{"file_url":"https://verfassungsschutzberichte.de/pdfs/vsbericht-bw-2004.pdf","jurisdiction":"Baden-W\u00fcrttemberg","num_pages":290,"pages":["VERFASSUNGSSC BADEN-W\u00dcRTT","CHUTZBERICHT TEMBERG 2004","Herausgeber: Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Dorotheenstra\u00dfe 6, 70173 Stuttgart Gestaltung und Satz: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Taubenheimstra\u00dfe 85A, 70372 Stuttgart Umschlag: Orel & Unger GmbH, Stuttgart Druck: KONKORDIA GmbH Eisenbahnstra\u00dfe 31, 77815 B\u00fchl Auflage: 13.500 Zitate: Alle Zitate sind in Kursivschrift gesetzt. Zitate aus Texten in alter Rechtschreibung wurden an die neue Rechtschreibung angeglichen. Redaktionsschluss: Mai 2005 Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers - ISSN 0720-3381","VORWORT Vor 60 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende, der Deutschland, Europa und die Welt ver\u00e4ndert hat. Mit Entsetzen und Scham blicken wir auf mehr als 55 Millionen Tote, davon sch\u00e4tzungsweise 20 Millionen Zivilisten, und mehr als sechs Millionen Menschen j\u00fcdischen Glaubens, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Millionen von Menschen kamen zwar mit dem Leben davon, hatten aber ihren Besitz und ihre Heimat verloren. Leid und Elend waren unbeschreiblich. Mit der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik Deutschland und der Verabschiedung des Grundgesetzes hat unser Land eine Staatsund Werteordnung bekommen, die grundlegende Rechte garantiert, die w\u00e4hrend des Nationalsozialismus mit F\u00fc\u00dfen getreten wurden. Wir nehmen diese Rechte und Freiheiten heute oft als selbstverst\u00e4ndlich hin. Durch die R\u00fcckschau auf unsere Vergangenheit sollte uns nicht nur der Wert der Demokratie, in der wir leben, bewusst werden, sondern auch, dass unsere freiheitliche demokratische Grundordnung vorbildlich und sch\u00fctzenswert ist. Unserer Demokratie drohen Gefahren, aber nicht nur von den \"ewig Gestrigen\". Gefahren f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung gehen auch von Linksextremisten, extremistischen Ausl\u00e4ndern oder der Scientology-Organisation aus. Gruppierungen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Werte unserer Demokratie abzuschaffen, d\u00fcrfen wir nicht gew\u00e4hren lassen. Diese Lehre m\u00fcssen wir aus unserer Geschichte ziehen. Und deshalb k\u00f6nnen wir es auch nicht hinnehmen, dass in unserem Land Parallelgesellschaften mit eigenen Normen entstehen, die mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar sind. Der Schutz des demokratischen Rechtsstaats ist dabei nicht allein Aufgabe staatlicher Beh\u00f6rden. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg, das unter anderem die Aufgabe hat, verfassungsfeindliche Bestre-","bungen jeglicher Art fr\u00fchzeitig zu erkennen, zu beobachten und zu entlarven, leistet dazu einen ganz wichtigen Beitrag. Ohne die geistig-politische Auseinandersetzung mit den Gegnern unserer Demokratie auf allen gesellschaftlichen Ebenen w\u00fcrden die Gefahren f\u00fcr unsere Werteordnung auf Dauer jedoch nicht abzuwenden sein. Wir alle stehen in der Pflicht, f\u00fcr unser freiheitliches Gemeinwesen einzutreten und es zu sch\u00fctzen. Nur so kann das Prinzip der \"wehrhaften Demokratie\" mit Leben erf\u00fcllt werden. Dies setzt aber voraus, dass auch der Einzelne in der Lage ist, die wahren Absichten extremistischer Gruppierungen zu erkennen und zu bewerten. Ohne ein ausreichendes Wissen \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen jeglicher Art ist eine Auseinandersetzung mit den Gegnern unserer Demokratie nicht m\u00f6glich. Mit dem vorliegenden Verfassungsschutzbericht 2004 gibt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz einen umfassenden \u00dcberblick \u00fcber die politischen Ziele und Aktivit\u00e4ten extremistischer Gruppierungen sowie \u00fcber die Gefahren, die durch Spionage ausl\u00e4ndischer Nachrichtendienste oder die Scientology-Organisation drohen. Dieser Bericht, der einen wichtigen Beitrag zur Sicherung unserer Demokratie leistet, ist nicht nur f\u00fcr staatliche Stellen, sondern auch f\u00fcr die Politik und jeden einzelnen B\u00fcrger eine wichtige Hilfestellung und wertvolle Informationsquelle. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz leisten mit ihrer T\u00e4tigkeit einen unverzichtbaren Beitrag zur Sicherung unserer Demokratie. Ihre engagierte und fundierte Arbeit verdient unsere Anerkennung. F\u00fcr ihren Einsatz bedanke ich mich ausdr\u00fccklich. Heribert Rech MdL Innenminister des Landes Baden-W\u00fcrttemberg","","INHALTSVERZEICHNIS A. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN .......12 1. Allgemeiner \u00dcberblick ...............................................................................12 2. Islamismus.......................................................................................................14 2.1 Hintergr\u00fcnde..................................................................................................14 2.2 Islamistische Tendenzen in Deutschland .............................................15 2.3 Transnationaler islamistischer Terrorismus ..........................................19 2.3.1 Entwicklungen im Jahr 2004 ....................................................................19 2.3.2 Das internationale Netzwerk der Mudjahidin ...................................20 2.3.3 Terrorgruppe \"Ansar al-Islam\"..................................................................20 2.3.4 J\u00fcngere Ideologen des Djihad .................................................................21 2.3.5 Rekrutierung ..................................................................................................22 2.3.6 \"Al-Qaida\" und ihre Djihad-Propaganda..............................................24 2.3.7 Weltweite Spuren der Gewalt..................................................................28 2.4 Islamistische Organisationen aus dem arabischen Raum ...............31 2.4.1 Islamistische Organisationen aus dem sunnitischen Bereich........31 2.4.1.1 Die \"Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger....31 2.4.1.1.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD)..................34 2.4.1.1.2 \"Harakat al-Muqawama al-islamiya\" (HAMAS) .................................39 2.4.1.1.3 \"Al-Aqsa e.V.\" .................................................................................................40 2.4.1.1.4 \"Front Islamique du Salut\" (FIS).............................................................41 2.4.1.1.5 \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) ...........................................................42 2.4.1.1.6 \"Groupe salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC)......42 2.4.1.1.7 \"An-Nahda\" ....................................................................................................42 2.4.1.1.8 \"Al-Djihad al-Islamiy\" und \"al-Djamaa al-islamiya\"..........................43 2.4.1.1.9 \"Hizb ut-Tahrir\" (\"Partei der Befreiung\").............................................43 2.4.1.2 \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission\")................................47 2.4.1.3 Gruppierungen s\u00e4kularer Pal\u00e4stinenser ................................................49 2.5 Organisationen aus dem schiitischen Bereich: \"Hizb Allah\" und Amal ..............................................................................50 2.6 T\u00fcrkische islamistische Vereinigungen .................................................54 2.6.1 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG)......................54 2.6.2 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"), fr\u00fcher \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V.\" (ICCB) .................73","2.6.3 \"Front der Islamischen K\u00e4mpfer des Gro\u00dfen Ostens\" (IBDA-C)...77 2.7 Iranische islamistische Gruppen..............................................................78 2.7.1 \"Volksmodjahedin\" .......................................................................................78 3. T\u00fcrkische Vereinigungen (ohne kurdische) .......................................81 3.1 Extrem nationalistische Organisationen ...............................................81 3.1.1 \"F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" (AD\u00dcTDF)/ \"T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland\" (ATF) .......................................81 3.2 Linksextremisten...........................................................................................83 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C-Devrimci Sol) ................................83 3.2.1.1 Entstehungsgeschichte................................................................................83 3.2.1.2 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C)..............84 3.2.2 \"T\u00fcrkische Kommunistische Partei/ Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML)...........................................................89 3.2.3 \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP)......92 4. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) beziehungsweise \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK), jetzt: \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL)......................94 5. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner.............................................................................104 6. Sikh-Organisationen ..................................................................................108 7. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE).....................................110 B. RECHTSEXTREMISMUS .......................................................................114 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................114 1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale...............116 1.2 Strafund Gewalttaten..............................................................................117 1.3 Ideologie.........................................................................................................117","2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus.....................................................119 2.1 H\u00e4ufigkeit und Zielrichtung rechtsextremistisch motivierter Gewalt ..............................................119 2.2 Rechtsextremistische Skinheads............................................................120 3. Rechtsextremistische Musikszene ........................................................124 3.1 Skinkonzerte.................................................................................................124 3.2 Skinhead-Musikgruppen ..........................................................................126 3.3 Sonstige rechtsextremistische Musik ...................................................129 4. Neonazismus................................................................................................130 4.1 Allgemeines ..................................................................................................130 4.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten..........................................................................131 4.2.1 \"Rudolf He\u00df-Gedenkmarsch\".................................................................131 4.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) ...................................................133 4.3 Neonazistische Personenzusammenschl\u00fcsse in Baden-W\u00fcrttemberg.............................................................................134 5. Rechtsextremistische Parteien...............................................................138 5.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD).................138 5.2 \"Die Republikaner\" (REP) ......................................................................146 5.3 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) .............................................................151 5.4 \"Deutsche Partei - Die Freiheitlichen\" (DP)....................................153 6. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten ........................................156 6.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"Hohenrain-Verlag\"...156 6.2 \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e.V.\" (GFP) .................................157 6.3 \"Freundeskreise 'Ein Herz f\u00fcr Deutschland'\"...................................158 7. Internationale Verflechtungen des Rechtsextremismus ..............158 7.1 Allgemeines ..................................................................................................158","7.2 Geschichtsrevisionismus...........................................................................159 8. Theorie - und Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus .......................................................160 9. Aktionsfelder ...............................................................................................163 9.1 Rechtsextremistische Positionen zu den aktuellen Krisenund Reformdebatten .................................................................163 9.2 Das \"Projekt Schulhof\": Entwurf einer rechtsextremistischen Propagandaoffensive..........176 C. LINKSEXTREMISMUS ..........................................................................182 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................182 2. \u00dcbersicht in Zahlen ..................................................................................185 2.1 Personenpotenzial ......................................................................................185 2.2 Strafund Gewalttaten .............................................................................186 3. Gewaltbereiter Linksextremismus........................................................187 4. Parteien und andere Organisationen ..................................................190 4.1 \"Partei des Demokratischen Sozialismus\" (PDS)............................190 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) .....................................194 4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) .....................197 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD)...........201 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH)..............................................................................203 4.6 Sonstige Vereinigungen............................................................................205 5. Aktionsfelder ...............................................................................................206 5.1 \"Sozialabbau\" ...............................................................................................206 5.2 EU-Verfassung...............................................................................................210 5.3 \"Friedens-\" beziehungsweise \"Antikriegsbewegung\" .....................212","5.4 Autonome Zentren ....................................................................................214 5.5 \"Antifaschismus\" .........................................................................................216 D. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO)...........................................220 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................220 2. Politische Bestimmtheit und strategische Vorgehensweise........221 3. Das \"Office of Special Affairs\" (OSA) ................................................223 4. Expansionsbestrebungen in Baden-W\u00fcrttemberg..........................225 4.1 Bestehende Organisationsstruktur.......................................................225 4.2 \"Central Orgs\" und neue Niederlassungen.......................................226 4.3 Milieu und Mitgliedergewinnung.........................................................227 4.4 Werbung und Propaganda.......................................................................229 4.4.1 Interne Propaganda ...................................................................................229 4.4.2 \u00d6ffentliche Werbekampagnen und T\u00e4uschungsman\u00f6ver ............229 4.5 Verdeckte Werbung...................................................................................233 5. Diffamierungskampagnen........................................................................234 6. Vertrauliches Telefon ...............................................................................235 E. SPIONAGEABWEHR, GEHEIMUND SABOTAGESCHUTZ ............236 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen .........................................236 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde.................................................................238 2.1 Krisenl\u00e4nder.................................................................................................238 2.2 Volksrepublik China..................................................................................241 2.3 Russische F\u00f6deration und andere L\u00e4nder der GUS ......................242 3. Pr\u00e4vention.....................................................................................................245 3.1 Geheimschutz in der Wirtschaft...........................................................245","3.2 Beratungspraxis des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz...............246 3.3 Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Spionageabwehr................247 3.4 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - Die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen.......................................................249 4. Erreichbarkeit der Spionageabwehr.....................................................251 F. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG ...................252 1. Aufgaben des Verfassungsschutzes ......................................................252 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei ................................253 3. Methoden des Verfassungsschutzes ....................................................253 4. Kontrolle.......................................................................................................254 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes ................................255 ANHANG ..........................................................................................................258 Gesetz \u00fcber den Verfassungsschutz in Baden-W\u00fcrttemberg (Landesverfassungsschutzgesetz - LVSG) vom 22. Oktober 1991 ........................................................................258 Gruppen-, Organisationsund Sachregister .................................270 Personenverzeichnis ............................................................................280","A. SICHERHEITSGEF\u00c4HRDENDE BESTREBUNGEN VON AUSL\u00c4NDERN 1. Allgemeiner \u00dcberblick Organisationen von Ausl\u00e4ndern werden als extremistisch eingestuft und vom Verfassungsschutz beobachtet, wenn sie sich gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung richten. Vor allem islamistische Gruppierungen sind verst\u00e4rkt in das Blickfeld geraten, einerseits durch die aus dem politischen Islamismus hervorgehenden terroristischen Bewegungen, andererseits durch das Bem\u00fchen von Organisationen, rechtliche Sonderpositionen einzunehmen, bei denen die freiheitliche demokratische Grundordnung zumindest in Teilen au\u00dfer Kraft gesetzt w\u00fcrde. Der gesetzlich vorgesehenen Beobachtung unterliegen au\u00dferdem Bestrebungen, die durch die Anwendung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige Belange der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn eine gewaltsame \u00c4nderung der politischen Verh\u00e4ltnisse im jeweiligen Heimatland angestrebt wird. In Baden-W\u00fcrttemberg waren von den rund 1,2 Millionen1 registrierten Ausl\u00e4ndern 8.510 (2003: 8.575) Personen in Vereinigungen mit extremistiAnh\u00e4nger extremistischer bzw. extremistisch beeinflusster Ausl\u00e4nderorganisationen in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2002 - 2004 2002 2003 2004 Land Bund Land Bund Land Bund Kurden (linksextremistisch) 910 11.850 860 11.850 810 11.950 T\u00fcrken 6.900 38.950 6.870 38.670 6.860 37.900 ddavon: linksextremistisch 900 3.650 870 3.370 860 3.150 rechtsextremistisch 2.100 8.000 2.100 8.000 2.100 7.500 religi\u00f6s-nationalistisch 3.900 27.300 3.900 27.300 3.900 27.250 Araber 505 3.300 485 3.450 510 3.400 ddavon: linksextremistisch 25 150 30 150 40 150 religi\u00f6s-nationalistisch 480 3.150 455 3.300 470 3.250 Iraner 100 1.350 100 1.250 80 1.200 ddavon: linksextremistisch 100 1.300 100 1.200 80 1.150 religi\u00f6s-nationalistisch - 50 - 50 - 50 Sonstige 270 1.900 260 2.080 250 3.070 Gesamt 8.685 57.350 8.575 57.300 8.510 57.520 Grafik: LfV BW Stand: 31.12.2004 1 Exakt: 1.187.379 Personen ausl\u00e4ndischer Herkunft; Quelle: Statistisches Landesamt Baden-W\u00fcrttemberg (Stand: 31. Dezember 2004). Wegen einer Bereinigung des Ausl\u00e4nderzentralregisters im Jahr 2004 ist 12 diese Zahl mit den Vorjahreszahlen nur eingeschr\u00e4nkt vergleichbar.","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus scher oder terroristischer Zielsetzung aktiv. Dies entspricht einem konstanten Anteil von knapp 0,7 Prozent. Personen ausl\u00e4ndischer Herkunft, die zwischenzeitlich die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft erlangt haben, sind hier nicht ber\u00fccksichtigt. Nennenswerte \u00c4nderungen zwischen den einzelnen politischen Lagern ergaben sich im Lauf des Jahres 2004 nicht. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder sowie ausl\u00e4nderextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2004 Die Gesamtzahl der politisch motivierten Straftaten im Ph\u00e4nomenbereich Ausl\u00e4nder reduzierte sich 2004 in Baden-W\u00fcrttemberg um zwei Drittel von 404 auf 135. Hiervon entfielen 104 (2003: 366) auf Straftaten mit extremistischem Hintergrund, wobei 34 (2003: 321) dem Bereich Islamismus zuzurechnen sind. Die Anzahl der Gewaltdelikte blieb mit insgesamt 17 (2003: 18) nahezu konstant.2 Grund f\u00fcr die \u00fcberdurchschnittlich hohen Zahlen im Jahr 2003 war eine bundesweite Aktion der Polizei wegen des Verdachts der Fortf\u00fchrung der verbotenen Vereinigung \"Kalifatsstaat\", die zu zahlreichen Einzelverfahren gef\u00fchrt hatte. 2 Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrt keine eigene Strafund Gewalttatenstatistik. Alle in diesem Jahresbericht aufgef\u00fchrten statistischen Angaben zu politisch motivierten Straftaten beruhen auf Zahlenangaben des Landeskriminalamts Baden-W\u00fcrttemberg. 13","2. Islamismus 2.1 Hintergr\u00fcnde Islamismus hat sich zu einem Ph\u00e4nomen entwickelt, das ganz unterschiedliche Facetten aufweist. Die meisten islamistischen Bewegungen sind in Regionen und Staaten der islamischen Welt entstanden, in denen die Regierungen und die Gesellschaften gemessen an der Entwicklung in anderen Teilen der Welt in weiten Bereichen versagt haben. Basierend auf den Grundlagen der Religion haben sich immer mehr Muslime zunehmend auf die eigenen, islamisch gepr\u00e4gten Wurzeln besonnen. Sie versuchen, durch die R\u00fcckbesinnung auf eigene Werte, durch die Auslegung des Korans und in der Nachahmung der Sunna3 L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die gegenw\u00e4rtiN\u00e4hrboden des gen gesellschaftlichen Probleme zu finden. Die zum Teil sehr gro\u00dfe UnzuIslamismus friedenheit der Bev\u00f6lkerung bildet einen breiten N\u00e4hrboden, auf dem immer mehr Anh\u00e4nger islamistischer Ideen gewonnen werden k\u00f6nnen. Fand dieser Prozess in der Vergangenheit \u00fcberwiegend in islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern statt, so muss man feststellen, dass inzwischen vor allem jugendliche Muslime auch in westlichen L\u00e4ndern durch islamistische Propaganda angesprochen werden. Besonders junge muslimische M\u00e4nner in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern finden in islamistischen Kreisen jene Best\u00e4tigung, die ihnen im gesellschaftlichen Alltag h\u00e4ufig versagt bleibt. Sie k\u00f6nnen sich, angespornt durch islamistische Vordenker, deren Sichtweise zu eigen machen. Hierbei handelt es sich um eine Sichtweise, die ausschlie\u00dflich auf die islamische Welt mit ihren zahlreichen Konflikten, Ungerechtigkeiten und den muslimischen Opfern gerichtet ist und die die Jugendlichen sich selbst als unterdr\u00fcckte Opfer wahrnehmen l\u00e4sst bei einer gleichzeitig vorhandenen Hybris, als Muslime \u00fcber den anderen Menschen zu stehen und etwas Besseres verdient zu haben. Hinzu kommt: in vielen L\u00e4ndern des islamischen Kulturraums ist rund die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung j\u00fcnger als 18 Jahre. In einigen Staaten wie in Algerien, Afghanistan, aber auch in den pal\u00e4stinensischen Gebieten ist mehr als eine Generation ausschlie\u00dflich mit Krisenund Kriegserfahrungen aufgewachsen. Solange der jungen Generation dieser und anderer L\u00e4nder keine annehmbare Lebensperspektive geboten wird, ist davon auszugehen, dass aus ihr weiterhin auch Islamisten und gewaltbereite Terroristen hervorgehen. 3 Gewohnheiten und Ausspr\u00fcche des Propheten Muhammad. 14","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus 2.2 Islamistische Tendenzen in Deutschland Im Jahr 2004 bestimmte das Thema Islamismus insbesondere wegen des am 11. M\u00e4rz in Madrid ver\u00fcbten schweren Terroranschlags und des grausamen Mordes an dem Filmemacher Theo van Gogh am 2. November in Amsterdam erneut eine Vielzahl von Schlagzeilen. Auch wenn es in Deutschland selbst bislang zu keinen Terrorakten gekommen ist beziehungsweise solche noch rechtzeitig verhindert werden konnten4, stiegen die Bef\u00fcrchtungen in der Bev\u00f6lkerung vor islamistisch motivierten Gewalttaten. Muslimische Mitb\u00fcrger sahen sich oftmals einem Pauschalverdacht unterworfen. Allerdings stellte selbst der Direktor des arabischsprachigen Satellitensenders al-Arabiya in einem im Magazin Stern5 abgedruckten Interview hierzu fest: \"(...) Nicht alle Muslime sind Terroristen. Fest steht aber auch: Fast alle Terroristen sind Muslime. Das einzugestehen ist sehr betr\u00fcblich. (...)\" Durch diese Entwicklungen wurde die Diskussion um das allt\u00e4gliche Zusammenleben in Deutschland immer sch\u00e4rfer gef\u00fchrt. Muslime wurden in Presseberichten aufgefordert, sich von Terrorismus zu distanzieren und sich zu integrieren. Islamistische Zirkel gelangten zu zwei verschiedenen Antwortmustern: Einige forderten den Abstand zur \"ungl\u00e4ubigen\" Mehrheitsgesellschaft und ihren schlechten Einfl\u00fcssen. Die Argumentation gipfelte zum Beispiel in einer die Fremdenfeindlichkeit sch\u00fcrenden Freitagspredigt in Berlin, wo ein Imam erkl\u00e4rte: \"Es gibt Deutsche, die auch gut sind. Aber sie sind und bleiben doch Atheisten. Wozu nutzen sie also? Haben wir jemals einen Nutzen von ihnen gehabt? Auf der ganzen Welt noch nicht. (...) Diese DeutAgitation gegen schen, diese Atheisten, rasieren sich nicht unter den Deutsche Armen. Ihr Schwei\u00df verbreitet einen \u00fcblen Geruch und sie stinken. Sie benutzen daher Parf\u00fcm und haben deshalb eine ganze Parf\u00fcmindustrie aufgebaut.\"6 4 Siehe zum Beispiel unter Ziffer 2.3.3, S. 21. 5 Internetausgabe vom 15. September 2004. 6 ZDF-Sendung Frontal21 vom 9. November 2004. 15","In anderem Zusammenhang sah man sich als Muslim in Deutschland bereits als Opfer einer Verfolgungskampagne und verglich sich mit der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung im Deutschland der 1930er Jahre. Dieser Vergleich war schon deshalb besonders infam, weil er doch das damalige Verbrechen relativierte. Ein ungenannter Autor schrieb in der vom \"Islamischen Informationszentrum Ulm e.V.\" zweiw\u00f6chentlich herausgegebenen Schrift: \"Es stellt sich ernsthaft die Frage, wann sich Muslime \u00f6ffentlich durch Merkmale wie ein gelbes Zeichen auf einer Armbinde kennzeichnen m\u00fcssen und nur noch als eine Nummer angesehen werden.\"7 Weiter sah der Autor sich und die Muslime einer besonderen Verfolgung ausgesetzt: \"Die Rassenverfolgung spielt sich gut versteckt hinter einer hervorragenden Deckung ab - dem angeblichen Kampf gegen den Terror.\" Er schlussfolgerte daher einen besonderen Kriegszustand in Deutschland: \"Deutschland ist ein Teil im 'Kampf gegen den Islam'. Sie sind einer unter vielen Dienern in diesem Krieg. Nur weil Deutschland keine Truppen in den Irak gesandt hat, hei\u00dft das nicht, dass sie nicht in diesen Kampf eingetreten sind (...) sei nicht traurig Bruder und Schwester, was erwartest du denn von einem Volk, das dem Islam \u00f6ffentlich und versteckt den Krieg erkl\u00e4rt? (...) Erwarte nichts von ihnen. Habe keine Hoffnung au\u00dfer auf Allah.\"8 Seinem Artikel f\u00fcgte er einen Koranvers bei, der auch als leise Drohung verstanden werden kann, denn dort hie\u00df es: \"Und sie schmiedeten R\u00e4nke und (auch) Allah schmiedet R\u00e4nke und Allah ist der beste R\u00e4nkeschmied\". [Koran 3:54] 7 Hier und im Folgenden: \"Denk mal islamisch\", Ausgabe 22 vom 6. August 2004. 8 \u00dcbernahme wie im deutschen Original. 16","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Gemeint sind in diesem Vers mit \"sie\" die \"Kinder Israels\", die Juden, doch ihre R\u00e4nke w\u00fcrden erfolglos bleiben, sei doch Allah \"der beste R\u00e4nkeschmied\", das hei\u00dft Allah k\u00f6nnte sich durchaus r\u00e4chen oder diejenigen unterst\u00fctzen, die sich gegen die R\u00e4nke wehrten. Das andere Antwortschema auf die Probleme der Muslime als Minderheit in einer nichtislamischen Umgebung fordert eine Einmischung in das gesellschaftliche Leben. So w\u00fcnschte sich etwa Murad HOFMANN, ehemaliger deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, der 1980 zum Islam konvertierte und Ehrenmitglied im MC-H\u00fclle mit \"Zentralrat der Muslime in Deutschland\" (ZMD) ist, in antisemitischer Darstellung einem mit ihm im August 2004 gef\u00fchrten Interview: \"Wir m\u00fcssen durch Parteieintritt - in alle wirklich demokratisch gesinnten Parteien - dazu beitragen, demokratische dass die Parteiprogramme islamkonformer werden, Mitwirkung als so wie dies auch Katholiken, Protestanten und \"kleineres \u00dcbel\" Juden tun. Insgesamt handelt es sich dabei um die Verwirklichung des Fiqh-Grundsatzes, dass man - vor zwei \u00dcbeln stehend - das geringere \u00dcbel w\u00e4hlen muss.\" 9 Demokratische Beteiligung an Entscheidungsprozessen gilt ihm als ein kleineres \u00dcbel als die politische Isolation und der R\u00fcckzug aus der Gesellschaft. Islamistische Kreise legen Wert auf eine entsprechende Ausrichtung des allt\u00e4glichen Lebens nach den Regeln eines Islam, wie sie ihn interpretieren. Das Leben eines Muslims ist ihrer Meinung nach in einem unislamischen Umfeld vielen Anfechtungen ausgesetzt. Umso wichtiger werde es daher, sich an die von entsprechenden Autorit\u00e4ten festgelegten Regeln zu halten. Damit diese auch von Muslimen ohne Arabischkenntnisse verstanden werden, lagen im Jahr 2004 h\u00e4ufiger deutschsprachige Merkbl\u00e4tter in Moscheen in Baden-W\u00fcrttemberg aus. Diese, aus dem Arabischen \u00fcbersetzten Texte lassen sich der \"Salafiya\" zuordnen, einer islamischen Bewegung, die die Quellen sehr eng und buchstabentreu auslegt. Sie stammen von einer Internetseite, die diese Texte im pdf-Format zum Ausdruck zur Verf\u00fcgung stellt. Die Botschaft dieser Informationsbl\u00e4tter wurde den Besuchern der 9 Homepage des \"Zentralrats der Muslime in Deutschland\" (ZMD) vom 30. August 2004. 17","Moscheen ans Herz gelegt. Eines tr\u00e4gt die \u00dcberschrift \"Die gro\u00dfen S\u00fcnden\". In ihm werden detailliert 70 S\u00fcnden definiert, die ein Muslim bis hin zu Verboten, die die Kleidung betreffen, begehen kann. Eine weitere Schrift, die ebenfalls in baden-w\u00fcrttembergischen Moscheen verteilt wurde, erkl\u00e4rt die Bedeutung von Taghut. Dabei handelt es sich um G\u00f6tzen, die anstelle Allahs angebetet werden. Diesen G\u00f6tzendienst gelte es abzulehnen. So ist in diesem Text zu lesen: \"Dies bringt auch mit sich, dass du die Leute des Ikhlas (der Aufrichtigkeit; i.S. von ... Leute des Aufruf zum Hass Islam) liebst und ihnen gegen\u00fcber Freundschaft gegen\u00fcber zeigst, w\u00e4hrend du die Leute des G\u00f6tzendienstes \"Ungl\u00e4ubigen\" hasst und ihnen gegen\u00fcber deine Feindschaft zeigst.\" In der Schrift werden f\u00fcnf Arten von Tawaghit (Mehrzahl von Taghut) erl\u00e4utert. Der erste ist der Teufel. Der zweite ist der tyrannische Herrscher, der die Gesetze Allahs ver\u00e4ndert. Der dritte spricht Recht, ohne Allahs Worte zu ber\u00fccksichtigen. Der vierte behauptet, mehr zu wissen als Allah, und der f\u00fcnfte wird anstelle Allahs angebetet. Zu der zweiten Erscheinungsform eines G\u00f6tzen ist zu lesen: \"Der unterdr\u00fcckende Herrscher, der die Gesetze Allahs \u00e4ndert und austauscht, wie es von den Juden getan wurde.\" Diese Ansicht spiegelt sich dann auch in der einschl\u00e4gigen Propaganda von Djihad-Gruppierungen, die den Kampf gegen die nach ihrer Meinung vorhandenen Taghut-Regime wie Israel, Saudi-Arabien und die USA aufgenommen haben. Solche kurzen religi\u00f6sen Schriften bilden die Glaubensfundamente f\u00fcr eifrige Muslime, die sich dann in islamistischen Zirkeln engagieren. Im Extremfall entsprechen diese Glaubensvorstellungen und Gebote denjenigen, wie sie etwa die islamistischen Terroristen auf der arabischen Halbinsel mit ihrem Kampf durchsetzten m\u00f6chten. Dies wurde zuletzt am 6. Dezember 2004 beim \u00dcberfall auf das amerikanische Konsulat im saudi-arabischen Djidda offensichtlich. Der \"al-Qaida\" nahe stehende Terroristen, von denen mutma\u00dflich einige als Religionsw\u00e4chter gearbeitet hatten, erschossen kaltbl\u00fctig einen Angestellten, der nicht die erste Sure des Korans aufsagen konnte. Das Bekennerschreiben zitierte einen Koranvers, der die oben erw\u00e4hnten Taghut-Erl\u00e4uterungen best\u00e4tigt. 18","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus \"Diejenigen, die ungl\u00e4ubig sind, geben ihr Verm\u00f6gen aus, um (die Muslime) vom Weg Gottes abzuhalten. Sie werden es nun (f\u00fcr diesen Zweck) ausgeben. Hierauf wird es ein (schmerzliches) Bedauern f\u00fcr sie sein (so gehandelt zu haben). Hierauf werden sie besiegt werden. Und diejenigen, die ungl\u00e4ubig sind, werden (dereinst) zur H\u00f6lle versammelt werden.\" [Koran 8:36] 2.3 Transnationaler islamistischer Terrorismus 2.3.1 Entwicklungen im Jahr 2004 Neben den zahlreichen Anschl\u00e4gen auf die Streitkr\u00e4fte der Koalition im Irak, die von vielen Irakern und in weiten Teilen der arabischen \u00d6ffentlichkeit nicht als Befreiungsarmee angesehen wird, sondern als Besatzungsmacht, gab es seit April 2004 eine wachsende Zahl von Entf\u00fchrungen ausl\u00e4ndischer Zivilisten im Irak. Vor allem die Gruppe um Abu Musab az-ZARQAWI Abu Musab az-ZARQAWI inszenierte jede Entf\u00fchrung medienwirksam, Entf\u00fchrungen indem dieser die jeweilige Geisel zuerst auf einer f\u00fcr die Welt\u00f6ffentlichkeit bestimmten Videoaufnahme um ihr Leben flehen lie\u00df, eine - aus Sicht der Koalition - unerf\u00fcllbare Bedingung f\u00fcr die Verschonung der Geisel stellte und nach Ablauf des Ultimatums der Geisel vor laufender Kamera den Kopf abschnitt. Islamistisch motivierte Terroranschl\u00e4ge forderten in weiteren islamisch gepr\u00e4gten L\u00e4ndern zahlreiche Opfer. Schwerpunkte waren erneut SaudiArabien, Tschetschenien, Pakistan, Afghanistan und Indonesien. Das internationale Netzwerk des islamistischen Terrorismus finanziert sich dabei im wachsenden Ausma\u00df durch organisierte Kriminalit\u00e4t wie Geiselnahmen und Drogenhandel. Die Infrastruktur des islamistischen Terrorismus wird durch eine gro\u00dfe Anzahl von Kriminellen unterst\u00fctzt, die zwar keine Islamisten sind, aber nicht z\u00f6gern, die Djihadisten mit der notwendigen Logistik wie Waffen und Sprengstoff zu versorgen, wie es bei der Vorbereitung des Attentats in Madrid am 11. M\u00e4rz 2004 der Fall war. Durch diese Entwicklung ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass auch in den hiesigen Justizvollzugsanstalten straff\u00e4llig 19","gewordene Islamisten ihre Beziehungsgeflechte auszubauen versuchen, um Nachwuchs rekrutieren zu k\u00f6nnen. Auch die zahlreichen Geiselnahmen im Irak werden vorrangig von Banden ausgef\u00fchrt, denen es in erster Linie um L\u00f6segeldzahlungen geht, um ihren \"Widerstand\" zu finanzieren. 2.3.2. Das internationale Netzwerk der Mudjahidin Mit den im Jahr 2004 durchgef\u00fchrten Anschl\u00e4gen wurde erneut deutlich, wie wichtig die Beziehungsgeflechte, die sich \u00fcber viele europ\u00e4ische L\u00e4nder erstrecken, zwischen ehemaligen Afghanistan-, Tschetschenienoder Bosnienk\u00e4mpfern sind. Mehrere 10.000 arabische M\u00e4nner vor allem aus Jordanien, Marokko, Algerien, Saudi-Arabien und \u00c4gypten haben nicht nur in diesen drei Konflikten an Kampfhandlungen teilgenommen, sondern als \"K\u00e4mpfer\" und \"Verteidiger\" des Glaubens versucht, die ihrer Meinung nach in Not geratenen Glaubensbr\u00fcder gegen den Feind mit logistischen und finanziellen Mitteln zu unterst\u00fctzen. 2.3.3 Terrorgruppe \"Ansar al-Islam\" Die \"Ansar al-Islam\" (Unterst\u00fctzer des Islam) sind eine Abspaltung der \"Islamischen Bewegung im Irakischen Kurdistan\" (IMIK). Obwohl sie die drittgr\u00f6\u00dfte politische Kraft in der kurdischen Enklave im Irak darstellten, konnten sie bei den Wahlen 1992 nicht die n\u00f6tigen 7 Prozent erreichen, um einen Sitz im regionalen Parlament zu erhalten. Die \"Ansar al-Islam\" wurden im September 2001 gegr\u00fcndet und haben sich im Nordirak festgesetzt, wo sie die kurdische Bev\u00f6lkerung terrorisierten. Sie lehnen sich an die Islaminterpretation der Taliban an. Ihr Ziel ist die Errichtung eines islamischen Kurdenstaats nach dem Vorbild des gest\u00fcrzten Taliban-Regimes in Afghanistan. 2003 wurden die K\u00e4mpfer der \"Ansar al-Islam\" durch die fortgesetzten Bombardements der US-Streitkr\u00e4fte im Nord-Irak wesentlich geschw\u00e4cht. Der Gruppe wird vorgeworfen, in einem ihrer Lager ein Giftgaslabor betrieben und Islamisten aus aller Welt Trainingskurse in den Bergen angeboten zu haben. Anfang 2004 benannte sich eine Abspaltung der \"Ansar al-Islam\" in \"Ansar as-Sunna\" um. Die Umbenennung spiegelt vermutlich den neuen Anspruch der \"Ansar as-Sunna\" wider, eine gr\u00f6\u00dfere Zielgruppe als bisher anzusprechen und nicht nur im Kurdengebiet Mitglieder zu rekrutieren. Die Gruppe besteht vorsichtigen Sch\u00e4tzungen zufolge aus 1.000 Kurden aus dem Nordirak. Der Anf\u00fchrer der \"Ansar al-Islam\" ist Nadjm ad-Din Faradj 20","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Ahmad, der Mullah KREKAR genannt wird und in Oslo lebt, wo er Asyl genie\u00dft. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es etwa 100 Anh\u00e4nger und Sympathisanten der \"Ansar al-Islam\". Im Zuge der Aufdeckung der Anschlagsplanung auf den irakischen Ministerpr\u00e4sidenten Ijad Allawi w\u00e4hrend seines Deutschlandbesuchs vom 2. bis 3. Dezember 2004 wurden drei Verd\u00e4chtige in Stuttgart, Augsburg und Berlin inhaftiert. Diese Anschlagsplanung stellt insofern ein Mullah KREKAR Novum dar, als dies der erste Anschlag der \"Ansar al-Islam\" au\u00dferhalb des Festnahme Iraks gewesen w\u00e4re. Der in Stuttgart Festgenommene soll ein Funktionstr\u00e4in Stuttgart ger der \"Ansar al-Islam\" gewesen und mit der Sammlung von Geld und dessen Weiterleitung in den Irak betraut worden sein. 2.3.4 J\u00fcngere Ideologen des Djihad Die milit\u00e4rische Ausbildung, die in Trainingslagern vor allem in Afghanistan stattfand, hat einzelne K\u00e4mpfer zusammengef\u00fchrt, die bis heute in Gruppen miteinander in Kontakt stehen. Die gemeinsame Kampferfahrung an den verschiedenen Kriegsschaupl\u00e4tzen und Fronten in der islamischen Welt macht diese M\u00e4nner zu gef\u00e4hrlichen Veteranen, die in entsprechenden Zirkeln \u00fcber gro\u00dfes Ansehen und hohe Autorit\u00e4t verf\u00fcgen. Zu dieser Gruppe z\u00e4hlt der in Gro\u00dfbritannien inhaftierte Abu QUTADA. Der geb\u00fcrtige Jordanier gilt als ein spiritueller F\u00fchrer von \"al-Qaida\" in Europa. Offenbar hat er mit seinen Predigten Selbstmordattent\u00e4ter rekrutiert. So sollen die Hamburger Attent\u00e4ter des 11. September 2001 Videos mit Predigten QUTADAs angeschaut haben. Abu QUTADA An der Seite von Abu Musab az-ZARQAWI k\u00e4mpfte als geistiger F\u00fchrer ein jordanischer Religionsgelehrter namens Abu Anas ASCH-SCHAMI. Er studierte in Saudi-Arabien und war in den 1990er Jahren als Missionar in Bosnien-Herzegowina t\u00e4tig. Nach seiner R\u00fcckkehr gr\u00fcndete er in Jordanien die fundamentalistische Gruppierung \"Die Gesellschaft der Sunna und des Buches\". 2003 verlie\u00df er Jordanien und wollte erneut seine Studien in Saudi-Arabien fortsetzen. Er tauchte aber nach kurzer Zeit im Irak an der Seite von az-ZARQAWI auf. Im Fr\u00fchjahr 2004 wurde sein Tagebuch \u00fcber die K\u00e4mpfe in Falludja ins Internet eingestellt. Im Juli 2004 ver\u00f6ffentlichte 21","die Organisation \"At-Tauhid wa'l-Djihad\" eine Audiobotschaft dieses Predigers, in der er das T\u00f6ten von T\u00fcrken und Schiiten zur Pflicht aller Muslime erkl\u00e4rte, wenn diese den \"Ungl\u00e4ubigen\" helfen sollten. Ihm wurde auch vorgeworfen, das brutale T\u00f6ten der Geiseln theologisch gerechtfertigt zu haben. Im September 2004 fiel ASCH-SCHAMI einem gezielten amerikanischen Raketenangriff zum Opfer. Da er nun als \"M\u00e4rtyrer\" in gewissen Kreisen eine noch h\u00f6here Legitimit\u00e4t und Autorit\u00e4t besitzt, werden seine Schriften bei der Rekrutierung und Ideologisierung des irakischen Widerstands weiterhin eine bedeutende Rolle spielen. 2.3.5 Rekrutierung Abdul Aziz al-MUQRIN war bis zu seinem Tod bei einem Schusswechsel mit den saudischen Sicherheitsbeh\u00f6rden im Juni 2004 der Anf\u00fchrer der \"al-Qaida\" in Saudi-Arabien und tat sich durch seinen professionellen Umgang mit dem Medium Internet hervor. Er k\u00e4mpfte sowohl in Algerien als auch in Afghanistan, Bosnien und Ostafrika. Er ver\u00f6ffentlichte am 27. April 2004 im Internet ein Audiotape, in dem er die Muslime zum Djihad aufrief: \"Wir geben der Djihad-Jugend Anweisung, ihre Bem\u00fchungen gegen die Kreuzritter und die Aggressoren zu richten, (...) Wenn Gott deren Herren besiegt, werden sie zur H\u00f6lle fahren. Hier sind die Feinde Gottes. Hier sind ihre Interessen. Sie t\u00f6ten eure muslimischen Br\u00fcder T\u00f6ten von \u00fcberall, in Pal\u00e4stina, in Tschetschenien, in Afghani\"Ungl\u00e4ubigen\" stan und im Irak. T\u00f6tet sie, wo immer ihr sie findet als Pflicht aller und blockiert ihre Wege, um eure Seelen zu reiniMuslime gen und um sie zum Scheitern zu bringen und um Gott dem Allm\u00e4chtigen zu gefallen, dessen Macht die meisten Menschen nicht kennen.\"10 Die Rekrutierung von K\u00e4mpfern geschieht vermehrt durch die immer professioneller werdende Propaganda im Internet, so dass die Netzwerke nicht unbedingt auf \"Rekrutierungsb\u00fcros\" und \"Werber\" angewiesen sind, die st\u00e4ndig Gefahr laufen, von den Sicherheitsbeh\u00f6rden identifiziert und 10 Internetauswertung einer Gewaltpropagandawebsite vom 7. Dezember 2004. 22","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus gestellt zu werden. Im Fall Saudi-Arabien zeichnet sich deutlich ab, dass die Schlagkraft der Djihadisten und die Rekrutierung neuer Mitglieder allenfalls kurzzeitig darunter leiden, dass Funktionstr\u00e4ger und Strategen wie al-MUQRIN von den lokalen Sicherheitskr\u00e4ften verhaftet oder get\u00f6tet werden. Die Strukturen dieser Netzwerke und Zellen sind flexibel. Kommunikation und Propaganda finden \u00fcber das Internet statt. Al-MUQRIN selbst war Mitte der 90er Jahre Ausbilder in einem bosnischen Trainingslager der Mudjahidin und kam 2004 zu der \u00dcberzeugung, dass in dieser Phase des Djihads Trainingslager nur noch bedingt n\u00f6tig seien, da den Anh\u00e4ngern via Internet die n\u00f6tigen Instruktionen wie Details einer Anschlagsplanung, Entf\u00fchrung, Bombenbau, konspiratives Vorgehen oder Verhalten bei Verh\u00f6ren zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Wie az-ZARQAWI erkannte auch al-MUQRIN die wachsende globale Bedeutung des Internets. Beide sind ein Beispiel daf\u00fcr, wie sich die international agierenden Mudjahidin das Internet zu Nutze machen, nachdem die Amerikaner durch ihren Kampf gegen den Terror die Aufrechterhaltung der Djihad-Ausbildung in Trainingslagern betr\u00e4chtlich erschwert hatten. Al-MUQRIN war der Herausgeber der 14-t\u00e4gig erscheinenden Internetpublikation \"Muaskar al-Battar\" (Milit\u00e4rlager al-Battar11), die sich vorwiegend an die Djihadisten auf der Arabischen Halbinsel wendet, die Djihad-Training jedoch auch f\u00fcr die Terrornetzwerke au\u00dferhalb Saudi-Arabiens wertvolle im Internet Informationen zu Waffenkunde und Anleitungen f\u00fcr Anschlagsplanungen beinhaltet. Nach dem Tod al-MUQRINs erschien \"Muaskar al-Battar\" ohne Unterbrechung in gewohntem Format weiter. Die Rekrutierung in Europa von K\u00e4mpfern f\u00fcr den Widerstand im Irak hat bereits erste Opfer gefordert. So sind vier franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrger nordafrikanischer Abstammung bei Selbstmordanschl\u00e4gen und in K\u00e4mpfen bei Falludja im Jahr 2004 gefallen. Nach Sch\u00e4tzungen sollen mehrere Dutzend K\u00e4mpfer aus europ\u00e4ischen L\u00e4ndern im Irak aktiv sein. Es handelt sich dabei nunmehr um die dritte Generation von Mudjahidin, die weder in Tschetschenien, Bosnien noch Afghanistan gek\u00e4mpft haben. 11 Al-Battar ist der Name eines ber\u00fchmten Schwerts, das der Prophet gef\u00fchrt haben soll. 23","2.3.6 \"Al-Qaida\" und ihre Djihad-Propaganda Im Jahr 2004 hat die Propagandat\u00e4tigkeit von Verfechtern eines gewaltsamen Kampfes, des Djihad, gegen den Westen noch einmal zugenommen. Vor allem das Internet spielte hier eine dominierende Rolle. Aber auch die beinahe schon \u00fcblich gewordenen Videound Tonbotschaften der F\u00fchrungsspitze von \"al-Qaida\" wurden 2004 bevorzugt \u00fcber den arabischsprachigen Satellitensender al-Jazeera ver\u00f6ffentlicht. Am 4. Januar tauchte ein Tonband mit der Stimme BIN LADINs auf, in dem er die Muslime zum Djihad gegen die amerikanischen Truppen im Mittleren Osten aufrief. In einem weiteren Tonband, das am 15. April gesendet wurde, bot BIN LADIN den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die keine Muslime angreifen w\u00fcrden, einen Waffenstillstand an. Gleichzeitig forderte er Rache f\u00fcr die Ermordung des HAMASScheichs Ahmad YASSIN. Am 6. Mai tauchte in Dr. Ayman al-ZAWAHIRI einem Internetforum ein weiteres Band auf, in dem TerrorBIN LADIN Gold als Belohnung f\u00fcr die Ermordung von US-Soldaten und botschaften UN-Mitarbeitern auslobte. Sein Stellvertreter Dr. Ayman al-ZAWAHIRI meldete sich am 9. September und drohte in einem Video, dass die Amerikaner in Afghanistan und im Irak eine Niederlage erleiden w\u00fcrden. In einer weiteren Tonbotschaft vom 1. Oktober rief al-ZAWAHIRI die muslimische Jugend zum Kampf auf. Selbst wenn die F\u00fchrer von \"al-Qaida\" den \"M\u00e4rtyrer\"-Tod gestorben seien, sollten sie den Kampf fortsetzen und die Amerikaner und ihre Alliierten angreifen. Am 29. Oktober sendete al-Jazeera kurz vor den amerikanischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen ein Video, das BIN LADIN zeigte. In dieser Botschaft sprach er dar\u00fcber, dass die Amerikaner einen zweiten \"11. September\" nur dann verhindern k\u00f6nnten, wenn sie die Sicherheit der Muslime gew\u00e4hrleisteten. Auffallend an dieser Botschaft war, dass BIN LADIN sie wie ein Politiker vom Blatt ablas, ohne die \u00fcbliche Kalaschnikow zur Seite zu haben. Als al-ZAWAHIRI sich am 29. November erneut in einem Video zeigte, machte er mit eben dieser Kalaschnikow klar, dass der Kampf gegen die Vereinigten Staaten weitergehe, wenn sich die Politik Washingtons nicht \u00e4ndere. Die Propagandaseiten im Internet und die dort verbreiteten Inhalte beziehen sich in erster Linie auf die bekannten Konfliktherde: Irak, Tschetschenien, Saudi-Arabien und Pal\u00e4stina. Vor allem die Ereignisse im Irak machen es Djihad-Propagandisten leicht, Muslime als Opfer darzustellen, die man nur durch Gewalt verteidigen und r\u00e4chen k\u00f6nne. Nicht zuletzt die Angrif24","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus fe auf Falludja und die Folterungen in amerikanischen Gef\u00e4ngnissen versorgten die Aktivisten mit Propagandamaterial, das sie auf zum Teil \u00e4u\u00dferst professionell betriebenen Seiten im Internet verbreiten konnten. Die einschl\u00e4gigen Terrorseiten, von denen es inzwischen mehrere tausend im Internet geben soll, verfolgen mehrere Ziele und bedienen verschiedene Zielgruppen. Zun\u00e4chst wenden sie sich an einen Sympathisantenkreis und andere Terroristen. Informationen werden ausgetauscht, m\u00f6gliche Mitk\u00e4mpfer sollen rekrutiert werden. Da mit der Zerst\u00f6rung der Ausbildungslager in Afghanistan eine wichtige Basis f\u00fcr die Rekrutierung von K\u00e4mpfern weggefallen ist, werden die Ausbildungsinhalte Internetseite von \"The Army of Ansar Alsunnah\" \u00fcber das Internet einem breiten Publikum bekannt gemacht. Handb\u00fccher und Texte erl\u00e4utern, wie verschiedene Waffensysteme funktionieren, was beim Bau von Bomben zu beachten ist, wie man mit Beh\u00f6rden umgeht und wie man konspirativ kommunizieren soll. Dieses praktische Wissen wird mit ideologischen Inhalten unterf\u00fcttert. Internetbanner mit dem Konterfei von Abdullah AZZAM So finden sich auf den Seiten noch immer Reden und Videomitschnitte von Abdullah AZZAM, einem Afghanistanveteran, der als Vordenker des Djihadismus gilt. J\u00fcngere Schriften stammen von Djihad-Ideologen der arabiDjihadschen Halbinsel aus Saudi-Arabien. Vor allem die theoretischen Schriften Ideologen Yusuf AYIRIs finden eine gro\u00dfe Verbreitung. Bis zu seinem Tod in einem Feuergefecht mit saudischen Sicherheitskr\u00e4ften im Juni 2003 soll er als Internetexperte von \"al-Qaida\" auf der arabischen Halbinsel t\u00e4tig gewesen sein. Er genie\u00dft in der Szene hohes Ansehen, da er bereits in Afghanistan gegen die Sowjettruppen gek\u00e4mpft haben soll. Angeblich ist er auch ein pers\u00f6nlicher Leibw\u00e4chter BIN LADINs gewesen. Sein Buch \"Die Wahrheit \u00fcber den Neuen Kreuzfahrerkrieg\" liefert eine theologische Rechtfertigung der Anschl\u00e4ge vom 11. September 2001. In einer weiteren Schrift \"Die Zukunft des Irak und der Arabischen Halbinsel nach dem Fall Bagdads\" hegt AYIRI die Hoffnung, dass nun der Djihad die ganze Region erfassen werde. 25","Ein weiteres Ziel der Djihad-Propaganda ist die psychologische Kriegsf\u00fchrung, in deren Rahmen der Feind eingesch\u00fcchtert werden soll. Durch das Zeigen grausamster Bilder von Hinrichtungen wie das K\u00f6pfen von Geiseln oder aber von Anschl\u00e4gen und deren blutige Folgen soll insbesondere der Betrachter im \"Westen\" in Angst und Schrecken versetzt werden. Auf diesen Seiten wird dem Feind gedroht und gezeigt, dass die eigenen K\u00e4mpfer keine Angst vor dem Tod haben. Die toten K\u00e4mpfer werden dort beinahe wie Heilige als \"M\u00e4rtyrer\" verehrt und als nachahmenswerte Vorbilder vorgestellt. irakische Die \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum erreichbare Webseite der az-ZARQAWITerrorwebsite Gruppe \"Tauhid wa'l-Djihad\" zeigte den Trend zu brutalen Bildern, mit denen man die erkl\u00e4rten Feinde einsch\u00fcchtern m\u00f6chte, besonders deutlich. Lud man diese Seite auf einem Computer, so erklang ein Bittgebet, dem zufolge der gesamte Westen mit g\u00f6ttlichem Zorn ausgel\u00f6scht werden soll. Dieses freigesprochene Bittgebet (\"Dua\") nimmt inzwischen weltweit in islamistischen Zirkeln eine herausgehobene Stellung ein. Es stammt von einem renommierten Scheich in Saudi Arabien, der dieses Gebet im Ramadan des Jahres 2001 in Mekka formuliert hatte und daraufhin von den saudischen Beh\u00f6rden verhaftet wurde. Eine im Internet besonders aktive englische Gruppierung \"al-Muhajiroun\" nahm diese Tonspur und unterlegte sie mit entsprechend propagandistischen Bildern. Die Botschaft dieses Films traf auch in deutschen islamistischen Kreisen auf Zustimmung. In einigen Chatr\u00e4umen wurde die Adresse verbreitet, unter der man diesen knapp neunmin\u00fctigen Film betrachten und herunterladen konnte. Viele, die ihn sahen, schrieben, dass sie zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt und tief bewegt waren. Das lag vor allem an den grausamen Bildern von muslimischen Kindern, die als Kriegsopfer gezeigt werden. Ein anderes Dokument djihadistischer Propaganda ist der Brief einer vermeintlichen Frau eines \"M\u00e4rtyrers\" in Saudi-Arabien an die Frau des als Geisel in Saudi-Arabien gek\u00f6pften Amerikaners Paul Johnson. Das Schriftst\u00fcck wurde 2004 online in dem Djihad-Magazin \"Saut al-Djihad\" (Stimme des Djihad) ver\u00f6ffentlicht. Dort schrieb die angebliche M\u00e4rtyrerwitwe: \"Ich habe geh\u00f6rt, dass du im Fernsehen gezeigt wurdest und dich wunderst, welches Verbrechen dein 26","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Mann begangen haben soll. Wahrscheinlich wei\u00dft du, dass er einer der gr\u00f6\u00dften Kriminellen war, obwohl er aus Sicht der Ungl\u00e4ubigen unschuldig war. Denn sie nennen die Unschuldigen, die ihre Rechte verteidigen, kriminell, und die Schuldigen unschuldig (...) Was war wohl der Grund daf\u00fcr, dass dein Mann an den Apache Helikoptern gearbeitet hat. Glaubtest du, dass diese Helikopter \u00fcber Afghanistan, Pal\u00e4stina und dem Irak Blumen und S\u00fc\u00dfigkeiten \u00fcber die K\u00f6pfe der Kinder aus sch\u00fctten? (...) Du sollst wissen, dass unsere Br\u00fcder, die ihr in euren Gef\u00e4ngnissen haltet und die Br\u00fcder, die dein Mann mit dem Hubschrauber verbrannte, nicht allein sind. Denn es gibt Herzen, die f\u00fcr sie schlagen, so wie dein Herz f\u00fcr deinen Ehemann schlug. Nein, wir lieben sie mehr, als du dir vorstellen kannst, denn das Blut eines Muslims ist f\u00fcr uns wertvoller als die Kaaba12, aber das Blut deines Mannes ist das Blut eines Hundes, weil er ein G\u00f6tzen anbetender Ungl\u00e4ubiger ist. Wei\u00dft du, dass wir noch nichts f\u00fcr das vergossene Drohbrief einer Blut der Muslime und das Blut meines Mannes M\u00e4rtyrerwitwe unternommen haben? Wir haben gerade begonnen, und der Leiche deines Mannes m\u00f6gen noch Berge von Leichen seiner Landsleute folgen, wenn sie nicht das Land des Propheten verlassen\".13 Dieser Brief rechtfertigte die T\u00f6tung von Ausl\u00e4ndern in Saudi-Arabien und enthielt die Drohung, diese weiterhin zu entf\u00fchren oder zu t\u00f6ten. Im Jahr 2004 kam es immer wieder zu gezielten Anschl\u00e4gen auf Ausl\u00e4nder. Diese Anschl\u00e4ge wurden auf den Internetseiten gefeiert. Sie w\u00fcrden - so die Drohung - so lange fortgef\u00fchrt, bis alle Ausl\u00e4nder Saudi-Arabien verlassen h\u00e4tten. Auf den teilweise schwer zu findenden Netzseiten findet sich neben einem umfangreichen Schrifttum, das im engeren Zirkel islamistischer Kreise wahrgenommen wird und propagandistisch hoch wirksam ist, auch umfangreiches Tonmaterial von Reden, Vortr\u00e4gen und Predigten. In den letzten Monaten des Jahres 2004 wurden Bilddokumente, Videos und digitale Ein12 Islamisches Heiligtum in Mekka; Ziel der dem Muslim vorgeschriebenen Pilgerreise. 13 Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg aus dem Arabischen. 27","zelbilder ein immer wichtigeres Medium f\u00fcr die \u00dcbermittlung der blutigen Botschaften. Daneben konnte sich der Personenkreis, der sich f\u00fcr den Djihad begeisterte, auch Lieder und Gedichte auf diesen Propagandaseiten anh\u00f6ren und lesen. Die Wirkung dieser Propaganda auf Muslime im Ausland ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Die Inhalte dieser Seiten kommen in Europa und hier in Deutschland in bestimmten Kreisen an. Besonders deutlich wurde dies am Mord an 2. November 2004, als der niederl\u00e4ndische Filmemacher Theo van Gogh Theo van Gogh von einem jungen Attent\u00e4ter get\u00f6tet wurde. Er war von dieser Art Propaganda derart beeinflusst, dass er seinem Opfer die Kehle zu durchschneiden versuchte und einen Text auf dem Opfer zur\u00fccklie\u00df, der dieselbe hasserf\u00fcllte Sprache wie die Djihad-Propaganda zeigte. 2.3.7 Weltweite Spuren der Gewalt Wie im Vorjahr kam es erneut weltweit zu schweren terroristischen Anschl\u00e4gen mit islamistischem Hintergrund. Viele dieser Terrorakte lassen sich aufgrund von polizeilichen Ermittlungen, entsprechenden Bekennerschreiben oder -videos unmittelbar einer bestimmten Gruppe oder ideologischen Richtung zuordnen. Auf beinahe jeden Anschlag folgte eine Reaktion auf den einschl\u00e4gigen Websites. Europaweit wurden unterschiedliche Aktivit\u00e4ten von islamistischen Terrorzellen festgestellt, die zu Verhaftungen in Spanien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Deutschland und Gro\u00dfbritannien f\u00fchrten. Die blutige Spur der Anschl\u00e4ge und Terrorakte durchzieht gro\u00dfe Teile der islamischen Welt. Schwerpunkte waren auch im Jahr 2004 der Irak, SaudiArabien, Israel, Tschetschenien, Indonesien und Pakistan. Aber auch in Westeuropa schlugen die Terroristen blutig zu. Spanien und die Niederlande wurden von islamistisch motivierten Gewalttaten ersch\u00fcttert. An dieser Stelle sei nur an die schlimmsten Ereignisse dieser Art erinnert: Am Vormittag des 11. M\u00e4rz ereigneten sich in Madrid/Spanien mehrere Explosionen in vier Vorortz\u00fcgen, als diese in verschiedene Bahnh\u00f6fe einfuhren. 191 Menschen starben und \u00fcber 1.500 Menschen wurden verletzt. Die T\u00e4ter waren \u00fcberwiegend aus Marokko stammende Einwanderer mit Beziehungen zum \"al-Qaida\"-Netzwerk. Als die Wohnung, in der sich mehrere Ver28","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus d\u00e4chtige aufhielten, am 4. April von Spezialkr\u00e4ften der spanischen Polizei gest\u00fcrmt wurde, sprengten sich diese Mudjahidin in die Luft. Dabei starben f\u00fcnf Verd\u00e4chtige, einer hatte noch eine Sprengladung um seinen K\u00f6rper gebunden. Ein Polizist wurde von der Wucht der Explosion get\u00f6tet und 15 weitere zum Teil schwer verletzt. Am 2. November ermordete ein junger Mann marokkanischer Abstammung in Amsterdam/Niederlande auf offener Stra\u00dfe den Filmemacher Theo van Gogh. Das am Tatort zur\u00fcckgelassene Schreiben gab Auskunft \u00fcber die islamistische Motivlage des Attent\u00e4ters. Der brutale Mord wies Elemente auf, die darauf hindeuteten, dass der Attent\u00e4ter von grausamster Internetpropaganda beeinflusst war. Im Irak verging beinahe kein Tag, an dem nicht mehrere Anschl\u00e4ge durchgef\u00fchrt wurden. Bei diesen Bluttaten starben Hunderte von Menschen. Ziele der Anschl\u00e4ge waren nicht nur die Besatzungstruppen, sondern auch irakische Infrastruktureinrichtungen wie Pipelines oder Kraftwerke. Kirchen wurden zum Ziel von Anschlagsserien. Furchtbare Folgen hatten die Anschl\u00e4ge auf Rekrutierungsb\u00fcros des irakischen Milit\u00e4rs oder irakische Polizeistationen. Am 1. Februar wurden in Erbil 117 Menschen bei einem Doppelanschlag auf die B\u00fcros zweier Kurdenparteien14 get\u00f6tet. Am 10. Februar starben in Iskanderiya mehr als 50 Menschen, nachdem sich ein Selbstmordattent\u00e4ter vor einem Rekrutierungsb\u00fcro in die Luft gesprengt hatte. Die schiitischen Pilgerz\u00fcge in Bagdad und Kerbala wurden am 2. M\u00e4rz, dem Aschuraund damit dem h\u00f6chsten schiitischen Fest Ziel von Bombenanschl\u00e4gen. 271 Tote und Hunderte Verletzte waren zu beklagen. Seit Beginn des Jahres 2004 kam es im Irak immer h\u00e4ufiger zu Geiselnahmen. Gruppen mit sehr unterschiedlichen ideologischen oder kriminellen Hintergr\u00fcnden haben Hunderte irakischer \u00c4rzte, Gesch\u00e4ftsleute und deren Verwandte als Geiseln genommen. F\u00fcr Schlagzeilen sorgten die Entf\u00fchrungen von mehr als hundert Ausl\u00e4ndern, die entweder als Lastwagenfahrer, als Journalisten oder Mitarbeiter von Hilfswerken im Land waren. \u00dcber 30 sind gesteigerte von ihren Entf\u00fchrern ermordet worden. Brutalit\u00e4t 14 Betroffen waren B\u00fcros der \"Demokratischen Partei Kurdistans\" (KDP) und der \"Patriotischen Union Kurdistans\" (PUK). 29","Am 11. Mai 2004 wurde der Amerikaner Nick Berg von seinen Geiselnehmern enthauptet. Mit dieser Tat begann eine Serie grausamer Hinrichtungen. Die Entf\u00fchrer ver\u00f6ffentlichten jedes Mal die Bilder ihrer blutigen Tat im Internet. Die Brutalit\u00e4t der Geiselnehmer kannte dabei keine Grenzen. Einige islamische Gelehrte gossen immer wieder zus\u00e4tzlich \u00d6l in das Feuer, indem sie zum Widerstand gegen die Truppen der Amerikaner und deren Verb\u00fcndete aufforderten. Im November 2004 wandten sich 26 einflussreiche saudische Gelehrte mit einem offenen Brief an die islamische Welt, in dem sie den \"Kampf gegen die Besatzer\" zur Pflicht eines jeden Muslim erkl\u00e4rten.15 Einzelne Gelehrte gingen so weit, dass sie Geiselnahme, Bombenanschl\u00e4ge und andere Terrorakte im Irak als Formen legitimen Widerstands oder des Djihads zur Verteidigung der Muslime erkl\u00e4rten. Am 18. Juni 2004 wurde der entf\u00fchrte Amerikaner Paul Johnson von seinen Entf\u00fchrern in Saudi Arabien enthauptet. Damit wurde die in einer Videobotschaft ausgesprochene Drohung, wonach man die K\u00f6pfe der \"Ungl\u00e4ubigen\" abschneiden wollte, erneut in die Tat umgesetzt. In Khobar kam es am 29. Mai 2004 in einem Wohnkomplex ausl\u00e4ndischer \u00d6larbeiter zu einer Geiselnahme. Bei der Erst\u00fcrmung durch saudische Spezialeinheiten starben 22 Menschen. Die Geiselnehmer erkl\u00e4rten in einer Internetbotschaft, dass sie einen schwedischen \"Ungl\u00e4ubigen\" gek\u00f6pft und dessen Kopf am Eingang des Geb\u00e4udekomplexes abgelegt h\u00e4tten. In \u00c4gypten wurden am 7. Oktober 2004 israelische Urlauber auf der Sinaihalbinsel das Ziel von zwei Anschl\u00e4gen. Dabei starben 29 Menschen und 122 wurden verletzt. In Taba wurde das Hilton-Hotel teilweise zerst\u00f6rt, als ein Gel\u00e4ndewagen mit Sprengstoff auf dem Hotelparkplatz explodierte. Auf einem Campingplatz z\u00fcndeten Terroristen zwei kleinere Sprengs\u00e4tze. Dabei kamen vier Menschen ums Leben. In Russland st\u00fcrzten am 24. August 2004 beinahe zeitgleich zwei Flugzeuge auf Inlandsfl\u00fcgen ab. Die Untersuchungen an den Wracks ergaben, dass zwei Selbstmordattent\u00e4terinnen tschetschenischer Herkunft Sprengs\u00e4tze in ihrem Gep\u00e4ck gez\u00fcndet hatten. Weltweit f\u00fcr Entsetzen sorgte die Geiselnahme am 1. September 2004 in einer Schule in der Kleinstadt Beslan in Nordossetien. Den Terro15 Homepage von al-Jazeera vom 6. November 2004. 30","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus risten gelang es, \u00fcber 1.000 Menschen, die den Schuljahresbeginn feierten, in ihre Gewalt zu bringen. Als nach drei Tagen die Schulgeb\u00e4ude gest\u00fcrmt wurden, starben nach offiziellen Angaben 344 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Die \u00fcberwiegende Zahl der Anschl\u00e4ge seit dem 11. September 2001 galt so genannten weichen Zielen (soft targets), die aufgrund ihrer Vielzahl kaum gesch\u00fctzt werden k\u00f6nnen. Das Jahr 2004 lie\u00df auch aufgrund der Entwicklungen im Irak die internationale Gefahr durch islamistische Terroristen nicht zur\u00fcckgehen. Die Gefahr, die von diesen Gruppierungen ausgeht, blieb und bleibt hoch. 2.4 Islamistische Organisationen aus dem arabischen Raum 2.4.1 Islamistische Organisationen aus dem sunnitischen Bereich 2.4.1.1 Die \"Muslimbruderschaft\" (MB) und ihre nationalen Ableger Die \"Muslimbruderschaft\" (MB) wurde 1928 in \u00c4gypten von dem Grundschullehrer Hassan al-BANNA16 gegr\u00fcndet, der damit den Grundstein f\u00fcr den Islamismus legte. Das Ziel der MB war eine Reformierung und \"Erziehung\" der Gesellschaft, damit sie wieder zum \"wahren Islam\" zur\u00fcckfinde. Die Ideologie der MB umfasst sowohl die Vorstellung davon, wie der ideale islamische Staat auszusehen hat, als auch das Konzept einer idealen islamischen Gesellschaft. Die MB lehnt den NationalHassan al-BANNA staatsgedanken ab und strebt die InternationalisieInternationarung ihrer Ideologie an. Ihr Ziel ist die \"Islamische Nation\". Die politischen lisierung ihrer und wirtschaftlichen Eliten in der islamischen Welt werden als korrupt, Ideen als Ziel dekadent und pro-westlich abgelehnt, w\u00e4hrend den Geistlichen im Staatsdienst unterstellt wird, von den jeweiligen Regimen instrumentalisiert zu werden. 16 Der \u00c4gypter Hassan al-BANNA (1906-1949) nahm bereits 1919 an antibritischen Revolten in \u00c4gypten teil. Systematische Werke von al-BANNA existieren nicht: In offenen Briefen (\"Sendschreiben\") unterwies er seine Anh\u00e4nger. Die zentrale Idee seiner Lehre begreift den Islam als ein auf sich selbst beruhendes totales System, das auf dem Koran und der Sunna basiert und zu jeder Zeit an jedem Ort anwendbar ist. \"Die Ordnung des Islam\" ist auf keine bestimmte Regierungsform wie Demokratie oder Monarchie festgelegt. 31","Nach dem Tod von Ma'mun al-HUDAIBI, dem sechsten \"Obersten F\u00fchrer\" (Al-murshid al-amm) der \"Muslimbruderschaft\", wurde Mahdi AKIF17 im Alter Wechsel von 76 Jahren am 9. Januar 2004 zu seinem Nachfolger an der F\u00fchgew\u00e4hlt. AKIF hatte Anfang der 80er Jahre sechs Jahre rungsspitze in Deutschland gelebt, war Leiter des \"Islamischen Zentrums in M\u00fcnchen\" (IZM) und f\u00fcr die europ\u00e4ischen Zweigstellen der \"Muslimbruderschaft\" verantwortlich. Er r\u00fchmt sich, dass die F\u00fchrungsleute der meisten \"islamischen Bewegungen\" einschlie\u00dflich des derzeitigen t\u00fcrkischen Premierministers seine Sch\u00fcler Mahdi AKIF gewesen seien. 1996 wurde AKIF in Kairo aufgrund seiner aktiven MB-Mitgliedschaft von einem Milit\u00e4rgericht zu drei Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Anl\u00e4sslich der Trauerfeier des bei einem israelischen Luftangriff get\u00f6teten F\u00fchrers der zur MB geh\u00f6renden HAMAS, Scheich Ahmad YASSIN, rief AKIF im M\u00e4rz 2004 vor 7.000 Demonstranten zum \"Heiligen Krieg gegen die Zionisten und die, die hinter ihnen stehen\"18, auf, womit er in erster Linie die USA meinte. Nach der gezielten T\u00f6tung des neuen HAMAS-F\u00fchrers Abd al-Asis al-RANTISSI im April 2004 durch die Israelis sagte AKIF: \"Worte sind nicht genug, Taten sind notwendig, die Ermordung von al-Rantissi wurde mit dem gr\u00fcnen Licht des Wei\u00dfen Hauses vollzogen. Wir m\u00fcssen Amerika und die Zionisten boykottieren und jede Art von Beziehung mit ihnen einstellen. Wir wollen keine Feindschaft zu unseren Herrschern zeigen; wir wollen, dass sie mit uns kooperieren und ihren Nationen die Freiheit geben, die Zionisten und Amerikaner zu boykottieren. Alle - Herrscher und Beherrschte - m\u00fcssen sich zusammenschlie\u00dfen, um der feigen Herabsetzung der Werte und der arabi17 AKIF soll Mitglied des paramilit\u00e4rischen Fl\u00fcgels der \"Muslimbruderschaft\" gewesen sein und gegen die britischen Besatzer in \u00c4gypten gek\u00e4mpft haben. Er war unter dem Oberst und sp\u00e4teren \u00e4gyptischen Staatspr\u00e4sidenten Gamal Abd el-Nasser wegen Umsturzpl\u00e4nen zum Tode verurteilt worden und verbrachte nach Aufhebung des Todesurteils 20 Jahre im Gef\u00e4ngnis (1954-1974). 18 Artikel \"Nahostkonflikt\" auf T-Online-Nachrichtenwebsite vom 25. M\u00e4rz 2004. 32","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus schen und muslimischen L\u00e4nder Einhalt zu gebieten.\" 19 Sein Ton versch\u00e4rfte sich im Lauf des Jahres noch. Im August 2004 ver\u00f6ffentlichte er einen Appell, in dem er seine Unterst\u00fctzung des irakischen Widerstands zum Ausdruck brachte: \"Es gibt keine Alternative, als dass die [muslimiAufruf zum schen] V\u00f6lker ihre politische und nationale UnterWiderstand st\u00fctzung des Widerstands fortsetzen, materiell und moralisch, in Pal\u00e4stina, Irak und Afghanistan (...)\"20 Die jahrzehntelange Verfolgung der MB in \u00c4gypten und der ideologische Anspruch der Internationalisierung der MB-Ideologie hatte allm\u00e4hlich die Ausbreitung dieser Organisation in der gesamten arabischen Welt zur Folge. Dies f\u00fchrte im Laufe der Zeit zur Gr\u00fcndung zahlreicher nationaler \"Zweigregionale stellen\". Diese Ableger vertraten neben dem origin\u00e4ren Gedankengut der Ableger MB die nationalen Interessen des jeweiligen Ablegers. Das manifestierte sich teilweise in erbitterter Gegnerschaft gegen die lokalen Regime, was in einigen F\u00e4llen die Anwendung von Gewalt mit einschloss. Nach wie vor werden von den milit\u00e4rischen Fl\u00fcgeln der jeweiligen nationalen Ableger trotz der Distanzierung der MB von Gewalt blutige \u00dcbergriffe ver\u00fcbt. Die algerische \"Islamische Heilsfront\" (FIS) verf\u00fcgte beispielsweise \u00fcber einen milit\u00e4rischen Fl\u00fcgel, die \"Islamische Armee der Errettung\" (AIS), aus der wiederum die Splittergruppen \"Islamische Bewaffnete Gruppe\" (GIA) und \"Gruppe f\u00fcr Predigt und Kampf\" (GSPC) hervorgingen. Beide zeigten eine noch gr\u00f6\u00dfere Gewaltbereitschaft und sind f\u00fcr Gr\u00e4ueltaten in gro\u00dfem Ausma\u00df verantwortlich. Auch der pal\u00e4stinensische MB-Ableger \"Bewegung des islamischen Widerstands\", besser bekannt als HAMAS21, verf\u00fcgt \u00fcber einen k\u00e4mpfenden Fl\u00fcgel, die \"Izz ad-Din al-Qassam-Brigaden\", die ebenfalls massive Gewalt in Form von Selbstmordattentaten gegen Zivilisten anwenden. Sowohl die Ursprungsorganisation als auch deren nationale Ableger k\u00f6nnen auf Anh\u00e4nger und Sympathisanten in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg zur\u00fcckgreifen, die wiederum versuchen, \u00fcber Organisationen beziehungsweise informelle Strukturen zu agieren. 19 Arabisches Nachrichtenportal vom 12. November 2004; Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 20 URL: http://www.freemuslims.org/news vom 12. November 2004. 21 \"Harakat al-Muqawama al-Islamiya\". 33","2.4.1.1.1 \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) Die \"Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V.\" (IGD) ist eine einflussreiche sunnitische Organisation arabischer Islamisten in Deutschland, die seit 1960 besteht und ihren Hauptsitz in M\u00fcnchen hat. Sie unterh\u00e4lt eine Zweigstelle in Stuttgart. Es gibt in Baden-W\u00fcrttemberg noch weitere \"Islamische Zentren\", die mit der IGD nach eigenen Angaben in Koordination stehen (Karlsruhe, Sinsheim und T\u00fcbingen). 2004 fand eine juristische und organisatorische Umstrukturierung der \"Islamischen Zentren\" statt. In Baden-W\u00fcrttemberg, wo der IGD circa 190 Mitglieder beziehungsweise Sympathisanten zugerechnet werden, ist sie im \"Zentralrat der Muslime in Baden-W\u00fcrttemberg\" vertreten. Der sich als \"unabh\u00e4ngig\" bezeichnende Dachverband \"Zentralrat der Muslime in Deutschland\" (ZMD) vertritt auch die Interessen der IGD, die Mitglied im ZMD ist. Auf europ\u00e4ischer Ebene ist die IGD als Mitglied der \"Federation of Islamic Organisations in Europe\" (FIOE)22 vertreten. Die Au\u00dfendarstellung der IGD ist aus taktischen Gr\u00fcnden allerdings bewusst moderat gehalten. Im Gegensatz zum IGD-Jahrestreffen 2003 fand das Jahrestreffen 2004 in den Medien kaum Beachtung. Es wurde in Essen am 18. September und einen Tag sp\u00e4ter in Berlin unter dem Motto \"Muslime in Deutschland, Bereicherung statt gro\u00dfer Bedrohung!\" durchgef\u00fchrt. Eigenen Angaben Zulauf bei zufolge nahmen in Essen rund 10.000 und in Veranstaltung Berlin etwa 3.000 Personen an den Veranstaltungen teil. Zu den Rednern geh\u00f6rten sowohl Personen aus Deutschland als auch Vortragende, die aus dem Ausland angereist waren. Es sprachen unter anderem Ahmad von DENFFER vom \"Islamischen Zentrum in M\u00fcnchen\" (IZM), Dr. Murad HOFMANN, Professor Issam al ATTAR, Amr KHALED und Dr. Omar ABD al-KAFI. Als Funktionstr\u00e4ger waren auch der Generalsekret\u00e4r der t\u00fcrkisch-islamistischen \"Islamischen Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG), Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc, und der Vorsitzende des ZMD, Nadim ELYAS, eingeladen. 22 Die FIOE pflegt als internationaler Dachverband die Auslandsbeziehungen und vertritt offiziell die Position, die zentrale Anlaufstelle im sunnitisch-islamischen Bereich zu sein. Ihre politische Linie ist darauf ausgerichtet, sich eine zunehmend st\u00e4rkere Position zu sichern, um andere islamische Organisationen und Vereine kontrollieren zu k\u00f6nnen. Ideologisch sieht sich die FIOE dem Erbe des Gr\u00fcnders der \"Muslimbruderschaft\", Hassan al-BANNA, verpflichtet. 34","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Mit dem \u00c4gypter KHALED konnte die IGD einen in der gesamten arabiprominente schen Welt ausgesprochen popul\u00e4ren Referenten gewinnen. Er wird auch \"Muslimbr\u00fcder\" als \"Jugendimam\" bezeichnet, weil er vor allem die arabischsprachige Jugend und die Frauen der muslimischen Gemeinden weltweit anspricht. Durch den islamischen Satellitensender Iqra hat KHALED die M\u00f6glichkeit, w\u00f6chentlich seine Ansichten zu verbreiten. Vermutlich wurde ihm seitens der \u00e4gyptischen Beh\u00f6rden nahe gelegt, nicht mehr in \u00c4gypten zu predigen, worauf er seinen Wohnsitz zu Studienzwecken nach London verlegte. KHALED ist in vielf\u00e4ltiger Weise mit wichtigen Personen aus dem Umfeld der \"Muslimbruderschaft\" verbunden. Er selbst gilt aber in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung als ein \"unpolitischer\" Vertreter des Islam, der sich vor allem der allt\u00e4glichen Probleme von heranwachsenden Muslimen annimmt. Bei seinen Ansichten handelt es sich freilich um einen streng dogmatischen Islam in scheinbar modernem Gewand. Amr KHALED Al-KAFI findet besonders bei der wohlhabenden Schicht und bei Prominenten Geh\u00f6r. Er hat einige prominente Araberinnen \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, den Schleier zu tragen, unter ihnen auch eine bei al-Jazeera besch\u00e4ftigte algerische Nachrichtensprecherin. Sie ist die einzige der zahlreichen Moderatorinnen und Nachrichtensprecherinnen des popul\u00e4ren Satellitensenders, die den Schleier tr\u00e4gt. Die Wirkung auf junge Musliminnen, die in der islamischen Welt nur wenige weibliche Vorbilder in gehobenen Positionen finden, ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Der fr\u00fchere F\u00fchrer der MB in Syrien, Professor Issam al-ATTAR, der nach seiner Flucht aus Syrien in Deutschland lebt, hat im August 2004 ebenfalls den Appell23 der MB unterschrieben, der zur Unterst\u00fctzung derjenigen Kr\u00e4fte aufforderte, welche die Koalition im Irak bek\u00e4mpfen. Dieser Aufruf, der von der in London erscheinenden arabischen Zeitung al-Quds al-Arabi am 23. August 2004 ver\u00f6ffentlicht wurde, wurde von 93 Islamgelehrten und F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten islamistischer Organisationen aus aller Welt unterschrieben, darunter von islamistischen Meinungsf\u00fchrern wie dem HAMAS-F\u00fchrer Khaled MASHAL, dem Generalsekret\u00e4r des \"Pal\u00e4stinensischen Islamischen Djihad\", Dr. Ramadan Abdallah SHALAH, und dem Generalsekret\u00e4r der \"Hizb Allah\", Hassan NASRALLAH. 23 Vgl. oben S. 33. 35","Damit hatte die IGD f\u00fcr ihr Jahrestreffen 2004 Personen eingeladen, die keineswegs f\u00fcr eine moderate Auslegung islamischer Prinzipien stehen und die - wie im Fall von al-ATTAR - prinzipiell f\u00fcr eine Fortsetzung der \"Widerstands\"-Handlungen im Irak eintreten. Andererseits pr\u00e4sentierte die IGD mit KHALED jemanden, der ihr ein \"modernes Gesicht\" gibt und ein breites Spektrum der in Deutschland lebenden Muslime anspricht. Die IGD erkl\u00e4rt \"die Entwicklung eines europ\u00e4ischen Fiqhs\"24 zu ihrem Ziel, \"der den Erfordernissen der Lebensweise in Europa gerecht wird\".25 Dies soll offenbar auch dadurch erreicht werden, dass man bei Veranstaltungen wie dieser insbesondere den muslimischen Frauen und der jungen Generation einen Islam pr\u00e4sentiert, der eine \"positive Integration\" in der deutschen Gesellschaft erm\u00f6glichen soll. Dieser Begriff wurde von im Westen lebenden Muslimen als Abgrenzung zum Begriff \"Assimilation\" gepr\u00e4gt, was nach Ansicht vieler Muslime in Europa die negative Variante der Integration darstellen w\u00fcrde. Schon im Jahr 2003 hatte eine Rednerin bei der IGD-Jahresversammlung dargelegt, wie in ihren Kreisen \"Integration\" verstanden werden k\u00f6nnte: Von der lateinischen Grundbedeutung ausgehend, sehe man \"Integration\" als ein islamisches Angebot f\u00fcr eine Gesellschaft, die offensichtlich heilen\"Islam als der Eingriffe bed\u00fcrfe. Somit wird eine islamische L\u00f6sung nach ihrer InterMedizin\" pretation gleichsam als ein Medikament f\u00fcr eine (kranke) s\u00e4kulare Gesellschaft wie die deutsche gereicht.26 Deutlich wird diese Position auch durch Darstellungen Murad HOFMANNs auf der Homepage der IGD. Dort wird zum Beispiel gefordert, den s\u00e4kularen Staat und damit die jetzigen Grundlagen unserer Verfassung zu hinterfragen: \"Im moralischen Bereich erlebt der s\u00e4kulare Staat eben seine Grenzen. Das Abschieben der Religion ins Private - chacun a son gout - erwies sich als erster Schritt ihrer Abschaffung als gesellschaftlich wirksame Kraft. Krass gesagt: Ohne verfasste Religion geht jeder Staat fr\u00fcher oder sp\u00e4ter, aber ganz sicher, moralisch bankrott.\"27 24 Islamisches Recht, wie es von den islamischen Rechtsgelehrten ausgearbeitet wurde. 25 IGD-Satzung vom Januar 2002. 26 IGD-Homepage vom 17. Dezember 2003. 27 Hier und im Folgenden: Murad HOFMANN in seinem Beitrag \"Religion als Privatsache? - Zur Rolle der Religion im \u00f6ffentlichen Raum -\", eingestellt auf der IGD-Homepage vom 18. Januar 2005. 36","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Nachdem HOFMANN den S\u00e4kularismus als potenziellen N\u00e4hrboden f\u00fcr faschistische, kommunistische und nazistische Ideologien darstellt, r\u00e4umt er in demselben Beitrag ein: \"Im Westen verg\u00f6tterten s\u00e4kularistische Ideologen zwar nicht Staat und Nation, wohl aber das Individuum; die Folgen waren und sind ebenfalls fatal. Schlie\u00dflich w\u00e4ren der krasse westliche Materialismus und Konsumerismus ohne die Verbannung der Religion ins Private undenkbar.\" Dies verdeutlicht seine ablehnende Haltung gegen\u00fcber der Rolle des Individuums im Westen, welche er als \"Verg\u00f6tterung\" des Einzelnen empfindet und deren positive Aspekte wie pers\u00f6nliche Freiheit und Pers\u00f6nlichkeitsrechte er v\u00f6llig ausblendet. HOFMANN reduziert damit die Folgen der Selbstbestimmung des B\u00fcrgers auf Ausw\u00fcchse, die er abf\u00e4llig als \"moralische Libertinage\" bezeichnet. F\u00fcr gesellschaftliche Probleme wie \"Alkoholismus, Drogenkonsum, Jugendkriminalit\u00e4t, Kinderpornographie, Abtreibung, Gewalt in der Schule, aggressive Homosexualit\u00e4t und InternetAutismus\" macht er somit ebenfalls den S\u00e4kularismus verantwortlich. Ein funktionierendes Wertesystem kann - so sein Fazit - nur auf der Verbindung von Staat und Religion funktionieren: \"Wir m\u00fcssen uns daher bewusst werden, dass Religion nirgendwo nur Privatsache ist, und gute Miene zu der Rolle zu machen, die Religionen nun einmal \"Islam als unvermeidlich im \u00f6ffentlichen Raum spielen. Darstaatstragende unter in Deutschland als eine staatstragende ReliReligion\" gion der Islam.\" Das verst\u00e4rkte Bem\u00fchen der IGD um die Jugend und die Frauen ist ein Schwerpunkt bei der von der \"Muslimbruderschaft\" als notwendig erachteten \"Erziehung der Gesellschaft\". Dabei handelt es sich um einen pragmatischen Ansatz, um die arabischst\u00e4mmigen Einwanderer der zweiten und dritten Generation \"halten zu k\u00f6nnen\". Gerade die Jugend und die Frauen sind es meist, die sich angesichts der sozio\u00f6konomischen Rahmenbedingungen der europ\u00e4ischen Gesellschaften im Islamverst\u00e4ndnis ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern nicht mehr wieder finden. Sie f\u00fchlen sich eher von der Lebensweise und den Werten der deutschen Gesellschaft angezogen. Die IGD versucht, mit der Einbindung der Frauen und der jungen Generation ihrem Ziel, \"eine Heimst\u00e4tte f\u00fcr den deutschsprachigen Islam\"28 zu werden, und 28 Hier und im Folgenden: IGD-Satzung vom Januar 2002. 37","der \"Schaffung einheitlicher, repr\u00e4sentativer muslimischer Strukturen\" n\u00e4her zu kommen. Dass die Au\u00dfendarstellung der IGD oder ihr nahe stehender Vereine nicht mit der inneren Haltung \u00fcbereinstimmt, erkennt man zum Beispiel, wenn deutschsprachiges Werbematerial mit der arabischsprachigen Version verglichen wird. Aufschlussreich sind auch die Links der IGD-Website: Es gibt einen direkten Verweis zu al-QARADAWIs Homepage und zu der Website \"IslamOnline\", als deren Schirmherr man al-QARADAWI bezeichnen kann. Al-QARADAWI ist Vorsitzender des \"Fatwa-Gremiums\" von \"IslamOnline\". Er hat daher auch die Fatwa mitzuverantworten, welche die Bestrafrauenfeindliche Yusuf al-QARADAWI fung von Vergewaltigungsopfern bef\u00fcrwortet, wenn die Argumentation Frau \"unz\u00fcchtig\" gekleidet gewesen sein soll. Das \"Fatwa Online\"-Angebot wird von arabischsprachigen Muslimen weltweit gerne angenommen. Im Impressum distanziert sich die IGD zwar juristisch von den Inhalten der verlinkten Websites, die Links geben aber gleichwohl Aufschluss \u00fcber organisatorische und personelle Verbindungen der IGD. Von der IGD-Homepage f\u00fchrt ein weiterer Link zur Seite von \"MuslimCity\", deren Inhalte teilweise als bedenklich zu bewerten sind. Dort fiel eine Darstellung besonders auf: Eine Bildmontage zeigte einen Schimpansen mit dem Gesicht des israelischen Premierministers Scharon, der einen kleinen Affen mit dem Gesicht des amerikanischen Pr\u00e4sidenten Bush im Arm hielt. Zwischen den Beinen schaute der Kopf des englischen Premiers Blair hervor. Hinter dieser Darstellung verbergen sich mehrere antiantij\u00fcdische j\u00fcdische und antisemitische Stereotypen. Mit der \u00fcberDarstellung gro\u00dfen Darstellung des \"Affen\" Sharon, in dessen Armen die Politiker Bush und Blair nur klein geratene \"Z\u00f6glinge\" sein k\u00f6nnen, wird das Bild des \u00fcberm\u00e4chtigen \"Juden\" beschworen, der hinter allen politischen Aktionen in der Welt zu vermuten sei. Die Verwandlung von Bush und Blair in \"Affen\" gibt das Stereotyp des \u00fcberm\u00e4chtigen j\u00fcdischen Einflusses wieder, das antisemitischen europ\u00e4ischen Str\u00f6mungen auch nicht fremd ist. Die Darstellung der Politiker als Affen hat aber eine weitere Bedeutung, die vor allem islamische und islamistische Kreise in besonderem Ma\u00dfe anspricht. In ber\u00fcchtigten Freitagspredigten, B\u00fcchern, Pamphleten und Bil38","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus dern werden Juden als Abk\u00f6mmlinge beziehungsweise Br\u00fcder von Affen und Schweinen bezeichnet. Die Begr\u00fcndung hierf\u00fcr finden islamistische Prediger in mehreren Koranversen: \"Seid abscheuliche Affen!\" [Koran 2, 65 und 7, 166] \"Die Gott verflucht hat und denen er z\u00fcrnt, von denen er einige zu Affen und Schweinen gemacht hat.\" [Koran 5, 60] In diesen Koranversen ist zwar von einer bestimmten Gruppe von Juden die Rede, die aufgrund ihrer S\u00fcndhaftigkeit zu Affen und Schweinen werden, die Verfasser solcher antij\u00fcdischer Hetzschriften deuten diese Koranverse jedoch in ihrem Sinne um, so dass nach ihrer Darstellung alle Juden Nachfahren dieser zu Affen und Schweinen mutierten S\u00fcnder seien. Sowohl das Schwein als auch der Affe gelten in islamisch gepr\u00e4gten Gesellschaften als besonders unrein, durchtrieben und hinterh\u00e4ltig. 2.4.1.1.2 \"Harakat al-Muqawama al-islamiya\" (HAMAS) 1978 gr\u00fcndete der Muslimbruder Scheich Ahmad YASSIN die gemeinn\u00fctzige \"al-Mudjamma al-islami\" (\"Islamischer Zusammenschluss\"). Durch ihre Sozialarbeit, welche die F\u00fchrung propagandistisch zu nutzen verstand, erfreute sich diese Organisation bei der Bev\u00f6lkerung des Gaza-Streifen rasch gro\u00dfer Popularit\u00e4t. Mit Beginn des ersten Pal\u00e4stinenseraufstands (\"Intifada\" von 1987 bis 1993) nahm die \"al-Mudjamma al-islami\" den bewaffneten Kampf gegen Israel auf und benannte sich in \"Harakat alMuqawama al-islamiya\" (\"Bewegung des islamischen Widerstands\"), abgek\u00fcrzt durch HAMAS29, um. Im Jahr 2004 stand f\u00fcr die HAMAS die gezielte T\u00f6tung von drei ihrer F\u00fchT\u00f6tung von rer durch Israel im Vordergrund. Das meiste Aufsehen erregte die T\u00f6tung HAMAS-F\u00fchrern von Scheich Ahmad YASSIN am 22. M\u00e4rz, der als Symbolfigur des islamiszentrales Thema tisch-pal\u00e4stinensischen Widerstands galt. Khaled MASHAL, Chef des Politb\u00fcros der HAMAS in Damaskus, reagierte darauf wie folgt: \"Da der Feind auf unsere F\u00fchrung zielt, hat der Widerstand das Recht, einen Gegenschlag gegen die gro\u00dfen zionistischen Chefs zu f\u00fchren, Sharon eingeschlossen.\"30 29 HAMAS ist ein Akronym. Die Anfangsbuchstaben der W\u00f6rter formen einen neuen Begriff: \"Eifer\". 30 Artikel \"Rantisi neuer Hamas-Chef in Gaza\", in: Neue Z\u00fcrcher Zeitung (NZZ)-Online vom 25. M\u00e4rz 2004. 39","Die \"al-QASSAM-Brigaden\" erkl\u00e4rten, Sharon habe mit seiner \"Mordaktion die H\u00f6llentore f\u00fcr Israel\"31 aufgesto\u00dfen. Mit seinem Befehl zum Angriff gegen Schaikh YASSIN habe Scharon auch den Tod von Hunderten Israelis besiegelt. Abd al-Aziz RANTISSI, der nach dem Tod YASSINs vom Stellvertreter zum Hauptverantwortlichen aufr\u00fcckte, sagte bei der TrauerHomepage der \"al-QASSAM-Brigaden\" feier, dass HAMAS den israelischen Besetzern keine Sicherheit zugestehen w\u00fcrde, solange den Pal\u00e4stinensern auch keine gew\u00e4hrt werde. Die Bewegung w\u00fcrde bis zur Befreiung ganz Pal\u00e4stinas k\u00e4mpfen. RANTISSI wurde nur drei Wochen sp\u00e4ter, am 17. April 2004, ebenfalls von den Israelis get\u00f6tet. Beide Aktionen wurden in der islamischen Welt auf das Sch\u00e4rfste verurteilt. Ein weiterer HAMAS-Funktion\u00e4r kam am 26. September in Damaskus durch eine Autobombe ums Leben. Die von HAMAS angedrohten gr\u00f6\u00dferen Vergeltungsma\u00dfnahmen f\u00fcr diese Aktionen Israels blieben zumindest im Jahr 2004 aus. Am 14. Januar 2004 sprengte sich erstmals eine Frau, die der HAMAS angeh\u00f6rte, bei einem Selbstmordattentat in die Luft. Sie riss vier Israelis mit in den Tod. Die aus dem Gazastreifen stammende Attent\u00e4terin war 22 Jahre alt und Mutter von zwei kleinen Kindern. 2.4.1.1.3 \"Al-Aqsa e.V.\" Der Verein \"Al-Aqsa e.V.\" mit Sitz in Aachen war am 5. August 2002 vom Bundesminister des Innern verboten worden. Er steht der HAMAS nahe. Dem Verein wurde vorgeworfen, gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung versto\u00dfen zu haben, da er Spendengelder unter dem Deckmantel angeblicher humanit\u00e4rer Ziele zum Zweck der Gewaltanwendung eingesetzt habe. Es liegt nahe, dass durch die finanzielle Unterst\u00fctzung so genannter M\u00e4rtyrerfamilien die Bereitschaft zu Selbstmordattentaten gef\u00f6rdert wurde, da potenzielle Attent\u00e4ter so sicher sein konnten, dass ihre Hinterbliebenen versorgt w\u00fcrden. Der Verein soll seit seiner Gr\u00fcndung 1991 j\u00e4hrlich circa 700.000 Euro an Spenden f\u00fcr Hilfsbed\u00fcrftige in Pal\u00e4stina gesammelt haben. 31 Artikel \"Israel eliminiert den Hamas-F\u00fchrer Yassin\", in: Neue Z\u00fcrcher Zeitung (NZZ)-Online vom 23. M\u00e4rz 2004. 40","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Aufgrund des Beschlusses des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) vom 16. Juli 2003, nach dem sich die Aktivit\u00e4ten des \"al-Aqsa\" Vereins nicht negativ auf die Sicherheitslage auswirken w\u00fcrden, durfte der Verein vorerst weiter bestehen, allerdings nur unter der Auflage, regelm\u00e4\u00dfig einen Nachweis \u00fcber den Verwendungszweck der Mittel zu erbringen.32 Im Jahr 2004 wurde weiterhin versucht, ein Verbot des \"al-Aqsa e.V.\" zu erwirken, das am 3. Dezember schlie\u00dflich durch das Urteil des BVerwG rechtskr\u00e4ftig wurde.33 Verbot Das Urteil wurde damit begr\u00fcndet, dass sich der Verein zu dem f\u00fcr die rechtskr\u00e4ftig gerichtliche Beurteilung ma\u00dfgeblichen Zeitpunkt des Erlasses der Verbotsverf\u00fcgung gegen den Gedanken der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung gerichtet habe. Dadurch habe der Verein gegen die friedliche Verst\u00e4ndigung des israelischen und des pal\u00e4stinensischen Volkes versto\u00dfen. Au\u00dferdem habe er \u00fcber einen langen Zeitraum und in erheblichem Umfang in Pal\u00e4stina ans\u00e4ssige Sozialvereine, die der pal\u00e4stinensischen Widerstandsbewegung HAMAS zuzuordnen seien, finanziell unterst\u00fctzt. Darin sah das Gericht zugleich eine Unterst\u00fctzung der von der HAMAS ausge\u00fcbten Gewalttaten. Der Nachweis daf\u00fcr, dass die von \"al-Aqsa e.V.\" eingenommenen Spendengelder unmittelbar f\u00fcr die Finanzierung der milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten von HAMAS verwendet wurden, konnte zwar nicht erbracht werden. Da HAMAS jedoch als einheitliches Gebilde zu betrachten sei, k\u00f6nne zwischen den sozialen und milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten von HAMAS nicht unterschieden werden. Die Identifikation des \"al-Aqsa\"-Vereins mit den Zielen von HAMAS stehe fest. 2.4.1.1.4 \"Front Islamique du Salut\" (FIS) Der algerische \"Front Islamique du Salut\" (FIS) beziehungsweise die \"Islamische Heilsfront\" fu\u00dft wie viele andere nationale Bewegungen auf der Ideologie der \"Muslimbruderschaft\". Nach dem Waffenstillstandsabkommen der FIS mit der algerischen Regierung im Jahr 2000 sind FIS-Anh\u00e4nger zu Gruppen \u00fcbergelaufen, die sich bereits in den 1990er Jahren von der FIS abgespalten hatten, der \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) und der \"Groupe salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC). Aus diesem Grund ist der ideologische Hintergrund dieser Gruppen \u00e4hnlich, wenn sich auch das taktische Vorgehen ihrer jeweiligen F\u00fchrung unterscheidet. Internetbanner der FIS 32 Beschluss des BVerwG 6 VR 10.02 vom 16. Juli 2003. 33 BVerwG 6 A 10.02 vom 3. Dezember 2004. 41","Viele Anh\u00e4nger der FIS befinden sich im Ausland, wo auch in 2004 zwei Fl\u00fcgel miteinander konkurrierten. Der Streitpunkt ist die Politik von Rabah KEBIR, dem F\u00fchrer der Exekutivinstanz der FIS im Ausland, der einen eher gem\u00e4\u00dfigten und kompromissbereiten Kurs verfolgt. Die Mehrzahl der Sympathisanten scheint jedoch den Vers\u00f6hnungskurs der FIS gegen\u00fcber der algerischen Regierung als gescheitert zu betrachten. Im Ausland ist daher keine einheitliche Str\u00f6mung zu verzeichnen. Bei den Pr\u00e4sidentschaftswahlen am 8. April 2004 errang Abdel Aziz Bouteflika erneut einen Wahlsieg. Die FIS ist in Algerien weiterhin als politische Partei verboten. 2.4.1.1.5 \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) Aus der FIS ging 1992 die \"Groupe Islamique Arme\" (GIA) beziehungsweise \"Islamische bewaffnete Gruppe\" hervor. Die militante GIA sagte sich 1994 von ihrer Ursprungsorganisation los. Sie kann als ein Beispiel daf\u00fcr betrachtet werden, wie zunehmend kriminelle Tendenzen in einer Organisation zum Tragen kommen. 2.4.1.1.6 \"Groupe salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC) Die GIA selbst blieb nicht von Spaltungstendenzen verschont. Aus ihr ging 1997 die \"Groupe salafiste pour la Predication et le Combat\" (GSPC) beziehungsweise \"Salafitische Gruppe f\u00fcr Predigt und Kampf\" hervor. Algerische Sicherheitsfachleute bef\u00fcrchten, dass GSPC-K\u00e4mpfer, die Medienberichten zufolge in den Irak gereist sein sollen und mit den \"Ansar al-Islam\" kooperiert h\u00e4tten, nach ihrer R\u00fcckkehr auch Selbstmordattentate wie im Irak ver\u00fcben k\u00f6nnten. 2.4.1.1.7 \"An-Nahda\" Der tunesische Ableger der \"Muslimbruderschaft\" ist die \"an-Nahda\" (\"Bewegung der Erneuerung\"). Ihr F\u00fchrer Rashid GHANNOUSHI lebt seit 1992 in London im Exil. In seinen Schriften wird deutlich, dass er von al-BANNA und al-MAUDUDI34 beeinflusst ist. Gleichwohl wird er als Vertreter einer demokratischen Tendenz innerhalb des Islamismus beschrieben. Er lehnt S\u00e4kularismus und Parteienpluralismus nach westlichem Verst\u00e4ndnis ab. In Baden-W\u00fcrttemberg ist die \"an-Nahda\" durch Einzelpersonen vertreten. 34 Abu'l Ala al-MAUDUDI (1903-1979) entwickelte wie Sayyid QUTB (1906-1966) das Prinzip der \"Gottesherrschaft\", wonach der Mensch sich der \"Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes\" unterzuordnen habe. Zur Durchsetzung dieser Herrschaft lehnten sie auch Gewalt nicht ab. 42","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus 2.4.1.1.8 \"Al-Djihad al-Islamiy\" und \"al-Djamaa al-islamiya\" Sowohl der \"al-Djihad al-Islamiy\" (\"Islamischer Djihad\") als auch die \"alDjamaa al-islamiya\" (\"Islamische Gruppe\") sind gewaltbereite Abspaltungen der \"Muslimbruderschaft\" in \u00c4gypten, die blutige Anschl\u00e4ge zu verantworten haben. Az-ZAWAHIRI, der fr\u00fchere F\u00fchrer des \"al-Djihad al-Islamiy\", ist heute der Stellvertreter Usama BIN LADINs in der \"al-Qaida\". Aufgrund ihres jahrelangen Kampfes gegen den \u00e4gyptischen Staat ist die \"al-Djamaa al-islamiya\" sehr geschw\u00e4cht und hat nach ihren letzten Anschl\u00e4gen im Jahr 1997 in Luxor aus pragmatischen Gr\u00fcnden einen allgemeinen Gewaltverzicht erkl\u00e4rt. In Baden-W\u00fcrttemberg ist lediglich die \"al-Djamaa al-islamiya\" durch Einzelpersonen vertreten. Internetbanner der \"al-Djihad al-Islamiy\" 2.4.1.1.9 \"Hizb ut-Tahrir\" (\"Partei der Befreiung\") Die \"Hizb ut-Tahrir\" (\"Partei der Befreiung\") geht ebenfalls auf die MB zur\u00fcck. 1953 wurde sie von Taqi ad-Din an-NABHANI in Jerusalem gegr\u00fcndet und strebt seitdem die internationale Vereinigung aller Muslime unter der Herrschaft eines Kalifen an. Das Kalifat gilt in der Propaganda der Partei als Schicksalsfrage und als die L\u00f6sung aller Probleme der Muslime. Am 3. M\u00e4rz 1924 hatte die t\u00fcrkische Regierung endg\u00fcltig das osmanische Kalifat beendet. Die Jahreszahl 1924 taucht daher in zahlreichen Publikationen der Partei auf, denn das Fehlen eines Kalifen gilt als wichtigster Grund f\u00fcr die zahlreichen Schwierigkeiten der islamischen Umma (Gemeinde). Die \"Hizb ut-Tahrir\" verfolgt eine Politik, die als wichtigstes Ziel die Wiedererrichtung des Kalifats, das mit der Scharia als Rechtsgrundlage die Abschaffung aller staatlicher Grenzen zwischen islamischen Staaten durchsetzen soll. Dieses Ziel verfolgt die Partei nach eigenen Angaben mit den Mitteln der Agitation und Propaganda gewaltfrei. In den einschl\u00e4gigen Propagandatexten finden sich aber immer wieder Passagen, die als Aufruf zur Gewalt verstanden werden k\u00f6nnen. Als Reaktion auf den Irakkrieg und seine Folgen verbreitete die \"Hizb ut-Tahrir\" \u00fcber das Internet verschiedene Flugbl\u00e4tter. Zuletzt wurde ein Flugblatt ver\u00f6ffent43","licht, das vom 8. November 2004 datiert mit dem Titel \"Al-Fallujah ... AlFallujah\". Dort wird eingangs folgendes Koranzitat gestellt: \"Wir werden denen, die ungl\u00e4ubig sind, Schrecken einjagen [im englischen Original \"terror\"] (zur Strafe) daf\u00fcr, dass sie Gott (andere G\u00f6tter) beigestellt haben... Das H\u00f6llenfeuer wird sie (dereinst) aufnehmen - ein schlimmes Quartier f\u00fcr die Frevler!\" [Koran 3:151] Die Leiden der Muslime im Irak spielen in der Propaganda der Organisation eine sehr wichtige Rolle. 2004 wurde im Internet ein Film mit dem Titel \"Das Leid der Muslime im Irak\" ver\u00f6ffentlicht. Darin zitierte man aus dem Brief einer angeblich in einem \"amerikanisch-zionistischen\" Gef\u00e4ngnis befindlichen Gefangenen: \"Nehmt alle Waffen, die ihr kriegen k\u00f6nnt; t\u00f6tet sie [die Amerikaner] und t\u00f6tet uns!\" Der Bundesminister des Innern hatte mit Verf\u00fcgung vom 10. Januar 2003 die Bet\u00e4tigung der \"Hizb ut-Tahrir\" in Deutschland verboten. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erkl\u00e4rte am 21. Januar 2004 die Klage der \"Hizb ut-Tahrir\" gegen das Bet\u00e4tigungsverbot f\u00fcr zul\u00e4ssig. Ein abschlie\u00dfendes Urteil steht noch aus. Das Bet\u00e4tigungsverbot zeigte 2004 insodeutschsprachige Internetseite fern Wirkung, als die Partei keine \u00f6ffentder \"Hizb ut-Tahrir\" lichen Veranstaltungen mehr organisiert trotz Verbots oder durchgef\u00fchrt hat. Im Internet sind die einschl\u00e4gigen Propagandatexte anhaltende und Seiten jedoch nach wie vor zug\u00e4nglich. Sie wenden sich auch mit Propaganda deutschsprachigen Texten an potenzielle Unterst\u00fctzer und werben f\u00fcr die Errichtung des Kalifats. In Deutschland ist die \"Hizb ut-Tahrir\" vor allem in Hochschulkreisen aktiv. Ihre Propagandaschriften zeichnen sich durch ein einheitliches Muster aus. Relativ kurze Koranzitate oder Ausspr\u00fcche des Propheten werden in Verbindung zu aktuellen Ereignissen gesetzt und im Anschluss daran Appelle an die islamische Nation formuliert. Auch nach dem Verbot gelang es der Partei, ihr Propagandamaterial vor allem \u00fcber verschiedene Server in Gro\u00df44","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus britannien im Internet zu verbreiten. Neben der deutschsprachigen Publikation \"Explizit\", der arabischsprachigen \"al-Wai\" (Das Bewusstsein) und der t\u00fcrkischsprachigen \"Hilafet\" (Kalifat) kursieren im Internet auch Propagandaschriften auf Russisch, Englisch, Malaiisch, D\u00e4nisch und Niederl\u00e4ndisch. Im Multimediabereich ver\u00f6ffentlichen Aktivisten der Partei aufw\u00e4ndig gestaltete Videofilme, die man als FlashDateien von der Website der \"Hizb ut-Tahrir\" herunterladen kann. Themen wie der Irakkrieg oder die Lage in Pal\u00e4stina wurden auf diese Weise behandelt. Aktuelle Debatten fanden ihren Widerhall in Artikeln, die ohne Angabe eines Autors auf der Internetseite der \"Hizb ut-Tahrir\" ver\u00f6ffentlicht wurden. Ein Autor besch\u00e4ftigte sich im April 2004 mit der Integration in Europa. Es lag f\u00fcr ihn auf der Hand, dass eine Integration, verstanden als \"Annahme kulturspezifischer Wertvorstellungen und sozialer Normen\" 35, nicht in Frage kommen kann. Dies w\u00e4re die Aufgabe islamischer Wertvorstellungen. Der Autor stellte folgende Scheinfrage: \"Wie k\u00f6nnen wir beispielsweise kulturelle europ\u00e4iVerdammung sche Errungenschaften wie freie Sexualit\u00e4t, uneingewestlicher schr\u00e4nkte pers\u00f6nliche Freiheit, die Isolierung der LebensvorReligion aus allen Belangen des gesellschaftlichstellungen \u00f6ffentlichen Lebens mit den g\u00f6ttlichen Geboten aus Quran und Sunna vereinbaren?\" Und gab dann die Antwort gleichsam als Befehl Allahs in Form eines Koranzitats: \"Und n\u00e4hert euch nicht der Unzucht, sie ist wahrhaft etwas abscheuliches - eine \u00fcble Handlungsweise!\" [Koran 17:32] Der Autor sieht die Muslime daher verpflichtet, an ihrer \"islamischen\" Lebensweise festzuhalten und die L\u00f6sung ihrer Probleme stets aus der Scharia und damit dem islamischen Recht zu suchen. Er betont, dass sich die Muslime in Europa nicht als \"europ\u00e4ische Muslime\" verstehen d\u00fcrfen, son35 Hier und im Folgenden: \"Hizb ut-Tahrir\"-Homepage vom 3. November 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 45","dern als Teil der islamischen Umma, der in Europa lebe. Damit erkl\u00e4rt er auch, dass die Ereignisse in anderen Regionen der islamischen Welt den Muslimen nicht gleichg\u00fcltig sein d\u00fcrften. In einem weiteren Artikel, der sich mit der Angst Europas vor dem Islam befasst, hie\u00df es zum EU-Beitritt der T\u00fcrkei: \"Muslime m\u00fcssen sich nicht nur in der T\u00fcrkei, sondern weltweit gegen Integration unserer L\u00e4nder in wirtschaftliche und politische Gemeinschaften von kapitalistischen Nationen einsetzen.\" In einem weiteren Text \u00fcber das Leben in westlichen L\u00e4ndern wurde formuliert: \"Die Muslime k\u00f6nnen hier in den westlichen L\u00e4ndern keine St\u00e4tte des Islam gr\u00fcnden, was von ihnen auch nicht verlangt wird. Denn die existierende Mauer an Kufr36-Gedanken und -\u00dcberzeugungen macht es ungemein schwierig, wenn nicht unm\u00f6glich die westlichen Gesellschaften - ohne \u00e4u\u00dferen Einfluss - in islamische umzuwandeln.\" In einer \u00fcber 40 Seiten umfassenden Schrift mit dem Titel \"The American Campaign to Suppress Islam\", die ebenfalls auf der \"Hizb ut-Tahrir\"-Homepage abzulesen ist, wird noch deutlicher gemacht, wie allumfassend der Islam als Glaube und Ideologie verstanden wird: \"Einem Muslim ist es nicht erlaubt, irgendeinen Verurteilung von anderen Glauben anzunehmen und sei es eine Religionsfreiheit offenbarte Religion wie die christliche oder die j\u00fcdische oder sei es eine ideologische \u00dcberzeugung, wie Kapitalismus oder Sozialismus oder irgendeine andere Glaubensform als die des Islam. Daraus wird offensichtlich, dass es einem Muslim verboten ist die Religionsfreiheit, wie sie im Kapitalismus gefordert wird, zu akzeptieren. Vielmehr muss er sie ablehnen und jeden der sie fordert zur Rede stellen.\" 36 Unglauben. 46","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Die \"Hizb ut-Tahrir\" ist in vielen Staaten der Welt verboten und wird vor allem in islamischen L\u00e4ndern als gef\u00e4hrlich angesehen, da sie zuerst dort die bestehenden politischen Systeme umst\u00fcrzen will, um ihr Kalifat zu errichten. Die Organisation ist es daher gewohnt, einerseits eine offensive \u00d6ffentlichkeitsarbeit im Internet und \u00fcber Flugbl\u00e4tter zu betreiben und gleichzeitig sich in sehr konspirativen Strukturen zu organisieren. Die \"Hizb ut-Tahrir\" versteht sich als globale Partei, die sich weltweit in mehrere Bezirke aufteilt. Europa ist zu einem einzigen Bezirk zusammengefasst. Ausbreitungsgebiet ist haupts\u00e4chlich Zentralasien (Kirgisien, Usbekistan, Tadschikistan, Pakistan), aber auch der arabische Raum (insbesondere Syrien und \u00c4gypten). Es gibt eine strenge Ordnung, der zufolge die Parteimitglieder in 5er-Gruppen aufgeteilt sind, die jeweils einen Anf\u00fchrer (mushrif) haben. Ungeachtet der regionalen Unterschiede und der spezifischen Probleme, die jeder Bezirk hat, existiert ein einheitliches ideologisches Fundament. 2.4.1.2 \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission\") Die \"Tabligh-i Jama'at\" (\"Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission\") stellt die heute weltweit gr\u00f6\u00dfte islamische Bewegung dar. Der Ursprung dieser missionarischen Erneuerungsbewegung liegt in Indien, in der Region um Delhi. Ende der 1920er Jahre gewann der Gelehrte Maulana Muhammad ILYAS (1885-1944) zahlreiche Sch\u00fcler und Anh\u00e4nger f\u00fcr seine pietistische Wiedererweckungsund Missionsbewegung. \u00c4hnlich wie die Bewegung der \"Muslimbr\u00fcder\" versuchten die Anh\u00e4nger dieser Bewegung ihre muslimische Identit\u00e4t gegen\u00fcber der englischen Kolonialmacht und der hinduistischen Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu betonen. Durch entsprechende Kleidung und Lebensweise wollte man sich von der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung absetzen. Nach der Teilung Indiens 1948 und der Gr\u00fcndung Pakistans hatte die Bewegung dort in den St\u00e4dten Lahore und vor allem im benachbarten Raiwind ihr geistiges Zentrum gefunden. Inzwischen kommen Muslime aus der ganzen Welt nach Pakistan, um dort islamische bei j\u00e4hrlichen Treffen, an denen bis zu zwei Millionen Menschen und mehr Massenbewegung teilnehmen, die Predigten und Vortr\u00e4ge von Gelehrten dieser Bewegung zu h\u00f6ren. Die Auslegung des Korans und der Sunna ist sehr buchstabengetreu und weist seit mehreren Jahren stark wahhabitische37 Z\u00fcge auf. Das bedeu37 Nach der Lehre Ibn Abd al-Wahhabs (1703-1792), dem Begr\u00fcnder der Wahhabiya-Bewegung auf dem Gebiet des heutigen Saudi-Arabien. 47","tet, dass die Anh\u00e4nger einen kompromisslosen, Neuerungen ablehnenden und sehr puristischen, das hei\u00dft an den Werten und Lebensweisen des Propheten orientierten Islam vertreten. Zun\u00e4chst \u00fcberwogen indische Islamvorstellungen, die sich st\u00e4rker an einem mystischen Islam orientierten. Doch bereits ILYAS als der Gr\u00fcnder dieser Bewegung war von der saudischen Reformbewegung, der Wahhabiya, beeindruckt. Besonders die Idee, zu den Idealen der Fr\u00fchzeit zur\u00fcckzukehren und in ihnen das Vorbild und die L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Probleme zu sehen, hatte ihn gepr\u00e4gt. Zentren der Lehre waren zun\u00e4chst Schulen und Moscheen, die in sehr enger Verbindung mit der Deobandibewegung standen. An der Hochschule (Dar al-Ulum) von Deoband, einer kleineren Stadt im nordindischen Staat Uttar Pradesh, lehrten Religionsgelehrte, die eine besonders puristische Auslegung der islamischen Quellen propagierten. Die Taliban Afghanistans waren in den meisten F\u00e4llen Studenten an religi\u00f6sen Schulen, die dem Ideal der Deobandis (Anh\u00e4ngern und Absolventen dieser Schule) verpflichtet waren. Tablighis, die Anh\u00e4nger der Lehren von ILYAS, machen sich als reisende Missionare weltweit auf den Weg und versuchen, in islamischen Gemeinden die aus ihrer Sicht etwas im Glauben nachl\u00e4ssig gewordenen Muslime wieder zum wahren Glauben zur\u00fcckzuf\u00fchren. Aus der Sicht von ILYAS haben die Muslime im 20. Jahrhundert sich viel zu weit von den eigentlichen Lehren des Islam entfernt. Da sich die Tablighis aus diesem Grund prim\u00e4r mit islamischen Glaubensinhalten besch\u00e4ftigen, hat dies dazu gef\u00fchrt, dass man in dieser Bewegung eine unpolitische Str\u00f6mung erkannte. Ins Blickfeld der Sicherheitsbeh\u00f6rden gerieten aber in den letzten Jahren immer wieder einzelne Anh\u00e4nger und Prediger der Tabligh-Bewegung, die bei der Planung und Durchf\u00fchrung gewaltt\u00e4tiger Aktionen beteiligt gewesen sein sollen. Der \u00dcbergang vom spirituell suchenden Sch\u00fcler zum gewaltbereiten und k\u00e4mpfenden Glaubenskrieger scheint h\u00e4ufiger im Umfeld der Missionare oder Prediger der \"Tabligh-i Jama'at\" stattzufinden. Man kann in den kleinen Gruppen von f\u00fcnf bis zwanzig Reisenden, die sich um einen Emir scharen, eine Art Katalysator sehen. Vor allem junge muslimische M\u00e4nner der zweiten oder dritten Einwanderergeneration oder auch neu zum Islam konvertierte k\u00f6nnen im Bann dieser Erweckungsbewegung zu der \u00dcberzeugung gelangen, sich mit gewaltsamen Mitteln f\u00fcr die Sache des Islam einzusetzen. 48","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus In Dewsbury/Gro\u00dfbritannien befindet sich das f\u00fcr ganz Europa bedeutende Zentrum der Bewegung. Diesem ist auch eine Schule zugeordnet, an der Prediger ausgebildet und Missionare auf ihre Reisen vorbereitet werden. In Frankreich ist die Bewegung etwa seit 1968 aktiv. Sehr bedeutend ist sie bei N\u00e4hrboden f\u00fcr der \"Reislamisierung\" der muslimischen Gemeinden und den Immigranten Terrorismus der ersten Generation. Zacarias MOUSSAOUI, der vermeintlich 20. Attent\u00e4ter, der an den Terroranschl\u00e4gen des 11. September 2001 beteiligt werden sollte, Djamel BEGHAL, der ma\u00dfgeblich an der Anschlagsplanung auf die Botschaft der Vereinigten Staaten in Paris beteiligt war und im Juli 2001 auf dem Flug von Pakistan nach Europa in Dubai verhaftet und an franz\u00f6sische Stellen ausgeliefert wurde, und Richard REID, der \"Schuhbomber\", der auf dem Flug von Paris nach Miami einen Sprengsatz z\u00fcnden wollte, stehen im Verdacht, der Bewegung anzugeh\u00f6ren. Die Radikalisierung dieser drei M\u00e4nner scheint im Umfeld von Tabligh-Predigern in Frankreich stattgefunden zu haben. Im Jahr 2004 sind mehrere islamistische Terroristen in die Schlagzeilen geraten, die ihre extremistischen Ansichten und ihre Gewaltbereitschaft in den Zirkeln der Tablighis ausgebildet und vertieft haben. In Deutschland liegen bislang nur vereinzelte Berichte \u00fcber Missionierungen bei Muslimen vor. Hier scheinen vor allem j\u00fcngere Muslime als Zielgruppe in Frage zu kommen. Die Tablighis in Baden-W\u00fcrttemberg verteilen sich auf mehrere gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte, wo sie kleinere Gemeinschaften unterhalten. Reisende Missionare besuchen auch Moscheen in verschiedenen baden-w\u00fcrttembergischen St\u00e4dten und versuchen dabei, Anh\u00e4nger und Unterst\u00fctzer f\u00fcr ihre Bewegung zu gewinnen. Mindestens 30 Aktivisten engagieren sich in Baden-W\u00fcrttemberg in verschiedenen Moscheen und bem\u00fchen sich um die Verbreitung der Lehren von ILYAS. 2.4.1.3 Gruppierungen s\u00e4kularer Pal\u00e4stinenser38 Die Mitglieder der in Deutschland vertretenen revolution\u00e4r-marxistischen pal\u00e4stinensischen Widerstandsorganisationen wie der \"Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas\" (PFLP) und der \"Demokratischen Front f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas\" (DFLP) haben sich in Deutschland auch w\u00e4hrend des Kriegs gegen den Irak und der danach noch andauernden Kampfhandlungen ruhig verhalten. Es gab weder Gewaltanwendung noch wurde zu Demonstrationen aufgerufen. Gewaltanwendung wird allerdings innerhalb der Krisenregion Israel/Pal\u00e4stina bef\u00fcrwortet. Im Unterschied zur DFLP geht die PFLP dabei auch gegen Zivilisten vor, w\u00e4hrend sich die DFLP auf 38 Die [selbst nicht islamistischen] Gruppierungen der s\u00e4kularen Pal\u00e4stinenser werden unter der Rubrik Ziffer 2.4.1 als Organisationen aus dem arabischen sunnitischen Bereich aufgenommen, die von islamistischen Gruppen zunehmend an den Rand gedr\u00e4ngt werden. 49","milit\u00e4rische Ziele im weiteren Sinne beschr\u00e4nkt. Dabei sind auch Selbstmordattentate beziehungsweise so genannte M\u00e4rtyreraktionen nicht mehr allein den islamistischen Organisationen vorbehalten. So \u00fcbernahm die PFLP die Verantwortung f\u00fcr ein Selbstmordattentat, das ein 16-j\u00e4hriger am 1. November 2004 auf einem Marktplatz in Tel Aviv ver\u00fcbte und bei dem drei Personen get\u00f6tet und 32 verletzt wurden. Das beherrschende innenpolitische Thema f\u00fcr die beiden pal\u00e4stinensischen Organisationen war der Tod Arafats am 11. November 2004 sowie die damit verbundene neue Machtverteilung und deren Folgen. 2.5 Organisationen aus dem schiitischen Bereich: \"Hizb Allah\" und Amal Die islamistisch-schiitischen Organisationen sind in Deutschland durch die \"Hizb Allah\" (\"Partei Gottes\") und die \"Afwadj al-Muqawama al-Lubnaniya\" (Amal39, \"Gruppen des libanesischen Widerstands\") repr\u00e4sentiert. Vor allem die \"Hizb Allah\" spielt im Libanon eine herausragende politische Rolle. Sie ist seit 1992 im libanesischen Parlament vertreten, derzeit mit 12 Sitzen40. Amal-Logo Die Amal ist mit 8 Parlamentariern vertreten. Die Miliz der \"Hizb Allah\", die \"al-Muqawama al-Islamiya\" (\"Islamischer Widerstand\") hat sich im S\u00fcdlibanon als milit\u00e4rische Macht etabliert. Die \"Hizb Allah\" verherrlicht den so genannten M\u00e4rtyrer-Tod und damit nicht nur das Selbstopfer im Kampf, sondern unter Umst\u00e4nden auch Selbstmordattentate. Offiziellen Verlautbarungen zufolge soll sich der Kampf der \"Hizb Allah\" auf dem \"Kampfgebiet\" und damit in Israel abspielen. Entgegen dieser offiziellen Haltung wird die \"Hizb Allah\" f\u00fcr die Anschl\u00e4ge auf die israelische Botschaft in Argentinien im Jahr 1992 und auf das j\u00fcdische Kulturzentrum in Buenos Aires 1994 verantwortlich gemacht. Die \"Hizb Allah\" verf\u00fcgt \u00fcber ein weit verzweigtes Netz an karitativen Projekten wie Waisenh\u00e4user, Krankenh\u00e4user und Schulen. Dieses soziale Engagement bringt ihr vor allem die Sympathie der \u00e4rmeren libanesischen Bev\u00f6lkerungsschichten. Sie spielt daher im Libanon eine nicht unwesentliche Rolle in Politik und Gesellschaft. Mit dem Fernsehsender \"al-Manar\" besitzt die \"Hizb Allah\" dar\u00fcber hinaus ein Medium, um die eigenen Positionen in der \u00d6ffentlichkeit wirksam dar39 Amal ist ein Akronym. Die Anfangsbuchstaben der W\u00f6rter formen einen neuen Begriff: \"Hoffnung\". 40 Von insgesamt 128 Parlamentssitzen. 50","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus zustellen und damit beispielsweise auch das \"M\u00e4rtyrertum\" professionell und effektvoll zu glorifizieren. Da \"al-Manar\" ein Satellitensender ist, der weltweit zu empfangen ist, erreicht die \"Hizb Allah\"-Propaganda auch in Deutschland lebende Araber. \"Al-Manar\" stand in letzter Zeit in Frankreich im Kreuzfeuer der Kritik aufPropagandagrund des Vorwurfs, antisemitische Propaganda zu verbreiten. So wurden sender im dort im Jahr 2004 \u00dcberlegungen angestellt, die Ausstrahlung der SendunKreuzfeuer gen von \"al-Manar\" zu blockieren. Der franz\u00f6sische Premierminister erkl\u00e4rder Kritik te, dass es \"al-Manar\" verboten werden solle, in Frankreich auszustrahlen, da die Inhalte des Satellitensenders mit den Werten des Landes unvereinbar seien. Eine vollst\u00e4ndige Blockierung ist jedoch aus technischen und organisatorischen Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich, da \"al-Manar\" \u00fcber unterschiedliche Satelliten zu empfangen ist, auf deren Betreiber die franz\u00f6sische Rechtsprechung keinen Einfluss hat. Der Satellitenbetreiber Eutelsat stellte die Ausstrahlung der Programme von \"al-Manar\" am 14. Dezember 2004 ein. Gewalthandlungen gegen Israel pflegt die \"Hizb Allah\" mit dem legitimen Anspruch auf Widerstand gegen illegale Besatzer zu rechtfertigen. Entf\u00fchrungen von israelischen Soldaten, Selbstmordattentate und Geiselnahmen geh\u00f6ren zum selbstverst\u00e4ndlichen Repertoire ihres \"Widerstands\". Sobald die Gegenseite milit\u00e4rische Ma\u00dfnahmen ergreift, spricht die Organisation von Terror gegen unschuldige Zivilisten. Im Mai rief der F\u00fchrer der \"Hizb Allah\"-Miliz, Scheich Hassan NASRALLAH, zu einer Gro\u00dfdemonstration gegen die Zerst\u00f6rung schiitischer Heiligt\u00fcmer auf. Allein in Beirut folgten rund 400.000 Teilnehmer diesem Aufruf. Die Demonstration war als Protestmarsch gegen die Irak-Politik der USA und das Vorgehen des israelischen Milit\u00e4rs in Gaza gedacht. Die \"Hizb Allah\" machte diese Gro\u00dfveranstaltung in Beirut mit Hilfe ihres Senders \"al-Manar\" zu einem Medienereignis. Die ansonsten national orientierte \"Hizb Allah\" zeigte dadurch sowohl eine pan-schiitische Tendenz als auch Hassan NASRALLAH die Unterst\u00fctzung der \"pal\u00e4stinensischen Sache\". NASRALLAH forderte die USA auf, die heiligen St\u00e4dte Karbala und Nadschaf sofort zu verlassen. \"Normalerweise entscheiden die Iraker ganz alleine, wann, wie und wo sie f\u00fcr die Befreiung ihres Landes k\u00e4mpfen wollen\" 41, verk\u00fcndete er bei der 41 Hier und im Folgenden: Beitrag \"Hisbolla will die internationale politische B\u00fchne betreten\" von Alfred Hackensberger; URL: http://www.heise.de vom 26. November 2004. 51","Aufruf zum Gro\u00dfdemonstration, \"aber, wenn es um Karbala und Nadschaf (...) geht, Widerstand gegen sind wir unmittelbar betroffen. Die Besatzungsmacht wird f\u00fcr jede Aggresdie USA im Irak sion gegen die heiligen schiitischen St\u00e4tten bezahlen.\" Ein Gro\u00dfteil der Demonstranten in Beirut war in wei\u00dfe B\u00fc\u00dferoder M\u00e4rtyrerhemden gekleidet, was die Bereitschaft symbolisieren sollte, den M\u00e4rtyrertod zu sterben. \"Heute marschieren wir noch symbolisch in M\u00e4rtyrergew\u00e4ndern\" erkl\u00e4rte Nasrallah, \"aber das n\u00e4chste Mal, wenn uns unsere unterdr\u00fcckten Br\u00fcder um Hilfe bitten, dann kommen wir in M\u00e4rtyrergew\u00e4ndern und mit Waffen.\" Die \"Hizb Allah\" ist in ideologischer und religi\u00f6ser Hinsicht stark an den Iran gebunden. Sie vertritt auch das Konzept des \"Wilayat-e Faqih\"42. Eine besondere N\u00e4he zum Revolutionsf\u00fchrer des Iran, Ali Khamenei, ist un\u00fcbersehbar. Dessen Ablehnung \"westlicher\" Menschenrechtsvorstellungen und der Vereinten Nationen ist bekannt. Gleichwohl verhielt sich die \"Hizb Allah\" in Deutschland w\u00e4hrend des Irakkriegs 2003 ruhig und enthielt sich auch 2004 trotz des sich zuspitzenden Irakkonflikts und der Lage ihrer schiitischen Glaubensbr\u00fcder im Irak jeglicher gewaltsamer Aktivit\u00e4ten. Es kam in Deutschland weder zu offenen Gewaltaufrufen noch zu Aufrufen zur Einmischung in den Irakkonflikt. Vermutlich bef\u00fcrchten die \"Hizb Allah\"-Anh\u00e4nger in Europa, dass sie bei Verst\u00f6\u00dfen gegen die hiesigen Gesetze keine Spenden mehr sammeln k\u00f6nnen. An der anl\u00e4sslich des \"al-Quds-Tags\" (Jerusalem-Tag)43 seit zehn Jahren in Berlin durchgef\u00fchrten Demonstration nahmen am 13. November 2004 circa 800 Demonstranten teil, die aus ganz Deutschland angereist waren. Wie jedes Jahr fand auch eine Gegendemonstration mit rund 80 Teilnehmern statt, an der auch Autonome teilnahmen. Gegner des \"al-QudsTags\" sehen in seiner Institution einen \"antisemitischen Kampftag\", an dem weltweit die Lehren Ayatollah Khomeinis propagiert und das islamistische Regime im Iran bejubelt werden. Sie verweisen auf die Menschenrechtsverletzungen im Iran. Sicherheitskr\u00e4fte sorgten mit Auflagen f\u00fcr einen friedlichen Verlauf beider Demonstrationen in Berlin. Das Skandieren von Parolen war verboten. M\u00e4nner und Frauen demonstrierten in separaten Marsch42 Konstitutioneller Gottesstaat mit herrschendem schiitischem Klerus nach iranischem Vorbild. 43 Ayatollah Khomeini hatte nach der Revolution 1979 den letzten Feiertag des Fastenmonats Ramadan zum internationalen \"al-Quds-Tag\" ausgerufen. Die anl\u00e4sslich des Jerusalem-Tags durchgef\u00fchrten Demonstrationen dienen der Solidarit\u00e4t mit den Muslimen in Pal\u00e4stina, wo sich nach Meinung eines iranischen Regierungsmitglieds alle \"Symbole der Unterdr\u00fcckung, der H\u00e4sslichkeit und des Lasters\" f\u00e4nden. 52","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus bl\u00f6cken. Die Demonstrationsteilnehmer lie\u00dfen ein Kind die Parole \"Israel ist die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung des Weltfriedens\" hochhalten. Ein Transparent mit dieser \u00c4u\u00dferung hatte bereits im Jahr 2003 polarisierende Wirkung gezeigt. Am 29. November 2004 wurde die \"Hizb Allah\" von der niederl\u00e4ndischen Deklaration zur Regierung zur Terrororganisation erkl\u00e4rt. Der niederl\u00e4ndische Au\u00dfenminisTerrororganisation ter begr\u00fcndete diesen Entschluss damit, dass zwischen der politischen Parin den Niedertei und dem militanten Fl\u00fcgel der \"Hizb Allah\" eine eindeutige Verbindung landen bestehe und dieser militante Fl\u00fcgel f\u00fcr zahlreiche Anschl\u00e4ge verantwortlich sei. Zus\u00e4tzlich sprach er sich daf\u00fcr aus, die \"Hizb Allah\" auf die \"EU-Terrorliste\" zu setzen. Am 29. Januar 2004 fand ein Gefangenenaustausch zwischen der \"Hizb Allah\" und Israel statt, den die deutsche Bundesregierung vermittelt hatte. Es wurden rund 400 arabische H\u00e4ftlinge freigelassen, darunter auch Steven SMYREK, ein deutscher Konvertit, der von einem israelischen Gericht 1997 zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war. SMYREK war vorgeworfen worden, ein Selbstmordattentat f\u00fcr die \"Hizb Allah\" in Israel geplant zu haben und daf\u00fcr im Libanon ausgebildet worden zu sein. Er stand bei dem Gefangenenaustausch auf der Wunschliste der \"Hizb Allah\". W\u00e4hrend seiner Haft in Israel erkl\u00e4rte SMYREK: Steven SMYREK \"F\u00fcr uns ist das eine Ehre, in den Tod zu gehen, f\u00fcr den Islam, f\u00fcr Allah\". (...) \"Ein Schahid44 bekommt seine Befehle, und diese Befehle m\u00fcssen ausgef\u00fchrt werden.\"45 Zur \"Siegesfeier\" anl\u00e4sslich des Jahrestags des R\u00fcckzugs der israelischen Armee aus dem S\u00fcdlibanon im Jahr 2000 kam ein Abgeordneter der \"Hizb Allah\" im libanesischen Parlament nach Baden-W\u00fcrttemberg, um die hiesigen \"Hizb Allah-Gemeinden\" zu besuchen. 44 Muslim, der sein Leben auf dem Weg Allahs opfert, M\u00e4rtyrer. 45 ARD-Reportage \"F\u00fcr Allah in den Tod!\" vom 14. Januar 2004. 53","2.6 T\u00fcrkische islamistische Vereinigungen 2.6.1 \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) Gr\u00fcndung: 1985 als \"Vereinigung der neuen Weltsicht in Europa e.V.\" (AMGT) 1995 Aufteilung in die beiden unabh\u00e4ngigen juristischen Personen \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) und die \"Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft\" (EMUG) Sitz: Kerpen Mitglieder: ca. 3.600 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 3.600) ca. 26.500 Bund (2003: ca. 26.500) Publikation: \"Milli G\u00f6r\u00fcs & Perspektive\" (in t\u00fcrkischer Sprache, Teil \"Perspektive\" auf Deutsch), als Sprachrohr dient auch die t\u00fcrkische Tageszeitung \"Milli Gazete\" Die \"Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V.\" (IGMG) ist die gr\u00f6\u00dfte und bedeutendste Vertreterin des politischen Islam in Deutschland auf BundesStruktur in wie auf L\u00e4nderebene. In Baden-W\u00fcrttemberg sind rund 3.600 Mitglieder in Badencirca 60 Ortsvereinen organisiert, wobei das Bundesland in die RegionalW\u00fcrttemberg verb\u00e4nde Stuttgart, Freiburg, Schwaben (hierzu geh\u00f6ren auch einige bayerische Ortsvereine) und Rhein-Saar (umfasst auch Teile von Rheinland-Pfalz) aufgeteilt ist. Zur Mitgliederzahl ist ein Mehrfaches an Anh\u00e4ngern hinzuzurechnen. Die IGMG ist die dominierende Kraft im \"Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland\", der seinen Sitz in Bonn hat. Die hierarchisch strukturierte Zentrale in Kerpen verf\u00fcgt unter anderem \u00fcber eigene \"Abteilungen f\u00fcr religi\u00f6se Weisung und \u00d6ffentlichkeitsarbeit\", Bildung, Pressewesen, Sozialwesen und Menschenrechte und unterh\u00e4lt einen Bestattungsfonds. Im Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg fand im Sommer 2004 ein F\u00fchrungswechsel statt: Der fr\u00fchere Vorsitzende der IGMG-Jugendverb\u00e4nde, Erol \u00d6ZT\u00dcRK, l\u00f6ste Sami GANIOGLU als Vorsitzenden ab. Die IGMG beschreibt sich selbst als Verband von \"Einwanderern in einer fremden Kultur\"46 mit Nationalgef\u00fchl, deren Bem\u00fchen es sei, den eigenen Glauben zu leben, wobei die Bewahrung der ideellen Grunds\u00e4tze oberstes 46 F\u00fchrender Funktion\u00e4r in einer Anfang 2004 in Stuttgart gehaltenen Rede. 54","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Ziel sei. Diese ideellen Werte teilt die IGMG als Teil der von Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN begr\u00fcndeten \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung mit s\u00e4mtlichen sonstigen Organisationen dieser Bewegung, mit welchen sie in st\u00e4ndigem wechselseitigem Austausch steht. Das Selbstverst\u00e4ndnis sowohl als islamischer als auch als Institution der \"nationalen\", sprich t\u00fcrkischen \"Sicht\" kommt in der Prof. Dr. t\u00fcrkeibezogene Necmettin ERBAKAN Namensgebung \"Islamische Gemeinschaft Milli Ausrichtung G\u00f6r\u00fcs\" zum Ausdruck. Die Bezeichnung veranschaulicht gleichzeitig die nach grundlegend islamischem Verst\u00e4ndnis untrennbare Einheit von Religion und Staat. Mit dem in der Selbstdarstellung der IGMG47 unternommenen R\u00fcckbezug des Begriffs \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" auf die Sichtweise des \"Millet-i Ibrahim\" (\"Volk Abrahams\"), womit auf die gemeinsame abrahamitische Abstammung der monotheistischen Religionen abgestellt werden soll, geht die IGMG allerdings nur dort so weit, \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" bewusst in \"monotheistische \u00d6kumene\" umzudeuten, was freilich weder semantisch noch inhaltlich haltbar ist. Die politische Vision ERBAKANs, die dieser in seinen Werken \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" (\"Nationale Sicht\"48) und \"Adil D\u00fczen\" (\"Gerechte Ordnung\"49) formulierte, bildet das Fundament der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung. In einer bereits 1990 gehaltenen Grundsatzrede zur \"Gerechten Ordnung\" lie\u00df ERBAKAN keinen Zweifel daran, dass diese, von ihm angestrebte Ordnung \u00fcber die T\u00fcrkei hinaus gehend auch auf internationaler Ebene durchgesetzt werden m\u00fcsse, und zwar auf dem Weg des Djihad, der \"Anstrengung\" oder \"Bem\u00fchung\" auf dem \"Weg Gottes\". ERBAKAN setzte den \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als Islam mit Medizin gleich, die dem zu Dankbarkeit verpflichteten \"Patienten Medikament Menschheit\", das hei\u00dft Nicht-Muslimen beziehungsweise dem \"unwissenden Volk\" von \"\u00c4rzten\" und damit von Muslimen beziehungsweise denjenigen, die \u00fcber den \"richtigen Gottesbezug\" verf\u00fcgten, verabreicht werden m\u00fcsse.50 Gleichzeitig sei zum Zweck der Verbreitung des Islam ein Dialog zu f\u00fchren, der in erster Linie von der Wissenschaft ausgehen m\u00fcsse, da ERBAKAN eine Gleichsetzung von \"Wissenschaft\" mit \"Wahrheit\" und von \"Wahrheit\" mit \"Islam\" postuliert. Bezogen auf das angestrebte Ziel der \"Gerechten Ordnung\" auch in Deutschland formulierte ERBAKAN in seiner Grundsatzrede: 47 IGMG-Homepage vom 3. November 2004. 48 Necmettin ERBAKAN, Milli G\u00f6r\u00fcs, Istanbul 1975. 49 Necmettin ERBAKAN, Adil D\u00fczen, Ankara 1991. 50 ERBAKAN im Interview mit Flash-TV laut \"Milli Gazete\" vom 25. M\u00e4rz 2004: \"Milli G\u00f6r\u00fcs ist das einzige Medikament, die einzige Rettung f\u00fcr das Land.\" 55","\"Alles h\u00e4ngt letztendlich davon ab, ob aus der hiesigen Staatsordnung eine 'Gerechte Ordnung' wird. \"Adil D\u00fczen\" Und wie wird aus ihr eine 'Gerechte Ordnung'? Wir werden den hiesigen Gelehrten die Tatsachen vermitteln. Diese werden dann zu ihren Politikern gehen und ihnen folgendes klar machen: 'Ihr macht einen Fehler! Lasst es sein! Ihr seid im Irrtum! Kommt und lasst uns die Sache in Ordnung bringen! Das ist der Weg, auf dem die Menschheit ihr Gl\u00fcck finden wird.'\" Im Westen herrsche, so f\u00fchrte ERBAKAN in seiner Rede weiter aus, ein \"falsches Verst\u00e4ndnis von Recht und Gerechtigkeit\". Dieses wurzele in der Zeit der Pharaonen, einer \"tyrannischen Sklavenhaltergesellschaft\", und sei \u00fcber Griechen und R\u00f6mer bis in die Gegenwart tradiert worden. Dieses Verst\u00e4ndnis basiere auf den Faktoren Macht, Mehrheitsprinzip, Privilegierung bestimmter Gruppen und materiellem Nutzen. Dem stellte ERBAKAN das \"Gerechtigkeitsverst\u00e4ndnis der Propheten\" gegen\u00fcber, dem Menschenrechte, Recht auf Arbeit sowie Vertr\u00e4ge als Quellen von Recht und Gerechtigkeit zugrunde l\u00e4gen. Ein gerechtes Gesamtsystem m\u00fcsse nach dualistisches ERBAKAN folgende Unterscheidungen beinhalten: ein Glaubenssystem Weltbild (\"gut - b\u00f6se\")51, ein Wirtschaftssystem (\"n\u00fctzlich - sch\u00e4dlich\"), ein politisches System (\"gerecht - ungerecht\") und ein Wissenschaftssystem (\"richtig - falsch\")52. Die Hauptaufgabe des Staats m\u00fcsse es sein, innerhalb dieser Teilbereiche f\u00fcr Harmonie zu sorgen. Die letzte Kontrolle komme dabei dem Glaubenssystem zu, welches das Fundament der gerechten Ordnung darstelle, denn erst die Religion mache den Menschen zum \"wahren Menschen\". Als gr\u00f6\u00dftes Defizit Europas sei die Tatsache zu sehen, dass die Kontrollfunktion von der Exekutive und nicht von einer religi\u00f6sen Instanz ausge\u00fcbt werde. Gerade diese Betonung eines Vorrangs der religi\u00f6sen Sph\u00e4re erleichtert es \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" in Deutschland, sich ausschlie\u00dflich als \"religi\u00f6se Gemeinschaft\" darzustellen, und zwar ohne Darlegung der weit reichenden politischen Schwerpunkte. Die tragende Bedeutung der religi\u00f6sen Komponente in der Programmatik der IGMG erschlie\u00dft sich aus dem T\u00e4tigkeitsprogramm 2003/2004 des Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg, welches im Vorwort 51 So auch die Predigt der IGMG in der \"Milli Gazete\" vom 6. August 2004: \"Seit der Erschaffung der Welt gab es zwei Arten der Aufforderung: zum einen diejenige zum 'Wahren' (hakk), zum anderen diejenige zum 'Nichtigen' (batil).\" 52 Diese Schwarz-Wei\u00df-Sicht zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Argumentation. 56","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Einblick in die Arbeitsgrundlagen und die Ziele der Organisation gibt. Unter Hinweis auf die Bedeutung der Zusammenarbeit der einzelnen Mitgliedsvereine wird hier ausgef\u00fchrt: \"Diese Arbeit wird ein Licht darauf werfen, welche Position die Muslime in Zukunft einnehmen werden. Das Ausleben des im Koran befohlenen Geistes von Einheit und Zusammengeh\u00f6rigkeit wird unsere Beziehungen zu den Mitmenschen (...) in unmittelbarer Weise beeinflussen. (...) All dies ist jedoch nur durch F\u00fchrung und Koordination einer zentralen Organisation zu verwirklichen. Um dies sicher zu stellen, m\u00fcssen zun\u00e4chst unsere F\u00fchrungspersonen die wahrhafte Moral des Koran und die von der Sunna53 unseres Propheten geforderte moralische Struktur in sich selbst verinnerlichen; kurz gesagt, all dies ist [nur] durch ein islamisches kulturelles Erwachen m\u00f6glich. (...) In der vor uns liegenden Arbeitsperiode wird die IGMG mit ihren Dienstleistungen, kulturellen Erfolgen und den von ihr bereit gestellten M\u00f6glichkeiten in den Vordergrund treten. Hierf\u00fcr ist selbstverst\u00e4ndlich auch bei uns ein gro\u00dfes Erwachen notwendig. Deshalb m\u00fcssen wir in unseren Aktivit\u00e4ten, genau wie in den ersten Generationen des Islam, eine auf den Koran Koran Grundlage gegr\u00fcndete vern\u00fcnftige, entschlossene, umfassende allen Handelns Moral und Vision installieren. Denn es ist die Pflicht des Muslims, die ganze Welt mit ihrem wahren Gesicht zu begreifen und auf diesem Weg der gesamten Menschheit ein Licht zu weisen (...)\"54 Diese Positionsbestimmung mit der Forderung nach Einheit und zentraler F\u00fchrung, verbunden mit der R\u00fcckbesinnung auf die islamische Fr\u00fchzeit als Richtschnur sozialen Handelns55 und dem Anspruch der wegweisenden Funktion f\u00fcr die Menschheit belegt den Charakter der Organisation als Teil der islamistischen Bewegung deutlich. Untermauert wird diese Einordnung 53 Das ma\u00dfgebliche Vorbild des Propheten im Tun, Sprechen und Guthei\u00dfen, das als normatives Ma\u00df moralischen Handelns gilt. 54 Vorwort zum T\u00e4tigkeitsprogramm 2003-2004 der IGMG Baden-W\u00fcrttemberg von Sami GANIOGLU; \u00dcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg aus dem T\u00fcrkischen. 55 In diesem Zusammenhang sind identit\u00e4tsf\u00f6rdernde Veranstaltungen der IGMG unter dem Motto \"Ein Hauch aus dem Zeitalter der Gl\u00fcckseligkeit\" (Asr-i Saadet'ten Esintiler) zu erw\u00e4hnen, die die islamische Fr\u00fchzeit idealisieren und diese als Gesellschaftsmodell f\u00fcr die Moderne darstellen. 57","durch die Bezugnahme auf Koran und Sunna als Ma\u00dfstab allen menschlichen Handelns. St\u00e4rkung der religi\u00f6sen Identit\u00e4t ist eines der Hauptanliegen der IGMG, das sie \u00fcber ein umfangreiches, vor allem f\u00fcr Jugendliche bestimmtes Erziehungsund Bildungsangebot verwirklicht und durch das eine enge Bindung der jungen Generation an die Organisation erreicht werden soll. Die Frauenverb\u00e4nde bieten zahlreiche p\u00e4dagogische Veranstaltungen, die sich an eigenes M\u00fctter als die Erzieherinnen k\u00fcnftiger Generationen richten. Die AngeboErziehungsprote f\u00fcr Jugendliche werden in Form von laufenden Kursen, Wochenendsegramm minaren oder Ferieninternaten abgehalten, die jeweils den gesamten Ferienzeitraum umfassen. Die Lehrpl\u00e4ne sehen eine f\u00fcr sechsbis 18-j\u00e4hrige Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen von Klasse 1 bis 8 (Grundschule, Basisbildung, Mittelstufe und Spezialisierung) auf jeweils 250 Unterrichtsstunden angelegte umfassende Unterweisung in s\u00e4mtlichen Aspekten islamischer religi\u00f6ser Praxis und islamischer Theologie vor, einschlie\u00dflich eines kleinen Angebots an sozialen Aktivit\u00e4ten. Am Ende jedes Kurses steht der Erwerb eines allerdings nur organisationsintern nutzbaren Diploms. Zumal bei den Ferienkursen sind die Jugendlichen \u00fcber Wochen vollkommen aus dem deutschen Umfeld herausgel\u00f6st; eine Vertrauensbildung und Sozialisierung erfolgt ausschlie\u00dflich innerhalb des muslimisch-t\u00fcrkischen Umfelds. Begegnungen und Kontakte mit deutschen Jugendlichen waren und sind nicht vorgesehen, zielt das Angebot doch gerade darauf ab, die Jugendlichen von den \"verderblichen Einfl\u00fcssen\" der westlichen s\u00e4kularen Gesellschaft fernzuhalten. Aufgrund des geschlossenen Gesellschaftsund Wertesystems wird ein Bedarf an geistigem Austausch, der \u00fcber die eigene Gemeinschaft hinausgeht, gar nicht wahrgenommen. Die IGMG verfolgt in dieser Hinsicht ein wesentliches, allen islamistischen Kr\u00e4ften gemeinsames Ziel: die St\u00e4rkung des Gef\u00fchls, Teil der einzigartigen Gemeinschaft aller Muslime (Umma) zu sein und sich damit gleichzeitig von allem \"Nicht-Islamischen\" deutlich abzugrenzen. So verwundert es nicht, dass trotz des Agierens der IGMG innerhalb eines nicht-muslimischen Umfelds die Erw\u00e4hnung anderer Religionen in den Lehrpl\u00e4nen nicht vorgesehen ist, doch hei\u00dft es in einer Anweisung an die Lehrkr\u00e4fte: \"Falls das Thema es erfordert, die islamische Religion mit anderen Religionen zu vergleichen, so sollen andere Religionen nicht disqualifiziert werden; 58","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus es muss jedoch betont werden, dass die anderen \"\u00dcberlegenheit\" Religionen im Nachhinein von den Menschen verder islamischen f\u00e4lscht worden sind und der Islam die einzige ReliReligion gion ist, die ihre Urspr\u00fcnglichkeit bis zum J\u00fcngsten Tag bewahren wird.\" 56 Dem von der IGMG im Zusammenhang mit den Kursangeboten verfolgten Erziehungsziel der St\u00e4rkung der religi\u00f6s-kulturellen wie auch der nationalen Identit\u00e4t stehen auf deutscher Seite Integrationsbestrebungen gegen\u00fcber, die auf eine m\u00f6glichst weitgehende Sozialisierung innerhalb der deutschen Gesellschaft setzen. Der hier zutage tretende Konflikt offenbart sich in der von t\u00fcrkischer Seite bef\u00fcrchteten \"Assimilation\" durch Preisgabe der \"ureigenen Werte\". Kritik an der als langfristiges Ziel vom deutschen Bundesinnenminister bef\u00fcrworteten Integration, die von ihm als Assimilierung verstanden wird, \u00fcbte anl\u00e4sslich einer Versammlung des IGMG-Bezirks Stuttgart im Herbst 2004 der bei dieser Veranstaltung anwesende stellvertretende Vorsitzende und Generalsekret\u00e4r der islamistischen \"Saadet Partisi\" (SP, enge Kontakte Partei der Gl\u00fcckseligkeit), Ahmet S\u00dcNNETCIOGLU57. Um den drohenden zur SP \"Identit\u00e4tsverlust\" abzuwehren, setzt die IGMG an dieser Stelle mit Unterst\u00fctzung juristischer Art an, so bei schulischen Konflikten wegen des koedukativen Sportbeziehungsweise Schwimmunterrichts oder der Teilnahme am Sexualkundeunterricht als Teilgebiet des Pflichtfachs Biologie. Auch au\u00dferhalb des schulischen Bereichs offeriert die IGMG ihren Mitgliedern Rechtsberatung selbst in Einb\u00fcrgerungsverfahren. Seit Mitte 2004 bietet die IGMG ihren jugendlichen Mitgliedern Reisen in muslimische L\u00e4nder (T\u00fcrkei, \u00c4gypten)58 oder ehemals unter muslimischer Herrschaft stehende Gebiete (Andalusien)59 an. Auch wird ein reger Austausch mit dem unter Einfluss der \"Muslimbruderschaft\" stehenden franz\u00f6sischen \"Institut des Sciences Humaines\"60 in Chateau-Chinon gepflegt: eine Jugendgruppe der IGMG Hanau besuchte Andalusien zusammen mit Sch\u00fclern aus Chateau-Chinon; im Anschluss an den \"Familientag\" der IGMG in Kerpen Ende Mai 2004 statteten Sch\u00fcler aus diesem Institut der Redaktion der \"Milli Gazete\" einen Besuch ab.61 56 Lehrplan der Bildungskommission der IGMG f\u00fcr die laufenden Kurse des Basisunterrichts, ohne Jahresangabe, S. 19; \u00dcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg aus dem T\u00fcrkischen. 57 \"Milli Gazete\" vom 24. November 2004. 58 Anzeige der IGMG in der \"Milli Gazete\" vom 14. Juni 2004. 59 Anzeige der IGMG Hanau in der \"Milli Gazete\" vom 6. Mai 2004. 60 Gegr\u00fcndet im Januar 1992. 61 \"Milli Gazete\" vom 2. Juni 2004. 59","Die Einflussnahme auf die Jugend, deren Lenkung und ihre Abschottung gegen\u00fcber der Mehrheitsgesellschaft lassen erahnen, welcher Wandel der Gesellschaft nach Vorstellung der IGMG w\u00fcnschenswert w\u00e4re. Nicht die rechtsstaatliche Einheit mit B\u00fcrgern unterschiedlicher sozialer und konfesPropagierung sioneller Identit\u00e4t kann das Ziel sein, ideal scheint vielmehr ein Nebeneineigener Rechtsander mit eigenen Rechtsnormen, und zwar unter Schaffung beziehungsvorstellungen weise Nutzung maximaler Scharia-konformer Freir\u00e4ume f\u00fcr die eigene, gleichsam \"national\" aufgefasste Gemeinschaft. In Anlehnung an die Ideen Ali BULACs, eines Ideologen aus dem Umfeld ERBAKANs, dessen Entwurf einer k\u00fcnftigen Zivilgesellschaft von der Transformation und \u00dcberwindung der Werte der europ\u00e4ischen Moderne wie Individuum, S\u00e4kularismus und Nationalstaat ausgeht, wird auf die Koexistenz unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften hingearbeitet, die sich zugleich als eigenst\u00e4ndige Rechtsgemeinschaften verstehen. Das osmanische Modell des \"Millet\"62-Systems scheint hier durch. Die Ideen BULACs beeinflussten ERBAKAN und das seinerzeitige Programm der \"Refah Partisi\" (RP, Wohlfahrtspartei) erheblich. Der Staat nimmt bei BULAC nur noch die Funktion des \"Dachverbands\" der einzelnen Gemeinschaften ein. Die Ordnung von Individuum, privatem und \u00f6ffentlichem Bereich sieht BULAC als \u00fcberholt an, denn die neue Selbstdefinition des Individuums gehe mit einer R\u00fcckbesinnung auf die Religion einher, welche nicht wie bisher auf die Privatsph\u00e4re beschr\u00e4nkt bleiben w\u00fcrde. Zur Zukunft der t\u00fcrkischen Jugend in Deutschland, insbesondere zu deren k\u00fcnftiger Rolle in der Gesellschaft, \u00e4u\u00dferte sich in der islamistischen Zeitung \"Anadolu'da Vakit\" die in den USA lebende einstige RP-Abgeordnete, Merve KAVAKCI, die 1999 aufgrund ihres Kopftuchs im t\u00fcrkischen Parlament als Abgeordnete nicht vereidigt wurde. Sie beschrieb ihre bei einem Jugendund Kulturfestival des Jugendverbands der IGMG RuhrNord am 1. Mai 2004 gewonnenen Eindr\u00fccke: \"Diese netten jungen Leute, diese Erben der Zukunft, diese t\u00fcrkisch-deutschen Jugendlichen werden mit ihrem festen Nationalgef\u00fchl und ihrer religi\u00f6sen Lebensf\u00fchrung f\u00fcr ihre Nachkommen ein gutes Beispiel abgeben. Wichtig ist, dass viele von ihnen, sowohl Sch\u00fclerinnen als auch Sch\u00fcler, an Universit\u00e4ten stu62 Innerhalb dieser Ordnung war das Rechtssystem des muslimischen osmanischen Staatsvolks den Rechtssystemen der \"Millets\" der Minderheiten \u00fcberlegen und nicht gleichgestellt. 60","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus dieren oder das Gymnasium oder die Realschule \"Jugend mit besuchen. Das sind Jugendliche, die sich von der festem - in den diskriminierenden Tendenzen des deutNationalgef\u00fchl\" schen Schulsystems - ritualisierten Sozialstruktur nicht vereinnahmen lassen. Das ist eine Jugend, die unter dem Schutz von drei\u00dfig-, vierzigj\u00e4hrigen \u00e4lteren Br\u00fcdern und Schwestern steht und die das, was sie durch die Erfahrung jener Leute lernt, mit ihrer eigenen unersch\u00f6pflichen Energie verbindet (...) Anders als bei fr\u00fcheren, von mir besuchten Veranstaltungen in Europa ging es diesmal fast ausschlie\u00dflich um den Stellenwert des Islam in der westlichen Welt und um den \u00dcberlebenskampf der Muslime in Europa (...).\" 63 Neben der religi\u00f6sen Unterweisung bildet die Bewahrung und St\u00e4rkung des \"festen Nationalgef\u00fchls\" einen bedeutenden Bestandteil der Erziehung in \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Kreisen; der Weitergabe der dieses Gef\u00fchl tragenden und bestimmenden Symbolik kommt gar konstituierende Bedeutung f\u00fcr die Gemeinschaft zu. Dieses national-ethische Element betont die Aufgabe der T\u00fcrken als den Erben des Osmanischen Reichs, sich ihrer Rolle als Bewahrer der Herrschaft des Islam stets bewusst zu sein. Wie im Artikel \"Die Welt Idealisierung des braucht einen neuen Osmanen\" vom 18. Februar 2004 deutlich wurde, sieht Osmanentums die \"Milli Gazete\" bereits eine \"Neo-Osmanische Union\"64 unter F\u00fchrung der T\u00fcrkei entstehen. Pr\u00e4gend f\u00fcr den t\u00fcrkischen Islamismus sind Schl\u00fcsselbegriffe wie \"Moral\" (ahlak) und \"Tugend\" (fazilet), Bestandteile eines Vokabulars, das eine Atmosph\u00e4re des Wohlgef\u00fchls erzeugen und den Anh\u00e4ngern das Bewusstsein, einer bevorzugten Gemeinschaft anzugeh\u00f6ren, suggerieren soll, wie in folgendem Leitartikel zum 3. Gr\u00fcndungsjahrestag der \"Saadet Partisi\" deutlich wird: \"'Milli G\u00f6r\u00fcs' steht f\u00fcr 'spirituelle Werte', die anderen [sc. Bewegungen, Organisationen, Parteien] sind im Allgemeinen 'materialistisch'. (...) Ruhe, Frieden, 63 \"Anadolu' d a Vakit\" vom 15. Mai 2004. 64 Den von der Regierung der \"AK-Partisi\" (AKP, Gerechtigkeitsund Entwicklungspartei) angestrebten EU-Beitritt lehnt ERBAKAN ab, wie aus seiner folgenden \u00c4u\u00dferung zu ersehen ist: \"Die AKP w\u00e4hlen hei\u00dft, die Spaltung der T\u00fcrkei zu bef\u00fcrworten\", Interview mit ERBAKAN in Flash-TV laut \"Milli Gazete\" vom 25. M\u00e4rz 2004. \"Milli Gazete\" titelte am 8. Oktober 2004 in ihrer Schlagzeile: \"Diese EU verdirbt uns!\" 61","Br\u00fcderlichkeit (...) k\u00f6nnen nur mit der von der Saadet Partisi verk\u00f6rperten 'Milli G\u00f6r\u00fcs' verwirklicht werden. 'Milli G\u00f6r\u00fcs' basiert auf 'Zuneigung, Liebe und Toleranz', die anderen im Allgemeinen auf Absolutheitsan'Feindseligkeit'. Das Ziel von 'Milli G\u00f6r\u00fcs' ist die spruch von 'Gl\u00fcckseligkeit der gesamten Menschheit' (...) 'Milli \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" G\u00f6r\u00fcs' bet\u00e4tigt sich zugunsten der Vorherrschaft 'der Wahrheit, des Guten, des Sch\u00f6nen, N\u00fctzlichen und der Gerechtigkeit', die anderen setzen sich im Allgemeinen f\u00fcr 'das Falsche, Sch\u00e4dliche' ein.\" 65 Nach eigener Einsch\u00e4tzung ist \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" eine Institution, die sich als \"Heilsbringerin\" sieht, als \"Rettungsanker\" in einer von b\u00f6sen M\u00e4chten und dunklen Intrigen beherrschten Welt, deren Anh\u00e4nger sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen d\u00fcrfen, durch die Ideale der Bewegung Teilhaber eines Gesundungsprozesses zu sein, der sodann der gesamten Menschheit zukommen soll. Entsprechend findet sich in der \"Milli Gazete\" ein fester Platz, in welchem der in Europa lebenden Leserschaft ein Forum f\u00fcr lobende \u00c4u\u00dferungen, Gedichte oder Hymnen auf \"Milli G\u00f6r\u00fcs\", die erhoffte \"Heilung\" und den F\u00fchrer ERBAKAN geboten wird. In der Ausgabe der \"Milli Gazete\" vom 16. April 2004 wird \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" folgenderma\u00dfen beschrieben: \"Unver\u00e4nderliche, gerechte Mission, Gott hat ihre Grenze gesetzt. M\u00f6ge die Wahrheit kommen, das Nichtige vergehen66, 'Milli G\u00f6r\u00fcs', nationale Mission (...). Gesegnet ist die heilige Mission, mit Eifer machten wir uns auf den Weg. Auf diesem Weg sind wir bereit, uns zu opfern, 'Milli G\u00f6r\u00fcs', nationale Mission (...).\" \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als Das Beispiel veranschaulicht, wie sehr innerhalb der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" deren \"heilige Mission\" spezifische Terminologie Identit\u00e4t und Gemeinschaftsgef\u00fchl zu stiften und st\u00e4rken vermag. Ein offensiver, gar milit\u00e4rischer Geist ist nicht zu \u00fcbersehen: Die Anh\u00e4nger von \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" empfinden sich als \"Soldaten\" (\"'Milli 65 \"Milli Gazete\" vom 21. Juli 2004. 66 Mit diesem Motto ist auch die Titelzeile der \"Milli Gazete\" \u00fcberschrieben. 62","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus G\u00f6r\u00fcs' erleri\"), sozusagen als eine einsatzbereite Armee, in der jeder Einzelne seinen Platz und seine Aufgabe genau kennt, wo Opferbereitschaft zu den h\u00f6chsten Tugenden geh\u00f6rt und wo es als Ehre angesehen wird, f\u00fcr die Mission k\u00e4mpfen zu d\u00fcrfen. Aus dem Begriff der \"Mission\" l\u00e4sst sich ein ins Transzendente reichender, langfristiger, ja zeitlich unbegrenzter Anspruch ableiten67; so wie die \"Mission\" zum bedingungslosen Einsatz ihrer Anh\u00e4nger verpflichtet, verlangt sie gleichfalls von diesen, das Nicht-Konforme, das als \"schlecht\", \"b\u00f6se\" oder \"falsch\" Deklarierte unbedingt zu \u00fcberwinden. Ungeachtet der Zusagen von IGMG-Funktion\u00e4ren, ihre Verbandsstrukturen offen zu legen, sind diese bisher wenig transparent. Zahlreichen Vereinen, die der IGMG angeh\u00f6ren, ist nicht daran gelegen, diese Zugeh\u00f6rigkeit nach au\u00dfen hin zu offenbaren. Nach Aussagen des IGMG-Generalsekret\u00e4rs ist es zwar Ziel der Organisation, die Mitgliedschaft der Vereine in der IGMG in ihren Satzungen verankern zu lassen; andererseits bestehe jedoch ein \"Verleugnungsdruck\" unter anderem deshalb, weil viele Bundesl\u00e4nder IGMGMitgliedern die deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit verweigerten.68 Was demokratische Strukturen innerhalb der IGMG betrifft, so wirft die weitere \u00c4u\u00dfeautorit\u00e4rer rung des Generalsekret\u00e4rs, in jede Gemeinde \"hinein regieren\" zu k\u00f6nnen, F\u00fchrungsstil Licht auf die herrschende Situation.69 Auch \u00fcbt die IGMG \u00fcber eine \"Aufsichtskommission\" Kontrolle \u00fcber ihre Mitgliedsvereine aus. Zum Selbstverst\u00e4ndnis der IGMG \u00e4u\u00dferte Generalsekret\u00e4r \u00dcC\u00dcNC\u00dc in einem Zeitungsinterview70 im Mai 2004: \"Wir haben uns als Teil einer Bewegung verstanden, Festhalten an und Necmettin Erbakan ist eine Integrationsfigur. ERBAKAN Nat\u00fcrlich hat er in unseren Veranstaltungen Begeisterungsst\u00fcrme ausgel\u00f6st. Das zu bestreiten, ist m\u00fc\u00dfig.\" 67 In diesem Sinne betonte Prof. Dr. Arif ERSOY, Weggef\u00e4hrte Erbakans und Gastredner anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnungssitzung der IGMG Baden-W\u00fcrttemberg zur Arbeitsperiode 2004/2005, die Unver\u00e4nderbarkeit der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung und der mit deren Mission verbundenen Ziele (\"Milli Gazete\" vom 2./3. Oktober 2004). 68 Artikel in \"Die Welt\"; Online-Ausgabe vom 11. August 2004: \"Der Ingenieur regiert hinein - 'Milli G\u00f6r\u00fcs' und Oguz \u00dcc\u00fcnc\u00fc: Eine umstrittene Organisation und ihr Generalsekret\u00e4r\". Internetauswertung vom 18. Oktober 2004. 69 Ebd. 70 Ausgabe der taz vom 7. Mai 2004: \"Es geht darum, uns wehzutun.\" Interview mit Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc und dem IGMG-Rechtsbeauftragten Mustafa YENEROGLU. 63","Unbestritten ist jedoch auch, dass die ERBAKANsche Gesellschaftskritik stark antisemitische Z\u00fcge tr\u00e4gt: Der Mythos von der \"j\u00fcdischen Weltverschw\u00f6rung\" beziehungsweise dem \"zionistischen Komplott\" stellt hier ein antisemitische zentrales Element dar. Antisemitische Inhalte in \"Milli Gazete\" betreffend Inhalte in hei\u00dft es aus dem Kreis der IGMG-F\u00fchrung71, Antisemitismus sei als Tabu \"Milli Gazete\" verinnerlicht. Von entsprechenden \u00c4u\u00dferungen in der \"Milli Gazete\" distanziere man sich, denn Kolumnen aus Istanbul w\u00fcrden in Deutschland \"einfach nachgedruckt\". Bez\u00fcglich dieser Argumentation dr\u00e4ngt sich freilich der Eindruck auf, dass die Inhalte der fraglichen Kolumnen in der T\u00fcrkei selbst beziehungsweise bezogen auf die T\u00fcrkei keineswegs als problematisch empfunden werden, was die IGMG-F\u00fchrung in diesem Interview auch best\u00e4tigte. Regelm\u00e4\u00dfige Kolumnen in \"Milli Gazete\", insbesondere diejenigen Mehmet Sevket EYGIs72, bef\u00f6rdern die Festigung eines antisemitischen Weltbilds nachhaltig: Hier werden die \"Kryptojuden\" oder \"d\u00f6nme\" - Juden, die angeblich nur pro forma zum Islam konvertierten, in Wahrheit aber nach wie vor dem Judentum anhingen - als existenzielle Bedrohung f\u00fcr den t\u00fcrkischen Staat dargestellt. Eine inhaltliche Debatte zum Antisemitismus ist innerhalb der IGMG bis heute nicht festzustellen. Der Frage des Umgangs mit jungen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Anh\u00e4ngern, welche \"die gleichen antisemitischen Stereotype im Kopf haben wie Erbakan\", begegnet die IGMGF\u00fchrung mit dem Argument, keine \"Br\u00fcche\" provozieren zu wollen: \"Er [Erbakan] begr\u00fcndet religi\u00f6s, dass er kein Antisemit sein kann, aber ein Antizionist ist.\"73 Dies hei\u00dft nichts anderes, als dass man um den Preis der Einheit der Bewegung seitens der IGMG bereit ist, Antisemitismus mitzutragen, und der Versuch, diesem Vorwurf entgegenzutreten, erscheint als rein taktische Ma\u00dfnahme.74 Von den Positionen der \"Integrationsfigur\" ERBAKAN hat sich die IGMG demnach bis heute in keiner Weise distanziert, geschweige denn gel\u00f6st. Den Vorwurf antisemitischer Inhalte in der \"Milli Gazete\" sucht die IGMG mit dem Hinweis zu entkr\u00e4ften, diese Publikation sei kein Organ der IGMG und die Zurechnung ihrer Inhalte deshalb unzul\u00e4ssig. Dies ist jedoch nur formal zutreffend, denn es bestanden und bestehen umfangreiche personelle Verflechtungen zwischen den Mitgliedern der Redaktion, den Autoren der Zeitung und den F\u00fchrungspersonen der \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-Bewegung. Zudem stellt sich in diesem Zusammenhang unmittelbar die Frage, warum 71 Ebd. 72 Unter dem Motto \"Kalenderbl\u00e4tter\" ist EYGI t\u00e4glich mit einer Kolumne in der \"Milli Gazete\" pr\u00e4sent. 73 Ausgabe der taz vom 7. Mai 2004: \"Es geht darum, uns wehzutun.\" Interview mit Oguz \u00dcC\u00dcNC\u00dc und dem IGMG-Rechtsbeauftragten Mustafa YENEROGLU. 74 So wurden bei der Durchsuchung eines bayerischen IGMG-Vereins Ende September 2004 antisemitische Schriften in gr\u00f6\u00dferer Zahl aufgefunden. 64","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus ein IGMG-Mitglied an keiner anderen Stelle als in der \"Milli Gazete\" (in geringem Umfang auch in der \"Anadolu'da Vakit\") etwas \u00fcber den eigenen Verein und das \"Innenleben\" seiner Organisation erfahren kann. Die IGMG ist hier zum Beispiel mit Anzeigen (Veranstaltungshinweise, Kleinanzeigen, Kursangebote), Abschlussberichten \u00fcber durchgef\u00fchrte Seminare, Berichten zu regionalen und \u00fcberregionalen Versammlungen, aber auch der Ver\u00f6ffentlichung ihrer FreitagspredigNutzung von ten st\u00e4ndig pr\u00e4sent. Die Verneinung einer engen Bindung zwischen Orga\"Milli Gazete\" nisation und Presseorgan erscheint aus diesem Grund unglaubw\u00fcrdig. als Sprachrohr Kolumnisten der Zeitung, die auch bei Veranstaltungen der IGMG auftreten, weisen im Gegenteil stets auf die Bedeutung der Lekt\u00fcre von \"Milli Gazete\" sowie der Unterst\u00fctzung f\u00fcr diese hin, so auch der Theologe und P\u00e4dagoge Dr. Yusuf ISIK75 in einem Artikel vom 22. April 2004, in welchem er einem Rat suchenden Leser auf dessen Frage, wie seine Familie zu einem islamkonformen Leben zu bewegen sei, empfahl: \"'MILLI GAZETE' 76, die die religi\u00f6sen und nationalen Werte hoch h\u00e4lt, das Schlechte und S\u00fcndige au\u00dfen vor l\u00e4sst und [unseren Menschen] die nationale und religi\u00f6se Kultur einimpft, sollte unbedingt in Ihr Haus kommen! Stellen Sie sicher, dass diese Zeitung t\u00e4glich geradezu [zum Zweck der] Gehirnw\u00e4sche gelesen wird! (...)\" Ebenso wie sich die IGMG-F\u00fchrung in Interviews h\u00e4ufig relativierend oder ausweichend positioniert, sind unterschiedliche Strategien der Selbstdarstellung zu beobachten, je nachdem, ob es sich um interne Belange des Verbands oder um die Darstellung nach au\u00dfen handelt. Diese zwiesp\u00e4ltige Haltung wurde auch von aufmerksamen Anh\u00e4ngern bem\u00e4ngelt, wie eine \u00c4u\u00dferung im Internetforum der IGMG vom 2. Januar 2004 veranschaulicht: \"Ich habe die \u00e4ngstliche und zaghafte Haltung der IGMG nicht verstanden. Wem will sie mit dieser Haltung imponieren und wen will sie damit t\u00e4u75 Von 1999-2001 Generalsekret\u00e4r der IGMG sowie fr\u00fcherer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der \"Milli Gazete\", trat auch 2004 in baden-w\u00fcrttembergischen IGMG-Vereinen als Referent auf, so im Juli bei der Buchmesse der IGMG-Lauchringen (\"Milli Gazete\" vom 13. Juli 2004). 76 Gro\u00dfdruck wie im Original. 65","interne Kritik schen? (...) Dieses Verhalten der IGMG-F\u00fchrung an F\u00fchrung kritisiere ich aufs Sch\u00e4rfste, und als 'Milli G\u00f6r\u00fcs'Anh\u00e4nger warne ich: (...) Ich h\u00f6re mir in letzter Zeit die Reden der Herren in F\u00fchrungspositionen auf Zentralund Bezirksebene an und stelle dabei fest, dass dabei einige 'islamische', sozial-politische oder mit 'Milli G\u00f6r\u00fcs' zu identifizierende Begriffe absichtlich vermieden werden. Zum Beispiel auch der Begriff 'Djihad', 'Kampf zwischen Recht und Nichtigem' 77, 'Loyalit\u00e4t mit dem Hodja' 78, 'Club der Freimaurer', 'fanatischer Zionismus', 'Gerechte Ordnung' (...) Warum hat man Angst? Wen wollt ihr [sc. die IGMG-Verantwortlichen] mit eurer \u00e4ngstlichen und zaghaften Haltung t\u00e4uschen? Die anderen oder euch selbst? Sah so die Methode unseres Propheten aus (das hei\u00dft zeigte er etwa Feigheit bei der Verk\u00fcndung der Wahrheit)?\" 79 Die IGMG-F\u00fchrung in Gestalt von Mustafa YENEROGLU, dem Leiter der \"Abteilung Rechtswesen\" der IGMG, bezeichnete es in ihrer Antwort als \"unvereinbar mit der Ethik von 'Milli G\u00f6r\u00fcs', diese Organisation derart zu beschuldigen.\" Kritik wurde danach nicht nur nicht geduldet, sondern als \"Angriff auf die Ehre\" gebrandmarkt. Aus der Zuschrift des genannten Anh\u00e4ngers ging auch zweifelsfrei hervor, dass ERBAKAN von der Basis nach wie vor als die unangefochtene F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit angesehen wird. Auf dessen Kritik, warum die IGMG die Verurteilung ERBAKANs und das lebenslang gegen ihn verh\u00e4ngte Politikverbot80 nicht offiziell kommentiere, entgegnete die Verbandsf\u00fchrung, dies sei bei internen Veranstaltungen geschehen; eine \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferung wurde offensichtlich bewusst vermieden. Zum Vorwurf der bewussten Vermeidung \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-spezifischer Terminologie argumentierte YENEROGLU, \"Adil D\u00fczen\" (die keine \"Gerechte Ordnung\") sei die \"Herrschaft der Gerechtigkeit und des Rechts Abkehr von auf der Welt, und Beziehungen zwischen Staaten und Menschen sollten auf \"Adil D\u00fczen\" Gerechtigkeit basieren.\" Deutlich wird hier sichtbar, dass die \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"Bewegung einschlie\u00dflich der IGMG nach wie vor das Konzept der \"Gerechten Ordnung\" propagiert. Dass der IGMG-Generalsekret\u00e4r \u00dcC\u00dcNC\u00dc im 77 Benannt mit den Schl\u00fcsselbegriffen \"hak\" und \"batil\". 78 Das hei\u00dft mit \"Hodja ERBAKAN\". 79 Hier und im Folgenden: IGMG-Internetforum vom 27. Oktober 2004. 80 Ende 2003 wurde Necmettin ERBAKAN wegen Versto\u00dfes gegen das Parteiengesetz mit lebenslangem Politikverbot belegt. . 66","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus deutschsprachigen Teil von \"Milli G\u00f6r\u00fcs & Perspektive\"81 betonte, die IGMG habe sich die programmatische Schrift \"Gerechte Ordnung\" weder zu eigen gemacht noch diese vertreten, zeigt einmal mehr die doppelgesichtige Haltung der IGMG in elementaren Fragen ihres Selbstverst\u00e4ndnisses. In das Bild der mangelnden F\u00e4higkeit zur Selbstkritik f\u00fcgt sich auch das Verhalten des Imams einer Berliner Moschee mit IGMG-Bezug, der sich aufgrund einer dokumentieren Hetzpredigt gegen Deutsche erst auf \u00f6ffentlichen Druck hin zu einer Entschuldigung veranlasst sah.82 In Bezug auf Frauen, insbesondere was ihre Bekleidung nach islamischen Vorschriften und ihre Rolle im \u00f6ffentlichen Leben betrifft, hat die IGMG auch im Jahr 2004 weiterhin islamistische Positionen vertreten. Die \"Milli Gazete\" ver\u00f6ffentlichte Kolumnen, die diese Haltung unmissverst\u00e4ndlich dokumentieren, so die von Mevl\u00fct \u00d6ZCAN vom 17. Juni 2004 unter der rhetorischen Fragestellung \"Ist die r\u00e4umliche Trennung von Frauen und M\u00e4nnern eine osmanische Tradition?\". \u00d6ZCAN, der auf verschiedenen Veranstaltungen der IGMG als Referent auftrat83, erwies sich darin als vehementer Bef\u00fcrworter dieser Geschlechtertrennung, indem er partriarchalisches diese Praxis eindeutig koranischen Aussagen sowie der Sunna zuordnete. Gesellschaftsbild Die Trennung sei zwingend, um \"die Augen vor Verbotenem zu sch\u00fctzen und den sicheren Fortbestand der Familie zu gew\u00e4hrleisten.\" Abgesehen von der Ehefrau ist einem Muslim nach dieser Lesart ausschlie\u00dflich der gemeinsame Aufenthalt mit Frauen erlaubt, \"mit denen ihm die Heirat auf ewig verboten ist\", das hei\u00dft mit Mutter, Schwester und wenigen weiteren weiblichen Personen, die im Koran genannt sind. Die strikte Trennung, die trotz der Verh\u00fcllung der Frau nach islamischer Tradition notwendig sei, bezeichnet \u00d6ZCAN als \"Erfordernis der muslimischen Identit\u00e4t\" 84. Verschiedentlich wurden bei t\u00fcrkischund den entsprechenden deutschsprachigen Verlautbarungen Abweichungen festgestellt. Bei der IGMGGemeinde Pleidelsheim/Krs. Ludwigsburg, die auf ihrer t\u00fcrkischsprachigen Internetseite einen Link zu Harun YAHYA gesetzt hat, fiel auf, dass dieser auf der deutschsprachigen Seite fehlt. Hier ist davon auszugehen, dass man 81 \"Milli G\u00f6r\u00fcs & Perspektive\" vom April 2004, S. 24 82 Frontal21-Sendung vom 23. November 2004. 83 So vom 1. bis 4. Mai 2003 in Heilbronn, am 1. und 2. Mai 2004 in Essen und Hamm. 84 Eine weitere Kolumne zum selben Thema erschien am 28. August 2004 ebenfalls in der \"Milli Gazete\": \"Die Wichtigkeit der Tatsache, die Augen vor Verbotenem zu sch\u00fctzen.\" 67","sich darauf eingestellt hat, YAHYA als den Revisionisten, Anti-Darwinisten und vehementen K\u00e4mpfer gegen Aufkl\u00e4rung und S\u00e4kularismus aus taktischen Erw\u00e4gungen aus dem deutschsprachigen Angebot zu entfernen. Dieser Autor strebt durch die von ihm gegr\u00fcndete \"Stiftung Wissenschaft und Forschung\" (\"Bilim Arastirma Vakfi\", BAV), die in zahlreichen L\u00e4ndern Konferenzen und Vortr\u00e4ge organisiert, eine weltweite Rezeption seines Gedankenguts an; die \u00dcbersetzung seiner Schriften in m\u00f6glichst viele Sprachen sieht er als \"globale kulturelle Aufgabe.\" 85 Sein angebliches Bestreben, die Religionen gegen die \"Gottlosigkeit\" einen zu wollen, darf nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass es ihm um die Verteidigung einer buchstabengl\u00e4ubigen Religiosit\u00e4t geht immer noch - mit unabsehbaren Folgen vor allem f\u00fcr die Naturwissenschaften in SchuWerbung f\u00fcr le und Forschung und f\u00fcr die Freiheit der Lehre. Denn letzten Endes zielt YAHYA YAHYA auf nichts anderes ab als die Bek\u00e4mpfung des \"B\u00f6sen\" beziehungsweise \"Falschen\" unter dem Deckmantel eines elit\u00e4ren Sendungsbewusstseins86, das sich stets auf Seiten des \"Guten\" und \"Richtigen\" wei\u00df. Der Sendungsglaube beziehungsweise das Bewusstsein, stets auf der \"richtigen\" Seite zu stehen, kommt auch in Kolumnen der \"Milli Gazete\" zum Tragen. So zum Beispiel auf der \"Familienseite\", wo in der Ausgabe vom 27. Mai 2004 (Rubrik \"Erlernen wir unsere Religion: Der Charakter der Menschen in manchen Gesellschaften\") folgende Feststellung getroffen wird: \"Der im Koran dargestellte Charakter des Gl\u00e4ubigen ist h\u00f6her stehend als Tausende von Charakteren, die eine Gesellschaft hervorbringt. Das Leben, das der Gl\u00e4ubige lebt, ist ganz im Gegensatz zu demjenigen in den Systemen, die der Moral des Koran fern stehen, absolut vollkommen.\" Deutlich ist auch hier der Gegensatz zwischen dem \"wahren Gl\u00e4ubigen\" und dem Typus Mensch, der der hehren Moral des Koran fern stehen und 85 YAHYA-Homepage vom 3. November 2004. 86 Dieses Sendungsbewusstsein definiert die IGMG in ihrer Selbstdarstellung als Bestandteil der Religion: Im Abschnitt \"Parallelgesellschaft\" hei\u00dft es: \"Die IGMG nimmt am gesellschaftlichen Diskurs aktiv teil und regt ihre Mitglieder an, am \u00f6ffentlichen Diskurs teilzunehmen. Alles andere w\u00fcrde unserer Religion mit Sendungsbewusstsein und Verk\u00fcndungsauftrag widersprechen.\" IGMG-Homepage vom 3. November 2004. 68","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus somit von minderem Wert sein soll, herausgearbeitet. Dem Begriff der \"Systeme\" anderer Pr\u00e4gung kommt zudem eine abwertende Bedeutung zu. Auch wenn die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr YAHYA offiziell von der IGMG abgestritten wird87, kursieren seine Schriften und sonstigen Medien in IGMG-Kreisen weiterhin, wie das Beispiel Buchmesse der IGMG in Esslingen im Juni 2004 zeigt. Dort wurden seine Publikationen unter der Verkaufstheke vorr\u00e4tig gehalten. Bei einer Durchsuchung einer bayerischen IGMG-Moschee im September 2004 wurden ebenfalls YAHYA-Publikationen in gr\u00f6\u00dferer Zahl aufgefunden. Auch durch diverse Veranstaltungen des Theologen Hasan KOC, der mit Seminaren zu \"Koran und \u00d6konomie\", \"Koran und Genetik\" oder \"Koran und Astronomie\" im Fr\u00fchjahr 2004 an der Universit\u00e4t Duisburg, aber auch pseudowissenbei Familienbildungsseminaren in IGMG-Vereinen in Hessen und Bayern schaftliche pr\u00e4sent war, gelangte das Gedankengut an das Publikum. Auf der HomeVortr\u00e4ge an page dieses Autors, der von 1996 bis 1998 Vorsitzender der niederl\u00e4ndiUniversit\u00e4ten schen \"Milli G\u00f6r\u00fcs\"-F\u00f6deration war, fanden sich die bekannten antisemitischen Verschw\u00f6rungstheorien: \"Die nach Italien vertriebenen Juden nisteten sich heimlich im Zentrum der katholischen Welt, dem Vatikan ein, und brachten es gar bis zur Papstw\u00fcrde. (...) Die Gr\u00fcndung der EU, der NATO, der UN sind alle Teile dieses Plans der 'Neuen Weltordnung' (...), dessen letzte Szenen derzeit aufgef\u00fchrt werden. Der 11. September ist der Beginn des letzten Aufzugs dieses Theaterst\u00fccks.\" 88 Der Internetauftritt KOCs beinhaltet eine Empfehlung f\u00fcr \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" als L\u00f6sung jeglicher politischer Probleme sowie eine gl\u00fchende Rede auf den F\u00fchrer ERBAKAN (\"Er ist eine ganze Armee in einer Person\"), die mit dem Ruf endet: \"Im Namen Gottes - f\u00fcr unsere Mission, f\u00fcr die Herrschaft Gottes, f\u00fcr die Gerechtigkeit, f\u00fcr das 87 So von YENEROGLU im taz-Interview vom 7. Mai 2004: \"Wir haben Harun Yahyas B\u00fccher in den Moscheen verboten, bevor der Verfassungsschutz wusste, wer Yahya ist.\" 88 Homepage von Hasan KOC vom 15. Juli 2004. 69","Trocknen der Waisentr\u00e4nen, f\u00fcr das M\u00e4rtyrertum in dieser h\u00f6chsten Mission.\" 89 Es bestehen Links zu Harun YAHYA sowie zur \"Milli Gazete\" und zur \"Anadolu'da Vakit\". Der \"Familientag\" (Aileler G\u00fcn\u00fc) der IGMG, der am 29. und 30. Mai 2004 in der IGMG-Zentrale in Kerpen unter dem Motto \"Wir sind eine Familie\" stattfand, war im Jahr 2004 die besucherst\u00e4rkste Veranstaltung des Verbands in Deutschland. In dem in der \"Anadolu'da Vakit\" erschienenen Artikel vom 1. Juni 2004 mit der \u00dcberschrift \"Ein anspruchsvolles, bedarfsorientiertes Programm der \"Familientag\" IGMG\" wurde die Veranstaltung lobend in dem Sinne kommentiert, man zur Festigung der habe von Geburt an \"hierzulande ein eigenes soziales Netz gewebt\". In der eigenen T\u00fcrkei werde das soziale Leben von der Herrschaft der kulturellen Werte Gemeinschaft einer muslimischen Gesellschaft bestimmt, in Europa dagegen bestehe eine \"v\u00f6llig fremde sozio-kulturelle Struktur\", die gar auf \"v\u00f6llig gegens\u00e4tzlichen Werten\" beruhe. S\u00e4mtliche, von Muslimen in Europa gegr\u00fcndete Organisationen st\u00fcnden daher in der Pflicht, sich f\u00fcr die Wahrung ihrer Werte stark zu machen, wobei sich die IGMG aufgrund ihres Einflusses, ihrer Verbreitung und ihrer Mitgliederst\u00e4rke als deren Spitze betrachte. Auf die Pr\u00e4senz von \"Milli Gazete\"-Autoren im Programm besonderen Wert zu legen, belegt abermals die mangelnde Glaubhaftigkeit der Distanzierung der IGMG von dieser Zeitung. Ein zielgerichtetes Literaturangebot wurde auch in baden-w\u00fcrttembergischen IGMG-Vereinen im Rahmen mehrerer Buchmessen offeriert, so im Juni 2004 in Esslingen.90 Anwesend waren auch der Chefredakteur der \"Milli Gazete\", Ekrem KIZILTAS, sowie zahlreiche aus Veranstaltungen der IGMG bekannte Vortragende, darunter M\u00fcnib Engin NOYAN, ehemals Musiker und Idol der linken s\u00e4kularen Jugend, in 2004 f\u00fcr \"Milli G\u00f6r\u00fcs\" in diversen IGMG-Vereinen Baden-W\u00fcrttembergs wie Karlsruhe, M\u00fchlacker, Heilbronn, Pforzheim pr\u00e4sent.91 In seinem Buch \"Mein Qur'an Tagebuch\"92, mit dem er freitags im Radioprogramm der IGMG mit Lesungen pr\u00e4sent ist und in welchem er aus der Lekt\u00fcre des Korans 89 Internetauswertung vom 15. Juli 2004. 90 Im Vorfeld dieser Buchmesse hatten der damalige Vorsitzende des Landesverbands der IGMG BadenW\u00fcrttemberg, Sami GANIOGLU, und sein Nachfolger Erol \u00d6ZT\u00dcRK der \"Milli Gazete\"-Redaktion einen Besuch abgestattet (\"Milli Gazete\" vom 4. Juni 2004). 91 Laut Veranstaltungshinweisen in der \"Milli Gazete\" vom 6. Januar 2004. 92 Noyan, M\u00fcnib Engin: Mein Qur'an Tagebuch. Istanbul 2003. 70","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Verkn\u00fcpfungen zur eigenen Lebenspraxis herzustellen sucht, benennt er in einem Gedankenspiel zum \"11. September\" die Amerikaner, welche die Welt \"nur aus dem Fenster ihres absoluten und uneingeschr\u00e4nkten Eigennutzes\" s\u00e4hen und dementsprechend alles nur zu diesem Zweck ausbeuteten, als die eigentlichen Verursacher der Katastrophe. Sie seien Vertreter einer Gesinnung, die behaupte, sich f\u00fcr alle - einschlie\u00dflich derer, die dies gar nicht einforderten - f\u00fcr Recht, Justiz und Demokratie einzusetzen, die sich zum Gendarm der Welt aufspiele und sich allm\u00e4chtig und stets im Umdeutung des Recht glaube. Der \"11. September\" wiederum war nach NOYAN ein Mene\"11. September\" tekel, eine Strafe Gottes und als Aufforderung zur Reue unumg\u00e4nglich; diejenigen, die die Anschl\u00e4ge ausgef\u00fchrt h\u00e4tten, h\u00e4tten als Werkzeuge eines strafenden, doch barmherzigen Gottes gehandelt, was NOYAN zu der Feststellung veranlasst: \"Aber durch die G\u00fcte und Barmherzigkeit Allah Tealas93 wird uns immer wieder eine Chance gegeben, wenn auch manchmal in Form eines Terroranschlags, uns zu besinnen und somit der endg\u00fcltigen und gr\u00f6\u00dften Bestrafung aller Bestrafungen zu entgehen!\" 94 Die Anwendung von Gewalt wird hier im Namen einer h\u00f6heren Instanz gerechtfertigt; die Drohung mit g\u00f6ttlicher Vernichtung - ein wichtiges Instrument islamistischer Didaktik - stellt durch die Heranziehung einer h\u00f6her stehenden (g\u00f6ttlichen) Rechtsordnung gewachsene Rechtsnormen westlicher Gesellschaften nicht nur in Frage, sondern setzt diese gleichsam Bezug auf islamisau\u00dfer Kraft. Wiederholt bezieht sich NOYAN auf bedeutende Vordenker tische Vordenker des Islamismus wie Sayyid QUTB95 oder Abu'l Ala al-MAUDUDI. Besonders der Einfluss QUTBs, dessen Werke auch im Buchclub der IGMG angeboten werden, auf Ideologen innerhalb der IGMG ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Sein Grundgedanke besteht in der Auffassung, im Islam seien alle Dualismen der westlichen Welt \u00fcberwunden, und der \"wahre Islam\" m\u00fcsse nun von neuem etabliert werden, um die von der Moderne zerrissene Welt zu heilen. Das Billigen von Gewalt als Mittel, um Unrecht zu s\u00fchnen, und die Stilisierung von Opfern zu T\u00e4tern finden sich auch in der \"Milli Gazete\": In der 93 Gott der Erhabene. 94 Mit der \"endg\u00fcltigen und gr\u00f6\u00dften Bestrafung aller Bestrafungen\" ist das Los der H\u00f6lle gemeint, das all jenen bestimmt sein soll, die sich nicht zum Islam bekennen, obwohl sie die M\u00f6glichkeit dazu haben. 95 Mitglied der \u00e4gyptischen \"Muslimbr\u00fcder\"; 1966 wegen \"Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung\" hingerichtet. 71","Ausgabe vom 19. Juli 200496 er\u00f6rterte der Kolumnist Mehmet Sevket EYGI auch die so genannten Ehrenmorde an Frauen und M\u00e4dchen. Seiner Argumentation zufolge w\u00fcrde niemand die wahren Gr\u00fcnde f\u00fcr diese Taten bedenken, doch wo die M\u00f6glichkeiten der Justiz den Schutz der B\u00fcrger nicht mehr gew\u00e4hrleisteten, w\u00fcrde das Volk selbst f\u00fcr die Wiedergutmachung erlittenen Unrechts sorgen. Mit dieser Argumentation sind die letzten Schranken gefallen, der Lynchmord wird als legales Mittel der Verteidigung propagiert. Die \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen der IGMG zu diesen Themen haben nicht zur Klarheit hinsichtlich der von ihr vertretenen Positionen beigetragen. Der Verweis auf den Islam als g\u00f6ttlichem System und als Bezugsgr\u00f6\u00dfe allen menschlichen Handelns im Privaten wie im \u00d6ffentlichen l\u00e4sst zumindest zweifelhafter Zweifel an der m\u00f6glichen Entwicklung tragf\u00e4higer gemeinsamer Werte mit Integrationswille der Mehrheitsgesellschaft als weltlichem System aufkommen. Einer Argumentation, nach der es im Wesen eines auf eine g\u00f6ttliche Ordnung bezogenen Systems liegt, in gewissen Punkten in einem Spannungsverh\u00e4ltnis zur Verfassung zu stehen, muss entschieden entgegengetreten werden. Es handelt sich n\u00e4mlich hier gerade nicht um eine g\u00f6ttliche Ordnung unter mehreren gleichwertigen, sondern um eine solche, die f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, sowohl ewig und universell g\u00fcltig zu sein als auch \u00fcber allen anderen - religi\u00f6sen wie weltlichen - Ordnungen zu stehen. Ungekl\u00e4rt bleibt bislang auch, wie sich die IGMG angesichts der von ihr verfolgten, teilweise bereits geschaffenen \"Insell\u00f6sungen\" f\u00fcr die eigene Gemeinschaft eine gelingende Integration vorstellt. Offensichtlich besteht hinsichtlich der inhaltlichen Bedeutung des Begriffs \"Integration\" noch Kl\u00e4rungsbedarf, bezeichnet die IGMG doch die Annahme der deutschen Staatsb\u00fcrgerschaft, die sie ihren Mitgliedern ausdr\u00fccklich empfiehlt, als Bestandteil einer erfolgreichen Integration.97 Damit wird jedoch Integration auf das reduziert, was sie gerade nicht ist, n\u00e4mlich ein blo\u00dfer formaler Akt. Eine Integrationsleistung ist mit der Einb\u00fcrgerung noch keineswegs verbunden. Der Integrationswille muss sich vielmehr daran messen lassen, in welchem Ma\u00df die IGMG zur Bestimmung tragf\u00e4higer gemeinsamer Grundwerte mit der Gesellschaft, innerhalb derer sie agiert, bereit ist, vor allem aber, inwieweit sie diese auch in die Praxis umzusetzen vermag. 96 Titel der Kolumne: \"Die bauchfrei Bekleideten\". 97 Selbstdarstellung der IGMG auf ihrer Homepage im dortigen Abschnitt \"Staatsb\u00fcrgerschaft\". 72","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus 2.6.2 Der \"Kalifatsstaat\" (\"Hilafet Devleti\"), fr\u00fcher \"Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V.\" (ICCB) Gr\u00fcndung: 1984 als Abspaltung aus der \"Vereinigung der Neuen Weltsicht in Europa e.V.\" (AMGT) Sitz: K\u00f6ln Oberhaupt: \"Kalif\" Metin KAPLAN, wurde am 12. Oktober 2004 in die T\u00fcrkei abgeschoben. Mitglieder: ca. 300 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 300) ca. 750 Bund (2003: ca. 800) Publikation: \"Barika-i HAKIKAT\" (Das Aufleuchten der Wahrheit) Verbot: Die Zentrale in K\u00f6ln und 19 \u00f6rtliche Vereine als Teilorganisationen wurden am 12. Dezember 2001 durch den Bundesminister des Innern verboten98; am 19. September 2002 Ausdehnung des Verbots auf 16 weitere Teilorganisationen99; Best\u00e4tigung des Verbots durch das Bundesverwaltungsgericht am 27. November 2002.100 Erkl\u00e4rtes Ziel des \"Kalifatsstaats\" war und ist die Schaffung eines auf den Prinzipien der Scharia basierenden Staatswesens durch die neuerliche Institution des Kalifats als Staatsform, wie sie in der T\u00fcrkei bis 1924 bestand. Als erstes Etappenziel dabei war zun\u00e4chst die Beseitigung des als illegitim angesehenen laizistischen t\u00fcrkischen Staatsgef\u00fcges vorgesehen, sodann die InstiCemaleddin KAPLAN tution des Kalifats auf anatolischem Boden und sp\u00e4ter weltumspannend. Wiedererrichtung Bis zur vorgesehenen \"Befreiung Istanbuls\" wurde K\u00f6ln, wo der \"Kalifatsdes Kalifats als staat\" 1994 durch das 1995 verstorbene Oberhaupt Cemaleddin KAPLAN politisches Ziel proklamiert worden war, faktisch als vorl\u00e4ufige \"Hauptstadt\" der Organisation betrachtet. Betrieb der \"Kalifatsstaat\" in der Vergangenheit, zum Teil auch noch nach seinem Verbot, offensiv Propaganda gegen Demokratie, Parteiensystem und Pluralismus im Allgemeinen sowie die laizistische Republik T\u00fcrkei im Besonderen, so \u00fcbte die Organisation im Jahr 2004 in dieser Hinsicht gr\u00f6\u00dfte Zur\u00fcckhaltung. Der \"Kalifatsstaat\" reagierte damit vor allem auf die bundesweiten Polizeima\u00dfnahmen gegen Bezieher der Verbandszeitung \"Beklenen ASR-I SAADET\" vom Dezember 2003, die unge98 Hiervon waren in Baden-W\u00fcrttemberg Vereinigungen in Blumberg und Winnenden betroffen. 99 In Baden-W\u00fcrttemberg waren von der Ausdehnung des Verbots f\u00fcnf Vereine (in Bruchsal, Esslingen, Heidenheim, Schorndorf und T\u00fcbingen) tangiert. 100 Die seitens des \"Kalifatsstaats\" gegen das Verbot eingelegte Verfassungsbeschwerde wurde vom Bundesverfassungsgericht (BVerfG) nicht zur Entscheidung angenommen; Beschluss des BVerfG 1 BvR 536/03 vom 2. Oktober 2003. 73","achtet der Einbeziehung in die Verbotsverf\u00fcgung nach dem Verbot weiter vertrieben worden war. Die Ma\u00dfnahme gegen \"Beklenen ASR-I SAADET\" hatte zur Folge, dass die Herausgabe der in den Niederlanden hergestellten und von dort aus vertriebenen Zeitung eingestellt wurde. Allerdings legte die Organisation innerhalb k\u00fcrzester Zeit mit der neuen Schrift \"Barika-i HAKIKAT\" nach, die sich jedoch, was die Inhalte betrifft, im Vergleich zu den vorigen Publikationen deutlich gem\u00e4\u00dfigt gab. Die Nahostpolitik des Westens wurde in der \"Barika-i HAKIKAT\" kritisch kommentiert, ohne jedoch im selben Ausma\u00df wie zuvor gegen Israel oder den Westen zu trotz Verbots hetzen. Die Mehrzahl der Beitr\u00e4ge befasste sich mit verschiedenen Aspekneue Publikation ten des Islam und dessen herausragender Stellung. Auch propagierte man wieder die \u00dcberzeugung vom Sieg des Islam \u00fcber die \"\u00fcbrigen Systeme\": \"Die christliche Welt ist angeschlagen. Denn sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus sind ihre Werke. Diese beiden Ideologien haben der Menschheit gro\u00dfen Schaden zugef\u00fcgt. Es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei: der Rettungsweg ist im Islam zu suchen. (...) Seid hoffnungsvoll! Die st\u00e4rkste Stimme war und wird diejenige des Islam sein!\"101 In den ersten Ausgaben von \"Barika-i HAKIKAT\" fehlten fast ausnahmslos Reden oder andere Ver\u00f6ffentlichungen Cemaleddin KAPLANs oder seines Nachfolgers Metin KAPLAN. Anhand \u00e4lterer Reden und Schriften von Cemaleddin KAPLAN, die in der Folge wieder in der Zeitung abgedruckt wurden, ist zu ersehen, dass sich an der Zielsetzung der Organisation trotz des nach au\u00dfen zur\u00fcckhaltenden Auftretens nichts ge\u00e4ndert hat. So wurde in der Ausgabe der \"Barika-i HAKIKAT\" vom 12. Oktober 2004 eine Schrift Cemaleddin KAPLANs mit dem Titel \"Das Osmanische102 und seine Bedeutung\" abgedruckt, in der die Metin arabischen Buchstaben des Korans als das Bindeglied zwischen KAPLAN den Individuen der islamischen Welt dargestellt werden. Die von 101 \"Barika-i HAKIKAT\" vom 15. April 2004, S. 15. 102 Vorl\u00e4uferin der heutigen t\u00fcrkischen Schriftsprache, die mit arabischen Buchstaben geschrieben wurde und stark mit arabischer und persischer Grammatik und aus diesen Sprachen entlehnten Vokabeln durchsetzt war. 74","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Mustafa Kemal (Atat\u00fcrk) durchgef\u00fchrte Schriftreform103 sei \"Verrat an dieser Nation\"; die Jugend m\u00fcsse endlich zu ihren Wurzeln zur\u00fcckkehren. Schlussendlich seien alle Reformen Mustafa Kemals auf den Kopf zu stellen und auf den \"M\u00fcllhaufen der Geschichte\" zu werfen, und man m\u00fcsse zum Lesen und Schreiben in den \"ureigenen Buchstaben\" zur\u00fcckkehren. Die \"Barika-i HAKIKAT\"-Ausgabe vom 18. M\u00e4rz 2004 wurde vom Leitthema \"Hidjra\"104 bestimmt. Im Artikel \"Was bedeutet Hidjra?\" erl\u00e4uterte man dazu folgendes: Selbst wenn die \"Hidjra\" - wie heute bei vielen Muslimen der Fall - um den Preis des Verlassens des eigenen Vaterlands geschehe, sei dabei zu beachten, dass man Grausamkeiten nicht tatenlos zusehen d\u00fcrfe. \"Hidjra\" sei au\u00dfer\u00dcberzeugung, dem ein Synonym f\u00fcr das beharrliche Festhalten an der \"Mission\". Nicht eine \"Mission\" \"Flucht\" sei darunter zu verstehen, sondern eine Angriffsstrategie. Die zu erf\u00fcllen \"Hidjra\" habe von jeher den Boden f\u00fcr den Erfolg der unterdr\u00fcckten \"Auswanderer\" (muhadjirun)105 und den Schaden der Tyrannen bereitet. L\u00e4nder, die zum rechten Glauben aufgefordert worden seien, w\u00e4ren bei Nichtbefolgung sp\u00e4ter untergegangen oder aber erobert worden. Diese Aussage darf als programmatisch verstanden werden: Die \"Hidjra\", der Exodus, die Trennung von der Heimat, vollziehe sich f\u00fcr den Muslim von heute in gewissem Sinn von Neuem, indem er nach der Auswanderung, dem Bestehen der damit verbundenen \"Pr\u00fcfungen\" und der Bew\u00e4hrung auf dem Wege Gottes am Ende erfolgreich heimzukehren hoffe, nicht ohne der Pflicht der \"da'wa\"106 nachgekommen zu sein. Dabei obliege denjenigen, die sich f\u00fcr die \"Mission\" einsetzten, gewisserma\u00dfen nach g\u00f6ttlicher Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit unbedingt der Erfolg, wohingegen die \"Unbelehrbaren\" der Verdammnis anheim fielen. Auf einer transzendenten Ebene sei \"Hidjra\", wie in dem Artikel ebenfalls ausgef\u00fchrt ist, durch \"Abstandnehmen von Schlechtem\" und \"Befolgen der Verbote Gottes\" gleichfalls als \"innere Emigration\" aufzufassen. Die grunds\u00e4tzliche \"Verderbtheit\" des Westens und seine \"Sinnentleertheit\", die diesen zu einem fruchtbaren Feld f\u00fcr die \"da'wa\"-Arbeit machten, sind weitere Themen. Dass auch im Westen Menschen zur \"rechten Lei103 Das hei\u00dft die Abschaffung des bis dahin gebr\u00e4uchlichen arabischen und die Einf\u00fchrung des lateinischen Alphabets. 104 Auswanderung des Propheten Muhammad von Mekka nach Medina im Jahr 622 nach Christus, da er in Mekka zun\u00e4chst nicht die notwendige Unterst\u00fctzung fand; 630 folgte die R\u00fcckkehr dorthin. 105 Im historischen Kontext diejenigen, die zusammen mit dem Propheten Muhammad von Mekka nach Medina ausgewandert waren. 106 Die \"Mission\" des Islam, die durch Verk\u00fcndigung geschieht und zur \"rechten Leitung\" aufruft. 75","Konvertiten als tung\" f\u00e4nden, wird am Beispiel des Anfang der 1980er Jahre zum Islam konAush\u00e4ngeschild vertierten ehemaligen Idols der franz\u00f6sischen Kommunisten, Roger GARAUDY, dokumentiert, der seine Konversion damit begr\u00fcnde, im Islam die \"zeitgem\u00e4\u00dfe Lebensform\" gefunden zu haben.107 Insgesamt ist bei \"Barika-i HAKIKAT\" inhaltlich in weiten Teilen eine Ann\u00e4herung an den g\u00e4ngigen islamistischen Diskurs festzustellen. Auch \"Barika-i HAKIKAT\" wurde 2004 auf dem Postweg und mutma\u00dflich an Bezieher der Vorg\u00e4ngerpublikationen versandt. Einige der Adressaten legten die Zeitung mit dem Hinweis, diese nicht bestellt zu haben, der Polizei vor, so in Baden-W\u00fcrttemberg insbesondere in Albstadt, Calw, T\u00fcbingen und Villingen-Schwenningen. Polizeiliche Ma\u00dfnahmen aufgrund des Verdachts der Weiterf\u00fchrung des verbotenen \"Kalifatsstaats\" erfolgten unter anderem im Juni 2004 in Winnenden, au\u00dferdem wurden einen Monat sp\u00e4ter Durchsuchungen von Wohnobjekten vor allem in Esslingen, Stuttgart und Waiblingen durchgef\u00fchrt. Bei diesen Ma\u00dfnahmen wurden auch organisationsbezogene Medien sowie Kontounterlagen sichergestellt. Innerhalb der Organisation besteht nach wie vor ein F\u00fchrungsproblem. Das Oberhaupt des \"Kalifatsstaats\", Metin KAPLAN, war nach Verb\u00fc\u00dfung einer vierj\u00e4hrigen Freiheitsstrafe wegen Aufrufs zum Mord am \"Gegenkalifen\" Dr. Ibrahim SOFU im Mai 2003 aus der Haft entlassen worden. Bez\u00fcglich seines ausl\u00e4nderbeziehungsweise aufenthaltsrechtlichen Status verfolgte KAPLAN danach weiter den Rechtsweg. Am Abschiebung 12. Oktober 2004 wurde der \"Kalif\" in die T\u00fcrkei abgeschoben. Das VerKAPLANs waltungsgericht K\u00f6ln hatte am selben Tag die Zul\u00e4ssigkeit der Abschiebung trotz laufenden Revisionsverfahrens bekannt gegeben.108 In seiner Begr\u00fcndung erl\u00e4uterte das Gericht, dass der Aufenthalt KAPLANs als \"Identifikationsfigur des islamischen Extremismus\" in Deutschland beendet werden m\u00fcsse und dabei dessen pers\u00f6nliches Interesse an einem Verbleib im Bundesgebiet hinter dem \u00f6ffentlichen Interesse an einer sofortigen Abschiebung zur\u00fcckzustehen habe. Unmittelbar nach der Einreise in die T\u00fcrkei wurde nach Anh\u00f6rung Haftbefehl gegen KAPLAN erlassen. Schwerpunktm\u00e4\u00dfiger Tatvorwurf des anstehenden Verfahrens in der T\u00fcrkei ist die Anstiftung zu dem letztlich vereitelten Anschlag auf das Atat\u00fcrk-Mausoleum in Ankara im Jahr 1998. 107 \"Barika-i HAKIKAT\" vom 18. M\u00e4rz 2004, S. 15. 108 Beschluss vom 5. Oktober 2004, Az.: 12 L 1418/04. 76","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Reaktionen auf die Abschiebung KAPLANs in Form \u00f6ffentlicher Aktionen oder Bekundungen seiner Anh\u00e4nger waren nicht festzustellen. 2.6.3 \"Front der Islamischen K\u00e4mpfer des Gro\u00dfen Ostens\" (IBDA-C) Die \"Front der Islamischen K\u00e4mpfer des Gro\u00dfen Ostens\" (\"Islami B\u00fcy\u00fck Dogu Akincilar - Cephesi\", IBDA-C) entstand Mitte der 1980er Jahre mit dem Ziel, die laizistische Staatsordnung der T\u00fcrkei zu zerst\u00f6ren und an Zielsetzung ihrer Stelle einen \"vereinigten Islamstaat\" auf Grundlage von Koran und Scharia zu errichten. Geistiger F\u00fchrer der Organisation ist Salih Izzet ERDIS alias Salih MIRZABEYOGLU. Dieser wurde am 28. Dezember 1998 in der T\u00fcrkei verhaftet und dort nach dem t\u00fcrkischen Strafgesetzbuch wegen \"versuchter \u00c4nderung der Verfassungsordnung mit Waffengewalt\" zum Tode verurteilt. Die Todesstrafe wurde inzwischen in lebenslange Haftstrafe umgewandelt. MIRZABEYOGLU hatte sich als Jurastudent in Istanbul zun\u00e4chst der 1975 gegr\u00fcndeten Studentenorganisation \"Akinci\" (\"St\u00fcrmer\") angeschlossen, die der \"Milli Selamet Partisi\" (MSP, \"Nationale Heilspartei\") von Prof. Dr. Necmettin ERBAKAN angeh\u00f6rte. Schon bald gr\u00fcndete er in deren Reihen einen eigenen Kreis, in dem er islamistisches Gedankengut mit rechtsextremistischen Ans\u00e4tzen verband. 1979 verlie\u00df er die MSP und widmete sich der Ausarbeitung der Ideologie des \"Islamischen Gro\u00dfen Ostens\", deren Leitfigur der 1983 verstorbene und in konservativ-islamischen Kreisen nach wie vor hochgesch\u00e4tzte Schriftsteller und Publizist Necip Fazil KISAY\u00dcREK ist. MIRZABEYOGLU charakterisiert seine Organisation in erster Linie als intellektuelle Bewegung. Seine zahlreichen Schriften, in denen er religi\u00f6s-mystische und philosophische Denkans\u00e4tze verarbeitet, sind h\u00f6chst abstrakt und theoretisch gehalten. Er selbst hat seine Anh\u00e4nger niemals explizit zu gewaltsamen Aktionen aufgerufen. In der T\u00fcrkei ver\u00fcbten Mitglieder der IBDA-C Mitte der 90er Jahre mehrere Anschl\u00e4ge mit Brands\u00e4tzen, selbst gefertigten Sprengbomben und auch Anschl\u00e4ge auf Handgranaten auf \"unislamische\" Ziele wie Nachtclubs, Restaurants oder \"unislamische\" Einkaufszentren, aber auch auf das B\u00fcro der marxistischen Arbeiterpartei in Ziele Istanbul, auf den Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen in Istanbul sowie auf ein Geb\u00e4ude des dem \"Pr\u00e4sidium f\u00fcr religi\u00f6se Angelegenheiten\" angegliederten Verlags. Durch intensive Ma\u00dfnahmen der t\u00fcrkischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden ab 1997 wurde die Organisation so nachhaltig geschw\u00e4cht, dass sie nach 1999 kaum mehr in Erscheinung trat. In Deutschland hatte sich die IBDA-C zu einem im Jahr 1996 durchgef\u00fchrten Brandanschlag auf ein t\u00fcrkisches Kulturzentrum in Hannover bekannt, wobei der Brandsatz jedoch erlosch, ohne gro\u00dfen Schaden anzurichten. Die 77","Hintergr\u00fcnde eines am 17. April 2001 durchgef\u00fchrten Brandanschlags auf das t\u00fcrkische Generalkonsulat in D\u00fcsseldorf, zu dem sich angeblich die IBDA-C bekannt hatte, konnten nicht abschlie\u00dfend aufgekl\u00e4rt werden. Die IBDA-C war zuletzt im November 2003 durch Selbstmordattentate auf zwei Synagogen und zwei britische Einrichtungen in Istanbul in die Schlagzeilen geraten, weil sie sich zu diesen Terroranschl\u00e4gen bekannt hatte. Ein Anrufer im Namen der Gruppe hatte erkl\u00e4rt, dass man mit den Anschl\u00e4gen der \"Unterdr\u00fcckung der Moslems\" ein Ende haben setzen wollen. Au\u00dferdem hatte er die Fortsetzung der Aktionen angek\u00fcndigt. Die Bombenattentate in Istanbul hatten mindestens 61 Menschen in den Tod gerissen. Die t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden haben bisher jedoch nicht best\u00e4tigt, dass die Anschl\u00e4ge tats\u00e4chlich von der IBDA-C durchgef\u00fchrt wurden. Vielmehr hat sich der Verdacht erh\u00e4rtet, dass die Anschl\u00e4ge von dem Terrornetzwerk um \"al-Qaida\" geplant wurden. In Baden-W\u00fcrttemberg liegen Hinweise auf mutma\u00dfliche Einzelmitglieder vor. Ihre Anwesenheit war bislang jedoch nicht auf Aktionen mit Au\u00dfenwirkung ausgerichtet. 2.7 Iranische islamistische Gruppen 2.7.1 \"Volksmodjahedin\" Die \"Volksmodjahedin\" unter den Bezeichnungen \"Modjahedin-e Khalq Organisation\" (MEK oder MKO) und \"People's Mojahidin of Iran\" (PMOI) gelten auf Beschluss des Rats der Europ\u00e4ischen Union (EU) vom 2. Mai 2002 nach wie vor als terroristische Organisationen. Die \"National Liberation Army of Iran\" (NLA) als der militante Fl\u00fcgel der PMOI, der \"National Council of Resistence\" (NCR) sowie die \"Muslim Iranian Student's Society\" wurden ebenfalls in diese Liste der terroristischen Organisationen aufgenommen. Das gilt hingegen weiterhin nicht f\u00fcr den \"Nationalen Widerstandsrat Iran\" (NWRI) beziehungsweise \"National Council of Resistance\" (NCRI). Dieser wird explizit nicht als Terrororganisation bezeichnet. Er wurde als scheinbar partei\u00fcbergreifende demokratische Sammlungsbewegung 1981 in Paris gegr\u00fcndet und ist international t\u00e4tig. Im Januar des Jahres 2004 richtete sich das Hauptaugenmerk des NWRI auf ihren bewaffneten Arm NLA im Irak. Nach der offiziellen Beendigung der dortigen Kampfhandlungen im Jahr 2003 sollten eigentlich die Lager der NLA ger\u00e4umt werden. Den NLA-Angeh\u00f6rigen drohte daher seinerzeit die 78","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Ausweisung aus dem Irak, m\u00f6glicherweise auch die Auslieferung an den Iran, nachdem die irakische \u00dcbergangsregierung die Angeh\u00f6rigen der \"Volksmodjahedin\" ultimativ aufgefordert hatte, den Irak bis Ende 2003 zu verlassen. Der Verbleib von Masud RADJAVI, dem Befehlshaber der NLA, blieb seit Ende des Krieges ungekl\u00e4rt. Verschiedentlich wurde Jordanien als m\u00f6glicher Aufenthaltsort genannt. Gegen dieses Ultimatum und die drohende Auslieferung protestierte die Organisation weltweit. In Deutschland traten Vertreter des NWRI zusammen mit Rechtsanw\u00e4lten vor die Presse, um gegen diese Ma\u00dfnahme zu protestieren. Im Verlauf des Jahres 2004 kam es aber offenbar nicht zu gr\u00f6\u00dferen Absatzbewegungen oder zu Auslieferungen von NLA-Angeh\u00f6rigen. Nach wie vor befand sich der Gro\u00dfteil der k\u00e4mpfenden \"Volksmodjahedin\" (etwa 4.000 Menschen) in einem Lager n\u00f6rdlich von Bagdad. In Europa richteten sich die meisten \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten des NWRI Agitation gegen gegen die Aufnahme von Teilen der Volksmodjahedin in die \"EU-Terrorlis\"EU-Terrorliste\" te\". So kam es am Jahrestag der Verhaftung der Vorsitzenden der Organisation, Maryam RADJAVI, am 17. Juni 2004 in Paris zu gr\u00f6\u00dferen friedlichen Protesten, an denen auch Anh\u00e4nger aus Baden-W\u00fcrttemberg teilnahmen. Zu vergleichsweise spektakul\u00e4ren Reaktionen von Anh\u00e4ngern auf die Inhaftierung der Vorsitzenden wie im Juni 2003 kam es dabei nicht. Bei Selbstverbrennungsversuchen mehrerer Anh\u00e4ngerinnen und Anh\u00e4nger in Paris, Rom, London und Bern waren im Juni 2003 zwei Exiliranerinnen verstorben. Mit Demonstrationen, Mahnwachen, Informationsst\u00e4nden und B\u00fcchertischen versuchte der NWRI auch 2004, auf die Missst\u00e4nde in Iran aufmerksam zu machen. Die gr\u00f6\u00dfte Demonstration fand am 13. September 2004 in Br\u00fcssel statt. Dort versammelten sich etwa 5.000 Anh\u00e4nger, um gegen die Bezeichnung \"Terrororganisation\" zu demonstrieren. Da sich die Organisation als wichtigste Oppositionsgruppe gegen das iranische Regime versteht, prangerten die Anh\u00e4nger bei dieser Demonstration auch die Menschenrechtsverletzungen in Iran an sowie das Bestreben Irans, Atomwaffen herzustellen. In den Vereinigten Staaten gelten die \"Volksmodjahedin\" zwar ebenfalls als terroristische Organisation, dennoch konnte der NWRI als politisches Sprachrohr der PMOI zwei gro\u00dfe Veranstaltungen in Washington durchf\u00fchren. Am 24. Januar 2004 wurde eine Solidarit\u00e4tsveranstaltung mit einem Benefizkonzert zugunsten der Erdbebenopfer der iranischen Stadt Bam ver79","anstaltet. Am 19. November 2004 stand die Veranstaltung in Washington unter dem Motto \"No to the Iranian Mullahs' Terror, WMD109\" (Nein zum Terror der iranischen Mullahs und deren Massenvernichtungswaffen). In der Vergangenheit f\u00fchrte die PMOI auch gewaltt\u00e4tige Aktionen gegen iranische Einrichtungen in Deutschland durch. Grund f\u00fcr die Durchsuchungen der Pariser Zentrale 2003 war der Verdacht, dass die Organisation Anschl\u00e4ge auf iranische Botschaften in Europa vorbereitet habe. Da sie aber als terroristische Vereinigung bezeichnet wird und dieses Etikett abstreifen m\u00f6chte, sind in den vergangenen Jahren kaum noch Gewalttaten in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ver\u00fcbt worden. totalit\u00e4re Die Strukturen der PMOI unter der derzeitigen Leitung von Masud Strukturen RADJAWI gelten als totalit\u00e4r und undemokratisch. Von den Anh\u00e4ngern wird unbedingter Gehorsam und weltweite Verf\u00fcgbarkeit erwartet und eingefordert. In der Organisation dominieren Frauen in Kaderpositionen. Die hervorgehobene Position der Frauen wird nach au\u00dfen als Gegenmodell zum m\u00e4nnerdominierten Mullahregime in Iran propagiert. Intern gleicht die PMOI einer Politsekte, die durch einen autorit\u00e4ren F\u00fchrungsstil und stalinistisch anmutenden F\u00fchrerkult die eigenen Anh\u00e4nger mit enormem Gruppenzwang in eine starke Abh\u00e4ngigkeit dr\u00e4ngt. Ehemalige Anh\u00e4nger der \"Volksmodjahedin\", die sich in Gro\u00dfbritannien zusammengeschlossen haben, berichteten von einem internen Geheimdienst und erhoben schwere Foltervorw\u00fcrfe gegen diesen. In Deutschland sind die \"Volksmodjahedin\" mit dem NWRI seit 1994 vertreten. In Baden-W\u00fcrttemberg engagierten sich 2004 etwa 70 Aktivisten, die bei Veranstaltungen durch zahlreiche Sympathisanten unterst\u00fctzt wurden. Zu den wichtigsten Aktivit\u00e4ten des NWRI in der Bundesrepublik Deutschland z\u00e4hlten auch in 2004 die Geldbeschaffung und die politische Agitation. Mittels Scheinorganisationen und -vereinen f\u00fchrte man Spendensammlungen durch. Dabei wurden die Spender, nachdem Sammlungen in der \u00d6ffentlichkeit zuletzt kaum noch eine Genehmigung fanden, h\u00e4ufig zu Hause besucht. Es ist zu vermuten, dass die angeblich f\u00fcr humanit\u00e4re Zwecke wie Fl\u00fcchtlinge oder iranische Waisenkinder gesammelten Gelder in die politische Arbeit und in die Unterst\u00fctzung der NLA flie\u00dfen. Immer wieder gelingt es dem NWRI, eine gr\u00f6\u00dfere Zahl an Sympathisanten f\u00fcr Gro\u00dfdemonstrationen zu mobilisieren. Mit Unterschriftenaktionen 109 Weapons of Mass Destruction. 80","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus gegen den Besuch deutscher Politiker in Iran versuchte man, Sympathisanhohes Mobilisieten f\u00fcr ihre Sache zu gewinnen. Verst\u00e4rkt bem\u00fchte sich der NWRI aber rungspotenzial auch um Solidarit\u00e4tsbekundungen europ\u00e4ischer Politiker und Parlamentarier, um die Streichung der auf die \"EU-Terrorliste\" gesetzten \"Volksmudjahedin\"-Organisation zu erreichen. Im Rahmen dieser Kundgebungen wurden auch Bilder von Hinrichtungen in Iran gezeigt, um auf die dortige Situation der Menschenrechte aufmerksam zu machen. Auf diese Weise will sich der NWRI schon seit Jahren als Alleinvertreter der Opposition etablieren. Ein weiteres wichtiges Ziel des NWRI ist die Aufdeckung von Aktivit\u00e4ten des iranischen Nachrichtendienstes. Man sieht sich als Opfer einer Desinformationskampagne, die sich an die im Exil lebenden Iraner richtet. Im Internet berichtet eine entsprechende Seite von ehemaligen Anh\u00e4ngern der \"Volksmodjahedin\" und den Missst\u00e4nden in den Milit\u00e4rlagern im Irak. Auf dieser Seite kommen angebliche Folteropfer zu Wort und es wird \u00fcber Familienzusammenf\u00fchrungen in Teheran berichtet. Wenige Angeh\u00f6rige der NLA, denen die Flucht 2004 aus dem irakischen Lager gelungen sein soll, konnten nach Jahren wieder mit ihrer Familie zusammengef\u00fchrt werden. Im Zusammenhang mit den iranischen Parlamentswahlen vom 20. Februar 2004 sah die PMOI wiederum eine Chance zum Eingreifen in das Geschehen in Iran. In ihren Publikationen und im Internetauftritt der PMOI wurde das \"Mullahregime\" als kurz vor dem Zusammenbruch stehend geschildert und zum Wahlboykott aufgerufen. 3. T\u00fcrkische Vereinigungen (ohne kurdische) 3.1 Extrem nationalistische Organisationen 3.1.1 \"F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" (AD\u00dcTDF) / \"T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland\" (ATF) Gr\u00fcndung: 1978 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 2.100 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 2.100) ca. 8.000 Bund (2003: ca. 8.000) Publikation: \"T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni\" (t\u00fcrkisch, erscheint unregelm\u00e4\u00dfig) Die \"F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa e.V.\" (\"Avrupa Demokratik \u00dclk\u00fcc\u00fc T\u00fcrk Dernekleri Federasyonu\", AD\u00dcTDF), die in Deutschland die Interessen ihrer in der T\u00fcrkei behei81","mateten Mutterorganisation \"Partei der Nationalistischen Bewegung\" (\"Milliyetci Hareket Partisi\", MHP) vertritt, stellt die bekannteste extremnationalistische t\u00fcrkische Bewegung dar. Der breiten \u00d6ffentlichkeit ist die AD\u00dcTDF vor allem unter der Bezeichnung \"Graue W\u00f6lfe\" bekannt. Die Vereine in Badenwichtigsten Vereine mit bis zu 100 Mitgliedern befinden sich in Stuttgart, W\u00fcrttemberg Ulm und Mannheim. Sowohl in der T\u00fcrkei als auch in Deutschland sind die Funktion\u00e4re bem\u00fcht, sich vom Image der einst ber\u00fcchtigten, Gewalt aus\u00fcbenden \"Grauen W\u00f6lfe\" zu l\u00f6sen. Dieses defensive Verhalten d\u00fcrfte jedoch vorrangig taktischen Erw\u00e4gungen entsprechen. Das Symbol des \"Grauen Wolfes\", eher ein Zeichen latenter nationalistischer Bereitschaft zur Militanz denn ein Wappentier, ist auf T-Shirts von Sch\u00fclern oder Wimpeln mit der fr\u00fcheren osmanischen Kriegsflagge bei Jugendlichen und Heranwachsenden nach wie vor zu beobachten. Dies wurde in einem organisationsinternen Flugblatt wie folgt unterstrichen: \"Wir sind Idealisten. Wir sind Sklaven des Glaubens und die Burg des t\u00fcrkischen Islam. Einforderung Wir sind W\u00e4chter des Vaterlands; unbedingter daf\u00fcr haben wir 4.000 M\u00e4rtyrer geopfert; Pflichterf\u00fcllung Allah ist der einzige Herrscher, der Koran ist das einzige Gesetz. Wenn wir auch am Strang enden, wenn man uns auch unsere Haut abzieht, Basbug110 ist unser F\u00fchrer. Wir sind Idealisten!\"111 Die in j\u00fcngster Zeit festgestellten Verlautbarungen zeigen deutlich, dass die Taktik von MHP und AD\u00dcTDF, sich Deutschland und der T\u00fcrkei demonstrativ als Partei der Mitte zu pr\u00e4sentieren, nicht eingehalten wird. Das Festhalten an pant\u00fcrkischen und rechtsextremistischen Ideen ist innerhalb der Bewegung nach wie vor unverkennbar, genauso wie die kompromisslose Gegnerschaft zu Andersdenkenden oder zu religi\u00f6sen Minderheiten. Diese Feindschaft zeigte sich auch bei den Demonstrationen von MHP-Anh\u00e4ngern im September 2004 anl\u00e4sslich der Verhandlungen der T\u00fcrkei f\u00fcr einen EU-Beitritt vor dem Amtssitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen in Istanbul. Etwa 500 \"Idealisten\" protestierten dort gegen die Wiederer\u00f6ffnung des Patriarchats und wollten den Amtssitz dieses Patriarchen st\u00fcrmen. Die 110 W\u00f6rtlich: F\u00fchrer, hier Huldigung an Alparslan T\u00dcRKES (1917-1997), den F\u00fchrer der MHP. 111 Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg aus dem T\u00fcrkischen. 82","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Polizei musste Tr\u00e4nengas und Schlagst\u00f6cke gegen die aufgebrachte Menschenmenge einsetzen. Die AD\u00dcTDF war auch in 2004 nicht bereit, die Integration der in Deutschland lebenden t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung zu unterst\u00fctzen. Sie formulierte vielmehr als Forderung: \"Wir m\u00fcssen unsere Jugendlichen in Deutschland Absage an als nicht-assimilierte junge Leute erziehen, die ihrer Integration Heimat, ihrer Nation und ihrer Religion verbunden sind. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir auf jede Art und Weise k\u00e4mpfen.\"112 3.2 Linksextremisten 3.2.1 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und \"T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C-Devrimci Sol) 3.2.1.1 Entstehungsgeschichte Der Ursprung der heutigen \"Revolution\u00e4ren Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) und der \"T\u00fcrkischen Volksbefreiungspartei-Front - Revolution\u00e4re Linke\" (THKP-C) liegt im weltweiten revolution\u00e4ren Aufbruch von 1968. Das im Lauf der Jahre aus verschiedenen linksextremistischen t\u00fcrkischen Organisationen hervorgegangene revolution\u00e4re Potenzial gr\u00fcndete 1978 mit der \"Devrimci Sol\" eine neue politisch-milit\u00e4rische Organisation. Diese verfolgte insbesondere das Ziel, in der T\u00fcrkei einen Umsturz der dortigen politischen Verh\u00e4ltnisse herbeizuf\u00fchren und eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten. Die \"Devrimci Sol\" war seit ihrer Gr\u00fcndung im Jahr 1978 in der T\u00fcrkei terroristisch aktiv. Insbesondere Anfang der 80er Jahre ver\u00fcbte sie zahlreiche Bombenanschl\u00e4ge gegen milit\u00e4rische und staatliche Einrichtungen, organisierte illegale Massendemonstrationen und Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und beging Terroranschl\u00e4ge gegen Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens. Seit ihrer Gr\u00fcndung 1978 wird die \"Devrimci Sol\" f\u00fcr weit \u00fcber 200 T\u00f6tungsdelikte verantwortlich gemacht, zu denen sie sich in der Regel auch bekannte. Als terroristisch-linksextremistische Organisation wurde die 112 Homepage des Augsburger AD\u00dcTDF-Vereins vom 2. August 2004. 83","\"Devrimci Sol\" bereits 1980 in der T\u00fcrkei und am 27. Januar 1983 (bestandskr\u00e4ftig seit 1989) durch den Bundesminister des Innern in der Bundesrepublik Deutschland verboten, nachdem von ihr massive und \u00e4u\u00dferst gewaltt\u00e4tige Ausschreitungen ausgegangen waren. Jahrelange innerorganisatorische Streitigkeiten und pers\u00f6nliche Zwistigkeiten f\u00fchrender Funktion\u00e4re spalteten die h\u00f6chst konspirativ agierende \"Devrimci Sol\" Ende 1992 in zwei konkurrierende, alsbald verfeindete Fl\u00fcgel, obwohl beide bis heute die gleichen ideologischen Grundlagen und politischen Ziele haben. Zun\u00e4chst bezeichneten sich die beiden rivalisierenden Fraktionen nach ihren F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren Dursun KARATAS und dem im M\u00e4rz 1993 in der T\u00fcrkei von Sicherheitskr\u00e4ften erschossenen Bedri YAGAN als \"KARATAS\"beziehungsweise \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel. Mit dem am 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus abgehaltenen \"Parteigr\u00fcndungskongress\" hat der \"KARATAS\"-Fl\u00fcgel, der sich seitdem DHKP-C nennt, organisatorisch endg\u00fcltig die Trennung vollzogen. Der \"YAGAN\"-Fl\u00fcgel verwendet seit Mitte 1994 die Bezeichnung THKP-C. Die DHKP-C und die THKP-C sehen sich in der politischen Erbfolge nach wie vor jeweils als die wahre Nachfolgerin der \"Devrimci Sol\" und halten an deren ideologischen Leitgedanken fest. Insbesondere von M\u00e4rz 1993 bis Anfang des Jahres 1999 kam es zu massiven Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen, die mit hoher krimineller Energie bis hin zum Mord ausgetragen wurden. Am 13. August 1998 erlie\u00df daher der Bundesminister des Innern gegen die THKP-C ein Bet\u00e4tigungsverbot. Die DHKP-C bewertete er zeitgleich als Ersatzorganisation der 1983 verbotenen \"Devrimci Sol\" und bezog sie in das fr\u00fchere Verbot mit ein. Die Anfechtungsklage der DHKP-C wies das Bundesverwaltungsgericht am 1. Februar 2000 letztinstanzlich ab. Die in Baden-W\u00fcrttemberg inaktive THKP-C entwickelte seitdem kaum noch \u00f6ffentliche Aktivit\u00e4ten und verlor weiter an Bedeutung. Terrorakte dieser Organisation wurden auch in der T\u00fcrkei nicht mehr bekannt. Daher wird im Folgenden ausschlie\u00dflich auf die DHKP-C eingegangen. 3.2.1.2 \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) Gr\u00fcndung: 30. M\u00e4rz 1994 in Damaskus/Syrien Leitung: Generalsekret\u00e4r Dursun KARATAS Mitglieder: ca. 80 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 100) ca. 650 Bund (2003: ca. 700) Publikationen: \"DEVRIMCI SOL\" (Revolution\u00e4re Linke) \"Ekmek ve Adalet\" (Brot und Gerechtigkeit) 84","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-Front\" (DHKP-C) gliedert sich in einen politischen Fl\u00fcgel, die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei\" (DHKP), und in einen milit\u00e4rischen, die \"Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront\" (DHKC). In den Satzungen von DHKP und DHKC wird jeweils in Absatz 1 bestimmt, dass sich die DHKP-C als unmittelbare Fortf\u00fchrung der \"Devrimci Sol\" versteht und deshalb deren Kennzeichen und damit Fahne und Embleme \u00fcbernimmt. Wie bei allen marxistisch-leninistischen Kaderorganisationen steht an der Parteispitze der Generalsekret\u00e4r, der mit umfassenden Vollmachten ausgestattet ist. Seit ihrer Gr\u00fcndung steht Dursun KARATAS als Generalsekret\u00e4r der DHKP-C vor. Die DHKP-C bedient sich des bewaffneten Kampfs, um die jetzige Staatsbewaffneter form der T\u00fcrkei zu beseitigen. Dazu hei\u00dft es in der deutschsprachigen FasKampf sung ihres Parteiprogramms: \"Unsere Partei hat sich die marxistischleninistische Weltanschauung zu Eigen gemacht und k\u00e4mpft daf\u00fcr. Das Endziel der DHKP ist, eine Gesellschaft und eine Welt ohne Ausbeutung und ohne Klassen zu schaffen. Aber unser heutiges Ziel ist die Errichtung der Revolution\u00e4ren Volksmacht - der Macht aller Volkskr\u00e4fte, die gegen Oligarchie und Imperialismus sind.\"113 Nicht nur die \"faschistische\" T\u00fcrkei z\u00e4hlt laut diesem Programm zu den \"Feinden des Volkes\", sondern es gelten auch solche Staaten, die mit der T\u00fcrkei wirtschaftlich oder milit\u00e4risch eng kooperieren, als vorrangiges Anschlagsziel der Organisation. In vornehmlich auf eigenen Websites ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rungen macht die DHKP-C immer wieder deutlich, dass in erster Linie die USA aufgrund ihrer \"imperialistischen Ideologie\" f\u00fcr den \"Terror in der Welt\" verantwortlich seien und daher als Hauptfeind angesehen w\u00fcrden. Zur Durchsetzung ihrer Ziele \u00fcbernahm die DHKP-C von der \"Devrimci Sol\" das Konzept des bewaffneten Kampfes und ver\u00fcbte zahlreiche 113 \u00dcbernahme wie im Original. 85","T\u00f6tungsdelikte sowie Brandund Sprengstoffanschl\u00e4ge. Seit einigen Jahren setzt sie bei ihren Terroraktionen zunehmend Selbstmordattent\u00e4ter ein. Zuletzt \u00fcbernahm sie die Verantwortung f\u00fcr einen offensichtlich missgl\u00fcckten Sprengstoffanschlag, der am 24. Juni 2004 im Istanbuler Stadtteil Fatih in einem Stadtbus durchgef\u00fchrt wurde. Vier Menschen wurden get\u00f6tet und weitere 23 Personen teilweise schwer verletzt. Die Attent\u00e4terin, die dabei ebenfalls ums Leben kam, konnte als DHKP-C-Aktivistin identifiziert werden. Die DHKP-C wird von der t\u00fcrkischen Polizei auch f\u00fcr weitere Anschl\u00e4ge im August 2003 verantwortlich gemacht. Pressemeldungen brachten das missgl\u00fcckte Attentat mit dem in Istanbul am 28. und 29. Juni 2004 durchgef\u00fchrten NATO-Gipfel in Zusammenhang. Unter der \u00dcberschrift \"Entschuldigung und Erkl\u00e4rung\" bekannte sich die DHKC in ihrem Internetportal zu diesem Anschlag. So hie\u00df es in dieser Erkl\u00e4rung: \"Es sind Menschen vom Volk umgekommen. Wir tragen die Verantwortung. Wir akzeptieren unsere Schuld und bitten unser Volk um Entschuldigung (...) Wir wiederholen noch einmal unsere Verantwortung f\u00fcr eine Bombe, die f\u00fcr die Volksfeinde gedacht war und durch ein Ungl\u00fcck explodierte.\"114 In Deutschland nahm die DHKP-C im Jahr 2004 vornehmlich tagespolitische Ereignisse wie den Staatsbesuch des t\u00fcrkischen Premierministers am 28. April 2004 in K\u00f6ln, den NATO-Gipfel vom 28. und 29. Juni 2004 in Istanbul oder den Tod des pal\u00e4stinensischen Pr\u00e4sidenten am 11. November 2004 zum Anlass, um Demonstrationen und Kundgebungen durchzuf\u00fchren oder in Publikationsbeitr\u00e4gen oder Interneterkl\u00e4rungen ihren Protest zum Ausdruck zu bringen und auf sich aufmerksam zu machen. Wie bereits in den Vorjahren wich die DHKP-C bei \u00fcberregionalen Veranstaltungen zunehmend in das benachbarte Ausland und dort insbesondere nach Br\u00fcssel/Belgien aus. Die vereinzelt in Deutschland durchgef\u00fchrten Gro\u00dfveranstaltungen wurden als Musikund Kulturveranstaltungen getarnt, wobei mit der Organisation sympathisierende t\u00fcrkische Musikgruppen als Anziehungsmagneten dienten. 114 DHKC-Erkl\u00e4rung Nr. 335 vom 25. Juni 2004. 86","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Auch im Jahr 2004 f\u00fchrten inhaftierte DHKP-C-Anh\u00e4nger den im Oktober 2000 in t\u00fcrkischen Haftanstalten begonnenen unbefristeten Hungerstreik, der sich gegen die neuen Gef\u00e4ngnistypen richtete, ununterbrochen fort. \"Todesfasten\" Nach nur wenigen Wochen wurde er bereits damals zum \"Todesfasten\" ausgeweitet, an dem sich fast ausschlie\u00dflich nur noch DHKP-C-Anh\u00e4nger beteiligten. Dieser Hungerstreik war weiterhin das beherrschende Agitationsthema der Organisation. Die stetig wachsende Zahl der im Rahmen des \"Todesfastenswiderstand\" umgekommenen Anh\u00e4nger aus den eigenen Reihen bewegte die DHKP-C ganzj\u00e4hrig dazu, auf die Situation in den t\u00fcrkischen Haftanstalten aufmerksam zu machen. In Interneterkl\u00e4rungen nahm die DHKP-C zu dieser Thematik regelm\u00e4\u00dfig Stellung, so beispielsweise am 16. Oktober 2004: \"117 Menschen sind gestorben, 600 wurden verkr\u00fcppelt. Dennoch gelang es dem Imperialismus und der Oligarchie nicht, die Revolution\u00e4re zu bezwingen. (...) Wir fahren damit fort, Widerstand zu leisten. Und je mehr Widerstand wir leisten, desto st\u00e4rker werden wir.\" In Deutschland trat bei Demonstrationen, Infost\u00e4nden und Flugblattaktionen, die das \"Todesfasten\" zum Thema hatten, meist der DHKP-C-nahe \"Solidarit\u00e4tsverein mit den politischen Gefangenen und deren Familien in der T\u00fcrkei\" (TAYAD) in Form des \"TAYAD-Komitees e.V.\" Hamburg als Veranstalter auf. Dieser setzte sich im Einklang mit der DHKP-C intensiv mit dem \"Todesfastenswiderstand\" auseinander. So organisierte das \"TAYADKomitee e.V.\" Hamburg vom 10. bis 17. Juli 2004 in mehreren deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten Hungerstreikaktionen zur Unterst\u00fctzung der \"Todesfastenden\" in der T\u00fcrkei. Ma\u00dfnahmen der Sicherheitsbeh\u00f6rden Das Vorgehen der Sicherheitsbeh\u00f6rden in der T\u00fcrkei und in Europa gegen die DHKP-C und deren Anh\u00e4nger sowie intensiv durchgef\u00fchrte Strafverfolgungsma\u00dfnahmen f\u00fchrten zu einer weiteren Schw\u00e4chung der Organisationsstrukturen. 87","Bei einer am 1. April 2004 gegen mutma\u00dfliche DHKP-C-Anh\u00e4nger und F\u00fchrungsfunktion\u00e4re durchgef\u00fchrten konzertierten Aktion kam es in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu Wohnungsdurchsuchungen und Verhaftungen. Im Zuge dieser europaweiten Razzien, die sich auf die T\u00fcrkei, Italien, Deutschland, Belgien und die Niederlande erstreckten, wurden mehr als 50 Personen festgenommen. Sie standen im Verdacht, Anh\u00e4nger der verbotenen DHKP-C zu sein. In Deutschland beschr\u00e4nkte sich die Ma\u00dfnahme auf die Durchsuchung von Wohnungen in Nordrhein-Westfalen und Baden-W\u00fcrttemberg. Anlass f\u00fcr diese l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Ma\u00dfnahmen waren Hinweise aus Ermittlungen der italienischen Sicherheitsbeh\u00f6rden gegen den DHKP-C-Hauptverantwortlichen in Italien, welcher bei der Aktion ebenfalls verhaftet wurde. In den Morgenstunden des 5. August 2004 durchsuchte ein Gro\u00dfaufgebot der Polizei aufgrund eines Beschlusses des Amtsgerichts Karlsruhe ein Zeltlager mutma\u00dflicher DHKP-C-Anh\u00e4nger auf einem Campingplatz in Eberbach/Rhein-Neckar-Kreis. Veranstalter des Sommerlagers war die DHKP-C-nahe \"Anatolische F\u00f6deration e.V.\" K\u00f6ln. Von den insgesamt 56 angetroffenen Campteilnehmern wurden mehrere Personen in Identit\u00e4tsgewahrsam genommen. Eine Person war zur Festnahme ausgeschrieben. Bei der Durchsuchung des Zeltlagers und der mitgef\u00fchrten Kraftfahrzeuge wurde umfangreiches DHKP-C-Propagandamaterial aufgefunden. Dazu z\u00e4hlten einige hundert Exemplare der DHKP-C-Publikation \"Ekmek ve Adalet\", mehrere Ausgaben des DHKP-C-Zentralorgans \"DEVRIMCI SOL\" sowie einschl\u00e4gige Videokassetten, CDs, Disketten, Mobiltelefone, FlugDurchsuchungen bl\u00e4tter und zahlreiche handschriftliche Aufzeichnungen. Zeitgleich durchsuchte die Polizei in K\u00f6ln die R\u00e4umlichkeiten der \"Anatolischen F\u00f6deration e.V.\" sowie die Privatwohnung der 1. Vorsitzenden dieses Vereins in Hagen. Auch dort stellte die Polizei umfangreiches DHKP-C-Material sowie mehrere PCs, CDs und Disketten sicher. Nachdem das Verwaltungsgericht Karlsruhe einen Eilantrag der \"Anatolischen F\u00f6deration e.V.\" gegen den von der Polizei verf\u00fcgten Platzverweis 88","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus abgelehnt hatte und die Teilnehmer sich trotz mehrmaliger Aufforderungen weiter vehement weigerten, den Platz zu verlassen, entfernte die Polizei am Mittag des 6. August die dort verbliebenen Personen unter Anwendung unmittelbaren Zwangs. Sowohl die \"Anatolische F\u00f6deration e.V.\" als auch das \"TAYAD-Komitee e.V.\" kritisierten den Polizeieinsatz scharf und erhoben in mehreren Erkl\u00e4rungen, die sie im Internet und in verschiedenen Publikationen ver\u00f6ffentlichten, massive Vorw\u00fcrfe gegen das Vorgehen der deutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden: \"Die Razzia ist ein einziges Fiasko. Es konnte keinerlei Beweismaterial sichergestellt werden. Die in der Presse verlautbarten Erfolgsszenarien im Rahmen der Terrorbek\u00e4mpfung sind reine Demagogie. (...) Der deutsche Staat ist ein Feind des Kampfes f\u00fcr Rechte und Freiheit.\"115 Durch den anhaltenden Ermittlungsdruck der Sicherheitsbeh\u00f6rden ist die weitere Organisation in Deutschland weiter geschw\u00e4cht worden. In Baden-W\u00fcrtSchw\u00e4chung temberg geh\u00f6ren ihr noch etwa 80 Personen an, die haupts\u00e4chlich im Gro\u00dfraum Stuttgart aktiv sind. Die im Jahr 2004 durchgef\u00fchrten Veranstaltungen fanden mangels eigener M\u00f6glichkeiten meist in R\u00e4umlichkeiten anderer, sich mit den Zielen der DHKP-C solidarisierender, linksextremistischer t\u00fcrkischer Organisationen statt. Kleinere Zusammenk\u00fcnfte oder Treffen wurden nicht selten konspirativ in privaten Wohnungen abgehalten. 3.2.2 \"T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten\" (TKP/ML) Gr\u00fcndung: 1972 (in der T\u00fcrkei) Mitglieder: ca. 320 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 320) T\u00dcRKISCHE KOMMUNISTISCHE PARTEI/ MARXISTEN-LENINISTEN (TKP/M-L) ca. 1.400 Bund (2003: ca. 1.400) Die Organisation ist in die folgenden Fl\u00fcgel gespalten: \"Partizan\" (im schriftlichen Sprachgebrauch \"TKP/ML\" abgek\u00fcrzt) Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 120 Baden-W\u00fcrttemberg 115 Erkl\u00e4rung der \"Anatolischen F\u00f6deration e.V.\", Internetauswertung vom 6. August 2004; Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 89","Milit\u00e4rische Teilorgani\"T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee\" (TIKKO); sation: ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaaktionen Publikation: \"Yeni Demokrasi Yolunda Isci K\u00f6yl\u00fc\" (Arbeiter und Bauern auf dem Weg der neuen Demokratie) und \"Maoistische Kommunistische Partei\" (MKP) (bis Ende 2002 \"Ostanatolisches Gebietskomitee\"DABK -; im schriftlichen Sprachgebrauch \"TKP(ML)\" abgek\u00fcrzt) Leitung: Funktion\u00e4rsgruppe Anh\u00e4nger: ca. 200 Baden-W\u00fcrttemberg Milit\u00e4rische Teilorgani\"Volksbefreiungsarmee\" (HKO); sation: - ver\u00fcbt in der T\u00fcrkei Guerillaktionen Publikation: \"Halk Icin Devrimci Demokrasi\" (Revolution\u00e4re Demokratie f\u00fcr das Volk) Die von Ibrahim KAYPAKKAYA im Jahr 1972 in der T\u00fcrkei gegr\u00fcndete TKP/ML ist seit 1994 in zwei miteinander konkurrierende Fraktionen gespalten, in den \"Partizan\"-Fl\u00fcgel und in die \"Maoistische Kommunistische Partei\" (MKP). In der Schreibweise unterschieden sich beide zun\u00e4chst nur geringf\u00fcgig: TKP/ML f\u00fcr den Partizanund TKP(ML) f\u00fcr den MKP-Fl\u00fcgel. Beide Gruppierungen berufen sich nach wie vor auf die von KAYPAKKAYA propagierte marxistisch-leninistisch-maoistische Ideologie. Um ihr erkl\u00e4rtes Ziel zu verwirklichen, n\u00e4mlich die gegenw\u00e4rtige Staatsstruktur in der T\u00fcrkei zu beseitigen und statt dieser eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu errichten, unterhalten beide Gruppierungen jeweils eigeweiterhin Anne Guerillaeinheiten, die in der T\u00fcrkei Anschl\u00e4ge ver\u00fcben. Die allj\u00e4hrlich schl\u00e4ge in der unter den Anh\u00e4ngern der beiden Fl\u00fcgel getrennt durchgef\u00fchrten SpendenT\u00fcrkei kampagnen sowie weitere Einnahmen aus Kulturveranstaltungen und dem Verkauf von Publikationen dienen vorwiegend der Finanzierung der Organisationsstrukturen. Zus\u00e4tzlich werden mit diesen Geldern offenbar weiterhin die bewaffnete Guerilla und die eigenen, in der T\u00fcrkei inhaftierten Gesinnungsgenossen unterst\u00fctzt. Auch im Jahr 2004 wurden die Anh\u00e4nger beider Gruppierungen bei der Durchf\u00fchrung von Veranstaltungen, Demonstrationen und sonstigen Aktionen von ihren Basisorganisationen propagandistisch unterst\u00fctzt. Bei der 90","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus TKP/ML-Partizan handelt es sich dabei um die \"F\u00f6deration der Arbeiter aus Basisorganisation der T\u00fcrkei in Deutschland e. V.\" (ATIF) in Deutschland und deren Dachorganisation auf Europaebene \"Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa\" (ATIK); bei der MKP um die \"F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland\" (ADHF) und die \"Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa\" (ADHK). Neben politischen Tagesthemen haben die von den Anh\u00e4ngern beider Fl\u00fcgel durchgef\u00fchrten Gedenkveranstaltungen zu Ehren KAYPAKKAYAs sowie der gefallenen \"M\u00e4rtyrer\" einen hohen Stellenwert. Vor allem die kleineren dezentralen Veranstaltungen dienen der Bindung der Anh\u00e4nger und Sympathisanten an die Organisationen. So f\u00fchrte die MKP anl\u00e4sslich des Gedenkens an den Gr\u00fcnder der TKP/ML am 16. Mai 2004 in Stuttgart eine Kulturveranstaltung mit etwa 1.200 Personen durch. An entsprechenden Veranstaltungen nahmen laut Meldungen der Zeitung \"\u00d6zg\u00fcr Politika\"116 in K\u00f6ln 700 und in Hamburg 800 Besucher teil. Nachdem am 2. und 9. November 2004 in der Region Dersim/T\u00fcrkei drei Guerillak\u00e4mpfer ums Leben gekommen waren, schalteten in Ulm wohnhafte Anh\u00e4nger der TKP/ML-Partizan zu deren Gedenken am 25. November 2004 in der \"\u00d6zg\u00fcr Politika\" folgende Anzeige: \"Der Schrei nach Freiheit der am 2. und 9. November in Dersim f\u00fcr eine Welt ohne Grenzen und Ausbeutung gefallenen drei roten Partizan Nelken117 ist unsere Parole.\"118 Weitere Aktionsschwerpunkte beider Organisationen bildeten in der ersten Jahresh\u00e4lfte der am 28. und 29. Juni 2004 in Istanbul durchgef\u00fchrte NATOGipfel und nach anf\u00e4nglich z\u00f6gerlichem Engagement in der zweiten Jahresh\u00e4lfte die Agenda 2010 sowie das damit im Zusammenhang stehende Reformprogramm Hartz IV. 116 Tageszeitung, die dem KONGRA-GEL nahe steht. 117 Die \"drei roten Partizan Nelken\" stehen sinnbildlich f\u00fcr die drei gefallenen Guerillak\u00e4mpfer. 118 Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 91","3.2.3 \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) Gr\u00fcndung: 1994 (in der T\u00fcrkei) Anh\u00e4nger: ca. 245 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 245) ca. 600 Bund (2003: ca. 600) Publikation: \"Yeniden Atilim\" (Erneuter Angriff) Verst\u00e4rkt in das Blickfeld der \u00d6ffentlichkeit trat die 1994 durch einen Zusammenschluss der \"T\u00fcrkischen Kommunistischen Partei/MarxistenLeninisten\" (TKP/ML-Hareketi) und der \"T\u00fcrkischen Kommunistischen Arbeiterbewegung\" (TKIH) entstandene \"Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei\" (MLKP) durch ihre im Jahr 2004 durchgef\u00fchrten Aktionen. Wie bereits in den Vorjahren z\u00e4hlte die MLKP in Deutschland weiterhin zu den mitgliederst\u00e4rkeren t\u00fcrkischen linksextremistischen Organisationen. Dem auf ihrer Homepage auch in Deutsch ver\u00f6ffentlichten Programm war unter anderem zu entnehmen: \"Die faschistische Diktatur der kollaborierenden \"gewaltsame Monopolbourgeoisie und der Gro\u00dfgrundbesitzer Revolution\" wird durch eine gewaltsame Revolution gest\u00fcrzt als Ziel und an ihrer Stelle wird die Union der Sowjetrepubliken der Arbeiter und Werkt\u00e4tigen gegr\u00fcndet, das Recht auf Trennung [sc. der Sowjetrepubliken] bleibt aber bestehen. (...)\"119 Aktivit\u00e4ten in In Deutschland wird die der MLKP nahe stehende \"F\u00f6deration der ArbeiDeutschland terimmigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e. V.\" (AGIF) im Sinne der MLKP propagandistisch t\u00e4tig. Diese unterst\u00fctzt ihre Anh\u00e4nger insbesondere durch Plakate und Flugschriften, die sich mit aktuellen politischen Ereignissen sowohl in Deutschland als auch im Ausland und dort vornehmlich in der T\u00fcrkei besch\u00e4ftigen. Auff\u00e4llig an den Flugbl\u00e4ttern war, dass der Stuttgarter Mitgliedsverein der AGIF im presserechtlichen Sinn verantwortlich zeichnete. Die f\u00fcr die Organisation und den Guerillakampf in der T\u00fcrkei ben\u00f6tigten Finanzmittel sch\u00f6pft die Organisation zum gr\u00f6\u00dften Teil aus der allj\u00e4hrlich im Herbst stattfindenden Spendenkampagne. Weitere Einnahmen werden durch den Verkauf von Publikationen und die Durchf\u00fchrung von Kulturveranstaltungen erzielt. 119 Internetauswertung vom 13. Dezember 2004. 92","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus W\u00e4hrend die Aktionen der Anh\u00e4nger und Sympathisanten in Deutschland bis auf wenige Entgleisungen emotionalisierter Einzelpersonen friedlich verliefen, operierten die \"Bewaffneten Einheiten der Armen und Unterdr\u00fcckten\" (FESK), die von den t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden als militanter Arm der MLKP angesehen werden, in der T\u00fcrkei terroristisch. Nachdem es im Vorfeld des NATO-Gipfels, der am 28. und 29. Juni in Istanbul/T\u00fcrkei stattfand, mehrere Demonstrationen gegen die Irak-Politik der USA gegeben hatte, detonierte vier Tage vor dem Gipfel in Ankara vor einem Hotel, in dem der US-Pr\u00e4sident \u00fcbernachtete, eine Bombe. Hierbei wurden mehrere Personen verletzt. Wie die Medien berichteten, bekannte sich die MLKP-FESK sowohl zu diesem Anschlag als auch zu weiteren Sprengstoffanschl\u00e4gen im Zusammenhang mit dem NATO-Gipfel. Unter dem Motto \"Singen wir das Lied der Hoffnung zum 10. Jahrestag!\" \"10 Jahre MLKP\" feierte die MLKP am 18. September 2004 in Gelsenkirchen den 10. Jahrestag ihrer Gr\u00fcndung. An dem Open-Air-Festival nahmen circa 4.000 Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet sowie dem benachbarten europ\u00e4ischen Ausland teil. Im Mittelpunkt der Aktionen in Baden-W\u00fcrttemberg standen folgende Veranstaltungen: Am 18. Juni 2004 wurde in Mannheim ein Informationsstand zum Thema NATO-Gipfel in Istanbul betrieben. Als Veranstalter trat die AGIF auf. Verteilt wurde ein Faltblatt, in dem es unter anderem hie\u00df: \"DIE NATO IST EINE INTERNATIONALE TERVeranstaltung RORISTISCHE VEREINIGUNG, DEREN ZIEL ES in BadenIST, DEN KAMPF DER V\u00d6LKER ZU UNTERW\u00fcrttemberg DR\u00dcCKEN (...)\".120 Unter der \u00dcberschrift \"Gemeinsamer Abend von ATIF und AGIF\" berichtete die der MLKP nahe stehende Zeitung \"Atilim Avrupa\" \u00fcber eine am 5. Juni 2004 vom Stuttgarter \"TOHUM KULTUR VEREIN\" und dem Stuttgarter \"Immigranten-Arbeiter-Kulturverein\" in Stuttgart durchgef\u00fchrte Gedenkveranstaltung \"zu Ehren 120 \u00dcbernahme wie im Original. 93","revolution\u00e4rer K\u00fcnstler.\"121 Offenbar beschloss man, die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen weiter zu vertiefen. Weitere Gespr\u00e4chsthemen des Abends seien die \"Besetzung des Iraks\", die \"die sozialen Rechte angreifende Agenda 2010\", die \"in der T\u00fcrkei in Kerkern sitzenden Gefangenen\" und der \"Nato-Gipfel\" gewesen. An der Veranstaltung sollen circa 100 Personen teilgenommen haben. In dem Artikel mit der \u00dcberschrift \"Gemeinsamer Kampf gegen den Sozialabbau\" informierte dieselbe \"Atilim Avrupa\"-Ausgabe \u00fcber ein Komitee, das mit Beteiligung der AGIF in Ulm und NeuUlm gegen den \"Sozialabbau\" gegr\u00fcndet wurde. An einer Veranstaltung dieses Ulmer \"Resistanbul Komitees\" sollen sich unter anderem auch die AGIF, die \"F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V.\" (ATIF) sowie die \"F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland\" (ADHF)122 mit etwa 100 Personen beteiligt haben. 4. \"Arbeiterpartei Kurdistans\" (PKK) beziehungsweise \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK), jetzt: \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRAGEL) Gr\u00fcndung: 1978 (in der T\u00fcrkei) Bet\u00e4tigungsverbot in Deutschland seit 26. November 1993 (rechtskr\u00e4ftig seit 26. M\u00e4rz 1994), benannte sich im April 2002 in KADEK und im November 2003 in KONGRA-GEL um. Sitz: Grenzgebiet T\u00fcrkei / Nord-Irak Vorsitzender: Z\u00fcbeyir AYDAR; Abdullah \u00d6CALAN lenkt jedoch als \"kurdischer Volksf\u00fchrer\" faktisch die Organisation. Anh\u00e4nger: ca. 750 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 800) ca.11.500 Bund (2003: ca. 11.500) Publikationen: u.a. \"Serxwebun\" (Unabh\u00e4ngigkeit); Sprachrohr: Tageszeitung \"\u00d6zg\u00fcr Politika\" (Freie Politik) mitgliederst\u00e4rkste extremistische Die von Abdullah \u00d6CALAN gegr\u00fcndete \"Arbeiterpartei Kurdistans\" Kurden(PKK), die sich zwischenzeitlich zweimal umbenannt hat, ist die mitglieorganisation derst\u00e4rkste extremistische Kurdenorganisation und sieht sich als einzig legi121 Hier und im Folgenden: \"Atilim Avrupa\" vom 19. Juni 2004; Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 122 Vgl. S. 91. 94","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus time Vertretung der vor allem aus der T\u00fcrkei stammenden Kurden. Ihr urspr\u00fcngliches Ziel war die Errichtung eines unabh\u00e4ngigen Staats \"Kurdistan\". Deshalb begann die straff hierarchisch organisierte Kaderpartei 1984 mit Hilfe ihres bewaffneten Arms \"Befreiungseinheiten Kurdistans\" (HRK), der im Oktober 1986 in die \"Volksbefreiungsarmee Kurdistans\" (ARGK) umgewandelt wurde, einen Guerillakrieg gegen den t\u00fcrkischen ARGK-Logo Staat. In Deutschland versuchte die Organisation durch politische und gewaltt\u00e4tige Aktionen den Kampf im Heimatland zu unterst\u00fctzen. Deswegen wurde der PKK und ihrer im M\u00e4rz 1985 gegr\u00fcndeten Propagandaorganisation \"Nationale Befreiungsfront Kurdistans\" (ERNK) sowie weiteren Nebenorganisationen im November 1993 die Bet\u00e4tigung im Bundesgebiet durch den Bundesminister des Innern untersagt. Dieses Verbot umfasst ERNK-Logo auch den \"Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans\" (KADEK) und den \"Volkskongress Kurdistans\" (KONGRA-GEL). Unter jeder dieser drei Bezeichnungen ist die Organisation auf Beschluss des Rats der \"Europ\u00e4ischen Union\" (EU) vom 2. April 2004123 auch in der \"EU-Terrorliste\" genannt. Gegen die dort aufgef\u00fchrten Organisationen k\u00f6nnen restriktive Ma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung des Terrorismus gerichtet werden. Au\u00dferdem entschied der Bundesgerichtshof (BGH) am 21. Oktober 2004, dass die PKK/KADEKF\u00fchrungsebene der PKK in Deutschland nach wie vor eine kriminelle VerLogo einigung im Sinne des SS 129 Abs. 1 Strafgesetzbuch (StGB) ist.124 Nach der Verhaftung \u00d6CALANs am 15. Februar 1999 in Nairobi/Kenia und den anschlie\u00dfenden Gewaltphasen verk\u00fcndete die PKK im September 1999 ihre so genannte Friedensstrategie, deren konkrete Ausgestaltung auf dem 7. Parteikongress im Januar 2000 beschlossen wurde. Vorgeblich auf politischem Weg und ohne Anwendung von Gewalt fordert sie seitdem die Anerkennung der kurdischen Identit\u00e4t sowie mehr kulturelle Autonomie vor allem innerhalb der Grenzen einer demokratischen T\u00fcrkei. Um die politische Neuausrichtung nach au\u00dfen zu dokumentieren und um sich von dem \u00fcber viele Jahre hinweg gepr\u00e4gten Makel einer Terrororganisation zu befreien, f\u00fchrte die Organisation verschiedene Ver\u00e4nderungen durch. Insbesondere wurden sowohl die PKK selbst als auch mehrere Teilorganisationen umbenannt beziehungsweise formal aufgel\u00f6st und unter neuen Namen wieder gegr\u00fcndet. Der milit\u00e4rische Arm ARGK erhielt zum Beispiel die Bezeichnung \"Volksverteidigungskr\u00e4fte\" (HPG). Die ehemalige Umbenennungen Propagandaorganisation ERNK wurde zuerst als \"Kurdische Demokratische Volksunion\" (YDK) fortgef\u00fchrt, im Juni 2004 jedoch aufgel\u00f6st und als 123 Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Union L 99 vom 3. April 2004, S. 28f. 124 Urteil des BGH vom 21. Oktober 2004, 3 StR 94/04. 95","\"Koordination der kurdischen demokratischen Gesellschaft in Europa\" (CDK) \"reorganisiert\". Trotz der propagierten \"Friedenslinie\" und der Beteuerungen, man sei eine immer noch demokratische Bewegung, stellt der KONGRA-GEL nach wie vor eine Gefahr f\u00fcr die Gefahr f\u00fcr die Innere Sicherheit Deutschlands dar. An dem strikt hierarchiInnere Sicherheit schen Aufbau und an der autorit\u00e4ren F\u00fchrung der Organisation haben sich bis jetzt weder substanziell noch personell nennenswerte Ver\u00e4nderungen ergeben. Innerhalb der Organisation herrscht statt freier Meinungsbildung immer noch das Prinzip von Befehl und Gehorsam. Gewalt ist weiterhin ein Mittel zur Durchsetzung der Ziele. Eine Mobilisierung der Mitglieder und Anh\u00e4nger f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Aktionen ist auch in Baden-W\u00fcrttemberg nach wie vor m\u00f6glich. Innerorganisatorische Spannungen f\u00fchren zu Zerrei\u00dfprobe Im Jahr 2004 befasste sich die Organisation vor allem mit sich selbst. Der Bruder Abdullah \u00d6CALANs, Osman, der zuletzt einer der stellvertretenden KONGRA-GEL-Vorsitzenden war, trennte sich mit einer Gruppe weiterer F\u00fchrungsfunktion\u00e4re und Guerilla-K\u00e4mpfer und gr\u00fcndete im Oktober 2004 Dissidentenunter der Bezeichnung \"Patriotisch-Demokratische Partei\" (PWD125) eine organisation eigene Organisation. Diese Vorg\u00e4nge sorgten innerhalb des KONGRA-GEL f\u00fcr starke Spannungen. Urs\u00e4chlich f\u00fcr diesen Schritt sollen pers\u00f6nliche Rivalit\u00e4ten und unterschiedliche Auffassungen \u00fcber den weiteren Kurs der Organisation, insbesondere \u00fcber die Zukunft der Guerilla und \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zu den USA gewesen sein. Die Differenzen waren angeblich bereits im Zusammenhang mit der Gr\u00fcndung des KONGRA-GEL im Herbst 2003 entstanden. Die PWD sieht im Gegensatz zum KONGRA-GEL vor allem in der Politik der USA im Krisengebiet einen Ansatz f\u00fcr eine L\u00f6sung des Kurdenproblems. Die eigenen Angaben zufolge friedlich und demokratisch ausgerichtete Arbeit der Organisation soll sich haupts\u00e4chlich auf die T\u00fcrkei konzentrieren. In einer Erkl\u00e4rung vom 9. August 2004, die von 40 Personen - darunter neben Osman \u00d6CALAN noch einigen weiteren (ehemaligen) hochrangigen Funktion\u00e4ren des KONGRA-GEL - unterzeichnet wurde, Osman \u00d6CALAN 125 Kurdische Abk\u00fcrzung f\u00fcr \"Partiya Welatpareze Demokratik\". 96","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus hie\u00df es weiter, eine \"Zerschlagung\"126 des KONGRA-GEL werde nicht angestrebt. Man wolle in friedlichem und freundschaftlichem Verh\u00e4ltnis zu ihm stehen. Dennoch wurden darin vor allem jene Mitglieder des KONGRAGEL, die sich von dessen Politik distanziert hatten, aufgerufen, sich der neuen Organisation anzuschlie\u00dfen. Bez\u00fcglich Abdullah \u00d6CALAN wurde ausgef\u00fchrt, dass man sich weiterhin f\u00fcr seine Freilassung einsetzen und seine ideologischen Ansichten achten, ihm aber keinen Einfluss auf die eigene Arbeit gew\u00e4hren werde. Die Guerillaorganisation des KONGRAGEL wurde zu einer neutralen Haltung aufgefordert. Abdullah \u00d6CALAN reagierte anfangs eher verhalten, verurteilte dann aber den offensichtlich endg\u00fcltigen Weggang seines Bruders und dessen Weggef\u00e4hrten mit scharfen Worten. Er bezeichnete Osman als Verr\u00e4ter und vertrat die Ansicht, dass die USA ihn als Werkzeug benutzten, um die Kurden - damit d\u00fcrfte vor allem der KONGRA-GEL gemeint sein - zu spalten und gleichzeitig ihn selbst zu vernichten. Am 25. August 2004 soll Abdullah \u00d6CALAN gegen\u00fcber seinen Anw\u00e4lten auf \u00dcberlegungen, gegen so genannte Abweichler in Syrien und im Irak eine \"ideologische und politische Kampagne\" durchzuf\u00fchren, laut Protokoll127 \u00e4u\u00dferst w\u00fctend reagiert haben. Er forderte stattdessen ein entschiedenes Vorgehen: \"(...) Auf was wartet ihr noch? Ihr h\u00e4ttet ihnen an die Kehle gehen sollen. (...) Schon vor f\u00fcnf Jahren, als sie ihren ersten Schritt taten, h\u00e4ttet ihr sie im scharfe Reaktion Keim ersticken und ihnen keine Luft zum Atmen Abdullah lassen sollen. (...) Nicht nur mein Bruder, wer auch \u00d6CALANs immer es ist. (...) Alle Einheiten m\u00fcssen die Realit\u00e4t schnellstens erkennen: Tretet in Aktion, tut das Notwendige! Andernfalls droht Gefahr, drohen Intrigen.\" Diese \u00c4u\u00dferungen k\u00f6nnten von Hardlinern auch als Aufforderung zu neuen Gewalttaten verstanden werden. Neugr\u00fcndung/Wiederaufbau der PKK Als im Fr\u00fchjahr 2004 die internen Differenzen \u00fcber den weiteren Kurs einen vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt erreichten, k\u00fcndigte Abdullah \u00d6CALAN am 126 Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg. 127 Protokoll der \u00d6CALAN-Anw\u00e4lte, ver\u00f6ffentlicht am 28. August 2004 in der \"\u00d6zg\u00fcr Politika\"; Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 97","10. M\u00e4rz 2004 gegen\u00fcber seinen Anw\u00e4lten die Gr\u00fcndung einer neuen Organisation an: \"Ich entwickle eine neue Parteiart. (...) Der KONGRA-GEL ist eine Organisation des Volks. Daneben brauchen wir eine Partei. (...) Wir bauen die PKK erneut auf (...) Eine Gruppe junger, korrekter und gefestigter Kameraden soll sich um die Erneuerung k\u00fcmmern. (...) 500 bis 600 Kader sollen dazugeh\u00f6ren. Das Vorbereitungsgremium soll seine Arbeit aufnehmen.\" 128 Diese \u00c4u\u00dferungen d\u00fcrften vor allem darauf gerichtet gewesen sein, auf die unterschiedlichen Meinungen innerhalb des KONGRA-GEL \u00fcber dessen Rolle einzugehen und die internen Spannungen dadurch zu l\u00f6sen, dass die verschiedenen Gruppen in die Organisation einbezogen werden. Infolgedessen erkl\u00e4rte der Vorsitzende des KONGRA-GEL-Verteidigungsangeblich komitees am 26. M\u00e4rz 2004129 unter anderem, dass sich ein Komitee mit \"neue PKK\" dem Ziel des Aufbaues einer \"neuen PKK\" auf der Grundlage und den Perspektiven Abdullah \u00d6CALANs nunmehr gebildet und seine Arbeit aufgenommen habe. Weiter f\u00fchrte er aus, dass man sich mit dem Aufbau Zeit lassen und die \"neue PKK\" Schritt f\u00fcr Schritt entwickeln werde. Dies d\u00fcrfte auch der Grund daf\u00fcr sein, dass noch keine genaueren Informationen bekannt geworden sind. Um sich offenbar von der \"neuen PKK\" als \"Partei\" abzugrenzen, verk\u00fcndete der KONGRA-GEL-Vorsitzende Z\u00fcbeyir AYDAR am 1. Juni 2004130 auf einer Pressekonferenz zum 2. KONGRA-GEL-Kongress, der vom 16. bis 26. Mai 2004131 durchgef\u00fchrt wurde, dass man k\u00fcnftig \"den Volkscharakter der Organisation mehr in den Vordergrund stellen\" wolle. Nach einer offenbar wiederholten intensiven Aus128 Protokoll der \u00d6CALAN-Anw\u00e4lte, ver\u00f6ffentlicht am 13. M\u00e4rz 2004 in der \"\u00d6zg\u00fcr Politika\"; Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 129 Homepage des KONGRA-GEL vom 29. M\u00e4rz 2004. Die oben genannte Erkl\u00e4rung wurde dort auch in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlicht; \u00dcbernahme wie im Original. 130 \"\u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 2. Juni 2004; Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 131 Genaue \u00d6rtlichkeit nicht bekannt. 98","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus einandersetzung mit organisationsinternen Problemen habe man sich schlie\u00dflich gemeinsam auf die Linie Abdullah \u00d6CALANs verst\u00e4ndigt. Au\u00dferdem seien auch personelle Ver\u00e4nderungen auf der F\u00fchrungsebene vorgenommen worden. Als erster Schritt f\u00fcr eine Umstrukturierung des KONGRA-GEL in Europa ist der vom 12. bis 21. Juni 2004 in Frankreich durchgef\u00fchrte 5. Kongress der YDK mit 310 Delegierten zu werten. In der Schlusserkl\u00e4rung132 wurde bekannt gegeben, dass man die YDK \"aufgel\u00f6st\" und unter der Bezeichnung CDK \"reorganisiert\" habe. Au\u00dferdem sei entschieden worden, \"unter Beteiligung aller Volksschichten eine demokratische Organisationsform\" zu schaffen und von der Basis ausgehend \"Volksr\u00e4te\" einzurichten. Mit der aktiven Beteiligung des Volkes am Demokratisierungsprozess solle das von \u00d6CALAN gesetzte Ziel, eine \"Volksdemokratie aufzubauen\", erreicht werden. Im Anschluss an diesen Kongress fanden in Baden-W\u00fcrttemberg etliche Veranstaltungen statt, bei denen die Basis allgemein \u00fcber das Konzept und die neue Organisationsform informiert wurde. Bislang konnte eine Umsetzung allerdings noch nicht beobachtet werden. Aufhebung des Waffenstillstands zum 1. Juni 2004 Parallel zur Versch\u00e4rfung der innerorganisatorischen Situation nahmen seit dem Fr\u00fchjahr 2004 die milit\u00e4rischen Operationen der t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden zu. Nach mehreren Warnungen verk\u00fcndete der Kommandorat der HPG schlie\u00dflich in einer Erkl\u00e4rung vom 28. Mai 2004 das Ende des bisherigen Waffenstillstands zum 1. Juni 2004. Dieser habe \"durch die Vernichtungsoperationen des t\u00fcrkischen Staates in den letzten drei Monaten seinen milit\u00e4rischen und politischen Sinn verloren\". In der Erkl\u00e4rung wurden die eigenen Bem\u00fchungen der letzten Jahre f\u00fcr eine \"demokratischpolitische L\u00f6sung f\u00fcr die kurdische Frage\" dargelegt und es wurde betont, dass allein die t\u00fcrkische Regierung, \"ermutigt durch die EU, die den KONGRA-GEL auf die Terrorliste gesetzt\" habe, f\u00fcr die derzeitige Situation verantwortlich sei. Die HPG w\u00fcrden \"in diesem Krieg, der (...) die Vernichtung der Guerilla\" 132 \"\u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 26. Juni 2004; Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 99","zum Ziel habe, ihr \"Recht auf Gegenwehr im Rahmen der legitimen Verteidigung umfassender wahrnehmen.\" Die T\u00fcrkei sei durch die \"Konfliktsituation\" zu einer \"Risikozone f\u00fcr wirtschaftliche Investitionen und den Tourismus\" geworden. In der Folgezeit nahmen die milit\u00e4rischen Aktionen wieder Opfer auf sowohl der t\u00fcrkischen Sicherheitsbeh\u00f6rden als auch der KONGRA-GELbeiden Seiten Guerillaorganisation zu; Tote und Verletzte wurden auf beiden Seiten gemeldet. Der KONGRA-GEL-Vorsitzende AYDAR stellte ausdr\u00fccklich klar, dass seine Organisation die Aufhebung des Waffenstillstands unterst\u00fctze. Dennoch betonte die KONGRA-GEL-F\u00fchrung bei jeder Gelegenheit, dass sie nach wie vor an einer friedlichen L\u00f6sung des Kurdenproblems festhalte und die Kampfhandlungen einstellen wolle, sobald die T\u00fcrkei verschiedene Bedingungen erf\u00fcllt habe. Andernfalls w\u00fcrden die HPG ihre Angriffe ausweiten. Finanzierung Der KONGRA-GEL ben\u00f6tigt f\u00fcr seine Propagandat\u00e4tigkeit, den Parteiapparat sowie f\u00fcr die Versorgung seiner Guerillak\u00e4mpfer und deren Ausstattung mit Waffen und Munition hohe Geldbetr\u00e4ge. Die Finanzierung erfolgt \u00fcber Mitgliedsbeitr\u00e4ge, den Verkauf von Publikationen und \u00fcber Gewinne aus Gro\u00dfveranstaltungen. Zus\u00e4tzlich sollen die angesprochenen Landsleute bei der allj\u00e4hrlichen Spendenkampagne einen Betrag in H\u00f6he eines \"Spendenquittung\" Monatseinkommens abliefern. Diese Einnahmen r\u00fcckl\u00e4ufige sind seit Verk\u00fcndung des \"Friedenskurses\" stark r\u00fcckl\u00e4ufig. Viele Kurden Einnahmen konnten sich wegen der propagierten \"Demokratisierung\" nicht mehr mit der Organisation identifizieren und zogen sich zur\u00fcck. Aus diesem Grund weigerten sie sich auch, den geforderten Beitrag ganz oder teilweise zu zahlen. Als \"Abschreckung\" wurden deshalb einzelne Bestrafungsaktionen Bestrafungsdurchgef\u00fchrt, nachdem auch das Argument nicht \u00fcberzeugend war, dass f\u00fcr aktionen die K\u00e4mpfer in der Heimat wegen der intensivierten Aktivit\u00e4ten der Guerilla mehr Gelder f\u00fcr eine optimale Ausr\u00fcstung notwendig seien. Veranstaltungen Im Jahr 2004 waren wegen der starken Beanspruchung durch die \u00fcblichen sowie anlassbezogenen bundesund europaweiten Gro\u00dfveranstaltungen 100","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus kaum Kapazit\u00e4ten f\u00fcr die Durchf\u00fchrung nennenswerter \u00f6rtlicher Aktionen in Baden-W\u00fcrttemberg vorhanden. An den wenigen dennoch durchgef\u00fchrten \u00f6ffentlichkeitswirksamen Protestaktionen war die Beteiligung im Vergleich zu den Vorjahren geringer. Daf\u00fcr gab es mehrere Gr\u00fcnde. Zahlreiche Anh\u00e4nger und \u00f6rtliche Funktionstr\u00e4ger konnten sich nicht mit dem im Herbst 1999 verk\u00fcndeten \"Friedenskurs\" identifizieren. Sie begriffen den Sinn und Zweck der damit verbundenen st\u00e4ndigen Umstrukturierungen und Umbenennungen nicht. Hinzu kamen im Jahr 2004 noch der interne Streit auf der F\u00fchrungsebene des KONGRA-GEL und der damit verbundene Weggang einer Gruppe um Osman \u00d6CALAN sowie die Ank\u00fcndigung weiterer Ver\u00e4nderungen einschlie\u00dflich der Neugr\u00fcndung der PKK. All dies f\u00fchrte dazu, dass sich eine gewisse Anzahl Kurden, darunter auch langj\u00e4hrig engagierte Anh\u00e4nger, von der Organisation zur\u00fcckzogen. Aktionsschwerpunkte in Baden-W\u00fcrttemberg waren Stuttgart, Mannheim, AktionsschwerFreiburg im Breisgau und Ulm. Im Jahr 2004 konnten noch etwa 750 Perpunkte in Badensonen in Baden-W\u00fcrttemberg zu dem Kreis gerechnet werden, der sich W\u00fcrttemberg aktiv f\u00fcr den KONGRA-GEL beziehungsweise f\u00fcr die ihm nahe stehenden Organisationen engagiert. F\u00fcr besondere Anl\u00e4sse - der Tod Abdullah \u00d6CALANs w\u00e4re ein solches Beispiel - lassen sich in Baden-W\u00fcrttemberg jedoch nach wie vor mehrere tausend Kurden mobilisieren, die vorwiegend \u00fcber die dem KONGRA-GEL nahe stehenden Vereine erreicht werden. An folgenden Veranstaltungen beteiligten sich die KONGRA-GEL-Anh\u00e4nger in Baden-W\u00fcrttemberg unter anderem: Im Zusammenhang mit dem Internationalen Tag der Frau fand am 6. M\u00e4rz 2004 f\u00fcr den gesamten s\u00fcddeutschen Raum eine Veranstaltung in Mannheim statt, die von dem \u00f6rtlichen KONGRA-GELnahen Verein angemeldet wurde. An dem Aufzug beteiligten sich etwa 800 Personen; bei der anschlie\u00dfenden, weitgehend kulturell gepr\u00e4gten Abschlusskundgebung erh\u00f6hte sich die Teilnehmerzahl auf 1.000. W\u00e4hrend der Kundgebung wurden Flugbl\u00e4tter der KONGRA-GEL-Frauenorganisation \"Partei freier Frauen\" (PJA) verteilt, in denen alle Frauen aufgerufen wurden, sich zusammenzuschlie\u00dfen und gemeinsam mit der PJA f\u00fcr mehr Rechte zu k\u00e4mpfen. 101","Anl\u00e4sslich des am 21. M\u00e4rz gefeierten kurdischen Neujahrsfestes (Newroz) fand am 20. M\u00e4rz 2004 in Hannover eine Demonstration statt, die von der \"F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland e.V.\" (YEK-KOM)133 organisiert wurde und an der sich rund 25.000 Kurden aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland friedlich beteiligten. In seiner Gru\u00dfbotschaft, die von einem seiner Anw\u00e4lte verlesen wurde, betonte Abdullah \u00d6CALAN, dass \"Newroz ein Symbol f\u00fcr den Widerstand gegen innere und \u00e4u\u00dfere Kr\u00e4fte, die die Existenz des kurdischen Volkes\" bedrohten, \"und ein heiliges Fest der Freiheitsbewegung\" 134 sei. Als Reaktion auf die am 2. April 2004 erfolgte Aufnahme des KADEK und Proteste gegen des KONGRA-GEL in die so genannte EU-Terrorliste wurden auch in Erw\u00e4hnung in Baden-W\u00fcrttemberg verschiedene Protestaktionen durchgef\u00fchrt. So fanden \"EU-Terrorliste\" am 10. April 2004 in Mannheim und Heilbronn, am 17. April 2004 in Stuttgart, am 23. April 2004 in Offenburg sowie ein weiteres Mal am 24. April 2004 in Mannheim Aufz\u00fcge mit Kundgebungen statt. An den Veranstaltungen nahmen jeweils bis zu 200 Personen friedlich teil. Teilweise f\u00fchrten die Demonstrationsteilnehmer themenbezogene Transparente mit und skandierten die bekannten Parolen wie zum Beispiel \"Biji KONGRA-GEL\"135 und \"Biji Apo\"136. Einige Personen riefen auch \"Biji PKK\"137. Die Veranstaltungen wurden wie \u00fcblich \u00fcber die KONGRA-GEL-nahen Vereine organisiert und angemeldet. Zu einer so genannten Volksversammlung trafen sich am 18. Juli 2004 mehrere hundert Anh\u00e4nger des KONGRA-GEL-Gebiets Stuttgart in StuttgartWangen. AYDAR referierte als Hauptredner \u00fcber die Lage und die politischen Zusammenh\u00e4nge im Nahen und Mittleren Osten. Au\u00dferdem ging er auf innerorganisatorische Angelegenheiten wie zum Beispiel den Weggang Osman \u00d6CALANs ein. 133 Dachverband, in dem \u00fcberwiegend die \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Kurdenvereine in Deutschland zusammengeschlossen sind. 134 \"\u00d6zg\u00fcr Politika\" vom 21. M\u00e4rz 2004; Arbeits\u00fcbersetzung des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz BadenW\u00fcrttemberg. 135 Deutsch: \"Hoch lebe der KONGRA-GEL\". 136 Deutsch: \"Hoch lebe Apo\"; mit \"Apo\" (Onkel) ist hier Abdullah \u00d6CALAN gemeint. 137 Deutsch: \"Hoch lebe die PKK\". 102","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Rund 50 \u00fcberwiegend jugendliche Kurden beteiligten sich am 4. September 2004 an einem Marsch von Mannheim nach Heidelberg, wo eine Abschlusskundgebung mit etwa 100 Personen stattfand. Diese, vom \u00f6rtlichen KONGRA-GEL-nahen Verein in Mannheim angemeldete Aktion war Teil einer vom 31. Juli bis 25. September 2004 durchgef\u00fchrten Kampagne, die in Europa ma\u00dfgeblich von der KONGRA-GEL-Jugendorganisation \"Bewegung der freien Jugend Kurdistans\" (TECAK) getragen wurde. Das wie in den Vorjahren von der YEK-KOM durchgef\u00fchrte \"Internationale Kurdische Festival\" fand am 25. September 2004 in Gelsenkirchen unter dem Motto \"Kurdische Perspektiven - Wegweiser f\u00fcr Partnerschaft in Europa und im Nahen Osten\" statt. Etwa 40.000 Kurden reisten aus ganz Europa an. W\u00e4hrend des kulturell gepr\u00e4gten Programms wurden zahlreiche Gru\u00dfbotschaften, unter anderem von Abdullah \u00d6CALAN, verlesen. AYDAR hielt eine Ansprache, in der er die \u00dcberzeugung vertrat, dass jeder Verrat, alle Komplotte und Angriffe eine geb\u00fchrende Antwort erhielten, solange die Begeisterung, die Opferbereitschaft und die Einheit der Kurden bestehe. Ausblick Das Handeln des KONGRA-GEL in Deutschland ist weiterhin vor allem vom Verhalten der T\u00fcrkei sowie von der Lage im Nordirak und in der Ostt\u00fcrkei abh\u00e4ngig. Sollte sich die Guerillaorganisation des KONGRA-GEL durch die milit\u00e4rische Intervention der t\u00fcrkischen Armee in ihrer Existenz bedroht sehen, w\u00e4ren massive Reaktionen der Anh\u00e4nger in Baden-W\u00fcrttemberg nicht auszuschlie\u00dfen. Bislang wurde \u00fcber die Aufhebung des Waffenstillstands lediglich kontrovers diskutiert. Derzeit kann nicht sicher prognostiziert werden, wie sich der Weggang Osman \u00d6CALANs und die Gr\u00fcndung der PWD langfristig auf den KONGRA-GEL auswirken werden. Die scharfe Kritik und die Wortwahl Abdullah \u00d6CALANs, der sich Funktion\u00e4re auf allen Ebenen anschlossen, zeigten aber deutlich, wie sehr sich der KONGRA-GEL durch die Abspaltung bedroht f\u00fchlt. Er unternimmt vor diesem Hintergrund alles - bislang offenbar erfolgreich -, um zu verhindern, dass die Konkurrenzorganisation in Deutschland Fu\u00df fasst. 103","\"demokratische Eine ernsthafte und erfolgreiche Umsetzung der angek\u00fcndigten Schaffung Organisaeiner \"demokratischen Organisationsform\" unter Beteiligung der Basis tionsform\" in erscheint \u00e4u\u00dferst fraglich. Die Organisation hatte dies im Lauf des \"Frieweiter Ferne denskurses\" seit Herbst 1999 schon h\u00e4ufig angek\u00fcndigt, ohne dass sich tats\u00e4chlich etwas ge\u00e4ndert h\u00e4tte, wohl weil im Denken vieler Anh\u00e4nger und Funktion\u00e4re demokratische Grunds\u00e4tze - sofern \u00fcberhaupt - nur ansatzweise vorhanden sind. 5. Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien und ethnische Albaner Die in Baden-W\u00fcrttemberg138 lebenden Angeh\u00f6rigen der verschiedenen Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien, speziell die in den vergangenen Jahren in Kriegswirren und Unruhen einbezogenen Serben, KosovoAlbaner und Mazedonier, haben sich im Jahr 2004 \u00fcberwiegend unauff\u00e4llig verhalten. Politisch bedeutsame, einzelne Volksgruppen im Heimatland tangierende Ereignisse, wie beispielsweise die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Kosovo-Albanern und Serben am 17. und 18. M\u00e4rz 2004 im Kosovo, bei denen es mehrere Tote gab und zahlreiche Sakralund Kulturdenkm\u00e4ler sowie H\u00e4user der serbischen Minderheit seitens aufgebrachter Kosovo-Albaner zerst\u00f6rt wurden, die Pr\u00e4sidentschaftswahlen am 27. Juni 2004 in Serbien/Montenegro, die weiteren Festnahmen von mutma\u00dflichen Kriegsverbrechern und deren Auslieferung an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, die Parlamentswahlen am 24. Oktober 2004 im Kosovo, bei denen die \"Demokratische Liga Kosovos\" (LDK) als Sieger hervorging sowie letztendlich das Scheitern eines Referendums gegen die territoriale Neuordnung in Mazedonien am 7. November 2004 friedliches wurden in Kreisen der betroffenen Volksgemeinschaften intern und in der Nebeneinander \u00d6ffentlichkeit nur mit gr\u00f6\u00dfter Zur\u00fcckhaltung diskutiert. Selbst die Unruethnischer hen im M\u00e4rz 2004 waren f\u00fcr die im Ausland lebenden Serben kein Anlass Nationalit\u00e4tenf\u00fcr Demonstrationen oder sonstige \u00f6ffentlichkeitswirksame Aktionen. In gruppen 138 Insgesamt leben in Baden-W\u00fcrttemberg 235.229 Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien (Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien/Montenegro). Quelle: Statistisches Landesamt Baden-W\u00fcrttemberg, Stand: 31. Dezember 2004. Wegen einer Bereinigung des Ausl\u00e4nderzentralregisters im Jahr 2004 ist die genannte Zahl mit den Vorjahreszahlen nur eingeschr\u00e4nkt vergleichbar 104","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Baden-W\u00fcrttemberg, das als Ruheraum gilt, gingen sich Serben und Kosovo-Albaner weiterhin m\u00f6glichst aus dem Weg. Von hier aus unterst\u00fctzten sie vor allem finanziell die im Heimatland lebenden Familienangeh\u00f6rigen. Gewaltt\u00e4tige, h\u00e4ufig durch Alkoholeinfluss bedingte Auseinandersetzungen zwischen den einst verfeindeten Volksgruppen waren eher die Ausnahme. Das Motiv f\u00fcr m\u00f6glicherweise politisch motivierte Straftaten wie Farbschmierereien in Weil am Rhein, wo Geb\u00e4udefassaden deutscher Staatsb\u00fcrger mit der Bezeichnung \"UCK\" versehen sowie ein nationalistisches serbisches Symbol \u00fcbermalt wurden, sind eher als Ausw\u00fcchse von jugendlichem Vandalismus zu bewerten. Dennoch wird dadurch aber auch belegt, dass sich in Baden-W\u00fcrttemberg nach wie vor Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien aufhalten, die willens und geneigt sind, bei entsprechender Stimmungslage oder auch entsprechender politischer Indoktrination straff\u00e4llig zu werden. Autonomiebestrebungen albanischer Volkszugeh\u00f6riger Die in Baden-W\u00fcrttemberg lebenden Anh\u00e4nger und Sympathisanten kosovo-albanischer und mazedonischer extremistischer Autonomiebewegungen haben sich \u00fcberwiegend unauff\u00e4llig verhalten. Thematisiert wurden allerdings die Unruhen vom M\u00e4rz 2004 im Kosovo. Auff\u00e4llig dabei war die \u00e4u\u00dferst kritische, zum Teil feindselige Haltung der Kosovo-Albaner gegen\u00fcber der \"Administration der Vereinten Nationen zur \u00dcbergangsverwaltung des Kosovo\" (UNMIK)139. Speziell das angebliche, auch in den deutschen Medien diskutierte Fehlverhalten der deutschen Bundeswehr hat in diesen Kreisen zu einem starken Ansehensverlust Deutschlands gef\u00fchrt. Nicht selten wurden sogar gewaltt\u00e4tige Aktionen gegen die UNMIK-Administration und die Bundeswehr im Kosovo gefordert. Bereits in der Zeit vor den Unruhen wurde das Mandat der UNMIK im Kosovo h\u00e4ufig \u00f6ffentlich in Frage gestellt. In einem Interview mit einem ehemaligen Funktion\u00e4r der \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK) aus UNMIK Baden-W\u00fcrttemberg, das mit dem Titel \"Wir haben kein Vertrauen in die in der Kritik UNMIK\" \u00fcberschrieben war, behauptete dieser, die UNMIK trage die Verantwortung f\u00fcr die katastrophale wirtschaftliche Lage und die hohe Kriminalit\u00e4tsrate im Kosovo. Abschlie\u00dfend betonte er: 139 \"United Nation Interim Administration Mission in Kosovo\". 105","\"Die Menschen in Kosova trauen im Gegensatz zur Zeit vor vier Jahren der UNMIK-Verwaltung nicht mehr \u00fcber den Weg.\" 140 Sowohl die extrem nationalistische \"Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue\" (B.K.D.SH.) mit Sitz in Donzdorf/Krs. G\u00f6ppingen, die in Baden-W\u00fcrttemberg auch 2004 \u00fcber etwa 20 und bundesweit \u00fcber rund 50 Mitglieder verf\u00fcgte, als auch die linksextremistische kosovo-albanische Emigrantenorganisation \"Volksbewegung von Kosovo\" (LPK) k\u00f6nnen in Baden-W\u00fcrttemberg nicht mehr auf arbeitsf\u00e4hige Strukturen zur\u00fcckgreifen. Bem\u00fchungen von F\u00fchrungsfunktion\u00e4ren der LPK in Deutschland und im Kosovo, die Parteiarbeit in Baden-W\u00fcrttemberg zu reaktivieren, scheiterten bisher am politischen Desinteresse der hier lebenden, noch etwa 20 (2003: 20) und bundesweit circa 150 zu dieser Organisation z\u00e4hlenden Mitglieder (2003: 150). Dennoch versuchten Funktion\u00e4re aus Bayern, in anderen Bundesl\u00e4ndern (einschlie\u00dflich in Baden-W\u00fcrttemberg) wieder Strukturen aufzubauen. Im Zusammenhang mit den Parlamentswahlen am 24. Oktober 2004 im Kosovo wurden die im Ausland lebenden Anh\u00e4nger wiederholt aufgefordert, den Wahlkampf der LPK finanziell zu unterst\u00fctzen, da diese Organisation weiterhin von akutem Geldmangel betroffen war. So transferierten auch einzelne Volksr\u00e4te (Ortsgruppen) Gelder ins Heimatland, wenn auch nicht in der von der Parteispitze erwarteten H\u00f6he. Die Aktivit\u00e4ten der in Mazedonien und im Grenzgebiet zum Kosovo agierenden \"Albanischen Nationalarmee\" (AKSH) standen nach wie vor im Blickpunkt derjenigen, deren politisches Ziel die Schaffung eines \"Gro\u00dfalbanien\" ist. So sympathisierten auch in Baden-W\u00fcrttemberg Kosovo-Albaner wie Mazedonier mit der als politische Plattform der AKSH bekannten \"Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung\" (FBKSH), deren erkl\u00e4rtes Ziel ebenfalls die Vereinigung aller albanischen Siedlungsgebiete141 ist. Nachdem sich die AKSH im Jahr 2004 mehrfach zu Anschl\u00e4gen auf staatliche Einrichtungen in Mazedonien und in Serbien bekannt hatte, wurden sowohl gegen die AKSH142 im Kosovo als auch gegen Vertreter der FBKSH in der Schweiz, in Belgien und in Deutschland exekutive Ma\u00dfnahmen verh\u00e4ngt, die ma\u00dfgeblich zu einer Schw\u00e4chung der im Aufbau befindlichen Strukturen und zu einer Verunsicherung der Funktion\u00e4re gef\u00fchrt haben. So wurden bundesweit nur noch wenige Informationsveranstaltungen (unter 140 Homepage der FBKSH vom 27. September 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 141 Teile von Nordgriechenland, Mazedonien, S\u00fcdserbien und Montenegro. 142 Nach einem Sprengstoffanschlag auf eine Eisenbahnbr\u00fccke in der N\u00e4he von Zvecan/Kosovo im April 2003 wurde die AKSH von der UNMIK als terroristische Organisation eingestuft und verboten. 106","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus anderem in Pforzheim) organisiert. Den im Bundesgebiet aktiven Anh\u00e4ngern der FBKSH fehlte seit der Inhaftierung143 ihres politischen Sekret\u00e4rs, Idajet BEQIRI, die politische Leitfigur. W\u00e4hrend er in der Justizvollzugsanstalt Konstanz in Auslieferungshaft einsa\u00df, agitierten seine Anh\u00e4nger durch eine Petition und \u00f6ffentliche Verlautbarungen gegen seine Auslieferung. Berichte zu dieser Thematik wurden regelm\u00e4\u00dfig auf der Website des Publikationsorgans144 der FBKSH ver\u00f6ffentlicht. Am 15. Juni 2004 wurde BEQIRI an Albanien ausgeliefert und Mitte Juli F\u00fchrungsfunktio2004 von einem Gericht in Tirana/Albanien unter Anrechnung seiner in der n\u00e4r an Albanien Auslieferungshaft verbrachten Haftzeit zu 18 Monaten Gef\u00e4ngnis wegen ausgeliefert Anstachelung zu ethnischem Hass verurteilt. Bereits am Tag seiner Entlassung aus dem Gef\u00e4ngnis im August 2004 zeigte sich BEQIRI erneut k\u00e4mpferisch. Vor Pressevertretern \u00e4u\u00dferte er sich zur Existenz der FBKSH und der \"gro\u00dfalbanischen Frage\": \"Die FBKSH existiert und wird niemals sterben, solange das nationale Ideal der Wiedervereinigung Albaniens existiert. Derzeit z\u00e4hlt die FBKSH 87.000 Mitglieder und unsere (...) Nachbarn brauchen vor diesem Albanien keine Angst zu haben (...) Wir fordern kein Gro\u00dfalbanien, sondern das wiedervereinigte Albanien, so wie es gewesen ist, (...) denn wenn wir Gro\u00dfalbanien fordern w\u00fcrden, so w\u00fcssten (...) unsere Nachbarn sehr gut, bis wohin es reichen w\u00fcrde, n\u00e4mlich von der Donau bis nach Arta145. (...) Weder der Balkan noch Europa werden jemals ohne die Wiedervereinigung Albaniens vereinigt werden k\u00f6nnen.\" 146 Abschlie\u00dfend antwortete BEQIRI auf die Frage, ob er denn nicht Angst habe, aufgrund seiner \u00c4u\u00dferungen wieder inhaftiert zu werden: \"Ich habe ein Leben, und wenn ich noch 100 h\u00e4tte, ich w\u00fcrde sie ohne nachzudenken f\u00fcr die Wiedervereinigung Albaniens opfern.\" 143 Die Festnahme erfolgte am 15. Dezember 2003 in Konstanz. 144 Publikationsorgan der FBKSH ist die nur noch im Internet erscheinende Zeitung \"Ribashkimi i Shqiperise\" (Albanische Wiedervereinigung). 145 Stadt an der griechischen Westk\u00fcste. 146 Hier und im Folgenden: Homepage der FBKSH, Redaktion \"Ribashkimi i Shqiperise\", vom 15. Juli 2004; Arbeits\u00fcbersetzung des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz. 107","6. Sikh-Organisationen \"Babbar Khalsa International\" (BK) Gr\u00fcndung: 1978 in Indien Sitz: Merzenich/Kreis D\u00fcren Mitglieder: ca. 30 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: 30) ca. 200 Bund (2003: 200) \"International Sikh Youth Federation\" (ISYF) Gr\u00fcndung: 1984 als weltweite Auslandsorganisation der \"All India Sikh Student Federation\" (AISSF) 1985 Gr\u00fcndung der \"Deutschen Sektion der ISYF\" in Frank furt am Main Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 80 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: 80) ca. 600 Bund (2003: 600) Publikation: \"Des Pardes\" \"Kamagata Maru Dal International\" (KMDI) Gr\u00fcndung: 1997 als \"Internationale Kamagatamaru Partei\" in San Francisco/USA 1998 Zweigorganisation in Baden-W\u00fcrttemberg Sitz: vermutlich M\u00fcnchen Mitglieder: Funktion\u00e4rsgruppe in Baden-W\u00fcrttemberg wie bereits im Jahr 2003 ca. 50 Bund (2003: 50) Im Gegenzug zu den 1980er und 1990er Jahren wurden in den letzten Jahren keine neuen Terroranschl\u00e4ge durch extremistische Sikh-Organisationen mehr ver\u00fcbt. Die indischen Sicherheitsbeh\u00f6rden verhinderten durch umfassende Pr\u00e4senz eine Restrukturierung der geschw\u00e4chten Kommandostrukturen. Von der erstmaligen Wahl eines Sikhs zum Premierminister147 erhofften sich viele Sikhs eine Besserung der aus ihrer Sicht unver\u00e4ndert angespannten 147 In Indien fanden im Mai 2004 vorgezogene Wahlen statt, bei denen die Kongresspartei als Sieger hervorging, die einen Sikh zum Premierminister w\u00e4hlte. 108","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus politischen Situation im Pandschab/Indien. Die Mehrheit der \"Befreiungsk\u00e4mpfer\" allerdings bezeichnete dies als Illusion. Sie h\u00e4lt den aktiven aktiver Kampf Kampf f\u00fcr einen unabh\u00e4ngigen Staat \"Khalistan\" unver\u00e4ndert f\u00fcr notwenf\u00fcr \"Khalistan\" dig. Neben ihren traditionell bevorzugten Exill\u00e4ndern Kanada, USA, Gro\u00dfbritannien und Frankreich siedelten sich Angeh\u00f6rige der Sikh-Gemeinschaft, darunter Anh\u00e4nger extremistischer Sikh-Gruppierungen - beispielsweise der in mehrere Fl\u00fcgel gespaltenen \"International Sikh Youth Federation\" (ISYF) oder der \"Babbar Khalsa International\" (BK)148 - auch in Deutschland an. Die Bundesrepublik wird als Ruheraum gesch\u00e4tzt, um von hier aus die im Pandschab k\u00e4mpfenden Gesinnungsgenossen in finanzieller und propagandistischer Hinsicht zu unterst\u00fctzen. In Baden-W\u00fcrttemberg konnten St\u00fctzpunkte St\u00fctzpunkte in den Gro\u00dfr\u00e4umen Stuttgart und Mannheim sowie in den in BadenLandkreisen Reutlingen, Sigmaringen und Zollernalb lokalisiert werden. W\u00fcrttemberg Au\u00dferdem gab es in T\u00fcbingen nach wie vor eine nennenswerte Basis politischer Aktivit\u00e4ten, obwohl sich die hier seit September 1997 als Ausl\u00e4nderverein gemeldete ISYF-Teilorganisation im April 2004 aufgel\u00f6st hatte. Bemerkenswerterweise gelang im August 2004 nach neun Jahren erbitterter Fl\u00fcgelk\u00e4mpfe die Wiedervereinigung zweier rivalisierender ISYF-Fraktionen. Versuche, dies auch in Baden W\u00fcrttemberg umzusetzen, scheiterten indes an den Machtanspr\u00fcchen hiesiger Funktion\u00e4re. Hauptversammlungsorte der Sikhs sind ihre Tempel (Gurdwaras), in denen kulturelle und religi\u00f6se Veranstaltungen, aber auch politische Treffen durchgef\u00fchrt werden. Die Funktion\u00e4re der einzelnen Sikh-Vereinigungen nutzen diese Versammlungen stets auch zu Propagandazwecken. Bei \"M\u00e4rtyrer\"Gedenkveranstaltungen149 forderten sie in k\u00e4mpferischen Reden die Anwesenden regelm\u00e4\u00dfig zu gro\u00dfz\u00fcgigen Geldspenden f\u00fcr den \"Befreiungskampf\" Spendenaufrufe und die Unterst\u00fctzung von Familienangeh\u00f6rigen der \"M\u00e4rtyrer\" auf. Aktionsschwerpunkte f\u00fcr die politischen Agitationen waren die Tempel in K\u00f6ln und Frankfurt am Main. Entsprechende Aktivit\u00e4ten der in BadenW\u00fcrttemberg ans\u00e4ssigen Sikh-Organisationen konnten vor allem im Stuttgarter Tempel verzeichnet werden. Weitere Gurdwaras befinden sich in Mannheim und T\u00fcbingen. 148 Diese Bezeichnung wird von der \"Babbar Khalsa\" f\u00fcr die Auslandsorganisation verwendet. 149 Auf ihnen werden die im Kampf um ein unabh\u00e4ngiges \"Khalistan\" gefallenen K\u00e4mpfer als \"M\u00e4rtyrer\" verehrt. 109","ProtestHiesige Aktivisten beteiligten sich an Protesten gegen die indische Regieveranstaltungen rung, so zum Beispiel am 26. Januar 2004 (indischer Nationalfeiertag) und am 5. Juni 2004 in Frankfurt am Main (20. Jahrestag der Erst\u00fcrmung des \"Goldenen Tempels\"150 in Amritsar) sowie am 11. Oktober in Berlin anl\u00e4sslich des Besuchs des indischen Ministers Jagdish Tytler, dem vorgeworfen wird, Ende Oktober 1984 f\u00fcr Massaker gegen Angeh\u00f6rige ihrer Volksgruppe mitverantwortlich gewesen zu sein. Zur politischen Agitation nutzten die Organisationen englischund pandschabisprachige Publikationen. So informierte die ISYF in der w\u00f6chentlich erscheinenden Sikh-Zeitschrift \"Des Pardes\" regelm\u00e4\u00dfig die im Ausland lebenden Landsleute \u00fcber alle ma\u00dfgeblichen Veranstaltungsvorhaben wie Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen. 7. \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) Gr\u00fcndung: 1972 auf Sri Lanka als \"Tamil New Tigers\" (TNT) 1976 Umbenennung in LTTE Sitz: Oberhausen/Nordrhein-Westfalen (Deutsche Sektion) Mitglieder: ca. 80 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: 80) ca. 750 Bund (2003: 750) Obwohl die an den im Jahr 2002 begonnenen Friedensverhandlungen beteiligte linksextremistische, separatistische Tamilenorganisation \"Liberation Tigers of Tamil Eelam\" (LTTE) und die zwischenzeitlich neue singhalesische Regierung151 immer wieder ihre Entschlossenheit zur Fortsetzung152 der Friedensgespr\u00e4che signalisiert hatten, scheiterten im Jahr 2004 jegliche stockender Vermittlungsversuche zur Wiederaufnahme des seit \u00fcber einem Jahr stagFriedensprozess nierenden Friedensprozesses auf Sri Lanka.153 Auf Seiten der Regierung blo150 Der \"Goldene Tempel\" in Amritsar ist das religi\u00f6se Zentrum der Sikhs im nordindischen Bundesstaat Pandschab. Es wurde am 6. Juni 1984 durch einen Angriff indischer Truppen (Operation \"Blue Star\") stark besch\u00e4digt. Bei den K\u00e4mpfen verloren mehr als 1.500 Aufst\u00e4ndische ihr Leben, darunter auch der heute als \"M\u00e4rtyrer\" glorifizierte Anf\u00fchrer Jarmail Singh BHINDRANWALE. 151 Anfang Februar 2004 l\u00f6ste die sri-lankische Pr\u00e4sidentin das Parlament auf und setzte f\u00fcr den 2. April 2004 Neuwahlen an. Ausl\u00f6ser waren Vorw\u00fcrfe der Opposition an die Regierungspartei, den LTTE bei den Friedensverhandlungen zu weit reichende Zugest\u00e4ndnisse zu machen. Die Opposition gewann die Wahlen. 152 Anfang September 2004 hatte der Chef der politischen Abteilung der LTTE die Forderungen seiner Organisation nach Autonomie in Form der \"Interim Self-Governing Authority\" (ISGA) als verhandlungsf\u00e4hig bezeichnet. Er ebnete somit seitens seiner Organisation den Weg f\u00fcr weitere Gespr\u00e4che. 110","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus ckierten einige Koalitionspartner die Verhandlungen, da sie die von den LTTE vorgeschlagene \"Interim Self-Governing Authority\" (ISGA) als Planung f\u00fcr eine Teilung des Staates Sri Lanka werteten. Vor allem aber versch\u00e4rfte sich die Situation durch Anschl\u00e4ge im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen um den ehemaligen Oberbefehlshaber der Rebellenarmee im Osten Sri Lankas, Vinayagamoorthy MURALITHARAN (genannt Colonel KARUNA), nachdem sich dieser Anfang M\u00e4rz 2004 nach einer Befehlsverweigerung von der Organisation losgesagt hatte.154 In der Folgezeit ver\u00fcbten sowohl LTTE-Einheiten als auch KARUNAs Truppen mehrere Attentate, bei denen zahlreiche Angeh\u00f6rige beider Seiten ums Leben kamen.155 Insbesondere wegen finanzieller Aspekte sind die LTTE auf ein ausgepr\u00e4gtes Solidarit\u00e4tsbewusstsein der tamilischen Diasporagemeinschaft angewiesen. Dazu hat die nach hierarchischen Prinzipien gegliederte Vereinigung eine weltweite Organisationsstruktur aufgebaut. Im Ausland haben die LTTE eine Exilorganisation gegr\u00fcndet. Sie unterhalten Vertretungen in \u00fcber 38 L\u00e4ndern. In Deutschland bem\u00fchten sich LTTE-Kader unver\u00e4ndert um Vernetzung der den Ausbau eines breit gef\u00e4cherten Netzes von Kulturund Sportvereinen Diasporasowie tamilischer Schulen156. Mit diesen Einrichtungen wird versucht, alle gemeinschaft im Ausland lebenden Tamilen zu erfassen und an die Organisation zu binden. Die LTTE beanspruchen n\u00e4mlich das Alleinvertretungsrecht, als einzige Vereinigung die Interessen und Belange der tamilischen Bev\u00f6lkerungsgruppe wirkungsvoll wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Angesichts der Gefahr eines Wiederaufflammens des B\u00fcrgerkriegs auf Sri Lanka und des zu erwartenden erh\u00f6hten Finanzbedarfs nutzten die LTTE Geldbeschaffung auch im Jahr 2004 jede M\u00f6glichkeit der Geldbeschaffung. Erneut setzten sie 153 Auf Vermittlung der norwegischen Regierung hatten die LTTE und die singhalesische Regierung im Februar 2002 ein Waffenstillstandsabkommen vereinbart. Wenigstens dieses wurde von beiden Seiten auch im Jahr 2004 weitgehend eingehalten. Das Ziel der Friedensverhandlungen ist die Beendigung des nahezu 20 Jahre andauernden B\u00fcrgerkriegs mit ann\u00e4hernd 70.000 Toten auf Sri Lanka. 154 KARUNA weigerte sich Anfang M\u00e4rz 2004, der Forderung der LTTE-F\u00fchrung nachzukommen, 1.000 der von ihm befehligten LTTE-K\u00e4mpfer aus dem Osten in den Norden zu verlegen Er warf der F\u00fchrungsspitze vor, \u00fcber die \"Ost-Tamilen\" dominieren zu wollen. Nach einem kurzen Gefecht zwischen den zerstrittenen Parteien floh der mittlerweile aus der Organisation ausgeschlossene KARUNA mit seiner Anh\u00e4ngerschaft in die Urw\u00e4lder Sri Lankas. 155 \"Ber\u00fchmtestes\" Opfer der blutigen Auseinandersetzungen war KARUNAs Bruder. Medienangaben zufolge wurde er am 23. September 2004 westlich von Batticaloa/Sri Lanka von einem LTTE-Sonderkommando ermordet. 156 Tamilische Kinder und Jugendliche werden von fr\u00fchester Kindheit an in der tamilischen Sprache und Tradition unterrichtet, damit sie sp\u00e4ter einmal den Bezug zu ihrer k\u00fcnftigen Heimat \"Tamil Eelam\" entwickeln k\u00f6nnen. In Deutschland gibt es etwa 120 tamilische Schulen (Thamilalayam), circa zehn davon in Baden-W\u00fcrttemberg. 111","ihren Schwerpunkt auf die finanzielle Absch\u00f6pfung der im Ausland lebenden Landsleute. Die deutsche Sektion leistete ihren Anteil, indem sie von allen hier lebenden Tamilen monatliche Beitr\u00e4ge erhob. Zus\u00e4tzliche Ertr\u00e4ge erbrachten Spendengeldaktionen wie die anl\u00e4sslich des \"Heldengedenktags\" im November 2004. Dar\u00fcber hinaus stellten die von den Tarnund Nebenorganisationen157 der LTTE initiierten Kultur-, Sportund Gedenkveranstaltungen, bei denen neben der Durchf\u00fchrung von Geldsammlungen Propagandaartikel zum Kauf angeboten wurden, eine weitere betr\u00e4chtliche Einnahmequelle dar. Um ein bestm\u00f6gliches Spendenergebnis zu erzielen, legten die Organisatoren bereits bei der Ausrichtung der Veranstaltungen viel Wert auf traditionelle Inhalte. Teilweise konnten dadurch mehrere hundert Personen - bei dem im November 2004 im nordrhein-westf\u00e4lischen Herne durchgef\u00fchrten \"Heldengedenktag\" waren es allein in Deutschland \u00fcber 10.000 - zur Teilnahme an derartigen Veranstaltungen mobilisiert werden. Veranstaltungen In Baden-W\u00fcrttemberg wurden im Jahre 2004 unter anderem folgende Veranstaltungen bekannt: Am 17. Januar 2004 initiierte die \"Kultur Vereinigung der Tamilen e.V.\" in Stuttgart eine \"Kulturveranstaltung\". Tats\u00e4chlich handelte es sich um eine \"Heldengedenkfeier\" zu Ehren eines ehemaligen LTTEKaders158. Unter den rund 700 Teilnehmern befanden sich auch mehrere LTTE-Funktion\u00e4re. 157 Die Organisation von Veranstaltungen durch Tarnund Nebenvereinigungen der konspirativ agierenden LTTE erfolgt, um nach au\u00dfen hin nicht selbst in Erscheinung treten zu m\u00fcssen. 158 Sathasivam KRISHNAKUMAR, genannt \"KITTU\", hatte im Januar 1993, w\u00e4hrend die indische K\u00fcstenwache ein mit Sprengstoff und Waffen beladenes Schiff der LTTE kontrollierte, den an Bord befindlichen Sprengstoff zur Explosion gebracht. Dabei wurden er und mehrere Besatzungsmitglieder get\u00f6tet. Seitdem wird er als \"M\u00e4rtyrer\" gefeiert. KITTU war einst LTTE-Gr\u00fcndungsmitglied und Leiter des internationalen LTTE-Sekretariats in London/Gro\u00dfbritannien. 112","Islamismus/Ausl\u00e4nderextremismus Am 30. Oktober 2004 f\u00fchrte der Verein \"Tamilischer Kulturkreis e.V.\" in Bad Friedrichshall eine Veranstaltung zu Gunsten des tamilischen Projekts \"Anpu Illam\" (\"Liebes Heim\") durch, an der circa 750 Personen teilnahmen. Die Einnahmen aus der Spendensammlung sollten vorgeblich f\u00fcr den Bau eines Altersheims auf Sri Lanka verwendet werden. Mindestens 5.000 Personen, darunter rund 400 Teilnehmer aus BadenW\u00fcrttemberg159, folgten dem Aufruf der LTTE, sich am 5. April 2004 an der unter dem Motto \"Erweckungstag der Tamilen\" stehenden Gro\u00dfkundgebung vor dem Geb\u00e4ude der Organisation der Vereinten Nationen in Genf/Schweiz zu beteiligen. Der \u00e4u\u00dfere Rahmen der friedlich verlaufenen Demonstration war deutlich von \"Tiger-Symbolen\" gepr\u00e4gt. Neben gro\u00dfen und kleinen Fahnen mit Tiger-Emblemen wurden vor allem Fotos des LTTE-F\u00fchrers Vellupillai PRABHAKARAN mitgef\u00fchrt. In Baden-W\u00fcrttemberg unterhalten die LTTE St\u00fctzpunkte haupts\u00e4chlich in der Region Heilbronn und im Gro\u00dfraum Stuttgart. 159 In Baden-W\u00fcrttemberg leben 5.359 Personen sri-lankischer Staatsangeh\u00f6rigkeit (Quelle: Statistisches Landesamt Baden-W\u00fcrttemberg; Stand: 31. Dezember 2004). Eine weitere Differenzierung hinsichtlich der Volkszugeh\u00f6rigkeit - hier Tamilen - existiert nicht. Wegen einer Bereinigung des Ausl\u00e4nderzentralregisters im Jahr 2004 ist die genannte Zahl mit den Vorjahreszahlen nur eingeschr\u00e4nkt vergleichbar. 113","B. R ECHTSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Wahlerfolge Die rechtsextremistische Szene machte 2004 insbesondere durch einige spektakul\u00e4re Wahlerfolge von sich reden, die nicht zuletzt durch Wahlabsprachen zwischen den Parteien \"Deutsche Volkunion\" (DVU) und \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) zustande kamen. Diese Erfolge f\u00fchrten zu einer gewissen Aufbruchstimmung innerhalb des gesamten rechtsextremistischen Lagers, die sich bisher jedoch nur im Falle der NPD in einem Mitgliederzuwachs niedergeschlagen hat, der zudem relativ geringf\u00fcgig ausgefallen ist. Die Mitgliederzahl der DVU und das rechtsexrechtsextremistitremistische Personenpotenzial insgesamt sind weiter r\u00fcckl\u00e4ufig, wenn auch sches Personennicht in demselben Ausma\u00df wie von 2002 auf 2003. Allerdings war - teils in potenzial Reaktion auf die rechtsextremistischen Wahlerfolge, teils schon davor - ein r\u00fcckl\u00e4ufig verst\u00e4rkter Wille zu registrieren, die notorische Zersplitterung und Zerstrittenheit des eigenen politischen Lagers zumindest teilweise zu \u00fcberwinden. M\u00f6glichst geeint sollen die sich angesichts der insbesondere \u00f6konomischen und sozialen Probleme in Deutschland dem Rechtsextremismus mutma\u00dflich bietenden Chancen effektiver genutzt werden. Man k\u00f6nnte f\u00fcr das Jahr 2004 in diesem Zusammenhang von deutlicher zutage tretenden Tendenzen zu verst\u00e4rkter Kooperation und B\u00fcndelung der vorhandenen personellen und strukturellen Ressourcen im rechtsextremistischen Lager sprechen. Dazu z\u00e4hlt neben den Wahlabsprachen von NPD und DVU insbesondere die sich mittlerweile auch in einer personellen Verzahnung ausdr\u00fcckende Ann\u00e4herung von NPD und Neonaziszene. In diesem Zusammenhang muss aber auch das \"Projekt Schulhof\"160 genannt werden, das von einer breiten Allianz von Rechtsextremisten aus dem Inund Ausland getragen wird. B\u00fcndnisEin weiteres Beispiel f\u00fcr diese Tendenzen zu verst\u00e4rkter Kooperation und bestrebungen B\u00fcndelung stellt die Gr\u00fcndung des \u00fcberparteilichen Vereins \"Nationales B\u00fcndnis Heilbronn\" (NBH) dar, der sich am Vorbild des \"Nationalen B\u00fcndnisses Dresden\"161 orientiert und das Ziel verfolgt, \"gemeinsame Veranstaltungen der einzelnen Organisationen unter dem Dach des B\u00fcndnis durchzuf\u00fchren, um so einen gr\u00f6\u00dferen Wirkungsgrad zu erzielen.\"162 Als 160 Vgl. Kapitel 9.2. 161 Dieses war bei den s\u00e4chsischen Kommunalwahlen am 13. Juni 2004 in den Dresdner Stadtrat gew\u00e4hlt worden. 162 Hier und im Folgenden: Rundschreiben vom 25. Oktober 2004, Internetauswertung vom 2. November 2004. 114","Rechtsextremismus seine Unterst\u00fctzer nennt das NBH die NPD und deren Jugendorganisation \"Junge Nationaldemokraten\" (JN), die \"Deutsche Partei\" (DP), die DVU, \"ehemalige Mitglieder\" der \"Republikaner\" (REP) sowie die dem neonazistischen Spektrum zuzuordnende \"Freiheitliche Initiative Heilbronn\". Langfristig will das NBH in Stadt und Landkreis Heilbronn kommunalpolitisch aktiv werden und an den Kommunalwahlen teilnehmen. Dabei sollen jedoch \"die einzelnen Organisationen (...) nicht in Frage gestellt\" werden. Inwieweit es sich hier um einen ernstzunehmenden Versuch einer organisations\u00fcbergreifenden Zusammenarbeit handelt und ob dieses Projekt \u00e4hnliche Erfolgsaussichten hat wie sein Dresdener Vorbild, muss abgewartet werden. Es gibt Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass die Wahlerfolge von NPD und DVU zum Teil auf eine seit einigen Jahren zu beobachtende strategisch-thematische Umorientierung zumindest von wichtigen Segmenten des rechtsextremistischen Lagers zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Denn seit einiger Zeit veranlasst die bisstrategische und her bestehende Isolation und die daraus resultierende Erfolglosigkeit der thematische rechtsextremistischen Szene zumindest diejenigen Rechtsextremisten, die Neuausrichtung ernsthaft nach Au\u00dfenwirkung und politisch-gesellschaftlichem Einfluss streben, zu der \u00dcberlegung, ob eine Akzentverschiebung weg von den \"klassischen\" Themen hin zu aktuelleren, popul\u00e4reren und urspr\u00fcnglich vielleicht sogar eher f\u00fcr andere politische Lager spezifischen Inhalten die eigene gesellschaftliche Akzeptanz und B\u00fcndnisf\u00e4higkeit erh\u00f6hen k\u00f6nnte. Die seit dem ersten Halbjahr 2004 verst\u00e4rkt zu beobachtende rechtsextremistische Hinwendung zu Komplexen wie \"Krise und Reform\", \"Agenda 2010\", \"Hartz IV\" beziehungsweise \"EU-Osterweiterung\" und zur Frage eines eventuellen EU-Beitritts der T\u00fcrkei sind - nat\u00fcrlich nicht nur, aber auch - in solchen strategischen Querfrontbeziehungsweise B\u00fcndnisbestrebungen begr\u00fcndet. Auch der Versuch, \u00fcber diese Fragen an gesamtgesellschaftliche Diskurse anzudocken und in der Mehrheitsgesellschaft an Akzeptanz zu gewinnen, spielt hier eine wichtige Rolle. Es ist abzusehen, dass aus derselben Motivationslage heraus die rechtsextremistische Szene nach dem Tod des niederl\u00e4ndischen Filmemachers Theo van Gogh, der am 2. November 2004 in Amsterdam von einem mutma\u00dflichen Islamisten marokkanischer Abstammung ermordet wurde, die auch in der deutschen Gesellschaft entfachte Diskussion um den Themenkomplex \"(Muslimische) Zuwanderung und ihre Gestaltung\" aufgreifen wird, um ihre altbekannten ideologischen, fundamental ablehnenden Positionen zur Zuwanderungsfrage in die Mehrheitsgesellschaft zu tragen. 115","1.1 Rechtsextremistische Personenund W\u00e4hlerpotenziale Das Abschneiden rechtsextremistischer Parteien bei Wahlen kann anders als 2003 nicht auf eine Formel gebracht werden. 2004 standen deutliche Niederlagen neben spektakul\u00e4ren Wahlerfolgen - teilweise f\u00fcr ein und dieselbe Partei. So scheiterte die NPD bei der Hamburger B\u00fcrgerschaftswahl am 29. Februar 2004, obwohl sie als einzige rechtsextremistische Partei angetreten war, mit 0,3 Prozent der Stimmen. Dieselbe Partei errang jedoch bei der s\u00e4chsischen Landtagswahl am 19. September 2004 9,2 Prozent und zog damit erstmals seit 1968 wieder in einen deutschen Landtag ein. Rechtsextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2002 - 2004 2002 2003 2004 Rechtsextremismus Land Bund Land Bund Land Bund Rechtsextremistische Skinheads 800 10.700 870 10.000 1.000 10.000 und sonstige gewaltbereite Zirkel Neonazistische Parteien/ Organisationen und Einzelpersonen 270 2.600 290 3.000 300 3.800 nach Abzug der Doppelmitgliedschaften Rechtsextremistische Parteien 2.800 28.100 2.530 25.000 2.390 24.300 ddavon: DVU 1.200 13.000 1.100 11.500 1.000 11.000 REP 1.200 9.000 1.000 8.000 950 7.500 NPD 400 6.100 380 5.000 380 5.300 DP 50 500 60 500 Sonstige rechtsextremistische 450 4.400 400 4.100 350 3.800 Organisationen1 Gesamtsumme 4.320 45.800 4.090 42.100 4.040 41.900 Tats\u00e4chliches Personenpotenzial nach 4.200 45.000 4.000 41.500 3.900 40.700 Abzug der Mehrfachmitgliedschaften Grafik: LfV BW 1 einschlie\u00dflich Studentenund Jugendorganisationen Stand: 31.12.2004 Gr\u00fcnde Dass trotz der Wahlerfolge f\u00fcr NPD und DVU die rechtsextremistischen f\u00fcr MitgliederParteien 2004 in der Summe weiter an Mitgliedern verloren, ist unter andeverluste der rem mit zwei Faktoren zu erkl\u00e4ren. Zum einen verharrten die REP und Parteien - deutlicher noch - die DP 2004 in der mittlerweile gewohnten Erfolglosigkeit und konnten schon deshalb keine gesteigerte Attraktivit\u00e4t auf eventuelle Neumitglieder aus\u00fcben. Zum anderen bestehen die innerparteilichstrukturellen und Imageprobleme der rechtsextremistischen Parteien, wie sie schon in den vergangenen Jahren festgestellt wurden, fort. Dies trifft auch und gerade f\u00fcr DVU und NPD zu, so dass selbst bei diesen beiden die Wahlerfolge und der Zuspruch, den sie aus der Ausnutzung der Krisenerscheinungen in Deutschland ziehen k\u00f6nnen, den Mitgliederschwund der 116","Rechtsextremismus letzten Jahre lediglich abbremsen (DVU) beziehungsweise in einen nur geringen Zuwachs wandeln (NPD) konnten. Die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten, darunter der Skinheads, Zahl der stagniert zwar bundesweit, ist aber in Baden-W\u00fcrttemberg relativ deutlich Gewaltbereiten angestiegen. Der Anstieg der Neonazizahlen ist hingegen in Baden-W\u00fcrtgestiegen temberg minimal ausgefallen, w\u00e4hrend diese Szene bundesweit einen f\u00fcr ihre Verh\u00e4ltnisse deutlichen Personenzuwachs verzeichnen konnte. 1.2 Strafund Gewalttaten Im Jahr 2004 war im Gegensatz zu 2003 bei den rechtsextremistisch motivierten Straftaten ein Anstieg zu registrieren, ohne dass jedoch das Niveau von 2002 (919) wieder erreicht wurde. Der Anstieg bei der Anzahl der Anstieg der Gewaltdelikte in Baden-W\u00fcrttemberg setzte sich fort. Nach 51 Gewalttaten Anzahl der 2002 und 56 Gewalttaten im Jahr 2003 erh\u00f6hte sich diese Zahl 2004 - nicht Gewalttaten zuletzt vor dem Hintergrund einer relativ deutlichen Zunahme beim Potenzial gewaltbereiter Rechtsextremisten in diesem Jahr - weiter auf 67. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Rechts sowie rechtsextremistische Strafund Gewalttaten 2004 1.3 Ideologie Das Arsenal rechtsextremistischer Ideologiebestandteile ist \u00fcber die Jahrzehnte von hoher Konstanz gepr\u00e4gt. Aufgrund wechselnder historisch-politischer Rahmenbedingungen k\u00f6nnen jedoch einzelne dieser Bestandteile an Bedeutung innerhalb des ideologischen Gesamtgef\u00fcges verlieren (zum Bei117","spiel die rechtsextremistische Variante des Antikommunismus seit 1989) oder gewinnen (zum Beispiel die rechtsextremistische Variante des Antiamerikanismus seit 1989): Die \"Ideologie der Ungleichheit\", insbesondere der rechtsextremistische Nationalismus, Sozialdarwinismus163 und Rassismus. Rassismus erh\u00e4lt eine erh\u00f6hte Brisanz, wenn er zur Begr\u00fcndung des im rechtsextremistischen \"Lager\" allgegenw\u00e4rtigen Antisemitismus herangezogen wird (Rassenantisemitismus). Die \"Ideologie der 'Volksgemeinschaft'\", die auch als V\u00f6lkischer Kollektivismus bezeichnet wird. Rechtsextremistische Fremdenund Ausl\u00e4nderfeindlichkeit haben nicht zuletzt in diesem rassisWesensmerktisch-nationalistischen Konzept ihren Ursprung. male des Rechtsextremismus Autoritarismus. Konkrete Ausformungen des rechtsextremistischen Autoritarismus sind Militarismus und Antiliberalismus164, aber auch ein auf das F\u00fchrerprinzip reduziertes Staatsund Politikverst\u00e4ndnis, das wiederum Demokratiefeindschaft und Antiparlamentarismus beinhaltet. Revisionismus. Von Geschichtsrevisionismus spricht man, wenn Rechtsextremisten die NS-Verbrechen - insbesondere den Holocaust und die nationalsozialistische Schuld am Ausbruch des 2. Weltkrieges - verschweigen, rechtfertigen, verharmlosen, durch Aufrechnung mit vermeintlichen und tats\u00e4chlichen Verbrechen anderer Nationen und politischer Systeme relativieren oder sogar leugnen. Von Gebietsrevisionismus ist die Rede, wenn Rechtsextremisten die Anerkennung der deutschen Gebietsverluste, wie sie sich aus den beiden Weltkriegen ergeben haben, verweigern oder gar noch weitere Gebiete entgegen den vertraglichen Verpflichtungen, die Deutschland seit 1918 beziehungsweise 1945 eingegangen ist, f\u00fcr Deutschland beanspruchen. Der rechtsextremistische Antimodernismus \u00e4u\u00dfert sich in deutlich ablehnenden Reaktionen auf geistige, wissenschaftlich-technische, \u00f6konomische, soziale und kulturelle Modernisierungssch\u00fcbe und in der Verkl\u00e4rung vergangener Zust\u00e4nde. 163 Sozialwissenschaftliche Theorie, die Charles Darwins Lehre von der nat\u00fcrlichen Auslese auf die Entwicklung menschlicher Gesellschaften \u00fcbertr\u00e4gt. 164 Ablehnung einer Staatsund Wirtschaftsauffassung, nach der dem Einzelnen gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Freiheit gegeben werden soll. 118","Rechtsextremismus 2. Gewaltbereiter Rechtsextremismus 2.1 H\u00e4ufigkeit und Zielrichtung rechtsextremistisch motivierter Gewalt Im Jahr 2004 ver\u00fcbten Rechtsextremisten in Baden-W\u00fcrttemberg insgesamt Zahl der Gewalt67 Gewalttaten. Damit hat sich der Trend des Vorjahres best\u00e4tigt, als die taten gestiegen Zahl der rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten von 51 (2002) auf 56 gestiegen war. Auch 2004 zeugten einzelne dieser Taten von einer Skrupellosigkeit, die darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass die jeweiligen T\u00e4ter schwerste, wom\u00f6glich t\u00f6dliche Verletzungen auf Seiten der Opfer fahrl\u00e4ssig oder bewusst in Kauf nahmen. Beispiele Am 20. M\u00e4rz 2004 warfen in Dornstetten im Kreis Freudenstadt zwei T\u00e4ter Molotowcocktails gegen die Terrassent\u00fcr einer Erdgeschosswohnung in einem Mehrfamilienhaus, das ausschlie\u00dflich von russlanddeutschen Aussiedlern bewohnt wird. Einer der Molotowcocktails durchschlug die Terrassent\u00fcr zum Wohnzimmer, blieb dort aber auf dem Boden liegen, ohne zu explodieren. Zur Tatzeit hielt sich ein Vater von zwei Kindern allein in dem Zimmer auf. Er blieb unverletzt. Insgesamt drei Personen hatten die Tat bereits zwei Tage zuvor geplant und vorbereitet, das konkrete Anschlagsziel wurde jedoch wahllos festgelegt. Als Motiv gaben die T\u00e4ter Hass auf Aussiedlerfamilien im Allgemeinen und Fremdenfeindlichkeit an. Das Landgericht Rottweil verurteilte am 30. September 2004 zwei Angeklagte wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit versuchter besonders schwerer Brandstiftung zu Jugendstrafen von f\u00fcnf beziehungsweise vier Jahren sowie einen weiteren Angeklagten wegen Beihilfe zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Letztere wurde zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt.165 Beispiele Am 29. Mai 2004 setzte ein T\u00e4ter Zeitungen im Hauseingang eines \u00fcberwiegend von T\u00fcrken bewohnten Mehrfamilienhauses in Pforzheim in Brand, indem er Benzin auf den Flur goss und entz\u00fcndete. Das Feuer breitete sich explosionsartig aus. Der Brand konnte jedoch gel\u00f6scht werden, bevor Hausbewohner zu Schaden kamen. Als Tatmotiv gab der T\u00e4ter an, ein Zeichen gegen die vermeintliche \"\u00dcberfremdung\" Deutschlands setzen zu wollen. Das Landgericht Karlsruhe verurteilte ihn am 23. November 2004 165 Az.: 1 KLs 21 Js 3850/04. Das Urteil ist hinsichtlich des Angeklagten, der zu einer Bew\u00e4hrungsstrafe verurteilt wurde, rechtskr\u00e4ftig. 119","wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit versuchter schwerer Brandstiftung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten.166 Das Urteil ist rechtskr\u00e4ftig. 2.2 Rechtsextremistische Skinheads Insgesamt lebten 2004 in der Bundesrepublik Deutschland circa 10.000 gewaltbereite Rechtsextremisten (2002: 10.700, 2003: 10.000), davon rund 1.000 in Baden-W\u00fcrttemberg (2002: 800, 2003: 870). Die rechtsextremistideutlicher schen Skinheads167 bilden unter den gewaltbereiten Rechtsextremisten die Anstieg der zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte Gruppe. Ihre Zahl betrug 2004 im Land 960 (2002: 770, Skinheadzahl 2003: 830), womit ein relativ deutlicher Anstieg zu verzeichnen war. Dieser Trend ist mit der ungebrochenen Attraktivit\u00e4t der rechtsextremistischen Skinheadszene zu erkl\u00e4ren. Eine wichtige Rolle spielen auch die von ihr veranstalteten Konzerte. 2004 fanden in Baden-W\u00fcrttemberg mehr Konzerte statt als 2003, die zudem im Durchschnitt mehr Besucher anlockten als noch im Vorjahr. Es kann grunds\u00e4tzlich davon ausgegangen werden, Rekrutierungsdass von diesen Konzerten und der dort gespielten beziehungsweise auf effekt durch CDs vertriebenen Skinheadmusik ein Rekrutierungseffekt f\u00fcr die SkinMusik headszene ausgeht, der sich ungef\u00e4hr proportional zur steigenden Konzertzahl verh\u00e4lt. Diese Konzerte bieten Sicherheitsbeh\u00f6rden auch die M\u00f6glichkeit zu einer detailgenaueren Aufkl\u00e4rung der Szene und damit auch zu einer genaueren Erhebung des Personenpotenzials. Unter den rechtsextremistischen Skinheads sind ideologische Fanatiker anzutreffen, was sich nicht zuletzt in der Existenz von vereinzelten Mischszenen aus Neonazis und Skinheads manifestiert. Dennoch ist die Gewaltbereitschaft rechtsextremistischer Skinheads nur zum Teil mit deren Gesinnung zu erkl\u00e4ren. Denn viele von ihnen sind an ideologischen Fragen tendenziell eher desinteressiert, so dass ihre diesbez\u00fcglichen \"\u00dcberzeugungen\" als eher diffus, oberfl\u00e4chlich, unreflektiert, unstrukturiert und wenig gefestigt zu bezeichnen sind. Dies erkl\u00e4rt zum Teil auch die hohe Fluktuation in der Szene. Verfestigter ideologischer Fanatismus scheidet also als Tatmotiv bei manchem rechtsextremistischen Skinhead, der eine Gewalttat begeht, aus oder ist zumindest nur einer von mehreren Faktoren. Vielmehr liegt h\u00e4ufig eine komplexe Gemengelage von Tatausl\u00f6sern vor, von denen rechts166 Az.: 1 Ks 91 Js 7189/04. 167 Nicht alle Skinheads in Deutschland sind Rechtsextremisten. So findet man neben weitgehend unpolitischen Skinheads auch Personen, die \"linkes\" oder sogar linksextremistisches Gedankengut verinnerlicht haben und zum Teil eindeutig antirassistisch gepr\u00e4gt sind. 120","Rechtsextremismus extremistische Gesinnung nur einen - wenn auch wichtigen - Aspekt ausMotive und macht. Oft spielen andere typische Szenecharakteristika eine ebenso gro\u00dfe Ausl\u00f6ser f\u00fcr Rolle, die - f\u00fcr sich gesehen - einen unpolitischen Charakter aufweisen k\u00f6nGewalttaten nen: allgemeinkriminelle Neigungen; eine hohe Bereitschaft zur Gewalt, die sich auch gegen \"Kameraden\" und Zufallsopfer richten kann; ein unter anderem durch ostentative Gewaltbereitschaft definiertes M\u00e4nnlichkeitsideal; wiederholter, exzessiver Alkoholgenuss, der Hemmschwellen abbaut. Ideologie, insbesondere von Skinheads verinnerlichte rechtsextremistische Feindbilder, geben dieser grunds\u00e4tzlichen Gewaltneigung aber h\u00e4ufig die Angriffsziele vor. Nicht von ungef\u00e4hr w\u00e4hlen gewaltt\u00e4tige rechtsextremistische Skinheads sich ihre Opfer eben oft nicht willk\u00fcrlich aus, sondern vergreifen sich an klassischen Feindbildern des Rechtsextremismus, zum Beispiel an \"Fremden\" oder Menschen, die von Skinheads als solche wahrgenommen werden, an Ausl\u00e4ndern, \"Linken\", Homosexuellen. Nicht \u00fcbersehen werden darf in diesem Zusammenhang die in Ton und Text h\u00e4ufig \u00e4u\u00dferst aggressive Skinheadmusik. Sie kann als eines der wichtigsten Medien betrachtet werden, \u00fcber die rechtsextremistische Ideologieversatzst\u00fccke in die Szene transportiert werden. In vielen Texten wird massiv bis hin zum Gewaltaufruf gegen besagte Feindbilder gehetzt. Nicht zuletzt aufgrund des in der Skinheadszene vorherrschenden M\u00e4nnlichkeitswahns spielen Frauen (so genannte \"Renees\") dort kaum eine niedriger Rolle. Ihr Anteil an der baden-w\u00fcrttembergischen Szene betr\u00e4gt wie 2003 Frauenanteil etwa 19 Prozent. Altersstruktur der rechtsextremistischen Skinheadszene in Baden-W\u00fcrttemberg im Jahr 2004 Stand: 31.12.2004 Grafik: LfV BW 121","Schwerpunkte der rechtsextremistischen Skinheadszene in Baden-W\u00fcrttemberg nach Wohn-, Veranstaltungsorten/Szeneaktivit\u00e4ten Stand: 31.12.2004 Grafik: LfV BW R\u00e4umliche Schwerpunkte Hohe Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t geh\u00f6ren zu den typischen Merkmalen der rechtsextremistischen Skinheadszene. Die Szene-Angeh\u00f6rigen nehmen am Wochenende durchaus Fahrten \u00fcber mehrere hundert Kilometer auf sich, um Skinheadveranstaltungen (zum Beispiel Konzerte, Partys, Grillfeste) in anderen Bundesl\u00e4ndern oder dem benachbarten Ausland zu besuchen. VeranstaltungsDaher lassen sich die r\u00e4umlichen Schwerpunkte der Szene nicht allein orte: wichtig zur anhand der Wohnorte der einzelnen Skinheads, sondern auch anhand h\u00e4uKontaktpflege fig frequentierter Veranstaltungsorte definieren. Die genannten Veranstaltungen werden unter anderem zum Informationsaustausch und zum Kn\u00fcpfen und Festigen von pers\u00f6nlichen Kontakten genutzt, die losgel\u00f6st von konkreten Organisationsstrukturen bestehen. Diese Beobachtung hat sich 122","Rechtsextremismus insbesondere auch nach dem im September 2000 erfolgten Verbot der neonazistisch gepr\u00e4gten Skinheadorganisation \"Blood&Honour\" (B&H) best\u00e4tigt. Denn bis heute sind Verbindungen zwischen ehemaligen Mitgliedern fr\u00fcherer B&H-Sektionen festzustellen. Baden-W\u00fcrttemberg ist davon in der Grenzregion zu Rheinland-Pfalz ber\u00fchrt, wo Angeh\u00f6rige der fr\u00fcheren B&H-Sektionen Baden und Pfalz immer noch Kontakt halten. Strukturierungsans\u00e4tze in der rechtsextremistischen Skinheadszene Skinheads erweisen sich meist als unwillig und/oder unf\u00e4hig zur Schaffung festerer Organisationsstrukturen. Eine trotz der Szenezugeh\u00f6rigkeit einzelner Akademiker im Allgemeinen festzustellende geringe Intellektualit\u00e4t, Desinteresse an ideologischen Fragen sowie rein \"Spa\u00df\"-orientiertes Verhalten, beispielsweise besagter exzessiver Alkoholgenuss, und die daraus resultierende Disziplinlosigkeit machen meist schon eine kontinuierliche Mitarbeit in einer der bereits vorhandenen Organisationen schwierig bis unm\u00f6glich. Wenn sich dennoch Szene-Angeh\u00f6rige einmal regional zusammenschlie\u00dfen, ist damit nur selten eine konkrete politische Zielsetzung verbunden. Zudem l\u00f6sen sich viele dieser Gruppierungen meist schon nach keine neuen kurzer Zeit wieder auf. Nachdem im Jahr 2003 neue Skinhead-GruppierunOrganisationen gen innerhalb Baden-W\u00fcrttembergs in Erscheinung getreten waren, sind im gegr\u00fcndet Jahr 2004 keine Ans\u00e4tze zu Neustrukturierungen zu erkennen. Die seit dem Jahr 2003 auch im Internet pr\u00e4senten Gruppierungen \"Widerstand Schwaben\" aus dem Raum Ulm und \"Kameradschaft KaiserstuhlTuniberg\" aus Merdingen setzten ihre Aktivit\u00e4ten auch im Jahr 2004 fort. Diese beschr\u00e4nkten sich aber meist auf kleinere Veranstaltungen innerhalb der regionalen Szene. So veranstaltete der \"Widerstand Schwaben\" am Skinkonzert 21. August 2004 in einer Scheune in Lorch im Ostalbkreis ein Skinkonzert in Lorch mit circa 60 Besuchern. Das Konzert, bei dem drei Skinbands auftraten, wurde im Anschluss an den j\u00e4hrlich im bayerischen Wunsiedel stattfindenden \"Rudolf He\u00df-Gedenkmarsch\" durchgef\u00fchrt und in der Szene auch als \"Rudolf-He\u00df-Memorial\" bezeichnet. Im Gegensatz zu diesen Organisationen handelt es sich bei den \"Hammerskins\" und \"Furchtlos und Treu\" (F+T) um bereits l\u00e4nger bestehende und international agierende Skinhead-Gruppierungen. Die 1986 in den USA international gegr\u00fcndeten \"Hammerskins\" haben sich die Schaffung einer \"Hammerskinagierende Nation\" zum Ziel gesetzt, der alle Skinheads wei\u00dfer Hautfarbe angeh\u00f6ren Gruppierungen sollen. Darin kommt der dezidierte Rassismus dieser Gruppierung zum Ausdruck. Die \"Hammerskins\", denen bundesweit rund 100 Personen zugerechnet werden, verf\u00fcgen nicht \u00fcber gleicherma\u00dfen ausgepr\u00e4gte Strukturen 123","wie einst B&H. In Baden-W\u00fcrttemberg unterhalten lediglich Einzelpersonen Kontakte zu dieser Organisation. Die Ende 1999 gegr\u00fcndete rechtsextremistische Skinheadgruppierung F+T aus dem Raum Ludwigsburg/Heilbronn pflegt auch weiterhin ihren Internetauftritt und pr\u00e4sentiert sich dort als klar strukturierte Organisation mit politischer Zielsetzung. Entsprechende Aktivit\u00e4ten konnten bisher jedoch wenig kaum festgestellt werden. Selbst das am 28. August 2004 von F+T in BraAktivit\u00e4ten ckenheim-Haberschlacht/Krs. Heilbronn veranstaltete Fu\u00dfballturnier d\u00fcrfte f\u00fcr die ca. 120 Teilnehmer einen eher unpolitischen Charakter gehabt haben. 3. Rechtsextremistische Musikszene 3.1 Skinkonzerte Nachdem die Zahl der rechtsextremistischen Skinheadkonzerte bundesweit bereits in den vergangenen Jahren gestiegen war (2001: 80, 2002: 112, 2003: 119), hielt dieser Trend auch 2004 weiter an.168 Baden-W\u00fcrttemberg lag in diesem bundesweiten Trend und hatte nach Zahl der zwei Jahren mit je elf Skinkonzerten im Jahr 2004 einen Anstieg auf 14 KonKonzerte und zerte zu verzeichnen. Auch die Besucherzahl stieg 2004 auf durchschnittlich Besucherzahl rund 160 Personen. W\u00e4hrend im Jahr 2003 nur ein Konzert mit mehr als gestiegen 150 Teilnehmern stattgefunden hatte, wurden 2004 sieben Konzerte mit Teilnehmerzahlen von etwa 150 bis 500 Teilnehmern veranstaltet. Obwohl bei derartigen Veranstaltungen eine Mischung aus aggressiver rechtsextremistischer Musik, hohem Alkoholkonsum und erh\u00f6hter Gewaltbereitschaft des Publikums entsteht, von der nach wie vor eine nicht zu untersch\u00e4tzende Gefahr ausgeht, sind im Jahr 2004 in Baden-W\u00fcrttemberg - wie schon im Vorjahr - keine Gewalttaten im Zusammenhang mit einem Skinheadkonzert bekannt geworden. Beispiele Im April 2004 f\u00fchrte die rechtsextremistische S\u00e4ngerin \"Saga\" aus Schweden eine Konzerttour im s\u00fcddeutschen Raum durch und trat in diesem Rahmen am 9. April in Kuppenheim/Krs. Rastatt und am 10. April in Laupheim/Krs. Biberach auf. Das Konzert in Kuppenheim fand mit circa 150 Personen im 168 2004: 137. 124","Rechtsextremismus Kameradschaftsraum der neonazistischen \"Kameradschaft Rastatt\" statt. Bei dem Konzert in Laupheim, das auf einem Privatgel\u00e4nde vor rund 200 Besuchern abgehalten wurde, trat neben \"Saga\" die rechtsextremistische Skinheadband \"Act of Violence\" aus Ulm auf. Im Kameradschaftsraum der \"Kameradschaft Rastatt\" fand am 4. September 2004 erneut ein Skinkonzert statt. Diesmal spielten vor rund 280 Teilnehmern die Bands \"Aryan Rebells\" aus Bayern, \"Spreegeschwader\" aus Berlin sowie \"Lunikoff\"169. Beispiele Das teilnehmerst\u00e4rkste baden-w\u00fcrttembergische Skinkonzert des Jahres 2004 fand am 3. Juli auf einem Privatgel\u00e4nde in Br\u00fchl im Rhein-NeckarKreis mit circa 450 bis 500 Besuchern statt. Neben der britischen Skinband \"Brutal Attack\" spielten \"Barking Dogs\" aus Nordrhein-Westfalen. Skinkonzerte in Baden-W\u00fcrttemberg 2004 Stand: 31.12.2004 Grafik: LfV BW 169 Bei \"Lunikoff\" handelt es sich um Michael REGENER, den ehemaligen S\u00e4nger der neonazistischen Berliner Band \"Landser\". Am 22. Dezember 2003 verurteilte das Kammergericht Berlin ihn und zwei weitere Mitglieder der Band wegen Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung (SS 129 StGB). 125","Anders als bei Skinkonzerten, die wie die bisher genannten auf Privatbesitz Einschreiten durchgef\u00fchrt werden, verf\u00fcgen die zust\u00e4ndigen staatlichen Stellen bei Konstaatlicher zertveranstaltungen im \u00f6ffentlichen Raum \u00fcber effektive M\u00f6glichkeiten Stellen zum Einschreiten. So wurde am 31. Juli 2004 ein Skinkonzert in GerstettenDettingen/Krs. Heidenheim auf dem Gel\u00e4nde der Schutzh\u00fctte \"Mergelgrube\" nach nur wenigen Liedern der Band \"Act of Violence\" aufgel\u00f6st. Unter anderem h\u00e4tten noch die Skinbands \"Tobsucht\" aus dem Raum Kirchheim/Teck und \"Aryan Rebells\" auftreten sollen. Das Gel\u00e4nde war unter dem Vorwand einer Geburtstagsparty bei der Gemeinde Gerstetten angemietet worden. Nachdem die Gemeinde den wahren Anlass der Veranstaltung erfahren hatte, k\u00fcndigte sie die Mietvereinbarung, und die Polizei beendete das Konzert. Dar\u00fcber hinaus wurde den circa 150 bis 200 Teilnehmern die Auflage erteilt, das Gel\u00e4nde bis 22 Uhr zu verlassen. Nachdem die Teilnehmer daraufhin ein Fest in der Innenstadt von Heidenheim besuchen wollten, wurde dort eine Kontrollstelle eingerichtet, an der die Fahrzeuge der Skinheads angehalten, Personalien festgestellt und Platzverweise f\u00fcr den Bereich der Stadt Heidenheim erteilt wurden. 3.2 Skinhead-Musikgruppen Zahl der Nachdem die Zahl der rechtsextremistischen Skinheadbands in BadenSkinbands W\u00fcrttemberg 2003 von zw\u00f6lf auf 16 gestiegen war, traten 2004 nur 14 Bands gesunken in Erscheinung. Damit entwickelte sich die Musikszene in Baden-W\u00fcrttemberg entgegen dem bundesweiten Trend. Die im Jahr 2003 aktiven Bands \"Frontal 88\" aus dem Raum Heidelberg sowie \"ODEM\" und \"White Anger\" aus dem Raum Stuttgart fielen 2004 weder durch CD-Ver\u00f6ffentlichungen noch durch Konzertauftritte auf. Die einzige Neugr\u00fcndung im Jahr 2004 ist die Band \"Tobsucht\". Die Texte rechtsextremistischer Skinbands thematisieren das SelbstverTextinhalte st\u00e4ndnis und das Lebensgef\u00fchl der Skinheadszene, weisen aber auch verfassungsfeindliche Inhalte auf. So wird nicht selten gegen szenetypische Feindbilder wie Ausl\u00e4nder, Juden, Israel, die USA, Homosexuelle, Obdachlose, gegen die Presse sowie Staatsund Verfassungsschutz gehetzt. Dabei wird immer wieder auch zur Gewaltanwendung aufgerufen. Nicht immer - und wenn, dann nur aus taktischen Gr\u00fcnden - wird versucht, Verst\u00f6\u00dfe gegen strafrechtliche Bestimmungen wie Volksverhetzung und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen zu unterlassen. Im Ausland produzierte Tontr\u00e4ger, die im Herkunftsland nicht dem deutschen Strafrecht unterliegen, sind bei Konzerten und Szenetreffen in Deutschland aber jederzeit erh\u00e4ltlich. Dort werden auch Lieder gespielt, die den Straf126","Rechtsextremismus tatbestand der Volksverhetzung erf\u00fcllen und das Publikum zu Propagandadelikten wie dem Zeigen des Hitler-Gru\u00dfes und \"Sieg Heil\"-Gegr\u00f6le animieren. \u00dcbersicht \u00fcber rechtsextremistische Skinhead-Musikgruppen und Versandhandel in Baden-W\u00fcrttemberg Stand: 31.12.2004 Grafik: LfV BW W\u00e4hrend sich die Zahl der in Baden-W\u00fcrttemberg ver\u00f6ffentlichten CDs Anzahl der CDrechtsextremistischer Skinbands im Jahr 2003 auf neun belaufen hatte, lag Ver\u00f6ffentlichunsie 2004 nur noch bei sieben: gen gesunken 127","\"Division Staufen\" aus dem Raum G\u00f6ppingen: CD-Deb\u00fct \"Fiktion oder Realit\u00e4t\" \"Ultima Ratio\" aus Stuttgart: Limitierte SingleCD \"Du Rhein...\" \"Stromschlag\" aus Friedrichshafen: CD \"Wille und Weg\" \"Blue Max\" aus Schwarzach im Neckar-Odenwald-Kreis: \"Von Uns f\u00fcr Euch\" \"Jagdstaffel\" aus dem Gro\u00dfraum Stuttgart: Erstlings-CD \"Mein Freund\" \"Race War\" aus dem Ostalbkreis: CD \"Kingdom of Hate\" \"Noie Werte\" aus Stuttgart: Live-CD \"Live\". Au\u00dferdem wirkten Mitglieder von \"Noie Werte\" 2004 bei der CD \"Wir sind dabei\" des Gemeinschaftsprojektes \"Faktor Widerstand\" mit, nachdem sie in den beiden vergangenen Jahren am Gemeinschaftsprojekt \"EXXTREM\" mit verschiedenen anderen Musikern beteiligt waren. Unter anderem \"Tobsucht\" und \"Division Staufen\" steuerten Titel zu dem CD-Sampler \"S\u00fcddeutscher Nachwuchs/ Best of Schwarze Sonne\" bei. Der seit Jahren anhaltende Boom der rechtsextremistischen Skinheadmusikszene schlug sich 2004 in BadenW\u00fcrttemberg in weiter steigenden Konzertund Besucherzahlen nieder, w\u00e4hrend jedoch die Zahl der im Land ans\u00e4ssigen Skinheadbands und der hier ver\u00f6ffentlichten CDs r\u00fcckl\u00e4ufig war. In \u00fcberschaubaren Dimensionen ist dieser Boom f\u00fcr kommerzielle einige Szenemitglieder nach wie vor \u00f6konomisch lukrativ: In Baden-W\u00fcrtInteressen temberg existieren diverse Online-Shops und Vertriebe mit dem szenetypischen Angebot an rechtsextremistischen Musik-CDs und Skinhead-Devotionalien. Manche Anbieter haben sich auf die Versteigerung rechtsextremistischer Tontr\u00e4ger, B\u00fccher, Textilien und Videos spezialisiert und bilden damit eine Kommunikationsplattform, die speziell Jugendliche anzieht. 128","Rechtsextremismus 3.3 Sonstige rechtsextremistische Musik Rechtsextremistische Skinheadmusik mit ihren harten, aggressiven Rhythmen, die am ehesten an (Hard-)Rockmusik erinnern, ist vor allem f\u00fcr Jugendliche attraktiv. Auf \u00e4ltere Rechtsextremisten d\u00fcrften sie und die dazugeh\u00f6rigen, von Alkohol, Lautst\u00e4rke und \"Gepoge\"170 gepr\u00e4gten SkinVorbehalte gegen konzerte eher verst\u00f6rend bis absto\u00dfend wirken. Auch mancher \u00fcberzeugte Skinmusik in der Nationalsozialist hegt an sich gegen\u00fcber einer Musikform, die im \"Dritten rechten Szene Reich\" mit Sicherheit als \"undeutsch\" und \"entartet\" verboten worden w\u00e4re, deutliche ideologische Vorbehalte, die nur deshalb relativ selten offen ausgesprochen werden, weil die Neonaziszene aufgrund der eigenen personellen Schw\u00e4che auf die Skinheads als Mobilisierungsund Rekrutierungspotenzial nicht verzichten will. Skinheadmusik ist also im Rahmen der rechtsextremistischen Gesamtszene nicht konsensf\u00e4hig. Daher werden seit jeher von rechtsextremistischen Musikern auch andere Musikstile gepflegt, die geeignet sind, neben den Skinheads auch andere Szenesegmente anzusprechen. Wichtiges Beispiel daf\u00fcr ist die rechtsextremistische Liedermacherszene. Frank RENNICKE aus Ehningen/Krs. B\u00f6blingen ist einer der bekanntesten rechtsextremistischen Liedermacher im deutschsprachigen Raum. Auch im Liedermacher Jahr 2004 konnte er durch seine vielf\u00e4ltigen Kontakte und Auftritte bei Verund Integrationsanstaltungen verschiedenster rechtsextremistischer Parteien und Organisafigur aus Badentionen bundesweit ein breites, an einzelnen Tagen in die Tausende gehenW\u00fcrttemberg des Publikum erreichen. 2004 trat er schwerpunktm\u00e4\u00dfig in den neuen Bundesl\u00e4ndern auf, zum Beispiel am 14. Februar bei einem Trauermarsch der rechtsextremistischen \"Jungen Landsmannschaft Ostpreu\u00dfen\" in Dresden vor etwa 2.500 Menschen. Der Marsch fand anl\u00e4sslich des 59. Jahrestages der Bombardierung Dresdens statt. Schon am folgenden Tag sang RENNICKE bei einem von den REP veranstalteten Konzert vor rund 200 Personen im s\u00e4chsischen Zw\u00f6nitz. Auch beim \"Deutsche Stimme\"171-Pressefest am 7. August 2004 trug RENNICKE im s\u00e4chsischen M\u00fccka vor ca. 6.900 Teilnehmern musikalisch zum Programm bei. Aber auch in Baden-W\u00fcrttemberg ist RENNICKE weiterhin pr\u00e4sent: So fand am 1. Oktober 2004 in Brigachtal-Klengen im Schwarzwald-Baar-Kreis ein Liederabend mit ihm vor rund 70 Personen statt. 170 Der Pogo - einfache Spr\u00fcnge und Rempeleien - ist der typische Tanz der Skinhead-Subkultur, bei dem ein fiktiver Gegner durch Schubsen und Anrempeln angegriffen und besiegt wird. Er entstand Ende der 70er-Jahre in der Punkszene. 171 Die \"Deutsche Stimme\" (DS) ist die Parteizeitung der Bundes-NPD. 129","4. Neonazismus 4.1 Allgemeines Anders, als in manchen Medien zuweilen dargestellt, verbirgt sich hinter dem Begriff \"Neonazismus\" nur ein Teilsegment des Rechtsextremismus: Zwar ist jeder Neonazi ein Rechtsextremist, nicht aber jeder RechtsextreDefinition mist ein Neonazi. Als neonazistisch sind Personenzusammenschl\u00fcsse und Aktivit\u00e4ten zu bezeichnen, die ein Bekenntnis zu Ideologie, Organisationen und/oder Protagonisten des historischen Nationalsozialismus erkennen lassen und in letzter Konsequenz auf die Ersetzung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung durch einen totalit\u00e4ren F\u00fchrerstaat nach dem Vorbild des \"Dritten Reiches\" ausgerichtet sind. Dieses offene und aggressive Eintreten f\u00fcr die Wiedererrichtung einer nationalsozialistischen Diktatur f\u00fchrte in den 90er-Jahren zum Verbot zahlreicher neonazistischer Vereinigungen, was das Erscheinungsbild dieser Szene nachhaltig ver\u00e4nderte. Mit dem bewussten Verzicht auf gefestigte Organisationsstrukturen wollten die Neonazis von nun an bereits vollzogene und f\u00fcr die Zukunft erwartete Organisationsverbote unterlaufen. Sie bildeten daher lockere, organisationsunabh\u00e4ngige Personenzusammenschl\u00fcsse, so genannte \"Kameradschaften\", \"Neonazi-\" oder \"Freundeskreise\" nach dem Vorbild der linksextremistischen autonomen Szene. Hohe Mobilit\u00e4t und teilweise modernste Standards bei der Ausstattung mit Kommunikationstechniken sind die Basis f\u00fcr bundesweite Kontakte und effektiven Informationsaustausch in der neonazistischen Szene. Insbesondere \u00fcber \"Nationale Info-Telefone\" (NIT) mit abrufbaren Ansagetexten und Verweisen auf Handynummern, aber auch \u00fcber diverse Neonazi-Internetportale werden szenerelevante Informationen bekannt gegeben. Merkmale Neonazistische Kameradschaften bestehen in der Regel aus f\u00fcnf bis 20 Perneonazistischer sonen - zumeist jungen M\u00e4nnern - und sind nach dem F\u00fchrerprinzip aufgeKameradschaften baut. Sie treffen sich regelm\u00e4\u00dfig in Gastst\u00e4tten oder Wohnungen zu ihren Kameradschaftsabenden. Diese Treffen dienen nicht nur der Geselligkeit, sondern auch der politischen Schulung und der Vorbereitung von Aktionen. Ihre \u00fcberwiegend aktionistische Ausrichtung stellen Kameradschaften durch zahlreiche Teilnahmen an Demonstrationen unter Beweis, die teils von Neonazis selbst, teils von anderen Rechtsextremisten veranstaltet werden. Wichtigstes Beispiel f\u00fcr eine typische Neonazi-Demonstration ist die j\u00e4hrliche Gedenkveranstaltung aus Anlass des Todestages des Hitler-Stellvertreters Rudolf He\u00df (17. August) im bayerischen Wunsiedel. Einzelne Szene-Angeh\u00f6rige nehmen auch an Skinkonzerten teil. 130","Rechtsextremismus 4.2 Bundesweite Aktivit\u00e4ten 4.2.1 \"Rudolf He\u00df-Gedenkmarsch\" Um die Person des Hitler-Stellvertreters Rudolf He\u00df (18941987) werden von Neonazis seit Jahrzehnten ein M\u00e4rtyrerkult und eine Mythenbildung betrieben, wie sie seit 1945 keinem der \u00fcbrigen, \u00e4hnlich hochrangigen NS-Protagonisten zuteil wurden. Das h\u00e4ngt weniger mit He\u00df konkreten politischen Funktionen w\u00e4hrend der NS-Diktatur zusammen, sondern vielmehr damit, dass der zeitlebens \u00fcberzeugte Nationalsozialist He\u00df der Neonaziszene auch noch 17 Jahre nach seinem Selbstmord im Berlin-Spandauer Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis nicht nur als Vorbild an ideologisch-fanatischer Unbeugsamkeit dient, sondern auch aufgrund seines Schicksals als zentrale Symbolund Integrationsfigur. Schon sein Gro\u00dfbritannien-Flug im Symbolfigur Mai 1941 wird in der Neonaziszene als vermeintlicher \"Beweis\" daf\u00fcr gewertet, dass der - so die g\u00e4ngige Neonazi-Terminologie - \"Friedensflieger\" He\u00df und mit ihm die gesamte NS-F\u00fchrung friedenswillig gewesen w\u00e4ren, w\u00e4hrend die Briten die Friedensbem\u00fchungen des Hitler-Stellvertreters mit Internierung beantwortet und damit den Beweis ihrer angeblichen Kriegsl\u00fcsternheit geliefert h\u00e4tten. Dass Hitler sich umgehend von der Aktion seines Stellvertreters distanzierte, unter anderem indem er He\u00df f\u00fcr geistesgest\u00f6rt erkl\u00e4ren lie\u00df, wird von Neonazis bei solchen Geschichtsklitterungen zumeist ausgeblendet. Anders als Hitler, Goebbels oder Himmler, die ihrem Leben 1945 ein Ende setzten, \u00fcberlebte He\u00df den Zweiten Weltkrieg um 42 Jahre, die er aufgrund einer Verurteilung zu lebenslanger Haft beim N\u00fcrnberger Hauptkriegsverbrecherprozess im Spandauer Kriegsverbrechergef\u00e4ngnis verbrachte. Dass er die letzten 21 Jahre seines Lebens nach der Entlassung der \u00fcbrigen Gefangenen als einziger H\u00e4ftling dort verblieb, trieb die Glorifizierung seiner Person durch die Neonaziszene weiter voran. Schon allein diese Fakten seiner Haft - sowie das Ausblenden von He\u00df' Schuld und der des NS-Regimes insgesamt - pr\u00e4destinieren den Hitler-Stellvertreter aus neonazistischer Sicht zum M\u00e4rtyrer der \"Bewegung\". Dieser M\u00e4rtyrerkult wird von Neonazis noch auf die Spitze getrieben, indem sie seit 1987 unbeirrbar die faktenwidrige, l\u00e4ngst widerlegte Verschw\u00f6rungstheorie verVerschw\u00f6rungsbreiten, He\u00df sei in Spandau ermordet worden, um die \"wahren\" Hintertheorie gr\u00fcnde seines Gro\u00dfbritannien-Fluges zu vertuschen.172 172 Siehe zu den vielschichtigen Aspekten des He\u00df-Kultes in der rechtsextremistischen Szene: Kohlstruck, Michael: Fundamentaloppositionelle Geschichtspolitik - Die Mythologisierung von Rudolf Hess im deutschen Rechtsextremismus. In: Fr\u00f6hlich, Claudia; Horst-Alfred Heinrich (Hrsg.). Geschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten?, Stuttgart 2004, S. 95-109. 131","Das Thema hat f\u00fcr die neonazistische Szene auch viele Jahre nach He\u00df' Selbstmord nichts von seiner identit\u00e4tsstiftenden Integrationsund Mobilisierungskraft verloren. So nahmen am 21. August 2004 im bayerischen Wunsiedel, wo He\u00df begraben liegt, an der zentralen Gedenkveranstaltung - die nach vorausgegangenen Gerichtsentscheidungen im vierten Jahr in Folge am selben Ort stattfinden konnte - laut Polizeiangaben circa 3.800 Rechtsextremisten teil. Nach Angaben neonazistischer Veranstaltungsteilnehmer sollen es sogar 7.000 gewesen sein.173 Hatten 2001 \"nur\" 900 Rechtsextremisten aus diesem Anlass nach Wunsiedel gefunden, so waren es 2002 schon knapp unter 3.000. 2003 war die Teilnehmerzahl auf \u00fcber 3.000 gestiegen. Quelle: Homepage \"Freier Widerstand\" Das 2004 in Wunsiedel vertretene Teilnehmerspektrum verr\u00e4t, dass das Thema \"He\u00df\" weit mehr Rechtsextremisten mobilisieren kann als nur Neonazis im engeren Sinne. So kamen die Teilnehmer zum gro\u00dfen Teil zwar aus breites dem neonazistischen Lager, aber auch aus der rechtsextremistischen SkinTeilnehmerheadszene und aus den Reihen der NPD sowie deren Jugendorganisation, spektrum in den JN. Neben bekannten Neonazis und rechtextremistischen LiedermaWunsiedel chern traten auch der NPD-Bundesvorsitzende Udo VOIGT und Vertreter ausl\u00e4ndischer Gruppierungen als Redner auf. Ohnehin fiel auf, dass rund ein F\u00fcnftel der Teilnehmer aus dem europ\u00e4ischen Ausland anreiste, was dem \"Gedenkmarsch\" in Ans\u00e4tzen sogar ein internationales Erscheinungsbild verlieh. Ein starkes Polizeiaufgebot begleitete die insgesamt friedlich verlaufene Veranstaltung. Im Vorfeld der Demonstration hatten diverse Organisationen und Gruppierungen (unter anderem die \"Bewegung Deutsche Volksgemeinschaft\" (BDVG), die NPD und deren baden-w\u00fcrttembergischer Landesverband) zur Teilnahme am \"Rudolf He\u00df-Gedenkmarsch\" mobilisiert. Die hohe Teilnehmerzahl in Wunsiedel wurde 2004 aber auch dadurch erreicht, dass wenige regionale neben dieser nur wenige regionale Veranstaltungen durchgef\u00fchrt wurden. Veranstaltungen So fand in Lorch am selben Tag zwar ein Skinheadkonzert, das in der Szene auch als \"Rudolf-He\u00df-Memorial\" bezeichnet wurde, statt, aber erst im Anschluss an den Gedenkmarsch, so dass allen Konzertbesuchern die M\u00f6glichkeit gegeben war, vorher auch in Wunsiedel teilzunehmen. Diese Kon173 Internetauswertung vom 3. November 2004. 132","Rechtsextremismus zentration der rechtsextremistischen Szene auf Wunsiedel schl\u00e4gt sich auch in der Zahl der baden-w\u00fcrttembergischen \"Gedenkmarsch\"-Teilnehmer nieder. Rund 400 Rechtsextremisten aus dem Land reisten an, darunter Neonazis, Skinheads, NPDund JN-Mitglieder, nachdem es 2003 nur circa 300 gewesen waren. Vor dem Hintergrund der geltenden Rechtslage und der Tatsache, dass der Veranstalter, der Hamburger Rechtsanwalt und Neonazi J\u00fcrgen RIEGER, bis 2010 j\u00e4hrliche Gedenkveranstaltungen in Wunsiedel angemeldet hat, ist Zukunftsdamit zu rechnen, dass die Teilnehmerzahl auch bei k\u00fcnftigen He\u00dfprognose Gedenkveranstaltungen weiter ansteigt. 4.2.2 \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) Gr\u00fcndung: 1979 Sitz: Frankfurt am Main Mitglieder: ca. 70 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 70) ca. 600 Bund (2003: ca. 600) Publikation: \"Nachrichten der HNG\" Die \"Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V.\" (HNG) beging 2004 ihr 25-j\u00e4hriges Bestehen, womit sie eine 25-j\u00e4hriges organisatorische Best\u00e4ndigkeit verk\u00f6rpert, die nicht nur vor dem HinterJubil\u00e4um grund der zahlreichen Vereinigungsverbote in den 90er-Jahren f\u00fcr die neonazistische Szene untypisch ist. Zudem ist sie nicht nur die mitgliederst\u00e4rkste Neonazi-Vereinigung, sondern auch die einzige von bundesweiter Bedeutung. Sie versteht sich als organisations\u00fcbergreifendes Bindeglied f\u00fcr Neonazis im Inund Ausland. Tats\u00e4chlich kommt ihr als Integrationsund Vernetzungsfaktor innerhalb der Neonaziszene eine erhebliche Bedeutung zu, da viele ihrer Mitglieder zugleich auch anderen rechtsextremistischen Organisationen angeh\u00f6ren. Als HNG-Vorsitzende amtiert seit 1991 Ursula M\u00dcLLER aus Mainz. Die allj\u00e4hrliche HNG-Jahreshauptversammlung fand am 20. M\u00e4rz 2004 im bayerischen Gremsdorf statt. Die HNG unterst\u00fctzt inhaftierte Gesinnungsgenossen moralisch und mateVereinszweck riell, zum Beispiel durch Besuche, Rechtsberatung, \u00dcberlassung von rechtsextremistischer Literatur und Vermittlung von Briefkontakten. Damit verfolgt sie das Ziel, die Strafgefangenen auch w\u00e4hrend der Haftzeit ideologisch wie sozial an die rechtsextremistische Szene zu binden. Die staatlichen Ausstiegsangebote sollen so unterlaufen werden. 133","Die \"Nachrichten der HNG\" erscheinen in der Regel monatlich. Die Seite, mit der sie seit Sommer 2003 im Internet vertreten waren, ist mittlerweile nicht mehr abrufbar. Die in den \"Nachrichten der HNG\" ver\u00f6ffentlichten Prozessberichte und Briefe inhaftierter Rechtsextremisten dienen vor allem dem Ziel, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die politisch-ideologischen Motive der Angeklagten beziehungsweise Straft\u00e4ter zu wecken und die deutsche Rechtsprechung als \"Gesinnungsjustiz\" sowie den Strafvollzug als willk\u00fcrlich und unmenschlich im Umgang mit Rechtsextremisten zu diffamieren. Gem\u00e4\u00df ihrer neonazistischen Ausrichtung lehnt die HNG die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland kompromisslos ab und verleiht dieser Verfassungsfeindlichkeit durch Abdruck entsprechender Texte in ihren \"Nachrichten\" auch Ausdruck. 4.3 Neonazistische Personenzusammenschl\u00fcsse in Baden-W\u00fcrttemberg Bis in die erste Jahresh\u00e4lfte 2004 war die 1999 als \"Bildungswerk Deutsche Volksgemeinschaft\" gegr\u00fcndete, in Heilbronn ans\u00e4ssige \"Bewegung Deutsche Volksgemeinschaft\" (BDVG) um ihren damaligen Bundesleiter Lars K\u00c4PPLER als der aktivste rechtsextremistische Personenzusammenschluss in Baden-W\u00fcrttemberg einzustufen. Sie verf\u00fcgte zu Beginn des Jahres 2004 zwar nur \u00fcber 20 bis 30 Mitglieder, allerdings \u00fcber ein deutlich h\u00f6heres Mobilisierungspotenzial. Au\u00dferdem hatte sie seit dem ersten Halbjahr 2003 verst\u00e4rkte ihre Aktivit\u00e4ten intensiviert. Auch im ersten Halbjahr 2004 fand der AktioAktivit\u00e4ten der nismus der BDVG seinen Niederschlag in diversen, offiziell oder inoffiziell BDVG im von der Organisation verantworteten Veranstaltungen innerund au\u00dferhalb 1. Halbjahr Baden-W\u00fcrttembergs. Manchmal zeichneten die mit der BDVG personell faktisch deckungsgleichen \"Jungen Deutschen\" f\u00fcr Aktionen verantwortlich. AgitationsWie schon 2003 stand auch 2004 wieder Schw\u00e4bisch Hall im Zentrum des schwerpunkt BDVG-Aktionismus. So meldete K\u00c4PPLER unter seinem Namen f\u00fcr den Schw\u00e4bisch Hall 6. M\u00e4rz 2004 in der Stadt eine Demonstration an, die aber faktisch der BDVG zuzurechnen war. Die von starken Polizeikr\u00e4ften abgeschirmte Demonstration unter dem Motto \"Multi-Kulti-Diktat in Hall brechen! Schindluder mit Steuergeldern beenden: Linksradikalem 'Club Alpha' die Tantiemen streichen!\", an der fast 200 Personen teilnahmen und auf der neben K\u00c4PPLER auch der bundesweit bekannte Hamburger Neonazi Christian WORCH als Redner auftrat, geriet jedoch zum Misserfolg. Der 134","Rechtsextremismus Marktplatz konnte aufgrund einer Gegenveranstaltung nicht wie geplant erreicht werden, und eine Ersatzroute wurde schon nach wenigen hundert Metern durch Gegendemonstranten blockiert. Trotz dieses Fehlschlags zeigte sich K\u00c4PPLER (und damit faktisch die BDVG) vorerst keinesfalls geneigt, Schw\u00e4bisch Hall als Agitationsschwerpunkt aufzugeben. Schon am 7. M\u00e4rz 2004 gingen bei der Stadt vier weiteDemonstrationen re Veranstaltungsanmeldungen ein. Einerseits meldete K\u00c4PPLER f\u00fcr den 25. M\u00e4rz beziehungsweise 1. April 2004 zwei station\u00e4re Kundgebungen an, die dann mit jeweils rund 20 Teilnehmern auf dem Marktplatz durchgef\u00fchrt wurden. Andererseits meldeten er und ein weiterer BDVG-Funktion\u00e4r gleich zwei Demonstrationen f\u00fcr den 11. September 2004 an. Als Motto w\u00e4hlten sie eine Abwandlung des Heinrich von Treitschke-Zitats, mit dem der Berliner Geschichtsprofessor 1879 den Berliner Antisemitismusstreit ausgel\u00f6st hatte (\"(...) die Juden sind unser Ungl\u00fcck!\"): \"Die U.S.A. sind unser Ungl\u00fcck! Sch\u00fctzt Europa vor Amerika!\" Mit der Wahl von Motto und Termin der beiden Demonstrationen setzten die beiden Anmelder also einen entschieden antiamerikanischen Akzent mit antisemitischen Implikationen. Sowohl diese beiden Demonstrationsz\u00fcge mit insgesamt rund 200 rechtsextremistischen Teilnehmern als auch zwei Gegenkundgebungen mit rund 300 Teilnehmern und der Blockadeversuch von bis zu 200 teilweise linksextremistischen Gegendemonstranten verliefen friedlich. Vor dem Hintergrund der verst\u00e4rkten Veranstaltungst\u00e4tigkeit der BDVG sowie ihrer f\u00fchrenden Funktion\u00e4re in Schw\u00e4bisch Hall wurden im Nachgang zu der Demonstration vom 6. M\u00e4rz 2004 in der \u00d6ffentlichkeit Stimmen laut, die angesichts des mit dieser Veranstaltung verbundenen hohen Personalund Kostenaufwands f\u00fcr die Polizei ein Verbot der BDVG forderten. Seither konnte der offenbar systematische Versuch beobachtet werden, innerhalb der bisher als Sprachrohr beziehungsweise Publikationsorgan der BDVG dienenden Zeitschriften (\"Volk in Bewegung - Vierteljahresschrift f\u00fcr eine neue Ordnung!\"; \"Der Schulungsbrief\", der monatlich erscheint) und Internetseiten Bez\u00fcge zur Organisation entweder ganz zu tilgen oder durch Bez\u00fcge auf den seit dem Fr\u00fchjahr 2004 erweiterten und von K\u00c4PPLER betriebenen Verlag \"Volk in Bewegung - Verlag & Medien oHG\" zu ersetzen. Auch sonst trat die BDVG - beispielsR\u00fcckzug der weise als Demonstrationsanmelderin - kaum noch offiziell in Erscheinung. BDVG Schon auf der von K\u00c4PPLER organisierten und geleiteten geschlossenen Saalveranstaltung am 30. Mai 2004 in Stuttgart-Untert\u00fcrkheim, an der 135","immerhin rund 350 mehrheitlich junge Rechtsextremisten aus Baden-W\u00fcrttemberg, dem \u00fcbrigen Bundesgebiet und aus \u00d6sterreich und der Schweiz teilnahmen, war von der BDVG so gut wie nicht mehr die Rede. Als H\u00f6heK\u00c4PPLER punkt dieser Entwicklung kann angesehen werden, dass K\u00c4PPLER am gibt R\u00fccktritt 15. September 2004 in einem Fax dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz bekannt f\u00f6rmlich mitteilte, dass er bereits am 22. Juli 2004 \"mit sofortiger Wirkung\" aus der BDVG \"ausgetreten und gleichsam als deren Bundesleiter zur\u00fcckgetreten\" sei. Verst\u00e4rkte Vernetzungstendenzen unter gleichzeitiger Beibehaltung der Strategie der \"Organisierung ohne Organisation\" manifestieren sich in der Existenz des \"Aktionsb\u00fcndnisses Rhein-Neckar\". Unter dieser Bezeichnung hatten sich im Sommer 2003 im Ballungsraum Mannheim/Heidelberg mehVernetzung durch rere \"Kameradschaften\" aus Baden-W\u00fcrttemberg sowie den angrenzenden gemeinsame Bundesl\u00e4ndern Hessen und Rheinland-Pfalz mit einer gemeinsamen InterInternetplattform netplattform zusammengeschlossen. Diese Form der Weiterentwicklung hin zu \"Aktionsb\u00fcndnissen\" l\u00e4sst sich in Baden-W\u00fcrttemberg derzeit zwar nur in diesem einen Fall nachweisen, ist aber auch in anderen Regionen Deutschlands erkennbar. Das \"Aktionsb\u00fcndnis Rhein-Neckar\", das auf seiner Internetseite als \"Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar\" auftritt, machte bislang durch gemeinsame Vortragsveranstaltungen mit bekannten Rechtsextremisten, regelm\u00e4\u00dfige Koordinierungstreffen, Demonstrationsteilnahmen und Flugblattaktionen auf sich aufmerksam. Ansonsten ist die neonazistische Szene in Baden-W\u00fcrttemberg nach wie vor in verschiedene Gruppierungen zersplittert, ohne dass weitere Ans\u00e4tze zu \u00fcbergreifenden Organisationsstrukturen bestehen. Teilweise handelt es sich lediglich um Einzelaktivisten, die wenige Anh\u00e4nger um sich versammeln. Unter den Neonazi-\"Kameradschaften\" im Land nimmt die \"Kameradschaft herausgehobene Karlsruhe\" nun schon seit \u00fcber zehn Jahren eine herausgehobene Position Position der ein. Sie unterh\u00e4lt vielf\u00e4ltige Kontakte zu anderen \"Kameradschaften\" und \"Kameradschaft \"Freundeskreisen\" innerund au\u00dferhalb Baden-W\u00fcrttembergs. Als Teil des Karlsruhe\" \"Nationalen Widerstands\" beziehungsweise der \"Freien Nationalen Kr\u00e4fte\" setzt sie auch auf eine Zusammenarbeit mit Rechtsextremisten, die nicht als Neonazis im engeren Sinne zu bezeichnen sind. Mit ihrer Internetseite und den Ansagen des von ihr betriebenen NIT174 Karlsruhe, in denen insbesondere zur Teilnahme an eigenen und anderen rechtsextremistischen Veranstaltungen aufgerufen wird, sowie mit regelm\u00e4\u00dfigen \"Kameradschafts\"und \"Schulungsabenden\" versucht die \"Kameradschaft Karlsruhe\", den internen 174 NIT = \"Nationales Info-Telefon\". 136","Rechtsextremismus Zusammenhalt zu st\u00e4rken, die Ideologisierung und Intellektualisierung der eigenen Szene voranzutreiben, interessierte Einzelpersonen zu integrieren oder im Entstehen begriffene Gruppen \"rechtsorientierter\" Jugendlicher oder Skinheads zu unterst\u00fctzen. Allerdings f\u00fchrte sie 2004 keine Veranstalpartielle tung mit gr\u00f6\u00dferer Au\u00dfenwirkung durch, wenn man von SeminarveranstalInaktivit\u00e4t tungen mit einem der f\u00fchrenden rechtsextremistischen Ideologen, J\u00fcrgen SCHWAB, absieht. Zudem wurde seit dem 24. Juni 2004 der Text des NIT nicht aktualisiert. Mit dieser zumindest partiellen Inaktivit\u00e4t d\u00fcrfte die \"Kameradschaft Karlsruhe\" die von ihr selbst gew\u00fcnschte Attraktivit\u00e4t nicht entfaltet haben. Im Oktober 2004 zog die Agitation via NIT Karlsruhe juristische Konsequenzen f\u00fcr drei Mitglieder beziehungsweise Sympathisanten der \"Kameradschaft Karlsruhe\" nach sich. Sie wurden vom Landgericht Karlsruhe gem\u00e4\u00df SS 86a Strafgesetzbuch (\"Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen\") verurteilt. Grund zu dieser Verurteilung gab das NIT Karlsruhe: Verwenden der Parole \"Ruhm und Ehre der Waffen-SS\" in einer Ansage des juristische NIT Karlsruhe vom 5. Oktober 2001. Au\u00dferdem war diese Ansage auf der Konsequenzen Internetseite der \"Kameradschaft\" abrufbar gewesen. Das Landgericht verurteilte den Verfasser des Ansagetextes, der mehrfach und einschl\u00e4gig vorbestraft ist, zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bew\u00e4hrung und die beiden f\u00fcr die jeweilige Verbreitung des Textes verantwortlichen Mitangeklagten zu einer Geldstrafe. Das Urteil ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig, da alle drei Angeklagten Revision eingelegt haben. Zwar lassen sich neonazistische Gruppierungen wie die \"Kameradschaft Karlsruhe\" aufgrund ihres relativ hohen Ideologisierungsgrades und der daraus resultierenden Art ihrer politischen Aktivit\u00e4ten durchaus von den rechtsextremistischen Skinheads abgrenzen, dennoch hat es immer auch \u00dcberschneidungen beider Szenen gegeben. Diese Feststellung gilt auch f\u00fcr 2004. Neonazis versuchen seit langem, Skinheads ideologisch zu beeinflussen, f\u00fcr ihre Veranstaltungen, insbesondere Demonstrationen zu mobilisieren und geeignete Personen organisatorisch einzubinden. Umgekehrt besuchen einzelne Neonazis Skinkonzerte oder -partys, konsumieren Skinmusik oder n\u00e4hern sich auch \u00e4u\u00dferlich dieser Subkultur an. Daher gibt es auch in Baden-W\u00fcrttemberg einige Skinund Neonazigruppierungen, denen ungeachtet ihres eindeutig zu definierenden Charakters einzelne Mitglieder aus dem jeweils anderen Lager angeh\u00f6ren. Dar\u00fcber hinaus haben sich in weni137","Mischszenen gen F\u00e4llen Mischszenen herausgebildet, die nicht mehr eindeutig zuzuordnen sind. Dies bedeutet allerdings in der Regel auch, dass sich dort typisch neonazistische Aktivit\u00e4ten zur\u00fcckentwickeln und der subkulturelle Charakter \u00fcberwiegt. Demzufolge sind in Mischszenen auch h\u00e4ufig allgemein \"rechtsorientierte\" Jugendliche anzutreffen, die sich einer ausgewiesen neonazistischen Gruppierung nicht anschlie\u00dfen w\u00fcrden. 5. Rechtsextremistische Parteien 5.1 \"Nationaldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) Gr\u00fcndung: 1964 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 380 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 380) ca. 5.300 Bund (2003: ca. 5.000) Publikation: \"Deutsche Stimme\" (DS) Organisation Die seit 1996 von ihrem Bundesvorsitzenden Udo VOIGT gef\u00fchrte \"NatioNPD auff\u00e4lligste naldemokratische Partei Deutschlands\" (NPD) war trotz ihrer relativ gerinrechtsextremisgen Mitgliederzahl auch 2004 wieder die auff\u00e4lligste rechtsextremistische tische Partei Partei in Deutschland, zumal es ihr gelang, zum ersten Mal seit 1968 wieder als erfolgreiche Wahlpartei in Erscheinung zu treten. Aber auch dass ihre das gesamte Bundesgebiet \u00fcberziehenden Organisationsstrukturen nicht nur in der Bundesspitze, sondern auch auf mancher Landesund Kommunalebene \u00fcber aktionistische, kampagnef\u00e4hige Kader verf\u00fcgen, verleiht der NPD eine \u00f6ffentliche Pr\u00e4senz (zum Beispiel aufgrund von Demonstrationst\u00e4tigkeit), die von anderen rechtsextremistischen Parteien so nicht erreicht wird. Die 16 NPD-Landesverb\u00e4nde unterscheiden sich in ihrer innerparteilichen Bedeutung jedoch zum Teil gravierend. Der baden-w\u00fcrttembergische NPD-Landesverband unter seinem Landesvorsitzenden Siegfried H\u00c4RLE, Riedlingen, z\u00e4hlt zu den tendenziell eher unauff\u00e4lligen Landesverb\u00e4nden. Negativtrend Selbst nach den Wahlerfolgen der saarl\u00e4ndischen und s\u00e4chsischen Parteigeim Land nossen konnte er bisher keinen Aufschwung verbuchen. Die Mitgliederzahl stagnierte auf niedrigem Niveau, ein orientierungsloser Landesvorstand und innerparteiliche Lethargie verst\u00e4rkten den Negativtrend der vergangenen Jahre. Im Gegensatz zur Mutterpartei ist die NPD-Jugendorganisation, die \"Jungen Nationaldemokraten\" (JN), die laut NPD-Satzung integraler Bestand138","Rechtsextremismus teil der Partei sind, nicht bundesweit fl\u00e4chendeckend organisiert. Der baden-w\u00fcrttembergische JN-Landesverband z\u00e4hlt trotz sinkender Mitgliederzahlen (2004: 50, 2003: 60) noch zu den aktivsten Landesverb\u00e4nden. Doch obwohl er im Jahr 2004 eine Werbekampagne mittels Aufklebern startete, wurde er in der \u00d6ffentlichkeit kaum wahrgenommen. Der Negativtrend bei den baden-w\u00fcrttembergischen JN wurde nicht gestoppt. Die in den seit November 2003 amtierenden, aber immer noch in Sachsen wohnhaften Landesvorsitzenden Alexander NEIDLEIN von der Organisation gesetzten Hoffnungen haben sich insoweit bisher nicht erf\u00fcllt. Ideologische Ausrichtung Neonazistisches Gedankengut ist zumindest in Teilen der NPD und auch in Reihen ihrer F\u00fchrungskader bereits seit Jahren nachweisbar, obwohl bis in die j\u00fcngere Vergangenheit immer wieder ein bewusstes Abgrenzungsund Konkurrenzverhalten im Verh\u00e4ltnis zwischen der Partei und der eigentlichen Neonaziszene zu beobachten war. Seit den Wahlerfolgen der Partei Ann\u00e4herung im Saarland und in Sachsen im September 2004 ist jedoch eine deutliche zwischen NPD Ann\u00e4herung beider Seiten festzustellen. Diese \u00e4u\u00dfert sich darin, dass zur und Neonazis ideologischen Verzahnung der NPD mit dem Neonazismus nun auch eine personelle hinzugekommen ist. Kurz nach den beiden NPD-Wahlerfolgen gab der Bundesvorsitzende Udo VOIGT der Wochenzeitung \"Junge Freiheit\" (JF) ein Interview175, worin er deutlich neonazistische Einstellungen und eine kompromisslose Ablehnung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung erkennen lie\u00df. Unter Bundesanderem bezeichnete er Hitler als \"gro\u00dfen deutschen Staatsmann\", dem er vorsitzender lediglich die \"Verantwortung f\u00fcr die Niederlage Deutschlands\" im Zweiten verharmlost Weltkrieg anlastete. Er stellte ihn also verharmlosend als einen milit\u00e4rischen Hitler Versager dar, dessen Versagen nur f\u00fcr Deutschland und die Deutschen katastrophale Folgen gehabt h\u00e4tte. Die von Hitler aus ideologischem Fanatismus und mit hochgradig krimineller Energie betriebene Entfesselung des Krieges und des Holocaust, von denen weit mehr Menschen als nur die Deutschen in apokalyptischem Ausma\u00df betroffen waren, erw\u00e4hnte er hingegen nicht. In demselben Interview forderte VOIGT ausdr\u00fccklich die \"\u00dcberwin175 JF Nr. 40/04 vom 24. September 2004, Interview \",Ziel ist, die BRD abzuwickeln' - Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt \u00fcber den Wahlerfolg seiner Partei und den 'Zusammenbruch des liberal-kapitalistischen Systems'\", S. 3. 139","Ablehnung des dung der BRD\" und bezeichnete es als \"unser Ziel, die BRD (...) abzuwi\"Systems\" ckeln\", also die freiheitliche demokratische Grundordnung abzuschaffen. Die JF distanzierte sich noch in derselben Ausgabe von den Aussagen ihres Interviewpartners. Die Berliner Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren auf der Grundlage des SS 90a StGB (Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole) ein.176 VOIGTs Aussagen in der JF erregten weit \u00fcber die rechtsextremistische Szene hinaus gro\u00dfes Aufsehen. Das darf aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass offene Bekundungen von Feindschaft gegen\u00fcber der Bundesrepublik Deutschland sowie neonazistische \u00c4u\u00dferungen bereits seit Jahren aus den Wandlung des Reihen der NPD zu vernehmen sind. Dies gilt nicht zuletzt f\u00fcr die \"DeutParteiorgans sche Stimme\" (DS), die Parteizeitung der Bundes-NPD. Seit VOIGT zum \"Deutsche NPD-Bundesvorsitzenden gew\u00e4hlt wurde, sind deutliche Ver\u00e4nderungen in Stimme\" Layout, Format, Umfang und intellektuellem Anspruch der DS feststellbar. Erschien die DS noch bis zur Dezemberausgabe 1996 in einem etwas vergr\u00f6\u00dferten DIN-A-4-Format und umfasste lediglich zw\u00f6lf Seiten, so haben sich Format und Seitenumfang seither nach und nach verdoppelt. Dadurch wurde Platz f\u00fcr mehr und umfangreichere Beitr\u00e4ge zu einer breiteren Themenpalette geschaffen. Zudem ver\u00f6ffentlichen auch verst\u00e4rkt rechtsextremistische Intellektuelle in der DS wie beispielsweise der Germanist J\u00fcrgen SCHWAB, der von 1999 bis 2001 sogar DS-Redakteur war. Das Blatt hat mittlerweile den Charakter eines f\u00fchrenden rechtsextremistischen Theorieund Strategieorgans angenommen, eine Entwicklung, die als Teil des von der Parteif\u00fchrung im Rahmen des bisherigen \"Drei-S\u00e4ulen-Konzepts\"177 geforderten \"Kampfes um die K\u00f6pfe\" zu sehen ist. Mit diesen Intellektualisierungsbem\u00fchungen ging freilich keinerlei Verminderung der deutlich neonazistische rechtsextremistischen, teils auch neonazistischen Tendenzen in der DS einTendenzen her. Tendenziell kann sogar eher das Gegenteil festgestellt werden. Dazu nur ein Beispiel, in dem die sehnliche Hoffnung des Autors auf einen Untergang der Bundesrepublik und anderer westlicher Demokratien mit der kaum verklausulierten Bef\u00fcrwortung einer Restauration nationalsozialistischer Ideologeme als Leitlinien deutscher Politik eine offene Allianz eingeht: 176 Bericht \"Hitler-Lob und Systemschelte: Justiz ermittelt gegen NPD-Chef Voigt\" von Matthias Gebauer auf www.spiegel.de, Stand: 27. September 2004. 177 Das \"Drei-S\u00e4ulen-Konzept\" umfasst neben dem hier erw\u00e4hnten \"Kampf um die K\u00f6pfe\" noch den \"Kampf um die Stra\u00dfe\" (Durchf\u00fchrung einer Vielzahl von Demonstrationen) und den \"Kampf um die Parlamente\". 140","Rechtsextremismus \"Solange wir die BesatzungsRepublik-Deutschland (BRD) nicht \u00fcberwinden, hat Deutschland keine Zukunft. (...) Nicht die nationale Opposition wird das Besatzungsregime st\u00fcrzen - es wird sich selbst erledigen. (...) Weil das Besatzungsregime an den Dogmen seiner Existenz nicht r\u00fctteln kann, wird es immer nur Pseudoreformen hervorbringen, die den Zusammenbruch vielleicht um einige Jahre hinausz\u00f6gern. (...) Die relative St\u00e4rke der kapitalistischen, auf materiellen Wohlstand orientierten BRD ist gleichzeitig auch ihre Schw\u00e4che. In dem Ma\u00dfe, in dem sich der Verlust an ideellen Werten durch die projizierten Leitbilder des Wohlstandes k\u00fcnftig nicht mehr kompensieren l\u00e4sst, wird die BRD zusammen mit den meisten westlichen Demokratien an ihren inneren Widerspr\u00fcchen zerbrechen. Dadurch, dass alle Regulationsmechanismen ausgeschaltet, Oppositionelle diskreditiert und kriminalisiert werden, muss das System zwangsl\u00e4ufig in den Zusammenbruch steuern bevor eine Erneuerung m\u00f6glich ist. Weil die BRD als Antipoden-Regime des Nationalsozialismus auftritt und scheitert, werden danach zwangsl\u00e4ufig auch wieder nationalsozialistische Gedankenelemente den Vorzug bekommen. Bislang wurden diese Elemente unterdr\u00fcckt.\" 178 Die neuerdings zu beobachtende personelle Verzahnung mit dem NeonaParteieintritte zismus zeigt sich insbesondere darin, dass wenige Tage vor der Landtagsvon Neonazis wahl in Sachsen mit Ralph TEGETHOFF, der allerdings bereits seit Jahren in der DS publiziert179, Thorsten HEISE und Thomas WULFF drei f\u00fchren178 DS Nr. 8 vom August 2004, Artikel \"Sozialkrise: BRD wird an inneren Widerspr\u00fcchen zerbrechen - Wo steht Deutschland 2004? Eine Lagebeurteilung zum Stand der Globalisierung\", S. 6, \u00dcbernahme wie im Original. 179 Siehe beispielsweise: DS Nr. 8 vom August 2002, Artikel \"Soldatentum: Herausragende Waffentaten f\u00fcr Gro\u00dfdeutschland - Vor f\u00fcnf Jahren verstarb mit Otto-Ernst Remer ein Frontoffizier, der dem Reich auch nach 1945 treu blieb\" von Ralph TEGETHOFF, S. 21. DS Nr. 9 vom September 2004, Artikel \"Soldatentum: St\u00fcrmisches Leben zwischen Bergwelt und Schlachten - Generaloberst Eduard Dietl war der Held von Narvik und Vorbild aller deutschen Gebirgsj\u00e4ger\" von Ralph TEGETHOFF, S. 22. 141","de Protagonisten der Neonaziszene in die NPD eintraten. Beide Seiten erkl\u00e4rten die Schaffung einer \"Volksfront von rechts\" zu ihrem gemeinsamen Ziel.180 Beim Bundesparteitag der NPD vom 30./31. Oktober 2004 im th\u00fcringischen Leinefelde wurde der neuen Allianz sogar durch die Wahl HEISEs in den Bundesvorstand der Partei Ausdruck verliehen. Auf diesem Parteitag unterstrich der Bundesvorsitzende VOIGT die grunds\u00e4tzliche Bedeutung, die die NPD der verst\u00e4rkten Kooperation und B\u00fcndelung der vorhandenen personellen und strukturellen Ressourcen im rechtsextremistischen Lager beimisst, indem er in seiner Ansprache - unter anderem unter Hinweis auf die Wahlabsprachen mit der DVU - das bisherige \"Drei-S\u00e4ulenKonzept\" \"um eine vierte S\u00e4ule, den 'Kampf um den organisierten Willen'\" erweiterte. Er definierte diese \"S\u00e4ule\" als den \"Versuch der Konzentration aller nationalen Kr\u00e4fte.\"181 Nach eigenen Angaben ist mittlerweile auch Michael REGENER (\"Lunikoff\"), der ehemalige S\u00e4nger der neonazistischen Band \"Landser\", zur NPD gesto\u00dfen.182 Insbesondere in den Reihen rechtsextremistischer Skinheads k\u00f6nnte dieser Schritt zu einer noch h\u00f6heren Akzeptanz f\u00fcr die NPD f\u00fchren. Perspektivisch d\u00fcrften sich f\u00fcr die NPD aus ihrem offenen Schulterschluss Prognose mit bundesweit bekannten Neonazis mehr Nachteile als Vorteile ergeben. Zum einen ist das Personenpotenzial, das der Partei durch die Neonaziszene zuflie\u00dfen k\u00f6nnte, letztlich gering (die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden registrieren in der Bundesrepublik circa 3.800 Neonazis). Als W\u00e4hlerpotenzial sind ausgewiesene Neonazis also kein ernstzunehmender Faktor. Gleichzeitig aber entsteht f\u00fcr die NPD die Gefahr, dass andere, durchaus gr\u00f6\u00dfere potenzielle W\u00e4hlerklientelen, beispielsweise Protestw\u00e4hler ohne oder mit nur wenig verfestigten rechtsextremistischen Einstellungen, vor der Stimmabgabe f\u00fcr eine in Teilen sich offen neonazistisch gebenden Partei zur\u00fcckschrecken k\u00f6nnten. Sollte die NPD jedoch mit Blick auf diese W\u00e4hlerschichten, auf die die Partei bei Landtagsoder gar Bundestagswahlen kaum verzichten kann, einen (oberfl\u00e4chlich) gem\u00e4\u00dfigteren (Wahlkampf-)Kurs fahren wollen - und sei es nur vor\u00fcbergehend -, d\u00fcrfte sie damit das B\u00fcndnis mit den Neonazis aufs Spiel setzen. Denn diese werden von der Partei einen kompromisslosen, eben m\u00f6glichst nationalsozialistischen Kurs verlangen. 180 Internetauswertung vom 13. November 2004. 181 NPD-Homepage vom 25. November 2004. 182 Internetauswertung vom 28. Oktober 2004. 142","Rechtsextremismus Wahlen Betrachtet man die NPD-Wahlergebnisse des Jahres 2004, so f\u00e4llt erstens auf, dass die Partei mit der Teilnahme an vier von f\u00fcnf Landtagswahlen und an der Europawahl auf diesen Ebenen ebenso viele Wahlteilnahmen zu verbuchen hatte wie REP, DP (je zwei) und DVU (eine) zusammen. Das belegt, dass die NPD im Rahmen des von ihr bisher verfolgten \"DreiS\u00e4ulen-Konzepts\" der \"S\u00e4ule\" \"Kampf um die Parlamente\" im Wahljahr 2004 einen hohen Stellenwert einr\u00e4umte, nachdem sie 2003 noch unter dem Eindruck des am 18. M\u00e4rz 2003 eingestellten Verbotsverfahrens an keiner der vier Landtagswahlen teilgenommen hatte. Zweitens ergibt sich - gemessen an der Frage von Wahlerfolg beziehungsweise -misserfolg - eine Zweiteilung des Wahljahres f\u00fcr die NPD. Im ersten Halbjahr erlitt sie die f\u00fcr sie seit mehr als 30 Jahren typischen Wahlniederlagen. Der - aus NPD-Sicht - Tiefpunkt wurde schon zu Beginn des Jahres erreicht: Obwohl sich die NPD am 29. Februar 2004 bei der Wahl zur Hamburger B\u00fcrgerschaft als einzige rechtsextremistische Partei den W\u00e4hlern stellte, errang sie nur ganze 0,3 Prozent der Stimmen. Angesichts des zu erwartenden Misserfolgs trat die NPD bei der Kommunalwahl vom 13. Juni 2004 in Baden-W\u00fcrttemberg erst gar nicht an, errang aber bei den \u00fcbrigen Kommunalwahlen an jenem Tag teils eindrucksvolle Ergebnisse (zum Beispiel in Sachsen oder im Saarland), die in einzelnen Orten Sachsens bis deutlich in den zweistelligen Prozentbereich reichten. Ansonsten konzentrierten sich die NPD-Aktivit\u00e4ten auf die ebenfalls am 13. Juni abgehaltene Europawahl. Dennoch verfehlte sie ihr Ziel, bei dieser Europawahl Wahl st\u00e4rkste Kraft des rechtsextremistischen Parteienspektrums zu werden, auch wenn sie ihren Stimmenanteil bundesweit mit 0,9 Prozent mehr als verdoppeln konnte (1999: 0,4 Prozent). In Baden-W\u00fcrttemberg schnitt die NPD noch schlechter ab, obwohl sie auch hier ihr Ergebnis auf 0,6 Prozent (1999: 0,3 Prozent) verdoppelte. Bei der gleichfalls am 13. Juni 2004 durchgef\u00fchrten th\u00fcringischen Landtagswahl konnte die NPD ihren Stimmenanteil im Vergleich zum letzten Urnengang im Freistaat zwar - wenn auch mit 1,6 Prozent auf niedrigem Niveau - verachtfachen (1999: 0,2 Prozent), doch war dieser Zugewinn einer gesunkenen Wahlbeteiligung und vor allem der Tatsache geschuldet, dass 143","die 1999 mit 3,1 Prozent der Stimmen mit Abstand st\u00e4rkste rechtsextremistische Partei, die DVU, 2004 nicht wieder antrat. Diese Wahlniederlagen sind teilweise auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass sich rechtsextremistische Parteien bei Wahlen gegenseitig Konkurrenz machen und so selbst dann den Einzug in ein Parlament verpassen, wenn das rechtsextremistische Gesamtw\u00e4hlerpotenzial f\u00fcr einen der Kontrahenten zum Sprung \u00fcber die f\u00fcnf Prozent-H\u00fcrde ausreichen k\u00f6nnte. Angesichts dessen Wahlabsprache verabschiedeten die Parteivorst\u00e4nde von NPD und DVU am 23. Juni 2004 zwischen eine \"Gemeinsame Erkl\u00e4rung\", wonach sie bei den Landtagswahlen am NPD und DVU 19. September 2004 in Brandenburg und Sachsen nicht gegeneinander antreten wollten. Die NPD konnte daraufhin in Sachsen ohne Konkurrenz durch die DVU antreten und verzichtete im Gegenzug auf eine Kandidatur in Brandenburg. Da in den beiden L\u00e4ndern auch weder REP noch DP antraten, war die Chance zur B\u00fcndelung des rechtsextremistischen W\u00e4hlerpotenzials durch jeweils eine rechtsextremistische Partei gegeben. Hinzu kam, dass im Laufe des Sommers 2004 eine teils heftig gef\u00fchrte gesamtgesellschaftliche Debatte \u00fcber die Sozialreformen der Bundesregierung, aber auch \u00fcber die Reformvorschl\u00e4ge der demokratischen Oppositionsparteien entbrannte. Bereits der Wahlkampf zur saarl\u00e4ndischen Landtagswahl am 5. September 2004 war weitgehend von der \"Hartz IV\"beziehungsweise \"Agenda 2010\"-Thematik bestimmt. Auch die NPD setzte in ihrer Wahlpropaganda stark auf diesen Themenkomplex und erreichte damit 4,0 Prozent der Stimmen. Schon dieses Ergebnis war als Quantensprung zu werten f\u00fcr eine Partei, die seit ihrem letzten Einzug in ein westdeutsches Landesparlament im Jahr 1968 (9,8 Prozent in Baden-W\u00fcrttemberg) die Existenz einer Splitterpartei gefristet hatte. Noch bei ihrer letzten Landtagswahlteilnahme im Saarland im Januar 1990 hatte sie nur 0,2 Prozent der Stimmen f\u00fcr sich verbucht. Nach der Wiedervereinigung hatte sie bei westdeutschen Landtagswahlen bisher nie mehr als 1,0 Prozent der Wahlerfolg in Stimmen (2000 in Schleswig-Holstein) erhalten. Zwei Wochen sp\u00e4ter errang Sachsen die NPD bei der Landtagswahl in Sachsen sogar spektakul\u00e4re 9,2 Prozent (1999: 1,4 Prozent) und zog mit zw\u00f6lf Abgeordneten in den s\u00e4chsischen Landtag ein, w\u00e4hrend die DVU mit 6,1 Prozent den Wiedereinzug in den brandenburgischen Landtag schaffte (1999: 5,3 Prozent). Nachdem die Wahlabsprachen zwischen NPD und DVU den von beiden Parteien gew\u00fcnschten Erfolg gebracht hatten, kam es zu weiteren Gespr\u00e4chen auf der Ebene der Parteivorst\u00e4nde. Dabei wurde nach Angaben VOIGTs vereinbart, dass beide Parteien unter Beibehaltung ihrer jeweiligen Eigenst\u00e4ndigkeit \"k\u00fcnftig Wahlabsprachen treffen bzw. gemeinsame Listen 144","Rechtsextremismus oder Listenverbindungen dort anstreben, wo dies wahlrechtlich m\u00f6glich\" sei. Man habe sich \"darauf verst\u00e4ndigt (...), dass zur Bundestagswahl 2006 die NPD die Listenf\u00fchrerin sein\" werde, \"und Dr. Frey sowie weitere F\u00fchrungskr\u00e4fte der DVU dann auf den NPD-Listen kandidieren werden. Umgekehrt\" werde \"die DVU zur Europawahl 2009 die Listenf\u00fchrerin mit Kandidaten der NPD auf ihrer Liste sein. F\u00fcr die zwischenzeitlich stattfindenden Landtagswahlen\" werde \"eine \u00e4hnliche \u00dcbereinkunft angestrebt.\"183 Aktivit\u00e4ten Auch 2004 ma\u00df die NPD der dritten Komponente ihres - mittlerweile um eine vierte \"S\u00e4ule\" erweiterten - \"Drei-S\u00e4ulen-Konzepts\", dem \"Kampf um die Stra\u00dfe\" gro\u00dfe Bedeutung bei. Dies schlug sich unter anderem in zahlreichen Demonstrationen nieder, die die NPD entweder selbst veranstaltete oder an denen sie sich beteiligte. Aus NPD-Sicht besonders erfolgreich verlief das 4. Pressefest des \"Deutschen Stimme\"-Verlags am 7. August 2004 im s\u00e4chsischen M\u00fccka. Die Anzahl der G\u00e4ste konnte im Vergleich zu den Vorjahren deutlich gesteigert werden. Angaben der NPD zufolge nahVeranstaltungsmen rund 6.900 Personen teil. Damit w\u00e4re es der Partei gelungen, weit erfolg mehr Menschen f\u00fcr eine Veranstaltung im \u00e4u\u00dfersten Ostsachsen zu mobilisieren als sie bundesweit Mitglieder hat. Wesentlicher Anziehungspunkt war wieder das Musikprogramm mit Auftritten der rechtsextremistischen Musikgruppen \"Sleipnir\", \"Kraftschlag\", \"Radikahl\", \"Youngland\" sowie mehrerer rechtsextremistischer Liedermacher, darunter Frank RENNICKE. In Baden-W\u00fcrttemberg selbst kam es 2004 nur zu einer \u00f6ffentlichkeitswirkkaum Aktivit\u00e4ten samen NPD-Veranstaltung. Am 16. Oktober 2004 demonstrierten vor einer in BadenKaserne der US-Streitkr\u00e4fte in Mannheim w\u00e4hrend einer durch den NPDW\u00fcrttemberg Kreisverband Rhein-Neckar angemeldeten Kundgebung unter dem Motto \"Nein zu den Unrechtstaten der Besatzer im Irak\" circa 50 Personen.184 Ansonsten f\u00fchrte der Landesverband lediglich interne Veranstaltungen mit teilweise noch geringeren Teilnehmerzahlen durch. 183 DS Nr. 11 vom November 2004, Artikel \"Kommentar: Deutsche Volksfront steht - REP sitzen in der Systemfalle - Der Umbruch hat begonnen\" von Udo VOIGT, S. 2. 184 Im Vorfeld der Kundgebung kam es zu einer Auseinandersetzung mit linksextremistischen St\u00f6rern. Vgl. Teil C, Kapitel 3, S. 189. 145","Am 21. November 2004 hielt der Landesverband seinen diesj\u00e4hrigen Parteitag in Villingen-Schwenningen ab. Bei der Veranstaltung mit circa 80 Teilnehmern fanden keine Neuwahlen statt. 5.2 \"Die Republikaner\" (REP) Gr\u00fcndung: 1983 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 950 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 1.000) ca. 7.500 Bund (2003: ca. 8.000) Publikation: \"Zeit f\u00fcr Protest\"185 Organisation und Aktivit\u00e4ten Im Jahr 2004 blieben nennenswerte organisatorische \u00c4nderungen beim baden-w\u00fcrttembergischen Landesverband der Partei \"Die Republikaner\" (REP) aus. Die starken Mitgliederverluste der Vorjahre setzten sich 2004 leichter zwar in diesem Ausma\u00df nicht fort, konnten allerdings auch nicht endg\u00fcltig Mitgliederverlust gestoppt werden. Als Landesvorsitzender amtiert seit M\u00e4rz 2003 der ehemalige REP-Landtagsabgeordnete Ulrich DEUSCHLE, Notzingen/Krs. Esslingen. Obwohl sich die Aktivit\u00e4ten der wenigen engagierten Parteimitglieder im baden-w\u00fcrttembergischen Landesverband 2004 ohnehin schon auf die wenig Europaund die Kommunalwahlen konzentrierten, fanden selbst in diesem Aktivit\u00e4ten Zusammenhang nur vereinzelt Veranstaltungen von einiger Bedeutung statt. Am traditionellen Republikanertag des Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg am 3. Oktober 2004 in Stuttgart nahmen zwar circa 150 und damit mehr Personen als im Vorjahr teil (2003: circa 100). Dennoch hatte diese Veranstaltung wiederum nahezu keine Au\u00dfenwirkung. 2004 stand Dr. Rolf SCHLIERER aus Stuttgart seit nunmehr zehn Jahren als Parteivorsitzender an der Bundesspitze der REP. Die regionalen und \u00f6rtlichen Strukturen der Partei mit noch immer 16 Landesund zahlreichen Kreisverb\u00e4nden waren freilich selbst in den Wahlk\u00e4mpfen des Jahres 2004 kaum noch aktiv. Erw\u00e4hnenswerte Aktivit\u00e4ten der Bundespartei beschr\u00e4nkten sich im Wesentlichen auf die \"Aschermittwochveranstaltung\" vom 25. Februar 2004 im bayerischen Geisenhausen, deren Teilnehmerzahl mit 185 Seit der Ausgabe Januar/Februar 2004; bis einschlie\u00dflich Ausgabe 12/2003 \"DER REPUBLIKANER\". 146","Rechtsextremismus rund 200 Personen aber auch hinter denen der Vorjahre zur\u00fcck blieb, und auf den Bundesparteitag vom 27./28. November 2004 im bayerischen Veitsh\u00f6chheim, auf dem Dr. Rolf SCHLIERER in seinem Amt als Bundesvorsitzender erneut - wenn auch mit einer deutlichen Zahl von Gegenstimmen - best\u00e4tigt wurde. Das Parteiorgan der REP tr\u00e4gt seit Beginn des Jahres 2004 den Namen \"Zeit f\u00fcr Protest\" (Untertitel: \"Die Zeitung f\u00fcr m\u00fcndige B\u00fcrger\"). Inhaltlich hat sich die Zeitung nicht gewandelt. Es werden die gleichen Themenbereiche abgedeckt wie vor der Umbenennung. Nach wie vor erscheint die Parteizeitung alle zwei Monate als Doppelausgabe. Politischer Kurs Nicht jedes einzelne REP-Mitglied verfolgt verfassungsfeindliche Ziele. Doch obwohl der Bundesvorsitzende Dr. SCHLIERER weiterhin darum bem\u00fcht ist, seiner Partei einen rechtskonservativen und gem\u00e4\u00dfigten Anstrich zu geben, wurden von verschiedenen, auch hochrangigen Mitgliedern der REP im Jahr 2004 Positionen vertreten, die kennzeichnend sind f\u00fcr eine Partei des rechtsextremistischen Spektrums und die die Existenz verfassungsfeindlicher Einstellungen innerhalb der Partei belegen. Dr. SCHLIERER selbst kann als Kronzeuge daf\u00fcr herangezogen werden, dass seine anders lautenden Bekundungen - zumindest zum Teil - offenbar taktischer Natur sind. So verurteilte er laut einer Pressemitteilung der REPBundesgesch\u00e4ftsstelle vom 13. September 2004 nicht nur eine vom polnischen Sejm am 10. September verabschiedete Entschlie\u00dfung, die die polnische Regierung dazu aufforderte, von Deutschland Reparationszahlungen f\u00fcr die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges in Polen verursachten Sch\u00e4den zu verlangen. Eine solche Verurteilung allein ist noch nicht als rechtsextremistisch zu beurteilen, stie\u00df diese Entschlie\u00dfung des polnischen Parlaments doch auch unter deutschen und polnischen Demokraten auf teils deutliche Ablehnung. Einer typisch rechtsextremistischen Rhetorik bediente sich gebietsrevisioDr. SCHLIERER jedoch, als er dabei die Legitimit\u00e4t und damit Endg\u00fcltignistische keit der deutsch-polnischen Grenze, wie sie sp\u00e4testens seit 1990 vertraglich \u00c4u\u00dferungen festgeschrieben ist, bestritt und eine pauschale Aversion gegen Polen (\"Landr\u00e4uber\") erkennen lie\u00df: \"Die Okkupation Schlesiens nach dem zweiten Weltkrieg stellt einen v\u00f6lkerrechtswidrigen Land147","raub dar, der nicht hingenommen werden kann und der auch durch den 2+4-Vertrag nicht legitimiert wurde. Landr\u00e4uber haben keinen Anspruch auf Reparationen.\"186 Wahlen Den REP gelangen bei den Wahlen des Jahres 2004 nicht auch nur ann\u00e4hernd so spektakul\u00e4re Wahlerfolge wie der NPD und der DVU in Sachsen beziehungsweise Brandenburg am 19. September. Selbst dort, wo die Partei leichte Zugewinne zu verzeichnen hatte, bewegten sich ihre Ergebnisse immer noch auf niedrigem Niveau. Europawahl Bei der Europawahl am 13. Juni 2004 konnten sich die REP zwar auf 1,9 Prozent der Stimmen leicht verbessern (1999: 1,7 Prozent) und schnitten damit am besten von den drei angetretenen rechtsextremistischen Parteien ab, verpassten aber den Einzug in das Europaparlament deutlich. In BadenW\u00fcrttemberg verloren die REP sogar noch einmal 0,5 Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Europawahl von 1999 und erreichten nunmehr 2,8 Prozent. Bei den Landtagswahlen im Saarland, in Brandenburg und Sachsen, bei denen andere rechtsextremistische Parteien Erfolge erzielen konnten, und in Hamburg traten die REP erst gar nicht mit eigenen Landeslisten an. Bei der th\u00fcringischen Landtagswahl, die zeitgleich mit der Europawahl stattfand, konnten die REP ihren Zweitstimmenanteil zwar mehr als verdoppeln (2,0 Prozent; 1999: 0,8 Prozent), doch wurde mit diesem Ergebnis der Einzug in den th\u00fcringischen Landtag weit verfehlt. Die baden-w\u00fcrttembergischen Kommunalwahlen am 13. Juni 2004 waren zumeist durch Verluste f\u00fcr die REP gekennzeichnet. Bei der Regionalwahl, die sich auf den Gro\u00dfraum Stuttgart beschr\u00e4nkte, verloren die REP 0,9 Prozentpunkte. Insgesamt erreichten sie aber immerhin noch einen Stimmenanteil von 4,6 Prozent (1999: 5,5 Prozent) und zogen mit vier Mandaten Kommunal(1999: f\u00fcnf Mandate) ins Regionalparlament ein. Bei den Kreistagswahlen wahlen verlor die Partei aber rund ein Viertel ihrer Mandate. Differenzierter fielen die Ergebnisse bei den Gemeinderatswahlen aus, insbesondere in fr\u00fcheren 186 Pressemitteilung der REP-Bundesgesch\u00e4ftsstelle Nr. 39/04 vom 13. September 2004, REP-Homepage vom 25. Oktober 2004, \u00dcbernahme wie im Original. 148","Rechtsextremismus Hochburgen der REP. Obwohl Dr. SCHLIERER in Stuttgart selbst antrat, war die Resonanz verhalten. Die REP erzielten 3,9 Prozent gegen\u00fcber 4,9 Prozent 1999 und erreichten dadurch nur noch zwei Sitze (1999: drei Sitze). In Heilbronn, wo die REP mittlerweile traditionell \u00fcberdurchschnittliche Ergebnisse erzielen, verloren sie zwar 0,3 Prozentpunkte, erreichten aber mit 8,0 Prozent erneut drei Mandate. In Pforzheim konnten sie geringf\u00fcgig Stimmen hinzugewinnen. Nach 4,6 Prozent 1999 erreichten sie 2004 5,3 Prozent. An der Zahl von zwei Mandaten \u00e4nderte sich nichts. Insgesamt musste sich die Partei bei den Gemeinderatswahlen 2004 mit weniger Mandaten zufrieden geben als bei den letzten Wahlen 1999. B\u00fcndnisbestrebungen und Kontakte zu anderen Rechtsextremisten Trotz der Misserfolge bei der Europaund der th\u00fcringischen Landtagswahl und trotz der Tatsache, dass NPD und DVU ihre Wahlerfolge in Sachsen beziehungsweise Brandenburg nicht zuletzt ihrer Absprache zu verdanken hatten, nicht gegeneinander anzutreten, lehnte Dr. SCHLIERER in einer Ablehnung einer Pressemitteilung vom 22. September 2004 eine Zusammenarbeit mit der Zusammenarbeit NPD kategorisch ab und bestritt dabei die Existenz auch nur des \"'kleinsten mit der NPD gemeinsamen Nenner[s] f\u00fcr eine politische oder parlamentarische Arbeit'\" mit dieser Partei.187 Mit dieser Absage best\u00e4tigte Dr. SCHLIERER einen damals noch geltenden Beschluss vom Bundesparteitag 1990 und \u00e4hnliche sp\u00e4tere Beschl\u00fcsse des Parteivorstands, sich von (anderen) Rechtsextremisten abzugrenzen. Auf dem REP-Bundesparteitag am 27./28. November 2004 wurde der Bundesparteitagsbeschluss von 1990 durch ein Bekenntnis der Partei \"zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und zur Demokratie\" abgel\u00f6st, das \"gemeinsame Aktivit\u00e4ten und Kandidaturen mit der NPD bei deren derzeitigen Zielen oder gar mit neonationalsozialistischen Organisationen und deren Umfeld\" ausschlie\u00dft. Andere rechtsextremistische Parteien (zum Beispiel die DVU) werden in dem Beschluss nicht in dieser expliziten Weise erw\u00e4hnt.188 Dennoch waren auch 2004 auf nahezu allen REP-Parteiebenen \u00c4u\u00dferungen und Verhaltensweisen festzustellen, die auf ein (weiteres) Abr\u00fccken zumindest von Teilen der Partei von diesen Parteibeschl\u00fcssen hinweisen. Selbst in der Parteispitze waren Tendenzen erkennbar, an der Abgrenzung zu anderen Rechtsextremisten nicht mit der n\u00f6tigen Konsequenz festzuhalten. 187 Pressemitteilung der REP-Bundesgesch\u00e4ftsstelle Nr. 41/04 vom 22. September 2004, REP-Homepage vom 25. Oktober 2004. 188 Pressemitteilung \"Die Republikaner bekennen sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung und zur Demokratie\", REP-Homepage vom 21. Dezember 2004. 149","Kontakte zu So empfahl in einer Entschlie\u00dfung, die am 27. August 2004 bezeichnenderanderen weise im DVU-Sprachrohr \"National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung\" rechtsextremis(NZ) abgedruckt wurde, der Berliner REP-Landesvorstand \"allen Interestischen Parteien senten und Mitgliedern\", bei der brandenburgischen Landtagswahl f\u00fcr die DVU zu stimmen. Dar\u00fcber hinaus wurden Bundespr\u00e4sidium und Bundesvorstand der REP aufgefordert, \"sich in Zukunft an den Wahlteilnahmeabsprachen189 zu beteiligen\". Es gelte, \"die DVU als einzige im Landtag vertretene Rechtspartei zu unterst\u00fctzen\", hie\u00df es in dem Aufruf, der vom Berliner REP-Landesvorsitzenden, Reinhard HAESE, unterzeichnet war.190 Auch die - nunmehr ehemalige - s\u00e4chsische REP-Landesvorsitzende Kerstin LORENZ machte nicht erst seit 2004 aus ihrer N\u00e4he zu eindeutig rechtsextremistischen Organisationen keinen Hehl. Insbesondere engagierte sie sich seit dessen Gr\u00fcndung im April 2003 f\u00fcr das \"Nationale B\u00fcndnis Dresden\", in dem unter anderem hochrangige NPD-Funktion\u00e4re eine zentrale Rolle spielten und spielen. Dieses Engagement f\u00fchrte allerdings innerhalb der REP zu einem Parteiausschlussverfahren gegen LORENZ. Bevor dieses Verfahren f\u00f6rmlich abgeschlossen wurde, trat LORENZ bei den REP aus und schloss sich der NPD an. Schon in der Einladung des ehemaligen baden-w\u00fcrttembergischen REPLandtagsabgeordneten Karl-August SCHAAL, der dem REP-Bezirksverband S\u00fcdw\u00fcrttemberg vorsitzt, wurden zum \"Bodenseetag\" am 19. September 2004 als G\u00e4ste nicht nur \"Freunde und Mitglieder\" der REP, sondern ausdr\u00fccklich auch andere \"Gruppen und Parteien willkommen\" gehei\u00dfen, die - so SCHAAL - \"sich gleich gesinnt um die Zukunft Deutschlands sorgen\". Unter den circa 150 Teilnehmern befanden sich dann neben dem badenw\u00fcrttembergischen REP-Landesvorsitzenden Ulrich DEUSCHLE und dem ehemaligen REP-Bundesvorsitzenden Franz SCH\u00d6NHUBER, der sich auch nach seinem R\u00fcckzug aus der Partei in rechtsextremistischen Kreisen bewegt, die baden-w\u00fcrttembergische DP-Landesvorsitzende Jutta RETZ, der stellvertretende DP-Bundesvorsitzende Ulrich P\u00c4TZOLD sowie mit J\u00fcrgen SCH\u00dcTZINGER ein f\u00fchrender Funktion\u00e4r der \"Deutschen Liga f\u00fcr Volk und Heimat\" (DLVH). Abschlie\u00dfend wurde eine \"Bodensee-Erkl\u00e4rung\" verabschiedet, in der ein \"partei\u00fcbergreifender Kongress deutscher Patrioten zum Zweck des Zusammenfindens\"191 gefordert wurde. 189 Damit sind offensichtlich die Absprachen zwischen NPD und DVU gemeint. 190 NZ Nr. 36 vom 27. August 2004, Artikel \"Brandenburger, w\u00e4hlt DVU - Empfehlung der Berliner Republikaner\", S. 7, Kursivschreibung auch im Original. 191 Bericht \"Bodenseetag 2004 - Kulturreise am Bodensee\", Homepage des REP-Kreisverbands T\u00fcbingen vom 28. September 2004. 150","Rechtsextremismus 5.3 \"Deutsche Volksunion\" (DVU) Gr\u00fcndung: 1971 als eingetragener Verein 1987 als politische Partei Sitz: M\u00fcnchen Mitglieder: ca. 1.000 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 1.100) ca. 11.000 Bund (2003: ca. 11.500) Sprachrohr: \"National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung\" (NZ) Organisation, Aktivit\u00e4ten und politisch-ideologische Ausrichtung Schon seit Jahren ist die \"Deutsche Volksunion\" (DVU) die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Partei in Deutschland. Diese relative Mitgliederst\u00e4rke kann aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass die Partei dem autokratischen F\u00fchrungsstil einer einzigen Person unterworfen ist: Ihr Gr\u00fcnder und seither einziger Bundesparteivorsitzender, der finanzkr\u00e4ftige M\u00fcnchner Verleger Dr. Gerhard FREY, finanziert die DVU in weiten Teilen und nutzt das daraus resultierende Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis, jeden innerparteilichen Pluralismus oder gar Widerspruch zu unterbinden. Das f\u00fchrt dazu, dass sich weder auf Bundesnoch auf Landesebene eine eigenst\u00e4ndige Parteiarbeit entwickeln kann und neben Dr. FREY kaum \u00fcberregional bekanntes, profiliertes DVU-F\u00fchrungspersonal existiert. Dr. FREYs unanDr. FREY als gefochtene Position manifestiert sich auch darin, dass er auf dem DVUBundesvorsitzenBundesparteitag am 20. M\u00e4rz 2004 in M\u00fcnchen, der mit circa 150 Teilnehder best\u00e4tigt mern noch schw\u00e4cher besucht war als der vorangegangene (2002: circa 250), mit 99,2 Prozent192 der abgegebenen Stimmen in seinem Amt best\u00e4tigt wurde. Im DVU-Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg mit seinen wenigen Kreisverb\u00e4nden fungiert seit dem letzten Landesparteitag vom Januar 2003 Winfried MAYER aus Stuttgart als Vorsitzender. Aktivit\u00e4ten der baden-w\u00fcrttemberkaum gischen DVU sind schon seit Jahren kaum noch feststellbar. Ausnahmen Aktivit\u00e4ten des sind vor allem lokale politische Stammtische. F\u00fcr die Stammtische in Landesverbands Aalen/Heidenheim und Esslingen wurde 2004 sowohl in der NZ als auch auf der Internetseite der Bundes-DVU geworben. Das inoffizielle Sprachrohr der DVU, die von Dr. FREY herausgegebene Wochenzeitung NZ, ist das auflagenst\u00e4rkste und in der \u00d6ffentlichkeit wohl auch bekannteste rechtsextremistische Presseorgan in Deutschland. Die in 192 Meldung \"Dr. Frey im Amt als Vorsitzender best\u00e4tigt - DVU-Bundesparteitag in M\u00fcnchen\", DVUHomepage vom 11. Oktober 2004. 151","ihr ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4ge bedienen ein relativ breites Themenspektrum aus dem klassischen Arsenal der rechtsextremistischen Ideologie (zum Beispiel Fremdenund Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, Gebietsund Geschichtsrevisionismus). Dar\u00fcber hinaus schaltete sich die NZ (und damit die DVU) 2004 auch in die aktuellen rechtsextremistischen Diskurse zu den Themenkomplexen \"Krise und Reform\", \"EU-Osterweiterung\" beziehungsweise \"T\u00fcrkischer EU-Beitritt\" ein, beispielsweise mit rei\u00dferischen Schlagzeilen auf der Titelseite wie diesen: \"So verr\u00e4t die SPD die Deutschen - 'Hartz IV': Sargnagel der Sozialdemokraten?\"193, \"Freie Fahrt f\u00fcr Kriminelle? EU-Osterweiterung und die Folgen\"194 und \"Wenn die T\u00fcrkei in die EU kommt: Geht Deutschland unter?\"195 Im brandenburgischen Landtagswahlkampf warb die DVU mit Parolen wie \"Sauerei Hartz IV - Wehrt Euch!\" f\u00fcr sich. Wahlen Die DVU gelangte 2004 nur einmal in den Focus des \u00f6ffentlichen Interesses, n\u00e4mlich mit ihrer erfolgreichen Teilnahme an der brandenburgischen Landtagswahl am 19. September. Zugleich war diese die einzige WahlteilWahlerfolg nahme der Partei im Jahr 2004 oberhalb der Kommunalebene. In Brandenburg gelang ihr mit 6,1 Prozent der Zweitstimmen der erneute Einzug in das Landesparlament (1999: 5,3 Prozent), was nicht zuletzt dadurch m\u00f6glich geworden war, dass DVU und NPD im Vorfeld vereinbart hatten, dort und bei der gleichzeitigen Landtagswahl in Sachsen nicht miteinander zu konkurrieren: Die DVU trat nur in Brandenburg an, die NPD nur in Sachsen. Das Abschneiden der DVU bei der baden-w\u00fcrttembergischen Kommunalwahl am 13. Juni 2004 nimmt sich gegen den sp\u00e4teren Erfolg in Brandenburg \u00e4u\u00dferst bescheiden aus. Nur der Kreisverband Konstanz trat mit einer Liste an, die bei der Gemeinderatswahl in Singen/Hohentwiel 1,97 Prozent (1999: 1,79 Prozent) der W\u00e4hlerstimmen errang. 193 NZ Nr. 33 vom 6. August 2004, S. 1. 194 NZ Nr. 11 vom 5. M\u00e4rz 2004, S. 1. 195 NZ Nr. 10 vom 27. Februar 2004, S. 1. 152","Rechtsextremismus 5.4 \"Deutsche Partei - Die Freiheitlichen\" (DP) Gr\u00fcndung: 1993 Sitz: Bad Soden/Hessen Mitglieder: ca. 60 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 50) ca. 500 Bund (2003: ca. 500) Publikation: \"Deutschland-Post\" Organisation und Aktivit\u00e4ten Der fr\u00fchere hessische FDP-Landtagsabgeordnete Dr. Heiner KAPPEL aus Bad Soden/Hessen f\u00fchrt seit 2001 die \"Deutsche Partei - Die Freiheitlichen\" (DP) als Bundesvorsitzender. Das Parteiorgan der DP, die Publikation \"Deutschland-Post\", erscheint zehnmal j\u00e4hrlich. Nach eigenem Bekunden der Partei existieren in nahezu allen Bundesl\u00e4ndern Landesverb\u00e4nde. Der baden-w\u00fcrttembergische Landesverband wurde erst 2003 aus der Taufe gehoben. Die Gr\u00fcndung weiterer Untergliederungen vollzieht sich aber weiterhin nur z\u00f6gerlich, was mit einer auffallenden Mitgliederschw\u00e4che einhergeht. So verf\u00fcgt der Landesverband Baden-W\u00fcrtorganisatorische temberg noch immer kaum \u00fcber Kreisverb\u00e4nde und \u00fcber nur wenige MitSchw\u00e4che im glieder. Nicht zuletzt auf diese Strukturund Mitgliederschw\u00e4che d\u00fcrfte Land zur\u00fcckzuf\u00fchren sein, dass die DP in Baden-W\u00fcrttemberg selbst anl\u00e4sslich des Europaund Kommunalwahlkampfs nur wenige Aktivit\u00e4ten entfaltete und auch dar\u00fcber hinaus kaum Parteiveranstaltungen durchf\u00fchrte. Als einzige \u00fcberregionale Veranstaltung von Bedeutung hielt die DP im Hinblick auf die Europawahl am 24. Januar 2004 in Fulda einen Bundesparteitag ab. Wahlen Das desolate Abschneiden der DP bei der Europawahl am 13. Juni 2004 (0,2 Wahlniederlage Prozent) und bei der saarl\u00e4ndischen Landtagswahl am 5. September 2004 (0,1 Prozent) stellt zum wiederholten Male unter Beweis, dass die DP als Wahlpartei bisher keine Rolle spielt. Bei den anderen Landtagswahlen des Jahres 2004 trat die DP erst gar nicht an. Die am 13. Juni 2004 in Baden-W\u00fcrttemberg abgehaltenen Kommunalwahlen brachten der DP einen bescheidenen, wenn auch \u00fcberraschenden Achtungserfolg, der jedoch die schweren Niederlagen auf Europaund Landesebene nicht kompensieren kann. In Herbrechtingen/Krs. Heidenheim konnte die DP einen Gemeinderatssitz erringen. 153","Die Bem\u00fchungen der DP um eine Einigung des zersplitterten rechtsextremistischen Lagers Auch im Jahr 2004 lehnte die DP jede Abgrenzung gegen andere Rechtsextremisten ab. Sie strebte vielmehr weiterhin danach, die Zersplitterung keine des rechtsextremistischen Lagers zu \u00fcberwinden. So kam es gem\u00e4\u00df der LeitAbgrenzung zu linie \"Wir grenzen keinen mehr aus, um uns selber nicht einzugrenzen\"196 anderen Rechtsim Vorfeld der Europawahl zu einer Zusammenarbeit zwischen der DLVH extremisten und der DP. Via Internet bedankte sich die baden-w\u00fcrttembergische DPVorsitzende Jutta RETZ, Abstatt/Krs. Heilbronn, unter anderem bei einem f\u00fchrenden DLVH-Funktion\u00e4r f\u00fcr seine Mithilfe bei der Beschaffung der notwendigen Unterst\u00fctzungsunterschriften, die zur Wahlteilnahme berechtigten: Er habe \"sein \u00fcber ganz Deutschland verbreitetes Mitglieder-Netzwerk\" f\u00fcr die DP \"\u00fcberzeugend aktiviert\".197 Gerade aber angesichts des Europawahlergebnisses machte sich im DPBundesvorstand - zumindest vor\u00fcbergehend - Ern\u00fcchterung breit. Wieder einmal waren zu einer Wahl drei rechtsextremistische Parteien (REP, NPD und DP) angetreten, von denen noch dazu die DP mit Abstand am schw\u00e4chsten abgeschnitten hatte. Unter diesem Eindruck wurde auf einer DP-Bundesvorstandssitzung am 18. Juli 2004 ein \"Positionspapier\" verabschiedet, das das Scheitern der eigenen Bem\u00fchungen um eine geeinte rechtsextremistische Partei eingestand.198 Dies bedeutet allerdings nicht, dass sich die DP von jeder Form der Zusammenarbeit mit anderen rechtsextremistischen Organisationen verabschiedet h\u00e4tte. So traten in der Folgezeit f\u00fchrende DP-Funktionstr\u00e4ger immer wieder Ger\u00fcchten entgegen, es existiere ein Abgrenzungsbeschluss der Partei gegen\u00fcber anderen Rechtsextremisten. Auch Dr. KAPPEL verlieh seinen Hoffnungen auf eine einheitliche rechtsextremistische Partei \u00f6ffentlich Ausdruck. Er rief auf einer Veranstaltung des baden-w\u00fcrttembergischen DP-Landesverbands aus Anlass des 15. Jahrestages der Wiedervereinigung am 1. Oktober 2004 in Neckarsulm \"zur Zusammenarbeit\", aber auch zum \"Zusammenschluss aller patriotischen Parteien unter neuem Namen und neuem Programm, bis zur Bundestagswahl 2006\" auf.199 Und auf einer DP-Bundesvorstandssitzung am 24. Oktober 2004 im sachsen-anhaltinischen Klieken wurde unter Bezug auf das zitierte \"Positionspapier\" folgender Beschluss gefasst: 196 \"Deutschland-Post\" Nr. 4/04 vom April 2004, Artikel \"Geschafft, jetzt durchstarten!\", S. 1. 197 Bericht \"Der Startschuss f\u00fcr die Europawahl ist gefallen!\" von Jutta RETZ, Homepage des DP-Landesverbands vom 13. April 2004. 198 Bericht \"Deutsche Partei legt zuk\u00fcnftigen Kurs fest\", Homepage der DP vom 26. Oktober 2004. 199 Bericht \"Gedenken an den 15. Jahrestag der Deutschen Wiedervereinigung\", Homepage der DP vom 26. Oktober 2004, \u00dcbernahme wie im Original. 154","Rechtsextremismus \"Die DEUTSCHE PARTEI macht wie bisher weiter, bleibt bei einem abgrenzungsfreien, partnerschaftlichen Kurs mit den anderen nationalen Parteien und wird in Zukunft B\u00fcndnisse, Wahlabsprachen und letztendlich als Ziel eine nationale Volksbewegung/Partei beibehalten. Einfach ausgedr\u00fcckt: Getrennt marschieren, vereint schlagen! Durch gemeinsame Veranstaltungen, Demonstrationen, Wahllisten usw. werden H\u00fcrden abgebaut, die der og. Gemeinsamen Rechten noch im Wege stehen.\"200 Angesichts dieser Stimmungsund Beschlusslage innerhalb der DP kann der Umgang der Partei mit der so genannten \"Frankfurter Erkl\u00e4rung\" nicht erstaunen. Es handelt sich bei der \"Frankfurter Erkl\u00e4rung\" um eine \"Frankfurter \"Gemeinsame Erkl\u00e4rung\" von Dr. KAPPEL und den Bundesvorsitzenden Erkl\u00e4rung\" zweier anderer Parteien, darunter demjenigen der REP, Dr. SCHLIERER. Der Erkl\u00e4rung zufolge hatten diese drei Personen Ende Oktober 2004 in Frankfurt am Main \"eine engere Zusammenarbeit ihrer Parteien vereinbart\". Es wurde die \"Absicht\" bekundet, \"zusammen mit weiteren Parteien zu einer engen Kooperation und zu gemeinsamen Wahlkampfantritten zu kommen. Ziel der Kooperation\" sei, \"eine seri\u00f6se und demokratische Alternative zu den Bundestagsparteien rechts von der Union zu etablieren.\" Die Erkl\u00e4rung enthielt auch ein \"Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung und zur Erhaltung unseres Staates.\" Gleichzeitig wurde in der \u00fcber die REP-Internetseite verbreiteten Variante der Erkl\u00e4rung eine \"Kooperation mit NPD/DVU oder einer nationalen Volksfront\" ausgeschlossen: \"Vielmehr wolle man deutlich machen, dass es im Gegensatz zu der Volksfront von NPD/DVU und Neonazis auch eine ernstzunehmende verfassungskonforme Gruppierung geben werde, die im Bewusstsein um die patriotische Verantwortung auf die deutsche Politik Einfluss nehmen wolle.\"201 Der rechtsextremistische Charakter der DP offenbart sich schon allein darin, dass die Variante der \"Frankfurter Erkl\u00e4rung\", die \u00fcber die Internetseite der DP verbreitet wurde, ausgerechnet um die Passagen gek\u00fcrzt wurde, in denen die REP-Version - im Versuch, ihre Verfassungskonformit\u00e4t 200 Bericht \"Keine Abgrenzungsbeschl\u00fcsse\", Homepage der DP vom 14. November 2004, \u00dcbernahme wie im Original, Kursivschrift auch im Original. 201 Pressemitteilung Nr. 51/04 der REP-Bundesgesch\u00e4ftstelle vom 1. November 2004, REP-Homepage vom 14. November 2004. 155","zu dokumentieren - eine klare Abgrenzung von NPD, DVU und Neonazis innerparteiliche vornimmt.202 Zudem wurde auf einer DP-Bundesvorstandssitzung am Differenzen 21. November 2004 in Fulda ein Beschluss gefasst, wonach eine \"Mehrheit\" des Bundesvorstands die Erkl\u00e4rung ablehnte. Begr\u00fcndet wurde die Ablehnung damit, dass die Erkl\u00e4rung \"nur zu einer weiteren Spaltung des patriotisch-freiheitlichen Parteiengef\u00fcges\" f\u00fchre und \"die Chancen f\u00fcr die nationalen Parteien, im Jahr 2006 unter einer gemeinsamen Liste in den Bundestag einzuziehen\", verringere.203 6. Sonstige rechtsextremistische Aktivit\u00e4ten 6.1 Organisationsunabh\u00e4ngige rechtsextremistische Verlage in Baden-W\u00fcrttemberg: \"GRABERT-Verlag\"/\"Hohenrain-Verlag\" Der 1953 von Dr. Herbert GRABERT in T\u00fcbingen gegr\u00fcndete \"Verlag der deutschen Hochschullehrerzeitung\" firmiert seit 1974 unter dem Namen \"GRABERT-Verlag\". GRABERTs Sohn Wigbert \u00fcbernahm 1972 die Verlagsleitung und nach dem Tod des Vaters 1978 auch die alleinige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung. Der Verlag ist heute einer der gr\u00f6\u00dften organisationsunabh\u00e4ngigen rechtsextremistischen Verlage in Deutschland. Zum \"GRABERT-Verlag\" Tochtergeh\u00f6ren eine Reihe von Tochterunternehmen, darunter der \"Hohenrainunternehmen Verlag\" (gegr. 1985) und die Versandfirma \"Media-Service\" (gegr. 1998), die Wigbert GRABERTs Sohn leitet. Die \"GRABERT-Versandbuchhandlung\" vertreibt neben Produkten aus dem \"GRABERT-\" und dem \"Hohenrain-Verlag\" auch B\u00fccher anderer rechtsextremistischer Verlage. Die Mitglieder des \"Deutschen Buchkreises\" k\u00f6nnen die Ver\u00f6ffentlichungen der beiden Verlage unter bestimmten Bedingungen erm\u00e4\u00dfigt beziehen. \"GRABERT-\" und \"Hohenrain-Verlag\" bieten relativ umfangreiche Verlagsprogramme an, mit denen sie die ganze Bandbreite von Themenfeldern bedienen, die f\u00fcr den Rechtsextremismus von politisch-ideologischer Bedeutung sind, zum Beispiel Antiamerikanismus, Geschichtsund Gebietsrevisionismus. Mehrfach wurden bereits B\u00fccher aus den Verlagsprogrammen wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfens Verstorbener einge202 Pressemitteilung von Dr. Heiner KAPPEL vom 2. November 2004, DP-Homepage vom 14. November 2004. 203 Pressemitteilung \"Keine Zustimmung zur Frankfurter Erkl\u00e4rung\" vom 21. November 2004, DP-Homepage vom 22. November 2004. 156","Rechtsextremismus zogen und/oder von der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien (BPjM) indiziert. Seit 2004 sind beide Verlage mit eigenen Seiten im Interneuer net vertreten. Internetauftritt Wigbert GRABERT gibt (laut Impressum in Zusammenarbeit mit dem aber faktisch inexistenten \"Institut f\u00fcr deutsche Nachkriegsgeschichte\") die pseudowissenschaftlich aufgemachte, viertelj\u00e4hrlich erscheinende Zeitschrift \"Deutschland in Geschichte und Gegenwart\" (DGG) heraus. Sie bedient auf 50 Seiten dieselben Themenfelder wie die B\u00fccher des \"GRABERT-\" und des \"Hohenrain-Verlags\". Das alle zwei Monate erscheinende Informationsblatt \"Euro-Kurier - Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten\" besch\u00e4ftigt sich mit der Situation der beiden Verlage, weist auf Neuerscheinungen hin und verbreitet rechtsextremistische Inhalte. So war die (verk\u00fcrzte) August-Nummer 2004 als \"Sondernummer\" aufgemacht, die weitgehend aus grotesken antiamerikanischen und antifreimaurerischen Verschw\u00f6rungstheorien bestand. 6.2 \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e.V.\" (GFP) Der 1960 von ehemaligen SSund NSDAP-Angeh\u00f6rigen gegr\u00fcndeten \"Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik e.V.\" (GFP) geh\u00f6ren bundesweit rund 450 Mitglieder (2003: 480) an, darunter in erster Linie rechtsextremistische Verleger, Redakteure, Publizisten und Buchh\u00e4ndler. Damit ist sie die mitgliederst\u00e4rkste rechtsextremistische Kulturvereinigung in Deutschland. Zu den circa 40 in Baden-W\u00fcrttemberg ans\u00e4ssigen Mitgliedern z\u00e4hlt auch der GFP-Vorsitzende Dr. Rolf KOSIEK aus N\u00fcrtingen. Die GFP sieht ihre Aufgabe darin, \"sich f\u00fcr die Freiheit und Wahrheit des Wortes einzusetzen\"204, wobei sie unterstellt, dass Freiheit und Wahrheit - beispielsweise auf dem Gebiet der Zeitgeschichtsforschung - in Deutschland unterdr\u00fcckt w\u00fcrden. \"Das Freie Forum\", das Mitteilungsblatt der GFP, erscheint viertelj\u00e4hrlich. Unter dem Motto \"Die neue Achse - Europas Chancen gegen Amerika\" f\u00fchrte die GFP vom 23. bis 25. April 2004 im th\u00fcringischen Friedrichsroda Kongress ihren allj\u00e4hrlich stattfindenden \"Deutschen Kongress\" durch. Die Teil204 Vorstand der Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) e. V. (Hrsg.): \"Die neue Achse - Europas Chancen gegen Amerika. Kongress-Protokoll 2004. Ver\u00f6ffentlichungen der Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik XX\", 2004, S. 149. 157","nehmerzahl lag nach Angaben der GFP bei etwa 280205 und somit relativ deutlich \u00fcber der des Vorjahres (circa 180). 6.3 \"Freundeskreise 'Ein Herz f\u00fcr Deutschland'\" Unter der Bezeichnung \"Freundeskreis 'Ein Herz f\u00fcr Deutschland'\" agieren im Land zwei eigenst\u00e4ndige rechtsextremistische Gruppierungen, die jedoch gute gegenseitige Kontakte unterhalten. W\u00e4hrend der \"Freundeskreis 'Ein Herz f\u00fcr Deutschland', Stuttgart\" (HfD) nur durch monatliche Vortragsveranstaltungen mit geringer \u00d6ffentlichkeitswirkung auff\u00e4llt, verf\u00fcgt der 1989 urspr\u00fcnglich als Vorfeldorganisation der NPD gegr\u00fcndete, mittlerweile aber parteiund organisations\u00fcbergreifende \"Freundeskreis 'Ein Herz f\u00fcr Deutschland', Pforzheim e.V.\" (FHD) bereits seit Jahren \u00fcber eine feste Organisationsstruktur und rund 50 Mitglieder. Immer wieder f\u00fchrt der FHD im Raum Pforzheim Veranstaltungen mit teilweise bundesweit bekannten Rechtsextremisten durch. So veranstaltete er am 2. Oktober \u00fcberregionale 2004 einen \"Liederund Konzertabend\" in einem Vereinsheim in NieVeranstaltung fern/Enzkreis. Zeitweise nahmen daran bis zu 350 Rechtsextremisten aus ganz Baden-W\u00fcrttemberg und anderen Teilen Deutschlands teil, darunter vor allem Skinheads, aber auch Neonazis und Angeh\u00f6rige rechtsextremistischer Parteien. Neben dem rechtsextremistischen Liedermacher Frank RENNICKE traten noch zwei rechtsextremistische Skinbands auf. 7. Internationale Verflechtungen des Rechtsextremismus 7.1 Allgemeines Immer wieder tun sich im Verh\u00e4ltnis zwischen Rechtsextremisten unterschiedlicher Nationalit\u00e4t ideologische Gr\u00e4ben auf, die eine ZusammenarKontakte trotz beit von vornherein ausschlie\u00dfen, zum Beispiel, wenn gegenseitige nationaideologischer listische oder rassistische Ressentiments aufeinanderprallen. Dennoch pfleDifferenzen gen deutsche Rechtsextremisten aus dem Parteienbereich sowie aus dem Neonaziund Skinheadspektrum Kontakte zu ausl\u00e4ndischen Gesinnungsgenossen.206 F\u00fcr die baden-w\u00fcrttembergischen Rechtsextremisten sind schon aus geographischen Gr\u00fcnden die Beziehungen nach \u00d6sterreich und in die Schweiz, die vielen gro\u00dfdeutsch orientierten Rechtsextremisten ohnehin nicht als Ausland gelten, sowie nach Frankreich von Bedeutung. 205 \"Das Freie Forum\" Nr. 2 vom April/Mai/Juni 2004, Artikel \"Bericht vom Jahreskongress 2004\", S. 1. 206 Zur Motivation dieser Kontakte vgl. Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2003, S. 186f. 158","Rechtsextremismus Als Indikator f\u00fcr den Erfolg, den deutsche Neonazis bei ihren Bem\u00fchungen um Kontakte zu ausl\u00e4ndischen Gesinnungsgenossen erzielen, kann die internationale Beteiligung am \"Rudolf He\u00df-Gedenkmarsch\" am 21. August internationale 2004 in Wunsiedel gewertet werden. Die auf der Veranstaltung mitgef\u00fchrBeteiligung am ten Transparente und Nationalflaggen sowie die gehaltenen Gru\u00dfworte las\"He\u00df\"-Marsch sen auf die Teilnahme von Rechtsextremisten aus mindestens zw\u00f6lf euro2004 p\u00e4ischen L\u00e4ndern (inklusive Deutschland) schlie\u00dfen, darunter aus solchen (zum Beispiel Russland, Tschechien), die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges massiv unter der milit\u00e4rischen Aggression und dem Besatzungsterror des nicht zuletzt durch Rudolf He\u00df symbolisierten NS-Regimes zu leiden hatten. Gleichzeitig wird dieser Erfolg zumindest zum Teil von manchen deutschen Neonazis gar nicht als solcher gesehen, weil sie gegen einige der auf der Veranstaltung vertretenen Nationalit\u00e4ten (zum Beispiel Tschechen) massive ideologische Vorbehalte hegen. Sie w\u00fcrden am liebsten an deren zuk\u00fcnftige Teilnahme Bedingungen kn\u00fcpfen, die einer Ausladung dieser ausl\u00e4ndischen Rechtsextremisten gleichk\u00e4men. Dies ist nur ein markantes Beispiel f\u00fcr die Grenzen, die ideologischer Fanatismus der internationalen Verflechtung im Bereich Rechtsextremismus setzen kann. 7.2 Geschichtsrevisionismus207 Internationalit\u00e4t und weltweite Vernetzung sind Hauptcharakteristika der weltweite internationalen Geschichtsrevisionistenszene, deren deutsche, britische, Vernetzung amerikanische, franz\u00f6sische oder schweizerische Protagonisten ihre Thesen haupts\u00e4chlich \u00fcber das Internet verbreiten, da sie sich hier vor Strafverfolgung sicher f\u00fchlen.208 Einer der einflussreichsten deutschen Holocaustleugner und eine zentrale Figur der internationalen Geschichtsrevisionistenszene ist der Diplom-Chemiker Germar RUDOLF. Er wurde 1995 wegen Erstellung und Verbreitung des 1992 erschienenen \"RUDOLF-Gutachtens\" vom Landgericht Stuttgart zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten ohne Bew\u00e4hrung verurteilt. In seinem Gutachten hatte RUDOLF mit pseudowissenschaftlichen Argumenten die Judenvernichtung mittels Zyklon B in Auschwitz geleugnet. Er entzog sich der Strafverb\u00fc\u00dfung im April 1996 durch Flucht ins Ausland und wird seitdem per Haftbefehl gesucht. Nach Aufenthalten in Spanien, England 207 Zur Definition vgl. Kap. 1.3, S. 118. 208 Laut einem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs vom 12. Dezember 2000 macht sich jedoch auch in Deutschland strafbar, wer eigene \u00c4u\u00dferungen, die den Tatbestand der Volksverhetzung im Sinne des SS 130 Abs. 1 oder des SS 130 Abs. 3 StGB erf\u00fcllen (\"Auschwitz-L\u00fcge\") und die konkret zur Friedensst\u00f6rung im Inland geeignet sind, auf einem ausl\u00e4ndischen, aber Internetnutzern in Deutschland zug\u00e4nglichen Server in das World Wide Web einstellt. 159","und Mexiko lebt er heute in den USA. RUDOLF ist Eigent\u00fcmer des englischen Verlags \"Castle Hill Publishers\" und des US-amerikanischen Verlags \"Theses and Dissertations Press\", in denen deutschsprachige beziehungsweise englischsprachige geschichtsrevisionistische B\u00fccher publiziert werden. Zudem fungiert er als Herausgeber der deutschsprachigen revisionistischen Zeitschrift \"Vierteljahreshefte f\u00fcr freie Geschichtsforschung\" und der englischsprachigen Zeitschrift \"The Revisionist\". Ma\u00dfnahmen in Auf Beschluss des Amtsgerichts Mannheim vom 18. August 2004 wurde das Badendeutsche Gesch\u00e4ftskonto RUDOLFs bei der Volksbank Heidenheim W\u00fcrttemberg gepf\u00e4ndet. Nach Feststellungen der Ermittlungsbeh\u00f6rden gingen auf dem Konto seit der Er\u00f6ffnung am 27. Dezember 2000 bis zum 20. Juli 2004 Zahlungen in H\u00f6he von \u00fcber 380.000 Euro ein, die \u00fcberwiegend aus dem Verkauf der Schriften aus RUDOLFs Verlagsbest\u00e4nden herr\u00fchrten. 8. Theorieund Strategiebildung im deutschen Rechtsextremismus Nach wie vor sieht sich der Rechtsextremismus in Deutschland mit zwei Probleme schwerwiegenden Problemen konfrontiert: zum einen ist die Szene organisatorisch zersplittert, zum anderen fehlen ihr in weiten Teilen ideologischtheoretische Grundlagen und Homogenit\u00e4t.209 Bereits seit Jahren versuchen einige rechtsextremistische Zirkel und Periodika, aber auch einzeln agierende rechtsextremistische Intellektuelle, diese Defizite anzugehen. Sie streben an, die Szene auf breiter Front mit einem m\u00f6glichst einheitlichen ideologischen und intellektuellen R\u00fcstzeug auszustatten, um damit in der Konsequenz auch der organisatorischen Zersplitterung entgegenzuwirken. Derartige Versuche sind bisher freilich meistens gescheitert. Als Beispiele f\u00fcr aktive Gruppierungen beziehungsweise Fortbildungseinrichtungen, die sich der rechtsextremistischen Theorieund Strategiebildung widmen, sind das \"Deutsche Kolleg\" (DK) und die \"Deutsche Akademie\" (DA) zu nennen. Das DK, das als Kontaktadresse ein Postfach in W\u00fcrzburg angibt, wurde 1994 \"Denkorgan des in Berlin gegr\u00fcndet und bezeichnet sich selbst als \"Denkorgan des DeutDeutschen schen Reiches\".210 Es verbreitet \u00fcber seine Internet-Homepage und SchuReiches\" lungsveranstaltungen die rechtsextremistischen Thesen seiner drei Protagonisten Dr. Reinhold OBERLERCHER, Horst MAHLER und Uwe MEENEN. 209 Zu den Gr\u00fcnden daf\u00fcr vgl. Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2003. 210 DK-Homepage vom 20. Oktober 2004. 160","Rechtsextremismus Die DA verf\u00fcgt auch \u00fcber eine eigene Internetseite und firmiert unter einer Postfachadresse in Kaiserslautern. Sie f\u00fchrt an verschiedenen Orten in SeminarDeutschland nach eigenen Angaben \"mehrmals im Jahr Wochenend-Semiangebote nare zu unterschiedlichen Themen durch.\"211 \u00dcber die Internetseite der DA bietet auch J\u00fcrgen SCHWAB seine \"Seminarreihe Politische Theorie\" an, die sich in jeweils circa vierst\u00fcndige Seminare gliedert. Dieses Angebot wurde seit dem Fr\u00fchjahr 2004 von der \"Kameradschaft Karlsruhe\" zu einer von ihr selbst so bezeichneten \"regionale[n] Bildungsoffensive 2004 in Karlsruhe\"212 genutzt. Im Laufe des Jahres veranstaltete sie im Raum Karlsruhe mindestens drei Seminare mit SCHWAB als Referent.213 Aktivit\u00e4ten in BadenEin in seiner Struktur dem DK und der DA \u00e4hnlicher Zirkel hat sich im W\u00fcrttemberg August 2000 in Baden-W\u00fcrttemberg gegr\u00fcndet: die \"Deutsche Studiengemeinschaft\" (DSG) mit Postfachadresse in Leonberg. Durch die Selbstcharakterisierung als \"parteipolitisch ungebunden\" und als \"\u00fcberparteiliche Initiative von unabh\u00e4ngigen Pers\u00f6nlichkeiten\", die \"keinerlei parteipolitische Ziele\" verfolge, sondern bezwecke, \"durch gegenseitige Information und gemeinsame Studien politische Problemstellungen zu untersuchen und inhaltliche Schlussfolgerungen zu erarbeiten sowie den Meinungsbildungsprozess zu unterst\u00fctzen\", versucht sich die DSG auf ihrer Internetseite als moderate weltanschaulich neutral und seri\u00f6s darzustellen. Dadurch unterscheidet sie Au\u00dfendarstellung sich von DK und DA, die ihre rechtsextremistische Ausrichtung nicht einmal oberfl\u00e4chlich verhehlen. Die DSG bildet \"Studienkreise\", die sich mit einzelnen Fragestellungen gezielt befassen und teils so unverd\u00e4chtige Titel tragen wie \"Die staatliche Finanz[-] und Schuldenpolitik\". Entgegen dieser harmlos anmutenden Selbstdarstellung sitzen im DSG-\"F\u00fchrungsgremium\" auch einschl\u00e4gige Rechtsextremisten. Zudem sind auf der DSG-Internetseite Texte eingestellt, die typisch rechtsextremistische (zum Beispiel gebietsrevisionistische) Positionen vertreten.214 Au\u00dferdem gibt die DSG die \"Schriftenreihe der Deutschen Studiengemeinschaft\" und ein Heft mit dem Titel \"Informationsdienst der Deutschen Studiengemeinschaft (DSG)\" heraus. Zirkel wie DK, DA und DSG agieren vorwiegend \u00fcber Seminare, Vortr\u00e4ge, das Internet und dort abrufbare Positionsund Strategiepapiere, aber weniger oder gar nicht \u00fcber Printpublikationen. Daneben unterst\u00fctzen aber auch einige Periodika die Intellektualisierungsbem\u00fchungen der rechtsextre211 DA-Homepage vom 19. Oktober 2004. 212 NIT-Ansage vom 19. M\u00e4rz 2004, Homepage der \"Karlsruher Kameradschaft\" vom 19. Oktober 2004. 213 NIT-Ansagen vom 12. M\u00e4rz, 19. M\u00e4rz, 7. Mai und 24. Juni, Homepage der \"Karlsruher Kameradschaft\" vom 19. Oktober 2004. 214 DSG-Homepage vom 19. Oktober 2004. 161","Printmistischen Szene, wie am Beispiel der NPD-Parteizeitung \"Deutsche Stimpublikationen me\" an anderer Stelle schon ausgef\u00fchrt wurde. Ein weiteres wichtiges Beispiel daf\u00fcr ist das \u00e4lteste, in der Regel monatlich im bayerischen Coburg erscheinende rechtsextremistische Strategieund Theorieorgan \"NATION & EUROPA - DEUTSCHE MONATSHEFTE\" (NE). Die NE erscheint seit 1951. Ihre Auflage betr\u00e4gt 20.000 Exemplare. Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgt sie \u00fcber eine eigene Homepage im Internet. Neben den bereits genannten Zeitschriften und weiteren hier nicht n\u00e4her beschriebenen Publikationen, die eindeutig dem rechtsextremistischen Spektrum zuzurechnen sind, existiert eine Zeitung, die Wochenzeitung \"Junge Freiheit\" (JF), deren ideologische Einordnung weniger eindeutig und die daher seit Jahren immer wieder Diskussionsgegenstand im politisch-parlamentarischen Raum und in den Medien ist. Festzuhalten bleibt, dass etliche Beitr\u00e4ge in den Ausgaben des Jahres 2004 - wenn auch mehrheitlich in den Ausgaben des 1. Halbjahres - tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr rechtsextremistische Bestrebungen enthalten. Daneben sind in der JF eine ganze Reihe von Anzeigen f\u00fcr rechtsextremistische Organisationen und Publikationen zu finden. Als Beispiel sei hier die vom rechtsextremistischen \"Freundeskreis Unabh\u00e4ngige Nachrichten e.V.\" herausgegebene Monatszeitschrift \"Unabh\u00e4ngige Nachrichten\" (UN) genannt. In den UN wird unter anderem antisemitisch und ausl\u00e4nderfeindlich agitiert, geschichtsrevisionistisches Gedankengut vertreten und der deutsche Staat und seine Repr\u00e4sentanten diffamiert. Die JF muss also weiterhin als ein wichtiges publizistisches Bindeglied zwischen dem rechtskonservativen und dem rechtsextremistischen Spektrum angesehen werden. Sie bietet einzelnen rechtsextremistischen Autoren ein Forum, w\u00e4hrend es ihr gleichzeitig seit Jahren immer wieder gelingt, namhafte demokratische Vertreter aus Medien, Politik und Wissenschaft f\u00fcr Interviews zu gewinnen. 162","Rechtsextremismus 9. Aktionsfelder 9.1 Rechtsextremistische Positionen zu den aktuellen Krisenund Reformdebatten Sp\u00e4testens seit 2003 deutete sich an, dass die Krise der \u00f6ffentlichen Haushalte, der Sozialsysteme und die stagnativen bis rezessiven Wirtschaftsdaten mit allen ihren Folgewirkungen (insbesondere f\u00fcr den Arbeitsmarkt und den Sozialstaat) ihren massiven Niederschlag in der rechtsextremistischen Propaganda finden w\u00fcrden. Mittlerweile sind die Themenkomplexe \"Krise und Reform\" im Allgemeinen und \"'Agenda 2010' und 'Hartz IV'\" im Speziellen zu den wichtigsten Aktionsfeldern des deutschen Rechtsextremismus geworden. Das schl\u00e4gt sich nicht nur in einschl\u00e4gigen rechtsextremistischen Publikationsorganen nieder, sondern auch in themenspezifischen Internetseiten und Aktionen bis hin zu eigenen rechtsextremistischen \"Montagsdemonstrationen\". Rechtsextremisten f\u00fchren also einen eigenen Krisenbeziehungsweise Reformdiskurs und bem\u00fchen sich darum, \u00fcber diesen Themenkomplex an gesamtgesellschaftliche Diskussionen anzudocken, in der Mehrheitsgesellschaft an Ziele: Akzeptanz zu gewinnen, so die eigene Isolation aufzubrechen und vielleicht gesellschaftliche sogar B\u00fcndnispartner au\u00dferhalb des eigenen ideologischen Ghettos zu werAkzeptanz und ben. Es handelt sich damit auf den ersten Blick nicht um ein Thema aus der Gewinnung von Gruppe der rechtsextremistischen \"Klassiker\", sondern um ein tendenziell B\u00fcndnispartnern neues Thema, mit dem Rechtsextremisten nicht nur grunds\u00e4tzliche ideologische Positionen, sondern auch strategische Optionen verbinden. Ein genauerer Blick offenbart aber, dass Rechtsextremisten auf diesem neuen Aktionsfeld keine neuen Positionen entwickeln. Vielmehr entpuppen sich ihre Beitr\u00e4ge zur Krisenund Reformdebatte als Wiederauflage althergebrachter rechtsextremistischer Feindbildbestimmungen, Deutungsmuster, Vorstellungen und Forderungen, die nunmehr als Krisenerkl\u00e4rung beziehungsweise Reformvorschl\u00e4ge herhalten sollen. An erster Stelle ist der entschieden ausl\u00e4nderfeindliche Akzent zu nennen, Ausl\u00e4nderder auch diesen neuen Teil der rechtsextremistischen Agitation kennzeichfeindlichkeit net. Rechtsextremisten versuchen immer wieder, die Engp\u00e4sse in den deutschen Staatsund Sozialkassen vorrangig auf die Leistungen an in Deutsch163","land lebende Ausl\u00e4nder zur\u00fcckzuf\u00fchren. Dabei wird auch der pauschale Vorwurf gegen \"die\" Ausl\u00e4nder erhoben, sich Leistungen des deutschen Staates betr\u00fcgerisch zu erschleichen. Einige rechtsextremistische Kommentatoren gehen noch einen Schritt weiter, indem sie einer multikulturellen Gesellschaft, als die sie auch Deutschland aufgrund des aus ihrer Sicht viel zu hohen Ausl\u00e4nderanteils betrachten, generell eine hohe Krisenanf\u00e4lligkeit attestieren und jede Reformf\u00e4higkeit absprechen. Dazu sei nur eine ethnisch homogene, auf einen Willen und ein Ziel ausgerichtete, also antipluralistische \"Volksgemeinschaft\" f\u00e4hig. Auch jedwede Zahlung an das Ausland und an internationale Organisationen, in denen Deutschland seine Mitgliedspflichten erf\u00fcllt (EU, UN, NATO), wird von Rechtsextremisten abgelehnt und f\u00fcr die heimischen Finanzkrisen verantwortlich gemacht. Allerdings spiegelt sich hierin weniger rechtsextremistische Ausl\u00e4nderfeindlichkeit als vielmehr rechtsextremistiNationalismus scher Nationalismus wider, aus dessen Warte die Relativierung des Nationalstaates durch Einbindung in internationale Verflechtungen eine Fehlentwicklung darstellt. angebliche Rechtsextremisten sehen das deutsche Volk jedoch nicht nur in einer matepsychologische riellen, sondern vor allem in einer mentalen, moralischen und psychologiKrise des schen Krise, von der die Strukturund Konjunkturkrisen nur Folgen und deutschen Volkes sichtbarer Ausdruck seien. So behauptete im Februar 2004 ein Autor in der \"Deutschen Stimme\", in Deutschland sei eine \"Geldverschwendung\" festzustellen (zum Beispiel zugunsten von \"Scheinasylanten\", EU, NATO, UN), die \"aus Fremdent\u00fcmelei, Auslandsh\u00f6rigkeit, S\u00fchnegeilheit und Parteidenken\" resultiere. Die \"wahren Gr\u00fcnde der Sozialstaatspleite\" best\u00fcnden demnach in einem von den Deutschen - so suggeriert der Autor - zum Prinzip erhobenen \"perverse[n] Vorrang des Auslandes vor dem eigenen Land\".215 Hinter solchen Behauptungen verbirgt sich die traditionelle rechtsextremistische Kritik an den fundamentalen Wandlungen der politischen Kultur und des gesellschaftlichen Wertekanons, die seit 1945 in verschiedenen Sch\u00fcben in Deutschland vollzogen worden sind. Unter den - aus rechtsextremistischem Munde abwertenden - Schlagworten \"Umerziehung\", \"Frankfurter Schule\"216 und \"68\" werden diese gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen seit Jahrzehnten von Rechtsextremisten bek\u00e4mpft, was in der 215 DS Nr. 2 vom Februar 2004, Artikel \"Sozialstaat: Kahlschlagpolitik gegen das Volk - Die 'Reformen' der Herrschenden beginnen zu wirken\", S. 1 und 4, hier: S. 4. 216 Bezeichnung f\u00fcr den Kreis von Sozialund Kulturwissenschaftlern um Max Horkheimer und das Frankfurter Institut f\u00fcr Sozialforschung sowie die hier entwickelten, von Karl Marx und Siegmund Freud bestimmten soziologisch-philosophischen Lehren. 164","Rechtsextremismus Gegenwart darin seinen Ausdruck findet, dass sie f\u00fcr die aktuellen Krisen verantwortlich gemacht werden. Besonders das aus rechtsextremistischer Sicht durch die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen gest\u00f6rte Verh\u00e4ltnis der Deutschen zu ihrer Nation und Geschichte, so behauptet nicht nur die im rechtsextremistischen T\u00fcbinger \"GRABERT-Verlag\" erscheinende Vierteljahreszeitschrift \"Deutschland in Geschichte und Gegenwart\" (DGG), f\u00fchrt zu kollektiver Depression, Perspektivund Orientierungslosigkeit, nationalem Selbsthass und Identit\u00e4tsverlust, genusss\u00fcchtiger Oberfl\u00e4chlichkeit und in letzter Konsequenz zu den materiellen Krisen der Gegenwart: \"Eine solche Vergatterung auf eine von Leid und Tod gepr\u00e4gte Vergangenheit kann ein Volk nicht frei und zukunftsfroh stimmen, hinter ihr lauert der Untergang. (...) 'Trauerarbeit', 'Vergangenheitsbew\u00e4ltigung', 'Erinnerungsverpflichtung' und 'Mahnmalkult' bestimmen - sich abl\u00f6send - seit bald 60 Jahren das geistige Klima, in dem die Deutschen leben m\u00fcssen. Die Kriegsgeneration hat sich zwar zun\u00e4chst in die Aufbauarbeit gest\u00fcrzt und den psychologischen Angriff lange missachtet, aber die schon vor Kriegsende entworfenen Praktiken der Re-Education und dann - als Teil davon - das Wirken der 'Frankfurter Schule' brachten die Deutschen schlie\u00dflich doch um den Rest ihres Selbstgef\u00fchls. Mehrere Wellen der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung machten sie kleinlaut und geschichtslos. (...) Sehen wir uns um! Das 'Volk der T\u00e4ter' versucht, das Amerikanische als neue Identit\u00e4t anzunehmen. Es ahmt die Sprache und den Stil der Amerikaner nach. Es betet deren Idole an: Geld und Klamauk. Doch in dem Ma\u00dfe, wie Geld und Spa\u00dfbetrieb das Bewusstsein der Deutschen bet\u00e4uben, schwinden ihr Leistungswille und der Selbstbehauptungswille. Au\u00dferdem sehen sie keinen Lebensinhalt, der \u00fcber sie hinausweist: Ihr Volk, das der T\u00e4ter, kann gut auch aussterben! Das vorl\u00e4ufige Endergebnis der seelischen Erschlaffung ist ein Zustand der Beliebigkeit und Desorientierung, der sich im Treiben einer verwahrlosten Jugend am deutlichsten ausdr\u00fcckt. 165","Aus diesen Wirkungen ist ein \u00dcbelstand erwachsen, der handgreiflich ist und Reformen unumg\u00e4nglich macht.\"217 Nach Ansicht eines Kommentatoren in der \"Deutschen Stimme\" hat sich die \"Umerziehung\" besonders drastisch auf die politischen Verantwortungstr\u00e4ger in Deutschland ausgewirkt, sie zu vom deutschen Volk entfremdeten Internationalisten und somit reformunf\u00e4hig gemacht. Dieser Kommentator geht noch einen Schritt weiter als der Autor in \"Deutschland in GeschichGeschichtste und Gegenwart\" und leugnet die NS-Verbrechen explizit, womit er den revisionismus Themenkomplex \"Krise und Reform\" zum reinen Anlass f\u00fcr geschichtsrevisionistische \u00c4u\u00dferungen degradiert: \"(...) alle diese zerst\u00f6rerischen Zeiterscheinungen sind nicht zuf\u00e4llig vom Himmel gefallen, sondern wurzeln in der Tatsache, dass es den Politikern der Bundestagsparteien an Verantwortungsgef\u00fchl gegen\u00fcber ihrem eigenen Volk mangelt. Als bedauerliche Umerziehungsopfer jahrzehntelanger antideutscher Exzesse in Schulen und Massenmedien sind sie heute schlichtweg unf\u00e4hig, die Interessen des deutschen Volkes zu vertreten! Wie soll man sonst erkl\u00e4ren, dass sie einerseits infolge leerer Haushaltskassen den Steuerzahlern immer neue Lasten aufb\u00fcrden, andererseits aber skrupellos Hunderte Milliarden Euro zum Fenster hinauswerfen, um abenteuerliche und teilweise unversch\u00e4mte Forderungen von jenseits unserer Grenzen gro\u00dfz\u00fcgig zu befriedigen und mit dem weltweit spendabelsten Versorgungssystem f\u00fcr Ausl\u00e4nder ein Massenheer von Scheinasylanten anzulocken. (...) Die t\u00e4glich vorgetragenen Schmutzund L\u00fcgenm\u00e4rchen \u00fcber die geschichtlichen Ereignisse in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts haben zu einer lebensbedrohlichen L\u00e4hmung des deutschen Selbstbehauptungswillens gef\u00fchrt. Zweifellos liegt die tiefere Ursache f\u00fcr alle \u00dcbel unserer Zeit in der jahrzehntelang schamlos verbreiteten Kriegsschuld-L\u00fcge, weil die 217 DGG Nr. 1 vom M\u00e4rz 2004, Artikel \"Zur Lage Deutschlands\", S. 2-4, hier: S. 2. 166","Rechtsextremismus Politiker unter dem Trommelfeuer dieser Kampagnen nicht wagten, den anma\u00dfenden und hemmungslosen Forderungen aus London, Washington und Jerusalem zu widersprechen. So schlitterten wir zwangsl\u00e4ufig in den Staatsbankrott, und nur immer neue Schulden, Privatisierungstricks und Desinformationsberichte k\u00f6nnen von dem wahren Ausma\u00df der Katastrophe noch ablenken.\"218 Eine pauschale Schuldzuweisung an die Adresse der demokratischen Politipauschale Kritik ker markiert eines der konstantesten Motive des rechtsextremistischen an demokratiReformund Krisendiskurses. Als Beispiel daf\u00fcr kann ein Flugblatt angeschen Politikern f\u00fchrt werden, mit dem eine \"Initiative 'F\u00fcr Volksgemeinschaft & Sozialstaat'\" mit Postfach in Berlin, hinter der sich ein anlassbezogener Zusammenschluss verschiedener Neonazigruppen verborgen haben d\u00fcrfte, zur Teilnahme an der Neonazi-Demonstration unter dem Motto \"Deutsch bleibt das Land! F\u00fcr Volksgemeinschaft & Sozialstaat\" aufrief, die am 1. Mai in Leipzig stattfand. Es war an erster Stelle von Lars K\u00c4PPLER219 unterzeichnet. W\u00f6rtlich hei\u00dft es dort in bemerkenswerter Unverbl\u00fcmtheit und Anlehnung an eine bekannte Anarchistenparole: \"Allen deutschen M\u00e4nnern und Frauen, den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern der Stadt Leipzig bringen wir es am 1. Mai zu Geh\u00f6r: 'Wer hat uns verraten? - Sozialdemokraten! Und wer schaut zu? - Die CDU!' Denn so lautet das Gebot der Stunde: Gnadenlose Sozialdemagogie!\"220 Zahlreiche rechtsextremistische Kommentare versuchen, argumentativ eine Br\u00fccke zu schlagen von dem Aktionsfeld \"Krise und Reform\" hin zu dem f\u00fcr die rechtsextremistische Szene seit einigen Jahren immer wichtigeren Aktionsfeld \"Globalisierungsgegnerschaft\". Zu diesem Zweck gehen sie von der Pr\u00e4misse aus, dass die Globalisierung mitoder sogar hauptverantwortlich sei f\u00fcr die Krisen in Deutschland. Anders als in demokratischen GlobalisierungsReformdiskursen, die zuweilen auch die Rolle der Globalisierung in diesem kritik und AntiKontext problematisieren, wird durch diesen Br\u00fcckenschlag zugleich eine liberalismus Verbindung hergestellt zu dem rechtsextremistischen Gedankengebilde des Antiliberalismus. Denn der Liberalismus steht aus rechtsextremistischer Sicht an der Wiege der Globalisierung und der - von Rechtsextremisten 218 DS Nr. 4 vom April 2004, Artikel \"Kommentar: Anschlag auf das Lebensrecht der Deutschen\", S. 5. 219 Vgl. Kapitel 4.3. 220 \u00dcbernahme wie im Original. 167","konstruierten - dazugeh\u00f6rigen Ideologie des \"Globalismus\". Nach dieser Logik sind Globalisierung und \"Globalismus\" lediglich Ableitungen des Liberalismus. Die etablierten Parteipolitiker werden als durch die \"Umerziehung\" ideologisch hoffnungslos blockierte, \"fanatische Bef\u00fcrworter der Globalisierung\"221, aber auch als \"Agenten der Globalisierung\" und \"Globalisierungs-Handlanger im BRD-Machtgef\u00fcge\"222 hingestellt, die schon aus - so die Unterstellung - h\u00f6chst egoistischen Gr\u00fcnden vom einmal eingeschlagenen, angeblich verh\u00e4ngnisvollen Weg nicht abweichen k\u00f6nnten: \"Freilich k\u00f6nnen die Herrschenden nicht eingestehen, dass ihre eigene Globalisierungspolitik Ursache der gegenw\u00e4rtigen Krise ist, w\u00fcrden sie damit doch die Hand, die sie f\u00fcttert, abschlagen.\"223 Ausgehend von ihren Schuldzuweisungen an die Adresse \"der\" Ausl\u00e4nder wiederholen Rechtsextremisten ausl\u00e4nderpolitische Forderungen, die ihre ausl\u00e4nderfeindliche Propaganda seit Jahrzehnten bestimmen und die nun \"Reformals rechtsextremistische \"Reformkonzepte\" recycelt werden. So hei\u00dft es in vorschl\u00e4ge\" einem Flugblatt des neonazistischen \"Aktionsb\u00fcndnisses Rhein-Neckar\", das Ende Mai 2004 in verschiedenen St\u00e4dten des Dreil\u00e4nderecks BadenW\u00fcrttemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen, darunter auch in Mannheim, verteilt wurde und zum Teil aus w\u00f6rtlichen \u00dcbernahmen von einer themenspezifischen, rechtsextremistischen Internetseite bestand: \"Wir fordern einen kontinuierlichen Abbau der Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung, durch die Besetzung jedes frei werdenden Arbeitsplatzes mit einem deutschen Arbeitnehmer und die R\u00fcckf\u00fchrung aller arbeitslosen [Nicht-EU-] Ausl\u00e4nder in ihre Heimatl\u00e4nder.\"224 Der NPD-Bundesvorsitzende Udo VOIGT ging noch einen Schritt weiter und forderte, auch noch in Arbeit befindliche Ausl\u00e4nder auszuweisen: \"Wir fordern, die hier arbeitenden und arbeitslosen Ausl\u00e4nder zur\u00fcck in ihre Heimatl\u00e4nder zu bringen. 221 Beitrag \"JN-Chef Rochow: Diskussion um Sozialabbau stellt einen unzul\u00e4ssigen Verteilungskampf zu Lasten der Sozialschwachen dar!\", Homepage des JN-Bundesvorstands vom 21. Januar 2004. 222 DS Nr. 8 vom August 2004, Artikel \"Sozialkrise: BRD wird an ihren inneren Widerspr\u00fcchen zerbrechen - Wo steht Deutschland 2004? Eine Lagebeurteilung zum Stand der Globalisierung\", S. 6. 223 DS Nr. 7 vom Juli 2004, Artikel \"'Agenda 2010', Teil II: Dem Staat neue Gestaltungsspielr\u00e4ume schaffen - Die Politik der Herrschenden dient ausschlie\u00dflich der Klasse internationaler Kapitaleigner\", S. 19, \u00dcbernahme wie im Original. 224 \u00dcbernahme wie im Original. 168","Rechtsextremismus Jeder besch\u00e4ftigte Ausl\u00e4nder, der zur\u00fcck in seine Heimat geht, macht einen Arbeitsplatz f\u00fcr Deutsche frei. Jeder ausl\u00e4ndische Sozialhilfeempf\u00e4nger, der nach Hause geht, liegt unserem Sozialversicherungssystem nicht mehr auf der Tasche.\"225 Derartige rechtsextremistische \"Reformvorschl\u00e4ge\" weisen letztlich alle mehr oder minder geradlinig auf ein viele Jahrzehnte altes Ziel deutscher Rechtsextremisten: Durch direkte Ausweisung beziehungsweise indirekte Verdr\u00e4ngung via sozialpolitische Deklassierung m\u00f6glichst vieler Ausl\u00e4nder den Weg zu ebnen f\u00fcr eine ethnisch homogene deutsche \"Volksgemeinschaft\". Diese Einsparungen bei Ausl\u00e4ndern und im Ausland - so suggeriert die rechtsextremistische Propaganda ihren deutschen Adressaten - w\u00e4ren so umfangreich, dass bei Deutschen gar nicht mehr eingespart, beispielsweise der Sozialstaat zwar f\u00fcr Ausl\u00e4nder, dann aber nicht mehr f\u00fcr Deutsche beschnitten werden m\u00fcsste, sondern wom\u00f6glich sogar noch aufgestockt werden k\u00f6nnte, frei nach dem Motto \"Steuergeld ist genug da, wir m\u00fcssen es nur an der richtigen Stelle ausgeben!\"226. Hierin offenbart sich die nationalistisch-populistische Dimension, eben die \"gnadenlose Sozialdemagogie\" des rechtsextremistischen Krisenund Reformdiskurses, die \u00fcber - h\u00e4ufig v\u00f6llig \u00fcberzogene - materielle Versprechungen versucht, die Deutschen f\u00fcr sich und gegen die von Einschnitten f\u00fcr alle Bev\u00f6lkerungsgruppen bestimmten Reformkonzepte von Bundesregierung und demokratischer Opposition einzunehmen. Das Kernst\u00fcck dieser Versprechungen aber bildet die Forderung nach einer finanziell gro\u00dfz\u00fcgig gef\u00f6rderten \"Bev\u00f6lkerungspolitik\". Sehen doch auch \"Bev\u00f6lkerungsRechtsextremisten in der sinkenden Geburtenrate einen der Hauptgr\u00fcnde politik\" f\u00fcr diverse Probleme in Deutschland. Von den vorsichtigen Vorschl\u00e4gen demokratischer Politiker in Richtung \"Bev\u00f6lkerungspolitik\", die sich des historischen Missbrauchs des Themas durch die NSund die SED-Diktatur bewusst sind, unterscheiden sich allerdings rechtsextremistische Forderungen im Grundsatz nicht nur dahingehend, dass sie darauf abzielen, nur die Zahl deutscher im Sinne von deutschst\u00e4mmiger Kinder, nicht aber die Zahl der Kinder in Deutschland durch die vorgeschlagenen Ma\u00dfnahmen zu erh\u00f6hen. Denn Ausl\u00e4nder und Deutsche ausl\u00e4ndischer Abstammung sollen gerade nicht zu einer h\u00f6heren Geburtenrate animiert werden. Zudem 225 DS Nr. 8 vom August 2004, Artikel \"Quittung f\u00fcr 'Hartz IV' - Jetzt NPD!\" von Udo VOIGT, S. 2. 226 UN vom Februar 2004, Artikel \"Wir haben es satt!\", S. 9-10, hier: S. 9. 169","spricht aus mancher rechtsextremistischen \u00c4u\u00dferung in diesem Zusammenantifeministischer hang der Wille, das Thema \"Bev\u00f6lkerungspolitik\" f\u00fcr einen antifeministiRollback schen Rollback zu instrumentalisieren, beispielsweise wenn Frauen durch materielle Anreize das Ausscheiden aus dem Berufsleben zugunsten der traditionellen Mutterrolle nahe gelegt werden soll. Letztlich, so legt die rechtsextremistische Analyse der Krisenursachen nahe, d\u00fcrfe sich eine grundlegende Reformagenda in Deutschland nicht in konkreten Ma\u00dfnahmen - zum Beispiel gegen Ausl\u00e4nder - und in materiellen Umverteilungen ersch\u00f6pfen, sondern m\u00fcsse auch die angeblichen geistigen Ursachen der Krise bek\u00e4mpfen. Kurz: Deutschland m\u00fcsse eine Abkehr von den fundamentalen Wandlungen der politischen Kultur und des gesellschaftlichen Wertekanons der letzten Jahrzehnte und damit auch von Liberalismus, Globalisierung und \"Globalismus\" als vermeintlichen Krisenursachen vollziehen. Stattdessen solle die bundesdeutsche Gesellschaft (dann: deutsche \"Volksgemeinschaft\") auf rechtsextremistische \"Werte\" wie Nationalismus, Antiliberalismus oder \"lebensrichtiges Menschenbild\" ausgerichtet werden. Ein dergestalt \"reformiertes\" Deutschland w\u00e4re mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht mehr in Einklang zu bringen. Aber gerade Rechtsextremisten mit besonders hohem Fanatisierungsgrad wie den Neonazis und diversen NPD-Mitgliedern ist an einer evolution\u00e4ren Reformpolitik im Rahmen des Grundgesetzes auch gar nicht gelegen, sondern an \"Systemwechsel\" einem politisch-revolution\u00e4ren \"Systemwechsel\" von der freiheitlichen angestrebt demokratischen Grundordnung zu einer rechtsextremistischen \"Volksgemeinschaft\". Das stellt beispielsweise eine \"Stellungnahme des JN-Bundesvorstandes zur aktuellen Reformproblematik und zur 'Agenda 2010' der Bundesregierung\" in ihren Schlusss\u00e4tzen in bemerkenswerter Offenheit klar, die zwar aus dem Mai 2003 stammt, aber einen \u00fcber diesen Zeitpunkt hinaus relevanten Grundsatzcharakter aufweist und auch 2004 im Internet abrufbar war: \"Wir Junge Nationaldemokraten als fundamentaloppositionelle Kraft wollen keine oberfl\u00e4chliche Reform des bundesrepublikanischen Sozialversicherungssystems. Wir Junge Nationaldemokraten haben die Notwendigkeit einer politischen Revolution erkannt. Nur durch eine Revolutionierung aller Bereiche der Politik und einer Verdr\u00e4ngung der liberalistischen Ideologie im national-revolution\u00e4ren Sinne k\u00f6nnen die massiven Probleme unserer und 170","Rechtsextremismus zuk\u00fcnftiger Zeit wirklich \u00fcberwunden werden. Nur der revolution\u00e4re Nationalismus ist willens und in der Lage, die gro\u00dfe politische Aufgabe anzugehen. Nur wir revolution\u00e4re Nationaldemokraten k\u00f6nnen Deutschland retten.\"227 Derartig konsequent und offen verfassungsfeindliche Rechtsextremisten sind sich aber angesichts ihrer eigenen Schw\u00e4che im Klaren dar\u00fcber, dass sie die von ihnen bereits seit Jahren beschworene \"BRDigung\" der Bundesrepublik h\u00f6chstens dann bewerkstelligen k\u00f6nnten, wenn dieser Staat seine seit seiner Gr\u00fcndung und dem \"Wirtschaftswunder\" enorme Stabilit\u00e4t verliert. Unumwunden hie\u00df es 2004 in einem in Villingen-Schwenningen Publikationen erscheinenden rechtsextremistischen Blatt: \"Eine nationale Revolution hat aus Badendie v\u00f6llig desolate politische, soziale und wirtschaftliche Lage zur VorausW\u00fcrttemberg setzung.\"228 Da diese Rechtsextremisten jedoch die deutsche Gesellschaft als eine extrem genusss\u00fcchtige, materialistische und \u00fcber materielle Konsumbefriedigung, nicht \u00fcber ideelle \u00dcberzeugungen mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung verbundene Gesellschaft wahrnehmen, sehen sie die politisch-konstitutionelle Stabilit\u00e4t der Bundesrepublik in \u00e4u\u00dferster Abh\u00e4ngigkeit von ihrer \u00f6konomischen Leistungsf\u00e4higkeit. Daher interpretieren sie die jetzigen Krisenerscheinungen als erste, aber vor diesem Hintergrund ernste Anzeichen einer \u00f6konomischen und damit politischen Destabilisierung, die sie ausdr\u00fccklich begr\u00fc\u00dfen. Sie gehen davon aus, dass soziale Marktwirtschaft und freiheitliche demokratische Grundordnung als wechselseitig abh\u00e4ngige, bestimmende Elemente der Bundesrepublik in einer strukturellen, dem \"System\" innewohnenden und in seiner Dimension Existenz gef\u00e4hrdenden Krise stecken. Deshalb sei das \"System\" aus sich selbst heraus gar nicht mehr reformierbar und zumindest langfristig dem Untergang geweiht. Es stellt sich aus diesem Blickwinkel also weniger die Reformals vielmehr die Systemfrage. Diese Wunschvorstellungen tauchen auch in verschiedenen Texten auf, die sich mit der neonazistischen BDVG und deren - mittlerweile ehemaligen - Bundesleiter K\u00c4PPLER in direkte Verbindung bringen lassen. Sie alle belegen, dass das Konzept der \"gnadenlosen Sozialdemagogie\" letztlich auf den Sturz der Verfassungsordnung abzielt. In einem als \"Pers\u00f6nlicher Rundbrief an alle Freunde, F\u00f6rderer und Unterst\u00fctzer der Bewegung Deutsche Volks227 JN-Pressemitteilung 04/2003 \"Stellungnahme des JN-Bundesvorstandes zur aktuellen Reformpolitik und zur 'Agenda 2010' der Bundesregierung\", JN-\"Frontdienst\"-Homepage vom 30. Mai 2004, \u00dcbernahme wie im Original. 228 \"Freiheit durch Wahrheit\" Nr. 01/2004, Artikel \"Appell an alle einigungswilligen Patrioten\", S. 3. 171","gemeinschaft (BDVG)\" gekennzeichneten Schreiben vom 20. Dezember 2003 ging K\u00c4PPLER intensiv auf diesen Komplex ein und gab dabei die Strategie der BDVG f\u00fcr 2004 (und dar\u00fcber hinaus) vor: \"Innenpolitisch erkennen wir, klar und deutlich und f\u00fcr jeden nachvollziehbar, dass nun begonnen wurde, den Sozialstaat total und nicht mehr umkehrbar zu zerschlagen. Die Unzufriedenheit w\u00e4chst und unterschwellig beginnt sich ein Epochenwechsel anzuk\u00fcndigen. Und was noch viel wichtiger ist: Die Linke ist tot! Die Lethargie und Tr\u00e4gheit der breiten Masse beginnt zu br\u00f6ckeln. Es werden wieder Fragen gestellt werden, auf die wir die Antworten zu geben haben. Das Lebensgef\u00fchl der breiten Masse wird in einem absehbaren Zeitrahmen aus seiner Brotund Spiele-Mentalit\u00e4t erwachen und das harte Gesetz der Not zu sp\u00fcren bekommen. Das sind Ansatzpunkte und Momente, die f\u00fcr uns die Marschrichtung vorgeben! Die Weichenstellungen werden jetzt gestellt und die Umst\u00e4nde machen es uns jetzt m\u00f6glich, handelnd und gestaltend einzugreifen. Die \u00f6konomische und soziale Basis des herrschenden Ungeistes und der herrschenden Unordnung bricht weg. Neue Ordnungskr\u00e4fte werden von der breiten Masse eingefordert werden. Bereiten wir uns darauf vor! Hierbei darf das nationale Spektrum sich nicht l\u00e4nger als der letzte Fels in der Brandung darstellen, der von den gegnerischen Fluten umsp\u00fclt wird. Nein, das nationale Spektrum muss vielmehr aus der Position des Widerstandes heraus zum Angriff antreten und fordern: Wir wollen eine neue politische Ordnung! Propagierung Wir wollen eine neue politische Ordnung, die das einer \"VolksgePrinzip des Nationalstaates mit einer gesunden meinschaft\" Volksgemeinschaft dem Wahnkonzept eines globalen Weltstaates mit einer lemminggleichen Einheitsherde entgegenstellt.\"229 229 \u00dcbernahme wie im Original. 172","Rechtsextremismus Monate sp\u00e4ter erg\u00e4nzte K\u00c4PPLER diese strategischen Gedanken um einen au\u00dfenpolitischen Aspekt. Da n\u00e4mlich viele deutsche Rechtsextremisten die USA nicht nur als Personifizierung der westlichen Moderne interpretieren, sondern auch als deren \u00f6konomische und milit\u00e4rische Garantiemacht, die die politischen Verh\u00e4ltnisse im vereinten Deutschland in gleicher Weise garantiere wie einstmals die Sowjetunion die Herrschaft der SED in der DDR, m\u00fcsste nach dieser Logik in Analogie zu den osteurop\u00e4ischen Ereignissen der Jahre 1985 bis 1991 einem Systemwechsel in Deutschland entAntiweder ein solcher in den USA oder/und ein Niedergang der westlichen amerikanismus Supermacht vorangehen. Diesem Umstand tr\u00e4gt K\u00c4PPLER im folgenden Zitat durch die willk\u00fcrliche Behauptung Rechnung, dass sich die USA im Niedergang bef\u00e4nden: \"Die Unzufriedenheit im Land w\u00e4chst, die herrschenden Politkaste ist am Ende! Eine wohl entscheidende Voraussetzung, die Freiheit des deutschen Volkes wieder zu erringen, ist das Niedergehen der US-Nachkriegs'ordnung'. Am brandaktuellen Beispiel des Irak l\u00e4sst sich der anbahnende Niederbruch des 'Kolosses auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen' ableiten. (...) Wenn der Irak zur Pestgrube f\u00fcr die Weltpest wird, dann bewegen sich die Ziffern der Weltuhr auf 5 vor 12 vor dem Ende der weltweiten U.S.-Hegemonie - und der alliierte W\u00fcrgegriff um Deutschland l\u00f6st sich langsam aber sicher.... Und mit dieser schicksalhaften Entwicklung einher geht das v\u00f6llige Versagen der alliierten Handlanger in Deutschland, deren politischer Offenbarungseid derzeit jedem einzelnden, denkenden Deutschen bewusst gemacht wird. Der Niedergang des Systems kann nicht mehr aufgehalten werden. Das Neue kommt aus dem totalen Chaos des sterbenden Systems.\"230 Rechtsextremisten f\u00fchrten 2004 bundesweit diverse Demonstrationen Demonstrationen durch, die thematisch teilweise oder ausschlie\u00dflich den Themenkomplex \"Krise und Reform\" zum Gegenstand hatten und zu denen in Einzelf\u00e4llen Teilnehmerzahlen in vierstelliger H\u00f6he mobilisiert werden konnten. 230 \"Volk in Bewegung\" Nr. 2/2004, Artikel \"Wie retten wir Deutschland?\" von Lars K\u00c4PPLER, S. 3, \u00dcbernahme wie im Original. 173","Anhand dieser Demonstrationen l\u00e4sst sich aber auch ein zentrales rechtsextremistisches Dilemma aufzeigen: Solche Veranstaltungen entfalteten im absoluten Regelfall, da sie von vornherein als rechtsextremistisch kenntlich gesellschaftliche und damit gesellschaftlich stigmatisiert waren, keinerlei Attraktivit\u00e4t f\u00fcr Isolation andere Bev\u00f6lkerungsgruppen. Die Rechtsextremisten blieben unter sich und damit isoliert. Verschiedentlich sahen sie sich sogar mit massiven St\u00f6raktionen von Gegendemonstranten konfrontiert. Da es ihnen nicht gelingt, mit ihren eigenen Veranstaltungen zum Themenkomplex \"Krise und Reform\" eine \u00fcber die eigene Szene hinausgreifende \u00d6ffentlichkeit herzustellen, versuchen zumindest einige Rechtsextremisten, an themenbezogenen Veranstaltungen anderer, gesellschaftlich respektierter Gruppen teilzunehmen, um diese als B\u00fchne f\u00fcr sich zu nutzen. Quelle: Homepage des Dieses Kalk\u00fcl ging am 3. April 2004 in Stuttgart Beteiligung an \"Aktionsb\u00fcros Rhein-Neckar\" f\u00fcr eine kleine Gruppe von nicht einmal einem \"b\u00fcrgerlichen\" Dutzend Neonazis aus Karlsruhe und Mannheim auf. An diesem Tag reihDemonstrationen ten sie sich mit einem Transparent (\"Volksgemeinschaft statt BRD-Abzocke\") nach eigener Darstellung relativ ungehindert in die DGB-Gro\u00dfdemonstration gegen die Agenda 2010 in der Stuttgarter Innenstadt ein. In der Ansage des NIT Karlsruhe vom 5. April 2004 wurde unterstrichen, worum es bei dieser Aktion unter anderem gegangen sei, n\u00e4mlich darum, \"nationale Politik dorthin zu tragen wo sie hingeh\u00f6rt - hinein ins Volk! Mit der Forderung 'Volksgemeinschaft statt BRD-Abzocke' wurde den Arbeitern gezeigt, dass es mit einer einfachen Abwahl der gegenw\u00e4rtigen Regierung nicht getan ist. Grundlegende soziale Ver\u00e4nderungen f\u00fcrs Volk sind mit Reformen nicht zu verwirklichen - ein radikaler Wandel muss her. (...) Ein klares Signal f\u00fcr alle Nationalisten! Es ist an der Zeit das Thema Sozialabbau nicht mehr l\u00e4nger b\u00fcrgerlichen beziehungsweise antifaschistischen Str\u00f6mungen zu \u00fcberlassen und endlich den Begriff der Volksgemeinschaft erneut zu manifestieren. Bildet eigene Bl\u00f6cke in gewerkschaftlichen Demonstrationen! Mitfahrgelegenheiten sind in DGB-Bussen immer umsonst. Raus aus der Subkultur - hinein ins Volk!\"231 231 Homepage der \"Karlsruher Kameradschaft\" vom 21. April 2004, \u00dcbernahme wie im Original. 174","Rechtsextremismus Ein Internetbericht eines rechtsextremistischen Demonstrationsteilnehmers k\u00fcndigte ausdr\u00fccklich \"weitere spektakul\u00e4re Aktionen\" unter dem Motto \"Volksgemeinschaft statt BRD-Abzocke!\" an.232 Dass die Abgrenzungsreflexe anderer Demonstrationsteilnehmer aber auch immer noch effektiv funktionieren k\u00f6nnen, mussten am 1. Mai 2004 Neonazis aus dem Saarland und dem Rhein-Neckar-Raum erfahren. An diesem Tag hatten sie laut eines Internet-Berichts versucht, sich - wiederum unter der Transparentparole \"Volksgemeinschaft statt BRD-Abzocke\" - einer DGB-Demonstration zum Tag der Arbeit in Saarbr\u00fccken anzuschlie\u00dfen, \"um \u00d6ffentlichkeit herzustellen\" und \"die Ideen des Nationalen Sozialismus zum deutschen Arbeiter zu tragen.\" Lautstarke Proteste der anderen Demonstrationsteilnehmer, ein \"Tumult\" und schlie\u00dflich das Einschreiten der Polizei lie\u00dfen diese Aktion allerdings umgehend scheitern. Zwar meldeten die Neonazis daraufhin eine Spontandemonstration an, w\u00e4hrend der sie nach eigenen Angaben circa 45 Minuten lang durch die Innenstadt marschierten, allerdings mussten sie zugeben, dass sie mit dieser, nun wieder gesellschaftlich isolierten Demonstration \"zahlenm\u00e4\u00dfig an diesem Tag doch eher unterrepr\u00e4sentiert waren\".233 Aus denselben strategischen \u00dcberlegungen heraus versuchten Rechtsextremisten, an den im Sommer/Herbst 2004 von demokratischen bis linksextremistischen Gruppen und Personen organisierten und in Anlehnung an die im Herbst 1989 gegen das SED-Regime gerichteten Demonstrationen als \"Montagsdemonstrationen\" bezeichneten Protestveranstaltungen teilzuneh\"Montagsmen, die sich gegen die unter dem Schlagwort \"Hartz IV\" diskutierten demonstrationen\" Arbeitsmarktreformen wandten. Zumindest in Baden-W\u00fcrttemberg mussten sie dabei aber weitgehend f\u00fcr sie entt\u00e4uschende Erfahrungen machen. So scheiterten solche Versuche in verschiedenen St\u00e4dten im Land - darunter am 16. August in Stuttgart - immer wieder am erkl\u00e4rten und auch durchgesetzten Willen der Demonstrationsveranstalter und -teilnehmer, Rechtsextremisten auf ihren Veranstaltungen nicht zu dulden. Sobald Rechtsextremisten versuchten, eigene \"Montagsdemonstrationen\" durchzuf\u00fchren, liefen sie wiederum Gefahr, den oben geschilderten Mechanismen aus Stigmatisierung und gesamtgesellschaftlicher Isolation zu unterliegen. Ein besonders drastisches Beispiel daf\u00fcr ist die \"Montagsdemonstra232 Bericht \"Massenproteste gegen Sozialabbau in ganz Deutschland....Auch Freie Nationalisten waren in Stuttgart mit dabei\", Homepage des \"Aktionsb\u00fcros Rhein-Neckar\" vom 14. Juni 2004. 233 Bericht \"1. Mai - Tag der deutschen Arbeit!\", Homepage des \"Aktionsb\u00fcros Rhein-Neckar\" vom 12. Oktober 2004. 175","tion\", die die NPD f\u00fcr den 23. August 2004 in Stuttgart angemeldet hatte. Obwohl die NPD selbst nur mit zehn Teilnehmern gerechnet hatte, erschienen nur ganze vier. Aus den oben dargelegten ideologischen und strategischen Gr\u00fcnden ist allerdings vorauszusehen, dass derartige Misserfolge die rechtsextremistische Szene vorerst nicht davon abhalten werden, in ihrer Propaganda weiterhin verst\u00e4rkt auf den Themenkomplex \"Krise und Reform\" und auf das Thema \"Hartz IV\" zu setzen. Darin d\u00fcrfte sich die Szene nicht zuletzt durch die Wahlerfolge von NPD und DVU in Sachsen beziehungsweise Brandenburg best\u00e4tigt sehen, da beide Parteien ihre schlie\u00dflich erfolgreichen Wahlk\u00e4mpfe schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf diese Themen abgestellt hatten. 9.2 Das \"Projekt Schulhof\": Entwurf einer rechtsextremistischen Propagandaoffensive mit neuer Dimension Schon vor vielen Jahren schrieb der Brite Ian Stuart DONALDSON (19571993), der als ehemaliger S\u00e4nger der rechtsextremistischen Band \"Skrewdriver\" und Gr\u00fcnder von B&H auch in der deutschen Skinheadszene bis heute, mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Tod, Kultstatus genie\u00dft, dem Musik als Medium Musik zentrale Bedeutung zu bei der Vermittlung rechtsextremisPropagandatischer Ideologieinhalte an Jugendliche: \"Musik ist das ideale Mittel, mittel Jugendlichen den Nationalsozialismus n\u00e4her zu bringen, besser als dies in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden.\" Leider lag DONALDSON im Grundsatz nicht falsch. Es kann in der Tat als gesichert gelten, dass ein nicht unerheblicher Prozentsatz der rechtsextremistischen Skinheads \u00fcber den Konsum entsprechender Skinheadmusik in die Szene und damit in den Rechtsextremismus einsteigt. Das Attraktivit\u00e4tspotenzial dieser Musik ist mehrschichtig: Zum einen erinnert sie mit ihren h\u00e4ufig harten, aggressiven Rhythmen an moderne Musikstile wie (Hard-)Rock oder Heavy Metal, denen das Image von - urspr\u00fcnglich eher \"links\" zugeordneter - Nonkonformit\u00e4t und Rebellion anhaftet. Oberfl\u00e4chlich betrachtet kommt sie also alles andere als bieder, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt 176","Rechtsextremismus oder altmodisch daher. Dieses Image ist erfahrungsgem\u00e4\u00df f\u00fcr viele Jugendliche attraktiv. Dass - mindestens - die rechtsextremistischen Inhalte dieser Musik zudem in den Medien und der Erwachsenenwelt der demokratischen Mehrheitsgesellschaft in der Regel konsequente Ablehnung und Stigmatisierung erfahren, kann in den Augen mancher Jugendlicher diese Attraktivit\u00e4t sogar noch steigern: Scheint ein Bekenntnis zum Rechtsextremismus beziehungsweise zu dessen zumindest nach au\u00dfen antib\u00fcrgerlichsten Variante, der rechtsextremistischen Skinheadszene, doch der sicherste Weg f\u00fcr Jugendliche zu sein, ihre Gesellschaft und Elterngeneration nachhaltig zu provozieren. Dass die Ablehnung, die rechtsextremistischer Skinheadmusik von Seiten der Provozierten entgegenschl\u00e4gt, gute Gr\u00fcnde hat, wird von diesen Jugendlichen, die altersund/oder bildungsbedingt h\u00e4ufig noch nicht \u00fcber eine fundierte politische Orientierung verf\u00fcgen, nicht erkannt oder bewusst ignoriert. Die rechtsextremistische Szene ist sich der Anziehungskraft rechtsextremistischer Skinheadmusik seit langem bewusst und entwickelte im Jahr 2004 Aktivit\u00e4ten, dieses Potenzial noch gezielter und in einer bisher unbekannten Dimension f\u00fcr sich zu nutzen. Bereits seit Anfang 2004 lagen den deutschen Verfassungsschutzbeh\u00f6rden erste, dann auch \u00fcber das Internet verbreitete Informationen \u00fcber eine rechtsextremistische Propagandaoffensive vor, die von ihren Initiatoren \"Projekt Schulhof\" getauft wurde. Im Laufe der folgenden Monate ergab sich ein genaueres Bild dieses \"Projekts\": Demnach planten dessen Initiatoren, zu denen unter andeProjektplanung rem einschl\u00e4gig bekannte Rechtsextremisten aus S\u00fcdwestdeutschland z\u00e4hlten, eine CD unter dem Titel \"Anpassung ist Feigheit - Lieder aus dem Untergrund\" in au\u00dferordentlich hoher St\u00fcckzahl bundesweit und kostenlos an Jugendliche zu verteilen, um sie f\u00fcr die rechtsextremistische Szene und deren Ideologien zu interessieren und letztlich zu rekrutieren. Zu diesem Zweck sollten die Verteilaktionen auf oder in der N\u00e4he von Schulgel\u00e4nden und an anderen Orten stattfinden, an denen sich Jugendliche verst\u00e4rkt aufhalten. Gleichzeitig sollte eine die Aktion begleitende Internetseite geschaltet werden. Diese unter einer Adresse in Schweden234 registrierte Seite ist 234 Die Anschrift wurde laut schwedischen Beh\u00f6rden bereits in der Vergangenheit f\u00fcr den Vertrieb von Propagandamaterial verwendet. 177","seit Anfang November 2004 abrufbar, ihre konkreten Inhalte sind aber nur teilweise mit den auf der CD enthaltenen Dateien identisch. Dagegen ist es zu einer Verteilung der CD auch aufgrund von Ma\u00dfnahmen der Sicherheitsbeh\u00f6rden bisher nicht gekommen, allerdings k\u00f6nnen die Lieder dieser CD auf anderen Wegen aus dem Internet heruntergeladen werden. Schon diese Fakten lassen erkennen, dass sich das \"Projekt Schulhof\" nicht mit einer der \u00fcblichen rechtsextremistischen CD-Ver\u00f6ffentlichungen verneues Konzept gleichen l\u00e4sst. Die singul\u00e4ren Besonderheiten dieses \"Projekts\" lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen: Das \"Projekt Schulhof\" ist auf eine Breitenwirkung angelegt, die f\u00fcr jede andere \"normale\" rechtsextremistische CD unerreichbar w\u00e4re. So liegen die angestrebten Auflagenzahlen im f\u00fcnfbis sechsstelligen Bereich und damit um ein Vielfaches \u00fcber dem, was bei der Herausgabe rechtsextremistischer CDs normalerweise zu verzeichnen ist. Auch der beim \"Projekt Schulhof\" gew\u00e4hlte Ansatz, im Jugendliche Umfeld von Schulen und anderen jugendspezifischen Orten gezielt als Zielgruppe auf Jugendliche, die bisher nicht ins rechtsextremistische \"Lager\" eingebunden sind, zugehen und diese CDs als kostenloses Propagandamaterial verteilen zu wollen, zeugt von einem Willen zur Breitenwirkung \u00fcber die eigene Anh\u00e4ngerschaft hinaus sowie von einer offensiven, zielgerichteten Initiative, die bislang bei der Verbreitung rechtsextremistischer Musik-CDs nicht an den Tag gelegt wurde. Schlie\u00dflich haben die CD-Macher offensichtlich auch bei der Formulierung des gesprochenen, circa f\u00fcnfmin\u00fctigen Intros besagte Breitenwirkung im Blick gehabt. Denn anstatt den H\u00f6rer umgehend mit eindeutig rechtsextremistischen Parolen zu konfrontieren, die Jugendliche, die diesem Gedankengut noch unentschieden oder gar kritisch gegen\u00fcberstehen, hellh\u00f6rig machen und abschrecken k\u00f6nnten, gibt sich der Intro-Text in Teilen, zumal am Anfang eher zur\u00fcckhaltend und subtil. breite Allianz Das \"Projekt Schulhof\" wird von einer breiten Allianz von Rechtsextremisten aus dem Inund Ausland getragen. Dass verschiedene, 178","Rechtsextremismus deutsche wie ausl\u00e4ndische Skinheadbands kostenlos Musiktitel unterschiedlicher Stilrichtungen zu einem CD-Sampler beitragen, konnte auch in der Vergangenheit schon beobachtet werden. Aber dass sonst in Konkurrenz zueinander stehende Vertreiber rechtsextremistischer Musik sich in diesem Fall zu einem gemeinsamen Projekt zusammenfinden, ist untypisch. Zudem wird die Aktion von Einzelaktivisten und diversen neonazistischen \"Kameradschaften\" unterst\u00fctzt. Das \"Projekt Schulhof\" sprengt auch mit seiner Multimedialit\u00e4t den Multimedialit\u00e4t eindimensionalen Rahmen einer normalen Musik-CD, die nur akustische Informationen enth\u00e4lt. Diese Multimedialit\u00e4t wird nicht nur durch die Existenz der Internetseite erreicht. Auch die Schulhof-CD selber weist neben dem Intro und 19 Musiktiteln (darunter von den Bands \"Noie Werte\" aus Stuttgart und \"Blue Max\" aus Schwarzach im Neckar-Odenwald-Kreis) weitere Texte, Informationen und Hinweise, zum Beispiel Internetund Kontaktadressen rechtsextremistischer Gruppierungen (auch aus Baden-W\u00fcrttemberg) und Werbung rechtsextremistischer Musikvertriebe, in einem Datei-Format auf, das wie eine Website am Computer aufgerufen werden kann. Trotz des von den Machern des \"Projektes Schulhof\" betriebenen Aufwands ist eine Verteilung der CD bislang unterblieben. Dies ist vor allem auf die erfolgreiche Gegenma\u00dfnahmen staatlicher Stellen zur\u00fcckzuf\u00fchren. So verz\u00f6gerte sich staatliche Gegenbereits die Pressung der CD, weil die in Frage kommenden Unternehmen ma\u00dfnahmen aufgrund einer nach Hinweisen der Sicherheitsbeh\u00f6rden erfolgten Warnmeldung des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft e. V. f\u00fcr das Problem sensibilisiert waren. Nachdem dennoch eine Auflage von etwa 50.000 Exemplaren von einem nicht der rechtsextremistischen Szene zuzurechnenden Presswerk in Baden-W\u00fcrttemberg Anfang Juli 2004 an einen Produzenten und Vertreiber rechtsextremistischer Musik in Sachsen-Anhalt ausgeliefert worden war, erging am 30. Juli ein Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts Stendal wegen des Verdachts des Beziehens und Vorr\u00e4tighaltens von Tr\u00e4germedien mit schwer jugendgef\u00e4hrdendem Inhalt. Das Gericht ordnete auch die Beschlagnahme und Einziehung der CDs an, die bei dem sachsen-anhaltinischen Adressaten der Lieferung allerdings nicht aufgefunden werden konnten. Am 4. August 2004 erlie\u00df das Amtsgericht Halle/Saale einen allgemeinen Beschlagnahmebeschluss, der im Fall einer Verteilung der CDs deren umgehende Beschlagnahme zur Folge h\u00e4tte. Auch wurde 179","von den zust\u00e4ndigen staatlichen Stellen bei der Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr jugendgef\u00e4hrdende Medien eine Indizierung der CD beantragt, die aber erst erfolgen kann, sobald die CD verbreitet wird. Da diese Beschlusslage den Initiatoren des \"Projekts Schulhof\" eine Verbreitung der CD in der jetzigen Fassung faktisch unm\u00f6glich machte, schalAusweichen auf teten sie Anfang November 2004 die zum \"Projekt\" geh\u00f6rende InternetInternetseite frei. Resignative Aussagen auf dieser Seite lassen vermuten, dass die ver\u00f6ffentlichung \"Projekt\"-Macher nicht mehr damit rechnen, die CD jemals verteilen zu k\u00f6nnen. Ebenfalls Anfang November 2004 wurden in einigen hessischen und rheinland-pf\u00e4lzischen Orten Plakatklebeaktionen durchgef\u00fchrt, insbesondere an und in der N\u00e4he von Schulen. Ende November wurden diese Aktionen Plakataktionen auch auf Baden-W\u00fcrttemberg ausgeweitet, als entsprechende Plakate im Bereich einer Schule und eines Jugendzentrums in Br\u00fchl im Rhein-NeckarKreis festgestellt wurden. Auf diesen Plakaten, die mit \"Nationaler Widerstand Sozialistische Zelle\" unterzeichnet waren, letztlich aber auf die \"Projekt Schulhof\"-Initiatoren zur\u00fcckgehen d\u00fcrften, wurde auf die Internetseite aufmerksam gemacht und gegen das staatliche Vorgehen bez\u00fcglich der Schulhof-CD polemisiert. Nachahmer Trotz dieses sich abzeichnenden, partiellen Scheiterns des urspr\u00fcnglichen \"Projekts Schulhof\" haben sich im Inund Ausland Nachahmer gefunden. So produzierte die NPD eine CD mit dem Titel \"Schnauze voll? Wahltag ist Zahltag\", um sie im s\u00e4chsischen Landtagswahlkampf einzusetzen. Nach NPD-Angaben betrug die Auflage 25.000 St\u00fcck. Am 7. September 2004 beschlagnahmte die Polizei auf Beschluss des Amtsgerichts Riesa in den Gesch\u00e4ftsr\u00e4umen des \"Deutschen Stimme\"-Verlages mehr als 700 Exemplare der CD. Die Staatsanwaltschaft Dresden hatte die Beschlagnahme beantragt, da sie den Tatbestand des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (SS 86a StGB) verwirklicht gesehen hatte. Die NPD 180","Rechtsextremismus legte jedoch Rechtsmittel gegen die Beschlagnahme ein, die daraufhin am 15. September 2004 vom Landgericht Dresden aufgehoben wurde. Nach NPD-Angaben wurden die CD-Exemplare in der Folgezeit \"weitestgehend an die Jugendlichen gebracht\". Die Partei k\u00fcndigte sogar \"zum Jahreswechsel eine neue und zwar eine deutschlandweite\" CD an.235 Der - von der Partei zumindest behauptete - Erfolg der s\u00e4chsischen NPD-CD k\u00f6nnte auch andere deutsche Rechtsextremisten anspornen, solche Projekte zu starten. Seit September 2004 tauchten im Internet sogar Informationen auf, dass US-amerikanische Rechtsextremisten in Anlehnung an das deutsche \"Projekt Schulhof\" ihrerseits ein \"Project Schoolyard\" ins Leben gerufen haben, dessen Strategie und Konzeption eindeutige Parallelen zum deutschen Vorbild aufzuweisen scheinen. Seit Oktober 2004 ist auch eine zum \"Project Schoolyard\" geh\u00f6rende CD bestellbar. Mittlerweile wurde vom Hauptzollamt Frankfurt am Main eine Postsendung mit \u00fcber 50 Exemplaren dieser CD sichergestellt, die an eine Adresse im Bundesgebiet gerichtet war. Es muss vor diesem Hintergrund von der M\u00f6glichkeit ausgegangen werden, dass das \"Projekt Schulhof\" auch von Rechtsextremisten anderer Staaten aufgegriffen 235 Bericht \"Dreistigkeiten\", NPD-Homepage vom 16. November 2004. 181","C. LINKSEXTREMISMUS 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Wie sich bereits 2003 angek\u00fcndigt hatte, war die \"soziale Frage\" das \u00fcberragende Thema des Jahres 2004. Linksextremisten sahen darin ihr ureigenes \"Kampffeld\". In gleichem Ma\u00dfe, wie die \"Antiglobalisierungsbewegung\" und deren Aktivit\u00e4ten gegen internationale politische Gipfelereignisse an \"soziale Frage\" Schwungkraft verloren und die \"soziale Frage\" in den Vordergrund trat, verals \u00fcberragendes lagerten sich die Proteste deutlich mehr auf die nationale Ebene, obwohl sie Thema ein europaweites Ph\u00e4nomen darstellten. Wie in der \"Sozialforumsbewegung\"236 blieben allerdings unver\u00e4ndert starke Tendenzen zu internationaler Vernetzung bestehen. Sie waren mit dem gleichzeitigen Bem\u00fchen verbunden, entsprechende, m\u00f6glichst fl\u00e4chendeckende Strukturen auch auf nationaler beziehungsweise regionaler Ebene zu etablieren. Adressaten der Proteste deutscher Linksextremisten waren die Bundesregierung, aber auch die \"etablierten Parteien\", deren \"Sozialkahlschlagspolitik\" einhellig und aufs Sch\u00e4rfste verurteilt wurde. Der Ansto\u00df zu den Protesten kam vom \"Europ\u00e4ischen Sozialforum\" in Paris bereits im Herbst 2003: Am 20. M\u00e4rz 2004 als Jahrestag des Irakkriegs sollten europaweit Aktionen gegen den Krieg, am 2. und 3. April 2004 gegen \"Sozialabbau\" und am 9. Mai 2004 gegen den Verfassungsentwurf f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union (EU) stattfinden. Hatte schon die bundesweite Gro\u00dfdemonstration vom 1. November 2003 eine \"neue Phase\" von \"sozialen K\u00e4mpfen\" in Deutschland ank\u00fcndigen sollen, so fand diese vor allem in dem Aktionstag am 3. April 2004 und schlie\u00dflich in einer \"Herbstkampagne\" ihre Fortsetzung. Linksextremisten sahen sich insgesamt einem gewaltigen \"Roll-back\" gegen\u00fcber: Krieg war wieder Mittel der Politik geworden. Die gr\u00f6\u00dfte \"imperialistische Macht\", die USA, betrieb aus linksextremistischer Sicht im Irak ungeniert \"Neukolonisierung\". Deutschland richtete sich angeblich darauf aus, k\u00fcnftig weltweit milit\u00e4risch intervenieren zu k\u00f6nnen. Aufr\u00fcstung und \"Militarisierung\" galten als das vermeintliche Programm der EU. Europaweit korrespondierte angeblich diese \"Aggressivit\u00e4t nach au\u00dfen\" mit dem Abbau \"sozialer\" und demokratischer Rechte und mit \"Repression nach innen\". 236 Ist als solche nicht extremistisch; agiert unter Einschluss von Linksextremisten auch gegen \"Sozialabbau\". 182","Linksextremismus Dagegen ist die Neigung deutscher Linksextremisten zur Teilnahme an Protesten gegen internationale Gipfeltreffen 2004 deutlich gesunken. Die nur marginale Beteiligung deutscher Demonstranten an den Protesten gegen die vom 21. bis 25. Januar 2004 in Davos durchgef\u00fchrte Tagung des Weltwirtschaftsforums hatte diese Entwicklung bereits angedeutet. Die Aktivit\u00e4ten selbst im Inland, so anl\u00e4sslich der M\u00fcnchener Sicherheitskonferenz im Februar 2004, fielen erheblich geringer aus. Dass auch die \"Antikriegs\"Proteste im Lauf des Jahres erkennbar nachlie\u00dfen, war nicht etwa auf schwindendes Interesse der linksextremistischen Szene zur\u00fcckzuf\u00fchren. Urs\u00e4chlich daf\u00fcr war vermutlich eher der Umstand, dass im Vorfeld des drohenden Kriegs gegen den Irak eine weit h\u00f6here \"Mobilisierungsdynamik\" auch in der Bev\u00f6lkerung vorhanden war als nach dessen Ausbruch und in dessen weiterem Verlauf. Der hohe Stellenwert f\u00fcr Linksextremisten war gleichwohl geblieben, wobei die Auseinandersetzung mit diesem Thema nach dem offiziellen Ende des Kriegs um weitere Aspekte erweitert wurde, die insbesondere geeignet waren, dem Antiamerikanismus in der Szene weiteren Auftrieb zu verleihen. Wahlund Politikverdrossenheit in der deutschen Bev\u00f6lkerung schufen zwar theoretisch einen guten N\u00e4hrboden f\u00fcr linksextremistische Agitation, doch mussten Linksextremisten entt\u00e4uscht feststellen, dass sich dieser Zustand nicht in wachsender Bereitschaft zum Engagement in au\u00dferparlamentarischen Bewegungen niederschlug. Eher noch war der Protest gegen \"Sozialabbau\" der Motor f\u00fcr Pl\u00e4ne zur Gr\u00fcndung einer \"neuen Linkspartei\". \"neue LinksDieses, von b\u00fcrgerlichen Kr\u00e4ften angesto\u00dfene und als solches nicht extrepartei\" als mistische Projekt besch\u00e4ftigte s\u00e4mtliche linksextremistischen Parteien und Hoffnungstr\u00e4ger Organisationen nachhaltig und wurde von ihnen von Anfang an mit gro\u00dfem Interesse begleitet. Eine solche neue Partei w\u00e4re aus ihrer Sicht dazu pr\u00e4destiniert, das soziale Protestpotenzial zu kanalisieren, bei regem Zulauf Ver\u00e4nderungen in der Parteienlandschaft nach sich zu ziehen und vor allem bei einer entsprechenden politischen Orientierung einer von Linksextremisten angestrebten gesamtgesellschaftlichen Akzentverschiebung n\u00e4her zu kommen. Die Wahlen vom 13. Juni 2004237 zeigten, dass die teilnehmenden linksexTeilnahme tremistischen Parteien entschlossen sind, auf allen Ebenen den Parlamentaan Wahlen rismus f\u00fcr ihre Zwecke zu nutzen. Im Unterschied zu fr\u00fcheren Jahren betonen Linksextremisten inzwischen immer st\u00e4rker die Bedeutung von Kommunalwahlen bei ihrem Bestreben, kommunistisches Gedankengut \"an der 237 Am 13. Juni 2004 wurde zum sechsten Mal das Europ\u00e4ische Parlament gew\u00e4hlt; zeitgleich fanden die Landtagswahl in Th\u00fcringen und Kommunalwahlen in Baden-W\u00fcrttemberg, Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern statt. 183","Basis\" zu etablieren, das hei\u00dft in das Alltagsleben der Menschen hinein zu tragen. Die \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) hatte sich erstmals seit acht Jahren entschlossen, unter dem Motto \"Ein anderes Europa ist m\u00f6glich\" wieder zur Europawahl anzutreten, diesmal sogar mit einer eigenen Liste. Damit wollte sie, wie ihr Vorsitzender Heinz STEHR erkl\u00e4rte, \"einen politischen Beitrag zur Ver\u00e4nderung des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses in der Gesellschaft leisten\".238 F\u00fcr die \"Partei des Demokratischen Sozialismus\" (PDS) wurde die Europawahl zu einem unerwarteten Erfolg. Mit der Agitation gegen die im Juni 2004 von den Staatsund RegierungsAgitation gegen chefs der EU angenommene Verfassung f\u00fcr das vereinigte Europa er\u00f6ffnete EU-Verfassung sich f\u00fcr Linksextremisten ein neues Aktionsfeld. Europa galt nunmehr als als neues \"das Theater, in dem die zuk\u00fcnftigen Auseinandersetzung(en) und KlasAktionsfeld senk\u00e4mpfe stattfinden werden\" 239, und wurde als Fortsetzung nationalstaatlicher, \"imperialistischer\" Verhaltensmuster auf der supranationalen Ebene bek\u00e4mpft. Dem sich vollziehenden \"Konstitutionalisierungsprozess\" sollte ein anderes Europa, ein \"Europa von Unten\" entgegengesetzt werden. Gleichzeitig schwelten im Themendreieck \"Islamismus-Nahostkonflikt\"linke\" Szene Antisemitismus\" die alten Konflikte weiter. Die unver\u00e4nderte innere Zerweiterhin rissenheit der Szene erhielt eine neue Dimension, indem sich die Spanzerstritten nungen zwischen \"Antideutschen\" und \"Antiimperialisten\" erstmals \u00f6ffentlich massiv mit Gewalt entluden. So kam es auf einer Demonstration in Hamburg im Januar 2004 zu einer Massenschl\u00e4gerei zwischen verfeindeten Gruppierungen aus dem eigenen Lager. Die in der Szene fortlebende Antisemitismusdebatte erwies sich auch auf dem Aktionsfeld \"Antifaschismus\" als St\u00f6rfaktor. Abgesehen davon wurde \"Antifaschismus\" jedoch in den bekannten Bahnen weiter praktiziert. Durch die Wahlerfolge rechtsextremistischer Parteien bei den Landtagswahlen in Brandenburg, vor allem aber in Sachsen, schien sich f\u00fcr Linksextremisten die Notwendigkeit \"antifaschistischen\" Engagements sogar noch zu erh\u00f6hen. Im Kampf gegen die drohende Schlie\u00dfung \"autonomer Zentren\" k\u00fcndigten neue Entwicklungen an, dass dieses Thema nicht so rasch von der Tagesordnung verschwinden wird. Im Unterschied zu fr\u00fcheren, teils eher resignativen Tendenzen hat es in der bundesweiten autonomen Szene sogar eine Aufwertung erfahren. 238 \"Unsere Zeit\" (UZ) Nr. 1/2 vom 9. Januar 2004, S. 2. 239 \"junge Welt\" Nr. 114 vom 19. Mai 2004, Beilage S. 2. 184","Linksextremismus 2. \u00dcbersicht in Zahlen 2.1 Personenpotenzial Die zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen gegen die Reformierung des Sozialsystems boten Linksextremisten aller Couleur vielf\u00e4ltige Gelegenheiten, sich \u00f6ffentlich zu pr\u00e4sentieren. Unter anderem die dabei aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten bis hin zur Spaltung der Protestbewegung haben wohl verhindert, dass sich Linksextremisten mit dem Propagieren ihres Verst\u00e4ndnisses von \"sozialer Gerechtigkeit\" potenziellen neuen Mitgliedern empfehlen konnten. Dabei haben immer dr\u00e4ngender Mitgliederwerdende Nachwuchssorgen, insbesondere wegen der damit eng verbundewerbung bleibt nen Finanzlage, dazu gef\u00fchrt, dass die Gewinnung neuer Mitglieder bei der wichtigstes Ziel DKP, aber auch linksextremistisch beeinflusster Organisationen wie der \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) inzwischen besondere Priorit\u00e4t eingenommen hat. Vor allem bei der DKP darf angesichts ihrer anhaltend desolaten internen Situation bezweifelt werden, dass sie gerade f\u00fcr dringend gesuchte junge Menschen attraktiv ist. Daf\u00fcr, dass die verst\u00e4rkte Mitgliederwerbung sp\u00fcrbare Erfolge zeigt, gibt es noch keine Anhaltspunkte. F\u00fcr die PDS d\u00fcrfte das Ergebnis ihres Spagats zwischen der Rolle als selbst ernannte Anw\u00e4ltin \"sozialer Gerechtigkeit\" einerseits und ihren beiden RegierungsLinksextremistisches Personenpotenzial in Deutschland und Baden-W\u00fcrttemberg im Zeitraum 2002 - 2004 2002 2003 2004 Linksextremismus Land Bund Land Bund Land Bund Marxisten-Leninisten und andere revolution\u00e4re Marxisten Kernund Nebenorganisationen 1.815 26.000 1.820 26.300 1.740 25.700 ddavon: DKP 500 4.700 500 4.700 500 4.500 MLPD 700 2.000 650 2.000 600 2.000 1 PDS 525 78.000 485 71.000 460 65.800 Beeinflusste Organisationen 1.445 15.200 1.450 19.000 1.400 18.000 Gewaltbereite Linksextremisten 630 5.500 615 5.400 615 5.500 Summe der Mitgliedschaften 1 ohne PDS 2.445 31.500 2.435 31.700 2.355 31.200 und beeinflusste Organisationen Tats\u00e4chliches Personenpotenzial nach Abzug der 2.375 31.100 2.375 31.300 2.295 30.800 Mehrfachmitgliedschaften 1 Die PDS wird in der Gesamtsumme der Mitgliedschaften nicht mitgez\u00e4hlt, da das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Grafik: LfV BW von den Mitgliedern der PDS Deutschland nur die der \"Kommunistischen Plattform\" (KPF) erfasst (2004: 1.000). In Baden-W\u00fcrttemberg unterliegt der gesamte Landesverband der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Stand: 31.12.2004 185","beteiligungen auf Landesebene in Zeiten des \"Sozialabbaus\" andererseits bestenfalls ein Stagnieren der Mitgliederzahlen sein. Trotzkistische Organisationen wie \"Linksruck\" vermochten ebenfalls nicht an fr\u00fchere Erfolge anzukn\u00fcpfen. Das Personenpotenzial der Autonomen bewegt sich in etwa auf dem Niveau des Jahres 2003. Vor dem Hintergrund fortgesetzter interner Meinungsverschiedenheiten ist in dieser Szene auch weiterhin kein Aufschwung zu erwarten. 2.2 Strafund Gewalttaten Die Anzahl der linksextremistischen Straftaten ist in Baden-W\u00fcrttemberg stark zur\u00fcckgegangen. Gleichwohl ist die Zahl der politisch motivierten Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Links angestiegen. Die auseinander driftende Entwicklung ist in 2004 darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass eine Vielzahl der Strafund Gewalttaten nicht eindeutig einer extremistischen Motivation zugeordnet werden konnten. Verantwortlich f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Gewalttaten waren ein weiteres Mal direkte Auseinandersetzungen mit dem \"rechten\" politischen Gegner. Der \"antifaschistische Kampf\" wurde weiterhin mit einer teilweise erschreckenden Brutalit\u00e4t gef\u00fchrt. In Erwartung des CASTOR-Transports nach Gorleben vom November 2004 kam es im Vorfeld erneut zu gef\u00e4hrlichen Eingriffen in den Bahnverkehr. Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im Ph\u00e4nomenbereich Links sowie linksextremistische Strafund Gewalttaten im Jahr 2004 Baden-W\u00fcrttemberg1 Bund2 2004 (2003) 2004 (2003) Politisch motivierte Kriminalit\u00e4t im 408 (398) 3.521 (3.614) Ph\u00e4nomenbereich Links insgesamt davon: linksextremistische 113 (139) 1.440 (1.459) Straftaten davon: linksextremistische 31 (51) 521 (483) Gewalttaten 1 Zahlen des LKA Baden-W\u00fcrttemberg 2 Zahlen des Bundesministeriums des Innern Grafik: LfV BW 186","Linksextremismus 3. Gewaltbereiter Linksextremismus Die Aktionsf\u00e4higkeit der gewaltbereiten Linksextremisten war weiterhin durch Streitigkeiten in der Antisemitismusfrage eingeschr\u00e4nkt, von denen relativ wenig nach au\u00dfen drang. Dass sich die Szene auch in Baden-W\u00fcrttemberg mit diesem Thema besch\u00e4ftigte, zeigte eine unter anderem von der \"Antifa Freiburg\" und der \"Antifa Ulm\" unterst\u00fctzte Veranstaltungsreihe \"Gegen jeden Antisemitismus! Zur notwendigen Verteidigung Israels\" im Juli 2004 im Freiburger \"Kulturtreff in Selbstverwaltung\" (KTS). Unumstritten war dagegen in der autonomen Szene die Notwendigkeit des Kampfs um M\u00f6glichkeiten zur Praktizierung unkontrollierten \"selbstbestimmten\" Lebens. Im August und September 2004 fanden in mehreren St\u00e4dten BadenW\u00fcrttembergs - in Freiburg im Breisgau, Karlsruhe, Stuttgart, T\u00fcbingen, Heidelberg und Mannheim - Veranstaltungen im Rahmen einer, wie es auf einem Plakat hie\u00df, \"Karawane f\u00fcr linke freir\u00e4ume, besetzte h\u00e4user + pl\u00e4tze + zentren\" statt, mit denen \"auf die notwendigkeit selbstbestimmter linker freir\u00e4ume und deren bedrohte situation aufmerksam gemacht\" werden sollte. Ein Schwerpunktbereich war erneut der \"Antifaschismus\". Im Zentrum Schwerpunkt \"antifaschistischer\" Gegenaktionen standen die wiederholten \"Aufm\u00e4rsche\" \"Antifaschismus\" der rechtsextremistischen \"Bewegung Deutsche Volksgemeinschaft\" (BDVG). In Anbetracht \"neonazistischer Umtriebe\" im Raum Schw\u00e4bisch Hall gr\u00fcndete sich mit dem \"Regionalen Antifaschistischen Aktionsb\u00fcndnis Heilbronn/Schw\u00e4bisch Hall\" (RAA-HN-SHA) ein Zusammenschluss autonomer Gruppen. Sein Gegenaufruf zur Demonstration der BDVG, die f\u00fcr den 11. September 2004 angek\u00fcndigt worden war, endete mit den Parolen \"Den Naziaufmarsch zum Desaster machen! BDVG zerschlagen\"240. Nachdem an gleicher Stelle die Veranstaltung am 11. September 2004 als \"auch f\u00fcr die Antifa/Linke seit langem eines der wichtigsten Ereignisse\" bezeichnet worden war, an dem sich \"die nahe Zukunft und (Mobilisierungs-)kraft der ANTIFAszene in BaW\u00fc\" entscheiden werde, mussten der Verlauf der Gegenaktionen und die mit circa 300 Personen niedrige Teilnehmerzahl entt\u00e4uschend gewesen sein. Gegen\u00fcber Versuchen aus der Szene, in dieser kraftund - im Sinne der Autonomen - ergebnislosen Aktion doch noch 240 Homepage des \"Infoladens Ludwigsburg\" vom 7. September 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 187","einen Erfolg zu sehen, kritisierten andere Stimmen vor allem die dilettantische, unkoordinierte Vorgehensweise. Die mit einem solchen Ausgang fraglos an ihren eigenen Anspr\u00fcchen gescheiterte autonome Szene d\u00fcrfte in ihrer Motivation im Hinblick auf k\u00fcnftige Aktionen zumindest vor\u00fcbergehend geschw\u00e4cht sein. Am 9. September 2004 kam es zu einer Hausdurchsuchung in Stuttgart wegen des Vorwurfs, zu Straftaten aufgerufen (SS 111 Strafgesetzbuch) und Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verwandt zu haben (SS 86a Strafgesetzbuch). Hintergrund war ein Flugblatt der \"AG Antifa\" der \"Revolution\u00e4ren Aktion Stuttgart\" (RAS), mit dem sie zu den Gegenaktionen am 11. September 2004 in Schw\u00e4bisch Hall mobilisieren wollte. Darin hatte sie au\u00dferdem die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt und sich eine Gleichsetzung mit rechtsextremistischer Gewalt ausdr\u00fccklich verbeten: \"Antifaschistische Militanz gegen die Faschisten hat zum Ziel, sowohl die t\u00e4gliche Gewalt der Faschisten zu stoppen, als auch zu verhindern, dass sie politisch wieder Einfluss gewinnen und in noch gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df ihre menschenverachtende Politik durchsetzen. Sie hat nichts gemein mit der Gewalt der Nazis, die sich gegen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft richtet, sondern richRechtfertigung tet sich gezielt gegen die, die mit ihrer Hetze oder von Gewalt durch Taten f\u00fcr ein faschistisches System eintreten.\"241 In einer Stellungnahme zu der Hausdurchsuchung betonte die RAS: \"All diese weltweit stattfindenden Versuche, die Grenzen des legitimen Widerstands immer enger zu fassen und jegliches Aufbegehren gegen die kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse und ihre Auswirkungen mit polizeistaatlichen Mitteln zu bek\u00e4mpfen, d\u00fcrfen nicht von Erfolgen gekr\u00f6nt sein. Im Gegenteil, diese Versuche m\u00fcssen uns weiter ermuntern uns f\u00fcr eine revolution\u00e4re Umgestaltung der Verh\u00e4ltnisse einzu241 Flugblatt \"Nazidemos? Nicht ohne uns! Den Naziaufmarsch am Samstag 11.09.04 in Schw\u00e4bisch Hall verhindern!\", \u00dcbernahme wie im Original. 188","Linksextremismus setzen und daf\u00fcr zu sorgen, dass der Kapitalismus mit all seinen Institutionen dort landet wo er hingeh\u00f6rt - auf dem M\u00fcllhaufen der Geschichte.\"242 \u00c4hnlich polemisierte die RAS in ihrem Newsflyer \"red action\" vom September 2004 unter einem Kapitel \"Stuttgart-Bullenstadt, wir haben dich zum Kotzen satt (...)\" gegen die angeblichen Versuche der Stuttgarter Polizei, \"linke AktivistInnen mit Strafverfahren zu \u00fcberh\u00e4ufen und einzusch\u00fcchtern\". Ein Vorgang am Rande einer Kundgebung der \"Nationaldemokratischen Partei Deutschlands\" (NPD) vor den Coleman-Barracks in Mannheim-Blumenau am 16. Oktober 2004 zeigte, mit welch brutaler Gewalt Linksextremisten mitunter gegen den \"rechten\" politischen Gegner vorgingen. Nach einem Auffahrunfall von drei mit Mitgliedern der rechtsextremistischen Szene besetzten Fahrzeugen - so schilderte ein mutma\u00dflicher Augenzeuge des Vorfalls in einer bei dem linksextremistischen Internet-Nachrichtennetzwerk \"Indymedia\" eingestellten Darstellung - \"[sc. enterten] migrantenkids aus der nachbarschaft und antifas die autos (totalsch\u00e4den) und [sc. zogen] die nazis raus. sie [sc. wurden] mit holzlatten schraubenziehern, und teleskoschlagst\u00f6cken verpr\u00fcgelt. \u00dcberall lagen blutende faschos am boden, ger\u00fcchteweise musste einer reanimiert werden. Riesen erfolg f\u00fcr uns, lasst es rocken, macht die nazis platt\"243. Das Ger\u00fccht der erforderlich gewordenen Reanimierung eines der Opfer l\u00f6ste eine Diskussion \u00fcber den Vorfall aus, bei der deutlich wurde, dass dieser angebliche Beinahetod mit einem gewissen Triumpfgef\u00fchl zur Kenntnis genommen, die Gewalttat von einigen Linksextremisten als \"Erfolg\" gesehen und das Ganze als \"geiler Tag\" gefeiert wurde. Andere hingegen gaben ihre Abscheu gegen\u00fcber solchen Einstellungen kund und beklagten, dass, wo \"Tote in Kauf genommen\" w\u00fcrden, \"die Grenze zwischen (notwendiger) Militanz auf der einen und Verantwortungslosigkeit und Roheit auf der anderen Seite verwischt\" werde. Schwerpunkte der autonomen Szene waren erneut die R\u00e4ume Freiburg im \u00f6rtliche Breisgau, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, T\u00fcbingen/Reutlingen und Ulm. Schwerpunkte 242 Homepage der RAS vom 20. Oktober 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 243 Hier und im Folgenden: Auswertung \"Indymedia\" vom 18. Oktober 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 189","4. Parteien und andere Organisationen 4.1 \"Partei des Demokratischen Sozialismus\" (PDS) Gr\u00fcndung: 1989/1990 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 460 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 485) ca. 65.800 Bund (2003: ca. 71.000) Publikationen: \"Disput\" \"PDS-Pressedienst\" \"PDS-Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg\" Die \"Partei des Demokratischen Sozialismus\" (PDS) scheint nach jahrelang l\u00e4hmenden innerparteilichen Auseinandersetzungen die Talsohle durchschritten zu haben. Aufbruchstimmung verbreitete auch die 1. Tagung des 9. Parteitags in Potsdam am 30. und 31. Oktober 2004. Gegenstand kritischer Diskussion waren vor allem die Regierungsbeteiligungen der PDS in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Die Parteilinke scheiterte jedoch erneut und deutlich mit dem Versuch, die Partei auf die Oppositionsrolle festzulegen. Basis des verabschiedeten Leitantrags \"F\u00fcr eine starke PDS: Sozial, mit aller Kraft! - Als sozialistische Partei 2006 in den Deutschen Bundestag\" waren die im Hinblick auf die Bundestagswahlen 2006 vom Parteivorstand am 22. Juni Aufbruch2004 vorgelegten \"Thesen zur strategischen Weiterentwicklung der PDS\". stimmung auf Auf dem Parteitag sollten - so hatte der PDS-Vorsitzende Lothar BISKY in Potsdamer einem \"Geleitwort\" zu den \"Thesen\" formuliert - \"die Aufgaben der PDS Parteitag bis 2006 beraten\" und beschlossen werden. Es werde darum gehen, \"inhaltliche und personelle Grundlagen f\u00fcr den Wiedereinzug in den Bundestag zu schaffen\". Der Leitantrag selbst schlie\u00dflich formulierte angesichts der Notwendigkeit eines politischen Richtungswechsels \"hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit, Selbstbestimmung und ziviler Konfliktl\u00f6sung\" und nicht eines Regierungswechsels die Grundlinien der k\u00fcnftigen Politik der PDS. Demzufolge beabsichtigt die Partei, sich \"auf eine eigenst\u00e4ndige linkssozialistische Politik\" zu konzentrieren, eine Politik, in der nach ihrem Verst\u00e4ndnis \"Widerstand und Protest, der Anspruch auf Mitund Umgestaltung sowie \u00fcber den Kapitalismus hinaus weisende Alternativen ein unaufl\u00f6sbares strategisches Dreieck\" bilden sollen. Die PDS bekundete ihre prinzipielle Bereitschaft, Regierungsverantwortung zu \u00fcbernehmen. Protest und 190","Linksextremismus Widerstand sollen somit gleichberechtigt neben der Mitarbeit in Regierungen stehen. Entscheidend f\u00fcr die Wahl zwischen den Alternativen \"starke parlamentarische Opposition\" oder \"Koalitionspartner jeweils in Kooperation mit au\u00dferparlamentarischen Kr\u00e4ften\" seien das jeweils erreichte \"Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis\" und die sich daraus ergebenden Chancen politischer Einflussnahme. In einer Resolution zum anstehenden 60. Jahrestag der \"Befreiung vom Faschismus\"244 im Jahr 2005 bezeichnete sich die PDS als \"konsequent antifaschistische, demokratische sozialistische Partei\" und kritisierte die angebliche Tendenz in Deutschland, Schuld und Verantwortung f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg verdr\u00e4ngen, relativieren, damit verkleinern und letztendlich vergessen zu wollen. Rechtsextremismus sei im Aufwind, in den Medien stehe \"mit der Gleichsetzung von NPD und PDS eine uns\u00e4gliche Tradition der Volksverdummung wieder\" auf. Es werde \"Geschichtsrevisionismus\" betrieben und ein einseitiges und verzerrtes Bild des Zweiten Weltkriegs vermittelt. Schlie\u00dflich m\u00fcsse der \"Antikommunismus erneut als ideologisches und politisches Mittel zur Durchsetzung antisozialer, antidemokratischer, neoliberaler Politik herhalten\". Die Worte \"wieder\" oder \"erneut\" weisen auf eine schon da gewesene und nun vermeintlich erneut drohende Entwicklung hin. Die PDS bewegt sich damit weiterhin in den alten Bahnen der noch immer virulenten kommunistischen Refaschisierungsthese245. Der Parteitag verabschiedete au\u00dferdem ein \"Leitbild\" zur Parteireform. Dabei stand neben innerparteilichen Strukturreformen die Mitgliedergewinnung im Vordergrund. Bei der angestrebten \"Offenheit/B\u00fcrgern\u00e4he\" 246 wird als Ziel formuliert, \"in der Gesellschaft, in den sozialen Bewegungen verwachsen (zu) sein\". \u00c4hnlich hei\u00dft es zum Punkt \"Aktionsf\u00e4higkeit\": \"Wir wollen unsere Pr\u00e4senz im au\u00dferparlamentarischen Raum st\u00e4rken.\" Dass au\u00dferparlamentarische Bewegungen unver\u00e4ndert wichtige Bezugspunkte der PDS sind, zeigte ihr Engagement in der \"Antikriegsbewegung\" ebenso wie bei den Protesten gegen \"Sozialabbau\". Die Partei mobilisierte in diesem Sinne zur Teilnahme an den Aktionstagen vom 2. und 3. April 244 Hier und im Folgenden: \"Zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Resolution der 1. Tagung des 9. Parteitags der PDS\". 245 Unterstellt einen wieder st\u00e4rker werdenden Einfluss faschistischer Kr\u00e4fte in der Bundesrepublik Deutschland. 246 Hier und im Folgenden: \"PDS-Parteireform 2005/2006\". 191","2004 und beteiligte sich an den \"Montagsdemonstrationen\". In Reaktion auf die \"Agenda 2010\" hatte sie als Gegenentwurf ihre \"Agenda Sozial\" ver\u00f6ffentlicht. Der Potsdamer Parteitag kann als erster Schritt in Richtung konstruktiver politischer Arbeit unter Zur\u00fcckstellung politischer Streitigkeiten gewertet werden. Eine Gef\u00e4hrdung des dort formulierten Ziels, 2006 wieder in Fraktionsst\u00e4rke in den Bundestag einzuziehen, stellt allerdings die \"Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit\" (WASG)247 dar, die, im Juli 2004 als Verein etabliert, nach einer Urabstimmung als \"neue Linkspartei\" gegr\u00fcndet werden und ebenfalls zur n\u00e4chsten Bundestagswahl antreten soll. Ein alternativer Leitantrag warnte davor, die westlichen Landesverb\u00e4nde f\u00fcr ein tak\"neue Linkstisches Experiment zu opfern. Auf dem Parteitag waren Bef\u00fcrchtungen laut partei\" wird geworden, eine auf den Osten begrenzte PDS k\u00f6nne mit der \"neuen Linksals Konkurrenz partei\" im Westen eine Kooperation eingehen. Sollte es dem von der PDS betrachtet als Konkurrenz betrachteten Projekt gelingen, PDS-W\u00e4hler und Sympathisanten f\u00fcr sich zu gewinnen, ginge damit eine ernsthafte Existenzgef\u00e4hrdung der ohnehin schwachen Westverb\u00e4nde einher. Dies wiederum w\u00fcrde die Wahlchancen der Gesamtpartei 2006 erheblich beeintr\u00e4chtigen. In ihrem Leitantrag auf dem Potsdamer Parteitag betonte die PDS deshalb entsprechend ihre Offenheit f\u00fcr \"eine inhaltliche Auseinandersetzung\" mit dieser neu auftretenden politischen Kraft, betonte aber zugleich ihre \"Sorge, dass sich die Linken immer mehr aufsplittern, statt durch gemeinsames Handeln st\u00e4rker zu werden\". Sie sehe in der k\u00fcnftigen \"Linkspartei\" \"eine Herausforderung, ihre Politikf\u00e4higkeit - gerade im Westen - zu st\u00e4rken und ihre Alternativen wirksamer in die \u00f6ffentliche Debatte zu bringen\". In einer Presseerkl\u00e4rung von Ende November 2004 erkl\u00e4rte sie ein weiteres Mal ihre Dialogbereitschaft. Auch der PDS-Landesverband Baden-W\u00fcrttemberg pl\u00e4dierte vor dem Hintergrund einer m\u00f6glicherweise drohenden \"verh\u00e4ngnisvollen Zersplitterung der Linken\" beziehungsweise eines Wahlausgangs, der \"die Linke auf Jahre zerfetzen und zur\u00fcckwerfen\" k\u00f6nnte, f\u00fcr eine Kooperation.248 Dem Versuch der PDS auf Bundesebene, ausgehend von einem deutlich gefestigten Zustand der Partei die Wiedererlangung der Politikf\u00e4higkeit in Angriff zu nehmen, stehen keine vergleichbaren Erfolge des Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg gegen\u00fcber. Der Mitgliederbestand stagniert. Ein m\u00f6glicher massiver Mitgliederschwund in Reaktion auf die \"reformer\"gepr\u00e4gte bundespolitische Linie der PDS ist immerhin weitgehend ausge247 Die WASG ist kein Beobachtungsobjekt der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. 248 Homepage des PDS-Landesverbands Baden-W\u00fcrttemberg vom 4. November 2004. 192","Linksextremismus blieben. Ein \"prominentes\" Beispiel f\u00fcr einen solchen Schritt war allerdings der Parteiaustritt des fr\u00fcheren baden-w\u00fcrttembergischen Bundestagsabgeordneten und seinerzeitigen Vorstandsmitglieds im Landesverband BadenW\u00fcrttemberg der PDS, Winfried WOLF, im Mai 2004. In einem Interview mit der \"Sozialistischen Zeitung\" vom Februar 2004 bekannte er, dass die Arbeit in der PDS \"keinen Stellenwert mehr\" f\u00fcr ihn besitze, weil die Partei angeblich \"in der kapitalistischen Gesellschaft angekommen\" sei. Seinen Austritt begr\u00fcndete er in einer Erkl\u00e4rung vom 21. Mai 2004 mit deutlicher Kritik am politischen Kurs der PDS. So sei diese keine sozialistische Partei mehr. Sie erhebe stattdessen das \"kapitalistische Prinzip der Profitmaximierung\" zum Ma\u00df aller Dinge und orientiere sich im Unterschied zur fr\u00fcher vorrangigen Ausrichtung auf au\u00dferparlamentarische Bewegungen in Richtung einer Teilhabe an b\u00fcrgerlicher Macht. Mit ihrer Regierungsbeteiligung in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin stehe sie \"vielfach an der Spitze der Angriffe auf sozial Schwache\" und betreibe selbst \"das Spiel der OstWest-Spaltung\". WOLF verurteilte au\u00dferdem die inkonsequente Haltung der PDS als \"Antikriegspartei\" und ihren populistisch gef\u00e4rbten Europawahlkampf. Bei seinen Mitstreitern in Baden-W\u00fcrttemberg stie\u00df der Zeitpunkt seines Austritts - kurz vor der anstehenden Europawahl - auf Unverst\u00e4ndnis und Kritik. Der Sprecher des Landesverbands warf ihm vor, \"den rechten Blick f\u00fcrs 'linke' Ma\u00df verloren\"249 zu haben. Eine wichtige Rolle spielten f\u00fcr die PDS die Vorbereitung und Durchf\u00fchhohe rung der Wahlen. Zur Bedeutung der Kommunalwahlen \u00e4u\u00dferte der LanBedeutung der dessprecher in einem Interview: Kommunalwahlen \"Kommune hat was mit Kommunismus zu tun. Sozialistische Politik muss dort ansetzen, wo sich die meisten Menschen gesellschaftlich engagieren, in der Stadt, der Gemeinde, im Kreis.\"250 Der Potsdamer Parteitag hatte in seinem Leitantrag die Kommunalpolitik sogar als \"eine entscheidende Handlungsebene\" im Sinne der politischen Vorstellungen der Partei bezeichnet, auf der sich \"Protest und Widerstand von unten aus konkreten Problemen heraus\" aufbaue, und wo \"L\u00f6sungsund Gestaltungsans\u00e4tze entwickelt und umgesetzt\" werden k\u00f6nnten. Gerade im Westen gilt eine kommunalpolitische Verankerung als wichtiger Schritt zum weiteren Aufbau der Partei. 249 \"junge Welt\" Nr. 120 vom 27. Mai 2004. 250 Stattzeitung. F\u00fcr S\u00fcdbaden und alle Weichensteller, Ausgabe Nr. 56 vom Juni/Juli/August 2004, S. 9. 193","Vor allem gemessen an den bescheidenen personellen und logistischen Ressourcen war die Kommunalwahl in Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fcr die PDS durchaus ein Erfolg. Sie selbst wertete das Ergebnis als \"St\u00e4rkung der sozialistischen Kommunalpolitik\"251. Die Partei kandidierte in Stuttgart und Karlsruhe mit einer eigenen Liste und konnte dort wie in Konstanz ihre Gemeinderatsmandate verteidigen. In anderen St\u00e4dten unterst\u00fctzte sie bei KommunalWahlb\u00fcndnisse, so in Freiburg im Breisgau die \"Linke Liste/Solidarische wahl teilweise Stadt\" (LiSST), die ein zus\u00e4tzliches Mandat errang. In Heidelberg untererfolgreich st\u00fctzte die PDS die \"Bunte Liste\", in Mannheim die \"Linke Liste Mannheim\" (LiLiMa). Beide waren erstmals angetreten und erhielten auf Anhieb jeweils einen Sitz. Als Fehlschlag erwies sich die erstmalige Kandidatur der PDS f\u00fcr die Kreistage in Offenburg und Konstanz. \u00c4hnlich entt\u00e4uschend verlief die Wahl zum Regionalparlament in Stuttgart, obwohl sich die Partei hier durchaus \"gute Chancen f\u00fcr ein bis zwei Mandate\"252 ausgerechnet hatte. Ein Erfolg war hingegen der Wahlausgang in T\u00fcbingen, wo die PDS in Verbindung mit der DKP \u00fcber die \"T\u00fcbinger Linke/PDS\" (T\u00fcL/PDS) im Gemeindeund Kreistag einen weiteren Sitz hinzugewinnen konnte und dort seither mit vier beziehungsweise zwei Mandaten vertreten ist. Fanalwirkung f\u00fcr die PDS hatte die Europawahl. Ihr Ausgang war im Vorfeld als eine Art Schicksalsentscheidung \u00fcber die Zukunft der Partei verstanden worden. Im Ergebnis erzielte die PDS - auch f\u00fcr die eigenen Anh\u00e4nger \u00fcberraschend - einen klaren Erfolg, indem sie mit 6,1 Prozent der Stimmen die F\u00fcnfprozenth\u00fcrde \u00fcberwinden und mit nun sieben Abgeordneten in das Europ\u00e4ische Parlament einziehen konnte. Das unerwartet positive Resultat hat der Partei deutlichen Auftrieb verliehen und l\u00e4sst sie optimistisch in die Zukunft blicken. 4.2 \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) Gr\u00fcndung: 1968 Sitz: Essen Mitglieder: ca. 500 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 500) ca. 4.500 Bund (2003: ca. 4.700) Publikation: \"Unsere Zeit\" (UZ) 251 Erkl\u00e4rung des PDS-Landessprechers vom 17. Juni 2004. Homepage des PDS-Landesverbands BadenW\u00fcrttemberg vom 21. Juni 2004. 252 \"Kommunale Berichte Stuttgart\" Nr. 6 vom 18. M\u00e4rz 2004. 194","Linksextremismus Die mittlerweile dauerhaft mit Problemen konfrontierte \"Deutsche Kommunistische Partei\" (DKP) war auch im Jahr 2004 in erster Linie mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Sachthemen widmete sie sich nur zweitrangig. Ihre Kraft reichte erneut nicht aus, um eigeninitiativ Kampagnen und Aktionen von nennenswerter \u00d6ffentlichkeitswirksamkeit durchzuf\u00fchren. Immerhin gelang es der Partei, sich mit einer eigenen Liste an der Europawahl zu beteiligen. Trotz der anhaltenden finanziellen Notlage brachte sie zu diesem Anlass diverses Schriftmaterial heraus, um ihre politischen Standpunkte zu propagieren. Offiziell hatte die DKP die Teilnahme an der EuroTeilnahme an pawahl auf ihrer Wahlkonferenz in Berlin am 10. Januar 2004 beschlossen. Europaund Sieben von den insgesamt 34 Kandidaten auf der Wahlliste stammten aus Kommunalwahl Baden-W\u00fcrttemberg. Mit Ausnahme des 11. Listenplatzes wurden sie jedoch alle auf den hinteren R\u00e4ngen platziert. Das Resultat der Wahl galt mit 0,1 Prozent (37.231 Stimmen) als \"ein bescheidenes, aber nicht unerwartetes Ergebnis\"253. Die Partei durfte immerhin erfreut zur Kenntnis nehmen, dass in den neuen Bundesl\u00e4ndern Wahlergebnisse erzielt werden konnten, die \u00fcber dem Bundesdurchschnitt lagen. An der Kommunalwahl in Baden-W\u00fcrttemberg beteiligte sich die DKP nur sehr verhalten, erzielte jedoch in einigen St\u00e4dten durchaus Achtungserfolge. So erlangte ein Mitglied des DKP-Parteivorstands \u00fcber die Freiburger B\u00fcndnisliste \"Linke Liste/Solidarische Stadt\" (LiSST) ein Mandat. Mit 5,7 Prozent ein f\u00fcr die Partei herausragender Einzelerfolg war das Ergebnis ihrer eigenen Liste in Heidenheim. Hier konnte sie die Zahl ihrer Mandate auf zwei erh\u00f6hen. Ein noch besseres Ergebnis erzielte die \"T\u00fcbinger Linke/PDS\" (T\u00fcL/PDS) mit 8,6 Prozent. Damit hat die DKP in T\u00fcbingen einen Vertreter im Stadtparlament und im Kreistag. In anderen St\u00e4dten unterst\u00fctzte sie eine \"Offene Liste\" der PDS (Stuttgart) und andere Listenverbindungen (Mannheim und Heidelberg). Der anhaltende Schw\u00e4chezustand der DKP dokumentierte sich nicht nur in der offenkundigen Unf\u00e4higkeit, programmatische Defizite aufzuarbeiten, sondern auch in ihren Nachwuchsund \u00dcberalterungsproblemen und vor allem im Kampf um das finanzielle \u00dcberleben. So war die regelm\u00e4\u00dfige Herausgabe des Parteiorgans \"Unsere Zeit\" (UZ) immer wieder in Frage gestellt. Eigenen 253 UZ Nr. 25 vom 28. Juni 2004. 195","Angaben zufolge hatte sich die finanzielle Situation der Partei bis Mitte existenzielle 2004 dramatisch verschlechtert. Spendenaufrufe, Kampagnen und SolidariKrise t\u00e4tsappelle an die Mitglieder erbrachten jedoch trotz einzelner Erfolge nicht die erhoffte Steigerung vor allem der Abonnentenzahlen, sondern unter dem Strich eher einen weiteren R\u00fcckgang. Am 1. September 2004 startete daher die vom Parteivorstand am 27. Juni 2004 beschlossene neuerliche UZWerbekampagne (\"Die UZ muss Wochenzeitung bleiben\"), die in zwei Etappen bis Ende Juni 2005 laufen soll. Wenigstens eine zumindest vor\u00fcbergehende Verbesserung der \"finanzielle(n) Handlungsf\u00e4higkeit\"254 bedeutete eine unerwartete \"Gro\u00dfspende\". Diese nahm die Partei zum Anlass, an die \"Genossinnen und Genossen, die keine Kinder und direkte Verwandtschaft\" h\u00e4tten, zu appellieren, \"ihren finanziellen Nachlass (...) der Partei f\u00fcr die politische Arbeit\" zukommen zu lassen. Erbschaften und Nachl\u00e4sse seien wichtige \"Finanzhilfen\". weiterhin Dauerthema und zugleich eine Zerrei\u00dfprobe f\u00fcr die Partei war weiterhin kein neues die Diskussion um ein neues Parteiprogramm. Die 2002 formulierte Parteiprogramm Absicht, bis Herbst 2003 einen Entwurf vorzulegen, konnte nicht realisiert werden. Auch die eigens eingesetzte Programmkommission brachte kein Ergebnis zustande. Urs\u00e4chlich daf\u00fcr waren fortbestehende erhebliche \"Meinungsdifferenzen\" und \"unterschiedliche Positionen\" innerhalb des Gremiums. In der Partei ging deshalb bereits die Sorge um, diese \"kontroversen Diskussionen k\u00f6nnten die Einheit der Partei gef\u00e4hrden, ihre politische Kampff\u00e4higkeit l\u00e4hmen.\"255 Ein von der Parteif\u00fchrung f\u00fcr den 17. April 2004 einberufenes \"Hearing\" zur Programmfrage, auf dem urspr\u00fcnglich die unterschiedlichen Meinungen herausgearbeitet und diskutiert werden sollten, dass \"eine einheitliche politische Meinungsund Willensbildung m\u00f6glich wird\", endete in einem Desaster: Die unvers\u00f6hnlichen Standpunkte wurden eher noch gefestigt statt harmonisiert. Ausdruck innerparteilicher Probleme d\u00fcrfte auch die Zweiteilung des 17. Parteitags sein, der im Februar 2004 einberufen wurde. F\u00fcr den ersten Teil am 12./13. Februar 2005 in Duisburg-Rheinhausen legte der Parteivorstand neben dem Entwurf einer \"politischen Erkl\u00e4rung\" eine \"Handlungsorientierung\" zur Beschlussfassung vor. Dabei soll vor allem \u00fcber die Vorhaben der Partei in den Jahren 2005 und 2006 beraten werden. Das noch ausstehende neue Parteiprogramm hingegen soll Gegenstand einer auf Ende 2005/Anfang 2006 terminierten zweiten Veranstaltung sein. 254 Hier und im Folgenden: UZ Nr. 43 vom 22. Oktober 2004. 255 UZ Nr. 3 vom 16. Januar 2004, S. 15. 196","Linksextremismus Ihr diesj\u00e4hriges Pfingstcamp veranstaltete die \"Sozialistische Deutsche Aktivit\u00e4ten der Arbeiterjugend\" (SDAJ), die Jugendorganisation der DKP, vom 28. bis Jugendorgani31. Mai 2004 in K\u00f6ln unter dem Motto \"Her mit dem sch\u00f6nen Leben!\" sation Dabei bestimmten vor allem die Ausbildungsplatzsituation Jugendlicher sowie friedensund europapolitische Fragen die Vortragsund Diskussionsveranstaltungen. Der 17. Bundeskongress der SDAJ am 9. und 10. Oktober 2004 in Hannover stand unter dem Leitmotiv \"100 Jahre Arbeiterjugendbewegung verpflichten - Ausbilden statt Ausbeuten! - Keinen Menschen & keinen Cent dem Milit\u00e4r! Kein Fussbreit den Faschisten!\"256 Auch hier stand die Ausbildungsplatzsituation im Mittelpunkt, aber auch eine Kampagne gegen \"Lehrstellenkiller\" unter den Gro\u00dfbetrieben. Ziel der Kampagne sollte sein, die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften aufzubauen beziehungsweise zu erweitern, den Anteil \"Arbeiterjugendlicher\" in der SDAJ zu erh\u00f6hen und den Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchten, zu vermitteln, dass \"die Unternehmer ihnen das Recht auf qualifizierte Ausbildung [sc. vorenthielten] und der einzige Weg, das zu \u00e4ndern, der Weg des Sozialismus\" sei.257 4.3 \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) Gr\u00fcndung: 1947 Sitz: Berlin Mitglieder: ca. 1.350 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 1.400) ca. 8.000 Bund (2003: ca. 9.000) Publikationen: \"antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur\" \"Antifa Nachrichten\" F\u00fcr die \"Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten\" (VVN-BdA) wird das Problem der \u00dcberalterung ihrer Mitgliederschaft immer dr\u00e4ngender. Auf ihrer 35. Landesdelegiertenkonferenz, die am 15./16. Mai 2004 unter dem Motto \"Gegen Rechtsentwicklung und Sozialabbau! F\u00fcr Antifaschismus und Frieden! Keine Naziaufm\u00e4rsche in Schw\u00e4bisch Hall und anderswo!\" in Schw\u00e4bisch Hall stattfand, musste sie einr\u00e4umen, dass es in den letzten Jahren nur selten gelungen sei, ihre mortalit\u00e4tsbedingten Mitgliederverluste durch Neuaufnahmen auszugleichen. Zwar habe sich die Kurve verflacht, aber die Entwicklung sei weiterhin r\u00fcckl\u00e4ufig. Zudem musste man feststellen, dass diese Konferenz \"die erste in der Geschichte der Landesvereinigung\" war, \"an der keines unserer Gr\u00fcndungsmitglieder teilnehmen konnte.\"258 256 \u00dcbernahme wie im Original. 257 UZ Nr. 43 vom 22. Oktober 2004, S. 9. 258 Hier und im Folgenden: \"Antifa Nachrichten\" Nr. 3 vom Juli 2004, S. 3-6. 197","Ein \"Kassenbericht mit erschreckenden Zahlen\" bilanzierte zudem eine angespannte finanzielle Situation der Landesvereinigung. Hauptursache der seit Jahren bestehenden finanziellen Schwierigkeiten sind sinkende Mitgliederzahlen. Die Konferenz beschloss daher, eine Kampagne zur WerMitgliederbung neuer Mitglieder zu starten. Sie gilt als die \"Hauptaufgabe f\u00fcr die werbung als kommenden Jahre\", bei der es darum geht, auf Sicht von vier Jahren j\u00e4hrSchwerpunkt lich 110 neue Mitglieder zu gewinnen. Mit der Wahl von Schw\u00e4bisch Hall als Tagungsort der Landesdelegiertenkonferenz sollte gegen\u00fcber den dortigen \"antifaschistischen Kr\u00e4ften\" ein Zeichen der Solidarit\u00e4t gesetzt werden, vor allem gegen\u00fcber der eigenen Kreisvereinigung, die \"im Zentrum der vielen Gegenaktionen\" gegen die wiederholten Aufm\u00e4rsche der rechtsextremistischen \"Bewegung Deutsche Volksgemeinschaft\" (BDVG) gestanden habe. Ein von der VVN-BdA mit zu verantwortender Aufruf zu einer neuerlichen Kundgebung in Schw\u00e4bisch Hall am 5. Juni 2004 forderte unter anderem, Organisationen wie die BDVG, \"die die Verharmlosung des Nationalsozialismus auf ihre Fahnen\" schrieben, \"(...) entsprechend dem antifaschistischen Auftrag des Grundgesetzes zu verbieten.\" 259 Ein solches Verbot unter Berufung auf den angeblichen \"antifaschistischen Auftrag des Grundgesetzes\" begr\u00fcndet die VVN-BdA unver\u00e4ndert mit dem l\u00e4ngst obsolet gewordenen Art. 139 Grundgesetz. Ihm zufolge h\u00e4tten - w\u00e4re er weiterhin aktuell - die von den Alliierten erlassenen Rechtsvorschriften unter anderem zur Entnazifizierung bis heute Bestand. Dies w\u00fcrde in der Praxis bedeuten, dass einem Verbot neonazistischer Parteien und Vereinigungen kein entsprechendes juristisches Verfahren mehr vorauszugehen h\u00e4tte, da ein solches ohnehin bereits best\u00fcnde. Bei der Kundgebung gegen die BDVG am 11. September 2004 trat der Bundesund Landessprecher der VVN-BdA, Werner PFENNIG, als Redner auf. Bereits im Vorfeld der Demonstration wurde er mit \u00c4u\u00dferungen zitiert, in denen er den deutschen Beh\u00f6rden willk\u00fcrliches, gesetzlich nicht gedecktes \"politische Handeln unterstellte.260 So sei es schon schlimm genug, dass die Nazis mit Willk\u00fcr\" \"volksverhetzenden Parolen\" demonstrieren wollten. Der \"eigentliche deutscher Skandal\" aber sei, dass die Beh\u00f6rden und Gerichte dies zulie\u00dfen, trotz der Gerichte angeblich klaren \"Vorgaben\" des Grundgesetzes. PFENNIG warf den deut259 Aufruf zur Kundgebung am 5. Juni 2004 in Schw\u00e4bisch Hall. 260 Hier und im Folgenden: \"Kommunal-Info Mannheim\" Nr. 18 vom 3. September 2004, S. 7; \u00dcbernahme wie im Original. 198","Linksextremismus schen Gerichten vor, \"unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit\" auch noch die deutlichsten rassistischen, menschenverachtenden und kriegshetzerischen Parolen von Rechtsextremisten zu decken. Die Stadt Schw\u00e4bisch Hall hingegen forderte er auf, \"trotz dieser dem antifaschistischen Geist des Grundgesetzes widersprechenden Rechtsprechung\" ein Verbot des bevorstehenden \"Aufmarsches\" auszusprechen. Auch der auf der Landesdelegiertenkonferenz verabschiedete Leitantrag \"Unsere Aufgaben f\u00fcr eine Welt ohne Rassismus, Ausbeutung und Krieg\" beschreibt ein Bild, demzufolge Rechtsextremisten in Deutschland entgegen anders lautenden \u00f6ffentlichen Bekundungen angeblich wohlwollend geduldet und gef\u00f6rdert w\u00fcrden: \"Trotz der eindeutigen Bestimmungen des Grundgesetzes und der Bekenntnisse fast aller politischen Parteien k\u00f6nnen sich neofaschistische Parteien und Organisationen in unserem Land fast unbehindert entfalten. Ihre Aufm\u00e4rsche werden von h\u00f6chsten Gerichten erlaubt, und von der Polizei und Bundesgrenzschutz vor antifaschistischen Protesten besch\u00fctzt. Sie genie\u00dfen das Parteienprivileg und erhalten staatliche Wahlkampfgelder. Viele ihrer Mitglieder und Funktion\u00e4re erhalten Honorare vom Verfassungsschutz und verwenden diese f\u00fcr neofaschistische Propaganda.\"261 Solche Passagen zeigen, dass die Vorstellungen der VVN-BdA nicht mit den Agitation gegen tragenden Prinzipien einer rechtsstaatlichen Demokratie \u00fcberein zu bringen Grunds\u00e4tze sind. Sie ist offenkundig nicht bereit zu akzeptieren, dass in einem Rechtsder Rechtsstaat f\u00fcr Mitglieder und Anh\u00e4nger von Parteien und Organisationen gleich staatlichkeit welcher politischen Ausrichtung das Recht auf Versammlungsund Demonstrationsfreiheit gilt, solange sie nicht gegen Strafgesetze versto\u00dfen. Im Falle von dem Rechtsextremismus zugeordneten Personen oder Organisationen wird Gleichheit vor dem Gesetz als Duldung und F\u00f6rderung interpretiert. Wenn Rechtsextremisten nach Auffassung der VVN-BdA keine Toleranz verdienen, sondern vielmehr \"auf allen Ebenen\" bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen, so spricht daraus der Wille, an die Stelle von Rechtsstaatlichkeit die willk\u00fcrliche und konsequente Ausschaltung politischer Gegner zu setzen. 261 \"Antifa Nachrichten\" Nr. 3 vom Juli 2004, Einlage S. I; \u00dcbernahme wie im Original. 199","In Reaktion auf die als \"Alarmsignal\" bewerteten Wahlerfolge rechtsextremistischer Parteien in Sachsen und Brandenburg bei den Landtagswahlen 2004 stellte auch der Bundesausschuss der VVN-BdA in einer Erkl\u00e4rung einen Zusammenhang dazu her, dass antisemitische und ausl\u00e4nderfeindliche Propaganda angeblich \"immer h\u00e4ufiger von Genehmigungsbeh\u00f6rden und Justiz als verfassungskonforme 'Meinungs\u00e4u\u00dferung' legitimiert\"262 w\u00fcrden. Die eigentliche \"Grundlage\" solcher Wahlerfolge aber sei die von allen b\u00fcrgerlichen Parteien \"gegen die Lebensinteressen von Millionen B\u00fcrgern\" betriebene Politik, namentlich \"Hartz IV\", \"Umverteilung von unten nach oben\", \"Kriegspolitik\", \"Bildungsmisere\" und \"Demokratieabbau\", woran Kritik zu \u00fcben als undemokratisch diffamiert werde. Eine solche Politik leiste \"faschistischer Sozialdemagogie Vorschub\". Wenn die VVN-BdA dar\u00fcber hinaus wiederholt in solchen oder \u00e4hnlichen Formulierungen glaubt, feststellen zu m\u00fcssen, dass \"Antifaschisten kriminalisiert\" w\u00fcrden und \"Polizei und Justiz als Kumpane des Neonazismus\" auftr\u00e4ten263, vertritt sie origin\u00e4re linksextremistische Positionen. Im Rahmen ihrer Zielsetzung, s\u00e4mtlichen \"faschistischen Aktionen und Bestrebungen\"264 den Kampf anzusagen, protestierte die VVNBdA \"sch\u00e4rfstens\" gegen die Teilnahme von \"Nazis aller Couleur\" an den Demonstrationen und Kundgebungen gegen die Sozialreformen der Bundesregierung. Sie bot an, \"Veranstaltern von Kundgebungen und Demonstrationen zur Abwehr der Teilnahme von Faschisten mit Rat und Tat behilflich zu sein\". Den Veranstaltern selbst empfahl sie, \u00f6ffentlich erkennbar gegen \"Neofaschismus, Antisemitismus und Rassismus\" Position zu beziehen. Bei Vorgespr\u00e4chen mit der Polizei sei diese aufzufordern, dabei mitzuhelfen, Rechtsextremisten von der jeweiligen Veranstaltung fernzuhalten. Die Polizei habe \"die Aufgabe Versammlungen zu sch\u00fctzen.\" Dieser Schutz von Veranstaltungen gilt f\u00fcr die VVN-BdA, wie sie immer wieder bekundet, offenkundig nur f\u00fcr \"antifaschistische\", nicht aber f\u00fcr rechtsextremistische Versammlungen. Wie auch ihre immer wieder zitierte Parole \"Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen\" deutlich macht, gelten f\u00fcr die VVN-BdA Grundfortgesetztes rechte wie die Versammlungsund Demonstrationsfreiheit oder das Recht \"antifaschisauf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung nur selektiv. Die von der VVN-BdA praktiziertisches\" te Berufung auf das Grundgesetz bedeutet deshalb keineswegs, dass es ihr Engagement um die Einhaltung oder Durchsetzung der darin enthaltenen demokrati262 Hier und im Folgenden: UZ Nr. 39 vom 24. September 2004. 263 \"Antifa Nachrichten\" Nr. 1 vom Januar 2004, S. 3. 264 Hier und im Folgenden: \"antifaschistische nachrichten\" Nr. 18 vom 9. September 2004, S. 1 und S. 3; \u00dcbernahme wie im Original. 200","Linksextremismus schen Prinzipien geht. Ihr Ziel ist eine reine Instrumentalisierung, um Politik und Justiz vermeintliche Verst\u00f6\u00dfe gegen die Verfassung zu unterstellen. Eine solche Vorgehensweise ist geeignet, das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung in Parteien, Staatsorgane, Recht und Gesetz zu untergraben. 4.4 \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) Gr\u00fcndung: 1982 Sitz: Gelsenkirchen Mitglieder: ca. 600 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 650) mehr als 2.000 Bund (2003: unter 2.000) Publikationen: \"Rote Fahne\" (RF) \"Lernen und K\u00e4mpfen\" (LuK) \"REBELL\" Zentrales Ereignis des Jahres 2004 war f\u00fcr die \"Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands\" (MLPD) ihr VII. Parteitag, der wie \u00fcblich unter absoluter Geheimhaltung im Fr\u00fchjahr in Magdeburg durchgef\u00fchrt wurde. Schon im Herbst 2003 waren die Vorbereitungen dazu angelaufen. Die Bilanz der Partei fiel erwartungsgem\u00e4\u00df positiv aus. So bezeichnete sie die Betriebsund Gewerkschaftsarbeit als ihren besonderen \"Trumpf\". Mit ihrem Engagement \"im Streik um die 35-StundenWoche in Ostdeutschland 2003, in der Metalltarifrunde Anfang 2004 oder in verschiedensten K\u00e4mpfen gegen Arbeitsplatzvernichtung, Lohnabbau und politische Entlassungen\" habe sie dazu beigetragen, dass die Arbeiter in diesen K\u00e4mpfen VII. Parteitag st\u00e4rker w\u00fcrden, sich organisierten \"und ihre Einheit f\u00fcr den Klassenkampf zur Eroberung der politischen Macht im echten Sozialismus\" festigten.265 So behauptete die MLPD, ma\u00dfgeblich verantwortlich gewesen zu sein f\u00fcr die erfolgreiche Durchf\u00fchrung eines \"DaimlerChrysler-Aktionstages\" im Juli 2004 in Stuttgart. Eine gezielte Betriebsund Gewerkschaftsarbeit soll zuk\u00fcnftig den Kern der \"Konzernzusammenarbeit\" bilden. Als \"wichtige Methode im Kampf auf dem Weg zur Arbeiteroffensive\" habe daher der Parteitag \"neue Organisationsstrukturen f\u00fcr die Konzernzusammenarbeit in Deutschland\"266 beschlossen. Daf\u00fcr sei sogar das Parteistatut ver\u00e4ndert worden. Diese \"Kon265 RF Nr. 18 vom 30. April 2004, S. 12. 266 RF Nr. 17 vom 23. April 2004, S. 6. 201","zernzusammenarbeit\" sei zugleich von entscheidender Bedeutung \"auch f\u00fcr die internationale Koordinierung und Revolutionierung der Arbeiterk\u00e4mpfe weltweit als Beitrag zur Vorbereitung der internationalen Revolution\".267 Der Parteitag fand f\u00fcr die MLPD \"in einer gesellschaftlichen Situation statt, in der die Bundesregierung eine beispiellose Zerschlagung sozialer Errungenschaften und Rechte [sc. betrieb]. Wo die f\u00fchrenden \u00dcbermonopole die Arbeiter in Europa und der ganzen Welt in eine Konkurrenz um die niedrigsten L\u00f6hne und schlechtesten Arbeitsbedingungen treiben [sc. wollten]. Wo der US-Imperialismus die Welt mit Krieg [sc. \u00fcberzog].\"268 In einer solchen Lage, in der die Menschen angeblich massenhaft \"nach L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten und Auswegen aus dem Diktat des Kapitalismus\" suchten, und vor dem Hintergrund allgemeiner Parteienverdrossenheit in Deutschland bescheinigten Stimmen aus dem eigenen Lager gerade der MLPD \"Anziehungskraft\". Entgegen dem Trend bei den b\u00fcrgerlichen Parteien, denen die Mitglieder \"scharenweise\" davonliefen, habe die MLPD seit ihrem letzten Partei angeblich Parteitag im Jahr 1999 angeblich 13,2 Prozent neue Mitglieder gewinnen im Aufwind k\u00f6nnen. Im Unterschied zum \"allgemeine(n) Gejammer b\u00fcrgerlicher Politiker\" habe zudem der Parteitag die \"Widerspr\u00fcchlichkeit und Chancen\" der derzeitigen Situation herausgearbeitet. Demnach seien noch \"nie (...) die materiellen Bedingungen f\u00fcr eine entwickelte sozialistische Gesellschaft, die Abschaffung von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung des Menschen durch den Menschen so ausgereift wie heute\" gewesen. Diese, in ihren Augen g\u00fcnstige Ausgangslage vermochte allerdings auch die MLPD nicht entsprechend zu nutzen. Die Partei beteiligte sich aktiv an den Protesten gegen \"Sozialabbau\" und propagierte dort ihre Forderungen \"Weg mit Hartz IV\". Auch in Baden-W\u00fcrttemberg trat sie in verschiedenen St\u00e4dten als Anmelderin von Demonstrationen und Kundgebungen auf oder betrieb Infost\u00e4nde, so auch in Albstadt, Bruchsal, Esslingen, Friedrichshafen, Freiburg im Breisgau, G\u00f6ppingen oder Heilbronn. Die Aktionstage am 2. und 3. April 2004 als einen der H\u00f6hepunkte der Proteste betrachtete die MLPD als \"Machtprobe zwischen der Arbeiterklasse und den breiten Massen auf der einen und den Monopolen und ihrer Regierung auf der anderen Seite\"269, die es erfolgreich auszutragen gelte. 267 RF Nr. 18 vom 30. April 2004, S. 13. 268 Hier und im Folgenden: \"Rote Fahne News\". Internetauswertung vom 10. November 2004; Fettdruck im Original. 269 RF Nr. 15 vom 9. April 2004, S. 3. 202","Linksextremismus Ungew\u00f6hnliche \"Publizit\u00e4t\" allerdings bescherte der MLPD die von ihr verursachte Kontroverse um die \"Montagsdemonstrationen\". Ihre Versuche, diese Veranstaltungen zu unterwandern und zu instrumentalisieren, stie\u00dfen auf heftigste Kritik aus dem \u00fcbrigen linksextremistischen Lager. So nutzte sie die auf solchen Veranstaltungen eingerichteten \"offenen Mikrofone\", \u00fcber die \"Stimmen aus dem Volk\" Gelegenheit erhalten sollten, sich spontan und \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern, um ihre eigenen politischen Vorstellungen zu propagieren. Zudem f\u00fchrte die MLPD auf den \"Montagsdemonstrationen\" offenbar manipulierte Abstimmungen durch, die sie in ihrem Sinne zu interpretieren wusste. Die Idee der \"offenen Mikrofone\" verteidigte die Partei zusammen mit Abstimmungen bei solchen Demonstrationen als \"zukunftsweisende Formen der aktive Rolle bei Volksdemokratie\", die allerdings nicht nur bei den \"selbst ernannten kleinSozialprotesten b\u00fcrgerlichen F\u00fchrern\", sondern auch \"unter einem Teil so genannter 'linker' Kr\u00e4fte regelrechte Allergien\" ausl\u00f6sen w\u00fcrden.270 So bezichtigte die MLPD ihrerseits vor allem die PDS als Spalterin der \"Montagsdemobewegung\" und warf ihr \"F\u00e4lschung demokratisch gef\u00fchrter Abstimmungen\" vor. Anl\u00e4sslich der Kommunalwahl in Baden-W\u00fcrttemberg kandidierte die MLPD in mehreren Gemeinden in \"\u00fcberparteilichen Personenwahlb\u00fcndnissen\" neben ihrem bereits \"traditionellen\" Wahlb\u00fcndnis in Albstadt unter anderem auch in Bruchsal, Esslingen, Heilbronn, Reutlingen, Stuttgart und Ulm. Bei der Europawahl rief die MLPD nicht nur zum Boykott auf, sondern forderte dar\u00fcber hinaus: \"Stimmt ung\u00fcltig! St\u00e4rkt die MLPD!\"271 4.5 \"Rote Hilfe e.V.\" (RH) Gr\u00fcndung: 1975 Sitz. Dortmund Mitglieder: ca. 350 Baden-W\u00fcrttemberg (2003: ca. 340) ca. 4.600 Bund (2003: ca. 4.600) Publikationen: \"Die Rote Hilfe\" Die \"Rote Hilfe e.V.\" ist bundesweit unter den linksextremistischen Organisationen eine Ausnahmeerscheinung geblieben. Dies gilt gerade im Hin270 RF Nr. 43 vom 21. Oktober 2004, S. 14f. 271 RF Nr. 23 vom 3. Juni 2004. 203","stabile blick auf zentrale Punkte wie einen weiterhin positiven Trend in der EntMitgliederzahl wicklung der Mitgliederzahlen und eine solide Finanzlage. Im Vergleich zu fr\u00fcheren Jahren sind allerdings die in der \u00d6ffentlichkeit wahrnehmbaren Bet\u00e4tigungsfelder zur\u00fcckgegangen. So hat das Interesse an dem traditionellen bundesweiten Aktionstag \"18.3. Tag der politischen Gefangenen\" offenbar sogar in der Organisation selbst nachgelassen. 2004 erschien keine Sonderbeilage zu diesem Thema in der \"jungen Welt\"272 mehr. Sie war \"wegen mangelnder Resonanz und Beteiligung aus den Ortsgruppen\"273 nicht zustande gekommen. Lediglich ein Plakat wurde entworfen, das das Verfahren aus dem Jahr 2003 gegen Mitglieder der linksextremistischen Szene in Magdeburg nach SS 129a Strafgesetzbuch (Bildung einer terroristischen Vereinigung) aufgriff. Als eine Sonderpublikation der \"Roten Hilfe e.V.\" ver\u00f6ffentlichte die Ortsgruppe M\u00fcnchen im Sommer 2004 eine Brosch\u00fcre \"Der Umgang des Staates mit den Protesten gegen die Sicherheitskonferenz 2004 in M\u00fcnchen\". Im Vorwort wurde unter anderem erkl\u00e4rt: \"Wir denken, dass dies [das staatliche Vorgehen gegen die Demonstranten] symptomatisch daf\u00fcr ist, wie im 'demokratischen Rechtsstaat' BRD mit Freiheitsrechten umgegangen wird, (...). Die staatliche Repression bei der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz ist somit keine Ausnahme und auch keine ausschlie\u00dflich bayerische Spezialit\u00e4t, sondern wird in \u00e4hnlicher Form z.B. bei Castor-Transporten im Wendland angewandt. (...) Auch wenn meist Einzelne von Repressionsfolgen betroffen sind, so sind es doch ihre politischen Motive, aufgrund derer sie ins Blickfeld der Verfolgungsbeh\u00f6rden geraten sind. Gemeint ist also die gesamte Bewegung.\" Ein Schwerpunkt der Aktivit\u00e4ten der \"Roten Hilfe e.V.\" war im Jahr 2004 Kampagne gegen die Kampagne gegen f\u00e4lschlich so bezeichnete \"Berufsverbote\". Hinter\"Berufsverbote\" grund war die Nichteinstellung eines Lehramtskandidaten in den \u00f6ffentlichen Dienst. Der \"Rote-Hilfe\"-Aktivist aus Heidelberg hatte Anlass zu 272 Zeitung aus dem linksextremistischen Spektrum. 273 \"Die Rote Hilfe\" Nr. 2 von 2004, Mitgliederrundbrief S. 19. 204","Linksextremismus Zweifeln an seiner Verfassungstreue gegeben. Nach SS 6 Abs. 1 Nr. 2 des Landesbeamtengesetzes Baden-W\u00fcrttemberg darf in das Beamtenverh\u00e4ltnis nur berufen werden, wer die Gew\u00e4hr daf\u00fcr bietet, jederzeit f\u00fcr die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes einzutreten. In einer in der \"Roten Hilfe\"-Zeitung ver\u00f6ffentlichten Erkl\u00e4rung protestierte der Bundesvorstand gegen die Ma\u00dfnahme, mit der \"eine lang \u00fcberwunden geglaubte Repressionsma\u00dfnahme wiederbelebt\" worden sei. Die \"Reanimation dieser Maulkorbpraxis\" sei im Rahmen einer allgemeinen \"Versch\u00e4rfung staatlicher Repression\" zu sehen, wie sie besonders seit dem 11. September 2001 praktiziert werde.274 Im Mai 2004 rief er die Ortsgruppen dazu auf, \"sich dringend und solidarisch mit diesem Fall zu besch\u00e4ftigen\", dem \"erste(n) Berufsverbotsverfahren gegen einen linken Aktivisten in der BRD seit 20 Jahren\"275. An der Kampagne waren unter anderem das \"Solidarit\u00e4tskomitee gegen das Berufsverbot\" in Heidelberg und die dortige Ortsgruppe der \"Roten Hilfe e.V.\" ma\u00dfgeblich beteiligt. Letztere zeichnete neben Plakatentw\u00fcrfen auch f\u00fcr die Erstellung von Protestpostkarten verantwortlich. Finanziert wurde die Kampagne von der Bundesorganisation, die zu diesem Zweck ein bundesweites Spendenkonto einrichtete. Ab September 2004 wurde die Kampagne bundesweit forciert. Mit Unterst\u00fctzung zahlreicher, \u00fcberwiegend linksextremistischer Organisationen wurde f\u00fcr den 23. Oktober 2004 zu einer bundesweiten Demonstration in Heidelberg aufgerufen, an der circa 500 Personen teilnahmen. 4.6 Sonstige Vereinigungen Trotzkistische Gruppierungen waren 2004 erneut sehr aktiv. Vor allem \"Linksruck\" nutzte verschiedene politische Themenfelder, um sich \u00f6ffentlich zu profilieren. Neben einer Kampagne gegen das \"Kopftuchverbot\" diente auch die Teilnahme an Protestveranstaltungen dazu, den Bekanntheitsgrad zu erh\u00f6hen, Mitglieder zu gewinnen und \u00fcber Spenden die eigene finanzielle Situation zu verbessern. Nach dem Abflauen der \"Antikriegs\"Proteste konzentrierte sich \"Linksruck\" vor allem auf die Teilnahme an Demonstrationen gegen \"Hartz IV\" im Rahmen des \"Widerstands\" gegen \"Sozialabbau\". Bei der Kommunalwahl traten \"Linksruck\"-Aktivisten in ihrer Hochburg Freiburg im Breisgau auf der \"Linken Liste/Solidarische Stadt\" (LiSST) an. Dar\u00fcber hinaus wurde erkennbar, dass die Organisation in der im Entstehen begriffenen \"neuen Linkspartei\" ein zentrales Bet\u00e4ti274 \"Die Rote Hilfe\" Nr. 1 von 2004, S. 29; \u00dcbernahme wie im Original. 275 \"Die Rote Hilfe\" Nr. 3 von 2004, Mitgliederrundbrief S. 21. 205","gungsfeld f\u00fcr sich erkannt hat und mittels der trotzkistischen \"Entrismusstrategie\"276 versuchte, diese noch junge und ungefestigte Organisation zu unterwandern und f\u00fcr eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Die Notwendigkeit einer \"neuen Linkspartei\" propagierte auch die \"Sozialistische Alternative VORAN\" (SAV). Mitglieder der Organisation beteiligten sich ebenfalls \"konstruktiv und solidarisch\" am Aufbau der geplanten neuen Partei und nahmen aktiv an der Programmdiskussion teil, um auf eine sozialistische Ausgestaltung hinzuwirken. Mit Datum vom Oktober 2004 ver\u00f6ffentlichte die SAV eigens zu diesem Thema eine Brosch\u00fcre. Bei der Kommunalwahl kandidierte die SAV in Stuttgart erfolglos mit einer eigenen Liste. \u00c4hnlich wie andere linksextremistische Organisationen schenkten Trotzkisten im Zusammenhang mit der \"sozialen Frage\" Streiks und Protesten in deutschen Gro\u00dfbetrieben gegen drohenden Arbeitsplatzabbau besondere Aufmerksamkeit und solidarisierten sich ausdr\u00fccklich mit den \"Arbeitsk\u00e4mpfen\". 5. Aktionsfelder Sozialreformen 5.1 \"Sozialabbau\" werden als \"Angriffe\" auf Beherrschende Themen des Jahres 2004 waren die \"Agenda 2010\" sowie soziale ErrungenK\u00fcrzungen im Bildungsund Gesundheitswesen als dem \"massivsten schaften Angriff auf die sozialen Errungenschaften der breiten Massen in der BRD verstanden nach dem II. Weltkrieg\"277. Der Sozialstaat, hie\u00df es noch weiter ausholend, sei \"das Resultat der politisch-sozialen K\u00e4mpfe des 19. und 20. Jahrhunderts und dennoch, ja sogar gerade deshalb ein Instrument der sozialen Befriedung\". Er sei \"das Eingest\u00e4ndnis des Staates, dass der Lohn nicht ausreicht, um f\u00fcr Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit vorzusorgen. Sonst w\u00e4ren die Zwangsabgaben ja nicht n\u00f6tig. Insbesondere im Kontext der Systemkonkurrenz mit der Sowjetunion nach dem zweiten Weltkrieg\" sei \"der Ausbau des Sozialstaates grundlegend f\u00fcr die politische 276 Eindringen in demokratische Organisationen in dem Versuch, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. 277 \"Gemeinsam aufstehen gegen Agenda 2010\". Konstanzer Flugblattaufruf unter anderem von der MLPD, dem \"Netzwerk gegen Rechts\" und der PDS/Linken Liste. 206","Linksextremismus Legitimation\"278 gewesen. In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik habe \"das Kapital enorme Profite (zu) erwirtschaften\"279 vermocht und deshalb \"den ArbeiterInnen relativ viele Zugest\u00e4ndnisse\" gemacht. Der Dank der Arbeiterschaft sei im Gegenzug \"das weitgehende akzeptieren der (humanen) kapitalistischen Ausbeutung\" gewesen. Doch schon seit den 70er Jahren habe sich das \"goldene Zeitalter des Kapitalismus\" dem Ende zugeneigt. \"Die Aufk\u00fcndigung des Klassenkompromisses, also die Angriffe auf die Rechte der ArbeiterInnen mit Entlassungen, Lohnk\u00fcrzungen etc.\" sei beziehungsweise seien \"als Folge der schrumpfenden Profitaussichten geschehen (...).\" Der Kapitalismus bef\u00e4nde sich inzwischen in einer Krise. Dabei seien die 'Reformen' (...) notwendig um die Krisenerscheinungen des Kapitalismus auf uns (das hei\u00dft die Arbeitnehmer) abzuw\u00e4lzen, w\u00e4hrend sie (die Kapitalisten) weiterhin ihre Profite einfahren\" w\u00fcrden. Der derzeit praktizierte \"Sozialabbau\" habe eine zunehmende Aush\u00f6hlung der b\u00fcrgerlichen Demokratie zur Folge. Sie befinde sich in einer Krise, was \"die vorhandenen Tendenzen zu autorit\u00e4ren undemokratischen Regierungsformen verst\u00e4rken\"280 k\u00f6nne. Deshalb gehe es darum, den Erhalt der demokratischen Rechte und Freiheiten zu erk\u00e4mpfen und diesen mit \"Forderungen zu mehr gesellschaftlicher Mitbestimmung und neuen B\u00fcrgerrechten, wie zum Beispiel Volksabstimmungen\" zu verbinden. In ihrer \"politischen Erkl\u00e4rung\"281 analysierte die DKP die mit den Einschnitten im Sozialbereich verbundenen Ver\u00e4nderungen des politischen Systems: \"All diese Verschlechterungen im sozialen Bereich und der Abbau demokratischer Rechte waren mit der SPD-B\u00fcndnisgr\u00fcnen-Regierung (...) mit geringerem Widerstand durchzusetzen als mit einem CDU/CSU-gef\u00fchrten Kabinett. Durch die traditionellen Beziehungen vieler Gewerkschafter zur SPD war diese eher in der Lage, sozialen Protest zu binden. (...) Mit der Zerst\u00f6rung sozialstaat278 \"anti atom aktuell\" Nr. 151 vom April 2004, S. 43; \u00dcbernahme wie im Original. 279 Hier und im Folgenden: Flugblattaufruf der \"Revolution\u00e4ren Aktion Stuttgart\" (RAS) zur Demonstration in Stuttgart anl\u00e4sslich des europaweiten Aktionstags am 3. April 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 280 Hier und im Folgenden: UZ Nr. 28 vom 9. Juli 2004, S. 9; \u00dcbernahme wie im Original. 281 Entwurf einer \"Politische(n) Erkl\u00e4rung der DKP. Den Widerstand gegen Kriegspolitik, Sozialkahlschlag und Demokratieabbau verst\u00e4rken! - Das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis ver\u00e4ndern!\". 207","licher Regulierungen und demokratischer Rechte, mit den Kriegsbeteiligungen unter der SPD-B\u00fcndnisgr\u00fcnen-Regierung verloren diese Parteien jedoch an Orientierungsfunktion und Legitimit\u00e4t. Die SPD verliert zugleich ihre F\u00e4higkeit, soziale Proteste wie in der Vergangenheit ruhig zu stellen. Die Politik der f\u00fchrenden Vertreter von SPD und B\u00fcndnisgr\u00fcnen ist antireformerisch und sozialreaktion\u00e4r. Sie sind endg\u00fcltig in das b\u00fcrgerliche Lager \u00fcbergegangen.\" Dabei betreibe die SPD den \"reaktion\u00e4ren Umbau der Gesellschaft\" in enger Zusammenarbeit mit der CDU/CSU. Auch die PDS sei keine Alternative. Dem fortschreitenden \"Sozialabbau\" stand folglich die Notwendigkeit verst\u00e4rkten \"Widerstandes\" gegen\u00fcber. Der trotzkistische \"Linksruck\" forderte alle Mitglieder und Sympathisanten nachdr\u00fccklich auf, sich an den Kundgebungen zu beteiligen. Die Organisation sah es als ihre Aufgabe an, die Bewegung gegen den \"Sozialkahlschlag\" an Schulen, Universit\u00e4ten und ebenfalls in Betrieben voranzutreiben. Wie diese nutzte auch die MLPD das Thema \"Sozialabbau\" zur Werbung neuer Mitglieder. Sie agitierte im \u00dcbrigen in Betrieben gegen die Wiedereinf\u00fchrung der 40-Stunden-Woche sowie gegen Entlassungen und unterst\u00fctzte Protestaktionen und Streiks. Die DKP setzte auf die Bildung von B\u00fcndnissen in der Arbeiterschaft und eine \"Politik der \"Widerstand Aktionseinheit\" in Betrieben und in den Gewerkschaften als der \"gr\u00f6\u00dfte(n) gegen fortschrittliche(n) Kraft und Organisation der Arbeiterklasse\". Die Partei Sozialabbau\" bekannte sich in ihrer \"Politischen Erkl\u00e4rung\" ein weiteres Mal ausdr\u00fccklich zu der Arbeit der Kommunisten in Betrieben und Gewerkschaften als dem \"wichtigste(n) Feld politischer Aktivit\u00e4t\". Am 3. April 2004, dem \"europ\u00e4ischen Aktionstag gegen Sozialabbau\", fanden in K\u00f6ln, Berlin und Stuttgart Demonstrationen statt, allein in Stuttgart waren es nach Angaben der Veranstalter rund 140.000 Teilnehmer. Beteiligt waren DKP, PDS, MLPD, \"Linksruck\", die SAV und der \"Revolution\u00e4r-Sozialistische Bund\" (RSB). Autonome bildeten einen \"Schwarzen Block\". Die \"Revolution\u00e4re Aktion Stuttgart\" (RAS) hatte auf ihrer Homepage dazu auf208","Linksextremismus gerufen, sich nicht auf Forderungen zu beschr\u00e4nken, die lediglich kleine Ver\u00e4nderungen zur Folge haben w\u00fcrden: \"Die Ursache f\u00fcr die Angriffe auf unsere Lebenssituation ist der Kapitalismus. Nur durch die Abschaffung dieses Systems, das auf Ausbeutung, Konkurrenz und Profit beruht, k\u00f6nnen wir wirkliche Ver\u00e4nderungen erreichen.\"282 Auch die verschiedenen traditionellen Veranstaltungen zum 1. Mai standen Aktionen in im Zeichen des Protestes gegen \"Sozialabbau\", so zum Beispiel in Stuttgart Badenoder in Mannheim. W\u00fcrttemberg Der Versuch ab August 2004, an die \"Montagsdemonstrationen\" anzukn\u00fcpfen, deren Proteste sich seinerzeit gegen das noch bestehende DDR-Regime gerichtet hatten, stie\u00df in Ostdeutschland auf ein wesentlich gr\u00f6\u00dferes Echo als im Westen. Die ab Herbst 2004 abflauende Teilnehmerzahl fiel in etwa zeitlich zusammen mit einer sich vertiefenden Spaltung der Bewegung gegen den \"Sozialabbau\". Verantwortlich gemacht wurde daf\u00fcr innerhalb der linksextremistischen Szene die MLPD, die massiv versucht hatte, sich Spaltung der politisch in den Vordergrund zu dr\u00e4ngen. Das Zerw\u00fcrfnis hatte zuvor schon Bewegung in der Auseinandersetzung um die zentrale Losung der Proteste begonnen: W\u00e4hrend die MLPD auf der Parole \"Weg mit Hartz IV - das Volk sind wir!\" bestand, wurde die Formulierung \"Wir sind das Volk\" vom \u00fcbrigen Spektrum abgelehnt. Den H\u00f6hepunkt der Kontroverse bildete die Entscheidung f\u00fcr zwei getrennte bundesweite Demonstrationen in Berlin am 2./3. Oktober 2004. W\u00e4hrend ein breites Spektrum, dem unter anderem die PDS und \"Linksruck\" angeh\u00f6rten, sich auf den 2. Oktober 2004 festlegte, mobilisierte die MLPD ihrerseits f\u00fcr einen \"Sternmarsch\" nach Berlin am 3. Oktober 2004. Am 6. November fand eine weitere Gro\u00dfdemonstration in N\u00fcrnberg vor der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeit statt. Rund 1.000 Personen bildeten einen \"antikapitalistischen Block\", darunter etwa 400 Gewaltbereite. Die Zahl von insgesamt rund 7.000 Teilnehmern signalisierte ebenfalls deutlich r\u00fcckl\u00e4ufige Teilnehmerzahlen und damit ein Abebben der Protestbewegung. Das Thema \"Sozialabbau\" d\u00fcrfte dennoch auf absehbare Zeit seine \u00fcberragende politische Bedeutung behalten. 282 RAS-Homepage vom 1. April 2004. 209","5.2 EU-Verfassung Agitation gegen Die Osterweiterung der Europ\u00e4ischen Union (EU) sowie die Beratung und \"reaktion\u00e4re\" Verabschiedung einer Verfassung zeigten, dass die Idee eines vereinten EU-Verfassung Europas auch politisch zu einer realen Gr\u00f6\u00dfe geworden ist. Die Europawahl war der gegebene Anlass f\u00fcr Linksextremisten, diese Entwicklung erstmals entschiedener aufzugreifen. Vor allem die EU-Verfassung stie\u00df im linksextremistischen Lager auf einhellige Ablehnung: \"Die geplante EU-Verfassung stellt im Vergleich zum Grundgesetz in vielerlei Hinsicht einen Abbau unserer Grundrechte dar. So eine Verfassung brauchen wir nicht. Das Kapital der europ\u00e4ischen Kernl\u00e4nder - allen voran Deutschland - braucht eine solche Verfassung sehr wohl. Sie erm\u00f6glicht ihm die versch\u00e4rfte Ausbeutung der europ\u00e4ischen Arbeiterklasse und weitestgehende Kontrolle des europ\u00e4ischen Wirtschaftsraumes, der die notwendige Grundlage f\u00fcr alle weitergehenden, globalen Anspr\u00fcche im Wettbewerb der imperialistischen Zentren (USA, Japan, EU-Europa) darstellt.\"283 Kennzeichnend f\u00fcr die EU-Politik seien \"Neoliberalismus nach innen\" und \"Militarisierung nach au\u00dfen\". Die am 1. Mai gefeierte Osterweiterung belege \"einmal mehr den expansiven und neoliberalen Charakter der EU\". Tatsache sei, dass sie zu den \"Vorreitern\" geh\u00f6re, \"wenn es um Sozialabbau und Zerschlagung der staatlichen Rentensysteme, um die Beseitigung von Tarifvertr\u00e4gen und um Steuerentlastungen f\u00fcr Gro\u00dfkonzerne, um die Einschr\u00e4nkung des Asylrechts und die Militarisierung der Au\u00dfenpolitik\" gehe.284 Die Osterweiterung bedeute \"ausschlie\u00dflich (...) die Einund Unterordnung des ostund s\u00fcdosteurop\u00e4ischen Wirtschaftsraums mit seinem \u00f6konomischen Potenzial, seinen Rohstoffund Arbeitskr\u00e4fteressourcen als abh\u00e4ngige Peripherie in die globalen Strategien des die EU dominierenden Finanzund Industriekapitals\"285. Die Osterweiterung z\u00e4hle zu den von der EU angeblich ausgehenden politischen Gefahren, denn dieser \"ganz friedlich\" verlaufene Vorgang sei in Wahrheit \"ein aggressiver imperialistischer Akt\", gegen den jeglicher Protest der \"Friedensbewegung\" ausgeblieben sei. Auch f\u00fcr die MLPD bedeutete die Osterweiterung in Wahrheit \"den Start283 \"Position. Magazin der SDAJ\" 2/2004, S. 12f. 284 \"junge Welt\" Nr. 114 vom 19./20. Mai 2004, Beilage S. 1. 285 \"Position. Magazin der SDAJ\" 2/2004, S. 22. 210","Linksextremismus schuss f\u00fcr eine Offensive des Neokolonialismus insbesondere gegen\u00fcber den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. Mit ihrem Anspruch, bis zum Jahr 2010 'Weltmacht Nummer 1' zu werden\", h\u00e4tten \"die europ\u00e4ischen Imperialisten den Rivalen USA [sc. provoziert] und die allgemeine Kriegsgefahr [sc. gesteigert].\"286 Die \"Demontage des Sozialstaates\" in Deutschland f\u00e4nde in der \"neoliberale(n) Skrupellosigkeit\"287 der EU ihre Entsprechung und sei deshalb zugleich ein Teilhintergrund der Agitation gegen deren Verfassung. Auch auf europ\u00e4ischer Ebene habe man sich angeblich darauf verst\u00e4ndigt, k\u00fcnftig mit einer neuen \"Unterklasse\" derjenigen zu leben, die durch den \"Sozialabbau\" in Armut und Arbeitslosigkeit getrieben w\u00fcrden. \"Dass Deutschland und Europa hier im Gleichklang mit den USA die Ausbeutung des Globus\" betrieben, ergebe sich schon aus der \"Struktur des Kapitals\". Denn \u00fcber 50 Prozent ihrer Ums\u00e4tze und Gewinne erzielten die gro\u00dfen Konzerne au\u00dferhalb ihrer Heimatl\u00e4nder. \"Indem die USA die internationale milit\u00e4rische Kontrolle \u00fcber Ressourcen, Transportwege und M\u00e4rkte\" \u00fcbern\u00e4hmen, erwiesen sie sich als \"politisch-milit\u00e4rischer Dienstleister des globalen Kapitals insgesamt.\" Der \"europ\u00e4ische Faktor\" in der Weltpolitik schlage eben nicht \"auf der Seite sozialer Gerechtigkeit zu Buche\", sondern als \"aktives Moment der globalen Ausbeutung\". Die UZ ver\u00f6ffentlichte in ihrer Ausgabe vom 21. Mai 2004 einen \"Aufruf kommunistischer Jugendorganisationen\", darunter der SDAJ, aus sieben europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Dieser \"Aufruf\" setzte sich f\u00fcr eine Zusammenf\u00fchrung der gegen die EU gerichteten \"K\u00e4mpfe der Jugendbewegung\" ein und f\u00fcr eine \"gro\u00dfe Kampagne f\u00fcr ein 'NEIN' zu diesem EU-Verfassungsvertrag, wie allen anderen Versuchen neoliberale Politik im Interesse des Kapitals in europ\u00e4ischen Gesetzen festzuschreiben.\"288 Die DKP \"benutzte\" den Europawahlkampf daher auch daf\u00fcr, die B\u00fcrger \u00fcber die neue EU-Verfassung \"aufzukl\u00e4ren\". So sei kaum bekannt, dass die Verfassung alle Mitgliedsstaaten zur st\u00e4ndigen Erh\u00f6hung ihres Wehretats verpflichte. Dies aber rieche nach \"Imperialismus und Krieg\". Zudem enthalte die Verfassung eine 286 RF Nr. 19 vom 7. Mai 2004, S. 3; \u00dcbernahme wie im Original. 287 Hier und im Folgenden: UZ Nr. 1/2 vom 9. Januar 2004, S. 7. 288 UZ Nr. 21 vom 21. Mai 2004, S. 11; \u00dcbernahme wie im Original. 211","Klausel, wonach weitere Staaten nur dann in die EU aufgenommen werden k\u00f6nnten, wenn sie kapitalistisch verfasst seien. Die PDS formulierte in ihrem Europawahlprogramm die Vorstellung von \"eine(r) Europ\u00e4ische(n) Union, die das V\u00f6lkerrecht und die UNO-Charta achtet, Krieg und milit\u00e4rische Gewaltanwendung zur L\u00f6sung von Konflikten ablehnt, die frei von Massenvernichtungswaffen ist, ihre R\u00fcstungsindustrie auf zivile Produktion umstellt und R\u00fcstungsexporte beendet. Unser Ziel ist die Reduzierung der milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4ten auf strukturelle Nichtangriffsf\u00e4higkeit.\" Ihr in der \u00d6ffentlichkeit gepflegtes Image einer \"konsequenten Antikriegspartei\" \u00fcbertrug die Partei auch auf die europ\u00e4ische Ebene, indem sie im Europawahlprogramm ebenfalls \"der Anwendung milit\u00e4rischer Gewalt zur L\u00f6sung von Konflikten entschieden\" entgegentrat und \"jegliche EU-Milit\u00e4reins\u00e4tze uneingeschr\u00e4nkt\" ablehnte. Die Haltung der PDS zur europ\u00e4ischen Verfassung war zuvor auf heftige Kritik gesto\u00dfen. Die Vertreterin der PDS im EU-Verfassungskonvent und sp\u00e4tere Vizepr\u00e4sidentin des Europ\u00e4ischen Parlaments, Sylvia-Yvonne KAUFMANN, hatte zun\u00e4chst bei den Verfassungsberatungen aktiv und konstruktiv mitgearbeitet. Bei der Abstimmung im EU-Parlament hatte sich die PDS allerdings der Stimme enthalten, um schlie\u00dflich sp\u00e4ter deren Ablehnung zu beschlie\u00dfen. Diese wankelm\u00fctige Haltung wiederum war einer der Gr\u00fcnde, weshalb sich die DKP bei den Wahlen dieses Mal au\u00dferstande sah, eine Empfehlung zugunsten der PDS auszusprechen. 5.3 \"Friedens-\" beziehungsweise \"Antikriegsbewegung\" Die Proteste der \"Friedens-\" beziehungsweise \"Antikriegsbewegung\" haben 2004 weiter nachgelassen. So vermochte auch der Jahrestag des Irakkriegs am 20. M\u00e4rz 2004 deutlich weniger Menschen zu mobilisieren. Nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen verlagerte sich das politische Interesse vor allem auf die Situation im Irak. In diesem Zusammenhang publik gewordene Folterpraktiken der USA waren geeignet, antiamerikanische Ressentiments einem neuerlichen H\u00f6hepunkt entgegen zu treiben. \"Sexistische Dem\u00fctigungen, Folter, Mord und Totschlag\", kommentierte das MLPD-Parteiorgan \"Rote Fahne\" (RF), \"das sind weder Einzelf\u00e4lle noch Zuf\u00e4lle. Das ist das Gesicht des Imperialismus, der mit der verlogenen Begr\u00fcndung eines 'Antiterrorkriegs' ausgezogen ist, sich die ganze Welt zu unterwerfen.\"289 289 RF Nr. 20 vom 14. Mai 2004, S. 3. 212","Linksextremismus Die amerikanische \"Fremdherrschaft\" im Irak und die angebliche VerwerDiskussion um tung des Landes im eigenen Interesse, \"der Ausverkauf des Landes an mulRechtm\u00e4\u00dfigkeit tinationale Konzerne\" und Foltervorw\u00fcrfe l\u00f6sten eine Diskussion um die des WiderLegitimit\u00e4t des irakischen Widerstandes und dessen Formen aus. Ein Flugstands im Irak blattaufruf zu einer am 20. M\u00e4rz 2004 in Heidelberg durchgef\u00fchrten Demonstration stellte dazu fest: \"Nicht alle Formen des Widerstands sind legitim. Wir wenden uns aber gegen die massive Propaganda, die die Besatzungsherrschaft als legale und alternativlose Ordnung und die, die sich ihr widersetzen, pauschal als Terroristen darstellt, eine Propaganda durch die der Weg zu einer direkten Unterst\u00fctzung Deutschlands geebnet werden soll. Wir weisen darauf hin, dass schlie\u00dflich erst die Gewalt der Besatzung die Gegengewalt provoziert. Wir erinnern zudem daran, dass das Recht auf 'individuelle oder kollektive Selbstverteidigung' gegen eine milit\u00e4rische Aggression in der UN-Charta verankert wurde.\"290 Der \"Feldzug\" der USA im Nahen Osten sei als \"ein integraler Bestandteil der globalen kapitalistischen Konkurrenz\" zu verstehen. Der Kampf gegen die \"kapitalistische Globalisierung\" schlie\u00dfe daher den Kampf gegen die \"Rekolonisierung\" des Irak ein, f\u00fcr dessen ideologische Rechtfertigung der \"Kampf gegen den Terrorismus\" herhalten m\u00fcsse. Dem wurde das Selbstbestimmungsrecht des irakischen Volkes entgegengesetzt und demzufolge auch dessen Recht auf Widerstand gegen die Besatzung. Im Zuge der Verfassungsberatungen der EU schlie\u00dflich startete die \"FrieAntimilitarismusdensbewegung\" eine bundesweite Antimilitarismuskampagne. Nicht zuletzt kampagne vor dem Hintergrund angeblich unzureichender Informationspolitik hatte der linksextremistisch beeinflusste \"Kasseler Friedensratschlag\" schon Ende 2003 einen Aufruf unter der \u00dcberschrift \"Gegen diese EU-Verfassung! F\u00fcr 290 Hier und im Folgenden: Flugblattaufruf des \"Heidelberger Forums gegen Militarismus und Krieg\", der DKP, VVN-BdA und anderen zur Demonstration in Heidelberg am 20. M\u00e4rz 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 213","ein Europa, das sich dem Krieg verweigert\" verabschiedet, um damit eine Diskussion in der \"Friedensbewegung\" \u00fcber die EU-Verfassung anzusto\u00dfen. Demnach galt es, deutlich zu machen, dass die EU mit dieser Verfassung ein v\u00f6llig neues Gesicht erhalte, gepr\u00e4gt durch eine umfassende \"Militarisierung\", die Vorbereitung f\u00fcr weltweite Kriegseins\u00e4tze und die Schaffung einer europ\u00e4ischen R\u00fcstungsagentur, begleitet von einer fortgesetzten \"Entm\u00fcndigung\" des Europaparlaments. Zusammen mit sp\u00e4teren, erg\u00e4nzenden Texten sollte vermittelt werden, dass die EU-Verfassung \"nicht nur aus rein friedenspolitischen Gr\u00fcnden abzulehnen\" sei. In ihrer Festlegung auf den \"offenen Markt\" spiegele sich zugleich \"die gegenw\u00e4rtig stattfindende neoliberale Globalisierung\" wider. \"Die Auswirkungen dieser Globalisierung bzw. einige Reaktionen darauf\" dienten \"wiederum als Begr\u00fcndung f\u00fcr Kriege.\" 291 5.4 Autonome Zentren Der Kampf um den Erhalt Kampf um \"autonomer Zentren\" (AZ) Erhalt der wurde auch 2004 fortgesetzt. Einrichtung Anl\u00e4sslich des f\u00fcnfj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der R\u00e4umung des \"AZ im Exil\" fand am 31. Januar 2004 in Heidelberg eine Demonstration f\u00fcr ein neues AZ statt. Ein kurz zuvor besetztes Haus \"Casa Loca\" Haus \"Casa Loca\" in Heidelberg wurde von der Polizei ger\u00e4umt. Am 24. Juli 2004 sollte ein weiterer \"Aktionstag f\u00fcr ein neues selbstverwaltetes Zentrum\" erneut auf die Forderungen der Heidelberger Autonomen aufmerksam machen. Der \"selbstverwaltete Jugendclub\" in Stuttgart-Degerloch an der Oberen Weinsteige 9 (\"OBW 9\") sah sich mit der K\u00fcndigung seiner bisherigen R\u00e4umlichkeiten zugunsten des Neubaus eines st\u00e4dtisch betreuten und damit nicht mehr selbst verwalteten Jugendhauses konfrontiert. Ein angebotenes Alternativobjekt in Bad Cannstatt wurde abgelehnt. Nachdem bereits im Mai 2004 eine Demonstration stattgefunden hatte, unterstrich eine weitere Kundgebung am 27. November 2004 unter dem Motto \"F\u00fcr 291 \"zeitung gegen den krieg\" Nr. 17 vom Fr\u00fchjahr 2004, S. 4. 214","Linksextremismus einen hei\u00dfen Winter - kein Stuttgart ohne uns!\" die Forderung nach einem Erhalt des bisherigen Zentrums beziehungsweise nach einer f\u00fcr die Szene akzeptablen Alternative. Nachdem bei der \"Ex-Steffi\" in Karlsruhe zun\u00e4chst f\u00fcr das Fr\u00fchjahr 2004 die R\u00e4umung erwartet worden war, gelang es, eine Duldung bis zum 31. Januar 2006 zu erreichen, nachdem mit der Stadt Karlsruhe ein Vergleich geschlossen worden war. Zuletzt hatten die Bewohner am 19. Juni 2004 in der Karlsruher Innenstadt einen \"Aktionstag\" veranstaltet, um auf ihr Problem \u00f6ffentlich aufmerksam zu machen. In ihrer Argumentation glaubten sie, auf den angeblichen \"Widerspruch\" hinweisen zu m\u00fcssen, dass die Stadt Karlsruhe sich einerseits als \"Kulturhauptstadt 2010\" empfehle, auf der anderen Seite aber selbst die \"Zerst\u00f6rung einer kulturellen Initiative junger Menschen\" betreibe.292 Der \"Kulturtreff in Selbstverwaltung\" (KTS) in Freiburg im Breisgau feierte sein 10-j\u00e4hriges Bestehen unter dem Damoklesschwert einer drohenden R\u00e4umung, nachdem die Deutsche Bahn AG als Eigent\u00fcmerin gegen\u00fcber der Stadt Freiburg die K\u00fcndigung der genutzten R\u00e4ume ausgesprochen hatte. Seither fand eine ganze Reihe von Aktionen f\u00fcr den Erhalt der Einrichtung statt, um die Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit zu erringen. Diese wurden von zahlreichen Farbschmierereien und Sachbesch\u00e4digungen insbesondere gegen Einrichtungen der Deutschen Bahn AG begleitet. So zerst\u00f6rten unbekannte T\u00e4ter in der Nacht zum 10. Februar 2004 in T\u00fcbingen drei Fahrkartenautomaten. Ein Selbstbezichtigungsschreiben bezog sich auf die K\u00fcndigung der KTS. Im Rahmen des Aktionswochenendes vom 19. bis 21. M\u00e4rz 2004 unter dem Motto \"KTS bleibt - Finger weg von AZ's, Wagenburgen und Squats293\" anl\u00e4sslich des zehnj\u00e4hrigen Bestehens gab es unter anderem am 20. M\u00e4rz 2004 eine \"Love-or-Hate-Parade\" durch die Freiburger Innenstadt mit angeblich 2.500 Teilnehmern. Am sp\u00e4teren Abend kam es zur Besetzung eines ungenutzten Fabrikgel\u00e4ndes, wo dann die \"Feier\" des Jubil\u00e4ums ablief. 292 \"junge Welt\" Nr. 82 vom 8./9. April 2004, S. 5. 293 \"Herrschaftsfreie R\u00e4ume\", in denen Linksextremisten selbst bestimmen k\u00f6nnen. 215","Dar\u00fcber hinaus fand, ebenfalls anl\u00e4sslich des \"Jubil\u00e4umswochenendes\", ein angeblich \"sehr gut\" besuchtes \"St\u00e4dteplenum\" statt, \"auf dem sich linksradikale Projekte von Autonomen Zentren, \u00fcber Wagenburgen bis zu Squats \u00fcber ihre derzeitige Situation austauschten, \u00fcber M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine weitergehende engere Vernetzung berieten und konkrete Aktionen planten\"294. Anhand dieses Falles best\u00e4tigte sich ein weiteres Mal die wichtige Treffund Funktion \"autonomer Zentren\" f\u00fcr die Szene - hier als Treffund BeraBeratungsorte tungsort ausdr\u00fccklich selbst so bezeichneter \"linksradikale(r) Projekte\". Andererseits praktizierten Autonome eine gezielte \"Informationspolitik\", die darauf abzielte, der \u00d6ffentlichkeit ein der Realit\u00e4t nicht entsprechendes positives Bild von ihren \"selbstverwalteten Freir\u00e4umen\" zu vermitteln. Deutlich werden sollte aber zudem, dass man \"auch in Zukunft gewillt\" sei, die eigenen \"Forderungen [nach dem Erhalt autonomer Zentren] aktiv umzusetzen\". Dass der \"Kampf um die Verteidigung selbstverwalteter Freir\u00e4ume\" bundesweit ein dr\u00e4ngendes Thema der autonomen Szene ist, konnte man auch an den vom 4. bis 11. April 2004 in Berlin veranstalteten \"Autoorganisationstagen\" ablesen. Der Aufruf zu dieser Veranstaltung lie\u00df ein weiteres Mal das Selbstverst\u00e4ndnis solcher \"autonomer Zentren\" erkennen: \"Der autorit\u00e4ren gesellschaftlichen Formierung versuchen linke Einrichtungen praktische Alternativen und Ausgangspunkte f\u00fcr Widerstand entgegenzustellen.\" 5.5 \"Antifaschismus\" \"Anti-NaziDer \"antifaschistische Kampf\" stand unver\u00e4ndert auf der Agenda von LinksDemos\" als extremisten. Sie beteiligten sich an \"Anti-Nazi-Demos\" im benachbarten Schwerpunkt Bayern, so am 24. April 2004 in Aschaffenburg oder in Senden, wo es wegen fortgesetzter NPD-Aktivit\u00e4ten wiederholt zu Protestkundgebungen kam, und schlie\u00dflich in Neu-Ulm, wo am 26. Juni 2004 einem \"Neonazi-Aufmarsch\" der \"Kameradschaft Neu-Ulm\" entgegengetreten werden sollte. Besondere Aufmerksamkeit galt unter anderem dem Auftritt Horst MAHLERs295 in Senden am 21. M\u00e4rz 2004. Dass MAHLER auf Einladung des NPD-Kreisverbands Neu-Ulm in st\u00e4dtischen R\u00e4umen agieren durfte, habe damit \"ihr [sc. die Stadt] uns\u00e4gliches Verhalten, neofaschistische Veranstaltungen konsequent zu unterst\u00fctzen, ungehindert [sc. fortgesetzt].\" \"Antifaschistischer Protest\" hingegen sei \"st\u00e4dtisch diffamiert\" worden.296 294 Hier und im Folgenden: Monatsschrift der AIHD \"break-out\", Nr. 4/2004, S. 4; \u00dcbernahme wie im Original. 295 Vgl. Teil B, S. 160. 296 Aufruf der \"Antifaschistischen Aktion Ulm/Neu-Ulm\" auf deren Homepage vom 10. M\u00e4rz 2004. 216","Linksextremismus \"Antifaschistische\" Aktivit\u00e4ten in Baden-W\u00fcrttemberg konzentrierten sich aus gegebenem Anlass auf Schw\u00e4bisch Hall, wo die rechtsextremistische \"Bewegung Deutsche Volksgemeinschaft\" (BDVG) wiederholt Protestkundgebungen veranstaltet hatte. Als diese am 6. M\u00e4rz 2004 gegen den linksalternativen Club Alpha protestieren und mit einer Demonstration dessen Schlie\u00dfung einfordern wollte, gelang es circa 200 \"Antifaschisten\", den \"Nazi-Aufmarsch\" bereits nach wenigen hundert Metern zu stoppen und durch eine Blockade letztlich zu verhindern. Ein solcher \"Erfolg\" lie\u00df sich bei den darauf folgenden Demonstrationen allerdings nicht wiederholen. Als erfolgreich bewertete die \"Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm\" ihre Protestaktion gegen einen \"Neonazi-Aufmarsch\" am 26. Juni 2004: \"Wer immer gedacht hat, dass wir einen Naziaufmarsch einfach so hinnehmen w\u00fcrden, hat sich get\u00e4uscht. Die Neonazis der 'Kameradschaft NeuUlm' haben es nur dem bayerischen Polizeistaat zu verdanken, dass sie nicht von der Stra\u00dfe gefegt wurden. F\u00fcr uns wird ein Neonazi-Aufmarsch nie Normalit\u00e4t sein, genausowenig wie ein Gesellschaftssystem, das nicht zuletzt den Faschismus produziert. (...) Faschismus bek\u00e4mpfen, Kapitalismus abschaffen!\"297 Die Auseinandersetzungen im linksextremistischen Lager zwischen \"Antiimperialisten\" und \"Antideutschen\" haben auch auf den \"Antifaschismus\" ihre Schatten geworfen. Provokantes Auftreten von \"Antideutschen\" auf \"antifaschistischen\" und sonstigen Demonstrationen, ausger\u00fcstet mit Israelideologische fahnen, f\u00fchrte zu heftigen Kontroversen zwischen verfeindeten GruppieSpaltung rungen im eigenen Lager. Den einen galt die Israelfahne als \"nicht nur eine schw\u00e4cht National-, sondern auch eine Meinungsfahne\"298 und als eine \"Provokation\", die Szene 297 \"Erkl\u00e4rung zum Neonazi-Aufmarsch am 26. Juni 2004\". Homepage der \"Antifaschistischen Aktion Ulm/Neu-Ulm\" vom 20. Oktober 2004; \u00dcbernahme wie im Original. 298 \"Jungle World\" Nr. 14 vom 24. M\u00e4rz 2004, S. 5. 217","den anderen als \"Symbol daf\u00fcr, dass wir uns als B\u00fcndnispartner Israels verstehen\", als Zwang zum Bekenntnis \u00fcber \"antifaschistische\" Floskeln hinaus und schlie\u00dflich als \"die wohl eindeutigste Bekundung eines konkreten Antifaschismus\" 299. \u00c4hnliche, allerdings nicht gewaltt\u00e4tige Vorf\u00e4lle wie in Hamburg im Januar 2004, wo es auf einer Demonstration erstmals zu einer Massenschl\u00e4gerei unter \"Linken\" gekommen war, ereigneten sich auch in Baden-W\u00fcrttemberg. Israelfahnen und die Fahnen der einstigen Anti-Hitler-Koalition tauchten am 23. Februar 2004 auf einer \"Antifa-Demo\" in Pforzheim auf. Erst im Nachhinein allerdings l\u00f6sten \u00fcber \"Indymedia\" ver\u00f6ffentlichte Photos eine heftige Diskussion aus. F\u00fcr die n\u00e4chste Demonstration am gleichen Ort am 3. April 2004 untersagten Organisatoren der Veranstaltung das Mitf\u00fchren von Israelfahnen. Eine \"antideutsch-kommunistische Koordination Baden-W\u00fcrttemberg\" (ADKK) \u00e4u\u00dferte daraufhin ihr Unverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, \"wie eine Demo oder eine Organisation, die sich als antifaschistisch ansieht, es fordern beziehungsweise zulassen kann, dass die Fahne, welche die eindeutigste Bekundung eines konkreten Antifaschismus ist, von einer antifaschistischen Kundgebung/Demonstration verbannt wird. F\u00fcr uns bedeutet konkreter Antifaschismus, unsere Solidarit\u00e4t mit Israel zu bekunden. (...)\" 300 Neben den fortdauernden internen Querelen war ein weiterer Tiefschlag f\u00fcr die \"antifaschistische Bewegung\" die Beobachtung, dass \"Neonazis\" mittlerweile auch auf dem ureigenen Themenfeld f\u00fcr Linksextremisten, der \"sozialen Frage\", Fu\u00df gefasst haben. Die Aufmerksamkeit, die Versuchen von Rechtsextremisten gewidmet wurde, sich in die Demonstrationen gegen \"Sozialabbau\" einzureihen, zeigte, dass eine unbehelligte Teilnahme von Rechtsextremisten an solchen Veranstaltungen unerw\u00fcnscht war. Au\u00dferdem wurden immer wieder Appelle ver\u00f6ffentlicht, keine Rechtsextremisten auf Demonstrationen zu dulden. Anzeichen f\u00fcr eine bewusste Tolerierung durch Linksextremisten gab es denn auch nicht, geschweige denn solche f\u00fcr eine erfolgreich praktizierte \"Querfrontstrategie\"301. Als Alarmsignal wurden die Wahlerfolge rechtsextremistischer Parteien bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, vor allem aber der Einzug der NPD in den s\u00e4chsischen Landtag gewertet. Insbesondere die DKP 299 \"Jungle World\" Nr. 10 vom 25. Februar 2004, S. 5. 300 \"(Links-)Deutsche Bei\u00dfreflexe\" - Flugblatt der ADKK. 301 Gemeinsames Agieren von Linksund Rechtsextremisten bei bestimmten politischen Fragen. 218","Linksextremismus registrierte diese Entwicklung mit \"gro\u00dfer Sorge\". Das Parteiorgan \"Unsere Zeit\" (UZ) zitierte die stellvertretende Parteivorsitzende mit den Worten: \"Unabh\u00e4ngig davon, ob eine faschistische Herrschaftsvariante heute in der strategischen Planung des Gro\u00dfkapitals Ber\u00fccksichtigung findet: Die faschistischen Parteien binden sozialen Widerstand. Sie sind zudem n\u00fctzlich, um Angst und Unsicherheit zu verbreiten und gegen Linke Terror auszu\u00fcben. Sie erf\u00fcllen eine Funktion im und f\u00fcr das System.\" 302 Die Partei bekundete daher ausdr\u00fccklich ihre Absicht, den \"antifaschistischen Widerstand\" und Aktivit\u00e4ten gegen die \"Rechtsentwicklung\" zu unterst\u00fctzen und zu f\u00f6rdern. 302 UZ Nr. 45 vom 5. November 2004, S. 1. 219","D. SCIENTOLOGY-ORGANISATION (SO) Gr\u00fcndung: 1954 in den USA, 1970 erste Niederlassung in Deutschland, 1972 erste Niederlassung in Baden-W\u00fcrttemberg Gr\u00fcnder: Lafayette Ronald HUBBARD (1911-1986) Nachfolger: David MISCAVIGE (Vorstandsvorsitzender \"Religious Technology Center\", RTC) Sitz: Los Angeles (\"Church of Scientology International\", CSI) Mitglieder: Baden-W\u00fcrttemberg ca. 1.100 (2003: ca. 1.200)303 Bundesgebiet ca. 5.000 - 6.000 (2003: ca. 5.000 - 6.000) weltweit ca. 100.000 - 120.000 (2003: ca. 100.000 - 120.000) Publikationen: \"Dianetik-Post\", \"Freiheit\", \"Free Mind\", \"Prosperity\", \"International Scientology News\", \"Impact\", \"The Auditor\", \"Advance!\" u.a. 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen \"Und zum Teufel mit der Gesellschaft! Wir machen eine neue.\"304 Die intensivierten Bestrebungen der SO, das Gemeinwesen zu durchdringen und auf breiter Basis \u00fcber Managementund Personalberatung Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen, verliefen weitgehend ergebnislos. Gr\u00fcnde sind die fortschreitende Sensibilisierung in der Bev\u00f6lkerung als Folge der seit Jahren betriebenen Aufkl\u00e4rungsarbeit unter anderem des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz, die Stagnation des Mitgliederbestands und insbesondere eine nicht ausreichende Zahl von SO-Anh\u00e4ngern im Wirtschaftsbereich. Expansion Um ihre Expansion voranzutreiben, hat die Organisation in Baden-W\u00fcrtals Ziel temberg neue \"Missionen\" und Anlaufstellen gegr\u00fcndet, von denen allerdings im Jahr 2004 noch keine wesentlichen Aktivit\u00e4ten ausgingen. Inwieweit ihnen eine dauerhafte Etablierung gelingen wird, bleibt abzuwarten. Derartige Neugr\u00fcndungen waren in Baden-W\u00fcrttemberg bislang wenig erfolgreich. In der \u00f6ffentlichen Darstellung d\u00fcrfte zuk\u00fcnftig noch st\u00e4rker auf \"Sozialprogramme\" wie die angebliche Drogenhilfe \"Narconon\" oder auf Nachhilfeangebote abgehoben werden. 303 Der geringeren Zahl liegt eine gegen\u00fcber den Vorjahren verbesserte Erkenntnislage zugrunde. Nicht mehr zugerechnet werden Personen, die sich inzwischen nicht mehr f\u00fcr die SO engagieren oder sich von der Organisation zur\u00fcckgezogen haben, ohne einen offenen Bruch mit ihr zu vollziehen. 304 L. Ron HUBBARD, zitiert in: Rundbrief der \"Scientology Gemeinde Baden-W\u00fcrttemberg\", August 2004. 220","Scientology-Organisation Die SO bem\u00fcht sich um intensive Unterst\u00fctzung durch staatliche Stellen in den USA, indem sie haltlose Vorw\u00fcrfe im Hinblick auf angebliche Diskriminierungen ihrer Mitglieder in Deutschland in den Raum stellt. Gleichzeitig versucht sie nach au\u00dfen das Bild einer scheinbar unpolitischen und demokratiekonformen Religionsgemeinschaft zu vermitteln. Damit will die SO jedoch die \u00d6ffentlichkeit t\u00e4uschen. Tats\u00e4chlich enth\u00e4lt HUBBARDs Lehre zahlreiche Anhaltspunkte f\u00fcr verfassungsfeindliche Bestrebungen. Im November 2004 wies das Verwaltungsgericht K\u00f6ln305 eine Klage der Beobachtung der \"Scientology Kirche Deutschland\" (SKD) auf Einstellung der Beobachtung SO zul\u00e4ssig durch das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz ab. Das Gericht stellte fest, dass wesentliche Grundund Menschenrechte wie die Menschenw\u00fcrde, das Recht auf freie Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit oder auf Gleichbehandlung nach dem Willen von Scientology au\u00dfer Kraft gesetzt oder eingeschr\u00e4nkt werden sollen. Zudem strebe die Organisation eine Gesellschaft ohne allgemeine und gleiche Wahlen an. Die Beobachtung sei somit rechtm\u00e4\u00dfig. Die SKD hat Rechtsmittel eingelegt. 2. Politische Bestimmtheit und strategische Vorgehensweise \"Die Zeiten m\u00fcssen sich \u00e4ndern. Heute balancieren wir als Kultur am Rande der Zerst\u00f6rung. Ob die Zerst\u00f6rung mit einem dramatischen Knall, durch politische Aufst\u00e4nde oder in einem schrittweisen sozialen Verfall erfolgt, ist nebens\u00e4chlich. Sie wird kommen. (...) Wir sind die einzige Gruppe auf der Erde, die tats\u00e4chlich \u00fcber eine funktionierende L\u00f6sung verf\u00fcgt. (...) Wir d\u00fcrfen es nicht zulassen, dass uns irgendwelche Repressalien seitens Regierungen, Kampagnen von unf\u00e4higen ,Heilern', die selbst bereits versagt haben, oder irgendwelche angedrohten Verh\u00f6hnungen oder Bestrafungen im Wege stehen. (...) Die Zeiten m\u00fcssen sich \u00e4ndern. Und wir, die Scientologen, sind diejenigen, die sie ver\u00e4ndern.\"306 Die SO betrachtet die Programmatik ihres Gr\u00fcnders als einzig funktionierende Sozialund Verwaltungs-\"Technologie\" und als Gegenentwurf zur 305 Urteil des Verwaltungsgerichts K\u00f6ln vom 11. November 2004, Az.: 20 K 1882/03. 306 L. Ron HUBBARD, zitiert in: Flugblatt \"Die Zeiten m\u00fcssen sich \u00e4ndern\", Copyright 2004. 221","bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung, die als angeblich dekadent und dem Untergang geweiht dargestellt wird. Sie nimmt nicht offen an politischen Willensbildungsprozessen teil und betreibt zur Durchsetzung ihres umfassenden Machtanspruchs eine langfristig ausgerichtete Expansionsstrategie, die vor allem auf Meinungsf\u00fchrer und Entscheidungstr\u00e4ger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zielt. Zum Beispiel behauptete die Lafayette Ronald Organisation im Jahr 2004, einen Mandatstr\u00e4ger des HUBBARD Europaparlaments sowie zwei Vertreter der Europ\u00e4ischen Kommission f\u00fcr sich gewonnen zu haben.307 Sie propagierte auch Eroberung von erneut, Scientologen sollten \"Schl\u00fcsselpositionen\" in der Gesellschaft \"Schl\u00fcssel\"erobern\". Auf diese Weise will sie langfristig Staat und Gesellschaft mit den positionen\" in eigenen Konzepten durchdringen und Einfluss auf Meinungsbildungsund der Gesellschaft Gesetzgebungsprozesse aus\u00fcben. Speziell in Wirtschaft und Politik ist der geplant umfassende Einsatz von Beratern vorgesehen. Ein Leitartikel in einer SOZeitschrift legt hierzu dar: \"Sie sind ganz sicher berechtigt, das zu st\u00f6ren, was lachhafterweise Selbstbestimmung genannt wird - (...) ,Was ist ein Scientologe?' (...) Er ist ein Schwierigkeiten-Beseitiger f\u00fcr das Individuum, f\u00fcr Kinder, die Familie und die politische und \u00f6konomische Gruppe. (...) Eine weitere Sache, die ein Scientologe sein k\u00f6nnte, ist ein Berater f\u00fcr diejenigen, die f\u00fcr Leitung und Planung politischer und \u00f6konomischer Gruppen verantwortlich sind.\"308 Erkl\u00e4rtes Ziel von \"Applied Scholastics\" (ApS)309 ist es, \"ganze Schulsysteme zu durchdringen.\"310 Die konsequente Durchsetzung dieses Programms soll langfristig in eine radikale politische Systemver\u00e4nderung m\u00fcnden. Aus Sicht der SO handelt es sich bei ihrer Lehre um nicht zur Disposition stehende \"Wahrheiten\". Auf Kritik, insbesondere von Au\u00dfenstehenden, reagiert sie daher in der Regel mit heftigen Angriffen. Sie unterstellt Kritikern niedere Beweggr\u00fcnde und ein hohes Ma\u00df an Intoleranz. 307 Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 28/2004, S. 44ff. 308 L. Ron HUBBARD, zitiert in: Leitartikel \"Was ist ein Scientologe?\", Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 25/2003, S. 4ff. 309 SO-Hilfsorganisation, die scientologische Lerntechniken anbietet. 310 Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 28/2004, S. 10. 222","Scientology-Organisation Dar\u00fcber hinaus versucht die SO seit Jahren, auf die \u00f6ffentliche Meinungsbildung durch Kampagnen Einfluss zu nehmen, etwa durch LeserbriefakKampagnen tionen, wobei die inhaltliche Richtung von der Organisation vorgegeben wurde. Zum Beispiel sollte der Eindruck erweckt werden, B\u00fcrger, die anscheinend nichts mit Scientology zu tun haben, emp\u00f6rten sich \u00fcber eine ungerechte Presseberichterstattung gegen\u00fcber der SO. Ferner wurden Hinweise auf gesteuerte Protestaktionen bekannt, um die T\u00e4tigkeit der Legislative im eigenen Sinne zu beeinflussen. Auch dabei sollte der Eindruck erweckt werden, dass hinter Protestschreiben entr\u00fcstete B\u00fcrger ohne Bezug zu Scientology stehen. Derartige Aktionen richten sich insbesondere gegen Gesetzesentw\u00fcrfe mit Bezug zur Psychiatrie, die die SO zu einem ihrer \"Hauptfeinde\" erkl\u00e4rt hat. Ein SO-Funktion\u00e4r forderte Scientologen dazu auf, sich bei dem Verantwortlichen einer Studie zu Gef\u00e4hrdungspotenzialen so genannter Sekten und Psychogruppen massiv \u00fcber eine von ihm angeblich verbreitete Hysterie zu beschweren. Ferner war Ziel der Aktion, den Adressaten mit zahlreichen Protestbriefen zu besch\u00e4ftigen und zeitlich zu binden. Solche Aktionen erfolgen grunds\u00e4tzlich unter Federf\u00fchrung des \"Office of Special Affairs\". 3. Das \"Office of Special Affairs\" (OSA) \"Wenn irgendwo ein Angriff auf Scientology beginnt, schauen wir uns die Leute an, die daran beteiligt sind, und legen sie lahm. (...) Wir kennen unsere Feinde, ehe sie zuschlagen. (...) Nachrichtendienstliche Wachsamkeit, sogar dann, wenn wir keine Akten haben, zahlt sich aus in Form von Ruhe, Wachstum und Fortschritt. (...) Wenn wir es f\u00fcr n\u00f6tig erachten, jemandem nachzustellen, dann untersuchen wir.\"311 Zur Durchsetzung ihrer Ziele unterh\u00e4lt die SO unter der Bezeichnung OSA einen eigenen Geheimdienst. Er dient der Diffamierung von Gegnern und Aufgaben Kritikern, deren Ausforschung mit nachrichtendienstlichen Mitteln und der Beseitigung jeglichen Widerstands gegen die Expansion der Organisation.312 311 L. Ron HUBBARD, \"Handbuch des Rechts\", Kopenhagen, 1979 (Copyright 1989), S. 2ff. 312 Die Hamburger Verfassungsschutzbeh\u00f6rde hat unter dem Titel \"Der Geheimdienst der ScientologyOrganisation\" eine umfassende Analyse ver\u00f6ffentlicht, URL: http://fhh.hamburg.de. 223","Das OSA unterh\u00e4lt B\u00fcros in den \"Class V Orgs\"313, darunter auch in der \"Org\" in Stuttgart. Im Jahr 2004 wurde erneut deutlich, dass das OSA eine systematische und computergest\u00fctzte Sammlung und Auswertung personenund sachbezogener Daten betreibt. So ist vorgesehen, dass OSA-B\u00fcros Lageberichte bei der Zentrale in den USA w\u00f6chentlich computerlesbare Lageberichte nach einem vorgegebenen Raster abgeben sollen. Hierzu geh\u00f6ren folgende Punkte: vermutete oder festgestellte Sicherheitsprobleme in SO-Niederlassungen unter Angabe der Namen der Verantwortlichen beziehungsweise Verd\u00e4chtigen, unzufriedene Scientologen unter Angabe der Namen beziehungsweise Angabe der Scientologen, die vorab einbezahlte Gelder zur\u00fcckverlangen, drohende oder eingereichte gerichtliche Klagen gegen die Organisation, \"Razzien\"314 oder Alarm in Bezug auf bef\u00fcrchtete polizeiliche Durchsuchungen von Niederlassungen und Information bei Inhaftierung von Scientologen, kritische Medienberichte \u00fcber die SO unter Angabe des Senders beziehungsweise der Zeitung sowie der verantwortlichen Journalisten. Ferner soll \u00fcber die eingeleitete \"Handhabung\" \"negativer Presse\" berichtet werden. Sammlung Insbesondere der letzte Punkt zeigt auf, dass das OSA gezielt Informationen von Informationen \u00fcber externe Kritiker sammeln will. Auf eine unerw\u00fcnschte Berichterstat\u00fcber Kritiker tung (\"Entheta315 Presse\") kann es durchaus auch mit gerichtlichen Klagen reagieren, um Medien m\u00f6glichst zu einer zumindest sehr zur\u00fcckhaltenden Berichterstattung zu veranlassen. Auf der Grundlage von HUBBARDs unver\u00e4ndert g\u00fcltigen Richtlinien ist das langfristige Ziel die \"Schaffung von PR-Gebietskontrolle\". Damit will das OSA \"die Richtung der Gesellschaft \"PR-Gebietsver\u00e4ndern.\"316 \"PR-Gebietskontrolle\" bedeutet faktisch die Erringung einer kontrolle\" Art regionaler Meinungshoheit in der Medienlandschaft, in der eine kritische Berichterstattung \u00fcber die SO nicht oder nur noch eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich sein soll. Der erw\u00fcnschte Idealzustand wird in einer internen Richtlinie mit dem Begriff \"MACHT-QUALIT\u00c4T\" umschrieben: Das OSA \"hat PR-Gebietskontrolle zu solch einem Punkt aufgebaut, dass jegliche Atta313 Die einer SO-Basisorganisation \u00fcbergeordnete Einheit mit breiterem Dienstleistungsangebot. 314 \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz. 315 SO-Fachausdruck: Jede Kritik an Scientology ist f\u00fcr die SO per se \"Entheta\", das hei\u00dft verlogen, verleumderisch und destruktiv. 316 \"Office of Special Affairs International Newsletter\" Ausgabe 2, 1996, S. 1, \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz. 224","Scientology-Organisation cken gegen die lokale Organisation durch die Leute im Gebiet zur\u00fcckgewiesen werden.\" Es \"hat vollst\u00e4ndige Information \u00fcber jegliche potenzielle Angreifer der Organisation\" und \"isoliert und handhabt jegliche Gruppen, die gegen\u00fcber der Organisation feindlich eingestellt sind.\"317 4. Expansionsbestrebungen in Baden-W\u00fcrttemberg \"Eine Org ist eine Auditing318Fabrik, (...) Das ist der grundlegende Weg, wie wir die Welt gewinnen werden - Auditing.\"319 Die Expansion des Scientology-Netzwerks ist weiterhin das oberste Ziel des Managements. Die SO propagierte 2004 ein \"unnachgiebig[es] Vorankommen mit unseren strategischen Programmen, um massive Expansion auf allen Sektoren zu erreichen, (...)\"320 Dabei wurde gefordert: \"Wir! gestalten die Zukunft von Baden-W\u00fcrttemberg!!\"321 Gleichzeitig wurde der Anspruch F\u00fchrungsanspruch erhoben, dass die SO in Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fchrend und beispielgebend in Deutschland sein und ihren Einfluss auf ganz Baden-W\u00fcrttemberg ausdehnen solle. 4.1 Bestehende Organisationsstruktur Die Niederlassungen in Baden-W\u00fcrttemberg sind Teil einer weltweit t\u00e4tihierarchische gen, hierarchisch gegliederten Organisation, die \u00fcber eine enorme finanStruktur zielle Schlagkraft verf\u00fcgt. Die seit l\u00e4ngerem gefestigte Struktur umfasst hierzulande eine \"Class V Org\"322 in Stuttgart und \"Missionen\" in Ulm, Karlsruhe, G\u00f6ppingen und Heilbronn, wobei Letztere \u00fcber nur wenige Mitglieder verf\u00fcgt. Bedeutungslos sind die \"Mission\" in Reutlingen und die \"Scientology-Gemeinde\" in Freiburg im Breisgau. Eine gr\u00f6\u00dfere \"Feldauditorengruppe\"323 ist in Kirchheim/Teck aktiv. Die \"Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte\" (KVPM), eine Hilfsorganisation der SO, betreibt Vereine in Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg im Breisgau, die ungeachtet der nominellen Mitgliederzahl von nur wenigen Aktivisten getragen KVPM-Logo werden. 317 L. Ron HUBBARD, zitiert in: \"Qualit\u00e4t der Abteilungen Checklisten\", 1990, S. 13, \u00dcbernahme wie im Original. 318 \"Auditing\": Scientology-Psychotechnik zur Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung. 319 L. Ron HUBBARD, \"F\u00fchrungsanweisung LRH ED 67 INT\", \"Wie man Statistiken erh\u00f6ht\", Copyright 2002, im Jahr 2004 unter deutschen Scientologen gestreut. 320 Flugblatt \"Neujahrsevent 2004\", Stuttgart. 321 Flugblatt \"Einladung zum Clear Expansionsevent\", August 2004, \u00dcbernahme wie im Original. 322 Vgl. Fu\u00dfnote 313. 323 \"Feldauditoren\": Personen, die scientologische Verfahren au\u00dferhalb der \"Org\" anwenden. 225","In Baden-W\u00fcrttemberg sind mit Schwerpunkt im Mittleren Neckarraum sch\u00e4tzungsweise bis zu 60 Mitglieder (Einzeloder Firmenmitgliedschaft) des SO-Wirtschaftsverbands \"World Institute of Scientology Enterprises\" (WISE) in unterschiedlichem Ma\u00df aktiv. Ziel von WISE ist die Verbreitung der Lehre HUBBARDs in Politik und Wirtschaft. In Stuttgart befindet sich WISE-Logo ein \"WISE Charter Committee\" (WCC) als \"Justiz\"-Stelle f\u00fcr WISE-Mitglieder. Diese bet\u00e4tigen sich h\u00e4ufig in der Informationsund Kommunikationsbranche, im Immobilienund Finanzdienstleistungssektor sowie in der Managementberatung, wobei derzeit etwa ein halbes Dutzend Firmen f\u00fcr Managementtraining in den R\u00e4umen Stuttgart und Karlsruhe von BedeuWCC-Logo tung ist. 4.2 \"Central Orgs\" und neue Niederlassungen Das Management will im Rahmen einer internationalen Kampagne zahlreiAufwertung der che \"Class V Orgs\", darunter auch die in Stuttgart, zur \"idealen\" und zur \"Org\" Stuttgart \"Central Org\" aufwerten. \"Central Orgs\" m\u00fcssen k\u00fcnftig die regionalen geplant Aktivit\u00e4ten der meisten SO-Hilfsorganisationen koordinieren. Das Management ist offenbar davon \u00fcberzeugt, dass \"Central Orgs\" in repr\u00e4sentativen Geb\u00e4uden nachhaltig dem Image der Organisation dienen und zu steigenden Statistiken f\u00fchren. Neugr\u00fcndungen Die SO hat in Baden-W\u00fcrttemberg dar\u00fcber hinaus die Gr\u00fcndung von \"Missionen\" beziehungsweise Gruppen in Leinfelden-Echterdingen, Welzheim, Weinstadt-Schnait sowie einer \"K\u00fcnstlermission\" in Stuttgart bekannt gegeben. Ebenfalls in Stuttgart wurde ein \"Professionelles Lerncenter\" gegr\u00fcndet. Diese Einrichtung der ApS befindet sich in demselben Geb\u00e4ude wie die KVPM Stuttgart. Solche Anlaufstellen haben wie die bereits im Jahr 2003 neu gegr\u00fcndeten \"Missionen\" in Sinsheim, Baindt/Krs. Ravensburg und Stuttgart gemeinsam, dass hinter ihnen bisher nur einzelne Personen stehen. Von den meisten dieser teilweise nach au\u00dfen nicht als Scientology-Adressen ausgewiesenen Niederlassungen wurden 2004 keine nennenswerten Aktivit\u00e4ten bekannt. Im Jahr 2004 traten die ApS-Einrichtungen in Stuttgart und die \"Missionen\" in Sinsheim, Welzheim und Leinfelden-Echterdingen jedoch mit Werbeaktionen bezieWerbung bei hungsweise Handzetteln in Erscheinung. In Welzheim wurden im Rahmen Kindern der Stra\u00dfenwerbung auch Kinder angesprochen, um sie dazu zu bewegen, das \"Dianetik Zentrum\" im Ort zu besuchen. Die \"Mission\" in LeinfeldenEchterdingen verf\u00fcgt als \"Dianetik Fachgruppe\" \u00fcber eine Internetpr\u00e4senz. 226","Scientology-Organisation Dar\u00fcber hinaus gab es vereinzelt Hinweise auf interne Treffen, Seminare in kleinem Kreis oder Anwerbungsversuche. Die neuen Einrichtungen dienen auch dazu, Vorgaben des Managements zu erf\u00fcllen, positive Statistiken vorzuweisen und nach au\u00dfen den Eindruck einer st\u00e4ndigen Expansion zu erwecken. Einige juristische Erfolge im Jahr 2003324, die Kampagnen unter dem Motto \"Ideale Org\" und \"Central Org\" sowie der geplante Kauf eines repr\u00e4sentativen Geb\u00e4udes in Zentrumslage f\u00fcr die Stuttgarter \"Org\" haben zu einer gewissen Aufbruchstimmung im Scientology-Milieu Quelle: \"Scientology News\", Baden-W\u00fcrttembergs gef\u00fchrt. Dennoch konnte Ausgabe 27 die SO ihre Stagnation nicht \u00fcberwinden, weil sich trotz hohen WerbeaufMitgliederwands die Mitgliedergewinnung schleppend gestaltete. Zwar behauptete werbung wenig das Management wie stets eine Expansion, jedoch beklagten manche Scienerfolgreich tologen eine zu geringe Zahl von Neuanwerbungen. Unzufriedenheit \u00fcber diese Mitgliedersituation besteht auch bei der SO-Europazentrale in Kopenhagen. 4.3 Milieu und Mitgliedergewinnung Die SO verf\u00fcgt in Baden-W\u00fcrttemberg \u00fcber einen Mitgliederstamm von etwa 1.100 Personen, wobei interne Verlautbarungen von h\u00f6heren, aber nicht gravierend abweichenden Zahlen ausgehen. Erkennbar wird inzwischen eine im Trend eher wachsende Zahl von mittlerweile g\u00e4nzlich inaktiven Scientologen beziehungsweise Sympathisanten, die auf Distanz zur Organisation gegangen sind, ohne sich offen von ihr abzuwenden. Mitunter spielen dabei auch gro\u00dfe finanzielle Probleme eine Rolle, die eine weitere Inanspruchnahme des teuren Scientology-Kurssystems nicht mehr erlauben. Auch das Spendenaufkommen ist zur\u00fcckgegangen. Dennoch konnte Spendenaufdie SO bei Einzelveranstaltungen im Land fallweise Spenden von \u00fcber kommen trotz 100.000 Euro akquirieren. R\u00fcckgang hoch Die Altersstruktur der \"Scientology-Organisation\" in Baden-W\u00fcrttemberg ist insgesamt heterogen, wobei die Gruppe der zwischen 40 und 50 Jahre Altersstruktur alten Mitglieder mit rund 40 Prozent eindeutig dominiert. Etwa 20 Prozent der Mitglieder sind \u00fcber 50 Jahre alt. Rund weitere 20 Prozent geh\u00f6ren der Altersgruppe der 30bis 39-J\u00e4hrigen an. Die \u00fcbrigen 20 Prozent verteilen 324 Vgl. Verfassungsschutzbericht Baden-W\u00fcrttemberg 2003, S. 263ff. 227","sich auf die j\u00fcngere Generation unter 30. Jugendliche und junge Menschen kommen in der Regel \u00fcber ihre Eltern zur SO. Kinder werden nach der Lehre HUBBARDs als Erwachsene in kleinen K\u00f6rpern angesehen. Sie werden ebenfalls problematischen Prozeduren wie dem Indoktrination \"Reinigungsverfahren\"325 unterworvon Kindern fen. Einige besonders \u00fcberzeugte Scientologen sind auch bereit, ihre noch nicht vollj\u00e4hrigen Kinder von der \"Sea Organization\" (\"Sea Org\") rekrutieren zu lassen. Diese unterh\u00e4lt St\u00fctzpunkte im Ausland und versteht sich als Elite der SO. Sie entsandte auch 2004 \"Recruiter\" nach Baden-W\u00fcrttemberg, um Scientologen f\u00fcr diese paramilit\u00e4risch organisierte und uniformierte Truppe anzuwerben und um Kontrollfunktionen auszu\u00fcben. Manche SO-Anh\u00e4nger schicken ihre Kinder auch auf eine Schule bei Bjerndrup Aabenraa/D\u00e4nemark, die HUBBARD-Lerntechniken anwendet. Sie soll auch der \"Sea Org\" als Rekrutierungsfeld dienen. Die Lebensbedingungen in der \"Sea Org\" werden von Aussteigern, die teilweise aus Baden-W\u00fcrttemberg stammen, als \u00e4rmlich bis desolat beschrieben. interne Eine ganze Reihe von Scientologen ist offenbar mit den Zust\u00e4nden innerKritiker halb der SO unzufrieden. So gibt es die Meinung, das Management repr\u00e4sentiere heute nicht mehr den urspr\u00fcnglichen Willen HUBBARDs. Die unzufriedenen Mitglieder entwickeln bislang aber noch keine Sprengkraft f\u00fcr die Organisation, auch weil sie es zumeist nicht wagen, Kritik offen zu \u00e4u\u00dfern. Viele Scientologen sind eher unpolitisch und betrachten HUBBARDs \"Technologie\" vor allem als Selbstverwirklichungsideologie, ordnen sich aber seiner dogmatischen Lehre und den Vorgaben des Managements in der Regel unter. F\u00fcr zahlreiche Mitglieder an der Basis bleiben nicht nur die Aktivit\u00e4ten des OSA weitgehend im Dunkeln, auch die strategischen Ziele des Managements sind oft nur bruchst\u00fcckhaft bekannt. Daneben gibt es jedoch einen \"harten Kern\" von zumeist hochtrainierten Scientologen, die oft politischer sind, als dies von au\u00dfen zun\u00e4chst wahrnehmbar ist. Insbe325 Das \"Reinigungsverfahren\" (\"Purification Rundown\") besteht im Wesentlichen aus Saunag\u00e4ngen, die sich \u00fcber Wochen hinziehen k\u00f6nnen und der Einnahme hochdosierter Vitamine, darunter Nikotins\u00e4ure. Die Organisation erweckt den Eindruck, es mache immun gegen radioaktive Strahlung. 228","Scientology-Organisation sondere bei diesen Aktivisten offenbaren sich durchaus Elemente fanatiFanatismus scher \u00dcberzeugung und ein gro\u00dfer, ja totaler pers\u00f6nlicher Einsatz f\u00fcr die SO, der bis zur Aufopferung der eigenen materiellen Existenz reichen kann. 4.4 Werbung und Propaganda 4.4.1 Interne Propaganda Um die Vorgaben des Managements zu erf\u00fcllen, versuchte die \"Org\" Stuttgart intensiv, Scientologen als Mitarbeiter zu gewinnen, die teilweise bei der SO im Ausland trainiert werden sollen. Die interne Propaganda unterscheidet sich in Stil und Inhalt gravierend von Werbema\u00dfnahmen, die sich an die \u00d6ffentlichkeit richten. Bei internen Veranstaltungen in Baden-W\u00fcrttemberg, an denen bis zu etwa 250 Personen teilnahmen, forderten Funktion\u00e4re zur Steigerung der Anh\u00e4ngerzahlen auf. Repr\u00e4sentanten der Mitgliederorganisation \"International Association of Scientologists\" (IAS) traten IAS-Logo mit der Forderung auf, Spenden zu leisten. Die SO bewarb intensiv ihr kostentr\u00e4chtiges Kurssystem und propagierte eine k\u00e4mpferische Haltung gegen\u00fcber Kritikern der Organisation: \"Zerschlagen Sie Unterdr\u00fcckung (...) H\u00f6ren Sie auf aggressive L. Ron Hubbard. Als er gefragt wurde, wer den Propaganda PTS/SP-Kurs absolvieren sollte, sagte er: ,Jeder Einzelne von Ihnen. Sie leben in den Vereinigten Staaten. Sie leben in England. Sie haben Regierungen. (...)' Absolvieren Sie den ,Wie man Unterdr\u00fcckung konfrontiert und zerschl\u00e4gt'-PTS/SP-Kurs.\"326 4.4.2 \u00d6ffentliche Werbekampagnen und T\u00e4uschungsman\u00f6ver Nach au\u00dfen will die SO dagegen ein g\u00e4nzlich anderes Bild vermitteln. \u00d6ffentliche Kampagnen stellen individuelle Lebenshilfe in den Vordergrund und verschweigen die politischen Ziele der SO. Stra\u00dfenwerbung (so genanntes \"Body Routing\") und Kontaktaufnahmen durch Scientologen in ihrem pers\u00f6nlichen Umfeld sind wesentliche Elemente der Mitgliederwerbung. Die Organisation f\u00fchrte in zahlreichen Kommunen im Land Stra\u00dfenaktionen durch, unter anderem in Stuttgart, Karlsruhe, Ulm und Konstanz mit Informationsst\u00e4nden oder gelben Gro\u00dfraumzelten und einheitlich gelb gekleideten so genannten \"Ehrenamtlichen Geistlichen\" (\"Volunteer Ministers\"). Begleitend versandte sie im Rahmen einer \"Bibliothekenkam326 Zeitschrift \"International Scientology-News\" Nr. 26/2004, S. 20. 229","pagne\" Brosch\u00fcren oder B\u00fccher an Beh\u00f6rden. Dabei erweist sich die der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentierte Selbstdarstellung als systematische T\u00e4uschung. Die SO behauptet zum Beispiel, weltweit \u00fcber acht Millionen Mitglieder zu \u00fcberh\u00f6hte verf\u00fcgen. Diese Zahl hat jedoch keinerlei ernsthafte Grundlage. Tats\u00e4chlich Mitgliederbel\u00e4uft sich ihre Anh\u00e4ngerzahl insgesamt auf etwa 100.000 bis 120.000 Perzahlen sonen, von denen rund die H\u00e4lfte in den USA lebt.327 Ein Wissenschaftler \u00e4u\u00dferte, dass die Behauptungen wohl nur so erkl\u00e4rbar seien, dass jede Person mitgez\u00e4hlt w\u00fcrde, die jemals einen Basiskurs belegt oder nur ein Buch gekauft habe.328 T\u00e4uschungsAuch in einer 2004 ausgestrahlten Fernsehreportage eines Privatsenders man\u00f6ver \u00fcber eine Zeltaktion der SO in Stuttgart wurde die \u00d6ffentlichkeit manipuliert. Zwei interviewte Frauen erweckten den Eindruck von begeisterten Passantinnen, die das erste Mal Bekanntschaft mit HUBBARD-Techniken gemacht haben: \"Ich bin jetzt wirklich \u00fcberrascht. Ich bin da reingegangen und - ist eigentlich ganz anders, wie ich's gedacht habe.\" Tats\u00e4chlich handelte es sich aber um langj\u00e4hrige Scientologinnen. In den USA t\u00e4uschte eine SO-Nebenorganisation beispielsweise eine falsche Referenz vor. Die vermeintliche Drogenhilfe \"Narconon\" benutzte den Namen einer Wissenschaftlerin ohne deren Wissen als Referenz f\u00fcr die behauptete Wirksamkeit der Drogenentzugsmethode nach HUBBARD. Als sie davon Kenntnis erhielt, forderte sie ultimativ, jegliche Erw\u00e4hnung ihres Namens in Bezug auf \"Narconon\" zu unterlassen. Die Betroffene betrachtete ihre Namensnennung in Zusammenhang mit \"Narconon\" als rufsch\u00e4digend. F\u00fchrende Experten werfen der SO-Teilorganisation \"Narconon\" vor, einige ihrer Theorien seien unverantwortlich und w\u00fcrden nicht auf Fakten beruhen.329 \u00d6ffentliche Werbeaussagen haben intern oft keinen Bestand. Beispielsweise suggeriert die SO Toleranz, indem sie sich mitunter als \"\u00fcberkonfessionell\" darstellt: \"Die Mitgliedschaft in Scientology bedeutet keineswegs, dass Sie ihre gegenw\u00e4rtige Kirche, Synagoge, Moschee oder Ihren Tempel verlassen m\u00fcssten.\"330 Jedoch wurde im Jahr 2004 bekannt, dass ein Scientologe in 327 Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat eine ausf\u00fchrliche Analyse unter dem Titel \"Die Legende von den 8 Millionen Scientologen\" im Internet ver\u00f6ffentlicht, URL: www.verfassungsschutz-bw.de. 328 \"Scientology: Church now claims more than 8 million members\", Deseret Morning News vom 18. September 2004. 329 \"Antidrug program with Scientology links to be investigated\", Associated Press vom 18. Juni 2004. 330 New Era Publications (Hrsg.), \"Was ist Scientology?\", Kopenhagen, 1993, S. 544. 230","Scientology-Organisation Stuttgart mit folgender Begr\u00fcndung als \"Schwierigkeitsquelle\" abqualifiziert worden war: \"R. M. erkl\u00e4rte, dass er neben der Scientology Religion sich auch mit anderen Philosophien und Techniken besch\u00e4ftigt. (...) um mehr Wissen zu erlangen und m\u00f6chte sich nicht einem einzigen Weg anschlie\u00dfen. (...) Aus diesem Grund ist R. kein Mitglied in gutem Ansehen und ist f\u00fcr jegliches Training und Auditing suspendiert.\"331 In aufw\u00e4ndigen Werbebrosch\u00fcren, etwa unter dem Titel \"Menschenrechte als Mission\", stellt die SO nach au\u00dfen Werte wie Toleranz und Meinungsfreiheit in den Mittelpunkt. Im Innern sind jedoch Positionen ma\u00dfgebend, die der Au\u00dfendarstellung diametral gegen\u00fcberstehen. So ist die Aus\u00fcbung Kritik als der Meinungsfreiheit f\u00fcr die Organisation dann ein \"Schwerverbrechen\", \"Schwerverwenn sich jemand kritisch mit ihr auseinandersetzt. Zum Beispiel gelten als brechen\" \"unterdr\u00fcckerische Handlungen\": \"\u00d6ffentliche Aussagen gegen die Scientology (...) Vor staatlichen oder \u00f6ffentlichen Untersuchungen der Scientology feindlich gesinntes Zeugnis abzulegen (...) Das Schreiben von Anti Scientology-Briefen an die Presse (...) Es ist ein Schwerverbrechen, \u00f6ffentlich mit der Scientology zu brechen.\"332 Das Management fordert, entsprechende Wahrnehmungen in Form von \"Wissensberichten\" an die Zentrale in den USA zu \u00fcbermitteln.333 Die Organisation pflegt Feindbilder und stigmatisiert Kritiker als \"antisoziale Pers\u00f6nlichkeiten\" und als Kriminelle: \"Wir finden keine Kritiker der Scientology, die keine kriminelle Vergangenheit haben. (...) Wir erteilen den Ruchlosen langsam und gr\u00fcndlich eine Lektion.\"334 Die SO erweckt gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit den Eindruck, bei ihr als Reduktion der \"Kirche\" stehe der Mensch und dessen geistige Vervollkommnung im Mitglieder Mittelpunkt. Tats\u00e4chlich werden Mitglieder jedoch oftmals auf ihre blo\u00dfe auf ihre Funktionalit\u00e4t reduziert. Im Jahr 2004 wurde folgendes Rundschreiben Funktionalit\u00e4t eines neuen \"Org\"-Mitarbeiters bekannt, der sich dem Mitarbeiterstab wie folgt vorstellte: \"Mein Posten: Call-inner (...) Aufgrund meiner augenblicklichen Statistik, Bits = Bodies in the shop335, bin ich in Non-ex.336 (...) Meine Aufgabe als Call-inner ist es, daf\u00fcr zu sorgen, dass der Akademie-Kursraum 331 Name ge\u00e4ndert, ansonsten \u00dcbernahme wie im Original. 332 L. Ron HUBBARD, Richtlinienbrief \"Unterdr\u00fcckerische Handlungen, Unterdr\u00fcckung der Scientology und von Scientologen\", in: \"Wie man Unterdr\u00fcckung konfrontiert und zerschl\u00e4gt. PTS/SP-Kurs\", Kopenhagen, 2001, S. 129ff. 333 Zum Beispiel in einem Aufruf in der Zeitschrift \"International Scientology News\" Nr. 26/2004, S. 44ff. 334 L. Ron HUBBARD, Bulletin \"Kritiker der Scientology\", in: \"Wie man Unterdr\u00fcckung konfrontiert und zerschl\u00e4gt. PTS/SP-Kurs\", Kopenhagen, 2001, S. 78. 335 \"Bodies in the shop\": Scientology-Statistik f\u00fcr die Anzahl der \"Akademiestudenten\" in einer SO-Niederlassung. Gleichzeitig erhebt die SO den Anspruch, auf Grundlage solcher Statistiken das \"\u00dcberlebenspotenzial\" des f\u00fcr die Statistik Verantwortlichen messen zu k\u00f6nnen. 336 \"Non ex\": Der Mitarbeiter befindet sich - da neu auf dem Posten - gem\u00e4\u00df der scientologischen Lehre im \"ethischen\" Daseinszustand \"Nichtexistenz\" (engl. \"Non Existence\"). 231","m\u00f6glichst bis zum \u00dcberquillen mit Studenten gef\u00fcllt ist, die ihren Trainingsservice geliefert bekommen (...) Ebenso geh\u00f6rt dazu, Publics337 f\u00fcr ihren noch nicht gestarteten Service auf Kurs hereinzuholen (...) Mein Ziel ist es, in m\u00f6glichst kurzer Zeit meine Statistik auf 120 Bodies/Woche hochzubringen (...)\" \"Hilfe\" in Nach Katastrophen oder Terrorakten tauchen oftmals Scientologen bei den Notsituationen Betroffenen auf, um zu \"helfen\". Diese Hilfe besteht den Erfahrungen in Deutschland zufolge jedoch in der Regel in der Verteilung von Werbebrosch\u00fcren und dem Angebot so genannter \"Ber\u00fchrungsbeist\u00e4nde\" (\"touch assists\"), ein Verfahren, das mit einer Art Massage oder Handauflegen verglichen werden kann. Dies dient vor allem einer weiteren Kontaktaufnahme und dazu, der Organisation ein harmloses Image zu verleihen. Nach der Geiselnahme durch tschetschenische Terroristen in einer Schule in Beslan/Kaukasus mit mehr als 300 Toten im September 2004 f\u00fchrte die SO dort eine Missionskampagne durch, die auch auf traumatisierte Kinder abzielte. Das russische Innenministerium untersagte daraufhin diese Aktivit\u00e4ten mit der Begr\u00fcndung, HUBBARD-Psychotechniken stellten unter dem Deckmantel humanit\u00e4rer Hilfe, insbesondere f\u00fcr Kinder und Jugendliche, eine Bedrohung dar.338 Ein im Jahr 2004 unter deutschen Scientologen gestreuter Richtlinienbrief zeigt eine vorbehaltlose Bereitschaft, zu Anwerbezwecken das Mittel der T\u00e4uschung einzusetzen: \"Eine ergiebige Quelle (...) ist Kontakt mit Unfallopfern. Das ist sehr alt, wird fast nie probiert und ist immer ein sagenhafter Erfolg, vorausgesetzt, der Auditor geht es halbwegs auf die richtige Art an. Unter Verwendung seiner Visitenkarte als Geistlicher braucht ein Auditor nur in ein beliebiges nichtkonfessionelles Krankenhaus hineinzuplatzen, sich vom Leiter eine Genehmigung zum Besuch der Stationen zu holen, wobei er nichts von Prozessing339 erw\u00e4hnt, sondern nur davon spricht, sich um das seelische Wohl der Menschen zu k\u00fcmmern, (...) Suchen Sie sich nicht die F\u00e4lle aus, die in sehr schlechter Verfassung und bewusstlos sind. (...) Versuchen Sie nicht zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Dringen Sie durch. Und sogar ein Zeitungsreporter wird Ihnen aus der Hand fressen. 337 \"Publics\": Scientologen, die Dienstleistungen bei einer SO-Niederlassung in Anspruch nehmen. 338 \"Scientology-Mitarbeiter aus Beslan ausgewiesen\", Russland aktuell vom 25. Oktober 2004 URL: www.aktuell.ru. \"Scientologists Sent Packing from Beslan - Police\", Moscow News vom 22. Oktober 2004, URL: www.mosnews.com. 339 \"Prozessing\": Anderer Begriff f\u00fcr die Scientology-Psychotechnik \"Auditing\". 232","Scientology-Organisation (...) Die Welt geh\u00f6rt uns. Nehmen Sie sie in Besitz!\"340 4.5 Verdeckte Werbung In dem informellen Netzwerk \"Neue Impulse\" sind verschiedene ScientoKontakte logy-Anh\u00e4nger im Raum Stuttgart aktiv, die auch Verbindungen zu Personen zu Rechtsmit teilweise rechtsextremistischen \u00dcberzeugungen unterhalten. So wurden extremisten in einer Heftreihe mit dem Titel \"Mehr wissen besser leben\", die zwei SOAnh\u00e4nger aus Stuttgart im Eigenverlag vertreiben, im September 2004 B\u00fccher mit tendenziell rechtsextremistischen Inhalten und antisemitischen Ankl\u00e4ngen vorgestellt und beworben. Zweck dieser Kontakte ist offensichtlich, vor allem \u00fcber esoterische oder alternativmedizinische Themen an Einzelaspekte von HUBBARDs Lehre anzukn\u00fcpfen, um auf diese Weise neue Mitglieder zu rekrutieren. Dabei handelt es sich nicht um offizielle SO-Kontakte, sondern um Aktivit\u00e4ten Einzelner, die von der Organisation aber offenkundig geduldet werden. Im Wirtschaftsbereich ist eine zunehmende \u00fcberregionale Vernetzung zwiSO-Aktivit\u00e4ten schen SO-Mitgliedern, die in der Unternehmensund Managementberain der Unternehtung t\u00e4tig sind, festzustellen. 2004 wurde bekannt, dass Unternehmer und mensund Gesch\u00e4ftsleute \u00fcber bundesweite Vortragsveranstaltungen f\u00fcr Scientology Managementgewonnen werden sollen. Personalberater, die WISE angeh\u00f6ren, offenbaren beratung ihren Hintergrund in der Regel zun\u00e4chst nicht. Sie bieten teilweise online im Internet eine 200 Fragen umfassende Pers\u00f6nlichkeitsanalyse f\u00fcr den Unternehmensbereich an, die jedoch nahezu identisch mit dem kostenlosen \"Oxford Pers\u00f6nlichkeitstest\" ist, welcher vom so genannten \"Kirchenbereich\" der SO zur Mitgliederwerbung verwendet wird und Wissenschaftlichkeit lediglich suggeriert. Dar\u00fcber hinaus erfolgt ein Einstieg bei derartigen Trainings oftmals durch Angebote f\u00fcr Zeitmanagement oder Effizienztraining. Auch hier ist das Ziel, ein Vertrauensverh\u00e4ltnis aufzubauen, das Anwerbeversuche wesentlich erleichtert. Das \"WISE Charter Committee Stuttgart\" behauptet, rund 40 Prozent aller Scientologen, die in der Dienstleistungszentrale \"Flag\" in Clearwater/Florida trainiert werden, seien urspr\u00fcnglich durch Berater des SO-Wirtschaftsverbands zu Scientology gekommen. WISE will totalit\u00e4re Konzepte und Controlling nach HUBBARD auf breiter Front in der Wirtschaft einf\u00fchren. Im Juli 2004 wurde f\u00fcr einen Vortrag in Kirchheim/Teck, dessen Zielgruppe Gesch\u00e4ftsleute waren, geworben. Dabei wurde nicht deutlich gemacht, 340 L. Ron HUBBARD, Richtlinienbrief \"Tipps f\u00fcr die Verbreitung\", Copyright 2002. 233","dass der Referent SO-Anh\u00e4nger ist. Ebenso wenig war f\u00fcr Au\u00dfenstehende erkennbar, dass die Veranstaltung bei einer Feldauditorengruppe341 durchgef\u00fchrt wird. In einem anderen Fall erhielt ein Unternehmen von einem in Baden-W\u00fcrttemberg ans\u00e4ssigen Institut f\u00fcr Managementtraining unaufgefordert Werbung f\u00fcr Seminare im Bereich betrieblicher Organisation und F\u00fchrung sowie f\u00fcr Motivationstraining. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Firma ging auf das Angebot ein und wurde - ohne vorab dar\u00fcber in Kenntnis gesetzt worden zu sein - w\u00e4hrend des folgenden Seminars mit Inhalten der scientologischen Lehre konfrontiert. Ebenso verschwieg der Managementtrainer seine WISE-Zugeh\u00f6rigkeit. Als dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer diese Zusammenh\u00e4nge bewusst wurden, nahm er von weiteren Seminaren Abstand. Hinter individuellen Hilfsangeboten mit scientologischem Hintergrund verbirgt sich grunds\u00e4tzlich das Ziel der Expansion. Gleichg\u00fcltig, ob es sich um angebliche Drogenpr\u00e4vention, Nachhilfeangebote oder Managementtraining handelt: Sie dienen der Anwerbung neuer Scientologen in unterverdeckte schiedlichen Zielgruppen. F\u00fcr die Betroffenen ist dies aber oftmals zun\u00e4chst Werbung nicht ohne weiteres erkennbar. Sie sollen zuerst \"zwanglos\" in Kontakt mit Scientology gebracht werden. Nach anf\u00e4nglich subjektiv positiven Eindr\u00fccken, etwa durch eine Lernhilfe oder in Bezug auf Effizienztraining bei einer Firma, sollen die Betroffenen nach und nach in die Organisation integriert werden. So warb ein Scientologe in einer Publikation f\u00fcr eine \"Anti-Drogenkonferenz\" im Mai 2004 in Stuttgart. Die Einladung enthielt keinen Hinweis auf Scientology. Hinter der f\u00fcr die Anmeldung angegebenen E-Mailadresse und Telefonnummer verbarg sich jedoch die \"Org\" Stuttgart. Im Juni 2004 wurde ein Seminar in einem Hotel in Kirchheim/Teck unter dem Titel \"Lernen wie man lernt\" angeboten. Auch dabei wurde nicht deutlich, dass die Referentin aktive Scientologin ist. 5. Diffamierungskampagnen Die SO versuchte auch im Jahr 2004, das Ansehen der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Repr\u00e4sentanten planm\u00e4\u00dfig herabzusetzen. Die Propaganda, die von ihrer Zentrale in den USA gesteuert wird, zeichnet von Verunglimpfung Deutschland das Zerrbild eines Unrechtsstaates. So wird eine staatliche Deutschlands \"Diskriminierung religi\u00f6ser Minderheiten\" und \"Polizeibrutalit\u00e4t gegen Muslime, \u00fcberwiegend gegen T\u00fcrken und Kurden\" unterstellt.342 Gleichzeitig versucht sie, unterschwellig eine Art geistigen Zusammenhang zwischen 341 Vgl. Fu\u00dfnote 323. 342 \"Freedom\"-Homepage vom 15. April 2004, \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz. 234","Scientology-Organisation der \"diskriminierenden Politik\" von Regierungsstellen in Frankreich und Deutschland und der Sch\u00e4ndung j\u00fcdischer Synagogen durch Extremisten zu konstruieren.343 Mit \u00e4hnlicher Sch\u00e4rfe polemisiert die SO gegen einzelne Kritiker. Sie ver\u00f6ffentlicht deren Fotografien, darunter auch deutsche Staatsb\u00fcrger, und verunglimpft sie als \"antireligi\u00f6se Extremisten.\"344 Die Organisation strebte wie schon in der Vergangenheit eine Zusammenarbeit mit Gruppierungen im Bereich des Islam an. So warb die Stuttgarter \"Org\" im Fr\u00fchjahr 2004 f\u00fcr eine angeblich zusammen mit einem islamischen VerB\u00fcndnispolitik ein initiierte \"Anti-Drogen Initiative in Kairo.\" Die SO-Schrift \"Freiheit\" griff das so genannte Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts in polemischer Weise auf und positionierte sich gegen Gesetzesvorhaben, die das Tragen eines Kopftuches durch muslimische Lehrkr\u00e4fte im Unterricht untersagen sollen. Auch dies d\u00fcrfte dem Ziel dienen, Sympathien bei Muslimen zu gewinnen. Die SO f\u00fchrt ihre Kampagnen auch mittels der Hilfsorganisation KVPM durch, die ihren Hintergrund teilweise nicht offenbart. In hetzerischen Publikationen behauptet sie, Missst\u00e4nde in der Psychiatrie bek\u00e4mpfen zu wollen. Es scheint der KVPM aber vor allem darum zu gehen, Verschw\u00f6rungstheorien, die auf der Lehre des SO-Gr\u00fcnders HUBBARD beruhen, in die Gesellschaft zu tragen. Um staatliche Stellen der USA zu einem T\u00e4tigwerden bei Organen der Bundesrepublik Deutschland zu veranlassen, behauptete die SO gegen\u00fcber der US-Handelsbeauftragten, die Scientology-kritische T\u00e4tigkeit einer Verbraucherschutzorganisation in Baden-W\u00fcrttemberg diene dazu, deutschen Unternehmen Wettbewerbsvorteile gegen\u00fcber amerikanischen Konkurrenten zu sichern. Derartige negative Propaganda k\u00f6nnte auch die Interessen der deutschen Wirtschaft ber\u00fchren. 6. Vertrauliches Telefon Im Rahmen der Beobachtung der SO ist der Verfassungsschutz auch weiterhin auf die Unterst\u00fctzung der Bev\u00f6lkerung angewiesen. Rufen Sie uns an: 0711/9561994. 343 \"Religious Freedom Watch\"-Homepage, Abschnitt \"Anti-Religious Extremists\" vom 19. Oktober 2004, \u00dcbersetzung durch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz. 344 Ebd. 235","E. SPIONAGEABWEHR, GEHEIMUND SABOTAGESCHUTZ 1. Aktuelle Entwicklungen und Tendenzen Die weltpolitische Lage war in den letzten Jahren drastischen Ver\u00e4nderungen unterworfen. Im Mittelpunkt deutscher Sicherheitsinteressen steht inzwischen nicht mehr die klassische Landesverteidigung. Heutzutage stellen - neben dem internationalen Terrorismus und gewaltsam ausgetragenen nationalistisch und ethnisch motivierten regionalen Konflikten - die ABC345-Waffen-F\u00e4higkeit von Krisenl\u00e4ndern346 sowie die immer zahlreicher werdenden Angriffe auf unsere Informationsund Kommunikationssysteme die haupts\u00e4chliche Bedrohung dar. Der anhaltende Nuklearpoker Nordkoreas und die Besorgnis, der Iran k\u00f6nnte neben dem Aufbau eines zivilen Atomprogramms auch die Entwicklung von Kernwaffen erfolgreich vorantreiben, haben die Welt 2004 wiederholt in Unruhe versetzt. Die Politik beider L\u00e4nder l\u00e4sst eine Entwicklung mit m\u00f6glicherweise weit reichenden Konsequenzen erahnen: die Verbreitung milit\u00e4risch nutzbarer Kerntechnik k\u00f6nnte weitere Staaten animieren, selbst nach Atomwaffen zu greifen und damit bedeutsame Verschiebungen der strategischen und milit\u00e4rischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse nach sich ziehen. Auch terroristische Fanatiker k\u00f6nnten den Besitz von Nuklearsprengstoff anstreben. Die westliche Au\u00dfenund Sicherheitspolitik ist daher darauf ausgerichtet, die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und Tr\u00e4gersystemen zu verhindern und bereits die Weitergabe des einschl\u00e4gigen Know-hows und der notwendigen technischen Bausteine zu unterbinden. Die Spionageabwehr des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrtSchwerpunkte temberg (LfV) hat sich deshalb auch 2004 mit Nachdruck der Aufkl\u00e4rung solcher Aktivit\u00e4ten im Interesse fremder Staaten angenommen, bei denen Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass sie als illegal im Sinne des Au\u00dfenwirtschaftsoder Kriegswaffenkontrollgesetzes anzusehen sind und die beteiligten Beschaffungsorganisationen dabei geheimdienstliche oder geheimdienst\u00e4hnliche Methoden anwenden. Die klassischen Felder der Spionage - Politik, Milit\u00e4r und Wirtschaft/Wissenschaft - traten daneben etwas in den Hintergrund, ohne allerdings ihre 345 Atomare, biologische und chemische Waffen. 346 L\u00e4nder, von denen zu bef\u00fcrchten ist, dass von dort aus ABC-Waffen in einem bewaffneten Konflikt eingesetzt werden oder ihr Einsatz zur Durchsetzung politischer Ziele angedroht wird (derzeit: Iran, Nordkorea, Indien, Pakistan, Syrien), vgl. Kapitel 2.1. 236","Spionageabwehr Aktualit\u00e4t zu verlieren. 2004 waren aus Sicht der Spionageabwehr in diesem Zusammenhang die tief greifenden Ver\u00e4nderungen des politischen Systems in Russland sowie die wirtschaftliche Entwicklung in der Volksrepublik China und der dort praktizierte Umgang mit dem geistigen Eigentum Dritter besonders bedeutsam. Die aktuellen Erfahrungen deutscher Firmen und ihrer Repr\u00e4sentanten im Ausland belegen, dass auch weiterhin mit Versuchen gerechnet werden muss, hierzulande erarbeitetes Know-how zum Nulltarif abzusch\u00f6pfen. Einen wichtigen Beitrag zur Aufhellung der Gefahren, die der einheimischen Industrie durch Wirtschaftsspionage und durch die vom LfV mangels Zust\u00e4ndigkeit nicht zu bearbeitende Konkurrenzaussp\u00e4hung drohen, leistet die von der Universit\u00e4t L\u00fcneburg im Auftrag des Sicherheitsforums Baden-W\u00fcrttemberg durchgef\u00fchrte Fallund Schadensanalyse auf dem Sektor Know-how-/Informationsverluste. Durch Interviews und Fragebogenauswertung konnten die Erfahrungen und Einsch\u00e4tzungen von 400 Unternehmen aus Baden-W\u00fcrttemberg zusammengef\u00fchrt werden. Demnach betr\u00e4gt das Gef\u00e4hrdungspotenzial f\u00fcr Produktideen und Produktions-Know-how mehrere Milliarden Euro pro Jahr, immense Sch\u00e4den sind bereits eingetreten. Auch zeigt sich, dass erhebliche Defizite im pr\u00e4ventiven Bereich und bei der Aufarbeitung festgestellter Sicherheitsvorkommnisse bestehen. Die Spionageabwehr hat 2004 erneut an der Bek\u00e4mpfung des Islamismus mitgewirkt. Speziell ihre \u00fcber Jahrzehnte hinweg gesammelten Erfahrungen bei der Beobachtung fremder Nachrichtendienste und aktuelle Erkenntnisse in Bezug auf Vertreter einschl\u00e4gig aktiver Geheimdienste und andere verd\u00e4chtige Akteure waren wichtige Mosaiksteine f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung der Gesamtsituation. Im Rahmen der pr\u00e4ventiven Spionageabwehr wurde der bisherige Kurs Pr\u00e4vention konsequent fortgesetzt. Der Mix aus allgemeiner \u00d6ffentlichkeitsarbeit in den Medien, unternehmensoder themenbezogenen Vortr\u00e4gen und Beratungen sowie der Beteiligung an Sicherheitspartnerschaften hat verst\u00e4rkt Beachtung gefunden und eine rege Nachfrage speziell aus der Wirtschaft hervorgerufen. Im Vordergrund stand das Bem\u00fchen der Unternehmen, ihre Mitarbeiter bei Auslandseins\u00e4tzen m\u00f6glichst optimal auf potenzielle Gefahren vorzubereiten und damit drohenden Informationsverlusten fr\u00fchzeitig vorzubeugen. Besonderes Interesse bestand auch an der Einsch\u00e4tzung technischer Entwicklungen unter Sicherheitsaspekten. Aufgeschreckt durch 237","Medienberichte \u00fcber Schwachstellen bei drahtlosen Kommunikationssystemen hat eine Reihe von Sicherheitsverantwortlichen auf die Kompetenz des LfV zur\u00fcckgegriffen. Solche Kontakte waren auch immer wieder Anlass, ganz generell vor den neuen Dimensionen und der gesteigerten Qualit\u00e4t der Angriffe auf Informationsund Kommunikationssysteme zu warnen. Besondere Probleme ergeben sich hier durch die Anonymit\u00e4t der Akteure, die weltumspannenden M\u00f6glichkeiten des Zugriffs auf die gesamte Infrastruktur einer modernen Informationsgesellschaft sowie durch die Tatsache, dass Auswirkungen oft nur schwer und zu sp\u00e4t erkannt werden. 2. Daten, Fakten, Hintergr\u00fcnde 2.1 Krisenl\u00e4nder Schwerpunkt Die Verbreitung nuklearer, biologischer und chemischer MassenvernichProliferation tungswaffen stellt eines der gr\u00f6\u00dften Bedrohungspotenziale dar. Unbeirrbar halten die so genannten Krisenl\u00e4nder an ihrem Ziel fest, in den Besitz solcher Waffen und der zu ihrem Einsatz ben\u00f6tigten Tr\u00e4gertechnologie zu gelangen. Staaten wie Iran, Nordkorea, Indien, Pakistan oder Syrien sehen darin ein notwendiges Mittel, um \u00e4u\u00dfere Bedrohungen abzuwehren oder politische Forderungen gegen\u00fcber benachbarten L\u00e4ndern oder der internationalen Staatengemeinschaft besser durchsetzen zu k\u00f6nnen. Mit der zunehmenden Zahl der Krisenherde w\u00e4chst auch die Bedeutung der Aufdeckung proliferationsrelevanter Sachverhalte. L\u00e4nder, deren Nachrichtendienste sich um Waffentechnologien beziehungsweise Dual-Use-G\u00fcter347 bem\u00fchen, nutzen teilweise die M\u00f6glichkeit, \u00fcber Tarnorganisationen Kontakte zu hier ans\u00e4ssigen Firmen herzustellen. Gerade im exportorientierten Baden-W\u00fcrttemberg laufen Unternehmen schnell Gefahr, zu Verst\u00f6\u00dfen gegen das Au\u00dfenwirtschaftsgesetz (AWG) und das Kriegswaffenkontrollgesetz (KWKG) verleitet zu werden oder gar mit dem Strafrecht in Konflikt zu geraten. Davon betroffen sind vor allem Firmen, die entsprechende Genehmigungsvoraussetzungen f\u00fcr Exporte in Krisengebiete beachten m\u00fcssen. Beispiel Im Mai 2004 wurde der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer Firma aus K\u00f6nigsbronn/Krs. Heidenheim vom Landgericht Stuttgart wegen Versto\u00dfes gegen das AWG und das KWKG zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Hintergrund des Urteils war sein Versuch, 214 Aluminiumrohre mit einem Gesamtgewicht von rund 22 Tonnen 347 Als \"G\u00fcter mit doppeltem Verwendungszweck\" werden G\u00fcter einschlie\u00dflich Datenverarbeitungsprogrammen und Technologien bezeichnet, die sowohl f\u00fcr zivile als auch milit\u00e4rische Zwecke verwendet werden k\u00f6nnen. 238","Spionageabwehr mit Hilfe einer Hamburger Firma ohne die erforderliche Genehmigung aus dem Europ\u00e4ischen Gemeinschaftsgebiet \u00fcber China nach Nordkorea auszuf\u00fchren. Die Spezifikationen und Abmessungen der Rohre sind f\u00fcr die Herstellung von Gasultrazentrifugen zur Produktion von waffenf\u00e4higem Uran f\u00fcr Kernwaffen oder sonstige Kernsprengk\u00f6rper geeignet. Die Lieferung konnte auf dem Seeweg gestoppt werden. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des beteiligten Hamburger Transportunternehmens, der sich an der verbotenen Ausfuhr beteiligte, wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bew\u00e4hrung verurteilt. Zuwiderhandlungen gegen Ausfuhrverbote und Embargobestimmungen nachrichtenwurden 2004 immer h\u00e4ufiger mit dem Verdacht der geheimdienstlichen dienstliche Agentent\u00e4tigkeit in Zusammenhang gebracht, weil eine Steuerung durch Steuerung den jeweiligen Nachrichtendienst vermutet beziehungsweise nicht ausgeschlossen werden konnte. Nicht selten basieren Proliferationsgesch\u00e4fte348 auf skrupelloser Gewinnsucht unter grober Missachtung der Bedrohung, die mittlerweile von den Krisenl\u00e4ndern ausgeht: So zeigte sich der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Unternehmens, das unter Beispiel anderem mit Maschinen f\u00fcr die Pharmaindustrie handelt, die auch zur Herstellung chemischer Kampfstoffe geeignet sind, uneinsichtig. Nachdem das LfV ihn auf die Gefahren aufmerksam gemacht hatte, k\u00fcndigte er an, seine Gesch\u00e4fte in Zukunft vom benachbarten Ausland aus abwickeln zu wollen. Proliferation wird auch durch illegalen Wissenstransfer beg\u00fcnstigt. Ingenieuren und Wissenschaftlern aus Krisenl\u00e4ndern bieten sich vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten, im westlichen Ausland gezielt einschl\u00e4giges Know-how zu erlangen. Ma\u00dfnahmen des LfV zur Verhinderung von Proliferationslieferungen f\u00fchrten in einem weiteren Fall zu Erkenntnissen \u00fcber einen deutschen Unternehmer, der versucht hatte, bei einem Auslandsaufenthalt illegale Beschaffungsbem\u00fchungen mit seinem Wissen zu unterst\u00fctzen: Ein Ingenieur aus Baden-W\u00fcrttemberg stand mit Rat und Tat einer Beispiel iranischen Beschaffungsdelegation, zu der auch iranische Wissen348 Proliferation: Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen beziehungsweise der zu ihrer Herstellung verwendbaren Produkte einschlie\u00dflich des daf\u00fcr erforderlichen Know-hows sowie von entsprechenden Waffentr\u00e4gersystemen. 239","schaftler geh\u00f6rten, bei dem Versuch zur Seite, im benachbarten Ausland 24 Telemanipulatoren349 zur Bearbeitung von Plutonium zu erwerben. Sie sollten von dort als Bestandteil eines milit\u00e4rischen Nuklearprogramms an den ausl\u00e4ndischen Empf\u00e4ngerstaat f\u00fcr die Handhabung abgebrannter Kernbrennst\u00e4be sowie zur Trennung von Plutonium geliefert werden. Das LfV konnte zur Er\u00f6ffnung des Ermittlungsverfahrens wegen Versto\u00dfes gegen das KWKG und geheimdienstlicher Agentent\u00e4tigkeit gem\u00e4\u00df SS 99 Strafgesetzbuch Hintergrundinformationen beitragen. Nach den Erfahrungen der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden gibt es folgende Anhaltspunkte f\u00fcr illegale Beschaffungsaktivit\u00e4ten durch Krisenl\u00e4nder: Illegale Beschaffungsmethoden - Proliferation 349 Industrieroboter, der von einer Bedienkonsole aus gesteuert wird, um Arbeiten in gef\u00e4hrlicher oder unzug\u00e4nglicher Umgebung zu erm\u00f6glichen; findet beispielsweise auch in der minimal-invasiven Chirurgie Verwendung. 240","Spionageabwehr Die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder haben gemeinsam eine aktualisierte Brosch\u00fcre350 zum Thema Proliferation herausgegeben, die weiterf\u00fchrende Informationen und n\u00fctzliche Kontaktadressen enth\u00e4lt. 2.2 Volksrepublik China Seit Beginn der Reformpolitik Ende der 70erJahre hat die wirtschaftliche Entwicklung Chinas einen atemberaubenden Aufschwung erfahren. Auf dem Land und seiner Wirtschaft ruhen gro\u00dfe Erwartungen. Kaum ein renommiertes Unternehmen kann es sich noch leisten, auf dem wachstumsstarken chinesischen Markt nicht vertreten zu sein. Die Zahl von Produktionsst\u00e4tten und Repr\u00e4sentanzen deutscher Firmen hat sich gegen\u00fcber dem Vorjahr mit weit \u00fcber 2.000 - darunter allein circa 450 aus Baden-W\u00fcrttemberg - deutlich erh\u00f6ht. Der Druck, im \"Reich der Mitte\" zu investieren, ist gr\u00f6\u00dfer als die begr\u00fcndete Sorge, sich auf diese Weise gleichzeitig die eigene Konkurrenz \"heranGefahren zuz\u00fcchten\". Speziell Unternehmen, die sogar ihre Forschungsbereiche dorthin verlagern, laufen Gefahr, ungewollt kostenlose \"Entwicklungshilfe\" zu leisten. Zwar ist China zwischenzeitlich allen internationalen Konventionen zum Schutz geistigen Eigentums beigetreten. Gleichwohl beklagt die deutsche Wirtschaft, dass die Umsetzung der Gesetze vielerorts noch sehr zu w\u00fcnschen \u00fcbrig lasse und es so gut wie nichts gebe, was dort nicht kopiert werde. Die Aussage eines Insiders, \"was Sie an Know-how und Technologie nach China bringen, ist weg\", unterstreicht diese Bef\u00fcrchtungen. In einem metallverarbeitenden Betrieb in Baden-W\u00fcrttemberg ist Beispiel ein chinesischer Praktikant durch die massive Missachtung von Sicherheitsvorschriften aufgefallen, indem er verbotswidrig seinen privaten Laptop in das Unternehmen einschleuste und aus dem firmeninternen Computernetz die gesamten Daten eines kurz vor Beendigung stehenden Projekts auf seine Festplatte lud. Au\u00dferdem bem\u00fchte er sich in aufdringlicher Weise, Gespr\u00e4che von Kollegen mitzuh\u00f6ren und hielt sich bevorzugt auch au\u00dferhalb der \u00fcblichen Arbeitszeiten im Unternehmen auf. 350 Die Brosch\u00fcre \"Proliferation - das geht uns an!\" kann \u00fcber die Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder bezogen werden; sie ist unter anderem auf der Homepage des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg eingestellt. 241","Sofern eine offene Erkenntnisgewinnung nicht m\u00f6glich ist, setzt die Volksrepublik China nach wie vor auf ihre personenstarken Nachrichtendienste. Diese betreiben auch in Baden-W\u00fcrttemberg eine intensive Aufkl\u00e4rung im wirtschaftlichen und wissenschaftnachrichtenlichen Bereich. Hier ist weiterhin eine hohe Anzahl chinesischer Wissendienstliche schaftler und Doktoranden zu beobachten. Sie verf\u00fcgen nicht nur \u00fcber funAktivit\u00e4ten diertes Wissen, sondern haben h\u00e4ufig auch noch unbeschr\u00e4nkten Zugang zu sensiblen Arbeitsbereichen. Dadurch er\u00f6ffnen sich diesem Personenkreis ideale M\u00f6glichkeiten zur Aussp\u00e4hung wertvoller Informationen. In Einzelf\u00e4llen konnten Kontakte zu Nachrichtendienstangeh\u00f6rigen an der Chinesischen Botschaft in Berlin festgestellt werden. Das LfV nahm dies zum Anlass, Wissenschaftsund Forschungseinrichtungen sowie Wirtschaftsunternehmen zu sensibilisieren und auf die besondere Problematik hinzuweisen. Insbesondere wurde der Umgang mit chinesischen Delegationen thematisiert und auf die Risiken des Abhandenkommens von Unterlagen beziehungsweise Laptops und des unbefugten Fotografierens aufmerksam gemacht. Auff\u00e4llig sind ferner Verbindungen von Angeh\u00f6rigen chinesischer Legalresidenturen351 zu landsmannschaftlichen Verb\u00e4nden und Vereinen. Die Vorsitzenden solcher Vereine werden von chinesischen Nachrichtendiensten teilweise ganz gezielt eingesetzt, um sie in ihrem Sinne zu steuern. Besonders verdiente Funktion\u00e4re erhalten Einladungen zu Staatsempf\u00e4ngen. Die Vereine bekommen, sofern sie eine staatstreue Linie verfolgen, finanzielle Unterst\u00fctzung. Funktion\u00e4re chinesischer Studentenvereinigungen beobachten zum Beispiel ihre studierenden Landsleute, um fr\u00fchzeitig oppositionelle Bestrebungen erkennen zu k\u00f6nnen. Angeh\u00f6rige der seit 1999 in China verbotenen Falun-Gong-Bewegung sind - ungeachtet ihrer Nationalit\u00e4t - weiterhin auch im Ausland einer repressiven \u00dcberwachung durch chinesische Nachrichtendienste ausgesetzt. 2.3 Russische F\u00f6deration und andere L\u00e4nder der GUS Russische Seit dem 11. September 2001 treibt die Russische F\u00f6deration den Aufund F\u00f6deration Ausbau ihrer bilateralen Verbindungen zu westlichen Nachrichtenund Sicherheitsdiensten stringent voran. Trotz der wachsenden Intensivierung der deutsch-russischen Beziehungen unternehmen die russischen Nach351 Abgetarnte St\u00fctzpunkte fremder Nachrichtendienste in den offiziellen Vertretungen (insbesondere Botschaften, Konsulate, Handelsvertretungen) des Auftraggebers im Operationsgebiet. 242","Spionageabwehr richtendienste jedoch nach wie vor gro\u00dfe Anstrengungen, um in Deutschgro\u00dfe land auf offenen und geheimen Wegen wichtige Informationen aus Politik, Anstrengungen Milit\u00e4r, Wirtschaft und Wissenschaft zu beschaffen. Mit Hilfe dieser Aktivit\u00e4ten, die permanent den nationalen Interessen angepasst werden, k\u00f6nnen die Dienste weltweite politische und milit\u00e4rische Entwicklungen einsch\u00e4tzen und bei Bedarf darauf Einfluss nehmen. Auch die Leistungsf\u00e4higkeit der eigenen Wirtschaft profitiert enorm von diesen Aussp\u00e4hungsergebnissen. Der Pr\u00e4sident der Russischen F\u00f6deration, Wladimir Putin, hat als Reaktion auf innere Unruhen und aus Gr\u00fcnden der Effizienz im Mai 2003 die Sicherheitsdienste umstrukturiert. Macht und Einfluss des zivilen Auslandsnachrichtendienstes SWR352 und des \"F\u00f6deralen Sicherheitsdienstes\" (FSB)353 wurden in den letzten beiden Jahren kontinuierlich und konsequent erweitert. RussiSt\u00e4rkung der sche Medien berichteten allerdings, dass nach der 2003 aufgel\u00f6sten \"F\u00f6deNachrichtenralen Agentur f\u00fcr Regierungsfernmeldewesen und Information\" (FAPSI)354 dienste mittlerweile sogar der SWR f\u00fcr eine \u00dcbernahme durch den FSB zur Disposition stehe. Fachkreise sehen darin eine R\u00fcckkehr zu einem neuen allm\u00e4chtigen Geheimdienst mit einer Aufgabenf\u00fclle und Personalst\u00e4rke, wie man sie zu Zeiten des Kalten Krieges beim ehemaligen \"Komitee f\u00fcr Staatssicherheit\" (KGB)355 gewohnt war. SWR und FSB sind seit M\u00e4rz 2004 dem Pr\u00e4sidenten direkt unterstellt. FSBDirektor Nikolai PATRUSCHEW, einem ehemaligen KGB-Offizier, verlieh Putin den Status eines Ministers im Kabinettsrang mit erheblich h\u00f6herem Finanzund Personalbudget und ausgeweiteten Vollmachten gegen\u00fcber staatlichen Organen. Die russischen Nachrichtendienste sind seit jeher an Erkenntnissen aus allen Lebensund Wissensbereichen interessiert. Ihre Palette umfasst Methoden sowohl klassische konspirative Beschaffungsmethoden als auch moderne, an den M\u00f6glichkeiten heutiger Technik ausgerichtete Vorgehensweisen. Langj\u00e4hrig gef\u00fchrte Agenten mit Zugang zu besonderen Zielobjekten sind nicht nur in der Lage, kontinuierlich Wissen zu beschaffen, sondern k\u00f6nnen dieses zugleich auch noch unter fachlichen Gesichtspunkten bewerten. \u00dcber 352 \"Slushba Wneschnej Raswedkij\". 353 \"Federalnaja Slushba Besopasnosti\". 354 \"Federalnoje Agenstwo Prawitelstvennoj Swjasi i Informazij\". 355 \"Komitet Gosudarstwennoj Besopasnosti\". 243","die weltweit gespannten Computerund Datennetze lassen sich sowohl offene als auch - durch illegales gezieltes Eindringen in gesicherte Datenbanken - besonders gesch\u00fctzte Informationen erlangen. Um zu verhindern, dass f\u00fcr die Existenz und den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen bedeutsames Know-how in falsche H\u00e4nde ger\u00e4t, sollte beispielsweise der Internetauftritt regelm\u00e4\u00dfig unter Sicherheitsaspekten \"gecheckt\" werden. Auch die diplomatischen oder konsularischen Vertretungen (Legalresidenturen) nehmen bei der Informationsgewinnung nach wie vor eine besondere Rolle ein. Ihre Mitarbeiter versuchen durch Kontakte zu Vertretern von Politik, Milit\u00e4r, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung Wissenswertes in Erfahrung zu bringen. Dabei profitieren sie enorm von den Zugangsm\u00f6glichkeiten, die eine offene Gesellschaft und schwindende Ressentiments gegen\u00fcber dem ehemaligen Ostblock bieten. Beispiel Angeh\u00f6rige von Legalresidenturen der Russischen F\u00f6deration im Bundesgebiet erhalten \u00fcber die Aufnahme in Adressund Verteilerverzeichnisse verschiedener Forschungseinrichtungen periodisch erscheinende Publikationen mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, mit denen sie russische Forscher und Wissenschaftler unterst\u00fctzen. Nachrichtendienstlich interessante Personen m\u00fcssen auch heute noch davon ausgehen, w\u00e4hrend ihres Aufenthalts in Russland vom FSB permanent \u00fcberwacht zu werden. Beispiel Mehrere Mitarbeiter eines baden-w\u00fcrttembergischen Unternehmens entdeckten w\u00e4hrend einer Gesch\u00e4ftsreise in ihrem Hotelzimmer eine optische (Kamera/Video) und akustische (Mikrofon) Raum\u00fcberwachungsanlage. andere Von den anderen GU-Staaten sind in Baden-W\u00fcrttemberg vor allem die GU-Staaten Nachrichtendienste Kasachstans, Georgiens und der Ukraine aktiv. Der ukrainische Auslandsnachrichtendienst wurde aus dem Inlandsnachrichtendienst SBU356 herausgel\u00f6st. Die neu geschaffene Beh\u00f6rde SWRU357 hat die Aufgabe, Aufkl\u00e4rung unter anderem in den Bereichen Politik, Milit\u00e4r, Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie zu betreiben. 356 \"Slushba Bezapasnost Ukrainy\", Sicherheitsdienst der Ukraine. 357 \"Slushba Wneschnej Raswedki Ukrainy\", Auslandsnachrichtendienst der Ukraine. 244","Spionageabwehr 3. Pr\u00e4vention Dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz obliegt die gesetzlich definierte Aufgabe, beim Schutz gegen Ausforschung von Staatsgeheimnissen und zur Sicherheit strategischer Einrichtungen, dem so genannten Geheimund Sabotageschutz, mitzuwirken. Dies bedeutet personelle Ma\u00dfnahmen wie personelle Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen und materielle Vorkehrungen sowohl auf amtund materielle licher als auch auf wirtschaftlicher Seite und umfasst zudem die laufende Ma\u00dfnahmen Beratung und Betreuung. Ein effektiver Geheimschutz erfordert umfassendes Hintergrundwissen zu Schwerpunkten und Vorgehensweisen fremder Nachrichtendienste und ist ein wesentlicher Bestandteil der pr\u00e4ventiven Spionageabwehr. Am Beispiel der gewerblichen Wirtschaft stellt sich der Geheimund Sabotageschutz als ein komplexer Aufgabenbereich f\u00fcr das LfV dar. 3.1 Geheimschutz in der Wirtschaft Ziel des Geheimschutzes in der Wirtschaft ist der Schutz von im \u00f6ffentZiel lichen Interesse geheim zu haltenden Tatsachen, Gegenst\u00e4nden oder Erkenntnissen - der so genannten Verschlusssachen -, die einem Unternehmen zur Durchf\u00fchrung eines staatlichen Auftrags (zum Beispiel im Verteidigungsbereich) \u00fcberlassen werden. Die Aufnahme eines Unternehmens in die amtliche GeheimschutzbetreuVerfahren ung wird in der Regel damit eingeleitet, dass der \u00f6ffentliche Auftraggeber bei der zust\u00e4ndigen Stelle einen Antrag stellt. Bei Auftr\u00e4gen von Bundesbeh\u00f6rden, zum Beispiel des Bundesamts f\u00fcr Wehrtechnik und Beschaffung, ist grunds\u00e4tzlich das Bundesministerium f\u00fcr Wirtschaft und Arbeit (BMWA) zust\u00e4ndig. Fungiert dagegen eine Landesbeh\u00f6rde als \u00f6ffentlicher Auftraggeber, so tritt die jeweils zust\u00e4ndige oberste Landesbeh\u00f6rde an die Stelle des BMWA. Als Antragsberechtigte kommen auch Unternehmen in Betracht, die sich ihrerseits bereits selbst in der amtlichen Geheimschutzbetreuung befinden und beabsichtigen, einer anderen Firma einen geheimschutzbed\u00fcrftigen Unterauftrag zu erteilen. Grundlegende Voraussetzung f\u00fcr das Verfahren ist die rechtsverbindliche Anerkennung der Bestimmungen des \"Handbuches f\u00fcr den Geheimschutz in der Wirtschaft\" (GHB)358 durch Abschluss eines \u00f6ffentlich-rechtlichen Vertrags zwischen zust\u00e4ndiger Beh\u00f6rde und Unternehmen. 358 Weitere Informationen sowie der Text des am 15. November 2004 in \u00fcberarbeiteter Version herausgegebenen GHB k\u00f6nnen unter www.bmwa-sicherheitsforum.de abgerufen werden. 245","Weitere Schritte sind die Einsetzung eines zentralen Sicherheitsorgans im Unternehmen, des so genannten Sicherheitsbevollm\u00e4chtigten, und die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung des betroffenen Personals, die unter Mitwirkung der jeweils zust\u00e4ndigen Verfassungsschutzbeh\u00f6rde durchgef\u00fchrt wird. Im Bedarfsfall sind zus\u00e4tzlich materielle Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, bei deren Festlegung neben dem Bundesamt f\u00fcr die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) auch das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz beteiligt ist. Betreuung von In Baden-W\u00fcrttemberg sind derzeit weit \u00fcber 200 Firmen in das Geheim200 Firmen schutzverfahren (Bund oder Land) einbezogen. Sie werden vom LfV betreut im Land und regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen beziehungsweise geheimdienstliche Aktivit\u00e4ten fremder Nachrichtendienste aufgekl\u00e4rt und beraten. 3.2 Beratungspraxis des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz BedrohungsSicherheit in der amtlich betreuten Wirtschaft und insbesondere auch in szenario Unternehmen, die nicht in die Geheimschutzbetreuung aufgenommen sind, ist ein wichtiger Standortfaktor. Das Spektrum der Bedrohung reicht von Spionage und Terrorismus bis hin zu Korruption und Organisierter Kriminalit\u00e4t. Bezogen auf F\u00e4lle des Know-how-Diebstahls geht von illoyalen Mitarbeitern das gr\u00f6\u00dfte Risiko aus. Weitere Schwachpunkte der Informationssicherheit stellen beispielsweise Gesch\u00e4ftsbeziehungen mit Fremdfirmen und der Missbrauch moderner Kommunikationsnetze dar. Pr\u00e4ventionsDeshalb ist eine angepasste Pr\u00e4ventionsstrategie notwendig. Das Landesamt strategie f\u00fcr Verfassungsschutz hat es sich zum Ziel gesetzt, den Informationsschutz in der gewerblichen Wirtschaft durch Aufkl\u00e4rung und Beratung weiter zu st\u00e4rken, um damit Aussp\u00e4hungsversuchen fremder Nachrichtendienste und der Bedrohung durch terroristische und extremistische Bestrebungen vorzubeugen. Die empfohlenen personellen, technischen und organisatorischen Schutzvorkehrungen wirken sowohl gegen Spionageangriffe fremder Nachrichtendienste als auch gegen Aussp\u00e4hungsbem\u00fchungen konkurrierender Unternehmen. 246","Spionageabwehr Eine mittelst\u00e4ndische Firma aus Baden-W\u00fcrttemberg bef\u00fcrchtete Beispiel illegalen Know-how-Abfluss und wandte sich daher an die Spionageabwehr des LfV. Ausl\u00f6ser war die Manipulation an einem Rechner im Forschungsund Entwicklungsbereich w\u00e4hrend der Abwesenheit des zust\u00e4ndigen Mitarbeiters. Sehr schnell wurden gravierende Sicherheitsm\u00e4ngel offenbar: Von der Zutrittskontrolle \u00fcber das Schl\u00fcsselmanagement bis hin zur Absicherung der EDV-Anlage und der Zugriffsberechtigung auf sensible Daten lagen die Schutzmechanismen im Argen. Durch Aufzeigen eines Bedrohungsszenarios konnte die Gesch\u00e4ftsleitung davon \u00fcberzeugt werden, Sicherheit zum festen Bestandteil des Qualit\u00e4tsmanagements zu machen. Als ersten Schritt bestimmte das Unternehmen einen Sicherheitsverantwortlichen, der anhand der Empfehlungen des LfV ein Sicherheitskonzept entwickelte, das auf die speziellen Bed\u00fcrfnisse des Unternehmens zugeschnitten ist. Dabei wurde dem \u00fcberragenden Grundsatz aus dem amtlichen Geheimschutz \"Kenntnis nur, wenn n\u00f6tig\" in besonderer Weise Rechnung getragen. Die \u00f6ffentlichkeitswirksamen Ma\u00dfnahmen des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz einerseits und verschiedene sicherheitsrelevante Vorf\u00e4lle andererseits haben eine zunehmende Sensibilit\u00e4t bei den Unternehmen bewirkt. Dies l\u00e4sst sich auch aus der deutlichen Zunahme von Beratungsersuchen Zunahme von aus der Wirtschaft ablesen. Dabei kam immer wieder ein gro\u00dfes Interesse Beratungsan der Sensibilisierung von Mitarbeitern zum Ausdruck, die in L\u00e4nder mit ersuchen besonderen Sicherheitsrisiken entsandt werden. Diesem Anliegen konnte durch entsprechende Reiseund Verhaltensempfehlungen weitgehend entsprochen werden. F\u00fcr Trainingsund Schulungsprogramme sind die Wirtschaftsunternehmen allerdings selbst verantwortlich. Unternehmen, die sich unter Missachtung der notwendigen Sicherheitsvorkehrungen im Ausland bet\u00e4tigen, riskieren erhebliche Nachteile. 3.3 Presseund \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Spionageabwehr Das Landesverfassungsschutzgesetz sieht in SS 12 ausdr\u00fccklich vor, dass das Innenministerium und das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz die \u00d6ffentlichkeit periodisch oder aus gegebenem Anlass unter anderem \u00fcber sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten unterrichten. Mitarbeiter der Spionageabwehr erstellen regelm\u00e4\u00dfig Informationsmaterial, hal247","Aktivit\u00e4ten ten Fachvortr\u00e4ge, f\u00fchren Beratungsgespr\u00e4che und unterst\u00fctzen Firmen bei 2004 der Erarbeitung von Schutzkonzeptionen. Im November 2004 wurde die Brosch\u00fcre \"Knowhow-Schutz - Handlungsempfehlungen f\u00fcr die gewerbliche Wirtschaft\" ver\u00f6ffentlicht. Sie bietet eine praxisorientierte Grundlage f\u00fcr firmenspezifische Know-how-Schutzkonzepte und kann auch auf der Homepage des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz359 abgerufen werden. Mit dem Thema Wirtschaftsspionage beteiligte sich die Spionageabwehr des LfV an einem gemeinsamen Messestand der Verfassungsschutzbeh\u00f6rden des Bundes und der L\u00e4nder wiederum erfolgreich an der Essener Sicherheitsmesse SECURITY 2004. Essener Sicherheitsmesse SECURITY 2004 359 URL: http://www.verfassungsschutz-bw.de. 248","Spionageabwehr Im Jahr 2004 wurden von Angeh\u00f6rigen der Spionageabwehr rund 20 Vortr\u00e4ge gehalten, \u00fcber 90 Beh\u00f6rdenund Firmenberatungen durchgef\u00fchrt und 15 Medienkontakte wahrgenommen. 3.4 Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg - Die Wirtschaft sch\u00fctzt ihr Wissen Das Sicherheitsforum Baden-W\u00fcrttemberg wurde 1999 initiiert. Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verb\u00e4nden, Kammern und Beh\u00f6rden haben es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Sicherheitspartnerschaft im Bereich von Wirtschaft und Politik unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der Belange kleiner und mittelst\u00e4ndischer Unternehmen in Baden-W\u00fcrttemberg weiter zu entwickeln. Die Aktivit\u00e4ten des Gremiums sind darauf ausgerichtet, in Grundsatzfragen der Informationssicherheit eine Scharnierfunktion zwischen Wirtschaft und Wissenschaft einerseits sowie der Politik andererseits zu erf\u00fcllen. Die Quantifizierung von Wissensverlusten der Wirtschaft durch Spionage wissenschaftliche war bislang weitgehend auf Sch\u00e4tzwerte gest\u00fctzt. Daher gab das Gremium Studie zum bei der Universit\u00e4t L\u00fcneburg eine wissenschaftliche Studie mit dem Ziel in Schaden durch Auftrag, die H\u00f6he des Schadens zu ermitteln, welcher der baden-w\u00fcrttemKnow-howbergischen Wirtschaft durch ungewollten Know-how-Verlust entsteht. Das Verlust Ergebnis der auf empirischer Basis durchgef\u00fchrten Untersuchung wurde am 13. Oktober 2004 vorgestellt. Vorstellung der Fallund Schadensanalyse v. links: Wirtschaftsminister Ernst Pfister MdL, Innenminister Heribert Rech MdL, Prof. Dr. Egbert Kahle (Universit\u00e4t L\u00fcneburg), Dr. Hans-J\u00fcrgen Reichardt (IHK Region Stuttgart). 249","Der Studie zufolge sind landesweit j\u00e4hrlich materielle und geistige Werte in H\u00f6he von etwa sieben Milliarden Euro von Informationsverlusten bedroht. Mehr als zwei Drittel der beteiligten Unternehmen waren nach eigener Kenntnis bereits Opfer eines \"unfreundlichen Informationsabflusses\". Es entstand ein Schaden von rund 52 Millionen Euro. Die auf dieser Basis hochgerechneten Sch\u00e4den f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg betragen circa eine Milliarde Euro. In Relation dazu wurde der Mitteleinsatz der Unternehmen zum Zwecke der Pr\u00e4vention als zu gering angesehen. Einer der herausragenden Gesichtspunkte der vom Sicherheitsforum speSchaffung einer ziell f\u00fcr die mittelst\u00e4ndischen Unternehmen erarbeiteten Empfehlungen ist betrieblichen die Schaffung einer betrieblichen Sicherheitsinfrastruktur, die zumindest Sicherheitseinen hauptoder nebenamtlichen Sicherheitsverantwortlichen vorsehen infrastruktur sollte. Er muss beispielsweise in der Lage sein, das komplexe Thema des notwendig Informationsschutzes unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der IT-Sicherheit verantwortlich zu bearbeiten und sowohl intern als auch extern als kompetenter Ansprechpartner zur Verf\u00fcgung zu stehen. Das allgemeine Sicherheitsbewusstsein der Firmenangeh\u00f6rigen und Gesch\u00e4ftspartner bedarf im Rahmen eines umfassenden Sicherheitskonzepts \u00fcberdies einer permanenten Pflege. Das LfV sieht sich durch die Ergebnisse der Studie in seiner bisherigen Einsch\u00e4tzung zum Stand des Informationsschutzes im Land best\u00e4tigt. Es unterst\u00fctzt die Forderung, pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen im Rahmen eines ganzheitlichen Sicherheitskonzepts unter Ber\u00fccksichtigung personeller, materieller, organisatorischer und rechtlicher Aspekte zu realisieren. Die Studie mit den speziellen Pr\u00e4ventionsempfehlungen des Sicherheitsforums kann neben zahlreichen weiteren Beitr\u00e4gen zum Thema Unternehmenssicherheit auf der Website des Sicherheitsforums360 eingesehen werden. 360 URL: http://www.sicherheitsforum-bw.de. 250","Spionageabwehr 4. Erreichbarkeit der Spionageabwehr Wenn Sie Hinweise oder Anregungen geben wollen beziehungsweise weitere Informationen w\u00fcnschen, erreichen Sie die Spionageabwehr wie folgt: Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg - Abteilung 4 - Taubenheimstra\u00dfe 85 A 70372 Stuttgart Telefon 0711 - 95 44 301 Telefax 0711 - 95 44 444 \u00dcber ein Vertrauliches Telefon k\u00f6nnen Sie der Spionageabwehr unter 0711 - 9 54 76 26 (Telefon) und 0711 - 9 54 76 27 (Telefax) rund um die Uhr Informationen - auch anonym - \u00fcbermitteln. Selbstverst\u00e4ndlich werden Ihre Hinweise auf Wunsch vertraulich behandelt. Alle Mitb\u00fcrger, die aus ihrem beruflichen und privaten Umfeld Hinweise auf Spionagesachverhalte geben, leisten einen wesentlichen Beitrag f\u00fcr den Erhalt der inneren und \u00e4u\u00dferen Sicherheit. 251","F. VERFASSUNGSSCHUTZ IN BADEN-W\u00dcRTTEMBERG Aufgabe des Verfassungsschutzes ist es, verfassungsfeindliche und sicherheitsgef\u00e4hrdende Bestrebungen zu beobachten sowie die politisch Verantwortlichen, die zust\u00e4ndigen Stellen, aber auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger unseres Landes \u00fcber Entwicklungen und drohende Gefahren zu unterrichten. Der Verfassungsschutz versteht sich deshalb als \"Fr\u00fchwarnsystem\" der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Struktur Der Bund und die 16 L\u00e4nder unterhalten eigene Verfassungsschutzbeh\u00f6rden. Die gr\u00f6\u00dfte, weil mit vielerlei Zentralfunktionen ausgestattete Beh\u00f6rde, ist das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz mit Sitz in K\u00f6ln. Dem f\u00f6derativen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland entsprechend arbeiten alle 17 Beh\u00f6rden eng zusammen. Das baden-w\u00fcrttembergische Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat seinen Sitz in Stuttgart. Es gliedert sich in sechs Abteilungen und wird von einem Pr\u00e4sidenten geleitet. Die Personalstellen und Finanzmittel f\u00fcr Personalund Sachausgaben sind Haushalt im Haushaltsplan des Landes ausgewiesen. Danach waren dem Amt f\u00fcr das Jahr 2004 insgesamt 331 Stellen f\u00fcr Beamte, Angestellte und Arbeiter zugewiesen (2003: 333). F\u00fcr Personalausgaben standen etwa 12,5 Millionen Euro (2003: 11,9 Millionen Euro), f\u00fcr Sachausgaben rund 2,4 Millionen Euro (2003: 2,4 Millionen Euro) zur Verf\u00fcgung. 1. Aufgaben des Verfassungsschutzes Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sammelt unter anderem Informationen \u00fcber verfassungsfeindliche Bestrebungen, sobald ihm tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass diese die freiheitliche demokratische 252","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Grundordnung, den Bestand oder auch die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland gef\u00e4hrden. Als derartige Bestrebungen sind Verhaltensweisen von Personen oder Organisationen zu verstehen, deren Ziel es ist, die obersten Werte und Prinzipien des Grundgesetzes au\u00dfer Kraft zu setzen. Der Verfassungsschutz ist aber beispielsweise auch gefordert, wenn islamistische, linksoder rechtsextremistische Ausl\u00e4nderorganisationen ihr Heimatland beziehungsweise dessen Regierung von deutschem Boden aus mit Gewalt bek\u00e4mpfen und dadurch Deutschland in au\u00dfenpolitische Konflikte bringen k\u00f6nnten. Zu den weiteren Aufgaben des Verfassungsschutzes z\u00e4hlt die Spionageabwehr. Sie ist darauf gerichtet, sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten f\u00fcr eine fremde Macht aufzusp\u00fcren und zu analysieren. Schlie\u00dflich hat das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz umfangreiche Aufgaben im Bereich des personellen und materiellen Geheimschutzes. Beispielsweise wirkt der Verfassungsschutz bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberpr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern mit, \u00fcberpr\u00fcft Geheimnistr\u00e4ger und andere Personen, die in sicherheitsempfindlichen Bereichen t\u00e4tig werden wollen, und unterst\u00fctzt beratend Beh\u00f6rden sowie Unternehmen bei der Einrichtung technischer Vorkehrungen zum Schutz von geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Informationen. 2. Verh\u00e4ltnis von Verfassungsschutz und Polizei Die Arbeit einer Verfassungsschutzbeh\u00f6rde unterscheidet sich wesentlich von der einer Polizeibeh\u00f6rde. Dem Verfassungsschutz stehen keine polizeikeine lichen Befugnisse zu. Mitarbeiter des Landesamts f\u00fcr Verfassungsschutz d\u00fcrpolizeilichen fen also keinerlei Zwangsma\u00dfnahmen wie etwa Vorladungen, DurchsuBefugnisse chungen, Beschlagnahmen oder Festnahmen durchf\u00fchren. Erscheint aufgrund von Informationen, die dem Verfassungsschutz vorliegen, ein polizeiliches Eingreifen erforderlich, so wird die zust\u00e4ndige Polizeidienststelle unterrichtet. Diese entscheidet dann selbstst\u00e4ndig, ob und welche Ma\u00dfnahmen zu treffen sind. 3. Methoden des Verfassungsschutzes Einen Gro\u00dfteil der Informationen erlangt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz auf offenem Weg. Allerdings d\u00fcrfen Informationen auch verdeckt beschafft und die daf\u00fcr im Landesverfassungsschutzgesetz (LVSG) genannten nachrichtendienstlichen Hilfsmittel angewendet werden. Gerade letzte253","re hochwertigen Erkenntnisse erm\u00f6glichen erst eine fundierte, genaue und verl\u00e4ssliche Analyse der Gef\u00e4hrdungslage. Dar\u00fcber hinaus darf der Verfassungsschutz im Einzelfall unter engen, gesetzlich normierten Voraussetzungen den Brief-, Postund Fernmeldeverkehr \u00fcberwachen. Alle diese M\u00f6glichkeiten stehen jedoch laut LVSG unter dem Vorbehalt des Grundsatzes der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, das hei\u00dft von mehreren geeigneten Ma\u00dfnahmen zur Nachrichtengewinnung ist diejenige auszuw\u00e4hlen, die den Betroffenen voraussichtlich am wenigsten beeintr\u00e4chtigt. Aufgabe der mit der Auswertung befassten Mitarbeiter ist es dann, den Aussagewert und die Bedeutung der beschafften Informationen zu analysieren und Lagebilder sowie Trendaussagen zu erstellen. Methoden der Erkenntnisgewinnung BESCHAFFUNG OFFENE Arbeitsweise BESCHAFFUNG VERDECKTE 4. Kontrolle Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz unterliegt einer vielschichtigen rechtsstaatlichen Kontrolle. Innerbeh\u00f6rdliche Ma\u00dfnahmen - zum Beispiel Kontrollen durch den internen Datenschutzbeauftragten - stellen ebenso wie die Rechtsund Fachaufsicht durch das Innenministerium sowie externe Kontrollen des Landesbeauftragten f\u00fcr den Datenschutz oder des Rechnungshofs sicher, dass der gesetzlich vorgegebene Rahmen nicht \u00fcberschritten wird. Die parlamentarische Kontrolle ist nach SS 16 LVSG Aufgabe des St\u00e4ndigen Ausschusses des Landtags von Baden-W\u00fcrttemberg, dem 254","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Mitglieder aller Fraktionen angeh\u00f6ren. Das G 10-Gremium, das aus f\u00fcnf vom Landtag bestimmten Abgeordneten besteht, \u00fcbt die parlamentarische Kontrolle \u00fcber die Durchf\u00fchrung des Artikel 10-Gesetzes aus. Kontrolle 5. \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Verfassungsschutzes Der Schutz unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung kann dauerhaft nur durch eine auf allen gesellschaftlichen Ebenen gef\u00fchrte geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Extremismus gesichert werden. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz leistet dabei einen wesentlichen Beitrag, indem es neben der Regierung und dem Parlament vor allem auch die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber Aktivit\u00e4ten und Absichten verfassungsfeindlicher Parteien und Organisationen regelm\u00e4\u00dfig informiert. Eine ganze Palette von Informationsm\u00f6glichkeiten steht dabei zur Auswahl. So k\u00f6nnen zahlreiche Brosch\u00fcren zu den verschiedensten Themen des Verfassungsschutzes angefordert oder im Internet abgerufen werden. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz stellt auch gerne Referenten f\u00fcr Vortragsund Diskussionsveranstaltungen zu Themen des Verfassungsschutzes zur Verf\u00fcgung und beantwortet Anfragen von Medienvertretern so umfassend wie m\u00f6glich. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Baden-W\u00fcrt\u00d6ffentlichkeitstemberg haben im Jahre 2004 112 Vortr\u00e4ge (2003: 101) gehalten. Die Zahl arbeit 2004 der Medienkontakte (Presse, Funk, Fernsehen) belief sich auf rund 110 (2003: 125). Etwa 13.400 Verfassungsschutzberichte 2003 und 14.400 Brosch\u00fcren wurden auf Anforderung verteilt. Derzeit sind folgende Informationsschriften verf\u00fcgbar: 255","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg (Kurzbrosch\u00fcre - Januar 2005) Extremisten im Internet - Eine Herausforderung f\u00fcr die Sicherheitsbeh\u00f6rden (Brosch\u00fcre - Dezember 2001) Rechtsextremismus in Baden-W\u00fcrttemberg - Allgemeine Entwicklung (Brosch\u00fcre - April 2003) Rechtsextremistische Skinheads (Brosch\u00fcre - Dezember 2001; gedruckte Auflage vergriffen, Neuauflage geplant) Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland - Allgemeine Entwicklung (Brosch\u00fcre - Februar 2003) Antifaschismus als Aktionsfeld von Linksextremisten (Brosch\u00fcre - M\u00e4rz 2002) Die \"Partei des Demokratischen Sozialismus\" (PDS) - Auf dem Weg in die Demokratie? (Brosch\u00fcre - August 2000) Erscheinungsformen des Ausl\u00e4nderextremismus (Brosch\u00fcre - M\u00e4rz 2001) Islamismus (Brosch\u00fcre - April 2004) Arbeiterpartei Kurdistans - Organisationsaufbau (Brosch\u00fcre - Juli 1998) Scientology - ein Fall f\u00fcr den Verfassungsschutz (Brosch\u00fcre - August 1997) 256","Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg Die Scientology-Organisation (Brosch\u00fcre - Juli 2003) Der Kampf der \"Scientology-Organisation\" um die Anerkennung der Gemeinn\u00fctzigkeit in den USA und seine Auswirkungen auf Deutschland (Brosch\u00fcre - April 2004) Know-how-Schutz - Handlungsempfehlungen f\u00fcr die gewerbliche Wirtschaft (Brosch\u00fcre - Juli 2004) Auch im Internet pr\u00e4sentiert sich der Verfassungsschutz Baden-W\u00fcrttemberg mit einer eigenen Homepage. Dort sind die aktuellen Verfassungsschutzberichte sowie grundlegende Informationen \u00fcber Hintergr\u00fcnde und Zusammenh\u00e4nge des Extremismus, der Spionageabwehr und der Scientology-Organisation abrufbar. Kontaktanschriften f\u00fcr Informationen Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg Baden-W\u00fcrttemberg \u00d6ffentlichkeitsarbeit Referat \"Verfassungsschutz\" Postfach 50 07 00 Postfach 10 24 43 70337 Stuttgart 70020 Stuttgart Tel.: 0711/95 44 181/182 Tel.: 0711/231-3501 Fax: 0711/95 44 444 Fax: 0711/231-3599 Internet: http://www.verfassungsschutz-bw.de E-Mail: lfv-bw@t-online.de Vertrauliche Telefone zur Scientology-Organisation: 0711/95 61 994 zur Wirtschaftsspionage: 0711/95 47 626 \"Islamistische Extremisten\": 0711/95 61 984 257","G ESETZ \u00dcBER DEN V ERFASSUNGSSCHUTZ IN B ADEN -W \u00dcRTTEMBERG (L ANDESVERFASSUNGSSCHUTZGESETZ - LVSG) VOM 22. O KTOBER 1991 SS 1 freiheitliche demokratische GrundordZweck des nung, den Bestand und die Sicherheit der Verfassungsschutzes Bundesrepublik Deutschland und ihrer L\u00e4nder fr\u00fchzeitig zu erkennen und den Der Verfassungsschutz dient dem Schutz zust\u00e4ndigen Stellen zu erm\u00f6glichen, diese der freiheitlichen demokratischen GrundGefahren abzuwehren. ordnung, des Bestandes und der Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland (2) Zur Erf\u00fcllung dieser Aufgaben und ihrer L\u00e4nder. sammelt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz Informationen, insbesondere sachSS 2 und personenbezogene Ausk\u00fcnfte, NachOrganisation, Zust\u00e4ndigkeit richten und Unterlagen von Organisationen und Personen \u00fcber (1) Zur Wahrnehmung der Aufgaben des Verfassungsschutzes unterh\u00e4lt das 1. Bestrebungen, die gegen die freiLand ein Landesamt f\u00fcr Verfassungsheitliche demokratische Grundordnung, schutz. Das Amt hat seinen Sitz in Stuttden Bestand oder die Sicherheit des Bungart und untersteht dem Innenministedes oder eines Landes gerichtet sind oder rium. eine ungesetzliche Beeintr\u00e4chtigung der Amtsf\u00fchrung der Verfassungsorgane des (2) Verfassungsschutzbeh\u00f6rden anderer Bundes oder eine Landes oder ihrer MitL\u00e4nder d\u00fcrfen im Geltungsbereich dieses glieder zum Ziele haben, Gesetzes nur im Einvernehmen mit dem 2. sicherheitsgef\u00e4hrdende oder geLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz t\u00e4tig heimdienstliche T\u00e4tigkeiten im Geltungswerden. bereich des Grundgesetzes f\u00fcr eine fremde Macht, (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs3. Bestrebungen im Geltungsbereich schutz darf einer Polizeidienststelle nicht des Grundgesetzes, die durch die Anwenangegliedert werden. dung von Gewalt oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen ausw\u00e4rtige BeSS 3 lange der Bundesrepublik Deutschland Aufgaben des Landesamtes f\u00fcr Verfasgef\u00e4hrden, sungsschutz, Voraussetzungen f\u00fcr die Mitwirkung an \u00dcberpr\u00fcfungsverfahren und wertet sie aus. Sammlung und Auswertung von Informationen nach Satz 1 (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungssetzen im Einzelfall voraus, dass f\u00fcr Beschutz hat die Aufgabe, Gefahren f\u00fcr die strebungen oder T\u00e4tigkeiten nach Satz 1 258","Anhang Nummern 1 bis 3 tats\u00e4chliche Anhaltsempfindlichen Bereichen von Flugh\u00e4fen punkte vorliegen. Zutritt haben, nach SS 29 c des Luftverkehrsgesetzes, (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs8. bei sonstigen \u00dcberpr\u00fcfungen, schutz wirkt mit soweit dies im Einzelfall zum Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundord1. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung nung oder f\u00fcr Zwecke der \u00f6ffentlichen von Personen, denen im \u00f6ffentlichen Sicherheit erforderlich ist. N\u00e4heres wird Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftige Tatsadurch Verwaltungsvorschrift des Innenmichen, Gegenst\u00e4nde oder Erkenntnisse annisteriums bestimmt. vertraut werden, die Zugang dazu erhalten sollen oder ihn sich verschaffen k\u00f6nDie Mitwirkung des Landesamtes f\u00fcr Vernen, fassungsschutz nach Satz 1 erfolgt in der 2. bei der Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung von Weise, dass es eigenes Wissen oder bePersonen, die an sicherheitsempfindreits vorhandenes Wissen der f\u00fcr die lichen Stellen von lebensoder verteidi\u00dcberpr\u00fcfung zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde oder gungswichtigen Einrichtungen besch\u00e4ftigt sonstiger \u00f6ffentlicher Stellen auswertet. In sind oder werden sollen, den F\u00e4llen des Satzes 1 Nummern 1 und 3. bei technischen Sicherheitsma\u00df- 2 f\u00fchrt das Landesamt f\u00fcr Verfassungsnahmen zum Schutz von im \u00f6ffentlichen schutz weitergehende Ermittlungen Interesse geheimhaltungsbed\u00fcrftigen Tatdurch, wenn die f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung sachen, Gegenst\u00e4nden oder Erkenntniszust\u00e4ndige Beh\u00f6rde dies beantragt. sen gegen die Kenntnisnahme durch Unbefugte, (4) Die Mitwirkung des Landesamtes 4. auf Anforderungen der Einstelf\u00fcr Verfassungsschutz nach Absatz 3 setzt lungsbeh\u00f6rde bei der \u00dcberpr\u00fcfung von im Einzelfall voraus, dass der Betroffene Personen, die sich um Einstellung in den und andere in die \u00dcberpr\u00fcfung einbezo\u00f6ffentlichen Dienst bewerben, sowie auf gene Personen \u00fcber Zweck und Verfahren Anforderung der Besch\u00e4ftigungsbeh\u00f6rde der \u00dcberpr\u00fcfung einschlie\u00dflich der Verarbei der \u00dcberpr\u00fcfung von Besch\u00e4ftigten beitung der erhobenen Daten durch die im \u00f6ffentlichen Dienst, bei denen der auf beteiligten Dienststellen unterrichtet Tatsachen beruhende Verdacht besteht, werden. Dar\u00fcber hinaus ist im Falle der dass sie gegen die Pflicht zur VerfassungsEinbeziehung anderer Personen in die treue versto\u00dfen, \u00dcberpr\u00fcfung deren Einwilligung und im 5. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberFalle weitergehender Ermittlungen nach pr\u00fcfung von Einb\u00fcrgerungsbewerbern, Absatz 3 Satz 3 die Einwilligung des Be6. bei der \u00dcberpr\u00fcfung der Zuverl\u00e4stroffenen erforderlich. Die S\u00e4tze 1 und 2 sigkeit von Personen nach SS 12 b des gelten nur, soweit gesetzlich nichts andeAtomgesetzes, res bestimmt ist. 7. bei der sicherheitsm\u00e4\u00dfigen \u00dcberpr\u00fcfung von Personen, die zu sicherheits259","SS4 gut dieses Gesetzes erheblich zu besch\u00e4Begriffsbestimmungen digen. (1) Im Sinne des Gesetzes sind (2) Zur freiheitlichen demokratischen 1. Bestrebungen gegen den Bestand Grundordnung im Sinne dieses Gesetzes des Bundes oder eines Landes solche z\u00e4hlen: politisch bestimmten, zielund zweckgerichteten Verhaltensweisen in einem oder 1. das Recht des Volkes, die Staatsgef\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der walt in Wahlen und Abstimmungen und darauf gerichtet ist, die Freiheit des Bundurch besondere Organe der Gesetzgedes oder eines Landes von fremder Herrbung, der vollziehenden Gewalt und der schaft aufzuheben, ihre staatliche Einheit Rechtsprechung auszu\u00fcben und die zu beseitigen oder ein zu ihm geh\u00f6rendes Volksvertretung in allgemeiner, unmittelGebiet abzutrennen; barer, freier, gleicher und geheimer Wahl 2. Bestrebungen gegen die Sicherheit zu w\u00e4hlen, des Bundes oder eines Landes solche 2. die Bindung der Gesetzgebung an politisch bestimmten, zielund zweckgedie verfassungsm\u00e4\u00dfige Ordnung und die richteten Verhaltensweisen in einem oder Bindung der vollziehenden Gewalt und f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der der Rechtsprechung an Gesetz und Recht, darauf gerichtet ist, den Bund, L\u00e4nder 3. das Recht auf Bildung und Aus\u00fcoder deren Einrichtungen in ihrer Funkbung einer parlamentarischen Oppositionsf\u00e4higkeit erheblich zu beeintr\u00e4chtition, gen; 4. die Abl\u00f6sbarkeit der Regierung 3. Bestrebungen gegen die freiheitliund ihre Verantwortlichkeit gegen\u00fcber che demokratische Grundordnung solche der Volksvertretung, politisch bestimmten, zielund zweckge5. die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte, richteten Verhaltensweisen in einem oder 6. der Ausschluss jeder Gewaltund f\u00fcr einen Personenzusammenschluss, der Willk\u00fcrherrschaft und darauf gerichtet ist, einen der in Absatz 2 7. die im Grundgesetz konkretisierten genannten Verfassungsgrunds\u00e4tze zu beMenschenrechte. seitigen oder au\u00dfer Geltung zu setzen. SS 5 F\u00fcr einen Personenzusammenschluss Befugnisse des Landesamtes handelt, wer ihn in seinen Bestrebungen f\u00fcr Verfassungsschutz aktiv sowie zielund zweckgerichtet unterst\u00fctzt. Verhaltensweisen von Einzel(1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungspersonen, die nicht in einem oder f\u00fcr schutz kann die zur Erf\u00fcllung seiner Aufeinen Personenzusammenschluss hangaben nach SS 3 erforderlichen Informatiodeln, sind Bestrebungen im Sinne dieses nen verarbeiten. Die Verarbeitung persoGesetzes, wenn sie auf Anwendung von nenbezogener Daten richtet sich insoweit Gewalt gerichtet sind oder aufgrund ihrer nach den Vorschriften dieses Gesetzes Wirkungsweise geeignet sind, ein Schutzund, soweit dort keine Regelungen getrof260","Anhang fen sind, nach den Vorschriften des Landen (nachrichtendienstliche Mittel). desdatenschutzgesetzes mit Ausnahme Diese sind in einer Dienstvorschrift zu der SSSS 8 und 11 Abs. 2 bis 5 sowie SSSS 12 benennen, die auch die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr bis 20 des Landesdatenschutzgesetzes. die Anordnung solcher Informationsbeschaffungen regelt. Die Dienstvorschrift (2) Werden personenbezogene Daten bedarf der Zustimmung des Innenminisbeim Betroffenen mit seiner Kenntnis teriums, das den St\u00e4ndigen Ausschuss des erhoben, so ist der Erhebungszweck anzuLandtags unterrichtet. geben. Der Betroffene ist auf die Freiwilligkeit seiner Angaben und bei einer (2) Das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSicherheits\u00fcberpr\u00fcfung nach SS 3 Abs. 3 schutz kann personenbezogene Daten auf eine dienst-, arbeitsrechtliche oder und sonstige Informationen mit nachrichsonstige vertragliche Mitwirkungspflicht tendienstlichen Mitteln erheben, wenn hinzuweisen. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorhanden sind, dass (3) Polizeiliche Befugnisse oder Weisungsbefugnisse stehen dem Landesamt 1. auf diese Weise Erkenntnisse \u00fcber f\u00fcr Verfassungsschutz nicht zu; es darf die Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach SS 3 Polizei auch nicht im Wege der Amtshilfe Abs. 2 oder die zur Erforschung solcher um Ma\u00dfnahmen ersuchen, zu denen es Erkenntnisse erforderlichen Quellen geselbst nicht befugt ist. wonnen werden k\u00f6nnen oder 2. dies zur Abschirmung der Mitarbei(4) Von mehreren geeigneten Ma\u00dfnahter, Einrichtungen, Gegenst\u00e4nde und men hat das Landesamt f\u00fcr VerfassungsQuellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz diejenige zu w\u00e4hlen, die den schutz gegen sicherheitsgef\u00e4hrdende oder Betroffenen voraussichtlich am wenigsten geheimdienstliche T\u00e4tigkeiten erforderbeeintr\u00e4chtigt. Eine Ma\u00dfnahme darf keilich ist. nen Nachteil herbeif\u00fchren, der erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zu dem beabsichtigten (3) Das in einer Wohnung nicht Erfolg steht. \u00f6ffentlich gesprochene Wort darf mit technischen Mitteln nur dann heimlich SS 6 mitgeh\u00f6rt oder aufgezeichnet werden, Erhebung personenbezogener Daten wenn es im Einzelfall zur Abwehr einer mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegenw\u00e4rtigen gemeinen Gefahr oder einer gegenw\u00e4rtigen Lebensgefahr f\u00fcr ein(1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungszelne Personen unerl\u00e4sslich ist und geeigschutz kann Methoden, Gegenst\u00e4nde und nete polizeiliche Hilfe f\u00fcr das bedrohte Instrumente zur heimlichen InformationsRechtsgut nicht rechtzeitig erlangt werbeschaffung, wie den Einsatz von Vertrauden kann. Satz 1 gilt entsprechend f\u00fcr den ensleuten und Gew\u00e4hrspersonen, Observerdeckten Einsatz technischer Mittel zur vationen, Bildund Tonaufzeichnungen, Anfertigung von Bildaufnahmen und Tarnpapiere und Tarnkennzeichen anwenBildaufzeichnungen in Wohnungen. Ma\u00df261","nahmen nach Satz 1 und 2 bed\u00fcrfen der gewonnen werden k\u00f6nnen. Die AnwenAnordnung durch das Amtsgericht, in dung des nachrichtendienstlichen Mittels dessen Bezirk sie durchgef\u00fchrt werden darf nicht erkennbar au\u00dfer Verh\u00e4ltnis zur sollen. SS 31 Abs. 5 Satz 2 bis 4 des PolizeiBedeutung des aufzukl\u00e4renden Sachvergesetzes sind entsprechend anzuwenden. halts stehen. Die Ma\u00dfnahme ist unverz\u00fcgBei Gefahr im Verzug k\u00f6nnen die Ma\u00dflich zu beenden, wenn ihr Zweck erreicht nahmen nach Satz 1 und 2 vom Leiter des ist oder sich Anhaltspunkte daf\u00fcr ergeLandesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz angeben, dass er nicht oder nicht auf diese ordnet werden; diese Anordnung bedarf Weise erreicht werden kann. der Best\u00e4tigung durch das Amtsgericht. Sie ist unverz\u00fcglich herbeizuf\u00fchren. Einer (5) Bei Erhebungen nach Absatz 3 und Anordnung durch das Amtsgericht bedarf solchen nach Absatz 2, die in ihrer Art es nicht, wenn technische Mittel ausund Schwere einer Beschr\u00e4nkung des schlie\u00dflich zum Schutz der bei einem EinBrief-, Postund Fernmeldegeheimnisses satz in Wohnungen t\u00e4tigen Personen vorgleichkommen, zu denen insbesondere gesehen sind; die Ma\u00dfnahme ist in diesem das Abh\u00f6ren und Aufzeichnen des nicht Fall durch den Leiter des Landesamtes f\u00fcr \u00f6ffentlich gesprochenen Wortes mit dem Verfassungsschutz anzuordnen. Eine verdeckten Einsatz technischer Mittel anderweitige Verwertung der hierbei ergeh\u00f6ren, ist der Eingriff nach seiner Beenlangten Erkenntnisse zum Zweck der digung der betroffenen Person mitzuteiGefahrenabwehr ist nur zul\u00e4ssig, wenn len, sobald eine Gef\u00e4hrdung des Zweckes zuvor die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Ma\u00dfnahme der Ma\u00dfnahme ausgeschlossen werden durch das Amtsgericht festgestellt worden kann. Einer Mitteilung an den Betroffeist; bei Gefahr im Verzug ist die richterlinen bedarf es nicht, wenn sich auch nach che Entscheidung unverz\u00fcglich nachzuf\u00fcnf Jahren noch nicht abschlie\u00dfend beurholen. Die Landesregierung unterrichtet teilen l\u00e4sst, ob diese Voraussetzung vorden Landtag j\u00e4hrlich \u00fcber den nach dieliegt. Die durch solche Ma\u00dfnahmen erhosem Absatz erfolgten Einsatz technischer benen Informationen d\u00fcrfen nur nach Mittel. Die parlamentarische Kontrolle Ma\u00dfgabe des SS 7 Abs. 3 des Gesetzes zu wird auf der Grundlage dieses Berichtes Artikel 10 Grundgesetz vom 13. August durch das Gremium nach Artikel 10 des 1968 (BGBl. I S. 949) verwendet werden. Grundgesetzes ausge\u00fcbt. SS 2 Abs. I des Gesetzes zur Ausf\u00fchrung des Gesetzes zu Artikel 10 Grundgesetz (4) Die Erhebung nach den Vorschrifvom 13. Mai 1969 (GBl. S. 79) findet entten der Abs\u00e4tze 2 und 3 ist unzul\u00e4ssig, sprechende Anwendung. wenn die Erforschung des Sachverhalts auf andere, den Betroffenen weniger (6) Die Befugnisse des Landesamtes beeintr\u00e4chtigende Weise m\u00f6glich ist; eine f\u00fcr Verfassungsschutz nach dem Gesetz zu geringere Beeintr\u00e4chtigung ist in der Artikel 10 Grundgesetz bleiben unbeRegel anzunehmen, wenn die Informatior\u00fchrt. nen durch Auskunft nach SS 9 Abs. 4 262","Anhang SS 7 auf gerichtete Vorbereitungshandlungen Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung gegen die in SS 3 Abs. 2 Nr. 1 und 3 gepersonenbezogener Daten nannten Schutzg\u00fcter gerichtet sind, dienen. (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz kann zur Erf\u00fcllung seiner Aufga(4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsben personenbezogene Daten speichern, schutz hat die Speicherungsdauer auf das ver\u00e4ndern und nutzen, wenn f\u00fcr seine Aufgabenerf\u00fcllung erforderliche Ma\u00df zu beschr\u00e4nken. 1. tats\u00e4chliche Anhaltspunkte f\u00fcr Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiten nach (5) Personenbezogene Daten, die ausSS 3 Abs. 2 vorliegen, schlie\u00dflich zu Zwecken der Datenschutz2. dies f\u00fcr die Erforschung und Bekontrolle, der Datensicherung oder zur wertung von Bestrebungen oder T\u00e4tigkeiSicherstellung eines ordnungsgem\u00e4\u00dfen ten nach SS 3 Abs. 2 erforderlich ist oder Betriebs einer Datenverarbeitungsanlage 3. das Landesamt f\u00fcr Verfassungsgespeichert werden, d\u00fcrfen nur f\u00fcr diese schutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. Zwecke und hiermit in Zusammenhang stehende Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber Bediens(2) Zur Aufgabenerf\u00fcllung nach SS 3 teten genutzt werden. Abs. 3 d\u00fcrfen vorbehaltlich des Satzes 2 in automatisierten Dateien nur Daten \u00fcber SS 8 die Personen gespeichert werden, die der Speicherung, Ver\u00e4nderung und Nutzung Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung unterliegen oder personenbezogener Daten von in die Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfung einbezogen Minderj\u00e4hrigen werden. Zur Erledigung von Aufgaben nach SS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 d\u00fcrfen in (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsautomatisierten Dateien nur Daten solschutz darf unter den Voraussetzungen cher Personen erfasst werden, \u00fcber die des SS 7 Daten \u00fcber Minderj\u00e4hrige vor bereits Erkenntnisse nach SS 3 Abs. 2 vorVollendung des 16. Lebensjahres in liegen. Bei der Speicherung in Dateien Akten, die zu ihrer Person gef\u00fchrt wermuss erkennbar sein, welcher der in SS 3 den, nur speichern, ver\u00e4ndern und nutAbs. 2 und 3 genannten Personengruppen zen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte der Betroffene zuzuordnen ist. daf\u00fcr bestehen, dass der Minderj\u00e4hrige eine der in SS 2 des Gesetzes zu Artikel 10 (3) Die nach Absatz 1 Nummer 3 und Grundgesetz genannten Straftaten plant, Absatz 2 gespeicherten personenbezogebegeht oder begangen hat. In Dateien ist nen Daten d\u00fcrfen nur f\u00fcr die dort eine Speicherung von Daten \u00fcber Mingenannten Zwecke sowie f\u00fcr Zwecke verderj\u00e4hrige vor Vollendung des 16. Lebenswendet werden, die der Wahrnehmung jahres nicht zul\u00e4ssig. von Aufgaben nach SS 3 Abs. 2 Nr. 2 oder der Beobachtung von Bestrebungen, die (2) Sind Daten \u00fcber Minderj\u00e4hrige in durch Anwendung von Gewalt oder darDateien oder in Akten, die zu ihrer Per263","son gef\u00fchrt werden, gespeichert, ist nach ben des Landesamtes f\u00fcr Verfassungszwei Jahren die Erforderlichkeit der Speischutz erforderlich ist. cherung zu \u00fcberpr\u00fcfen und sp\u00e4testens nach f\u00fcnf Jahren die L\u00f6schung vorzuneh(3) Soweit nicht schon bundesrechtmen, es sei denn, dass nach Eintritt der lich geregelt, k\u00f6nnen die zust\u00e4ndigen Vollj\u00e4hrigkeit weitere Erkenntnisse nach Stellen in den F\u00e4llen des SS 3 Abs. 3 das SS 3 Abs. 2 angefallen sind. Satz 1 gilt nicht, Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz um Auswenn das Landesamt f\u00fcr Verfassungskunft ersuchen, ob Erkenntnisse \u00fcber den schutz nach SS 3 Abs. 3 t\u00e4tig wird. Betroffenen oder \u00fcber eine Person, die in die \u00dcberpr\u00fcfung mit einbezogen werSS 9 den darf, vorliegen. Dabei d\u00fcrfen die \u00dcbermittlung personenbezogener Daten erforderlichen personenbezogenen Daten an das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz und sonstigen Informationen an das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt (1) Die Beh\u00f6rden des Landes und die werden. Im Falle einer \u00dcberpr\u00fcfung nach landesunmittelbaren juristischen PersoSS 3 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 ist das Ersuchen nen des \u00f6ffentlichen Rechts sowie die \u00fcber das Innenministerium zu leiten. Gerichte des Landes \u00fcbermitteln von sich aus dem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdie ihnen bekanntgewordenen personenschutz kann vorbehaltlich der in SS 11 bezogenen Daten und sonstigen Informagetroffenen Regelung von jeder \u00f6ffenttionen, wenn tats\u00e4chliche Anhaltspunkte lichen Stelle nach den Abs\u00e4tzen 1 und 2 daf\u00fcr bestehen, dass die Informationen verlangen, dass sie ihm die zur Erf\u00fcllung zur Wahrnehmung von Aufgaben nach seiner Aufgaben erforderlichen personenSS 3 Abs. 2 Nr. 2 oder zur Beobachtung bezogenen Daten und sonstigen Informavon Bestrebungen erforderlich sind, die tionen \u00fcbermittelt, wenn die Daten und durch Anwendung von Gewalt oder darInformationen nicht aus allgemein zuauf gerichtete Vorbereitungshandlungen g\u00e4nglichen Quellen oder nur mit unvergegen die in SS 3 Abs. 2 Nr. 1 und 3 h\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigem Aufwand oder nur durch genannten Schutzg\u00fcter gerichtet sind. eine den Betroffenen st\u00e4rker belastende Ma\u00dfnahme erhoben werden k\u00f6nnen. Das (2) Die Staatsanwaltschaften und, vorLandesamt f\u00fcr Verfassungsschutz braucht behaltlich der staatsanwaltschaftlichen Ersuchen nicht zu begr\u00fcnden, soweit dies Sachleitungsbefugnis, die Polizeidienstdem Schutz des Betroffenen dient oder stellen d\u00fcrfen dar\u00fcber hinaus von sich aus eine Begr\u00fcndung den Zweck der Ma\u00dfdem Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz nahme gef\u00e4hrden w\u00fcrde. Die Ersuchen auch alle anderen bekanntgewordenen sind aktenkundig zu machen. personenbezogenen Daten und sonstigen Informationen \u00fcber Bestrebungen nach (5) Das Landesamt f\u00fcr VerfassungsSS 3 Abs. 2 \u00fcbermitteln, wenn tats\u00e4chliche schutz darf Akten anderer \u00f6ffentlicher Anhaltspunkte daf\u00fcr bestehen, dass die Stellen und amtliche Register unter den \u00dcbermittlung f\u00fcr die Erf\u00fcllung der AufgaVoraussetzungen des Absatzes 4 und vor264","Anhang behaltlich der in SS 11 getroffenen RegeGesetzes zu Artikel 10 Grundgesetz lung einsehen, soweit dies genannten Straftaten plant, begeht oder begangen hat. Auf die dem Landesamt f\u00fcr 1. zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach Verfassungsschutz nach Satz 1 \u00fcbermittelSS 3 Abs. 2 Nr. 2 und 3, ten Unterlagen findet SS 7 Abs. 3 und 4 des 2. zur Beobachtung von BestrebunGesetzes zu Artikel 10 Grundgesetz entgen, die durch Anwendung von Gewalt sprechende Anwendung. oder darauf gerichtete Vorbereitungshandlungen gegen die in SS 3 Abs. 2 Nr. 1 SS 10 genannten Schutzg\u00fcter gerichtet sind, \u00dcbermittlung personenbezogener Daten 3. zur Erf\u00fcllung der Aufgaben nach durch das Landesamt f\u00fcr SS 3 Abs. 3 oder Verfassungsschutz 4. zum Schutz der Mitarbeiter und Quellen des Landesamtes f\u00fcr Verfassungs(1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz gegen Gefahren f\u00fcr Leib und schutz kann personenbezogene Daten an Leben Beh\u00f6rden und juristische Personen des \u00f6ffentlichen Rechts sowie an die Gerichte erforderlich ist und die sonstige \u00dcberdes Landes \u00fcbermitteln, wenn dies zur mittlung von Informationen aus den Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforderlich ist Akten oder den Registern den Zweck der oder der Empf\u00e4nger die Daten zum Ma\u00dfnahmen gef\u00e4hrden oder das Pers\u00f6nSchutz der freiheitlichen demokratischen lichkeitsrecht des Betroffenen unGrundordnung oder sonst f\u00fcr Zwecke der verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde. \u00f6ffentlichen Sicherheit ben\u00f6tigt. Der \u00dcber die Einsichtnahme nach Satz 1 hat Empf\u00e4nger darf die \u00fcbermittelten Daten, das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt einen Nachweis zu f\u00fchren, aus dem der ist, nur zu dem Zweck verwenden, zu Zweck und die Veranlassung, die ersuchte dem sie ihm \u00fcbermittelt wurden. Beh\u00f6rde und die Aktenfundstelle hervorgehen; die Nachweise sind gesondert auf(2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungszubewahren, gegen unberechtigten Zuschutz \u00fcbermittelt der Staatsanwaltschaft griff zu sichern und am Ende des Kalenund, vorbehaltlich der staatsanwaltschaftderjahres, das dem Jahr ihrer Erstellung lichen Sachleitungsbefugnis, den Polizeifolgt, zu vernichten. dienststellen des Landes von sich aus die ihm bekanntgewordenen personenbezo(6) Die \u00dcbermittlung personenbezogenen Daten, wenn tats\u00e4chliche Anhaltsgener Daten und sonstiger Informationen, punkte daf\u00fcr bestehen, dass die \u00dcberdie aufgrund einer Ma\u00dfnahme nach mittlung zur Verhinderung oder VerfolSS 100 a der Strafprozessordnung bekanntgung von Staatsschutzdelikten erforderlich geworden sind, ist nach den Vorschriften ist. Delikte nach Satz 1 sind die in SSSS 74 a der Abs\u00e4tze 1, 2 und 4 nur zul\u00e4ssig, wenn und 120 des Gerichtsverfassungsgesetzes tats\u00e4chliche Anhaltspunkte daf\u00fcr bestegenannten Straftaten sowie sonstige Strafhen, dass jemand eine der in SS 2 des taten, bei denen aufgrund ihrer Zielset265","zung, des Motivs des T\u00e4ters oder dessen machen. Der Empf\u00e4nger darf die \u00fcberVerbindung zu einer Organisation tats\u00e4chmittelten Daten nur zu dem Zweck verliche Anhaltspunkte daf\u00fcr vorliegen, dass wenden, zu dem sie ihm \u00fcbermittelt wursie gegen die in Artikel 73 Nr. 10 Buchst. den. Der Empf\u00e4nger ist auf die Verwen- b oder c des Grundgesetzes genannten dungsbeschr\u00e4nkung und darauf hinzuweiSchutzg\u00fcter gerichtet sind. sen, dass das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich vorbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsdie vorgenommene Verwendung der schutz kann personenbezogene Daten an Daten zu bitten. Dienststellen der Stationierungsstreitkr\u00e4fte im Rahmen von Artikel 3 des Zusatzab(5) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungskommens zu dem Abkommen zwischen schutz kann personenbezogene Daten an den Parteien des Nordatlantik-Vertrages \u00f6ffentliche Stellen au\u00dferhalb des Gel\u00fcber die Rechtsstellung ihrer Truppen hintungsbereichs des Grundgesetzes sowie sichtlich der in der Bundesrepublik an \u00fcberund zwischenstaatliche Stellen Deutschland stationierten ausl\u00e4ndischen \u00fcbermitteln, wenn die \u00dcbermittlung zur Streitkr\u00e4fte vom 3. August 1959 (BGBl. Erf\u00fcllung seiner Aufgaben oder zur Wah1961 II S. 1183) \u00fcbermitteln. Die \u00dcberrung erheblicher Sicherheitsinteressen mittlung ist aktenkundig zu machen. Der des Empf\u00e4ngers erforderlich ist. Die \u00dcberEmpf\u00e4nger ist darauf hinzuweisen, dass mittlung unterbleibt, wenn ausw\u00e4rtige die \u00fcbermittelten Daten nur zu dem Belange der Bundesrepublik DeutschZweck verwendet werden d\u00fcrfen, zu dem land, Belange der L\u00e4nder oder \u00fcberwiesie ihm \u00fcbermittelt wurden und das gende schutzw\u00fcrdige Interessen des Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich vorBetroffenen entgegenstehen. Die \u00dcberbeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgenommittlung ist aktenkundig zu machen. Der mene Verwendung der Daten zu bitten. Empf\u00e4nger ist darauf hinzuweisen, dass die \u00fcbermittelten Daten nur zu dem (4) Personenbezogene Daten d\u00fcrfen Zweck verwendet werden d\u00fcrfen, zu dem an andere als \u00f6ffentliche Stellen nicht sie ihm \u00fcbermittelt wurden und das \u00fcbermittelt werden, es sei denn, dass dies Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz sich vorzum Schutz der freiheitlichen demokratibeh\u00e4lt, um Auskunft \u00fcber die vorgenomschen Grundordnung, des Bestandes oder mene Verwendung der Daten zu bitten. der Sicherheit des Bundes oder eines Landes oder zur Abwehr sicherheitsgef\u00e4hrSS 11 dender oder geheimdienstlicher T\u00e4tigkei\u00dcbermittlungsverbote ten f\u00fcr eine fremde Macht erforderlich ist und der Innenminister oder sein st\u00e4ndiger (1) Die \u00dcbermittlung von InformatioVertreter die Zustimmung erteilt hat; die nen nach den SSSS 5, 9 und 10 unterbleibt, Zustimmung kann auch f\u00fcr eine Mehrzahl wenn gleichartiger F\u00e4lle vorweg erteilt werden. Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat 1. f\u00fcr die \u00fcbermittelnde Stelle erdie \u00dcbermittlung aktenkundig zu kennbar ist, dass unter Ber\u00fccksichtigung 266","Anhang der Art der Informationen und ihrer ErheSS 13 bung die schutzw\u00fcrdigen Interessen des Auskunft an den Betroffenen Betroffenen das Allgemeininteresse an der \u00dcbermittlung \u00fcberwiegen, (1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs2. \u00fcberwiegende Sicherheitsinteresschutz erteilt dem Betroffenen \u00fcber zu sen oder \u00fcberwiegende Belange der Strafseiner Person gespeicherte Daten auf verfolgung dies erfordern oder Antrag unentgeltlich Auskunft, soweit er 3. besondere gesetzliche \u00dcbermitthierzu auf einen konkreten Sachverhalt lungsregelungen entgegenstehen; die Verhinweist und ein besonderes Interesse an pflichtung zur Wahrung gesetzlicher einer Auskunft darlegt. Es ist nicht verGeheimhaltungspflichten oder von pflichtet, \u00fcber die Herkunft der Daten, Berufsoder besonderen Amtsgeheimnisdie Empf\u00e4nger von \u00dcbermittlungen und sen, die nicht auf gesetzlichen Vorschrifden Zweck der Speicherung Auskunft zu ten beruhen, bleibt unber\u00fchrt. erteilen. (2) Informationen \u00fcber Minderj\u00e4hrige (2) Die Auskunftserteilung untervor Vollendung des 16. Lebensjahres d\u00fcrbleibt, soweit fen nach den Vorschriften dieses Gesetzes nicht an ausl\u00e4ndische oder \u00fcberoder 1. eine Gef\u00e4hrdung der Aufgabenerzwischenstaatliche Stellen \u00fcbermittelt f\u00fcllung durch die Auskunftserteilung zu werden. besorgen ist, 2. durch die Auskunftserteilung SS 12 Quellen gef\u00e4hrdet sein k\u00f6nnen oder Unterrichtung der durch die Ausforschung des Erkenntnis\u00d6ffentlichkeit standes oder der Arbeitsweise des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz zu beDas Innenministerium und das Landesf\u00fcrchten ist, amt f\u00fcr Verfassungsschutz unterrichten 3. die Auskunft die \u00f6ffentliche Sicherdie \u00d6ffentlichkeit periodisch oder aus heit gef\u00e4hrden oder sonst dem Wohl des gegebenem Anlass im Einzelfall \u00fcber Bundes oder eines Landes Nachteile Bestrebungen und T\u00e4tigkeiten nach SS 3 bereiten w\u00fcrde oder Abs. 2. Dabei d\u00fcrfen auch personenbezo4. die Daten oder die Tatsache der gene Daten bekanntgegeben werden, Speicherung nach einer Rechtsvorschrift wenn die Bekanntgabe f\u00fcr das Verst\u00e4ndoder ihrem Wesen nach, insbesondere nis des Zusammenhangs oder der Darstelwegen der \u00fcberwiegenden berechtigten lung von Organisationen oder unorganiInteressen eines Dritten, geheimgehalten sierten Gruppierungen erforderlich ist werden m\u00fcssen. und die Informationsinteressen der AllgeDie Entscheidung trifft der Beh\u00f6rdenleimeinheit das schutzw\u00fcrdige Interesse des ter oder ein von ihm besonders beauftragBetroffenen \u00fcberwiegen. ter Mitarbeiter. 267","(3) Die Ablehnung der Auskunftserteiund nach festgesetzten Fristen, sp\u00e4teslung bedarf keiner Begr\u00fcndung, soweit tens nach f\u00fcnf Jahren, ob in Dateien dadurch der Zweck der Auskunftsverweigespeicherte personenbezogene Daten zu gerung gef\u00e4hrdet w\u00fcrde. Die Gr\u00fcnde der berichtigen oder zu l\u00f6schen sind. GespeiAuskunftsverweigerung sind aktenkundig cherte personenbezogene Daten \u00fcber zu machen. Wird die Auskunftserteilung Bestrebungen nach SS 3 Abs. 2 Nr. 1 oder abgelehnt, ist der Betroffene auf die 3 sind sp\u00e4testens 10 Jahre nach dem ZeitRechtsgrundlage f\u00fcr das Fehlen der Bepunkt der letzten gespeicherten relevangr\u00fcndung und darauf hinzuweisen, dass er ten Information zu l\u00f6schen, es sei denn, sich an den Landesbeauftragten f\u00fcr den der Beh\u00f6rdenleiter oder sein Vertreter Datenschutz wenden kann. stellt im Einzelfall fest, dass die weitere Speicherung zur Aufgabenerf\u00fcllung oder SS 14 aus dem in Absatz 2 Satz 2 genannten Berichtigung, L\u00f6schung und Sperrung Grunde erforderlich ist. personenbezogener Daten (4) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs(1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz hat die in Akten gespeicherten schutz hat die in Akten oder Dateien personenbezogenen Daten zu sperren, gespeicherten personenbezogenen Daten wenn es im Einzelfall feststellt, dass die zu berichtigen, wenn sie unrichtig sind; in Speicherung unzul\u00e4ssig war. Dasselbe gilt, Akten ist dies zu vermerken. Wird die wenn es im Einzelfall feststellt, dass ohne Richtigkeit der Daten von dem Betroffedie Sperrung schutzw\u00fcrdige Interessen nen bestritten, so ist dies in der Akte zu des Betroffenen beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden vermerken oder auf sonstige Weise festzuund die Daten f\u00fcr seine k\u00fcnftige Aufgahalten. benerf\u00fcllung voraussichtlich nicht mehr erforderlich sind. Gesperrte Daten sind (2) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsmit einem entsprechenden Vermerk zu schutz hat die in Dateien gespeicherten versehen; sie d\u00fcrfen nicht mehr genutzt personenbezogenen Daten zu l\u00f6schen, oder \u00fcbermittelt werden. Die Sperrung wenn ihre Speicherung unzul\u00e4ssig war kann wieder aufgehoben werden, wenn oder ihre Kenntnis f\u00fcr die Aufgabenerf\u00fclihre Voraussetzungen nachtr\u00e4glich entfallung nicht mehr erforderlich ist. Die len sind. Akten, in denen personenbezoL\u00f6schung unterbleibt, wenn Grund zu gene Daten gespeichert sind, sind zu verder Annahme besteht, dass durch sie nichten, wenn die gesamte Akte zur Aufschutzw\u00fcrdige Belange des Betroffenen gabenerf\u00fcllung nicht mehr ben\u00f6tigt wird. beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden. In diesem Fall sind die Daten zu sperren. Sie d\u00fcrfen nur SS 15 noch mit Einwilligung des Betroffenen Besondere Pflichten des Landesamtes \u00fcbermittelt werden. f\u00fcr Verfassungsschutz (3) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungs(1) Das Landesamt f\u00fcr Verfassungsschutz pr\u00fcft bei der Einzelfallbearbeitung schutz pr\u00fcft unverz\u00fcglich, ob die ihm 268","Anhang nach den Vorschriften dieses Gesetzes im Zusammenhang mit der Berichterstat\u00fcbermittelten personenbezogenen Daten tung \u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsf\u00fcr die Erf\u00fcllung seiner Aufgaben erforschutzes im St\u00e4ndigen Ausschuss bederlich sind. Ergibt die Pr\u00fcfung, dass sie kanntgeworden sind. Dies gilt auch f\u00fcr nicht erforderlich sind, hat es die Unterladie Zeit nach ihrem Ausscheiden aus dem gen zu vernichten. Die Vernichtung kann St\u00e4ndigen Ausschuss oder aus dem Landunterbleiben, wenn die Trennung von tag. anderen Informationen, die zur Erf\u00fcllung der Aufgaben erforderlich sind, nicht oder (4) Die Unterrichtung umfasst nicht nur mit unvertretbarem Aufwand m\u00f6glich Angelegenheiten, \u00fcber die das Innenmiist; in diesem Fall sind die Daten zu spernisterium das Gremium nach Artikel 10 ren. des Grundgesetzes zu unterrichten hat. (2) Erweisen sich personenbezogene SS 17 Daten, nachdem sie durch das Landesamt Einschr\u00e4nkung von f\u00fcr Verfassungsschutz \u00fcbermittelt worden Grundrechten sind, als unvollst\u00e4ndig oder unrichtig, sind sie unverz\u00fcglich gegen\u00fcber dem Empf\u00e4nAufgrund dieses Gesetzes kann das ger zu berichtigen oder zu erg\u00e4nzen, es sei Grundrecht auf Unverletzlichkeit der denn, dass dies f\u00fcr die Beurteilung eines Wohnung (Artikel 13 des Grundgesetzes) Sachverhalts ohne Bedeutung ist. eingeschr\u00e4nkt werden. SS 16 SS 18 Parlamentarische Kontrolle Erlass von Verwaltungsvorschriften (1) Das Innenministerium unterrichtet Das Innenministerium kann zur Ausf\u00fchden St\u00e4ndigen Ausschuss des Landtags rung des Gesetzes allgemeine Verwal\u00fcber die T\u00e4tigkeit des Verfassungsschuttungsvorschriften erlassen. zes halbj\u00e4hrlich sowie auf Verlangen des Ausschusses und aus besonderem Anlass. SS 19 Inkrafttreten (2) Art und Umfang der Unterrichtung des St\u00e4ndigen Ausschusses werden unter Dieses Gesetz tritt am 1. Januar 1992 in Beachtung des notwendigen Schutzes des Kraft. Gleichzeitig tritt das Gesetz \u00fcber Nachrichtenzuganges durch die politische den Verfassungsschutz in Baden-W\u00fcrtVerantwortung der Landesregierung betemberg (Landesverfassungsschutzgesetz - stimmt. LVSG) vom 17. Oktober 1978 (GBl. S. 553) au\u00dfer Kraft. (3) Die Mitglieder des St\u00e4ndigen Ausschusses sind zur Geheimhaltung der Angelegenheiten verpflichtet, die ihnen 269","Gruppen-, Organisationsund Sachregister Bezeichnung Seite/n 11. September 2001 31, 71 18.3. Tag der politischen Gefangenen 204 Act of Violence 125ff. Adil D\u00fczen 55f., 66f. Advance! 220 AG Antifa 188 Akinci (St\u00fcrmer) 77 Aktionsb\u00fcndnis Rhein-Neckar 136, 168 Aktionsb\u00fcro Rhein-Neckar 136, 175 Al-Aqsa e.V 40f. Albanische Nationalarmee (AKSH) 106 Al-Djamaa al-Islamiya (Islamische Gruppe) 42 Al-Djihad al-Islamiy (Islamischer Djihad) 43 Al-Manar 50f. Al-Mudjamma al-islami (Islamischer Zusammenschluss) 39 AL-Muhajiroun 26 Al-Muqawama al-Islamiya (Islamischer Widerstand) 50 Al-Qaida 18, 21f., 24ff., 28, 43, 78 Al-Qassam-Brigaden 40 Al-Quds-Tag 51 Al-Wai 45 All India Sikh Student Federation (AISSF) 108 Amal 50 Anadolu'da Vakit 60f., 65, 70 Anatolische F\u00f6deration e.V. 88f. An-Nahda (Bewegung der Erneuerung) 42 Ansar al-Islam 20ff., 42 Ansar as-Sunna 20, 25 anti atom aktuell 207 Antiamerikanismus 51, 71, 85, 118, 126, 135, 156f., 173, 183, 211, 213 antideutsch-kommunistische Koordination Baden-W\u00fcrttemberg (ADKK) 218 antifa. Magazin f\u00fcr antifaschistische Politik und Kultur 197 Antifa Freiburg 187 Antifa Nachrichten 197, 199f. Antifaschismus 184, 187ff., 191, 197ff., 217ff. Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm 216f. 270","Anhang Antifaschistische Initiative Heidelberg (AIHD) 216 antifaschistische nachrichten 200 Antifa Ulm 187 Antiglobalisierungsbewegung 182 Antisemitismus 38, 51, 64, 69, 118, 126, 135, 161, 184, 187, 233 Antizionismus 64, 66, 126, 218 Applied Scholastics (ApS) 222, 226 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) Aryan Rebells 125f. Atilim Avrupa 93f. At-Tauhid wa'l-Djihad 22, 26 Auditing 225, 231f. Autonome 184, 187, 208, 214ff. Autonome Zentren 184, 187, 214ff. Babbar Khalsa International (BK) 108f. Barika-i Hakikat (Das Aufleuchten der Wahrheit) 73ff. Barking Dogs 125 Befreiungsarmee Kosovos (UCK) 105 Befreiungseinheiten Kurdistans (HRK) 95 Beklenen ASR-I SAADET 73f. Bewaffnete Einheiten der Armen und Unterdr\u00fcckten (FESK) 93 Bewegung der freien Jugend Kurdistans (TECAK) 103 Bewegung des Islamischen Widerstands siehe HAMAS Bewegung Deutsche Volksgemeinschaft (BDVG) 132, 134ff., 171f., 187, 198, 217 Bildungswerk Deutsche Volksgemeinschaft 134 Blood & Honour-Bewegung 123, 176 Blue Max 128, 179 break-out 216 Brutal Attack 125 Bunte Liste 194 Castle Hill Publishers 160 Central Org 226f. Class V Org 224f. Church of Scientology International (CSI) 220 Das Freie Forum 158 Demokratische Front f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (DFLP) 49f. 271","Demokratische Liga Kosovos (LDK) 104 Demokratische Partei Kurdistans (KDP) 29 Der Kalifatsstaat (Hilafet Devleti) 13, 73ff. DER REPUBLIKANER 146 Der Schulungsbrief 135 Des Pardes 110 Deutsche Akademie (DA) 160f. Deutsche Kommunistische Partei (DKP) 184f., 194ff., 207f., 211ff., 218 Deutsche Liga f\u00fcr Volk und Heimat (DLVH) 150, 154 Deutsche Partei - Die Freiheitlichen (DP) 115f., 143, 153ff. Deutsche Stimme (DS) 129, 138, 140f., 145, 162, 166ff., 180 Deutsche Studiengemeinschaft (DSG) 161 Deutsche Volksunion (DVU) 114ff., 142ff., 149f., 151f., 155, 176 Deutscher Buchkreis 156 Deutsches Kolleg (DK) 160f. Deutschland in Geschichte und Gegenwart 157, 165f. Deutschland-Post 153f. Devrimci Sol (Dev Sol-Revolution\u00e4re Linke) 83f. DEVRIMCI SOL 84, 88 Dianetik-Fachgruppen 226 Dianetik Zentrum 226 Dianetik-Post 220 Die Gesellschaft der Sunna und des Buches 21 Die Republikaner (REP) 115f., 129, 143, 146ff., 154f. Die Rote Hilfe 203ff. Disput 190 Division Staufen 128 Djihad 22f., 24ff., 55, 66 Djihadismus 25 Djihadisten 19, 23 Ehrenamtliche Geistliche 229 Ekmek ve Adalet 84, 88 Euro-Kurier-Aktuelle Buchund Verlags-Nachrichten 157 Europ\u00e4ische Moscheebauund Unterst\u00fctzungsgemeinschaft e.V. (EMUG) 54 Europ\u00e4isches Sozialforum 182 Ex-Steffi 215 Exxtrem 128 Federalnaja Slushba Besopasnosti (FSB, F\u00f6rderaler Sicherheitsdienst) 243 272","Anhang Federalnoje Agenstwo Prawitelstvennoj Swjasi i Informazij (FAPSI, F\u00f6derale Agentur f\u00fcr Regierungsfernmeldewesen und Information) 243 Federation of Islamic Organisations in Europe (FIOE) 34 Feldauditorengruppen 225, 234 Flag 233 F\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (ATIF) 91, 93f. F\u00f6deration der Arbeiterimmigranten aus der T\u00fcrkei in Deutschland e.V. (AGIF) 92ff. F\u00f6deration der T\u00fcrkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa e.V. (AD\u00dcTDF) 81ff. F\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Deutschland e.V. (ADHF) 91, 94 F\u00f6deration kurdischer Vereine in Deutschland (YEK-KOM) 102 Free Mind 220 Freiheit 220, 235 Freiheit durch Wahrheit 171 Freiheitliche Initiative Heilbronn 115 Freiheitsund Demokratiekongress Kurdistans (KADEK) siehe Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) Freundeskreis Ein Herz f\u00fcr Deutschland, Pforzheim e.V. (FHD) 158 Freundeskreis \"Ein Herz f\u00fcr Deutschland\", Stuttgart (HfD) 158 Freundeskreis Unabh\u00e4ngige Nachrichten e.V. 162 Frontal 88 126 Front der K\u00e4mpfer f\u00fcr den Islamischen Gro\u00dfen Osten (IBDA-C) 77f. Front f\u00fcr die Albanische Nationale Vereinigung (FBKSH) 106f. Front Islamique du Salut (FIS) 33, 41f. Furchtlos und Treu (F+T) 123f. Gesellschaft f\u00fcr Freie Publizistik (GFP) 157f. GRABERT-Verlag 156f., 165 Graue W\u00f6lfe 82 Groupe Islamique Arme (GIA) 33, 41, 42 Groupe salafiste pour la Predication et le Combat (GSPC) 33, 41, 42 Gruppen des libanesischen Widerstands siehe Amal Gurdwaras 109 Halk Icin Devrimci Demokrasi 90 Hammerskins 123f. Harakat Al-Muqawama Al-Islamiya siehe HAMAS HAMAS (Bewegung des islamischen Widerstands) 32f., 35, 39ff. Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg 213 Hilafet 45 Hilfsorganisation f\u00fcr nationale politische Gefangene und deren Angeh\u00f6rige e.V. (HNG) 133f. 273","Hizb Allah (Partei Gottes) 35, 50ff. Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung) 43ff. Hohenrain-Verlag 156f. Impact 220 Infoladen Ludwigsburg 187 Informationsdienst der Deutschen Studiengemeinschaft 161 Initiative \"F\u00fcr Volksgemeinschaft & Sozialstaat\" 167 Insitut des Sciences Humaines 59 Institut f\u00fcr deutsche Nachkriegsgeschichte 157 International Association of Scientologists (IAS) 229 International Scientology News 220, 222, 227, 229 International Sikh Youth Federation (ISYF) 108f. Internationale Kamagatamaru Partei 108 Islamische Armee der Errettung (AIS) 33 Islamische Bewegung im Irakischen Kurdistan (IMIK) 20 Islamische Bewaffnete Gruppe siehe Groupe Islamique Arme (GIA) Islamische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (IGD) 34ff. Islamische Gemeinschaft Milli G\u00f6r\u00fcs e.V. (IGMG) 34 Islamische Heilsfront (FIS) siehe Front Islamique du Salut (FIS) Islamisches Informationszentrum Ulm e.V. 16 Islamisches Zentrum M\u00fcnchen (IZM) 32 Islamische Zentren 34 IslamOnline 38 Islamrat f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland 54 Izz ad-Din al-Qassam-Brigaden 33 Jagdstaffel 128 Junge Deutsche (JD) 134 Junge Freiheit (JF) 139f., 162 Junge Landsmannschaft Ostpreu\u00dfen 129 Junge Nationaldemokraten (JN) 115, 132, 138f., 170f. junge Welt 193, 204, 210, 215 Jungle World 218 Kalifatsstaat siehe Der Kalifatsstaat Kamagata Maru Dal International (KMDI) 108 Kameradschaften 123, 130, 179 Kameradschaft Kaiserstuhl-Tuniberg 123 Kameradschaft Karlsruhe 136f., 161, 174 Kameradschaft Rastatt 125 Kameradschaft Neu-Ulm 216 274","Anhang Kasseler Friedensratschlag 213 Khalistan 109 Komitet Gosudarstwennoj Besopasnosti (KGB) 243 Kommission f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe der Psychiatrie gegen Menschenrechte (KVPM) 225f., 235 Kommunal-Info Mannheim 198 Kommunale Berichte Stuttgart 194 Kommunistische Plattform (KPF) 185 Konf\u00f6deration der Arbeiter aus der T\u00fcrkei in Europa (ATIK) 91 Konf\u00f6deration f\u00fcr demokratische Rechte in Europa (ADHK) 91 Koordination der kurdischen demokratischen Gesellschaft in Europa (CDK) 96 Kraftschlag 145 Krisenl\u00e4nder 236, 238ff. Kultur Vereinigung der Tamilen e.V. 112 Kulturtreff in Selbstverwaltung (KTS) 187, 215f. Kurdische Demokratische Volksunion (YDK) 95, 99 Landser 125, 142 Lernen und K\u00e4mpfen (LuK) 201 Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) 110ff. Linke Liste Mannheim 194 Linke Liste/Solidarische Stadt (LiSST) 194f., 205 Linksruck 186, 205f., 208 Maoistische Kommunistische Partei (MKP) 90 Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei (MLKP) 92ff. Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) 185, 201ff., 206, 208ff., 212 Media-Service 156 mehr wissen besser leben 233 Milli Gazete 54, 59, 61f., 64f., 68, 70 Milli G\u00f6r\u00fcs 54ff. Milli G\u00f6r\u00fcs & Perspektive 54, 67 Milli Selamet Partisi (MSP, Nationale Heilspartei) 77 Modjahedin-e Khalq Organisation (People's Mojahidin of Iran, PMOI) siehe Volksmodjahedin Muaskar al-Battar 23 Mudjahidin 20 MuslimCity 38 Muslimbruderschaft (MB) 31ff., 41ff., 59, 71 275","Muslim Iranian Student's Society 78 Nachrichten der HNG 133, 134 Narconon 220, 230 National Council of Resistence (NCR) 78 National Liberation Army of Iran (NLA) 78ff. Nationaldemokratische Liga der Albanischen Treue (B.K.D.SH.) 106 Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) 114ff. 129, 132, 138ff., 149f., 152, 154ff., 162, 168, 170, 176, 180f., 189, 191, 216 Nationale Befreiungsarmee (UCK) 105 Nationale Befreiungsfront Kurdistans (ERNK) 95 Nationale Info-Telefone 130, 136f., 161, 174 Nationaler Widerstand Sozialistische Zelle 180 Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) 78ff. Nationales B\u00fcndnis Dresden 114f., 150 Nationales B\u00fcndnis Heilbronn 114f. NATION & EUROPA 162 National-Zeitung/Deutsche Wochen-Zeitung (NZ) 150, 151f. Neonazis 116f., 120, 128, 131ff., 141f., 156, 158, 170, 174, 179, 218 Netzwerk gegen Rechts 206 Neue Impulse 233 Noie Werte 128, 179 OBW 9 214 ODEM 126 Office of Special Affairs (OSA) 223ff., 228 \u00d6zg\u00fcr Politika 91, 94, 97ff. Organisation der Volksmodjahedin Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin OSA International 224 Ostanatolisches Gebietskomitee (DABK) siehe Maoistische Kommunistische Partei (MKP) Pal\u00e4stinensischer Islamischer Djihad 35 Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) 82 Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) 184f., 190ff., 203, 206, 212 Partei freier Frauen (PJA) 101 Partizan 89ff. Patriotische Union Kurdistans (PUK) 29 Patriotisch-Demokratische Partei (PWD) 96, 103 276","Anhang PDS Landesinfo Baden-W\u00fcrttemberg 190 PDS-Pressedienst 190 People's Mojahidin of Iran (PMOI) siehe Volksmodjahedin Position. Magazin der SDAJ 210 Professionelles Lerncenter 226 Projekt Schulhof 114, 176ff. Proliferation 239ff. Prosperity 220 Race War 128 Radikahl 145 REBELL 201 red action 189 Refah Partisi (RP, Wohlfahrtspartei) 60 Reformdebatte 91, 94, 115, 144, 152, 163ff., 182f., 191ff., 202f., 205, 206ff., 211, 218 Regionales Antifaschistisches Aktionsb\u00fcndnis Heilbronn/ Schw\u00e4bisch Hall (RAA-HN-SHA) 187 Religious Technology Center (RTC) 220 Republikaner siehe Die Republikaner Resistanbul Komitee Ulm 94 Revisionismus 68, 118, 147, 152, 156, 159f., 161f., 166, 191 Revolution\u00e4re Aktion Stuttgart (RAS) 188f., 207ff. Revolution\u00e4re Volksbefreiungsfront (DHKC) 85f. Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei (DHKP) 85 Revolution\u00e4re Volksbefreiungspartei-front (DHKP-C) 83ff. Revolution\u00e4r-Sozialistischer Bund (RSB) 208 Ribashkimi i Shqiperise (Albanische Wiedervereinigung) 107 Rote Fahne (RF) 201ff., 211f. Rote Fahne News 202 Rote Hilfe e.V. (RH) 203ff. Rudolf-He\u00df-Gedenkmarsch 123, 130, 131ff., 159 Saadet-Partisi (SP, Partei der Gl\u00fcckseligkeit) 59, 61 Saga 124f. Salafismus 17f. Salafitische Gruppe f\u00fcr Predigt und Kampf siehe GSPC Saut al-Djihad 26 Scharia 43, 60, 73 Schriftenreihe der Deutschen Studiengemeinschaft 161 Scientology-Gemeinde 225 277","Scientology Kirche Deutschland (SKD) 221 Scientology-Organisation (SO) 220ff. Sea Organization (Sea Org) 228 Serxwebun 94 Skinheads 116f., 120ff., 130, 132, 137, 142, 158, 176f., 179 Skrewdriver 176 Sleipnir 145 Slushba Bezapasnost Ukrainy (SBU) 244 Slushba Wneschnej Raswedkij (SWR) 243 Slushba Wneschnej Raswedki Ukrainy (SWRU) 244 Solidarit\u00e4tskomitee gegen das Berufsverbot 205 Solidarit\u00e4tsverein mit den politischen Gefangenen und deren Familien in der T\u00fcrkei (TAYAD) 87 Sozialistische Alternative Voran (SAV) 206, 208, 210f. Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend 197 Sozialistische Zeitung 193 Spreegeschwader 125 Stiftung Wissenschaft und Forschung (Bilim Arastirma Vakfi) 68 Stromschlag 128 Tabligh-i Jama'at (Gemeinschaft f\u00fcr Verk\u00fcndung und Mission) 47ff. Tamil New Tigers (TNT) 110 Tamilischer Kulturkreis e.V. 113 TAYAD-Komitee e.V. 84, 89 The Auditor 220 The Revisionist 160 Theses & Dissertations Press 160 Tobsucht 126, 128 Todesfastenswiderstand 87 Tohum Kultur Verein Stuttgart 93 Trotzkistische Gruppierungen 205f. T\u00fcbinger Linke/PDS (T\u00fcL/PDS) 194f. T\u00fcrk Federasyon B\u00fclteni 81 T\u00fcrkische Arbeiterund Bauernbefreiungsarmee (TIKKO) 90 T\u00fcrkische F\u00f6deration Deutschland (ATF) 81ff. T\u00fcrkische Kommunistische Arbeiterbewegung (TKIH) 92 T\u00fcrkische Kommunistische Partei/Marxisten-Leninisten (TKP/ML) 89ff., 92 T\u00fcrkische Volksbefreiungspartei/-front - Revolution\u00e4re Linke (THKP/-C) 83ff. Ultima Ratio 128 Unabh\u00e4ngige Nachrichten 162, 169 Unsere Zeit (UZ) 194, 195f., 200, 207, 211, 219 278","Anhang Verband der islamischen Vereine und Gemeinden e.V. (ICCB) siehe Der Kalifatsstaat Vereinigung der neuen Weltsicht in Europa e.V. (AMGT) 54 Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) 185, 197ff. Versandbuchhandlung GRABERT 156 Vierteljahreshefte f\u00fcr freie Geschichtsforschung (Vffg) 160 Volk in Bewegung 135, 173 Volk in Bewegung - Verlag und Medien oHG 135 Volksbefreiungsarmee (HKO) 90 Volksbefreiungsarmee Kurdistans (ARGK) 95 Volksbewegung von Kosovo (LPK) 105 Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas (PFLP) 49f. Volkskongress Kurdistans (KONGRA-GEL) 94ff. Volksmodjahedin 78ff. Volksverteidigungskr\u00e4fte (HPG) 95, 100 Wahhabismus 47f. White Anger 126 Widerstand Schwaben 123 WISE Charter Committee (WCC) 226, 233 World Institute of Scientology Enterprises (WISE) 226, 233f. Yeni Demokrasi Yolunda Isci K\u00f6yl\u00fc 90 Youngland 145 Zeit f\u00fcr Protest 146f. Zentralrat der Muslime in Baden-W\u00fcrttemberg 34 Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) 17, 34 279","Personenverzeichnis Name Seite/n Abd al-Kafi, Omar, Dr. 34f. Ahmad, Nadjm ad-Din Faradj (alias Krekar, Mullah) 20f. Akif, Mahdi 32 Al Attar, Issam 34ff. Al-Banna, Hassan 31, 34, 42 Al-Hudaibi, Ma'mun 32 Al-Maududi, Abu'l Ala 42, 71 Al-Muqrin, Abdul Aziz 22f. Al-Qaradawi, Yusuf 38 Al-Rantissi, Abd al-Asis 32, 40 Al-Wahhab, Ibn Abd 47 Al-Zawahiri, Ayman, Dr. 24, 43 An-Nabhani, Taqi ad-Din 43 Asch-Schami, Abu Anas 21f. Aydar, Z\u00fcbeyir 94, 98, 100, 102f. Ayiri, Yusuf 25 Azzam, Abdullah 25 Az-Zarqawi, Abu Musab 19, 21, 23, 26 Beghal, Djamel 49 Beqiri, Idajet 107 Bhindranwale, Jarmail Singh 110 Bin Ladin, Usama 24f., 43 Bisky, Lothar 190 Bulac, Ali 60 Deuschle, Ulrich 146, 150 Donaldson, Ian Stuart 176 Elyas, Nadeem 34 Erbakan, Necmettin, Prof. Dr. 55f., 60ff., 64, 66, 69, 77 Erdis, Izzet (alias Mirzabeyoglu, Salih) 77 Eygi, Mehmet Sevket 64, 72 Ersoy, Arif, Prof. Dr. 63 Frey, Gerhard, Dr. 145, 151 280","Anhang Ganioglu, Sami 54, 70 Garaudy, Roger 76 Ghannoushi, Rashid 42 Grabert, Herbert, Dr. 156 Grabert, Wigbert 156f. H\u00e4rle, Siegfried 138 Haese, Reinhard 150 Heise, Thorsten 141f. He\u00df, Rudolf 131f. Hofman, Murad 17, 34, 36f. Hubbard, Lafayette Ronald 220ff., 225, 228ff., 235 Ilyas, Maulana Muhammad 47f. Isik, Yusuf, Dr. 65 K\u00e4ppler, Lars 134ff., 167, 171ff. Kaplan, Cemaleddin 73f. Kaplan, Metin 73f., 76 Kappel, Heiner, Dr. 153ff. Karatas, Dursun 84f. Kaufmann, Sylvia-Yvonne 212 Kavakci, Merve 60 Karuna siehe Muralitharan Kaypakkaya, Ibrahim 90f. Kebir, Rabah 42 Khaled, Amr 34ff. Kisay\u00fcrek, Necip Fazil 77 Kiziltas, Ekrem 70 Koc, Hasan 69 Kosiek, Rolf, Dr. 157 Krekar, Mullah siehe Ahmad, Nadjm ad-Din Faradj Krishnakumar, Sathasivam (alias Kittu) 112 Lorenz, Kerstin 150 Lunikoff siehe Regener, Michael Mahler, Horst 160, 216 Mashal, Khaled 35, 39 Mayer, Winfried 151 Meenen, Uwe 160 281","Mirzabeyoglu, Salih siehe Erdis, Izzet Miscavige, David 220 Moussaoui, Zacarias 49 M\u00fcller, Ursula 133 Muralitharan, Vinayagamoorthy (alias Colonel Karuna) 111 Nasrallah, Hassan 35, 51 Neidlein, Alexander 139 Noyan, M\u00fcnib Engin 70f. Oberlercher, Reinhold, Dr. 160 \u00d6calan, Abdullah 94f., 97, 101ff. \u00d6calan, Osman 96f., 101ff. \u00d6zcan, Mevl\u00fct 67 \u00d6zt\u00fcrk, Erol 54, 70 Oktar, Adnan (alias Yahya, Harun) 67ff. P\u00e4tzold, Ulrich 150 Prabhakaran, Vellupillai 113 Pfennig, Werner 198 Patruschew, Nikolai 243 Qutada, Abu 21 Qutb, Sayyid 42, 71 Radjavi, Maryam 79 Radjavi, Masud 79f. Regener, Michael (alias Lunikoff) 125, 142 Reid, Richard 49 Rennicke, Frank 129, 145, 158 Retz, Jutta 150, 154 Rudolf, Germar 159f. Schaal, Karl-August 150 Shalah, Ramadan Abdallah, Dr. 35 Schlierer, Rolf, Dr. 146f., 149, 155 Sch\u00f6nhuber, Franz 150 Sch\u00fctzinger, J\u00fcrgen 150 Schwab, J\u00fcrgen 137, 140, 161 Smyrek, Steven 53 Sofu, Ibrahim, Dr. 76 Stehr, Heinz 184 282","Anhang Tegethoff, Ralph 141 T\u00fcrkes, Alparslan 82 \u00dcc\u00fcnc\u00fc, Oguz 34, 63, 66f. Voigt, Udo 132, 138ff., 145, 168 von Denffer, Ahmad 34 Wolf, Winfried 193 Worch, Christian 134 Wulff, Thomas 141 Yagan, Bedri 84 Yahya, Harun siehe Oktar, Adnan Yassin, Ahmad 24, 32, 39f. Yeneroglu, Mustafa 63, 66, 69 283","284","Notizen 285","286","Notizen 287","VERTEILERHINWEIS Diese Informationsschrift wird von der Landesr Rahmen ihrer verfassungsrechtlichen V lichkeit herausgegeben. Sie darf weder v Helfern w\u00e4hrend eines Wahlkampfs zum Zw den. Dies gilt f\u00fcr alle Wahlen. Missbr\u00e4uchlich sind insbesondere die V Informationsst\u00e4nden der Parteien sowie das Einlegen, A parteipolitischer Informationen oder W Untersagt ist auch die Weitergabe an Dritte zum Zw Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer W verwendet werden, dass dies als Parteinahme der Herausgeberin zu politischer Gruppen verstanden werden k\u00f6nnte. Diese Besc h\u00e4ngig vom Vertriebsweg, also unabh\u00e4ngig da Anzahl diese Informationsschrift dem Empf\u00e4nger zugegangen is Erlaubt ist jedoch den Parteien, die Informationssc glieder zu verwenden.","der Landesregierung Baden-W\u00fcrttemberg im Verpflichtung zur Unterrichtung der \u00d6ffentvon Parteien noch von deren Kandidaten oder um Zwecke der Wahlwerbung verwendet wer- e Verteilung auf Wahlveranstaltungen und an wie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben Werbemittel. Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Wahl darf die vorliegende Druckschrift nicht so nahme der Herausgeberin zugunsten einzelner en k\u00f6nnte. Diese Beschr\u00e4nkungen gelten unabngig davon, auf welchem Wege und in welcher Empf\u00e4nger zugegangen ist. nformationsschrift zur Unterrichtung ihrer Mit-"],"title":"Verfassungsschutzbericht 2004","year":2004}
