereich dieses 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geGesetzes nur im Einvernehmen mit dem heimdienstliche T\u00e4tigkeiten im GeltungsLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz t\u00e4tig bereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremwerden. de Macht, 3. Bestrebungen im Geltungsbereich (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdes Grundgesetzes, die durch die Anwenschutz darf einer Polizeidienststelle nicht dung von Gewalt oder darauf gerichtete angegliedert werden. Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland SS 3 gef\u00e4hrden, Aufgaben des Landesamtes f\u00fcr Verfas4. Bestrebungen im Geltungsbereich sungsschutz, Voraussetzungen f\u00fcr die dieses Gesetzes, die gegen den Gedanken Mitwirkung an \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (Artikel 9 Abs. 2 des Grundgesetzes), insbesondere gegen (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdas friedliche Zusammenleben der V\u00f6lker schutz hat die Aufgabe, Gefahren f\u00fcr die (Artikel 26 Abs. 1 des Grundgesetzes), freiheitliche demokratische Grundordgerichtet sind, 268","Anhang und wertet sie aus. Sammlung und Aus7. bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4swertung von Informationen nach Satz 1 sigkeit von Personen nach dem Waffen-, setzen im Einzelfall voraus, dass f\u00fcr Sprengstoffund Jagdrecht, Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach Satz 8. bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4s- 1 tats\u00e4chliche Anhaltspunkte vorliegen. sigkeit von Personen nach SS 12 b des Atomgesetzes, (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs9. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberschutz wirkt mit pr\u00fcfung von Personen, die zu sicherheits1. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von empfindlichen Bereichen von Flugh\u00e4fen Personen, denen im \u00f6ffentlichen Interesse Zutritt haben, nach SS 29 c des Luftvergeheimhaltungsbed\u00fcrftige Tatsachen, Gekehrsgesetzes, genst\u00e4nde oder Erkenntnisse anvertraut 10. bei sonstigen \u00dcberpr\u00fcfungen, werden, die Zugang dazu erhalten sollen soweit dies im Einzelfall zum Schutz der oder ihn sich verschaffen k\u00f6nnen, freiheitlichen demokratischen Grundord2. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von nung oder f\u00fcr Zwecke der \u00f6ffentlichen Personen, die an sicherheitsempfindSicherheit erforderlich ist. N\u00e4heres wird lichen Stellen von lebensoder verteididurch Verwaltungsvorschrift des Innenmigungswichtigen Einrichtungen besch\u00e4ftigt nisteriums bestimmt. sind oder werden sollen, Die Mitwirkung des Landesamtes f\u00fcr Ver3. bei technischen oder organisatorifassungsschutz nach Satz 1 erfolgt in der schen Sicherheitsma\u00dfnahmen zum SchutWeise, dass es eigenes Wissen oder ze von im \u00f6ffentlichen Interesse geheimbereits vorhandenes Wissen der f\u00fcr die haltungsbed\u00fcrftigen Tatsachen, Gegen\u00dcberpr\u00fcfung zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde oder st\u00e4nden oder Erkenntnissen gegen die sonstiger \u00f6ffentlicher Stellen auswertet. In Kenntnisnahme durch Unbefugte sowie den F\u00e4llen des Satzes 1 Nummern 1 und bei Ma\u00dfnahmen des vorbeugenden Sabo- 2 f\u00fchrt das Landesamt f\u00fcr Verfassungstageschutzes, schutz weitergehende Ermittlungen 4. auf Anforderungen der Einsteldurch, wenn die f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung lungsbeh\u00f6rde bei der \u00dcberpr\u00fcfung von zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde dies beantragt. Personen, die sich um Einstellung in den \u00f6ffentlichen Dienst bewerben, sowie auf (4) Die Mitwirkung des Landesamtes Anforderung der Besch\u00e4ftigungsbeh\u00f6rde f\u00fcr Verfassungsschutz nach Absatz 3 setzt bei der \u00dcberpr\u00fcfung von Besch\u00e4ftigten im Einzelfall voraus, dass der Betroffene im \u00f6ffentlichen Dienst, bei denen der auf und andere in die \u00dcberpr\u00fcfung einbezoTatsachen beruhende Verdacht besteht, gene Personen \u00fcber Zweck und Verfahren dass sie gegen die Pflicht zur Verfassungsder \u00dcberpr\u00fcfung einschlie\u00dflich der Verartreue versto\u00dfen, beitung der erhobenen Daten durch die 5. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberbeteiligten Dienststellen unterrichtet pr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern, werden. Dar\u00fcber hinaus ist im Falle der 6. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberEinbeziehung anderer Personen in die pr\u00fcfung von Ausl\u00e4ndern im Rahmen der \u00dcberpr\u00fcfung deren Einwilligung und im Bestimmungen des Ausl\u00e4nderrechts, Falle weitergehender Ermittlungen nach 269","Absatz 3 Satz 3 die Einwilligung des deln, sind Bestrebungen im Sinne dieses Betroffenen erforderlich. Die S\u00e4tze 1 und Gesetzes, wenn sie auf Anwendung von 2 gelten nur, soweit gesetzlich nichts Gewalt gerichtet sind oder aufgrund ihrer anderes bestimmt ist. Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzgut dieses Gesetzes erheblich zu besch\u00e4SS 4 digen. Begriffsbestimmungen (2) Zur freiheitlichen demokratischen (1) Im Sinne des Gesetzes sind Grundordnung im Sinne dieses Gesetzes 1. Bestrebungen gegen den Bestand z\u00e4hlen: des Bundes oder eines Landes solche 1. das Recht des Volkes, die Staatsgepolitisch bestimmten, zielund zweckgewalt in Wahlen und Abstimmungen und richteten Verhaltensweisen in einem oder durch besondere Organe der Gesetzgef\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der bung, der vollziehenden Gewalt und der darauf gerichtet ist, die Freiheit des BunRechtsprechung auszu\u00fcben und die des oder eines Landes von fremder HerrVolksvertretung in allgemeiner unmittelschaft aufzuheben, ihre staatliche Einheit barer, freier, gleicher und geheimer Wahl zu beseitigen oder ein zu ihm geh\u00f6rendes zu w\u00e4hlen, Gebiet abzutrennen; 2. die Bindung der Gesetzgebung an 2. Bestrebungen gegen die Sicherheit die verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die des Bundes oder eines Landes solche Bindung der vollziehenden Gewalt und politisch bestimmten, zielund zweckgeder Rechtsprechung an Gesetz und Recht, richteten Verhaltensweisen in einem oder 3. das Recht auf Bildung und Ausf\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der \u00fcbung einer parlamentarischen Opposidarauf gerichtet ist, den Bund, L\u00e4ndern tion, oder deren Einrichtungen in ihrer Funk4. die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung und tionsf\u00e4higkeit erheblich zu beeintr\u00e4chtiihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber der gen; Volksvertretung, 3. Bestrebungen gegen die freiheitli5. die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, che demokratische Grundordnung solche 6. der Ausschluss jeder Gewaltund politisch bestimmten, zielund zweckgeWillk\u00fcrherrschaft und richteten Verhaltensweisen in einem oder 7. die im Grundgesetz konkretisierten f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der Menschenrechte. darauf gerichtet ist, einen der in Absatz 2 genannten Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beSS 5 seitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen. Befugnisse des F\u00fcr einen Personenzusammenschluss Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz handelt, wer ihn in seinen Bestrebungen aktiv sowie zielund zweckgerichtet (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsunterst\u00fctzt. Verhaltensweisen von Einzelschutz kann die zur Erf\u00fcllung seiner Aufpersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr gaben nach SS 3 erforderlichen Informatioeinen Personenzusammenschluss hannen verarbeiten. Soweit dieses Gesetz 270","Anhang keine Regelungen trifft, richtet sich die SS 5a Verarbeitung personenbezogener Daten Einholen von Ausk\u00fcnften nach den Vorschriften des Landesdatenbei nicht-\u00f6ffentlichen Stellen schutzgesetzes mit Ausnahme der SSSS 8 und 13 Abs. 2 bis 4 sowie SSSS 14 bis 24 des (1) Wenn es zur Erf\u00fcllung seiner AufgaLandesdatenschutzgesetzes. ben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 bis 4 erforderlich ist und tats\u00e4chliche Anhalts(2) Werden personenbezogene Daten punkte f\u00fcr schwerwiegende Gefahren f\u00fcr beim Betroffenen mit seiner Kenntnis die dort genannten Schutzg\u00fcter vorliegen, erhoben, so ist der Erhebungszweck anzudarf das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz geben. Der Betroffene ist auf die Freiwilim Einzelfall unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu ligkeit seiner Angaben und bei einer 1. Konten, Konteninhabern und sonsSicherheits\u00fcberpr\u00fcfung nach SS 3 Abs. 3 tigen Berechtigten sowie weiteren am auf eine dienst-, arbeitsrechtliche oder Zahlungsverkehr Beteiligten und zu sonstige vertragliche Mitwirkungspflicht Geldbewegungen und Geldanlagen bei hinzuweisen. Kreditinstituten, Finanzdienstleistungsinstituten und Finanzunternehmen, (3) Polizeiliche Befugnisse oder Wei2. Namen, Anschriften und zur Inansungsbefugnisse stehen dem Landesamt spruchnahme von Transportleistungen f\u00fcr Verfassungsschutz nicht zu; es darf die und sonstigen Umst\u00e4nden des LuftPolizei auch nicht im Wege der Amtshilfe verkehrs bei Luftfahrtunternehmen um Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen es einholen. selbst nicht befugt ist. Abweichend hier(2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsvon ist es jedoch berechtigt, die Polizei in schutz darf im Einzelfall zur Erf\u00fcllung seieilbed\u00fcrftigen F\u00e4llen au\u00dferhalb der reguner Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 l\u00e4ren Dienstzeiten des Kraftfahrtbundesbis 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 amtes um eine Abfrage aus dem FahrAbs. 1 des Artikel 10-Gesetzes vom zeugregister beim Kraftfahrtbundesamt 26. Juni 2001 (BGBl. I S. 1254, ber. im automatisierten Verfahren zu ersuS. 2298) bei Personen und Unternehmen, chen. die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Postdienstleistungen erbringen, sowie bei denjenigen, die an (4) Von mehreren geeigneten Ma\u00dfnahder Erbringung dieser Dienstleistungen men hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsmitwirken, unentgeltlich Ausk\u00fcnfte zu schutz diejenige zu w\u00e4hlen, die den Namen, Anschriften, Postf\u00e4chern und Betroffenen voraussichtlich am wenigsten sonstigen Umst\u00e4nden des Postverkehrs beeintr\u00e4chtigt. Eine Ma\u00dfnahme darf keieinholen. nen Nachteil herbeif\u00fchren, der erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu dem beabsichtigten (3) Das Landesamt f\u00fcr VerfassungsErfolg steht. schutz darf im Einzelfall zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 271","bis 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 scheidung auch bereits vor der UnterrichAbs. 1 des Artikel 10-Gesetzes bei denjetung der Kommission anordnen; in dienigen, die gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig Telekommunisem Fall ist die Kommission unverz\u00fcglich kationsdienste und Teledienste erbringen zu unterrichten. Die Kommission pr\u00fcft oder daran mitwirken, unentgeltlich Ausvon Amts wegen oder aufgrund von k\u00fcnfte \u00fcber TelekommunikationsverbinBeschwerden die Zul\u00e4ssigkeit und Notdungsdaten und Teledienstenutzungsdawendigkeit der Einholung von Ausk\u00fcnften einholen. Die Auskunft kann auch in ten nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3. SS 15 Abs. 5 Bezug auf zuk\u00fcnftige Telekommunikation des Artikel 10-Gesetzes ist mit der Ma\u00dfund zuk\u00fcnftige Nutzung von Telediengabe entsprechend anzuwenden, dass die sten verlangt werden. TelekommunikaKontrollbefugnis der Kommission sich tionsverbindungsdaten und Telediensteauf die gesamte Erhebung, Verarbeitung nutzungsdaten sind: und Nutzung der nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 1. Berechtigungskennungen, Karten- 3 erlangten Informationen und personennummern, Standortkennungen sowie Rufbezogenen Daten erstreckt. Entscheidunnummer oder Kennung des anrufenden gen \u00fcber Ausk\u00fcnfte, die die Kommission und angerufenen Anschlusses oder der f\u00fcr unzul\u00e4ssig oder nicht notwendig Endeinrichtung, erkl\u00e4rt, hat das Innenministerium unver2. Beginn und Ende der Verbindung z\u00fcglich aufzuheben. nach Datum und Uhrzeit, 3. Angaben \u00fcber die Art der vom (6) F\u00fcr die Verarbeitung der nach den Kunden in Anspruch genommenen TeleAbs\u00e4tzen 1 bis 3 erhobenen Daten ist SS 4 kommunikationsund Teledienst-Dienstdes Artikel 10-Gesetzes entsprechend leistungen, anzuwenden. 4. Endpunkte festgeschalteter Verbindungen, ihr Beginn und ihr Ende nach (7) Das Auskunftsersuchen und die Datum und Uhrzeit. \u00fcbermittelten Daten d\u00fcrfen dem Betroffenen oder Dritten vom Auskunftsgeber (4) Ausk\u00fcnfte nach den Abs\u00e4tzen 1 bis nicht mitgeteilt werden. 3 d\u00fcrfen nur auf Antrag eingeholt werden. Der Antrag ist durch den Leiter des Lan(8) F\u00fcr die Mitteilung an den Betroffedesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz oder seinen findet SS 12 Abs. 1 und 3 des Artikel nen Vertreter schriftlich zu stellen und zu 10-Gesetzes entsprechende Anwendung. begr\u00fcnden. \u00dcber den Antrag entscheidet das Innenministerium. (9) Das Innenministerium unterrichtet im Abstand von h\u00f6chstens sechs Monaten 5) Das Innenministerium unterrichtet das Gremium nach SS 2 Abs. 1 des Ausdie Kommission nach SS 2 Abs. 2 des Ausf\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10-Gesetz f\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10-Gesetz \u00fcber die Durchf\u00fchrung von Ma\u00dfnahmen \u00fcber die beschiedenen Antr\u00e4ge vor deren nach den Abs\u00e4tzen 1 bis 3. Dabei ist insVollzug. Bei Gefahr in Verzug kann das besondere ein \u00dcberblick \u00fcber Anlass, Innenministerium den Vollzug der EntUmfang, Dauer, Ergebnis und Kosten der im Berichtszeitraum durchgef\u00fchrten Ma\u00df272 nahmen zu geben.","Anhang (10) Das Innenministerium unterrichtet (3) Das in einer Wohnung nicht \u00f6ffentdas Parlamentarische Kontrollgremium lich gesprochene Wort darf mit technides Bundes j\u00e4hrlich \u00fcber die nach den schen Mitteln nur dann heimlich mitgeAbs\u00e4tzen 1 bis 3 durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahh\u00f6rt oder aufgezeichnet werden, wenn es men. Absatz 9 Satz 2 gilt entsprechend. im Einzelfall zur Abwehr einer gegenw\u00e4rtigen gemeinen Gefahr oder einer gegenSS 6 w\u00e4rtigen Lebensgefahr f\u00fcr einzelne PersoErhebung personenbezogener Daten mit nen unerl\u00e4sslich ist und geeignete polizeinachrichtendienstlichen Mitteln liche Hilfe f\u00fcr das bedrohte Rechtsgut nicht rechtzeitig erlangt werden kann. (1) Das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSatz 1 gilt entsprechend f\u00fcr den verdeckschutz kann Methoden, Gegenst\u00e4nde und ten Einsatz technischer Mittel zur AnfertiInstrumente zur heimlichen Informationsgung von Bildaufnahmen und Bildaufbeschaffung, wie den Einsatz von Vertrauzeichnungen in Wohnungen. Ma\u00dfnahmen ensleuten und Gew\u00e4hrspersonen, Obsernach Satz 1 und 2 bed\u00fcrfen der Anordvationen, Bildund Tonaufzeichnungen, nung durch das Amtsgericht, in dessen Tarnpapiere und Tarnkennzeichen anwenBezirk sie durchgef\u00fchrt werden sollen. den (nachrichtendienstliche Mittel). SS 31 Abs. 5 Satz 2 bis 4 des PolizeigesetDiese sind in einer Dienstvorschrift zu zes sind entsprechend anzuwenden. Bei benennen, die auch die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr Gefahr im Verzug k\u00f6nnen die Ma\u00dfnahdie Anordnung solcher Informationsbemen nach Satz 1 und 2 vom Leiter des schaffung regelt. Die Dienstvorschrift Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz angebedarf der Zustimmung des Innenminisordnet werden; diese Anordnung bedarf teriums, das den St\u00e4ndigen Ausschuss des der Best\u00e4tigung durch das Amtsgericht. Landtags unterrichtet. Sie ist unverz\u00fcglich herbeizuf\u00fchren. Einer Anordnung durch das Amtsgericht bedarf (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungses nicht, wenn technische Mittel ausschutz kann personenbezogene Daten schlie\u00dflich zum Schutz der bei einem Einund sonstige Informationen mit nachrichsatz in Wohnungen t\u00e4tigen Personen vortendienstlichen Mitteln erheben, wenn gesehen sind; die Ma\u00dfnahme ist in diesem tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorhanFall durch den Leiter des Landesamtes f\u00fcr den sind, dass Verfassungsschutz anzuordnen. Eine 1. auf diese Weise Erkenntnisse \u00fcber anderweitige Verwertung der hierbei Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 erlangten Erkenntnisse zum Zweck der Abs. 2 oder die zur Erforschung solcher Gefahrenabwehr ist nur zul\u00e4ssig, wenn Erkenntnisse erforderlichen Quellen gezuvor die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme wonnen werden k\u00f6nnen oder durch das Amtsgericht festgestellt worden 2. dies zur Abschirmung der Mitarbeiist; bei Gefahr im Verzug ist die richterliter, Einrichtungen, Gegenst\u00e4nde und che Entscheidung unverz\u00fcglich nachzuQuellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsholen. Die Landesregierung unterrichtet schutz gegen sicherheitsgef\u00e4hrdende oder den Landtag j\u00e4hrlich \u00fcber den nach diegeheimdienstliche T\u00e4tigkeiten erfordersem Absatz erfolgten Einsatz technischer lich ist. 273","Mittel. Die parlamentarische Kontrolle nen durch Auskunft nach SS 9 Abs. 3 wird auf der Grundlage dieses Berichtes gewonnen werden k\u00f6nnen. Die Anwendurch das Gremium nach Artikel 10 des dung des nachrichtendienstlichen Mittels Grundgesetzes ausge\u00fcbt. darf nicht erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zur Bedeutung des aufzukl\u00e4renden Sachver(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungshalts stehen. Die Ma\u00dfnahme ist unverz\u00fcgschutz darf zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben lich zu beenden, wenn ihr Zweck erreicht nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1, sofern die ist oder sich Anhaltspunkte daf\u00fcr ergedort genannten Bestrebungen durch ben, dass er nicht oder nicht auf diese Anwendung von Gewalt oder darauf ausWeise erreicht werden kann. gerichtete Vorbereitungshandlungen verfolgt werden, sowie zur Erf\u00fcllung seiner (6) Bei Erhebungen nach den Abs\u00e4tzen Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 bis 3 und 4 und solchen nach Absatz 2, die in 4 unter den Voraussetzungen des SS 3 Abs. ihrer Art und Schwere einer Beschr\u00e4n- 1 des Artikel 10-Gesetzes auch technische kung des Brief-, Postund FernmeldegeMittel zur Ermittlung des Standortes heimnisses (Artikel 10 des Grundgeseteines aktiv geschalteten Mobilfunkger\u00e4tes zes) gleichkommen, ist der Eingriff nach und zur Ermittlung der Ger\u00e4teund Karseiner Beendigung der betroffenen Person tennummern einsetzen. Die Ma\u00dfnahme mitzuteilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung des ist nur zul\u00e4ssig, wenn ohne die Ermittlung Zweckes der Ma\u00dfnahme ausgeschlossen die Erreichung des Zwecks der \u00dcberwawerden kann. SS 12 des Artikel 10-Gesetzes chungsma\u00dfnahme aussichtslos oder gilt entsprechend. Die durch solche Ma\u00dfwesentlich erschwert w\u00e4re. F\u00fcr die Verargabe erhobenen Informationen d\u00fcrfen beitung der Daten gilt SS 4 des Artikel 10nur nach Ma\u00dfgabe von SS 4 des Artikel 10Gesetzes entsprechend. PersonenbezogeGesetzes verwendet werden. SS 2 Abs. 1 ne Daten eines Dritten d\u00fcrfen anl\u00e4sslich des Ausf\u00fchrungsgesetzes zum Artikel 10solcher Ma\u00dfnahmen nur erhoben werden, Gesetz findet entsprechende Anwendung. wenn dies aus technischen Gr\u00fcnden zur Erreichung des Zwecks nach Satz 1 unver(7) Die Befugnisse des Landesamtes f\u00fcr meidbar ist. Sie unterliegen einem absoluVerfassungsschutz nach dem Artikel 10 ten Verwertungsverbot und sind nach Gesetz bleiben unber\u00fchrt. Beendigung der Ma\u00dfnahme unverz\u00fcglich zu l\u00f6schen. SS 5a Abs. 4 bis 9 gilt entspreSS 7 chend. Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener Daten (5) Die Erhebung nach den Vorschriften der Abs\u00e4tze 2 bis 4 ist unzul\u00e4ssig, (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungswenn die Erforschung des Sachverhalts schutz kann zur Erf\u00fcllung seiner Aufgaauf andere, den Betroffenen weniger ben personenbezogene Daten speichern, beeintr\u00e4chtigende Weise m\u00f6glich ist; eine ver\u00e4ndern und nutzen, wenn geringere Beeintr\u00e4chtigung ist in der 1. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr Regel anzunehmen, wenn die InformatioBestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Abs. 2 vorliegen, 274","Anhang 2. dies f\u00fcr die Erforschung und Bewerstehende Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber Betung von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten diensteten genutzt werden. nach SS 3 Abs. 2 erforderlich ist oder 3. das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSS 8 schutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung personenbezogener (2) Zur Aufgabenerf\u00fcllung nach SS 3 Daten von Minderj\u00e4hrigen Abs. 3 d\u00fcrfen vorbehaltlich des Satzes 2 in automatisierten Dateien nur Daten \u00fcber (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdie Personen gespeichert werden, die der schutz darf unter den Voraussetzungen Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung unterliegen oder des SS 7 personenbezogene Daten \u00fcber in die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung einbezogen Minderj\u00e4hrige, die das 14. Lebensjahr werden. Zur Erledigung von Aufgaben noch nicht vollendet haben, in zu ihrer nach SS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 d\u00fcrfen in Person gef\u00fchrten Akten nur speichern, automatisierten Dateien nur Daten solver\u00e4ndern und nutzen, wenn tats\u00e4chliche cher Personen erfasst werden, \u00fcber die Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass der bereits Erkenntnisse nach SS 3 Abs. 2 vorMinderj\u00e4hrige eine der in SS 3 Abs. 1 des liegen. Bei der Speicherung in Dateien Artikel 10-Gesetzes genannten Straftaten muss erkennbar sein, welcher der in SS 3 plant, begeht oder begangen hat. In Abs. 2 und 3 genannten Personengruppen Dateien ist eine Speicherung von Daten der Betroffene zuzuordnen ist. Minderj\u00e4hriger, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nicht zul\u00e4s(3) Die nach Absatz 1 Nummer 3 und sig. Absatz 2 gespeicherten personenbezogenen Daten d\u00fcrfen nur f\u00fcr die dort (2) Sind Daten \u00fcber Minderj\u00e4hrige in genannten Zwecke sowie f\u00fcr Zwecke verDateien oder in Akten, die zu ihrer Perwendet werden, die f\u00fcr die Wahrnehson gef\u00fchrt werden, gespeichert, ist nach mung von Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 erforzwei Jahren die Erforderlichkeit der Speiderlich sind. cherung zu \u00fcberpr\u00fcfen und sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren die L\u00f6schung vorzuneh(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsmen, es sei denn, dass nach Eintritt der schutz hat die Speicherungsdauer auf das Vollj\u00e4hrigkeit weitere Erkenntnisse nach f\u00fcr seine Aufgabenerf\u00fcllung erforderliche SS 3 Abs. 2 angefallen sind. Satz 1 gilt nicht, Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. wenn das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. (5) Personenbezogene Daten, die ausschlie\u00dflich zu Zwecken der DatenschutzSS 9 kontrolle, der Datensicherung oder zur \u00dcbermittlung personenbezogener Daten Sicherstellung eines ordnungsgem\u00e4\u00dfen an das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Betriebs einer Datenverarbeitungsanlage gespeichert werden, d\u00fcrfen nur f\u00fcr diese (1) Die Beh\u00f6rden des Landes und die lanZwecke und hiermit in Zusammenhang desunmittelbaren juristischen Personen 275","des \u00f6ffentlichen Rechts sowie die Gerichbegr\u00fcnden, soweit dies dem Schutz des te des Landes, die Staatsanwaltschaften Betroffenen dient oder eine Begr\u00fcndung und, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftden Zweck der Ma\u00dfnahme gef\u00e4hrden lichen Sachleitungsbefugnis, die Polizeiw\u00fcrde. Die Ersuchen sind aktenkundig zu dienststellen \u00fcbermitteln von sich aus machen. dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz die ihnen bekannt gewordenen personenbe(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zogenen Daten und sonstigen Informatiodarf Akten anderer \u00f6ffentlicher Stellen nen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte und amtliche Register unter den Vorausdaf\u00fcr bestehen, dass diese Informationen setzungen des Absatzes 3 und vorbehaltzur Wahrnehmung von Aufgaben nach SS 3 lich der in SS 11 getroffenen Regelung einAbs. 2 erforderlich sind. sehen, soweit dies 1. zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach SS 3 (2) Soweit nicht schon bundesrechtlich Abs. 2 oder 3 oder geregelt, k\u00f6nnen die zust\u00e4ndigen Stellen 2. zum Schutz der Mitarbeiter und in den F\u00e4llen des SS 3 Abs. 3 das LandesQuellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsamt f\u00fcr Verfassungsschutz um Auskunft schutz gegen Gefahren f\u00fcr Leib und ersuchen, ob Erkenntnisse \u00fcber den Leben Betroffenen oder \u00fcber eine Person, die in erforderlich ist und die sonstige \u00dcberdie \u00dcberpr\u00fcfung mit einbezogen werden mittlung von Informationen aus den darf, vorliegen. Dabei d\u00fcrfen die erforderAkten oder den Registern den Zweck der lichen personenbezogenen Daten und Ma\u00dfnahmen gef\u00e4hrden oder das Pers\u00f6nsonstigen Informationen an das Landeslichkeitsrecht des Betroffenen unverh\u00e4ltamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt nism\u00e4\u00dfig beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde. Dazu werden. Im Falle einer \u00dcberpr\u00fcfung nach geh\u00f6ren auch personenbezogene Daten SS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 ist das Ersuchen und sonstige Informationen aus Strafver\u00fcber das Innenministerium zu leiten. fahren wegen einer Steuerstraftat. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz braucht (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Ersuchen nicht zu begr\u00fcnden, soweit dies kann vorbehaltlich der in SS 11 getroffenen dem Schutz des Betroffenen dient oder Regelung von jeder \u00f6ffentlichen Stelle eine Begr\u00fcndung den Zweck der Ma\u00dfnach Absatz 1 verlangen, dass sie ihm die nahme gef\u00e4hrden w\u00fcrde. \u00dcber die Einzur Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erfordersichtnahme nach Satz 1 hat das Landeslichen personenbezogenen Daten und amt f\u00fcr Verfassungsschutz einen Nachsonstigen Informationen \u00fcbermittelt, weis zu f\u00fchren, aus dem der Zweck und wenn die Daten und Informationen nicht die Veranlassung, die ersuchte Beh\u00f6rde aus allgemein zug\u00e4nglichen Quellen oder und die Aktenfundstelle hervorgehen. nur mit unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigem Aufwand Die Nachweise sind gesondert aufzubeoder nur durch eine den Betroffenen st\u00e4rwahren, gegen unberechtigten Zugriff zu ker belastende Ma\u00dfnahme erhoben wersichern und am Ende des Kalenderjahres, den k\u00f6nnen. Das Landesamt f\u00fcr Verfasdas dem Jahr ihrer Erstellung folgt, zu versungsschutz braucht Ersuchen nicht zu nichten. 276","Anhang (5) Die \u00dcbermittlung personenbezogener ist oder der Empf\u00e4nger die Daten zum Daten und sonstiger Informationen, die Schutz der freiheitlichen demokratischen aufgrund einer Ma\u00dfnahme nach SS 100a Grundordnung oder sonst f\u00fcr Zwecke der Strafprozessordnung bekanntgeworder \u00f6ffentlichen Sicherheit einschlie\u00dflich den sind, ist nach den Vorschriften der der Strafverfolgung ben\u00f6tigt. Der EmpAbs\u00e4tze 1 und 3 nur zul\u00e4ssig, wenn tatf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten, s\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, soweit gesetzlich nichts anderes dass jemand eine der in SS 3 Abs. 1 des bestimmt ist, nur zu dem Zweck verwenArtikel 10-Gesetzes genannten Straftaten den, zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden. plant, begeht oder begangen hat. Auf die dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nach Satz 1 \u00fcbermittelten Unterlagen \u00fcbermittelt den Staatsanwaltschaften findet SS 4 des Artikel 10 Gesetzes entund, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftsprechende Anwendung. lichen Sachleitungsbefugnis, den Polizeidienststellen des Landes von sich aus die (6) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ihm bekannt gewordenen personenbezopr\u00fcft unverz\u00fcglich, ob die ihm \u00fcbergenen Daten, wenn tats\u00e4chliche Anhaltsmittelten personenbezogenen Daten f\u00fcr punkte daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcberdie Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erfordermittlung zur Verhinderung oder Verfollich sind. Ergibt die Pr\u00fcfung, dass sie gung von Straftaten erforderlich ist, die nicht erforderlich sind, hat es die Unterin SS 3 Abs. 1 des Artikel 10-Gesetzes oder lagen zu vernichten oder, sofern diese in den SSSS 74a oder 120 des Gerichtsverelektronisch gespeichert sind, zu l\u00f6schen. fassungsgesetzes genannt sind oder bei Die Vernichtung oder L\u00f6schung kann denen aufgrund ihrer Zielsetzung, des unterbleiben, wenn die Trennung von Motivs des T\u00e4ters oder dessen Verbinanderen Informationen, die zur Erf\u00fcllung dung zu einer Organisation tats\u00e4chliche der Aufgaben erforderlich sind, nicht Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie oder nur mit unvertretbarem Aufwand gegen die in Artikel 73 Nr. 10 Buchst. b m\u00f6glich ist; in diesem Fall sind die Daten oder c des Grundgesetzes genannten zu sperren. Schutzg\u00fcter gerichtet sind. SS 10 (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00dcbermittlung personenbezogener kann personenbezogene Daten an Daten durch das Dienststellen der StationierungsstreitLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz kr\u00e4fte im Rahmen von Artikel 3 des Zusatzabkommens zu dem Abkommen (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz zwischen den Parteien des Nordatlantikkann personenbezogene Daten an Vertrages \u00fcber die Rechtsstellung ihrer Beh\u00f6rden und juristische Personen des Truppen hinsichtlich der in der Bundes\u00f6ffentlichen Rechts sowie an die Gerichrepublik Deutschland stationierten auste des Landes \u00fcbermitteln, wenn dies zur l\u00e4ndischen Streitkr\u00e4fte vom 3. August Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforderlich 1959 (BGBl. 1961 II S. 1183) \u00fcbermitteln. 277","Die \u00dcbermittlung ist aktenkundig zu Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die machen. Der Empf\u00e4nger ist darauf hinzu\u00dcbermittlung aktenkundig zu machen. weisen, dass die \u00fcbermittelten Daten nur F\u00fcr \u00dcbermittlungen nach Satz 2 gilt SS 9 zu dem Zweck verwendet werden d\u00fcrfen, Abs. 4 S\u00e4tze 4 und 5 entsprechend. Der zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden und Empf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich nur zu dem Zweck verwenden, zu dem sie vorbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgeihm \u00fcbermittelt wurden. Der Empf\u00e4nger nommene Verwendung der Daten zu bitist auf die Verwendungsbeschr\u00e4nkung ten. und darauf hinzuweisen, dass das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich vorbeh\u00e4lt, (4) Die \u00dcbermittlung personenbezogener um Auskunft \u00fcber die vorgenommene Daten an andere als \u00f6ffentliche Stellen ist Verwendung der Daten zu bitten. Die nur zul\u00e4ssig, soweit dies zum Zwecke \u00dcbermittlung der personenbezogenen einer erforderlichen und zul\u00e4ssigen Daten ist dem Betroffenen durch das Datenerhebung durch das Landesamt f\u00fcr Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mitzuVerfassungsschutz unabdingbar ist und teilen, sobald eine Gef\u00e4hrdung seiner dadurch keine \u00fcberwiegenden schutzw\u00fcrAufgabenerf\u00fcllung durch die Mitteilung digen Interessen der Person, deren Daten nicht mehr zu besorgen ist. Einer Mittei\u00fcbermittelt werden, beeintr\u00e4chtigt werlung bedarf es nicht, wenn das Innenmiden. Personenbezogene Daten d\u00fcrfen nisterium feststellt, dass diese Voraussetdar\u00fcber hinaus an andere als \u00f6ffentliche zung auch f\u00fcnf Jahre nach der erfolgten Stellen nur \u00fcbermittelt werden, wenn \u00dcbermittlung noch nicht eingetreten ist dies zur Abwehr von Gefahren f\u00fcr die in und mit an Sicherheit grenzender WahrSS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 bis 4 genannten scheinlichkeit auch in absehbarer Zukunft Schutzg\u00fcter oder zur Gew\u00e4hrleistung der nicht eintreten wird. Sicherheit von lebensoder verteidigungswichtigen oder besonders gefahrentr\u00e4chti(5) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz gen Einrichtungen im Sinne des SS 1 Abs. kann personenbezogene Daten an \u00f6ffent- 3 des Landessicherheits\u00fcberpr\u00fcfungsgeliche Stellen au\u00dferhalb des Geltungsbesetzes erforderlich ist. Die \u00dcbermittlung reichs des Grundgesetzes sowie an \u00fcberpersonenbezogener Daten an eine sonstiund zwischenstaatliche Stellen \u00fcbermitge Einrichtung oder Unternehmung, insteln, wenn die \u00dcbermittlung zur Erf\u00fclbesondere der Wissenschaft und Forlung seiner Aufgaben oder zur Wahrung schung, des Sicherheitsgewerbes oder der erheblicher Sicherheitsinteressen des Kreditund Finanzwirtschaft, ist nur Empf\u00e4ngers erforderlich ist. Die \u00dcberzul\u00e4ssig, wenn dies zur Abwehr schwermittlung unterbleibt, wenn ausw\u00e4rtige wiegender Gefahren f\u00fcr die Einrichtung Belange der Bundesrepublik Deutschoder Unternehmung erforderlich ist. Die land, Belange der L\u00e4nder oder \u00fcberwie\u00dcbermittlung nach den S\u00e4tzen 2 und 3 gende schutzw\u00fcrdige Interessen des bedarf der vorherigen Zustimmung durch Betroffenen entgegenstehen. Die \u00dcberden Innenminister oder im Verhindemittlung ist aktenkundig zu machen. Der rungsfall durch seinen Vertreter. Das Empf\u00e4nger ist darauf hinzuweisen, dass 278","Anhang die \u00fcbermittelten Daten nur zu dem (2) Informationen \u00fcber Minderj\u00e4hrige Zweck verwendet werden d\u00fcrfen, zu vor Vollendung des 14. Lebensjahres d\u00fcrdem sie ihm \u00fcbermittelt wurden und das fen nach den Vorschriften dieses GesetLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich zes nicht an ausl\u00e4ndische oder \u00fcberoder vorbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgezwischenstaatliche Stellen \u00fcbermittelt nommene Verwendung der Daten zu bitwerden. ten. SS 12 (6) Erweisen sich personenbezogene Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit Daten, nachdem sie durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt Das Innenministerium und das Landesworden sind, als unvollst\u00e4ndig oder amt f\u00fcr Verfassungsschutz unterrichten unrichtig, sind sie unverz\u00fcglich gegendie \u00d6ffentlichkeit periodisch oder aus \u00fcber dem Empf\u00e4nger zu berichtigen oder gegebenem Anlass im Einzelfall \u00fcber zu erg\u00e4nzen, es sei denn, dass dies f\u00fcr die Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Beurteilung eines Sachverhaltes ohne Abs. 2. Dabei d\u00fcrfen auch personenbeBedeutung ist. zogene Daten bekanntgegeben werden, wenn die Bekanntgabe f\u00fcr das Verst\u00e4ndSS 11 nis des Zusammenhangs oder der Dar\u00dcbermittlungsverbote stellung von Organisationen oder unorganisierten Gruppierungen erforderlich (1) Die \u00dcbermittlung von Informationen ist und die Informationsinteressen der nach den SSSS 5, 9 und 10 unterbleibt, Allgemeinheit das schutzw\u00fcrdige Interwenn esse des Betroffenen \u00fcberwiegen. 1. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erkennbar ist, dass unter Ber\u00fccksichtiSS 13 gung der Art der Informationen und Auskunft an den Betroffenen ihrer Erhebung die schutzw\u00fcrdigen Interessen des Betroffenen das Allge(1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz meininteresse an der \u00dcbermittlung \u00fcbererteilt dem Betroffenen \u00fcber zu seiner wiegen, Person gespeicherte Daten auf Antrag 2. \u00fcberwiegende Sicherheitsinteresunentgeltlich Auskunft, soweit er hierzu sen oder \u00fcberwiegende Belange der auf einen konkreten Sachverhalt hinweist Strafverfolgung dies erfordern oder und ein besonderes Interesse an einer 3. besondere gesetzliche \u00dcbermittAuskunft darlegt. Es ist nicht verpflichlungsregelungen entgegenstehen; die tet, \u00fcber die Herkunft der Daten, die Verpflichtung zur Wahrung gesetzlicher Empf\u00e4nger von \u00dcbermittlungen und den Geheimhaltungspflichten oder von Zweck der Speicherung Auskunft zu Berufsoder besonderen Amtsgeheimerteilen. nissen, die nicht auf gesetzlichen Vorschriften beruhen, bleibt unber\u00fchrt. 279","(2) Die Auskunftserteilung unterbleibt, cherten personenbezogenen Daten zu soweit berichtigen, wenn sie unrichtig sind; in 1. eine Gef\u00e4hrdung der Aufgabenerf\u00fclAkten ist dies zu vermerken. Wird die lung durch die Auskunftserteilung zu Richtigkeit der Daten von dem Betroffebesorgen ist, nen bestritten, so ist dies in der Akte zu 2. durch die Auskunftserteilung Quelvermerken oder auf sonstige Weise festzulen gef\u00e4hrdet sein k\u00f6nnen oder die Aushalten. forschung des Erkenntnisstandes oder der Arbeitsweise des Landesamtes f\u00fcr Verfas(2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sungsschutz zu bef\u00fcrchten ist, hat die in Dateien gespeicherten perso3. die Auskunft die \u00f6ffentliche Sichernenbezogenen Daten zu l\u00f6schen, wenn heit gef\u00e4hrden oder sonst dem Wohl des ihre Speicherung unzul\u00e4ssig war oder ihre Bundes oder eines Landes Nachteile Kenntnis f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fcllung nicht bereiten w\u00fcrde oder mehr erforderlich ist. Die L\u00f6schung 4. die Daten oder die Tatsache der unterbleibt, wenn Grund zu der AnnahSpeicherung nach einer Rechtsvorschrift me besteht, dass durch sie schutzw\u00fcrdige oder ihrem Wesen nach, insbesondere Belange des Betroffenen beeintr\u00e4chtigt wegen der \u00fcberwiegenden berechtigten w\u00fcrden. In diesem Fall sind die Daten zu Interessen eines Dritten, geheimgehalten sperren. Sie d\u00fcrfen nur noch mit Einwilliwerden m\u00fcssen. gung des Betroffenen \u00fcbermittelt werden. Die Entscheidung trifft der Beh\u00f6rdenleiter oder ein von ihm besonders beauftrag(3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ter Mitarbeiter. pr\u00fcft bei der Einzelfallbearbeitung und nach festgesetzten Fristen, sp\u00e4testens (3) Die Ablehnung der Auskunftserteinach f\u00fcnf Jahren, ob in Dateien gespeilung bedarf keiner Begr\u00fcndung, soweit cherte personenbezogene Daten zu dadurch der Zweck der Auskunftsverweiberichtigen oder zu l\u00f6schen sind. Gespeigerung gef\u00e4hrdet w\u00fcrde. Die Gr\u00fcnde der cherte personenbezogene Daten \u00fcber Auskunftsverweigerung sind aktenkundig Bestrebungen nach SS 3 Abs. 2 Satz 1 Nr. zu machen. Wird die Auskunftserteilung 1, die ihre Ziele durch Gewalt oder darauf abgelehnt, ist der Betroffene auf die gerichtete Vorbereitungshandlungen verRechtsgrundlage f\u00fcr das Fehlen der folgen, sowie \u00fcber Bestrebungen nach SS 3 Begr\u00fcndung und darauf hinzuweisen, Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 oder 4 sind sp\u00e4testens dass er sich an den Landesbeauftragten f\u00fcr nach f\u00fcnfzehn Jahren, im \u00dcbrigen sp\u00e4tesden Datenschutz wenden kann. tens nach zehn Jahren zu l\u00f6schen, es sei denn, der Beh\u00f6rdenleiter oder sein VerSS 14 treter stellt im Einzelfall fest, dass die weiBerichtigung, L\u00f6schung und Sperrung tere Speicherung zur Aufgabenerf\u00fcllung personenbezogener Daten oder aus den in Absatz 2 Satz 2 genannten Gr\u00fcnden erforderlich ist. SS 8 Abs. 2 bleibt (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unber\u00fchrt. Der Lauf der Frist nach Satz 1 hat die in Akten oder Dateien gespei280","Anhang oder 2 beginnt mit der letzten gespeicher(3) Die Mitglieder des St\u00e4ndigen Austen relevanten Information. schusses sind zur Geheimhaltung der Angelegenheiten verpflichtet, die ihnen (4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz im Zusammenhang mit der Berichterstathat die in Akten gespeicherten personentung \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsbezogenen Daten zu sperren, wenn es im schutzes im St\u00e4ndigen Ausschuss beEinzelfall feststellt, dass die Speicherung kanntgeworden sind. Dies gilt auch f\u00fcr unzul\u00e4ssig war. Dasselbe gilt, wenn es im die Zeit nach ihrem Ausscheiden aus dem Einzelfall feststellt, dass ohne die SperSt\u00e4ndigen Ausschuss oder aus dem Landrung schutzw\u00fcrdige Interessen des Betroftag. fenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden und die Daten f\u00fcr seine k\u00fcnftige Aufgabenerf\u00fcllung (4) Die Unterrichtung umfasst nicht voraussichtlich nicht mehr erforderlich Angelegenheiten, \u00fcber die das Innenmisind. Gesperrte Daten sind mit einem nisterium das Gremium nach dem Artikel entsprechenden Vermerk zu versehen; sie 10-Gesetz zu unterrichten hat. d\u00fcrfen nicht mehr genutzt oder \u00fcbermittelt werden. Die Sperrung kann wieSS 16 der aufgehoben werden, wenn ihre VorEinschr\u00e4nkung von Grundrechten aussetzungen nachtr\u00e4glich entfallen sind. Akten, in denen personenbezogene Aufgrund dieses Gesetzes k\u00f6nnen das Daten gespeichert sind, sind zu vernichGrundrecht des Brief-, Postund Fernten, wenn die gesamte Akte zur Aufmeldegeheimnisses (Artikel 10 des gabenerf\u00fcllung nicht mehr ben\u00f6tigt wird. Grundgesetzes) und das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel SS 15 13 des Grundgesetzes) eingeschr\u00e4nkt werParlamentarische Kontrolle den. (1) Das Innenministerium unterrichtet SS 17 den St\u00e4ndigen Ausschuss des Landtags Erlass von Verwaltungsvorschriften \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschutzes halbj\u00e4hrlich sowie auf Verlangen des Das Innenministerium kann zur Ausf\u00fchAusschusses und aus besonderem Anlass. rung des Gesetzes allgemeine Verwaltungsvorschriften erlassen. (2) Art und Umfang der Unterrichtung des St\u00e4ndigen Ausschusses werden unter SS 18 Beachtung des notwendigen Schutzes des Inkrafttreten Nachrichtenzuganges durch die politische Verantwortung der Landesregierung Dieses Gesetz tritt am Tag nach seiner bestimmt. Verk\u00fcndung in Kraft. 281","Gruppen-, Organisationsund Sachregister Bezeichnung Seite/n Act of Violence 132, 133 Adil D\u00fczen 71ff. Akabe Bildungsund Kulturstiftung (AKEV) 52 AK Antifa Mannheim 229 Aktion Transparente Verwaltung (ATV) 241 Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar 153, 155 Al-Aqsa e.V 47 Al-Djaisch al-islami fi al-Iraq 27 Al-Djamaa al-Islamiya (Islamische Gruppe) 35f. Al-Djihad al-Islami (Islamischer Djihad) 23, 35f. Al-Fajir 33 Al-Furqan 33 Al-Ghurabaa 19 Al-Islam 48f. Al-Manar 53, 64f. Al Muhajiroun 59 Al-Muqawama al-Islamiya (Islamischer Widerstand) 61 Al-Qaida 25, 29f., 33ff., 39 Al-Qaida im Zweistromland 20, 25 Al-Qassam-Brigaden 54 Al-Quds-Tag 62 Al-Tawhid wal-Djihad 25 Albanische Nationalarmee ( AKSH) 116 All India Sikh Student Federation (AISSF) 117 Anadolu Genclik Dernegi (AGD) 73 Anatolische F\u00f6deration e.V. 108f. An-Nahda (Bewegung der Erneuerung) 45, 54f. Ansar al-Islam 27f. Ansar as-Sunna 27f. Antiamerikanismus 191 antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur 210 Antifa Nachrichten 210f., 213 Antifaschismus 217, 218ff. Antifaschistische Initiative Heidelberg (AIHD) 202, 228 Antifaschistische Linke Berlin 222 Antifaschistisches Projekt Pforzheim (APP) 219 Antiglobalisierung 221ff. Antisemitismus 130, 191 282","Anhang Applied Scholastics (ApS) 233f., 242f. Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) Armee Islamique de Salut (AIS) 38 As-Sahab-Media 29ff., 34 Autonome 202f., 211, 218, 221 Autonome Gruppe gegen Repression 220 Autonome Nationalisten 156 Autonome Zentren 227ff. Babbar Khalsa International (BK) 117ff. Barika-i Hakikat (Das Aufleuchten der Wahrheit) 90 Baschda 210 Bedingt Autonomes Zentrum (BAZ) 228 Befreiungsarmee Kosovos (USK) 114 Befreiungsarmee von Kosovo (UCK) 115 Befreiungseinheiten Kurdistans (HRK) 94 Beklenen Asr-i Saadet 90 Bewegung des Islamischen Widerstands siehe HAMAS Bewegung f\u00fcr eine albanische sozialistische Republik in Jugoslawien (LRSSHJ) 115 Bewegung f\u00fcr das Selbstbestimmungsrecht 116 Bildungswerk f\u00fcr Heimat und nationale Identit\u00e4t 181f. Blood & Honour-Bewegung 137 Blue Max 133 break-out 202, 228 B\u00fcndnis f\u00fcr den Erhalt und Ausbau selbstverwalteter Jugendund Kulturzentren in Baden-W\u00fcrttemberg 228 B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr besseres Deutschland 154, 157, 161 B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr soziale Gerechtigkeit 154f. Carpe Diem 133, 143, 160 Class V Org 230, 232 Church of Scientology International (CSI) 233 Criminon 233 Dawa 39ff., 83, 86 Das Freie Forum 175 Demokratische Gesellschaft Kurdistans (CDK) 95 Denk mal islamisch 43 Der Islam als Alternative 90 Der Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) 24, 88ff. Deutsche Akademie (DA) 181 283","Deutsche Geschichte - Europa und die Welt (DG) 178f. Deutsche Kommunistische Partei (DKP) 198, 200, 207ff., 226f. Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) 161 Deutsche Partei - Die Freiheitlichen (DP) 127, 161 Deutscher Buchkreis 173 Deutsche Stimme (DS) 158, 160, 166f., 169, 175, 181 Deutsche Volksunion (DVU) 127, 128, 144f., 159f., 170ff. Deutsches Kolleg (DK) 180 Deutschland in Geschichte und Gegenwart 174 Deutschland-Pakt 128, 162 Devrimci Sol (Dev Sol-Revolution\u00e4re Linke) 106 DEVRIMCI SOL 107 Dianetik 231 Dianetik-Post 230 DIE LINKE 205 Die Linke.PDS-Pressedienst 204 Die Republikaner (REP) 172f. Die Rote Hilfe 216f. Disput 204 Dissent+X 221 Djaisch Ansar al-Sunna 27 Djihad 19, 27, 30, 45f., 59, 77, 85 Djihadismus 27 Djihadisten 28, 31 Dresdner Schule 181 Ekmek ve Adalet 109 Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten 175 Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft e.V. (EMUG) 66 European Council for Fatwa and Research (ECFR) 49, 55, 84 Ex-Steffi 227f. Faktor Widerstand 143 Fazilet Partisi (FP) 67 Federalnaja Slushba Besopasnosti (FSB, F\u00f6rderaler Sicherheitsdienst) 259f. Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE) 48f., 53, 67 Feldauditorengruppen 233 Firqat un-Naajiyah 59 F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (ATIF) 112 F\u00f6deration der Arbeiter und Immigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (AGIF) 112 284","Anhang F\u00f6deration der Demokratischen T\u00fcrkischen Idealistenvereine in Europa e.V. (AD\u00dcTDF) 104ff. F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland e.V. (ADHF) 112 F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland (YEK-KOM) 101 F\u00f6rderativer Islamischer Staat Anatolien 89 Forum of European Muslim Youth and Student Organisations (FEMYSO) 67 Free Mind 230 Freiheit 230 Freiheitliche Initiative Heilbronn 161 Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) 102 Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung (FBKSH) 116 Front Islamique du Salut (FIS) 37ff. Geheimschutz 13, 261 G8-Gipfel 199f Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) 141, 156 Ghurabaa 59 Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (GRU) 259 Global Islamic Media Front (GIMF) 39f. GRABERT-Verlag 141, 154ff. Graue W\u00f6lfe 104 Groupe Islamique Arme (GIA) 37ff. Groupe salafiste pour la Predication et le Combat (GSPC) 37ff. Hakk-TV 90f. Halk Icin Devrimci Demokrasi 112 Hammerskins 137 Harakat Al-Muqawama Al-Islamiya siehe HAMAS HAMAS (Bewegung des islamischen Widerstands) 18, 23, 46, 52ff. Hasad al-Mudjahedin 27 Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg 227 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V. (HNG) 150 Hizb Allah (Partei Gottes) 25, 27, 61ff., 75 Hizb-ul-Mudschahedin 23 Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung) 20, 55ff. Hohenrain-Verlag 173ff. IGMG Perspektive 66, 87f. 285","Impact 230 Infoladen Ludwigsburg 203 Initiative f\u00fcr einen Revolution\u00e4ren 1. Mai in Stuttgart 225 Institut Europeen des Sciences Humaines (I.E.S.H.) 52 Institut f\u00fcr deutsche Nachkriegsgeschichte 174 International Association of Scientologists (IAS) 234 International Scientology News 230 International Sikh Youth Federation (ISYF) 117ff. Internationale Kamagatamaru Partei 118 Interventionistische Linke (IL) 221, 224 Islamische Bewaffnete Gruppe siehe Groupe Islamique Arme (GIA) Islamische Demokraten 88 Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) 48ff. Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG) 24, 52, 66ff. Islamische Heilsfront siehe Front Islamique du Salut (FIS) Islamische Partei Pakistans 73 Islamischer Bund Pal\u00e4stina 54 Islamisches Informationszentrum (IIZ) 42f. Islamisches Zentrum Stuttgart (IZS) 48f. Islamisches Zentrum M\u00fcnchen (IZM) 49f. Islamismus 21ff. Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland 67 Jugend f\u00fcr Menschenrechte 235, 244f. Junge Nationaldemokraten (JN) 144, 148f., 151ff., 164ff., 168f. junge Welt 212 Kalifatsstaat siehe Der Kalifatsstaat Kamagata Maru Dal International (KMDI) 118ff. Kameradschaften 146 Kameradschaft Karlsruhe 146, 157f. Kameradschaft Rastatt 146, 158 Kameradschaft Stuttgart 218 Karikaturenstreit 18f., 28, 57 Khalistan 118 Koma Komalen Kurdistan (KKK) 97 Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) 232, 243f. Kommunistische Partei der T\u00fcrkei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) 111f. Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 208 Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Lenninisten (KPD/ML) 204 Kommunistische Partei der Sowjetunion 213 286","Anhang Kommunistischer Bund Westdeutschland (KBW) 204 Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa e.V. (ATIK) 112 Konf\u00f6deration der unterdr\u00fcckten Migranten in Europa (AvEG-Kon) 112 Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa (ADHK) 112 Konvertiten 30f. Koordinationsrat der FIA im Ausland (CCFIS) 38 Kulturvereinigung der Tamilen e.V. 121 Landesverfassungsschutzgesetz (LVSG) 13ff. Laschkar-e Taiba 23 Lernen und K\u00e4mpfen (LuK) 213 Leuchter-Report 81 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) 120ff. Libertad 222 Linkspartei.PDS 198, 204ff., 222f., 226 Linksruck 211, 218, 222, 226f. Linksruck.Zeitung f\u00fcr Internationalen Sozialismus 227 Maoisten 226 Maoistische Kommunistische Partei (MKP) 104f., 112 Marxisten-Leninisten 226 Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) 101, 111f., 114, 198, 200 Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) 204, 224, 226 Milli Gazete 66ff. Milli Genclik Vakfi 73 Milli G\u00f6r\u00fcs 67ff., 89 Milli Nizam Partisi (MPP) 67 Modjahedin-e Khalq Organisation 122 (People's Mojahidin of Iran, PMOI) siehe Volksmodjahedin Mouvement de la Tendance Islamique (Bewegung der islamischen Ausrichtung) 54f. Mudjamma al-Islami 52 Multi-Kulturhaus Ulm e.V. (MKH) 42 Muslimbruderschaft (MB) 22, 24, 35, 44ff., 49, 63, 85 Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) 51f. Muslimische Studentenunion an der Universit\u00e4t Stuttgart (MSU) 51 Nachrichten der HNG 147, 150 Narconon 243 National Council of Resistance of Iraq (NCRI) 122 National Liberation Army of Iran (NLA) 122 Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue (B.K.D.SH.) 114f. 287","Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) 126, 127, 128, 131, 140, 142ff., 150ff., 158ff., 175 Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) 94 Nationale Info-Telefone 146 Nationaler Widerstand Rastatt siehe Kameradschaft Rastatt Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) 122 Nationales B\u00fcndnis Heilbronn 157, 161 NATION & EUROPA 182 National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung (NZ) 170f., 193f. Neonazis 127ff., 131, 145ff., 150ff., 159ff., 191 Neun-Lichter-Dokain 105 Noie Werte 133, 143 OBW 9 228 ODEM 143 Office of Special Affairs (OSA) 233, 241 \u00d6zg\u00fcr Gelecek Yolunda Isci K\u00f6yl\u00fc 112 Organisation der Volksmodjahedin Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin OSA International 232, 241 Ostanatolisches Gebietskomitee (DABK) siehe Maoistische Kommunistische Partei (MKP) Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) siehe Linkspartei.PDS PDS Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg 204 People's Mojahidin of Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin Politikada Alilim 112 Professionelles Lerncenter 231 Projekt Schulhof 140ff. Proliferation 251ff. Propaganda 132, 133 Prosperity 230 Race War 133, 138 REBELL 213f. Refah Partisi (RP, Wohlfahrtspartei) 67 Religious Technology Center (RTC) 230 Republikaner siehe Die Republikaner Revisionismus 130, 176ff. Revolution\u00e4re Aktion Stuttgart (RAS) 222 Revolution\u00e4re Gruppe Boomerang (R.G.B.) 220 Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront (DHKC) 110f. Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C) 106ff. 288","Anhang Ring Nationaler Frauen (RNF) 169 Rosa-Luxemburg-Stiftung 222 Rote Armee Fraktion (RAF) 217 Rote Fahne (RF) 213ff. Rote Hilfe e.V. (RH) 201, 216f. Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch 147ff. Saadet-Partisi (SP, Partei der Gl\u00fcckseligkeit) 67ff. Sabotageschutz 13, 261 Salafismus 40ff. Salafitische Gruppe f\u00fcr Predigt und Kampf siehe GSPC Salafiya Djihadiya 20 Schurarat der Mudjahedin 25f., 28f. Schutt und Asche 132f. Schutzbund Deutschland 183 Schutzbund f\u00fcr das Deutsche Volk e.V. (SDV) 153 Scientology Kirche Deutschland (SKD) 234, 239 Scientology-Organisation (SO) 230ff. Sea Organization (Sea Org) 232 Serit 100 Serxwebun 94 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg 266 Skinheads 127ff., 131ff., 152, 160 Slushba Wneschnej Raswedkij (SWR) 259 ['solid] 222 Solidarit\u00e4tsverein mit den politischen Gefangenen und deren Familien in der T\u00fcrkei (TAYAD) 110 Sozialistische Alternative Voran (SAV) 218 Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) 209f. Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) 204 Sozialistisches Zentrum in Stuttgart 228 Stallhaus Germania 137 Stuttgart links 209 Tabligh-i Jama'at (Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission) 55, 59ff. Tamil Coordinating Committee (TCC) 121 Tamil Eelam 120 Tamil New Tigers (TNT) 120 Tamilische Bildungsvereinigung e.V. (TBV) 122 TAYAD-Komitee e.V. 110 Temel Bilgiler 77 Trotzkisten 218, 224, 226 289","T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni 104 T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO) 111 T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland (ATF) 104ff. T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) 111ff. T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei/-front - Revolution\u00e4re Linke (THKP/-C) 106ff. TV 5 78ff. \u00dcmmet-i Muhammed 90 Unsere Zeit (UZ) 207, 209, 226 Vaterlandsgesellschft f\u00fcr nationale Identit\u00e4t und Vereinigung 117 Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e.V. (ICCB) siehe Der Kalifatsstaat Verein f\u00fcr Dialog und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung e.V. 48 Vereinigung der neuen Weltsicht in Europa e.V. (AMGT) 66 Vereinigung der demokratischen Jugendlichen Kurdistans (Komalen Ciwan) 95 Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) 201, 209, 210ff., 218, 227f. Verlagsund Medienhaus Hohenberg OHG 157 Versandbuchhandlung GRABERT 173 Volk in Bewegung 188ff., 195 Volk in Bewegung - Verlag und Medien oHG 157 Volksbefreiungsarmee (HKO) 112 Volksbefreiungsarmee Kurdistans (ARGK) 94 Volksbewegung von Kosovo (LPK) 115f. Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) 93, 94ff. Volksmodjahedin 122ff. Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) 95, 102 Wahhabismus 40ff. Wirtschafts-, Wissenschaftsspionage 255ff. WISE Charter Committee (WCC) 233, 235, 239ff. World Assembly of Muslim Youth (WAMY) 50f., 55, 67 World Institute of Scientology Enterprises (WISE) 233, 235, 239ff. Y\u00fcr\u00fcy\u00fcs 109 Zeit f\u00fcr Protest 172 Zentralrat der Muslime in Baden-W\u00fcrttemberg 48 Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) 48 290","Anhang Personenverzeichnis Name Seite/n Abd al-Wahhab, Muhammad von 40 Akif, Mahdi Muhammad 46 Al-Auda, Salman 42 Al-Banna, Hassan 44f., 49, 55, 85 Al-Ghannouchi, Rached 47, 55 Al-Hakaymamah, Muhammad Khalil 36 Al-Hawala, Safer 63 Al-Iraki, Abu Maisara 39 Al-Maududi, Abu al A'la 45 Al-Muhajir, Abu Hamza 25 Al-Muhajiroun, Omar Bakri 59 Al-Munadjid, Scheich 42 Al-Qaradawi, Yusuf, Dr. 49f. Al-Utheimin, Muhammad Bin Salih 41 Al-Zahhar, Mahmoud 53 Alpay G\u00fcn, Mine 79, 84 Atik, Ali 80 Atsiz, Nihal 105 Aydar, Z\u00fcbeyir 94, 98 Az-Zawahiri, Ayman, Dr. 25, 30, 34ff., 39 Az-Zarqawi, Abu Musab 20, 25 Bahceli, Devlet 105 Benhadj, Ali 37f. Bin Djarbin, Abdallah 63 Bin Ladin, Usama 25, 34, 36 Bozkurt, Ali 69 Dehoust, Peter 182 Deinzer, Heinrich 170 Denffer, Ahmad 49 Dhina, Mourad, Dr. 38 Dizman, Zehra 82 El-Zayat, Ibrahim 50 291","Engel, Stefan 214f. Enneifar, Ahmida 55 Erbakan, Necmettin, Prof. Dr. 67ff., 83, 85, 89 Ersoy, Arif, Prof. Dr. 84 Frey, Gerhard, Dr. 170f., 193 Gansel, J\u00fcrgen W. 167, 185ff., 190, 196 Garaudy, Roger 49, 81 Gold, Lars 165f. Grabert, Herbert, Dr. 173f. Grabert, Wigbert 174 Haniya, Isma'il 54 Hatipoglu, Yasin 76 Heise, Thorsten 160 Hubbard, Lafayette Ronald 230ff., 246f. Ilyas, Maulana Muhammad 60 Irving, David 171, 177f. Islamoglu, Mustafa 51 Karahan, Yavuz Celik 81 K\u00e4ppler, Lars 151f., 154, 157, 160, 169 Kaplan, Cemaleddin 88f. Kaplan, Metin 89f. Karatas, Dursun 107 Kaya, Adem 68, 79, 83 Kebir, Rabah 38 Kizilkaya, Ali 67, 82 Kiziltas, Ekrem 80 Kovabelnikow, Walentin 259 Kutan, Recei 67, 69, 71, 75 Kutsal, Necdet 78 Lebedew, Sergej 259 Leuchter, Fred 81 Madani, Abassi 37 Mashur, Mustafa 46 Mawlawi, Faisal 84 Miscavige, David 230, 233, 245f. 292","Anhang Molau, Andreas 161 Nasrallah, Hassan 62, 65 Neidlein, Alexander 166, 169 \u00d6calan, Abdullah 94ff. \u00d6zkan, Abdullah, Dr. 78 Oktar, Adnan (alias Yahya, Harun) 49 Patruschew, Nikolaj 259 Prabhakaran, Vellupillai 120 Quassim, Naim 65 Qutb, Sayyid 19f., 45, 85 Rajavi, Maryam 123f. Rassoul, Muhammad 20, 58 Rennicke, Frank 139, 142f. Rieger, J\u00fcrgen 148, 159 Rose, Olaf, Dr. 175 Rudolf, Germar 177 Sch\u00fctzinger, J\u00fcrgen 160f., 163, 175 Sofu, Halil Ibrahim, Dr. 89 Tanweer, Shehazad 29 Tarim, Sakir 79 T\u00fcrkes, Alparslan 105 \u00dcc\u00fcnc\u00fc, Oguz 82f. Verbeke, Siegfried 177 Voigt, Udo 158, 184 Wadud, Mussab Abdel 39 Worch, Christian 152 Yagan, Bedri 107 Yassin, Ahmad 52 Yumakogullari, Osman 75 Z\u00fcndel, Ernst 176 Zukorlic, Muamer 74 293","","Notizen","VERTEILERHINWEIS Diese Informationsschrift wird von der Landesr Rahmen ihrer verfassungsrechtlichen V lichkeit herausgegeben. Sie darf weder v Helfern w\u00e4hrend eines Wahlkampfs zum Zw den. Dies gilt f\u00fcr alle Wahlen. Missbr\u00e4uchlich sind insbesondere die V Informationsst\u00e4nden der Parteien sowie das Einlegen, A parteipolitischer Informationen oder W Untersagt ist auch die Weitergabe an Dritte zum Zw Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer W verwendet werden, dass dies als Parteinahme der Herausgeberin zu politischer Gruppen verstanden werden k\u00f6nnte. Diese Besc h\u00e4ngig vom Vertriebsweg, also unabh\u00e4ngig da Anzahl diese Informationsschrift dem Empf\u00e4nger zugegangen is Erlaubt ist jedoch den Parteien, die Informationssc glieder zu verwenden.","der Landesregierung Baden-W\u00fcrttemberg im Verpflichtung zur Unterrichtung der \u00d6ffentvon Parteien noch von deren Kandidaten oder um Zwecke der Wahlwerbung verwendet wer- e Verteilung auf Wahlveranstaltungen und an wie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben Werbemittel. Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Wahl darf die vorliegende Druckschrift nicht so nahme der Herausgeberin zugunsten einzelner en k\u00f6nnte. Diese Beschr\u00e4nkungen gelten unabngig davon, auf welchem Wege und in welcher Empf\u00e4nger zugegangen ist. nformationsschrift zur Unterrichtung ihrer Mit-"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2006","year":2006}
